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Töte, Hondo, töte!

2019 166 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Töte, Hondo, töte!

Copyright

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Töte, Hondo, töte!

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.

 

Hondo Collin ist ein Revolvermann. Er ist auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitgeber. Noch weiß er nicht, wie sein Auftrag lauten wird. Als er auf der Ranch von Heston Floyd ankommt, teilt der ihm mit, dass er jemanden töten soll. Doch für einen Mord ist Collin nicht zu haben, was Floyd nicht akzeptiert. Jil, Floyds junge schöne Frau, hingegen hat einen Plan, in dem der Revolvermann die Hauptrolle spielt. Er soll ihren Ehemann erschießen. Aber auch diesen Auftrag lehnt er ab, jedoch ist Jil eine Frau, die nicht so schnell aufgibt ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Vor den Bergen in der Ferne duckten sich die Dächer der kleinen Town in der hitzeflimmernden Wyoming Prärie. Hondo Corrin zügelte sein Pferd. Der große, sehnige Mann trug einen tintenschwarzen Lederanzug mit Silberstickerei. Der breite Patronengurt war mit Silbernägeln beschlagen. Der schwere Single Action Colt steckte in der tiefgeschnallten Halfter. Der Kolben der Waffe hatte sieben Kerben.

„Wie weit ist es von der Town bis zur Ranch?“

Der Reiter neben Hondo antwortete nicht gleich. Butsch Malkin war ein wuchtiger, eben mittelgroßer Mann von nahezu fünfunddreißig Jahren. Seine kleinen, wachsamen Augen glitten unstet über die dunkle Gestalt des Revolvermannes.

„Na, acht Meilen, schätze ich.“ Nach einer Pause setzte er vorsichtig hinzu: „Doch nur, wenn wir die Town nicht näher anschauen. - Übrigens, der Boss hat auch Whisky.“

„Ich will mich nicht drauf verlassen, dass er den auspackt. - Doch ich will dich nicht aufhalten. Sag deinem Boss, ich komme morgen vorbei.“

„Morgen erst?“ Malkin kniff missmutig die Lider zusammen.

„Ja, Malkin, morgen.“ Hondo trieb sein Pferd an.

Nach einem Augenblick des Zögerns folgte Malkin dem Beispiel des Revolvermannes. Er knurrte unzufrieden: „Ich denke es ist besser, wir reiten gleich zur Ranch. Du hast einen schönen Vorschuss bekommen.“

„Für den Vorschuss bin ich auch schon hundertdreißig Meilen geritten", gab Hondo zurück, öffnete die Kragen von Lederanzug und Hemd und rieb mit dem Handrücken über seinen Hals. „Und die muss ich auch wieder zurück. Oder habe ich dir nicht gesagt, dass der Vorschuss nur für den Weg ist?"

Butsch zuckte die Schultern.

„Darüber zu reden, ist nicht meine Sache, Hondo. Aber sicher sieht es der Boss genauso wie du. Er wird für den eigentlichen Auftrag gesondert zahlen.“

„Na, siehst du, Butsch. Sage ihm, ich komme morgen, um mir anzuhören, was er will. Sage ihm aber auch, Hondo Corrin übernimmt nicht jeden Auftrag.“

„Vielleicht kommt das nur auf den Lohn an“, knurrte Butsch.

Hondo griff ihm in die Zügel und hielt beide Pferde an.

„Das kommt nicht nur auf den Lohn an!“, stieß er barsch hervor. „Merke dir das, Vormann!“

„Ist ja schon gut!“, beschwichtigte Butsch. „Verdammt noch mal, ich bin doch nicht der Rancher, der was von dir will.“

Hondo ließ das Pferd des Vormanns los und schnalzte abermals mit der Zunge. Sie ritten nebeneinander weiter nach Süden, immer am fast ausgetrockneten Fluss entlang, bis dieser einen sanften Bogen nach Osten beschrieb. Jetzt waren die Dächer der Stadt genau im Norden zu sehen. Hier hielt Butsch Malkin, der Vormann, an. Hondo ritt noch ein paar Yard, dann parierte er sein Pferd und schaute zurück.

„Ich muss hier über den Fluss“, meinte der Vormann. „Ich sage ihm also, dass du morgen kommst.“

„Ja, Butsch, morgen. Komm gut nach Hause! - Ach, noch etwas: Gibt es einen Marshal in der Stadt?“

„Natürlich gibt es einen Marshal. Einen ziemlich harten sogar.“

„Ein US-Marshal?“

„Er ist der Deputy des US-Marshals von Green River City. Aber er ist so weit von seinem Vorgesetzten entfernt, dass hier alles nach seinem Kopf geht. Das heißt ...“ Der Vormann grinste breit.

„Was, Butsch?“

„In Boulder gibt es auch noch einen Richter, Hondo. Der hat eine amtliche Bestätigung vom Militärgouverneur, dass er Recht sprechen darf.“

„Und was ist daran so komisch, dass du grinsen musst?“

„Der Richter ist auch ein harter Mann und steinalt dazu. Ein Pionier, verstehst du?“

„Nein, ich verstehe nicht.“

„Er ist mal aus Texas gekommen. Nach dem Krieg.“

„Das ist fünfzehn Jahre her, Butsch.“

Malkin nickte und ritt wieder an Hondo heran.

„Natürlich ist das lange her. Aber er war schon fünfundfünfzig Jahre alt, als er hierher kam. Jetzt ist er siebzig, eine weißhaarige Ruine. Er sagt immer noch, dass jeder Mann auf jeden anderen Mann schießen darf, wenn es nur von vorn geschieht und der andere eine Waffe hat. - Verstehst du mich jetzt?“

„Ja, Butsch.“

„Na, siehst du! Hier wird keiner verurteilt, der einen anderen von vorn angreift. Das muss man schließlich wissen. - Also ich sage dem Boss, dass du morgen kommst.“

„Ja, Butsch, sage es ihm.“

Malkin tippte an seinen Hut und ritt in das Flussbett hinunter. Hondo schaute ihm nach. Der Vormann erklomm auf seinem Pferd das andere Ufer und ritt hinaus in die Prärie.

Die Stadt Boulder bestand aus einer Ansammlung von Holzhütten und Schuppen und hatte ungefähr drei Dutzend Bewohner. Eine einzige, ausgefahrene und völlig unbefestigte Straße führte durch den Ort. Vor und hinter der Stadt war sie nur noch an den Radrinnen zu erkennen, die die Kutschen der Wells Fargo zurückgelassen hatten. Drei der Häuser waren doppelstöckig. Vor einem davon stand ein weißhaariger schmaler Mann, dessen Gesicht nur noch aus Runzeln und Falten bestand. Hondo parierte sein Pferd und blickte auf den weißhaarigen Mann. Er dachte dabei an das, was der Vormann vom Richter erzählt hatte.

Aus dem Schatten eines anderen Hauses löste sich eine weitere Gestalt, die unter den rechten Arm ein Gewehr geklemmt hatte. Der Mann ging langsam bis zur Mitte der Straße und blieb dort mit gespreizten Beinen stehen. Auf seiner Lederweste blinkte ein Stern. Fenster und Türen öffneten sich. Hondo ritt an dem weißhaarigen Mann vorbei und hielt ein paar Yard vor dem Marshal an. Männer und Frauen kamen aus den Häusern, blieben aber im Schatten der Vordächer.

„Hallo“, sagte Hondo und lächelte den Marshal an.

„Guten Tag“, erwiderte der Mann ziemlich kühl. Er war groß, wirkte eckig und hart, hatte angegrautes Haar und mochte fünfzig sein, ohne im Geringsten alt zu wirken. Er ließ das Gewehr langsam sinken, bis die Mündung auf den ausgefahrenen Sandboden zeigte. Hondo stieg ab und nahm die Zügel seines Pferdes kurz.

„Falls es Sie interessiert, ich will hier was trinken, essen und übernachten.“

„Es interessiert mich“, sagte der Marshal. Sein Blick glitt über Hondo hinweg und blieb auf dem schweren Revolver mit den Kerben im Griff hängen. „Und wie es mich interessiert! Seit die Indianer aus der Windriver Range verschwunden sind, ist hier Frieden.“

„Aha.“

„Sie sind ein Revolvermann?“

„Wie kommen Sie denn darauf, Marshal?“

„Ich sehe es, Mister. - Haben Sie einen Namen?“

„Ich heiße Corrin.“

Der Marshal packte das Gewehr fester, hob die Mündung jedoch nicht wieder an.

„Hondo Corrin?“

„Ja.“

Der Marshal blickte zu dem weißhaarigen Mann hinüber und sagte: „Es ist Hondo Corrin, der Revolvermann!“

„Haben Sie einen Steckbrief mit seinem Namen?“, fragte der weißhaarige Mann.

„Nein.“

„Dann verstehe ich nicht, was Sie mit dem Gewehr wollen, Marshal.“ Der weißhaarige Mann wandte sich ab und ging in das Haus. Der Marshal schluckte einen Fluch hinunter, schaute Hondo wieder prüfend an und sagte: „Wenn Sie irgendwelchen Ärger in der Stadt machen, sperre ich Sie ein, Mister!“ Er wandte sich schroff ah und ging in sein Office zurück, aus dem er gekommen war.

Hondo führte sein Pferd bis zum Mietstall, einem langen, flachen Gebäude, vor dem ein alter Mann in zerlumpter Kleidung stand. Er gab dem Mann einen Dollar und die Zügel.

„Ich will morgen früh weiterreiten.“

Der Mann nickte, biss auf den Dollar und steckte ihn ein.

„Können Sie, Mister Corrin.“

„Kann man im Saloon übernachten? Oder gibt es ein Hotel?“

„Es gibt kein Hotel. Aber im Saloon bekommen Sie ein Zimmer.“ Der Alte dämpfte seine Stimme. „Hat Sie jemand bestellt?"

„Wie meinen Sie das?“ Hondo sah den alten Mann mit einem Blick an, der ihm damit die Lust zu weiteren Fragen nehmen sollte.

„Ich meine ja nur.“ Der Mann wandte sich um und führte das Pferd in den Stall.

Hondo ging die Straße entlang. Die Männer und Frauen verließen die Straße, noch bevor er sie jeweils erreichen konnte. Überall schlugen nacheinander die Türen zu. So kam er zum Saloon, vor dem niemand stand. Hondo schob die Schwingflügel auf und ging hinein. Der Raum lag im fahlen Dämmerlicht. Auf der einen Seite standen Tische und Stühle, auf der anderen zog sich eine lange Theke fast durch den ganzen Saloon. Im hinteren Teil, dort, wo es fast ganz dunkel war, führte eine Treppe zu einer Galerie hinauf. Hinter der Theke stand ein dicker Mann mit rosigem, rundem Gesicht und riesigen Händen mit Wurstfingern. Vor der Theke stand ein lächelndes Mädchen mit hellblond gefärbten Haaren, ein zierliches Ding, das ohne das helle Haar kaum aufgefallen wäre.

„Hallo“, sagte das Mädchen und lachte perlend. „Na, Quincy, was habe ich gesagt?“

„Ist er es?“, fragte der Keeper brummig.

„Natürlich ist er es. - Komm her, Hondo! Gib einen aus!“

Hondo lehnte sich an die Theke und schaute das Mädchen fragend an.

„Kennst du mich wirklich nicht mehr, Hondo? Ich bin Cora Durante. Wir haben uns im ,König der Hügel' kennengelernt. Das kannst du doch nicht vergessen haben?“

Er lächelte schief, konnte sich aber immer noch nicht erinnern.

„Hast du damals auch blonde Haare gehabt, Cora?“

Das perlende Lachen des Mädchens erfüllte wieder den Saloon.

„Nein, natürlich nicht. Damals waren alle Mädchen rot, die was auf sich hielten.“

Hondo schaute den Keeper an.

„Wie die Haarfarbe den Menschen verändert, was?“

„Hm“, brummte der Mann. „Whisky?“

„So eine Frage!“, rief Cora. „Natürlich trinkt er Whisky, Quincy. Stell eine Flasche und Gläser auf den Tisch! Heute wird gefeiert, was, Hondo?“

„Ich bin eigentlich ziemlich müde von einem weiten Weg.“

„Na, Hondo, du wirst dich doch nicht so hängenlassen?“, schimpfte das Mädchen. „Das hast du doch früher nicht gemacht.“ Sie schob sich näher an ihn heran und hing sich an seinen Arm. „Bleibst du lange?“

Der Keeper suchte im Regal an der Wand nach einer Flasche, entkorkte sie und schob sie über den Tresen.

„Hondo, ob du lange bleibst?“, fragte das Mädchen drängend.

„Ich weiß noch nicht.“

Cora brachte die Gläser herüber, die der Keeper zum Vorschein brachte, griff nach der Flasche und schenkte ein.

„Wer hat dich denn bestellt?“

„Bestellt?“, fragte er naiv.

„Stell dich doch nicht so an! Wenn ein Revolvermann über hundert Meilen weit reitet, hat ihn jemand bestellt und gut bezahlt.“

Hondo nahm sein Glas, stieß es gegen das andere und trank einen Schluck.

„Woher willst du denn wissen, dass ich über hundert Meilen weit geritten bin?“

„Über hundert Meilen sind es bis zur Bahnlinie. Und zwischen ihr und dieser Stadt gibt es nur Prärie, Wald und ein paar Stationen der Wells Fargo. Woher solltest du also gekommen sein?“

Hondo trank noch einen Schluck, griff nach der Flasche mit dem Sodawasser und schenkte nach.

„Seit wann verdünnst du denn den Whisky, Hondo?“

„Soll ich meinen Durst vielleicht mit Schnaps löschen?“ Das Geplapper des Mädchens ging ihm auf die Nerven. „Ich habe Hunger, Mister. Und ein Zimmer brauche ich auch.“

Der Keeper nickte, schaute das Mädchen an und zeigte mit dem Daumen über die Schulter.

„Das könnte dir so passen!“, schimpfte das Mädchen und trank sein Glas auf einen Zug aus.

„Geh und mach ihm was zu essen!“, knurrte der Keeper.

Das Mädchen schimpfte, stampfte mit einem Fuß auf, ging aber dann doch um die Theke herum und verschwand in der Küche, deren Tür mit einem Knall zu flog.

„Was macht sie denn hier?“, fragte Hondo schwach interessiert.

„Alles, wozu ich keine Lust habe“, brummte der Mann. „Und außerdem lebt sie mit mir zusammen, damit Sie das gleich wissen. Hier ist es nicht wie an der Bahnlinie.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“ Hondo trank sein Glas leer. „Kann ich hier auch baden?“

„Können Sie.“ Der Keeper blickte über die Schulter. „Und mach warmes Wasser! Er will auch baden.“

Hondo nahm die beiden Flaschen und sein Glas und ging an einen Tisch. Er setzte sich so, dass er durch die kleinen Fenster die Straße überblicken konnte. Der Keeper lehnte sich an das Flaschenregal neben dem Spiegel, kramte eine dicke Zigarre aus seiner Westentasche und brannte sie an. In der Küche rumorte das Mädchen. Manchmal war das Scheppern von Geschirr zu hören, dann zerbrach ein Glas mit hellem Klirren. Der Keeper nahm die Zigarre aus dem Mund.

„Ihr Auftauchen hat sie ziemlich nervös gemacht. Erinnert sie sich an die alten Zeiten?“

„Was weiß ich.“ Hondo schenkte sich aus beiden Flaschen Whisky und Soda ein.

„Wen wollen Sie denn umlegen?“

Hondo wusste, dass es Unsinn war, sich mit dem Salooner anzulegen, denn es würde am Ende bedeuten, dass er fortreiten, in der Prärie schlafen und auf sein Bad verzichten musste. Vielleicht sogar auf das Essen, das sicher noch eine Weile auf sich warten ließ. Deshalb grinste er den Mann durch die Rauchschwaden an.

„Das weiß ich selbst noch nicht.“

„Und wer hat Sie bestellt?“

„Wisst ihr es wirklich nicht?

Der Salooner nahm die Zigarre aus dem Mund. „Wir haben keine Ahnung.“

„Dann werdet Ihr es irgendwann sicher erfahren.“ Hondo trank sein Glas leer, stand auf und ging zur Tür. „Ich sehe mir die Stadt ein bisschen an.“

„Falle ich Ihnen mit meinen Fragen auf die Nerven?“

Hondo blickte über die Schulter. „Ich rede nicht sehr gern von mir, Mister.“

Der Keeper stieß ein lustloses Lachen aus.

„Wenn Sie hier eine Weile bleiben wollen, müssen Sie sich an unsere Neugierde gewöhnen, Mister. Hier ist so wenig los, dass wir auf Neuigkeiten scharf sind. - Haben Sie sieben Menschen erschossen?“

„Was?“ Hondo wandte sich ganz um.

Der Keeper zeigte mit der Zigarre in seine Richtung.

„Sie haben sieben Kerben im Revolvergriff.“

„Ach so.“

„Haben Sie sieben erschossen?“

„Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich erschossen habe.“

„Sie wissen es nicht?“

„Nein. Ich habe vor Jahren für die Eisenbahn gegen Indianer gekämpft. Damals schossen viele Männer gleichzeitig und keiner konnte danach sagen, wie viele Menschen er erschossen hatte.“

„Habe ich nach Indianern gefragt?“, brummte der Keeper böse. „Ich rede von Menschen.“

Hondo ging bis zur Theke zurück.

„Woher soll ich denn wissen, dass für Sie Indianer keine Menschen sind, Mister?“, tat er erstaunt. „Was die Kerben angeht, die hat mir mal einer in den Griff gefeilt - als ich schlief.“

„Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich.“

„Und Sie wissen nicht, wer es war?“

„Ich sagte doch, ich hab geschlafen.“

„Und trotzdem haben Sie so eine Waffe dann behalten?“

Hondo zuckte die Schultern. „Keiner trennt sich gern von dem Revolver, mit dem er gut umgehen kann. Sind Sie jetzt zufrieden?“

Das runde Gesicht des Keepers schob sich zu einem zufriedenen Grinsen in die Breite.

„Für den Augenblick reicht es.“

Hondo wandte sich ab und ging hinaus. Als er nach links wollte, sah er den Marshal. Er stand an der Ecke des Saloons und schien auf ihn gewartet zu haben. Hondo machte sofort kehrt und ging nach rechts in die Stadt. Der Marshal betrat den Saloon und blieb hinter der kreischend pendelnden Tür stehen.

„Er sagt, irgendwer hat ihm die Kerben in den Griff gefeilt, als er schlief“, meldete der Keeper. „Und er will zwischen Indianern und Menschen keinen Unterschied machen. Cora meint, er wäre ein Revolvermann. Sie kennt ihn von früher. Aus einem Saloon in Julesburg.“

Der Marshal nickte.

„Jemand muss ihn bestellt haben“, fuhr der Keeper fort. „Aber wer?“

„Das werden wir schon noch erfahren“, hoffte der Marshal, wandte sich ab und ging wieder hinaus.

 

 

2

Als sich der erste graue Schimmer des anbrechenden Tages im Osten über den Horizont schob, öffnete Hondo das Fenster seines Zimmers. Unter ihm im Dunkel lag die Gasse zwischen dem Saloon und dem nächsten Haus. Er warf seine Satteltasche hinunter, kletterte über das Fensterbrett und sprang zum Boden hinunter. Er blieb in der Hocke und lauschte. Alles blieb still.

Langsam richtete sich Hondo Corrin auf, hob die Tasche aus dem Sand auf, ging um die nächsten zwei Gebäude herum bis zum Zaun des Mietstalles. Er flankte darüber hinweg und ging auf die geschlossene Stalltür zu. Durch einen Lichtschacht sah er, dass es im Stall völlig dunkel war. An der Tür befand sich innen ein Riegel, der durch einen langen Dorn auch von außen geöffnet werden konnte. Er schob den Riegel zurück und zog die Tür auf. Ein Pferd schnaubte leise und schlug mit einem Huf in raschelndes Stroh. Hondo ging hinein. Er stieß mit dem Fuß gegen einen Eimer, der polternd umfiel. Stroh raschelte, ein Mann fluchte, und der Hammer eines Revolvers wurde gespannt.

„Ich bin es - Corrin“, sagte Hondo schnell. Er suchte in seiner Tasche nach einem Schwefelholz und rieb es an der Holzwand des Stalles an. Im aufflammenden Licht erkannte er den alten Stallmann, der mit dem gespannten Revolver herumfuchtelte.

„Was soll denn das? Mitten in der Nacht!“, schimpfte der alte Mann.

„In einer halben Stunde wird es hell.“

„Konnten Sie nicht so lange warten?“

„Nein.“ Hondo schob den Zylinder der Petroleumlampe nach oben, brannte den Docht an und drückte den Zylinder wieder in die Fassung. Dann rieb er die Glut am Schwefelholz zwischen den Fingern aus.

„Sie fliehen vor einem Killer, was?“

„Nein.“

„Verdammt, was ist es dann, was Sie mitten in der Nacht aus dem Bett treibt? Sind denn Wanzen in Quincy Sumners Betten?“

„Ich habe nichts gemerkt. Ich will wegreiten, ohne dass der Marshal oder irgendwer mir folgt. Wollen Sie fünf Dollar verdienen?“

„Fünf Dollar?“ Der Mann blickte Hondo mit großen Augen an, entspannte den Revolver und schob ihn hinter den Hosenbund. „Sie können verdammt komische Fragen stellen, Mister.“

„Ich gebe Ihnen fünf Dollar, wenn Sie auf der Stelle mein Pferd satteln. Und wenn Sie dann eine Stunde lang nichts tun und sich still verhalten. Hier im Stall! Einverstanden?“

Der alte Mann kicherte leise.

„Und wenn ich einen Schuss abfeure? Dann kommt der Marshal hierher.“

Hondo hielt dem Mann einen Geldschein hin. Der Stallmann riss den Schein Hondo gierig aus der Hand. Dann jedoch fluchte er.

„Was ist denn? Der ist echt!“, versicherte Hondo.

„Wenn man das immer wüsste“, knurrte der alte Mann. „Papier als Geld ist an sich schon Betrug. Mir ist ein Goldstück am liebsten. Da kann man draufbeißen, da weiß man, was damit los ist. Aber Papier ... Betrug ist das.“

Er schlurfte durch den Stall, zerrte Hondos Sattel von der Trennwand und ließ ihn fallen. Dann ging er in die Box. Eine Kette klirrte, der alte Mann schob das Pferd rückwärts in den Stallgang.

Ein paar Minuten später verließ Hondo Corrin den Stall, führte das Pferd zur Rückseite und stieg hinter dem schief hängenden Zaun in den Sattel. Er ritt nach Osten, wo der helle Streifen am Himmel rasch breiter wurde. Als er die Ranch von einem flachen Hügel aus sehen konnte, stand die Sonne schon ziemlich hoch.

Das Ranchhaus war ein klotziges, doppelstöckiges, weiß angestrichenes Gebäude mit großen Fenstern, viel protziger, als Hondo es sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Es wurde von einem hohen Windradgerüst um das Doppelte überragt. Ein halbes Dutzend Nebengebäude umschlossen einen offenen Hof, in dessen Mitte direkt vor dem Haus ein gemauerter Brunnen stand. Das Windrad bewegte sich nicht. Es war schon wieder so heiß, dass die Luft flimmerte und eine starke Hitzespiegelung Seen in der Weite der Prärie vortäuschten. Weit im Hintergrund weideten Rinder in der Prärie. Und oben im Norden, vielleicht fünf bis sieben Meilen entfernt, schoben sich die bewaldeten Hänge der Windriver Ranges an kahle Felsen heran.

Hondo sah auf den Weg zurück, den er gekommen war. Kein Verfolger. Da schnalzte er mit der Zunge und ritt die flache Halde des Hügels hinunter und durch das hohe Büffelgras der Ranch entgegen. Nach einer weiteren halben Stunde konnte er bereits die jungen Rinder und die Pferde in den Corrals deutlich unterscheiden. Zwei Reiter kamen ihm von der Ranch entgegengesprengt, erreichten ihn bald und zügelten die Pferde. Staub quoll über die Reiter und Hondo hinweg. Es waren Butsch Malkin, der Vormann, und ein Cowboy, der krumm im Sattel saß.

„Wird Zeit“, sagte der Vormann. „Was denkst du, wie sauer der Boss war, als ich allein ankam.“

„Komme ich zu spät, Butsch?“

„Der Boss wollte nicht, dass man in der Stadt davon erfährt“, knurrte der Vormann.

„Die haben nichts erfahren.“

Der Vormann lenkte sein Pferd herum und winkte Hondo. Sie ritten nebeneinander zur Ranch. Der Cowboy kam an Hondos andere Seite.

„Haben sie keine Fragen gestellt?“, fragte Malkin.

„Doch. Und wahrscheinlich wäre der Marshal mir sogar gefolgt, wenn ich länger geschlafen hätte. Dein Boss kann ganz beruhigt sein.“

„Es ist besser, du nennst ihn auch Boss“, mischte sich der Cowboy ein. „Er hört es gern.“

„Hat er eigentlich viele Rinder?“, fragte Hondo.

„Im Augenblick rund zweitausend“, erklärte der Vormann. „Und fünfundvierzig Pferde.“

„Und wie viele Reiter?“

„Sieben mit mir.“

„Nur sieben?“, fragte Hondo erstaunt.

„Sind dir das zu wenig?“ Der Cowboy grinste Hondo von der Seite an. „Für die zweitausend Herefords braucht der Boss nicht mehr.“

„Und was will er von mir?“ Hondo Corrin schaute den Cowboy fragend an.

„Das wird er dir selbst erklären“, brummte der Mann finster. „Es ist seine Sache.“

Sie kamen am ersten Corral vorbei. Männer standen im Hof vor dem Haupthaus und erwarteten die Reiter. Auf der breiten Veranda mit dem weiß angestrichenen Geländer tauchte ein Mann auf. Hondo erkannte einen bullig wirkenden Mann mit schrankbreiten Schultern, einem massigen Schädel, grauem Borstenhaar und kalten Augen. Der Mann mochte sechzig Jahre alt sein, stemmte seine Fäuste auf das Geländer und duckte sich etwas. Dadurch sah es aus, als hätte er überhaupt keinen Hals, als würde sein massiger Schädel direkt auf den breiten Schultern liegen. Der Rancher trug einen hellbraunen, derben Cordanzug und hatte einen hohen hellen Hut auf dem Kopf, der sicher einmal an die zwanzig Dollar gekostet hatte.

Hondo und seine Begleiter kamen in den Hof und hielten an.

„Das ist Hondo Corrin, Boss“, erklärte der Vormann.

Der Rancher hob die Fäuste vom Geländer und richtete sich gerade auf.

„Warum kommst du erst heute?“, knurrte er barsch.

„Komme ich heute zu spät?“, fragte Hondo zurück.

„Du solltest von Green River City direkt hierherkommen.“

„Ich glaube nicht, dass mir jemand den Weg vorzuschreiben hat, den ich nehmen muss“, erwiderte Hondo gelassen. „Wenn Ihnen das nicht passt, reite ich wieder weg.“

Der Rancher kam an die breite Treppe, die von der Veranda in den Hof führte. Sie war so breit, dass vier Männer nebeneinander hinaufsteigen konnten. Heston Floyd kam ein paar Stufen herunter, blieb wieder stehen und stemmte die Hände in die Hüften.

„Kommst dir ziemlich groß vor, was?“, fragte er barsch.

„Ich bin so groß, dass Männer wie Sie dreihundert Dollar zahlen, nur für den Weg von Green River City hierher.“

„Haben sie in der Stadt Fragen gestellt?“

„Ja, haben sie. Es ist wenig los, und die Männer sind so neugierig wie in anderen Städten.“

„Er hat dem Marshal nichts gesagt, Boss“, mischte der Vormann sich ein. „Und er ist so früh weggeritten, dass ihm niemand folgen konnte. Sie haben alle noch geschlafen.“

„Und wenn der Stallmann den Marshal geweckt hat?“, schimpfte der Rancher.

Ratlos schaute der Vormann Corrin an.

„Ich habe dem Stallmann fünf Dollar gegeben“, erklärte Hondo. „Wollen Sie nicht endlich sagen, was ich hier soll? Es gefällt mir bestimmt nicht so gut, dass ich beabsichtige, lange zu bleiben.“

Der Rancher kam die Treppe weiter herunter und blieb auf der letzten Stufe wieder stehen. Er war auch von beachtlicher Größe, wie Hondo erst nun genau sah.

„Was denkst du denn, was ich wohl wollen könnte?“

„Ich denke, dass Sie es mir sagen werden“, entgegnete Hondo, „und dass ich nicht zum Rätselraten gekommen bin.“

Heston Floyds Gesicht verkantete sich. Die Männer im Hof schoben sich rückwärts. Sie kannten die Wutausbrüche des alten Mannes, der die Hände nun sinken ließ und zu Fäusten ballte.

In diesem Augenblick knarrte die Tür des großen Hauses und schwang auf. Eine junge Frau, auf keinen Fall älter als fünfundzwanzig, kam aus dem Haus. Langes rotblondes Haar lohte in der Sonne wie Feuer. Helle Augen musterten Hondo. Etwas Heißes kroch Corrin durch die Kehle, und er lächelte der jungen Frau gegen seinen Willen zu. Die Frau kam bis an das Geländer und stützte ihre zierlichen weißen Hände darauf.

Der Rancher blickte über die Schulter.

„Ist das der Revolvermann, von dem so viel gesprochen wird, Heston?“, fragte die Frau.

„Ja, Jil, das ist er“, gab Floyd zurück.

Die Frau schaute wieder auf Hondo und lächelte ihm zu.

„Wollen wir nicht endlich zur Sache kommen?“, fragte Hondo. „Vielleicht kann ich heute noch ein paar Meilen nach Green River City zurückreiten.“

„Ganz sicher können Sie das“, sagte Floyd. „Das heißt, wenn Sie nicht Interesse an einem dauerhaften Job haben.“

„Was soll das heißen?“

„Ich würde vielleicht einen Mann beschäftigen, der schnell mit dem Revolver ist, Corrin. Wir haben die Indianer so gut wie vertrieben. Die Armee zieht sich in ihre Forts zurück und räumt vielleicht auch die in den kommenden Jahren. Das weite Land ist frei. Es werden Männer kommen, die danach greifen. Dann kommt es darauf an, wie stark eine Mannschaft ist.“

„Ich verstehe.“

„Sie können sich das in aller Ruhe überlegen“, fuhr der Rancher fort. „Ich würde Ihnen zweihundert Dollar im Monat zahlen.“

Hondo lächelte, weil der Ton des Mannes freundlicher und weniger arrogant geworden war. Er schaute die Frau an und erkannte das Locken in ihren hellen Augen.

„Wie gesagt, darüber können Sie in Ruhe nachdenken“, knurrte der Rancher. „Ihr Auftrag ist zunächst einmal, mir einen Mann aus dem Wege zu schaffen.“

„Habe ich mir fast gedacht, Mister Floyd.“

Der Rancher nickte, zeigte dann mit einer Hand nach Norden, wo sich die bewaldeten Hänge der Windriver Ranges in den stahlblauen Himmel schoben.

„Vor den Bergen sitzt ein Mann, der den ganzen Streifen zwischen den Hügeln für sich in Anspruch nimmt und einen Zettel hat, der ihn dazu berechtigen soll. Reiten Sie zu ihm und sorgen Sie dafür, dass ich mich mit ihm nicht mehr befassen muss. Er heißt Jeff Killoe.“

Hondo schaute den Mann an und nickte.

„Sie bekommen die zweihundert dafür, die Butsch Ihnen bereits zugesagt hat.“

„In Ordnung, Mister Floyd. muss ich genau nach Süden reiten?“

„Ja, genau nach Süden. - Und noch etwas, Corrin: Ich habe damit nichts zu tun!“

„Natürlich nicht!“ Hondo lächelte den Mann spöttisch an. Dann schaute er wieder zu der Frau hinauf, deren Augen ihn stärker als vorher zu locken schienen. Es war ihm, als wollte sie sagen, er sollte hierbleiben.

„Das ist im Augenblick alles“, erklärte der Rancher barsch, wandte sich ab und stieg die Treppe hinauf. Oben auf der Galerie legte er den Arm um die Schultern seiner Frau und zog sie an sich. Hondo bemerkte, wie sich ihr Gesicht verzog.

„Und wann bekomme ich das Geld?“, fragte er.

„Wenn Sie wieder hier sind, Corrin.“

Floyd wandte sich um und ging ins Haus. „Jil, komm!“, rief er.

Die Frau lächelte noch einmal herunter, dann folgte sie dem wuchtigen Mann. Die Haustür fiel z

„Das war’s dann“, sagte der Vormann. „Wenn du dich beeilst, kannst du in drei bis vier Stunden wieder hier sein. Vielleicht weißt du dann auch, ob du länger bleiben willst.“

„Vielleicht“, erwiderte Hondo, lenkte sein Pferd zurück und zog den rechten Zügel an. Er kam über den letzten Hügel und sah zwei schäbige, sturmzerzauste Hütten unter sich in dem Tal vor den Hängen, dazu zwei windschiefe Corrals, ein Kartoffelfeld und einige Reihen Maisstauden. Hondo stützte den Ellenbogen auf das Sattelhorn, nachdem er das Pferd gezügelt hatte. Er sah ein paar magere Rinder, zwei Ziegen, drei oder vier schwarze Schweine und drei Pferde in den Corrals.

Hondo war enttäuscht. Er hatte nicht viel vorzufinden erwartet, aber wenigstens eine kleine Ranch. Nun sah er, dass er bei einem Farmer angekommen war. Er richtete sich im Sattel auf und ritt die sanfte Hügelflanke hinunter. Die Sonne stand jetzt so hoch am Himmel, dass sie kaum noch Schatten auf den Boden zeichnete.

Als Hondo Corrin das Tal erreichte, kam ein Mann aus dem kleinen Maisfeld. Es war ein alter Mann am Ende eines harten Lebens, in dem ihm nichts geschenkt worden war, alle seine Mühe hatte kaum mehr Erfolg gehabt, als ihn am Leben zu erhalten. Der Mann blieb neben der einen Hütte stehen, nur zwei Yard von einem im Boden steckenden Holzkreuz entfernt. Hondo zügelte sein Pferd und schob sich den Hut in den Nacken.

„Was wollen Sie?“, fragte der alte Mann mit hohl klingender Stimme.

Hondos Blick tastete die Gestalt ab. Der Mann hatte weder einen Revolver, noch ein Gewehr bei sich. Corrin lächelte.

„Ich bin gekommen, um Sie zu erschießen.“ Es kam ihm selbst wie ein Witz vor, was er sagte.

„So?“, fragte der Mann gleichmütig und zuckte die Schultern. „Dann tun Sie es!“

Hondo stieg ab und lehnte sich gegen einen Pfahl des Corrals. Der Pfahl war jedoch so morsch, dass er kurz über dem Boden, wo er durchgefault war, abbrach. Hondo verlagerte sein Gewicht schnell zur anderen Seite, um nicht mit dem ganzen Zaun zu Boden zu stürzen. Quer genagelte Bretter hielten den abgebrochenen Pfosten.

„Sie sind allein hier?“, fragte Hondo, nur um etwas zu sagen.

Der Mann zeigte auf ein Kreuz, vor dem sich ein nur noch mit Mühe zu erkennender Grabhügel befand. „Meine Frau. Ist im letzten Sommer gestorben.“

„Haben Sie keine Kinder?“

„Ich hatte zwei Söhne. Sie sind im Krieg gefallen. Der eine gleich am Anfang, der andere bei Bull Run.“

„Haben Sie keine Waffe?“, fragte Hondo. „Wenn ich Sie so erschieße, ist es Mord.“

„Ja, und man wird Sie dafür hängen, wenn man es Ihnen beweisen kann. Aber Floyd wird schon dafür sorgen, dass man es Ihnen nicht beweisen kann. Also - schießen Sie!“

„Wie kommen Sie denn auf Floyd?“

„Hat er Sie nicht geschickt? - Floyd hat Angst davor, es könnten noch mehr Männer kommen, die sich hier niederlassen und sich dann gegen ihn verbünden. Männer, die Urkunden über Landstreifen von der Verwaltung des Territoriums haben. Er denkt, es würde wieder wie früher, wo sich jeder nimmt, was er verteidigen kann. Aber es wird nicht mehr so. Jetzt will er mich los sein. Noch bin ich der einzige gegen ihn. Sicher denkt er, andere würden es dann gar nicht erst wagen, hier Hütten zu bauen.“ Er verstummte und betrachtete den Mörder, der ihm so aufmerksam zuhörte. Er fragte interessiert: „Wie heißen Sie?“

„Hondo Corrin.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Nie gehört. Kennen Sie mich? Ich meine, haben wir uns schon mal irgendwo gesehen?“

„Ich wüsste nicht.“

„Na also. Dann hat er Sie doch geschickt. Was bezahlt er dafür?“

Hondo lächelte den Mann schweigend an. Der Mann brummte: „Na schön.“ Er wischte die Hände an der speckigen Hose ab. „Wollen Sie nun oder wollen Sie nicht?“

„Ich hatte angenommen, auf einen Mann zu stoßen, der Schwierigkeiten macht.“

„Dann haben Sie sich geirrt.“

„Ja, ich weiß.“

„Was ist denn noch?“

„Es wundert mich, dass die anderen nicht selbst zu Ihnen gekommen sind, Killoe. Es ist schließlich kein Kunststück, mit einem wie Sie fertig zu werden.“

„Ich habe nie eine Waffe bei mir, seit es hier keine Indianer mehr gibt, Mister. Das weiß der Marshal in der Stadt, das weiß Floyd, das weiß jeder.“

„Ja, ich verstehe jetzt.“

„Keiner will riskieren, einen Strick um den Hals zu bekommen. Da hat Floyd sich einen Revolvermann kommen lassen. Einen bezahlten Killer. Und nun sind Sie hier und zögern. Wollen Sie nun schießen?“

Hondo lachte leise. Der alte Mann ging auf die Tür der Hütte zu und hinein. Hondo hörte seine schlurfenden Schritte, dann ein Kratzen. Plötzlich tauchte der alte Mann mit einer siebenschüssigen Spencer wieder auf, die er auf Hondo richtete und repetierte. Hondos Haltung versteifte sich.

„Sollten Sie doch noch Lust haben, dann greifen Sie zum Revolver“, sagte der alte Mann fast barsch. „Dann werden wir gleich sehen, wer von uns beiden schneller ist.“

„Sie haben eine verdammt komische Art“, erwiderte Hondo überrascht von dem jähen Wechsel.

„Finden Sie? Greifen Sie zum Revolver, wie Sie es vorhatten, oder verschwinden Sie und lassen Sie sich hier nicht mehr blicken!“

Hondo ging rückwärts zu seinem Pferd und griff nach dem Zügel. Der alte Mann machte eine herrische Bewegung mit seinem Gewehr. „Na los, Revolverschwinger!“

Hondo hob das Bein an und schob den Stiefel in den Steigbügel. Dann schwang er sich in den Sattel. Das Gewehr war immer noch auf ihn gerichtet.

„Los, verschwinden Sie!“, schimpfte der alte Mann. „Hat mir gerade noch gefehlt, von Floyd wildgewordene Revolverschwinger auf den Hals gehetzt zu bekommen.“

Hondo schnalzte mit der Zunge, lenkte sein Pferd herum und ritt an dem Corral vorbei, dessen Zaun nach hinten hing und jede Sekunde völlig einstürzen konnte. Als er wieder zurückschaute, war er von den Hütten so weit entfernt, dass er glaubte, der alte Mann würde ihn nicht mehr treffen können. Aber er griff nicht nach der Winchester 73, obwohl er sicher sein konnte, den alten Mann mit einem einzigen Schuss zu erledigen. Zwei Meilen von Killoes Farm entfernt hielt zwischen zwei weitästigen Cottonwoods ein Reiter. Hondo erkannte ihn an dem blinkenden Stern. Marshal Mercer wartete, bis Hondo bei ihm war und sein Pferd zügelte.

„Hallo, Marshal“, sagte Hondo freundlich. „Ich dachte, Sie sind nur ein Stadt Marshal.“

„Dann haben Sie was Falsches gedacht“, knurrte der Marshal. „Ich bin Deputy des US-Marshals und nehme in seinem Auftrag alle Aufgaben im ganzen Distrikt wahr.“

„Aha.“

„Wo kommen Sie denn her?“

„Irgendwoher, Marshal. Das geht Sie sicher nichts an.“

„Ich hatte gestern gedacht, Sie wären nur auf der Durchreise und wollten vielleicht zu den Goldfeldern in Montana. Aber das wollen Sie gar nicht. Was wollen Sie hier, Corrin?“

„Nichts. Ich reite nur so zum Vergnügen hier herum.“ Hondo lächelte.

„Sie waren bei Killoe?“

„Wer ist das?“

„Ein Farmer vor den Bergen. Sie kommen von dort. Hat Floyd Sie geschickt, um Killoe zu töten?“

„Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden, Marshal.“

„Na, wie Sie meinen. Ich komme schon noch dahinter, was Sie wollen.“

„War das alles?“

„Ja, Corrin.“

„Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Marshal.“ Hondo tippte an seinen Hut und ritt an dem Marshal vorbei. Kaum war er ein paar Längen gekommen, wurde hinter ihm ein Gewehr repetiert.

„Einen Augenblick noch, Corrin!“, zischte der Marshal. „Heben Sie die Hände!“

Hondo hatte sein Pferd gezügelt und hob die Hände in Schulterhöhe, die Zügel in der Rechten.

„Wir reiten zurück, Corrin. Machen Sie keine dumme Bewegung, sonst fallen Sie tot aus dem Sattel!“

„Warum arbeiten Sie denn mit Tricks, Marshal?“

„Weil ich nicht die Absicht habe, mich von einem Revolverhai erschießen zu lassen. Vorwärts!“

Hondo wendete sein Pferd, musste die Hände dabei aber weiter sinken lassen. Wachsam beobachtete der Marshal jede seiner Bewegungen und ritt dann hinter ihm her nach Norden.

„Wenn Sie sich umdrehen, drücke ich ab“, rief Clyde Mercer, als Hondo nur den Kopf bewegte.

Hondo ritt auf der Spur seines Pferdes zurück, und er war sicher, dass der Marshal diese Spur auch sah. Es war unmöglich den Mann zu täuschen. Er konnte jetzt froh sein, auf einen alten zuerst waffenlosen Mann gestoßen zu sein.

Ein flacher Hügel blieb hinter ihnen zurück. Allmählich neigte sich die Sonne nach Westen und die Schatten verlängerten sich. Dann, als sie über den letzten Hügel vor dem ansteigenden Wald kamen und die armselige Farm unter sich sahen,vergrößerte der Marshal den Abstand. Killoe war nicht zu sehen. Die Tür der einen Hütte stand offen, aber auch dahinter stand niemand. Hondo hielt neben dem halbeingestürzten Corralzaun an.

„Killoe!“, brüllte der Marshal.

Hondo schaute zu der anderen Hütte hinüber, deren Tür geschlossen war.

„Killoe!“, rief der Marshal wieder.

Der Farmer meldete sich noch immer nicht.

„Los, absteigen und die Hände über den Kopf!“, kommandierte der Marshal barsch. „Wo liegt er denn, Corrin?“

Hondo stieg ab und hob die Hände über den Kopf. „Woher soll ich das wissen?“

„Du bist hier gewesen. Oder bildest du dir ein, ich sehe die Spuren nicht?“

Im Maisfeld raschelte es plötzlich. Marshal Mercer, der gerade absteigen wollte, blieb im Sattel. Das Rascheln kam näher, die Stauden teilten sich, und der alte Farmer tauchte auf. Er gähnte und rieb sich die Augen. Hondo ließ erleichtert die Hände sinken. Er schaute über die Schulter und sah, wie erstaunt der Marshal war.

„Warum bist du denn nicht gleich gekommen, als ich rief, Killoe?“, fragte Mercer grollend.

Der Farmer gähnte wieder.

„Ich habe geschlafen, Marshal. Das ist im Maisfeld sicherer als in der Hütte. Was wollt ihr denn?“

„Ich dachte ...“ Mercer brach ab.

„Er hat mich unterwegs getroffen und dachte, ich hätte Sie erschossen, Killoe“, erklärte Hondo.

Killoes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.

„Ich fühle mich noch ziemlich lebendig und werde mit dem Pack schon fertig, Marshal. Um mich brauchst du keine Angst zu haben.“

Mercer schob sein Gewehr in den Sattelschuh, lenkte sein Pferd herum und ritt nach Süden zurück. Hondo zuckte die Schulter, stieg auf sein Pferd und folgte dem Marshal.

„Sehr enttäuscht?“, fragte er, als er Mercer eingeholt hatte und mit ihm zur Hügelkuppe hinaufritt.

„Ich bin froh, dass ich mich geirrt habe“, sagte der Marshal ehrlich. „Sie wollten ihn töten, aber dann hat Ihnen das Herz dazu gefehlt.“

„Wollen Sie nicht wissen, wer mich dazu veranlasst haben könnte?“

„Sicher hätte ich es wissen wollen, wenn Sie geschossen hätten und der alte Killoe tot wäre, Corrin. So verschwende ich nur meine Zeit und lasse mich unnütz von Ihnen zum Narren halten.“

„Wie Sie meinen, Marshal.“

Hinter dem Hügel lenkte Clyde Mercer sein Pferd sanft nach Südwesten. Hondo folgte ihm ein Stück, dann hielt er an. Der Marshal hielt ebenfalls.

„Es ist besser, Sie reiten nicht zu Floyd zurück, Corrin. Er schätzt es nicht, wenn seine Aufträge nicht ausgeführt werden.“

Hondo lächelte nur.

„Vielleicht verlangt er von Ihnen sogar das Reisegeld zurück. Sie haben doch Vorschuss bekommen?“

Hondo lächelte immer noch. Mercer zuckte die Schultern.

„Sie müssen selbst wissen, was Sie tun, alt genug sind Sie ja.“ Er gab dem Pferd die Sporen, das eine Staubwolke aufwirbelte, die Corrin einhüllte. Hondo lenkte sein Pferd wieder nach Süden.

 

 

3

Sie standen alle im Hof, und der Rancher lehnte oben am Geländer der Veranda. Die Sonne stand schon tief im Westen. Die rotblonde Frau war nicht zu sehen. Hondo hielt zwischen ihnen an und blickte auf den Vormann, dessen Anzug verstaubt war. Es war ihm einmal vor einer halben Stunde gewesen, als hätte er einen Reiter bemerkt. Sicher war es Butsch Malkin gewesen, der seinem Boss Hondos Rückkehr gemeldet hatte.

„Und?“, fragte der Rancher.

„Sie hätten mir sagen sollen, dass es ein alter Mann ist, der noch nicht mal eine Waffe bei sich trägt“, erwiderte Hondo.

„Was?“

Hondo zuckte die Schultern.

„Ich schieße nicht auf unbewaffnete Männer, Mister Floyd. Noch nicht mal auf solche, die zwar eine Waffe haben, sich aber nicht verteidigen wollen.“

Der Rancher kam zur Treppe. Hinter ihm öffnete sich die Haustür. Die rotblonde Frau tauchte auf und kam ans Geländer. Floyd stieg ein paar Stufen herunter.

„Du hast ihn also nicht erschossen?“

„Ich sagte doch, er hatte keine Waffe. Es ist Mord, auf einen unbewaffneten Mann zu schießen.“

Die Cowboys grinsten verstohlen. Floyd kam die Treppe noch ein Stück herunter und griff wie haltsuchend nach dem Geländer.

„Warum bist du hierher gekommen, wenn du nicht tust, was ich von dir verlange?“, zischte Floyd.

„Butsch hat nicht gesagt, dass Sie einen Mörder suchen“, entgegnete Hondo. „Ich wäre dann nicht mit ihm geritten. Er hat schon gar nicht gesagt, dass es gegen einen alten, alleinstehenden Mann geht. Im Gegenteil. Er hat bei mir den Eindruck erweckt, als hätten sie Ärger mit einem Konkurrenten. Das ist schließlich etwas anderes.“ Hondo stieg ab und ließ den Zügel fallen. „Ich habe großen Hunger und Durst. Kann ich was zu essen und zu trinken haben?“

„Kommen Sie ins Haus, Hondo Corrin!“, rief die Frau.

Erstaunt schaute der Rancher zu ihr hinauf, sagte aber nichts.

„Danke!“ Hondo ging auf die Treppe zu und stieg hinauf.

Der Rancher sagte noch immer nichts. Die Frau ging ins Haus und ließ die Tür offen stehen. Hondo folgte ihr, schloss die Tür und sah eine große Wohnhalle vor sich. Hondo kam in die Küche. Er sah einen Tisch, Stühle, einen Schrank, die breite Anrichte, den Herd und eine Wasserpumpe. Eine Pfanne mit Eiern und Speck stand auf dem Herd.

„Ich sah Sie kommen und dachte mir, dass Sie Hunger haben.“ Die Frau öffnete den Schrank, nahm ein Glas und eine Whiskyflasche heraus und stellte beides auf den Tisch. „Setzen Sie sich doch!“

Er setzte sich an den Tisch. Die Frau schenkte ihm ein.

„Wollen Sie gleich nach Green River City zurückreiten?“, fragte Jil Floyd.

„Nein, das ist mir zu viel auf einmal. Ich bleibe noch einen Tag in der Stadt. Das heißt, wenn man mir keine Schwierigkeiten macht, wegzukommen.“

Die Frau hatte sich dem Herd zugewandt, blickte aber nun lächelnd zurück.

„Wegen Floyd?“

„Er hat es sicher nicht gern, Geld für nichts auszugeben.“

„Er wird aber keine Schwierigkeiten machen. Vielleicht wäre alles anders, wenn Sie nicht erst in die Stadt und dann hierher geritten wären. Aber so ...“

„Weil mich der Marshal gesehen hat?“

Die Frau lachte. „Sie wollen alles zu genau wissen, Hondo. Haben Sie mit Killoe gesprochen?“

„Natürlich.“

„Ist es nicht seltsam, dass Floyd ihn los sein will?“

„Nein. Ich habe schon viele machtbesessene Männer kennengelernt, Madam. Eigentlich sind sie alle gleich.“

„Warum sagen Sie nicht Jil zu mir, Hondo?“ Sie kam an den Tisch zurück und beugte sich so weit zu ihm herüber, dass er den Duft ihres Haares und ihren heißen Atem spürte.

„Ihr Mann wird etwas dagegen haben.“

Sie lachte leise.

„Aber ich nicht, Hondo.“ Dann richtete sie sich auf. „Wenn Sie noch ein paar Tage bleiben, können wir uns in der Stadt treffen, Hondo.“

Er wollte sie fragen, wozu das gut sein sollte, ließ es aber, weil er Schritte hörte. Er nahm das Glas und trank einen Schluck. Der Rancher kam in die Küche.

„Es ist nicht üblich, dass die Mannschaft im Haus isst und du für sie kochst, Jil. Du weißt, ich will das nicht.“

„Aber er gehört doch nicht zur Mannschaft“, sagte die Frau, die sich den Anschein gab, erschrocken zu sein.

„Zu wem denn?“, knurrte Floyd, ging zum Fenster, wandte sich um und kam an den Tisch.

Hondo stand auf.

„Ich warte auch gern im Bunkhaus. Vielen Dank, Madam!“ Er ging hinaus.

Die Männer standen an einem Corral und schauten ihm entgegen. Sein Pferd stand noch gesattelt im Hof. Hondo stieg die Treppe hinunter und führte das Pferd an die Tränke. Dann ging er ins Bunkhaus, ein finsteres, langgestrecktes Gebäude, das nur aus einem Raum bestand. Ein langer Tisch stand darin, ein paar Bänke und die doppelstöckigen Betten, fast zwei Dutzend, viel mehr als Floyds Reiter brauchten. Hondo war sicher, dass der Rancher hier schon an die Zukunft gedacht hatte.

Die Frau kam bald nach ihm, brachte Schinken und Eier auf einem Teller, ein Stück Brot.

„Ich hole die Flasche noch.“ Sie flüsterte vertraulich: „Wie finden Sie ihn denn, Hondo?“

„Ihren Mann?“

„Wen sonst?“

Hondo zuckte die Schultern.

„Er ist wie andere Rancher auch. Ich wette, er wird ein reicher Mann werden.“

„Was verstehen Sie unter reich? Er hat einen Tresor in der Wohnhalle und zweiundzwanzigtausend Dollar darin. Ist das etwa nichts?“

Hondo blickte sie aufmerksamer als vorher an und sah das Glimmen in ihren hellen Augen. „Sind Sie mit ihm verheiratet oder nicht?“

„Wenn ich gewusst hätte, wie er wirklich ist, wäre ich nicht mit ihm verheiratet. Davon war aber leider damals, als wir uns kennenlernten, nichts zu spüren.“ Sie wandte sich fast schroff ab und ging zur Tür, blieb aber dort noch einmal stehen und schaute zurück. Hondo wandte sich um.

„Er steckt sein ganzes Geld in einen Tresor in der Wildnis. Niemandem traut er, nicht der Wells Fargo und auch sonst niemandem. Dabei würde sein Geld bei jeder Bank von selbst mehr. Können Sie sich wirklich nicht vorstellen, was ich meine?“

„Sie hassen ihn doch nicht etwa?“

Sie sah ihn an. Wortlos wirbelte sie mit einem Ruck herum und ging hinaus.

„Boss, ein Reiter kommt!“, rief Butsch Malkin, der Vormann.

Als der fremde Reiter den Ranchhof erreichte, versank die Sonne gerade im Westen über der endlosen Prärie. Es sah aus, als würde der ferne Horizont brennen. Der Reiter hielt mitten im Hof an und grinste zu Hondo herüber, der aus dem Bunkhaus gekommen war.

„Was willst du denn hier, Cass?“, fragte Hondo erstaunt.

Der Reiter lachte leise und sprang mit einem Satz aus dem Sattel. Er war ein Mann von knapp dreißig Jahren, sehnig, zäh und flink, mit kalten Augen und schwarzen Haaren. Er trug einen schwarzen Anzug wie ein Spieler, seine lange doppelreihige Jacke stand offen, und der tiefgeschnallte Revolver war zu sehen. Floyd kam wieder ein Stück die Treppe herunter und starrte wie die anderen auf den Fremden.

„Es hat mich interessiert, wohin du so schnell verschwunden bist, Hondo“, erklärte der Mann. „Da habe ich mir die Mühe gemacht, deinen Spuren zu folgen.“

„Die hast du aber wieder verloren, Cass“, erwiderte Hondo. „Das letzte Stück vom Fluss herüber musst du der Spur von Butsch Malkin gefolgt sein. Ich war nämlich erst in einer Stadt.“

„Ist doch egal“, sagte der Mann grinsend. „Jedenfalls habe ich dich gefunden, Hondo. Hast hier einen feinen Job gefunden?“

Hondo wischte sich über den Mund. Nun kam auch die Frau wieder aus dem Haus und blickte von der Veranda herunter. Cass schaute zu ihr hinauf, lüftete seinen flachen Hut und deutete eine Verbeugung an. Hondo merkte kaum, wie er mit dem Daumen den Sicherheitsriemen vom Hammer seines Revolvers schob.

„Hallo, Madam!“, rief der Fremde. „Gestatten, Cass Zander!“

Die Frau lächelte. Zander blickte zu dem Rancher weiter.

„Sie sind sicher der Boss, Mister ...“

„Floyd“, knurrte der Rancher. „Vielleicht sagen Sie langsam mal, was Sie auf meinem Land wollen.“

Cass Zander lachte unbeeindruckt und stülpte seinen Hut wieder auf.

„Ich dachte, vielleicht können Sie auch zwei Männer mit schnellen Revolvern gebrauchen, Mister.“

„Nein, brauche ich nicht“, erwiderte Floyd barsch. „Ich brauche nur einen.“

Cass Zander schaute Hondo wieder an, grinste dabei aber immer noch.

„Hast du das gehört? Ich soll mir den weiten Weg umsonst gemacht haben,Hondo.“

„Dein Pech, Cass.“ Hondo ging weiter hinaus und näherte sich Zander um ein paar Schritte.

„Umsonst habe ich nicht gesagt“, mischte der Rancher sich ein. „Nur, zwei Revolvermänner brauche ich nicht.“

Zander lachte. „Hast du das gehört, Hondo?“

„Ich stehe doch nicht auf den Ohren, Cass.“

Zander lachte wieder und wischte sich über das Gesicht. „Ich brauche Geld, Hondo.“

„Ich weiß, Cass. Du bist in Green River City schon ziemlich abgebrannt gewesen.“

„Mehr als das, Hondo. Ich habe Schulden zurückgelassen und sicher auch ein paar Männer, die mir die Pest an den Hals wünschen. Ich könnte dringend irgendeinen Job gebrauchen, wenn er nur nicht zu schwer ist und meinen Händen nicht schadet. Aber er braucht nur einen Revolvermann. Was machen wir denn da?“

„Am besten, du verschwindest“, sagte Hondo.

Zander lachte abermals.

„Weißt du, dass es mich schon immer brennend interessiert hat, wer von uns schneller ist?“

Hondo sah aus den Augenwinkeln, wie der Rancher zu grinsen begann.

„Mich hat es nie interessiert“, gab er zurück.

„Will nicht mal jemand mein Pferd wegführen?“, fragte Zander.

Floyd winkte seinen Cowboys. Zwei rannten gleichzeitig los und führten das Pferd zum Corral hinüber.

„Der Job taugt nichts“, sagte Hondo. „Du kannst dir die Finger verbrennen, Cass. Wir reiten zusammen nach Green River City zurück.“

„Ausgeschlossen, Hondo! Wenn ich ohne Geld nach Green River City komme, gibt es Ärger für mich. Großen Ärger!“

„Dann mach, was du willst! Ich überlasse dir den Job gern.“

Hondo ging zu seinem Pferd.

„Zander, ich zahle zweihundert im Monat und weitere zweihundert für eine Sache, die in ein paar Stunden zu erledigen ist. Aber ich will wissen, was du kannst.“ Floyd kam ein Stück in den Hof.

Hondo wandte sich um.

„Hast du es gehört, Hondo?“

Cass Zander zuckte die Schultern. „Er will es sehen. Ist ja auch verständlich.“

„Bei mir hat er nichts vorher sehen wollen, Cass.“

„Das liegt vielleicht daran, dass deinen Namen mehr Leute kennen als meinen. Also, sei kein Spielverderber! Komm, mein Freund, trage es wie ein Mann und zieh deinen Revolver!“

Hondo war es, als würde sich in seinen Muskeln etwas spannen. Er ging dem lachenden Cass Zander ein Stück entgegen, sah, wie der zur Waffe griff, zog seinen Revolver ohne nachzudenken, hob ihn und wischte in der gleichen Sekunde noch über den Hammer, viel schneller, als Cass etwas gegen ihn tun konnte. Peitschend löste sich der Schuss. Feuer und Rauch fauchten über den Hof, Cass Zanders Waffe machte einen Luftsprung und rutschte durch den Sand. Pulverrauch zerflatterte. In Zanders Gesicht wechselten Enttäuschung und Hass in schneller Folge einander ab. Er trat ein paar Schritte zurück und blickte auf seine Hand, über die ein dünnes Blutrinnsal lief.

Hondo schob den Revolver in die Halfter, ging zu seinem Pferd und stieg auf. Er lenkte das Tier herum und ritt nach Westen, dem verglühenden Horizont entgegen.

Der Rancher, die Frau, Zander und die Mannschaft starrten ihm nach wie einem Geist. Und Butsch Malkin sagte: „Ich habe nie einen Mann gesehen, der noch schneller ist.“

Heston Floyd kam auf Zander zu, nahm dessen Hand und betrachtete sie.

„Er hat dich nicht verletzt. Der Hammer deiner Waffe hat dich gekratzt. Hast du nicht gewusst, dass er schneller ist als du?“

„Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde!“

„Aber du hast es gewusst?“

„Ich brauche Geld, verstehen Sie?“

„Und woher hast du die Sicherheit genommen? Hast du nicht damit rechnen müssen, dass er dich tötet?“

Zander blickte in Floyds kalte Augen, die noch kälter als seine eigenen waren.

„Ich wollte einfach schneller sein. Ich brauche dringend Geld. Er und ich, wir kennen uns schon lange, und ich habe ihm auch einmal sehr geholfen. Wahrscheinlich hat er deshalb ...“ Zander brach ab.

„Ich verstehe schon.“

„Was ist nun mit dem Job? Sie haben gesagt, in ein paar Stunden könnte ich zweihundert Dollar verdient haben.“

„Das kannst du auch.“ Floyd grinste. „Und es ist viel einfacher, als Hondo Corrin zu töten.“

„Nun reden Sie schon!“, zischte Zander.

„Komm mit!“ Floyd nahm seinen Arm und zog den Revolvermann mit sich über die breite Treppe hinauf.

Die Frau kam von der Veranda herunter, ging bis zum Brunnen, setzte sich auf den gemauerten Rand und schaute dem Reiter nach, der direkt in das verglühende Abendrot hineinzureiten schien.

„Der ist schneller als jeder andere, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe“, sagte der Vormann fast ergriffen. Die Frau schaute ihn an.

„Aber warum hat er Killoe dann nicht erschossen?“

„Das hat er doch gesagt. Er geht nur auf Männer los, die eine Waffe haben und sich verteidigen. Er ist nicht das, was wir dachten. Wir hätten gleich den anderen holen sollen.“

Die Frau schaute wieder hinter dem Reiter her. Es war schwarze Nacht, als Hondo in die Stadt einritt. Lichtbahnen fielen aus den Fenstern als lange helle Streifen auf die Straße. Hondo hielt vor dem Office des Marshals, in dem auch noch Licht brannte. Er stieg ab, betrat den Bretterweg und schlug mit der Faust gegen die Tür.

„Wer ist da?“

„Hondo Corrin.“

„Kommen Sie herein!“

Hondo drückte die Klinke nieder, schob die Tür auf und trat über die Schwelle. Hinter sich schob er die Tür zu und lehnte sich dagegen. Marshal Clyde Mercer saß hinter einem primitiven, aus Brettern zusammengenagelten Schreibtisch. Die Wände bestanden aus rohem Holz, ebenfalls die Spinde, der Waffenständer und die Stühle, die wie Kisten mit überstehenden Brettern aussahen. Hinter dem Marshal hing ein Bild des ermordeten Präsidenten Lincoln an der Wand, das ein von Motten zerfressener Trauerflor zierte.

„Was wollen Sie denn noch?“, fragte der Marshal. Hondo überlegte noch, ob es richtig war, was er tat, richtig Zander gegenüber, der ihm einmal aus großer Verlegenheit geholfen hatte. Er versuchte, den Gedanken daran zu verbannen. Wenn dem alten Killoe nichts geschah, würde auch Zander nichts geschehen. Und wenn dem alten Killoe etwas geschah, dann war es Mord.

„Wissen Sie nicht, was Sie wollen?“, knurrte der Marshal unfreundlich.

„Es ist möglich, dass ein anderer versucht, Killoe zu töten“, sagte Hondo mit Überwindung.

„Ein anderer?“ Mercer verzog das Gesicht. „Hier weiß jeder, das Killoe keine Waffe hat, und niemand wird es wagen, seinen Hals zu riskieren. Nicht mal Floyd selbst.“

„Vielleicht ein Mann, den Sie noch nicht kennen“, sagte Hondo.

Mercer stand auf. „Können Sie deutlicher werden?“

„Mehr herauszufinden, ist nicht meine Sache, Marshal. Für Sie ist jetzt nur wichtig, wie schnell Sie sind. Wenn Sie sofort zu Killoe reiten, kommen Sie vielleicht nicht zu spät.“

Mercer kam um den Schreibtisch herum.

„Soll das heißen, es wäre noch ein Revolvermann gekommen?“

Hondo trat zur Seite und öffnete die Tür. „Beeilen Sie sich, Marshal.“

„Sie sind irgendwie ein komischer Mensch, Corrin. Ich glaube, ich habe mich in Ihnen getäuscht.“

„Sie haben bestimmt keine Zeit zu verlieren.“ Hondo ging hinaus, schloss die Tür hinter sich, überquerte den Bretterweg und sprang über die Zügelstange hinweg. Er führte sein Pferd zum Mietstall, vor dem der alte Mann stand, der ihn angrinste.

„Na, Corrin, wieder fünf Dollar für einen alten Mann fällig?“

„Heute müssen Sie sich mit einem begnügen. Dafür kein Papier.“ Hondo zog einen Dollar aus der Tasche und gab ihn dem Mann, und der konnte es sich nicht verkneifen, darauf zu beißen, bevor er ihn in die Tasche steckte und die Zügel nahm. Hondo grinste den Mann an.

„Hat es noch Ärger mit dem Marshal gegeben? Oder ist Mercer das gewöhnt?“

„Jeder ist sich selbst der Nächste, Mister. Das weiß Mercer so gut wie ich. Wenn Sie wieder mal Hilfe gebrauchen können ...“

Hondo nickte. „Ich denke daran.“ Er ging in den Saloon.

Zwei Männer saßen an einem Tisch unter einer großen Lampe. Cora Durante stand an der Theke und strahlte Hondo an. Der Keeper hinter dem Tresen verzog das Gesicht.

„Hondo!“, rief das Mädchen, kam ihm lachend entgegen und hing sich an ihn. „Das ist aber eine Überraschung.“

Hondo ließ sich von dem Mädchen zur Theke schleppen. Cora trug ein durchsichtiges rotes Kleid und hatte schwarze Unterwäsche an. Sie lachte ehrlich erfreut, wie es klang, zog eine Flasche und Gläser über den Tisch und schenkte ein. Untätig blickte der Keeper zu, während er zischte: „Denken Sie an das, was ich gesagt habe, Corrin!“

„Was hat er gesagt, Hondo?“, fragte das Mädchen.

„Dass du ihm gehörst, Cora.“

Das Mädchen stellte das schon angehobene Glas auf die Theke zurück.

„Bin ich mit dir verheiratet, Quincy?“

„So lange du hier in meinem Haus wohnst, so lange gehörst du mir“, erklärte der dicke Mann schroff. „Und wer was anderes denkt, ist auf dem Holzwege.“

„Der Teufel soll dich holen!“, schimpfte das Mädchen. Quincy Sumner nickte gleichgültig. „Trotzdem gehörst du mir! Solltest du es vergessen, werfe ich dich auf der Stelle hinaus.“

Hondo nahm sein Glas und trank einen Schluck.

„Ich bin auch viel zu müde, um eine große Feier durchhalten zu können. Nimm es nicht zu tragisch, Cora!“

 

 

4

Als Cass Zander den schief hängenden Corralzaun und die beiden Hütten in der Nacht erkannte, zügelte er sein Pferd. Im Corral schickte ein Pferd ein trompetendes Wiehern in den schwarzen Himmel. Zander fluchte und sprang mit einem Satz aus dem Sattel. Ein Knarren hallte über den Hof.

„Ist da jemand?“, fragte eine Stimme.

Cass Zander stand geduckt neben seinem Pferd, die Hand auf dem Kolben des Revolvers. Er zog die Waffe langsam, ging von seinem Pferd weg und auf die geduckten schwarzen Schatten der Hütten zu, bei denen er absolut nichts zu erkennen vermochte.

Das Schnappen eines Gewehrverschlusses hallte über den Hof. Im Corral wieherte das Pferd wieder. Zander zog den Revolver und spannte den Hammer.

„Mister Killoe?“, fragte er.

„Wer sind Sie?“

Zander lachte leise. „Ein guter Freund, Mister! Haben Sie denn keine Lampe?“

„Steigen Sie auf Ihr Pferd und verschwinden Sie!“, zischte die Stimme aus dem Dunkel.

Zander machte noch einen Schritt vorwärts, aber so sehr er seine Augen auch anstrengte, er konnte den Mann noch immer nicht sehen.

„Hören Sie nicht?“, knurrte der alte Mann. „Steigen Sie auf Ihr Pferd und verschwinden Sie!“

Zander richtete den Revolver dorthin, von wo die Worte gekommen waren und drückte ab. Krachend entlud sich die Waffe, der jäh aufspringende Flammenblitz blendete Cass Zander, so dass er den Mann bei der Hütte nicht erkannte. Zugleich schlug die Kugel pochend in die Holzwand. In der nächsten Sekunde entlud sich das Gewehr, und da sah Zander den Mann vor der aufgeschwungenen Hüttentür. Die Kugel ging an seinem Kopf vorbei.

Zander schoss wieder, hörte aber nur das plötzliche Klirren von Glas und einen lästerlichen Fluch. Er machte einen Satz nach rechts, sah die nächste Mündungsflamme auf sich zuspringen, konnte die Kugel aber nicht pfeifen hören. Er feuerte zurück, hörte den Mann ächzen und gegen die Hütte prallen, ging in die Hocke und wartete.

Das Krachen der Schüsse war in der Nacht zerflattert.

Cass Zander hörte den Mann stöhnen, konnte ihn aber immer noch nicht im Dunkel erkennen. Er schlich weiter vorwärts, bis er einen undeutlichen Schatten sah, der sich an der Wand entlang schleppte und dann jäh zusammenbrach. Zander wartete ein paar Sekunden. Der Mann auf dem Boden schien sich zu bewegen, aber genau konnte der Revolvermann es nicht sehen. Schließlich wagte er sich noch näher heran, hörte ein leises Stöhnen, streckte die linke Hand aus, berührte den Liegenden am Arm, griff zu und zog ihn mit einem Ruck auf den Rücken, bereit, sofort wieder auf ihn zu schießen. Aber der Mann blieb so liegen.

Zander richtete sich auf, zog ein Schwefelholz aus der Hosentasche und rieb es auf der Trommel des Revolvers an. Die aufspringende Flamme zog die nähere Umgebung aus der tiefen Dunkelheit. Sein Schatten bewegte sich zuckend an der Wand entlang. Dem Mann auf dem Boden lief das Blut aus dem Mund. Seine Lippen bewegten sieb, aber Worte brachte er schon nicht mehr hervor. Zander sah, wie dem Verletzten das Licht in den Augen brach. Da erreichte die Flamme seine Finger. Er ließ das Holz fallen und sah es im Flug zum Boden verlöschen. Er suchte nach einem zweiten Schwefelholz, rieb es wieder auf der Trommel des Revolvers an, und als der grelle Lichtschein auf den Mann am Boden fiel, war der bereits tot.

„Na also“, sagte Cass Zander, rieb die Flamme zwischen den Fingern aus, lud im Dunkel seinen Revolver nach, ging zu seinem Pferd und stieg in den Sattel.

Das Pferd schnaubte leise. Hufschlag hallte auf und verklang in der Nacht.

 

 

5

Marshal Clyde Mercer zügelte sein Pferd, als er den Eckpfosten des Corrals erkannte. Er stellte sich in den Steigbügeln und rief: „Killoe! - Killoe, ich bin es, der Marshal!“

Das Schnauben eines Pferdes kam aus der Nacht. Mercer setzte sich in den Sattel zurück, ritt langsam weiter und sah schließlich die geduckten Schatten der windschiefen Hütten. Er hielt wieder an und stieg ab.

„Killoe?“, rief er.

Die Unruhe, die ihn gepackt hatte und die er sich noch nicht zu erklären vermochte, trieb ihn weiter. Die Wohnhütte wurde deutlicher. Schließlich erkannte der Marshal die Wand und die offenstehende Tür. In der nächsten Sekunde stieß er gegen den Toten, sprang erschrocken zurück und griff zur Waffe. Er schaute hinunter auf den Boden und sah den hellen Fleck des Gesichts. Mercer ging in die Hocke, legte die Hand auf den Mann. „Killoe?“

Details

Seiten
166
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933895
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505124
Schlagworte
töte hondo

Autor

Zurück

Titel: Töte, Hondo, töte!