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Ein Colt und tausend Feinde

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Colt und tausend Feinde

Copyright

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Ein Colt und tausend Feinde

Western von Luke Sinclair

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Der Saloon ist leer bis auf den Fremden, der allein an einem der Tische sitzt und eine kalte Atmosphäre von Tod verbreitet, die man fast körperlich spüren kann. Für Clay Shannon besteht kein Zweifel, dass es der Mann ist, dessen Gesicht er auf dem Steckbrief an der Wand des Sheriff’s Office gesehen hat. Und Clay Shannon ist entschlossen, sich selbst und allen anderen etwas zu beweisen. Als er auf den Saloon zuschreitet, ahnt er nicht, dass er diesen Tag noch bitter bereuen wird, denn auf ihn wartet das triste Dasein eines Außenseiters, dessen einziger Freund der Colt ist ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

„Lynton Gregg?“, fragte Shannon.

Der Fremde taxierte ihn abschätzend mit jener Art spöttischer Gleichgültigkeit, wie Männer sie haben, die es gewöhnt sind, zu siegen.

„Red nicht lange herum!“, sagte er barsch. „Wenn du das Geld willst, dann musst du’s versuchen, so wie die anderen vor dir.“

Greggs Hände waren unter dem Tisch und hielten möglicherweise schon den Revolver auf Shannon gerichtet. Dieser spürte sein Herz heftiger klopfen, als er sich der Gefahr bewusst wurde. Aber es war zu spät, um umzukehren. Er sprang zur Seite, während er den Revolver herausriss und gleichzeitig den Hahn spannte. Lynton Gregg bewegte sich nicht. Nur seine Waffe donnerte unter dem Tisch hervor. Shannon hörte die Kugel irgendwo einschlagen und drückte ab. Er sah Gregg zur Seite stolpern und dabei den Stuhl umwerfen, und Shannon sprang in die Deckung der Theke.

Wieder krachte ein Schuss, und über ihm splitterte Glas. Whisky tropfte ihm auf den Rücken, während er auf dem Fußboden entlang kroch. Unter der Theke entdeckte er eine abgesägte Schrotflinte, die schon recht lange dort hängen musste, denn Spinnweben hingen von ihr herunter. Er griff danach und überzeugte sich, dass sie geladen war. Dann kroch er lautlos bis zum Ende der Bar, schob die Mündung der Flinte vorsichtig um die Ecke und feuerte blindlings beide Ladungen in den Raum hinein. Er hörte Lynton Gregg fluchen und dann hastige Schritte. Die Bar wackelte unter einem schweren Anprall, und Gläser fielen herunter. Gregg hatte sich mit einem Anlauf auf die Theke gehechtet und schoss von oben herunter. Clay, der sofort nach den beiden Schüssen mit der Schrotflinte diese losgelassen hatte, warf sich auf den Rücken. Greggs Kugel riss ihm in dem Moment das Ohr auf, als er selbst durchzog.

Gregg stöhnte heiser und griff sich mit der Rechten an die linke Brustseite. Blut quoll durch seine Finger, und der Revolver entfiel seiner Hand, die kraftlos über den Rand der Theke hing. Sein Gesicht, von Wut und Schmerz verzerrt, sank langsam auf das glattgescheuerte Holz. Clay starrte einen Moment auf Greggs Revolver, der neben ihm lag. Dann stieß er die Waffe mit dem Fuß beiseite und stand auf, die eigene Waffe noch immer auf den Gegner gerichtet. Dessen Anblick widerte ihn an, aber es war vorbei.

„Tu’s nicht, Clay!“ Kathys Worte hallten plötzlich in seiner Erinnerung nach. „Es wird uns kein Glück bringen.“

Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass sie recht haben könnte. Aber auch dafür war es nun zu spät.

Sie waren gerade von Doc Wylie gekommen und wollten nach Hause zurückfahren, als jener Fremde in die Stadt gekommen war. Kathys Schwangerschaft verlief normal. Und erst jetzt, als alles vorbei war, wurde Clay Shannon bewusst, was er auf’s Spiel gesetzt hatte.

„Ich möchte nicht mein Leben lang für deinen Vater den Cowboy spielen“, hatte er verbittert geantwortet und dabei an die fünfhundert Dollar gedacht, die auf dem Steckbrief standen. Da gab es ein Stück Land am Cow Creek, auf dem er gern ein Haus gebaut und Rinder gezüchtet hätte. Kathys Vater könnte ihnen das Geld dazu geben. Aber Clay würde damit in Lee Andrews’ Augen noch weiter sinken. Lee Andrews respektierte die Entscheidung seiner Tochter, aber er schätzte nur Männer, die aus eigener Kraft zu etwas kamen. Und er, Clay, gehörte bis jetzt nicht zu dieser Sorte.

„Clay“, hatte Kathy gesagt, „unserem Kind wird es an nichts mangeln, wenn es zur Welt kommt.“

Shannon hatte den Kopf geschüttelt und ihr vorgehalten: „Aber es wird mehr der Enkel des alten Lee Andrews sein als mein Kind. Der Erfolg hat deinen Vater arrogant und grausam gemacht. Er liebt seinen großen Namen und ärgert sich, dass du jetzt meinen trägst. Aber ich werde ihm beweisen, dass ich auch Geld verdienen kann.“

„Aber doch nicht so, Clay.“

„Dieser Mann ist ein Mörder.“

„Aber du bist kein Sheriff.“

„Sheriff Pate ist nicht der Mann, einen Lynton Gregg zu stellen.“

„Und du, Clay?“, hatte sie flehend gefragt. „Und du?“

Es hatte eine Zeit in Clay Shannons Leben gegeben, da hatte er recht gut mit dem Revolver umgehen können. Und wenn er Kathy Andrews nicht begegnet wäre, wäre er möglicherweise selbst ein Mann wie dieser Lynton Gregg geworden. Die Grenze dahin war schnell überschritten, wenn man allzu oft zum Revolver griff. Kathy hatte ihm die Zügel aus der Hand genommen und war wortlos weitergefahren, als er vom Wagen heruntergesprungen war ...

Das alles war Shannon jetzt noch einmal blitzartig durch den Kopf gegangen wie eine Erinnerung, die schon weit zurückliegt. Aber es war nur die Unwiderruflichkeit seiner Tat, die alles, was vorher war, in die Vergangenheit verbannte.

Rasch drehte er sich um und ging nach draußen. Pate kam gerade herbeigeeilt und schob sich durch die Gaffer, die sich angesammelt hatten.

„Mann, Clay, ich habe gehört ...“, begann er etwas außer Atem. „Ist er tot?“'

Clay Shannon antwortete nicht. Er ging einfach an dem Deputy vorbei. Als er Kathy an diesem Tag wiedersah, war eine fast unerträgliche Spannung zwischen ihnen. Doch beide spürten, dass Worte nicht ausreichten, um daran etwas zu ändern.

 

 

2

Clay Shannon baute sein Haus nahe beim Fluss. Er hatte sich ein hübsches Stück Land ausgesucht. Der Cow Creek führte das ganze Jahr Wasser, und in dem seichten Tal gab es prächtige Weide an seinen Ufern. Im Norden und Osten zogen, sich bläuliche Bergketten entlang und schützten vor dem rauen Wind, der bisweilen über die Ebene strich. Es war ihm gerade noch Zeit geblieben für den Bau des Hauses, eines Stalles und etlicher Corrals. Terry Hudspeth hatte ihm geholfen. Hudspeth war ein älterer Mann, der niemanden hatte und in Sterling herumlungerte. Er arbeitete hin und wieder, wenn sich etwas bot, und niemand wusste zu sagen, woher er eigentlich gekommen war. Clay jedenfalls war froh, dass er ihn hatte, denn es gab verdammt viel Arbeit für einen Mann. So war es ihm, als sei die Zeit viel schneller vergangen, als es sonst der Fall war. Und der heutige Tag war ein besonderer in seinem und Kathys Leben.

Leb Andrews, sein Schwiegervater, war da, und drüben bei den Corrals stand bereits seit einer Stunde der Wagen von Doktor Wylie. Clay war aufgeregt wie ein Knabe am ersten Schultag und lief ständig auf der Veranda hin und her. Seine Stiefel pochten fast ohne Unterbrechung auf die Bohlen. Lee Andrews saß auf der kleinen Bank neben dem Eingang und sah ihm abwesend zu. Er war ein großer, schwerer Mann mit grauen Haaren, einem ebenso grauen Backenbart und herrischen Augen.

„Willst du dich nicht mal hinsetzen?“, sagte er. Seine Stimme hatte irgendetwas Scharfes an sich. Sie schien einem jüngeren Mann zu gehören, nicht einem, der die Sechzig schon überschritten hatte.

Clay Shannon blieb stehen und sah zu Lee Andrews hin.

„Wie war dir zumute, als Kathy auf die Welt kam?“

„Ich weiß nicht mehr genau. Aber bestimmt war ich etwas ruhiger. Ein Mann muss sich zusammennehmen können.“

Clay wandte sich ab. Kathys Vater konnte es nicht lassen. Keine Gelegenheit ließ er aus, ihn zu belehren, aber er wollte sich heute nicht mit ihm streiten. Nicht an diesem Tag!

Terry Hudspeth lehnte drüben am Corralgatter und schaute gleichgültig herüber. Clay hatte den Eindruck, dass sich dieser Mann überhaupt nicht aufregen konnte.

Endlich ging die Tür auf. Clay fuhr sofort herum und sah Mrs. Green in der Öffnung. Sie war eine rundliche, gutmütige Frau und wohnte in der Stadt. Sie half dem Doc öfters und hatte schon manchem Kind ohne Doc Wylies Zutun zum Erdendasein verholfen.

„Ihr könnt jetzt hereinkommen“, sagte sie, und ihre Augen strahlten dabei. Als Clay an ihr vorbei ging, raunte sie ihm leise zu: „Es ist ein Junge, ein prächtiger Junge.“

Clay starrte sie einen Moment an, dann riss er die schwere Frau mit einem wilden Schrei in die Arme, hob sie vom Boden hoch und setzte sie nach einer halben Umdrehung wieder ab. Sie rang nach Atem und keuchte: „Schrei nicht wie ein halbwilder Kuhhirte, oder willst du deine Frau zu Tode erschrecken!“ Aber Clay hörte es nicht mehr, denn er war bereits in dem Zimmer, in dem Kathy ihren Sohn geboren hatte.

Mrs. Green wandte sich an Lee Andrews: „Ich glaube, wir sollten sie erst einmal alleinlassen.“

Doc Wylie kam heraus, trocknete sich die Hände an einem weißen Tuch ab und nickte.

„Ja, ich glaube, wir sind im Moment dort überflüssig.“

Lee Andrews blickte immer wieder zur Tür. Es schien ihm nicht zu passen, aber er fügte sich. Der Doktor bemerkte seine Blicke und fügte augenzwinkernd hinzu: „Er ist zwar kein Andrews, aber er ist trotzdem dein Enkel, Lee.“

Lee Andrews nickte. „Vielleicht werde ich einen Andrews aus ihm machen“, sagte er und ging nun doch in das Zimmer hinein.

Doc Wylie schüttelte den Kopf.

„Clay ist ein netter Kerl, und er hat es verdammt schwer mit dem alten Tyrannen“, murmelte der Doc ...

 

 

3

Es vergingen mehrere Wochen, und Clay Shannon hatte nie solche Freude an der Arbeit gehabt wie jetzt. Er hatte die Fensterrahmen mit weißer Farbe gestrichen und legte hinter dem Haus einen Garten an, in dem Kathy Blumen pflanzen konnte und Gemüse für den kleinen Joe. Nicht ein einziges Mal dachte er noch an den Tag zurück, an dem er Lynton Gregg erschossen hatte.

Aber eines Tages kam Terry Hudspeth aus der Stadt, sprang vom Pferd und schlang die Zügel um einen Balken. Clay befand sich gerade mit Kathy auf der kleinen Veranda vor dem Haus, und sie hatten Hudspeth schon von weitem kommen sehen. Als Clay merkte, dass dieser etwas zu sagen hatte, ging er ihm zwei Schritte entgegen.

Terry Hudspeth blinzelte in die Gegend.

„Da ist was los in Sterling ...“ Er warf einen ungemütlichen Blick zu Kathy hin und trat unruhig auf der Stelle.

„Du kannst ruhig reden“, forderte Shannon ihn auf. „Ich habe vor ihr keine Geheimnisse.“

„Klar“, nickte Hudspeth und spuckte einen Strahl Tabaksaft auf den Boden. „Verzeihung, Ma’am. Also, Clay, da war ein Mann in der Stadt, ein ziemlich heruntergekommener Kerl. Säuft wie ein halb verdursteter Kiowa.“

„Ja, und?“

Hudspeth zuckte mit den leicht gebeugten Schultern und schielte wieder zu Kathy hin.

„Naja, die Sache ginge uns eigentlich nichts weiter an, aber dieser verdammte Bursche behauptet, er heiße Bill Gregg und sei der Bruder von Lynton Gregg. Er hat überall herumerzählt, dass er ..., nun, er will mit dir abrechnen, Clay. Und wenn du bis morgen nicht in der Stadt erscheinst, will er herkommen und dir das Haus über’m Kopf anzünden.“

Clay hörte, wie Kathy hastig ins Haus ging, und sagte: „Weiter!“

„Ich dachte mir, siehst dir den Burschen mal an. Dann bin ich in den Saloon gegangen, wo er herumprahlte, was für ein feiner Kerl sein Bruder eigentlich war, und dass du ihn nur aus dem Hinterhalt erschossen haben könntest. Er bezahlte den Leuten, die zuhörten, auch Drinks. Clay, er scheint keine besondere Nummer zu sein, aber die Sache gefällt mir trotzdem nicht ...“

„Ich glaube, ich sollte mir den Kerl selber mal ansehen.“ Clay wandte sich ab und folgte Kathy ins Haus. Sie stand neben Joes Wiege und schien auf ihn gewartet zu haben.

„Lass uns von hier fortgehen, Clay!“, sagte sie unvermittelt.

Clay war es, als hätte sie ihm einen Schlag versetzt.

„Ich soll vor ihm davonlaufen?“ Er deutete auf die saubere kleine Wiege. „Denk doch mal an ihn.“

„Gerade an ihn denke ich ja, Clay. Was ist uns geholfen, wenn er dich umbringt. Es geht nicht immer gut aus, und wenn, wann wird der Nächste kommen? Wer weiß, wie viele Brüder dieser Gregg noch hat.“

„Das ist doch Unsinn, Kathy. Wenn ich jetzt davonlaufe, dann werden wir immer auf der Flucht sein.“

Sie trat einen Schritt auf ihn zu und presste das Taschentuch zwischen ihren kleinen, kräftigen Händen zusammen.

„Ich will nicht, dass mein Mann sich mit jedem hergelaufenen Vagabunden rauft oder schießt. Ich habe weder Lust, Witwe zu werden, noch will ich, dass die Leute sich nach mir umdrehen, wenn ich in der Stadt auftauche. Oh, Clay, verstehst du das nicht?“ Sie wischte schnell die aufkommenden Tränen ab und drehte ihm den Rücken zu.

„Ich habe dieses Haus gebaut“, versuchte Clay sachlich zu erklären. „Willst du, dass wir das alles aufgeben wegen irgendeines Säufers, der sich in den Kopf gesetzt hat, er könne mich töten? So etwas kann einem Mann überall passieren, und wir können nicht immer wieder davonlaufen.“

Kathy schwieg. Sie drehte sich auch nicht um, als er seinen Revolvergurt aus der Kommode nahm und ihn sich über die Schulter hängte. Clay trat hinter sie, fasste ihre Oberarme und blickte ihr über die Schulter.

„Clay“, sagte sie ernst und gefasst, „ich habe gewusst, dass uns dieses Geld kein Glück bringt. Es wird uns auch weiterhin keins bringen.“

Der Druck seiner schlanken, kräftigen Finger wurde stärker.

„Du siehst zu schwarz, Kathy“, sagte er mit warmer Stimme, „irgend so ein Großmaul, das sich aufspielen will. Es wird nicht viel dahinterstecken.“ Er glaubte selbst nicht ganz an seine Worte. Dieser Mann war gekommen, um ihn zu töten, und er würde es zumindest versuchen. Er warf einen Blick in die Wiege, ehe er Kathy losließ und ging. Der kleine Joe schlief.

Vor der Tür schlang Clay Shannon den Gurt um seine Hüfte und zog die große, blanke Schnalle fest. Terry Hudspeth hatte unterdessen Clays Pferd gesattelt. Der Braune war ausgeruht und warf den Kopf hoch. Clay war eigentlich froh, einmal wieder in die Stadt zu kommen. In letzter Zeit hatte er wenig Gelegenheit zu so etwas gehabt. Mit einiger Sorge stellte er fest, dass es ihm nicht allzu viel ausmachte, mit dem Revolver in die Stadt zu reiten, um sich mit jemandem zu schießen.

„Clay.“

Shannon hatte bereits den linken Fuß im Bügel und hielt inne. Terry Hudspeth kam ein paar Schritte näher.

„Ich hatte noch nicht alles gesagt, Clay.“

„Ja.“

„Diesen Mann hat jemand geschickt.“

Shannon nahm den Fuß wieder aus dem Bügel und starrte in das zerfurchte Gesicht Terrys.

„Wie kommst du auf diese Idee?“

Terry Hudspeth malte mit der Stiefelspitze irgendwelche Figuren in den Sand. Dann hob er plötzlich wieder den Kopf und blickte Shannon an.

„Dieser Mann ist nicht Greggs Bruder. Ich kenne ihn von Texas her. Ist schon ’ne Weile her, aber der Bursche hat schon damals nichts getaugt. Für Geld hat er schon immer alles getan.“

Clay dachte einen kurzen Moment nach, ehe er sich in den Sattel zog und nach den Zügeln angelte.

„Hat er dich wiedererkannt?“

Terry Hudspeth schüttelte den Kopf.

„Glaube nicht, Clay. Habe mich gleich verdrückt.“

Shannon nickte, zog den Braunen herum und trieb ihn spontan an. Terry Hudspeth blickte ihm nach, wie er auf dem staubigen Weg über die Hügelkette jagte und verschwand. Nur der Staub hing noch in der warmen Luft. Hudspeth riss sich den Hut vom Kopf und warf ihn auf den Boden.

„Er sollte es nicht tun“, murmelte er, „aber, verdammt, er hat keine Wahl!“ Ein Fußtritt wirbelte den Hut empor, dann drehte Hudspeth sich um und brachte sein eigenes Pferd in den Corral.

 

 

4

Als Clay Shannon die Stadt erreichte, war es später Nachmittag. Das Hemd klebte an seinem Körper. Es war ein heißer Tag, und er war scharf geritten. Neben einer hölzernen Tränkrinne hielt er das Pferd an, stieg ab und tauchte sein heißes Gesicht und die Hände in das Wasser. Prustend richtete er sich auf und wischte mit dem Ärmel die Tropfen von Kinn und Nase.

Jemand kam die Straße entlang.

„He, Shannon“, rief er ihn an. „Im Saloon ist jemand, der was von dir will.“

„Ich weiß.“

„Es war immer ruhig in der Stadt, bevor du die Schießerei mit Gregg angefangen hast. Wir Bürger möchten nicht, dass du hier deine Streitigkeiten austrägst.“

„Geh zum Teufel!“, knurrte Clay, griff nach den Zügeln und zog den Braunen hinter sich her. Vor dem Saloon schlang er die Lederriemen um den Hitchrail und rückte den Revolver zurecht. Nach kurzem Zögern stieß er die halbhohen Türflügel auseinander, in denen noch die Kugellöcher von Lynton Greggs Schüssen zu sehen waren, und trat ein. Er wollte die Sache schnell hinter sich bringen.

An der Theke standen etliche Männer, aber Clay wusste sofort, wer der Mann war, der sich Bill Gregg nannte. Ein mittelgroßer, untersetzter Bursche, mit einem schäbigen Hut, unter dem schmutzig blonde, strähnige Haare hervorsahen. Er hatte ein gerötetes Gesicht, und das Tuch um seinen Hals war zusammengedreht und sah aus wie ein schmutziger Strick.

Shannon wartete, bis die Türflügel hinter ihm zur Ruhe kamen, und sagte laut und deutlich: „Ich bin Clay Shannon.“

Der Mann an der Bar wandte hastig den Kopf, und sein unsteter Blick tastete Clays Gestalt mit einem Gemisch von Neugier und Unsicherheit ab. Dann setzte er das Glas ab und wischte sich über den Mund, während sich die anderen Anwesenden schnell von ihm zurückzogen. Die ganze Bar war plötzlich wie leergefegt. Auch der Keeper drückte sich auf die Seite. Er hob abwehrend die Hände und sagte: „Bitte, nicht hier.“

Shannon beachtete ihn nicht. Sein Blick ließ den Mann, der sich als Greggs Bruder ausgab, nicht los.

„Ich habe gehört, du wolltest mich umbringen“, sagte Clay. „Wenn du dir die Sache anders überlegt hast, gebe ich dir die Chance, zu verschwinden.“ Er war selber überrascht, wie ruhig seine Stimme klang. Der andere wischte seine Hände an der Hose ab. Sie waren groß und klobig, sahen aber nicht nach harter Arbeit aus.

„Den Teufel werde ich“, schnauzte der Fremde mit grober Whiskystimme. „Du hast meinen Bruder auf dem Gewissen, dafür lege ich dich um.“

„Du bist ein Lügner“, antwortete Shannon ruhig. „Lynton Gregg hatte keinen Bruder.“

Wieder kam Unsicherheit in die Augen des anderen. Aber er presste die Lippen zusammen und riss den Revolver heraus.

Shannon schoss ihm in die Brust, noch ehe er den Lauf der Waffe oben hatte. Die Wucht der Kugel schmetterte ihn gegen die Bar, und der Revolver fiel auf den Boden. Er starrte Clay mit weit aufgerissenen Augen an und stammelte leise: „Er hat doch gesagt ... du bist nicht schnell ...“

„Wer?“, fragte Clay eisig. Aber der Mann antwortete ihm nicht mehr. Er drehte sich, als seine Knie nachgaben, zur Theke um. Seine Hände fuhren haltsuchend über das Holz und wischten dabei das Glas hinunter, dann fiel er schlaff auf den Boden.

Als Shannon ihn herumdrehte, war er tot. Er richtete sich wieder auf und steckte den Revolver ein. Hinter sich hörte er die Türflügel gehen. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer da kam. Gary Pate hatte wahrscheinlich in seinem Büro gesessen und auf die Schüsse gewartet. Es war genau Pates Art, zu warten, als habe er nichts gewusst, bis er nichts mehr zu unternehmen brauchte, als Tatsachen festzustellen.

„Was ist hier los?“, fragte er.

Clay Shannon drehte sich langsam um.

„Ich habe diesen Mann erschossen.“

Gary Pate blickte kurz auf den Toten, aber er schien nicht überrascht zu sein.

„Wer ist der Mann?“

Shannon fand es albern, ihm darauf zu antworten, und Pates Gesicht nahm einen betretenen Ausdruck an.

„Fairer Kampf, wie?“, meinte er nach einem Moment des Schweigens.

„Man wird es dir bestätigen“, erwiderte Clay. „Ich muss jetzt gehen. Kathy wird sich Sorgen machen. Wenn du mich brauchst, ich bin auf der Ranch.“ Er war fast an der Tür, als jemand sagte: „Sieh doch mal in den Steckbriefen nach, Pate, vielleicht kann er wieder kassieren!“

Shannon blieb stehen und drehte den Kopf zur Seite. Nur einen Moment zögerte er, dann drückte er die Türflügel auseinander und ging wortlos hinaus.

Es vergingen nur ein paar Tage, bis Shannon und Pate sich wiedersahen. Der Deputy kam eines Tages auf die CS-Ranch geritten, als Clay und Terry Hudspeth dabei waren, das Corralgatter auszubessern, das am Vortag ein neu eingetroffener Bulle beschädigt hatte. Hudspeth bemerkte den Reiter zuerst. Er hob blinzelnd den Kopf und sagte zu Clay: „Ich glaube, es ist Gary Pate, der da kommt. Was wird er von dir wollen?“

Clay hob den Kopf und ließ die Corralstange, deren eines Ende er in den Händen hatte, auf den Boden zurückgleiten.

„Keine Ahnung. Ist das erste Mal, dass er sich hier blicken lässt.“

Gary Pate hielt bei ihnen an und blickte sich vom Sattel aus um.

„Schön hier, Shannon“, sagte er knapp.

„Stimmt. Aber deshalb bist du kaum hergekommen.“

Pate stieg ab und ließ die Zügel seines Pferdes auf den Boden hängen.

„Shannon, ich muss mit dir reden.“

Clay lehnte sich gegen die Corralfenz.

„Ich höre“, sagte er dabei kühl.

Der Deputy blickte kurz auf Hudspeth, ehe er sagte: „Willst du mich nicht ins Haus bitten?“

Clay rührte sich nicht.

„Kommt drauf an, was du mir zu sagen hast.“

„Dann bleiben wir wohl lieber draußen.“ Pates Blick blieb diesmal etwas auffälliger auf Terry Hudspeth ruhen.

„Erzähl schon!“, forderte Clay ihn auf. „Oder ist die Sache so vertraulich?“

„Wie du willst, Shannon.“ Pate zögerte einen Moment. „Was ich dir zu sagen habe, ist nicht meine persönliche Ansicht. Aber die Leute in Sterling wollen, dass du fortgehst.“

„Darüber kann ich nicht mal lachen, Pate.“

Der Deputy ließ seinen Blick erneut die Runde machen.

„Niemand will, dass du das alles hier aufgibst, Shannon. Du sollst nur für einige Zeit fortgehen, bis Gras über die Angelegenheit gewachsen ist. Dann kannst du ja wiederkommen. Die Bürgerschaft meint, dein Ruf locke alle möglichen Revolverhelden in die Stadt, und sie wollen nicht, dass sie ein Tummelplatz solcher Elemente wird.“

Clay stieß sich leicht mit dem Rücken ab.

„Die Bürgerschaft? Wer ist das? Wenn du damit Lee Andrews meinst, dann sage ihm, ich pfeife auf seine Meinung.“

„Lee hat damit nichts zu tun“, wehrte Pate ab. Aber Shannon trat dicht an ihn heran und sagte: „Du hast noch niemals etwas von dir aus unternommen, ohne dass mein Herr Schwiegervater es dir befohlen hatte.“

„Das geht zu weit, Shannon!“

Terry Hudspeth sagte kein Wort. Er stand völlig unbeteiligt da, hatte sich eine Zigarette gedreht und rauchte.

Clay meinte: „Ihr könnt mich nicht von hier verjagen.“

„Das nicht, aber wir können dich daran hindern, die Stadt zu betreten. Sei doch vernünftig, Shannon! Denk an deine Familie! Willst du, dass sie das Leben von Ausgestoßenen führt?“

Clay blickte an Pate vorbei den staubigen Weg entlang. Pate drehte sich um und sah den Wagen in eine Staubwolke gehüllt näherkommen.

„Erwartest du Besuch?“, fragte er.

„Es ist Doc Wylie. Er sieht noch einmal nach Kathy und dem Kleinen.“

Pate griff nach den herabhängenden Zügeln und zog sie über den Kopf des Pferdes.

„Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Denk mal darüber nach, aber nicht zu lange!“ Er stieg in den Sattel. „Denk daran, dass ihr mit diesen Leuten leben müsst! Sie sind die Mehrzahl. Ihr könnt euch nicht einfach über sie hinwegsetzen.“ Er trieb sein Pferd an und tippte an den Hut, als er Doc Wylies Wagen begegnete. Der Doktor fuhr vor das Haus und stieg, seine unvermeidliche schwarze Ledertasche in der Hand, vom Wagen.

„Hallo, Clay“, grüßte er. Als er Clays Gesicht sah, fuhr er fort: „Hat Pate dich geärgert?“

Shannon war näher gekommen.

„Er hat mir geraten, zu verschwinden.“

„Ach ja, habe von dieser Strömung gehört. Du solltest sie nicht unterschätzen.“

„Sicher steckt Lee Andrews dahinter.“

„Möglich. Er mochte dich nie als Schwiegersohn. Zutrauen würde ich es dem alten Piraten. Er ist ein Egoist. Aber wenn er dahintersteckt, dann hat er die Bürger von Sterling hinter sich. Nicht alle, aber die meisten. Jetzt will ich erst mal nach Kathy und dem Jungen sehen.“

Er lächelte und wollte Clay damit Mut machen. Clay sah ihm nach, wie er ins Haus ging, und kehrte zu Terry Hudspeth zurück. Sie arbeiteten schweigend an dem Corral, und Clay war froh, dass Hudspeth keine Fragen stellte. Als Doc Wylie nach ihm rief, ging er hinein und goss dem Doktor und sich selbst einen Whisky ein!

„Ist mit Kathy alles in Ordnung?“ fragte er.

„Alles“, nickte Wylie und hob das Glas. „Und der Kleine gedeiht prächtig. Darauf wollen wir trinken.“

Sie nahmen beide einen kräftigen Schluck, und der Doktor trat mit dem Glas in der Hand an das Fenster.

„Um auf Gary Pates Anliegen zurückzukommen“, fuhr er fort, „du solltest die Sache nicht in den Wind schlagen. Zwei Duelle in so kurzer Zeit genügen, um in den Ruf eines Revolverschützen zu kommen. Du weißt selber, wie das ist, sie werden hierherkommen und es mit dir ausprobieren wollen. Und wenn es dich einmal erwischt, dann ist Kathy irgendeinem Strolch schutzlos ausgeliefert. In Sterling wird man es als guten Willen zur Besserung ansehen, wenn du für eine Weile verschwindest und man nichts Schlechtes von dir hört. Du kannst dir einen anderen Namen zulegen. Sie werden Kathy und den Jungen bemitleiden, und eines nicht allzu fernen Tages werden sie es in Ordnung finden, dass du zurückkommst.“

Clay trank das Glas vollends leer und stellte es beiseite.

„Und was wird inzwischen aus Kathy und dem Jungen? Ich will nicht, dass Lee Andrews sie durchfüttert.“

Doc Wylie lächelte verständig.

„Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Kathy steht mit beiden Beinen im Leben. Sie ist praktisch mit Rindern und Pferden aufgewachsen. Wenn Terry Hudspeth bei ihr bleibt, werden sie die Ranch schon in Schuss halten. Du kannst ja hin und wieder nach dem Rechten sehen. Und außerdem bin ich auch noch da. Ich habe mit Kathy schon darüber gesprochen.“

Kathy trat in diesem Moment in das Zimmer. Sie trug einen langen Morgenmantel, und ihr Haar hing lose auf die Schultern herab.

„Der Doktor hat recht, Clay“, sagte sie, „wir dürfen die Lage, so wie sie ist, nicht noch verschlimmern. Doc Wylie ist immer ein guter Freund gewesen. Wir können auf seinen Rat vertrauen.“ Sie kam näher und legte ihre Hand auf Clays Arm. „Clay, ich hatte gewollt, dass wir zusammen gehen und das alles hinter uns lassen. Aber das hier ist dein Anfang, das erste Heim, das du seit langem hast. Es wird dir leichter fallen, allein zu gehen und wiederzukommen.“

 

 

5

Der Tag, an dem Clay Shannon aufbrach, war heiß und trocken. Er hatte nachgegeben, aber es war ein bitterer Grimm in ihm, der nicht weichen wollte, so viele Meilen er auch zurücklegte. Als er Buffalo City erreichte, war er noch in der gleichen Stimmung. Er hatte viel von dieser Stadt gehört und wollte es im Häutegeschäft versuchen. Irgendwie musste er Geld verdienen. Aber zu seiner Enttäuschung fand er nur ein dreckiges Bisonjäger-Camp mit elenden Hütten und nur wenigen Bauten vor, die man als Häuser bezeichnen konnte. Von hier aus zogen die Bisonjäger mit ihren Wagen und Abhäutern in die Prärie hinaus, um die Büffel abzuschlachten. Männer, für die das Töten Geschäft war.

Zuerst versuchte er es bei einer Häutegesellschaft, aber die Jagdtrupps waren alle unterwegs. Dann ging er direkt zu einem Bisonjäger, der mit seinen Wagen am Rande der Stadt lagerte. Aber auch hier hatte er kein Glück. Ein Stück weiter die unordentliche, winklige Straße hinunter befand sich eine Kneipe, die Shannons finanziellen Verhältnissen zu entsprechen schien, denn noch hatte er keinen Job in Aussicht. Es war ein ausgebauter Erdbunker, der nur zur Hälfte über die Erdoberfläche hinausragte. Das auf Grassoden aufliegende Dach, das auf der Hinterseite bis auf den Boden herabreichte, war mit Erde beworfen, auf der bereits dichtes Gras wuchs. Stufenförmig in den Lehm gedrückte Bretter führten Clay Shannon zum Eingang hinab, durch den er den niedrigen, rauchgeschwängerten Raum betrat. Es stank nach Whisky, abgestandenem Bier und dem Schweiß ungewaschener Männer.

Clay Shannon rümpfte die Nase und blieb neben der Tür stehen. Der Raum war nicht zu stark besetzt. Es befanden sich nur einige Männer in fettglänzender, schmieriger Kleidung darin. Vermutlich Abhäuter irgendeiner Häutegesellschaft. An der primitiven Bar hatten ein paar Männer Streit miteinander. Zwei grob aussehende Kerle amüsierten sich über einen jungen Burschen, der zwischen ihnen stand und furchtbar aufgebracht darüber war, dass die beiden ihm den Revolver weggenommen hatten.

„Was willst du mit der Kanone, Kleiner“, grölte der eine, der einen struppigen schwarzen Vollbart trug. Das Hemd des Mannes war bis weit hinunter offen und ließ etwas von der breiten, behaarten Brust sehen. „Willst du damit den Nutten im Long Branch imponieren?“

Der andere lachte brüllend und schlug vor Vergnügen mit der flachen Hand in eine Whiskypfütze, die sich auf der Bar gesammelt hatte.

„Gebt mir meinen Revolver zurück!“, schrie der Junge zornbebend. „Darin verstehe ich keinen Spaß.“

Der Bärtige, der die Waffe des Jungen in der Hand hielt, feuerte einen Schuss ab. Die Kugel fuhr dicht neben dem Stiefel des Jungen in den harten Boden. Der Junge sprang zur Seite.

„Ja, lass ihn tanzen!“, schrie der andere heiser. „Die Melodie scheint ihm zu gefallen.“

„Gib her!“, rief der junge Mann wieder. „Ich meine es ernst.“ Sein Gesicht war weiß, und der Zorn glitzerte in seinen Augen.

Die beiden lachten, und der Bärtige feuerte Schuss auf Schuss in Richtung der Füße des Jungen ab. Dieser blieb mit einem Mal stehen. Der Bärtige hatte aufgehört zu schießen.

„Schade, das Ding ist schon leer“, brummte er und wollte nach seiner eigenen Waffe greifen. Aber der Junge fuhr auf ihn los, holte weit aus und schlug ihm die Faust auf den Mund. Der Bärtige taumelte gegen die wacklige Bar. Das Gelächter des anderen riss ab, um dann mit erneuter Heftigkeit wieder einzusetzen. Der Bärtige wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und in seinen Augen war ein böses Flackern. Mit einem unartikulierten Knurren schlug er plötzlich zurück. Der Junge wurde gegen den anderen Mann geworfen, der immer noch lachend die Faust an den Kopf des Jungen schlug und diesen zurückstieß. Der Junge rammte dem Bärtigen den Kopf in den Magen. Aber dieser steckte den Stoß weg, als spürte er ihn nicht, und schlug dem Jungen krachend die Handkante ins Genick.

Clay Shannon hatte bis jetzt an der Tür gestanden. Nun ging er ohne Eile durch den Raum auf die Bar zu. Der Junge kam gerade benommen vom Boden hoch, und einer der beiden Männer stellte ihm ein Bein. Er stolperte und hielt sich an der Bar fest. Plötzlich schnellte er sich ab, und seine Faust fuhr dem Bärtigen in die Zähne, dass dieser den Halt verlor und auf den Rücken fiel. Der andere packte die halbvolle Whiskyflasche am Hals.

„Jetzt ist’s aber genug!“, keuchte er.

„Das wollte ich gerade sagen“, versetzte Shannon ruhig. Der Mann zögerte und starrte ihn einen winzigen Moment mit seinen nicht mehr ganz klaren Augen an. Dann setzte er seine Bewegung fort und holte mit der Flasche zum Schlag gegen den Kopf des Jungen aus. Shannon trat ihm kurz und hart gegen das Schienbein. Der Mann ließ augenblicklich die Hand mit der Flasche sinken. Fluchend hüpfte er auf einem Bein herum, während er das andere angewinkelt hatte und mit beiden Händen festhielt.

„Ich hatte gesagt, es ist genug“, stellte Clay Shannon fest.

Der Bärtige sprang vom Boden hoch.

„Was hast du hier schon zu sagen, Freundchen.“

Shannon wartete, bis er nahe genug war, und schlug ihm mit aller Wucht, die er aufbringen konnte, gegen das Kinn. In diesem Schlag lag der ganze Grimm, der sich während der letzten Tage in ihm angesammelt hatte, und er spürte die Erleichterung, die ihn freier atmen ließ.

Der Getroffene machte ein paar Schritte nach rückwärts, ruderte mit den Armen in der Luft und krachte mit dem Rücken auf einen Brettertisch, der ächzend und splitternd unter dem schweren Mann nachgab und umkippte. Shannon fuhr sofort herum und sah, dass der andere Bursche seine Flasche zum zweiten Mal, diesmal gegen ihn, erhob. Wie er so hochgereckt dastand, traf ihn Clays Schwinger in den Magen. Er knickte zusammen wie ein zerbrochenes Zündholz und blieb vor der Bar liegen. Shannon packte den Jungen am Arm.

„Schnell, raus hier!“ Er schob den Jungen zur Tür hinaus und folgte ihm hastig. Draußen wurde es bereits dämmrig. Sie liefen ein Stück die Straße entlang und blieben neben einem alten, halbverfallenen Planwagen stehen, dessen Achsen und Räder gebrochen waren.

„Ich heiße Tim Starr“, sagte der Junge noch etwas atemlos. „Vielen Dank, Mister.“

Er war ein netter Junge, schlank und mit großen braunen Augen und einem offenen, etwas naiven Gesicht. Clay zog zwei dünne mexikanische Zigarren, die noch von zu Hause stammten, aus der Tasche und hielt eine davon dem Jungen hin.

„Du rauchst doch sicher.“

„Klar.“ Tim Starr nahm die Zigarre und ließ sich von Clay Feuer geben. „Wenn Sie ’nen Job suchen, könnten wir es mal bei dem alten Noah versuchen. Ich bin schon ziemlich lange bei ihm, fahre einen der Wagen und passe auf die Häute auf. Wenn ich ein Wort für Sie einlege, könnten Sie vielleicht Glück haben, Mister.“

Shannon schlug ihm auf die Schulter.

„Du kannst Clay zu mir sagen.“

Der Junge hustete, dann blickte er Clay an.

„Wir sollten am besten gleich zu Noah gehen.“

Sean Noah war ein kleiner, drahtiger Mann mit einem grauen Bart und dem ruhigen, weitschweifenden Blick des Präriejägers. Er war schon ziemlich lange in dieser Branche. Er trug ein abgewetztes Lederhemd und indianische Leggings an den Beinen. Die einzige Waffe, die Clay an ihm entdecken konnte, war ein großes Bowie-Messer, das in seinem Gürtel steckte.

Sean Noah musterte ihn eine Weile, ehe er erklärte: „Sie haben dem Jungen geholfen, das spricht für Sie. Eine Tat, die ihren Lohn wert ist. Haben Sie schon mal als Abhäuter gearbeitet?“

„Nein.“

„Dann werden Sie bei mir nicht viel verdienen, und die Arbeit ist verdammt dreckig. Ein Abhäuter bekommt zwei Cent pro Fell. Ein guter Abhäuter schafft das in fünf Minuten, aber Sie brauchen dazu bestimmt fünfzehn.“

„Ich will es trotzdem versuchen, ich habe schon Rinder abgehäutet.“ Er hatte es also doch geschafft, einen Job zu bekommen, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass Sean Noah ihn nicht besonders mochte. Doch er betrachtete diese Arbeit ohnehin nicht als Lebensstellung. Immerhin hatte er etwas, wovon er im Moment leben konnte, und das genügte ihm.

Es vergingen noch zwei Tage, ehe sie nach Süden aufbrachen. Sean Noah hatte noch Formalitäten mit seiner Gesellschaft abzuwickeln und die Ausrüstung zu ergänzen. Clay Shannon war froh, als es endlich so weit war. Die müßigen Tage in Buffalo City hatten sein letztes Geld gekostet, nachdem er sich noch ein gerades und ein sichelartig gebogenes Abhäutemesser gekauft hatte, die er unbedingt brauchte.

Als sie die schlammigen Fluten des Arkansas durchfurtet hatten, blieb die Stadt hinter ihnen zurück, und vor ihnen dehnte sich die endlose wellige Grasebene von Südkansas. Es war ein gewaltiges Meer aus wogendem Gras, Prärieblumen und Salbeigestrüpp.

Sean Noah war stetig auf der Suche nach Büffeln, aber es dauerte Tage, bis sie die ersten zu Gesicht bekamen. Es war nur eine kleine Gruppe von ungefähr vierzig Tieren, doch es war anzunehmen, dass noch eine größere Herde in der Nähe war, von der sich diese Tiere abgesondert hatten. Sie standen ruhig in einer kleinen Senke, in der es zahlreiche schlammige Büffelsuhlen gab, und grasten oder wälzten sich im Morast.

Noah ließ die Kolonne der schweren Red-River-Wagen halten und das Lager aufschlagen. Der trockene Präriewind hatte sich gedreht und brachte den scharfen Geruch von Büffeldung mit sich. Während der alte Sean Noah sich allein der Herde näherte, bereitete man im Lager alles zum Trocknen der Häute vor. Das Wetter schien günstig zu bleiben. Von Horizont zu Horizont war nirgends auch nur das Anzeichen einer Wolke zu entdecken. Lange Zeit hörten sie nur die regelmäßigen, dumpfen Detonationen von Noahs Sharps-Gewehr. Diese schweren, großkalibrigen Flinten waren wie für diese Zwecke geschaffen. Ihre Geschosse durchschlugen auch auf große Entfernungen die dickste Büffelhaut wie morsches Tuch.

Als die Schüsse endlich aufhörten, begann die Arbeit der Abhäuter. Shannon blickte von dem seichten Hügel in die Senke hinab, wo fast zwanzig tote Büffel lagen. Leichter Staub schwebte wie ein feiner Schleier dort, wohin sich die übrigen gerettet hatten. Weit im Süden markierte eine dunkle Hügelkette den Lauf des Cimarron. Dahinter begann das Land der Comanchen und Kiowas, das von den Bisonjägern weitgehendst gemieden wurde.

Die Männer schleiften ihre Hebebäume hinter sich her und machten sich an die Arbeit. Shannon hatte außer mit Tim Starr kaum mit einem von ihnen gesprochen. Die Leute mieden ihn, und er sah es ihren Blicken an, dass sie keinen Kontakt mit ihm wollten.

Er nahm sich einen kräftigen jungen Bullen vor und wälzte ihn mittels des Hebebaumes auf den Rücken. Mit dem geraden Messer schlitzte er das Fell am Unterkiefer beginnend an der Bauchseite des Tieres auf. Dann nahm er das gebogene, um den trennenden Schnitt um den wuchtigen Hals vorzunehmen. Jetzt kam das Schlimmste - die Haut vom Körper zu lösen. Clay trennte sie erst auf der einen Seite und stopfte sie so weit wie möglich unter den blutigen Büffelkadaver. Dann wälzte er den schweren Körper auf die Seite und begann damit, das Fell von dem fleischigen Rücken zu lösen. Er schwitzte. Fliegen summten lästig um seinen Kopf. Seine Arme waren bis zu den Ellenbogen mit Blut und Fett beschmiert. Dann wälzte er den toten Bison auf die schon abgehäutete Seite und trennte das letzte Stück der Haut von dem warmen, dampfenden Kadaver.

Immer wieder musste er innehalten, um die lästigen Insekten von Gesicht und Armen zu verscheuchen. Schließlich hatte er es geschafft und richtete sich auf. Verdrießlich blickte er sich um. Überall summende Fliegen, heiße Luft und stinkende Kadaver. Am Himmel sammelten sich die ersten Geier. Er wischte die Hände am Gras ab und schleppte die frische Haut ein Stück zur Seite. Sie wog mindestens siebzig bis achtzig Pfund.

Die anderen Abhäuter waren bereits mit dem dritten Büffel beschäftigt. Unlustig machte sich auch Clay wieder an die Arbeit. Aber auf mehr als zwei Häute brachte er es nicht. Die anderen hatten in der Zwischenzeit die restliche Arbeit erledigt.

Nachdem die Häute zum Lagerplatz geschafft worden waren, begann die Arbeit des Trocknens. Das Fleisch wurde einfach den Geiern und Coyoten überlassen. Lediglich einige der besten Stücke schnitt man heraus.

Shannon zündete sich eine Zigarre an, um den widerlichen Gestank aus der Nase zu bringen. Die Häute wurden mit der Innenseite nach oben an Pflöcken aufgespannt und mit Gift bestreut, um die Insekten fernzuhalten.

Clay lehnte an einem Wagenrad und blickte über die aufgespannten Häute hinweg, als sich Tim Starr zu ihm gesellte.

„Verdammt dreckige Arbeit, wie?“

Clay blies den Rauch aus und nickte.

„Wenn man so weitermacht, wird es bald aufhören.“

„Es hört auf, und Männer wie Sean Noah wissen das. Aber sie leben in einer Art Torschlusspanik. Es ist ihr Beruf, und bis der letzte Bison verschwunden ist, versuchen sie, noch so viele wie möglich zu erwischen, ehe es andere tun.“

Am nächsten Tag erlegte Noah noch mehr als ein Dutzend weiterer Bisons. Die Häute wurden zum Lagerplatz gebracht und dort ebenfalls zum Trocknen aufgespannt. Der dritte Tag brachte eine Ruhepause, die Noah nutzte, um den Munitionsvorrat seiner Sharps zu ergänzen. Wie fast alle Bisonjäger stellte auch er seine Patronen selbst her. Er sammelte hierfür die leergeschossenen Hülsen, um sie wieder zu verwenden. Dieses Verfahren war nicht nur billiger, sondern ersparte es ihm auch, einen Riesenvorrat an Patronen mitzuschleppen.

„Morgen versuchen wir es auf der anderen Seite des Cimarron“, ordnete Noah an.

Shannon runzelte die Stirn.

„Wenn uns die Rothäute erwischen, werden sie nicht viel Federlesen machen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934038
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505316
Schlagworte
colt feinde

Autor

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Titel: Ein Colt und tausend Feinde