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Verraten und verfemt

2019 139 Seiten

Leseprobe

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Verraten und verfemt

Copyright

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Verraten und verfemt

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.

 

Der Rancher Owen Chetwood wird hinterrücks von Banditen ermordet. Bevor er seinen letzten Atemzug macht, will er seinem Neffen Billy noch etwas Wichtiges sagen, schafft es aber nicht.

Billy versucht nun, die Ranch zu halten, obwohl er weiß, welcher Gefahr er sich aussetzt, denn die Banditen haben es auf die Broken Arrow Ranch abgesehen. Als ein Reiter auftaucht und ihm seine Hilfe anbietet, schlägt Billy diese aus, denn er hasst Revolvermänner. Doch Durango ist alles andere als ein Revolverheld ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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https://twitter.com/BekkerAlfred

 

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1

Der Sand knirschte unter Billy Chetwoods Stiefelsohlen. Bleiches Mondlicht flutete über die niedrigen Ranchgebäude, den Hof, den Ziehbrunnen und die Corralstangen. Vor Billy lag das breite Gatter des Corrals. Er streckte schon die Hand aus, um es zu öffnen, da wuchs neben ihm ein massiger Schatten aus der Nacht empor.

Das dumpfe Schnauben eines Pferdes kam auf ihn zu. Billy hörte das Stampfen der Hufe und das Rascheln des trockenen Grases. Dann blieb das Pferd bei ihm stehen und drängte sich an ihn. Onkel Owens Pferd! Der Sattel war leer! In Billys Gehirn wirbelten die Gedanken. Furcht wühlte ihn auf.

„Wo ist Onkel Owen? Wo ist er?“, keuchte er heiser..

Billy berührte mit seiner linken Hand den Pferdehals. Im nächsten Moment prallte er erschrocken zurück und ließ das Halfter los. Seine Fingerspitzen waren nass geworden. Er sah im Mondlicht die dunkle Flüssigkeit an seinen Fingern: Blut!

„Billy!“, flüsterte ganz nahe eine brüchige Stimme. „Billy, bist du das?“

Ein eisiger Schauder kroch über Billys Rücken. Seine Hände begannen zu beben. Er hörte das dünne Rascheln von Gras. Etwas scharrte über den Boden. Dann war es wieder still.

Der hohe Corralzaun warf klobige Schatten. Vereinzelte Wolkenballen hingen am nächtlichen Firmament und wurden vom Mondlicht versilbert.

„Hilf mir, Billy!“, trieb wieder das Flüstern heran. „Ich kann nicht mehr.“

Billy sah die verschwommene Bewegung neben einem dicken Corralpfosten und stürzte vorwärts.

„Onkel Owen!“

Gleich darauf kniete Billy beim Zaun und schaute mit brennenden Augen auf den Mann, der vergeblich versuchte, sich an einer Querstange hochzuziehen.

Ein schweißüberströmtes zerfurchtes Gesicht drehte sich ihm zu. Der verzweifelte Blick aus fiebrig glänzenden Augen versetzte Billy einen Schock.

„Um Himmels willen, Onkel Owen, was ist passiert?“

Der Blick, der unverwandt an seinem Gesicht hing, wurde ruhiger.

„Da bist du ja, Billy!“, flüsterte der Verwundete rau. „Ich ... bin froh, dass ich es noch … so weit geschafft ...“ Er ließ die Querstange los und sank ins dürre Gras. Im Corral wieherte ein Pferd.

Billy beugte sich über den Rancher. Als er ihm mit bebenden Fingern das Hemd aufknöpfte, spürte er wieder diese klebrige Flüssigkeit an seinen Händen. Ein schaler Geschmack füllte seine Mundhöhle. Er riss den Kopf herum.

„Zack!“, schrie er schrill. „Old Zack! Beeil dich, Mann, so komm doch schon! Und bring Verbandszeug mit!“

„Billy!“, schnaufte der Verwundete mühsam. „Das ... kannst du dir ... sparen ... Sie haben mich ... schon richtig ... erwischt.“

„Onkel Owen, das darfst du nicht sagen“, würgte Billy hervor. „Zack und ich, wir bringen dich schon wieder hin. Charley und Boynton sind draußen bei der Herde. Aber das macht nichts. Wir verbinden dich, und dann reite ich sofort nach Bannerhan und hole den Doc. Keine Sorge, Onkel Owen, wir ...“

Drüben flog knallend die Tür des Schlafhauses auf. Zack Cubitts magere, leicht gekrümmte Gestalt stand in der lichterhellten Öffnung.

„Billy! Du hast gerufen? Was ist denn ...“

„Schnell, Zack! Verbandszeug! Beeil dich! Mein Onkel liegt hier. Sie haben ihn überfallen!“

„Überfallen? Das darf nicht ... Billy, ich komme sofort, ich komme, hörst du?“

„Sinnlos!“, flüsterte Owen Chetwood tonlos. „Nimm’s nicht ... zu schwer ... mein Junge!“

„Onkel!“, keuchte Billy. „Nein, nein, du darfst nicht ...“

Die Finger des Verwundeten klammerten sich jäh um Billys rechtes Handgelenk.

„Hör zu, Billy!“ Der Atem des Ranchers ging flach und stoßweise. Es dauerte eine Weile, bis seine nächsten Worte undeutlich über die blutleeren Lippen kamen.

„Du darfst ... nicht aufgeben! Um keinen Preis ... Diese Ranch ... darf ihnen nicht ... in die Hände fallen ... Ich habe ... Briefe geschrieben ... nach ...“ Er brach plötzlich ab. Seine Brust hob und senkte sich unter schweren Atemstößen.

„Streng dich nicht an, Onkel Owen!“, sagte Billy heiser. „Sei ganz ruhig und lieg still!“

„Du ... wirst Hilfe ... erhalten, Junge“, brachte der Verwundete mühsam hervor. „Du wirst ... Billy, ich muss dir etwas Wichtiges sagen ... Ich sollte es ... schon lange getan haben ... aber ... es ist nicht ...“ Sein Kopf rollte plötzlich zur Seite. Owen Chetwood rührte sich nicht mehr.

Es dauerte eine Weile, bis Billy begriff, was geschehen war. Er schüttelte benommen den Kopf und erhob sich. An seinen Armen und Beinen schienen plötzlich Bleigewichte zu hängen. Eine seltsame Leere entstand in seinem Gehirn. Dann merkte er, dass Zack Cubitt hinter ihm heranhastete. Mit hängenden Schultern drehte sich der junge Mann ihm zu. Als Cubitt in Billys Gesicht sah, blieb er wie erstarrt stehen.

„Er ... er ist doch nicht ...“

Billy nickte stumm. Cubitt stöhnte dumpf auf. Dann murmelte er gepresst: „Diese Schufte! Diese elenden Halunken! Ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen würden!“

Billy schaute wieder auf die reglose Gestalt zu seinen Füßen. Das Gesicht des Toten wirkte seltsam friedlich im Silberlicht des Vollmondes.

Noch war Billy wie gelähmt. Noch war er nicht fähig, die ganze Tragweite des Geschehens zu überblicken. Trotzdem wusste er, dass ihm jetzt die schwerste Zeit seines Lebens bevorstand. Der Frieden der vergangenen Jahre war endgültig zerbrochen. Nichts würde mehr so sein wie früher.

 

 

2

Ein Mann stürmte in den Golden Eagle Saloon in Socorro. Die Pendeltüren schwangen knarrend hinter ihm aus. Sporenklirrend eilte der Mann zu einem Ecktisch, an dem vier Männer saßen und pokerten. Er keuchte vom Laufen. Schweiß glänzte auf seinem hageren Gesicht, und die dunklen Augen glühten.

„Hallo, Merville, du hast es aber verdammt eilig!“, rief der Keeper hinter der Theke. „Du solltest dir erst mal einen guten Drink genehmigen. Glaub mir, was auch geschehen sein mag, ein feiner Drink ...“

„Halt die Klappe!“, fauchte der Hagere über die Schulter.

Er war bei den Pokerspielern angelangt. Sie ließen die Karten sinken und blickten erstaunt zu ihm auf. Er legte einem von ihnen — einem Mann mit einem feuerroten Kinnbart — die Hand auf die Schulter.

„Komm mit, Blade, schnell!“

Der Rotbärtige schüttelte den Kopf.

„Zum Geier! Was ist denn in dich gefahren, Duff! Was gibt es?“

„Du sollst mitkommen, Blade!“, keuchte Duff Merville.

„Duff“, lachte einer der anderen, „hast du etwa heute schon zu tief ins Whiskyglas geguckt? Junge, Junge, du solltest etwas vorsichtiger ...“

„Heb dir deine blöden Witze für eine andere Gelegenheit auf, Gil! Blade, hast du denn nicht gehört? Es eilt!“

„Ich verstehe nicht, Duff! Was ...“

Die Wangenmuskeln Mervilles arbeiteten. Er beugte seinen Kopf tiefer. Das Glimmen in seinen dunklen Augen verstärkte sich. Er raunte heiser: „Denk an die Sache in San Pedro, Blade!“

Im Gesicht Blade Brigos ging eine Veränderung vor sich. Seine Augen wurden weit. Er war mit einem Ruck auf den Beinen. Sein Stuhl kippte polternd um.

„Duff, du willst doch nicht sagen, dass ...“

„Komm mit, Mann, und du wirst alles sehen!“

„Nein!“, schnaufte Brigo und wischte sich fahrig über die Stirn. „Nein, das glaub ich nicht!“

„Zum Teufel, wie lange willst du noch warten?“

„Gut, ich komme ja schon.“

Blade Brigo warf die Karten achtlos auf die Tischplatte. Der Mann, der vorhin über Merville gelacht hatte, knurrte wütend: „Heh, Brigo, so geht das nicht! Wir sind mitten im Spiel! Du kannst nicht einfach ...“

Merville und Brigo hatten sich bereits abgedreht. Die Pokerspieler und der Keeper schauten ihnen kopfschüttelnd nach. Die Schwingtüren ächzten wieder. Die Stiefeltritte und das Sporenklirren verklangen auf der Veranda.

„Hier ’rüber!“, raunte Merville und zog den rotbärtigen Brigo hinter die alte Akazie, die neben dem Haltegeländer vor dem Saloon hochragte. Schwer atmend schob er sich den Stetson ins Gesicht und öffnete den obersten Hemdknopf. Dann deutete er mit ausgestreckter Hand auf die andere Straßenseite, wo ein einzelnes Pferd vor dem Generalstore stand.

„Da!“, stieß er heiser hervor. „Da ist er hineingegangen!“

Brigo starrte ihn ungläubig von der Seite her an.

„Du hast dich sicher getäuscht, Duff! Ganz bestimmt!“

„Meinst du, ich sehe nicht mehr gut genug?“

„Vielleicht eine Ähnlichkeit mit ihm“, murmelte Brigo zögernd. „Du wirst doch nicht behaupten, dass er es wagt, über die Grenze zurückzukommen.“

„Es ist Tatsache, Blade, glaube mir! Da drüben steht sein Pferd.“

Brigo schluckte.

„Ich kann es einfach nicht glauben.“

„Nun gut!“ Merville atmete tief ein. „Warten wir also! Dann kannst du ihn selber sehen.“

Blade Brigo wollte etwas sagen, schwieg jedoch dann im letzten Augenblick und bewegte nur unbehaglich die muskulösen Schultern.

Die Straße lag menschenleer vor ihnen. Die Hitze flimmerte über dem gelben Sand. Die bemalten Holzfassaden der Häuser leuchteten grell. Über den Dächern waren die blauen Schatten des Gebirges zu sehen. Vereinzelte Wolkenfetzen schwebten vor dem strahlenden Blau des Sommerhimmels. Ein Saloonfenster stand offen. Stimmengemurmel drang undeutlich ins Freie. Der hochbeinige Falbe, der auf der anderen Straßenseite vor dem Store stand, ließ müde den Kopf hängen.

Merville lehnte sich gegen den Akazienstamm und spähte unverwandt hinüber. Brigo, der dicht neben ihm blieb, zündete sich eine Zigarette an. Seine Finger zitterten dabei ein wenig. Sie warteten schweigend. Die Hitze trieb ihnen den Schweiß aus den Poren. Das grelle Licht blendete, und die Augen begannen zu schmerzen.

Dann ging plötzlich ein Ruck durch die beiden Männer. Drüben wurde die Tür des Stores geöffnet. Der Schatten eines Mannes fiel quer über die Veranda. Die Tür klappte wieder zu. Steifbeinig kam der Fremde die ausgetretenen Stufen herab — ein hochgewachsener sehniger Mann in staubbedeckter Weidereitertracht. Ein breitrandiger mexikanischer Sombrero warf einen Schatten über sein Gesicht. An den verstaubten Stiefeln des Mannes glänzten Silbersporen. Er trug ein braunes Paket unter den linken Arm geklemmt und ging ohne Eile auf den wartenden Falben zu.

Merville packte Brigos rechten Oberarm.

„Nun? Was sagst du jetzt, Blade? Siehst du, er trägt noch immer seine beiden 45er Navy Colts — und sie hängen so tief wie damals in San Pedro.“

Brigo nahm einen nervösen Zug aus seiner Zigarette. Er beobachtete jede Bewegung des Fremden.

„Der Figur und den Waffen nach ist er es. Aber noch habe ich sein Gesicht nicht gesehen.“

„Zum Teufel!“, knurrte Duff Merville leise. „Zweifelst du etwa noch immer?“

„Zweifeln?“, dehnte Brigo heiser. „Ich hoffe — das ist es!“

„Und ich sage dir, er ist es, du hoffst vergeblich!“

Brigo schwieg und sog wieder an der Zigarette. Der Mann auf der anderen Straßenseite befestigte das Paket hinter seinem Sattel und drehte den beiden Beobachtern den Rücken zu.

„Pass auf, wenn er aufsitzt!“, flüsterte Merville seinem Gefährten zu. „Dann wirst du sein Gesicht sehen. Pass auf, Blade!“

Der Fremde hatte das Paket festgebunden. Er tätschelte dem Falben den Hals und sagte leise etwas zu ihm. Dann schwang er sich geschmeidig in den Sattel. Das Sonnenlicht traf ihn jetzt voll von vorne und drang unter die Krempe des mit Silberschnüren verzierten Sombreros.

Merville und Brigo sahen ein scharfgeschnittenes, dunkel gebräuntes Gesicht, das von harten Linien gekerbt war. Graue scharfe Augen blickten kühl. Die dünnen Lippen waren fest zusammengepresst, die Mundwinkel leicht nach unten gezogen. Es war ein Gesicht voller Kälte und Entschlossenheit. Und doch war gleichzeitig in ihm eine unverkennbare Spur von Bitterkeit.

Blade Brigo riss die Zigarette aus dem Mund und schleuderte sie in den Staub.

„Höllenfeuer!“, keuchte er. „Du hast recht, Duff! Er ist es! Durango!“

Der Reiter legte sich die Zügel zurecht und setzte mit einem Schenkeldruck den Falben in Bewegung. Gelber Staub wolkte unter den Hufen hoch. Brigos Hand zuckte zum Revolver.

„Nicht!“, sagte Merville schnell. „Nicht hier!“

„Er ist es!“, schnaufte Brigo wild. „Warum zögerst du also noch? Die Gelegenheit ist einmalig!“

„Wir können uns in Socorro keinen Mord erlauben, Blade, das muss dir doch klar sein. Wir haben zu viele Freunde und Bekannte hier, die uns für ehrliche Menschen halten. Zum Teufel, wir müssen es anderswo versuchen. Oder willst du Durango offen gegenübertreten?“

„Ich werde mich hüten“, knurrte Brigo laut.

„Na also!“

Der Reiter jagte, in eine Staubfahne gehüllt, die Main Street hinab auf den Stadtrand zu.

Brigo nagte an der Unterlippe. Schließlich murmelte er: „Er hat es mächtig eilig, was? Er nahm sich nicht einmal die Zeit für einen Drink.“

„Er ist vorsichtig, das ist alles. Er weiß, wie gefährlich es für ihn hier in New Mexiko ist.“

„Yeah!“, nickte Brigo und wischte mit dem Handrücken über die nasse Stirn. „Ich verstehe noch immer nicht, warum er über die Grenze zurückkam.“

„Wer weiß? Für uns ist jetzt nur eines wichtig: Durango muss sterben!“

Brigo trat hinter dem Baum hervor. Er starrte stirnrunzelnd in die Richtung, in der der Reiter verschwunden war.

„Wir sollten Renn Gallagher verständigen, Duff.“

„Das wirst du übernehmen, Blade.“

„Und was hast du vor?“

„Ich werde hinter Durango her reiten. Wir dürfen seine Fährte auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Ich will nicht, dass die Sache von San Pedro nach so langer Zeit doch noch auffliegt, hörst du? Well, Blade, ich reite also. Du und Renn, ihr kommt so rasch wie möglich hinter mir her, klar? Wenn wir weit genug von Socorro entfernt sind, dann schnappen wir ihn uns. Wohin Durango auch will — er darf sein Ziel nicht erreichen.“

 

 

3

Fess Boynton trat aus dem Wohnblockhaus der Broken Arrow Ranch, verharrte eine Weile mit mürrischem Gesicht unter dem schattigen Vordach und ging dann mit langen Schritten zum Corral hinüber. Ein Sattel hing über der obersten Querstange. Boynton knöpfte das Lasso los, um sich seinen Gaul aus dem Corral zu fangen. Er drehte sich nicht um, als er das Knirschen von Stiefelschritten hinter sich hörte.

„Fess“, sagte eine trockene Stimme hinter ihm, „Zack Cubitt hat mir gesagt, dass du die Ranch verlassen willst. Stimmt das, Fess, heh?“

Erst jetzt hielt Boynton inne.

„Natürlich!“, knurrte er, ohne den Kopf zu wenden.

„Fess, das gefällt mir aber gar nicht!“ Die Stimme war härter geworden.

Boynton ballte die Hände zu Fäusten und wandte sich langsam um. Gleich darauf ging ein Zucken über sein Gesicht. Der schnurrbärtige Mann vor ihm hielt ein schussbereites Spencer Gewehr in den Händen!

„Menschenskind, Charley!“, stieß Fess Boynton hervor. „Was soll das?“

„Ich habe gesagt, es gefällt mir nicht, wenn du so einfach verschwinden willst!“ Die schwarze Gewehrmündung blieb unverändert auf Boyntons Brust gerichtet.

„Willst du mich auf halten, Charley?“, fragte Boynton wild.

Charley Rugger nickte grimmig.

„Genau das will ich!“

„Du bist ein Narr!“, fauchte Boynton.

„Und du ein Feigling!“

Boyntons Hände zuckten.

„Sag das nicht noch einmal!“

„Nur ruhig, Junge, nur ruhig! Wenn ich mein Gewehr auf jemand richte, dann bluffe ich nicht, verstehst du?“

„Charley, verdammt, du gehst zu weit.“

„Sei du damit still! Fess, findest du nicht, dass es unfair ist, wenn du jetzt reitest?“

„Unfair?“ Boynton lachte wütend. „Es ist das Beste, was ich tun kann. Und ich würde dir und Old Zack raten, dasselbe zu tun. Charley, überleg doch mal, welche Chance hat denn noch die Broken Arrow Ranch, heh? Keine! Das musst du doch zugeben!“

„Nichts gebe ich zu!“, grollte Rugger. Seine Schnurrbartenden zuckten. „Solange wir zusammenhalten, sind wir nicht verloren.“

„Das ist Unsinn! Meinst du, ich will, dass es mir so geht wie Owen? Nein, nein, ich habe nur als Cowboy auf dieser Ranch gearbeitet. Ich bin nicht dazu verpflichtet, mein Leben dafür zu riskieren.“

„Und du willst ein Mann sein!“, knurrte Rugger verächtlich.

„Ach, geh zur Hölle!“, zischte Boynton. „Ich bin zu jung, um schon zu sterben. Wenn dir und Old Zack nichts mehr am Leben liegt, well, das ist eure Sache. Und jetzt nimm endlich das verwünschte Gewehr weg. Ich will ...“

„Rühr dich nicht, Fess, ich warne dich! Rühr dich bloß nicht! Es sollte mir leidtun, wenn ich dir eine Kugel durch die Schulter jagen müsste.“

„Du hast ja den Verstand verloren, Charley“, keuchte Boynton.

„Das lass nur meine Sorge sein. Und jetzt hör mir gut zu, Mister. Ich lasse nicht zu, dass du abhaust. Du hast auf der Broken Arrow Ranch ein gutes Leben geführt. Jetzt, wo es brenzlig wird, kannst du nicht so tun, als ginge dich das alles hier nichts mehr an. Billy ist jetzt der Boss, und er ist noch viel zu jung — jünger als du, Fess. Er braucht uns, hörst du? Er braucht uns alle. Wir sind wenig genug: Old Zack, du und ich! Wir können keinen Mann entbehren.“

„Ich habe mit Billy gesprochen. Er hat mich ausgezahlt und lässt mich gehen.“

„Weil er zu stolz ist, um dich zu halten — und zu jung. Aber ich, mein Lieber, bin schließlich auch noch da. Ich sage dir, lass den Sattel liegen und geh ins Schlafhaus zurück!“

„Fällt mir nicht ein.“

„Zwei Tage erst liegt Owen Chetwood unter der Erde. Zwei Tage — und schon willst du fort. Fess Boynton, du bist ein Windhund!“

Boynton knirschte mit den Zähnen.

„Eines Tages werden wir uns darüber unterhalten, Charley.“

„Aber erst, wenn es für die Broken Arrow keine Gefahr mehr gibt, verstanden? Los, kehr jetzt um und geh zurück!“

„Was willst du damit erreichen? Wenn ich jetzt auch gehorche — bei der ersten Gelegenheit verschwinde ich ja doch.“

„Denkst du! Ich sage dir, du wirst mich immer in deiner Nähe haben, Fess, und meine Hand wird nie weit vom Schießeisen entfernt sein. Wenn es nicht so dringend wäre, würde ich keinen Wert mehr auf deine Gesellschaft legen, das kannst du mir glauben.“

„Du und Zack Cubitt, ihr seid zwei hirnverbrannte Narren. Ich begreife nicht, wie man so versessen darauf sein kann, seine Haut für die Ranch eines anderen zu Markte zu tragen.“

„Ein Mann wie du versteht wohl vieles nicht. Zack und ich reiten seit über zehn Jahren für diese Ranch. Dies ist unsere Heimat und ...“

„Aber ich empfinde nicht so. Lass mich jetzt in Ruhe, Charley!“

Rugger seufzte bitter.

„Siehst du, Fess, es ist nun einmal so: Bei einem Mann ohne jegliches Verständnis hilft meistens nur der Druck von Gewalt. Du macht darin keine Ausnahme. Denk nur nicht, das macht mir jetzt Spass. Aber du kennst meinen Entschluss, und ich weiche nicht davon ab. Also, sei vernünftig!“

Boynton starrte ihn zornig an. Dann zuckte er resignierend die Schultern.

„Eines Tages wird es dir noch leidtun“, grollte er und drehte sich um, um das losgeknotete Lasso wieder am Sattel festzuhaken.

Rugger stieß erleichtert den Atem aus und ließ den Gewehrlauf sinken. Und nun ging alles rasend schnell. Fess Boyton wirbelte herum. Sein zusammengerolltes Lasso sauste hoch.

Rugger riss überrascht die Spencer wieder hoch, zögerte jedoch, auf den Cowboy zu schießen. Das war Boyntons Chance! Sein Lasso klatschte wuchtig gegen Ruggers Gewehr und schlug es zur Seite. Der Schuss löste sich aufbrüllend. Die Kugel fuhr knirschend in einen Corralpfosten. Ein paar Pferde wieherten schrill und wichen an die gegenüberliegende Zaunseite zurück.

Rugger wollte zur Seite springen und die Waffe wieder auf Boynton anschlagen. Da war dieser schon bei ihm. Er war jünger und geschmeidiger als der schnurrbärtige Charley Rugger, das zeigte sich jetzt. Boyntons nächster Lassohieb traf Rugger quer über den Körper. Mit einem Aufschrei taumelte der Schnurrbärtige zurück. Boynton ließ das Seil fallen, packte Ruggers Spencergewehr mit beiden Fäusten und entriss es dem Cowboy. Ehe sich Rugger fangen konnte, stieß ihm Boynton wütend den Kolben in die Seite. Charley Rugger stürzte ins zertretene Gras. Boynton schleuderte das Gewehr zur Seite. Er zog rasch den Revolver und richtete ihn auf Rugger.

„Du verrückter Bursche!“, sagte er höhnisch. „Hast du wirklich gedacht, du würdest so leichtes Spiel mit mir haben? Du hast mich unterschätzt, ziemlich unterschätzt sogar.“

Es knackte metallen, als Boynton den Hahn der Waffe spannte.

Rugger richtete sich hoch. Eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn. Der Schnurrbart verdeckte ein wenig den verkniffenen Zug um die Mundwinkel. In seinen Augen flammte heißer Zorn.

„Well, Charley“, sagte Boynton hämisch. „du hättest dir diese raue Sache ersparen können. Vielleicht bist du bei anderer Gelegenheit vorsichtiger. Und jetzt geh ins Schlafhaus zurück, ich will dich nicht mehr sehen.“

Einen Moment rührte sich Rugger nicht. Dann kam er langsam geradewegs auf Boynton zu. Dessen Revolver ruckte hoch.

„Charley, bist du wahnsinnig! Bleib stehen, Mann, sofort!“

Rugger schien nicht zu hören. Boynton schüttelte heftig den Kopf und wich bis hart an den Corralzaun zurück.

„Ich werde schießen“, keuchte er wild. „Ich warne dich!“

Ruggers Lippen bildeten einen harten Strich. Sein Blick bohrte sich in Boyntons Augen.

„Ich stelle dich vor die Wahl, Fess: Eine Kugel für mich oder deine Einwilligung zu bleiben. Wieviel ist dir also dein Fortreiten wert?“

„Eine Menge mehr, als du vielleicht rechnest“, fauchte Fess Boynton und drückte ab.

Ein Feuerstrahl stach aus dem Revolver. Das Peitschen des Schusses hallte über die Ranch und verrollte in den Hügeln, die den felsigen Bergen vorgelagert waren. Rugger riss instinktiv den Kopf zur Seite. Zwei Fingerbreit pfiff die Kugel an seiner Schläfe vorbei. Rugger blieb stehen, sein Gesicht verfärbte sich, er starrte Boynton aus weiten Augen an.

„Auch das noch!“, schnaufte er. „Du hast wirklich geschossen! Du wolltest mich töten, Fess!“

Boyntons Augen flackerten.

„Ein Warnschuss, nichts anderes als ein Warnschuss, Charley. Wie soll ich dich sonst zur Vernunft bringen, heh? Rühr dich jetzt nicht, sonst schieße ich dich nieder.“

„Du Schuft!“, flüsterte der schnurrbärtige Weidereiter rau. „Das war kein Warnschuss, du Lump! Wenn ich den Kopf nicht zur Seite ... Fess, du hättest mich glattweg kaltblütig ermordet!“

„Halt endlich den Mund!“, brüllte ihn Boynton wild an. „Was soll ich mir von dir noch gefallen lassen?“

Rugger rührte sich nicht mehr. Sein Gesicht war aschfahl. Seine Mundwinkel zuckten.

Aus dem Ranchhaus kam Billy Chetwood. In der Tür des Küchenanbaus tauchte der einbeinige Zack Cubitt auf. Der junge Rancher kam schnell über den Hof.

„Charley, Fess, was ist denn los?“

„Billy“, keuchte Rugger, „er wollte mich erschießen. Er zielte weder auf meine Schulter noch auf einen Arm. Er wollte mich umbringen, der Schuft.“

Boynton zog sich vorsichtig, den Revolver im Anschlag, zum Gatter zurück.

„Das ist nicht wahr!“, presste er hervor. „Billy, hörst du, er ging mit dem Gewehr auf mich los, um mich aufzuhalten. Ich hatte keine andere Wahl, als einen Warnschuss abzufeuern. Der närrische Kerl! Ich will nichts als meinen Frieden. Habe ich nicht das Recht, von hier fortzureiten?“

„Sicher!“, sagte Billy Chetwood ernst. „Sicher, das habe ich dir drinnen schon gesagt, nicht wahr?“

„Da hörst du es, Charley“, knurrte Boynton.

„Billy“, rief Rugger, „du darfst ihn nicht einfach verschwinden lassen. Er hat ein schönes Leben bei uns geführt. Jetzt ist es seine Pflicht, dass er auch einmal ...“

Billy unterbrach ihn: „Fess hat gekündigt und seinen Restlohn erhalten. Es ist alles in Ordnung. Ich halte keinen Mann mit Gewalt. Und ich kann es ihm nicht verdenken, wenn er geht.“

„Ach, das darfst du nicht ...“ Er fuhr wütend zu Boynton herum. „Well, dann scher dich weg, und lass dich nicht mehr blicken!“

Fess Boynton blickte von einem zum anderen. Dann schob er schnell den Revolver in das Holster zurück und drehte sich dem Corral zu. Aufseufzend hob Rugger sein Gewehr vom Boden auf.

„Du hast es gut gemeint, Charley“, murmelte Billy. „Aber jetzt mach keine Dummheiten mehr.“

Jetzt war auch Zack Cubitt heran. Der junge Rancher wandte sich an sie beide.

„Vielleicht hat Fess nur gründlicher nachgedacht als ihr.“

„Was? Wie meinst du das?“

Billy sah zu Boden. Sein Gesicht war angespannt.

„Nun“, brachte er heiser hervor, „vielleicht ist Fess’ Handlungsweise richtig. Die Banditen aus den Yellow Cliffs wollen diese Ranch um jeden Preis in ihre Gewalt bekommen. Warum, weiß ich nicht. Es gibt nicht viel zu holen auf der Broken Arrow Ranch. Aber der Mord an meinem Onkel hat bewiesen, dass sich die Desperados mit kleinen Rinderdiebstählen nicht mehr zufriedengeben. Sie holen jetzt zu immer schlimmeren Schlägen aus.

„Worauf willst du hinaus?“, unterbrach ihn Rugger mürrisch.

„Ich möchte klarlegen, dass es wirklich schlecht um uns steht. Ich kann Fess keinen Vorwurf machen.“

Rugger brummte. Cubitt fragte schnell: „Billy, willst du aufgeben?“

„Nein, ich bleibe — und ich werde kämpfen, wenn es nötig sein soll. Aber ihr ...“

„Red nicht weiter, tu das nicht!“, grollte Rugger. „Oder willst du uns beleidigen?“

„Das nicht, aber ...“

„Da gibt es kein Aber, habe ich recht, Old Zack?“

„Du hast recht!“, stimmte der Oldtimer grimmig zu.

„Euch beiden ist wirklich nicht beizukommen“, erklärte Billy mit einem dünnen Lächeln.

„Hast du etwas anderes erwartet?“, fragte Rugger.

Ehe Billy antworten konnte, streckte Zack Cubitt einen Arm aus.

„Sieh mal, Billy, ich denke, du bekommst Besuch.“

Sie schauten in die Richtung, in die Cubitt wies. Eine Reitergestalt kam einen grasbewachsenen Hang herab auf die kleine Ranch zu. Eine weiße Bluse leuchtete grell im Sonnenglast. Blondes Haar schimmerte golden.

„Jane!“, sagte Billy überrascht. Eine leichte Röte kroch in seine Schläfen.

Rugger runzelte die Stirn.

„Das Mädel hat es ziemlich eilig, scheint mir.“

Cubitt räusperte sich vernehmlich.

„Komm, Charley, du kannst mir in der Küche helfen.“

„Was? Ich soll ...“ Dann bemerkte Rugger das Augenzwinkern des Koches, schickte einen schnellen Blick zu Billy Chetwood hin und meinte rasch: „Ja, ja, natürlich, ich komme ja schon.“ Sie entfernten sich eilig.

Fess Boynton hatte sein Pferd gesattelt und ritt grußlos von der Ranch. Der junge Rancher stand allein beim Corral und wartete mit klopfendem Herzen auf das Näherkommen der blonden Reiterin.

 

 

4

Jane Traven zügelte ihren Rehbraunen im vollendeten Cowboystop und schwang sich geschmeidig aus dem Sattel. Sie war schmal, fast zierlich gebaut. Ihre Haltung verriet Anmut und Elastizität. Irgendwie war auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie in diesem Land groß geworden war und dass sie eine jener Frauen war, die dieses heiße, raue Land liebten und nicht missen wollten. Ein Hauch von Frische und Natürlichkeit ging von ihr aus. Sie hatte das blonde volle Haar mit einem blauen Band locker im Nacken zusammengebunden. Ihre Augen waren von einem dunklen warmen Grau — und im Hintergrund dieser Augen konnte Billy Chetwood jetzt eine Spur von Unsicherheit und Besorgnis erkennen. Er nahm ihr die Zügel aus der Hand.

„Jane, das nenne ich eine Überraschung!“

„Ich ... ich hatte einen Grund, zu dir auf die Ranch zu kommen!“, erklärte sie ein wenig verlegen.

Er hatte seine Sorgen vergessen und lachte leise.

„Was dieser Grund auch sein mag, Jane, ich bin froh, dich zu sehen. Wirklich!“

Sie senkte den Blick. Er schaute sie an und nahm jede Einzelheit ihres Gesichts in sich auf: Die langen seidigen Wimpern, die kleine Nase, deren Flügel leicht vibrierten, die weichen fein geschwungenen Lippen, deren Farbe ihn immer wieder an Wildkirschen erinnerte.

„Billy“, begann sie leise, „ich habe in der Stadt mit Sheriff Warren gesprochen. Er meint, es ist wirklich besser, wenn du für einige Wochen nach Bannerhan ziehst.“

Billys Miene verhärtete sich.

„Ich soll die Ranch im Stich lassen?“

„Du kannst später immer noch hierher zurückkehren.“

„Wenn es dann ein ,später‘ gibt“, antwortete der junge Mann bitter. „Ist das der einzige Rat, den mir Dick Warren geben kann?“

„Er sagt, es hat keinen Sinn, wenn er in die Yellow Cliffs reitet. Er weiß, dass sich Banditen in der verlassenen Stadt Silverstone eingenistet haben. Aber es ist aussichtslos, sie dort zu erwischen. Und das weißt du doch auch, Billy, nicht wahr? Es gibt nur einen Zugang nach Silverstone, und den halten die Desperados unter Kontrolle. Seit damals vor einem halben Jahr Sheriff Warrens Aufgebot halb aufgerieben wurde, findet er keinen Mann mehr, der ihn nach Silverstone begleiten würde. Und deine Ranch, Billy, liegt zu nahe an den Yellow Cliffs. Der Sheriff allein kann dir hier wenig helfen.“

„Ich weiß und ich verlange es auch nicht. Hat Warren sonst noch etwas gesagt?“

„Nein, das ist alles.“ Ihre Stimme klang resignierend.

„Nun, dann muss die Broken Arrow also alleine mit ihrem Kummer fertig werden.“

Sie trat näher an ihn heran, fasste seine Arme und blickte eindringlich in sein Gesicht.

„Billy, nimmst du dir nicht ein bisschen zu viel vor?“

Er lächelte bitter.

„Jane, du teilst wohl Warrens Meinung, wie?“

Sie sagte schnell: „Versteh mich nicht falsch, Billy, aber wie kann es mir gleichgültig sein, was aus dir wird?“

„Entschuldige, Jane! Doch schau, es geht hier nicht nur um mich allein.“

„Um was dann?“

„Um die Ranch!“

Sie schüttelte zögernd den Kopf.

„Die Ranch?“, wiederholte sie leise. „Du bist mir wichtiger!“

Er lehnte sich gegen die Corralstangen und legte seinen Arm um ihre Schultern.

„Du musst das verstehen, Mädel. Als Onkel Owen starb, bat er mich, auf keinen Fall aufzugeben. Es ist seine Ranch, das Erbe, das er mir überließ. Er hat dies alles mit eigenen Händen unter Schweiß und Entbehrungen aufgebaut. Ich bin es ihm schuldig, dass ich jetzt nicht einfach das Feld räume und diesen Besitz einer Horde Raubreiter überlasse.“

„Aber deine Pflicht geht nicht so weit, dass du dafür sterben musst“, erwiderte sie heftig.

„Sterben? Nein, ich will nicht sterben!“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Schließlich denke ich ja auch an dich, Jane. Aber Onkel Owen sagte etwas von einer Hilfe, die ich zu erwarten habe. Ich weiß nicht, von wem. Er wollte noch mehr sagen, noch viel mehr. Er kam nicht mehr dazu.“ Nachdenkliche Falten hatten sich zwischen Billys Augenbrauen gekerbt. Er schaute abwesend an den Ranchgebäuden vorbei zu den Hügeln hin. Die Erinnerung an jene schlimme Nacht war wieder lebendig in ihm.

Jane Traven schwieg. Schließlich gab sich Billy Chetwood einen Ruck.

„Lassen wir das jetzt, Jane, es verdirbt uns nur die Freude. Komm mit hinüber ins Ranchhaus! Wir machen uns Kaffee und plaudern ein Stündchen. Schließlich ist es dein erster Besuch auf meiner Ranch und ...“

„Billy“, unterbrach sie ihn schnell, „da ist noch etwas. Ich bin nicht nur gekommen, um dir auszurichten, was Sheriff Warren sagte.“

„Ja?“ Er zog überrascht die Brauen hoch. „Was gibt es noch?“

„Gestern morgen ist ein Fremder in die Stadt gekommen — ein schweigsamer düsterer Mann mit zwei tiefgeschnallten Colts — ein Revolvermann.“

„Was ist mit ihm?“

„Man sagte, er habe sich im Horseshoe Saloon nach der Broken Arrow Ranch erkundigt.“

„Was?“

„Ja, es ist so. Niemand hat ihn jemals in Bannerhan gesehen. Ich ... ich wollte es dir sagen, Billy. Ich habe ihn heute Morgen flüchtig gesehen und — ich glaube, er ist ein sehr gefährlicher Mann.“

„Er hat wirklich nach meiner Ranch gefragt?“

„Ja, das beunruhigt mich so.“

„Weißt du seinen Namen?“

„Er nennt sich Durango!“

„Durango?“, dehnte Billy und überlegte fieberhaft. Dann schüttelte er ratlos den Kopf. „Nie gehört!“

 

 

5

Durango stellte das leere Glas auf die blanke Messingplatte der langgestreckten Theke.

„Zahlen, Keeper“, sagte er ruhig.

Der bullige Mann mit den hochgekrempelten Hemdsärmeln rührte sich nicht hinter der Theke. Durango hob den Kopf, wollte seine Worte lauter wiederholen, da sah er die Veränderung, die in der Miene des Saloonkeepers vor sich gegangen war. Die Farbe war aus dem breitflächigen Gesicht gewichen, der Mund stand halb offen, die Augen waren starr auf eine ganz bestimmte Stelle im Raum gerichtet.

Durango hörte das leise Ausschwingen der Pendeltür. Sporen klirrten. Dann war es still. Außer ihm befanden sich nur noch zwei Gäste im Horseshoe Saloon. Sie saßen an einem Ecktisch und hatten sich bislang angeregt unterhalten. Jetzt waren sie verstummt. Aus den Augenwinkeln heraus stellte Durango fest, dass sie unverwandt zu ihm her starrten. Ihre Haltung war merkwürdig steif. Die Hände hatten sie flach auf die Tischplatte gelegt: die Geste von Männern, die offensichtlich bemüht waren, sich aus einer rauen Sache herauszuhalten.

Durango spürte den Hauch der Gefahr förmlich in seinem Nacken. Aber sein dunkel gebräuntes, lederhäutiges Gesicht blieb ruhig. Nur die Mundwinkel kniffen sich ein bisschen mehr nach unten. Er nahm die Hände von der Theke, richtete sich langsam voll auf und wollte sich umdrehen.

Ehe er dazu kam, sagte jemand scharf hinter ihm: „Bleib so stehen, Durango, sonst bist du auf der Stelle tot!“

Der Keeper sog scharf den Atem ein und wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen das flaschengefüllte Regal prallte. Seine wulstigen Lippen bewegten sich, brachten aber keinen Ton hervor.

Durango stand groß und aufrecht vor der Theke und regte sich nicht. Der breitkrempige Sombrero warf einen dichten Schatten über sein Gesicht. Seine Arme hingen schlaff herab, die Fingerspitzen berührten das geschmeidige Leder der beiden tiefgeschnallten Coltholster.

„Versuch nur nicht, deine Eisen zu ziehen, Durango!“, sagte die scharfe Stimme hinter ihm. „Wie schnell du auch bist, diesmal bin ich schneller. Mein Finger liegt bereits am Abzug.“

„Du bist es, Merville, nicht wahr?“, fragte Durango ruhig, ohne seine Haltung zu verändern.

„Genau! Hast du mich an der Stimme erkannt?“

„Gewiss!“

„Du hast ein gutes Gedächtnis. Aber es wird dir jetzt nichts mehr nützen. Well, nimm die Hände hoch!“

„Du bist dir sehr sicher, Merville, wie?“

„Warum auch nicht? Du hast keine Chance, Durango! Also, Hände hoch — ich warte nicht gerne!“

Einen winzigen Sekundenbruchteil zögerte Durango. Dann hob er die Arme.

„So ist es gut! Jetzt kannst du dich umdrehen!“

Durango drehte sich um. Hinter ihm zog sich der Keeper zur Küchentür zurück. Die beiden Männer am Ecktisch saßen noch immer wie versteinert. Eine Fliege prallte immer wieder gegen die Fensterscheibe. Ihr Summen war für eine Weile das einzige Geräusch im Horseshoe Saloon. Durango sah den hageren Mann an, der sechs Schritt von ihm entfernt stand und einen Revolver auf ihn gerichtet hielt. In Duff Mervilles dunklen Augen glühte es wild: eine Mischung aus Hass und Triumph.

„Du bist allein hier, Merville?“, brach schließlich Durangos Stimme das Schweigen.

„Ich brauche die anderen nicht. Diese Gelegenheit war zu günstig, um sie nicht zu nutzen. Ursprünglich wollte ich auf Renn und Blade warten. Jetzt ist das nicht mehr notwendig.“

„Vielleicht ist diese Annahme ein schwerer Fehler.“

Mervilles Lippen verzogen sich. Seine gelblichen Zähne wurden sichtbar.

„Du willst mich nervös machen, was? Ich kenne deine Tricks. Diesmal schaffst du es nicht, mein Lieber, diesmal nicht. Und du weißt das selber sehr gut, wie?“

„Es wird sich zeigen.“

„Zeigen? Du Narr! Ich brauche nur den Finger krumm zu machen, dann …“

„Warum tust du es nicht?“

Mervilles Augenbrauen zuckten. Er biss sich auf die Unterlippe. Dann stieß er wild hervor: „Du kannst es wohl nicht erwarten? Ich sage dir, du wirst die nächsten zehn Minuten nicht überleben.“

„Warum hast du nicht gleich geschossen, als du in den Saloon kamst?“

Wieder zögerte Duff Merville.

„Weil ich zuerst noch in dein Gesicht sehen wollte, Durango, weil ich dir sagen wollte, dass es aus mit dir ist. Zum Teufel, warum bist du über die Grenze zurückgekommen? Man war schon daran, dich hier zu vergessen. Wie konntest du nur so verrückt sein, heh? Hat dir die Sache von San Pedro keine Ruhe gelassen all die Jahr hindurch?“

„San Pedro!“, murmelte Durango. „Das liegt lange zurück, Merville. Vielleicht hatte ich einen anderen Grund für mein Kommen. Du. Gallagher und Brigo, ihr fürchtet meine Rache, wie? Vielleicht war diese Furcht umsonst.“

Merville lachte gezwungen.

„Natürlich war sie umsonst! Denn jetzt bist du so ungefährlich wie ein alter zahnloser Straßenköter. Du wirst deine Rache nicht mehr bekommen, du Mann mit den schnellen Eisen. Du hast wohl nicht erwartet, dass wir dich so schnell aufspüren würden, wie? Es war ein Zufall, ein glücklicher Zufall, dass ich dich in Socorro entdeckte. Ich ritt sofort auf deiner Fährte los. Renn und Blade kommen nach. Aber ich brauche sie nicht mehr. Ich werde ...“

„Du wiederholst dich, Hombre“, sagte Durango kühl. „Kennst du das Sprichwort von dem Hund, der bellt ...“

„Halt den Mund!“, fuhr ihn Merville zornig an. „Du willst wohl bis zum Schluss den Helden spielen! Na schön, das liegt ganz bei dir. Geh jetzt voran und verlasse den Saloon! Ich werde hinter dir sein, vergiss das nicht!“

„So also hast du es dir ausgerechnet, Merville. Es stört dich, dass wir hier nicht alleine sind, wie? Und draußen auf der Straße hält sich sicher kein Mensch auf. Wenn sich die Pendeltür hinter uns geschlossen hat, wird draußen plötzlich ein Schuss krachen, wie? Und wenn dann diese Männer nachschauen kommen, werde ich tot im Staub liegen, und du wirst ihnen erzählen, ich hätte versucht, dich umzubringen und dir sei keine andere Wahl geblieben ...“

„Sei still, Durango! Sei bloß still!“

„Du solltest doch auf Brigo und Gallagher gewartet haben, Merville!“

„Zur Hölle mit dir! Hast du nicht gehört, was ich vorhin sagte? Los, geh schon!“

„Wie du willst!“

Durangos Arme waren noch immer erhoben. Seine Augen blickten kühl und gelassen — die Augen eines Mannes, der dem Tode schon zu oft nahe gewesen war, um in einer solchen Situation noch Angst oder gar Panik zu empfinden. Er setzte sich langsam in Bewegung. Merville trat drei Schritte zur Seite, um den Revolvermann nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen.

„Pass auf — der Stuhl!“, sagte Durango schnell.

Unwillkürlich drehte Duff Merville halb den Kopf und machte eine Bewegung, als wolle er einem Hindernis ausweichen. Es war nur ein Sekundenbruchteil, dass seine Konzentration abgelenkt wurde. Dann begriff er den Bluff, fluchte heiser und zog den Stecher durch. Der Knall des Schusses füllte berstend den Saloon. Pulverrauch wölkte auf. Und durch den hellgrauen Schleier sah Merville, dass Durango plötzlich am Boden kniete, dass seine eigene Kugel über ihn hinwegstrich und dass die beiden langläufigen 45er wie hingezaubert in Durangos nervigen Fäusten lagen.

Der Schreck durchfuhr den Desperado siedend heiß. Er wollte nochmals feuern, und in seinem Gehirn war nur ein Gedanke: Durango muss sterben! Aber noch in den Nachhall seines ersten Schusses hinein peitschte Durangos rechter Colt ...

Eine Sekunde später stand Durango langsam auf, steckte die beiden schweren Waffen in die Holster zurück und schaute bitter auf den Mann zu seinen Füßen nieder. Ein quälendes Gefühl des Widerwillens breitete sich immer mehr in ihm aus. Er versuchte daran zu denken, dass Duff Merville ein Bandit gewesen war, ein Mann, der schon viel Unheil verschuldet hatte. Und Merville war einer der drei Menschen gewesen, die an seinem eigenen Unglück die Schuld trugen. Aber all diese Gedanken konnten den brennenden Wunsch nicht vertreiben, dieser tödliche Zweikampf möge nie stattgefunden haben. Schlagartig kam die Erinnerung an all die Kämpfe der Vergangenheit, diese Kämpfe, die er nie gewollt und die er doch nicht hatte verhindern können. Sie hatten ihn gebrandmarkt. Sie hatten ihn zu dem gemacht, was er jetzt war: Ein Mann, der alles aufgegeben hatte, was er besessen hatte — ein Verfemter, den niemand zum Freund wollte — ein Mann, der sich Durango nannte, dessen richtiger Name tot war. Wie die Zeit, in der er ein friedliches Leben geführt hatte.

Er schaute sich um. Die beiden Cowboys hatten den Ecktisch verlassen und drängten eilig aus dem Saloon. Der Keeper war in der Küche verschwunden. Er war allein mit Duff Merville. Die Fliege summte noch immer und stieß unaufhörlich gegen die Fensterscheibe.

Durango ging zur Theke und legte ein Geldstück auf die Theke. Die bitteren Gedanken kamen und gingen. Jenseits der Grenze, in Mexiko, hatte er die Chance besessen, ein neues Leben aufzubauen. Hier wurde alles wieder lebendig, was er hatte abschütteln wollen. Aber er hatte keine andere Wahl gehabt, als diesen Trail zu reiten. Er war nicht gekommen, um sich zu rächen. Seit er die Grenze überschritten hatte, saß der Wunsch in ihm, nichts mit Merville und dessen Kumpanen zu tun zu haben. Denn hier wartete etwas anderes auf ihn, etwas Wichtigeres. Er dachte wieder an den Brief, den er nun schon zwei Wochen lang in der Brusttasche seines Hemdes trug. Die Sorge wühlte ihn wieder auf, diese Sorge, die ihn aus dem kleinen, abgelegenen Bergdorf in der Sierra Madre getrieben hatte, die ihn über die Grenze gejagt hatte bis hierher nach Bannerhan in New Mexiko.

Durango seufzte leicht. Was vor ihm lag, war schlimm genug. Die Tatsache aber, dass seine alten Feinde ihn in Socorro entdeckt hatten, ließ alles noch wesentlich böser aussehen. Wie lange würde es dauern, bis Mervilles wilde Gefährten in Bannerhan eintrafen und erfuhren, was eben geschehen war? Wie lange würde es dauern, bis die heiße Jagd auf ihn begann? Bis dahin musste die andere Sache, diese für ihn wichtigere Angelegenheit, erledigt sein.

Die Zeit drängte! Es würde ein Wettlauf mit dem Tode sein!

Durango drehte sich von der Theke ab, um den Saloon zu verlassen. Da sagte eine raue Stimme von der Tür her: „Halt, Mister, so einfach geht es nicht! Bleiben Sie, wo Sie sind!“

Durangos Miene straffte sich, wurde wieder hart und undurchdringlich. Er schaute wachsam zu dem Mann hin, der sich vorsichtig über die Schwelle schob.

Das hereinflutende Licht zeichnete scharf die Konturen seiner kräftigen, stämmigen Gestalt nach. Erst als der andere näher kam, konnte Durango sein Gesicht erkennen, ein angespanntes, grimmiges Gesicht mit hellen misstrauischen Augen. Die rechte Hand des Mannes lag direkt hinter dem Kolben des Revolvers.

„Ich habe eben erfahren, was hier geschehen ist“, sagte der Mann mit rauer Stimme. Sein Blick musterte Durango scharf und gründlich. Das Misstrauen blieb in seinen hellen Augen.

Durango hob kurz die Schultern.

„Er ließ mir keine andere Wahl. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Wenn ich nicht ...“

„Schon gut, ich sagte doch, dass ich Bescheid weiß!“ Die Stimme des Stämmigen war abweisend und ungeduldig.

„Seit wann sucht ein Mann wie Sie nach einer Entschuldigung?“

Der Blick streifte über Durangos tiefgehalfterte Waffen, und Durango merkte, wie sich die Haltung des anderen spannte. Eine scharfe Erwiderung brannte auf seiner Zunge. Doch im nächsten Augenblick war sein jäher Grimm verflogen. Er fühlte nur noch Widerwillen und Müdigkeit — eine Müdigkeit, die tief aus seinem Innern kam. Er schwieg.

„Mein Name ist Dick Warren“, sagte der Stämmige. „Ich bin der Sheriff von Bannerhan.“ Er schlug seine Jacke zurück, und Durango konnte den fünfzackigen Stern an seinem Hemd schimmern sehen.

Er nickte. „Ich dachte es mir.“

Sheriff Warren runzelte die Stirn und räusperte sich.

„Man sagte mir, Sie seien höllisch fix mit den Eisen gewesen, Fremder.“

Durango lächelte freudlos.

„Warum reden Sie um den Kern der Sache herum, Sheriff? Sie halten mich für einen Revolvermann, das wollen Sie doch ausdrücken.“

„Stimmt es nicht?“, fragte Warren hart und starrte Durango prüfend an.

Das Lächeln erlosch auf Durangos Lippen.

„Vielleicht nicht ganz. Aber es hat wohl keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Well, was wollen Sie?“

„Es hat seit langer Zeit keinen Toten mehr in Bannerhan gegeben“, begann Dick Warren gedehnt. „Ich meine, einen Mann, der an einer Revolverkugel starb.“

„Ich fange an zu verstehen.“

„Bannerhan war bisher eine verhältnismäßig friedliche Stadt“, redete Warren weiter, als habe er die Bemerkung überhört. „Ich möchte, dass sie es auch bleibt.“

Durangos Lippen wurden schmal.

„Sheriff, man sagte Ihnen doch, dass ich in Notwehr schießen musste, nicht wahr? Ich wollte diesen Kampf nicht.“

Warrens Gesicht verfinsterte sich.

„Ein Mann wie Sie wird immer Kampf hinter sich herziehen“, erklärte er mit plötzlicher Schärfe. „Das ist nun einmal so!“

Durango schwieg. Der Sheriff trat dicht an ihn heran. Er musste den Kopf ein wenig zurücklegen, um in Durangos zerfurchtes Ledergesicht blicken zu können.

„Ich möchte, dass Sie diese Stadt verlassen!“

„Ist das ein Befehl?“

„Noch nicht — es kann einer werden!“

Sie starrten einander an: Zwei harte Männer von denen keiner gewohnt war, nachzugeben.

Schließlich sagte Durango leise: „Nun gut, ich habe nicht die Absicht für immer zu bleiben. Nur — den Zeitpunkt, an dem ich verschwinde, werde ich selbst bestimmen.“

„Warten Sie nicht zu lange damit!“, sagte Warren kalt. „Und sorgen Sie dafür, dass Ihre Schießeisen nicht mehr aus den Holstern kommen.“

„Kann ein Mann wie ich ein solches Versprechen überhaupt geben?“, fragte Durango mit einem Hauch von bitterer Ironie in der Stimme. Er wartete auf keine Antwort und wandte sich zum Gehen.

Warren sagte schnell: „Noch einen Augenblick, Fremder!“

„Yeah?“

„Wie war doch noch Ihr Name?“

„Durango!“

Warren senkte den Kopf. „Durango!“, wiederholte er nachdenklich. Sein Blick hob sich wieder. „Heißen Sie schon immer so?“

Durango sah den Schimmer eines Verdachts im Hintergrund der hellen Augen seines Gegenübers. Etwas Eisiges rieselte ihm über den Rücken. Er antwortete ruhig: „Nein! Ich hatte früher mal einen anderen Namen — es ist lange her.“ Weder seine Stimme noch seine Miene verriet, wie gespannt er auf die nächsten Worte des Sheriffs wartete. Aber Warren verzichtete darauf, direkt nach seinem richtigen Namen zu fragen. Er murmelte, den forschenden Blick noch immer auf den Revolvermann gerichtet: „Sie kommen mir bekannt vor. Haben wir uns schon einmal irgendwo gesehen?“

Wieder spürte Durango den kalten Schauder auf dem Rücken.

„Vielleicht“, sagte er sanft und hielt ruhig dem Blick des Sheriffs stand. „Ich bin weit umhergekommen.“

„Aber ich bin nie weit über die Grenzen des Bannerhan Countys hinausgekommen“, erklärte Dick Warren, und in seinen Augen erschien ein lauernder Ausdruck. „Waren Sie schon mal hier?“

„Möglich, ich weiß es nicht.“

„Ich finde, Durango“, sagte Sheriff Warren leise, „Sie sind nicht so alt, dass Ihr Gedächtnis Sie im Stich lässt.“

„Vielleicht bin ich älter, als Sie denken“, entgegnete Durango hart. „Kann ich jetzt gehen?“

„Sie haben es plötzlich sehr eilig, wie? Nun ja, gehen Sie meinetwegen. Aber — vielleicht ist es wirklich besser, wenn Sie ziemlich bald die Stadt verlassen. Ich glaube nämlich, eines Tages werde ich mich daran erinnern, woher Sie mir so bekannt vorkommen.“

Durango gab keine Antwort mehr. Doch als er draußen im grellen Sonnenschein auf dem leeren Gehsteig stand, dröhnten die letzten Worte des Sheriffs noch immer in seinen Ohren ...

 

 

6

Als Durango die Verandastufen des Longrider Hotels hinaufstieg, waren seine Gedanken noch immer bei Sheriff Dick Warren. Er überlegte, ob er nicht gleich seinen Falben satteln und den Ritt machen sollte, den er plante. Dann sagte er sich, dass es besser sei, noch einige Stunden auf seinem Hotelzimmer zu bleiben. Warren war ein misstrauischer und wachsamer Mann. Ein überstürztes Fortreiten würde seinem Verdacht nur neue Nahrung geben.

Durango betrat die schattige Veranda und sah den dunkelhaarigen Mann, der in einem der aufgestellten Schaukelstühle saß, die Beine auf die Verandabrüstung gelegt hatte und sich eben eine Zigarette anzündete. Durango wollte schon achtlos an dem Mann vorbei in die offene Hoteleingangshalle gehen, da sah er, wie der Dunkelhaarige das brennende Streichholz rasch zweimal im Kreis bewegte, ehe er es an die Zigarettenspitze hielt.

Etwas in Durango spannte sich wie eine Stahlfeder. Er hatte schon einen Fuß auf die Schwelle gesetzt, drehte sich jetzt langsam um und lehnte sich scheinbar gleichmütig an den Türrahmen. Der Mann im Schaukelstuhl bewegte sich nicht. Er rauchte hastig, hielt den Kopf etwas gedreht und spähte die breite sonnenbeschienene Main Street hinab.

Durangos Blick flog über die staubige Fahrbahn, tastete scharf die gegenüberliegenden Häuserfronten ab und entdeckte die dunkle Gestalt im Schatten einer steilen Außentreppe, die zu einer Vordachgalerie hinaufführte. Langsam krochen Durangos Hände zu den Revolverkolben. War Duff Merville doch nicht alleine nach Bannerhan gekommen? Hatte er Fremde mitgebracht, die ihm jetzt eine Falle stellen wollten, eine tödliche Falle?

Aus den Augenwinkeln spähte Durango rasch zu dem Dunkelhaarigen hin. Die Zigarette glühte in kurzen Abständen auf. Er spähte noch immer die Straße hinab. Dort war ein leichter hochrädriger Ranchwagen aufgetaucht, der von zwei struppigen Gäulen gezogen wurde. Eine gelbe Staubfahne wehte dünn hinter ihm her. Auf dem Bock saß ein alter, etwas gekrümmter Mann und lenkte die Pferde ohne Eile die Straße herab. Das Hufgestampfe und Räderknirschen wurde zunehmend lauter.

Details

Seiten
139
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934014
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505264
Schlagworte
verraten

Autor

Zurück

Titel: Verraten und verfemt