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Die Erde brennt

2019 314 Seiten

Zusammenfassung


Der militärische und energetische Wettlauf zwischen Pelargonien und Dahlien erreicht einen neuen Höhepunkt, als beide Länder gleichzeitig am Prinzip der Protonenzertrümmerung arbeiten. Dr. Davertshoven weiß nicht, dass sein Vater und seine Tochter noch leben und auf der gegnerischen Seite an diesem Projekt arbeiten. Als seine Tochter jedoch fliehen will, kommt es zur Katastrophe, die unheilvolle Protonenzertrümmerung wird ausgelöst und entwickelt sich zu einer Kettenreaktion, die auf den ganzen Planeten zugreift.

Leseprobe

Table of Contents

Die Erde brennt

Copyright

1

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9

Die Erde brennt

Utopischer Roman von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 314 Taschenbuchseiten.

 

Der militärische und energetische Wettlauf zwischen Pelargonien und Dahlien erreicht einen neuen Höhepunkt, als beide Länder gleichzeitig am Prinzip der Protonenzertrümmerung arbeiten. Dr. Davertshoven weiß nicht, dass sein Vater und seine Tochter noch leben und auf der gegnerischen Seite an diesem Projekt arbeiten. Als seine Tochter jedoch fliehen will, kommt es zur Katastrophe, die unheilvolle Protonenzertrümmerung wird ausgelöst und entwickelt sich zu einer Kettenreaktion, die auf den ganzen Planeten zugreift.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

EIN MANNSHOHER KAKTUS STEHT OBERHALB DER verwehten Fahrspuren am Hang. An seinem Fuß lehnt eine verwitterte, sandzerblasene Tafel, wie man sie an vielen Straßen der Welt findet. „The life you save may be your own.“ Davor liegt eine leere Colaflasche, über deren Mundstück eine Spinne kriecht, seitlich ein halb versunkener, rostfleckiger Kanister. Zwischen den dickfleischigen, stachelbewehrten Blättern hängt an einer Drahtschlaufe ein blechernes Warnschild. „Gefahr!“

Die roten Buchstaben, unter Wetter und Sonne verblasst, scheinen müde geworden zu sein, ins Leere zu schreien. Kein Leben ringsum. Die Hitze flimmert über der gelb-grauen Wüste und lässt alle Konturen in einem glasigen Meer zitternder Wellen verschwimmen. Weit hinten, wo die dunklen Umrisse einer kahlen Hügelkette abschließen, erscheint eine Industrieanlage mit einem Schachbrett flacher Hallen – mehr fahles Phantom als Wirklichkeit.

Blackhill, Pelargonien.

Im Innern des Berges ist nicht viel von der Glut zu spüren, die auf der Wüste lastet. Nur ein fader, lauer Dunst, der sich den saugenden Ventilatoren entzieht, steht wie Gefängnisluft zwischen den glatten Betonwänden des fensterlosen Wachraums. Trotzdem leckt Dick Carrester immer wieder mit der feuchten Zunge über die Lippen, als fürchte er, sie könnten spröde werden. Außerdem kaut er unaufhörlich an seinem Gummi. Trotzdem hat er einen schlechten Geschmack im Mund. Er ist nervös und weiß nicht recht, was er mit seinen zweihundert Pfund anfangen soll. Die Beweglichkeit des Schaukelstuhls, auf dessen Vorderkante er sprungbereit sitzt, irritiert ihn. Seine rechte Hand verlässt den Kolben der Pistole kaum. Er horcht und horcht. Die Stille beklemmt ihn – die Stille und das, was hinter ihr existiert. Das ist seine erste Wache in Blackhill, und in Blackhill schweigt hinter den glatten Stahltüren etwas Unheimliches, das sich nicht mehr mit Händen greifen lässt.

Sergeant Jeff Briau befindet sich zwischen Tag und Traum in jenem Schwebezustand des Gelöstseins, in dem sich Körper und Seele zu trennen scheinen. Er liegt lang ausgestreckt auf seinem Schaukelstuhl. Die Füße ruhen zwischen Telefon und Wachbuch auf dem niedrigen Tischchen. Vor seinem inneren Auge gaukelt ein kleines Haus zwischen Blumenrabatten, das er sich irgendwann bauen will. Es wird Zeit für ihn, wenigstens davon zu träumen. Seine Schläfen sind schon grau, und das Gesicht zeigt scharfe Falten.

Die Lider zucken hoch, als Dick Carrester hastig herumfährt. Ah, der Neue! Da hockt dieser junge Bulle und fingert an seiner Pistole herum, als sei es Nacht in einem dieser verdammten Tropenwälder, in denen hinter dem nächsten Baum der Tod lauert, gedeckt von hundert unbestimmbaren Geräuschen, so dass man wild drauflos knallt, weil die Nerven das Ungewisse nicht mehr ertragen. Anfänger!

„Sie haben euch den Kopf verdreht“, murmelt er. „Du brauchst keine Angst zu haben, mein Junge.“

Dick Carrester wischt mit der feuchten Handfläche über die gelbbraune Hose und lässt den Körper etwas zurücksinken. Er fühlt sich ertappt und schämt sich. Der Sergeant wird einen netten Eindruck von ihm bekommen.

„Ich habe keine Angst“, leugnet er trotzig. „Es ist nur …?“

Er findet nicht die richtigen Worte und schließt mit einer Schulterbewegung ab, während sein rundes, überernährtes Gesicht einen schmollenden, sehr kindlichen Ausdruck annimmt.

Jeff Briau seufzt und zwingt sich, die Augen vollends zu öffnen. Er hat einigen Widerwillen und eine Spur Verachtung gegen diese jungen Kerle, die mit Milch und Schokolade überfüttert wurden, ohne dass ihr Gehirn einen Nutzen davon hatte, aber er weiß, dass es zu seinen Aufgaben gehört, sich des Jungen väterlich anzunehmen.

„Schon gut“, begütigt er. „Ich habe das selbst durchgemacht. Sie stopfen einen mit Vorschriften und Warnungen voll wie eine Maschine mit Sprit, bis man meint, etwas unternehmen zu müssen, damit man nicht platzt. Vor lauter Pflichteifer wird man nervös. Dann sitzt man da und weiß nicht, wohin, weil ringsum einfach nichts ist, woran man sich ausarbeiten könnte – einfach nichts. Das ist das Gefährliche an Blackhill, mein Junge. Immer nur warten, dass die Zeit vergeht. Dabei kann es einem leicht passieren, dass man unversehens auf sich selbst stößt. Und für manche ist es das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Verdammt merkwürdig! Eines Tages fängt man an, über sich nachzudenken, und dann hört es nicht wieder auf. Schließlich weiß man nicht einmal mehr, ob man wirklich der patente Bursche ist, für den man sich immer gehalten hat.“

Dick Carrester schielt zu ihm hin und überlegt, was er antworten soll. Der Sergeant gehört zu den Alten und hat das Recht, zu schwätzen, aber es wäre besser, er würde etwas sagen, womit sich etwas anfangen ließe.

„Sie haben uns eingeschärft, dass es auf die Sekunde ankommt. Wenn wirklich jemand hier eindringt …?“

„Vergiss das Zeug“, unterbricht Briau gutmütig. „Blackhill ist hundertfach gesichert. Wir sitzen hier nur herum, weil es nun einmal zum Schema gehört. An den Stahlschrank nebenan kommt auch ohne uns niemand heran. Und die an ihn herankommen, kümmern sich nicht um uns. Davertshoven könnte uns prellen, auch wenn wir dabei ständen.“

Dick Carrester zieht langsam die Brauen hoch, so dass sich auf der Stirn dicke, speckige Falten zusammenschieben. Man sieht seinem Gesicht an, dass ein Gedanke in ihm arbeitet.

„Hm, meinst du wirklich?“, horcht er nach einer Pause. „Er ist Geranier, nicht wahr?“

„Wissenschaftler.“

„Wieso? Wenn er Geranier ist, könnte ich mir denken …?“

„Er ist ein besserer Pelargonier als du oder ich“, unterbricht Briau abermals. „Vielleicht möchte er insgeheim lieber Geranier sein, aber er weiß bestimmt, was er an uns hat. Es genügt nämlich nicht, dass sich einer darauf versteht, aus diesen Protonen Kleinholz zu machen. Dazu gehört nebenbei eine Masse Geld. Das kann er nur von uns bekommen. Freilich – da sind auch noch die Dahlier. Hm, nichts gegen Davertshoven, aber ich traue den Wissenschaftlern nicht. Das ist so ungefähr wie bei den Autos, wenn du verstehst, was ich meine. Man kann nichts gegen sie sagen, aber sie lassen sich nun einmal von jedem fahren, der ihnen genügend Gas gibt.“

„Viel Gas, nicht?“

„Wenn schon“, knurrt Briau unfreundlich aus einem plötzlichen Widerwillen heraus. „Pass auf, dass dir das Wasser nicht aus dem Munde läuft. Ich kann Leute nicht leiden, die sich ausrechnen, wie viel Flaschen Schnaps oder wie viel Tafeln Schokolade sie für das Geld bekommen würden. Das ist eine politische Sache. Davertshoven könnte betteln gehen, wenn wir sein Zeug nicht brauchten. Um die Wissenschaft allein kümmert sich kein Hund. Du würdest jedenfalls keinen Cent ausgeben, um zu erfahren, was da in den Atomen vor sich geht. Ich auch nicht. So neugierig ist kein Mensch, um alles wissen zu wollen. Wie ich Swanscomme kenne, würde er auch lieber die Sandkiste dort draußen bewässern, als eine Million nach der anderen in diese Protonenzertrümmerung zu stecken.“

 

*

 

Staatssekretär Wesley Swanscomme würde in der Tat lieber die Wüste bewässern. Er ist Farmer geblieben, und sein jetziges Amt behagt ihm weniger als alle anderen, die er bisher inne hatte. Da sind zu viel Unbekannte im Spiel, und er wird allmählich zu müde, um solche Verantwortungen zu übernehmen. Sein derbes, bäuerliches Gesicht enthält zwar noch viel Kraft und Schläue, wird aber unter den grauen Schleiern des Alters bereits weich. Das silberweiße Haar glänzt festlich. Wesley Swanscomme ist etwas eitel, wenn es um seinen Kopf geht. Dafür trägt er einen Anzug, dessen Hose schon längst keine Bügelfalten mehr kennt. Er gesteht gelegentlich zwinkernd, dass er das seinen Wählern schuldig sei, um ihnen die Landverbundenheit glaubhaft zu machen.

Er fühlt sich nicht wohl, während er durch den schmalen Gang geht, dessen schwammiger, roter Gummiboden den Fuß weich und saugend abfängt. Weit oben hängen Leuchtröhren an einem Streifen grauer Betondecke. Rechts und links schließen die Kondensatorenbänke wie die hohen Wandgitter eines Gefängnisses ab, je acht endlose Batterien mit matt blinkenden Röhrensätzen und steifdrahtigen Kupferleitungen übereinander. In der starren Anordnung liegt etwas Bedrohliches. Blackhill arbeitet mit unheimlichen Energien. Vielleicht bleibt nichts als ein Häufchen Asche, wenn man diese Leitungen streift. Und die Stille bedrückt. Kein Laut ringsum. Irgendwo dort draußen gibt es Berge und Felder, aber sie sind jetzt nicht mehr als ferne, sich auflösende Erinnerung. Vor ihnen geistert der verwirrende Spuk dieses Rundgangs – Emissionsröhren, Stickstoffschalter, Controller, Kabel, kopfgroße Stecker, Rippenleitungen und dieses Ungeheuer von Beschleuniger mit seinen Magnetwülsten. Es wäre gut, jetzt unter dem Himmel zu gehen und Ähren durch die Hand gleiten zu lassen.

Wesley Swanscomme schüttelt unwillig die Beklemmung von sich ab und blickt sich nach seinem Begleiter um. Er ist überrascht, ihn dicht hinter sich zu entdecken. Er ist zugleich froh, denn das Empfinden des Unwirklichen, das ihn eben beängstigen wollte, verschwindet sofort. Karl Davertshoven ist handgreiflich genug, ein Hüne von einem Mann, den man trotz seiner Größe noch als gedrungen bezeichnen kann. Sein Kopf wirkt so fest, als könne man mit ihm eine Wand durchrammen. Das graumelierte, borstige Haar ist kurz geschnitten – in jener eigentümlichen, gleichmäßigen Kürze, wie man sie bei entlassenen Sträflingen findet. Über dem grob geschnittenen Gesicht liegt eine bittere Härte. Um den Mund herum sitzen tiefe Falten, als wären sie mit einem schartigen Messer aus Holz herausgeschnitzt worden. Die Stirn ist stark gebuckelt. Die Augenbrauen bilden dicke Wülste. So sieht ein Mann aus, der jenseits aller menschlichen Verbindlichkeiten steht, vielleicht sogar jenseits von Gut und Böse.

„Ah, Sie sind da?“, sagt Wesley Swanscomme erleichtert. „Ich hörte Sie nicht. Reichlich still hier, nicht? Ich überlegte eben, was wohl übrig bleibt, wenn man in diese Drähte gerät. Als Junge habe ich einmal in einen Schalter hineingegriffen. Das reichte mir schon. Sie sprachen von dreihundert Millionen Elektronenvolt, nicht?“

„Das ist die Endleistung des Beschleunigers“, antwortet Karl Davertshoven gleichgültig. „Sie können hineingreifen. Die Bänke sind abgeschaltet. Diese Tür voraus, bitte.“

Der Staatssekretär geht wieder stumm voran. Reichlich unfreundlich, dieser Davertshoven. Es wird nicht leicht sein, sich mit ihm zu einigen.

Sergeant Briau steht im Nu auf den Füßen, als die Stahltür geöffnet wird. Gleich darauf knallt er die Hacken zusammen, drückt den Brustkorb gewaltsam heraus und steht überstraff wie eine Holzpuppe, die man mit einem Finger umwerfen kann. Wesley Swanscomme mustert ihn wie einen Irren. Dick Carrester öffnet den Mund und vergisst, ihn wieder zu schließen.

Karl Davertshoven bleibt vor dem Sergeanten stehen. In seinen Augen funkelt die Andeutung einer Belustigung.

„Nicht schlecht, Jeff. Zur Karikatur reicht’s. Trotzdem hatten Sie die Füße auf dem Tisch.“

„Nein, Herr Hauptmann!“, meldet Briau lautstark und geradeaus wie ein Rekrut.

Karl Davertshoven lächelt karg.

„Schade, Jeff. Diesmal hatte ich die Kanten präpariert. Sie sollten sich die Rückseite Ihrer Hose ansehen.“

Jeff Briau verzichtet auf die Pose und blickt schnell nach seinen Waden. Von dem gelbbraunen Tuch heben sich dunkle Streifen ab.

„Oh – verdammt!“

„Eben.“

„Zählt für Sie, Chef“, grinst Briau, nickt Davertshoven freundschaftlich zu und reißt die Gegentür auf.

Karl Davertshoven lässt seinen Besucher vorangehen und schließt die Tür hinter sich. Das ist sein Arbeitsraum, nicht mehr als ein technisches Büro mit den üblichen Zutaten, das dem Gehirn eines hypermodernen Innenarchitekten entsprang. Selbst die Sesselgruppe scheint nur um der Zweckmäßigkeit willen zu existieren. Für Davertshoven ist der größte Luxus das Fenster in der Felswand, durch das er auf die gelb-flimmernde Wüste hinausblicken kann. Nicht viel von der Natur, aber mehr würde vielleicht schmerzen.

„Was war das?“, fragt Swanscomme mit einer Kopfbewegung gegen die Tür.

Karl Davertshoven zuckt mit den Achseln.

„Ein Scherz. Jeff möchte mir unter die Nase reiben, dass ich trotz meiner pelargonischen Staatsbürgerschaft geranischer Soldat bin. Ich überführe ihn im Gegendienst, dass er trotz seiner Uniform pelargonischer Bürger ist. Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Swanscomme.“

Wesley Swanscomme setzt sich vorsichtig in den Stahlrohrsessel, nachdem er probeweise die Faust gegen die gespannte Stoffbahn gestoßen hat. Er ist ein moderner Mensch, aber da hockt doch irgendwo eine kleine, atavistische Zwangsvorstellung, dass der Stoff zwischen den blinkenden Rohren reißen könnte. Ein richtiger Sessel wäre ihm jedenfalls lieber.

Er räuspert sich und ärgert sich zugleich, dass er es tut. Er hat es nicht nötig, sich unsicher zu fühlen. Eine dumme Art von Davertshoven, die Leute immer wieder zu einem neuen Anlauf zu zwingen. So klingt seine Stimme unmutig.

„Ahem – Sie wissen ja schließlich selbst, weshalb ich gekommen bin, nicht wahr? Eine runde Million an neuen Mitteln. Tut mir leid, aber ich werde Sie enttäuschen müssen. Die Zerfallskammer ist bereits mehrschichtig isoliert. Bisher glaubten Sie auch, damit auszukommen. Ich verstehe nicht, warum Sie plötzlich alles umwerfen wollen. Immer etwas Neues, immer wieder Geld.“

Karl Davertshoven beendet, halb über den Schreibtisch gebeugt, eine Notiz auf seinem Merkblatt. Seine Gedanken sind weder bei ihr noch bei dem, was Swanscomme sagt. Da ist diese neue Idee, die er verfolgen muss.

Wie nun, wenn die Unbekannten auf die besonderen Bedingungen des irdischen Experimentierfeldes zurückzuführen sind? Die Strukturen werden nicht einmal im absoluten Vakuum zerbrochen, geschweige denn im physikalischen Nichts. Diese Erdsphäre ist im Grunde nicht mehr als eine Brown’sche Nebelkammer mit reichlich sekundären und tertiären Wirkungen. Da sind nicht nur die Luftmoleküle, sondern auch Gravitation, Elektrizität, Lichtquanten und Strahlungen aller Art. Liegen hier die Ursachen für die Unmöglichkeiten?

Die Fragen zucken wie Wetterleuchten. Karl Davertshoven möchte allein sein und in sich hineinhorchen. Irgendwann muss der Blitzschlag des Erkennens kommen. Allein sein! Dieser Staatssekretär ist ihm lästig. Nichts gegen Swanscomme, aber er steht für die Behörde, mit der er bis zum Überdruss gefochten hat. Was will der Mann? Das liegt doch alles schriftlich vor. Erwartet man von ihm, dass er hofieren soll?

Karl Davertshoven wendet sich widerwillig vom Schreibtisch ab und geht zu einem der Sessel.

„Ich habe Ihnen die Unterlagen geschickt“, sagt er barsch. „Die Konstruktion wurde vor drei Jahren entworfen. Inzwischen hat sich aus unseren speziellen Untersuchungen die Unzulänglichkeit ergeben. Wir verfügen bestenfalls über einfache Sicherheit, während schon für das gewöhnliche Experiment zehnfache Sicherheit verlangt wird. Ich halte sie in diesem Falle mehr als je für angebracht und will froh sein, wenn sie ausreicht. Wir müssen die Zerfallskammer in ein Vakuum einbauen. Das erfordert umfangreiche Arbeiten.“

„Und die Kosten!“, murrt Swanscomme unfreundlich. „Ich habe sie zu verantworten. Fordern lässt sich leicht.“

Karl Davertshoven zieht die Brauen zusammen. Er wird ungeduldig.

„Was soll das? Ist Pelargonien so arm geworden, dass es wegen einer Million knausern muss?“

Wesley Swanscomme blickt ihn voll Ärger an.

„Ihr Physiker seid sehr großzügig, wenn es ums Geld geht, nicht wahr? Sie vergessen, wie viel Pelargonier Steuern zahlen müssen, um eine Million zusammenzubringen.“

„Ich verzichte auf soziale Vorlesungen“, erwidert Davertshoven schroff. „Ich habe zu arbeiten.“

„Ungeselliger Bursche!“

Karl Davertshoven zuckt nur mit den Achseln. Wesley Swanscomme bemüht sich, seinen Unmut zu schlucken. Es hat keinen Zweck, in dieser Tonart weiter zu verhandeln. Davertshoven ist so nicht beizukommen. Er hält die Trümpfe in der Hand und muss dazu gebracht werden, sie auszuspielen. Wozu ist man Diplomat? Wozu ist man der joviale, alte Swanscomme?

„Seien Sie friedlich, Davertshoven“, lächelt er versöhnlich. „Meinetwegen sollen Sie sogar Recht haben. Im Grunde kommt es nicht auf das Geld an, sondern auf die Zeit. Ich kann Ihnen die Million bewilligen, nicht aber diese drei Monate. Wenn Sie das Experiment morgen durchführen würden, könnten Sie von mir aus sogar hundert Millionen haben. Die Zeit – das ist der kritische Punkt. Ihre neuen Vorschläge bedeuten einen Verlust von Monaten, den wir uns nicht leisten können. Das müssen Sie doch verstehen.“

Karl Davertshoven ist schon lange wieder weit, weit hinten, wo in ihm die Wetter leuchten. Wenn der Verdacht zuträfe, dann müssten die Strukturen unter Umständen entstanden sein, die im Forschungsraum nicht vorliegen, irgendwo und irgendwie unter den idealen Bedingungen X, unter denen sich die reinen Gesetzmäßigkeiten strukturieren konnten. Wie nun, wenn …?

„Nein“, murmelt er gleichgültig von der Oberfläche des Bewusstseins her. „Vielleicht drücken Sie sich deutlicher aus. Ich bin kein Diplomat.“

Wesley Swanscomme beugt sich vor und gibt seiner Stimme Nachdruck. Seine leicht gelblichen, von feinen roten Adern durchzogenen Augen belauern das Gesicht Davertshovens. Jetzt spielt er seine wichtigste Karte aus, und er will sehen, wie diese Karte sticht.

„Die Dahlier besitzen die gleiche Anlage zur Protonenzertrümmerung wie wir. Sie kann morgen in Betrieb genommen werden.“

Karl Davertshoven spürt den Ruck fast körperlich in sich. Das ist, als fiele ein stählerner Vorhang zu hart. Die Bühne im Hintergrund ist jäh abgeriegelt. Alles ist vorn, alles ist Gegenwart. Da ist kein Problem mehr, sondern eine Gefahr, die wie ein stürzender Berg kommt.

Er horcht den Worten nach. Seine Lippen verziehen sich zu einem ungläubigen Lächeln.

„Die Kanzlisten? Sie haben sich einen Bären aufbinden lassen.“

Wesley Swanscomme ist befriedigt und drückt nur sanft nach.

„Halten Sie unsere Leute vom R.B.I. für Anfänger? Die Nachricht stimmt, verlassen Sie sich darauf. Im Übrigen werden Sie selbst nachprüfen können. Ich habe den Gewährsmann hierher beordert. Er kann jeden Augenblick eintreffen. Ich lege Wert darauf, dass Sie sich die Unterlagen ansehen.“

Karl Davertshoven hat sich bereits abgefangen, aber er bleibt jetzt anwesend. Die Protonenzertrümmerung ist das lebende, das aktuelle Werk, seine Arbeit vieler Jahre. Über ihr wird alles andere unwichtig.

„Was soll der Unsinn?“, fragt er barsch. „Wollen Sie mich bluffen, oder haben Sie sich von den Kanzlisten bluffen lassen? Meine Forschungsansätze sind so ungewöhnlich, dass so leicht kein anderer auf sie kommt. Außerdem müssten sie viele Jahre zurückreichen. Ich würde davon wissen. Nein – das ist einfach ausgeschlossen.“

„Und wenn nicht? Wenn die Dahlier tatsächlich genau so weit wären wie wir – würden Sie dann einsehen, dass ein Risiko eher in Kauf genommen werden kann als der Verlust von Monaten?“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein!“

Er setzt das Wort wie einen Steinblock in den Raum. Das ist eine eindeutige und endgültige Entscheidung. Sie beendet für Davertshoven das Gespräch. Er wartet nur noch darauf, dass sich sein Besucher erhebt und sich mit kühlen Redensarten verabschiedet.

Wesley Swanscomme denkt nicht daran, zu gehen. Er ist enttäuscht, aber er bemüht sich sofort, die Verstimmung zu überwinden. Behutsam setzt er eine Fingerspitze gegen die andere und hebt sie wieder ab. Man hat noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Ekelhaft eigensinnig, dieser Davertshoven, aber ein grober Klotz lässt sich immer noch leichter behandeln als ein glatter Aal. Nein – einfach nein. Damit kommt man nicht weiter. Also, bitte leicht und freundlich.

„Wir wollen uns vernünftig unterhalten, Davertshoven. Ich brauche Ihnen ja wohl kaum zu sagen, was ein Vorsprung der Kanzlei-Union bedeuten würde. Offen gestanden – wir waren wie erschlagen, als wir davon hörten. Damit hatte keiner von uns gerechnet. Mesonsk?! Kein Mensch ahnte etwas von diesem Mesonsk, geschweige denn von dem, was dort geschieht. Die Geschichte sieht übel aus, wirklich übel. Sie sind zwar kein Politiker, aber Sie werden hoffentlich begreifen ...“

„Sparen Sie sich das“, fällt Davertshoven schroff ein. „Ich bin kein Idiot. Jedes Kind weiß, was gespielt wird. Ich bin aber auch kein Idiot, wenn es um meine Arbeit geht. Ihr Bluff ist albern. Sie werden mir nie erzählen können, dass die Dahlier ein ähnliches Werk besitzen. Sie sind Politiker. Wenn Sie Wissenschaftler wären, würden Sie so etwas nicht erst versuchen.“

Wesley Swanscomme lehnt sich zurück. Er fühlt sich plötzlich müde. Es wäre besser, nichts zu sagen, sondern einfach abzuwarten, bis Jan Morlis eintrifft.

„Ich verstehe. Sie misstrauen mir? Nun, ich bin wirklich kein Wissenschaftler. Ich bin nur ein Staatssekretär, der einige Verantwortung auf sich genommen hat. Und daneben bin ich ein alter Mann mit einem ganzen Leben hinter sich, der die Erfahrung gemacht hat, dass sich die billigen Tricks nicht lohnen.“

Karl Davertshoven wirft ihm einen schnellen Blick zu, dann starrt er vor sich hin. Teufel, das war peinlich! Ein Mensch und ein Mann. Dieser weißhaarige Swanscomme könnte ein lieber Gast sein, mit dem man sich bei einem Glase Wein behutsam über die vorletzten und letzten Dinge ausspricht. Eine dumme Angewohnheit, die da noch immer im Blut steckt, immer nur die Schablone zu sehen. Ein Staatssekretär ist ein Staatssekretär, ein General ein General. Der Mensch dahinter wird nicht einmal gesehen, obgleich er sein Gesicht zeigt. Bequem, sich an den Titel zu halten und sonst nichts zu bemerken, aber gefährlich. Die Menschen werden zu Marionetten – Holz hinter einem charakteristischen Flitter. Zu Befehl, Herr Oberst. Aus! Dabei weiß man, dass jeder ein Mensch ist wie du und ich.

„Ich misstraue nicht Ihnen persönlich, sondern Ihren Informationen“, lenkt er mit etwas Wärme ein. „Aber wir brauchen uns auch darüber nicht zu streiten. Selbst wenn Ihre Informationen zutreffen, kann ich mich nicht anders entscheiden. Ich begreife Ihre Nöte als Politiker, aber ich übernehme unter keinen Umständen die Verantwortung für eine Katastrophe.“

„Katastrophe?“, wiederholt Wesley Swanscomme vorsichtig. „Das ist ein großes Wort, nicht wahr? Was verstehen Sie darunter? Haben Sie Angst, dass Sie in die Luft fliegen?“

„Angst?“

Die Verwunderung steigt in Karl Davertshoven auf. Es ist, als horche er sich ungläubig ab. Dann geht ein Lachen über sein düsteres Gesicht. Dieses lautlose Lachen hat jedoch etwas Furchtbares an sich. Es verzerrt seine Mienen zu einer Grimasse der Schmerzen.

„Angst?“, sagt er noch einmal, während er sich aus dem Sessel hochdrückt und zum Fenster tritt. „Hat eine Maschine Angst, Swanscomme? Dort draußen die Wüste – hat diese Wüste Angst?“

„Sie sind ein Mensch“, murmelt Swanscomme.

„Eine Denkmaschine über einer Wüste“, setzt Davertshoven mit einem Anflug von Hohn dagegen. „Sie sollten sich wirklich besser unterrichten lassen.“

Wesley Swanscomme seufzt. Eben war der Kontakt da, und schon geht alles wieder daneben.

„Tut mir Leid, Davertshoven. Ich wollte Sie nicht verletzen. Ich weiß natürlich, dass Sie Ihre Angehörigen verloren haben.“

Karl Davertshoven lehnt sich neben dem Fenster an die Wand. Das rötliche, seitlich einfallende Licht, das sich durch den Felsentunnel des Fensters bis zu seinem Gesicht findet, mildert die Härte seiner Züge.

„Ihr Glück, Swanscomme“, sagt er nachdenklich, fast wie im Selbstgespräch. „Noch mehr Glück für Pelargonien. Wie leicht könnte ich sonst auf den Einfall kommen, morgen das Experiment zu starten. Aber ich weiß, was es bedeutet, ein paar Menschen zu verlieren, an denen man hängt. Ich wünsche es keinem anderen. Ich besaß einmal einen Vater, Swanscomme. Ich war nichts als ein Stück von ihm. Ich hatte eine Frau und ein Kind. Wir liebten uns – falls Sie wissen, was das heißt. Zehn Jahre meines Lebens dafür, mit ihnen noch einmal eine einzige Stunde zusammen sein zu können. Mein Vater, meine Frau, mein Kind – sie starben an einem Tage, und irgendwer hat sie mit tausend anderen zusammen in ein Grab geschaufelt. Pelargonische Bomben, Swanscomme.“

Wesley Swanscomme blickt auf seine Finger. Verdammter Einfall, das Thema anzuschneiden. Davertshoven ist alles andere als ein Halbstarker. Der Mann hat da etwas in sich eingesargt, an das man besser nicht rührt, wenn es keine Explosion geben soll.

„Tut mir wirklich leid“, murmelt er. „Kann es verstehen, wenn Sie uns hassen.“

Karl Davertshoven weicht den Schatten aus, die in ihm hochgeistern. Er drückt sich von der Wand ab und kommt zurück, bleibt aber am Schreibtisch stehen. Er spricht ruhig und sachlich.

„Ich habe nicht gehasst. Ich bin nur gestorben – soweit es das betrifft. Wenn Sie das begreifen könnten, würden Sie wissen, dass ich für mich persönlich keine Angst vor einer Katastrophe habe. Ich denke nur an die Millionen Menschen, die auf dieser Erde leben und sich lieben. Ich mag diese Menschen und alle anderen, die sonst noch existieren, nicht riskieren.“

„Hm – man hat auch bei den ersten Kernspaltungen schon mit der großen Katastrophe gerechnet, nicht wahr? Die Befürchtungen haben sich alle als unbegründet erwiesen. Meinen Sie nicht, dass das auch jetzt wieder der Fall sein wird?“

Karl Davertshoven zuckt mit den Achseln.

„Die Wahrscheinlichkeit für eine Katastrophe ist vielleicht nicht größer als die Wahrscheinlichkeit für das Gegenteil. Wenn Sie aber schon mit den Kernspaltungen vergleichen, so bedenken Sie bitte, dass diese nur sehr geringe Energien freimachten. Bei ihnen handelte es sich nur darum, einen Kern an seiner schlechtesten Verleimungsstelle aufzureißen, also dort, wo eine ziemlich schwache Naht zwei Strukturgruppen miteinander verbindet. Das konnte bestenfalls eben die Atombombe ergeben. Bei der viel stärkeren Heliumbombe werden schon Kernbindungskräfte freigemacht, wenigstens sogenannte Kernbindungskräfte, die man aus der Vereinigung von Atomen niederer Ordnung gewinnt. Vom Tritium haben Sie ja wohl genug gehört. Das ist alles noch harmlos. Wir wollen aber nun die Protonen und Neutronen selbst angreifen, um sie zu Mesonen oder Strukturelektronen zu zertrümmern. Dieser Angriff auf die außerordentlich stabilen Strukturelemente führt zu außergewöhnlichen Wirkungen. Multiplizieren Sie die Wirkung einer Atombombe mit einer Million, dann erhalten Sie ungefähr eine Vorstellung von dem, was geschehen kann, wenn wir das Experiment nicht in der Gewalt behalten.“

„Aber Sie werden es in der Gewalt behalten“, wehrt sich Wesley Swanscomme unwillig. „Wozu sind Sie Kernphysiker? Sie kennen sich doch in diesen Dingen gründlich aus?“

„Das ist der Generalirrtum“, antwortet Karl Davertshoven kalt. „Alle Laien meinen, wir wüssten bereits viel oder gar alles, weil wir Berechnungen anstellen oder sogar anschauliche Bilder vermitteln. In Wahrheit befinden wir uns in der Rolle von Blinden, die mit brennenden Fackeln in einem Pulvermagazin herumtasten. Wir wissen wenig – sehr wenig. Wir wissen allenfalls, dass das Atom bestimmt nicht so beschaffen ist, wie es die populären Darstellungen und die illustrierten Zeitschriften beschreiben. Diese Atombomben haben die Öffentlichkeit zu der Meinung verführt, dass wir die atomaren Energien in der Hand haben. Alles Unsinn!“

„Aber …?“

„Es ist so. Falls Sie sich den Kopf zerbrechen wollen: In einem Urankern sitzen 92 Protonen, alle positiv geladen. Gleiche Pole stoßen sich sonst immer ab. Hier nicht. Warum? Diese positive Elektrizität kann sich in negative Elektrizität verwandeln – einfach aus dem Nichts und grundlos. Wie ist das möglich? Was ist das überhaupt, was wir da im Atomkern als Elektrizität bezeichnen? Ist es wirklich Elektrizität? Oder – wie kommt es, dass die magnetischen Kräfte mehrfach stärker sind, als sie sein dürften? Oder – was bedeuten diese merkwürdigen, ganz außergewöhnlichen Schwereverhältnisse im Kern? Wo stammen die sogenannten Kernbindungskräfte her? Genügt das?“

„Es genügt“, seufzt Wesley Swanscomme. „Ich habe nicht die Absicht, mir den Kopf zu zerbrechen. Ich meinte nur – auch wenn Sie nicht alles wissen – schließlich experimentieren Sie doch mit ganz geringen Materialmengen, nicht wahr? Wenn Sie sich darauf beschränken, sollte doch wirklich nicht viel passieren können?“

„Vorausgesetzt, dass sich auch die Strukturenergien darauf beschränken“, erwidert Karl Davertshoven mit einiger Ironie. „Sie müssen sich klar machen, dass die gesamte sogenannte Materie nichts anderes ist als Energieballungen in verschiedensten Strukturen. Was Sie auch immer umgibt, Swanscomme, es besteht aus Atomen mit Atomkernen, deren Protonen aus strukturierten Energien aufgebaut sind. Das gilt nicht nur für Stein und Metall, sondern auch für Luft und Gas. Wenn ich Kerne von U 235 spalte, reicht die Kettenreaktion nicht über das U 235 hinaus, weil alle anderen materiellen Strukturen den Stoß aushalten. Zerschlage ich jedoch die Protonen zu letzten uniformen Einheiten, so ist zu vermuten, dass die übergeordneten Strukturen diesen nicht mehr gewachsen sind. Damit entsteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass eintretende Kettenreaktionen alle substantiellen Strukturen zerreißen und ebenfalls bis zu Mesonen oder noch kleineren Einheiten zerschlagen. Das bedeutet, dass der Zerfall des Versuchsmaterials blitzartig auf die umgebende Luft und weiterhin auf alle Materien übergreifen könnte. Das wäre dann der Weltuntergang. Deshalb halte ich es für nötig, die Zerfallskammer in ein sehr großes und möglichst vollkommenes Vakuum einzuhängen. Das Vakuum verspricht noch den besten Schutz, falls es zum Äußersten kommt und die Fangschichten versagen.“

Wesley Swanscomme schweigt eine ganze Weile. Er starrt auf Davertshoven, aber er sieht ihn nicht. Weltuntergang. Da sind ein paar unbestimmte Visionen von Brand und Explosion, aber sonst kann er sich nichts vorstellen. Trotzdem liegt etwas Lähmendes auf ihm.

„Ich begreife“, sagt er endlich leise. „Die Katastrophe – das ist mehr als ein Wort. Eine Wahrscheinlichkeit. Wir haben allzu viel nicht für möglich gehalten, was dann schreckliche Wirklichkeit wurde. Vielleicht wäre es besser, auch damit wie mit einer Sicherheit zu rechnen. Aber – ist das nicht furchtbar? Das Leben könnte so leicht sein. Ihr Physiker bringt noch die Hölle über die Erde.“

Karl Davertshoven ruckt herum und schreit ihn grob an.

„Wir? Reden Sie keinen Unsinn! Sie ahnen ja nicht einmal, wie unsereins sich mit solchen Fragen quält. Es ist verdammt schwer, zu forschen, wenn man die ganze Menschheit mit auf der Waage hat. Machen Sie sich’s erst einmal schwer. Sie wissen doch ganz genau, dass kein Physiker Hunderte von Millionen Dollars aufbringen kann, um eine solche Anlage zu bauen. Von den Physikern aus hätte es nicht einmal eine Atombombe gegeben. Wer liefert denn das Geld? Wer hat denn Interesse an solchen Experimenten? Wer bestimmt denn, ob ein Flugzeug Bananen oder Bomben zu tragen hat? Sind das die Physiker oder die Politiker? Nein, Swanscomme, auf diese Tube drücken Sie lieber nicht. Die Verantwortung für das, was in und mit der Welt geschieht, liegt nicht bei der Physik, sondern bei der Politik. Wir Wissenschaftler sind vielleicht Besessene des Geistes, aber man kann uns leicht im Zaum halten. Ein Wort von Ihnen – und der Protonenbeschleuniger wird nie arbeiten.“

„Sie haben gut reden. Wenn die Dahlier nicht wären ...“

„Wenn? Die Welt wird immer an einem solchen Wenn leiden. Die Menschen leben nicht lange genug, sonst wäre ihnen das schon längst aufgefallen. So reicht es eben nur zu einer persönlichen Einsicht, und bevor diese sich auswirken kann, fängt die nächste Generation mit dem gleichen Unfug an, als hätte es nie eine Torheit auf Erden gegeben.“

Wesley Swanscomme lächelt wehmütig.

„Wem sagen Sie das, Davertshoven? Ich bin zwanzig Jahre älter als Sie und weiß, wie wenig weit guter Wille wirkt. Aber können wir mehr tun, als uns bemühen? Von mir aus würde Ihre Anlage einfach zerstört werden, wenn sie solche Gefahren heraufbeschwört, aber solange wir damit rechnen müssen, dass die Dahlier mit einem Protonensturm über uns kommen ...?“

Er beendet den Satz nicht, sondern schließt mit einer Geste der Resignation ab.

Sergeant Jeff Briau erscheint im Türrahmen.

„Mr. Morlis, R.B.I., mit einem Begleiter. Er sagt, er würde erwartet?“

Wesley Swanscomme nickt und gibt einen Wink mit der Hand. Der Sergeant tritt zur Seite, lässt die beiden Besucher ein und verschwindet dann wieder hinter der Tür.

Jan Morlis hat viel von einem jungen Rechtsanwalt an sich. Er ist eher schmächtig als kräftig, aber man traut ihm gern zu, dass er seinen Körper in Form hat. Die Kleidung verrät Geschmack und Sorgfalt. Das verschlossene Gesicht verspricht abwägende Klugheit und Energie. Die Augen wirken auffallend hell und unpersönlich, fast so ausdruckslos wie Glasaugen. Das ist kein Mensch, an den man leicht herankommt.

Stepan Maretzki macht neben ihm einen recht ungepflegten und ungeschickten Eindruck. Sein Anzug hat einen altmodischen Schnitt, der vor Jahrzehnten einmal üblich war, und besteht aus einem Stoff undefinierbarer Farbe von geringer Qualität, der zerknittert und verdrückt ist. Dazu trägt Maretzki derbe Arbeitsschuhe, ein nicht ganz sauberes Hemd mit faltigem Kragen und einem verbrauchten Schlips. Ungeschnittenes Kopfhaar und zersträhnter Schnurrbart, hagere Wangen und halb geschlossene, müde gewordene Lider über dunklen, unruhigen Augen runden das beklemmende Bild eines Menschen, der vom anderen Ende der Welt kommt.

Die Stimme überrascht angenehm durch einen warmen Wohlklang. Stepan Maretzki spricht fließend pelargonisch, wenn ihm auch gelegentlich ein Wort fehlt oder eine eigenartige Wendung unterläuft. Dafür liegt in seinem Benehmen eine leise Unterwürfigkeit, die peinlich berührt. Er benimmt sich, als fühle er sich als Sklave und fürchte sich davor, jemanden zu verletzen.

Stepan Maretzki war in seiner Jugend ein guter Laienschauspieler. Er hält sich hinter seiner Maske für vollkommen sicher und setzt hinter ihr eiskalt, was die Situation erfordert. Diese Pelargonier sind wie die Kinder. Sie reagieren, wie man es braucht. Es ist schon alles gewonnen, wenn man ihnen den Eindruck vermittelt, den sie aus ihren Zeitungen heraus von einem dahlischen Flüchtling haben.

Wesley Swanscomme erhebt sich und drückt erst Morlis die Hand, dann Maretzki. Er ist ganz jovialer alter Herr. Eine Geste schlägt die Brücke zu Davertshoven.

„Mr. Morlis. Und das ist Mr. Maretzki, Stepan Maretzki, der bekannte dahlische Atomphysiker. Sie müssten ihn wenigstens dem Namen nach kennen, Mr. Davertshoven.“

Karl Davertshoven steht mit dem Rücken zu seinem Schreibtisch. Seine Hände stemmen sich auf die Platte. Gesicht und Haltung drücken feindliche Abwehr aus. Seine Stimme grollt drohend.

„Maretzki? Wie kommt der Mann hierher?“

„Geflüchtet – wie viele andere“, wirft Swanscomme leicht und begütigend hin.

„Geflüchtet?“, höhnt Davertshoven. „Stepan Maretzki war immer linientreu.“

„Das sind sie alle, solange sie drüben wohnen.“

„Glauben Sie? Ihr R.B.I. hat sich zum Narren halten lassen. Ich schätze diese Burschen nicht, die sich erst drüben als Helden der Wissenschaft feiern lassen und andere in Verbannung schicken, um dann hier als Verfolgte auf ehrenvolle Aufnahme zu spekulieren, aber Stepan Maretzki gehört nicht einmal zu diesen. Wenn dieser Mann Stepan Maretzki ist, so ist er als Agent gekommen.“

Das ist eine klare, unversöhnliche Kampfansage. Auf dem Gesicht von Morlis zeigt sie keine Wirkung, während Stepan Maretzki noch grauer und kümmerlicher wird. Wesley Swanscomme empfindet sie als peinlich. Er verzichtet auf eine unwillige Erwiderung und nimmt stattdessen Maretzki beim Arm, um ihn in einen Sessel zu drücken.

„Setzen Sie sich, Mr. Maretzki. Sie dürfen das nicht so genau nehmen. Mr. Davertshoven ist Geranier und hat – hm, gewisse Vorurteile. Eine Zigarre gefällig? Bitte bedienen Sie sich.“

Stepan Maretzki greift hastig in die Zigarrentasche und lässt sogar eine gewisse Gier durchblicken. Nur nicht die Nuancen vernachlässigen. Teufel noch mal, dieser Davertshoven mit seinem Frontalangriff ist gefährlich. Feindlich und misstrauisch bis zum Scheitel. Aber plump. Man wird ihm beikommen. Aber er weiß etwas, was nicht berechnet wurde, sonst würde er nicht auf der Linientreue herumreiten.

„Danke, vielen Dank. Sehr liebenswürdig. Wundervoll, Ihre Zigarren, wirklich wundervoll. Ich rauche leidenschaftlich gern Zigarren.“

Wesley Swanscomme reicht Feuer. Während Maretzki vorgelehnt die Zigarre anzündet, fragt Jan Morlis von seiner Sesselkante her mit freundlicher Verbindlichkeit: „Sie haben drüben keine Zigarren bekommen, Professor?“

Stepan Maretzki antwortet erst, nachdem er sich wieder in den Sessel hat zurückfallen lassen. Das gibt ihm Spielraum. Dieser Morlis ist ein Fuchs. Er spricht nicht, um sich zu unterhalten. Was ist mit den Zigarren? Liegt ein Fehler vor?

„Doch, aber sehr selten, Mr. Morlis“, antwortet er demütig. „Es gibt natürlich Zigarren, aber – wie soll ich Ihnen das erklären? – Sie werden nur an bestimmte Leute geliefert, zu denen ich nicht mehr gehörte. Allerdings bekommt man eben doch dann und wann etwas geschenkt.“

So, das schloss alle Möglichkeiten ein.

„Interessant“, lächelt Jan Morlis ihm ermutigend zu. Nichts in seinem Gesicht verrät, was er denkt. Und was er denkt, ist gefährlich für Stepan Maretzki. Jan Morlis kennt die Befunde der Untersuchung. Dieser Mann hat in den letzten Monaten viel geraucht, und zwar sehr anständige Zigarren. Das Mikroskop gibt zu solchen Fragen erschöpfend Auskunft, wenn etwas Barthaar, Taschenstaub und anderes Material zur Verfügung steht. Warum verleugnet Maretzki die Zigarren? Nun, es liegt auf der Hand. Zigarren werden nur an die Günstlinge geliefert. Das wäre die erste schwache Stelle. Sonst hat Maretzki alle Proben bestanden. Man kann ihn allerdings hypnotisch blockiert haben. Auf solche und ähnliche Dinge sollen sie sich drüben verstehen.

Wesley Swanscomme nimmt den Gesprächsfaden wieder auf.

„Sie haben Ihre Unterlagen mitgebracht?“

„Gewiss, selbstverständlich“, versichert Maretzki heftig und zieht einen Stoß Papiere aus seiner brüchigen Aktenmappe. Er blickt zu Davertshoven auf, doch dieser rührt sich nicht, um ihm die Papiere abzunehmen. Er blickt auf den Dahlier wie auf eine Laus, die im Pelz eines anderen hängt. Da auch Swanscomme nicht zugreift, hält Maretzki die Papiere sekundenlang halb hoch, um sie dann zögernd auf den Tisch abzulegen.

Jan Morlis wendet den Kopf zu Davertshoven.

„Unsere Abteilung wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich die Aufzeichnungen ansehen würden, Mr. Davertshoven. Es soll sich um Protonenzertrümmerung handeln.“

Karl Davertshoven nimmt die Hände von der Tischplatte und stemmt sie in die Taschen seines Schutzmantels. In seinem Tonfall schwingen Verachtung und Hohn.

„Protonenzertrümmerung?! Das hat der Mann wohl erst von Ihnen?“

„Sie überschätzen meine physikalischen Fähigkeiten“, antwortet Jan Morlis kühl und scharf. „Wenn es Ihnen missfällt, dahlisches Papier zu berühren, will ich Ihnen gern vorlesen.“

„Jetzt überschätzen Sie Ihre Lesefähigkeiten“, gibt Davertshoven bissig zurück. Dann wendet er sich gegen Maretzki.

„Behaupten Sie im Ernst, an der Protonenzertrümmerung gearbeitet zu haben?“

Stepan Maretzki blickt so scheu, wie es die schroffe, gewalttätige Frage angebracht erscheinen lässt, zu Davertshoven auf und lächelt unsicher.

„Ja, gewiss – das heißt – nicht allein. Ich war nur Mitarbeiter.“

„Bei wem?“

„Professor Rudewski.“

„Völlig unbekannt. Ich war seiner Zeit gut unterrichtet, wer in Dahlien arbeitete und woran er arbeitete. Gelehrte fallen nicht vom Himmel – auch bei den Kanzlisten nicht.“

Stepan Maretzki fingert etwas hilflos an seiner Zigarre.

„Sie haben etwas gegen mich, nicht wahr? Sie glauben mir nicht? Rudewski ist nur ein Deckname. Es handelt sich um einen geranischen Physiker, der für uns – für die Kanzlei-Union arbeitet.“

„Sein Name?“

„Ich habe ihn nicht erfahren können. Er wurde streng geheim gehalten. Und Professor Rudewski sprach nie über sich selbst.“

„Ach?“

Das ist ein höhnischer Urteilsspruch. Stepan Maretzki hebt abwehrend beide Hände.

„Wenn Sie mir nicht glauben …“

„Nein!“, fährt Davertshoven ihn an. „Kein Wort! Ich kenne die geranischen Physiker noch besser als die dahlischen. Für wie dumm halten Sie mich, dass Sie es wagen, mit dem großen Unbekannten anzutanzen? Pah!“

Schweigen.

„Die Papiere“, erinnert Wesley Swanscomme.

Karl Davertshoven wehrt mit einer Geste ab. Seine Erregung ist verpufft. Er spricht ruhiger.

„Sie haben also mit diesem Rudewski zusammen Protonen zertrümmert?“

„Nein, noch nicht“, beeilt sich Maretzki. „Die Anlage – wir haben nur die Anlage gebaut.“

„Wo?“

„In Mesonsk am Barkalsee.“

„Mesonsk? Einer dieser neuen Industrieorte?“

„Kein Ort. Nur das Werk – und ein Arbeitslager.“

„Ich verstehe. Und was haben Sie da gebaut?“

Stepan Maretzki blickt wie hilfesuchend von Davertshoven zu den beiden anderen Männern, dann lächelt er wieder unsicher und ergeben.

„Sie sind wirklich sehr misstrauisch. Wir haben eine vollständige Anlage zur Zertrümmerung von Protonen gebaut – mit einem Beschleuniger, der eine Endleistung von dreihundert Millionen Elektronenvolt besitzt.“

„Das ist unmöglich.“

Karl Davertshoven sagt es ohne Heftigkeit. Es ist nichts als eine abschließende Feststellung.

Stepan Maretzki hält ihm die Papiere hin.

„Wenn Sie sich entschließen könnten, Einblick zu nehmen …“

Karl Davertshoven beugt sich vor, nimmt ihm mit einer abrupten Bewegung das Bündel ab, schiebt es über den Schreibtisch und geht zu seinem Sessel. Man sieht es ihm an, dass er sich widerwillig einer Pflicht unterzieht, in der er keinen Sinn findet.

Nachdem er sich gesetzt hat, öffnet er die Mappe. Er überfliegt eine der Fotokopien. Nach Sekunden schon stutzt er. Ein schneller Blick huscht zu Maretzki hinüber. Davertshoven beugt sich aufmerksam über das Blatt. Das zweite gleitet unter seinen Augen weg. Dann greifen beide Hände in die Papiere.

Die drei am Tisch warten stumm. Außer dem Rascheln der Blätter ist kein Laut im Raum. Der Rauch der Zigarren steigt fast ohne Wirbel in blaugrauen Fahnen zur Decke.

Die wachsende Erregung Davertshovens ist nicht zu verkennen. Er liegt jetzt schon weit vorgebeugt über den Aufzeichnungen. Sein Atem wird hörbar. Dann und wann schüttelt er den Kopf und streicht sich mit der Hand über die Stirn.

Jan Morlis zerbricht die Stille.

„Interessant, Mr. Davertshoven?“

Karl Davertshoven schreckt auf, starrt eine Sekunde lang geistesabwesend auf den Frager und murmelt dann barsch:

„Ach so? Ja, interessant, sehr interessant. Stören Sie mich nicht.“

Jan Morlis lächelt kühl. Er ist nicht geneigt, einen Gelehrten sich selbst zu überlassen.

„Selbstverständlich nicht, Mr. Davertshoven. Mir liegt nur daran, Ihren ersten Eindruck zu erfahren. Meinen Sie, dass es sich um etwas Ernsthaftes handeln könnte?“

Karl Davertshoven hebt widerwillig die Augen von den Papieren.

„Ich muss das erst bis zur letzten Zeile prüfen. Da können Fehler vorliegen, die ...“

„Ihr bisheriger Eindruck?“, beharrt Jan Morlis.

Karl Davertshoven schlägt mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, springt auf und stößt seinen Stuhl zurück. In der Art, wie er auf Morlis zugeht, liegt eine Drohung.

„Ich liebe es nicht, voreilig zu urteilen“, grollt er in das Gesicht des Agenten hinein. „Falls Sie nicht abwarten können – dort liegt der Kram. Ich verzichte auf die Prüfung der Papiere.“

Jan Morlis verändert seine lässige Haltung nicht. Nur seine Augen sind etwas weniger ausdruckslos.

„Das ist das einzige, was Sie nicht tun werden.“

„Was?“

„Auf die Prüfung zu verzichten.“

Karl Davertshoven starrt ihn wie angeschlagen an. Nach Sekunden nickt er beifällig und knurrt: „Richtig erraten.“

Während er zu seinem Sessel zurückgeht, fragt Jan Morlis: „Sie halten die Angelegenheit also für ernst?“

Karl Davertshoven wirft sich hemm. Dieser Morlis ist doch wie ein Terrier. Wenn er sich einmal verbissen hat, lässt er nicht wieder los.

„Was soll diese Fragerei?“, bricht er ärgerlich aus. „Selbstverständlich ist das ernst. Glauben Sie, ich interessiere mich für Unsinn? Was ich bisher gesehen habe – ebenso gut könnten Sie mir Fotokopien von meinen eigenen Niederschriften vorlegen.“

Wesley Swanscomme ruckt erschreckt auf.

„Davertshoven? Wollen Sie damit sagen …?“

„Nichts!“, schneidet Davertshoven schroff ab, während er sich wieder in seinen Sessel fallen lässt. „Noch nichts. Aber der Mann, der das hier diktierte, kannte sich aus. Er muss ebenso viel wissen wie ich.“

Wesley Swanscomme sieht ziemlich verstört aus.

„Ja, aber – aber würde das nicht bedeuten – wenn diese Anlage am Barkalsee wirklich existiert …?“

„Sie ist betriebsfertig“, murmelt Stepan Maretzki.

Karl Davertshoven antwortet nicht. Er prüft die Aufzeichnungen weiter. Er ertappt sich aber bald dabei, dass er unentwegt auf die gleichen Formeln starrt und vergisst, das Blatt abzulegen. Es ist überflüssig, alles zu lesen. Er weiß, was noch kommen wird. Das ist alles schon dagewesen, vor fünfzehn Jahren schon.

Ideen besitzen ihr eigenes Leben. Sie existieren außerhalb des Menschen, bis sie reif geworden sind, oder bis die Menschen reif geworden sind, um sie aufzunehmen. Es soll vorkommen, dass sie gleichzeitig verschiedene Träger finden. Aber das hier, das ist keine Idee mehr, sondern ein spezialisiertes theoretisches Gebäude. So etwas fällt einem nicht einfach ein. Man muss daran arbeiten, ganz spezifisch arbeiten, und deshalb atmen aus einer solchen Niederschrift Geist und Gedanken eines bestimmten Mannes.

Professor Rudolf Davertshoven! Das ist wie etwas Unwirkliches, aber nur er könnte das diktiert haben. Das sind seine Ansätze, die er schon damals entwickelte. Sein Vater! Seit mehr als zehn Jahren ist er schon tot. Hat er damals doch noch Aufzeichnungen gemacht, die in fremde Hände gerieten und nun den Weg zu ihm finden?

Karl Davertshoven wendet das Blatt um. Gleich darauf beugt er sich hastig vor, dann hebt er das Blatt ab und hält es zum Licht.

Herrgott, das ist doch …?

Er wirft sich herum und reicht das Blatt Maretzki hin. Seine Stimme kommt heftig und rau.

„Wer – wer hat das geschrieben?“

Stepan Maretzki hält die Lider noch mehr verkniffen als sonst. Seine Augen sollen ihn nicht verraten. Die Angelhaken greifen endlich.

„Eine handschriftliche Randbemerkung von Professor Rudewski.“

„Rudewski? Ach so? Rudewski – wie sieht er aus?“

Stepan Maretzki hüstelt.

„Hm, er ist als – weißes Haar und Vollbart, rüstig, so groß und stark wie Sie – was soll ich Ihnen noch sagen – man sieht nicht viel von seinem Gesicht – schade, ich besitze kein Bild von ihm, nur von seiner Enkelin, aber ...?“

Karl Davertshoven streckt seinen Oberkörper nach vorn und stemmt sich von der Schreibtischplatte aus hoch. Das sieht aus, als wolle er sich auf Maretzki stürzen. In seinem Gesicht arbeitet es wie ein Erdbeben, das mit unruhigen Stößen die Schollen hochtreibt.

„Enkelin?“, murmelt er, als fiele es ihm schwer, die Worte zu formen. „Was sagen Sie da? Meine Figur – Vollbart – die Handschrift meines Vaters – was für eine Enkelin?“

Seine rechte Hand stößt jäh vor und packt Maretzki bei der Schulter. Die Stimme kommt wie ein rüttelnder Sturmstoß.

„Geben Sie doch das Bild her, Mensch – schnell!“

Stepan Maretzki duckt sich unter dem harten Zugriff.

„Ja, gewiss – wo habe ich denn …?“

Er zerrt eine abgeschabte Brieftasche aus seinem Rode, wühlt in den Papieren und fasst schließlich eine kleine Fotografie. Karl Davertshoven reißt sie ihm aus der Hand.

Weit vorgelehnt, fast fallend, als hielte ihn nur noch die Hand an der Schreibtischkante, starrt er auf das Bild.

„Elka?“

Das ist ein tiefes Stöhnen, das einem Unbegreiflichen gilt.

„Elka“, bestätigt Maretzki nickend. „So wird sie genannt.“

„Elka?“, murmelt Karl Davertshoven abwesend und tastet sich an der Kante des Schreibtischs zurück, bis der Sessel seinen schweren Körper auffängt. Dann starrt er auf das Bild zwischen seinen Händen, die unruhig zittern.

Ein junges, hellhaariges Mädchen im einfachen Leinenkleid zwischen Birkenstämmen.

So sah Elka aus, als er sie kennenlernte. Achtzehn Jahre alt war sie damals gewesen – kein Mädchen, das in die Welt hinausschrie, sondern das man beim ersten Blick übersah. Die Liebe seines Lebens. Eine wild-wütende, eigensinnige Liebe, bis er gelernt hatte, behutsam zu sein. Und dann lebte sie in ihm wie seine Seele selbst.

Zwölf Jahre. Da wartet der Wagen an der Bordkante. Der Fahrer starrt nach vorn. Er will nicht sehen, was er gestern oder vorgestern selbst erlebt hat. Der letzte Kuss, der letzte Händedruck, ein Zittern auf den Lippen und ein zuversichtliches Wort. Niemand weiß, was morgen ist, und die Bomben winseln über den Kellern wie über den Gräben. Dann rollt der Wagen, und Elka hebt winkend die Hand zum letzten Gruß. Neben ihr winkt das Kind. Klein-Elka – ganz die Mutter von außen, aber im Charakter der Vater. Das Kostbarste auf dieser Welt! Warum bleibt man nicht einfach, um sie schützend zu decken. Befehl, Herr Hauptmann! Winke – winke! Auf Wiedersehen! Da schneidet die Kurve ab. Vorbei. Vorbei für immer.

Karl Davertshoven wischt sich schwerfällig über die Augen. Dieses Mädchen auf dem Bild ist Klein-Elka von einst, zweifellos. Und es lebt. Seine Tochter lebt. Und sein Vater lebt. Das ist wie zwischen zwei Tiefenschichten eines Traums, wenn man sich misstrauisch der möglichen Wirklichkeit zu vergewissern versucht und doch nicht sicher wird, ob das prüfende Bezugssystem nicht selbst noch ein Traum ist.

„Ihre Mutter?“, quält sich Davertshoven heraus, ohne zu wagen, einen dieser drei schweigenden Männer anzublicken. „Ist sie – auch in Mesonsk?“

„Elka hat keine Mutter mehr“, gibt Stepan Maretzki leise mit seiner warmen Stimme Auskunft. „Ihre Eltern sind beide tot.“

Karl Davertshoven schweigt. Sein Kopf sinkt langsam tiefer. Ein Grab brach auf, aber es enthielt doch nur eine Tote.

Nach Minuten reißt er sich zusammen. Er stemmt sich schwerfällig hoch, tritt ans Fenster und blickt hinaus. Seine rechte Hand hält das Bildchen umschlossen. Es ist gut, auf die Wüste zu sehen, und noch besser, den anderen den Rücken zuzuwenden. Sicher starren sie neugierig auf ihn.

Jan Morlis wagt es, die Stille zu brechen.

„Sie kennen diesen Professor Rudewski, Mr. Davertshoven?“

Der Hüne am Fenster antwortet nicht.

„Davertshoven?“, mahnt Wesley Swanscomme behutsam.

„Lassen Sie mich allein“, bittet Davertshoven brüchig.

Wesley Swanscomme räuspert sich.

„Hm, Sie müssen verstehen – die Prüfung dieser Papiere ist außerordentlich wichtig …“

Karl Davertshoven wirft sich herum und schreit ihn an.

„Lassen Sie mich allein! Die Papiere – nun gut, Sie sollen es genau wissen. Die Kanzlisten sind genau so weit wie wir, vielleicht sogar noch weiter. Rudewski ist mein Vater.“

„Davertshoven?“, ruft Wesley Swanscomme entsetzt.

„Also doch“, flüstert Jan Morlis und gibt Maretzki ein Zeichen. „Kommen Sie mit, Professor.“

Die beiden Männer gehen hinaus. Wesley Swanscomme steht unschlüssig, dann tritt er zögernd an Davertshoven heran und legt ihm die Hand auf den Arm.

„Wollen wir nicht als Männer darüber sprechen, Davertshoven? Ihr Vater bei den Dahliern? Ich begreife, wie Ihnen zumute ist, aber ...“

Karl Davertshoven wirft die Hand mit einem Ruck herunter und wendet sich wieder zum Fenster. Wesley Swanscomme will etwas sagen, verzichtet aber und geht langsam hinaus.

Als die Tür schnappt, hebt Karl Davertshoven mit einer scheuen Bewegung die rechte Hand und blickt auf das Bild seiner Tochter.

 

 

2

Mesonsk, Dahlien.

Das Arbeitszimmer des Professors Rudolf Davertshoven wirkt wie eine Höhle. Die nachlässig gekalkten Wände sind aus dem Felsen gehauen und tragen noch Spuren von Dynamitpatronen und Meißel. In der einen Wand sitzt ein Fenster, doch stehen weiter draußen noch schluchtartig die Felsen an, so dass das Licht nur stark gedämpft einfällt. Im Gegensatz zu dieser rohen Umfassung sind die Möbel von auserlesener Qualität – kostbare Stilmöbel aus hellem Nussbaum und Ebenholz. Sie stammen freilich aus verschiedenen Beständen und Stilepochen. Hier und dort zeigen sie grobe Schäden. Der Teppich ist ein echter Buchara mit einem ansehnlichen Brandfleck. Trotzdem wirkt der Raum sehr sauber. Blumensträuße geben ihm einige Wärme.

Professor Davertshoven ist ein Hüne mit weißem Haar und weißem Vollbart. Der Schutzmantel verstärkt den Eindruck des Gepflegten. Trotzdem ist nichts Heiteres über ihm. Das Gesicht ist ernst, ja, düster. Die Augen liegen sehr tief über stark gefalteten Tränensäcken. Die gebuckelte, durchfurchte Stirn und die grauen Wülste der Augenbrauen geben dem Gesicht trotz des Alters viel Kraft.

Rudolf Davertshoven ist nicht allein. Auf der anderen Seite des Schreibtisches steht lässig angelehnt der politische Kommissar von Mesonsk. Michail Petrik kann zumindest neben Davertshoven als zierlich und knabenhaft gelten. Seine Uniform ist von den weichen Stiefeln bis zur Schildmütze ohne jeden Tadel, vielleicht sogar um eine Kleinigkeit zu adrett. Das Gesicht ist bestens rasiert. Es ist ein junges und doch zugleich ein altes Gesicht. Michail Petrik ist noch keine dreißig Jahre alt, aber neben dem breit geschnittenen Mund sind bereits zynische Falten eingegraben, und in den hellgrauen Augen liegt ausdruckslose Kälte. Man kann Michail Petrik für klug oder für wüst halten, aber es wird niemandem leicht fallen, zu erraten, was sich hinter seinen verschlossenen Mienen abspielt.

„Also kann ich die Fertigstellung der Anlage melden?“, fragt er, während er die Fingerspitzen spielerisch über die Tischplatte gleiten lässt.

„Meinetwegen“, erwidert Professor Davertshoven gleichgültig.

„Freuen Sie sich, Professor?“

Professor Davertshoven hebt flüchtig die Brauen und wirft einen Blick in das dunkle Gesicht des Kommissars. Dann antwortet er schroff: „Nein! Dieser wahnsinnige Einfall, die Anlage in den Berg zu verlegen, hat Tausende von Menschenleben gekostet.“

„Der letzte Krieg einige Millionen“, setzt Michail Petrik leichthin dagegen. „Der Fortschritt der Kanzlistenklasse ist schon einige Opfer wert.“

„Einige?“, höhnt Davertshoven. „Eure Opfer gehen in die Millionen.“

„Und wenn?“

Professor Davertshoven hebt die Schultern.

„Sie sind ein Narr, Michail Petrik. Warum versuchen Sie immer wieder, mich auszuhorchen? Sie wissen doch, was ich von Ihrem System halte?“

Michail Petrik lächelt dünn. Dieses Lächeln wirkt grenzenlos spöttisch, wenn auch nicht verächtlich.

„Ich weiß, Professor. Sie hassen uns. Aber trotzdem – Sie arbeiten für uns.“

„Ich arbeite für die Wissenschaft“, gibt Professor Davertshoven unwirsch zurück. „Sie wird Ihr System überdauern.“

„Sie sind auch ein Narr, Professor. Es wird die ganze Welt erobern – dank Ihrer Anlage.“

„Heute und morgen noch nicht. Die Experimente brauchen Zeit.“

Michail Petrik lächelt zynischer.

„Man wird dafür sorgen, dass Sie keine Zeit verlieren. Die Pelargonier dürfen uns keinesfalls zuvorkommen. Es wird Sie interessieren, dass sie die gleiche Anlage besitzen.“

„Unsinn!“

„Unsere Nachrichten sind zuverlässig.“

Professor Davertshoven lehnt sich in seinen Sessel zurück und mustert den jungen Mann, der die höchste Gewalt in Mesonsk besitzt.

Nach Sekunden sagt er weicher als bisher: „Sie kleiner Tor! Manchmal erinnern Sie mich noch an den Jüngling, der vor zehn Jahren wie eine Mutter für die Kleine sorgte. Damals versprachen Sie noch ein Mensch zu werden, Michail Petrik. Heute sind Sie bereits soweit, dass Sie sich von Ihrer eigenen Propaganda betrügen lassen. Glauben Sie denn im Ernst, die Pelargonier würden einem Ihrer Agenten Gelegenheit geben, eine solche Anlage – falls sie wirklich existierte – kennenzulernen?“

Michail Petrik sieht plötzlich ganz anders aus. In seinem Gesicht liegt etwas Grüblerisches.

„Halten Sie mich nicht mehr für einen Menschen? Ich sehe über manches hinweg, was ich sehen müsste.“

„Sie sehen noch mehr, wovor Sie die Augen schließen. Wenn Sie ein Mensch wären, müssten Sie zum Empörer werden.“

Das Gesicht Michail Petriks verschließt sich wieder.

„Sie sind vielleicht ein guter Mensch, Professor, aber ein schlechter Politiker. Ich beabsichtige nicht, an irgendwelchen Kleinigkeiten zu scheitern. Was übrigens die Pelargonier betrifft, so sind sie leichter zu behandeln, als Sie meinen. Es genügt, Sie zu überzeugen, dass wir einen Mann ernstlich verfolgen. Sie erinnern sich an Professor Maretzki, der bis vor Kurzem hier arbeitete? Er dürfte jetzt bereits im pelargonischen Protonenwerk sein und von dort genaue Berichte liefern.“

„Es gibt kein solches Werk“, wehrt Professor Davertshoven unwillig ab. „Außerdem fände Maretzki kaum Gelegenheit, sich mit Zentropolis in Verbindung zu setzen.“

„Hundert Gelegenheiten“, höhnt Michail Petrik kalt. „Es gibt drüben noch genug Leute, die für uns arbeiten. Aus Idealismus, Professor – im Namen der Freiheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit.“

Professor Davertshoven schlägt mit der Hand auf die Tischplatte. Er hat sich schon oft genug vorgenommen, sich von diesem jungen Burschen nicht aufregen zu lassen, aber Petrik besitzt nun einmal eine penetrante Art zu reizen.

„Sie sind ein zynischer Teufel, Michail Petrik.“

Wieder geht es wie ein Suchen über die dunklen Mienen.

„Ein starkes Wort, nicht wahr? Ein Teufel? Ich hoffe, Sie freuen sich darüber. Oder müsste es nicht unerträglich sein, in der Hölle zu leben, wenn man nicht ein Teufel ist?“

„Sie sind mehr als ein Teufel“, grollt Davertshoven. „Sie sind ein Dialektiker. Im Übrigen sollten Sie bedenken, dass nicht die Hölle die Teufel schafft, sondern dass die Teufel die Hölle produzieren.“

Über das Gesicht Petriks huscht ein freundliches, heiteres Lächeln, das es überraschend jung erscheinen lässt.

„Das würde für eine Anklage wegen Beleidigung der K. U. ausreichen, Professor. Ihr Glück, dass wir unter vier Augen sprechen.“

Professor Davertshoven schüttelt den Kopf.

„Aus Ihnen werde ein anderer klug, Michail Petrik.“

„Hoffentlich nicht“, lächelt Petrik, aber jetzt ist sein Lächeln schon wieder zynischer Spott in einem harten Gesicht. Unmittelbar darauf drückt er sich von der Schreibtischkante ab und verlässt grußlos den Raum.

Rudolf Davertshoven bleibt in seinem Sessel. Er hat den Kommissar bald vergessen. Wie ein ehrwürdiger Einsiedler, für den die Welt keine Bedeutung mehr besitzt, sitzt er da und blickt vor sich hin, ohne zu sehen. So wartet ein Mensch im Vorhof der großen Stille.

Er kehrt zurück, als sein Assistent eintritt. Klaus Bender ist zweiunddreißig Jahre alt und sieht auch nicht älter aus. Das hagere Gesicht erschreckt nur flüchtig durch eine lange, dünne Narbe, die von der linken Schläfe aus abwärts führt. Auf dem schmalen, hoch gewölbten Kopf liegt das Haar in kleinen Wellen wie eine dunkle Kappe auf. Klaus Bender trägt Juchtenstiefel, eine abgewetzte Reithose und einen mehrfach ausgebesserten dunklen Pullover mit Rollkragen.

Die Kleidung steht für die Etappen eines Lebens, das auf der Einbahnstraße abrollte. Den Pullover, den noch die Mutter strickte, trug der Gymnasiast und Student. Die Hose blieb vom letzten Jahr des Krieges, das auch ihn in die Uniform zwang. Die Stiefel zeichnen für zwölf Jahre Dahlien.

Klaus Bender beginnt zu sprechen, als er die Augen Davertshovens auf sich fühlt. Er spricht im Tonfall eines Mannes, der seine Worte sorgfältig gewogen hat und mit ihnen die eigene Erregung abschirmen möchte.

„Ich finde mich nicht zurecht, Herr Professor. Sicher liegt ein Fehler meinerseits vor, aber ich komme immer wieder zu den gleichen Ergebnissen. Die Zerfallskammer ist zu schwach. Sie reicht nicht aus, um ein Weitergreifen etwaiger Kettenreaktionen abzufangen.“

Rudolf Davertshoven greift mechanisch nach dem Bleistift und dreht ihn zwischen den Fingern. Jetzt ist also die Stunde gekommen. Es wäre leichter, alles eingekapselt zu lassen.

„Sie haben sich viel Arbeit gemacht, Klaus“, sagt er verhalten. „Ich dachte nicht, dass Sie so schnell dahinterkommen würden. Wollen Sie mir noch verraten, welche Maßnahmen Sie für erforderlich halten?“

Klaus Bender antwortet knapp und bestimmt.

„Die Zertrümmerungskammer muss im Vakuum isoliert werden.“

„Richtig.“

Die beiden Männer schweigen. Klaus Bender tastet seine Verwunderung ab. Was ist mit Davertshoven? Wenn er genau weiß, dass ein Vakuum nötig ist – warum hat er dann die Anlage als betriebsbereit erklärt? Er gehört nicht zu den Männern, die sich von Sollforderungen beeindrucken lassen.

Rudolf Davertshoven wirft den Bleistift beiseite und deutet auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch. Er wartet, bis sich sein Assistent gesetzt hat, dann fragt er barsch: „Sie erinnern sich noch an jene Stunde, als ich Sie aus dem Lager holte?“

„Ja.“

„Sie weigerten sich, mit mir zu gehen, nicht wahr? Sie wollten nicht für die Kanzlisten arbeiten.“

„Ich erinnere mich“, erwidert Klaus Bender karg, während eine steile Falte zwischen seinen Brauen steht. „Ich hatte meine Gründe.“

„Trotzdem wurden Sie mein Assistent.“

„Sie waren mein Lehrer.“

Professor Davertshoven erhebt sich und geht zum Fenster. Er blickt hinaus, dann wendet er das Gesicht wieder seinem Assistenten zu. Seine Stimme klingt weich.

„Das Fenster hier – das ist wie ein Symbol für euch Jungen. Dort draußen ist eine Welt voll Sonne und Liebe, aber ihr seid durch dicke Mauern von ihr getrennt und ahnt sie eben nur. Immerhin – Sie haben noch ein ganzes Leben vor sich. Was versprechen Sie sich von diesem Leben?“

„Nichts!“, kommt hart und ohne Zögern die Antwort. „Wir werden nie hier herauskommen. Hoffnung ist Wahnwitz.“

„Gut. Wenn Sie nun aber schon die Kanzlisten hassen und sich nichts vom Leben versprechen – warum machen Sie mich dann auf die Unzulänglichkeit der Zerfallskammer aufmerksam?“

Klaus Bender blickt ihn fragend an.

„Wie meinen Sie das, Herr Professor? Es ist doch meine Pflicht, Sie auf …“

„Unsinn!“, unterbricht Rudolf Davertshoven schroff. „Sie sind inkonsequent, mein Freund. Wer das Leben nicht für lebenswert hält, muss sich folgerichtig für den Tod entscheiden. Und wer die Kanzlisten hasst, kann sich nichts Besseres wünschen, als dass ich fahrlässig ein Experiment starte, das vielleicht dieses ganze Dahlien auslöscht. Sie sind ein Schwätzer, mein Junge.“

Klaus Bender muss die Lippen gewaltsam auseinanderreißen. Sein Mund ist plötzlich ganz trocken.

„Sie wollen – die Zerfallskammer ist nicht zufällig zu schwach?“

„Eben.“

„Aber – aber ...“

Das Ungeheuerliche erstickt den mechanischen Protest. Klaus Bender begreift, was Davertshoven plant. Wenn die Kettenreaktionen nicht abgefangen werden, sondern auf die umgebende Materie überspringen, gibt es eine unvorstellbare atomare Explosion. Das ist der Weltuntergang, verordnet und inszeniert von Professor Rudolf Davertshoven, seinem verehrten Lehrer.

Wie gesagt – Klaus Bender hat immer nur auf einer Einbahnstraße gelebt. Mit zehn Jahren trug er die erste Uniform und lernte es, im Gleichschritt nach Befehl zu marschieren. An seinem Wege stand unaufhörlich die Forderung des Opferns und des Gehorchens. Du bist nichts, Dein Volk ist alles – Wir sind geboren, um zu sterben – Hart wie Stahl und zäh wie Leder – Führer befiehl, wir folgen!

Als er fünfzehn Jahre alt war, brach der Krieg aus. Mit neunzehn musste er das Studium abbrechen, um Soldat zu werden. Aber in all den Jahren zuvor war er schon nichts anderes gewesen als Soldat, ein winziges Teilchen einer Masse, bewegt von einem mörderischen Kampf, unaufhörlich durchflutet von den Parolen eines Geschehens, das er sah, wie seine Erziehung es befahl, ohne Nachdenken sich fühlend wie einer jener Spartaner, die einst unter Leonidas ihre Heimat bis zum letzten Mann verteidigten. Dann war die endlose Gefangenschaft gekommen, die jene einbahnige Straße zur Schlucht zwischen unüberwindbaren Felsen machte. Was einst war, wurde zum Mythos. Heimat und Geranien verengten sich auf den Mann, der ihn aus dem Lager geholt hatte und zu seinem Assistenten heranzog. Der Rest ringsum war Feindschaft, auf die der Hass antwortete.

Trotzdem erschrickt Klaus Bender über das Vorhaben Davertshovens. Er erschrickt nicht aus Angst um sich selbst oder aus Sorge um die Dahlier, und erst recht nicht aus der Verantwortung gegenüber einer Welt, die für ihn überhaupt nicht existiert. Aber da ist Elka. An ihr allein erlebt er, was kommen soll. Elka wird ebenfalls zerstäubt werden – ihre Augen, ihr Gesicht, ihre Glieder – wirbelnde Atome in einem ungeheuren Brand …

„Nein!“, stößt er feindlich heraus. „Das können Sie nicht tun. Sie haben nicht an Elka gedacht.“

Rudolf Davertshoven nickt ihm zu. Er hat nichts anderes erwartet. Eigentlich ist es erschreckend, wie einfach solch ein junger Mensch konstruiert ist. Wie eine Rechenmaschine. Früher war das wohl anders. In seiner eigenen Jugend besaßen schon die Sechzehnjährigen mehr Tiefen und Untiefen.

„Sie haben mich also doch belogen, Klaus. Ich fragte Sie vorhin, was Sie sich vom Leben erhoffen. Wie stehen Sie zu Elka?“

„Ich – ich …“

Klaus Bender blickt zur Seite. Das sind Dinge, die man nicht aussprechen kann. Sehnsüchte und Gefühle lassen sich nicht mit Worten nachformen. Außerdem ist das sein Persönlichstes. Ja, er hat gelogen. Elka ist Leben genug. Wenn sie ihn lieben würde – es wäre denkbar, für immer hier zu bleiben, ewig Gefangener in der Einsamkeit zu sein, und doch glücklich zu leben. Die Welt ist voll, wenn sie aus zwei Menschen besteht. Auch Adam und Eva haben zu zweit begonnen.

„Sie lieben Elka?“

Klaus Bender atmet gewaltsam.

„Ja.“

„Und Elka?“

„Ich – ich weiß nicht – sie ist noch ein Kind …“

Rudolf Davertshoven lächelt karg.

„Sie erscheint uns beiden als Kind, weil wir sie aufwachsen sahen, aber soweit ich mich erinnere, ist ein Mädchen von achtzehn Jahren kein Kind mehr. Elkas Mutter verlobte sich in diesem Alter mit meinem Jungen. Und ich glaube, dass Elka Sie liebt, Klaus. Vielleicht bleibt euch beiden nicht mehr viel Zeit.“

Klaus Bender hält den Kopf gesenkt und schweigt. Er wagt es nicht, aufzublicken. Davertshoven fährt weicher fort: „Ich würde viel darum geben, wenn ich euch zum Leben verhelfen könnte, aber unsere Zukunft ist aussichtslos. Ich kann Ihnen nur einen Rat geben. Sprechen Sie sich mit Elka aus, und wenn ihr euch gegenseitig liebt, so werdet vor Gott zu Mann und Frau und schenkt euch alles Glück, was ihr euch schenken könnt.“

Klaus Bender löst die Augen nicht vom Teppich, schüttelt jedoch den Kopf und presst heraus: „Verzeihung, aber manchmal ist es wohl leichter, einen Rat zu geben als zu befolgen. Wir können uns selbst fünf Minuten vor dem Ende nicht anders benehmen, als läge noch ein ganzes Leben vor uns. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sie diese Katastrophe wirklich beabsichtigen. Sie haben doch nicht zehn Jahre gearbeitet, um nun …“

„Eben deshalb habe ich zehn Jahre gearbeitet“, fängt Davertshoven barscher ab. „Glaubten Sie im Ernst, ich würde diesen Kanzlisten helfen, die ganze Welt zu unterjochen? Sie haben unsere Heimat zerbrochen – jetzt werde ich sie zerbrechen. Darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren.“

Bender richtet sich auf. Die Erregung drängt aus ihm heraus.

„Aber Elka? Die Katastrophe trifft doch auch Elka?“

Rudolf Davertshoven seufzt.

„Das ist das Problem. Die letzte Davertshoven. Ich kann das Kind nicht einfach opfern. Wenn Elka nicht wäre, hätte ich mich schon längst endgültig entschlossen. Ich weiß noch nicht, was zu tun ist, aber für Sie wird es besser sein, wenn Sie mit dem Letzten rechnen. Die Ereignisse können sich schnell entwickeln, und ich möchte mir wenigstens nicht noch vorwerfen, euch beide um euer Glück gebracht zu haben.“

„Sie dürfen das nicht tun“, sagt Bender entschiedener. „Ich begreife, dass Sie sich rächen wollen, aber Elka darf nicht das Opfer einer solchen Rache werden.“

Die Stimme Davertshovens wird wieder härter. Sein Gesicht ist starr, seine Augen blicken geradeaus. Es liegt etwas Fanatisches und zugleich Weltabgewandtes über ihm. Klaus Bender denkt an den alttestamentarischen Vater, der seinen Sohn schlachten wollte.

„Elka würde im Glück sterben, bevor sie den Tod ahnte. In Geranien starben Hunderttausende unschuldiger Frauen die schrecklichsten Tode um geringerer Wirkungen willen.“

„Aber Sie können doch nicht …“

„Schweigen Sie“, fängt Davertshoven schroff den einsetzenden Protest ab. „Ich habe Ihnen mitgeteilt, wie die Verhältnisse liegen, aber ich wünsche nicht, mit Ihnen darüber zu debattieren. Es wird geschehen, was geschehen muss. Lassen wir das also. Ich will Ihnen jetzt nur noch Ablauf und Umfang des Experiments detaillieren. Der Verlauf lässt sich zwar nicht mit Sicherheit, aber immerhin mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen. Kommen Sie herum, ich will Ihnen die Berechnungen entwickeln.“

Klaus Bender rückt mit seinem Stuhl an den Sessel heran. Er hat gelernt, sich der Autorität zu fügen. Professor Davertshoven hat die Verantwortung und wünscht nicht, das Thema zu diskutieren. Das schließt ab wie eine Tür. Aus!

Nein, damit ist es nicht abgetan. Klaus Bender spürt zum ersten Male in seinem Leben, dass es so nicht geht. Man kann nicht einfach eine Entscheidung über Leben und Tod diktieren und verlangen, dass der andere sie als gottgegeben hinnimmt. Hinter der Tür brodelt es unruhig. Professor Davertshoven ist ein alter Mann, dem das Leben nichts mehr besagt. Besitzt er wirklich das Recht, um eines sturen Hasses willen Elka zu opfern?

Die aufrührerische Unruhe verebbt allmählich. Professor Davertshoven spricht leise und wirft dabei Formeln auf das Papier. Man muss die Gedanken zusammennehmen, um zu folgen. Und die spekulative Entwicklung ist ebenso verwegen wie interessant. Darüber versinken die Fragen um Leben und Tod. Mit diesen Formeln greifen Ursachen und Wirkungen ineinander, zwischen denen es keine Menschen und keine Schicksale gibt. Das ist ein rein physikalisches Geschehen, das sich in Zahlen manifestiert und seinen eigenen, in sich gerundeten Gesetzen folgt. Wissenschaft ist es – und welche Wissenschaft hat sich um das zu kümmern, was sonst noch am Rande geschieht?

Reine Physik, mathematisch gefasst – nichts als Atome, Elektronen, Protonen, Neutronen, Mesonen und Subelektronen im rasenden Wirbel zwischen Kausalem und Akausalität.

Und doch existiert irgendwo Elka.

 

*

 

Elka Davertshoven hat viel von der jungen Birke, an deren silberweißem Stamm sie lehnt. Sie ist hell und licht, bei aller Zartheit gesund und geschmeidig. Das einfache Leinenkleid zeichnet im leichten Wind die Linien ihres Körpers nach. Die Beine sind nackt, die Füße stecken in weißen Söckchen und farbigen Opanken. Auf dem schmalen, intelligenten Gesicht liegt einiges von der zeitlosen Schönheit jener steinernen Frau Ute aus dem Dom von Naumburg. Die blauen Augen leuchten noch kindhaft groß.

Sie liebt diesen Blick über das buschige Vorland des Waldes hinweg zum See, der wie ein grünlicher Spiegel zwischen den niedrigen Hügeln liegt. Hier stört nichts. Der Berg mit seinen zahllosen nüchternen Arbeitszellen liegt im Rücken und wird von dem ansteigenden Wald gedeckt. Vom Arbeitslager mit seinen Todesgassen zwischen den Stacheldrähten und den dunklen Wachtürmen ist nichts zu sehen. Himmel und Erde, Wald und See – sonst nichts.

Am nächsten Stamm, wenige Meter seitlich, lehnt Michail Petrik. Die übersonnte Landschaft hebt das Dunkle und Düstere an ihm stärker heraus. Seine gesunden, weißen Zähne kauen am Ende einer Rute, an deren anderem Ende noch ein kurzer Schopf von Blättern sitzt. Die Augen starren zum See, huschen flüchtig über Elka Davertshoven hinweg und richten sich wieder in die Ferne.

Plötzlich lacht er aus seinen Gedanken heraus höhnisch auf.

„Dahlien? Was verstehen Sie von Dahlien, Elka? Der Wald, der See, die Flügel – das gefällt Ihnen, nicht wahr?“

Elka Davertshoven schaut weiter auf das Land hinaus und lächelt verträumt.

„Ja, es gefällt mir, Mischa. Das Land ist schön.“

„Bourgeoise Romantik!“, höhnt Michail Petrik schärfer und schlägt mit der Rute durch die Luft, als wolle er einen Feind züchtigen. „Ein bisschen Natur und Sonnenschein genügen, um Sie zu Tränen zu rühren. Sie werden es nie lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Barkalsee? Haha! Vor zehn Jahren hieß diese Pfütze noch Wolchowski-See, und es gab nicht viele Leute in Dahlien, die sie kannten. Vier Dörfer standen damals um den See herum. Innerhalb von drei Tagen erinnerte nichts mehr an sie als einige Brandflecken. Die Bewohner sind irgendwo in den Bergwerken oder in den Goldfeldern gestorben. Und warum? Sie sterben nicht alle in Mesonsk, die Sträflinge nicht, und nicht die Wachmannschaften. Wer aber durch Mesonsk geht, soll bestenfalls erzählen können, dass es am Barkalsee liegt. Geheimhaltung! Das ist Dahlien, Elka. Ein Federstrich, und Tausende von Menschen verwehen, Dörfer versinken, und die Landschaft ändert ihren Namen.“

Elka Davertshoven nimmt den Kopf nicht von der hellen Birke.

Ihre Stimme bleibt weich und freundlich. Sie kennt solche Ausbrüche zur Genüge.

„Sie irren, Mischa. Das ist nicht Dahlien, sondern die Kanzlei-Union.“

Michail Petrik lässt die Rute durch die Luft pfeifen. Elka macht ihn immer wieder wütend. Nicht einmal auf blanken Hohn reagiert sie. Sie will sich nicht dazu bringen lassen, die Wirklichkeit zu sehen. Dabei ist doch alles so klar und einfach. Immer diese verdammten Illusionen!

„Ach – die Kanzlei-Union? Was denken Sie sich dabei? Wahrscheinlich überhaupt nichts, nicht wahr?“

„Großvater spricht von entfesseltem Verstand. Was ihr tut, ist alles klar und folgerichtig, aber auch so kalt und mechanisch wie bei einer Maschine. Eure ganze Bürokratie ist nichts als gestaltgewordener Verstand.“

„Verstand?“, grübelt Michail Petrik überrascht. „Ihr Großvater scheint Fortschritte zu machen. Schließlich ist der Verstand doch das Höchste, nicht wahr?“

„Nur für einen Kanzlisten.“

„Für Sie nicht?“

„Nein.“

Sie dreht sich nach Michail Petrik herum und doziert mit dem Ernst einer jungen Studentin:

„Großvater meint, entfesselter Verstand sei das Furchtbarste, was über die Menschen kommen könne – schlimmer noch als die entfesselte Physik mit ihren Atombomben. Der Verstand ist eine bürokratische Funktion des Gehirns, eine Maschinerie, die auch die Tiere besitzen. Menschlich wird er erst durch Geist und Seele. Ihr aber leugnet Gott ebenso wie Geist und Seele. So läuft zwar euer Verstand auf vollen Touren, aber er hat nicht den richtigen Inhalt, sondern wird nur durch dogmatische Programme gespeist. Und euer Programm macht ihr zu einem Streckbrett, auf dem ihr die Menschen vergewaltigt. Ihr funktioniert wie ein Auto, das zwar ganz exakt, aber blindwütig auf einem Wege entlangrast und den Abgrund überhaupt nicht sieht. Am Steuer eures Autos sitzt eben kein Mensch, sondern ein längst überholter Fahrplan.“

Michail Petrik studiert aufmerksam das eifrige Gesicht, über seinen Lippen liegt ein spöttisches Lächeln, aber man sieht ihm an, dass er nachdenkt.

„Und wenn die Menschen nun diesen Fahrplan brauchen, Elka? Dahlien ist in diesen Jahrzehnten weiter vorangekommen als vorher, als es noch keinen Fahrplan besaß, in Jahrtausenden. Und selbst wenn der Fahrplan falsch wäre – man springt nicht aus einem fahrenden Auto. Aber Sie sehen alles falsch. Die Menschen müssen geführt werden, und es ist besser, sie dem Verstand anzuvertrauen als irgendwelchen Gefühlen und Ideologien. Der Kanzlismus ist der Wegbereiter für den Fortschritt der Menschheit.“

„Armer Mischa.“

Michail Petrik zuckt wie unter einem Schlag.

„Sagen Sie nicht armer Mischa zu mir. Sie sind eine Frau. Was verstehen Sie schon von diesen Dingen?“

Elka Davertshoven schweigt. Sie blickt wieder auf den See hinaus. Michail Petrik geht langsam zu ihr hinüber und stellt sich vor ihr auf. Er ist wie ein Junge, der trotzig fordert.

„Ich bin kein armer Mischa. Sagen Sie mir lieber, warum Sie so eigensinnig sind und nicht sehen wollen, was wirklich ist. Das ist etwas, das ich nicht verstehe. Sie waren sechs Jahre alt, als ich Sie kennenlernte und Ihnen zu essen gab. Seitdem haben Sie immer nur hier gelebt. Trotzdem ist es, als gehörten Sie einer anderen Welt an. Wie kommt das?“

Elka Davertshoven überlegt ernsthaft.

„Ich weiß es nicht, Mischa. Vielleicht liegt es daran, dass ihr voll Misstrauen und Furcht seid? Ihr wollt alles haargenau in Zahlen und Worte fassen, weil ihr fürchtet, irgendwo könnte eine unbekannte Gewalt sein. Ihr betrachtet euch gegenseitig als Feinde, während wir die Menschen für gut halten, solange sie nicht das Gegenteil bewiesen haben. Ihr glaubt an den Kampf ums Dasein und seht deshalb in jedem anderen einen natürlichen Gegner. Wir glauben an eine menschliche Gemeinschaft und halten deshalb unsere Mitmenschen für natürliche Freunde. Ihr beginnt mit dem Hass, wir mit der Liebe.“

„Liebe?“, murmelt Michail Petrik suchend. „Was würde die Liebe nützen? Sie zerstört alle Ordnung. Außerdem kann man nur einen einzigen Menschen lieben.“

„Man kann die Menschen lieben.“

„Das ist eine von euren bürgerlichen Ideologien. Die Menschen sind nicht wert, dass man sie liebt.“

„Armer Mischa.“

Michail Petrik zuckt, bleibt aber ruhig.

„Sie sind ein Kind, Elka. Ich liebe einen Menschen und weiß ganz genau, dass man nicht gleichzeitig mehrere lieben kann. Liebe? Sie wissen nicht einmal, was das ist, Liebste.“

Elka Davertshoven erschrickt und streckt sich.

„Bitte, sagen Sie nicht Liebste zu mir, Mischa.“

Michail Petrik senkt den Kopf und blickt auf die Spitzen seiner Stiefel.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, Elka“, sagt er leise. „Sie sind für mich meine Geliebte – hundertmal am Tag und tausendmal in der Nacht. Ich liebte Sie schon, als Sie noch ein Kind waren, und ich habe immer an Sie gedacht. Aber ich ...“

Er hebt die Hände etwas an, lässt sie wieder fallen und fährt mühsamer fort: „Der Verstand – er hat auch seine Vorteile. Ich weiß, dass man nicht bekommt, was man sich am stärksten wünscht. Ich habe auch gelernt, mich zu beherrschen. Es ist nur – Sie werden eines Tages kein Kind mehr sein – dann sollen Sie es wissen, Elka.“

Sie schweigen. Nach einer Weile atmet Elka tief auf.

„Danke, Mischa. Es wäre besser gewesen, Sie hätten es nicht gesagt, weil ich nun immer daran denken muss, aber …“

Sie bricht ab und setzt neu an.

„Ich habe Sie gern, Mischa. Sie sind ein Kanzlist, aber Sie waren immer gut zu mir. Ich werde Sie auch gern haben, wenn ich einmal einen anderen liebe. Glauben Sie mir das?“

„Nein“, antwortet er rau.

Sie legt ihm die Hand auf den Arm.

„Warum nicht, Mischa? Es wäre schade. Wir waren immer Freunde. Warum wollen wir uns nicht gern haben, wie ich meinen Großvater gern habe – auch wenn ich einen anderen Mann liebe?“

„Ich bin nicht Ihr Großvater“, murmelt er.

„Aber Sie könnten mein Bruder sein, nicht wahr?“

Michail Petrik strafft sich und schiebt ihre Hand herunter.

„Wir wollen nicht mehr darüber sprechen, Elka. Es wäre viel, Ihr Bruder zu sein, aber ich hoffe, dass es Ihnen eines Tages zu wenig erscheint. Ich muss jetzt ins Werk. Kommen Sie mit?“

„Ich möchte noch bleiben.“

„Gut.“

Sie lächeln sich zu und reichen sich die Hände wie gute Kameraden, dann geht Michail Petrik mit schnellen Schritten davon. Der Wind scheint das Lächeln aus seinem Gesicht herauszuwischen. Nach zehn Metern ist er für alle, die ihm begegnen, nichts als der düstere politische Kommissar von Mesonsk, dessen Kälte und Unerbittlichkeit gefürchtet sind.

Elka Davertshoven träumt zwischen Berg und See. Sie hat keine Pflichten, an denen sie die Zeit messen muss. So war es eigentlich immer, soweit sie sich erinnern kann. Großvater und Klaus haben sie unterrichtet, aber das hat die große Stille, in der sie aufwuchs, kaum beunruhigt. Nur ganz wenige Menschen sind in ihrem Leben. In Mesonsk arbeiten Hunderte, aber sie halten sich freiwillig oder unfreiwillig von der Gruppe um Professor Davertshoven herum fern und wagen es nicht, mehr als ein gelegentliches Wort an die einzige Frau in der Einsamkeit zu richten. Es gibt keine Frauen in Mesonsk. Elka Davertshoven hat noch nie im Leben mit bewussten Augen eine andere Frau gesehen. Sie ist ganz allein und besitzt nichts, an dem sie sich messen kann. Sie weiß, dass es jenseits des Horizonts Länder und Menschen gibt, man hat ihr von allem erzählt, was existiert, aber das Unbekannte ist nie mehr geworden als ein fremdartiges Märchen. Sie ist in ihrer Stille glücklich und vermisst nichts. Selbst die Sehnsüchte, die aus ihrem Körper aufsteigen, beunruhigen sie noch nicht ernstlich. Es ist alles, wie es immer war, und Klaus Bender ist jederzeit erreichbar. Irgendwann wird alles sein, wie es sein muss.

Dann steht Klaus Bender neben ihr und nimmt sie bei der Hand, wie er es schon vor fünf Jahren getan hat. Sie sind gewöhnt, miteinander zu schweigen. Er ist mit seiner Arbeit fertig und will zu seinem Platz am See. So gehen sie stumm nebeneinander her bis zum Hang, der zum See abfällt. Das Buschwerk hinter ihnen wird zur Kulisse, die Mesonsk abdeckt. Vor ihnen spielt das Wasser unermüdlich mit kleinen Wellen um die hellen Kiesel herum. Langsam trägt es ein Stück Holz heran. Es ist schön, es mit den Augen zu verfolgen und darauf zu warten, dass es das Ufer erreicht.

„Woran denken Sie, Elka?“, fragt Klaus Bender endlich halblaut.

„An nichts.“

„Kann man das – an nichts denken?“

Sie lächelt versonnen.

„Natürlich. Es ist schön, an nichts zu denken – nicht an den Berg da hinten – an die kahlen Räume – an die Apparate und an die Sträflinge – einfach dazusitzen und zu spüren, wie alles atmet und lebendig ist. Dann wird man selbst wie eine Blume oder ein Grashalm. Oder ist das nicht schön?“

„Sie haben sich verändert, Elka“, murmelt er. „Früher waren Sie nicht so – so still. Wovon träumen Sie?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht träume ich davon, wie die Welt jenseits des Sees und der Hügel aussieht, vielleicht ist es aber auch etwas ganz anderes. Muss man wissen, was man träumt? Die Seifenblasen zerspringen auch, wenn man sie anfasst.“

Klaus Bender klaubt ein Steinchen aus dem Gras und wirft es spielerisch nach dem treibenden Holz. Der Stein trifft und drückt das Holz zur Seite. Elka Davertshoven zuckt auf und sagt vorwurfsvoll: „Oh, das ist nicht nett von Ihnen, Klaus. Ich wollte sehen, wie lange es bis zum Ufer braucht.“

„Eine Stunde, zwölf Minuten und dreiundvierzig Sekunden“, lacht er.

„Wieso? Haben Sie das berechnet?“

„Natürlich“, grinst er. „Wurzel aus Wellenhöhe und Wellenlänge dividiert durch den Weg hoch minus Masse mal Raumgewicht plus Beschleunigung hoch Barometerstand ...“

„Oh!“, unterbricht sie ihn lachend und wirft ihm ein Büschel Gras ins Gesicht. „Jetzt haben Sie mich hineingelegt. Eigentlich müsste ich Sie …“

Sie macht eine Bewegung, als wolle sie sich auf ihn stürzen, besinnt sich aber und blickt schnell weg. Klaus Bender kippt auf seinem Arm herum und sucht in ihrem Gesicht.

„Früher fuhren Sie mir bei solchen Gelegenheiten in die Haare, Elka. Trauen Sie sich nicht mehr?“

Sie schüttelt den Kopf, ohne ihn anzusehen.

„Lieber nicht. Ich – Sie sind mir zu stark geworden.“

„Hoho? Angst vor Onkel Klaus?“

Sie ruckt herum und fährt ihn empört an.

„Das ist gemein! Damals war ich zehn Jahre alt, als ich Onkel Klaus sagte. Wenn man ein Kind ist, hält man jeden Erwachsenen für uralt. Jetzt bin ich aber kein Kind mehr. Und Sie sind kein Onkel.“

„Sondern?“

In ihren Augen blitzt zum ersten Male eine Koketterie auf.

„Ich weiß nicht? Was möchten Sie denn sein, Klaus?“

Er zieht es vor, das Gras zu durchmustern.

„Bestimmt nicht Ihr Onkel.“

Sie schweigen. Die Wellen plätschern gegen das Ufer. über dem Buschwerk summt ein sanfter Wind. Sie schweigen sehr lange. Endlich stößt er gewaltsam heraus:

„Ich muss Sie etwas fragen, Elka.“

„Ja?“

„Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch kurze Zeit, sagen wir eine Woche, zu leben hätten?“

Über ihr Gesicht gleitet eine Verwunderung.

„Das ist eine sonderbare Frage, nicht wahr? Wollen Sie mit mir philosophieren?“

Klaus Bender richtet sich auf und versucht, ihre Augen zu fangen.

„Ich möchte, dass Sie sich das ganz ernsthaft vorstellen. Sie haben noch eine Woche zu leben. In dieser Zeit muss alles geschehen, was Sie noch in Ihrem Leben tun möchten. Was würden Sie tun?“

Ihr Gesicht färbt sich langsam rot. Sie wendet den Kopf ab. „Das sage ich nicht.“

„Aber Sie wissen es?“

„Ja.“

„Ist es – so schlimm?“

„Sehr schlimm“, bestätigt sie ernsthaft und blickt angestrengt geradeaus, doch liegt auf ihren Lippen ein sonderbares Lächeln.

„Schade“, murmelt er. „Ich hätte es wirklich gern gewusst.“

Sie dreht sich schnell zu ihm herum.

„Warum?“

„Ach – nur so.“

Jetzt forscht Elka Davertshoven in seinem Gesicht.

„Vielleicht sage ich es Ihnen, Klaus, aber vorher müssen Sie mir ehrlich verraten, was Sie tun würden, wenn Sie nur noch eine Woche zu leben hätten.“

Er blickt lieber auf die Grashalme als in ihr Gesicht.

„Das – das kann ich nicht.“

„Warum nicht? Ist es auch – so schlimm?“

„Ja.“

„Haben Sie kein Vertrauen zu mir?“, drängt sie fast mütterlich.

Er schielt nach oben und murrt: „Sie brauchen mich nicht auszulachen. Was ist das überhaupt für eine alberne Fragerei? Schließlich ist das meine Angelegenheit.“

Sie lacht fröhlich auf.

„Fein! Entschuldigen Sie nur, dass Sie diese alberne Frage stellten. Ich habe ja nicht angefangen.“

Klaus Bender stimmt in das Lachen nicht ein. Er fühlt sich scheußlich, und irgendwo sitzt ein unbestimmter Groll gegen Professor Davertshoven, der ihm diese Suppe eingebrockt hat. So einfach ist es nicht, Elka gegenüber von Liebe und von Tod gleichzeitig zu sprechen. Ihre Ahnungslosigkeit ist wie eine hohe Wand.

Trotzdem muss es geschehen. Die Fristsetzung zwingt. Verfluchter Krampf. Er atmet gewaltsam auf.

„Sie haben Recht, Elka. So geht das nicht. Aber – vielleicht habe ich auch nicht zufällig gefragt. Ich – haben Sie eigentlich Angst vor dem Sterben?“

Sie ist schon wieder ernst geworden und schüttelt den Kopf.

„Das ist wieder so eine komische Frage. Ich glaube, Sie fragen nur so, weil Sie mir etwas sagen wollen und sich nicht trauen.“

„Stimmt“, gibt er kurz zu.

Sie wartet schweigend. Ihre Augen sind jetzt sehr aufmerksam. Klaus Bender nimmt sich jedoch Zeit. Während er Grashalme durch seine Finger zieht, überlegt er, was er sagen könnte. Er möchte abmildern und beschönigen, aber es fällt ihm nichts ein. So stößt er schließlich ziemlich schroff heraus: „Wir haben nicht mehr lange zu leben. Die Anlage ist fertig. Beim ersten Experiment gibt es einen Protonensturm, dessen erste Opfer wir werden.“

Ihre Lippen setzen zu einem Lachen an. Es wird von einem Erschrecken abgefangen, das jedoch noch nicht in die Tiefe reicht.

„Das ist aber ein schlechter Spaß, Klaus. Eine Katastrophe? Warum sagen Sie so etwas? Großvater wird nie experimentieren, wenn er nicht sicher ist, dass keine Katastrophe eintritt. Wollen Sie mir Angst einjagen?“

Klaus Bender hat jetzt keine Mühe mehr, zu sprechen. Der Pfropfen ist heraus.

„Ihr Großvater hat mich beauftragt, mit Ihnen zu sprechen. Er hat nur für die Dahlier gearbeitet, um sie eines Tages durch einen Protonensturm vernichten zu können. Das ist seine Rache. Und jetzt ist es soweit. Ich habe versucht, ihn davon abzubringen, aber er ist wie ein Stein, an dem man nicht rütteln kann. In mancher Hinsicht kann ich ihn ja verstehen. Es handelt sich nur um Sie, Elka. Vielleicht wäre es besser gewesen, Ihnen überhaupt nichts zu sagen, aber Ihr Großvater meinte ...“

„Warten Sie“, bittet sie und legt ihm unwillkürlich die Hand auf den Arm, während ihre Augen unruhig sein Gesicht abtasten. „Was sind das für Dinge, die Sie da sagen? Großvater will Mesonsk zerstören, und wir sollen sterben? Ja, ich weiß, er hasst die Dahlier, aber …“

Ihre Gedanken laufen weiter. Das Gesicht spiegelt das wachsende Entsetzen einer inneren Vision. Dann bricht die Empörung aus.

„Das ist eine ganz große Gemeinheit von Ihnen. Ich weiß genug von eurer Arbeit. Ein Protonensturm würde die ganze Erde vernichten. Das würde Großvater nie tun – nie! Sie schwindeln mir das nur vor, weil Sie mich erschrecken wollen. Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!“

Sie springt auf und wendet sich ab. In ihrem Gesicht arbeiten Zorn und Weinen zugleich. Klaus Bender steht ebenfalls auf und tritt neben sie. Er wagt es nicht, sie zu berühren.

„Das ist kein Scherz“, murmelt er hilflos. „Das wäre eine Rohheit. Es ist wirklich so. Ihr Großvater ist fest entschlossen. Und er war sicher, dass Sie ihn verstehen würden.“

Sie zuckt herum.

„Er will es wirklich tun? Aber nein – das ist ja unmöglich! Er kann doch nicht einfach – er kann doch nicht einfach ...“

Dann schreit sie ihn jäh an.

„Haben Sie ihm denn das nicht gesagt? Er kann doch nicht einfach die ganze Welt zerstören, weil er die Kanzlisten hasst? Das leide ich nicht! Ich nicht! Ich werde ihm sagen …“

Sie läuft davon. Klaus Bender springt ihr nach und hält sie am Arm fest.

„Warten Sie, Elka. Es hat keinen Zweck, wenn Sie ...“

„Loslassen!“, fährt sie ihn heftig an und versucht, sich loszureißen, aber er zwingt sie mit hartem Griff zurück.

„Keine Unbesonnenheit, Elka. Sie bleiben, bis Sie sich beruhigt haben. Ein lautes Wort von Ihnen, und alles ist verraten. Sie ändern am Entschluss Ihres Großvaters nichts mehr. Sie zwingen ihn höchstens, noch schneller zu handeln.“

Elka Davertshoven steht steif wie ein Brett.

„Lassen Sie mich los“, sagt sie beherrscht. „Sie tun mir weh. Ich werde nicht weglaufen.“

„Es tut mir leid ...“

Er gibt sie frei und tritt einen Schritt zurück. Sie blicken stumm aneinander vorbei.

„Es wäre besser gewesen, Ihnen nichts zu sagen“, murmelt er nach einer Weile gegen die unbehagliche Stille an. „Ich kann es begreifen, dass Sie so am Leben hängen.“

„Was wissen Sie von mir?“, fragt sie spröde und bitter. „Ich weiß selbst nicht einmal, ob ich Angst vor dem Tode habe. Deshalb ist es nicht. Ich hatte nur gedacht – ich hatte an etwas anderes gedacht. Sagen Sie – sind Sie damit einverstanden, dass Großvater so etwas tun will?“

Er hebt voll Unbehagen die Schultern und lässt sie wieder fallen.

„Ihr Großvater ist mein Lehrer und mein Vorgesetzter. Ich muss seine Entscheidungen respektieren. Und ich habe keine Angst vor dem Tod. Es ist nur, weil es Sie mit trifft. Ich würde Ihnen das gern ersparen. Andererseits – Sie hätten hier auch keine Zukunft. Die Dahlier lassen uns nicht wieder aus. Sie kennen keine Dankbarkeit, selbst wenn wir ihnen zur Weltherrschaft verhelfen würden. Sobald sie das Verfahren beherrschen, sind wir erledigt. Und wer weiß, was dann mit Ihnen geschehen würde.“

„Warum fragten Sie mich vorhin, was ich tun würde, wenn ich mit dem baldigen Ende rechnen müsste?“

Er tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Das hat jetzt keinen Sinn. Ich kann es Ihnen nicht sagen – jetzt nicht, wo Sie böse sind.“

„Dann werde ich Großvater fragen“, sagt sie hart. „Darf ich jetzt gehen?“

Er greift nach ihren Händen.

„Bitte nicht, Elka. Sie sollen nicht so davonlaufen. Wir haben uns doch immer gut verstanden. Wollen wir jetzt, wo es aufs Letzte geht, noch miteinander streiten? Wenn es nun einmal unabänderlich ist, wenn uns nur noch ein paar Tage bleiben …“

Er bricht ab. Der Mut fehlt. Sie wartet still, ohne sich zu regen.

„Sie sind noch ein Kind, Elka“, setzt er holpernd wieder an. „Ihr Großvater meinte, ich sollte es Ihnen sagen, aber unter diesen Umständen – aber vielleicht ist es doch richtig … Ich – ich liebe Sie, Elka. Das ist es.“

In ihren Augen erscheint ein Leuchten, doch es erlischt gleich wieder. Ihre Hände ziehen sich zurück. Ihre Stimme sucht wie ein Kind, das mit tränenden Augen nach dem Weg tastet.

„Liebe? Ist das Liebe? Kann man einen Menschen lieben und doch nichts dabei spüren, wenn er morgen sterben soll?“

„Das Unabänderliche …“

„Reden Sie sich doch nicht heraus“, unterbricht sie schmerzlich. „Das Herz kennt nichts Unabänderliches. Wenn Sie mich wirklich liebten, würde Ihr Herz das nicht aushalten. Aber Ihnen tut es nicht einmal weh. Großvater will es, und Sie haben es zu respektieren. Das ist keine Liebe.“

„Was wissen Sie von meinem Herzen?“, murmelt er finster. „Man hat uns abgewöhnt, zu schreien, wenn uns etwas weh tut. Wir haben gelernt, die Zähne zusammenzubeißen und das Unvermeidliche zu tragen.“

Sie beugt sich vor und schreit ihn fast hasserfüllt an, wie eine Flamme, die gegen ihn schlägt.

„Das ist ja nicht wahr! Sie sprechen wie ein Dahlier – als ob Sie ein Tier wären, das dressiert worden ist. Hören Sie denn das nicht? Sie sind doch ein Mensch und ein Mann! Es macht Ihnen nichts aus, zu sterben? Pah, wenn man so mutig ist, dann muss man auch den Mut haben, leben zu wollen. Leben, nicht sterben! Aber es ist so bequem, sich zu ducken und einfach zu respektieren, viel bequemer, als für das zu kämpfen, was lebendig ist. Aber das ist es ja eben. Dort drin lebt nichts! Ihr seid Mumien – Tote! Ihr glaubt zu leben, aber in Wirklichkeit seid Ihr steinerne Denkmäler für irgend etwas, was einmal war – genau wie die Dahlier und nicht eine Spur besser als sie. Ihr denkt nur immer an das, was vor zehn oder zwanzig Jahren existierte, nicht an das, was heute leben will. Und weil ihr gar nicht lebt, macht ihr euch einen Stolz daraus, zu sterben. Pah! Sterben ist keine Kunst – aber leben! Ihr wollt ja bloß sterben, weil ihr nicht die Kraft zum Leben habt.“

Sie steht zitternd, mit geballten Fäusten, vor Bender, und gleicht kaum mehr dem stillen Mädchen, das er bisher kannte. Gleich darauf wendet sie sich ab und geht davon.

Klaus Bender blickt ihr stumpf nach, ohne sich zu rühren.

 

*

 

Elka Davertshoven läuft immer schneller zwischen den Büschen, die ihr Kleid halten wollen. Ihr Kopf ist aufgereckt, aber ihre Lippen zucken, und aus ihren Augen fließen Tränen. Sie weiß nicht, was stärker in ihr arbeitet – Schmerz und Enttäuschung oder die Empörung über das Ungeheuerliche, das die Männer planen.

Der Weg ist lang, und die kahlen Felsengänge von Mesonsk beklemmen stärker als je. Sie ist ruhig geworden, als sie endlich bei ihrem Großvater eintritt. Die äußere Erregung ist verschwunden. Dafür hat sich ihre Entschlossenheit verdichtet.

„Ich möchte dich sprechen, Großvater“, sagt sie beherrscht, während sie auf den Schreibtisch zugeht. Rudolf Davertshoven blickt jedoch nur flüchtig auf, um gleich weiterzuarbeiten.

Details

Seiten
314
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933888
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
erde

Autor

Zurück

Titel: Die Erde brennt