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Das Chaos klingelt um halb zehn

©2019 73 Seiten

Zusammenfassung


- Die Studentin Sibille bessert ihre Finanzen als Putzhilfe auf, doch diesmal in sie an ein wahres Ekel geraten. Nur gut, dass sein Chef, der viel zu früh kommt, so nett und verständnisvoll ist. Kein Wunder!
- Susanne ist besorgt. Um das Haus ihrer pflegebedürftigen Tante schleicht ein unheimlicher Mann, auch wenn er, aus der Nähe betrachtet, überraschend sympathisch wirkt. Was hat er vor? Welch düsteres Geheimnis umgibt ihn?
- In letzter Zeit hat Birgit nur Pech. Immer, wenn sie etwas besonders gut machen will, verwandeln sich ihre Bemühungen ins Gegenteil. Nur mit dem liebenswerten Felix scheint sie Glück zu haben. Doch schon bald werden durch ihn ihre Probleme noch größer…
- Anfangs ärgert sich Dorothee über den aufdringlichen Achim, aber als ihm wertvolle Dokumente gestohlen werden, ist sie bereit, ihm zu helfen. Ist das ein Fehler?
- Anita wird des Nachts in einem romantischen Burghotel von einem Gespenst geküsst. Sie glaubt nicht an Geister und ist entschlossen, sich an dem dreisten Übeltäter zu rächen.

Leseprobe

Table of Contents

Das Chaos klingelt um halb zehn

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Das Chaos klingelt um halb zehn

Der Mann im Nebel

Der Pechvogel

Liebe, Tricks und Taschendiebe

Wenn’s auch dem bösen Nachbarn nicht gefällt

Auch Gespenster brauchen Liebe

Das Chaos klingelt um halb zehn

Heiter-romantische Liebeserzählungen

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.

 

- Die Studentin Sibille bessert ihre Finanzen als Putzhilfe auf, doch diesmal in sie an ein wahres Ekel geraten. Nur gut, dass sein Chef, der viel zu früh kommt, so nett und verständnisvoll ist. Kein Wunder!

- Susanne ist besorgt. Um das Haus ihrer pflegebedürftigen Tante schleicht ein unheimlicher Mann, auch wenn er, aus der Nähe betrachtet, überraschend sympathisch wirkt. Was hat er vor? Welch düsteres Geheimnis umgibt ihn?

- In letzter Zeit hat Birgit nur Pech. Immer, wenn sie etwas besonders gut machen will, verwandeln sich ihre Bemühungen ins Gegenteil. Nur mit dem liebenswerten Felix scheint sie Glück zu haben. Doch schon bald werden durch ihn ihre Probleme noch größer…

- Anfangs ärgert sich Dorothee über den aufdringlichen Achim, aber als ihm wertvolle Dokumente gestohlen werden, ist sie bereit, ihm zu helfen. Ist das ein Fehler?

- Anita wird des Nachts in einem romantischen Burghotel von einem Gespenst geküsst. Sie glaubt nicht an Geister und ist entschlossen, sich an dem dreisten Übeltäter zu rächen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Das Chaos klingelt um halb zehn

"Tut mir leid, Frau Flöter", bedauerte die 24jährige Medizinstudentin Sibille Muster am Telefon. "Heute habe ich schon einen anderen Termin. Aber am Montag kann ich den Hausputz bei Ihnen in Angriff nehmen. Würde Ihnen das passen?"

Nach der zustimmenden Antwort legte sie den Hörer auf und schaute auf die Uhr. Jetzt musste sie sich aber beeilen.

Mit dem Bus fuhr sie zwanzig Minuten, besorgte ein Stück Rindfleisch für den Sonntag und läutete an der Tür, die der ihr genannten Adresse entsprach.

"Da sind Sie ja endlich", wurde sie ungehalten begrüßt. "Sie waren wohl erst noch beim Friseur? Verstehen Sie überhaupt etwas vom Saubermachen?"

"Guten Tag", antwortete Sibille frostig. Am liebsten wäre sie auf der Stelle wieder umgekehrt. Solch mürrischen Empfang war sie nicht gewöhnt. Die älteren Damen, denen sie für gewöhnlich das Großreinemachen abnahm und sich damit ein paar Euro verdiente, freuten sich jedesmal, wenn sie kam. Sie waren froh, die schwere Arbeit nicht mehr selbst erledigen zu müssen. Sie hätte den Auftrag gar nicht annehmen sollen. Mit Männern gab es meistens Ärger.

"Äh, guten Tag. Nun kommen Sie schon herein. Es gibt eine Menge für Sie zu tun." Harald Schenk, der ungefähr 30jährige Wohnungsinhaber, warf ihr einen abschätzend zweifelnden Blick zu. Offensichtlich traute er ihr noch immer nicht zu, dass sie mit Staubsauger und Fensterleder umzugehen verstand.

Er zeigte ihr die Räume, und allmählich begriff Sibille seine Bedenken. Vor ihr breitete sich das reinste Chaos aus. Eine Räuberhöhle musste im Vergleich dazu das Sinnbild von Ordnung und Sauberkeit sein.

"Da werde ich morgen noch einmal kommen müssen", fürchtete sie und deutete auf den Stapel schmutziger Wäsche im Schlafzimmer. "Soll ich mich darum auch kümmern?"

Harald Schenk wehrte ab. "Lassen Sie das Zeug irgendwo verschwinden. Bis nachmittags um vier muss hier alles tipptopp sein. Mein Chef hat sich angesagt. Es geht um ein größeres Projekt, das er mit mir besprechen will. Sie sehen wohl ein, dass ich ihn in diesem Rahmen nicht empfangen kann. Das könnte sich ungünstig auf meine berufliche Laufbahn auswirken."

"Ganz bestimmt sogar", gab ihm Sibille recht. "Dass Sie sich in diesem Durcheinander überhaupt wohlfühlen."

"Das ist ja wohl meine Sorge", wies ihr Auftraggeber sie ärgerlich zurecht. "Sie sollen hier putzen und werden dafür bezahlt. Meine Großtante hat Sie mir empfohlen. Aber wenn ich geahnt hätte, dass Sie..."

"...dass ich was?" Sibille blitzte ihn mit ihren dunkelbraunen Augen angriffslustig an. Wenn Sie das Geld nicht so dringend brauchte, säße sie schon längst wieder im Bus.

Harald Schenk zögerte. "Na, wie Sie aussehen! So stellt man sich doch eher ein Model, aber keine Raumpflegerin vor. Das kann ja heiter werden. Haben Sie sich etwa Verpflegung mitgebracht?" Er deutete auf das Päckchen mit dem Fleisch, das Sibille noch immer in der Hand hielt. "Zu essen ist genug da. Sie können sich nehmen, worauf Sie Appetit haben. Aber nicht das Arbeiten vergessen!"

So ein Ekel! Wenn sie Pech hatte, versuchte er hinterher, sie mit Naturalien zu bezahlen.

Sie bat, das Fleisch vorübergehend in den Kühlschrank legen zu dürfen. Hier erwartete sie der nächste Schock.

"Das kann man doch nicht mehr essen", tadelte sie und hielt ihm ein Stück Speck unter die Nase, der so grau war wie die Fensterscheiben in der Wohnung. "Wo soll ich hier nur anfangen?"

"Nun übertreiben Sie nur nicht", verteidigte Harald Schenk die katastrophalen Zustände. "Ich hatte noch nie das Bedürfnis, vom Fußboden zu essen."

Sibille senkte den Blick auf angetrocknetes Bier und Wursthäute. "Ich im Moment auch nicht", erwiderte sie sarkastisch. "Wo finde ich die Putzmittel?"

"Putzmittel?" Harald Schenk runzelte die Stirn. "Wasser gibt es genug, und ein Eimer müsste auf dem Balkon stehen. Sie gehören doch hoffentlich nicht zu jenen Frauen, die mit allen möglichen Chemikalien unsere Flüsse belasten."

Sibille schob ihn zornig, da er im Weg stand, beiseite und fauchte: "Ganz ohne Chemie wird es hier wohl nicht gehen. Eine Alternative wäre höchstens das Sprengkommando. Hoffentlich funktioniert wenigstens Ihr Staubsauger. Alles andere muss ich eben unten im Supermarkt besorgen."

"Hauptsache, Sie werden rechtzeitig fertig", ließ sich der Mieter lässig hören und zündete sich eine Zigarette an. Er verstand offenbar ihre Aufregung nicht.

Nach zwanzig Minuten kehrte Sibille gehetzt mit ihren Einkäufen zurück. Harald Schenk erwartete sie voller Ungeduld.

"Brauchen Sie das wirklich alles?", nörgelte er. "Fenster kann man doch zum Beispiel auch mit einem alten Lappen putzen."

"Und für Zigarettenasche kann man notfalls auch einen Aschenbecher benutzen", giftete Sibille und stampfte mit dem Fuß auf. "Bringen Sie mir lieber einen Eimer Wasser, anstatt noch mehr Schmutz zu verursachen."

"Na, Sie sind vielleicht eine seltsame Putzfrau", fand der Mann, zog sich aber vorsichtshalber zurück, und wenig später fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Sibille atmete auf. Hoffentlich kam er nicht so bald wieder!

Zunächst füllte sie den Mülleimer dreimal mit Abfällen und schleppte ihn hinunter. Danach entschied sie sich, zunächst den Flur und das Wohnzimmer auf Vordermann zu bringen. Ach ja, das Bad würde Harald Schenks Chef möglicherweise auch benutzen. Wenn er nur keinen der Schränke öffnete!

Der Staubsauger zog nicht richtig. Dafür verursachte er einen mörderischen Lärm. Irgendetwas klingelte darin. O nein, das schien das Telefon zu sein. Der Anrufer war ziemlich hartnäckig.

Sibille überlegte. Vielleicht war es etwas Wichtiges. Möglicherweise sagte der Chef sein Kommen ab. Es war wohl besser, wenn sie das Gespräch entgegennahm.

"Hallo?", meldete sie sich.

"Ja, hier ist Anton", erhielt sie zur Antwort. "Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich in einer halben Stunde komme."

Vor Schreck ließ Sibille fast den Hörer fallen. "So früh schon?", entfuhr es ihr, bevor sie matt versicherte, dass sie es ausrichten würde.

O Gott! In dreißig Minuten schaffte sie es nie. Zu allem Unglück war auch Harald Schenk noch nicht da. Jetzt sehnte sie seine Gegenwart herbei. Am liebsten hätte sie die Wohnung kurzerhand verlassen und auf die Bezahlung verzichtet. Das gab eine Katastrophe.

Wie ein Taifun wirbelte sie durch die Räume. Mit dem Ergebnis der Fensterscheiben war sie ganz und gar nicht zufrieden, aber sie musste sich auch noch ums Bad kümmern. Hörte sie nicht schon auf der Treppe Schritte? Zum Glück gingen sie an der Wohnungstür vorbei.

Ein sauberer Aschenbecher war nirgends zu finden. Also schleunigst in die Küche, um für Abhilfe zu sorgen.

Was bot man so einem Mann zu trinken an, falls Harald Schenk nicht inzwischen aufkreuzte? In fliegender Hast kontrollierte Sibille das Barfach im Wohnzimmerschrank und entdeckte neben zahlreichen leeren Flaschen eine halbvolle mit Kognak.

Da schlug auch schon der Gong an. Sibille holte tief Luft, zog schnell die Kittelschürze aus, fuhr sich beim Passieren des Garderobespiegels flüchtig durchs Haar und öffnete die Wohnungstür.

Zunächst sah sie nur einen riesigen Blumenstrauß, der sich ihr entgegenreckte. "Ich hoffe, Sie entschuldigen diesen Überfall, liebe Frau Schenk", bat dahinter eine durchaus wohlklingende Männerstimme.

Noch völlig außer Atem nahm Sibille die Blumen in Empfang. "Ich muss da etwas richtigstellen, Herr Anton", begann sie, aber der Besucher ließ sie nicht zu Worte kommen.

"Doch, doch", beharrte er, "das ist ein unverzeihlicher Überfall. Leider hat sich für den Nachmittag überraschend ein Geschäftspartner angesagt. Deshalb musste ich kurzfristig umdisponieren. Darf ich mir erlauben, Ihnen zu versichern, dass Sie ganz zauberhaft aussehen?"

Ein sympathischer Mensch. Nicht nur wegen des Komplimentes. Er war kaum älter als sein Angestellter, aber ungleich höflicher als dieser. Zweifellos legte er auf Ordnung und Sauberkeit größten Wert. Kein Wunder, dass Harald Schenk ihn nicht hinter die Kulissen seines Junggesellendurcheinanders blicken lassen wollte.

Herr Anton schien sich eine völlig falsche Vorstellung von seinem Mitarbeiter zu machen. Vor allem hielt er ihn für verheiratet. Ein kreuzsolider Ehemann, den man getrost mit verantwortungsvollen Aufgaben betrauen konnte. Wenn der wüsste!

Sibille fühlte sich in der aufgezwungenen Rolle keineswegs wohl. Es drängte sie, das Missverständnis aufzuklären, fürchtete aber, damit Harald Schenk womöglich um eine berufliche Chance zu bringen. Das wollte sie nun auch wieder nicht, obwohl dieser ewig meckernde Typ es nicht besser verdient hätte.

Sie bedankte sich für die schönen Blumen und bat den Besucher ins Wohnzimmer. Dabei entdeckte sie Spinnweben an der Flurlampe, die Herr Anton aber übersah, weil er unaufhörlich auf seine Gastgeberin einredete.

"Ihr Gatte hat mir schon so viel über Sie erzählt", erklärte er, nachdem er in einem der erst vor Minuten gründlich gesäuberten Sessel Platz genommen hatte.

Alles Lügen!, dachte Sibille bestürzt und überlegte, wie sie mit ihrem angeblichen Mann umgehen sollte, sobald er durch die Tür trat. Es widerstrebte ihr, zu dem Scheusal freundlich zu sein.

"Mein... mein Mann muss jeden Moment kommen", behauptete sie. "Darf ich Ihnen inzwischen eine kleine Stärkung anbieten? Einen Kognak vielleicht?"

"Da sage ich nicht nein. Hübsch wohnen Sie. Ist denn schon Nachwuchs geplant?"

Sibille spürte, wie sie errötete. Hastig wandte sie sich ab und murmelte, dass das noch Zeit habe. Im Augenblick wolle sich Harald vor allem auf seine beruflichen Aufgaben konzentrieren.

Es war zum Lachen. Sie leistete dem Widerling sogar noch Hilfestellung. Wäre es nicht richtiger, seinem sympathischen Chef reinen Wein einzuschenken? Der Ahnungslose setzte aufs falsche Pferd. Er sollte das Projekt lieber einem ordentlichen, höflichen Mitarbeiter anvertrauen.

Verzweifelt suchte sie im Schrank nach einem sauberen Glas für den Schnaps. Ohne Erfolg. Aber in der Küche türmte sich schmutziges Geschirr. Bestimmt war etwas Passendes dabei. So ein Glas war in Sekundenschnelle auf Hochglanz gebracht.

"Entschuldigen Sie mich einen Moment", würgte sie hervor. "Ich muss ja noch die Blumen ins Wasser stellen."

Nur gut, dass ihr dieser Vorwand eingefallen war. Als sie den Gang durchquerte, zupfte sie rasch auf Zehenspitzen die Spinnweben von der Lampe und verschwand in der Küche.

Himmel! Wo waren die Kognakschwenker? Unmengen von Tellern türmten sich neben dem Herd. Auch Biergläser gab es in ausreichender Zahl, aber darin konnte sie keinen Weinbrand servieren.

Vielleicht fand sie das Gesuchte unter den Kochtöpfen mit den verkrusteten Speiseresten. Die würde sie sich nachher auch noch vornehmen müssen.

Sie hob vorsichtig eine Pfanne, um nicht den ganzen Aufbau zum Einsturz zu bringen. Tatsächlich duckten sich darunter zwei bauchige Schwenker. Mit spitzen Fingern zog sie sie hervor.

Die Küchentür flog ihr gegen den Rücken. Sibille hielt reaktionsschnell den Turm aus Schüsseln und übrigem Geschirr fest und verhinderte das Schlimmste.

"Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken." Herr Anton stand hinter ihr und lächelte gewinnend.

Sein Lächeln verschwand nicht einmal, als er das Geschirr gewahrte, das bereits seit Tagen auf heißes Wasser hoffte.

"Hier sieht es schlimm aus", stammelte Sibille und fügte die einzige Lüge hinzu, die ihr in den Sinn kam: "Wir hatten gestern Gäste. Es wurde sehr spät. Ich bin noch nicht zum Abspülen gekommen."

"Ja, ja, diese Partys", seufzte Harald Schenks Vorgesetzter verständnisvoll. "Was wurde denn gefeiert?"

Angesichts dieser Geschirrmengen kam nur etwas Besonderes in Betracht, wollte sie nicht jede Glaubwürdigkeit verlieren. "Mein Geburtstag", behauptete sie deshalb dreist.

"Ein Jammer, dass ich davon nichts geahnt habe", bedauerte Herr Anton und kam mit ausgestreckten Händen auf sie zu, um ihr nachträglich Glück zu wünschen. Dabei strahlte er sie auf so atemberaubende Weise an, dass Sibille völlig vergaß, an ihr schlechtes Gewissen zu denken. "Was soll man einer Frau wünschen, die offensichtlich bereits alles besitzt: Schönheit, Liebreiz, Charme..."

Er hätte zweifellos noch weiter geschwärmt, doch ein ohrenbetäubendes Scheppern unterbrach ihn. Mit dem Ellbogen war er gegen einen der Tellerstapel gestoßen und hatte ihn seines labilen Gleichgewichtes beraubt. Nun lag die ganze Herrlichkeit auf dem gefliesten Fußboden. Kein einziges Stück war heilgeblieben.

Sibille war keines Wortes fähig. Hätte es sich nicht ausgerechnet um Harald Schenks Chef gehandelt, wäre sie in lautes Gelächter ausgebrochen. Auf diese Weise ließ sich der Abwasch auch umgehen. Man warf das benutzte Geschirr kurzerhand in den Müll.

"Das ist mir wahnsinnig peinlich", stöhnte Herr Anton und bückte sich nach den Scherben. "Selbstverständlich komme ich für den Schaden auf."

"Es war meine Schuld", widersprach Sibille energisch. "Ich hätte die Teller ja nicht ausgerechnet an den äußersten Rand schieben müssen. Bemühen Sie sich doch nicht. Ich räume das schon auf."

Sie ging gleichfalls in die Hocke und griff nach den Bruchstücken.

Ihr Besucher war schneller. Seine Hand kam auf die ihre zu liegen. Dort ließ er sie, bis Sibille sich verwirrt befreite.

Im Stillen seufzte sie. Was für ein Mann! Direkt zum Verlieben. Doch dummerweise war er ein vermögender Firmenchef. Nichts für sie.

"Wo Harald nur bleibt?", quetschte sie hervor. Dieser Name ging ihr nur zäh über die Lippen.

"Zum Ordnung schaffen brauchen wir ihn nicht", fand Herr Anton. "Ich helfe Ihnen, dann geht es schneller."

Schweigend beförderten sie die traurigen Überbleibsel von Goldrandtellern in den Abfalleimer. Bis in die äußersten Ecken waren die Splitter gesprungen. Sibille entdeckte ein paar Scherben unter dem Tisch. Auf allen Vieren kroch sie hin und war froh, dass Herr Anton auf keiner Konversation bestand.

"Hoppla!", rief er fröhlich und schnappte ihr das Porzellan vor der Nase weg. "Ich war zuerst da." Sein Gesicht befand sich unter dem Tisch dicht vor Sibille. Sie wollte sich zurückziehen, doch der Mann hielt sie fest. "Scherben bringen doch angeblich Glück", erinnerte er, und seine weiche Stimme kroch ihr tief unter die Haut.

Dann küsste er sie. Mitten auf dem schmutzigen Fußboden zwischen zerbrochenen Tellern und unter fettigen Töpfen.

Sibille gab dem spontanen Impuls, sich zur Wehr zu setzen, nicht nach. Warum eigentlich? Weil er Harald Schenks Chef und sie angeblich dessen Frau war? Sie wollte nicht über das Unmögliche ihres Benehmens nachdenken. Nicht in diesem Augenblick, der für Sekunden den Himmel öffnete.

Um alles besser wahrzunehmen, schloss sie die Augen. Und sie hätte zweifellos viele zauberhafte Dinge gesehen, wenn nicht ausgerechnet in diesem Moment der Türgong die herrliche Illusion zerstört hätte.

Sie riss die Augen auf. "Das ist Herr Sch..., äh, mein Mann." Sie schoss in die Höhe, atmete zweimal tief durch, um ihrer Verwirrung Herr zu werden, und verließ überstürzt die Küche.

Es war nicht Harald Schenk, sondern ein untersetztes Männchen mit schwarzem Koffer und entschlossener Miene. Ohne Frage ein Vertreter. Musste dieser Unglücksmensch ausgerechnet jetzt dazwischenfunken?

"Sie erlauben, dass ich..."

"Wir kaufen nichts", fuhr ihm Sibille ungeduldig in die Parade.

Der Mann hob beschwörend die Hand. "Aber ich wollte doch..."

"Schon gut", meinte Sibille beschwichtigend. Um ein Haar hätte sie sich einwickeln lassen. Vertretern gegenüber war sie einfach nicht energisch genug. Nur das Bewusstsein, dass ein atemberaubender Mann in der Küche hoffentlich genauso wütend über die Störung war wie sie, ließ sie unerbittlich bleiben. "Kommen Sie ein andermal wieder. Jetzt passt es ganz und gar nicht."

Bevor der Verdutzte noch etwas erwidern konnte, schloss sie mit Nachdruck die Tür und hastete durch den Flur.

"Es war nicht dein Mann?", vergewisserte sich Herr Anton sichtlich erleichtert. Er duzte sie. Alles andere hätte nach diesem sengenden Kuss auch merkwürdig angemutet.

"Jemand, der mir ein Lexikon oder eine Rheumadecke verkaufen wollte", berichtete Sibille mit mühsamem Lachen. Der erwartungsvolle Blick des Mannes versetzte sie in äußerste Unruhe.

"Na, dann ist ja alles bestens", fand er und wollte seinen Arm um sie legen.

Sibille wich einen Schritt zurück. "Nichts ist bestens", wandte sie rau ein. "Wir sollten jetzt vernünftig sein. Mein Mann..."

Er führte ihre Hände an seine Lippen. "Wieso trägst du denn keinen Ehering?", forschte er.

"Ich... weil... bei der Hausarbeit..." Es wurde ein heilloses Stottern, das ihn nicht überzeugte.

"Harald Schenk ist überhaupt nicht verheiratet. Das müsste ich wissen. Schon wegen der Steuerklasse."

"Und ich?", fragte Sibille betroffen. "Hältst du mich etwa für seine Geliebte?"

Der Firmenchef schmunzelte. "Was auch immer. Jedenfalls bin ich froh, dass er nicht da ist. Wie heißt du eigentlich?"

"Sibille. Sibille Muster", kam es kläglich. "Besitzt du ebenfalls einen Vornamen?"

"Ausgerechnet jetzt!" Diese Bemerkung galt dem Geräusch eines Wohnungsschlüssels, der sich draußen im Schloss drehte. Augenblicke später erschien Harald Schenk.

"Anton, du?", wunderte er sich, als er den Besucher erkannte. "Möchtest du dich etwa nützlich machen? Sehr weit scheint Frau Muster ja noch nicht mit der Arbeit zu sein. Ich habe dir ja vorhin auf der Straße schon erzählt, dass ich bei ihr meine schlimmsten Bedenken habe."

Sibille wollte protestieren, doch der Mann an ihrer Seite kam ihr zu Hilfe. "Da täuschst du dich gewaltig, mein Lieber. Sibille ist schwer in Ordnung. Du könntest ruhig ein wenig höflicher zu ihr sein. Dein Wohnzimmer hat sie jedenfalls toll in Schuss gebracht. So sauber und aufgeräumt habe ich es noch nie gesehen."

"Sie... du bist gar nicht sein Chef?", stammelte Sibille entgeistert.

"Der?" Harald Schenk lachte schallend. "Anton und ich kennen uns schon seit der Schulzeit. Mit Herrn Bülow besitzt er nicht die geringste Ähnlichkeit. Der ist klein und rundlich."

"Und hat kaum noch Haare?", ergänzte Sibille erschrocken.

"Stimmt. Woher wissen Sie denn das?"

"Er war vor wenigen Minuten hier. Ich hielt ihn für einen Vertreter und schickte ihn wieder weg", bekannte Sibille, die nun endlich die unseligen Zusammenhänge zu durchschauen begann.

"Waaas haben Sie gemacht?", schrie Harald Schenk fassungslos. "Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Wissen Sie, was das für mich bedeutet? Er wird das Projekt einem Anderen übertragen. Hätte ich bloß nicht auf meine Großtante gehört. Ich wusste ja gleich, dass ich mit Ihnen nur Ärger haben werde."

In Sibilles Augen traten Tränen. Musste sie sich das bieten lassen? Ausgerechnet von diesem Erfinder der Schlamperei?

Wortlos stürzte sie an den beiden Freunden vorbei und verließ Hals über Kopf die Wohnung. Keine zehn Pferde brachten sie hierher zurück.

Sie kam nicht weit. Anton holte sie ein und nahm sie in den Arm. "Das mit seinem Chef bringe ich schon in Ordnung", versicherte er. "Schließlich ist es ja zum guten Teil meine Schuld gewesen."

"Du hast dich von Anfang an über mich lustig gemacht", sagte Sibille leise.

Anton schüttelte energisch den Kopf. "Bestimmt nicht. Ich traf Harald zufällig auf der Straße. Er war wütend und erzählte mir von dem erwarteten Besuch seines Chefs und von seiner Putzhilfe, die zwar ausgesprochen attraktiv war, aber offenbar herzlich wenig Ahnung von der Hausarbeit besaß."

"Unverschämtheit!"

"Als ich dich anrief, trug ich mich noch gar nicht mit der Absicht, als Herr Bülow aufzutreten. Ich wollte dich einfach kennenlernen, zumal ich mich in deine Stimme sofort verliebte."

"Demnach habe ich dich in diese Rolle gedrängt?" Diesmal klang Sibilles Stimme eher drohend.

"Zum Glück", bestätigte Anton. "Vergiss den alten Brummbär! Heute hat er einen besonders schlechten Tag erwischt. Normalerweise kann man mit ihm prima auskommen."

"Aber sein Chef."

"Das kommt schon wieder in Ordnung. Der alte Bülow versteht durchaus Spaß, zumal er aus irgendeinem Grund ein paar Stunden zu früh gekommen ist. Er wird sich kugelig lachen, sobald er erfährt, dass du ihn für einen Vertreter gehalten hast."

Details

Seiten
73
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933871
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
chaos

Autor

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Titel: Das Chaos klingelt um halb zehn