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Das Monsterschloss

2019 155 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Monsterschloss

Copyright

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Das Monsterschloss

Mystery-Thriller von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten.

Ein schrecklicher Traum macht Julia Angst. Schon oft hatte sie Träume, die sich bewahrheiteten, aber dieses Mal träumt sie, dass ihr Verlobter und sie sterben sollen. Durch Zufall wird sie bei einer Reise zu einer Verwandten verwechselt und gelangt in ein verwunschenes Schloss, und damit scheint das Grauen aus ihrem Traum Wahrheit zu werden. Doch niemand will ihr glauben, stattdessen hält man sie für verrückt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Julia de Fileu spürte die Gefahr. Ängstlich blickte sie sich um. Man hatte sie an eine Säule gefesselt, mitten in einem kleinen Innenhof. Die Wände waren aus grauen Quadern, genau wie die Mauer, die sich hoch auftürmte. Nirgends hörte sie ein Geräusch. Es herrschte absolute Stille.

Wer sie angekettet hatte, wusste sie nicht. Sie wusste auch nicht, wo sie sich befand. Verzweifelt zerrte sie an den Fesseln, aber diese schnitten nur noch tiefer in ihr Fleisch.

Julia de Fileu blickte empor zum Himmel. Er war grau. Kein Vogel überflog dieses Gebäude.

Und dann hörte sie die Geräusche. Ein kalter Schauer rann ihr über den Rücken. Es waren schabende, kratzende Töne.

Doch dann verschwanden sie wieder. Stille! Und auf einmal Stimmen. Eine Tür wurde quietschend aufgezogen.

Julia wendete den Kopf zur Seite – und wurde starr vor Schreck. Vor ihr stand eine der schrecklichsten Gestalten, die sie je gesehen hatte. Sie trug einen kuttenartigen Umhang. Als sie die Kapuze zur Seite drückte, sah Julia auch das Gesicht. Es flößte ihr Furcht und Grauen ein. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Die Knochen traten scharf hervor, und die Hände waren wie Krallen geformt, so lang und dürr waren die Finger.

Der Fremde sah wie ein lebendiger Leichnam aus.

Seine Augen starrten sie an. Dann öffnete er den Mund, und sie hörte sein grässliches Lachen. Julia erschauerte, ihr Herz schlug in erregtem Tempo. Nein, nein, dachte sie immer wieder. Das gibt es nicht, das darf nicht wahr sein!

»Hast du vielleicht Angst, mein Täubchen?« Er fuhr mit seinen Krallen über ihr Gesicht.

Sie zitterte vor Schreck und brachte keinen Ton über ihre blutleeren Lippen.

»Jetzt wirst du ein feines Schauspiel sehen. Du wirst dich wundern, was wir alles können. Entzückt wirst du sein. Schreien wirst du, dass die Wände sich biegen, aber niemand wird dich hören. Niemand, mein Täubchen!«

Und nach einer kleinen Pause: »Das ist meine Strafe für neugierige Leute.«

Er fletschte die Zähne wie ein wildes Tier. Wahnsinn funkelte in seinen Augen.

»Niemand hat euch eingeladen zu kommen«, schrie er sie an. »Niemand, denke daran, wenn du das gleich alles siehst. Ihr seid allein gekommen, freiwillig. Ihr seid selbst schuld an eurem Tod.«

Julia dachte nur: Ich werde sterben, dieser Anblick ist nicht mehr zu ertragen. Wenn er mich noch mal berührt, werde ich verrückt. O mein Gott, wo bin ich eigentlich? Was ist denn los? Warum kann ich mich an nichts erinnern? Warum nicht?

Der Totenkopf wandte sich zur Seite und wies auf etwas.

»Siehst du es, mein Täubchen? Ganz genau? Schau hin, sage ich dir!«

Sie starrte nach vorn. Vor ihr baumelte eine Schlinge. Diese war über einen Flaschenzug an einer Art Galgen befestigt. Julia konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte.

»Warum bringen Sie mich nicht sofort um«, schleuderte sie ihm ins Gesicht. »Wenn ich schon sterben muss, warum dann nicht sofort?«

Er kicherte irr.

»Weil ich noch meinen Spaß mit dir haben will, Täubchen. Du sollst ja alles mitbekommen, verstehst du?«

Der muss verrückt sein, dachte das Mädchen, verrückt und wahnsinnig. Aber ich begreife nicht, wieso ich hier bin. Hat man mir vielleicht etwas eingegeben, damit ich mich an nichts mehr erinnern kann? Diese Mauern, der Innenhof, alles erinnert mich an ein Schloss, nein, an eine alte, zerfallene Burg.

Julias Gedanken wurden unterbrochen. Der Totenkopf schnippte laut mit den Fingern, und wieder ging irgendwo eine Tür auf. Sie quietschte fürchterlich. Dann hörte Julia Schritte. Zuerst wagte sie nicht, die Augen zu öffnen. Sie glaubte, dass jetzt ihr Ende gekommen sei. Sie wollte gar nicht sehen, was man mit ihr vorhatte.

Die Schritte machten halt. Und dann hörte sie eine Stimme, und ihr Kopf ruckte hoch.

»Julia, o Julia!«

Vor ihr stand Frederick Larsen, ihr Verlobter.

»Frederick«, schrie sie auf. Sie wollte zu ihm, aber die Fesseln gaben nicht nach.

Und auch er konnte nicht zu ihr. Drei Mann hielten ihn fest zwischen sich. Man hatte ihm Ketten angelegt. Und Julia sah auch, dass er unter seinem weiten Umhang nackt war.

»Mein kleines Mädchen«, sagte Frederick verzerrt. »Geht es dir gut?«

»Ja«, schluchzte Julia und senkte den Kopf.

»Man wird uns rächen«, sagte er mit fester Stimme. »Sie werden kommen und uns rächen.«

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Julia wusste nun, dass Frederick an kein Entrinnen mehr glaubte. Sie waren hier gefangen und hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert.

»Frederick«, stammelte sie, »ich will nicht sterben, ich bin doch noch so jung, Frederick!«

Ihr Flehen zerschnitt sein Herz, und er bäumte sich noch mal gegen seine Bewacher auf. Er konnte sie zwar zu Boden werfen, sich aber von den Fesseln nicht befreien. Und der Totenkopf stand an die Mauer gelehnt und lachte sein grässliches Lachen.

Die drei untersetzten Männer rafften sich wütend auf und wollten sich auf den Wehrlosen stürzen.

»Genug«, sagte der Totenkopf. »Schlagt ihn mir nicht vorher schon tot. Er soll das Vergnügen haben, alles mitzubekommen.«

Das Mädchen sah, wie man ihm den Mantel abriss.

Sein Körper war mit Striemen bedeckt. Sie hatten ihn geschlagen. Als Julia das sah, brach sie erneut in Tränen aus.

Langsam kam jetzt die Schlinge des Flaschenzuges herab. Julia war zu Tode erschrocken. Sie werden ihn doch nicht vor meinen Augen hängen? Das können sie doch nicht tun. Frederick darf nicht sterben. Ich liebe ihn doch, sie dürfen ihm nichts antun!

»Frederick, Frederick«, schrie sie wie von Sinnen. Er hob den Kopf und sah, wie die Schlinge über ihm baumelte. Er begann zu zittern und wurde fast ohnmächtig.

Sie wollen uns nur ängstigen, dachte Julia. Wir sollen halb verrückt werden, vor Angst und dann hören sie auf. Sie wollen ihn nicht wirklich umbringen. Das werden sie nicht wagen. Nur quälen wollen sie uns, mehr nicht! So versuchte sie, ihre Nerven zu beruhigen.

»Los«, kreischte jetzt der Totenkopf. »Worauf wartet ihr noch?«

Einer der Männer packte die Schlinge und warf sie über Fredericks Kopf.

Dort hielt er sie fest, bis ein anderer das Seil straff angezogen hatte.

Der Totenkopf tänzelte zu Julia, blieb neben ihr stehen und geiferte: »Und jetzt, mein Täubchen, sieh genau hin!«

Sie erschrak schon nicht mal mehr vor seinem grausigen Anblick. Das Entsetzen saß zu tief. Verzweifelt starrte sie in seine Fratze. Sie begriff nicht, was er meinte.

Der Totenkopf drehte sich um und gab den Männern ein Zeichen. Sie ergriffen das Seil und begannen langsam zu ziehen …

 

 

2

»Julia, so hör doch auf, Julia!«

«Lasst mich, lasst mich.«

Eine Hand griff nach ihr.

»Julia!«

Etwas klatschte in ihr Gesicht.

Julia de Fileu hob den Kopf. Sie riss die Augen auf und sah ein Mädchen vor sich. Es hatte blaue Augen und blondes Haar.

Julia umklammerte ihren Arm und schrie: »Sonja, hilf mir, so hilf mir doch!«

Die Freundin rüttelte sie immerzu. »Julia, du hast geträumt! Mein Gott, so wach doch endlich auf! Das ist ja schrecklich. Dieser Schrei, ich kann ihn nicht mehr hören. So werde doch endlich wach.«

»Sonja, sie wollen mich töten, so hilf mir doch!«

Die Freundin wusste sich nicht anders zu helfen. Sie holte einen Krug Wasser und kippte ihn in Julias Gesicht.

Sie kam endlich zu sich und richtete sich im Bett auf. Sie starrte die Freundin an, sah ihr Zimmer und erkannte alles wieder. Sie war nicht mehr auf diesem schrecklichen Hof. Und Frederick war nicht tot …

Ihr Herz schlug rasend.

»Sonja«, schluchzte sie, »man wird ihn umbringen, man wird Frederick umbringen. Ich weiß es.«

»Du hast geträumt, Liebes. Es war nur ein Traum. Deine schrecklichen Schreie haben mich geweckt. Ich bin bei dir, hörst du!«

Noch immer umklammerte sie die Freundin. Obwohl im Raum überall Licht und nichts Schreckliches zu sehen war, konnte sie sich nicht beruhigen.

»Komm, ich bring dir was zu trinken. Dann wird dir besser.«

Julia ließ sich in die Kissen zurückfallen und blickte starr zur Decke. Das Grauen hielt sie noch immer gepackt. Alles sah sie ganz deutlich vor ihren Augen. Sie glaubte sogar, noch die Fesseln um ihre Gelenke zu spüren.

Ihre Freundin Sonja kam mit einem Glas zurück. Gehorsam öffnete sie den Mund. Etwas Scharfes durchlief ihre Kehle. Minuten später begann es zu wirken. Jetzt war sie hellwach. Sie setzte sich auf und fing zu Sonjas größter Verwunderung an zu weinen.

»Was ist denn bloß los, Julia? Was war denn so schrecklich in deinem Traum?«

Sie weinte und wollte sich nicht beruhigen. Sonja musste ein zweites Glas holen. Dann wickelte sie sich in ihren Morgenmantel. Es war um diese Zeit empfindlich kühl. Sonja spürte, dass sie jetzt die Freundin einfach nicht allein lassen konnte. Dazu war Julia viel zu sehr aufgewühlt. Und sie selbst konnte jetzt auch nicht mehr an Schlaf denken.

Julia war schon halb betrunken, als sie endlich zu weinen aufhörte und zu erzählen begann. Und sie schilderte es so, wie sie es im Traum erlebt hatte. Sonja liefen kalte Schauer über den Rücken, und sie fragte sich, wie man nur so etwas Schreckliches träumen konnte.

»Du weißt doch jetzt, dass alles nur ein Traum war, Julia?«, fragte sie vorsichtig.

Doch die Freundin machte ein merkwürdiges Gesicht. Apathisch erhob sie sich und ging ruhelos auf und ab.

»Was ist mit dir los, Julia? So rede doch!«

Sie umkrampfte ihr Glas und drehte sich um. Ihr Blick wirkte sonderbar starr.

»Man wird Frederick umbringen«, sagte sie leise. »Er wird sterben müssen. Alles wird so sein, wie ich es geträumt habe. Und ich werde dabei sein und kann ihm nicht helfen, ich …«

Sonja fühlte einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen.

»Julia, du bist verrückt!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin nicht verrückt.«

»Aber Julia, es war ein Alptraum. Und der ist jetzt vorbei. Bald wird es Tag, dann wirst du nur noch über deine Angst lachen können. Hörst du, es ist vorbei.«

Sie hörte mit der Wanderung auf und setzte sich neben Sonja auf das Bett. Gespannt wirkten ihre Züge, die Augen übergroß.

»Du willst mich trösten«, murmelte sie leise und streichelte kurz über Sonjas Hand. »Ich merke das, und das ist auch sehr lieb von dir, aber ich weiß es besser.«

Sonja zuckte zusammen. War sie vielleicht noch immer nicht ansprechbar? Gestern war sie doch noch ganz vernünftig gewesen. Sie hatten sich einen lustigen Film im Fernsehen angesehen, hatten sich unterhalten und waren dann zu Bett gegangen. Die ganze Zeit über, in der sie bei Julia zu Gast war, hatte sie nichts Außergewöhnliches an ihrer Freundin bemerkt.

»Es ist ja so schrecklich«, hörte sie Julia stammeln. »Ich sträube mich dagegen, aber dann …«

Sonja erhob sich mit einem Ruck. Das war ja lachhaft, wirklich. »Ich werde uns jetzt einen Kaffee machen, und dann wird dir sofort besser werden.«

»Mir fehlt nichts«, erwiderte Julia scharf. »Sonja, sei ehrlich, du glaubst mir nicht.«

Sie stand schon in der Tür.

»Was soll ich dir nicht glauben, Liebes?«

»Dass ich hellsehen kann«, sagte sie ruhig.

Die Schwedin wollte auflachen, aber es klappte nicht.

»Was sagst du da?«, fragte sie entgeistert. »Was willst du können?«

»Ich kann in die Zukunft sehen. Darum weiß ich ja auch so genau, dass Frederick etwas Schreckliches widerfahren wird. Man wird ihn töten, vor meinen Augen.« Sie begann zu zittern, und Tränen stürzten ihr aus den Augen.

Sonja bekam einen trockenen Mund. Zuerst wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Das war ja ungeheuerlich, das konnte einfach nicht sein.

»Julia, du bildest dir das nur ein. Du kannst noch nicht wieder klar denken, ich meine, Julia, sieh mich doch nicht so an …«

Ihre Augen standen weit auf, und ihr Blick ging durch Sonja hindurch.

»Damals, als die Schule mit den vielen Kindern abbrannte, ich habe es geträumt. Ich habe sie gewarnt, aber sie haben mich nur ausgelacht«, sagte sie monoton. »Und dann das Unglück in der Kirche, ganz deutlich habe ich das Monate vorher geträumt. Und wie das Schiff versank, ich wusste es lange vorher. Immer habe ich versucht, die Leute zu warnen, aber sie haben mich nur ausgelacht.«

Sonja packte das Grauen. So hatte sie die Freundin noch nie erlebt. Sie begann sich zu fürchten. Ihr wurde auf einmal kalt. Sie fror.

»Darum«, schluchzte Julia plötzlich auf, »darum habe ich ja so Angst, Sonja. Alle meine schrecklichen Träume werden wahr, sie werden Wirklichkeit«, schrie sie heraus.

Sonja fiel in einen Sessel. Sie zitterte so sehr, dass sie sich nicht mehr aufrecht halten konnte.

»O mein Gott«, stammelte sie nur.

»Immer habe ich das Schicksal mir völlig fremder Personen im Traum gesehen. Nie mein eigenes. Jetzt, in dieser Nacht, habe ich zum ersten Mal von mir und Frederick geträumt!«

Julia sprang auf. »Ich muss ihn warnen. Mein Gott, ich muss ihn warnen.« Sie stürzte zum Telefon.

Es war erst kurz nach fünf, und so wunderte sich Sonja kein bisschen, dass Frederick sich nicht meldete.

»Er wird schlafen, bestimmt hat er wieder anstrengenden Dienst gehabt.«

»Nein, er darf nicht schlafen, ich muss ihn warnen. Er ist nicht da, Sonja, er ist schon fort …« Sie gebärdete sich wie eine Wahnsinnige und wollte die Freundin angreifen, als diese ihr den Hörer aus der Hand nehmen wollte.

Dann hörten sie eine Stimme aus der Muschel.

»Hallo, zum Teufel, wer ist denn da?«

»Frederick, o Frederick«, schluchzte sie in den Hörer, »du bist es wirklich.«

»Julia, zum Kuckuck, weißt du auch, dass es noch nicht fünf ist? Was ist denn los?«

Sie hörte gar nicht hin, was er sagte. Sie war in einer derartigen Panik, dass sie kaum reden konnte.

»Frederick, komm, ich flehe dich an, komm sofort, ich muss – ich kann …« Dann brach sie zusammen.

Ihre Nerven spielten nicht mehr mit. Sie hatten die ganze Zeit unter Spannung gestanden und forderten nun ihr Recht. Kein Wunder, dass Frederick Larsen hellwach war und verzweifelt nach der Verlobten rief.

»Julia, um Gottes Willen, was ist denn geschehen? So antworte doch, Julia!«

Sonja nahm den Hörer auf: »Du solltest wirklich sofort kommen, Frederick. Mit Julia stimmt was nicht.«

»Was ist denn passiert?«

Die Freundin zögerte und wusste nicht, wie sie sich ausdrücken sollte.

»Bitte komm doch, Frederick. Vielleicht gibst du ihr eine Beruhigungsspritze. Bitte!«

»Selbstverständlich komme ich sofort. In zehn Minuten bin ich bei euch. Nur keine Panik, Sonja. Lass sie ruhig liegen, rege sie nicht auf und warte, bis ich da bin. Ich bin ja schon unterwegs.«

Julia lag quer über dem Sessel. Die Augen geschlossen. Totenblässe überzog ihr Gesicht. Sonja packte unsägliche Angst. Verzweifelt starrte sie in das sonst so schöne Gesicht ihrer Freundin. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da hatte sie diese beneidet. Um ihre Schönheit, um den vollkommenen Körper, sie war so klug, so liebenswürdig. Alle mochten Julia. Überall, wo sie hinkam, wurde sie herzlich empfangen.

Dann war Sonja nach Schweden zurückgegangen. Erst vor zwei Wochen war sie wieder nach Deutschland zurückgekommen. Wegen einer Tante, die plötzlich gestorben war. Julia hatte ihr in ihrer selbstlosen Art sofort ihre Wohnung zur Verfügung gestellt. Da sie ein kleines Gästezimmer besaß, machte es ihr nichts aus, ja, sie freute sich sogar sehr über sie. Und Sonja fühlte sich wohl bei ihr.

All das durchflog ihr Gehirn, während sie vor Julia stand und nicht wusste, was sie tun sollte. Jetzt wusste sie auch, dass Julia krank war. Sie litt wirklich. Und was sie da von den Träumen erzählt hatte – das konnte kaum stimmen, das war unmöglich. Sie lebten im zwanzigsten Jahrhundert. Da glaubte man nicht an Spuk …

Als die Türglocke anschlug, zuckte sie zusammen.

»Jetzt werde ich auch noch schreckhaft«, murmelte Sonja ärgerlich vor sich hin.

 

 

3

Vor der Tür stand Frederick mit besorgtem Gesichtsausdruck. Aber er konnte nicht ganz sein jungenhaftes, übermütiges Wesen übertünchen. Sonja sah, dass er sich hastig angekleidet hatte.

Er begrüßte sie und stürmte ins Wohnzimmer.

»Was ist denn passiert? Rasch, erzähle es mir! Bevor ich etwas unternehme, muss ich wissen, was vorgefallen ist.«

Frederick war Arzt. Er musste noch ein Jahr in der Klinik arbeiten, dann wollte er sich selbständig machen und Julia heiraten. Eher nicht. Er hatte seine Prinzipien.

»Sie hatte einen Alptraum und hat fürchterlich geschrien. Davon bin ich wach geworden und sofort zu ihr gelaufen. Ich habe sie gerüttelt bis sie wach wach war. Dann bin ich …«

Frederick sah sie nachdenklich an, dann meinte er: »Schon gut, du kannst mir gleich alles erzählen. Ich weiß schon Bescheid.«

Sein Gesicht war völlig ausdruckslos, als er sich über Julia beugte.

»Ich werde ihr ein leichtes Beruhigungsmittel spritzen. Dann wird sie bald wieder zu sich kommen, und ich hoffe, auch wieder ganz normal sein.«

Er zog die Spritze auf und stach ihr die Nadel in den Arm. Wenig später hob er Julia auf und legte sie bequem auf das Sofa. Noch immer hielt sie die Augen geschlossen.

»Der Puls wird schon viel ruhiger«, murmelte er.

Sonja konnte nicht mehr an sich halten.

»Frederick«, stammelte sie, »sag mir eins: Weißt du von ihren Träumen?«

Er blickte sie fest an. »Ja, ich weiß davon. Arme Julia, sie quält sich immer so und will helfen. Aber niemand glaubt ihr. Das zermürbt sie ganz. Wenn ich ihr doch nur helfen könnte …«

Sonjas Herzschlag setzte für einen Augenblick aus. »Soll das heißen, dass sie die Wahrheit sagt, dass sie wirklich in die Zukunft blicken kann?«

»Es gibt einige Menschen, die das können«, sagte er ruhig und packte die Spritze wieder weg. »Aber man glaubt ihnen eben nicht, weißt du.«

Plötzlich war aus Sonjas Gesicht alle Farbe gewichen.

»Holla, du wirst mir doch jetzt nicht auch noch umkippen?«, sagte er lachend, sah sie aber sehr ernst an.

Doch die Schwedin hörte nicht zu. Jetzt träume ich, dachte sie, das gibt es nicht, das darf nicht wahr sein. Das wäre ja grauenvoll. Dann müsste sie ja die ganze Zeit mit dieser Gewissheit leben? Immer vor Augen haben, so wird Frederick einmal enden?

»Setz dich hin und trink dies«, forderte Frederick sie auf.

Mechanisch nahm sie das Glas und trank, mied dabei aber seinen Blick.

»Sag mal, was hat Julia denn diesmal geträumt? Sind wieder so viele Menschen ums Leben gekommen? Sie hat es dir doch gesagt, oder?«

Automatisch nickte sie mit dem Kopf. Sie öffnete die Lippen und wollte zu sprechen anfangen.

»Sonja«, hörte sie da Julias flehende Stimme. Sie war wieder zu sich gekommen, saß jetzt aufrecht auf dem Sofa und blickte sie durchdringend an.

Frederick dachte weder an den Traum noch an Sonjas Blässe. Er sah nur Julia, und dass sie wieder zu sich gekommen war. Zärtlich legte er seinen Arm um ihre Schulter und küsste sie.

»Geht es dir jetzt wieder besser?«

Julia sah ihn lange an. So, als wolle sie nie vergessen, wie er aussah.

»Frederick.« Es war nur ein Hauch.

»Ich habe dir eine Beruhigungsspritze gegeben, Julia. Nun wird dir gleich wieder besser sein.«

»Ja«, sagte sie leise und schmiegte sich wie ein Kind an seine Brust.

»Wo ich jetzt schon hier bin, können wir eigentlich auch zusammen frühstücken«, munterte er die beiden Mädchen auf. »Kaffee kann ich jetzt gut vertragen. Und gebratene Eier und Speck und Marmelade!«

Sonja stand auf. »Ich werde mich darum kümmern.«

Julia stand ebenfalls auf und folgte ihr.

»Ich helfe dir, dann geht es schneller.«

»Ich decke inzwischen den Tisch«, rief Larsen lachend hinter den beiden her.

Sonja ging in die kleine Küche. Julia hielt sie fest, blickte ihr in die Augen und sagte leise: »Du darfst es ihm nie sagen. Nie, hörst du!«

»Aber …«, brach es aus der Schwedin heraus.

»Ich werde ihn beschützen«, sagte Julia. »Ich werde es nicht zulassen, ich weiß es ja jetzt schon.«

Sonja konnte es immer noch nicht glauben.

Julia stellte mechanisch die Kaffeemaschine an und sprach weiter: »Frederick ist der einzige Mensch, der mir glaubt. Er will sogar mit seinem Professor über mich sprechen und ihn fragen, ob man es nicht wirklich ernsthaft auswerten soll, was ich hin und wieder träume. Ich sehe das doch alles klar und deutlich. Man wird dann genau wissen, wo etwas Schreckliches passieren soll, und kann es noch rechtzeitig verhindern.«

»Julia, ich …«

»Frederick glaubt mir«, rief sie beschwörend. »Wenn ich ihm den Traum erzähle, oder du, dann – begreifst du denn nicht? Bis jetzt waren immer andere Menschen betroffen. Aber diesmal ist er es selbst, verstehst du, Sonja?«

»Warum hast du mir noch nie etwas davon erzählt?«, fragte die Freundin mit brüchiger Stimme.

Julia schlug Eier in die Pfanne.

»Ich will es vergessen, verstehst du. Ich muss es vergessen, darum rede ich nicht darüber. Nur mit Frederick, er hilft mir dann. So wie eben. Ich habe ein schwaches Herz.«

Die Schwedin war jetzt noch fassungsloser als Julia. Sie musste sich wirklich zusammennehmen, um sich nichts anmerken zu lassen. Wenig später saßen sie zu dritt um den kleinen Esszimmertisch und scherzten. Nur Sonja sah, wie schwer es Julia fiel, fröhlich und lustig zu wirken.

Über eine Stunde saßen sie zusammen, dann stand Larsen auf. »So nett es auch bei euch ist, aber jetzt muss ich mich wirklich auf die Socken machen. Ich habe heute Dienst. Aber wenn ihr Lust habt, gehen wir heute Abend aus, ja?«

»O ja, gern«, rief Julia strahlend.

Sie brachte ihn zur Tür. Frederick küsste sie leidenschaftlich und ging nur ungern fort. Als er unten in seinen Wagen stieg, fiel ihm erst etwas auf. »Merkwürdig«, murmelte er, »sie hat mir gar nicht erzählt, was sie diesmal geträumt hat. Sonst hat sie es mir doch immer sofort gesagt.« Er schüttelte den Kopf und beschloss, Julia am Abend danach zu fragen.

 

 

4

Vierzehn Tage später.

Sonja erklärte: »Wenn du willst, bleibe ich wirklich noch hier. Ich müsste dann nur telegrafieren, Julia.«

Sie standen beide vor dem halbgeöffneten Koffer.

»Und dein Verlobter wird kommen und mir die Haare einzeln ausreißen«, sagte Julia lachend.

Sonja fragte sich, ob sie es wirklich vergessen hatte oder ob sie es nur unterdrückte. Julia war anders, sie spürte es.

»Ich dachte nur, vielleicht hättest du es im Augenblick wirklich gern, wenn ich noch bei dir bleiben würde.«

Julia blickte sie an und wusste, woran Sonja dachte.

»Ich habe mich schon wieder beruhigt«, sagte sie und versuchte, fröhlich auszusehen. »Du musst gehen. Dein Verlobter wartet doch schon.«

»Sobald ich kann, komme ich wieder«, sagte Sonja.

»Darauf freue ich mich schon. Wir werden uns dann wundervoll unterhalten.«

»Du bist die beste Freundin, die ich kenne.«

»So«, sagte Julia lachend, »nun müssen wir uns wirklich beeilen. Sonst ist Frederick da, und wir sind noch nicht fertig.«

Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, klingelte Frederick stürmisch. Sonja packte den Rest ihrer Sachen in den Lederkoffer und schloss ihn ab.

Als Julia für einen Augenblick das Zimmer verließ, wandte Sonja sich an Larsen. »Pass auf Julia auf, Frederick!«

»Das tue ich doch immer, Sonja. Wenn sich einer in ihre Nähe traut, findet er sich kurze Zeit später als Patient in einem Krankenhaus wieder.«

Sie wollte lachen, doch der Kloß in ihrer Kehle hinderte sie daran.

»Ich meine es wirklich ernst«, sagte sie.

Fredericks Gesicht wirkte plötzlich gespannt: »Was ist los? Hatte sie wieder einen Traum?«

»Nein, das nicht.«

»Was ist es dann?«

Nun war er hellwach und auch sehr beunruhigt.

Sonja wusste nicht, wie sie sich verständlich machen sollte. Den Traum durfte sie nicht erzählen, sie hatte es Julia mehrfach versprechen müssen.

»Sofort sagst du mir, was vorgefallen ist, Sonja! Bitte, ich muss das wissen.«

Die Schwedin machte ein unglückliches Gesicht.

»Julia ist zu gut, weißt du«, murmelte sie hastig und sah ihn dabei flehend an.

»Ach, das meinst du also«, sagte Frederick erleichtert. »Nun, damit kenne ich mich schon aus. Ich werde mit ihr darüber reden, Sonja. Du brauchst keine Angst zu haben, ich pass schon auf Julia auf.«

Dann waren sie unterwegs zum Bahnhof. Es gab noch so viel zu sagen, aber sie brachte keinen Ton über die Lippen. Und dann standen sie und warteten auf den Zug.

Sonja fühlte sich scheußlich. Im hellen Bahnhofslicht fiel ihr erstmals die erschreckende Magerkeit ihrer Freundin auf. Da wusste sie, dass sie es keine Sekunde vergessen hatte. Julia hatte schreckliche Angst, sie wartete auf das Unfassbare. Sonja konnte jetzt nichts für die Freundin tun. Sie nahm sich aber vor, so schnell wie möglich zurückzukommen. Sie musste ihr beistehen, sie allein wusste ja von ihren schrecklichen Ängsten.

Dann stieg Sonja in den Zug, und wenig später rollte er langsam aus der Bahnhofshalle. Mit Tränen in den Augen stand Julia da und hob noch mal grüßend die Hand.

Frederick hatte sich heute den ganzen Tag freigenommen. Sie machten zuerst einen Stadtbummel und aßen dann in einem kleinen Restaurant. Er war voller Zärtlichkeit. Und Julia war eine perfekte Schauspielerin. Er merkte ihr weder die Angst noch die Unruhe an.

Und auch heute fragte er sie nicht nach dem Traum. Er hatte es schon wieder vergessen. Als er sich von ihr verabschiedete, musste sie in die leere Wohnung zurück. Ja, sie hatte wahnsinnige Angst, aber Sonja musste nach Hause.

 

 

5

Das Telefon läutete noch sehr spät. Julia starrte es entgeistert an. Nur zögernd nahm sie den Hörer ab.

»Ich bin’s. Frederick. Julia, ich muss dir sagen, dass ich gleich morgen früh nach Kiel fahre. Meine Tante ist schwer erkrankt. Du kennst sie noch nicht, aber ich hänge sehr an ihr. Ich habe mir eine Woche freigenommen.«

Julia starrte vor sich hin. Sie begann zu zittern. Frederick wollte fort, und sie konnte ihn nicht begleiten. Aber sie musste ihn doch beschützen.

»Was ist? Hörst du mich noch?«

»Ja«, sagte sie leise, »ich bin noch da.«

»Julia, es tut mir doch auch leid, aber …«

»Natürlich musst du zu ihr«, antwortete sie hastig und schloss erschöpft die Augen.

»Du bist so merkwürdig. Geht es dir auch gut?«

Ich muss mich zusammennehmen, dachte sie. Er darf es nicht merken. Dann fiel ihr wieder ein, dass das Unglück nur passieren konnte, wenn sie beide zusammen waren. Erleichtert atmete sie auf. Auf ihre Träume konnte sie sich verlassen. Die spielten sich immer genauso ab, wie sie sie gesehen hatte. In dieser Sekunde wusste sie, dass Frederick immer dann in Sicherheit war, wenn sie nicht bei ihm war! Welche Ironie, dachte sie bitter.

Sie sprachen noch ein wenig miteinander, aber Julia hörte nur noch halb hin. Sie wünschte ihm eine gute Reise, legte dann den Hörer auf die Gabel und setzte sich in den Sessel. Da saß sie nun und grübelte.

Und wenn sie jetzt Frederick verließ? Wenn sie nicht mehr seine Verlobte war, konnte der Traum auch nicht Wirklichkeit werden. Aus Liebe zu Frederick musste sie es tun. Aber sie glaubte nicht, dass sie es schaffte.

Hart bäumte sie sich auf. Es durfte nicht geschehen. Jetzt, wo sie alles wusste, musste sie es verhindern. Wäre sie sonst nicht auch seine Mörderin? Julia wurde fast wahnsinnig bei diesen Gedanken.

Am nächsten Morgen war sie so geschwächt, dass sie nicht in die Uni konnte. Das war das erste Mal, dass sie eine Vorlesung versäumte. Vielleicht musste das auch alles so sein, denn dadurch bekam sie schon am frühen Morgen Neddas Brief. Nedda war ihre Kusine und lebte irgendwo im Rheinland auf dem Land. Sie war Bildhauerin. Nedda schrieb ihr und bat sie inständig, sie doch ein

paar Tage zu besuchen.

»Liebe Julia, ich habe ein Problem. Ich möchte mit dir darüber sprechen. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll. Und wir sind doch die Letzten aus unserer Familie, außer Onkel Harry. Aber um ihn geht es ja eben. Bitte, wenn du es einrichten kannst, so komm doch.«

Julia blickte auf den Brief und dachte: Er kommt mir wie gerufen. Die Wohnung ohne Sonja, und Frederick ist auch fort – ja, ich werde Nedda besuchen. Wir werden zusammensitzen und von alten Zeiten reden. Vielleicht kann ich ihr mein Geheimnis anvertrauen.

Sofort wählte sie Neddas Nummer. Diese schien sich wirklich sehr zu freuen.

»Hör zu, ich habe schon mit meinem Nachbarn gesprochen, Julia. Mein Auto ist in der Werkstatt, also kann ich dich nicht abholen. Er wird kommen und dich zu mir bringen.«

»Gut«, sagte Julia, »ich freue mich auch schon auf das Wiedersehen. Gegen einundzwanzig Uhr werde ich am Bahnhof eintreffen.«

»Ich werde uns ein prachtvolles Abendbrot zubereiten«, sagte Nedda.

Julia war jetzt wie ausgewechselt. Im Augenblick brauchte sie keine Angst zu haben. Frederick war in Sicherheit. Sie würde ein paar wundervolle Tage bei Nedda verbringen. Und vielleicht hatte sie dann auch soviel Mut, um mit dem Professor über Frederick und ihren Traum zu sprechen. Je mehr sie darüber nachdachte, wusste sie, dass dies die Lösung war. Der Professor war wie Frederick von ihren Träumen überzeugt. Und wenn er erst mal erfuhr …

Sie packte ihren kleinen Koffer, räumte die Wohnung auf, gab ihre Blumen der Nachbarin in Pflege und kaufte noch ein paar Kleinigkeiten ein. Dann wurde es Zeit, dass sie zum Bahnhof ging.

Vorgestern noch hatte sie hier gestanden und Sonja verabschiedet. Sie musste ihr unbedingt schreiben, sonst würde diese sich ängstigen, wenn sie mal anrief und sie, Julia, sich nicht meldete. Bei Nedda wollte sie alles erledigen.

Der Zug war nur schwach belegt. Bald brach auch die Dunkelheit herein, denn es ging auf den Herbst zu. Das monotone Geräusch der Räder schläferte sie ein. Zu Hause hatte sie immer Angst vor dem Einschlafen, Angst vor ihren Träumen. Sie wehrte sich verzweifelt dagegen, aber sie kamen unweigerlich. Doch seit dem letzten Traum hatte sie nicht mehr geträumt.

Mit einem Ruck hielt der Zug, und Julia rutschte nach vorn und wäre fast mit dem Kopf gegen die Scheibe gedonnert. Aber sie konnte sich noch rechtzeitig festhalten. Verdutzt blickte sie durch das halbblinde Glas und erkannte, dass sie am Ziel war. In einer Viertelstunde würde sie Nedda um den Hals fliegen.

Sie nahm den kleinen Koffer, stieg aus und sah sich auf dem tristen Bahnhof unruhig um. Wo war denn der Nachbar, der sie abholen sollte? Ganz hinten, am Ende des Zuges stiegen noch ein paar Leute aus.

»Darf ich Ihren Koffer nehmen?«, hörte sie plötzlich hinter sich eine Stimme.

Julia drehte sich um und sah in der Dunkelheit einen Mann stehen. Sie konnten ihn nicht erkennen.

»Ach, und ich dachte schon, ich würde nicht abgeholt«, sagte sie freundlich.

»Kommen Sie, vor dem Bahnhof steht mein Wagen.«

Als sie den sah, wunderte sie sich über dessen Größe. Der Nachbar musste ja über viel Geld verfügen. Sie stieg hinten ein. Das Gepäck verstaute der Mann im Kofferraum, dann klemmte er sich hinter das Lenkrad. Draußen hatte es zu regnen angefangen. Eine pechschwarze Nacht stand vor dem Fenster. Julia blickte unwillkürlich zum hellerleuchteten Bahnhof zurück. In der gleichen Sekunde, in der das Auto anfuhr, sah sie, wie ein junges Mädchen, das ihr verblüffend ähnlich sah, aus dem Portal kam. Neben ihr ging ein junger Mann. Sie schienen beide erregt zu sein. Aber das ging alles so schnell, dass Julia im nächsten Augenblick schon zweifelte, ob sie wirklich richtig gesehen hatte. Sie hatte noch nie gehört, dass sie eine Doppelgängerin besaß.

Sie wollte sich mit dem Fahrer unterhalten, aber ein Gespräch war zwecklos. Der Motor dröhnte so laut, dass man nichts verstand. So lehnte sie sich einfach zurück und schloss die Augen. Bei Nedda würde sie erst ein Bad nehmen, dann würde sie sich gleich wieder frisch und munter fühlen.

Julia dachte über ihren Brief nach. Er hatte sehr dringend geklungen, und wie sie Nedda kannte, musste wirklich etwas Ernsthaftes vorgefallen sein. Nedda war zehn Jahre älter als sie und eine vernünftige Person. Hoffentlich kann ich ihr helfen, dachte sie unwillkürlich.

In diesem Augenblick donnerte das Auto über eine Holzbrücke. Julia schrak zusammen. Früher waren sie nie über eine Holzbrücke gefahren. Aber sie war schon so lange nicht mehr hier gewesen, da hatte sich bestimmt manches geändert.

Sie versuchte aus dem Fenster zu blicken, um festzustellen, ob sie noch nicht bald da seien. Aber die Dunkelheit stand wie eine schwarze Wand vor ihren Augen. Ganz plötzlich ruckte das Auto und blieb dann stehen. Draußen plätscherte der Regen auf das Dach.

Der Fahrer drehte sich um und sagte: »Kommen Sie!«

Sie stieg aus, stolperte in eine Pfütze und rannte einfach auf das Licht zu. Regen hatte sie noch nie gemocht. Als sie über die Schwelle trat, rief sie laut und freudig: »O Nedda, wie schön, dich wiederzusehen.«

»Wie bitte?«, hörte sie da eine Männerstimme.

Erstaunt hob sie den Kopf und blickte in das Gesicht eines ihr unbekannten Mannes. Jetzt bemerkte sie auch, dass sie in einer Art Halle stand. Die Wände waren weiß. Nirgends ein Bild oder Zierrat. Unfreundlich lag sie dem gleißenden Licht preisgegeben. Das war wirklich nicht Neddas gemütliche Behausung.

Julia war so sprachlos, dass sie im ersten Augenblick keinen Ton über die Lippen brachte. Draußen hörte sie, wie das Auto sich entfernte.

»Sind Sie denn nicht Frau Brandes?«, fragte der Mann und blickte sie erstaunt an. Er war ganz dunkel gekleidet, hatte fein gemeißelte Züge und dunkle Augen.

»Nein«, stammelte Julia. »Nein, mein Name ist Julia de Fileu. Ich wollte meine Kusine besuchen.«

Der Mann vor ihr zeigte keine Regung. Er verbeugte sich kurz und meinte nur: »Hier muss eine Verwechslung vorliegen. Tut mir leid!«

»Also habe ich mich doch nicht getäuscht«, murmelte sie leise. »Das mit der Ähnlichkeit.«

Der Fremde sagte: »Warten Sie einen Augenblick. Ich werde das gleich klären.«

Er entfernte sich, und Julia stand nun ganz allein in der weiten, ihr unheimlichen Halle. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, konnte aber nirgends jemanden entdecken.

Dann war der Fremde wieder da: »Ich habe mit dem Bahnhof gesprochen. Es stimmt, hier liegt eine Verwechslung vor. Frau Brandes, die wir erwarten, hat sich für die Nacht im Gasthaus ein Zimmer genommen. Leider ist der Wagen schon fort. Sie müssen schon diese Nacht bei uns bleiben, verehrtes Fräulein. Wir liegen so weit ab von der Ortschaft. Es würde in der Dunkelheit Stunden dauern, bis Sie das Haus Ihrer Kusine gefunden haben.«

Draußen rauschte der Regen herunter.

Julia fühlte sich sehr unbehaglich. Das Haus war wie eine Gruft. Aber was sollte sie machen? Sie musste die Gastfreundschaft dieses Mannes annehmen, ja, sie musste ihm sogar dankbar sein.

»Judith wird sich um Sie kümmern.« Damit entfernte er sich.

Einen kurzen Augenblick später kam eine hochgewachsene Frau mit pechschwarzen Haaren auf sie zu. Ein seltsam heller Glanz stand in ihren Augen. Julia schluckte und umkrampfte ihren kleinen Koffer, als suche sie darin Trost.

»Kommen Sie«, sagte Judith nur und ging voran.

Sie stiegen über eine breit geschwungene Holztreppe ins Obergeschoss. Ein langer kahler Gang tat sich auf. Ein paar Türen aus dunklem Holz waren die einzige Unterbrechung. Wenn ich hier länger leben müsste, würde ich erfrieren, sogar mitten im Sommer, dachte Julia.

»Hier ist das Bad und dort, die zweite Tür links, können Sie diese Nacht bleiben.«

»Danke«, würgte Julia hervor.

»In zehn Minuten essen wir zu Abend. Ich hole sie dann ab.«

Als sie allein in dem altmodischen Zimmer war, fühlte sie ihr Herz stürmisch klopfen. Hastig lief sie zum Fenster, aber sie konnte nicht viel erkennen. Doch dann sah sie zu ihrer Verwunderung unter dem Fenster einen breiten Wassergraben. Julia starrte darauf nieder – und dann ahnte sie schlagartig, wo sie sich befand. Es musste sich um eine Burg handeln, in die sie durch Zufall geraten war. Nedda hatte ihr oft genug erzählt, dass diese Gegend mit alten Gemäuern geradezu übersät sei. Einige seien noch ganz in Ordnung, aber viele eben im Lauf der Zeit schon ziemlich verfallen.

Jetzt erinnerte sie sich auch wieder, dass sie ja über eine Holzbrücke gefahren waren. Ob das eine Zugbrücke gewesen war? Sie musste das feststellen. Ungeachtet des Regens, beugte sie sich weit hinaus und richtig, sie sah die Zugbrücke, denn in diesem Augenblick schob sich der Mond hinter einer dicken Wolkendecke hervor.

Julia lehnte sich an das Fensterkreuz und holte tief Luft. Alles in ihr war in Aufruhr. Der Traum, dachte sie mit Entsetzen, bis jetzt habe ich nicht gewusst, was es für dicke Mauern waren. Aber jetzt weiß ich es. Es muss sich um eine uralte Burg gehandelt haben. So eine Burg wie diese? Langsam begannen sich ihre Haare zu sträuben. Sie fühlte sich müde und schwach.

In diesem Augenblick klopfte es an ihre Tür. Entgeistert starrte sie auf die Klinke. Wollte man sie jetzt vielleicht holen? Sie hätte fast wild aufgeschrien. Aber Julia fühlte, solange Frederick nicht bei ihr war, konnte der furchtbare Traum nicht Wirklichkeit werden.

Ob die seltsame Frau ihre Verstörtheit bemerkt hatte oder nicht, das würde sie nie erfahren.

»Ich möchte Sie abholen. Allein verirren Sie sich in den weiten Gängen«, sagte sie nur und ging voran.

Julia spürte, dass sie diesen Dienst nur ungern tat. Lieber Gott, betete sie bei sich, lass es bald Tag werden, damit ich wieder hier hinaus kann.

In dem kleinen Speisesaal traf sie den dunklen Mann wieder. Er hatte sich ihr noch nicht vorgestellt, und Julia wagte auch nicht, ihn zu fragen. Gespenstische Kälte lag über der reichlich gedeckten Tafel. Es sah so aus, als würden sonst viel mehr Menschen hier essen. Aber jetzt waren nur drei Gedecke vorhanden.

Im Kamin brannte ein helles Feuer. Ein wenig Leben, dachte Julia unwillkürlich. Zaghaft und beklommen setzte sie sich an den Tisch. Sie hatte keinen Appetit, aber sie spürte, dass sie nicht auffallen durfte.

Judith servierte. Es schmeckte vorzüglich. Der Mann begann ein Gespräch. Julia bemerkte gar nicht, dass er sie geschickt ausfragte. Wenige Zeit später wusste er, dass sie die Bildhauerin Nedda besuchen wollte.

»Natürlich kenne ich sie«, antwortete er auf ihre erstaunte Frage hin. »Wenn man in einem Dorf lebt, dann kennt man doch jeden, verehrtes Fräulein.«

Julia schluckte und sagte leise: »Früher habe ich sie nie bemerkt.«

»Wen?«, fragte er scharf, und seine schwarzen Augen schienen sie zu durchbohren.

»Diese Burg«, stammelte sie verwirrt. »Es ist doch eine Burg?«

Er blickte sie ärgerlich an. Aber dann räusperte sich Judith. Er sah in ihre Richtung, und sofort wurde er ruhiger. »Nun ja«, meinte er gönnerhaft. »Die Bäume verdecken das Anwesen. Und dann liegt es auch sehr weit außerhalb. Ich sagte Ihnen ja schon, Sie müssen Stunden laufen.«

Komisch, dachte Julia, wieso kennt er dann Nedda so gut, wenn sie so weit auseinander wohnen?

»Essen Sie doch noch! Sie sehen ja ganz blass aus.«

Julia hob tapfer den Kopf und fragte: »Darf ich meine Kusine anrufen? Sicher wird sie sich schon große Sorgen machen, weil ich nicht pünktlich eingetroffen bin.«

Wieder dieser seltsame Blick. Dann sagte der Mann: »Der Sturm hat die Drähte zerrissen. Im Augenblick sind wir ohne Verbindung. Ich hoffe, dass es morgen wieder in Ordnung gebracht wird.«

Julia spürte deutlich, dass der Mann sie anlog. Sie sollte also nicht mit der Außenwelt in Kontakt geraten. Vielleicht ließ man sie nie mehr fort und benutzte sie als Lockvogel für Frederick! Sie musste sich krampfhaft an der Stuhllehne festhalten. Die Schwäche übermannte sie, und Julia dachte nur, ich darf mir nichts anmerken lassen. Sonst ist Frederick verloren.

»Sie essen ja kaum etwas«, sagte der Mann und blickte sie prüfend an.

Julia stammelte: »Ich esse nie viel. Verzeihen Sie!«

Die Frau brachte den Nachtisch. Eine Unterhaltung kam jetzt nicht mehr auf. Immer wieder spürte Julia, wie sich die beiden heimlich anstarrten. Und dann hatte sie auch wieder das Gefühl, von hinten beobachtet zu werden.

Plötzlich erhob sich der Mann und sagte mit seiner tiefen Stimme: »Judith, bring’ unseren Gast auf sein Zimmer! Gnädiges Fräulein, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht! Morgen früh wird der Wagen wieder hier sein, und dann werde ich dafür sorgen, dass man Sie gleich zu Ihrer Kusine bringt.«

Julia dachte, du lügst, ich spüre es. Alles was du sagst, ist Lüge. Ich soll nicht fort, ich weiß das. Fast hätte sie aufgeschluchzt, aber sie konnte sich noch mal beherrschen.

Judith führte sie durch die weiten Gänge, und wenig später standen sie vor ihrer Schlafzimmertür. Die Frau blickte sie nur durchdringend an und verschwand dann lautlos …

 

 

6

In der Halle begegnete Judith Rochus, dem merkwürdigen Hausherrn. Sie kam näher, legte eine Hand auf seinen Arm und fragte: »Was machen wir jetzt mit der Kleinen?«

Rochus drehte sich um und blickte sie ruhig an. »Was wohl schon? Morgen ist sie wieder verschwunden. Sie hat nichts gehört und nichts gesehen. Sie ist naiv und merkt nichts, gar nichts.«

»Ich weiß nicht«, murmelte die Frau. »Irgendwie kommt sie mir komisch vor.«

»Wenn wir sie nicht gehen lassen, wird man sie bald überall suchen. Auf dem Bahnhof wird sich jemand erinnern, dass sie angekommen ist, und vielleicht hat man auch gesehen, dass sie in den Wagen gestiegen ist. Dann werden wir Ärger bekommen.«

»Ich hoffe nur, dass du Recht behältst«, betonte sie gleichgültig.

»Lass mich jetzt bitte in Ruhe«, sagte er müde. Die Kopfschmerzen plagten ihn wieder.

Aber die Frau ließ sich nicht davon beeindrucken. Sie schien hier die Anführerin zu sein. Als sie sich vor dem Kaminfeuer niederließ, meinte sie sinnend: »Die Zufälle sind wirklich merkwürdig. Zur gleichen Zeit steigen zwei Menschen aus einem Zug, die sich sehr ähneln. Vielleicht ist sie gar nicht so naiv? Vielleicht ist sie eine Agentin?«

»Dieses kleine, zittrige Früchtchen?«, lachte der Mann. »Die fürchtet sich ja schon vor ihrem eigenen Schatten.« Er lachte heiser.

Während sich die beiden unten in der Halle unterhielten, wurde Julia oben in ihrem Zimmer immer unruhiger. Zuerst war sie auf und ab gelaufen und hatte sich vorgenommen, wach zu bleiben. Aber die Aufregung der letzten Wochen, die Bahnfahrt, alles zerrte an ihren Nerven. Sie war am Ende, sie spürte es deutlich. Ihr Herz machte sich auch wieder bemerkbar. Hastig kramte sie in ihrer Tasche nach den Tabletten. Frederick hatte ihr welche gegeben, für den Fall, dass er mal nicht sofort kommen konnte. Als sie diese eingenommen hatte, wurde sie merklich ruhiger.

Dann suchte sie das Bad auf. Während sie sich wusch, dachte sie: Ich sehe vielleicht wirklich Gespenster. Ich bin nervös und abgespannt, und jetzt denke ich mir lauter Schauermärchen aus. Woher sollen diese Leute Frederick kennen? Es ist ja wirklich lachhaft. So beruhigte sie sich selbst.

Julia war mit der abendlichen Toilette fertig und verließ das Bad. Nicht sehr weit befand sich die Tür zu ihrem Schlafgemach. Auf dem Gang brannte eine helle Lampe. Kaum hatte sie ein paar Schritte getan, da fühlte sie eine zähe, breiige Masse unter ihren Füßen. Sie konnte einfach nicht weitergehen. Ihr war, als wäre sie plötzlich in einen Sumpf geraten. Zwar wurde sie nicht tiefer gezogen, denn sie stand ja auf Steinboden, aber die zähe, klebrige Masse ging ihr bis zu den Knöcheln.

Starr vor Schreck blieb sie stehen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf ihre Füße. Und dann hörte sie das Geräusch. Etwas weiter hinten machte der Gang einen Knick. Von daher kam ein seltsames und erschreckendes Schaben und Stöhnen. Töne, wie sie sie noch nie vorher vernommen hatte. Sie wirkten fremdartig und furchterregend. Die Geräusche schienen aus einer anderen Welt zu kommen und waren so schrill, dass Julia es bald nicht mehr ertragen konnte. Sie hielt sich die Ohren zu, um sich vor diesem Schmerz zu schützen.

Und der zähe Brei stieg und stieg. Bald hatte er ihre Knie erreicht. Sie blickte starr auf den langen Gang hinaus.

Gleich würde dort hinten irgend etwas Ungeheuerliches um die Ecke kommen, etwas, das für sie eine unsagbare Gefahr darstellte.

Wieder das Prusten, und dann sah sie einen langen, spitzen Schatten. Der ganze Gang war inzwischen mit dieser gelblichen Masse angefüllt.

Julia sah nun den Anfang des Ungeheuers und wollte vor Entsetzen aufschreien. Sie hatte den Mund weit aufgerissen, aber die Angst lähmte ihre Stimme. Sie konnte im Augenblick weder schreien noch fortlaufen.

Sie fühlte, wie ihr Herz immer schwächer wurde, trotz der Tabletten. Julia dachte, das gibt es nicht, das kann nicht wahr sein. Aber was sie sah, existierte wirklich. Was sie so erschreckte, war ein Auge. Ein Auge, das auf einen langen Stab aufgespießt war. Es hatte einen Durchmesser von dreißig Zentimetern, schwebte auf und ab, betrachtete die Wand, zuckte wieder zurück. Und dann kam noch ein Auge um die Ecke, genauso grotesk und ungeheuerlich anzusehen. Auf einem langen, dünnen Stiel schwebte das Auge durch die Luft und blickte Julia starr an.

Dann sah Julia den Körper des schrecklichen Ungeheuers. Er war wie eine dicke Wurst, gelb und schwarz zugleich, und wabbelte und zitterte. Er war sehr lang und an die zwei Meter hoch. Das Untier rutschte auf dieser zähen Masse dahin wie andere auf Schmierseife. Es bewegte sich allerdings nicht sehr schnell, obwohl es sehr groß war. Das Ungeheuer nahm den ganzen Gang in Anspruch. Es musste sich sogar dünn machen, um nicht ständig an den Wänden anzustoßen.

Jetzt sah Julia es in seiner ganzen Länge, und ihr Verstand wollte verzweifeln. Sie dachte spontan an eine Schnecke, an eine Wegschnecke ohne Gehäuse. Aber, registrierte ihr Verstand, eine Wegschnecke ist höchstens zwanzig Zentimeter lang!

Sie sah jetzt auch, woher die breiige Flüssigkeit kam. Sie wurde aus einem riesigen Rachen gestoßen, und auf ihr glitt dann das Ungeheuer weiter. Julia presste sich an die Wand. Sie glaubte sterben zu müssen. Es war schrecklich. Die riesigen Augen schwebten vor ihr und krochen über ihren Körper. Im Augenblick war ihr ganzes Gesichtsfeld von einem riesigen, starren Auge ausgefüllt. Sie sah sich selbst in dieser glasigen Masse widergespiegelt, sah ihren weit aufgerissenen Mund, ihre zu Tode erschreckten Augen. Aber dann wippte dieses Auge weiter, der Körper kam näher. Die winzigen Fühler unter dem Rachen berührten sie kaum. Aber dieser Rachen war weit geöffnet, und sie blickte in einen fürchterlichen Schlund. Schaudernd betrachtete sie die wulstartige, von Knorpeln gestützte Zuge. Sie glich einer mit vielen tausend zurückgebogenen Zähnen besetzten Platte und glitt unruhig hin und her. Kurz vor ihrem Körper aber zuckte dieses riesige Mordinstrument zurück, als habe es sich erschrocken.

Bei einer winzigen Schnecke sah man dies alles gar nicht so deutlich. Aber jetzt wirkten die Zähne wie Schwerter, und ihre Spitzen funkelten im Lampenlicht. Ein paar unvorhergesehene Bewegungen und dieses Ungeheuer hätte sie erdrückt.

Obwohl Julia dem Tod nahe war, dachte sie unwillkürlich daran, dass eine Wegschnecke nur Grünzeug frisst. Wäre sie aber eine Raubschnecke, die in der Natur Jagd auf Würmer und Glasschnecken macht, dann wäre Julia für sie ein gefundenes Fressen, und sie hätte sie schon verschlungen.

Die Raspelzunge glitt in den Rachen zurück. Die Augen schwebten weiter, eine wellenförmige Bewegung ging durch den ungeheuren Körper. Das Ende des Rückens reichte fast bis an die Decke des Ganges. Das Untier kroch weiter und drückte Julia einfach an die Wand. Sie glaubte, in der harten, hornigen Masse zu ersticken. Sie wurde so fest an die Wand gepresst, dass sie kaum noch Luft bekam.

Und in dieser Sekunde endlich löste sich ihre Zunge. Sie konnte schreien! Ihre Stimme hatte nichts Menschliches mehr. Sie schrie wie ein Mensch, der schon fast seinen Verstand verloren hat.

Julia hatte die Arme emporgerissen und stemmte sich mit letzter Kraft gegen den riesigen Fleischberg. Sie wollte leben, nicht erdrückt und erstickt werden.

Und dann endlich hörte sie Stimmen. Zornige und böse Stimmen. Ihr war, als befänden sie sich in weiter Ferne. Aber es waren menschliche Stimmen, und irgendwie gab ihr das wieder Mut und Kraft. Plötzlich ließ dann der Druck nach, das Ende des Ungeheuers nahte. Jetzt war es nur noch der lange, spitz auslaufende Körper, der zuckend an ihr vorbeiglitt. Und mit ihm zogen sich auch die zähen Massen weiter. Jetzt konnte sie endlich wieder ihre Füße bewegen.

Julia stand an die Wand gelehnt und keuchte. Jetzt kamen die menschlichen Stimmen näher. Sie hörte laute Schritte auf dem Gang. Hilfesuchend blickte sie zur Ecke, woher auch das Ungeheuer gekommen war.

Und dann sah sie den großen Schatten. Diesmal war es wirklich ein Mensch in einem weiten dunklen Umhang.

Sie wollte nur Hilfe, man sollte sie davor bewahren, abermals mit diesem Ungeheuer konfrontiert zu werden. Julia rannte los.

»Helfen Sie mir, helfen Sie mir«, schrie sie schon von Weitem.

Der Mann mit dem weiten Umhang fluchte. Keuchend rannte er ihr entgegen. Dann waren sie so nah, dass Julia stehen blieb und die Arme nach ihm ausstreckte.

»Ich flehe Sie an, helfen Sie mir!«

Die Kapuze rutschte vom Kopf des Mannes, und Julia konnte ihn jetzt genau im Licht erkennen. Und dieser Anblick war für sie noch grauenhafter als der der schwebenden Augen. Alles in ihr schien sich zu sträuben. Ein fürchterlicher Schrei drang aus ihrer Kehle.

»Nein!«

Der Mann blickte sie starr an, kam noch ein wenig näher.

»Nein!« Das ganze Haus schien von diesem Schrei widerzuhallen.

Denn Julia sah in diesem Augenblick den Totenkopf aus ihrem Traum. Genauso hatte er ausgesehen. Ganz genauso! Nicht die kleinste Kleinigkeit hatte sie übersehen. Und jetzt stand dieser Unmensch vor ihr und musterte sie mit seinen tiefliegenden Augen, die fast traurig wirkten.

Julia wusste nur eins: Sie musste fliehen, fort, dem Ungeheuer entkommen …

»Nein, nein.« Sie rannte den Gang entlang, wie von Sinnen schreiend.

Da, endlich hatte sie ihre Tür erreicht, ihr Schlafzimmer. Sie war für einen kurzen Augenblick in Sicherheit. Sie lehnte sich zitternd gegen die Tür und horchte nach draußen. Aber der Mann kam ihr nicht nach. Er rannte an ihrer Tür vorbei, dem Ungeheuer nach.

Schon bei ihrem ersten Schrei waren Rochus und Judith nach oben gestürzt, blieben aber dann auf der Treppe stehen und warteten, weil alles auf einmal so still war. Schon wollten sie wieder nach unten in den Salon zurückgehen, als der Totenkopf um die Ecke keuchte.

»Sie hat die Schnecke gesehen«, rief er stotternd. »Sie hat sich befreit und ist oben durch die Gänge gekrochen. Die Fremde wäre fast von ihr erdrückt worden.«

Rochus bekam vor Wut einen roten Kopf. »Du hast mal wieder geschlafen und nicht aufgepasst. Eigentlich solltest du kein Abendbrot dafür bekommen.«

Judith mischte sich ein: »Bitte, Rochus, doch nicht so. Sag mir lieber, was wir jetzt mit der Kleinen machen sollen.«

Der Mann blickte sie an.

»Fort kann sie jetzt wohl nicht mehr, wie? Sie hat zu viel gesehen.«

»Das habe ich mir auch schon gedacht.«

Weder Rochus noch der andere Mann ahnten in diesem Augenblick, dass Judith schon lange wahnsinnig war. Sie war so intelligent, so schön, dass Rochus ihr völlig verfallen war. Was sie sagte und tat, war eben gut. Sie lebten in einer Welt für sich.

Und sie spürten auch schon nicht mehr, wie sie selbst ihren Verstand unter diesen Umständen zu verlieren begannen.

Wahnsinn und Genie stehen nun mal auf Messers Schneide. Und bei allen dreien war er vor einiger Zeit ins Rutschen gekommen. Bei Judith allerdings am stärksten.

Immer hatte man sich gegen das Neue gesträubt, immer und in allen Jahrhunderten. Die, die für die Zukunft dachten, waren immer Außenseiter. Sie mussten Opfer bringen. Sie hielten die Zukunft in der Hand und mussten dafür kämpfen.

Der Wissenschaft mussten Opfer gebracht werden, leidenschaftliche Opfer. Daran dachte jetzt Rochus. Dieses Mädchen durfte der Zukunft nicht im Weg stehen.

Und der Totenkopf mit seinem wirren Sinn glaubte, alles Schöne vernichten zu müssen. Die Schönheit eines Menschen bereitete ihm fast körperliche Qualen. Nur Judith duldete er als einzige Ausnahme um sich, sie liebte ihn ja. In der Qual des anderen sah er so etwas wie eine Erlösung. Und dabei war er sonst so sanft wie ein Lamm.

An diese leidenschaftlichen Menschen war Julia geraten.

In diesem Augenblick kam die Frau die Treppe hoch. In der Hand hielt sie eine Spritze.

»Was ist das?«

»Rauschgift«, sagte sie und lächelte. »Bald wird sie angenehme Träume haben, die Kleine. Wird nur noch feine Sachen sehen, und das viele, viele Tage lang. So lang, bis sie sich an nichts mehr erinnern kann. Dann schicken wir sie fort. Irgendwo wird man sie schließlich aufgreifen, vollgepumpt mit Rauschgift, ein Fall für die Behörden. Wir brauchen ja nicht mehr viel Zeit.« Damit ging sie über den langen Flur und klopfte wenige Augenblicke später an Julias Tür.

Das Mädchen stand noch immer zitternd und bebend an das Holz gepresst.

»Wer ist da?«, rief sie stammelnd.

»Ich bin es. Judith«, sagte die Frau leise. »Ich möchte dir helfen, öffne doch bitte!«

Julia starrte in ihr Zimmer. Die Frau, dachte sie, wird mir helfen, sie wird mich verstehen. O mein Gott, ich bin am Ende …

»Ja, warten Sie«, rief sie und schob den Riegel zurück.

Im gleichen Augenblick stand Judith vor ihr im Zimmer.

»Es war so schrecklich«, stammelte Julia. »Ich wäre fast gestorben.«

»Oh«, sagte Judith nur.

Julia starrte sie verzweifelt an. Und dann sah sie die Spritze in der Hand der anderen.

Sofort wich sie zurück.

»Was wollen Sie?«, fragte Julia entgeistert.

»Helfen«, sagte sie ruhig. »Ich will dir helfen, zu vergessen.«

»Nein«, schrie Julia. »Sie sind ein Ungeheuer, Sie sind ein Teufel, ich sehe es an Ihren Augen. Sie wollen mir nicht helfen. Sie wollen mich vernichten.«

»Wirklich? Du musst es ja wissen!« Und dann lachte sie auf. »Kluges Kind, aber du wirst mich nicht daran hindern können. Niemand wird mich hindern, niemand. Wenn ich etwas will, dann wird es auch so gemacht, verstanden? Pech für dich! Du bist zufällig hierher geraten, und wir hätten dich morgen früh laufen lassen. Aber leider hast du das da im Flur gesehen. Du könntest es weitererzählen, und dann würde man kommen und dieses Haus durchsuchen. Das können wir aber nicht zulassen. Darum müssen wir dich zum Schweigen bringen. Leider hat die Schnecke deinen Verstand noch nicht verwirrt, doch das werde ich jetzt besorgen. Keine Furcht, ich bringe dich nicht um, ich verschaffe dir nur mit Rauschgift das Vergessen. Du wirst nichts mehr wissen. Alles vergessen. Das Grauen, das Schloss, uns. Es tut mir leid, dass ich so handeln muss.«

Kälte kroch über Julias Rücken. Ihre Nerven zogen sich zusammen. Julia war verzweifelt.

Sie suchte Halt, Schutz, und ihre Hände fühlten hinter ihrem Rücken einen schweren Gegenstand. Unwillkürlich registrierte ihr Gehirn diese Tatsache. Es musste sich um einen bronzenen Leuchter handeln.

Julia blickte starr in die Augen der Frau, suchte eine Regung in ihnen. Aber sie sah nur den Irrsinn in ihren Augen aufleuchten. Doch in dem Augenblick, als Judith die Hand hob, um ihr die Spritze zu verpassen, reagierte Julia blitzschnell. Der Angriff kam überraschend und überrumpelte Judith völlig. Sie konnte nicht mehr zur Seite springen. Krachend landete der Leuchter auf ihrer rechten Schulter, streifte ihren Kopf. Ohnmächtig sank sie zu Boden. Die Spritze entglitt ihren Händen.

Fassungslos starrte Julia auf die wie tot daliegende Frau. Dann blickte sie sich um. Sie wusste genau, dass es nicht lange dauern würde, und der Mann würde kommen und nachsehen. Oder der Totenkopf. Sofort rieselte ihr wieder das Grauen über den Rücken.

Sie befand sich in höchster Gefahr. Man trachtete ihr nach dem Leben. Keine Sekunde länger in diesem Schloss des Grauens bleiben. Sie musste fliehen.

Aber wie?

Unten waren bestimmt die Türen versperrt. Und sie wusste auch nicht so genau, wo sich der Ausgang befand. Außerdem war da noch das schreckliche Ungeheuer. Es gab nur eine Möglichkeit: das Fenster.

Julia riss es auf. Peitschender Regen schlug ihr ins Gesicht. Sie befand sich zwar nur im ersten Stock, aber hier hatte alles ganz andere Dimensionen als bei einem einfachen Wohnhaus. Schaudernd blickte sie in die Tiefe. Dort unten war der Wassergraben. Gewiss, sie war eine gute Springerin und konnte auch ausgezeichnet schwimmen. Ihr blieb einfach keine andere Wahl, als diesen Weg zu nehmen, wenn sie nicht wollte, dass man sie tötete. Und sie wusste ja auch schon, wie man es machen wollte.

Draußen auf dem Gang hörte sie Schritte. Hastig kletterte sie auf das Fensterbrett. Noch mal blickte sie zum Himmel, stieß ein Stoßgebet aus und sprang dann. Als sie unten ankam, wurde ihr fast schlecht, so übelriechend war das Wasser. Julia tauchte auf und schwamm zum Ufer. Hoch oben über ihrem Kopf sah sie ihr hellerleuchtetes Fenster.

Sie musste zum nächsten Dorf laufen. Nur dort war sie sicher. Man würde ihr helfen und sie zu Nedda bringen. Dort war sie dann geborgen und Nedda würde die Polizei verständigen.

Julia rannte, wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt war. Der Tod saß ihr im Nacken. Ihr Herz klopfte rasend. Sie stürmte vorwärts, immer weiter. In der Ferne sah sie kleine Lichtpunkte auftauchen. Dort musste das nächste Dorf sein. Unter ihren Füßen wurde die Straße jetzt glatt. Rechts und links standen hohe Bäume, das musste die Landstraße sein und nicht die Zufahrt zu diesem Schloss des Grauens.

 

 

7

Rochus stürmte ins Zimmer und sah Judith auf dem Boden liegen. Sofort rannte er los, holte Wasser und kippte es ihr ins Gesicht. Stöhnend kam die Frau wieder zu sich und blickte ihn verständnislos an. Dann machte sich der Schmerz in ihrer Schulter bemerkbar.

»Wo ist sie?«, fragte Rochus bestürzt.

Judith richtete sich auf und stöhnte. Dann wurde ihr bewusst, was er damit sagen wollte. Sie sprang auf die Beine.

»Was fragst du da?«

»Ich will wissen, wo das Mädchen ist!«

Judith bemerkte das geöffnete Fenster und stürzte nach vorn. Sie sah in die Tiefe und fuhr zusammen.

»O Gott«, stammelte sie, »das habe ich nicht gewollt. Sie sollte doch nur vergessen, was sie gesehen hat, mehr nicht. Ich wollte sie doch nicht töten.«

Rochus kam näher. »Wenn sie da hinuntergesprungen ist, dann hat sie sich bestimmt das Genick gebrochen.«

Judith wischte sich über die Augen.

Ihre Finger krallten sich um das Fensterkreuz. »Ich muss es genau wissen«, keuchte sie. Und schon rannte sie davon.

Draußen schlug ihr der Regen entgegen, aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie rannte zum Burggraben, und wenig später entdeckte sie auch die Stelle, wo Julia an Land gekrochen war. Sie blickte die dunkle Allee hinunter.

»Ich muss sie verfolgen«, schrie sie nach oben und rannte einfach los. Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie verloren hatte. Sie musste das Mädchen fangen, bevor es zu anderen Menschen gelangte. Wenn sie das nicht schaffte, dann war alles aus. Verzweiflung stieg in ihr hoch.

 

 

8

Julia rannte noch immer, obwohl ihr Kopf zum Bersten war. Ihr Blut kochte, und sie wusste, jeden Augenblick war es vorbei, dann versagten ihre Kräfte. Die Straße kam immer näher. Immer und immer wieder raffte sie sich auf und stürmte weiter. Aber dann stolperte sie über einen Stein und stürzte zu Boden. Ihre Kräfte waren aufgebraucht. Sie musste sich erst ausruhen, bevor sie wieder weiter konnte.

Von dem Schloss konnte sie nichts mehr sehen. Julia legte den Kopf auf die nasse Straße und spürte jetzt, dass sie weinte. Während sie noch völlig erschöpft im Regen lag, hörte sie Schritte aus weiter Ferne. Die Verfolger waren hinter ihr. Sie wollte aufspringen und sich irgendwo verkriechen. Aber sie hatte keine Kraft mehr.

Als sie schon glaubte, der Totenkopf würde kommen und mit seinen Klauen nach ihr greifen, hörte sie noch ein anderes Geräusch und sah zwei Lichter. Es war ein kleiner Lieferwagen! Piet und Evi, ein junges Bauernpaar, hatten Freunde im nächsten Dorf besucht und waren jetzt auf dem Weg nach Hause.

Piet sah die wie tot liegende Frau zuerst und bremste scharf. Er starrte seine Frau an.

»Lass sie liegen«, stammelte diese erschrocken. »Das wird nur Ärger geben.«

»Du bist verrückt«, sagte Piet. »Da kann man hoch bestraft werden, wenn man nicht hilft. Vielleicht lebt sie noch. Auf alle Fälle muss ich nachsehen.«

Evi schauderte und sah, wie Piet mit gekrümmtem Rücken und abwehrbereit zu der reglosen Gestalt ging. Man hörte ja soviel im Fernsehen. Vielleicht war das auch nur eine Falle.

Details

Seiten
155
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933932
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505187
Schlagworte
monsterschloss

Autor

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Titel: Das Monsterschloss