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Der Preis für das schöne Leben und andere Geschichten

2019 109 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Preis für das schöne Leben und andere Geschichten

Copyright

Schwiegermutters Kuchenrezepte

Der schwere Autounfall

Endlich ist Jonas willkommen

Ich bin doch nicht lebensmüde

Als altes Eisen abgeschoben

Die falsche Schule für André

Mein Mann ist ein Workaholiker

Michelles Frühling

Der Preis für das schöne Leben

Noteinstieg

Mein Ex ist spielsüchtig

Ich bereue nichts

Tu endlich etwas

Mein glühender Kinderwunsch

Der Preis für das schöne Leben und andere Geschichten

von Eva Joachimsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Diese Buch enthält folgende Geschichten:

Schwiegermutters Kuchenrezepte

Der schwere Autounfall

Endlich ist Jonas willkommen

Ich bin doch nicht lebensmüde

Als altes Eisen abgeschoben

Die falsche Schule für André

Mein Mann ist ein Workaholiker

Michelles Frühling

Der Preis für das schöne Leben

Noteinstieg

Mein Ex ist spielsüchtig

Ich bereue nichts

Tu endlich etwas

Mein glühender Kinderwunsch

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Schwiegermutters Kuchenrezepte

Als ich Dirk heiratete, war klar, dass ich weiter arbeiten würde. Dirk bewirtschaftete mit seinen Eltern einen kleinen Bauernhof. Bauern wissen nie, ob sie ihren Hof dauerhaft halten können, deshalb benötigten wir unbedingt ein zweites Standbein. Da ich Außendienstmitarbeiterin war, verdiente ich recht gut. So manchen Luxus konnten wir uns nur von meinem Gehalt leisten. Wir reisten um die Welt. Nie lange, damit die Altbauern nicht zu sehr belastet würden, doch immerhin. Anderen Landwirten ging es nicht so gut. Vertretungen sind schließlich teuer. Nach einigen Jahren erwartete ich unser Wunschkind. Während meiner Schwangerschaft erlitt Dirks Mutter einen Schlaganfall und konnte nicht mehr helfen. Dadurch fiel die geplante Kinderbetreuung aus. In meinem Job konnte ich Kind und Beruf schlecht verbinden. Mein Versuch, bei meiner Firma in den Innendienst zu wechseln, wurde abgelehnt.

„Du bleibst daheim. Mutter braucht Ansprache, außerdem muss jemand sie zu ihren Therapien fahren. Und Vater brauche ich dringend im Stall und auf dem Feld“, meinte Dirk. Mich fragte er nicht. Allerdings wollte ich auch etwas von dem Kind haben und es nicht nur wegorganisieren. Zumal eine Betreuung nur schwer zu finanzieren gewesen wäre. Wir wohnen ziemlich weit entfernt vom nächsten größeren Ort mit Schule und Kindergarten. Also blieb ich zu Hause und genoss die Zeit. Ich kochte für die Großfamilie und brachte meine Schwiegermutter zu Arztterminen und Physiotherapie. Nebenbei führte ich die Bücher und sorgte für die Förderanträge. Damit entlastete ich Dirk erheblich. Reisen konnten wir uns jetzt nicht mehr leisten. Das hatten wir gewusst, bevor wir die Kinder geplant hatten. Schon bald wurde ich wieder schwanger. Die ersten fünf Jahre ging es uns leidlich. Wir hielten uns über Wasser, konnten aber kaum Rücklagen bilden. Doch dann hatten wir unsere Milchquote bereits im Oktober erfüllt und durften die Milch nicht mehr verkaufen. Um sie nicht wegzuschütten, verfütterten wir sie. Zu allem Unglück fiel die Melkanlage aus. Dirk hatte Probleme einen Kredit für eine neue zu bekommen. Die Bank verlangte immense Zinsen.

„Wenn noch eine Maschine kaputt geht, reicht das Geld nicht mehr“, sagte Dirk niedergeschlagen. Den Haushalt finanzierten die Eltern inzwischen mit ihrer Rente, wir selbst waren pleite.

„Ich muss mir einen Job suchen“, erklärte Dirk bedrückt.

„Und der Hof?“, fragte ich entsetzt. „Deine Familie besitzt den Bauernhof seit vierhundert Jahren. So etwas gibt man nicht einfach auf.“

„Wir können die Felder verpachten. Oder wir verkaufen einen Teil der Rinder und führen den Hof als Nebenerwerbshof weiter.“

Meine Schwiegermutter erlitt vor lauter Sorgen einen zweiten Schlaganfall. Jetzt konnte sie kaum sprechen. Immerhin konnte sie sich eigenständig waschen, anziehen und essen. Nur die Hauswirtschaft hätte sie nicht mehr selbständig führen können. Leider baute auch Schwiegervater körperlich und geistig ab.

„Ich suche mir einen Job. Die Kinder sind alt genug, um in den Kindergarten zu gehen.“

„Wo willst du denn hier Arbeit finden?“, fragte Dirk.

Doch wir ließen den Kopf nicht hängen, sondern machten uns beide auf Arbeitssuche. Dirk fand einen Job in einem Getränkemarkt. An den Sonnabenden half er da aus. Ich kellnerte in der Kleinstadt. Viel Geld verdienten wir damit nicht. Schließlich erhöhten sich durch die Fahrten die Nebenkosten. Ich verbrauchte reichlich Sprit. Zudem belasteten wir den Vater sehr stark.

Dirk wurde immer gereizter und ich schlief schlecht und war ständig übermüdet. Wir unterhielten uns nur über die täglichen Tätigkeiten, meist schwiegen wir uns an. Für die Kleinen hatte Dirk überhaupt keine Zeit mehr.

„So geht es nicht weiter. Wir müssen die Felder verpachten und ich bewerbe mich um eine richtige Arbeitsstelle. Noch bin ich jung genug“, meinte Dirk eines Tages, als er Fieber hatte und nicht zum Laden konnte. Obwohl er krankgeschrieben war, musste er in den Stall und die Kühe versorgen, dann Schwiegervater schaffte es alleine nicht.

Ich hatte mich schon bei den Landfrauen umgehört. Vielen anderen Bauern ging es ähnlich. Eine Reihe Höfe hielt sich mit einem Hofladen über Wasser. Ich schloss Kontakte und wir belieferten drei Geschäfte mit unseren Produkten. Tagelang stand ich dafür in der Küche und kochte nach einem alten Rezept meiner Schwiegermutter Marmelade ein, die wir in den fremden Läden verkaufen ließen. Wir selbst lagen so abseits, dass sich ein eigener Verkaufsstand nicht lohnte. Aber die Mühen brachten nur wenig ein. Uns fehlte einfach eine zündende Idee.

„Vielleicht sollten wir einen Marktstand aufmachen?“, schlug ich vor.

Schwiegervater schüttelte den Kopf. „Auf dem Wochenmarkt verdient man nicht genug. Wir haben es jahrelang gemacht.“

Ich zuckte die Schultern. Was konnten wir sonst noch unternehmen? Natürlich machten sich die Probleme in unserer Ehe bemerkbar. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Wegen Kleinigkeiten explodierte Dirk und langfristige Planungen waren gar nicht mehr möglich. Die Kinder litten unter der ständigen Gereiztheit. Der Große nässte wieder ein und die Kleine wurde immer ängstlicher und wollte gar nicht meinen Rockzipfel loslassen. Vor der Oma, die so undeutlich und laut sprach, hatte sie sogar Angst.

Als eine Nachbarin einen Imkerkurs besuchte, schloss ich mich an. Dirk war sauer auf mich. „Wir haben bereits hinlänglich zu tun. Von Bienen können wir nicht leben. Und wie willst du die Anschaffungen bezahlen?“ Gewiss hatte er recht. Aber nur daheim sitzen und sich Sorgen machen, half uns auch nicht.

Schon im nächsten Jahr besaß ich drei Völker. Das Geld für die Ausstattung hatte ich mir von meiner Schwester geliehen. „Du solltest lieber wieder in deinem Job arbeiten. Das wäre sinnvoller“, hatte sie dazu gemeint.

„Und die Familie? Die Kinder müssten zwölf Stunden untergebracht werden und Schwiegermutter könnte ihre Therapien nicht wahrnehmen.“

„Aber dann hättet ihr weniger Stress.“

„Selbst wenn ich gut verdiene, könnten wir den Hof davon nicht halten“, gab ich zu bedenken.

Also machte ich weiter wie bisher. Immer auf der Suche nach neuen Ideen. Der Honig wurde wie die Marmelade bei Freunden verkauft. Dabei lohnte sich die Bestäubungsprämie mehr als der Honigverkauf. Doch auch ein Imker kann heute kaum davon leben. Erst als meine Freundin ihren Hofladen ausbaute und Maike nicht nur Obst, Gemüse und Marmelade verkaufte, sondern ein Café aufmachte, sah ich eine Möglichkeit.

Schwiegermutter und ich backten Kuchen und Torten. Meine Schwiegermutter besaß ein Riesenrepertoire an Rezepten. Und backen konnte sie noch. Ihr fiel es nicht so leicht wie früher, trotzdem beherrschte sie es und sie zeigte mir verschiedene Tricks. Durch die Arbeit verbesserte sich ihre Sprechfähigkeit, obwohl die Logopädin uns keine Hoffnung gemacht hatte. Das Gefühl, wieder zu etwas nütze zu sein, vollbrachte gab ihr Auftrieb und besserte ihr Befinden.

Nur meine Beziehung zu Dirk wurde stetig schlechter. Dirk war völlig überarbeitet und unberechenbar. So manches Mal überlegte ich mir, ob ich mich nicht lieber von ihm trennen sollte. Doch dann dachte ich an die Eltern und wollte sie nicht im Stich lassen.

 

*

 

Der Hofladen lief immer besser, deshalb gab ich den Job im Restaurant auf und half Maike beim Verkauf. Gemeinsam planten wir ständig neue Dinge, um den Laden attraktiver zu machen. So nahm Maike eine Floristin als Untermieterin auf, der die Miete in der Stadt zu teuer geworden war. Auf dem Hof hatte sie viel mehr Platz und konnte Dekorations- und Gartenartikel in ihrem Sortiment anbieten. Frische Blumen führte sie nicht, dafür Kübelpflanzen. So wurde das Scheunencafé ansprechender, da sich die Tische zwischen Palmen und Orangenbäumchen befanden. Im Winter stand überall die Weihnachtsdekoration und wir backten dazu den passenden Weihnachtskuchen und verkauften sogar Tee aus einem Teeladen.

Im nächsten Frühjahr baute Maike einen großzügigen Wintergarten an die Scheune an. Dort wurden die Pflanzen und das Café untergebracht. Ich beteiligte mich an dem Laden. Diesmal hatte ich meine Tante angepumpt. Aber ich war mir sicher, dass der Hofladen eine Goldgrube würde. Er lag an der Landstraße neben einem gut besuchten Ausflugslokal.

„Wir brauchen Streicheltiere“, schlug ich vor. „Eine Ziege, ein paar Schafe, eine zahme Katze oder lieber ein Hund.“

„Nicht noch mehr Arbeit“, stöhnte Maike. Sie stammte wie ich aus der Stadt und hatte es mit Tieren nicht so.

„Wir nehmen ein Kätzchen aus dem letzten Wurf und ziehen es in der Nähe des Cafés groß, damit es zutraulich wird.

„Dort wird es überfahren“, prophezeite Maikes Mann.

Doch ich probierte es. Sobald die kleinen ihre Mutter nicht mehr brauchten, nahm ich ein schwarzes Katzenkind mit den weißen Pfoten zum Café mit. Ich beschäftigte mich mit der kleinen und fütterte sie beim Hintereingang. Manchmal kamen meine beiden Kinder mit, um mit ihr zu spielen und sie an Menschen zu gewöhnen. Außerdem fragte ich Dirk nach Hoftieren aus. „Kosten viel Zeit. Und ob die Nutztiere beim Laden wirklich gut sind?“

„Dann bettelt der Nachwuchs unserer Kunden und sie kommen wieder“, erwiderte ich.

„Wir besaßen früher Hühner und Enten. Ihr bräuchtet ein Stückchen eingezäuntes Gelände.“

Schwiegervater erzählte mir auch noch von Ziegen. „Als ich Kind war, hielten wir Ziegen auf dem Hof. Das war in den schlechten Jahren. Die sind pflegeleicht.“

Ich erkundigte mich weiter und überredete Maikes Mann, mir eine Weide neben dem Café zur Verfügung zu stellen. Er zäunte sie mit Dirk ein und die beiden hoben sogar einen flachen Teich aus, damit die Enten schwimmen konnten. Von einem Hobbyzüchter besorgte ich mir zwei Zwergziegen. Da er selbst Kinder hatte, waren sie bereits zahm und ertrugen schon bald geduldig die Streicheleinheiten unserer kleinen Gäste. Als Nächstes folgten einige Hühner. Maike ließ sich überreden, sie abends in den Stall zu treiben, wenn ich ihn dafür säubern würde. Deshalb fuhr ich morgens, nachdem ich die Kinder in den Kindergarten gebracht hatte, bei ihr vorbei und versorgte den Kleintierzoo. Natürlich fragten die Kunden nach Eiern. Aber wir beschlossen, die paar Eier, die wir besaßen, nur an Stammkunden zu verkaufen. So intensiv wollten wir die Hühnerhaltung gar nicht betreiben.

Freunde schenkten uns drei Enten. Langsam kamen wir uns wie in einem Zoo vor. Tatsächlich sprach es sich herum und immer mehr Familien besuchten den Laden. Gerade am Wochenende füllte sich das Café mit Besuchern aus der Stadt. Die Eltern genossen Kaffee und Kuchen, der Nachwuchs beobachteten die Tiere, die Mutigen streichelten die Ziegen und die Katzen. Die Mutterkatze fand nämlich inzwischen auch Gefallen an der Aufmerksamkeit der Zweibeiner und holte sich ab und zu Schmuseeinheiten ab.

Selbst im Herbst riss der Besucherstrom nicht ab. Nebenbei setzte ich mich mit meiner Schwiegermutter hin und wir trugen ihre zahlreichen Rezepte zusammen. Es reichte für ein schmales Buch mit Torten- und ein zweites mit Kuchenrezepten. Wir fotografierten sogar unsere Erzeugnisse, bevor sie im Café verzehrt wurden. Dann machte ich mich auf die Suche nach einem Verlag. Um Zeit zu sparen, telefonierte ich herum. Zwei kleine Regionalverlage in der Nähe hatten Interesse, doch die Konditionen erschienen mir nicht gut genug und so wagte ich den Versuch, die Bände in einer Kleinauflage selbst drucken zu lassen. Die Rezeptbücher wurden passend Anfang November fertig. Ich bat in den Buchläden in der Nachbarschaft, sie in Kommission zu nehmen. Natürlich legten wir sie an der Theke und zwischen der Weihnachtsdekoration aus. Außerdem bat die unsere Lokalzeitung, darüber zu berichten. Wir hatten Glück, die Zeitung hatte wohl gerade nichts Wichtiges zu berichten und machte eine große Reportage über den Hofladen mit angeschlossenem Hofcafé und Streicheltieren. Nebenbei erwähnten sie unsere Rezepte. Eins druckten sie sogar ab. Bald darauf folgte ein kurzer Artikel über meine Schwiegermutter und ihre beiden Bücher.

Die Werbung führte zu einem riesigen Besucherstrom. Die Leute hatten bei dem regnerischen Novemberwetter wahrscheinlich sowieso nichts vor und verbrachten die Nachmittage bei uns. Auch die Kuchen- und Tortenrezepte verkauften sich sehr gut.

Weihnachten hatten wir nicht offen. Die Pause hatten wir alle auch dringend nötig. Nach dem Adventsgeschäft waren wir völlig erledigt. Dabei hatten uns die Männer im Dezember toll unterstützt, da auf den Höfen nicht so viel zu tun war. Am 23.12. machten wir unsere Abrechnung. Ich hatte erheblich besser verdient als mit der Kellnerei. Mit dem Geld konnte ich einen Teil des Kredits meiner Tante zurückzahlen. Für die Kinder besorgte ich die heiß gewünschte Eisenbahn, außerdem zahlte ich der Bank eine Sondertilgung für die Melkmaschine. Trotzdem blieb noch ein bisschen für ein paar Tage an der See übrig.

Ich war glücklich, wusste nur nicht, wie Dirk auf meinen geschäftlichen Erfolg reagieren würde. Kurz bevor wir Feierabend machten, rief ein Lektor an. Er hatte die Rezeptbücher gesehen und bot einen Vertrag an. Erst wollte ich ablehnen, aber sein Vorschlag klang so verlockend, dass ich versprach, mit der Mutter darüber zu sprechen.

 

*

 

Natürlich bekam meine Schwiegermutter den Erlös aus dem Buch und einen Anteil am Kuchenverkauf. „Deshalb habe ich es nicht gemacht“, lehnte sie ab.

Ich umarmte sie. „Ich weiß, doch ohne dich hätten wir keinen Volltreffer mit dem Laden gelandet.“ Dann lachte ich. „Im nächsten Jahr stellen wir deine Eintöpfe und Sonntagsbraten zusammen.“

Dirk war stolz auf mich. Er wollte den Job im Getränkemarkt aufgeben und dafür lieber uns im Geschäft helfen. Silvester gingen wir feiern. Die Kinder durften aufbleiben, denn Oma und Opa passten auf sie auf.

 

 

Der schwere Autounfall

Ich war auf dem Weg zu Bernd gewesen. Seit drei Jahren führten wir eine Fernbeziehung. Er wohnte in einem Dorf an der Oder, ich in Hannover. Obwohl ich keine Chance hatte, in Brandenburg oder Berlin eine Arbeit als Museumspädagogin zu bekommen, wollte er nicht nach Hannover ziehen. Dabei wollten wir im Sommer heiraten. Nur die Frage des Wohnortes und unserer Arbeitsplätze war noch nicht geklärt. Eigentlich hänge ich überhaupt nicht an Norddeutschland. Ich wäre auch nach Köln oder München gezogen, solange ich eine geeignete Stelle fand und mit Bernd zusammen wohnen konnte.

An diesem Freitag war es etwas später geworden. Wenigstens hatte ich Glück, dass das Wochenende frei war, denn wir organisieren unter anderem Kindergeburtstage und die finden häufig am Samstag oder Sonntag statt.

Trotz meiner Ungeduld fuhr ich langsam. Im November weiß man schließlich nie, ob die Straße nicht doch schon vereist ist. Außerdem gibt es in Brandenburg viele Blitzer, mit denen ich mehrmals unfreundliche Bekanntschaft geschlossen hatte.

Es war dunkel und Nebel kam auf, als ich die Autobahn verließ. Also verlangsamte ich noch mehr. Natürlich wurde ich von verschiedenen Eiligen überholt. Die Landstraße schien grifffest zu sein. Als vor mir ein Reh aus einem Busch sprang, drosselte ich das Tempo. Jedoch hinderte das Wild den Fahrer hinter mir nicht, mich mit erheblicher Geschwindigkeit zu überholen, obwohl von vorne ein Auto entgegenkam. Ich bremste ab, leider nicht ausreichend. Denn einen Augenblick später, der Wagen war gerade eingeschert, preschte ein Hirsch über die Fahrbahn. Ich sah nur noch die roten Bremsleuchten und trat das Bremspedal voll durch. Dann hörte ich einen Knall und das Auto vor mir brach zur Seite aus, genau in den Gegenverkehr. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich eingeklemmt im Auto. Ich versuchte, mich zu befreien, Aber ich konnte mich kaum rühren. Deshalb tastete ich, mit der rechten Hand nach meiner Handtasche auf dem Beifahrersitz. Doch ich konnte nicht weit genug greifen und fand sie nicht. An die Tür kam ich auch nicht heran. Also schrie ich um Hilfe. Bald sah ich ein, dass es keinen Sinn hatte. Wer sollte mich schon hören? Eine ganze Weile lag ich da und dachte an Bernd und unsere geplante Hochzeit.

„Hallo, hören Sie mich?“, fragte eine Männerstimme. Eine Taschenlampe leuchtete ins Wageninnere.

„Ja, ich bin festgeklemmt und kann mich nicht bewegen, holen Sie mich bitte raus!“

Er versuchte, die Tür zu öffnen. Obwohl er zog und rüttelte, sodass ich vor Schmerzen laut aufschrie, bekam er sie nicht auf.

„Bleiben Sie ruhig, Hilfe ist bereits unterwegs.“

Ich schloss die Lider. Trotzdem wurde es hell und knackte. Ich öffnete die Augen wieder. Der Motor brannte. „Feuer!“, schrie ich gellend.

Der Mann kam zurück und zerrte an der Tür. „Ich bekomme sie nicht auf. Aber die Feuerwehr muss gleich da sein.“

Bei diesen Entfernungen? Das dauerte sicher. Wie lange lag ich wohl hier? Mir kam es wie eine Ewigkeit vor.

„Keine Angst. Ich befreie Sie.“ Seine Stimme strömte Zuversicht aus.

Er rüttelte an der Beifahrertür. Die war ebenfalls verklemmt. Die Flammen standen inzwischen schon direkt vor meinem Gesicht. Mir wurde heiß. Obwohl ich mich wand, kam ich nicht raus. Die Beine saßen unter dem Lenker und der zerknautschten Konsole fest. Plötzlich hörte ich Glas splittern. Einen Augenblick später spürte ich Hände auf den Schultern.

„Ich hole Sie raus. Versprochen!“ Er löste den Gurt. Anschließend griff er unter meine Achseln und versuchte, mich rauszuziehen. Ich schrie vor Schmerzen auf und verlor das Bewusstsein.

 

*

 

Als ich wieder aufwachte, lag ich im Krankenhaus.

„Sie kommt zu sich“, hörte ich eine Frauenstimme.

Ich zwang mich, die Augen zu öffnen. Es war hell. Das Licht blendete mich. Also kniff ich sie schnell zu.

„Hallo, Frau Kunze, hören Sie mich?“

Ich blinzelte, schließlich öffnete ich die Lider erneut. Diesmal ging es besser.

„Sie hatten einen Autounfall und sind jetzt im Krankenhaus. Sie lagen ein paar Tage im künstlichen Koma.“ Die Schwester sah sehr ernst aus.

„Was habe ich?“

„Einige Knochenbrüche, innere Verletzungen und Verbrennungen. Keine Sorge, das wird alles wieder. Sie müssen nur Geduld haben.“

„Weiß meine Familie Bescheid?“

„Ja, Ihre Mutter hat sie jeden Tag besucht.“

Später erfuhr ich, dass ich vierzehn Tage im künstlichen Koma gelegen hatte. Die inneren Verletzungen verheilten inzwischen, ebenso die Knochenbrüche. Ein gebrochenes Bein, ein Wirbelanbruch und die gebrochene Hüfte waren gerichtet und heilten gut. Nur die Verbrennungen waren so stark gewesen, dass Hauttransplantationen notwendig waren. Dazu sollte ich aber erst einmal gesund werden.

Meine Mutter saß täglich an meinem Bett. Am Wochenende schauten mein Vater und mein Bruder vorbei. Bernd ließ sich auch sehen. Er blieb allerdings meistens nur ein bis zwei Stunden.

Eines Tages kam ein fremder Mann in das Zimmer. Er war dunkelhaarig, nicht sehr groß, dafür durchtrainiert und sah gut aus.

„Ich wollte mich nur erkundigen, wie es Ihnen geht“, sagte er.

Ich sah ihn fragend an, denn ich konnte mich nicht an ihn erinnern.

„Ich war als Erster am Unfallort.“

„Sie sind mein Retter!“ Jetzt erkannte ich seine Stimme. Ohne ihn wäre ich gestorben. Vielleicht sogar schon, bevor die Flammen mich erreichten. Schließlich er hatte mir genug Zuversicht gegeben, um durchzuhalten.

Ich bedankte mich und versprach, ihn einzuladen, sobald ich entlassen wäre.

Nachdem die Brüche verheilt waren, wurde ich in eine andere Klinik verlegt, die auf plastische Operationen spezialisiert war.

Ich erhielt Hauttransplantationen im Gesicht, am Hals, an den Händen und Unterarmen. Es konnten immer nur kleinere Teile operiert werden und sie erforderten weitere Eingriffe. Doch der Arzt garantierte, mich wieder herzustellen. Seit ich im Krankenhaus war, hatte ich in keinen Spiegel geschaut. Alle waren entfernt worden. Und so malte ich in der Fantasie aus, wie schrecklich ich aussah.

Natürlich hatte ich Schmerzen. Die Hände konnte ich noch längst nicht richtig bewegen. Manchmal grauste mir vor dem Gedanken, mein Leben mit diesen Schmerzen und Behinderungen ertragen zu müssen.

Nach neun Monaten besuchte Bernd mich nicht mehr. Auch vorher war er nicht allzu oft da gewesen. Trotzdem hatte ich mir die Vorstellung unserer gemeinsamen Zukunft Kraft gegeben. Eines Tages erschien er noch einmal bei mir. „Es tut mir leid, Sina, ich habe jemanden kennengelernt und wir ziehen nach München.“

Ich starte ihn wortlos an. Meinetwegen war er nicht weggezogen. Sonst wäre dieser furchtbare Unfall gar nicht passiert.

„Sina, die Zeit mit dir war schön. Aber wir waren bekanntlich im letzten Jahr nicht mehr so innig zusammen.“

„Ich dachte, wir wollten im letzten Sommer heiraten.“ Ich konnte kaum sprechen.

Bernd zog sich zur Tür zurück. „Da hast du dir etwas gewünscht. So war es nie.“

Und unsere Pläne? Wir hatten bereits ein Standesamt und ein Restaurant ausgesucht. Und jetzt sollte das alles gar nicht wahr sein? Bernd nickte noch einmal kurz, dann war er weg.

Ich wollte nicht mehr leben. Die Ärzte beruhigten mich mit Medikamenten. Meine Mutter wich nicht von meiner Seite. Wochenlang schlief sie mit im Zimmer.

Ich wollte keine weiteren Operationen. Warum sollte ich diese Quälerei länger ertragen? Für wen?

„Sina, Sie sind so jung. Sie wollen doch wieder gesund werden und arbeiten können. Selbständig sein und ihr Leben in die Hand nehmen“, sagte Frau Dr. Mannheimer, die Psychotherapeutin.

„Wofür?“

„Für Sie selbst.“

 

*

 

Zwei Tage später stand mein Retter im Raum. „Wie geht es Ihnen?“

„Danke, es dauert. Mir fehlt die Geduld.“

Er lud mich zu einem Spaziergang in den Garten ein und wir unterhielten uns. Er war Arzt und hatte im letzten halben Jahr in den Niederlanden gearbeitet. „Sonst hätte ich mich schon längst bei Ihnen gemeldet. Schließlich bin ich für Sie verantwortlich.“

Ich lachte. Zum ersten Mal seit meinen Unfall konnte ich lachen. Ausgerechnet dieser Fremde, der mich gerettet hatte und dabei sein eigenes Leben in Gefahr gebracht hatte, fühlte sich verantwortlich!

Ich verbrachte einen schönen Nachmittag mit ihm und er versprach, wiederzukommen.

Christian kam immer häufiger vorbei. Wir verstanden uns gut und er regte mich an, wieder zu arbeiten. „Nutz die Zeit, dich weiterzubilden oder wissenschaftlich zu forschen. Heute kannst du viel über das Internet erledigen.“

Ein paar Wochen ließ ich diese Gedanken im Kopf herumgehen. Ich hatte mich schon öfter gefragt, was ich beruflich machen sollte, so entstellt, wie ich aussah. Inzwischen hatte ich mich im Spiegel gesehen und erkannte, warum Bernd mich verlassen hatte. Mit dem Aussehen konnte ich mich doch nicht mehr mit Kindern beschäftigen.

Schließlich suchte ich mir ein Thema aus, dass mich seit Längerem interessierte und fing an zu recherchieren. Vielleicht konnte das eine Doktorarbeit werden. Oder wenigstens eine Fachveröffentlichung.

„Ich gehe nach Südafrika, um dort ein Jahr zu arbeiten. Willst du mitkommen?“, fragte Christian Monate später.

Ich war völlig überrumpelt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Gut, Christian besuchte mich mittlerweile regelmäßig und wir verstanden uns gut. Aber dass er mich liebte, hatte er mir noch nie gesagt.

Die Ärzte fanden es gut, wenn ich eine Veränderung vornahm. „Kommen Sie in einem halben Jahr zur nächsten Operation wieder. Krankengymnastik können Sie auch woanders machen.“

Christian bereitete alles vor. Während ich mich bemühte, richtig auf die Beine zu kommen. Meine Psychotherapeutin war zufrieden. „Sie haben sich gefangen. Sie brauchen diese Therapie momentan nicht mehr. Falls es Ihnen erneut schlechter gehen sollte, kommen Sie sofort zu mir. Doch ich glaube, jetzt schaffen Sie es allein.“

Kurz vor unserer Abreise heirateten wir. Nur im kleinen Kreis. Außer meinen Eltern, meinem Bruder und Christians Vater und Cousin war niemand dabei. Mir war es lieber, denn noch immer sah ich wie ein Monster aus.

Dafür entwickelte sich meine Doktorarbeit. Ich hatte zwischenzeitlich Kontakt zu meinem alten Professor aufgenommen und er fand das Thema so interessant, dass er mich betreute und mich mit Fachleuten zusammenbrachte.

 

*

 

Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Ich habe weitere Operationen überstanden, trotzdem werde ich nie wieder so aussehen wie früher. Aber ich kann mit meinem Äußeren, der Behinderung und auch den Schmerzen leben, weil ich neue Aufgaben habe und geliebt werde.

Christian und ich haben zwei gesunde Kinder. Christian arbeitet inzwischen als Landarzt in Brandenburg und ich habe meine Dissertation beendet. Mit Hilfe des Doktorvaters fand ich einen großen Verlag, der sie veröffentlichte. Jetzt schreibe ich Fachbücher. Dabei brauche ich niemand das entstellte Gesicht zeigen. Die Leute im Dorf haben sich daran gewöhnt und meine Familie stört es nicht. Wie viel Glück habe ich damals in der Nacht gehabt, als Christian mich aus dem Auto zog!

 

 

Endlich ist Jonas willkommen

Es klapperte im Flur. Vorsichtshalber ließ ich den Abwasch stehen und schaute nach.

Mein Sohn Jonas suchte gerade, seine Schuhe aus dem Schuhschrank.

„Wo willst du hin?“, fragte ich ihn streng.

„Auf den Bolzplatz.“ Jonas zog sich den Turnschuh an.

„Ich habe jetzt keine Zeit, du musst dich noch eine Stunde gedulden.“

„Ich geh allein“, maulte Jonas.

„Du wartest“, befahl ich und zog sicherheitshalber den Wohnungsschlüssel ab.

„Warum darf ich da nicht hin, die anderen kommen auch ohne Eltern.“ Jonas stampfte mit dem Fuß auf. In seinen Augen stand wieder dieser irre Blick.

„Du weißt es ganz genau, das haben wir schon so oft besprochen“, erwiderte ich und ging in die Küche zurück. Ich selbst war mit vier Jahren allein zu den Nachbarkindern gegangen und Jonas war inzwischen sieben. Aber die Zeiten hatten sich eben geändert. Die Waschmaschine war durchgelaufen, also holte ich den Wäschekorb und hängte die Wäsche auf dem Balkon auf. Im Hintergrund hörte ich Jonas schreien. Es krachte, dann schepperte es. Das war die Spielzeugkiste. Ich seufzte. Jonas wurde mit jedem Jahr schwieriger. Er brauchte dringend einen Vater. Bloß wer heiratete schon eine Mutter mit einem farbigen Kind? Außerdem kam ich nicht unter Leute und konnte daher keinen Mann kennenlernen.

Von Jonas Erzeuger hatte ich mich bereits vor der Entbindung getrennt und seither nichts mehr von ihm gehört. Bestimmt war er mittlerweile abgeschoben worden. Wir hatten einfach nicht zueinander gepasst. Immer häufiger hatten wir uns gestritten. Er nahm das Leben für meinen Geschmack zu leicht. So charmant er war, für den Haushalt fühlte er sich nicht zuständig und für irgendwelche Jobs war er sich zu schade. Natürlich fand er bei uns keine Stelle als Lehrer und als Hilfskraft mochte er nicht arbeiten. Schließlich wurde es mir zu viel und ich warf ihn hinaus.

Wie schwer der Alltag mit einem farbigen Kind war, erlebte ich schon bald nach der Geburt. Ich wurde auf der Straße angegafft. Nach ein paar Wochen musste ich umziehen, weil der private Vermieter mit meinem unmoralischen Lebenswandel nicht klarkam. Meine Freundin Karina meinte zwar, ich solle klagen, aber dafür fehlte mir die Kraft, also zog ich in ein Hochhaus einer Genossenschaft. Ich musste mich daran gewöhnen angepöbelt und bedroht zu werden. Nach diesen Erlebnissen ließ ich Jonas nicht allein auf den Spielplatz. Meine Angst war einfach zu groß. Dazu las ich auch noch dementsprechende Zeitungsartikel. Nein, meinem Sohn sollte nichts passieren.

Morgens brachte ich ihn zur Schule und abends holte ich ihn vom Hort ab. Ich traute mich nicht, Jonas loszulassen, obwohl die Pädagogen und Erzieher es mir ständig rieten. Inzwischen wurde Jonas immer aufsässiger. Kein Wunder, so wie er von den Schulkameraden gehänselt wurde. Häufig musste ich zum Gespräch zu den Lehrern, weil Jonas frech und aggressiv war. Er konnte sich nicht wehren, ohne dass es zu Beschwerden kam. Und ich war überzeugt, dass die Lehrer bei einem weißen Kind nicht so schnell gemeckert hätten.

Vorigen Monat hatte er dummerweise seiner Klassenlehrerin gesagt, Mathematik sei langweilig, nur Babykram, daher stand er seit Neustem auf deren Abschussliste.

„Okay, Jonas, wir können gehen“, rief ich, nachdem ich die letzte Socke aufgehängte hatte.

„Jetzt will ich nicht mehr.“ Jonas schaute noch nicht einmal zu mir hoch. Gebannt verfolgte er den Film im Fernsehen.

Ein Stuhl lag umgekippt auf dem Boden. Die Kiste mit Spielzeugautos war ausgekippt.

„Dann kann ich ja den Haushalt weitermachen.“ Ich kickte ein paar Autos zur Seite und ging in die Küche, obwohl es mir nicht passte, dass Jonas ständig fernsah oder mit der Spielekonsole spielte.

Ich hatte schon daran gedacht, nach Kanada oder Australien auszuwandern. Ich war mir nur nicht sicher, ob ich woanders Arbeit finden würde. Und ob es da tatsächlich besser wäre?

Einige Tage später besuchte ich den Elternabend. Nach langer Diskussion hatte ich Jonas allein gelassen. Sonst kam immer Frau Behringer, eine ältere Nachbarin. Aber Jonas wollte auf keinen Fall mehr einen Babysitter haben. Hoffentlich ging es gut.

Natürlich war es wieder ein Spießrutenlauf für mich. Die anderen Eltern beschwerten sich über Jonas Verhalten. Selbstverständlich nannten sie keine Namen, doch jeder wusste, wer gemeint war, als sie über den Störenfried in der Klasse redeten. Frau Merkens lenkte das Gespräch nicht in friedlichere Bahnen. Am liebsten wäre ich in ein Mauseloch gekrochen. Unruhig rutschte ich auf dem viel zu kleinen Stühlchen hin und her. Sah denn keiner, dass die anderen Kinder Jonas ständig provozierten?

Als ich das Klassenzimmer verließ, sprach eine Mutter mich an.

„Schicken Sie Jonas doch einmal zum Fußballtraining. Vielleicht macht es ihm Spaß, und er findet neue Freunde“, schlug sie vor.

„Ich habe kein Geld für einen Verein“, gab ich zu.

„Das lässt sich regeln. Ich trainiere die F-Jugend. Soll ich Jonas mal mitnehmen?“

Zögernd gab ich nach, schließlich wollte ich keine Almosen annehmen. Möglicherweise tobte sich Jonas tatsächlich im Sportverein aus.

In der nächsten Zeit holte Marlies, so hieß die Trainerin, Jonas zweimal in der Woche vom Hort ab und brachte ihn nach dem Training zurück. Ich war ihr wirklich dankbar für ihr Engagement. Jonas blühte sichtlich auf und wurde ruhiger. An den Fußballtagen plapperte er beim Abendessen wie ein Wasserfall von seinen Erlebnissen.

„Jonas ist begabt. Er sollte das unbedingt weitermachen“, lobte Marlies. Ich freute mich, einmal etwas Positives von meinem Sohn zu hören und ließ mich von Marlies überreden, Jonas in der Mannschaft spielen zu lassen.

Mit ihrer herzlichen, zugewandten Art spornte Marlies Jonas an.

Inzwischen war Jonas so ausgeglichen, dass wir uns daheim kaum noch stritten.

„Marlies sagt, ich darf auch am Dienstag und Donnerstag zum Training kommen.“

„Aber da ist gar kein Fußball“, wandte ich ein.

„Doch, ist doch.“

Ich holte den Zettel mit den Trainingszeiten. „Montag und Mittwoch.“ Ich wies mit dem Finger auf die beiden Tage.

Jonas zeigte auf Dienstag und Donnerstag. „Ich darf in der D-Jugend mittrainieren.“

„Wird das nicht zu viel?“ So sehr ich es ihm gönnte, trotzdem musste er für die Schule lernen.

„Nein, ich will dahin.“ Er stampfte mit dem Fuß auf, drehte sich dann um und kippte den Küchenstuhl um.

„Du darfst versuchsweise hin, aber nur, solange du gute Zensuren hast. Wenn deine Arbeiten schlechter werden oder Frau Merkens mir sagt, dass du nicht gut mitarbeitest, erlaube ich es nicht mehr.“

Jonas nickte eifrig und versprach alles. Sicherheitshalber sprach ich mit Marlies.

„Ich kann deine Sorgen verstehen. Falls ich mitbekomme, dass es Probleme gibt, spreche ich mit ihm. Das Spielen ist ihm so wichtig, dass er sich ganz sicher besonders anstrengt, damit er mitmachen darf.“

Wieder einmal war ich dankbar, Marlies getroffen zu haben. Sie hatte viel mehr Einfluss auf Jonas als ich.

Fußball bestimmt seitdem unser Leben. Jonas will später Profi werden. Aber wir sind uns einig, dass er das nur darf, wenn er einen guten Schulabschluss macht.Und so strengt er sich in der Schule an und hat ein ausgezeichnetes Zeugnis nach Hause gebracht. Am schönsten ist, dass die Klagen von Lehrern und Eltern nachgelassen haben.

Am Wochenende spielt Jonas entweder selbst oder schaut bei den anderen Mannschaften zu. Ich sehe meinen Sohn daheim kaum noch. Deswegen stehe ich regelmäßig frierend auf dem Platz und lerne alles über Fußball. Ich helfe beim Kuchenverkauf und versuche auch sonst, mich erkenntlich zu zeigen. Inzwischen kenne ich die übrigen Spielereltern. Es tut mir gut, zu erkennen, dass Jonas von seinen Kameraden akzeptiert wird. Endlich haben wir ein Zuhause gefunden.

 

 

Ich bin doch nicht lebensmüde

Vorigen Freitag feierte Birte eine Party, zu der sie mich eingeladen hatte. Eigentlich wollten Stefan und Ulli mich im Auto mitnehmen, aber im letzten Augenblick ließen sie mich im Stich. Sie hatten zwischenzeitlich eine bessere Einladung erhalten. Schöne Freunde! So hing ich mutterseelenallein auf der Feier herum. Wie bestellt und nicht abgeholt. Die anderen Gäste kannten sich alle und wirkten so unnahbar. Glücklicherweise kam kurz nach mir eine weitere graue Maus, die sich ebenfalls nicht an die Fremden herantraute. Ich sprang über meinen Schatten und sprach sie an.

Sophie, so hieß sie, war froh, sich mit jemand unterhalten zu können und taute schnell auf. Richtig witzig war sie. Wir nahmen die anderen aufs Korn und amüsierten uns köstlich. Von unserem Gelächter fühlten sich schnell einige angezogen, so dass sich im Laufe des Abends ein größerer Kreis um uns bildete. So lustig war bisher keine Party für mich gewesen.

Trotzdem wollte ich eigentlich früh gehen, weil ich den letzten Anschlussbus noch erwischen wollte. Doch gerade, als ich aufbrechen wollte, erschien er in der Tür. Das Herz blieb mir fast stehen, ich hatte nicht geglaubt, dass es den Mann meiner Träume tatsächlich gab. Er war athletisch gebaut, hatte brünette Locken und dabei strahlend blaue Augen. Er sah einfach vollkommen aus. Rasch überlegte ich, dass ich einen Zug später fahren könnte, wenn ich statt des Busses eine Taxe nehmen würde. Das würde zwar ein empfindliches Loch in mein Budget reißen, aber so eine Gelegenheit würde ich nie wieder erhalten. Als mir bewusst wurde, dass ich den Traummann schon eine ganze Weile anstarrte, wandte ich den Blick errötend ab. Ich machte mir keine große Hoffnung, dass er mich bemerken würde. So, wie er aussah, könnte er sich bestimmt jedes Mädchen aussuchen. Ich sehe dagegen eher durchschnittlich aus mit den mittelblonden, dünnen Haaren und den grauen Augen. Außerdem falle ich nicht auf, da ich so klein und schüchtern bin.

Gerade als ich endgültig gehen musste, kam Birte mit dem Fremden auf mich zu.

„Heike, du kannst noch bleiben. Kai nimmt dich mit, falls du willst. Er fährt nämlich in deine Richtung“, schlug sie vor.

„Ich freue mich, wenn ich dich nach Hause bringen kann. Dann habe ich Gesellschaft. Allein ist das Fahren doch langweilig“, fügte Kai charmant hinzu. Seine blauen Augen strahlten.

Vor Aufregung konnte ich kaum sprechen, also sagte ich nur: „Ja, prima. Danke.“

Dabei hätte ich liebend gern eine geistreiche Antwort gegeben.

Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Fluge. So verliebt war ich noch nie. Wir tanzten und lachten zusammen.

Die Gruppe hatte sich verändert, unser lustiger Kreis hatte sich aufgelöst, die meisten hatten sich längst verabschiedet. Auch Sophie, allerdings hatten wir vorher die Telefonnummern getauscht. Morgen Abend wollte ich sie anrufen, obwohl ich sie im Augenblick nicht vermisste.

Kai stellte mich seinen erst jetzt gekommenen Freunden vor. An der allgemeinen Unterhaltung konnte ich mich praktisch nie beteiligen, da nur über Fußball geredet wurde. Ich hatte mich bisher nicht dafür interessiert. Deshalb nahm mir vor, das gleich am Montag zu ändern und die Sportseite der Zeitung besonders gründlich zu lesen. Birte flüsterte mir zu, dass Kai der Star des hiesigen Fußballclubs sei. Und dass er ein Angebot hätte, demnächst als Profi zu arbeiten. Und ich hatte noch nie den Namen seines Vereins gehört!

Kurz nach zwei Uhr gingen wir als Letzte. Kai führte mich zu seinem Auto, einem aufgemotzten Golf GTI. Er schlug vor, weiterzuziehen und in eine Diskothek zu gehen. Da ich aber einer Freundin versprochen hatte, ihr am Samstagmorgen ab zehn Uhr beim Umzug zu helfen, musste ich leider ablehnen. Ich würde auch so viel zu wenig Schlaf bekommen. Kai reagierte enttäuscht.

Der Wagen hätte mich warnen müssen. Kai startete mit durchdrehenden Reifen. Im Ort ging es noch. Da fuhr er nur siebzig. Und wir unterhielten uns angeregt über mein Lieblingsland Frankreich. Kaum befanden wir uns auf der Landstraße, trat Kai das Gaspedal durch. Ich staunte, wie schnell so ein kleiner Golf sein kann. Dabei wäre es mir lieber gewesen, er hätte das Auto allein auf dem Nürburgring ausgefahren.

„Fährst du immer im Tiefflug? Hast du keine Angst vor dem Dorfsheriff?“, fragte ich vorsichtig.

„Wer soll denn hier mitten in der Nacht kontrollieren? Hier sagen sich doch Fuchs und Hase gute Nacht“, lachte er und beschleunigte weiter.

Das flaue Gefühl in meinen Bauch verstärkte sich. Ängstlich krallte ich mich am Sitz fest. In einer lang gestreckten Linkskurve war ich überzeugt, dass wir herausgetragen werden. Aber ich beherrschte mich und kreischte nicht los. Darauf wartete Kai bestimmt.

Stattdessen versuchte ich, beruhigend auf ihn einzuwirken: „Fährst du stets so rasant? Ich möchte gern lebend nach Hause kommen. Sonst kann ich im Sommer nicht mehr nach Frankreich reisen. Könntest du bitte meinetwegen langsamer fahren?“

Kai reagierte nicht. Er tat so, als hätte er mich nicht gehört.

Also probierte ich es erneut, diesmal mit einem flotten Spruch: „Hast du eine Dauerüberweisung zur Polizei für die vielen Strafmandate?“

Trotzdem hatte ich keinen Erfolg.

Ich überlegte, ob er ständig so blödsinnig fahren würde, oder ob er mir nur imponieren wolle. Da war er bei mir an der Falschen. Auf Angeberei stehe ich nicht. Ich hatte nur Panik. Wenn er nicht so schnell gewesen wäre, wäre ich glatt aus dem Wagen gesprungen. Lieber im Straßengraben schlafen, als im Auto sterben.

Im nächsten Ort verlangsamte Kai die Fahrt etwas. Den Fiat, der vor uns an dem Stoppschild stand, hupte er schon von Weitem an.

„Lass den armen Kleinen, der muss noch wachsen, der kann nicht so stürmisch“, versuchte ich, ihn zu bremsen.

Kai lachte: „Du bist richtig.“

Ich konnte das Lob nicht nachvollziehen. Schließlich starb ich tausend Tode vor Angst.

Aus Sorge darüber, dass Kai die Kontrolle über den Golf verlor, hielt ich wohlweislich den Mund, um ihn nicht abzulenken. Daher verlief die Rückfahrt sehr schweigsam.

Im Wald vor uns fuhr ein Auto. Rasch näherten wir uns. Kai setzte zum Überholen an. Sah er das entgegenkommende Fahrzeug nicht? Wo kam es mitten in der Nacht her?

„Da kommt einer“, wandte ich mit belegter Stimme ein.

Aber Kai beschleunigte und zog den Wagen auf die Gegenfahrbahn. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich schloss die Augen und betete. Durch die geschlossenen Lider sah ich mehrere Lichtblitze, die Lichthupe des entgegenfahrenden Autos.

Nachdem Kai das Auto auf die rechte Seite gezogen hatte, stellte ich erstaunt fest, dass ich noch lebte. Vorsichtig öffnete ich die Augen und schaute ängstlich zurück. Der hinter uns fahrende Wagen schlingerte etwas. Zum Glück brachte der Fahrer ihn in seine Gewalt. Die beiden anderen hatten bestimmt mit Notbremsungen einen tödlichen Unfall verhindert.

Kurz darauf fuhren wir wieder in eine Ortschaft hinein, Kai verlangsamte die Fahrt.

„Du hast uns alle in Gefahr gebracht“, warf ich ihm vor.

Kai schwieg verbissen. Im Licht der Straßenlaternen konnte ich sein angespanntes Gesicht sehen. Erst jetzt bemerkte ich, wie verkrampft ich war. Langsam entspannte ich mich bewusst. So ganz klappte es nicht. Aus dem flauen Gefühl im Bauch waren starke Schmerzen geworden.

Details

Seiten
109
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933840
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505115
Schlagworte
preis leben geschichten

Autor

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Titel: Der Preis für das schöne Leben und andere Geschichten