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Irrgarten Kosmos

2019 201 Seiten

Zusammenfassung


Mit annähernd „Licht“ sollen drei Schiffe Sol I, II und III erstmalig interstellar die Erde von ihrem Übervölkerungsproblem befreien helfen. Der Prokyon ist als Ziel vorgesehen. Die Zeitdilatation wirkt sich aus und 11 Lichtjahre schrumpfen, da der Ablauf der Zeit gleich null wird bei „Licht“.
Kurz vor Erreichen des „Alpha Prokyord“ werden sie Zeugen einer Raumschlacht unbekannter Primaten. Sie erleben den Untergang einer Raumflotte und streifen mit ihren Raumern die atomare Auflösung der Vernichteten. Obwohl der Schutzschirm die Schiffe schützt, werden sie durch den Atomarimpuls in den Hyperraum geschleudert. Jede Zeit wird illusorisch, Uhren stehen still, Wicklungen schmoren durch.
Gewaltsam bremst Sol I und fällt in die normale Dimension zurück. Niemand weiß, welche Zeit in diesem Zustand verstrich. Die Astronomen stellen 900 Lichtjahre Entfernung von Terra fest. Nur noch ein bewohnbarer Planet kann sie retten. Von Sol II und III ist nichts zu finden. Im Irrgarten Kosmos verschwunden.
Wo sind sie geblieben? Im Atomexplosionsherd umgekommen? Oder auch im „Irrgarten Kosmos“ verschwunden?

Leseprobe

Table of Contents

Irrgarten Kosmos

Copyright

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

Irrgarten Kosmos

SF-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 201 Taschenbuchseiten.

 

Mit annähernd „Licht“ sollen drei Schiffe Sol I, II und III erstmalig interstellar die Erde von ihrem Übervölkerungsproblem befreien helfen. Der Prokyon ist als Ziel vorgesehen. Die Zeitdilatation wirkt sich aus und 11 Lichtjahre schrumpfen, da der Ablauf der Zeit gleich null wird bei „Licht“.

Kurz vor Erreichen des „Alpha Prokyord“ werden sie Zeugen einer Raumschlacht unbekannter Primaten. Sie erleben den Untergang einer Raumflotte und streifen mit ihren Raumern die atomare Auflösung der Vernichteten. Obwohl der Schutzschirm die Schiffe schützt, werden sie durch den Atomarimpuls in den Hyperraum geschleudert. Jede Zeit wird illusorisch, Uhren stehen still, Wicklungen schmoren durch.

Gewaltsam bremst Sol I und fällt in die normale Dimension zurück. Niemand weiß, welche Zeit in diesem Zustand verstrich. Die Astronomen stellen 900 Lichtjahre Entfernung von Terra fest. Nur noch ein bewohnbarer Planet kann sie retten. Von Sol II und III ist nichts zu finden. Im Irrgarten Kosmos verschwunden.

Wo sind sie geblieben? Im Atomexplosionsherd umgekommen? Oder auch im „Irrgarten Kosmos“ verschwunden?

 

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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I.

Es ließ sich nicht verheimlichen, Pook Kelum fror.

Seufzend zog der Gelehrte die Decke fester zusammen, die seine Beine unter dem Schreibtisch einhüllte, während der Oberkörper durch eine pelzgefütterte Jacke geschützt wurde. Er warf dem elektrischen Wärmespender in der Zimmerecke einen vorwurfsvollen Blick zu, schalt sich aber gleich darauf selbst einen Narren. Natürlich war dieser Zorn auf das Gerät unnütz und unberechtigt, und Pook Kelum wusste das. Der automatische Regler war so geschaltet, dass er die Temperatur des Raumes konstant auf der Höhe von zehn Grad Wärme hielt und das tat er auch, mehr konnte man von ihm beim besten Willen nicht erhoffen oder verlangen.

Wohl aber war es möglich und erlaubt, den Regler auch eigenmächtig über die rote Markierung hinaus auf höhere Werte einzustellen, und sekundenlang kämpfte der Astronom mit dem mächtigen Verlangen, dies zu tun, um wieder einmal das lang entbehrte Gefühl wohliger Wärme zu empfinden, doch auch diese Regung ging schnell vorüber, denn Pook war sich sehr wohl über die Folgen im Klaren.

Er wusste, dass jede derartige Maßnahme unweigerlich einen vorzeitigen Verbrauch seines Stromkontingentes bedeutete, das ohnehin knapp genug war. Ein unbestechliches Zählgerät wachte darüber und hatte dieses erst einmal die Monatsmarkierung erreicht, stellte es automatisch die Energiezufuhr ab. Dann aber hieß es, endgültig zu frieren, denn Ausnahmen waren auch für einen hohen Gelehrten vom Range Pook Kelums nicht zugelassen.

Bis vor Kurzem hatte es für leichtsinnige Verbraucher wenigstens noch den Ausweg gegeben, die öffentlichen Wärmehallen aufzusuchen. Zwar war der Aufenthalt dort auf jeweils drei Stunden beschränkt, aber man konnte von einer zur anderen wandern und sich so helfen. Diese aber waren bereits seit zehn Tagen geschlossen, denn elektrische Energie war Mangelware auf dem zweiten Planeten der Sonne Hora.

Weiter glitt sein Blick und fiel durch das große Fenster hinaus in den Garten, wo neben vielen erfrorenen Pflanzen nur noch einige Deklamen aufrecht standen und ein paar kümmerliche Blüten zeigten; mehr als kümmerlich sogar gegenüber der Pracht, die sie sonst während der kühlen Monate entfalteten, die man auf dem Planeten WELA einmal Winter genannt hatte. Das waren die letzten vier Monate des in zwanzig Abschnitte aufgeteilten Planetenjahres gewesen und jetzt zählte man erst den zehnten Monat im Jahre 651 der welanischen Zeitrechnung! Noch blühten die Deklamen in dem verzweifelten Bemühen, sich zu behaupten, doch bald würden auch sie gleich der übrigen Flora der Kälte zum Opfer fallen, denn nie zuvor hatte man auf dieser Welt so etwas wie Eis oder Schnee gekannt.

Der Gelehrte träumte, träumte mit offenen Augen von einer Zeit, zu der das Leben den Bewohnern einer paradiesischen Welt noch lebenswert erschienen war. Wo war sie nur geblieben?

Der Planet HORA II, von seinen Bewohnern Wela genannt, umkreiste sein Muttergestirn in einer Entfernung von rund 300 Millionen Kilometer. Das genügte jedoch, ihm eine mittlere Temperatur von 30 Grad Celsius zu sichern, denn seine Sonne gehörte zur Größenklasse A und besaß demnach eine Oberflächentemperatur von fast zwölftausend Grad. Weiter war die Achsneigung des Planeten gegenüber seiner Bahnebene minimal, seine Oberfläche wurde also in allen Zonen nahezu gleichstark erwärmt und kannte praktisch keine klimatischen Unterschiede. Lediglich seine stark elliptische Bahn brachte ihm eine gewisse Abkühlung, die aber nur acht Grad gegenüber dem Normalwert ausmachte. Begriffe wie Kälte, Eis und Schnee waren somit vollkommen unbekannt und seine Kontinente und Inseln besaßen eine üppige tropische Flora. Die Meere waren warm und fischreich, die Landfauna dagegen bestand nur aus Insekten, Kriechtieren und prächtig gefiederten Vögeln, Säugetiere gab es dagegen kaum und sie waren noch sehr schwach entwickelt. Der Mensch besaß hier also überhaupt keine natürlichen Feinde und konnte somit unbekümmert in den Tag hinein leben.

Dieser Tag zählte 32 Stunden, die sich gleichmäßig auf Tag und Nacht verteilten. Geringe Abweichungen gab es nur in den polaren Gebieten, dort regierten jedoch die großen Ozeane und nie kam ein Mensch dorthin. Die Bewohner von Wela kannten nur eine Küstenschifffahrt, die im Wesentlichen der Fischerei diente, die das ganze Jahr über betrieben werden konnte. Zu mehr reichten die kleinen Dampfschiffe auch gar nicht, denn zu ihrer Beheizung war man lediglich auf das weiche Holz angewiesen. Kohlevorkommen oder Erdöl gab es auf diesem jungen Planeten noch nicht.

Nur einer der drei Kontinente war von Menschen belebt, deren Zahl sich nun, nach 651 Jahren seit Beginn der Zeitrechnung, auf rund zwanzig Millionen belief. Das Jahr besaß hier zwanzig Monate zu je dreißig Tagen, dazu kamen noch fünf eingestreute Feiertage, von denen je einer dem Sonnengott Horam, seiner Gattin Lura und den beiden Sonnenkindern Bold und Romi gewidmet war. Der fünfte galt dem Tage, an dem der Stammvater Gerud einst vom Sonnengott persönlich die Großen Gesetze bekommen hatte, die er später im Buche der Weisheit niederlegte. Dieser Tag war auch der Neujahrstag.

Sechshundertneunundvierzig Jahre lang hatte sich das Volk der Welaner ungestört und zufrieden entwickelt. Doch dann, vor zwei Planetenjahren, hatte das Unheil seinen Anfang genommen.

Auf ihrer ewigen Bahn um den Mittelpunkt ihrer Galaxis hatte die Sonne Hora die Randgebiete einer interstellaren Dunkelwolke erreicht und war langsam in sie eingetreten. Schon lange vorher hatten die Astronomen, nach den Großpriestern die höchsten Männer im Reiche, dieses Ereignis prophezeit, jedoch nur eine flüchtige Berührung mit den feinen, im Raume verteilten kosmischen Staubmassen erwartet. Dann jedoch hatte die Wolke urplötzlich Extransionsbestrebungen gezeigt, hatte sich über ihre bisherigen Grenzen hinausgedehnt, und nun befand sich das gesamte Hora-System bereits weit inmitten der Dunkelwolke. Die Folgen waren verheerend für das Leben auf dem Planeten Wela.

Zwar waren die kosmischen Staubteilchen ungeheuer fein und für menschliche Begriffe praktisch gar nicht vorhanden, und doch genügten sie, um mit zunehmender Dichte die Intensität des einfallenden Sonnenlichtes immer mehr abzuschwächen. Die Sonne Hora, jahrhundertelang ein hellgelber, fast weißer Glutball, von den Menschen als Gottheit verehrt, wandelte ihren Glanz, wurde zuerst gelblich, dann orange und schließlich rot. So schien es wenigstens den einfachen Menschen, während die Priester und Astronomen wussten, dass das Gestirn nach wie vor mit voller Kraft strahlte.

Die Folgen für den Planeten, seine Gewächse und Menschen, waren furchtbar. Unaufhaltsam sank die Lufttemperatur, im Anfang kaum merklich, später jedoch rapide. Die Menschen verfügten über Hilfsmittel, um sich gegen die zunehmende Kälte zu schützen, nicht aber die Pflanzenwelt. Sie war zum Wachsen und Gedeihen auf tropische Temperaturen angewiesen, und nun verkümmerte sie nach und nach, da sie unfähig war, sich so schnell den veränderten Verhältnissen anzupassen. Nicht nur die wildwachsenden Bäume und sonstigen Pflanzen wurden betroffen, sondern auch die Kulturgewächse, die den Menschen als Nahrung dienten, und die Futterpflanzen für das Vieh. Noch blieben die Meere als Nahrungsreservoir, denn ihre Abkühlung erfolgte wesentlich langsamer und ihr Fischreichtum war unerschöpflich. Dafür vereisten die Binnengewässer rasch, nachdem erst einmal der Gefrierpunkt unterschritten war, schnell fließende Gewässer gab es kaum, da der Planet arm an Gebirgen war. Damit aber kam auch die menschliche Energiewirtschaft rasch zum Erliegen, denn sie basierte ausschließlich auf Gewinnung elektrischen Stromes durch Wasserkraftwerke.

So war die Lage der Menschen auf Hora II, genannt Wela, am 17. Tage im 10. Monat des Jahres 651 der planetarischen Zeitrechnung, und eine Besserung war kaum zu erwarten, solange das System sich innerhalb der Dunkelwolke befand. Wela, der Planet des ewigen Sommers, war zum Tode in Eis und Dunkelheit verurteilt ein sterbender Planet!

 

*

 

Mit einem Seufzer kehrten die Gedanken Pook Kelums wieder in die unerfreuliche Gegenwart zurück. Es war müßig, den vergangenen guten Zeiten nachzusinnen, das wusste keiner besser als er, der Astronom, und so löste er seine Augen von dem in rötlichem Dämmerlicht liegenden Garten und wendete sich wieder seiner Arbeit zu. Sie war verhältnismäßig einfach, denn sie bestand in der Auswertung der letzten Messergebnisse bezüglich der Dichte der kosmischen Staubmassen. Elektronengehirne gab es auf Wela nicht, doch Kelum war ein ausgezeichneter Mathematiker, der schon nach wenigen Stunden die richtigen Daten errechnet hatte. Sie waren trostlos. Er wusste sehr wohl, dass die Ausdehnung einer derartigen Dunkelwolke menschliche Begriffe weit überstieg und nur im günstigsten Falle mit Hunderten von Lichtjahren zu messen war. Zwar mochte es hier und da in ihrem Innern Zonen geben, wo die feinen Partikelchen nicht so dicht waren, die also eine zeitweilige Besserung der Verhältnisse gestatteten, vielleicht sogar für längere Zeiträume. Die Chancen jedoch, einer solchen Zone zu begegnen, ehe alles Leben auf dem Planeten erloschen war, waren verschwindend gering.

Er war noch mit dem Ordnen seiner Aufzeichnungen beschäftigt, als es an die Tür des Arbeitsraumes klopfte und ein hochgewachsener junger Mann das Zimmer betrat. Er verneigte sich tief, wie es vor einem Gelehrten der ersten Klasse Sitte war.

„Sei gegrüßt, Onkel Pook. Bist du mit deiner heutigen Arbeit schon fertig? Hast du dann vielleicht etwas Zeit für mich?“

Der Astronom nickte ihm freundlich zu und warf einen Blick auf die große Wanduhr.

„Sei gegrüßt, Neffe Olas. Meine Arbeit ist beendet und ich müsste jetzt eigentlich meinen Bericht an den Bat der Großpriester erstatten. Da aber schon die zwanzigste Stunde angebrochen ist, muss ich sowieso noch warten, denn jetzt sind alle Priester im großen Tempel versammelt, wo der Bittgottesdienst abgehalten wird. Warum bist du eigentlich nicht dort, wie es doch eigentlich deine Pflicht wäre?

Die Mienen des Jüngeren verfinsterten sich, und er schnaubte verächtlich durch die Nase.

„Das war einmal, Onkel Pook! Kannst du mir wohl sagen, was es für einen Sinn haben soll, wenn wir einen Stern anbeten und seine Huld erflehen? Horam ist kein Gott, sondern lediglich die Sonne unseres Systems, das von Wela, Bold und Romi gebildet wird, und Lura wiederum, die silberne Nachtgöttin, ist lediglich ein kleiner, bedeutungsloser Trabant unseres Planeten. Auch die angeblichen 'Gotteskinder' Bold und Romi sind weiter nichts als zwei Planeten gleich Wela, unserer Welt, nur mit dem Unterschied, dass der eine zu heiß und der andere zu kalt ist, um Leben tragen zu können. Das sind die nackten Tatsachen ich weiß sehr genau, dass das stimmt, was ich sage!“

„Woher weißt du es nur, woher?“, flüsterte der weißhaarige Gelehrte. „Du stehst noch vor der untersten Priesterweihe, bist also noch nicht eingeweiht. Ein eingeweihter Priester oder Astronom kann es dir aber nicht verraten haben, denn alle, auch ich, haben einen heiligen Eid geschworen.“

„... bei Horam, dem Sonnengott, wie?“, spöttelte Olas zynisch. „Nein, bei ihm bestimmt nicht, denn schließlich wisst ihr ja sehr gut, dass dieser sogenannte Gott weiter nichts ist, als eine zwar gewaltige, aber immer noch recht instabile Ansammlung von Wasserstoffatomen, die sich nach und nach in Helium verwandelt! Versuche bitte nicht, mir etwas Derartiges einzureden, Onkel Pook. Gewiss, ihr müsst schweigen, doch nicht aus Ehrfurcht vor der nicht vorhandenen Gottheit, sondern aus purem Eigennutz! Wenn auch nur einer von euch die Wahrheit ausplauderte, wäre es vorbei mit euren Vorrechten, wie ihr sie jetzt als „Vertraute des Gottes“ besitzt, das ist die Wahrheit. Wer sägt auch gern den Ast ab, auf dem er sein weiches Nest errichtet hat?“

Pook Kelum, der sich inzwischen wieder leidlich gefasst hatte, zog es vor, darauf nichts zu erwidern. Erneut forschte er:

„Von wem hast du dein angebliches Wissen, Neffe? Du musst es mir sagen, wenn du eine Antwort auf deine Fragen verlangst.“

„Mein Wissen hat einen sehr realen und greifbaren Hintergrund, Onkel“, lächelte der Jüngere. „Wie du weißt ist mein Vater und dein Bruder, der Großpriester Arol Kelum, vor drei Tagen mit einem Dampfwagen zum Großen Gottestempel in Burat abgereist, um dort den Tempelvorsteher zu spielen, da der bisherige Vorsteher kürzlich verstorben ist. Er war so leichtsinnig, seinen sogenannten Andachtsraum nicht abzuschließen, und das kam mir sehr gelegen, weil ich schon seit Langem gern einmal wissen wollte, was es dort für Geheimnisse geben könnte. Ehrlich gesagt, ich traute den Lehren unserer Gottesdiener schon seit einiger Zeit nicht mehr ganz, denn mein Vater führte, wenn er sich unbelauscht glaubte, in letzter Zeit zuweilen Selbstgespräche, von denen ich einige Male Brocken auffangen konnte. Ich erfuhr nicht viel, konnte aber verstehen, dass mein Vater den Untergang unseres ganzen Volkes befürchtete, und das stand in krassem Widerspruch zu den Ansprachen, die er im Tempel hielt, als er dem dort versammelten Volk immer wieder versicherte, andauerndes Gebet würde uns helfen, den Zorn Horams abzuwenden. Kurz und gut, ich wagte es, den verbotenen Raum zu betreten, und dort fand ich anstelle eines Altars und frommer Schriften lediglich einen großen Schreibtisch und zwei Regale voller Schriften aus der Tempeldruckerei! Ich war drei Tage allein im Haus, denn zugleich mit Vater verließ es auch unsere Magd, um ihren Bruder zu pflegen, der sich beim Holztransport schwere Erfrierungen zugezogen hatte. In diesen drei Tagen habe ich viel gelesen, unter anderem sämtliche vertraulichen Mitteilungen des Priesterkonzils eine sehr aufschlussreiche Lektüre! Natürlich konnte ich in dieser kurzen Zeit nicht alles lesen, aber die Hauptpunkte, auf die es ankommt, habe ich restlos erfasst, vergiss nicht, dass ich seit Jahren der beste Schüler unserer Tempelschule war, ehe sie kürzlich den Unterricht einstellen musste. Dort wurde zwar noch keine Astrophysik gelehrt, aber die sonstige physikalische Ausbildung war recht gründlich und so war es für mich nicht sonderlich schwer, auch die Dinge zu erfassen, die man mir wahrscheinlich erst nach meinem Eintritt in die Priesterschaft mitgeteilt hätte.“

Für eine Weile herrschte Schweigen in dem Raum, noch unterbrochen von dem leisen Singen des matt glühenden Heizkörpers. Pook Kelum hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und dachte nach. Olas störte ihn nicht dabei, denn er konnte sich gut vorstellen, wie schwer seinen Onkel diese Eröffnungen getroffen hatten.

Endlich, nach Minuten, hatte der Gelehrte seinen Entschluss gefasst. Seine Hände sanken herab und sein ernster Blick richtete sich auf den Neffen, aus dessen Gesicht jeder Anflug von Spott verschwunden war. Olas Kelum mochte leichtfertig gehandelt haben, als er die verbotenen Räume seines Priester-Vaters betrat, doch er hatte nicht aus niederen Beweggründen heraus gehandelt, sondern aus einem Zustand berechtigter Zweifel, genährt durch die Äußerungen seines Vaters, das hatte der Astronom inzwischen klar erkannt. Seine spöttischen und zynischen Äußerungen waren nichts weiter als verzweifelte Ausbrüche, durchaus verständlich, nachdem für ihn praktisch sein gesamtes Weltbild zusammengebrochen war, während zugleich neue, bisher ungeahnte Wahrheiten auf ihn einstürmten.

„Du hast dein Wissen aus authentischen Quellen, Neffe Olas“, äußerte Pook Kelum leise, „es wäre also zwecklos, wenn ich jetzt etwas Gegenteiliges behaupten würde. Es ist alles so, wie du sagst und du hättest es auch eines Tages erfahren, nach Erhalt der dritten Priesterweihe. Dass es nun auf andere Weise geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen, aber ich hoffe doch, dass du zu allen anderen darüber schweigen wirst, bis ich den Rat der Großpriester informiert habe.“

„Muss das sein?“, entfuhr es dem jungen Manne. „Dass du den Priesterrat verständigst, meine ich … nicht nur ich habe gefehlt, sondern auch mein Vater und ich möchte nicht, dass man auch ihn zur Rechenschaft zieht!“

„Deine Denkweise ehrt dich, Neffe“, nickte Pook Kelum anerkennend. „Nun, ich glaube nicht, dass man deinem Vater deswegen Schwierigkeiten machen würde, es gibt im Augenblick viel ernstere Probleme für uns. Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist die Menschheit auf Wela tatsächlich dem Untergang geweiht, du wirst aus den Rundschreiben des Priesterkonzils wohl auch ersehen haben, dass man fieberhaft bemüht ist, dem irgendwie abzuhelfen. Nicht umsonst sind die Holzfällertrupps ununterbrochen an der Arbeit, und du weißt auch, dass man bereits begonnen hat, Kuppeln über unseren Städten zu errichten. Sind diese Kuppeln erst vollendet, wird man daran gehen, tiefe Schächte in das Innere von Wela zu treiben, um durch sie Wärme aus dem Inneren unseres Planeten abzuleiten. Wenn auch die Oberfläche von Wela allmählich immer mehr vereist, die Wärme aus der Tiefe dürfte genügen, uns für lange Zeit am Leben zu erhalten, denn das Innere unserer Welt wird noch auf Jahrtausende hinaus glühend bleiben. Eines Tages wird dann auch die Zeit kommen, zu der unser System wieder die Dunkelwolke verlässt und wir oder unsere Nachkommen wieder ein normales Leben beginnen können.“ Olas schüttelte ernst den Kopf.

„Ich glaube nicht an einen Erfolg dieser Aktionen, Onkel Pook. Du weißt, wie schlecht es bereits jetzt um unsere Energiewirtschaft bestellt ist, nachdem selbst die großen Flüsse rasch einfrieren. Mit Holzfeuern allein kann man die Unmengen Glas für die erforderlichen riesigen Kuppeln nicht schmelzen, das sagt mir der gesunde Verstand. Andererseits ist aber elektrische Energie bereits so knapp, dass sie kaum noch ausreicht, um unsere Wohnstätten notdürftig zu erwärmen, wir sind bereits beim Minimum angelangt, und es dürfte eher noch schlimmer werden. Und selbst, wenn es gelänge, die Kuppeln irgendwie zu vollenden, bliebe immer noch das Ernährungsproblem! Um zwanzig Millionen Menschen zu erhalten, braucht man große Mengen Nahrungsmittel, Fleisch, Fisch und Gemüse — woher sollen die kommen? Wir leben bereits jetzt von unseren Vorräten, weil praktisch alle Pflanzen und ein Großteil unserer Haustiere bereits erfroren sind, und auch Fische werden immer knapper.“

„Du solltest nicht so ohne weiteres alle Hoffnung aufgeben“, gab Pook Kelum zu bedenken. „Vergiss nicht, dass wir viele Tausende von Wissenschaftlern haben, die rastlos mit der Bewältigung dieser Probleme beschäftigt sind. Auch ist es ein Trost, dass die Dichte der Dunkelwolke nicht mehr weiter zunimmt, wie die Berechnungen ergeben, die ich vorhin erst vollendet habe. Die Strahlen Horas durchdringen sie nach wie vor, und wenn sich die Verhältnisse nicht wieder ändern, dürfte die Lufttemperatur nunmehr konstant bei 25 Grad minus bleiben. Im gegenteiligen Falle allerdings ...“

„Was geschähe dann?“, forschte der Jüngere. Der Astronom hob seine Schultern.

„Wir können es uns nur theoretisch vorstellen, da wir bisher praktisch noch gar nicht wussten, was Kälte, Eis und Schnee überhaupt sind! Analog dieser Theorie müsste dann die Temperatur auf Wela so weit absinken, dass sie dem sogenannten Nullpunkt sehr nahe käme, und das wäre gleichbedeutend mit einem Einfrieren auch der Atmosphäre. Auch die gläsernen Kuppeln würden bei dieser Kälte zerspringen, und damit wäre dann endgültig das Ende für alles noch erhaltene Leben gekommen.“

„Der absolute Nullpunkt liegt bei minus ca. 273 Grad“, sinnierte Olas laut. „Sag, Onkel Pook, woher kennen unsere Wissenschaftler diesen Begriff überhaupt? Unser Planet ist warm gewesen, soweit Menschen überhaupt zurückdenken können — wie kommt es dann, dass wir für die Kälte, die uns noch vor Kurzem völlig unbekannt war, eine Bezeichnung haben, woher kennen wir die Begriffe Eis und Schnee? Sie wurden in unseren Schulen in der Physikstunde verwendet, ohne dass wir sie jemals richtig verstehen konnten, sie waren für uns ebenso abstrakt, wie es der Begriff 'Luft' für einen Fisch sein muss, der sein ganzes Leben in den Tiefen des Meeres verbringt. Wir haben Kraftwerke, Motoren, Maschinen, Dampfschiffe, Dampfwagen und vieles andere mehr woher kommen sie alle? Bisher gab es die einleuchtende Erklärung, dass alle diese mechanischen Hilfsmittel dem Menschen vom Sonnengott Horam zum Geschenk gemacht wurden, als er Stammvater Gerud und Stammmutter Dagma schuf — das alles kann nicht wahr sein, weil es überhaupt keinen Sonnengott gibt! Horam existiert nicht, und damit entfällt auch alles, was Gerud vor 651 Jahren im Buche der Weisheit aufgezeichnet hat, weil dort praktisch alles auf dieser Welt auf den Gott zurückgeführt wird. Und ihr, Priester und Astronomen, angebliche Vertraute Horams, ihr habt das schon immer gewusst! Ihr habt seit Jahrhunderten dem Volke ein vollkommen falsches Weltbild vorgespiegelt — warum, so frage ich, Onkel, warum nur?“

Pook Kelum hob nur hilflos die Schultern, und sein Gesicht drückte Ratlosigkeit aus.

„Es gibt noch mehr dieser Dinge“, fuhr sein Neffe unbarmherzig fort. „Alles, unsere Welt samt ihren Pflanzen und Geschöpfen, soll Horam erschaffen haben, so wurde es uns gelehrt. Auch das stimmt nicht, und nun erhebt sich die Frage: Woher stammt alles Leben auf unserem Planeten? Woher kommt das Menschengeschlecht? Hast du schon einmal bedacht, dass sowohl der Mensch als auch seine Haustiere eigentlich gar nicht zu den übrigen Lebewesen dieses Planeten passen? Für jedes Geschöpf, für jede Pflanze, die hier frei wächst, gibt es unzählige verwandte Arten, nur eben für diejenigen nicht, die dem Menschen dienstbar sind! Wenn man es recht bedenkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass der Mensch mit seinem Anhang eigentlich so etwas wie ein Fremdkörper auf Wela ist! Drei Tage lang habe ich gelesen und gegrübelt, doch ich fand keine Antwort auf dies alles, denn in den Büchern meines Vaters ist nichts darüber enthalten. Und doch muss es eine Antwort geben. Ich frage dich also: Wie lautet diese Wahrheit?“

Das Summen des Fernsprechgerätes enthob Pook Kelum der Antwort. Er führte ein kurzes Gespräch und wandte sich dann dem Neffen zu.

„Der Bittgottesdienst ist beendet und der Rat der Großpriester hat mich gerufen, damit ich ihm meine Berechnungen vorlege, ich muss also fort. Du hast mich mit deinen Fragen und Feststellungen sehr in Verlegenheit gebracht. Vieles kann ich dir nicht beantworten, und dort, wo ich es könnte, darf ich es nicht, weil mich mein Gelübde bindet. Gehe jetzt und mische dich unter das heimkehrende Volk. In wenigen Tagen wird dein Vater wieder zurückkehren, und dann werde ich ihm vorschlagen, dich auch ohne abgeschlossene Ausbildung zur Priesterweihe zuzulassen. Er wird dem ohne Bedenken zustimmen, und dann, wenn du selbst ein Angehöriger des obersten Standes bist, wirst du auch die Antworten erhalten, die ich dir verweigern muss. Bis dahin wahre dein Geheimnis gut!“

 

 

II.

3. August 1988.

Auf dem großen Raumhafen nördlich von London herrschte die übliche Geschäftigkeit.

Soeben schwebte eine der verhältnismäßig kleinen Mondraketen ein. Dieser Typ besaß aerodynamische Stabilisierungsflossen, die bereits in der Rumpfmitte begannen und eine Landung nach Art der Flugzeuge ermöglichten. Mehrere andere standen am Rande der Landebahn bereits wieder aufgerichtet, wurden überprüft und wieder startfertig gemacht. Der benachbarte Abschnitt war den Interkontinentalraketen vorbehalten, welche die Verbindung zwischen Europa und Amerika herstellten, und dort ging es ähnlich lebhaft zu.

Verhältnismäßig ruhig war es dagegen auf dem südlichen Teil der Basis, die dem Verkehr zwischen Erde und Venus diente.

Unübersehbar ragten in der Mitte dieses Areals drei riesige Raumschiffkörper in den blauen Sommerhimmel, die 300 Meter hoch waren. Auch ein Uneingeweihter konnte unschwer erraten, dass es sich hier nur um Raumer handeln konnte, die zur Überwindung interstellarer Entfernungen gedacht waren.

So war es auch.

Seit mehr als zwanzig Jahren hatte die Menschheit bemannte Fahrzeuge in den Raum innerhalb ihres Sonnensystems geschickt. Mit kleinen, noch sehr primitiven Mondraketen hatte es begonnen. Später, hatte man Mars und Venus angeflogen. Der Mars, ausgetrocknet und luftarm, war nur für Archäologen von Interesse, denn dort fanden sich Überreste einer vergangenen Zivilisation, schon seit Jahrhunderttausenden verfallen, doch wahrscheinlich von menschenähnlichen Wesen entwickelt.

Über die Venus waren sich die Gelehrten lange Zeit hindurch nicht einig geworden, da ihre dichte Wolkenhülle jeden Einblick verwehrte. Ein Teil der Astronomen war der Meinung, sie sei wegen der großen Sonnennähe noch nicht völlig abgekühlt und befinde sich noch im jungfräulichen Stadium, mit Urmeeren und zahlreichen Vulkanen. Andere wieder huldigten der Ansicht, der Planet sei ebenso trocken, wie der Mars, denn gerade die Nähe der Sonne müsse notwendigerweise längst ein Verdunsten allen Wassers verursacht haben, daher die dichten Wolken. Der Streit wurde erst entschieden, nachdem sich die Besatzung eines Forschungsschiffes durch den Augenschein über die Verhältnisse informiert hatte. Tatsächlich war die Venus noch ein sehr junger Planet mit ausgedehnten Ozeanen und zahlreichen Sumpfgebieten. Dazwischen lagen riesige Gebirge, die von Vulkanen nur so strotzten. Einige kleinere Gebiete waren bereits einigermaßen trocken, trotzdem aber für eine Kolonisation nicht geeignet. Das feuchtwarme Klima wäre für Menschen aus den irdischen Urwaldzonen noch zu ertragen gewesen, zumal die Atmosphäre durchaus atembar war. Ein gewichtiges Hindernis bildete jedoch die Tatsache, dass die tektonische Entwicklung des Planeten längst noch nicht abgeschlossen war und dass gewaltige Beben sozusagen zur Tagesordnung gehörten.

So musste man, nach langem und eingehendem Studium der Verhältnisse, schweren Herzens auf eine Ansiedlung von Menschen auf der Venus verzichten. Schweren Herzens deshalb, weil sich bereits vor 1980 deutlich eine Übervölkerung der Erde abzuzeichnen begann. Die Existenz der Atomwaffen hatte sich segensreich ausgewirkt, denn jeder, der einen Atomkrieg anzufangen gewagt hätte, hätte im Zeitalter der hochentwickelten ballistischen Raketen unweigerlich auch den Gegenschlag zu spüren bekommen, und dieses Risiko wollte keiner der Machtblöcke auf sich nehmen. So kam es, dass sich die Verhältnisse allmählich stabilisierten, und die Bevölkerung der Erde, nicht mehr durch Kriege dezimiert wie in früheren Jahren, nahm rascher zu, als es den Wirtschaftsexperten lieb war.

Die Suche nach neuem Lebensraum wurde fortgesetzt, doch die Jupitermonde, auf die man spekuliert hatte, besaßen gleich ihrem Hausherrn eine vollständig giftige Atmosphäre, schieden also gleichfalls aus. Lediglich auf dem Saturnmond Titan gab es atembare Luft, doch lag die Oberflächentemperatur bei 40 Grad minus, und die konnte man niemandem zumuten, vor allem nicht den irdischen Pflanzen, und eine derartige Kolonie musste wenigstens landwirtschaftlich autark sein, wenn sie eine Zukunft haben sollte. Somit stand also fest, dass die Menschheit in ihrem eigenen Sonnensystem keine Ausbreitungsmöglichkeit mehr besaß, und man richtete sein Augenmerk nunmehr auf die benachbarten Systeme. Die Voraussetzungen für einen interstellaren Verkehr waren gegeben, als Technikern und Physikern die Konstruktion eines brauchbaren Photonentriebwerks gelang.

Das nächste Sonnensystem war das des Centauri, 'nur' vier Lichtjahre entfernt. Mit neu entwickelten elektronischen Messgeräten hatte man dort auch das Vorhandensein von Planeten festgestellt, zugleich jedoch die betrübliche Tatsache registriert, dass diese recht komplizierte Bahnen um alle drei Sonnen beschrieben und dabei einmal sehr stark erhitzt, auf einem anderen Teil ihres Weges wieder übermäßig stark abgekühlt wurden. Ähnlich war die Sachlage bei der Riesensonne Sirius und bei 61 Cygni, während die anderen Sterne im Radius von zehn Lichtjahren wohl teilweise dunkle Begleiter, aber keine echten Planeten besaßen.

Die große Ausnahme bildete hier der Prokyon. Auch er besaß einen Begleiter in Gestalt eines „weißen Zwerges“, außerdem aber noch acht Planeten. Sorgfältige Bahnbrechungen zeigten, dass vier von ihnen ihre Bahn innerhalb der Toleranzgrenze zwischen warm und kalt zogen, somit also für Menschen erträglich waren, sofern sie eine brauchbare Atmosphäre besaßen. Ob dies der Fall war, ließ sich freilich nicht feststellen, aber die verantwortlichen Männer der Erde waren gewillt, etwas zu riskieren.

Drei Raumschiffe von bisher ungekannten Ausmaßen wurden in Auftrag gegeben und waren zwei Jahre darauf fertiggestellt. Fast 100 000 Freiwillige meldeten sich auf entsprechende Aufrufe, wurden getestet und gesiebt, bis schließlich dreitausend junge Männer und Frauen übrig blieben, die allen Anforderungen entsprachen. In unzähligen Kursen wurden sie auf ihre Aufgabe vorbereitet, Pioniere in einem fremden System zu sein, vorausgesetzt natürlich, dass dort überhaupt Menschen leben konnten. Die Chancen hierfür standen fünfzig zu fünfzig, aber im Falle eines Misslingens blieb ihnen immer noch die Rückkehr frei. Das bedeutete dann zwar eine Reise von insgesamt 22 Lichtjahren, aber man rechnete bereits mit der Zeitdilatation, denn die Raumer sollten selbstverständlich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit fliegen; sie würden also im ungünstigsten Falle um zwei Jahre altern, die Erde aber auf jeden Fall gesund wiedersehen, wenn nicht verhängnisvolle Komplikationen eintraten. Wenn ...!

Drei riesige Raumer standen bereit, um je tausend Auswanderer aufzunehmen am 3. August sollten sie starten.

 

*

 

In der Offiziersmesse der Raumhafen-Kommandantur waren achtzehn Männer versammelt, zwölf davon trugen die schmucken Uniformen der Raumflotte, die übrigen Zivil. Allen gemeinsam war jedoch die Tatsache verhältnismäßiger Jugend. Von den Raumfahrern war keiner älter als dreißig Jahre, während die Männer in Zivil einige Lebensjahre mehr aufzuweisen hatten. Dafür waren sie auch bereits anerkannte Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete. Sie alle zusammen stellten die Gruppe dar, in deren Händen die Verantwortung für das Schicksal der dreitausend Menschen der Prokyon-Expedition liegen würde.

Leise Gespräche wurden geführt.

„Ich möchte gerne wissen, wie lange wir hier noch herumsitzen sollen“, murrte Chris Sharp halblaut. Er war erst 28, trotzdem aber bereits Raumkapitän Erster Klasse und Chefpilot des Führungsschiffes der Prokyon-Flotte, groß, athletisch gebaut, mit dem energischen Gesicht eines Tatmenschen, über dem eine kurze Bürste dunkler Haare stand. „Jetzt warten wir schon eine halbe Stunde, die uns nachher unter Umständen bitter fehlen wird, falls es noch irgendwelche Komplikationen geben sollte.“

Peter Hutchinson, technischer Offizier des gleichen Schiffes im Range eines Oberleutnants, war mit seiner Größe von nur 1,65 und seiner überschlanken Figur schon rein äußerlich das genaue Gegenteil zu Sharp. Doch auch im Temperament bestand ein großer Unterschied, denn Hutchinson zeigte nicht die leiseste Spur von Nervosität. Ruhig bemerkte er:

„Das war der Augenblick, auf den ich schon den ganzen Morgen gewartet habe. Unser berufsmäßiger Schwarzseher fängt an zu unken, und damit dürfte die Gewähr gegeben sein, dass alles glatt geht! Die einzige noch offenstehende Frage dürfte die nach unserem neuen Flottenchef sein.“

„Schade, dass Admiral Gray im letzten Moment über seinen Blinddarm gestolpert ist“, warf Bert Newmans, Leutnant und Funkoffizier, ein. „Was wir an ihm hatten, wissen wir, nicht aber, wie es um den neuen Mann bestellt ist, den man uns jetzt vor die Nase setzen wird.

„Vielleicht doch ganz gut, dass es so gekommen ist“, überlegte Charles Hopson, der untersetzte, rothaarige zweite Pilot, bedächtig. „Stellt euch einmal vor, Grays Beschwerden wären erst eingetreten, nachdem wir schon im Raume waren, das wäre erheblich schlimmer gewesen! Wahrscheinlich hätten wir sofort umkehren müssen, weil man einen frisch operierten Mann ja nicht der Schwerelosigkeit aussetzen kann. Die Operation an sich wäre bei unserer vorzüglichen ärztlichen Betreuung kein Problem gewesen.“

„Da hast du recht, Charly“, nickte der Kapitän. „Trotzdem werde ich keine Ruhe finden, ehe wir nicht gestartet sind, denn schließlich trage ich ja alle Verantwortung in technischer Hinsicht, während der sogenannte Flottenchef nur Befugnisse in militärischen Belangen besitzt. Wer das nun sein wird, das wissen die Götter, das Oberkommando war auf einen solchen Fall bestimmt nicht vorbereitet und musste nun ...“

Die Gespräche verstummten, der Kommandant des Raumhafens hatte die Messe betreten. Er grüßte knapp und verkündete dann:

„Meine Herren, die Frage der Nachfolge für Admiral Gray hat unser Oberkommando vor ein schwieriges Problem gestellt, denn die drei Herren, die dafür in Frage kamen, sind sämtlich im Raum unterwegs und werden frühestens nächste Woche zurückerwartet. Der kommandierende Admiral war jedoch entschlossen, den Starttermin nicht zu verschieben, und hat das Weltraumfahrtministerium um Stellung eines geeigneten Offiziers gebeten. Dessen Wahl fiel auf Commander Corman von der USA-Raumflotte, dessen Name uns allen ja ein Begriff ist. Mr. Corman ist bereits mit einer Sonderrakete hierher unterwegs und wird in spätestens einer halben Stunde eintreffen, die Expedition kann also zum vorgesehenen Zeitpunkt starten. Ich bitte Sie, sich in dreißig Minuten wieder hier einzufinden. Das wäre alles, ich danke Ihnen.“

„Ausgerechnet der 'Raumbär'“, stöhnte leise der Raumkapitän. „Jetzt sehe ich erst wirklich schwarz!“

Commander Corman trug seinen Spitznamen 'Raumbär' nicht zu Unrecht. Man sah ihn äußerst selten einmal lachen, meist war sein Gesicht in grimmige Falten gelegt und seinen scharfen Augen entging immer ausgerechnet das nicht, was man ihm gern verheimlicht hätte, denn er gehörte noch zu den alten Pionieren der Raumfahrt und kannte alle Schliche. Wen er einmal 'angebrummt' hatte, der war anschließend moralisch so klein, dass er ohne Mühe in einen Fingerhut gepasst hätte. Trotzdem war er bei seinen Raumschiffbesatzungen wirklich beliebt, denn er kannte keine Ungerechtigkeit und war stets bereit, auch ein Lob auszusprechen, wenn es jemand verdient hatte.

Beim Eintritt des alten Haudegens nahmen die Männer Haltung an, auch Raumkapitän Sharp, obwohl er praktisch im Range dem Commander gleichkam. Aber Corman hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern ging sofort auf die Probleme ein, die ihm am Herzen lagen.

„Man hat mir gestern Abend mitgeteilt, dass ich anstelle von Admiral Gray das militärische Kommando über die Prokyon-Expeditionsflotte übernehmen muss. Zugleich hat man mir auch alle erforderlichen Unterlagen zugestellt und ich konnte mich davon überzeugen, dass die Pläne für dieses Unternehmen gewissenhaft ausgeführt sind und Änderungen sich nicht als notwendig erweisen. Einen schwachen Punkt gibt es allerdings, der mir in meiner neuen Eigenschaft als militärischer Chef naturgemäß Sorgen macht. Ich bin nicht nur für die Disziplin innerhalb der Expeditionsflotte verantwortlich, sondern auch für die äußere Sicherheit. Die Meinung geht in Kreisen der Weltregierung dahin, dass der Mensch das einzige höhere Wesen sein dürfte, das trifft aber nur für unser Sonnensystem zu! Wissen wir aber, was uns anderswo erwarten kann? Die Voraussetzungen, fremde Systeme innerhalb tragbarer Zeiträume zu erreichen, sind geschaffen wir müssen aber unbedingt darauf gefasst sein, dort eines Tages mit anderen Intelligenzen zusammenzutreffen. Wenn unser Schöpfer Milliarden von Sternen geschaffen hat, von denen viele, wie das Beispiel unserer Nachbargestirne zeigt, auch Planeten besitzen, dann wäre es lächerlich, wenn er vergessen haben sollte, dort auch Leben zu erschaffen! Dass nur ausgerechnet in unserem an sich unbedeutenden Sonnensystem eine höhere Lebensform entstanden sein soll, ist für mich undenkbar. Überall im Raum, auch im System Prokyon, kann es intelligente Lebewesen geben, die uns Menschen in keiner Hinsicht zu ähneln brauchen, trotzdem aber eine hohe Entwicklungsstufe erreicht haben können. Leben aber bedeutet in jedem Falle Kampf; das alte Gesetz von 'Fressen und gefressen werden' muss notwendigerweise überall gelten.

Wenn wir also tatsächlich auf unserem Expeditionsflug anderen Intelligenzen begegnen sollten, dann ist kaum anzunehmen, dass dies ätherische Wesen mit Engelsgemütern sein werden. Im Gegenteil, es besteht Grund zu der Annahme, dass ihre Mentalität irgendwie der menschlichen ähnelt.

Wenn das so sein sollte, dann müssen wir auch imstande sein, unmotivierten Angriffen mit Aussicht auf Erfolg entgegenzutreten!

Alle diese Gesichtspunkte habe ich sofort, auf die Nachricht meiner Kommandierung zu dieser Expedition hin, den zuständigen Herren von der Raumbehörde vorgetragen. Man hat mir zwar nicht alles geglaubt, konnte sich aber meinen Argumenten doch nicht verschließen, dass es einfach unverantwortlich wäre, Tausende ausgesuchter Menschen wehrlos ins Ungewisse zu entsenden, denn Handwaffen zählen im Raum ja bekanntlich nicht. Das Raumfahrtministerium hat sich mit der Welt-Atomüberwachung in Verbindung gesetzt und von dort die Genehmigung erhalten, eine Anzahl von Raumkampfgeschossen mit Kohlenstoff-Sprengköpfen, wie sie noch überall in den Depots der ehemaligen 'Atommächte' lagern, für diese Expedition zur Verfügung zu stellen. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen waren die Konstrukteure der drei Prokyonschiffe so freundlich, passende Abschussanlagen vorzusehen, anscheinend trauten auch sie dem Frieden im Weltall nicht ganz. Diese sind zwar noch nicht ausgebaut, aber das lässt sich verhältnismäßig schnell hier an Ort und Stelle nachholen. Leider kommen wir trotzdem um eine Verlegung des Starttermins nicht herum, denn für diese Kampfanlagen brauchen wir noch ausgebildetes Personal, wofür erst noch Freiwillige aus den Reihen der UN-Sicherheitstruppen gefunden werden müssen. Unter Berücksichtigung dessen ist der Start zum Prokyon-System um genau eine Woche, also auf den 10. August, 12 Uhr, verschoben worden. Diese Verzögerung dürfte zwar für viele eine zusätzliche seelische Belastung bedeuten, vor allem wohl für die Aussiedler, aber ich glaube, dass das erheblich besser ist, als wenn wir plötzlich irgendwo im Weltraum hilflos den Angriffen eines wohlbewaffneten Gegners ausgesetzt wären!

Meine Herren, wir werden uns in den nächsten Tagen noch näher kennenlernen, denn ich werde die Überwachung der notwendigen Arbeiten an den Räumern selbst übernehmen. Ich denke, dass wir später gut miteinander auskommen werden, wie es für eine so lange Reise auch notwendig ist, trotzdem ich …“, Corman schmunzelte offen, „ ...trotzdem ich als 'Raumbär' verschrien bin!“

Commander Corman nickte den achtzehn Männern zu und verließ die Messe. Raumkapitän Sharp aber bemerkte zu seinen Kameraden:

„Wer in meiner Gegenwart noch einmal das Wort 'Raumbär' gebraucht, der benötigt anschließend eine längere Behandlung beim Zahnarzt! Corman ist genau der Mann, den wir brauchen, Jungens!“

Und alle, so verschieden sie auch in Charakter und Temperament waren, nickten einhellig zur Bestätigung ...

 

 

III.

Die Verzögerung des Startes um eine Woche spielte vom Technischen her kaum eine Rolle. Saure Gesichter machten lediglich die Astronavigatoren, weil sie sämtliche Flugdaten nochmals neu aufrechnen und fixieren mussten. Für solche Zwecke standen aber große Elektronengehirne zur Verfügung, die ihnen einen großen Teil der Arbeit abnahmen, und so waren die Berechnungen doch fristgerecht fertig.

Die technische Besatzung der Schiffe war gleichfalls vollauf beschäftigt, denn der Ausbau der Anlagen und die zusätzliche Unterbringung von je zehn Mann Bedienungspersonal brachten auch genügend Arbeit mit sich. Am besten waren noch die Wissenschaftler daran, die immer wieder neue Themen fanden, die einer Diskussion wert waren und die Woche damit vollständig auszufüllen verstanden. Doch auch die 3000 Auswanderer fanden genügend Ablenkung, denn Commander Corman improvisierte rasch noch Kurse, damit geschickt die Wartezeit überbrückend.

Der 10. August war gekommen. Wieder spannte sich ein strahlend blauer Himmel über dem Raumhafen, denn die Wetteraufsicht hatte dafür gesorgt, dass ein heranziehendes Tief bereits weit über dem Atlantik abgebaut wurde. In straffer Ordnung vollzog sich die Einschiffung der dreitausend Kolonisten, und dann wurde es still auf dem Raumhafen. Nur außerhalb der Absperrung waren die Teams der Film, Fernseh- und Zeitungsreporter eifrig am Werk, um auch den letzten Winkel der Erde über den Start zu informieren. Propaganda für dieses Projekt war wichtig, denn wenn es gelang, würden noch Hunderte von Schiffen mindestens eine Million Aussiedler in den Raum tragen, um so die Erde zu entlasten.

Die letzte Rolltreppe war eingefahren, das letzte Außenschott geschlossen. Über die Bildsprechgeräte meldeten die Schiffsführer ihre Bereitschaft, dann war die Sekunde Null gekommen.

Punkt 12 Uhr Greenwich-Meridian-Time drückte der verantwortliche Offizier im Startturm den Knopf der Fernzündung. Unvermittelt steigerte sich in den Maschinenräumen der Schiffe das schwache Summen der bis dahin nur vorgewärmten Atommeiler zu einem tosenden Lärm. Schlagartig wurden gewaltige Energiemengen frei, schossen in die Umwandler und von dort aus in die Linear-Beschleuniger, die sie ihrerseits, auf Lichtgeschwindigkeit gebracht und damit zu Photonen geworden, den Heckdüsen der Raumer zuführten. Die Schiffe starteten mit den höchstmöglichen Werten, das waren 100 g. Noch vor einem Jahrzehnt wäre das undurchführbar gewesen, da kein Mensch diesen ungeheuren Andruck hätte überstehen können, doch die ständig fortschreitende Technik hatte inzwischen Andruckabsorber entwickelt, die das Beharrungsvermögen aller Körper innerhalb der Raumschiffe proportional der Beschleunigung aufhoben und damit eine volle Ausnutzung der Triebwerke erlaubten, ohne dass Menschen oder Material dabei zu Schaden kamen. Ein gewisser Nachteil für die Lebewesen an Bord: Man hatte natürlich auch ein Sortiment der wichtigsten Haustiere mit verfrachtet war, dass der sonst nur im freien Fall herrschende Zustand der Schwerelosigkeit nun während der gesamten Beschleunigungsperiode auftrat, denn die Neutralisatoren wirkten radikal. Zwar gab es auch bereits Anlagen zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft, doch diese konnten erst benutzt werden, wenn sich die Raumer tatsächlich im freien Fall befanden, weil sie ihrerseits die Funktion der Andruck-Absorber störten. Es war direkt paradox, dass während der Beschleunigung Schwerelosigkeit herrschte, während beim freien Fall durch den Raum die Schwerkraftanlagen jedem Körper sein Normalgewicht wiedergaben, aber anders ging es einfach nicht.

Drei Giganten, aus bestem Luna-Stahl erbaut er wurde aus auf dem Mond abgebauten Erzen gewonnen und war dem irdischen in vieler Hinsicht überlegen schossen hinaus in den Raum. Die erste interstellare Reise hatte begonnen, eine Reise ins Ungewisse, bei der niemand den Ausgang vorhersagen konnte. Zwar hatte man für viele eventuell mögliche Komplikationen Vorsorge getroffen, aber im Endeffekt lief es doch darauf hinaus, dass erst die Praxis über Wert oder Unwert dieser Maßnahmen entscheiden konnte. Dann aber würde es an Corman, Sharp und ihren Männern liegen, aus der Situation das jeweils Beste zu machen.

Sie waren in Wahrheit Pioniere des Weltalls.

Nach rund achtzig Stunden konstanter Beschleunigung mit 100 g war die vorgesehene Reisegeschwindigkeit von 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht. Schlagartig erloschen die kilometerlangen kometenähnlichen Leuchterscheinungen der abgestrahlten Lichtquanten hinter den Bugdüsen, als sich die Triebwerke automatisch abschalteten, und die Raumer schossen nun im freien Fall durch die Schwärze des interstellaren Raumes. Längst waren die Planeten des solaren Systems zurückgeblieben, und auch die Sonne selbst verlor immer mehr von ihrer beherrschenden Stellung unter den Sternen. Bald schon war sie nur noch ein Lichtpünktchen unter unzähligen anderen; die Erde war nur noch mit Hilfe des Ultra-Radars ausfindig zu machen.

Diese Mühe aber machten sich die Besatzungen der Schiffe nicht mehr. Fast alle rechneten fest damit, im Prokyon-System wenigstens einen bewohnbaren Planeten vorzufinden, und das war gleichbedeutend damit, dass sie die Erde nie wiedersehen würden. Unter diesen Aspekten war es besser, auf Blicke nach rückwärts ganz zu verzichten. Die Gegenwart stellte ihre Anforderungen, und sie bestand in der Reise zu fremden Sternen.

Rund elf Jahre lichtschneller Fahrt lagen vor den Kolonisten, doch diese Zeit war nur relativ zu werten. Zwar fehlten an der Geschwindigkeit der Raumschiffe noch rund dreitausend Kilometer sekundlich gegenüber der des Lichtes, doch schon jetzt machte die Zeitdilatation ihre eigenen Gesetze wirksam, die mit den altgewohnten Begriffen nichts mehr gemein hatten. Für die Insassen der Raumer bedeutete sie ein Zusammenschrumpfen der Normalzeit, einen verlangsamten Ablauf aller physikalischen Funktionen, ohne dass ihnen das jedoch zum Bewusstsein kam. Nur die komplizierten Gesetze der speziellen Relativitätsmechanik besaßen für sie noch Wirksamkeit, und nach ihnen würde die Reisezeit zum Prokyon nur rund ein Jahr betragen, obwohl die Lichtgeschwindigkeit dabei nicht überschritten wurde.

Doch auch ein Jahr kann zu einer Ewigkeit werden, wenn es an der nötigen Abwechslung fehlt. Zwar wurde unter den dreitausend Auswanderern regelmäßig Unterricht abgehalten, ergänzt durch Vorträge der mitreisenden Wissenschaftler, und auch in der verbleibenden Freizeit fehlte es nicht an Möglichkeiten zur Unterhaltung, aber die Räumlichkeiten waren eben zu beengt und eine regelmäßige körperliche Betätigung fehlte weitgehend. Immer wieder gab es kleine Reibereien unter den Menschen und die Schiffspolizisten mussten stets auf dem Posten sein, um ein Abbröckeln der unbedingt erforderlichen Disziplin von vornherein zu unterbinden.

Für eine kurze Unterbrechung der Eintönigkeit sorgte die Begegnung mit einem Kometen, der in einer Entfernung von nahezu einem Lichtjahr von der Sonne seine Bahn zog, trotzdem aber immer noch zum Kreise der Mitglieder des solaren Systems zählte. Sein Kopf, der nach den Messergebnissen der Meteor-Erkennunsgeräte hauptsächlich aus Metallen, Kohlenstoff und Trockeneis bestand, hatte den respektablen Durchmesser von fast zweihundert Kilometer. Der Schweif leuchtete infolge der großen Sonnenferne nur schwach, hatte aber die beachtliche Länge von etwa 30 Millionen Kilometer, auch für einen großen Kometen nicht gerade alltäglich anzusehen.

„Ein kosmischer Herumtreiber, der auf seiner fast parabolischen Bahn kaum jemals nennenswert in das solare System eindringen dürfte“, äußerte hierzu Dr. Müller, der deutsche Astronom und Astrophysiker auf dem Flaggschiff. „Die Dichte des Schweifes ist unvorstellbar gering, nur wenige Atome befinden sich hier auf einem Quadratkilometer Raum. Wir können ihn ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen durchfliegen, den Kurs brauchen wir keinesfalls zu ändern. Die Erde zum Beispiel ist im Laufe der Jahrmillionen unzählige Male durch Kometenschweife gegangen, ohne dass es ihr etwas ausgemacht hätte.“

„Gott sei Dank“, bemerkte Raumkapitän Sharp erleichtert. „Wir dürfen uns nämlich nur im äußersten Notfall Abweichungen vom festgelegten Kurs erlauben; schon eine Abweichung von wenigen Bogensekunden wäre gleichbedeutend mit einem Vorbeischießen an unserem Ziel, das summiert sich mit der Zahl der Lichtjahre ganz schön! Eine totale Neuberechnung unseres Kurses wäre nötig, wie aber sollen wir eine solche durchführen, solange wir der Zeitdilatation unterliegen? Es ist nun einmal nicht so, wie fantasievolle, aber wissensarme Romanschreiber immer wieder einmal behaupten, dass man einfach den Zielstern 'ins Fadenkreuz' imaginärer Instrumente nehmen kann, um dann nach Gutdünken darauflos zu fliegen. Selbst eine geringfügige Geschwindigkeitsdifferenz von wenigen tausend Sekundenkilometer könnte uns hier einen bösen Streich spielen, der Prokyon stünde dann am Ende ganz woanders, nur nicht dort, wo wir hinkommen.“

Der Kometenschweif wurde tatsächlich ohne irgendwelche Folgeerscheinungen passiert, zumal die Raumer auch über Schutzschirm-Felder verfügten, die mittels besonderer Projektoren aufgebaut wurden, die wenigen Atome also überhaupt nicht mit den Wandungen in Berührung kommen ließen. Dafür belebte diese Begegnung, die jeder über die Bord-TV-Anlage verfolgen konnte, das Interesse an der Astronomie derart, dass besondere Unterrichtsstunden eingeführt werden konnten, was von der Flottenleitung natürlich begrüßt wurde.

Langsam, aber stetig wurde inzwischen die künstliche Schwerkraft an Bord erhöht, da feststand, dass die Planeten des Alpha Prokyon sämtlich größer als die Erde waren, wahrscheinlich also auch eine höhere Gravitation besaßen, der man sich vorsorglich anpassen musste. Nach Ablauf von acht Monaten Bordzeit war man bereits bei 1,5 irdischen Gravos angelangt, ohne dass die Menschen überhaupt etwas davon bemerkt hätten; die Anpassung vollzog sich reibungslos, nur das durchschnittliche Schlafbedürfnis stieg proportional an. Das uralte Wort, das den Menschen als 'Gewohnheitstier' klassifiziert, fand hier wieder einmal seine Bestätigung.

Langsam, aber sicher, an Helligkeit ständig zunehmend, schob sich nun die Sonne Alpha Prokyoni auf die Bildschirme der frontalen Sichtgeräte. Alles schien gut zu gehen.

 

*

 

Schließlich waren es nur noch acht Lichttage, welche die drei Schiffe von dem fremden System trennten, bei Beibehaltung der gegenwärtigen Geschwindigkeit hätten sie es also in weniger als einem Tage erreichen können. Diese Frist musste sich aber notwendigerweise durch die Bremsperiode erheblich verlängern, schon bei einer Fahrt Verminderung auf 200 000 km/sek. war von einer Zeitdehnung logischerweise weniger zu bemerken. All das war aber schon vor dem Abflug auf der Erde einkalkuliert worden und der Zeitpunkt, zu dem die Verzögerung einsetzen musste, stand genau fest.

Wenige Stunden vorher nahm Kapitän Sharp mit Braddock und Thorne, den Führern der beiden anderen Schiffe, Bildsprechverbindung auf, um alle Handlungen genauestens zu koordinieren. Die drei Raumer man hatte ihnen die Namen SOL I, II und III gegeben flogen in Dreieckformation auf gleicher Höhe, jedes nur zwanzig Kilometer vom anderen entfernt. Man verabredete eine Konferenz an Bord des Führungsschiffes, und erstmalig wurden die Beiboote, kleine, aber raumtüchtige Fahrzeuge mit Ionen-Triebwerken, eingesetzt, um die Offiziere und Wissenschaftler an Bord von SOL I zu bringen. Sie wurden von besonderen Piloten gesteuert, die im Raume zwischen Erde und Mond eine Spezialausbildung genossen hatten und später die ersten Erkundungsflüge zu den fremden Planeten durchführen sollten, während die großen Raumer solange auf Kreisbahnen bleiben mussten, bis die Lage geklärt war.

Wie Spielzeuge anzusehen neben den gewaltigen Großraumern, huschten die kleinen Boote in die große, mittschiffs gelegene Luftschleuse des Flaggschiffes.

Es gab ein großes Händeschütteln, denn schließlich hatte man sich ein Jahr lang immer nur per Bildschirm gesehen. Bald jedoch saß man bequem im Aufenthaltsraum zusammen und Raumkapitän Sharp ließ sich von Thorne, Braddock und den Wissenschaftlern über besondere Erfahrungen berichten, die diese auf der Reise gesammelt hatten.

Technisch gesehen, war alles in bester Ordnung. Man hatte in den letzten Wochen parallaxe Raumaufnahmen gemacht, die zeigten, dass die Schiffe genau auf dem vorgesehenen Kurs lagen. Zweifellos hatten sie in den elf Lichtjahren einige der großen interstellaren Kraftfelder passiert, deren Vorhandensein man aber nicht feststellen konnte, und das beruhigte sehr.

Ernsthafte Erkrankungen unter Mannschaften und Kolonisten hatte es bisher nicht gegeben, auch das mitgenommene Vieh und die Kulturpflanzen, die sich als zusätzliche Sauerstofflieferanten bewährt hatten, gediehen gut. Jetzt kam es nur noch darauf an, dass ein kulturfähiger Planet existierte, aber die Astronomen, die bereits ungefähre Bahnberechnungen durchgeführt hatten, waren einstimmig der Meinung, dass der dritte und eventuell auch der vierte erträgliche Lebensbedingungen aufweisen mussten, wogegen der zweite und fünfte Planet sehr groß waren und man hier also mit dem Vorhandensein dichter und wahrscheinlich giftiger Atmosphären rechnen musste, wie es auch im solaren System der Fall war.

Dr. Barkley, der zweite Astronom der Expedition, kam gerade auf den Meteoritenschwarm zu sprechen, den die Raumer auf der halben Distanz passiert hatten, der jedoch keinen Schaden angerichtet hatte, weil die Abschirmfelder die winzigen Splitter mühelos abwehrten, als Leutnant Bert Newmans, der Funkoffizier, atemlos in den Raum stürzte.

„Komm schnell in die Zentrale, Chris“, keuchte er. „Dringender Anruf von SOL III, Will Kennan hat eine wichtige Meldung für dich.“

Rasch erhob sich Raumkapitän Sharp, gleichzeitig mit ihm Commander Corman, der die meiste Zeit nur den schweigenden Zuhörer gespielt hatte. Eilig folgten sie Newmans zur Zentrale, wo Ihnen von dem Bildschirm der Bord-Bord-Verbindung bereits das erregte Gesicht des Ersten Offiziers der SOL III entgegenleuchtete.

„Sag mal, schlaft ihr denn während eurer Konferenz?“, brüllte Kennan, der während der Abwesenheit von Captain Thorne den Befehl über das Schiff führte, und dessen irisches Temperament nun zum Vorschein kam. „Wir beobachten von hier aus schon mindestens zehn Minuten mit dem Ultra-Radar eine große Anzahl unbekannter Körper, ich möchte mit Bestimmtheit behaupten, dass es irgendwelche Raumfahrzeuge sind! Sie bewegen sich quer zu unserem Kurs in zwei Formationen, die einander entgegenstreben. Der eine Haufen strebt dem Prokyon-System zu, während der andere es soeben verlassen hat. Es können nur Raumschiffe sein, denn man kann trotz der großen Distanz an ihnen Leuchterscheinungen wie von Triebwerken beobachten, für Meteore sind sie zu groß, und die leuchten auch nicht, solange sie sich im freien Raum befinden!“

Sekundenlang herrschte lähmendes Schweigen in dem Raum. Die übrigen Konferenzteilnehmer waren dem Kapitän sofort gefolgt und standen nun wie erstarrt am Eingang zur Zentrale. Auch der Kommandant stand vorübergehend ganz unter dem Eindruck dieser Nachricht, deren Tragweite er sofort voll erfasst hatte. Fremde Raumschiffe, womöglich sogar von zwei verschiedenen Spezies, das konnte das Ende all ihrer Zukunftspläne bedeuten! Intelligent waren die Insassen auf jeden Fall, dem Menschen ebenbürtig oder sogar überlegen, sonst hätten sie keine Raumfahrt gekannt.

Und ausgerechnet in dem System, das den Menschen als neuer Lebensraum dienen sollte!

Hart und kantig war das Gesicht des Kapitäns, als er nach Überwindung der Schrecksekunde nun gleichfalls das vorübergehend verwaist gewesene Ultra-Radar einschaltete. SOL I als Flaggschiff besaß eine besonders leistungsfähige Anlage, die auch über große Strecken hinweg eine bildhafte Darstellung raumschiffgroßer Körper ermöglichte, sie zugleich um das Zehntausendfache vergrößernd.

Auf der großen Hauptbildfläche der Zentrale begann es zu flimmern, und dann erschien als Erstes auf ihr der kleine, aber sehr helle weiße Zwergstern Beta Prokyoni, der Begleiter der Hauptsonne. Er stand etwas seitlich von dieser auf gleicher Höhe. Rasch korrigierte Sharp die Einstellung und nun erschien, um ein Beträchtliches größer, der weißgelb leuchtende Hauptstern.

„Schnell die Koordinaten, Will!“, forderte Sharp mit heiserer Stimme und Kennan beeilte sich, diese durchzusagen. Schon eilten die Finger des Kapitäns erneut über die Stellräder und -knöpfe, die Sonne wanderte aus und mit zunehmender Vergrößerung erkannte man nun die beiden äußersten Planeten des Systems, nur schwach leuchtend und zweifellos völlig vereist. Der sonnennähere wies gleich dem Saturn einen prächtigen Ring auf, doch dafür hatte der Kapitän in diesem Moment keinen Blick übrig.

Hastig betätigte er den Bedienungsknopf und stellte die stärkste Vergrößerung ein. Noch einige Korrekturen, und dann ruhten seine Blicke mit starrem Ausdruck auf einer geordneten Formation kugelförmiger Körper, die sich bereits mindestens zwanzig Millionen Kilometer außerhalb des Systems befanden. Sie strebten weiter in den freien Raum, rasch ihre Geschwindigkeit steigernd. Hinter ihnen blieben bläuliche Strahlen zurück, die aus einem Wulst, der um die Mitte der Kugelkörper verlief, ausgestoßen wurden.

Längst war das Licht in der Zentrale verlöscht und alle Anwesenden konnten diesen Anblick mit verfolgen. Nach vorsichtiger Schätzung musste es sich hier um mindestens zweihundert der fremdartigen Objekte handeln.

„Raumschiffe, unzweifelhaft Raumschiffe!“, stöhnte der Raumkapitän, „daran lässt sich trotz der Kugelform nicht zweifeln. Sie beschleunigen nach meiner Schätzung mit mindestens 100 g und haben bestimmt bereits eine Fahrt von 150 000 Sekundenkilometer erreicht. Offenbar bedienen sie sich gleichfalls eines Photonen-Antriebes, und das weist auf einen enorm hohen Stand ihrer Technik hin! Bestimmt sind sie in diesem System zu Hause oder haben es schon seit längerer Zeit besiedelt, sonst würden sie nicht über so viele Schiffe verfügen. Jetzt bin ich nur noch auf den zweiten Verband gespannt, Freunde dieser da dürften es kaum sein, denen würde man nicht eine so große Abordnung in so offensichtlicher Eile entgegenschicken ...“

„Malen Sie um Himmels willen nicht den Teufel an die Wand, Kapitän!“, flüsterte Commander Corman, dem ein riesengroßer Kloß im Halse zu stecken schien. „Mir reichte es vollkommen, wenn wir es mit nur einer Art fremder Intelligenzen zu tun hätten, mit denen könnten wir uns eventuell auch verständigen. Wenn es aber zwei sind, und wir platzen hier mitten in eine interstellare Auseinandersetzung hinein, dann sehe ich ganz gewaltig schwarz für unsere drei Schifflein!“

„Der Teufel ist schon da, Commander!“, lachte grimmig der Kapitän. „Da, sehen Sie nur diese Objekte sehen ganz anders aus, wie riesige Tränen, und obendrein sind es auch noch ungefähr doppelt so viele. Mit 400 Raumschiffen dürfte wohl niemand einen Freundschaftsbesuch machen ich glaube weit eher, dass da eine handfeste Invasion stattfinden soll!“

Das Aufnahmegerät hatte inzwischen die Formation der anderen Raumfahrzeuge erfasst, die sich in weit auseinandergezogener Front auf das Prokyon-System zubewegte. Sie waren um mindestens fünfzig Prozent größer als die Ersteren und besaßen ausgesprochene Tropfenform. Sie reisten noch fast mit Lichtgeschwindigkeit, waren aber dabei, ihre Fahrt abzubremsen. Deutlich konnte man die hellgelben Lichtströme beobachten, die sie entgegen der Fahrtrichtung ausstießen.

„Offenbar ein andersartiges Antriebsprinzip“, bemerkte interessiert Professor Moore, der Triebwerkspezialist der Flotte, „aber wohl genauso wirkungsvoll, denn auch sie bremsen mit hohen Werten. Meine Herren, ich denke, dass wir hier bald eine handfeste Raumschlacht erleben werden, wie sie uns zu Hause in unzähligen Space Operas geschildert wurden! Ich bin nur gespannt darauf, über welche Art von Waffen diese unbekannten Intelligenzen verfügen mögen.“

Details

Seiten
201
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933925
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
irrgarten kosmos

Autor

Zurück

Titel: Irrgarten Kosmos