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BILL JACKSON STORY #5: Reiter neben den Schienen

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Reiter neben den Schienen

Klappentext:

Roman:

BILL JACKSON STORY

 

Band 5

 

Reiter neben den Schienen

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Bill Jackson zieht es nach Kalifornien. Dort will er noch einmal von vorn anfangen und ein neues Leben beginnen. Deshalb trennt er sich von seinem Partner Ike Bedford. Er hat ein klares Ziel vor Augen, aber das Schicksal hat bereits eine andere Entscheidung getroffen. Als Bill Jackson den Zug besteigt, wartet bereits ein neues Abenteuer auf ihn. Und dieses Abenteuer wird ihn in die Stadt Yellowtown führen – eine Stadt, in der er um Leben und Tod kämpfen muss ...

 

 

 

Roman:

Bill Jackson hört den Fluch des Mannes, der aus dem Wagen gestoßen wind. Die Kette rasselt, die der Blatternarbige zwischen den Handgelenken hat.

„Vorwärts!", donnert eine harte Stimme.

Bill sieht einen zweiten Mann im einzigen Passagierwagen auftauchen. Es ist ein etwa vierzig Jahre alter, schwerer und harter Mann. Er hält einen Colt in der Hand, der auf den Gefesselten gerichtet ist.

Der Blatternarbige ist im Schneetreiben stehengeblieben und schaut unsicher nach allen Seiten. Kalte, abweisende Blicke treffen ihn.

„Weiter! Dort hinein!", schreit der Mann mit dem Colt in der Hand und macht eine Bewegung auf das niedrige Blockhaus der Bahngesellschaft zu.

Der Blatternarbige geht fluchend weiter.

Kurz vor dem Blockhaus will er nach links springen. Da ist der zweite Mann schon bei ihm und schlägt mit der Faust zu.

Der Blatternarbige wird gegen die Wand der Hütte geworfen. Dort bricht er zusammen.

Der andere schiebt seinen Colt ins Halfter, zerrt den Gefesselten wieder hoch und stößt ihn weiter. Sie verschwinden in der Hütte.

Bill Jackson schlägt sich den Kragen der Wolfsfelljacke hoch.

„Das scheint Darby Tetley zu sein", sagt Ike Bedlford neben ihm. „Der Eisenbahn-Marshal, von dem die ganze Stadt redet. Hast du dir alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen?"

„Was?"

„Du weißt, was ich meine. Hast du gesehen, dass Fancy geweint hat, als wir von der Farm ritten?"

„Ich habe nichts gesehen", knurrt Bill Jackson und zieht sich die Jacke fester um den Leib, weil die Kälte wie mit spitzen Nadeln in seinen Körper sticht.

„Du wolltest es nicht sehen", gibt Ike Bedford zurück. „Sie hatte gehofft, du würdest bleiben - so, wie ich bleiben werde!"

„Es ist gut, Ike. Du hast dich entschieden, und ich habe mich auch entschieden. Du wirst ihre Schwester heiraten. Ich bin schon verheiratet gewesen. Ich war schon ein armer Siedler und bin für meine Begriffe genug gehetzt worden. Die armen Schlucker werden immer gehetzt und verfolgt. Ich will nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr heiraten. Vielleicht bin ich vor allem deshalb gegangen."

„Einsteigen, Gents!", ruft eine Stimme.

Bill Jackson hält seinem Freund die Hand hin. Eine ganze Welt von Empfindungen stürzt auf einmal auf ihn ein. Aber er sagt nichts. Es hat keinen Zweck. Ihre Wege werden sich trennen. Einmal hatte es so kommen müssen, denn irgendwie sind sie sehr verschieden.

„Es ist dein Blut", sagt Ike belegt. „Du bist ein Abenteurer. Du kannst nicht an einem Ort leben und ruhig arbeiten."

Bill schweigt. Er nickt sogar, obwohl er weiß, dass alles nicht stimmt. Er hat schon mehrmals versucht, an einem Ort zu bleiben und durch harte Arbeit etwas zu erringen. Aber es war ihm nicht gelungen. Nie! Immer kamen welche, die etwas dagegen hatten. Er lässt Ikes Hand los und geht auf den wartenden Zug zu. Er sieht den Eisenbahn-Marshal aus der Blockhütte zurückkommen und vor ihm einsteigen.

„Beeilung!", ruft es wieder.

Er steigt in den Wagen und zieht die Tür hinter sich zu. Er dreht sich um und sieht Ike draußen im Schneetreiben. Bedford wird kaufen, was er in Cheyenne kaufen wollte, und dann zu der Siedlerstelle im Niemandsland am Fuße der Black Hills zurückkehren. Und dort wird er wahrscheinlich alle die bitteren Erfahrungen machen, die Bill schon hinter sich hat.

Bill zieht die Lederschlaufe der Rahmenhalterung auf sich zu und stößt das Fenster nach unten.

„Viel Glück in Kalifornien!", ruft Ike gegen das Heulen des Sturmes.

Bill hebt die Hand.

Ein grelles Pfeifen kommt von der 440 Lok. Ein Rucken geht durch die zwei angehangenen Wagen. Eine Rauchwolke hüllt Ike ein. Er hat die Hand etwas gehoben.

Bill nickt ihm zu. Dort vor den Bahnschuppen bleibt etwas zurück, von dem er glaubte, dass es ein Teil seines Lebens geworden ist. Es stimmt gar nicht.

Schnee wirbelt in die Höhe. Der Zug rollt durch eine Kurve.

„Mister, es zieht!", sagt eine helle Stimme.

Bill Jackson dreht den Kopf. Er sieht ein junges Mädchen mit weißblonden Haaren und sehr hellen Augen. Es hat einen Biberpelz um Schultern und Hals. Er murmelt eine Entschuldigung und stößt das Fenster nach oben.

Gegenüber dem Mädchen lässt er sich auf die Holzbank fallen. Er sieht den Koffer, der neben ihr steht. Dabei muss er daran denken, dass er nichts hat. Gar nichts, außer einer Fahrkarte nach Sacramento und ein paar Dollar Kleingeld. Dazu noch einen Colt und Patronen. Nicht einmal ein Gewehr besitzt er mehr. Als seine Armut so richtig in sein Bewusstsein gedrungen war, hatte er sich entschlossen, nach Kalifornien zu gehen.

Er sieht den Eisenbahn-Marshal. Der Mann sitzt ganz hinten im Wagen. Er redet mit einem anderen Mann, der wie ein Jäger aus den Bergen aussielht.

„Fahren Sie weit?", fragt Bill das Mädchen, nur um überhaupt etwas zu sagen.

Sie schüttelt den Kopf.

„Ich müsste am Abend ankommen. Ich will nach Hassel Junction in Colorado. Kennen Sie die Stadt?"

„Nein."

„Sie muss zweihundert Meilen abseits der Bahnlinie liegen. Ich werde abgeholt."

Bill lehnt den Kopf zurück. Er muss immer noch an die Siedlerstelle und die beiden Mädchen denken. War es richtig, dass er fortgegangen ist und Fancys Hoffnungen jäh zerstörte?

In Nebraska hatte er das Grab seiner jungen Frau zurückgelassen. Wenn er sich überlegte, erscheint es ihm richtig, dass er fort ging. Auch wenn sein Geld nicht reichte, um das Pferd mitnehmen zu können. In Sacramento wird er ein neues Pferd verdienen. Er lächelt bei dem Gedanken.

Das Schneetreiben draußen wird immer dichter. Schneidende Kälte dringt in den Wagen herein. Das Mädchen zieht den Biberpelz fester tun die Schultern. Es wird dunkel im Wagen.

„In Grand Island hat man erzählt, die Züge würden oft überfallen", sagt das Mädchen.

„Deshalb fährt wahrscheinlich auch der Marshal mit", erwiderte Bill mit einem Lächeln.

Sie blickte über die Schulter, dann wieder auf Jackson.

„Der Zug befördert Geld", raunt sie. „Ich hörte es zufällig. Unterwegs hat einer versucht, über das Dach in den Gepäckwagen zu kommen. Der Marshal nahm ihn fest."

„Ich sah den Mann", meint Bill. Es interessiert ihn nicht.

„Vierzigtausend Dollar", redet das Mädchen geheimnisvoll weiter.

„So?"

„Ja. Arbeiten Sie für die Bahn?"

„Ich?" Er lächelte. „So sehe ich sicher nicht aus, wie?"

Sie zuckte die Schultern.

„Das sieht man einem Mann hier draußen nie an."

Bill Jackson schließt die Augen, weil ihn das Gerede des Mädchens langweilt.

„Ich fahre zu meinem Onkel", sagt sie. „Er hat eine große Ranch in Colorado. Eine Stadt ist nach ihm benannt."

Widerwillig öffnete er die Augen wieder und nickt. Dann zieht er sich den Stetson über die Augen. Das Mädchen schweigt. Es scheint nun gemerkt zu haben, dass er müde ist.

 

*

 

Das plötzliche Kreischen der Räder und der Ruck, mit dem er aus dem Sitz gehoben und neben das Mädchen auf die Bank geschleudert wird, bringen Bill in die Wirklichkeit zurück.

Der Eisenbahn-Marshal schreit etwas Unverständliches, springt auf und reißt ein Fenster herunter. Der Zug kommt zum Stehen.

Der Marshal stößt die Tür auf.

„Was ist los?", hört Bill ihn gegen den scharfen Wind und den tobenden Schnee schreien.

Eine brummige Stimme antwortet etwas.

Bill steht auf. Er sieht den Marshal nach draußen springen und öffnet selbst die Tür. Die Männer hinten im Wagen reden alle durcheinander. Einer fuchtelt mit seinem Colt herum.

Bill springt in den knietiefen Schnee hinunter und geht hinter dem Marshal her zur Lokomotive. Er sieht den Heizer, der abgestiegen ist und vor die Lok zeigt. Hinter dem Marshal folgt er dem Mann.

Oben im Führerstand steht ein Mann im blauen Overall, ein Gewehr unter dem Arm und dreht sich hin und her.

Vor der Lok liegt ein großer, zugeschneiter Klumpen auf der Schiene.

Der Marshal stößt mit dem Fuß hinein. Ein braunes Fellstück wird sichtbar.

„Ein Büffel", sagt der Marshal. „Muss sich hier verletzt haben, liegengeblieben und erfroren sein. Los, Mann! Helfen Sie!"

Bill geht auf die beiden Männer zu. Zusammen versuchen sie, den eingeschneiten Büffel von der Schiene zu ziehen.

„Earl, hilf uns, wir schaffen es allein nicht!", schreit der Heizer.

Bill blickt nach hinten. Das Schneetreiben ist so dicht, dass er den Gepäckwagen nicht mehr sehen kann.

Der Lokführer ist abgestiegen. Vom Passagierwagen kommen die beiden anderen Männer.

„Ihr könnt mich doch nicht ganz allein lassen!", schreit das Mädchen.

„Dauert nur einen Moment!", brüllt der Marshal gegen das Toben. „Los, Männer! Alle zusammen!"

Sie packen an den steifgefrorenen Hinterläufen des Büffels an und zerren das tote Tier von der Schiene.

„Weiter!", kommandiert der Marshal. „So etwas kann vorkommen!"

Sie tappen durch den Schnee zum Wagen zurück. Lokführer und Heizer klettern auf die Maschine. Vor dem Passagierwagen bleibt der Marshal stehen und schaut zum Gepäckwagen hinter. Die Tür steht offen, und der Kopf des Schaffners ist zu sehen.

„Alles klar, Dice?", schreit der.Marshal.

„Ja, zum Teufel! Was war denn?"

„Nur ein erfrorener Büffel." Der Marshal schiebt die Männer vor sich in den Wagen hinein. Bill setzt sich dem Mädchen gegenüber nieder. Er friert und reibt sich die klammen Hände aneinander.

Der Marshal schlägt die Tür zu. Ruckend setzt sich der Zug in Bewegung. Das Fauchen der Dampfmaschine dringt bis in den Wagen herein.

„Ich werde mir das mit dem Büffeljagen überlegen, Marshal", sagt einer der Männer hinten im Wagen. „Was zahlt die Bahn dafür?"

„Weiß nicht. Kommt wohl darauf an, wie viele Herden gerade auf den alten Pfaden unterwegs sind. Fragen Sie in Odgen danach."

Ein verzerrter, unverständlicher Ruf dringt von draußen herein.

Der Marshal hebt den Kopf.

Wieder ein Ruf.

Da springt Tetley auf und rennt zum Fenster. Im gleichen Moment stoppt der Zug abermals hart, dass Bill in die Höhe geschleudert wird, sich aber an der Tür festhalten kann.

Der Marshal hat die Tür geöffnet.

„Der Gepäckwagen!", hört Bill Jackson den Heizer verzerrt schreien. Er stößt die Tür auf und blickt nach hinten. Der Gepäckwagen ist nicht mehr am Zug.

Da ist das ferne Knallen mehrerer Schüsse zu hören.

„Verdammt!", bellt der Marshal. „Verdammt, diesmal bin ich 'reingelegt worden. Zurück! Schneller!"

Ein Stoß geht heftig durch den Wagen. Die Lokomotive schiebt den kurzen Zug zurück.

 

*

 

Als der Zug hält und Bill aus dem Wagen springt, sieht er den Gepäckschaffner im Schnee neben der offenen Tür des abgehangenen Wagens liegen.

Der Marshal ist mit einem Satz auf dem Boden. Er hat seinen Colt in der Hand und zieht den Hammer schnappend zurück. Langsam geht er auf den abgehangenen Wagen zu.

Bill nähert sich dem Schaffner. Der Mann liegt auf dem Gesicht. Er liegt so, wie ein Toter liegt. Bill dreht ilhn herum und sieht vier Löcher auf der Hemdbrust des Mannes.

Der Marshal ist in den vVagen hineingesprungen. Bill hört ihn fluchen. Er selbst sieht eine breite Fährte, die nach Süden führt. Sie stammten von mehreren Pferden.

Als der Marshal aus dem Wagen kommt und seinen Colt ins Halfter schiebt, haben sich alle um den toten Schaffner versammelt. Auch das Mädchen steht frierend bei den Männern. Ihr Gesicht ist wachsbleich.

„Das Geld ist weg", sagt der Marshal. „Und Dice haben sie viermal erschossen. Warum nur?"

„Vielleicht waren es vier", vermutet Bill. „Vier Männer, die alles teilen wollten. Das Geld und die Arbeit."

Tetley nickt schwer, während er Bill unter halb geschlossenen Lidern fixiert.

„Kann sein", stimmt er zu. Er blickt zum Lokführer weiter. „Vielleicht bekommst du auf der nächsten Station einen neuen Begleiter, Earl. Die Burschen werden sich höllisch wundern, wie schnell wir sind!"

Der Lokführer knurrt böse.

„Wohin wollen Sie?", wendet sich der Marshal an Bill Jackson.

„Dorthin, wo es wärmer sein soll", grinst der. „Kalifornien."

„Ich habe im Wagen zwei Pferde. Die Banditen waren Narren, dass sie sie nicht mitnahmen. Wenn Sie sich fünfzig Dollar verdienen wollen, nehme ich Sie mit."

Bill denkt daran, dass er verdammt wenig Betriebskapital für Sacramento hat.

„Und wenn Sie die Spuren verlieren?", fragt er zurück.

„Sie bekommen Ihr Geld, wenn Sie mitmachen. Ich habe Vollmachten in solchen Fällen. Wenn es wirklich vier waren, können es zwei zuviel für mich sein. Also?"

„Gut", sagt Bill und blickt das Mädchen an. „Gute Reise, Miss!"

Tetley hat sich schon dem Gepäckwagen zugewandt, aus dem er zwei Pferde zieht. Der Heizer wirft zwei Mc Clellan-Sättel in den Schnee.

Sie satteln die Pferde.

„Ein Gewehr haben Sie auch nicht, wie?", brummt der Marshal.

„Nein."

„Hier!" Tetley gibt Bill eine siebenschüssige Spencer, die der in den Scabbard steckt.

„Wollen Sie mich nicht vereidigen?", erkundigt sich Bill. „Es geht schließlich um eine Menge Geld, wie ich hörte."

Ein scharfer Blick Tetleys trifft ihn.

„Wir wollen es nicht spannender als nötig machen", meint er. „Und geben Sie sich keinen falschen Hoffnungen hin. Auf einen kann ich gut aufpassen."

„Keiner von uns kennt ihn", wendet der Lokführer ein.

„Willst du mit mir kommen?", fragt Tetley.

„Ich?"

„Allein habe ich zwar keine Angst, Earl. Aber der Bahn wird es um das Geld und nicht um meine Angst gehen."

„Ich verstehe. Viel Glück!"

 

*

 

„Ich habe in Cheyenne von Ihnen gehört, Tetley", sagt Bill, während sie sich vom Schneetreiben nach Süden schleppen lassen.

„Ich reite für die Bahn, seit die ersten Schienen verlegt wurden, Jackson", bellt der Mann zurück. „Ich musste mir eine Menge Wind um die Nase weihen lassen. Ein harter Job. Aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Heute konnte ich mir nichts anderes mehr vorstellen."

„Und Sie können so einfach einen Mann anstellen?"

„Unsinn. Ich bezahle Sie aus meiner Tasche, Jackson. Ich habe viel Geld verdient. Prämien von Banken, Kopfprämien und einen netten Lohn. Ich habe mich einmal mit fünf Mann gleichzeitig herumgeschlagen. Der Erfolg war, dass ich drei erledigte, während die beiden letzten mit der Beute durchlbrannten. Das hat keinen Sinn. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste."

Bill blickte auf die Fährte vor ihnen. Sie besteht aus nichts weiter als einer Rinne im Schnee, die aber infolge des ständigen Treibens immer flacher wird. Er denkt daran, dass die Spur nicht mehr zu sehen sein wird, wenn sie die Banditen in einer Stunde nicht eingeholt haben. Außerdem wird es jetzt rasch dunkel.

Tetley flucht wieder auf seine wilde, zügellose Art. Er scheint auch gemerkt zu haben, dass es schlecht aussieht.

„So haben sie es mit mir noch nie gemacht", meint er nach einer Weile. „Die Bahn fährt jetzt schon den dritten Monat bis zur Westküste durch. Ich hatte geglaubt, alle ihre Tricks zu kennen. Aber wahrscheinlich erfinden sie jeden Tag neue dazu."

Die Pferde stampfen durch den hohen Schnee. Bill friert immer mehr. Dabei dampfen die Pferde. Er springt ab, greift nach den Zügeln und zieht das Pferd.

Tetley reitet an ihm vorbei.

„So geht das nicht, Mann!", ruft der Eisenbahn-Marshal. „Sie sind zu langsam!"

Bill rennt ein Stück, dann gibt er auf. So kann er mit dem eisenharten Marshal nicht Schritt halten. Er steigt wieder auf und folgt Tetley schnell. Als sie wieder nebeneinander sind, sagt der Marshal: „Ich hätte Alvis mitgenommen. Das ist der Mann, der für die Western Pacific Büffel jagen will. Aber ich wusste, dass er nicht durchhalten kann. Sie waren der einzige, dem ich das zutraute. Machen Sie mir jetzt keine Schande, Mann!"

Bill reißt sich zusammen. Er will Tetley sagen, dass dessen Ausrüstung weit besser ist als seine eigene, aber dann lässt er es. Damit kann er nichts ändern.

Sie kommen über den Hügel, und Bill hat für einen Moment das Gefühl, als würde der Schneesturm ihn aus dem Sattel heben. Dann haben sie die Kuppe hinter sich. Die Hauptmacht des Sturmes tobt eine Weile über sie hinweg.

Plötzlich halten sie vor einer Schneewehe. Die Spur ist zu Ende.

Tetley treibt sein Pferd in den über einen Meter hohen Schnee hinein.

„Weiter geradeaus", bestimmt er. „Bis jetzt sind sie stur nach Süden geritten. Wenn wir Glück haben, bleiben sie vielleicht dabei."

Bill folgte dem Marshal durch die Schneewehe. Auch dahinter ist die Spur nicht mehr zu sehen. Ihm kommt langsam zu Bewusstsein, dass er ein Narr war. Nur ein Narr kann für fünfzig Dollar an so einer höllischen Verfolgung teilnehmen, die unter Umständen in der Hölle endet. Vielleicht erfrieren sie irgendwo, ohne die Banditen zu Gesicht bekommen zu haben.

„Kommen Sie neben mich!", schreit der Marshal über die Schulter. „Wenn man nicht einmal reden kann, frieren mir noch die Lippen zu!"

Bill treibt sein Pferd neben den Marshal.

„Sie haben mit dem Mädchen gesprochen, nicht wahr?", fragt Tetley.

„Ja."

„Was hat sie erzählt?"

„Sie will zu ihrem Onkel. Einem Rancher in Colorado."

Tetley lacht grimmig auf.

„Verfluchtes Weib", schnaubte er. „Jedesmal eine andere Geschichte. Vor Cheyenne erzählte sie einem Mann, sie würde in Colorado einen Minenbesitzer heiraten. Sie ist aus meiner Gegend. Grand Island. Und wissen Sie, was sie ist?"

„Keine Ahnung."

„Ein Tanzgirl. Manchmal hätte ich sie deshalb bedauert. Aber sie hatte immer zu sehr den großen Rand." Tetley spuckt grimmig in den Schnee und starrte wieder nach vorn.

„Los, erzählen Sie was!", zischt er nach einer Weile.

„Ich weiß nichts."

„Woher kommen Sie?"

„Das ist uninteressant, Tetley. Außerdem tun mir die Zähne weh, wenn ich den scharfen Wind in den Mund bekomme."

Tetley zügelt sein Pferd mit einem heftigen Ruck und duckt sich im Sattel zusammen. Bill wartet auf eine schrille Erwiderung, aber Tetley hebt plötzlich die Hand.

„Dort brennt Licht", sagt er. Sein Arm schiebt sich langsam nach vorn. Bill dreht den Kopf und späht scharf durch das weiße Treiben. Unwirklich sieht auch er nun einen Schimmer durch die Dunkelheit dringen.

Tetley springt ab, und Bill Jackson folgt seinem Beispiel. Er denkt daran, dass die Banditen nur einen kurzen Vorsprung hatten. Wenn sie wirklich dort vorn sind, wo das Licht brennt, so können sie erst angekommen sein.

„Schön langsam jetzt", sagt Tetley. „Sie rechnen bestimmt nicht mit uns."

Ihre Schritte knirschen durch den Schnee. Je näher sie kommen, umso deutlicher ist der Lichtschein zu sehen. Bill wundert sich, wie gut der Marshal sehen kann.

Dann erkennt er eine Hütte zwischen zwei hohen Eisenholzbäumen. Ein paar niedrige Föhren stehen dahinter.

Tetley ist wieder stehengeblieben. Er nimmt Bill die Zügel aus der Hand und knotet sie mit denen seines Pferdes zusammen.

„Wenn wir Pech haben, laufen uns die Pferde fort", raunt Tetley ihm zu. „Aber da vom finden wir frische Pferde. Also los!"

Langsam gehen sie näher auf die Hütte zu. Sie sind fast bei dem einen Eisenholzbaum, als eine Tür knarrend aufgestoßen wird und eine Lichtbahn bis zu den Föhren fällt. Ein Mann taucht auf.

Tetley greift nach Bills Arm, während er den Colt aus dem Halfter zieht.

„Also dann, Freunde!", hören sie den Mann vor der Tür sagen. „Ich hoffe, ihr seid damit zufrieden. Es war meine Idee und mein Trick. Und ich habe euch dafür fair bezahlt."

„Schon gut, Dale", sagt eine Stimme aus der windschiefen Hütte heraus. „Du brauchst keine Angst zu haben, dass wir nach Hassel Junction kommen und mehr haben wollen. Aber wenn du nichts dagegen hast, wenden wir deinen Trick irgendwann noch einmal an."

Bill versucht, den Mann vor der Hütte im ungewissen Licht zu erkennen, aber es gelingt ihm nicht. Er sieht nur die Umrisse und einen großen Hut, den sich der Mann anscheinend bis tief über die Augen gezogen hat.

In diesem Augenblick wendet sich der Mann ab.

„Halt!", schreit Tetley.

Der Mann zuckt zusammen.

„Hände hoch!", donnert der Marshal.

Da ist der Schatten aus der Lichtbahn verschwunden. Ein Fluch dringt aus der Hütte. Das Licht geht aus. Mit einem donnernden Grollen entlädt sich Tetleys Revolver.

Bill steht einen Moment vom grellen Mündungsblitz geblendet und kann nichts sehen. Er spürt seinen Colt in der Hand, hört einen brüllenden Abschuss neben sich und das Sirren einer Kugel. Ein höhnisches, verzerrtes und unwirklich klingendes Gelächter vermischt sich damit.

Dann ist für einen Moment Hufschlag im dämpfenden Schnee zu hören. Ein Pferd schnaubt. Wieder das Krachen eines Schusses. Das Pferd ist nicht mehr zu hören.

Bill spürt, wie Tetley ihn nach links drängt. Er rutscht im Schnee und prallt mit der Schulter gegen die Rinde des Eisenholzbaumes. Sein Colt zuckt im Rückstoß. Mit einem hellen Pochen frisst sich seine Kugel in die morschen Fichtenstämme der Hüttenwand.

„Alle Teufel!", ruft jemand.

„Hebt die Finger hoch und kommt heraus!", schreit der Marshal hinüber.

Die Antwort ist eine Schussfolge. Neben Bill kratzt ein Geschoss an der Rinde entlang und schleudert ihm etwas davon ins Gesicht. Er schießt zurück, hört einen Fluch und dann nach dem dritten Schuss einen langgezogenen Schrei.

„Der hat keine Sorgen mehr", schnauft der Marshal und schiebt frische Patronen in die Trommel seines Colts. „Haben Sie gehört, was der andere sagte?"

„Ja."

„Den kaufen wir uns auch noch. Hassel Junction ist in Colorado. Hat Ihnen Kate Solar nicht gesagt, dass ihr Onkel dort seine Ranch hat?"

„Das Mädchen aus dem Zug?"

„Ja."

„Das hat sie gesagt."

„Na also. Alle ihre Geschichten enden in Hassel Junction. Wahrscheinlich ist das das einzig Wahre daran. Würde mich nicht wundern, wenn wir sie dort treffen."

Tetley schießt wieder auf die Hütte. Von dort krachen Gewehre.

„Hinlegen!", schreit der Marshal.

Bill lässt sich in den Schnee fallen. Vor ihm wird von einer Kugel eine Fontäne in die Höhe gerissen. Er schießt wieder auf die Hütte, rollt sich dann einmal um seine eigene Achse und liegt hinter dem Eisenholzbaum.

Eine Serie Schüsse tackt aus dem Fenster. Dann knallt irgend etwas.

„Sie wollen abhauen!", schreit Tetley und springt auf.

Bill folgt ihm. Sie hasten auf die Hütte zu. Pferde schnauben. Schattenhaft sieht Bill ein Pferd auftauchen. Ein Reiter sitzt auf dem Rücken. Er hebt den Colt, als Tetley neben ihm schon schießt. Der Mann fällt zu Boden. Tetley rennt hinter dem Pferd her und hechtet nach den schleifenden Zügeln.

Bill dreht sich um und sucht nach einem zweiten Reiter, aber er sieht keinen mehr.

Tetley beugt sich über den Mann, den er aus dem Sattel geschossen hat.

„Tot", stellt er fest. Er untersucht die Taschen des Mannes und hält auf einmal ein Bündel Geldscheine in der Hand.

Bill geht auf ihn zu. Tetley schiebt das Geld in die Tasche und wendet sich der Tür zu. Er hat sie gerade erreicht, als wieder ein Schuss kracht. Die Kugel und der Widerschein des Mündungsblitzes kommen aus der Hütte heraus.

Tetley stößt einen gepressten Fluch über die Lippen und fällt.

Bill steht stocksteif. Einer ist also noch drin. Aber wieso? Ein Knall und ein heißer Strich an seiner Wange lassen ihn herumfahren. Er wirft sich nieder.

Die nächste Kugel geht über ihn hinweg und wimmert ins Geäst der Föhren.

„Komm her!", keucht eine Stimme aus der Hütte. „Komm her, Sternträger! Ich kann nicht aufstehen. Aber schießen kann ich noch!"

Wieder ein Schuss und eine Furche links von Bill. Er springt auf und hetzt zur Hüttenwand. Eine Kugel schrammt über seinen Arm. Dann kracht er gegen die dünnen, morschen Stämme, dass die ganze Hütte erzittert.

Er blickt auf Tetley, der eben den Kopf mit einer müden Bewegung hebt und wieder sinken lässt.

„Der ist fertig", grollt die Stimme aus der Hütte. „Du musst allein kommen!"

Bill schiebt sich etwas von der Wand ab, um einen Blick in die Hütte werfen zu können. Er sieht einen zuckenden, rötlichen Lichtschein. Das Herdfeuer scheint zu brennen. Er denkt an Wärme, und gleichzeitig daran, dass er nicht ewig hier draußen stehen und warten kann.

Mit einem Satz wirft er sich in die Hütte hinein. Er landet auf etwas Weichem, und als er zugreift, spürt er einen Haarschopf zwischen den Fingern. Krachend schlägt der Tisch um und begräbt ihn unter sich. Das Donnern eines Colts klingt in dem engen Raum wie ein Kanonenschuss.

Er schleudert den Tisch von sich und springt hoch. Im zuckenden Feuerschein sieht er einen Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Der rechte Arm des Mannes hängt am Körper schlaff nach unten. In der linken Hand hat der Bandit einen rauchenden Colt.

Da schießt Bill. Die Kugel trifft den Verbrecher so gewaltig, dass der mit dem Stuhl neben dem Herdfeuer umgeworfen wird.

Bill lässt den Colt ins Halfter gleiten und wendet sich um. Neben der Tür liegt ein Mann auf dem Gesicht. Es muss der sein, der zuerst getroffen wurde. Von ihm getroffen.

Bill leckt sich den Pulvergeschmack von den Lippen und geht hinaus.

Tetley hat wieder den Kopf gehoben. Bill ist es, als hätten sich tiefe Linien in das Gesicht des Marshals eingegraben.

„Ich helfe Ihnen, Tetley", sagt er. „Ich muss nur Platz machen."

„Die Pferde", haucht der Marshal schwach. „Vergessen Sie die Pferde nicht!"

 

*

 

Bill Jackson dreht den Docht der Lampe höher, so dass das eingefallene Gesicht des Marshals aus der Dunkelheit gerissen wird. Er hat Tetley die Jacke geöffnet. Auf dem Hemd sieht er einen dunklen Fleck, der ungefähr dort ist, wo das Herz des eisenharten Mannes schlagen muss. Vielleicht auch etwas tiefer. Bill weiß es nicht so genau.

Er geht zum Plerd und schiebt Holz ins Feuer. Das Wasser im Kupfertopf über den Flammen singt immer noch nicht.

„Jackson!"

„Ja?", fragt Bill und wendet sich um.

„Wieviel Geld?"

„Zwanzigtausend Dollar, Tetley", sagt Bill. „Mehr konnte ich nicht finden."

Tetley scheint zu nicken. Vielleicht ist es auch nur das auf und ab zuckende Licht, das Bill Jackson täuscht.

„Es stimmt", meint der Marshal mit rasselndem Atem. „Vier Mann haben sich die Arbeit geteilt. Aber nicht das Geld. Einer heißt Dale. Haben Sie … es gehört?"

„Ja." Bill schiebt noch mehr Holz in das Herdfeuer.

„Lassen Sie das, Jackson. Es hat keinen Sinn mehr. Wir brauchen kein warmes Wasser."

„Ich werde Ihnen die ..."

„Das hat keinen Zweck. Sie wissen es so gut wie ich."

„Tetley, solange ein Mann lebt, ist auch noch Hoffnung. IBM ..."

„Sie werden sich neben mich setzen und mir zuhören, Jackson. Glauben Sie mir: ein Mann wie ich weiß, wann es soweit ist."

Bill zögert einen Moment. Er sieht an dem scharfen Grat auf Tetleys Nasenrücken, wie recht der Mann hat. Seine Zeit ist abgelaufen. Er hat Pech gehabt. Er hat sich geirrt, als er dachte, in der Hütte wäre kein Leben mehr. Irgendwie war er zu hastig.

Bill zieht sich den Stuhl heran und setzt sich neben den Eisenbahn-Marshal. Der Stuhl wackelt. Es ist der, auf dem der Verletzte saß, den er erschoss. Jetzt liegen die Toten draußen im Schnee. Bald werden sie so steif wie der Büffel sein, den sie auf die Schiene zerrten. Wahrscheinlich hatten sie ihre Pferde dazu genommen, um ihn auf den Bahndamm schleifen zu können.

Tetleys Hand zittert, als er in die Hosentasche greift. Er bringt seinen silbernen Stern zum Vorschein, auf dem „US Marshal" steht.

„Ich hatte ihn immer in der Hosentasche", sagt er mit schwacher, fast schon versagender Stimme. „Die Bahngesellschaft hat ihn mir gegeben, als ich anfing. Es war gleich nach Ende des Krieges. Vielleicht eine lange Zeit. Die anderen hatten weniger Glück. Manche gaben auch wieder auf. Du solltest auch wieder aufgeben. Nicht jetzt!"

Bill blickt auf den Stern, auf dem sich das Licht der Lampe und das Herdfeuer brechen. Er denkt wieder daran, dass er sich viel Ärger erspart hätte, wenn er im Zug geblieben wäre.

Verdammt, er war Passagier. Er hatte eine Fahrkarte bezahlt! Das Geld der Bahn ging ihn einen Dreck an! Vielleicht hat Ike Bedford wirklich recht, Vielleicht ist er weiter nichts als ein Abenteurer, der ständig neue Abwechslungen und Kämpfe sucht und niemals sesshaft werden kann.

„Ich ..." Er bricht wieder ab, weil er nicht weiß, was er eigentlich sagen will.

„Der Schnee und die Kälte haben die Erde hart wie Stein gemacht", sagt Tetley. „Es ist nicht möglich, einem Sterbenden den letzten Dienst zu versprechen. Du weißt, was ich meine."

Bill steigt etwas in die Kehle. Er hat schon viele Männer sterben sehen. Aber jedesmal war es anders. Und doch immer irgendwie gleich. Er spürt, dass sein Herz rasend schnell schlägt. Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts.

„Mich brauchst du nicht zu täuschen", meint Tetley. „Ich wurde hier draußen groß. Bei diesem Wetter bringt man einen Toten nicht unter die Erde. Willst du mir etwas anderes versprechen?"

Bill sieht, wie sich die Hand mit dem Stern in seiner Richtung bewegt. Er weiß, was das bedeuten soll. Er blickt in Tetleys Augen und bringt nicht über die Zunge, was er sagen will.

„Das Geld muss nach Reno gebracht werden", redet der sterbende Marshal weiter. „Nicht nur die zwanzigtausend Dollar. Alles! Vierzigtausend!"

Bill schluckt den Kloß hinunter, aber er steigt wieder in seine Kehle.

„Ich weiß nicht einmal, ob ich als Marshal einen anderen zum Marshal ernennen darf. Wahrscheinlich nicht. Trotzdem bitte ich dich darum. Jackson, nimm den Stern! Wenigstens bis Reno! Die Stadt liegt an der Bahn. An der westlichen Grenze von Nevada."

Tetley schließt die Augen. Sein rasselndes Atmen wird leiser.

Bill bewegt sich nicht. Er denkt, dass es nun zu Ende ist, und er hat den Stern nicht genommen.

Da öffnet Tetley die Augen wieder.

„Du hast etwas an dir, zu dem ich Vertrauen habe", sagt der Marshal leise aber klar. „Das war es schon, weshalb ich dich mitnahm. Nicht das andere, von dem ich sprach. Natürlich kannst du den Stern wegwerfen, wenn du mit dem Geld etwas anderes vorhast. Aber ich glaube ...“

Und Bill greift nach dem Stern.

So etwas wie ein Lächeln zieht flüchtig über das Gesicht des Marshals.

„Leg mir die Hand mit dem Stern auf den Arm!", fordert Tetley.

Bill tut es.

Tetley murmelt eine Eidesformel und fordert Bill auf, nachzusprechen. Bill tut es, ohne sich die Worte merken zu können. Sie sind wohl auch gleichgültig.

„Du wirst das Geld nach Reno bringen", murmelt Tetley. „Ich spüre das. Geh jetzt hinaus."

Bill blickt ihn überrascht an.

Bill spürt den Schweiß, der an seinen Handflächen brennt. Er blickt Tetley nicht an und weiß nicht, ob der die Augen noch offen hat. Vielleicht stirbt er jetzt.

Plötzlich schämt er sich für diesen Gedanken und dreht den Kopf.

Tetley hat die Augen doch noch offen.

„Es ist jetzt soweit. Ich will allein sein. Hörst du die Wölfe heulen?"

Bill nickt. Das scharfe, ferne Geheul schlägt schon lange an seine Ohren.

„Sie finden alles", sagt Tetley gedehnt. „Sie scharren auch den tiefsten Schnee weg. Vielleicht solltest du die Hütte anbrennen. Ich wäre dir dankbar dafür."

Bill geht wortlos zur Tür und tritt in die Nacht hinaus. Der Schnee treibt in sein brennendes Gesicht. Das Heulen der Wölfe klingt näher. Er lauscht in die Hütte hinein, hört aber nichts. Da spürt er, dass er den Stern noch immer in der Hand hat. Er ist ein Marshal. Vielleicht ist er es auf eine Art geworden, die außerhalb der Legalität liegt. Doch er weiß in dieser Minute, dass er sein Versprechen einlösen wird. Er wird für eine Bahngesellschaft reiten, die von seiner Existenz sicher nichts weiß. Für einen Moment ist er versucht, über sich selbst zu lachen. Dann muss er an Tetley denken. Dieser Mann hat die Sache verdammt ernst genommen. Er wird es auch tun. Er wird das Geld beschaffen und nach Reno in Nevada bringen.

Aus der Hütte dringt immer noch kein Geräusch. Er geht zu den Bäumen hinüber, wo er die Pferde angebunden hat. Die drei Toten liegen in der Nähe, und die Pferde sind unruhig.

Er fragt sich, wie er einen Mann, der sich Dale nennt, in Hassel Junction finden soll. Vielleicht kehrt der Mann mit zwanzigtausend Dollar in der Tasche gar nicht in die Stadt zurück, aus der er kam. Aber sagten die Banditen nicht, dass er keine Angst vor ihnen in Hassel Junction zu haben brauchte?

Was mag es für ein Mann sein? Bill denkt daran, dass schon mancher arme Schlucker aus purer Not auf schlimme Gedanken kam.

Vielleicht ist es wirklich ein in Colorado ansässiger Mann. Vielleicht ein Siedler, der eine große Familie hat und nicht wusste, wie er sie über den Winter bringen sollte.

Was soll er tun, wenn er auf so einen Mann trifft und die Augen hungriger Kinder auf sich gerichtet sieht? Wird es dann reichen, wenn er daran denkt, dass ein Bahnschaffner und ein Marshal erschossen wurden?

Der Mann hat den Marshal gar nicht erschossen. Aber der Schaffner war von vier Kugeln durchbohrt. Irgendwie muss Tetleys Theorie stimmen, dass die vier Banditen jeder einen Schuss abgaben, von denen jeder für sich tödlich sein musste.

Als er die Hütte betritt, sieht er, dass Tetleys Augen gebrochen zur Decke starrten. Er ist so gestorben, wie er lebte: hart und einsam!

Bill geht auf den Mann zu und drückt ihm die Augenlider herunter. Er nimmt das Geld mit einer mechanischen Handbewegung vom Tisch und steckt es ein. Dann trägt er die beiden Toten in den Raum, nimmt die Lampe von dem rostigen Draht, der von der Decke hängt, und schleudert sie gegen die Wand.

Der penetrante Petroleumgeruch breitet sich aus. Die Flüssigkeit rinnt an der Wand nach unten, und die Flammen rennen hinterher. Es wird heller in der Hütte.

Rauch quillt Bill Jackson entgegen, als er zur Tür geht.

Die Pferde stampfen im Schnee und zerren an den Zügeln. Bill halftert sie aneinander, steigt in den McClellan-Sattel und reitet los. Hinter ihm prasselt das Feuer. Er ist noch keine fünfzig Meter gekommen, als das Dach in die Hütte hineinbricht und ein Funkenregen in die Höhe stiebt, um wieder zusammenzubrechen. Roter Feuerschein leuchtet bis zu den Föhren und Eisenholzbäumen.

Bill reitet über einen Hügel. Noch nie hat er einen Mann so beerdigt. Aber sicher hat Tetley recht. Es ist besser, als von den Wölfen aus dem Schnee gescharrt zu werden.

 

*

 

Der Stallmann in Central City furcht die Stirn, als er den Mann mit den vier ledigen Pferden hinter sich aus den nördlichen Bergen kommen sieht.

„Unglaublich", murmelt er.

„Was?", fragt der greise Storekeeper, der stehengeblieben ist.

„Dass ein Mann bei diesem Schneetreiben durch die Berge steigt."

„Ja. Und auch noch heute! Aber vielleicht weiß er gar nicht, dass Weihnachten ist."

Der Reiter kommt langsam näher. Winzige Eiskristalle hängen an seinen Brauen und geben ihm ein seltsames Aussehen.

Bill Jackson blickt an den Häuserzeilen entlang. Er kann sich nicht erinnern, schon einmal hiergewesen zu sein.

Vor dem Stallmann hält er an.

„Wie heißt diese Stadt?", fragt er.

„Central City, Fremder."

„Aha. Kennen Sie eine Stadt, die Hassel Junction heißt?"

Der Stallmann schüttelt den Kopf.

„Hast du das schon einmal gehört?", wendet er sich an den Storekeeper.

„Lass mich nachdenken! Doch, ja, das hörte ich schon. Im letzten Sommer. Es soll dort einen mächtigen Rancher geben. Das ist da drüben, hinter den Bergen." Die Hand des Mannes zeigt auf die schneebedeckten und teilweise blank gefegten Gipfel im Westen.

„Noch weit?"

„Etwa einihundertfünfzig Meilen können es sein", sagt der Mann. „Ich fürchte aber, dass es um diese Zeit keinen Weg da hinüber gibt."

„Ist in den letzten zwei Tagen ein Mann hier durchgekommen, der auch nach Westen wollte?", erkundigt sich Bill.

Die beiden Männer schütteln bestimmt die Köpfe, und der Stallmann sagt: „Sicher nicht, Stranger!"

„Dann muss es noch einen anderen Weg nach Hassel Junction geben."

„Wollen Sie die Pferde alle mitneihmen? Ich würde Ihnen ein paar davon abkaufen. Jetzt im Winter ist die Armee ein dankbarer Abnehmer."

Bill blickt auf die Berge. Hinter den ersten Gipfeln scheint eine senkrechte Schneewand zu stehen.

„Ich glaube, ich werde sie besser mitnehmen", sagt er. Suchend hält er nach einem Saloon Ausschau. Er denkt daran, dass es besser ist, wenn er den nächsten Morgen abwartet. Er wird oft genug im Freien kampieren müssen.

„Heute ist Weihnachten", sagt der Storekeeper.

Bill, der schon absteigen wollte, lässt sich wieder in den Sattel fallen.

„Weihnachten?", fragt er verblüfft.

„Ja. Das wird hier in Central City sehr nett gefeiert. Hier leben viele Männer, die noch in Europa in die Schule gingen."

„Ach so. Dann werde ich besser reiten."

„Das ist aber nicht nötig."

„Ich glaube, doch", beharrt Bill. „Weihnachten ist ein Fest der Familie. Einen einsamen Mann erinnert es nur daran, wie einsam er ist." Kratzig schnalzt er mit der Zunge.

Kopfschüttelnd blicken ihm die beiden Männer nach.

 

*

 

Zwei Tage später rutscht sein Pferd ab und drängt Tetleys Braunen mit sich in den Abgrund.

Bill Jackson rettet sich durch einen Seitensprung und kann sich an einem Busch mit durchgefrorenen Händen festhalten.

Steine poltern in die Schlucht hinunter. Ein markerschütterndes Wiehern schallt zur Bergschulter herauf.

Die drei anderen Pferde drängen zurück. Hastig springt Bill auf und hält sie fest. Er beglückwünscht sich jetzt dazu, kein Pferd verkauft zu haben. Er zieht den Sattelgurt des nächsten Tieres fest und steigt auf.

„Weiter!", schnarrt er.

Zögernd und tastend setzen sich die Tiere in Bewegung. Schneidender Wind fährt über die vom Schnee freigefegte Höhe.

Bill Jackson denkt daran, dass er sein Versprechen nur einlösen kann, wenn er durchhält. Natürlich hätte er in Central City die Schneeschmelze abwarten können. Aber was wäre dann gewesen? Hätte er noch jemals eine Chance gehabt, das Geld bekommen zu können?

Aber wird er so eine haben? Er muss immer wieder an den Ruf denken, der aus der windschiefen Hütte schallte, als der eine Mann davor in der verschwommenen Lichtbahn aufgetaucht war. Es hatte so geklungen, als denke dieser Mann gar nicht daran, eine andere Stadt als Hassel Junction aufzusuchen.

Der Pfad windet sich, an den Berg geklebt, um eine Steilwand herum. Das Pferd unter seinem Sattel ist stehengeblieben. Es schnaubt ängstlich und ein Zittern durchläuft den Körper. Die Unruhe geht auf Bill Jackson über. Die schneidende Kälte hat ihm Tränen in die Augen getrieben, und so kann er nicht sehen, wie tief die Schlucht an der Seite ist.

„Weiter!", drängt er und drückt mit den Absätzen.

Das Pferd schnaubt und weicht zurück. Da steigt Jackson ab, drängt sich an dem verängstigtem Tier vorbei und nimmt die Zügel kurz. Er zieht das Pferd weiter.

Als er um eine Kante kommt, springt ihn der Wind mit elementarer Gewalt an und will ihn wie ein Stück Papier zurückschleudern. Er spürt, wie seine Schulter das Maul des Pferdes berührt, und wie er unfähig ist, noch einen Schritt vorwärts zu machen.

War er ein Narr?

Schnee weht ihm entgegen. Die Kälte ist so beißend, dass ihm die Zähne schmerzen, als er den Mund öffnet, weil er durch die Nase keine Luft mehr bekommt.

Verdammt, er war wirklich ein Narr, als er aufbrach, um durch die ihm unbekannten Berge zu reiten. Um zwanzigtausend Dollar für eine ihm unbekannte Bahngesellschaft zurückzuholen. Und um einen Mörder zu stellen, den er ebenfalls nicht kennt und mit dem ihn nichts verbindet.

Der Schnee hat sich vor ihm zu einem Haufen aufgetürmt, der immer höher wird. Er spürt die Füße in den Stiefeln nicht mehr. Zugleich weiß er, dass er die Pferde hier auf der Felsleiste nicht einmal wenden könnte, um nach Central City zurückzukehren.

Er hat zwanzigtausend Dollar in der Brusttasche. Er könnte sich ein warmes Zimmer nehmen und den besten Whisky trinken. Er könnte mit den Mädchen scherzen und spielen, die es schließlich in jeder Präriestädt gilbt und die um diese Jahreszeit bestimmt keine großen Ansprüche stellen.

Bisher hat er nie ebwas anderes als seine eigenen Interessen vertreten. Niemals fasste er etwas an, das ihn nichts anging.

Warum nur auf einmal? Was hat ihn dazu getrieben, Tetley etwas zu versprechen? Stimmt es, was Ike sagte, dass er nichts als ein Abenteurer ist, der nur immer etwas anderes und Neues erleben muss?

Der Schnee reicht ihm schon bis über die Knie. Die Pferde schnauben immer ungeduldiger. Da lässt der steife, kalte Wind etwas nach.

Bill Jackson kämpft sich durch die Wehe hindurch und geht an der Felswand entlang weiter. Er wird nicht umkehren. Und vielleicht ist es gut, wenn er sich auch keine Gedanken mehr darüber macht, warum er den Stern nahm, den Tetley ihm nach seinen Dienstvorschriften vielleicht nicht einmal geben durfte. Vielleicht wird er ausgelacht, wenn er das in Hassel Junction erzählt.

Kein Wort wird er sagen. Er ist ganz einfach der Marshal.

Der Weg beschreibt einen Bogen um den Berg herum und fällt dann steil ab. Bills Stiefel rutschen plötzlich. Er will sich an der Wand festhalten, aber sie ist hier so glatt, dass er nirgends zugreifen kann. Die Zügel gleiten durch seine froststarren Finger. Hinter sich hört er das Wiehern, während er fällt und immer schneller wird. Er denkt, dass das sein Ende sein muss, als er hart gegen etwas schrammt und benommen liegenbleibt.

Die eisige Kälte und der Schnee, der vom Wind über den Kragen und unter sein Halstuch gewirbelt wird, bringen ihn schnell in die Wirklichkeit zurück. Er richtet sich an der Wand auf und sieht, dass der abfallende Weg gegen den Felsen gelaufen ist und nun an diesem entlang nach links biegt.

Bill weiß, dass er eben unwahrscheinliches Glück hatte. Ausgerechnet hier läuft der Weg anders herum, als es meistens der Fall ist.

Er zittert noch nachträglich und versucht sich einzureden, dass es an der Kälte liegt. Da sieht er das erste Pferd vor sich auftauchen. Er greift nach den Zügeln und geht weiter. Irgendwie muss er es schaffen, muss er diese gnadenlose Einsamkeit hinter sich bringen.

 

*

 

Als es dunkel wird, sieht er zwei grünlich schillernde Lichter, die sich genau vor ihm langsam nach links und rechts bewegen.

Seine starre Hand tastet nach dem Colt und zieht ihn langsam aus dem Halfter.

Die Lichter bewegen sich immer noch hin und her. Plötzlich drängen die Pferde rückwärts. Ihr ängstliches Wiehern schallt in das leise Fauchen des eisigen Windes hinein.

Ein Knurren ist zu hören, ein kurzer, abgerissener Heulton, und plötzlich nähern sich die beiden grünlich schillernden Lichter sehr schnell.

Bills Arm zuckt im Rückstoß des Frontiercolts. Der rotgelbe Feuerblitz blendet ihn für zwei Sekunden. Vor ihm schlägt etwas in den Schnee. Er beugt sich vor und erkennt, dass es ein Wolf ist. Ein schmaler, langer Körper. Ein Tier, das der Hunger in die Nähe eines Menschen trieb.

In diesem Moment spürt Bill seinen eigenen Hunger. Er will das Pferd weiterziehen, aber es hat die Vorderläufe eingestemmt und wiehert. Da geht er vorwärts und stößt den Körper von der Felsleiste. Nun bringt er die Pferde weiter.

Die Stunden vergehen. Bill hält nicht an. Vielleicht würde er nie mehr aufwachen, wenn er sich irgendwo niederlegt und einschläft.

Er kommt in ein großes, blank gefegtes Tal. Vor sich sieht er Lichtschein durch die Nacht leuchten. Seine Schritte knirschen im Schnee, so kalt ist es. Er geht auf das Licht zu.

„Halt!", kommandiert eine Stimme, als er die Hütte fast erreicht hat.

Bill Jackson bleiibt stehen. Obwohl er die Drohung deutlich aus der Stimme heraushören konnte, ist er erleichtert. Dort in der Hütte ist Schutz vor der Kälte, vielleicht sogar Wärme. Und vielleicht auch etwas zu essen für ihn. Fünfzig Dollar des Geldes kann er sich bestimmt nehmen. Die hat ihm Tetley versprochen.

Eine Gestalt löst sich von der Hüttenwand. Bill erkennt, dass es ein Mann mit einem Gewehr unter dem Arm ist.

Da wird die Hüttentür aufgestoßen und eine zweite Gestalt taucht auf.

„Was ist, Wade?"

„Ein Fremder. Hast du einen Namen, Stranger?"

„Bill Jackson."

„Nie gehört, Wade."

„Ich auch nicht. Komm näher, Jackson; aber vorsichtig!"

Bill nähert sich. Als er im Lichtschein steht und die drei Pferde hinter ihm deutlich zu seihen sind, lacht der Mann mit dem Gewehr unter dem Arm.

„Das ist gut, Bide", sagt er. „Mindestens zwei Pferde hat der Stranger übrig. Davon können wir eine ganze Zeit leben. Pferdefleisch schmeckt gar nicht so schlecht, wie viele denken."

„Komm herein, Fellow", knurrt der Mann vor der Tür und tritt zur Seite. „Mach keinen Blödsinn. Wir sind drei gegen dich."

Als Bill in die Hütte hineinsehen kann, entdeckt er den dritten Mann. Der steht an der rückwärtigen Wand und hat seinen Colt halb aus dem Halfter gezogen.

Jackson lässt die Zügel los und geht in die Hütte hinein. Wohlige Wärme empfängt ihn. Er spürt den Atem des anderen Mannes im Nacken und geht bis zu dem roh gezimmerten Tisch weiter. Der Mann an der Wand ist wie ein Cowboy gekleidet. Er hat sehr helles Haar, ein scharfes Kinn und ebenso scharf blickende Augen.

„Wade, du kümmerst dich am besten gleich um den Braten", sagt der andere hinter ihm.

Jackson schlägt sich den Schnee von der Wolfsfelljacke und nimmt den Hut ab.

Der Mann geht um ihn herum. Er ist auch wie ein Cowboy gekleidet. Er hat lederne Chaps über die Levishose geschnallt. Große Messingknöpfe funkeln daran im Licht der trüben Lampe.

„Wir sind Texaner", sagt Bide. „Männer, die im Winter keinen Job haben. Vielleicht sagt dir das eine ganze Menge."

„Doch", meint Bill und nickt. Er denkt an die zwanzigtausend Dollar.

Draußen kracht ein Schuss. Ein dumpfer Fall ist zu hören.

„Du siehst hungrig aus, Jackson", stellt Bide fest. „In zwei Stunden gibt es einen saftigen Braten. Wade sagt immer, wir müssten auf jeden Fall genug Salz haben. Bei Pferdefleisch ist das doppelt wichtig. Setz dich!"

Bill zieht die Jacke aus und setzt sich am Tisch nieder.

Bide nimmt ihm die Jacke ab und hängt sie an einen langen, rostigen Nagel. Bill blickt hinüber. Dort steckt das Geld in der Tasche.

„Wir haben unsere Mannschaft in Abilene verlassen", redet Bide weiter. „In Arizona ist Gold gefunden worden."

„Ich hörte schon vor einem Jahr davon."

„Wir dachten, wir kämen noch vor dem Winter über die Berge. Manchmal täuscht man sich eben. Wir sind schon drei Wochen hier. Bist du über Central City gekommen?"

„Ja."

„Wir auch. Der Weg weiter nach Westen ist zugeschneit. Im Canyon steht eine Schneemauer, die ihre vier Meter hoch ist."

„Wirklich?", fragt Bill mürrisch, und er denkt wieder daran, dass er unter solchen Umständen in Central City doch besser aufgehoben gewesen wäre. Die Pferde, die nun hier geschlachtet werden, hätte er dort verkaufen können.

„Du kommst nicht durch, Jackson. Wohin willst du denn?"

„Nach Hassel Junction. Schon mal gehört?"

Bide blickt den anderen Cowboy an der Wand an. Der schüttelt den Kopf.

„Ist uns unbekannt", meint Bide. „Willst du dort was Bestimmtes, dass du bei dem Wetter ..."

„Nein, ich suche einen Job. Es soll dort einen mächtigen Rancher geben."

Bide stößt ein raues, wildes Lachen aus. Der andere fällt ein.

„Du bist verrückt, und wahrscheinlich bist du auch kein Cowboy. Sonst müsstest du wissen, dass kein Großrancher einen Mann mitten im Winter auf seine Lohnliste setzt. Sie sind alle Halunken. Ob du im Winter vor die Hunde gehst oder nicht, interessiert sie einen Dreck! Im Frühjahr finden sie stets genug Leute, die bereit sind, für einen Hungerlohn die knochenbrechende Arbeit zu machen."

„Ich glaube, er lügt, Bide."

„Meinst du, Neal?"

„Ja. Er sieht mir nicht dumm genug aus, als dass er dies nicht selbst wüsste, Bide."

Bill fragt sich, was passieren wird, wenn die Männer erfahren, dass er zwanzigtausend Dollar in der Wolfsfelljacke hat.

„Ich bin Eisenbahn-Marshal", sagt er und wirft Tetleys Stern auf den Tisch.

Bide tritt gegen die Wand neben dem von einer Decke verhangenen Fenster zurück. Das Lampenlicht bricht sich auf dem Stern.

„Eisenbahn-Marshal", murmelt Neal gepresst, während sein Gesicht dunkel anläuft und er unsicher zu Bide hinüberschielt.

„Was ... was willst du hier?", knurrt Bide unsicher.

„Ich suche einen Mann, der die Eisenbahn hinter Cheyenne überfallen hat. Ich hoffe, ihn in Hassel Junction zu treffen." Er mustert die beiden scharf und sielht, wie Neal aufatmet.

Bide lacht dunkel.

„Du Idiot, Neal", meint er. „Dachtest du, er wäre schon hinter uns her?"

„Ich ..."

„Wir haben doch die Bank noch gar nicht hochgenommen!"

„Was für eine Bank?", fragt Bill schnell, während sich seine Haltung anspannt.

„Irgendeine Bank. Wir wussten es selbst noch nicht. Weißt du, die Tage und Nächte sind hier in der Hütte lang. Wir haben kein Geld und mussten hungern, weil wir unser letztes Hab und Gut den Tanzmädchen in Abilene in den Rachen geworfen haben. Da kommt man eben dann auf solche Gedanken. Eine Bank — ganz einfach — ohne Risiko!"

„Ach so", sagt Bill, „ja, ich verstehe."

„Ist vielleicht ganz gut, dass du nun da bist", fährt Bide fort. „Ich habe es immer gesagt: am Ende wartet dann unweigerlich irgendwann und irgendwo ein Strick!"

Die Tür fliegt auf, und Wade wuchtet ein langes Stück Fleisch herein, von dem noch Blut läuft.

„Das andere hab ich in den Schnee geschoben", meint er. „Neal, bewege dich! Bis zum Frühjahr halten wir es nun aus."

Als Bill am nächsten Morgen den Canyon nach Westen in Augenschein nimmt, weiß er, dass Bide recht hat. Der Weg ist versperrt. Er ist mit den anderen hier in der kleinen Hütte festgenagelt. Er hat sich den Stern ans Hemd gesteckt, weil er sieht, dass eine ihm selbst unbegreifliche Macht davon ausströmt und die drei stellungslosen Cowboys irgendwie bändigt.

 

*

 

Tage und Wochen vergehen. Seine Wolfsfelljacke hat er zusammengerollt und benutzt sie als Kopfkissen. Einmal, als die anderen unterwegs sind, um Holz zu suchen, schlitzt er die Jacke auf und schiebt das Geld ins Futter.

Die Tage werden wieder länger. Doch die schneidende Kälte hält an.

Bill fragt sich, ob von der Spur des Banditen noch etwas übrig sein kann, wenn er nach Hassel Junction kommt. Immer erwartungsvoller blickt er auf die Hohlwege, die ins Tal führen.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934021
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505314
Schlagworte
bill jackson story reiter schienen

Autor

Zurück

Titel: BILL JACKSON STORY #5: Reiter neben den Schienen