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Redlight Street #109: Jolly – neue Puppe des schönen Thomas

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jolly – neue Puppe des schönen Thomas

Copyright

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Jolly – neue Puppe des schönen Thomas

Redlight Street #109

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Die schüchterne Johanna glaubt, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Durch ein Missverständnis kommt es jedoch zum Bruch. Als Johanna in ihrer Verzweiflung im Alkohol Trost sucht, gerät sie an einen Zuhälter, der die Situation gnadenlos ausnutzt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Der Himmel hatte die Farbe eines Regenbogens angenommen. Davor standen die hohen dunklen Tannen. Johanna Messner stand am Fenster und konnte sich an dieser Schönheit nicht sattsehen.

»Was ist?«, kam eine Stimme aus dem Hintergrund. »Schau doch mal, wie schön es draußen ist. Da, jetzt kommt ein breites Sonnenband zwischen den Wolken hervor. Ist das nicht herrlich?«

Ein junges Mädchen stellte sich neben Johanna und schaute ebenfalls aus dem Fenster. Sie befanden sich im zweiten Stock, und der ganze, weite Park lag vor ihren Augen.

Marianne Becker war Kollegin und Freundin zugleich. Sie sagte: »Weißt du, jetzt kann ich es dir ja verraten: Dies war eigentlich einer der Hauptgründe, dass ich diese Stelle angenommen habe. Wo hat man denn sonst schon einen Park vor der Nase? Und dann hab ich an die vielen Mittagsstunden gedacht – im Sommer wie im Winter.«

Johanna lachte leise auf. »So müsstest du ihn eigentlich als einen Teil deines Lohns betrachten, nicht wahr?«

»Wen?«

»Den Park natürlich!«

Sie bekam einen freundschaftlichen Rippenstoß. »Geh, du magst ihn ja auch so gern.«

»Ja«, bestätigte sie mit weicher Stimme.

Sie beide arbeiteten in einem Institut der Universität. Hinter den hohen Tannen befanden sich die anderen Gebäude. Ja, sie hatten es wirklich gut getroffen. Aber daran dachte Marianne im Augenblick nicht. Sie warf der Freundin einen Blick zu. Vor Wochen hatte sie noch traurig ausgesehen, und jetzt?

Sie lächelte leicht vor sich hin, dann ging sie an den Schreibtisch zurück.

»Sag mal«, begann sie leise, »treffen wir uns heute? Ich meine – es muss nicht sein, nur wenn du Zeit hast.«

Johannas Gesicht wurde von einem blassen Rot überzogen. »Ja, weißt du …«, meinte sie zögernd.

»Ich weiß schon Bescheid, du wirst abgeholt. Also gestrichen. Ich hab dir ja auch gesagt, nur wenn du Zeit hast.«

Etwas bekümmert meinte die Freundin: »Eigentlich hab ich ein ganz schlechtes Gewissen, Marianne, wirklich. Du warst so wundervoll, als ich dich brauchte; und nun hab ich so wenig Zeit für dich.«

»Aber, das ist doch selbstverständlich, Hannerl. Wenn man sich kennenlernt, dann will man oft beisammen sein.«

»Trotzdem, nach dem Tod meiner Mutter hast du dich so sehr um mich gekümmert. Du, das hab ich nicht vergessen.«

»Schau«, sagte die Freundin, »mach dir keine Sorgen, hörst du? Es kann mir passieren, dass ich schon morgen wieder besetzt bin. Das mit Peter, das ist jetzt überstanden. Also bin ich mal wieder für eine Liebe reif. Du, dann hab ich auch keine Zeit mehr. So ist nun mal das Leben, wie eine Schaukel – einmal bist du oben, dann wieder ich.«

Johanna setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm sich eine Akte, aber arbeiten konnte sie doch noch nicht. Sie musste über alles nachdenken.

Nein, dachte sie, so ist das Leben wirklich nicht gewesen. Ich bin jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Solange Mama lebte, waren mir die Hände gebunden. Sie hat nicht gewollt, dass ich das Haus verließ. Durch ihre vielen eingebildeten Krankheiten zwang sie mich einfach, daheim zu bleiben, wenn ich kein schlechtes Gewissen haben wollte. Mein Gott, als sie dann wirklich schwer krank war, da hab ich es nicht glauben können. Ja, so ist das, wenn man die ganze Zeit jemandem etwas vorspielt.

Nein, eigentlich traurig war sie über den Tod der Mutter nicht gewesen. Sie hatte zu deren Lebzeiten keinerlei Freiheiten gehabt. Und dann, als sie nicht mehr da war, hatte sie das Gefühl gehabt, die Decke würde ihr auf den Kopf fallen. Sie hatte erst lernen müssen, mit sich allein auszukommen. Dabei hatte Marianne ihr rührend geholfen. Vor allen Dingen hatte sie dafür gesorgt, dass sie aus ihren vier Wänden herauskam. Und dann –Johanna war so gar nicht selbstbewusst. Sie hielt sich für hässlich und linkisch und konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sich jemand in ihrer Gegenwart länger als fünf Minuten aufhalten konnte. Zu ihrer größten Verwunderung hatte sie dann auf den kleinen Festen mit Marianne erlebt, dass man sie sehr wohl mochte. Anfangs war sie ja schrecklich schüchtern gewesen und hatte nicht mitgehen wollen.

Marianne hatte das einzige Richtige getan: Sie hatte ihr erst einmal neue Kleidung verordnet. Gemeinsam waren sie einkaufen gegangen. Modisch gekleidet kam sie sich schon viel besser vor. Und dann ließ sie sich auch das Haar kürzen. Ihre großen dunklen Augen waren das schönste in diesem zarten Gesicht. Außerdem hatte sie eine sehr gute Figur.

»Ich weiß gar nicht, was du hast, Johanna. Wirklich, du kannst von Glück reden, so hübsch zu sein.«

Diese hatte nur lachend abgewehrt.

Marianne hatte sich ein Spiel daraus gemacht. Wenn sie jetzt in die Stadt gingen, machte sie die Freundin auf alle Mädchen mit schlechteren Figuren aufmerksam.

»Schau mal, wenn du so aussehen würdest – also wirklich, dann könnte ich dich verstehen, wenn du so jammerst!«

Sie hatte es erreicht, Johanna lachte. Und vor allen Dingen sagte sie sich insgeheim: Sie hat recht. Nur Mama hat immer genörgelt. Das war doch Absicht gewesen. Jetzt weiß ich es.

Mit fünfundzwanzig Jahren konnte man eben nicht so leicht über seinen eigenen Schatten springen.

Vielleicht hätte sie sich mit der Zeit heftig an die Freundin geklammert, aber da trat etwas ein, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Es kam völlig überraschend, aus heiterem Himmel. Sie war jetzt noch immer ganz verblüfft und konnte es einfach nicht begreifen.

Ein junger Mann hatte sich in sie verliebt!

Nicht nur das – sie liebte ihn auch! Das war überhaupt das wundervollste Geschenk.

Siegfried Auer hieß dieser wundervolle Mensch. Er war schon an die dreißig Jahre alt und noch nicht verheiratet. Johanna hätte sich niemals in eine Verbindung gedrängt. Er war Versicherungskaufmann, der einzige Sohn seiner Eltern. Er lebte noch bei ihnen, denn sie waren vermögend und besaßen ein großes Haus am Stadtrand.

Siegfried Auer hatte also Johanna auf einer Party kennengelernt. Ein Geschäftsfreund hatte ihn mitgenommen, der sich ihm gegenüber verpflichtet gefühlt hatte; und so war es zu dieser Begegnung gekommen. Zuerst hatte er sich auf dieser Party sehr gelangweilt, denn für junge Mädchen hatte er in der Regel nicht viel übrig. Er war zu ernst und zu still. Außerdem – nun ja, er mochte die moderne Zeit mit all ihren Begleiterscheinungen einfach nicht. Sein Sinnen und Trachten ging noch ein wenig in die Vergangenheit. Er war auf der Suche nach etwas Vollkommenem. Warum, das konnte er nicht erklären. Obwohl er sich doch sagen musste, dass das einfach nicht mehr, angebracht war in dieser hektischen Welt. Wegen dieser Neigung war er bis jetzt auch noch nicht verheiratet. In seinem Büro hatten viele junge Mädchen Anstrengungen gemacht, ihn einzufangen. Sie wussten nicht, dass genau das falsch war, denn er wollte noch erobern, wollte noch etwas in den Augen der Frau gelten und nicht einfach ein prima Kumpel sein.

Auf dieser Party hatte er sich also mit einem Glas in den Hintergrund geflüchtet und überlegte sich gerade, wie lange man wohl bleiben müsse, um nicht als unhöflich zu gelten. Da war dann die Tür aufgegangen, und zwei junge Mädchen hatten den Raum betreten. Voran eine Blonde – sie wurde gleich sehr lebhaft und stürmisch begrüßt. Ihr Blick war einmal über seine lange Gestalt geglitten, dann hatte sie sich abgewandt. Siegfried hingegen hatte einen sehr langen Blick auf ihre Begleiterin geworfen. Vielleicht hatte er ihre Unsicherheit gespürt, denn er hatte ein zitterndes Lächeln in ihren Mundwinkeln gesehen. Als die Blonde von ihrer Seite gerissen worden war, hatte sie sich ziemlich hilflos umgesehen und sich ebenfalls in den Hintergrund flüchten wollen.

Merkt das denn keiner, dachte der Mann. Niemand hat ihr etwas zu trinken angeboten. Sie scheint sich also hier nicht auszukennen, so wie ich.

Instinktiv, um ihr ein wenig zu helfen, hatte er die Nische verlassen und war auf sie zugetreten.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«

Ihre großen dunklen Augen hatten ihn einen Augenblick groß angesehen. Dann hatte sie mit leiser Stimme geantwortet: »Gibt es denn hier etwas Alkoholfreies?«

»Das weiß ich nicht«, hatte er erstaunt geantwortet, denn das war ganz neu, dass ein junges Mädchen auf einer Party keinen Alkohol trank. »Ich will mich mal umsehen – warten Sie auf mich?«

Sie hatte nur scheu gelächelt.

Siegfried war dann in den angrenzenden Raum gegangen. Dort hatte man alles Nahrhafte aufgebaut. Und richtig, nach einigem Suchen fand er Tomatensaft. Er wusste zwar nicht, ob sie ihn mochte, doch er war alkoholfrei.

Johanna bedankte sich artig und wollte, scheu wie sie war, wieder gehen. Da der junge Mann aber selbst nicht wusste, wie er den Abend verbringen sollte, und außer diesem Geschäftsfreund hier niemanden kannte, bat er sie, doch an seiner Seite Platz zu nehmen.

»Ich habe das Gefühl, dass wir uns beide hier sehr verloren vorkommen. Richtig?«

»Ja«, sagte sie mit ein wenig Erleichterung in der Stimme. »Eigentlich wollte ich gar nicht herkommen, müssen Sie wissen, aber ich habe eine hartnäckige Freundin.«

»Die blonde Dame da drüben?«

»Ja, das ist Marianne.«

»Wenn Sie so verschieden sind, weshalb gehen Sie dann mit ihr?«

Etwas erstaunt blickte sie ihn an.

»Wenn man sonst niemanden hat«, meinte sie ruhig. »Außerdem, ich beschwere mich ja gar nicht, im Gegenteil. Ich bin nur so farblos und dumm, das ist es.«

»Aber nein, das sind Sie nun wirklich nicht.«

»Sie kennen mich ja auch erst seit ein paar Minuten«, hatte sie geantwortet.

»Aber in diesen Minuten habe ich mich noch kein bisschen gelangweilt. Außerdem reden Sie nicht dieses Blabla, das man sonst auf Partys vorgesetzt bekommt.«

»Jetzt reicht mein Gesprächsstoff schon nicht mehr weiter«, meinte sie leise lachend.

»Aber, wollen wir doch mal sehen! Was mögen Sie denn?«

»Wieso?«

»Ich meine – Musik, Bücher, Kunst und so weiter?«

Ja, da hatte er ein Thema gewählt, bei dem Johanna tatsächlich mitreden konnte. In all den Jahren, in denen die Mutter sie an sich gefesselt hatte, war dies ihr einziges Hobby und auch so etwas wie Erholung gewesen.

Nach einer Stunde stellten die beiden erstaunt fest, dass sie schon fast wie alte Freunde miteinander sprachen, ja, manchmal stritten sie auch ein wenig, weil keiner in seiner Meinung nachgeben wollte. Und außerdem wussten sie jetzt, dass sie beide die gleiche Neigung zur Vergangenheit hatten.

Darüber lachten sie so sehr, dass sich Marianne umdrehte und erstaunt auf Johanna zukam.

»Hallo, du scheinst dich ja wundervoll zu amüsieren!«

»Ach nein«, antwortete diese leise, »nein, das nicht – ich meine …«

Siegfried war aufgestanden, hatte sich vor Marianne verbeugt und sich vorgestellt, dann hatte er sich wieder an Johanna gewandt. »Wollen Sie damit sagen, dass Ihnen meine Gesellschaft unangenehm ist?«

»Nein, nein! Ich meine doch bloß, wir haben uns gestritten. So etwas tut man doch nicht auf einer Party.«

Marianne lachte auf. »Na, ich lasse euch lieber allein. Das ist zu hoch für mich.«

Irgendwie hatte sie den Zauber zerstört. Die beiden kamen nicht sofort wieder in Redefluss. Etwas gehemmt hockte Johanna da und drehte ihr leeres Glas in den Händen.

Siegfried Auer sagte: »Es gibt eine alte Regel für Partys: Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, geht man einfach essen. Das beschäftigt, und vielleicht kann man dann gemeinsam das Essen loben oder auch drüber meckern.«

»Ich habe aber keinen Hunger.«

»Kommen Sie, ich aber – und außerdem …« Er lächelte sie herzlich an.

»Was außerdem?«, fragte sie leise.

»Sie wagen nur nicht, quer durch den Raum zu gehen. Sie denken, man würde Sie von allen Seiten anstarren und vielleicht für verfressen halten.«

Das waren tatsächlich ihre Gedanken gewesen. Sie war empört! Das hatte er ja nur damit erreichen wollen; denn jetzt stand sie mit einem Ruck auf und ging stürmisch durch den Raum. Sie bemerkte gar nicht, was vor sich ging.

»Was habe ich gesagt?«

»Mit Ihnen rede ich gar nicht mehr«, sagte sie hitzig.

»Nun, dann kann ich ja in aller Ruhe alles essen!«

Sie warf ihm einen Blick zu. Dann lachte sie wieder auf. Denn ganz ohne Humor war sie schließlich auch nicht. Nur einsam. »Hach, jetzt werde ich erst recht reden.«

Er versuchte, ein verzweifeltes Gesicht zu machen, aber es wurde nur eine Grimasse. Darüber musste sie wieder lachen.

Irgendwie war der Abend ganz plötzlich zu Ende; Johanna war traurig darüber. Wirklich, sie war richtig erschrocken. Sie wollte dem Mann zum Abschied noch etwas sagen – was, das wusste sie auch nicht, sich vielleicht nur einfach bedanken. Aber dann ging alles durcheinander, und ehe sie sich’s versah, war sie neben Marianne im Auto.

»Bin ich müde! Morgen werde ich den ganzen Tag schlafen, ehrlich.«

»Aber morgen ist doch Sonntag! Wir wollten doch einen langen Waldspaziergang machen?«

»Verschieben. Ich will mich mal wieder so richtig ausschlafen. Johanna, du bist mir doch nicht böse?«

»Nein, nein!«

Dann hatte sie die Freundin vor deren Haustür abgesetzt und war heimgefahren. Zu Hause hatte sie noch ziemlich lange wach im Bett gelegen und versucht, sich das Gesicht des Mannes einzuprägen, aber dann musste sie wohl doch darüber eingeschlafen sein.

 

 

2

Sonntag!

Für einen Menschen, der allein ist und auch fast keine Bekannten hat, ist das der schrecklichste Tag der Woche! Er fühlt sich in der Wohnung eingesperrt wie in einem Gefängnis. Die Stadt ist dann auch wie ausgestorben. Alles leer und einsam! Johanna litt an diesen Tagen und flüchtete meistens in den Wald. Als die Mutter gestorben war, hatte sie darüber nachgedacht, sich einen Hund zu kaufen. Aber wohin sollte sie damit, wenn sie am Tag arbeiten ging? Also war das nichts!

Marianne wollte sich ausschlafen.

Also würde sie wieder allein in den Wald fahren. Angst hatte sie nicht; nur zu zweit war es irgendwie netter. Nun denn, lieber herumlaufen, als hier allein in der Wohnung zu versauern!

So fuhr sie gleich nach dem Frühstück fort. Sie hatte einen Rundwanderweg entdeckt, den man je nach Stimmung entweder für vier oder zwei Stunden wählen konnte. Sie kannte hier fast jeden Strauch und Baum, und als sie nun ihren kleinen Wagen auf dem Parkplatz abstellte, befand sich dort schon ein Auto. Das wunderte sie ein wenig, denn gewöhnlich kamen die anderen Wanderer erst nachmittags.

Johanna war noch nicht weit gelaufen. Gleich auf der ersten Bank saß jemand. Nun, sie würde vorbei- und gleich weitergehen. Sie liebte es nicht, sich mit wildfremden Menschen zu unterhalten, weil sie nie wusste, was sie sagen sollte.

Als sie aber näherkam, wurde sie zu ihrer Überraschung angesprochen.

»Ja, wenn das kein Zufall ist!«

Sie schaute auf.

Auf der Bank saß Siegfried Auer! Sie blieb abrupt stehen und fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

»Jetzt denken Sie gewiss, ich hätte Sie verfolgt«, sagte sie stammelnd.

»Ach wo, das können Sie ja gar nicht! Sie wissen ja nicht, wo ich wohne.«

»Nein«, antwortete sie erleichtert. »Wirklich, das habe ich ganz vergessen.«

»Aber Sie haben mir gestern nichts davon gesagt, dass Sie gerne wandern.«

»Wir haben uns ja auch nur über Kunst unterhalten.«

»Eins zu null für Sie, meine Liebe.«

Sie standen sich gegenüber.

»So gehen wir denn?«

Ihr Herz schlug schnell und unregelmäßig. Sie wollte nein sagen, aber brachte es einfach nicht über die Lippen. Wie selbstverständlich ging er an ihrer Seite weiter.

Siegfried fand es gar nicht so übel, sie hier wiederzutreffen; zumal er noch recht lange über das Mädchen nachgedacht hatte. Er war doch schon so lange auf der Suche nach der richtigen Frau. Und dieses stille Mädchen war anders als alle, die er bisher kennengelernt hatte. Vor allen Dingen musste er sie sehr behutsam behandeln, das hatte er begriffen.

Zuerst gingen sie schweigend nebeneinanderher. Aber es war kein abweisendes Schweigen. Jeder musste erst mit der neuen Lage vertraut werden. Das Reden würde schon wiederkommen. Für Johanna war es etwas Neues, mit einem Mann zu gehen, so dass sie es noch immer nicht glauben konnte.

Als junges Schulmädchen hatte sie auch ihre Freunde und Bekannten gehabt, und man hatte auch viel Spaß gehabt. Aber dann, als sie mit achtzehn Jahren dann einen jungen Mann kennengelernt hatte, mit dem sie auch mal tanzen gegangen war, da hatte die Mutter mit ihren Leiden angefangen. Praktisch als es schon zu spät war, hatte sie begriffen, dass die Mutter nur dann »krank« war, wenn sie mit jemandem ausgehen wollte, wenn sie den jungen Mann so weit kannte, dass sie sich vielleicht öfter treffen konnten. Ihn nach Hause mitzunehmen, das war ein Ding der Unmöglichkeit, das hätte die Mutter nicht zugelassen.

»Ihre Gedanken möchte ich erraten, Johanna!«

Wieder wurde sie rot.

»Oder haben Sie es nicht gern, wenn ich Sie mit Johanna anrede?«

»Eigentlich nicht«, sagte sie offen.

»Nun, leider weiß ich Ihren Nachnamen nicht.«

»Messner«, sagte sie leise.

»Nun, Fräulein Messner, dann wollen wir doch mal sehen, wer von uns beiden zuerst schlapp macht!«

»Na, da müssen Sie schon ziemlich lange laufen, wenn Sie das schaffen wollen.«

Er lachte amüsiert auf. Der Bann war wieder gebrochen, und bald waren sie wieder in ein angeregtes Gespräch vertieft. Dabei wanderten sie so rasch dahin, dass Johanna maßlos verblüfft war, als sie sich plötzlich wieder auf dem Parkplatz befanden.

»Aber …«, sagte sie verwirrt. »Schon Mittag. Mir ist die Zeit auch noch nie so kurz vorgekommen.«

Da standen sie sich gegenüber. Gestern hatten sie sich zufällig kennengelernt, heute zufällig getroffen.

»Ein drittes Mal wird das Schicksal bestimmt nicht mehr so gütig sein, meine Liebe. Also strapazieren wir es nicht zu sehr. Schließlich muss es auch anderswo noch Zufall spielen. Was halten Sie davon, wenn wir jetzt zusammen essen gehen? Ich weiß in der Nähe ein sehr nettes Lokal.«

Als sie zögerte, meinte er ruhig: »Oder werden Sie erwartet? Dann möchte ich Sie nicht länger aufhalten.«

»Nein, nein«, sagte sie hastig. »Nein, ich werde nicht erwartet. Marianne will sich heute ausschlafen.«

Unwillkürlich erfuhr er dadurch, dass sie keinen Freund hatte; denn sie hatte nur die Freundin erwähnt.

»Worauf warten wir also noch?«

Sie lächelte ihn an.

»Aber darf man das überhaupt?«

»Was?«, fragte er verwirrt.

»Warnt die Polizei uns Frauen nicht immer davor, mit fremden Männern zu gehen? «

Er stemmte beide Arme in die Seite und spielte den Empörten: »Da hört ja wirklich alles auf, meine Liebe! Also, erstens haben wir uns gestern kennengelernt; und außerdem, die vier Stunden im Wald – nun ja, wo ich Sie gut und gerne tausendmal hätte abmurksen können, da sind Sie mitgegangen! Oder halten Sie mich vielleicht für einen Heiratsschwindler? «

Wieder wurde sie rot.

»Nein«, sagte sie hastig, »das sollte doch nur ein Scherz sein.«

»Weiß ich. Aber ich hab ein gutes Rezept, wie Sie feststellen können, dass ich keiner bin.«

»Was – nicht sind?«

»Ein Heiratsschwindler, meine Liebe!«

»Oh!«

Er lachte sie an.

»Nun, das ist doch ganz einfach – Sie müssen mir nur Geld geben, verstehen Sie?«

»Jetzt werden Sie frech!«

»Wirklich?«

»Ich gebe überhaupt keine Antwort mehr.«

»Hören Sie, ich fahre vor; Sie kennen ja den Weg zum Gasthof nicht. Also, wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie mir nicht zu folgen. Also, Sie können niemals dem Richter erzählen, ich hätte Sie gezwungen.«

Voller Würde stiefelte sie auf ihr Autochen zu und schloss die Tür mit einem Knall.

»Angeber!«, sagte sie vor sich hin. »Der soll sich nur nicht einbilden, bloß weil ich einsam bin, würde ich nach jedem Knochen schnappen. Das hab ich noch lange nicht nötig. Außerdem, na ja, außerdem …“

Er fuhr an. Schließlich konnte sie keine Wurzeln auf diesem Parkplatz schlagen, und außerdem hatte sie auch Hunger. Wieso sollte sie nicht in der Nähe ein kleines Gasthaus suchen und dort zu Mittag speisen? Was machte es denn schon aus, dass sie vor lauter Angst so etwas noch nie getan hatte. Schließlich und endlich war man erwachsen, und man musste mit allem einmal anfangen.

Wenig später stellte sie ihren Wagen unter eine hohe Fichte. Der junge Mann stand an der Tür des Gasthauses und tat, als würde er sie nicht kennen. Sie sagte auch nichts, als er ihr die Tür öffnete und dann vorging.

Sie sagte auch noch immer nichts, als er an ihrem Tisch mit der Begründung Platz nahm: »Es ist kein Stuhl mehr frei, Sie haben doch nichts dagegen?« Dabei war das Lokal buchstäblich leer.

Mit zitternden Händen nahm sie die Karte. Sie war froh, dass sie genug Geld eingesteckt hatte. Sie war ein vorsichtiger Typ, der immer genug Geld bei sich hatte. Man könnte es ja mal dringend benötigen. Außerdem fühlt man sich viel sicherer, wenn man Geld bei sich hat.

Hier gab es Wildspezialitäten, und nach dem Geruch zu urteilen, schien es sich um eine ausgezeichnete Küche zu handeln.

»Auch einen Spaziergang gemacht?«

Sie warf ihm einen Blick zu.

»Bilden Sie sich bloß nicht ein, ich wäre Ihnen nachgefahren! Ganz im Gegenteil!«

Er lachte leise auf.

»Warum lachen Sie?«

»Jedes Mal, wenn Sie lügen, werden Sie rot. Herrlich! Also, das müssen Sie noch lernen.«

Johanna sollte nicht ahnen, welche Bedeutung dieser Satz noch für sie haben sollte. Ja, wenn man doch in die Zukunft blicken könnte. Wie vieles würde man doch anders machen.

»Stört es Sie?«

»Aber nein, es sieht reizend aus, ehrlich! Und außerdem finde ich es hübsch. Heute lügt die ganze Welt, und keiner wird mehr rot. Ich glaube, ich fange langsam an, mich in Sie zu verlieben!«

Johanna war so sprachlos, dass sie für eine Weile verstummte.

»Ach Gottchen«, sagte Siegfried lachend, »nun hab ich wieder alles falsch gemacht! Nun denken Sie in der Tat, ich wäre ein Heiratsschwindler!«

Wieder fühlte sie, wie ihr dieses schreckliche Rot aus dem Kragen ihrer Bluse kroch. Sie musste wirklich etwas dagegen unternehmen.

Das Essen wurde serviert, und auch jetzt trank sie keinen Schluck Alkohol.

»Warum nicht?«, wollte er wissen.

»Das ist eine lange Geschichte«, antwortete sie spröde.

»Vielleicht werde ich sie mal hören, wenn wir uns näher kennen, nicht wahr? «

»Werden wir das?«, fragte sie unwillkürlich.

»Das liegt bei Ihnen, meine Liebe.«

Was sollte man da sagen? Warum fühlte sie sich so hilflos? Marianne hätte jetzt ganz gewiss gewusst, was man in dieser Situation sagen muss. Aber sie saß hier wie ein verschrecktes Kaninchen.

Siegfried war entzückt, denn jetzt war er fest davon überzeugt, das richtige Mädchen gefunden zu haben. Sie flirtete nicht mit ihm und war so natürlich.

Er beugte sich vor. »Johanna – pardon, Fräulein Messner, ich meine es wirklich so, wie ich es sage. Ich würde mich wirklich sehr herzlich freuen, wenn wir uns wiedersehen könnten. Oder geht das vielleicht aus irgendeinem Grund nicht?«

»Doch, doch«, sagte sie hastig, wurde abermals rot und noch verlegener.

»Nun essen Sie mal erst Ihr Eis. Darüber können wir uns auch noch nachher unterhalten, nicht wahr?«

Sie war ihm dankbar, dass er nicht weiter in sie drang. So konnte sie sich wieder fangen. Johanna sah unwillkürlich auf die Uhr und dachte betroffen: Mein Gott, die Stunden jagen nur so dahin. Zu Hause kriecht die Zeit; ich verstehe das einfach nicht. Noch nie sind mir die Stunden so schnell weggeflogen.

Als es ans Bezahlen ging, wollte er als Kavalier die gesamte Rechnung begleichen. Aber darin war sie eigen.

»Ich möchte meinen Teil gern selbst bezahlen«, sagte sie mit ruhiger Stimme.

Er sah sie nur kurz an, dann huschte ein Lächeln über sein ernstes Gesicht.

Als sie wieder draußen standen, meinte Auer: »Sollen wir nicht einen kleinen Verdauungsspaziergang unternehmen? Sonst setzen wir zu viel Fett an.«

Sie lachte leise auf. »Warum nicht.«

Im Stillen dachte sie: Will er vielleicht auch den Abschied hinauszögern? Ich habe noch nie einen so wundervollen Tag verbracht. Außerdem kann man sich so herrlich mit ihm über alles unterhalten. Ich komme mir gar nicht klein und dumm vor. Ach, morgen wache ich auf, und dann kann ich nur noch davon träumen.

Sie machten nicht nur einen Verdauungsspaziergang, nein, dann musste man unbedingt noch eine Tasse Kaffee trinken. Erst danach erinnerte sich Siegfried daran, dass sich die Eltern bestimmt wundern würden, wo er so lange blieb. Er hatte ja gesagt: In vier Stunden bin ich wieder zurück.

Er reichte ihr die Hand.

»Wann sehen wir uns wieder?«

»Ich arbeite im Institut auf dem Unigelände«, sagte sie hastig.

»Und wie lange?«

»Bis siebzehn Uhr.«

Wieder lächelte er.

»Nun weiß ich schon sehr viel von Ihnen, meine Liebe!«

Wie zärtlich das klang!

»Jetzt muss ich aber wirklich gehen. Meine Eltern warten sicher schon auf mich.«

Er hatte also Menschen, die auf ihn warteten; und doch hatte er ihr ein paar Stunden geschenkt.

Wie auf Wolken fuhr sie heim.

 

 

3

Und dann war wieder Montag!

Marianne kam verschlafen ins Büro und betrachtete die Freundin erstaunt. »Du siehst so anders aus. Warte mal, lass mich mal raten. Hast du dir was Neues gekauft?« Sie ging um Hannerl herum. »Nein, die Sachen kenne ich alle, und die Frisur ist auch die gleiche. Aber trotzdem bist du anders. Sag mal, kannst du es mir nicht verraten?«

»Nein!«, sagte sie fröhlich.

»Deine Stimme ist auch ganz anders. Hannerl, du hast doch etwas!«

»Vielleicht?«

Marianne schüttelte den Kopf und ging an die Arbeit zurück. Komisch, dachte sie. Und dann wusste sie es: Du meine Güte, sie sieht so glücklich aus – so, als wäre sie verliebt. Sie warf der Freundin einen Seitenblick zu und lächelte sacht. Ach Gottchen, dachte sie herzlich, ich wünsche es ihr von Herzen, wirklich. Aber hoffentlich bleibt sie es auch. Ich kenne sie zu gut: Wenn etwas schiefläuft, dann wird der Teufel los sein. Ach, du meine Güte!

Jetzt fragte sie nicht mehr weiter. Nein, sie war eine wirkliche Freundin. Sie sagte auch nichts, als Hannerl die Zeit verträumte. Wenn der Professor Unterlagen brauchte, dann suchte sie diese rasch heraus. Auch wenn das eigentlich Hannerls Arbeitsgebiet betraf. Heute musste man sie ein wenig schonen. Tat sie es denn nicht auch immer, wenn sie, Marianne, mal Liebeskummer hatte und sich einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren konnte?

Am Mittagstisch erzählte Hannerl viel von der Party. Also, dachte die Freundin, hat sie ihn dort kennengelernt. Aber schade, ich habe gar nicht darauf geachtet, mit wem sie zusammen war. So gut kenne ich die Leute auch nicht, die dort waren. Ich bin wirklich gespannt, wer es ist. Lange wird sie es wohl nicht aushalten und mir dann alles erzählen.

Dann war Feierabend.

»Du, machen wir noch einen Stadtbummel?«

Johanna hatte merkwürdigerweise ziemlich oft aus dem Fenster gesehen. Aber man konnte von hier aus nur ein Zipfelchen des Parkplatzes übersehen.

»He, hörst du eigentlich gar nicht mehr zu, wenn man dir etwas sagt?«

»Ach, bitte verzeih – was meinst du?«

»Ob wir zwei noch einen Stadtbummel unternehmen sollen? Mir steht der Sinn danach.«

»Ach, weißt du«, meinte Johanna zögernd, »eigentlich wollte ich heute meine Fenster putzen. Sie haben es dringend nötig, wirklich.«

So so, dachte die Freundin, also die Fenster sind es jetzt. »Ja, dann verschieben wir es eben«, meinte sie leichthin.

»Du hast doch nichts dagegen, dass ich schon vorgehe?«

»Aber nein! Tschüss bis morgen!«

Auch das hörte Johanna schon nicht mehr.

Sie rannte den langen Flur entlang. Er hatte nicht gesagt, dass er schon heute kommen wolle. Johanna, du bildest dir da etwas ein. Wirklich, gleich wirst du schrecklich enttäuscht sein. So einfach kann er doch auch nicht über seine Zeit verfügen. Geh lieber zurück und sag Marianne, dass du noch Zeit hast. Wenn er nämlich nicht da ist, hast du wieder einen schrecklich langen Abend vor dir. Sei doch keine Närrin.

Jetzt war sie schon so weit, dass sie gar nicht wagte, die Eingangstür zu öffnen. Sie wollte nicht enttäuscht werden. Ihr Herz war den ganzen Tag so fröhlich gewesen.

Dann kam ein Kollege vorbei und öffnete für sie die Tür. Also musste sie jetzt hinausgehen, wenn sie sich nicht lächerlich machen wollte.

Ihr Blick überflog den Parkplatz. Das Auto war nicht da.

Tief sank ihr Herz.

Tränen traten unwillkürlich in ihre Augen. Zuerst diese herrlich wilde Freude – und jetzt …

Fast schleppend ging sie weiter. Da stand ihr kleines Auto. Sie stellte es immer in den Schatten der alten Blutbuche. Es war ihr Lieblingsbaum. Sie suchte die Schlüssel hervor.

»Nehmen Sie einen Anhalter mit?«

Ihr Rücken versteifte sich. Vor Schreck ließ sie die Schlüssel fallen. Er bückte sich danach und gab sie ihr zurück. Jetzt konnte er einen Blick in ihr schneeweißes Gesicht werfen.

»Aber was ist denn?«, fragte er erschrocken.

Sie war eben keine Schauspielerin. Auf ihrem Gesicht konnte man alles lesen.

»Habe ich Sie so erschreckt?«

Sie schüttelte nur den Kopf. Sprechen konnte sie in diesem Augenblick noch nicht.

Er sah ihr in die Augen und lächelte sein herzliches Lächeln. Beide sahen nicht, wie Marianne an ihnen vorbeiging. Die Welt schien für einen Augenblick stehenzubleiben. Amor hatte einmal wieder ganze Arbeit geleistet.

»Ich … ich habe Ihr Auto nicht gesehen«, stammelte sie.

Seine Augen blitzten auf. »Oh, und da hat jemand gedacht, ich wäre nicht gekommen – und war traurig? Soll ich vielleicht hoffen dürfen, dass jemand auf mich gewartet hat?«

Wieder wurde sie rot, und er sah es mit Entzücken.

»Hören Sie, ich habe mein Auto daheim gelassen. Es ist doch nicht hübsch, wenn man hintereinander fährt, nicht wahr? Oder nehmen Sie keine Anhalter mit?«

»Nein!«

»Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als hinterherzulaufen.«

Sie lachte. Damit war der Bann wieder einmal gebrochen.

»Wohin wollen Sie denn? Vielleicht nehme ich Sie doch mit! Aber das sieht sehr verdächtig aus, mein Herr!«

Er runzelte die Stirn. Im Augenblick verstand er wirklich nicht, was sie damit sagen wollte.

»Nun, vielleicht war es nur geliehen?«

»Was?«, fragte er verdutzt.

»Das Auto meine ich.«

»Wieso das denn?«

»Weil man angeben wollte, darum!«

»Das ist doch wirklich die Höhe!«, tat er empört.

»Ja, und jetzt hat man es zurückgeben müssen, und nun will man mitfahren. Das ist also erst der Anfang.«

»Und wie geht es dann weiter?«

»Nun, dann hat man zufällig seine Brieftasche vergessen …«

Jetzt hatte er endlich begriffen und lachte schallend. Ach, sie wollte das Spiel vom Heiratsschwindler weiterspielen. Also tat er sehr empört. »Aber hören Sie, gestern wollte ich doch die Rechnung im Lokal bezahlen! Haben Sie das vergessen?«

»So etwas nennt man, Sand in die Augen des Gegners streuen, mein Herr!«

»Eins zu null für Sie. Ich sehe, ich muss mich wirklich anstrengen. Aber da ist eine sehr wichtige Frage, die ich noch gar nicht gestellt habe.«

»Und die wäre?«

»Sind Sie eigentlich wirklich so reich, wie man sagt?«

Nun war es an ihr, verblüfft zu sein. Für einige Sekunden vergaß sie das Spiel. »Wer sagt denn das?«, fragte sie ganz außer sich.

»Jetzt steht es eins zu eins«, lachte er sie aus. »Jetzt sind Sie darauf reingefallen!«

»Ach Sie!«, sagte sie auflachend. »Ich rede gar nicht mehr mit Ihnen.«

»Das, meine Liebe, kommt mir so ungemein bekannt vor, ich hab das fatale Gefühl, dass Sie das schon einmal gesagt haben.«

Sie schloss ihr kleines Auto auf. Er musste sich hineinzwängen.

»Das ist ja eine Sardinenbüchse!«, stöhnte er.

»Aber bezahlt«, sagte sie glücklich.

»O Gott, ich glaube, ich breche mir etwas. Wie schaffen die anderen das denn?«

»Marianne ist ja nicht so groß und so fett«, sagte sie heiter auflachend.

»Ich soll fett sein?«

»Und wie!«

»Und ich Esel wollte Sie zu einem netten Abendessen einladen! Also, ich glaube, das überlege ich mir noch einmal.«

»Nun, von mir aus!« Sie tuckerte los, jedes Schlagloch auf dem Parkplatz mitnehmend. Da es noch ziemlich weit bis zum Ausgang war, änderte er sofort seine Taktik und lud sie ein. Also wurde ihm der Rest der Schlaglöcher erspart.

»Wohin?«

»Ach, fahren Sie nur weiter. Ich kenne da außerhalb der Stadt ein nettes Lokal. Es liegt ziemlich versteckt, deswegen ist es noch nicht so überlaufen. Es hat auch einen hübschen Teich; und wenn wir Glück haben, hören wir die Frösche.«

Sie fuhr los, und ihr Herz machte einen Hüpfer nach dem anderen. Trotzdem sagte sie sich pausenlos: Übernimm dich nicht, klammere dich nicht zu sehr an ihn. Es wird bestimmt nicht ewig dauern. Du musst auf dich aufpassen, du darfst dich nicht verlieben. Sie ahnte in diesem Augenblick noch nicht, dass sie sich schon mit Haut und Haaren verliebt hatte, dass sie schon gar nicht mehr zurückkonnte. Sie war eben reif für eine Liebe. So lange hatte sie darauf gewartet, und jetzt war es geschehen! Sie konnte es nicht begreifen. Weil sie so erstaunt über diese Tatsache war, deshalb nahm sie nicht bewusst wahr, dass sie liebte.

Das Lokal lag in einer Waldschneise und war ein altes Försterhaus. Es sah sehr verwunschen aus. Und auch im Innern hatte man sich alle Mühe gegeben, den Urzustand mit der modernen Zweckmäßigkeit zu verschmelzen.

»Auch hier ist die Küche sehr gut.«

»Hab ich nicht gesagt, dass Sie etwas dafür übrig haben? «

»Ja, warum soll ich es nicht zugeben?«

»Kocht Ihre Mutter so grässlich, dass Sie so viel auswärts gehen?«

Er grinste sie an. »Nein, das eigentlich nicht, aber sie macht viel auf Diät, wissen Sie. Mein Vater muss Diät leben, und da müssen wir alle mitessen, weil das praktischer ist. Und außerdem würde es uns auch bekommen, meint sie.«

»Als meine Mutter noch lebte, habe ich stets kochen müssen. Aber jetzt, für eine Person, da macht das keinen Spaß mehr. Da macht man sich schnell eine Kleinigkeit zurecht oder isst aus der Dose. Komisch, nicht wahr?«

An diesem Abend erfuhr er eine ganze Menge von dem Mädchen, seiner Mutter und dem tristen Leben, das es führte. Jetzt begriff er, warum Johanna so seltsam war, und er liebte sie eigentlich noch mehr.

Ein wenig scherzhaft meinte er nach einiger Zeit: »Wenn Sie wirklich so gut kochen können, wie Sie hier angeben, dann müssten Sie es doch mal vorführen. Wie wäre es – sollen wir das nächste Mal Ihre Küche kosten?«

Ihr Gesicht wirkte schlagartig sehr kühl. Er war erstaunt darüber.

»Nein«, sagte sie spröde.

»Was habe ich denn jetzt wieder falsch gemacht?«

Sie schwieg.

Da ging dem Mann ein Licht auf. Verflixt, dachte er, sie muss ja alles mögliche von mir denken. Gerade kennen wir uns, und schon lade ich mich zu ihr ein. Da muss sie ja denken …

»Johanna«, sagte er weich. Er musste sie einfach bei ihrem Vornamen nennen, und sie schien auch nichts mehr dagegen zu haben. »Können Sie mir noch einmal verzeihen? «

Ihre Unterlippe zitterte.

Sie holte tief Luft. »Verzeihen Sie!«

»Nein«, sagte er ruhig. »Ich bin ein Trottel, das ist alles. Aber werden Sie mir glauben, wenn ich wirklich nur an das Essen gedacht habe?«

Er sagte das wie ein kleiner, gescholtener Junge, und als sie ihn ansah, musste sie wieder lächeln.

»Ja«, sagte sie leise.

»Also ist man mir nicht mehr böse?«

»Nein.« Dann machte sie eine kleine Pause. »Habe ich Ihnen schon gebeichtet, dass ich sehr schwierig bin? Marianne kann Ihnen ein Lied davon singen.«

»Nun«, meinte er, »wer heutzutage noch ein wenig auf Moral hält, der wird wirklich schon fast als so etwas wie ein Mondmännchen angesehen; da haben Sie vollkommen recht.«

»Ich mag es einfach nicht«, meinte sie ruhig.

»Ich persönlich finde das ja auch so hübsch an Ihnen«, sagte er weich.

Das Kerzenlicht schimmerte auf dem schmalen, blassen Gesicht. Johanna lächelte ganz zart.

»Vielleicht werde ich Sie mal einladen; aber das weiß ich jetzt noch nicht.«

Siegfried sagte: »Ich finde, wir haben so schrecklich viel Zeit; da brauchen wir nichts überstürzen.«

Unwillkürlich traten ihr wieder Tränen in die Augen. Er sah es und beugte sich vor. »Johanna!«

Für Sekunden schloss sie die Augen.

»Soll das heißen, dass wir uns jetzt öfter sehen werden, Herr Auer?«

»Warum sagen Sie nicht Siegfried zu mir?«

»Auch das muss ich noch lernen«, flüsterte sie.

»Ja, es liegt an Ihnen. Ich möchte mich sehr gern mit Ihnen treffen. Ich möchte Ihnen anvertrauen, wie sehr ich schon gesucht habe.«

»Gesucht?«

»Ja, ein Mädchen – so wie Sie, ich meine … Ach, das kann man so schlecht ausdrücken, Johanna. Wenn ich jetzt weiterrede, dann werden Sie wieder böse sein.«

»Warum?«

Er lächelte sie an. »So weit kenne ich Sie nun doch schon. Nein, ich werde noch ein wenig schweigen.«

Sie spielte mit dem Weinglas.

»Ich glaube, ich höre die Frösche. Sollen wir nicht mal hinausgehen?«

»Aber es ist doch schon dunkel!«

»Nur dann singen sie!«

Solange sich die beiden Menschen durch das Gestrüpp zwangen, war es totenstill am Teich. Als sie die kleine Lichtung erreicht hatten, sprach keiner ein Wort. Johanna dachte: Alles ist so seltsam. Seit ein paar Tagen unternehme ich Dinge, die irgendwie wundervoll und verrückt sind. Ich komme gar nicht mehr zu Atem, ich …

Und dann fingen die Frösche an zu »singen«! Der Vergleich war wirklich köstlich. Sie konnte sich vor Lachen kaum halten. Auch der junge Mann grinste. Da der Mond an diesem Abend sehr hell schien, konnte sie es ganz deutlich sehen.

Sie blieben ziemlich lange bei diesem Konzert. Aber als ihnen dann die Füße einzuschlafen drohten, gingen sie wieder davon. Bei der ersten Bewegung sprangen sämtliche Frösche kopfüber in das dunkle Nass.

»Habe ich zu viel versprochen?«

»Nein, es war wirklich sehr schön.«

Er sah sie an.

»Und was machen wir jetzt? Der Abend ist ja erst angebrochen, also können wir noch eine ganze Menge unternehmen.«

Sie wusste nur seinen Namen, nicht einmal seine Adresse. Sie wusste auch nicht, was er von Beruf war; und doch hatte sie das Gefühl, ihn schon ewige Zeiten zu kennen. Ihm erging es ebenso – nur dass er wusste, wo sie arbeitete.

»Wir gehen tanzen!«, sagte er fröhlich.

»Oh«, meinte sie erschrocken. »O nein, das kann ich nicht.«

»Was glauben Sie, welch ein erbärmlicher Hopser ich bin! Wissen Sie was, wir gehen in eines dieser schummrigen Dinger. Da sehen sie nicht, welch unmögliche Figur wir machen.«

»Muss das sein?« Schon hatte sie wieder Angst vor dem Unbekannten.

»Leider muss ich Ihnen zu meiner Schande gestehen, dass ich schon immer dort hinein wollte, mich aber nie allein getraute. Kommen Sie – wenn es uns nicht gefällt, können wir ja wieder gehen.«

»Sie sind verrückt!«

Er lächelte sie an. »Ja, ich glaube, Sie haben recht. Seit ich Sie kenne, komme ich auf die unmöglichsten Gedanken und Ideen. Ich glaube, Sie tragen die Schuld daran, nicht ich. Früher war ich ein sehr ehrbarer Mann, jawohl.«

»Oh, das ist doch wirklich die Höhe!«

Streitend fuhren sie in die Stadt zurück. Dann gelangten sie in eine dieser modernen Discos, wo der Krach, den man hier mit Musik umschrieb, toll und ergreifend war und die Lichtreflexe ihr Übriges taten. Die Tanzfläche war so voll, dass man unmöglich begreifen konnte, dass es dort auch noch Spaß machen sollte. Sie drängten sich ebenfalls unter die Tanzenden, zwischen all das junge Gemüse. Man tolerierte sie anstandslos. Sie amüsierten sich köstlich und hopsten einfach mit. Hin und wieder berührten sie sich, und dann schien ein elektrischer Schlag durch ihre Körper zu fahren.

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934007
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505263
Schlagworte
redlight street jolly puppe thomas

Autor

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Titel: Redlight Street #109: Jolly – neue Puppe des schönen Thomas