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Agentin für Catron

©2019 243 Seiten

Zusammenfassung


Japha Pitala ist die beste Studentin ihres Jahrgangs und wünscht sich sehnlichst, den exklusiven Stab der Wissenschaftler, den Kosmotikern, zuzugehören. Ein Weg dorthin scheint es zu sein, sich vom Geheimdienst anwerben zu lassen. Sie kann nicht wissen, dass ihr Leben durch diesen Entschluss einen völlig anderen Verlauf nehmen soll. Auch als Agentin gehört sie zu den Besten, doch als sie völlig unverständliche Gefühle entwickelt, wird sie für den Geheimdienst nicht mehr tragbar.

Leseprobe

Table of Contents

Agentin für Catron

Copyright

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Agentin für Catron

SF-Roman von Margret Schwekendiek

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 243 Taschenbuchseiten.

 

Japha Pitala ist die beste Studentin ihres Jahrgangs und wünscht sich sehnlichst, den exklusiven Stab der Wissenschaftler, den Kosmotikern, zuzugehören. Ein Weg dorthin scheint es zu sein, sich vom Geheimdienst anwerben zu lassen. Sie kann nicht wissen, dass ihr Leben durch diesen Entschluss einen völlig anderen Verlauf nehmen soll. Auch als Agentin gehört sie zu den Besten, doch als sie völlig unverständliche Gefühle entwickelt, wird sie für den Geheimdienst nicht mehr tragbar.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

„Bei allen Göttern, Japha, großen und kleinen, mach dir nichts vor. Die Kosmotiker sind eine Splittergruppe unserer Wissenschaftler. Du kannst dich nicht bei ihnen bewerben. Die suchen sich ihre Mitarbeiter selbst aus. Und ganz bestimmt lassen sie sich nicht beeindrucken von einer jungen Studentin, die noch nicht einmal ihr Studium abgeschlossen hat. Da magst du noch so gut sein, niemand wird dich überhaupt nur ernst nehmen.“

Japha Pitala schüttelte den Kopf, dass ihre Haare nur so flogen. Sie widersprach Klurad von Piolak, ihrem Freund, heftig.

„Ich glaube, das siehst du ganz falsch. Ich will unserem Volk dienen, so gut ich es kann. Auf meinem Gebiet, der Mathematik, bin ich mit Abstand die beste Studentin. Meine Leistungen liegen weit über dem Durchschnitt, und ich bin vertraut mit den neuesten wissenschaftlichen Techniken und Ergebnissen. Ganz sicher werden die Kosmotiker meine Bewerbung in Erwägung ziehen. Unser Volk, das catronische Volk, braucht jeden klugen Kopf, denn wir stehen gegen die Dangezinen auf verlorenem Posten. Wir können es uns gar nicht leisten, auf jemandem wie mich zu verzichten. Ich bin bereit alles zu tun, was helfen kann. Die Kosmotiker sind auf dem richtigen Weg, sie arbeiten an neuen Waffen, mit denen wir den Dangezinen empfindlich schaden können. Wie viel tausend Jahre dauert dieser Krieg schon, Klurad? Gerade du solltest darauf hoffen, dass wir endlich Erfolge erzielen. Schließlich steht dein Clan dem Tagesch nahe …“

„Ich sehe nicht, was das damit zu tun hat, dass ausgerechnet du zu den Kosmotikern gehen willst“, murrte er missmutig.

„Aber verstehst du denn nicht?“ Japha strich ihm sanft mit der Hand über den Kopf. Sie lächelte und ließ die perfekt geformten rosa Zähne sehen. „Ich kann unsere Verbindung dadurch festigen, dass ich mir einen eigenen Platz in der Hierarchie erarbeite. Du bist schon durch Blutsverwandtschaft in der Lage, auf einem wichtigen Posten zu dienen. Ich hingegen werde …“

„Erst einmal wirst du dein Studium zu Ende bringen müssen“, erklärte er energisch. Die Berührungen von Japha hatten ihn erregt, und er wollte nicht mehr länger über ihre Zukunftsperspektiven diskutieren, sondern sie endlich besitzen. Ihre Wunschträume waren ohnehin undurchführbar, aber das würde er ihr jetzt wohl kaum klarmachen können.

Bei den Kosmotikern handelte es sich um eine kleine Gruppe hochqualifizierter Wissenschaftler, die dem verrückten Plan nachhingen, durch Manipulation und Versetzen ganzer Planeten den Dangezinen empfindliche Schläge beizubringen. Obwohl selbst der Tagesch, der Hofrat der Catronen, in seiner Weisheit nicht an die Verwirklichung einer solchen Möglichkeit glaubte, ließ er den Kosmotikern große Geldmengen zufließen – ganz einfach deswegen, weil eine geringe statistische Wahrscheinlichkeit auf Erfolg bestand. Doch es war vollkommen abwegig, dass ausgerechnet Japha zu der Gruppe stoßen konnte. Es handelte sich ausnahmslos um hochangesehene und verdiente Wissenschaftler, die ihre Fähigkeiten schon mehrfach unter Beweis gestellt hatten. Eine Studentin, mochte sie auch noch klug und begabt sein, hatte ganz bestimmt keine Chance dazuzustoßen.

Der junge Catrone wollte nicht darüber nachdenken. Japha würde früher oder später die Normalität akzeptieren, jetzt hatte er wirklich etwas anderes im Sinn.

Auch bei ihr brach sich die Erregung Bahn, doch der herbe Duft aus ihrem Körper brachte Klurad fast um den Verstand. Die Karriere der schönen Catronin trat völlig in den Hintergrund, während die reale körperliche Befriedigung an erster Stelle stand.

 

 

2

Der persönliche Instruktor von Japha Pitala ordnete für die anstehende Zwischenprüfung eine verschärfte Simulation an. Längst war die junge Catronin über das normale Pensum einer normalen Mathematikstudentin hinausgewachsen. Das Catronische Imperium, das seit mehreren tausend Jahren in einem verheerenden Galaktischen Krieg mit den Dangezinen lag, hatte einen unersättlichen Bedarf an gut ausgebildetem Personal. Kanonenfutter in den niederen Rängen gab es mehr als genug, die vielen tausend Planeten, die zum Reich gehörten, lieferten unbegrenzte Mengen an lebendem Material für die Industrie und natürlich auch als Besatzungen der zahllosen Raumschiffe, die für die ständigen Raumschlachten gebraucht wurden.

Trotzdem waren die Catronen auf dem Rückzug. Der Skrupellosigkeit der Dangezinen hatte man keine ausreichenden Kräfte entgegenzusetzen. Außerdem besaßen die Catronen nicht genug Gewissenlosigkeit, um ganze Völker mit programmierten Symbionten auszustatten und als willenlose lebende Mauern gegen den Feind voranzuschicken. Die Catronen setzten bei ihren eroberten Völkern in der Regel darauf, dass diese schon aus Angst vor den Dangezinen alles daran setzten, nicht überrannt zu werden. Was natürlich nicht hieß, dass man die Catronen als Besatzer besonderer Liebe würdigte, auch die Catronen waren darauf angewiesen, dass die besetzten Planeten und ihre Völkerschaften sich voll und ganz den Befehlen von oben unterwarfen. Das führte oft genug zu Ungerechtigkeiten, die aber als vernachlässigbar hingenommen wurden – zumindest auf catronischer Seite.

Doch der Krieg dauerte schon lange, viel zu lange. Niemand konnte sich mehr an eine Zeit erinnern, in der es keine Kämpfe gegeben hatte.

Der technische Fortschritt hatte immer wieder rasante Sprünge gemacht, neu eroberte Völker hatten auf beiden Seiten nicht nur gigantischen Nachschub an Material und Technologie zur Folge gehabt – die Expansion brachte es auch mit sich, dass zumindest aus catronischer Sichtweise die Versklavung in gewissen Grenzen blieb. Das bedeutete nicht unbedingt ein humanes Verhalten, führte jedoch zu einem sinnvollen Einsatz der vorhandenen Ressourcen. Das mochte ein Fehler sein, denn die Dangezinen gingen daran, ohne Rücksicht auf Verluste ganze Sonnensysteme auszubeuten, und die Planeten blieben als öde leere Welten ohne Leben zurück. Deshalb mussten immer neue Systeme erobert werden, um den stetig größer werdenden Bedarf zu stillen. Ein Teufelskreis, aus dem niemand entkommen konnte.

Der Gedanke an Kapitulation oder gar Frieden lag beiden Völkern so fern wie das Ende des Universums. Eines von ihnen würde schließlich untergehen, und im Augenblick deutete alles auf die Catronen hin. Da war es nicht verwunderlich, dass jeder in sich den Wunsch hegte, das Beste zu geben, um die Niederlage aufzuhalten. Die persönliche Einstellung von Japha Pitala war daher nicht ungewöhnlich. Als Patriotin, wie es praktisch alle Catronen waren, konnte sie gar nicht anders denken.

Die Simulation, der sich die Frau unterziehen sollte, ging weit über das hinaus, was ein normaler Mathematik-Student zu absolvieren hatte. Das konnte sie jedoch nicht wissen, wie auch nicht die Hintergründe für diesen Test.

Über einen Neurotransmitter wurde sie direkt an die Simulation angekoppelt, die Umwelt verschwand, und Japha fand sich in einem Forschungslabor wieder. Sie hatte eine schwierige Aufgabe zu lösen, bei der sie bis an die Grenzen ihres Wissens gehen musste. Im Gegensatz zu ihren sonstigen Prüfungen bekam Japha jedoch im Anschluss daran keine Ergebnisse vorgelegt.

Erschöpft, missmutig und unzufrieden traf sie sich mit anderen Studenten zum Essen und zog sich dann in ihr Zimmer zurück. Sie versuchte ihren Instruktor zu erreichen, wurde aber regelrecht abgewimmelt.

Einen ganzen Tag lang ging das so weiter, es entsprach nicht dem üblichen Verfahren, und sie begann sich Sorgen zu machen. Japha wagte nicht mehr, ihren Raum zu verlassen, jeden Augenblick konnten die Ergebnisse vorliegen. Sie wollte nicht einmal mit Klurad sprechen, der darüber nicht gerade erfreut war.

Japha wurde durch hartnäckiges Läuten an der Tür aufgeschreckt.

„Lass mich in Ruhe“, rief sie unwillig, weil sie dachte, dass erneut Klurad Einlass begehrte. Doch der Besucher blieb hartnäckig und meldete sich auch nicht mit Namen. Schließlich öffnete sie unwillig. Zu ihrer Überraschung stand ein fremder Catrone vor der Tür.

„Japha Pitala? Ich bin Kohreth, und ich möchte gern mit Ihnen reden. Es geht unter anderem um Ihre Bewerbung bei den Kosmotikern.“

 

 

3

Japha runzelte die Stirn. Sie hatte sich geweigert mit dem Fremden in ihrem Zimmer zu sprechen, also waren die zwei in ein nahegelegenes Restaurant gegangen, das von vielen Studenten aufgesucht wurde. Hier war es laut und unruhig, der richtige Ort, um ein ungestörtes Gespräch zu führen, denn niemand konnte zuhören.

Am Nebentisch diskutierten vier Leute hitzig über eine abstrakte physikalische Anomalie, aus verborgenen Lautsprechern erklang schrille Musik, Stimmengewirr wogte auf und ab.

„Sie wollen mir also erzählen, Sie kommen vom Geheimdienst?“, fragte die Frau mit einem ungläubigen Lächeln. „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber so geheim können Sie und Ihr Auftrag wohl kaum sein, sonst hätten Sie bestimmt nicht so offen darüber gesprochen. Und wie kommen Sie überhaupt dazu, von meiner Bewerbung bei den Kosmotikern zu wissen?“

„Das klingt ja fast wie eine Kampfansage“, meinte Kohreth ruhig. „Es wäre vollkommen sinnlos, würde ich jedem erzählen, wer und was ich bin. Doch ich bin natürlich aus einem bestimmten Grund zu Ihnen gekommen. Ihre Leistungen während des Studiums haben die Aufmerksamkeit vorgesetzter Stellen erregt. Aus diesem Grund wurde auch die zusätzliche Simulation angesetzt, bei der Sie sich übrigens gut geschlagen haben.“

„Moment, wollen Sie damit sagen, dass nicht mein Instruktor für die Zwischenprüfung gesorgt hat? Weshalb wissen Sie mehr darüber als ich?“

„Es muss Ihnen doch gleich aufgefallen sein, dass diese Simulation Ihr bisheriges Pensum weit überschritten hat. Wir wollten wissen, wie weit Sie sind, wie Sie sich unter Stress verhalten, was Sie zu leisten in der Lage sind, wenn eben diese Lage hoffnungslos erscheint.“

„Und jetzt wissen Sie es?“, fragte Japha bitter. „Ich kann nicht sagen, dass ich mich wohl dabei fühle. Eher komme ich mir vor wie ein Versuchstier in einem Labor.“

„Und das sagt jemand, der versessen darauf ist, zu den Kosmotikern zu gehören?“

Ihr Kopf ruckte hoch. „Soll das heißen, dieser Test war eine Aufnahmeprüfung, um zu den Wissenschaftlern …?“

„Halt, nein, langsam, so weit sind wir noch nicht. Ich kann dazu noch nichts sagen, Japha. Zunächst einmal müssen Sie sich bewähren. Diese Wissenschaftler werden keinen Grünling in ihren Reihen dulden. Im Übrigen würden wir uns selbst ein schlechtes Zeugnis ausstellen, wüssten wir nicht, was das catronische Volk tut und denkt. Das gilt für jeden einzelnen. Ihr Wunsch ist uns nicht verborgen geblieben.“

„Was soll ich tun?“ Allein die vage Aussicht darauf, zu der bevorzugten Gruppe zu gehören, ließ bei Japha jeden anderen Gedanken in einem großen Schwarzen Loch verschwinden. Sie war buchstäblich bereit, alles zu geben, um ihr Ziel zu erreichen. Wenn sie dafür mit dem Geheimdienst zusammenarbeiten musste, dann würde sie das auch ohne jeden Vorbehalt tun. Sie würde sogar auf der Stelle ihr Studium abbrechen, falls sich das als nötig erweisen sollte.

Kohreth bremste ihre Begeisterung aber erst einmal. „Ich habe Ihnen keine Versprechungen gemacht, Pitala. Und ich werde das auch nicht tun. Aber eine Tätigkeit für den Geheimdienst hält Ihnen alle Türen offen.“

Japha verzog das Gesicht. „Sie widersprechen sich da aber selbst.“

Kohreth lächelte kühl, seine rosa Zähne waren zwischen den schmalen Lippen kaum sichtbar.

„Ich denke nicht“, gab er etwas arrogant zurück. „Sie haben die große Chance Ihr unbestreitbares Talent in den Dienst des Volkes zu stellen. Ich biete Ihnen die Möglichkeit, nach einer angemessenen Zeit der Bewährung, Kontakt zu den Kosmotikern aufzunehmen. Das heißt nicht, dass Sie damit schon einen Platz bei ihnen sicher haben, doch man wird Ihnen wohlwollend gegenüberstehen. Ich denke, das ist mehr, als Klurad Ihnen bieten kann. Trotz seiner hohen Abstammung wird er doch nie einen wirklich wichtigen Posten bekleiden können.“

„Was wissen Sie über Klurad?“

„So ziemlich alles. Es ist schließlich unsere Aufgabe, alles zu wissen. Ihr Freund besitzt keinen Ehrgeiz und hat nicht den Biss, um es wirklich weit zu bringen. Das haben Sie selbst doch auch schon bemerkt, wenn Sie ehrlich sind. Sie hingegen sind aus einem anderen Rohstoff gegossen. Sie haben den festen Willen, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Ich biete Ihnen diese Chance. Gibt es eine bessere Gelegenheit dem Volk der Catronen zu dienen und sich gleichzeitig den großen Wunschtraum zu erfüllen? Sie sind eine kluge Frau, Japha Pitala, denken Sie darüber nach.“

Genau das tat sie natürlich schon längst. Der Reiz dieser Aufgabe war nicht zu übersehen. Japha fühlte sich in ihrer Intelligenz herausgefordert und gleichzeitig geschmeichelt. Sie war dem Geheimdienst aufgefallen – wichtig genug, um direkt angesprochen zu werden. Trotzdem zögerte sie mit einer sofortigen Zusage, obwohl alles in ihr stolz danach schrie, dieses Angebot anzunehmen.

Sie! Sie war auserwählt, einer Elite anzugehören, die seit Langem daran arbeitete, das catronische Volk im Kampf gegen die Dangezinen endlich zum Erfolg zu führen.

Es kam ihr nicht in den Sinn darüber nachzudenken, dass der Geheimdienst in Person von Kohreth offen darüber sprach, mehr Einfluss zu besitzen als die Oberschicht des Volkes. Klurad von Piolak, der doch immerhin der höheren Gesellschaftsschicht angehörte, wurde abgetan als Narr und unwichtiges Rädchen im Getriebe, während sie selbst …

Halt, nein, nicht weiter spekulieren, verbot sie sich selbst. Ein letzter Rest von klarer Überlegung hielt Japha Pitala davon ab, ihrer Begeisterung voll und ganz nachzugeben.

„Wie würde dann das weitere Vorgehen aussehen?“, fragte sie sachlich.

Kohreth lächelte im Innern verächtlich über die Frau. Sie war nicht anders als all die anderen, die er bisher angeworben hatte. Jeder Catrone hatte seinen Preis, der eine mehr, der andere weniger hoch. Hier war es tatsächlich nur die geringe Aussicht, in einigen Jahren einer Horde verrückter Wissenschaftler anzugehören, die nichts anderes zu tun hatten als Hirngespinsten nachzujagen. Kohreth glaubte nicht an die vage Möglichkeit mit technischem Schnickschnack einen nennenswerten Vorteil über die Dangezinen zu erlangen. Auch die unendlichen Raumschlachten, die Unmengen an Material verschlangen, hatten nicht wirklich Aussicht auf Erfolg. Seiner Meinung nach konnte nur eine tiefgreifende Untergrundarbeit die Dangezinen nachhaltig schädigen. Und dazu war dem Geheimdienst jedes Mittel recht.

Kohreth war sicher, dass Pitala nach einer kurzen Bedenkzeit dieses unwiderstehliche Angebot annehmen würde. Er bemühte sich, ihr den weiteren Weg einigermaßen schmackhaft darzustellen.

„Sie werden zunächst Ihr Studium beenden. Aufgrund der bisherigen Leistungen gehe ich davon aus, dass Sie mit Auszeichnung abschließen werden. Parallel dazu werden Sie bereits während der nächsten Studienpause ein Ausbildungslager besuchen, in dem Sie mit den Grundregeln Ihrer zukünftigen Aufgaben vertraut gemacht werden. Nach dem Studium folgt dann die eigentliche Ausbildung, später werden Sie einem Posten zugeteilt, der Ihren Fähigkeiten angemessen ist, und wo Sie sinnvolle Arbeit leisten können. Wir müssen die Dangezinen aus dem Untergrund heraus schädigen, um den Krieg zu gewinnen.“

Kohreth ließ seine Worte nachwirken. Er hatte gerade die Standardprozedur geschildert, die er selbst als äußerst langweilig empfand. Für Japha mochte das jedoch Anreiz genug sein – vorerst.

„Und wann werde ich dann die Möglichkeit erhalten, zu den Kosmotikern zu stoßen?“, forschte sie nach.

Kohreth seufzte innerlich. Hatte sie denn wirklich keinen anderen Ehrgeiz?

„Nach einer angemessenen Zeit werden wir, das heißt unsere Vorgesetzten, alle Mühe darauf verwenden, den Kontakt herzustellen. Es wird jedoch an Ihnen selbst liegen, die Wissenschaftler davon zu überzeugen, Sie auch zu akzeptieren. Falls Sie bis dahin jedoch noch immer ein so großes Interesse daran haben, wird Ihnen das sicherlich gelingen.“ Er drückte sich absichtlich unklar aus. In einigen Jahren konnte sich die Situation grundlegend geändert haben, niemand konnte zu diesem Zeitpunkt eine Prognose abgeben.

Der Offizier musterte die schöne junge Catronin. Ein bisschen naiv war sie, trotz ihrer hohen Intelligenz. Aber allein mit ihrem guten Aussehen mochte es ihr zu Anfang schon gelingen, kleine Erfolge als Agentin zu haben. Jetzt brauchte er nur noch ein bisschen Geduld.

„Ich werde darüber nachdenken“, versprach Japha und erhob sich etwas abrupt. „Bis wann brauchen Sie eine Antwort?“

„Das liegt allein bei Ihnen“, sagte er zufrieden. Auf keinen Fall würde er sie jetzt drängen, auch das gehörte zu seiner Taktik. Die zukünftige Agentin sollte tatsächlich das Gefühl haben, sich eigenständig entscheiden zu können, auch wenn dem längst nicht so war. Sollte sie tatsächlich den Nerv haben, jetzt ablehnen zu wollen, würde man andere Mittel finden, um sie mit Druck doch noch zu zwingen. Das Reich konnte sich keinerlei Verschwendung leisten; eine Frau wie Pitala an irgendeine Forschungsstation zu verlieren wäre Verschwendung.

Mit einem rätselhaften Lächeln erhob auch er sich. „Haben Sie Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Japha Pitala. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass dieses Gespräch vertraulich bleiben sollte. Hier ist der Code für meinen Com-Anschluss. Sobald Sie sich entschieden haben, geben Sie mir eine kurze Meldung.“

Er verschwand, drängte sich durch die Menge und verschmolz im nächsten Augenblick mit der Umgebung. Japha starrte eine Weile ins Leere, ihre Gedanken purzelten wild durcheinander, doch immer mehr drang eine einzelne Idee durch. Sie würde zu den Kosmotikern gehören – alles andere war nebensächlich.

 

 

4

„Wer war das, mit dem du im Restaurant gesprochen hast?“

Klurad legte besitzergreifend seinen Arm um die Schultern der Frau. Japha wunderte sich kaum über die Frage. Auf dem Gelände der Universität, wozu auch das Gebiet drumherum gehörte, konnte nichts wirklich geheim bleiben. Man kannte sich untereinander, und ein Fremder fiel sofort auf. Daher war es fast normal, dass Klurad Fragen stellte. Jedermann war über die Freundschaft des Adligen mit der jungen Studentin informiert. Ganz sicher hatten es einige der Klatschmäuler kaum erwarten können, dem Spross einer der großen Familien zu berichten, dass seine Freundin sich mit einem anderen Mann traf – mochte dieses Treffen auch noch so öffentlich gewesen sein. So war unschwer zu erkennen, dass Klurad von Eifersucht geplagt wurde.

Aber Japha hatte sich nichts vorzuwerfen. Gerade weil das Treffen in aller Öffentlichkeit stattgefunden hatte, konnte sie ein gutes Gewissen zeigen. Anders sah es schon aus mit der Erklärung, um wen es sich gehandelt hatte. Sie hatte überlegt, Kohreth als Verwandten vorzustellen, war jedoch schnell von diesem Gedanken abgewichen. Es wäre zu leicht zu überprüfen, dass es sich um eine Lüge handelte.

„Das war jemand vom Wissenschaftlichen Studienrat. Mein Instruktor hatte die zusätzliche Zwischenprüfung angeordnet, wie du weißt, und ich wurde jetzt über die Ergebnisse informiert.“

Klurad runzelte die Stirn. „In einem Restaurant?“, fragte er misstrauisch.

Japha seufzte und entschloss sich, die Lüge noch zu erweitern. „Ja, warum nicht? Ich habe dir doch gesagt, dass ich zu den Kosmotikern gehen will. Also habe ich schon einen Antrag gestellt, um dort wenigstens gehört zu werden. Dieser Antrag ist beim Wissenschaftlichen Studienrat gelandet. Und gerade um Eifersucht zu vermeiden, habe ich vorgeschlagen, dass wir ganz offen darüber reden.“

„Du hast den Kopf in den Wolken“, warf er ihr vor. „Reicht es dir denn wirklich nicht, mit mir zusammen eine sichere Zukunft aufzubauen? Was soll denn dieser Unsinn mit den Kosmotikern? Die werden mit Sicherheit kein Interesse daran haben, einen Grünling wie dich auch nur anzusehen. Ich bin überzeugt, dieser Abgesandte vom Wissenschaftlichen Studienrat hat dir das auch klar gemacht. Komm zurück in die Realität, Japha. Du kannst noch so viele Prüfungen machen, wie du willst, du hast keine Chance. Hör zu, mein Onkel ist im Planetarischen Siedlungsrat. Ich bin gern bereit mit ihm zu reden, damit er dir klarmacht, dass du einem nutzlosen Wunschtraum nachhängst. Aber danach muss endgültig Schluss sein mit diesem Unsinn, verstehst du? Ich brauche eine Frau, die voll und ganz hinter mir steht und mich in meiner Karriere unterstützt. Du wirst noch genug Gelegenheit bekommen mit wissenschaftlichen Arbeiten zu glänzen. Aber nicht bei den Kosmotikern. Wir werden uns nach meiner Dienstzeit in der Raumflotte auf einem netten kleinen Planeten niederlassen, wo ich als Repräsentant meine Arbeit mache. Du kannst, wenn du wirklich willst, dann immer noch Forschung durchführen.“ Er holte tief Luft nach dieser langen Rede und erwartete, dass Japha jetzt zufrieden und gehorsam den Kopf senken würde. Zu seiner Überraschung reagierte sie jedoch ganz anders.

In Pitala zerbrach in diesem Augenblick jedes Gefühl, das sie für Klurad empfunden hatte. Er wollte über ihre Zukunft bestimmen? Seinetwegen sollte sie alle ihre Träume begraben? Ausgerechnet jetzt, wo sie das Angebot ihres Lebens erhalten hatte? Nein, auf keinen Fall. Sie würde sich nicht irgendwo in einem relativ sicheren Labor einsperren lassen, um von Zeit zu Zeit seine mageren Erfolge bei der Verwaltung oder in einem Raumschiff zu bewundern.

„Wenn du glaubst, dass du dich benehmen kannst wie ein dangezischer Diktator, dann passen wir nicht zusammen“, erklärte sie kalt und abweisend. „Geh und such dir eine Frau bei unseren Feinden, die gehorchen aufs Wort, habe ich mir sagen lassen. Ich habe das jedenfalls nicht vor. Vielen Dank auch, aber auf die Protektion deines Onkels kann ich gut verzichten. Man hat mir bereits ein Angebot gemacht, das besser ist als alles, was du vorschlagen könntest. Bis gerade eben war ich mir nicht ganz sicher, aber jetzt werde ich dieses Angebot annehmen. Geh, Klurad, geh und komm nicht wieder.“

Sie spürte, dass ihr ungewollt Tränen in die Augen traten, ihr Körpergeruch nahm stark zu, und sie wusste, dass diese verräterischen Zeichen auch dem Mann nicht entgingen. Deshalb öffnete sie die Tür von ihrem Quartier, wo das Gespräch stattfand, und ging hinaus auf den Flur. Sie musste jetzt allein sein.

Klurad starrte ihr verblüfft hinterher. Was hatte sie gesagt? Er sollte gehen? Nein, auf keinen Fall würde eine Frau mit ihm Schluss machen. Dieses Recht stand allein ihm zu.

Doch Japha lief schon längst den Flur entlang und strebte dem Transportband zu, mit dem sie das Gelände verlassen konnte.

„Japha“, brüllte er und schüttelte ungläubig den Kopf. „Japha, komm sofort zurück. Wir müssen darüber reden. Du kannst jetzt nicht einfach davonlaufen. Japha!“

Sie blieb einen Moment stehen und blickte über die Schulter zurück.

„Es gibt nichts mehr zu sagen, Klurad. Du hast deine Meinung klar ausgedrückt, und ich habe eine Entscheidung getroffen. Ab sofort gehen wir getrennte Wege, unsere Verbindung war nichts weiter als ein Irrtum. Komm nie wieder zu mir.“

Einige andere Studenten blieben stehen und lauschten ganz offen neugierig. Japha war das egal.

„Diese Sache ist noch lange nicht vorbei. Es wird dir noch leid tun, was du heute gesagt und getan hast“, drohte er. Wütend schlug er mit der geballten Faust gegen die Wand und schrie eine Reihe malerischer Flüche in die leere Luft. Einige der weiblichen Studenten machten eindeutige Zeichen, man zweifelte am Geisteszustand des Mannes. Einer der Männer legte Klurad mitfühlend eine Hand auf die Schulter, doch er schüttelte sie zornig ab. In seinem Kopf formten sich Rachegedanken, er schmiedete jede Menge Pläne. Keine Frau nahm sich das Recht heraus, mit ihm Schluss zu machen, sie wurde in diesem Augenblick zu seiner persönlichen Todfeindin. Auf jeden Fall würde er sämtliche Beziehungen seiner Familie ausnutzen, um diese Frau zu vernichten. Niemand gab ihm ungestraft den Laufpass.

 

 

5

„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich bin hier, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.“ Japha fühlte sich etwas verloren und gleichzeitig bedrängt. Das sogenannte Ausbildungscamp, das sie jetzt in der Studienpause besuchte, erinnerte sehr stark an eine Kaserne, in der Rekruten von vorgesetzten Offizieren einem erbarmungslosen Drill unterworfen wurden. Davon hatte ihr niemand etwas gesagt.

Kohreth hatte Japha auf dem Weg zu dieser abgelegenen Welt begleitet und hielt sich jetzt im Besuchertrakt der Anlage auf. Japha hingegen sollte sich etwas mit dem Gelände vertraut machen und war bei ihrem Rundgang von einem Offizier scharf angefahren worden.

„Es gibt hier keine Eindrücke. Es gibt nur Befehl und Gehorsam. Zu welcher Einheit gehören Sie?“ Er baute sich in strenger Haltung vor ihr auf und musterte sie voller Abscheu. „Ihre Kleidung ist nicht vorschriftsmäßig, und Meldung haben Sie auch keine gemacht. Was hat man Ihnen denn bisher beigebracht?“

„Bei allen Göttern!“ Japha funkelte den Mann wütend an. Wenn sie hier eine Ausbildung bekommen sollte, dann konnte sie gut darauf verzichten. Das war ja schrecklich. „Ich bin nicht hier, um mich von Ihnen herumkommandieren zu lassen. Noch nicht jedenfalls, und ich denke, ich lege auch in Zukunft keinen Wert darauf. Ich will mich hier umsehen, dann kehre ich zu meinem Studium zurück. Und jetzt geben Sie den Weg frei.“

Zu ihrer Verblüffung begann der Mann zu lachen. „Gut gekontert, Kadett, aber falsche Antwort.“

Sie öffnete den Mund, um noch einmal zu protestieren, da legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter. Kohreth war unbemerkt aufgetaucht, genau im richtigen Moment, um eine Eskalation dieser Situation zu vermeiden.

„Dies ist Japha Pitala“, stellte er vor und machte eine Handbewegung zu dem Mann hin. „Und das ist Szolmar Garolub, der beste Ausbilder, den der Geheimdienst sich wünschen kann. Ich hoffe, er hat Sie nicht gleich zusammengefaltet.“

„Schlimmer“, erklärte die Frau. „Er hat mich behandelt wie ein Kleinkind – oder noch ärger, wie einen Gegenstand. Dabei habe ich ihm gesagt, dass ich nicht hierher gehöre.“

„Niemand, der nicht hierher gehört, hält sich hier auf. Sie werden also in absehbarer Zeit hier Quartier nehmen und Ihre Ausbildung beginnen“, widersprach Garolub.

„Hier?“, fragte sie entsetzt.

Kohreth nickte. „Es ist der beste Ort, um alles zu lernen, was eine Agentin wissen und können muss. Niemand kann vorhersagen, wo Ihr Einsatzort sein wird, oder welche Gefahren möglicherweise auf Sie lauern. Hier bekommen Sie alles Wissen vermittelt, was Ihnen das Leben retten kann. Im Gegensatz zu den meisten Rekruten werden Sie keine drei Jahre der Ausbildung brauchen, denke ich. Vielleicht werden schon sechs Monate genügen, wenn Sie sich nicht gerade dumm anstellen.“

Japha schluckte schwer. Ihre Blicke wanderten von den beiden Männern über die Anlage hinweg, streiften eine Gruppe junger Catronen, die mit heftigen Bewegungen Gymnastik trieben, und blieben schließlich auf dem Boden haften. Ihre Fäuste öffneten und schlossen sich, dann stieß die Frau zischend die Luft aus. Wenn diese Ausbildung eines Tages dazu führte, dass sie irgendwann ihren Traum verwirklichen konnte, dann musste es eben sein.

„Gibt es keinen anderen Ort, an dem ich …“ Japha vollendete ihren Satz nicht, als sie in das Gesicht ihres zukünftigen Führungsoffiziers sah. Nein, hier oder gar nicht. Sie bekam trotzdem ein Gefühl dafür, wichtig zu sein, sonst würde man nicht dafür sorgen, dass sie das Beste und Härteste bekam.

„Sie dürfen Ihren Rundgang fortsetzen. In Gegenwart eines Vorgesetzten werden Sie sich allerdings in Zukunft korrekt melden.“ Garolub nannte ihr die notwendigen Daten und nickte zum Abschied. „Ich erwarte in Kürze Ihren Antritt als Rekrut. Sie dürfen sicher sein, dass ich Sie nicht einen Augenblick schonen werde.“

Garolub und Kohreth, die sich gut zu kennen schienen, entfernten sich und ließen die Frau zurück. Das hier war etwas anderes als das lockere Leben an der Universität. Nicht nur der Körper musste topfit gehalten werden – als Japha durch die Station ging, konnte sie feststellen, wie viel sie lernen musste.

Kohreth bestand darauf, dass Japha bereits am nächsten Tag mit dem ersten Unterricht begann. Sie sollte keine Zeit verschenken. Sie konnte natürlich eine qualifizierte wissenschaftliche Ausbildung vorweisen, aber sie besaß bislang keine Ahnung davon, wozu die Technik diente, die alle Catronen so gedankenlos benutzen. Japha hatte genau 20 Tage Zeit, um etwas zu lernen, bevor das Studium wieder begann. 20 Tage, in denen sie feststellte, dass selbst harmlose Gegenstände zu einer Waffe werden konnten.

 

 

6

Der Raum war karg eingerichtet. Ein Tisch, zwei Stühle, eine Kommode an der Wand, eine verschlossene Tür, kein Fenster. Von der Decke her kam grelle, indirekte Beleuchtung, zwei Personen saßen am Tisch.

Japha Pitala war eine von ihnen, sie lauschte aufmerksam den Instruktionen, die der Mann vor ihr von sich gab. Der Fremde hatte sich nicht vorgestellt. Er besaß ein Durchschnittsgesicht, keine auffälligen Merkmale, gleich welcher Art, er verschwand ganz einfach in der Menge, ohne dass sich jemand seiner erinnern würde.

Auch Japha hätte nichts über ihn zu sagen gewusst, wäre sie aufgefordert worden, den Mann zu beschreiben.

Er öffnete einen kleinen Koffer aus einem ihr unbekannten Material und holte eine glänzende, handtellergroße Scheibe heraus.

„Hier, sehen Sie“, sagte er und reichte der Frau den glitzernden Gegenstand. Ein kleines Stäubchen störte den makellosen Gesamteindruck, unwillkürlich wischte sie mit dem Finger darüber und wunderte sich über das leise Lachen ihres Gegenübers.

„In diesem Augenblick haben Sie wahlweise ein tückisches Gift oder einen Mini-Spion direkt über die Haut aufgenommen.“

Erschreckt zuckte sie zusammen, entspannte sich dann aber wieder. Dies hier war nur eine Übung. Der Fremde blickte sie wieder kalt an.

„Es ist ausgesprochen leicht, mit Bomben im Gigatonnenbereich aufzuwarten oder eine ganze Flotte Raumschiffe durch die Galaxis zu hetzen. Doch oft genug erweist es sich als wichtiger, eine einzelne Person zu bespitzeln oder auch zu töten. Hier kommt der Vorteil der Miniaturisierung ins Spiel.“

„Aber ich will nicht töten. Ich bin Wissenschaftlerin“, protestierte Japha schwach.

„Das eine schließt das andere nicht aus. Und Skrupel sind etwas, was Sie besser schnellstens ablegen, die sind nämlich sehr hinderlich. Sie würden doch nicht ernsthaft zögern einen Dangezinen zu töten, oder?“

„Nein“, gab sie doch etwas zögernd zurück. „Nein, die Dangezinen sind unsere Todfeinde, die selbst keine Gnade kennen. Natürlich würde ich nicht zögern.“

„Und einen Catronen?“, wollte er lauernd wissen. „Einen Verräter an unserem Volk? Jemanden, der selbst keine Skrupel besitzt, unsere Geheimnisse an die Todfeinde weiterzugeben?“

Sie schwieg einen Moment, nickte dann aber. „Wenn er den Tod verdient hat, würde ich das natürlich tun. Es ist eine Frage der Notwendigkeit.“

„Sie werden noch eine ganze Menge lernen müssen, Rekrut Pitala. Jemand, der erst die Notwendigkeit für den Tod eines Verräters feststellen muss, ist fehl am Platze.“

„Aber ich …“

„Nichts“, donnerte er. „Offenbar haben Sie bis jetzt noch immer nicht begriffen, dass es sich hier nicht um ein Spiel handelt. Es ist tödlicher Ernst. Im Einsatz haben Sie keine Zeit darüber nachzudenken, ob die Notwendigkeit noch in Frage gestellt ist. Da heißt es, Ihr Leben, oder das des Gegners. Wenn Sie erst anfangen wollen zu überlegen, können Sie sich auch gleich hier und jetzt erschießen, dass erspart uns eine Menge Kosten für Ihre Ausbildung und verschwendet nicht meine Zeit.“

„Das ist ungeheuerlich. Ich werde sicher niemanden ermorden, nur auf einen Verdacht hin, das widerspricht dem ethischen Empfinden aller Catronen“, fuhr sie auf.

„Ihre grenzenlose Dummheit ist ungeheuerlich. Wer ist nur auf die Idee gekommen, einen Eierkopf wie Sie anzuwerben? Lassen Sie uns eines von vornherein klarstellen, Rekrut: Sie werden innerhalb der nächsten Tage alles vergessen, was Sie jemals über Mord, Moral oder gar Ethik gelernt haben. Unsere Gesellschaft ist seit Jahrtausenden von Krieg und Gewalt geprägt, und Sie haben tatsächlich noch ethische Bedenken?“

Er stand auf, riss Japha vom Stuhl hoch und schlug ihr hart ins Gesicht. Sie taumelte zurück und hielt sich entsetzt das Gesicht.

„Was soll das?“ Aufflackernde Angst tanzte in ihren Augen, sie wich noch weiter zurück, bis sie dicht an der Wand stand. Hier gab es kein weiteres Zurück mehr. Der drohende Gesichtsausdruck des Fremden verhieß nichts Gutes, Japha musste weitere Schläge einstecken und wimmerte vor Schmerz. Blut rann ihr aus einer Wunde an der Stirn. Die Verachtung, die in den stummen Blicken des Mannes lag, war jedoch weit schlimmer als die Schläge, die er austeilte. Verachtung konnte sie nicht ertragen. Sie hatte nichts getan, um auf diese Weise gestraft zu werden.

Japha ballte die Fäuste, duckte sich plötzlich weg und begann zurückzuschlagen. Natürlich besaß sie gegen den sportlich durchtrainierten und bestens ausgebildeten Mann keine Chance, aber sie wollte sich auch nicht länger tatenlos als Opferlamm darstellen. Unkoordiniert und wenig effektiv wehrte sie sich, bis er schließlich mühelos ihre Hände festhielt und die Frau so bändigte.

„Es hat ziemlich lange gedauert, bis Ihre Überlegungen Sie dazu geführt haben zurückzuschlagen. Im Ernstfall wären Sie längst tot.“

„Ich hasse Sie“, brüllte Japha und versuchte sich aus dem harten Griff zu befreien.

„Gut, sehr gut“, erklärte er und lachte auf. Mühelos zwang er sie, sich wieder auf den Stuhl zu setzen. „Beruhigen Sie sich wieder. In der nächsten Zeit werden Sie noch öfter von Hass heimgesucht werden. Sie müssen lernen, diese Gefühle zu kanalisieren und in konkrete Handlungen umzusetzen. Danach kommt die Phase, in der Sie lernen, diese Emotionen auch zu verbergen.“

„Das ist ja wie eine Gehirnwäsche“, protestierte Japha entsetzt.

Der Mann setzte sich hin und fixierte die Frau. Völlige Ruhe strahlte er aus, und sogar ein gewisses Mitgefühl schimmerte in seinen Augen.

„Sagen Sie, Pitala, was haben Sie sich eigentlich vorgestellt unter dem Begriff Geheimdienst? Ab und zu vertrauliche Gespräche, verstohlene Blicke und geheimnisvolle Verfolgungen durch den Weltraum? Dann sind Sie wirklich nur naiv. Der Geheimdienst übernimmt die Schmutzarbeit, von der andere nicht einmal etwas wissen wollen. Machen Sie sich das klar. Je früher, umso besser. Und nun gehen Sie und ruhen Sie sich etwas aus. In etwa einer Stunde machen wir weiter. Sie haben schließlich nur wenige Tage, um diesen Grundkursus abzuschließen. Später erwarte ich von Ihnen einen Abschluss Ihres Studiums mit Auszeichnung. Zeigen Sie mir, dass Sie wenigstens in einem Punkt kein Versager sind.“

Die Tür glitt fast lautlos hinter ihm zu, Japha schlug die Hände vor das Gesicht. Sollte das noch länger so weitergehen mit den Demütigungen? War sie tatsächlich so naiv und unwissend?

Eine kleine innere Stimme sagte ihr, dass sie jetzt nicht so einfach aufgeben durfte. Was auch geschah, sie musste durchhalten.

Eine Stunde war nicht viel Zeit, sie sollte sich beeilen, um etwas zu essen und sich frisch zu machen. Offenbar fand die Ausbildung rund um die Uhr statt.

Eine erste Lektion hatte Japha jedenfalls schon gelernt. Sie durfte keine Schwäche zeigen.

 

 

7

Strahlend gratulierte der Präsident der Universität seiner besten Studentin. Japha Pitala hatte alle Prüfungen fast im Vorbeigehen gemeistert und ihre Instruktoren immer wieder aufs Neue verblüfft. Die übrigen Studenten, die zur Abschlussfeier vollständig erschienen waren, klatschten Beifall, als Japha die verdiente Urkunde in Empfang nahm. Hier an der Universität wurden noch alte Traditionen gepflegt, trotz des hochentwickelten technischen Standards gab es Ausdrucke auf Folien, kostbar ausgestattet und von dauerhafter Qualität.

„Mein liebes Kind“, erklärte der Präsident jovial und legte ihr gönnerhaft einen Arm um die Schulter. „Was werden Sie als Nächstes tun? Sicher haben Sie schon feste Vorstellungen, wie Sie in Zukunft Ihrem Volk dienen wollen? Lassen Sie uns teilhaben an Ihrer Vorfreude.“

Japha hatte nicht vor, dem arroganten Mann anzuvertrauen, dass sie in Zukunft für den Geheimdienst arbeiten würde. Eine solche Frage war jedoch zu erwarten gewesen, und sie hatte sich selbstverständlich vorbereitet.

„Ich werde innerhalb der Flotte eine Aufgabe übernehmen. Ein Fronteinsatz ist noch nicht vorgesehen, aber ich werde mein Bestes geben.“ So nichtssagend diese Auskunft war, wurde sie doch wieder mit Beifall aufgenommen.

Ein letztes Mal betrat Japha ihr Quartier. Jeder Raum im Studentenwohnheim war an das stellare Kommunikationssystem angeschlossen, auf dem Monitor blinkten zahlreiche Symbole; eine Menge Nachrichten waren eingegangen, auch von ihren Eltern waren Glückwünsche eingetroffen. Ihr Vater befehligte ein Geschwader direkt an der Front, ihre Mutter arbeitete in der Planetaren Verwaltung. Beide hatten keine Möglichkeit, ihre Tochter zu besuchen, doch sie legten auch keinen großen Wert darauf. Japha war schon frühzeitig mit ihrer Begabung aufgefallen und hatte die Familie bereits als Kind verlassen, um zu lernen. Schade war es nur, dass die beiden sich nicht die Mühe gemacht hatten, mit ihrer Tochter direkt zu sprechen, die Nachrichten wirkten unpersönlich und wenig familiär.

Aber da war ja auch noch Kohreth, ihr Führungsoffizier – der Mann, der mehr über sie wusste, als jeder andere sonst.

Als Japha mit ihren wenigen Habseligkeiten aus dem Gebäude trat, wartete Kohreth schon auf sie. Wie immer wirkte er kühl, beherrscht und etwas arrogant. Aber er war stolz auf sie, was man deutlich sehen konnte, so als hätte er nicht geringen Anteil an ihrem Erfolg.

„Wir sollten uns beeilen, um keine Zeit zu verlieren. Ihre Ausbildung kann endlich beginnen.“

Japha hatte plötzlich Angst. Kohreth war ein gutes Beispiel für das, was aus einem Catronen werden konnte, der sich voll und ganz den Regeln des Geheimdienstes unterwarf. Besaß dieser Mann überhaupt noch so etwas wie eine eigene Persönlichkeit? Er konnte ungeheuer charmant sein, wenn es seinen Zwecken diente. Dann flog sogar manchmal ein echtes Lächeln über sein Gesicht. Im Allgemeinen jedoch war Kohreth überheblich und arrogant, ließ Japha immer wieder spüren, dass er sich ihr hoffnungslos überlegen fühlte. Sie kam sich ihm gegenüber manchmal wie in kleines Kind vor, dumm, unwissend und verängstigt. Da nutzte es gar nichts, wenn sie sich selbst sagte, dass sie durchaus eine kluge Frau war, eine Wissenschaftlerin, die sich nichts vormachen lassen musste. Dieses Gefühl des Versagens saß tief und fest in ihr. Kohreth bestimmte über sie – jedenfalls seit dem Tag, an dem sie sich entschieden hatte, sein Angebot anzunehmen. Sie war mittlerweile dankbar, wenn er durch kleine Zeichen zu verstehen gab, dass er zufrieden mit ihr war. Auch die restliche Zeit ihres Studiums war von häufigen Besuchen des Mannes geprägt gewesen, er hatte sie nicht wieder von der Angel gelassen, seit sie ihm ihr Einverständnis gegeben hatte.

Japha hatte Angst vor der Zukunft. Nach allem, was sie bis jetzt über das Ausbildungscamp erfahren hatte, würde ihr Leben von nun an ganz sicher nicht einfacher werden. Aber sie dachte nicht einen Augenblick daran, von der Vereinbarung wieder zurückzutreten. Das würde ihre Chancen, jemals einen Platz bei den Kosmotikern zu erlangen, bis ins Bodenlose fallen lassen.

Kohreth fasste mit festem Griff ihren Oberarm und zog sie energisch mit sich. Der Raumhafen war hoffnungslos überfüllt, alle Studenten der Abschlussklasse hatten ihre Familien hier, und nun wollten alle so schnell wie möglich zurück auf ihre Heimatplaneten. Der Passagierbetrieb war heftig ins Stocken geraten, und es würde wohl noch Stunden dauern, bis sich alles wieder normalisiert hatte. Doch der Agent zog die Frau mit sich in einen abgeschirmten Bereich. Keine Kontrollen, keine Trauben von Catronen, die sich drängten, stattdessen stand auf der Landefläche ein kleines Raumschiff, das Japha vom Typ her nicht einordnen konnte.

„Wo ist die Besatzung?“, fragte sie verwirrt, als sie feststellte, dass außer ihr und Kohreth niemand an Bord war.

Der Agent schloss die Luken, meldete sich mit einem Impuls von der örtlichen Kontrollstation ab und startete.

„Wir sind die Besatzung“, erklärte er in aller Seelenruhe.

„Und wohin fliegen wir?“

„Nun, ich denke, wir sollten den schnellsten Weg nach Semiphor einschlagen, wo sich das Ausbildungscamp befindet. Es sei denn, Sie möchten vorher einige Umwege machen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Sie werden dieses Raumschiff fliegen.“

„Aber – aber ich habe keine Pilotenlizenz für diese Klasse. Dafür braucht man …“

„Wer spricht denn hier von einer Lizenz?“, unterbrach er sie hart. „Ich sagte, Sie sollen fliegen, nicht bürokratische Hemmnisse beseitigen. Dazu kommen wir später noch.“

Etwas ratlos betrachtete Japha die Kontrollen. Natürlich hatte sie schon Gleiterteller, die üblichen Fluggeräte innerhalb einer Planetenatmosphäre, geflogen – die Theorie war ihr also nicht unbekannt. Aber im Weltraum zu navigieren, auch wenn jede Menge technischer Hilfsmittel vorhanden waren, erforderte mehr als bloßes Fliegen über einen Planeten.

Im Grunde war auch die Navigation nichts anderes als ein mathematisches Problem, also konzentrierte sich die Frau auf die naheliegenden Fragen. Es dauerte nicht einmal lange, bis sie die Strecke nach Semiphor errechnet hatte. Jetzt kam es nur noch darauf an, mit den Kontrollen des kleinen Raumschiffs zurecht zu kommen.

Kohreth betrachtete sie mit verschränkten Armen. Er mischte sich nicht ein, gab ihr keine Hilfestellung, kommentierte auch nichts. Als Japha die Schaltungen vornahm, um den Kurs zu programmieren, ließ sich der Agent gemütlich in einen Sessel fallen – und schlug blitzschnell auf den Knopf, der das Schiff in einen unkontrollierten Hyperraumsprung zwang.

„Was tun Sie da?“, rief Japha entsetzt und starrte hilflos auf den jetzt unbekannten Raumsektor.

„Nun, Pitala, es ist leicht, zwischen zwei bekannten Punkten zu rangieren. Hier haben Sie eine echte Herausforderung. An die Arbeit, Rekrut.“ Der letzte Satz kam mit ätzendem Sarkasmus, Japha fühlte sich zutiefst verletzt. Aber Protest hatte natürlich keinen Zweck.

 

 

8

Völlig ausgepumpt lag Japha auf ihrem Bett. Körperlich und geistig war sie leer, und sie wünschte sich in diesem Augenblick nichts weiter als tot zu sein. Dann könnte sie keinen Schmerz mehr empfinden, niemand würde ihr mehr Fragen stellen, und sie musste sich dann auch nicht mehr bewegen. Hatte sie sich tatsächlich gewünscht eine der Besten, nein, die Beste zu sein? Dann war dieser Wunsch absoluter Irrsinn gewesen. Sie würde alles hinwerfen, Kohreth in das arrogante, beherrschte, überlegene Gesicht lachen und die Vereinbarung ein für allemal vergessen. Es musste auch noch andere Möglichkeiten geben, zu den Kosmotikern zu kommen.

Dabei hatte Japha schon fast vergessen, was eigentlich ihr Antrieb gewesen war, sich dieser Tortur zu unterziehen. Diese Ausbildung forderte sie bis an die letzten Grenzen. Das war mehr, als ein Catrone geben konnte. Sie fragte sich flüchtig, warum die anderen Rekruten nicht auch so gequält wurden, aber das lag mit Sicherheit daran, dass Kohreth in ihrem Fall einen Großteil der Ausbildung selbst übernommen hatte. Er forderte immer mehr, ließ keine Schwäche gelten und schaffte es, ihren Ehrgeiz selbst dann noch weiter anzustacheln, wenn sie eigentlich schon aufgeben wollte. Nie kam ein Lob über seine Lippen, keinerlei Anerkennung, außer gelegentlich einem Blick, der ihr sagte, dass sie nicht vollständig versagt hatte.

Das war nicht das Leben das sie sich erträumt hatte. Nein. Schluss damit! Sie wollte seine Kälte und Arroganz durchbrechen, er sollte die Beherrschung wenigstens einmal ein bisschen verlieren, wenn sie ihm lächelnd erklärte, dass sie genug hatte und nach Hause wollte – wo auch immer das für sie sein mochte. Ihre Eltern besaßen kein Haus und nutzten die offiziellen Einrichtungen, waren im Übrigen ohnehin ständig im Einsatz und benötigten keinen festen Wohnort. Egal, dann würde sie, Japha sich eben ein Zuhause suchen und schaffen. Nur weg von hier.

Sie hatte genug! Genau das alles wollte sie Kohreth ins Gesicht schleudern. Aber nicht jetzt, nicht heute.

Japha stöhnte, als sie sich bewegte. Ein heißes Bad und eine Massage wären genau richtig, aber selbst dafür war sie zu erschöpft. Das Blut rauschte in ihren Ohren, jeder Herzschlag hämmerte mit Gewalt durch die Adern, vor den Augen tanzten bunte Schlieren. Nur so konnte es passieren, dass jemand unbemerkt ihr Zimmer betrat.

Sie schrak auf und ging automatisch in Abwehrstellung, als sie die Anwesenheit einer anderen Person spürte, ungeachtet der wild tobenden Schmerzen in ihren Muskeln.

„Das habe ich erwartet, Pitala, zumindest die Abwehr sollte bei Ihnen funktionieren, wenn Sie schon vorher nichts merken. Es mag nicht viel sein, aber ich sehe, dass ein kleines Stück aus dem Grundkurs bei Ihnen hängengeblieben ist. Entspannen Sie sich etwas, ich habe nicht vor, Sie anzugreifen.“

„Können Sie mir nicht einmal etwas Ruhe gönnen?“, fragte sie patzig. „Ich weiß, dass ich mehr leiste als die anderen Rekruten, und ich weiß, dass ich besser bin. Dann muss mir wenigstens auch mal eine Ruhepause gestattet sein.“

Er betrachtete sie wie ein seltenes Insekt. „Höre ich recht? Sie halten sich für besser als andere? In welcher Welt leben Sie eigentlich? Und Sie protestieren gegen meine Anweisungen? Unglaublich. Pitala, ich bin es, der Ihnen sagt, ob und wann Sie gut sind, wann auch immer das sein mag. Ich bin es, der bestimmt, wann Sie eine Pause erhalten. Und ich allein bin es, dem ein Urteil darüber zusteht, was Sie tun, wann Sie es tun, und wie Sie es tun.“

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, ihm all das ins Gesicht zu schleudern, was ihr so lange schon auf der Seele lag. Aber Japha war jetzt viel zu sehr damit beschäftigt, sich auf den Füßen zu halten und dem drohenden Zusammenbruch vorzubeugen.

„Sie sehen schrecklich aus, Pitala“, stellte Kohreth genüsslich fest. „Sie sollten etwas dagegen unternehmen. Ich bin eigentlich nur hier, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie in zwei Tagen mit mir zusammen zu einem kleinen Einsatz aufbrechen. Natürlich liegt keine große Verantwortung auf Ihnen. Sie werden mich begleiten und ein paar Hilfsarbeiten ausführen, um ein Gespür für die Arbeit an sich zu bekommen. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, aus Ihnen eine brauchbare Agentin zu formen. Sie dürfen morgen Ihre Pflichten auf ein Minimum reduzieren, dafür erwarte ich aber volle Motivation und werde keine Fehler tolerieren.“

Als ob er das jemals getan hätte.

„Ein Feldeinsatz? Ich? Jetzt? Aber warum?“, fragte sie völlig überrumpelt.

„Weil selbst Sie einmal damit anfangen müssen, etwas draußen in der großen bösen Welt zu lernen“, erklärte er ironisch.

Japha war wie erschlagen. Das warf doch alle ihre Pläne wieder über den Haufen. Hatte sie nicht gerade noch vorgehabt alles hinzuwerfen? Jetzt plötzlich hatte sie das Gefühl, es könnte gar nicht schnell genug gehen, um mit Kohreth zusammen in den Einsatz zu kommen.

Sie nickte nur stumm und erklärte sich so einverstanden.

„Dann versuchen Sie, übermorgen wenigstens ein bisschen besser auszusehen. Ich möchte nicht den falschen Eindruck erwecken, als hätte ich eine halb verhungerte gequälte Sklavin an meiner Seite.“ Er wartete keine weitere Erwiderung ab, sondern verließ das winzige Quartier wieder.

Japha fiel auf ihr Bett und schlug vor Wut und Demütigung auf die Kissen ein. Konnte er denn nicht einmal ein freundliches Wort für sie finden? Selbst ein Roboter wurde besser behandelt. Aber sie war so erschöpft, dass sie im nächsten Moment schon einschlief, ohne sich noch lange auszumalen, was sie alles mit Kohreth anstellen würde, sollte sie die Gelegenheit dazu haben.

 

 

9

Den freien Tag vor dem Abflug hatte Japha genutzt, um sich mit dem Planeten Gwindoseel und dem geplanten Einsatz vertraut zu machen. Der Flug würde mit einem kleinen Raumschiff von Semiphor wegführen, auf einem der großen Raumhäfen wollten Japha und Kohreth dann in einen ganz normalen Passagierraumer umsteigen. Auf Gwindoseel würden sie als offizielle Delegation für den Handel ein Hotel beziehen und Gespräche mit Beauftragten des Handelsministeriums führen.

Gwindoseel war ein besonderer Planet zwischen den mehr als zehntausend Welten, die zum Reich gehörten. Hier wurde ein seltenes Mineral abgebaut, das im gesamten Imperium heiß begehrt war. Ob als Schmuck oder in bestimmten technischen Geräten, an unglaublich vielen Stellen war Lyresee mehr als willkommen, was auch an den physikalischen Eigenschaften lag. Das Erz an sich strahlte bereits im hyperfrequenten Bereich, nach der Verarbeitung blieb die Strahlung konstant und war so in der Lage, einige der auftretenden Streustrahlungen zu „schlucken“. Dadurch ließen sich Interferenzen vermeiden, wie sie immer noch vorkamen, obwohl die Technik der Catronen schon in vielen Bereichen völlig abgeschirmt war.

Lyresee beseitigte auch die letzten Ausstrahlungen der Com-Geräte, die direkt am Körper getragen wurden, und es gab eine Menge Personen, die eifrig beteuerten, dass das Mineral ihnen persönliches Wohlbefinden durch die Strahlung schenkte. Das galt natürlich dann, wenn man genügend Geld besaß, um einen Überzug der Com-Geräte oder wertvolle Schmuckstücke aus Lyresee zu bezahlen. Denn auch als Schmuck in besonderer Verarbeitung war das Mineral heiß begehrt, adelige Frauen schätzten es sehr, Ketten, Anhänger oder Broschen aus Lyresee zur Schau zu tragen.

Kurzum, Gwindoseel war ein wichtiges Rädchen in der Maschinerie des Catronischen Reiches.

Der Abbau des Minerals oblag allein den Gwindoseelern, wie sich das Volk selbst nannte. Aufgrund der ungefilterten Strahlung konnte man es nicht riskieren, Maschinen oder andere Lebewesen zum Abbau einzusetzen. Die Gwindoseeler hingegen waren in der Lage, diese Strahlung zu absorbieren, jedenfalls einige von ihnen. Sie besaßen die Fähigkeit durch Mutation und konnte zudem bestimmte Gehirnbereiche aktivieren, um die Ausbeutung effektiv zu gestalten. Niemand sonst war dazu in der Lage, deshalb mussten die Gwindoseeler auch mit Respekt und Höflichkeit behandelt werden. Nicht auszudenken, dass der Nachschub an Lyresee abbrechen könnte. Auch Maschinen konnten den Abbau nicht vornehmen, ihre Programmierung würde von der Strahlung zerstört.

Das alles und noch einiges mehr hatte Japha in den Dossiers gelesen, die Kohreth ihr hatte zukommen lassen. Sie war also bestens präpariert für den Aufenthalt auf diesem exotischen Planeten. Warum dieser Einsatz nötig war, hatte der Agent ihr jedoch noch nicht gesagt. Ebenso wenig wusste die Frau, wie dieses seltsame Volk überhaupt aussah. Auf eine diesbezügliche Frage hatte Kohreth nur ganz lapidar geantwortet, und die Informationen im allgemeinen Netz waren auf Semiphor gesperrt, aus welchem Grund auch immer. Sie sollte sich überraschen lassen, war die einzige Auskunft, die Japha bekam.

Nun gut, damit konnte sie leben. Außerdem wurde während der Reise das Training auf ein Minimum reduziert, so dass Japha tatsächlich in den Genuss von etwas Ruhe und Erholung kam. Im Übrigen blieb Kohreth einigermaßen wortkarg und verweigerte jede Unterhaltung, die sich mit dem bevorstehenden Einsatz beschäftigte.

Zum Glück dauerte die Reise nicht lange. Nach knapp zwei Tagen setzte das Raumschiff, auf dem sich nur eine Handvoll catronischer Händler befanden, zur Landung auf Gwindoseel an.

„Erschrecken Sie nicht“, sagte Kohreth plötzlich, als er sich mit ihr auf der Gangway befand. „Der Gwindoseeler sehen nicht aus wie wir. Aber das haben Sie sich bestimmt schon gedacht ...“

Nein, daran hatte Japha nicht mehr gedacht, schließlich hatte im Dossier nichts gestanden, also hatte sie verdrängt, dass es sich um ein Volk handeln könnte, das den Catronen nicht ähnlich war. Neugierig schaute sich die Frau um – und erstarrte.

Ekel stieg in ihr hoch, panische Angst sogar, und sie hatte Mühe sich zu beherrschen. Natürlich, Kohreth kannte jede ihrer Schwächen, auch ihre Abneigung, eher schon Panik, gegenüber Spinnen. Mit Insekten konnte die Frau sich anfreunden, die acht- bis zwölfbeinigen Geschöpfe jedoch jagten ihr tatsächlich Angst ein, auch wenn das absoluter Unsinn war.

Auf Gwindoseel jedoch lebten keine humanoiden Lebewesen, die Gwindoseeler waren zwar auch Sauerstoffatmer, besaßen jedoch zehn Beine und vier Arme, mit denen sie äußerst geschickt umgehen könnten. Die Gliedmaßen waren in einem perfekten Kreis angeordnet, der Oberkörper erhob sich aus der Mitte zu beeindruckender Höhe, ein kugelrunder Kopf mit acht Augen in einem ebenfalls perfekten Kreis vervollständigten den Eindruck einer mehr als außergewöhnlichen Spezies, einer Art Spinne eben.

Für Japha waren die Gwindoseeler ein lebendig gewordener Alptraum. Daran änderte auch die farbenfrohe Kleidung aus hauchzarten Tüchern nichts, die geschickt um den behaarten Körper drapiert wurden. Selbst der kleinste Gwindoseeler überragte einen Catronen um mehr als einen Kopf. Dazu kam, dass es zwar eine Art Gesicht gab, die Mimik jedoch praktisch nicht vorhanden war. Empfindungen waren für einen Catronen nicht feststellbar. Für Händler wurden die Verhandlungen dadurch enorm erschwert, und auch im allgemeinen Umgang zwischen Gwindoseelern und Catronen blieb die Kommunikation auf ein Minimum beschränkt, weil die humanoiden Lebewesen daran gewöhnt waren, sich mit ihrem Gegenüber mehr als nur verbal zu unterhalten. Wie aber wollte man sich auch mit jemandem unterhalten, dessen Mimik ausdrucksloser war als die einer Maschine?

Japha spürte einen harten Stoß in ihrem Rücken.

„Na los, vorwärts, Pitala. Sie wollen doch hier kein Aufsehen erregen, oder? Sie werden sich schon daran gewöhnen.“

Japha holte tief Luft und drehte sich zu ihrem Führungsoffizier um.

„Sind Sie eigentlich sicher, immer Recht zu haben, Kohreth?“, fragte sie mühsam beherrscht leise. „Sie manipulieren jeden und glauben fest daran, damit richtig zu handeln. Jede Demütigung, jede Qual, jeden Schmerz werde ich Ihnen eines Tages zurückzahlen. Und jetzt gehe ich wieder an Bord. Auf diesem Planeten bleibe ich keine Sekunde länger. Ich kann das nicht.“

Er packte sie mit eisernem Griff am Arm und hielt sie so fest, dass sie vor Schmerz fast geschrien hätte. So schob er sie weiter die Gangway voran.

„Sie werden jetzt gesittet und ruhig weitergehen, Pitala. Von Ihnen lasse ich mir diesen Auftrag nicht vermasseln. Sie können ruhig Ihren Hass gegen mich richten, damit kann ich leben. Aber sollten Sie es wagen, hier auf Gwindoseel auch nur den kleinsten Fehler zu machen, bringe ich Sie eigenhändig um. Sie werden dieses Volk voller Respekt und Höflichkeit behandeln. Und Sie werden lächeln, Japha. Denn Lächeln ist hier lebenswichtig. Zeigen Sie Ihre hübschen rosa Zähne, überwinden Sie Ihren Abscheu, und Sie werden vielleicht sogar eines Tages neue Freunde gewinnen.“

Ihr schossen Tränen in die Augen, zum einen vor Schmerz, zum anderen vor Hilflosigkeit gegenüber der Situation. Es gab kein Zurück. Je eher sie sich das klarmachte, umso besser. Hasserfüllt starrte sie Kohreth an, der das mit ruhiger Gelassenheit zur Kenntnis nahm.

„Lächeln, Japha, lächeln“, mahnte er und schob sie noch weiter die Gangway hinunter.

In der Empfangshalle stand eine Art Delegation, die auf die beiden Gäste wartete. Japha spürte, wie ihr ganzer Körper in Abwehr erstarrte, doch sie bezwang sich tatsächlich und lächelte.

In den sogenannten Gesichtern der Gwindoseeler öffnete sich eine Art Mund, eigentlich nicht mehr als ein ovales Loch, nadelspitze Zähne kamen zum Vorschein, offenbar legten die Gwindoseeler großen Wert auf diese Art der Begrüßung. Aber sie schienen erfreut, dass ihre Gäste den Anstand besaßen, sich anzupassen. Ein langgliedriger, schwarz behaarter Arm mit einem leuchtend roten Tuch aus zarter Seide und einem Armband aus Lyresee streckte sich der Frau entgegen. Die Hand besaß nur drei Finger, die äußerst filigran wirkten. Ein betörender Duft nach exotischen Blüten schlug der Frau entgegen.

„Ich bin sehr erfreut, die Abgesandten unserer catronischen Partner begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Maltehk, ich bin die Ministerin des Handels. Mögen unsere Gespräche von Frieden geprägt und den Göttern gesegnet sein.“ Die Stimme war wohl moduliert und angenehm, besaß nur einen kleinen Akzent, der verriet, dass Catronisch nicht die Muttersprache war.

Japha brachte es mit Überwindung über sich, die Hand der Gwindoseeler zu berühren. Ihr Lächeln saß wie festgefroren in ihrem Gesicht. Die Catronen mochten Tausende von Welten beherrschen, die persönliche kreatürliche Angst war immer noch vorhanden und ließ sich auch nicht durch einen Befehl abschalten.

In einem offenen Gleiter ging es zu einem Hotel, wo sie sich ausruhen konnte, wie Kohreth ihr leise versicherte. Nun ja, sie brauchte weniger Ruhe, als vielmehr Abstand von diesen – diesen Wesen.

Das Hotel erinnerte ein bisschen an einen Kokon, wirkte wie eine große Röhre aus schillerndem Material und enthielt eine Reihe von relativ kleinen engen Zimmern, die aber dennoch sehr gemütlich wirkten.

„Unsere Häuser sind anders gebaut“, erklärte Maltehk. „Wir bemühen uns jedoch, für unsere Gäste eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Wir hoffen, Sie werden sich hier wohl fühlen. Sicher haben Sie nach der Reise das Bedürfnis sich auf festem Boden etwas auszuruhen. Heute Abend nach Standardzeit erwarte ich Sie zum Empfang im Ministerium. Schutz der Götter über euch.“

Japha lernte rasch, dass dieser Spruch bei den Gwindoseelern die offizielle Verabschiedung war, denn diese Floskel wurde von allen Gwindoseelern benutzt. Das Hotel war nicht vollautomatisiert, es gab eine Reihe von lebendem Personal, Gwindoseeler eben, die sich um das Wohlbefinden der Gäste kümmerten. Für die beiden Catronen, die daran gewöhnt waren, ständig von Maschinen umgeben zu sein, die jede Arbeit erledigten, war dies eine neue Erfahrung, doch gerade Japha war es, die diesen Luxus zu schätzen wusste.

Nachdem dann auch alle bürokratischen Hemmnisse, wie Anmeldung und Überprüfung der Legitimationen, erledigt waren, begann Japha in ihrem Zimmer das wenige Gepäck auszupacken. Kohreth kam herüber und schaute sich um.

„Sie bewohnen also ebenfalls eine Höhle“, stellte er fest. „Die Gwindoseeler haben nicht viel Ahnung von den Bedürfnissen humanoider Wesen. Aber ich glaube, wir werden es für einige Tage schon aushalten, in diesen Räumen zu leben. Oder haben Sie ein Problem damit? Nein, damit nicht, wie ich sehe, Pitala.“

Die Frau blickte gar nicht auf, beschäftigte sich weiter damit, ihre Reisetasche auszupacken.

Kohreth ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Ich wäre ein schlechter Ausbilder, würde ich nicht versuchen Ihre kleinen Schwächen auszumerzen, Pitala. Sie mussten damit rechnen, dass etwas in dieser Art passiert. Sie haben eine instinktive Abneigung gegen spinnenartige Wesen. Das müssen Sie zu überwinden lernen. Andere Agenten haben eine allzu große Vorliebe für Schlangen – gebraten auf dem Teller, meine ich. Die müssen lernen, Wyandotts zu respektieren und mit ihnen umzugehen. Sie kennen Wyandotts? Das sind die schlangenähnlichen Wesen, die wir als Reparaturtrupps in engen Schächten einsetzen. Hervorragende Techniker, allerdings von Natur aus sehr arrogant. Ich habe da schon einige Zusammentreffen mit angehenden Agenten erlebt, die waren bemerkenswert. Falles es Ihnen nicht gelingen sollte, Ihre Abneigung gegenüber Spinnen zu kompensieren, muss ich wohl einsehen, dass ich viel Geld und Zeit für nichts investiert habe. Dann werden Sie irgendwo in einem kleinen, unwichtigen unterirdischen Stützpunkt ohne Aussicht auf eine Karriere versauern und den Rest Ihrer Tage damit verbringen, Aktenvermerke anzulegen. Also, Pitala, wie sieht es aus? Sind Sie in der Lage, sich selbst zu überwinden? Können Sie hier auf Gwindoseel arbeiten, oder reisen wir morgen wieder ab? Ich auf der Suche nach einer weiteren guten Agentin – Sie auf dem Weg ins Vergessen.“

Japha schwieg noch eine Weile, dann drehte sie sich um. „Wir bleiben selbstverständlich hier. Ich bin durchaus in der Lage, meine Arbeit durchzuführen, unter welchen Umständen auch immer. Allerdings hätte ich es vorgezogen, bereits im Vorfeld darüber informiert zu werden, mit wem ich es zu tun habe.“

„Damit Sie mir während des ganzen Fluges in den Ohren liegen, wie sehr Sie doch Spinnen verabscheuen? Nein, danke. Ich ziehe es meinerseits vor, Sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Für heute Abend legen Sie formelle Fest-Kleidung an, nicht die Uniformkombi. Es handelt sich schließlich um einen offiziellen Empfang zu unseren Ehren.“

„Die Gwindoseeler machen ganz den Eindruck, als wären sie geehrte Partner unseres Volkes. Wozu wird da eigentlich der Geheimdienst gebraucht?“, erkundigte sich Japha.

„Haben Sie immer noch nicht gelernt, dass jeder nur für sich selbst arbeitet? In letzter Zeit haben wir immer wieder Hinweise darauf erhalten, dass Lyresee auch außerhalb des Reiches gehandelt wird. Das Mineral steht aber ausschließlich Catronen zur Verfügung. Wir sollen herausfinden, ob hier jemand ein falsches Spiel treibt. Innerhalb des Imperiums existiert relativ freier Handel, und es gibt eine Reihe unabhängiger Händler, die hier einkaufen und eigene Betriebe besitzen, in denen das Lyresee verhüttet und weiter verarbeitet wird. Andere kaufen hier ein und machen gute Geschäfte mit dem Rohstoff auf Djabba. Sie alle werden dennoch streng überwacht, keiner von ihnen würde es wagen, einem nicht lizenzierten Händler etwas zu verkaufen.“

„Also werden wir hier im Handelsministerium auf den Busch klopfen?“, wandte sie ein.

Er hob die Augenbrauen und blickte sie strafend an. „Haben Sie das Dossier nicht richtig gelesen? Die Gwindoseeler sind ein äußerst empfindliches Volk. Sie werden hier sicher nicht auf den Busch klopfen. Allein die Unterstellung, dass jemand falsch spielen könnte, selbst wenn es so sein sollte, ist schon eine Beleidigung für alle Gwindoseeler. Wir dürfen nicht einmal den Verdacht erwecken, dass wir nach Unregelmäßigkeiten suchen. Nein, wir müssen anders vorgehen. Vorschläge, Pitala?“

Sie seufzte, bei dieser Frage handelte es sich um ein standardmäßiges Vorgehen. „Abhöranlagen in den wichtigsten Büros. Den Weg des abgebauten Lyresee verfolgen, Abgleich der Fördermengen mit dem tatsächlich abtransportierten Material.“

„Gut, das also sind Ihre Aufgaben.“

Sie schluckte schwer. Wie sollte sie das denn anfangen? Aber genau darin lag natürlich die Hauptarbeit eines Agenten. In dem Augenblick, da sie sich diese Fragen stellte, hatte sie auch schon die Antworten. Blieb nur noch eine letzte Frage.

„Ich habe außer meiner Uniform keine andere Kleidung dabei, mir war nicht bekannt, dass ich an einem Empfang teilnehmen soll. Was also bezeichnen Sie jetzt als formelle Fest-Kleidung?“

Kohreth lachte leise auf. „Ein Diener wird Ihnen gleich etwas Passendes bringen. Sie dürfen die Kleidung dann übrigens behalten. Und vergessen Sie nicht die Abhöranlagen einzustecken. Eine so gute Gelegenheit wie bei diesem Empfang bekommen Sie so schnell nicht wieder. Bis später.“

Er schloss die altmodische Tür hinter sich, und sie schnitt eine Grimasse. In was für eine Lage hatte er sie da nur gebracht?

 

 

10

Etwas so wunderschönes hatte Japha noch nie besessen. Ein Diener hatte in einem verschlossenen Karton Kleidung gebracht – gwindoseelische Kleidung, aus diesem hauchdünnen farbenfrohen seidenartigen Stoff, den auch die Spinnenwesen trugen.

Farbenfroh? Nein, zuerst nicht. Absolut farblos war der Stoff, und Japha wollte ihn im ersten Augenblick enttäuscht beiseite legen. Doch sie strich mit den Fingern darüber, fühlte das zarte schmeichelnde Gespinst und fragte sich, woraus der Stoff wohl gemacht wurde. Es gab im catronischen Reich nichts Vergleichbares, soweit sie wusste. Er schmeichelte der Haut, schmiegte sich an – und bekam plötzlich Farbe. Erschreckt zog die Frau die Hand zurück, augenblicklich verschwand die Farbe wieder. Ungläubig starrte Japha darauf, dann ging ihr auf, dass es sich um eine Art denkendes Material handeln musste, welches auf Berührung und Kontakt reagierte.

Die Farben wechselten in rascher Folge, als Japha den Stoff aufnahm und sich wunderte, wie auch freute. Sie begriff, dass die Farbgebung von den persönlichen Empfindungen abhing. So also kompensierten die Gwindoseeler die fehlende Mimik in den Gesichtern. Welch eine Laune der Natur.

In dem Karton befand sich noch eine Nachricht, die ausgesprochen persönlich und freundlich klang.

„Geehrter Gast. Unsere Stoffe werden von uns selbst für uns selbst erschaffen. Um Sie besonders willkommen zu heißen, bitten wir darum, diese Kleidung als Geschenk anzunehmen. Der Stoff wird nur auf Sie persönlich reagieren und Ihnen hoffentlich viel Freude bereiten. Schutz der Götter über Sie. Maltehk.“

Japha schnappte nach Luft. Dieses wunderbare Material wurde von den Spinnenwesen also nur für den eigenen Gebrauch hergestellt. Es handelte sich tatsächlich um eine besondere Ehre, dass ausgerechnet sie etwas davon bekam.

Japha empfand schon fast Scham, weil sie ihre Abneigung zu Anfang so offen zur Schau getragen hatte. Die Gwindoseeler bemühten sich, ihre catronischen Partner in allem zufriedenzustellen und ihnen besondere Ehre zukommen zu lassen. Jetzt fragte sie sich nur noch, wie sie aus der langen Stoffbahn ein Kleid machen sollte, doch da kam ihr das Material mit seinen seltsamen Eigenschaften entgegen.

Als die Frau es probeweise um den Körper legte, haftete der Stoff förmlich an ihr, wurde zu einem Teil der schlanken Gestalt, verbarg das, was verborgen werden sollte und ließ die Frau noch schöner wirken. Allerdings blieb die Farbe nicht einheitlich, was sicher darauf zurückzuführen war, dass in der Catronin eine Reihe von Empfindungen vorhanden war, von denen keine dominierend in den Vordergrund trat. Doch gerade dadurch schuf das Material ein eigenes Kunstwerk.

Kohreth kam, ohne sich anzumelden, herein und nickte zufrieden.

„Ich sehe, Sie haben sich schon damit vertraut gemacht. Es handelt sich hier um ein ganz besonderes Geschenk der Gwindoseeler, Spinnwebseide. Diese Stoffe werden nicht gehandelt, obwohl bereits Unsummen geboten wurden. Das Material stimmt sich auf den Träger ein und kann von niemand anderem mehr benutzt werden. Halten Sie das Kleidungsstück in Ehren. Meines Wissens nach gibt es nur wenige Catronen, die jemals in diesen Genuss gekommen sind.“ Er erzählte ihr jetzt nichts Neues, und doch war es schon befriedigend zu wissen, einmal etwas Besonderes zu sein.

„So, sind Sie fertig, Pitala?“, fragte der Agent etwas ungeduldig.

Längst hatte Japha alles beisammen, was wichtig genug war, um das Ministerium an den neuralgischen Punkten mit Abhöranlagen auszustatten. Sie bemerkte nicht die insgeheim bewundernden Blicke von Kohreth, die schöne Frau hatte durch die ungewöhnliche Kleidung noch an Faszination dazugewonnen. Auf Kolmar würde sie Aufsehen erregen, sollte sie dorthin kommen. Doch soweit war sie noch lange nicht.

An diesem Abend legte Japha, ohne es zu wissen, ihre erste Prüfung als Agentin ab. Sie behandelte die Gwindoseeler wie ihre besten Freunde, brachte die Gespräche geschickt auf die Handelsbeziehungen und platzierte vollkommen unauffällig diverse kleine Geräte, mit denen fast jedes Gespräch abgehört werden konnte.

Spät am Abend fiel sie glücklich, aber todmüde ins Bett, fühlte ein letztes Mal den wunderbaren Stoff, der jetzt ihr gehörte, und versank schließlich in wirren Träumen.

 

 

11

Drei Tage lang verließ die junge Agentin ihr Zimmer nicht, während Kohreth die offiziellen Termine wahrnahm. Japha täuschte Unwohlsein hervor, wenn die Diener hereinkamen, um ihr das Essen zu bringen. Kohreth hingegen hatte auch weiterhin den Eindruck aufrechtzuerhalten, dass er hier war, um die Handelsbeziehungen noch zu vertiefen und vielleicht neu zu ordnen.

Japha hingegen saß die meiste Zeit an den Empfangsgeräten, die mit einer speziellen Logik ausgestattet waren und auf Schlüsselworte reagierten. Es wäre vollkommen unmöglich gewesen, jedes Gespräch abzuhören, das Programm sorgte dafür, dass nur solche Unterredungen herausgefiltert wurden, die einen eventuellen Verrat zum Inhalt hatten. Gleichzeitig verglich Japha die Förder-, Bestands- und Transportlisten, eine mühselige Arbeit, für die sie die kleine Positronik nur begrenzt einsetzen konnte, weil sie sich keinen Zugang zu den offiziellen Datenbanken der Gwindoseeler beschaffen durfte. Ein eintöniges und anstrengendes Leben war das hier, eine Aufgabe, die zwar einen raschen Verstand, aber nicht unbedingt eine hoch qualifizierte Mathematikerin erforderte.

Am Abend des dritten Tages kam Kohreth in ihr Zimmer und lächelte sie wohlwollend an.

„Morgen werden Sie mich begleiten, wir besichtigen eine Lyresee-Mine. Ich hoffe, dass Sie dann endlich Ergebnisse vorzuweisen haben. Oder sollte unser Flug hierher nur Kosten verursacht haben?“

Details

Seiten
243
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933864
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
agentin catron
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Titel: Agentin für Catron