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Privatdetektiv Tony Cantrell #54: Wer entführte Rhena Parker?

2019 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wer entführte Rhena Parker?

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Wer entführte Rhena Parker?

Privatdetektiv Tony Cantrell #54

von Earl Warren

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Owen Parker ist ein reicher, viel beschäftigter Geschäftsmann. Dass er sich deshalb wenig um seine heranwachsende Tochter Rhena kümmert, liegt nahe – besser wäre, er hätte es beizeiten getan. Denn die Siebzehnjährige ist ein wildes Partygirl und wegen verschiedener Delikte bereits polizeibekannt. Als sie entführt wird und man 1 Million Dollar Lösegeld fordert, soll Tony Cantrell, der bekannte Chicagoer Rechtsanwalt und Privatdetektiv, dafür sorgen, dass das Mädchen wohlbehalten nach Hause zurückkehrt. Die Geldübergabe gelingt, aber von Rhena fehlt jede Spur …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Rhena Parker — Ihre Entführung setzte das Todeskarussell in Bewegung.

Owen Parker — Er hatte erst Zeit für seine Tochter, als es zu spät war.

Boyd Askins — Eiskalt wollte der Killer dir große Chance wahrnehmen, aber er rechnete nicht mit dem Cantrell-Team.

Dennis MacRae — Seine Maxime war, Geld regiert die Weit.

Robert Burdick — Von Rhena Parkers Leben hielt er nicht viel, aber ihr Tod erschütterte ihn.

... und das Cantrell-Team.

 

 

1

Owen Parker öffnete ärgerlich die Augen, als das Telefon immer wieder summte. Verschlafen tastete er im Dunkeln nach dem Hörer, nahm ab und meldete sich.

„Parker.“

Sein Housekeeper meldete sich, der Mann, der für die Zwanzig-Zimmer-Villa in Arlington Heights verantwortlich war.

„Ein dringender Anruf, Mr. Parker.“

„Was, jetzt?“ Parker schaltete das Licht an. Er sah auf die Uhr. „Es ist halb drei, Burdick, um halb sieben muss ich aufstehen, und um acht Uhr beginnt die erste wichtige Konferenz. Wer ruft denn an?“

„Der Gent will seinen Namen nicht nennen. Er sagt, es wäre wegen Rhena, und es sei dringend.“

„Rhena? Verdammt noch mal, was hat sie denn jetzt schon wieder ausgefressen? Stellen Sie durch, Burdick. Moment, schalten Sie für alle Fälle das Band ein, verstanden?“

„In Ordnung, Mr. Parker.“

Ein Knacken in der Leitung. Dann eine Männerstimme.

„Owen Parker?“

„Ja. Was wollen Sie? Wissen Sie nicht, wie spät es ist, Mann?“

Ein leises Lachen.

„Und ob ich das weiß. Morgenstund hat Gold im Mund, Mr. Parker.“

„Was soll der Quatsch? Sind Sie betrunken oder was? Wenn Sie etwas von mir wollen, dann sagen Sie mir das, aber schnell und vernünftig im Klartext. Sonst lege ich auf.“

„Okay, Mr. Parker. Ich habe Ihren Goldschatz, Ihre Tochter Rhena. Machen Sie eine Million Dollar in gebrauchten Scheinen locker. Keine fortlaufenden Seriennummern. Nicht über hundert Dollar. In drei Tagen will ich das Geld, sonst springt Ihre Tochter über die Klinge. Wegen der Geldübergabe erhalten Sie noch Bescheid.“

„Augenblick, Mister. Wie geht es Rhena? Ist das Ihr Ernst, was Sie da sagen? Wenn das nur ein dummer Scherz sein soll ...“

„Halten Sie die Luft an! Das werden Sie schon merken, ob es ein dummer Scherz ist, wenn Sie nicht zahlen. Ich schicke Ihnen ein paar Gegenstände von Rhena zu. Sorgen Sie dafür, dass unter Ihrer Nummer zu Hause immer jemand zu erreichen ist. Und noch eins: Lassen Sie es sich nicht einfallen, die Polizei hinzuzuziehen. Ich mache kurzen Prozess. Das war’s für heute.“

Es klickte in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt. Owen Parker war jetzt hellwach. Er starrte auf den Telefonhörer. Seine Gedanken rasten. Rhena, seine einzige Tochter, siebzehn Jahre alt, war ein wildes Stück. Er hatte schon allerhand Ärger mit ihr gehabt.

Mit ihren siebzehn Jahren hatte sie wahrscheinlich schon mehr erlebt als manche andere Frau von fünfunddreißig oder vierzig. Besonders in sexueller Hinsicht. Aber sie war Owen Parkers einziges Kind, und er hing an ihr.

Rhena war seit Freitagabend nicht nach Hause gekommen. Jetzt war es Montagmorgen, 2.35 Uhr. Bisher hatte Owen Parker sich keine Sorgen gemacht. Rhena war schon öfter ein paar Tage nicht nach Hause gekommen.

Owen Parker war plötzlich davon überzeugt, dass es sich bei dem Anruf um keinen dummen Scherz handelte.

Er überlegte einen Moment, ob Rhena vielleicht mit dem Entführer gemeinsame Sache machte.

Aber er verwarf den Gedanken gleich wieder. So etwas hatte Rhena nicht nötig. Sie bekam von ihm ohnehin alles, was sie wollte. Und sie würde einmal das ganze Parker Vermögen erben. Die beiden Fabriken für medizinische Geräte. Die Aktien, die Grundstücke und das Barvermögen.

Für einen Entführer war Rhena Parker ein Goldfisch. Owen Parker stand auf. Zuerst nahm er eine Beruhigungspille, dann eine Herzkapsel. Er verließ das große, luxuriös eingerichtete Schlafzimmer und rief vom Salon aus im Anbau an.

Dort hatte Robert Burdick, der Housekeeper, seine Wohnung. Parker stellte die Telefongespräche zu Burdick um, wenn er abends nicht mehr gestört werden wollte.

Der Housekeeper meldete sich.

„Bringen Sie mir sofort das Tonband, auf dem dieser Anruf aufgezeichnet wurde, Robert“, sagte er. Er lauschte in den Hörer. „Stellen Sie jetzt keine Fragen, wir reden gleich über die Sache.“

Parker legte auf. Er ging nervös im Zimmer auf und ab, während er auf Robert Burdick wartete. Obwohl der Arzt es ihm verboten hatte, steckte er sich eine Zigarette an. Er nahm sein Notizbuch aus der Schublade des Louis-Quinze-Schreibtisches, der ihn ein kleines Vermögen gekostet hatte, und durchblätterte es.

Ein Bekannter hatte ihm den Tipp gegeben, an wen er sich wenden konnte, wenn es einmal um eine Sache ging, die zu delikat für die Polizei war. Da gab es einen sehr tüchtigen Privatdetektiv, der über ein gut eingespieltes Team verfügte und schon große Erfolge erzielt hatte.

Jetzt fiel der Name Parker wieder ein.

Tony Cantrell.

Nun hatte Parker auch die Adresse. Tony Cantrell, Chicago, Western Springs, Clinton. Street. Telefonnummer und sogar Fernschreiberanschluss standen dabei. Die Polizei wollte Parker nicht einschalten.

Er traute ihr nicht allzu viel zu, und das Leben seiner Tochter war ihm zu kostbar. Er wollte sich an Tony Cantrell wenden.

 

 

2

Tony Cantrell kreuzte kurz nach 7.00 Uhr morgens bei Owen Parkers Luxusvilla in Arlington Heights auf. Cantrell lebte in seinem Bungalow schon nicht schlecht. Aber Parkers Villa hatte bestimmt noch eine schöne Stange Geld mehr gekostet. Es war ein Protz- und Pompgebäude, um das Cantrell den Besitzer nicht beneidete.

Er hielt vor dem schmiedeeisernen Einfahrttor und meldete sich über die Sprechanlage an. Das Tor öffnete sich, und wenige Sekunden später hielt Cantrell vor der Villa.

Ein großer Mann, den Cantrell auf fünfzig Jahre schätzte, stand auf den Treppenstufen. Er trug einen Geschäftsanzug. Man sah ihm an, dass er zu einem teuren Friseur und Coiffeur ging, einen Gesichtskosmetiker zu Rate zog und sich wohl auch regelmäßig massieren ließ.

Vielleicht betrieb er auch ab und zu eine nicht allzu anstrengende Prominentensportart wie Reiten oder Golf. Trotzdem war sein Körper außer Form geraten, er setzte Fett an.

Cantrell stieg aus dem Chevrolet Chevelle Malibu, ein großer, schlanker, durchtrainierter Mann in den Dreißigern, leger gekleidet. Federnd und elastisch lief er die Stufen hoch.

„Mr. Cantrell, ich bin Owen Parker. Ich danke Ihnen, dass Sie gleich gekommen sind. Kommen Sie in mein Arbeitszimmer, damit wir über die Sache reden können.“

Cantrell folgte Parker, der bleich und übernächtigt aussah und einen nervösen Eindruck machte, ins Haus. Es war sehr teuer und luxuriös eingerichtet. Das Arbeitszimmer erreichte man durch ein Vorzimmer.

Owen Parker war Antiquitätenliebhaber. In seinem Arbeitszimmer standen alte Stücke, die eine Menge Geld gekostet hatten. Cantrell verstand ein wenig von Antiquitäten, seit er beruflich einmal damit zu tun gehabt hatte.

Er war hinter einem Mann her gewesen, der gefälschte Antiquitäten verkaufte und auch vor Mord nicht zurückschreckte, als seine Geschäfte aufzufliegen drohten.

Cantrell sah, dass die Sitzgruppe, die einen Eckplatz in Parkers Zimmer einnahm, gewiss nicht aus dem 18. Jahrhundert stammte. Aber es war nicht Cantrells Sache, das Parker zu sagen.

Ein kleiner, älterer Mann mit einer Sportmütze kam nun. Er hatte wache blaue Augen und Lachfältchen um den Mund. Parker stellte ihn als Robert Burdick vor. Burdick war sein Housekeeper, Wirtschafter, Butler und Hausmeister in einer Person.

Draußen wogten noch die Oktobernebel.

Die drei Männer nahmen am Kamin in dem riesigen Arbeitszimmer Platz. Owen Parker spielte Cantrell mit der Anlage auf seinem Schreibtisch das Band mit dem Anruf des Erpressers vor.

„Sie sollten sich an die Polizei wenden“, sagte Cantrell, als die Aufnahme abgelaufen war.

„Nein, auf keinen Fall. Dadurch würde das Leben meiner Tochter gefährdet. Ihnen traue ich genug Fingerspitzengefühl und Cleverness zu, um das zu vermeiden, Mr. Cantrell. Der Metropolitan Police nicht.“

Cantrell sprach von der Tüchtigkeit des Capital Crime Departments. Er sagte, dass Lieutenant Rollins, dessen Leiter, sein persönlicher Freund war. Aber er konnte Owen Parker nicht überzeugen.

„Die Polizei bleibt aus dem Spiel“, beharrte der. „Entweder bearbeiten Sie den Fall, Mr. Cantrell, oder ich wende mich an eine andere Detektei. Sie haben mir versprochen, Stillschweigen zu bewahren.“

Cantrell übernahm den Fall. Er war bereits entschlossen, Lieutenant Rollins zu informieren und zumindest in beschränktem Maße mit ihm zusammenzuarbeiten. Er konnte die Situation besser einschätzen als Owen Parker, dem die Sorge um seine Tochter zusetzte.

Cantrell erhielt zwei Fotos von Rhena Parker. Eines zeigte ein blondes, gut gewachsenes Mädchen mit einem Bikini am Strand. Auf dem anderen sah man Rhena Parker mit Midikleid und Bluse an einem flotten Sportflitzer lehnen.

„Wem gehört der Wagen?“, fragte Cantrell.

„Einem von Rhenas zahlreichen Freunden“, antwortete der Millionär Owen Parker. „Den Namen weiß ich wirklich nicht. Rhena hat einen großen Bekanntenkreis. Da tauchen ständig neue Gesichter auf.“

„Zum zurückhaltenden Typ scheint Rhena nicht gerade zu gehören. Erzählen Sie mir mehr, Mr. Parker. Über Rhenas Freunde, Freundinnen und Hobbys. Über ihre Bekannten, wo sie vorzugsweise verkehrte. Eben alles, damit ich mir ein Bild von ihr machen kann.“

Cantrell konnte sich bald ein Bild machen. Rhena Parker war gerade von einem College geflogen dem sechsten innerhalb von knapp zwei Jahren und Owen Parker hatte das nächste noch nicht gefunden, das bereit war, sie aufzunehmen. Parker äußerte sich sehr zurückhaltend.

Er wusste auch nichts Genaues über den Umgang seiner Tochter. Obwohl das, was er wusste, ihm schon genug Kopfzerbrechen bereitet hatte.

„Ich habe mit meinen Geschäften zu tun“, sagte er entschuldigend. „Die Parker Medical Technical Apparatus Company ist Ihnen vielleicht ein Begriff, Mr. Cantrell. Wir stellen medizinisch-technische Geräte her, Herzschrittmacher, Herz-Lungen-Maschinen, Elektrokardiographien und dergleichen.“

„Deswegen bin ich nicht hier, Mr. Parker.“

„Natürlich, natürlich. Rhena war vielleicht ein wenig leichtsinnig und ungezügelt, aber beileibe nicht schlecht. Junge Mädchen haben bisweilen eine solche Phase. Das gibt sich aber wieder. Zum Teufel, was ist schon dabei, wir leben schließlich nicht im Zeitalter des Puritanismus. Und wir sind auch keine Heiligen, Mr. Cantrell, oder?“

Cantrell lächelte ein wenig.

„Ich bin kein Moralapostel, Mr. Parker. Wenn Rhena entführt worden ist, spielt es keine Rolle, ob sie wie eine Nonne oder wie ein Playgirl lebte. Ich frage auch nicht aus Neugierde. Aber wenn Rhena einen großen Bekanntenkreis hatte und mit Männerbekanntschaften, nun, nicht eben wählerisch war, dann liegt es doch nahe, dass sie vielleicht an einen Gangster geraten ist. Einen Kerl, mit dem sie sich einließ und der sie entführte, als er merkte, welchen Goldfisch er da an der Angel hatte. Mit dieser Möglichkeit müssen wir uns befassen.“

Owen Parker schüttelte es nun doch, als er sich seine Tochter als Gangsterliebchen vorstellte. Er trat an den antiken Sekretär und schenkte sich einen doppelten Whisky ein, Marke Chivas Regal.

Er kippte ihn auf einen Zug. Nun bot er auch Cantrell einen Drink an, aber der lehnte ab.

„Danke, so früh am Morgen nicht.“ Parker zündete sich nervös eine Zigarette an, die dritte während dieses Gespräches. Cantrell wollte jetzt Namen von Rhenas Freunden und Bekannten wissen und Adressen.

Parker konnte ihm nur ein halbes Dutzend nennen. Vornamen wie Boyd, Floyd oder Buzzie und die Angabe, dass da ein langhaariger langer Blonder mit einem Chevrolet Camaro gewesen sei, der immer eine Sonnenbrille getragen habe, halfen Cantrell nicht weiter.

„Ich bin viel unterwegs“, sagte Parker. „Und wenn ich in Chicago bin, halte ich mich die meiste Zeit in der Firma auf. Zu Hause habe ich auch andere Dinge zu tun, als auf die Leute zu achten, die meine Tochter abholen oder zu ihr kommen. Ihre Partys und Feten hat Rhena sowieso außerhalb gefeiert.“

„Verständlich, Mr. Parker.“

Cantrell hatte sich ein paar Notizen gemacht.

„Vielleicht kann Ihnen Robert Burdick mehr sagen“, meinte Parker, der im Zimmer auf und ab ging.

Robert Burdick, der Housekeeper, war in den Fall eingeweiht. Parker hätte vor ihm ohnehin nicht verbergen können, was vorging. Burdick sollte die Telefonwache übernehmen und alle Anrufe des Erpressers auf Band aufnehmen.

Cantrell verzichtete darauf, einen seiner Mitarbeiter für diese Sache abzustellen. Erstens hatten Morton Philby und Jack O’Reilly Besseres zu tun. Zweitens war nicht auszuschließen, dass der oder die Kidnapper vielleicht einen Kontaktmann in Owen Parkers Villa hatten. Mit Personal, Gärtner, Chauffeur, Privatsekretärin und zwei Schreibkräften beschäftigte er zu Hause ein Dutzend Leute.

Ein neues Gesicht wäre aufgefallen.

„Ich werde sehen, was ich machen kann“, sagte Cantrell. „Ich werde Rhenas Freunden und Bekannten mal auf den Zahn fühlen.“

„Seien Sie nur vorsichtig!“, verlangte Owen Parker. „Niemand darf wissen, dass ich Sie eingeschaltet habe. Mit welcher Begründung wollen Sie denn nach Rhena fragen?“

„Ist Rhena schon einmal in den Polizeiakten erschienen? Hatte sie vielleicht mal etwas mit dem Jugendamt zu tun?“

Owen Parker war unangenehm berührt.

„Und ob es da schon etwas gab. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte Rhena ständig Ärger. Natürlich ist sie immer von anderen mit hineingezogen worden.“

Cantrell widersprach dem nicht. Wenn Parker das glauben wollte, sollte er.

„Rhena wurde zweimal beim Fahren ohne Führerschein erwischt, einmal betrunken nach einem von ihr verursachten Unfall. Dann hat man sie bei Razzien in Lokalen und Diskotheken geschnappt, nach der Polizeistunde, nach der Minderjährige dort nichts mehr zu suchen haben. Einmal hat sie öffentliches Ärgernis erregt, weil sie mit einer ganzen Clique am helllichten Tag nackt in einem Springbrunnen badete, im Starved Park war das. Und natürlich alle high. Zweimal hatte Rhena wegen Haschischrauchens Ärger und einmal, weil sie LSD in der Tasche hatte. Wegen des Unfalls hat sie drei Wochen Jugendstrafe abgesessen. Sonst habe ich immer alles mit viel Geld und guten Worten hinbiegen können.“

„Mit Geld? Mit Bestechung?“

„Fragen Sie mich nicht so genau, wie das gelaufen ist. Ich habe erstklassige Anwälte beauftragt, und sie haben Rhena herausgepaukt.“

„Wenn es so war, muss Rhena doch vom Jugendamt beaufsichtigt worden sein.“

„Wurde sie auch. Aber wissen Sie, wie viel das Jugendamt in Chicago zu tun hat, Mr. Cantrell? Ich war zwei- oder dreimal dort und spendete ab und zu, wenn wieder mal etwas mit Rhena gelaufen war, eine runde Summe für irgendwelche Heime und Institutionen. Rhena hatte eine Fürsorgerin zugeteilt bekommen, die auch ein paarmal hier war und mir mit dummen Redensarten auf die Nerven ging. Celia Wesson heißt sie, eine alte Krähe. Die Adresse habe ich irgendwo.“

„Geben Sie mir die bitte, Mr. Parker. Nun, jetzt ist die Sache einfach. Ich werde angeben, dass ich ein Mitarbeiter des Jugendamtes bin und Rhenas Lebenswandel überprüfen soll. Ich werde sagen, die Behörde überprüft, ob Rhena nicht in eine Erziehungsanstalt eingewiesen werden soll. Sie ist erst siebzehn, und bis zum zwanzigsten Geburtstag kann Fürsorgeerziehung angeordnet werden.“

„Ich bitte Sie, Mr. Cantrell. Rhena ist eine Millionenerbin.“

„Na und? Vor dem Gesetz sind alle gleich. Und wer hat schon Einblick in die unerforschlichen Wege der Behörden und Ämter?“

Parker überlegte.

„Warum nicht?“, meinte er schließlich. „Ermittlungen könnten schließlich laufen. Die Wesson, diese alte Krähe, hat Haare auf den Zähnen. Der würde es sogar ähnlich sehen, so etwas anzuordnen. Aber sind Sie nicht ein ziemlich bekannter Mann in Chicago, Mr. Cantrell?“

„So bekannt auch wieder nicht. Ein gewisses Risiko müssen wir eingehen. Außerdem laufe ich meist mit einer dunklen Brille herum, weil meine Augen nach einem Säureattentat sehr empfindlich geworden sind. Wenn ich die dunkle Brille weglasse und stattdessen Haftschalen nehme, macht das schon etwas aus. Und wenn ich sehe, dass ich auf Profis stoße, denen ich bekannt sein könnte, werde ich jemand anders einschalten.“

Owen Parker war einverstanden. Er suchte nach der Adresse der Jugendfürsorgerin Celia Wesson. Robert Burdick, der kleine Mann, der bisher die ganze Zeit geschwiegen hatte, blinzelte Cantrell zu.

„Ich habe Ihnen dann noch etwas zu sagen, Mr. Cantrell. Unter vier Augen?“

„Weshalb soll ich das denn nicht hören?“, blaffte Parker.

„Rhena ist Ihre Tochter, Mr. Parker. Ich möchte offen mit Mr. Cantrell reden und Sie nicht vor den Kopf stoßen.“

„Hm, hm. Na ja, von mir aus“, brummte Parker.

Er dachte sich, dass vielleicht Dinge zur Sprache kämen, von denen es besser war, dass er sie nicht erfuhr. Cantrell bekam Celia Wessons Anschrift und ging mit Robert Burdick hinaus.

Es war mittlerweile nach acht Uhr geworden. Die ersten von Parkers Hausangestellten kamen. Außer Robert Burdick, dem Gärtner und dessen Frau wohnte niemand von ihnen in der Villa. Die beiden Männer gingen ein Stück abseits, in den parkähnlichen Garten, der die Villa umgab.

Die Luft war kühl und frisch. Hier merkte man nichts vom Großstadtsmog Chicagos.

„Was wollten Sie mir sagen, Mr. Burdick?“, fragte Cantrell.

„Ich glaube nicht, dass Rhena Parker viel taugt“, sagte der kleine Mann mit der Sportmütze. „Ihr Vater will es natürlich nicht wahrhaben. Mit ihren siebzehn Jahren ist sie ein richtiges Flittchen, rotzfrech, völlig verzogen und so scharf wie ein Rasiermesser. Owen Parker ist viel mit daran schuld, denn er hat ihr immer alles durchgehen lassen und sich nie viel um sie gekümmert. Wenn das meine Tochter wäre, hätte sie mehr Schläge erhalten als Kartoffeln.“

„Es ist aber nicht Ihre Tochter“, sagte Cantrell, „sondern die Ihres Arbeitgebers. War das alles, was Sie mir sagen wollten?“

„Nein, keineswegs. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Der alte Burdick kann die Kleine nicht leiden und macht einen auf moralische Entrüstung. Es gibt ja mehr als genug Leute, die sich über die Jugend aufregen und dabei ganz vergessen, dass sie selbst auch einmal jung gewesen sind. Aber warten Sie nur ab, bis Sie mehr über Rhena Parker erfahren oder sie sogar persönlich kennenlernen.“

Cantrell sagte nichts. Auch Burdick schwieg eine Weile.

„Sehen Sie sich mal Ezzard White an“, sagte er dann. „Ein Mulatte; hat im letzten Jahr die Illinois-Meisterschaft im Mittelgewicht gewonnen. Ein übler Kunde. Soviel ich weiß, ist er auch vorbestraft. Mit ihm hat sich Rhena Parker in der letzten Zeit herumgetrieben.“

„Woher wissen Sie das, und woher kennen Sie Ezzard White?“

„Ich weiß eine Menge, Mister. Ich könnte Ihnen Dinge erzählen, Dinge ... Aber das gehört jetzt nicht hierher. Ezzard White war ein paarmal hier, vorzugsweise dann, wenn Owen Parker nicht da war. Mein Neffe, der auch Amateurboxer ist, hat ihn mal hier gesehen, als er mich besuchte, und mir von ihm erzählt. Sie werden Ezzard White sicher ausfindig machen können, Mr. Cantrell.“ Dann sagte Burdick noch etwas, das Cantrell aufhorchten ließ.

„Er hat Rhena Parker übrigens auch am Freitagabend abgeholt.“

 

 

3

Cantrell hatte mit Owen Parker vereinbart, ihn am Nachmittag in seiner Firma anzurufen und einen ersten Lagebericht zu geben. Parker war sich noch nicht schlüssig, ob er die Million Dollar Lösegeld aufbringen sollte oder nicht. Er hing an seiner Tochter, aber er war auch sehr geldgierig.

Cantrell rief übers Autotelefon das Police Headquarters an, die Durchwahl von Lieutenant Rollins. Er sprach mit Harry Rollins über die Sache, ohne vorerst Namen zu nennen.

„Das ist ein verdammt heißes Eisen, Tony“, sagte Harry Rollins. „Du willst wirklich, dass wir uns die erste Zeit heraushalten?“

„Nicht ich will das, sondern mein Auftraggeber. Wir bleiben in Verbindung, Harry, ich halte dich auf dem Laufenden. Vorerst kann ich allein arbeiten. Wenn es nötig wird, schalte ich dich sofort ein.“

Rollins überlegte eine Weile. „Also gut, Tony. Bei einem anderen täte ich das nicht. Ich nehme an, du hast mich nicht nur angerufen, um mit mir zu plaudern, oder?“

„Du hast es erfasst, Harry. Ich brauche von dir eine Auskunft. Die kompletten Daten über einen gewissen Ezzard White, Mittelgewichtsboxer, Mulatte, letztes Jahr Gewinner der Illinois-Meisterschaft, vorbestraft.“

„Brauchst du die Daten sofort oder darf es gleich sein?“, flachste Rollins. „Wie bist du zu erreichen, Tony?“

„Übers Autotelefon meines Chevrolets.“ Cantrell nannte die Nummer. „Rufst du mich zurück?“

„In spätestens zehn Minuten.“ Cantrell legte auf, steckte sich eine Zigarette an und wartete. Er war ein paar Straßen weiter gefahren. Er dachte nun über den Fall nach. Eine Kidnappingsache war immer brisant. Aber es war nicht das erste Mal, dass er mit so etwas zu tun hatte.

Cantrell hatte die Zigarette dreiviertel geraucht, als das Autotelefon summte. Er nahm ab. Es war Rollins. Zwei Minuten später hatte Cantrell alle Angaben über Ezzard Hutton White, zweiundzwanzig Jahre alt, wegen Bandenverbrechens und Körperverletzung vorbestraft.

Der Mulatte war in einem Chicagoer Slum aufgewachsen, und seine Umgebung hatte auf ihn abgefärbt. Die Körperverletzung hatte er übrigens nicht mit seinen Fäusten begangen, sondern mit dem Wagen.

Er war rücksichtslos gefahren und hatte einen Fußgänger verletzt. White arbeitete als Automechaniker in einer Werkstätte in der Nähe des Midway Airports.

Cantrell hatte vor, ihm gleich einen Besuch abzustatten. Wenn White nicht zur Arbeit erschienen war, erregte das schön eine Menge Verdacht.

 

 

4

Die Werkstätte hieß „Smitty’s Car Service“. Es handelte sich um einen Gebrauchtwagenhandel. Auf einem Eckgrundstück in einer schäbigen Gegend, über die dauernd startende und landende Flugzeuge hinwegdonnerten, standen mehr als zwei Dutzend Wagen, die Käufer finden sollten.

Im Hintergrund standen Unfallwagen und alte, schäbige Karren. Aus jeweils dreien oder vieren davon bastelten Smitty’s Leute einen neuen Wagen zusammen. Da wurde geschweißt und gehämmert, gespachtelt und lackiert, da wurden Motoren zusammengeflickt, dass sie die Probefahrt überstanden und mit viel Glück noch ein paar Meilen hielten.

Jeder Schrotthändler hätte sich beim Anblick eines solchen Wagens die Hände gerieben. Aber anscheinend gab es Leute, die Smitty’s Erzeugnisse kauften.

Neben der Werkstatt stand eine Baracke. Hier fand Cantrell Smitty, der die Füße auf dem Tisch hatte und gerade seiner schwarzhaarigen Sekretärin den Hintern tätschelte. Als er Cantrell sah, sprang er auf und grinste freundlich.

„Guten Morgen, guten Morgen. Sie wollen einen Wagen kaufen?“

Smitty trug einen blauen, blitzsauberen Kittel, war Mitte dreißig, blond und so glatt wie ein Aal. Die schwarzhaarige Schreibkraft setzte sich hinter eine alte Maschine und hackte mit zwei Fingern darauf herum.

„Ich habe bereits einen Wagen“, sagte Cantrell. „Ich bin hier, um mit Ezzard White zu sprechen. Ist er da?“ Smitty war gleich weniger freundlich, als er sah, dass er kein Geschäft machen konnte.

„Was wollen Sie denn von ihm?“

„Etwas Wichtiges.“

„Hören Sie, Mister, das müssen Sie mir schon genauer sagen. Jetzt ist Arbeitszeit, und ich zahle Stundenlohn. Da könnte jeder kommen und die Leute von der Arbeit abhalten.“

„Ich bin nicht jeder. Ich komme von einer Behörde und bin dienstlich hier. Also, was ist nun? Ist White da oder nicht?“

Bei Behörden war Smitty vorsichtig.

„Hat White was ausgefressen?“, erkundigte er sich.

„Kommt drauf an. Ist er nun da oder nicht? Ich will nicht drängeln, Mister, aber ich habe gute Verbindungen in der City Hall. Auch zum Gewerbeaufsichtsamt und zu anderen Stellen.“

„Ja, ja, White ist da. Natürlich können Sie mit ihm sprechen. In meinem Betrieb ist alles in Ordnung, von der Buchführung angefangen bis zum Betriebszustand der Wagen, die meine Werkstätte verlassen.“

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Cantrell gallig.

Smitty drückte einen Klingelknopf, und es bimmelte schrill. Eine Klappe öffnete sich, und ein Mechaniker schaute in den Büroraum.

„Was ist denn los, Chef?“

Hier ist einer, der Ezz White sprechen will. Er soll mal rüberkommen.“

„Ich rede draußen mit ihm“, sagte Cantrell und ging hinaus.

Aus der Tür der Werkstatt kam ein großer, schlanker Mulatte, der sich die Hände mit einem Ballen Putzwolle abwischte. Er schaute Cantrell an, der recht elegant gekleidet war und dem man es anmerkte, das er kein Durchschnittstyp von der Straße war.

„Ist was?“, fragte White gleich aggressiv.

„Ich bin wegen Rhena Parker hier“, sagte Cantrell und zog ihn auf das Abstellgelände. „Du bist mit ihr befreundet, White?“

Cantrell wusste, wie er Ezzard White zu nehmen hatte. Der Mulatte trug einen ölverschmierten Mechanikeranzug.

„Na und?“, fragte er und fischte ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. „Was geht das denn dich an, wen ich bumse? Was bist du denn überhaupt für einer?“

„Einer, der hier die Fragen stellt.“ Cantrell legte sich nicht fest. „Du warst am Freitagabend mit Rhena weg. Wie lange? Hast du sie nach Hause gebracht, ist sie sonst irgendwo geblieben oder was?“

„Soll das vielleicht ein Verhör sein?“

„Vielleicht. Also, Ezzard, willst du jetzt reden, oder magst du vielleicht lieber der Polizei dein Sprüchlein erzählen? Es ist hier draußen nicht gerade gemütlich, und ich habe nicht viel Zeit.“

Der Mulatte nahm die Zigarette aus dem Mund, die er gerade angezündet hatte.

„Polizei? Moment mal. Ist etwas mit Rhena? Hören Sie, Mister, Sie überfahren mich da einfach. Sagen Sie mir zuerst mal, worum es geht und wer Sie überhaupt sind.“

„Ich arbeite für das Jugendamt“, sagte Cantrell und ließ so schnell seine Privatdetektivlizenz sehen, dass Ezzard White unmöglich etwas Genaues erkennen konnte. „Ich gehöre zum Ermittlungsdienst. Wir haben einen bestimmten Grund, uns für Rhena Parker zu interessieren. Glaub jetzt nur nicht, dass es sich nur um ein Späßchen handelt. Rhena Parker hat gegen ihre Auflagen verstoßen, sie steht nämlich unter Aufsicht. Außerdem habe ich einen Tipp bekommen, nach dem sie an einer Sache beteiligt sein soll, für die sich das Capital Crime Department interessiert. Da du ihr Freund bist, wird man dir wohl auch auf den Zahn fühlen.“

„Capital Crime Department?“ Jetzt wurde Ezzard White nervös. „Ich habe nichts getan, Mister. Meine Weste ist sauber.“

„Um dich geht es auch nicht, Ezzard. Noch nicht. Aber vielleicht redest du lieber auf einem Polizeirevier?“

Cantrell bluffte eiskalt. Gegen ihn war Ezzard White ein Anfänger, ein Frischling.

„Na gut“, sagte White. „Ich rede. Wenn da irgendetwas läuft, habe ich jedenfalls nichts damit zu tun. Dass Rhena ein krummes Ding macht, kann ich mir nicht vorstellen. Das hat sie nicht nötig. Ihr Alter hat ein paar Millionen im Sack.“

„Es hat schon Leute gegeben, die haben aus Langeweile und allen möglichen Gründen Morde begangen. Aber sprich dich jetzt endlich aus. Also, was war am Freitagabend?“

„Nicht viel. Ich holte Rhena ab, und wir fuhren ins 'White Horse' in der 79th Street. Rhena war den ganzen Abend sehr schnippisch. Um halb zwölf, als ich dann mit ihr auf meine Bude gehen wollte, bekamen wir Streit. Sie schüttete mir ein Glas ins Gesicht, und ich knallte ihr eine. Dann ist sie abgehauen. Ehrlich, Mister, mehr weiß ich nicht. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.“

„Wie lange habt ihr euch gekannt?“

„Drei Wochen. Ich traf Rhena bei einer wüsten Fete in der Downtown. Sie war mit einer ganzen Clique da. Offenbar hat ihr jemand was gesteckt, dass ich Boxer bin und so, denn sie flog sofort auf mich. Das ist eine mächtig wilde Hummel, diese Rhena, das kann ich Ihnen sagen, Mr. Jugendamt. Und ich weiß, wovon ich rede.“

„Wer kann denn bestätigen, dass du mit Rhena Streit bekommen hast und dass sie davongelaufen ist?“

„Na, jeder, der dabei war. Ich war nachher noch bis zwei Uhr dort. Maxwell, der Barkeeper, hat alles mit angesehen. Und Corinne, eine von den Bedienungen. Und eine Menge von den Typen, die immer dort rumhängen.“

„Das genügt. Ich hoffe, dass du die Wahrheit gesagt hast, Ezzard, sonst wirst du noch von mir hören.“

„Soll das vielleicht eine Drohung sein?“, fragte der Mulatte. Für einen Mittelgewichtler war er ziemlich groß. „Sie haben mir da einen Haufen Quark erzählt, Mister. Jetzt bin ich mal an der Reihe, die Fragen zu stellen. Also, was ist mit Rhena? Wenn man mir was in die Schuhe schieben will, kann ich stinkungemütlich werden.“

„Niemand will dir etwas in die Schuhe schieben. Wenn das stimmt, was du gesagt hast, ist alles okay.“

„Da stimmt doch etwas nicht. Was soll die ganze Fragerei? Wo ist Rhena Parker? Was war am Freitagabend? Ist ihr etwas passiert? Reden Sie, Mann!“

„Da gibt es nichts zu reden. Geh nur wieder an deine Arbeit, Ezzard.“ Der Mulatte warf seine Zigarette weg. Er packte Cantrell am Kragen.

„Zum letzten Mal. Ich will jetzt Bescheid wissen. Nennen Sie mir Ihren Namen und zeigen Sie mir Ihren komischen Ausweis noch mal. Aber so, dass ich ihn richtig sehen kann. An Ihrer Story ist einiges oberfaul, Mister. Vielleicht sagt es Ihnen was, dass ich Mittelgewichtsmeister von Illinois bin. Wenn Sie nicht reden, werden Ihnen gleich ein paar Gesichtszüge entgleisen.“

Ezzard White war ein jähzorniger Bursche. Nachdem er seine Überraschung überwunden hatte, reagierte er aggressiv.

„Gib Ruhe, Ezzard“, sagte Cantrell, nahm die Hand, die ihn am Kragen gepackt hatte, und verdrehte sie.

Ezzard White ging ächzend in die Knie. Der Schmerz war nicht so schlimm, aber für einen Burschen wie Ezzard White Grund genug, die Fäuste fliegen zu lassen. Cantrell, der sich bei ihm als Behördenvertreter ausgegeben hatte, war für Ezzard White ein Bulle. Und auf die Bullen hatte er einen Hass.

Cantrell bekam eine schnelle Schlagkombination ab. Ezzard White war so schnell wie ein Blitz. Er hatte nicht umsonst die Meisterschaft gewonnen. Cantrell, der auch einiges vom Boxen verstand und sich fit hielt, deckte sich.

Ein wenig Blut floss ihm aus dem linken Mundwinkel. Er wusste, dass es aussichtslos war, mit White vernünftig reden zu wollen. White hatte seinen Verstand, falls er überhaupt welchen besaß, in den Fäusten.

Die Mechaniker in der Werkstatt hatten jetzt mitbekommen, dass draußen etwas Besonderes vorging. Zu dritt kamen sie aus der Werkstatt, bauten sich feixend auf und beobachteten den Kampf.

Auch Smitty schielte aus dem Fenster seiner Bürohütte, zog es aber vor, sich nicht im Freien sehen zu lassen.

Cantrell musste einen harten Haken in die Herzgegend einstecken, der seine Knie weich werden ließ. Er konterte und traf Ezzard White, dessen linke Augenbraue auf platzte.

Jetzt wurde der Mulatte erst richtig wild. Er deckte Cantrell mit einem Hagel von Schlägen ein. Cantrell taumelte zurück, gegen einen Unfallwagen. Er stemmte sich mit dem Kreuz dagegen und rammte dem heranstürmenden Ezzard White seinen Fuß entgegen.

Das war nicht die faire Boxweise. Aber Cantrell hatte keine Lust, sich von diesem wild gewordenen Boxtalent verdreschen zu lassen. Ezzard White wurde jäh gestoppt. Er wich ein paar Schritte zurück und hielt sich den Leib.

„Das wirst du büßen“, sagte er dann. „Jetzt werde ich dir mal was zeigen, Mister. Dir schlage ich die Zähne ein und zertrete dir die Rippen!“

„Vorsicht, Ezzard!“, warnte ihn Cantrell. „Sonst bekommst du es auf die harte Tour.“

Aber Ezzard hörte nicht. Cantrell kam ihm entgegen. Mit einem einfachen Fußtritt konnte er den Boxer nicht noch einmal erwischen, denn er war jetzt gewarnt. Cantrell konzentrierte sich auf den Sekundenbruchteil, in dem er blitzschnell handeln musste.

Als Ezzard White heranstürmte, wirbelte Cantrell rücklings um die eigene Achse und stieß die Fußkante mit einem Karatetritt vor. Es war eine Aktion, auf die der Mulatte nicht gefasst war. Er rannte voll in den Tritt, den auch seine trainierten Bauchmuskeln nicht aushielten.

Er keuchte und knickte zusammen. Cantrell hieb mit den Handkanten zu und schickte Ezzard White zu Boden.

Tony Cantrell, Rechtsanwalt und Privatdetektiv aus Western Springs, war kein Schläger. Aber er wusste sich seiner Haut zu wehren. Wenn es sein musste, kämpfte er hart und kompromisslos.

So wie jetzt bei Ezzard White, der halb betäubt am Boden lag und noch gar nicht richtig kapierte, dass er verloren hatte.

„Ein fairer Boxkampf war das nicht, Mister“, sagte einer der Mechaniker, ein großer krausköpfiger Bursche mit einer Menge Übergewicht auf den Rippen.

„Habe ich etwas davon gesagt, dass ich mit ihm boxen will?“, fragte Cantrell. „Euer Boxtalent hat angefangen, und was ihm passiert ist, hat er sich selbst zuzuschreiben.“

Cantrell richtete seine Kleider und ging zum Wagen.

 

 

5

Ezzard Whites Geschichte stimmte. Er hatte sich mit Rhena Parker gestritten, und sie war davongelaufen. Nachdem sie um half zwölf das „White Horse“ verlassen hatte, war sie spurlos verschwunden.

Konnte es sein, dass Ezzard White doch mit dem oder den Kidnappern zusammenarbeitete? Hatte er den Streit mit Rhena Parker provoziert und sie geohrfeigt, weil er wusste, dass sie dann weglaufen würde?

Oder war Rhena Parker nach dem Streit irgendwo anders hingegangen oder hingefahren und dann von dort entführt worden? Cantrell wollte noch einen Versuch in ihrem Bekanntenkreis machen. Er durfte seine Nachforschungen nicht zu intensiv betreiben, sonst erregte er Verdacht.

Die erfolgversprechendste Methode wäre gewesen, Rhena Parkers Bild im Fernsehen und in den Zeitungen zu bringen und die Bevölkerung zu fragen, wer dieses Mädchen gesehen hatte. Und die Tonbandaufnahme mit der Stimme des Entführers abzuspielen. Aber das konnte man nicht tun, solange Rhena Parker sich in den Händen der Kidnapper befand.

Wenn Ezzard White tatsächlich mit der Entführung zu tun hatte, war Cantrells Besuch bei ihm schon hochbrisant.

Der Anwalt studierte seine Notizen, die er bei Owen Parker gemacht hatte. Zwei Namen standen oben auf der Liste. Percy MacRae und Stephen Maxwell. Beide waren Millionärssöhne, und beide gehörten zu Rhena Parkers Freundeskreis.

Owen Parker kannte ihre Väter. Mit Frank Maxwell hatte er geschäftlich zu tun. Er bezog elektronische Bauteile für seine medizinisch technischen Geräte von ihm. Dennis MacRae, der Vater Percys, war Immobilienmakler, hatte Parker Cantrell gesagt.

Cantrell überlegte und entschloss sich dann, Percy MacRae aufzusuchen. MacRae wohnte in Wheaton, dem westlichsten Vorort von Chicago. Cantrell rief zunächst an. Er wurde mit Mrs. MacRae verbunden. Als sie hörte, dass er ein Beamter des Jugendamtes sei, teilte sie ihm leicht amüsiert mit, dass Percy gegen 14.00 Uhr nach Hause kommen werde.

Cantrell meldete sich für diese Zeit an. Seinen Namen gab er mit Richards an.

Bis 14.00 Uhr hatte Cantrell eine Menge Zeit. Er fuhr zum Police Headquarters in der S. State Street, um mit Lieutenant Rollins zu sprechen. Rollins sollte das Band mit der Aufnahme der Entführerstimme und ein Bild der verschwundenen Rhena Parker bekommen.

Um die Mittagszeit wollte Cantrell Owen Parker in seiner Firma anrufen. So fertig und mitgenommen Parker auch war, seine Geschäfte ließ er nicht im Stich.

Cantrell rief Owen Parker von Lieutenant Rollins’ Büro aus an. Parker hatte natürlich keine Ahnung, von wo Cantrell telefonierte. Er redete eine Menge, hatte aber nichts Wesentliches zu sagen. Die Entführer hatten sich nicht wieder gemeldet.

Owen Parker wollte am Abend im Cantrell-Bungalow in Western Springs anrufen, falls sich vorher nichts ereignete. Er war am Telefon sehr nervös und verhaspelte sich dauernd.

Rollins hatte schon einiges in die Wege geleitet. Die Telefonanschlüsse von Owen Parkers Villa wurden per Fangschaltung überwacht. Robert Brandon, Rollins’ Assistent, war auf den Fall Rhena Parker angesetzt.

Er konnte sofort eine Großaktion der Metropolitan Police starten, wenn es erforderlich wurde. Von der Aktivität des Capital Crime Departments durfte natürlich nichts bekannt werden. Die Aufnahmen Rhena Parkers wurden im Fotolabor kopiert und vervielfältigt.

Cantrell aß mit Rollins und Brandon in der Polizeikantine zu Mittag. Er kaute an einem ziemlich zähen Stuck Fleisch herum, dem Rollins den Namen Gehaltserhöhungssteak gegeben hatte. Bis die Polizeigehälter aufgestockt wurden, um die steigenden Preise auszugleichen, war es auch immer eine zähe und langwierige Sache.

„Glücklich bin ich über die Lösung nicht, als Mann vom Jugendamt aufzutreten“, sagte Cantrell. „Aber anders könnte ich überhaupt nicht ermitteln, ohne Rhena Parker in Gefahr zu bringen.“

„Glaubst du denn, du kannst etwas herausfinden, Tony?“, fragte Rollins.

„Das weiß ich nicht. Ich will es versuchen. Andernfalls müssen wir probieren, den oder die Kidnapper bei der Lösegeldübernahme zu schnappen. Falls Parker die Million Dollar zahlen will.“

„Er wird wohl müssen, wenn er seinen Herzschatz Rhena wiederhaben will. Nun denn, viel Glück, Tony“, sagte Rollins. „Wir sehen zu, was wir machen können. Auf Ezzard White haben wir auf jeden Fall ein Auge.“

Cantrell fuhr kurz nach 13.00 Uhr los, um pünktlich in Wheaton zu sein. Er nahm die Roosevelt Road, den Interstate Highway 30, der direkt nach Wheaton führte.

Die MacRaes bewohnten eine Villa in der Manchester Street. Sie war etwa so groß wie die Owen Parkers, wenn auch nicht so geschmacklos und so protzig. Cantrell wurde vor dem Haus von einem Hausangestellten empfangen und zu Dennis MacRae geführt, dem Hausherrn.

Percy MacRae war noch nicht zu Hause, erfuhr Cantrell von dem Hausangestellten. MacRae empfing Cantrell in seinem Arbeitszimmer. Er war ein stämmiger, schwerer und untersetzter Mann, der nur noch wenige Haare auf dem Kopf hatte.

Unter seinen buschigen Brauen funkelten kleine, verschlagene Augen. Er trug mehrere Ringe an den Fingern, einen sportlich geschnittenen Hausanzug und ein Seidentuch um den dicken Hals.

Sein Arbeitszimmer war groß und mit hellen Schleiflackmöbeln eingerichtet.

„Mr. Richards“, sagte er jovial zu Cantrell, der sich unter falschem Namen vorgestellt hatte. „Kann ich Ihnen irgendetwas anbieten?“

Cantrell lehnte dankend ab. MacRae steckte sich eine Brasil an.

„Hat Percy etwas ausgefressen?“, fragte Dennis MacRae. Cantrell schätzte ihn auf Anfang Fünfzig.

„Oder weshalb interessiert sich das Jugendamt für ihn? Der Junge ist schon zwanzig und wird im nächsten Mai volljährig. Sind Sie da überhaupt noch zuständig für ihn?“

„Bis zu seinem 21. Geburtstag auf jeden Fall. Es geht nicht um Percy, Mr. MacRae, sondern um eine Bekannte von ihm. Um Rhena Parker.“

„Die Tochter von Owen Parker? Ach. Was ist denn mit ihr?“

„Sie ist ein paarmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Nichts Ernstes, Jugendtorheiten. Aber wir müssen sie im Auge behalten und dafür sorgen, dass sie nicht auf die schiefe Bahn gerät. Mr. Parker hat, wie es scheint, sehr wenig Zeit für seine Tochter. Das Amt hat eine Untersuchung eingeleitet, die ich durchzuführen habe. Deshalb will ich Ihrem Sohn ein paar Fragen stellen, um über einige Dinge betreffs Rhena Parkers Lebenswandel Klarheit zu gewinnen. Falls sich herausstellt, dass Mr. Parker seine Erziehungspflichten schwerwiegend vernachlässigt und eine sittliche Verwahrlosung droht, muss eine Heimeinweisung erwogen werden.“

Cantrell sah das belustigte Funkeln in Dennis MacRaes Augen, und er wusste, dass dieser ihn nicht mehr für voll nahm.

„Weiß Rhena Parker denn, was ihr blüht?“, fragte MacRae. „Und vor allem, weiß es Owen Parker? Wie ich ihn kenne, wird er sich mit allen vieren gegen Maßnahmen sträuben, wie Sie sie erwähnt haben, und all seine Verbindungen spielen lassen.“

„Ich habe bisher keine Veranlassung gesehen, mit Mr. Parker oder seiner Tochter Verbindung aufzunehmen“, sagte Cantrell steif. „Falls Maßnahmen eingeleitet werden, erfahren sie noch früh genug davon. Ich darf Sie bitten, unser Gespräch als vertraulich zu betrachten, Mr. MacRae.“

„Aber selbstverständlich. Ich meine, Sie sollten das nicht überbewerten. Rhena Parkers Jugenddummheiten nämlich. Die jungen Leute wollen sich austoben und sich die Hörner abstoßen, das war bei uns schließlich genauso. Mein Percy hat schon drei Sportwagen zu Schrott gefahren, und wenn er nicht jede Woche seine fünf, sechs Strafmandate macht, muss er nicht gesund sein. Manchmal glaube ich, diese jungen Leute haben überhaupt kein Verhältnis zum Geld. Ich habe schwer arbeiten müssen, um all das aufzubauen. Das Geschäft, die Villa, komplett mit Swimmingpool und allen Schikanen, das Vermögen, das Percy einmal erben wird, die gesellschaftliche Stellung und so weiter. Als ich nach dem Krieg nach Chicago kam, konnte ich meinen ganzen Besitz in einem kleinen schäbigen Koffer unterbringen. Percy fällt all das hier in den Schoß. In ein paar Jahren wird er Verstand genug haben, um es zu würdigen. Auch Rhena Parker wird zur Besinnung kommen. Beurteilen Sie sie nicht zu hart, Mr. Richards.“

Cantrell sagte, das hätte er nicht vor. MacRae nahm das Haustelefon, sprach mit seiner Frau und erfuhr, dass Percy inzwischen eingetroffen sei. Er brachte Cantrell selbst in das Konferenzzimmer im Erdgeschoss, wo er mit Percy MacRae reden sollte.

Er verabschiedete sich jovial von Cantrell und sagte noch einmal, er solle die Dummheiten der jungen Leute nur nicht zu tragisch nehmen.

Cantrell musste mehrere Minuten warten, bis Percy MacRae kam. Der Anwalt schaute hinaus in den großen Garten, der die Villa der MacRaes umgab.

Es war ein trüber, diesiger Oktobertag. Cantrell brauchte seine dunkle Brille an diesem Tag nicht. Den Chevrolet Chevelle Malibu hatte er ein Stück vor der Villa am Straßenrand abgestellt, weil er nicht mit einem so großen und teuren Wagen bei den MacRaes auffallen wollte.

Percy kam herein. Der junge Mann war fast eins neunzig groß, schlaksig und sah sehr gut aus. Er wusste das auch. Er hatte schwarzes Haar und wirkte arrogant und überlegen. „Hallo, Sie wollen mich sprechen?“

„Wegen Rhena Parker, ja.“ Cantrell erzählte wieder seinen Spruch von den Nachforschungen des Jugendamtes, der ihm mittlerweile schon zum Hals heraushing. Percy MacRae grinste ganz offen. „Sie kennen Rhena Parker schon länger, Mr. MacRae. Sie sind einer ihrer besten Freunde, wurde mir gesagt?“

„Ich kenne eine Menge Weiber, Mr. Richards“, sagte er, lümmelte sich auf einen Stuhl und steckte sich eine Zigarette an. „Rhena ist eine heiße Schnalle. Wir schlafen ab und zu miteinander. Wir gehen auch manchmal aus, aber ich habe eine Menge Freundinnen, und Rhena hat ihre Freunde. Man könnte sagen, wir tauschen gelegentlich unsere Erfahrungen aus. Rhena hat eine Menge los, das können Sie mir glauben.“

„Sie wollen also sagen, dass Rhena Parker Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern hat?“, fragte Cantrell.

Percy MacRae blies eine Rauchwolke in seine Richtung. Er hatte Cantrell nicht gebeten, sich zu setzen.

„Nennt man das in der Amtssprache so? Ich könnte Ihnen eine Menge anderer Ausdrücke dafür anführen. Sie sollten Rhena mal ausprobieren, Richards. Sie ist nicht wählerisch und nimmt ziemlich jeden. Warum nicht auch mal eine komische Nummer wie Sie?“

Wäre Tony Cantrell unter richtigem Namen aufgetreten, hätte er Percy MacRae die passende Antwort gegeben. So spielte er den Entrüsteten.

Details

Seiten
119
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933819
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505111
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell rhena parker

Autor

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Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #54: Wer entführte Rhena Parker?