Lade Inhalt...

Jesse Trevellian und die Mafia-Cops

2019 194 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jesse Trevellian und die Mafia-Cops

Copyright

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Jesse Trevellian und die Mafia-Cops

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 194 Taschenbuchseiten.

 

Der vorliegende Roman beruht auf einem wahren Kriminalfall, der in New York City für fette Schlagzeilen sorgte ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Kapitel 1

Sie war total aus dem Häuschen.

Als würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine ordentliche Wohnung sehen.

Sie war beileibe nicht seine erste Freundin. Himmel, nein, er wechselte die Lebenspartnerinnen öfter als das Hemd, wie seine Freunde neidvoll über ihn erzählten. Aber Rosetta war die Durchgeknallteste von allen, keine Frage.

»Wow! Mickey!«, krakeelte sie auf ihrer Besichtigungsrunde. »O Mann, wie machst du das bloß? Hey, ich kapier das nicht, Baby! Immer wenn du richtig tief im Dreck steckst, kommst du wieder hoch wie ein verdammtes Stehaufmännchen. Mein Gott, nun sieh dich doch bloß mal um! Ist das die perfekte Bürgerbude, oder bin ich auf Sehstörung? Sag schon, Mickey-Baby, wie hast du das jetzt wieder hingezaubert?«

Mickey Labate stand da und grinste schief. Er hieß eigentlich Michele, weil seine italienischen Eltern es so gewollt hatten.

Einerseits genoss er Rosettas Lobgesang, und es gefiel ihm sehr, wie sie durch die Saubermannsbleibe tanzte und vor lauter Begeisterung Pirouetten drehte. Andererseits machte ihn so viel Beifall unsicher. Für eine Sache bejubelt zu werden, an der er selbst gar nichts gedreht hatte, war unheimlich.

Dabei wusste er genau, es war Blödsinn, so zu denken, und er verfluchte dieses Unbehagen. Seine Mamma war schuld. Sie hatte es ihm mit auf den Lebensweg gegeben. Mit ihren abergläubischen Sprüchen hatte sie es ihm regelrecht eingeimpft.

Sonne dich niemals im Erfolg anderer, denn dann wirst du bald im Schatten stehen.

Das wäre sie wohl gewesen, Mammas passende Lebensweisheit für die augenblickliche Situation. Mickey war froh, dass seine Eltern inzwischen weit weg waren, in ihrem Seniorenbungalow in Florida.

Endlich konnten sie ihre Nase nicht mehr in seine Angelegenheiten stecken, und so waren sie auch nicht in der Lage, ihm diese vier Wände mies zu machen, die er für Rosetta und sich selbst an Land gezogen hatte.

Okay, okay, eigentlich war ihm diese glückliche Fügung ja in den Schoß gelegt worden. Genau darauf hätte seine Mamma aber herumgehackt. Weil sie jedes Haar in jeder Suppe fand. Aber zum Glück war sie nicht da, und er würde den Teufel tun und sie an rufen und ihr von der Wohnung erzählen.

Rosetta dagegen war ein Schatz. Sie sah die Dinge, wie man sie sehen musste so positiv und so erfreulich, wie sie nämlich waren.

Sie hatte das Wohnzimmer durchtanzt, das Esszimmer, die Küche und war noch kurz auf die Terrasse hinausgehüpft. Den Dachgarten wollte sie sich für später aufheben.

Sie kehrte zu Mickey zurück und blieb keuchend vor ihm stehen klein und wohlgeformt, quirlig und temperamentvoll. Bewundernd blickte sie zu ihm auf.

»Nun sag die Wahrheit, Baby.« Energisch stemmte sie die Fäuste in die Hüften. »Ist das hier die Wirklichkeit? Oder bist du nur Housesitter für ein paar Tage?«

Er stellte sein Grinsen ein und strich ihr über das dunkle Haar, das sie jungenhaft kurz trug.

Dann legte er beide Hände in ihren Nacken, beugte sich zu ihr hinab und küsste sie.

Eigentlich waren sie ein ungleiches Paar, groß und hager wie er war. Doch Äußerlichkeiten zählten weder für sie noch für ihn. Bei den Sachen, auf die es ankam, ergänzten sie sich prächtig.

»Ehrliche Antwort«, sagte er. »Ich weiß es nicht.«

Rosetta blinzelte verdutzt. »Du weißt es nicht?«, wiederholte sie. »Was weißt du nicht?«

»Wie lange ich die Wohnung behalten kann. Sie haben zwar gesagt >für die Ewigkeit<, aber ob das stimmt keine Ahnung. Einen Mietvertrag haben sie mir jedenfalls nicht gegeben.«

»Sie?«, entgegnete Rosetta. »Die Hauseigentümer? Die Wohnungseigentümer? Was ist das liier überhaupt? Eine Eigentumswohnung? Eine Mietwohnung?«

»Weiß ich auch nicht.« Mickey zog die Mundwinkel nach unten und hob die Schultern.

Sein Freundin sah ihn fassungslos an. »Was weißt du überhaupt?«

Mickey grinste. »Dass das Bett frisch bezogen ist. So ein altmodisches, französisches.«

Rosetta überhörte es, wie immer, wenn sie sich in eine Sache verbiss. »Und dieser Name auf dem Klingelschild?«, bohrte sie. »Brioni oder so?«

»Brighenti.«

»Okay. Egal, wie sie heißen warum sind die Leute raus aus der Bude?«

»Das war nur einer. Paul Brighenti.«

»Kennst du den?«

»Nein. Nicht persönlich. Aber ...« Mickey zögerte.

»Aber was?«

»Menschenskind, Rosetta!« Ihm wurde es allmählich zu viel. »Du nervst, weißt du das? Brighenti ist ein Captain. Also ein ganz Großer. Ich bin dagegen nur ein kleines Licht.«

»Ein Cop?«, staunte sie und sah sich um, als würde sie die Wohnung nach dieser Information mit völlig neuen Augen sehen. »Ein Police Captain?«

»Rosetta, bitte!« Mickey verdrehte verzweifelt die Augen. »Jetzt stell dich nicht dümmer als du bist.«

Sie sperrte den Mund auf und starrte ihn an. »Du meinst...« Vor Schreck konnte sie nicht sofort weitersprechen.

»Ja, das meine ich.«

»Also, dieser Brighenti ist ein richtiger Captain?«

»Ja, verdammt!« Mickey war kurz davor, wegzulaufen. Aber das durfte er nicht. Sie erlaubten es nicht, und sie würden ihn bestrafen, wenn er es tat.

Es war, als würde Rosetta seine Gedanken lesen.

»Sie«, sagte sie gedehnt. »Sie haben dir keinen Mietvertrag gegeben. Hast du gesagt. Damit meinst du also ... die Familie?« Ihre Stimme senkte sich zu einem Hauch. »Aber sie geben dir diese Wohnung und zwingen dich, sie anzunehmen?«

»So ungefähr.« Mickey verstand die Welt nicht mehr. Vor zwei Minuten hatte er noch geglaubt, Rosetta würde sich genauso freuen wie er, und jetzt sah sie es auf einmal ganz anders. Himmel noch mal, er hatte sie wohl doch falsch eingeschätzt.

Gab es überhaupt irgendwo auf der Welt einen Mann, der die Frauen verstand? Bei dem würde er gern mal Unterricht nehmen.

Rosetta war noch lange nicht fertig. »Warum verlässt ein Mafia-Captain seine Wohnung?«

»Keine Ahnung.« Mickey zuckte mit den Schultern.

»Und warum setzen sie einen anderen rein? Sie könnten die Bude doch auch leer stehen lassen.«

Je weniger Rosetta mit den Antworten zufrieden war, desto hartnäckiger wurden ihre Fragen.

Nach kurzem Nachdenken fuhr sie fort: »Und sie verlangen auch, dass du hier wohnst? Mit mir?«

»Ja, sicher.« Mickey kam sich vor wie in einem Verhör. Er begehrte auf: »Ich meine, das ist doch normal, oder? Eine Wohnung ist zum Wohnen da, oder sehe ich das falsch?«

Rosetta schüttelte den Kopf. Beinahe mitleidig sah es aus. Im nächsten Moment schrie sie ihn an. »Ja, bist du denn total bescheuert? Kriegst du denn überhaupt nichts mit?«

Mickey rastete aus, er schrie zurück. »Eine ganze Menge kriege ich mit, verdammt noch mal! Dass sie mir diese Wohnung geben, ist eine gottverdammte Auszeichnung! Eine Ehre! Das heißt, sie vertrauen mir. Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Vollmitglied. So muss man das sehen. Ich werde bald richtig dazugehören. Mit dieser Bude sagen sie mir: >Hier, Mickey, eine Belohnung für deine Dienste. Du hast immer gute Arbeit geleistet. Das hier ist die Anerkennung.< Das ist damit gemeint. Es ist eine - wie nennt man das? - eine Geste!« Er holte schnaufend Luft, wie nach einer schwierigen Ansprache.

Rosanna sprach leise, als sie antwortete. »Belohnung, Anerkennung, Auszeichnung diesen Quatsch haben sie dir erzählt? Und für alle Ewigkeit soll es sein?«

»Haargenau«, erwiderte Mickey trotzig auftrumpfend.

»Du weißt, dass wir Menschen nicht ewig leben.« Sie sah ihn an wie eine Lehrerin den Prüfling beim mündlichen Examen.

»O Mann!«, stöhnte er. »So was sagt man so, das muss man doch nicht wörtlich nehmen.« Es kam ihm vor, als würde Rosetta von seiner Mamma durch Gedankenübertragung beeinflusst. Weshalb sonst fing sie plötzlich an, so herumzubohren?

Und sie ließ nicht locker. »Liest du Zeitungen?«

»Nur, wenn was Wichtiges drinsteht.«

»Also nur die Schlagzeilen.«

»Na ja ...«

»Dann hast du nie gelesen, was über Rafe Gonella in den Zeitungen steht, und was sie im Fernsehen über ihn bringen?«

Mickey winkte ab. »Das ist doch alles erstunken und erlogen. Gonella ist Geschäftsmann.«

»Stimmt!«, rief Rosetta sarkastisch. »In der Müllbeseitigungsbranche. Sortieren von Wertstoffen und so. Der reinste Wohltäter in Sachen Umweltschutz. Sagt er immer, wenn er vor Gericht steht.«

»Er sagt die Wahrheit«, knurrte Mickey störrisch.

»Komisch nur, dass ihm keiner glaubt. Die Zeitungen und das Fernsehen nennen ihn einen mutmaßlichen Mob-Boss, das Oberhaupt der Gonella-Familie.«

»Na und? Diese Sensationsgeier schreiben und senden viel, wenn der Tag lang ist. Waren doch alles falsche Anschuldigungen bislang. Die Gerichtsverfahren gegen Rafe sind jedes Mal eingestellt worden.«

»Weil seine Leute die Geschworenen beeinflusst haben. Oder weil Zeugen plötzlich spurlos verschwunden sind. Mann, Mickey, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst dich von diesen Leuten fern halten!« Erregt warf sie die Arme hoch und ließ sie wieder sinken. »Noch kannst du raus. Verstehst du denn nicht?«

»Nein«, antwortete Mickey grob. »Ich arbeite für Gonella. Ich fahre einen Truck für ihn, und ich erledige auch andere Jobs, die so anfallen. Botenfahrten hauptsächlich. Praktisch so eine Art Kurierdienst.«

»Innerhalb der Firma. Oder sollte man sagen Familie?«

Mickey atmete heftig aus. »Also, du redest wie meine Mamma. Dabei kennst du sie gar nicht.«

»Ist das jetzt ein Kompliment?« Rosetta lächelte zum ersten Mal wieder.

»Teils, teils.«

»Du hast Angst vor ihr, gib's zu.«

»Na ja ...«

»Wunderbar!« Rosetta klatschte in die Hände und hüpfte auf der Stelle. »So muss es sein. Männer müssen Respekt vor Frauen haben. Mindestens. Angst ist noch besser. Wenn sie unter sich sind, dürfen sie große Töne spucken und mit ihren Taten herum prahlen. Aber wenn sie nach Hause kommen zur Mutter, zur Ehefrau oder zur Lebenspartnerin ja, dann müssen sie kuschen.«

»Soll ich den Müll rausbringen?«, fragte Mickey und grinste.

»Es ist noch keiner da«, erwiderte Rosetta und zwinkerte. »Aber ich komme darauf zurück.«

»Du willst also hier bleiben?« Er sah sie mit großen Augen an. »Bei mir?«

»Na, klar. Ich hab noch nie so eine tolle Bleibe gehabt. Das muss man doch ausnutzen, oder?«

»So gefällst du mir schon besser«, entgegnete Mickey und strahlte.

»Sag mal...«, sie legte ihre Hände auf seine Wangen, »gibt's da draußen einen Swimmingpool? Hinter den Büschen vielleicht?«

Mickey holte Luft, um zu antworten. »Ich ...«

Rosetta hielt ihm den Mund zu. »... weiß es nicht. Richtig?«

»Stimmt«, sagte er, als sie die Hand wegnahm.

»Also dann, mein lieber Nichtswisser sehen wir mal nach.« Unternehmungslustig hakte sie sich bei ihm unter. »Und wenn es einen Pool gibt, dann steht eine Runde Nacktbaden auf der Tagesordnung.«

Mickey machte ein gieriges Gesicht. Rosetta lachte und boxte ihm in die Seite.

Sie traten hinaus auf die Terrasse und benutzten einen Plattenweg auf der rechten Seite, der parallel zur Außenbrüstung zwischen Blumenbeeten und Ziersträuchern verlief.

Der Dachgarten und die dazugehörige Wohnung befanden sich im fünften Stock eines renovierten Brownstone-Altbaus. Das Gebäude stand an der Ecke 59th Street und 23rd Avenue in Bensonhurst, Brooklyn. Auf der anderen Seite der 59th erstreckte sich der Washington Cemetery.

Der Friedhof sah aus der Vogelperspektive eher aus wie ein großer Park. Nur vereinzelt waren durch das Grün Grabsteine zu sehen, glänzend oder matt, aus hellem oder dunklem Marmor.

»Sieh mal«, sagte Mickey. »Hier hat man ständig den Tod vor Augen.«

»Und die Ewigkeit«, erwiderte Rosetta nachdenklich.

Etwa in der Mitte des Dachgartens gab es tatsächlich eine Wasserfläche, doch als sie am Rand stehen blieben, waren sie beide enttäuscht.

»Ein verdammter Zierteich«, murrte Rosetta. »Und keine Kois drin. Nicht mal Goldfische. Oder verstecken die sich?«

»Weiß nicht«, antwortete Mickey. Er machte einen Schritt um das Oval des Teichs herum und ging weiter. »Vielleicht ist da hinten noch was«, sagte er.

»Was hast du denn da für einen roten Punkt auf dem Rücken?«, fragte Rosetta.

Er prallte zurück, als wäre er gegen eine Glaswand gelaufen. Er ruckte herum.

»Jetzt sind es drei Punkte«, stellte seine Freundin fest.

Mickey starrte an sich hinab. Er wurde kreidebleich.

Tatsächlich glühten auf seinem Hemd drei Punkte. Feuerrot, etwa daumennagelgroß. Die dazugehörigen Laserstrahlen waren wegen des Tageslichts nicht zu sehen.

Plötzlich dröhnte eine Lautsprecherstimme.

»FBI! Achtung, dies ist ein FBI-Einsatz!« Die Stimme hallte weit über die angrenzenden Straßen und Häuser hinweg. »Paul Brighenti, Sie sind vorläufig festgenommen. Nehmen Sie die Hände hoch, und bewegen Sie sich nicht.«

»Runter!« zischte Mickey seiner Freundin zu. »Los, runter mit dir!«

Sie gehorchte widerstrebend, landete auf einem Beet mit Sommerblumen. »Wieso sagt der Brighenti zu dir?«, rief sie noch.

Aber Mickey antwortete nicht. Stattdessen schnellte er los, mit flachem Sprung in die Ziersträucher, zur Terrasse hin. Noch im Fallen griff er hinter sich, unter das lose herabhängende Hemd.

Die Beretta in der Rechten, robbte er vorwärts. Jeden Moment rechnete er mit heißem Blei, das über ihn hinwegsengen und durch die Zweige fetzen würde.

Er musste die Mistkerle von Rosetta ablenken, musste Abstand von ihr gewinnen, damit er die Gefahr auf sich zog. Okay, die Bullen wollten ihn abknallen, weil sie ihn für Brighenti hielten.

Damit hatte er nicht gerechnet. Aber sein Girl hatte damit, verdammt noch mal, nichts zu tun. Die forsche Kleine hatte es nicht verdient, hier Opfer eines gottverdammten Missverständnisses zu werden.

Er robbte weiter, so schnell er konnte. Durch die Zweige der Büsche und Sträucher linste er in die Richtung, aus der die Punkte der Laserzielgeräte gekommen waren.

Sie kauerten auf dem Dach der Terrasse.

Drei Figuren.

Alle sahen gleich aus. Schwarze Fritz-Helme. Jeder mit Headset. Schwarze Kampfanzüge, schwarze Gesichtsmasken. Nur die Augen glotzten.

Ihre Waffen hielten sie beidhändig, stützten sie auf die Dachkante. Handliche Maschinenpistolen waren es. MP5, das Modell von Heckler & Koch. Blassrosa und bleistiftdünn waren jetzt die Laserzielstrahlen zu erkennen, wie sie durch das Gartengrün fächerten.

Mickey erschrak. Was, wenn sie Rosetta erwischten? Vielleicht hielten sie sie für Brighentis Freundin. Aber hatte Brighenti überhaupt eine Freundin? Und waren es überhaupt richtige Bullen, die hier den Belagerungszustand eröffnet hatten?

Rafe Gonella und seine Familie hatten Konkurrenten, ja, Feinde. Die ließen sich einiges einfallen, wenn sie dem gut funktionierenden Gonella-Laden Schaden zufügen konnten.

»Hier spricht das FBI!«, donnerte der Lautsprechermann wieder. »Ich wiederhole: Hier spricht das FBI! Paul Brighenti, Sie sind festgenommen. Leisten Sie keinen Widerstand, und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus! Sofort! Wir eröffnen sonst das Feuer.«

Mickey Labate stieß einen Wutschrei aus.

Jetzt sollte Rosetta mal sehen, wie ein Mann sich Respekt verschaffte. Bei seinesgleichen. Und bei den Frauen. Sie würde ihn respektieren, wenn er ihr erst mal das Leben gerettet hatte.

Er machte es wie im Kino. Auf der Leinwand. In den Actionfilmen. Behände rollte er sich um die eigene Achse, nach rechts, einen Busch weiter. Dort riss er die Beretta hoch und feuerte auf das Dach über der Terrasse.

Dumpf hackte die Pistole ihre Projektile aus dem Lauf. Er feuerte dreimal, viermal hintereinander.

Noch bevor er sich abrollte, die Stellung wechselte, sah er, dass er getroffen hatte. Einem der Kerle da oben platzte der Helm weg, flog ihm vom Schädel, in Stücke zerlegt.

Mickey triumphierte. Yeah, Mann, so ein Vollmantelbatzen, Kaliber neun Millimeter, langte voll hin.

Das war einfach zu viel, auch für einen Fritz-Helm, diesen viel gepriesenen Nachttopf, den sie dem deutschen Wehrmachts-Stahlhelm nachgebaut hatten.

Aber auch der zu dem Helm gehörende Kopf hatte was abgekriegt. Mickey stellte es fest, als er das Feuer wieder aufnahm, jetzt aus einer Gruppe von Säulenzypressen heraus. Der Typ kam hoch, seine MPi ratterte Richtung Himmel, und er kippte nach hinten.

Die MPi hämmerte weiter. Die beiden anderen Kerle erschraken. Mickey sah es, als er ihnen das Neun-Millimeter-Blei hinterherjagte.

Sie zogen sich zurück, mussten sich um ihren Kumpel kümmern, der sich wahrscheinlich gerade selbst mit Blei voll pumpte.

Mickeys Geschosse hieben Fetzen von Teerpappe und ganze Brocken von Mörtel und Ziegel heraus. Das Zeug flog den Schwarzgekleideten in einem Schwall hinterher.

Mickey stellte das Feuer ein, als er die Kerle nicht mehr sehen konnte. Die MPi auf dem Dach war inzwischen verstummt. Er drehte sich um und sah Rosetta gerade noch rechtzeitig, als sie sich aufrichten und ihm folgen wollte.

Abwehrend streckte er den linken Arm aus, zeigte ihr die Handfläche und gebot ihr auf diese Weise, zu bleiben, wo sie war.

Die Angreifer auf dem Dach waren erst mal mit sich beschäftigt.

Mickey Labate machte sich allerdings nichts vor. Bestimmt waren sie nicht nur zu dritt aufgetaucht. Garantiert lauerten sie überall im Treppenhaus, vor der Wohnungstür, vor den Fahrstühlen.

Und auf den Dächern der Nachbarhäuser waren Scharfschützen in Stellung gegangen. Die hatten ihn mit Sicherheit schon im Fadenkreuz.

Aber nicht mehr lange.

Mickey knurrte es zu sich selbst. Im Kriechgang setzte er seinen Weg fort.

Er spannte die Muskeln und katapultierte sich aus dem Gebüsch hervor. Mit Riesensätzen überwand er die freie Fläche bis zur Terrasse.

Er erreichte das Wohnzimmer und ging vorsorglich zwischen Sofa und Sesseln in Deckung. Okay, geschafft, dachte er. Als Nächstes konnte er nun überlegen, wie er Rosetta gefahrlos zu sich holte.

Und dann?

Das Treppenhaus konnte er sich nicht freischießen. Dazu war die Übermacht zu groß. Also musste er über sich selbst hinauswachsen und einen Plan entwickeln. Gemeinsam mit Rosetta. Aus einer ungefähren Idee reifte die Strategie in seinem Kopf. Teufel auch, ja, so musste es laufen. So konnte es laufen.

Allerdings musste er Rosetta überzeugen.

Aber das würde ihm gelingen. Immerhin hatte er ihr gerade das Leben gerettet. Also war sie schwer beeindruckt von ihm. Er war ihr strahlender Held. Keine Frage.

Mir riss der Faden.

»So haben wir nicht gewettet!«, brüllte ich ins Handy. Ich konnte einfach nicht mehr an mich halten. »Verdammt, Brighenti, Sie haben einen Cop angeschossen. Sind Sie verrückt geworden? Der Mann ist schwer verletzt. Wenn er stirbt, sind Sie dran wegen Mordes!«

Brighenti atmete schwer. Ich hörte ihn keuchen. Es klang verzweifelt. Er schien mächtige Probleme mit sich selbst zu haben.

Kein Wunder, nach dieser Schweinerei, die er sich gerade geleistet hatte. Obwohl ich den Mistkerl nicht sehen konnte, kam er mir vor, als ob er total fertig war.

Wir hatten im Treppenhaus Stellung bezogen ich rechts neben der Wohnungstür, Milo in der entgegengesetzten Ecke. Er rückte das Bleistiftmikro seines Headsets zurecht und hielt sich das rechte Ohr zu, weil er weiteres Gebrüll von mir befürchtete.

Mein Partner hatte Funkverbindung mit dem Einsatzleiter der Emergency Service Unit, ESU abgekürzt, der Sondereinsatztruppe des New York Police Department NYPD.

»Brighenti«, rief ich, etwas leiser, weil mir Milos Anblick klar machte, dass ich die Lautstärke drosseln musste. »Brighenti, reden Sie mit mir, verdammt noch mal! Was ist los mit Ihnen?«

»Gar nichts«, schnaufte er unvermittelt, und dann war wieder nur sein Keuchen zu vernehmen.

»Es reicht jetzt«, herrschte ich ihn an. »Kommen Sie raus, mit erhobenen Händen, und dann haben wir die Sache hier abgewickelt.«

»Ich ...« Er kam nicht weiter. Jetzt röchelte er regelrecht, nach Atem ringend wie jemand, dessen Herz oder Lunge oder wer weiß was nicht mehr mitspielt.

Ich wechselte einen Blick mit Milo und signalisierte ihm mit einem Handzeichen, dass es keinen Zweck mehr hatte. Wir würden reingehen müssen, auch wenn Paul Brighenti sich entgegen jeder Absprache zu einem Amokschützen entwickelt hatte. Möglicherweise lag es an der Frau, die er bei sich hatte. Sie war nicht eingeplant.

Zumindest hatte er uns nichts von ihr gesagt. Vielleicht hatte sie ihm einen Floh ins Ohr gesetzt, oder er wollte ihr schlicht imponieren.

Ich versuchte es noch einmal mit Engelszungen. »Wenn Sie nicht freiwillig rauskommen, Brighenti, müssen wir Sie holen. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Das kapieren Sie doch, oder?«

Keine Antwort. Nur Keuchen.

Am Telefon wollte ich ihn nicht darauf hinweisen, dass wir eine klare Absprache hatten. Die hatte er gebrochen. Unser Handel mit dem Mafia-Captain Paul Brighenti hatte ohne Komplikationen ablaufen sollen, vor allem aber ohne Blutvergießen. Völlig einleuchtend eigentlich, denn Brighenti wollte sich freiwillig von uns festnehmen lassen.

Das Ganze sollte aber nach außen hin aussehen wie eine echte Festnahme, die für den Mann völlig überraschend kam.

Wir hatten ihn bei einem größeren Kokaindeal auffliegen lassen, einem Scheingeschäft, auf das er hereingefallen war. Gonella, sein Boss, hatte davon nichts gewusst, und er hatte bislang auch nicht erfahren, dass einer seiner Captains dem FBI in die Falle gegangen war.

Brighenti hatte seinem Boss darüber nicht berichten müssen. Denn als Captain war er dazu berechtigt, bestimmte Geschäftszweige in Eigenregie und auf eigene Rechnung zu führen. Zum Beispiel die Kokainsparte.

»Paul«, sagte ich eindringlich. »Menschenskind, seien Sie doch vernünftig. Legen Sie die Kanone weg, und wenn Sie rauskommen, zeigen Sie uns, dass Sie nicht mehr schießen wollen. Als Zeichen dafür heben Sie ganz schlicht und einfach die Hände. Das versteht jeder von uns. Dann passiert Ihnen nichts.«

Wieder hörte ich nur seine Verzweiflung. Dieses mühsame Atmen.

Der Punkt war, dass Brighenti für 25 Jahre ins Gefängnis wandern würde, wenn wir ihn und seinen Kokainfall gemeinsam mit dem Staatsanwalt vor Gericht brachten. Doch das Justizministerium machte Mobstern wie Brighenti in solchen Fällen Angebote. Wenn er mit uns zusammenarbeitete und uns Gonella lieferte, kam er ins Zeugenschutzprogramm und ging straffrei aus.

Brighenti hatte zugestimmt und uns gebeten, ihn in einer groß angelegten Festnahmeaktion abzuführen. Damit es so aussah, als wäre er geschnappt und hinter Gitter gebracht worden. Dann, so Brighentis Kalkulation, würde Gonella ihn nicht gleich für einen Verräter halten.

Die Stunde der Wahrheit würde dann erst sehr viel später kommen, wenn wir Gonella vor Gericht brachten und Brighenti von den Federal Attorneys in den Zeugenstand gerufen wurde. Wir hatten dem Deal zugestimmt, nachdem wir das Okay aus Washington erhalten hatten.

Wir, das waren die Mitglieder der OCO. Die Abkürzung stand für »Organized Crime One«. So hieß eine gemeinsame Task Force von FBI und New York Police Department, deren Aufgabe die Bekämpfung des organisierten Verbrechens in New York war. Die Sondereinheit OCO hatte bereits eine Reihe von berüchtigten Mobstern in unserer Stadt dingfest gemacht.

»Mob« sagen die Menschen in New York und im Rest der Vereinigten Staaten, wenn sie das organisierte Verbrechen meinen. Wobei die Mafia ein Teil des Mobs ist, sozusagen eine Unterabteilung, wie viele andere ethnische Gangster-Gruppierungen.

Die Gesamtverantwortung für unsere Task Force trug Jonathan D. McKee, Assistant Director, und als Leiter des New Yorker FBI-Büros unser direkter Vorgesetzter, gemeinsam mit dem Police Commissioner, dem Polizeipräsidenten der Acht-Millionen-Stadt. Beide hatten mir die Leitung von OCO übertragen und Milo zu meinem Stellvertreter ernannt.

Clive Caravaggio arbeitete in der Sondereinheit gewissermaßen als unser Untergebener mit. Dabei war Clive eigentlich unser Vorgesetzter. Nach Mr McKees Ernennung zum Assistant Director war er ebenfalls befördert worden und trug jetzt den Titel eines Special Agent in Charge.

Zugleich war er damit Mr McKees Stellvertreter in der Leitung des FBI Field Office New York. Auch ich war nicht zu kurz gekommen und stand jetzt offiziell als stellvertretender Special Agent in Charge auf der FBl-Gehaltsliste.

Doch Clive und ich kämpften unverändert weiter an der Verbrechensfront; daran hatte sich nichts geändert. In diesem Kampf ging es nicht um Dienstgrade, sondern um unser gemeinsames Bemühen, Recht und Ordnung durchzusetzen.

Unsere neuen Dienstränge hatten auch keinen Einfluss darauf, wer eine Sondereinheit leitete. So, wie Clive Caravaggio im Fall von OCO unter meiner und Milos Führung arbeitete, konnte Jonathan D. McKee jedem anderen Special Agent die Leitung einer Spezialaufgabe übertragen, in deren Rahmen dann beispielsweise Clive und ich auf sein Kommando hörten.

Neben Clive gehörten unserer Task Force gegen das organisierte Verbrechen auch sein Dienstpartner Orry Medina sowie die Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell an. Außerdem sechs weitere Special Agents des FBI New York und zehn Detectives Kriminalbeamte des NYPD.

»Ich kann nicht!«, wimmerte Brighenti plötzlich in mein Ohr.

Ich blinzelte verdutzt. »Was können Sie nicht?«, fragte ich nach.

Er verriet es mir nicht. Er legte auf. Es knackte im Handy-Lautsprecher, und dann war Funkstille. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und ließ das Handy sinken.

»Zugriff«, sagte ich zu Milo.

Mein Freund nickte und gab es weiter.

Ich steckte das Handy ein und zog die SIG. Die Dienstpistole wog schwer und zuverlässig in meiner Rechten. Es war das Modell P226, Kaliber neun Millimeter Parabellum, 16schüssig und zuverlässig wie keine andere Semiautomatic. Gebaut von Sigarms, dem amerikanischen Ableger des schweizerischen Waffenherstellers, hatte sich die P226 bei den Polizeidienststellen unseres Landes längst tausendfach bewährt.

Die Zeiten, in denen Cops und G-men noch mit sechsschüssigen Revolvern gegen hochgerüstete Gangster antreten mussten, sind Geschichte. Zu viele Namen von Kollegen hatten damals auf den Gedenktafeln für die im Dienst Gefallenen eingraviert werden müssen. Und viel zu häufig hätte man hinzufügen können: Gestorben, weil er mit den sechs Patronen in seinem 38er keine Chance gegen die 16schüssige Pistole eines Gangsters hatte.

Vier Männer in der schwarzen Kampfmontur der ESU stürmten die Treppe herauf. Sie hatten auf halber Höhe auf den Einsatzbefehl gewartet. Sie verständigten sich mit Milo und mir durch knappe Handzeichen. Sie arbeiteten rasch und zielstrebig.

Zwei von ihnen befestigten Hohlladungen an der Wohnungstür, während die beiden anderen sich breitbeinig aufbauten und ihre Maschinenpistolen in den Schulteranschlag nahmen.

Milo und ich hatten die Tür bereits überprüft. Sie bestand aus schwerem Stahlblech, und sie war abgeschlossen, verriegelt. So hatten wir es mit Paul Brighenti vereinbart. Denn beim Eindringen in die Wohnung sollte es laut werden. Die übrigen Hausbewohner sollten sich noch lange daran erinnern. Dass das gewaltsame Eindringen nun echte Notwendigkeit und kein Schauspiel mehr war, hätten wir uns allerdings nicht träumen lassen.

Die SprengstoffCops brauchten nur Sekunden, dann wichen wir in die Nischen des Treppenhauses zurück und hielten uns die Ohren zu.

Es gab einen dumpfen Schlag.

Der Fußboden vibrierte, und die Stahltür flog mit einem hell klingenden Schlag nach innen. Gleichzeitig schepperten mehrere Riegel, die an der Innenseite der Tür aus ihren Verankerungen gerissen wurden.

Milo und ich rannten gemeinsam los, die Pistolen schussbereit. Die Kollegen folgten uns, bereit, uns Feuerschutz zu geben.

Geduckt, mit einem Riesensatz, drangen Milo und ich in die Wohnung ein. Sofort wichen wir auseinander und gingen auf Tauchstation.

Hinter uns schwärmten die Kampf-Cops aus und machten sich ebenfalls flach. Das Ganze hatte sich blitzschnell abgespielt.

Unsere Anspannung blieb.

Denn es tat sich nichts.

Es gab kein heißes Blei zum Empfang. Kein Krachen von Schüssen. Nur Stille.

Erst jetzt hatten wir Zeit, unsere Umgebung näher zu betrachten. Wir befanden uns in einem Vorraum von etwa fünf mal fünf Yard.

Ein offener Durchgang mündete direkt ins Wohnzimmer. Intuitiv hatten wir die einzig vorhandenen Deckungsmöglichkeiten gewählt.

Milo kauerte links an der Wand hinter einem Sideboard, für mich diente rechts eine antike Truhe als Kugelfang. Die Cops hatten sich hinter uns verteilt.

Milo machte auf sich aufmerksam, indem er die linke Hand hob. Er deutete auf sein Headset, dann zum Dach über dem vor uns liegenden Wohnzimmer. Dazu machte er eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger.

Ich verstand. Ein Hubschrauber war unterwegs, um den verletzten Kollegen von dort abzuholen. Wir mussten uns beeilen. Die Männer der Aviation Unit des NYPD brauchten risikofreie Landeverhältnisse, wenn sie den Verwundeten bergen sollten.

Ich wollte Milo signalisieren, dass wir durchstarten mussten.

In diesem Augenblick ertönte eine Stimme.

Es konnte nur Brighenti sein.

»Die Kleine stirbt«, sagte er. Wir konnten ihn noch nicht sehen. Er war nicht allzu weit von uns entfernt, denn er sprach in normaler Lautstärke. »Haut alle ab, ihr verdammten Bullen! Los, macht schon! Sonst jage ich ihr eine Kugel durch den Kopf.«

Ich erstarrte. Milo und den Kollegen ging es nicht besser. t

Bevor wir reagieren konnten, sprach die Frau.

»Bitte hören Sie auf ihn!«, flehte sie. »Er meint es ernst. Er ist zu allem entschlossen. Er bringt mich um. Wirklich, das tut er!«

Es hörte sich mechanisch an. Wie ein Sprechautomat. Aber darauf durften wir nichts geben. Jeder Mensch reagiert anders auf Stress, auf Bedrohungen, die sein Leben in größte Gefahr bringen. Ich wechselte einen raschen Blick mit Milo. Wir mussten auf die Forderungen eingehen, wir hatten keine andere Wahl.

»In Ordnung«, rief ich. »Kommen Sie raus. Ihnen geschieht nichts.«

»Hallo!«, antwortete die Männerstimme. »So haben wir nicht gewettet, Leute. Ich will euch sehen. Ich will sehen, wir ihr die Schießeisen fallen lasst und die Hände hebt. Also los!«

Brighentis Stimme klang seltsam anders. Vor allem, wenn ich mir vor Augen hielt, wie er eben noch am Handy geklungen hatte. Doch der Stressfaktor galt auch für ihn. Jetzt stand er unter Hochspannung.

»Auch das geht in Ordnung«, antwortete ich. »Nur eines möchte ich wissen, Brighenti. Weshalb dieser plötzliche Sinneswandel? Wir hatten eine klare Absprache. Mehr will ich dazu im Augenblick nicht sagen. Aber warum halten Sie sich nicht an unser Abkommen?«

Minutenlang blieb es still. Es war, als hätten meine Worte dem Kerl die Sprache verschlagen.

»Brighenti?«, wiederholte er dann, voller Staunen.

Milo und ich sahen uns an. Eine Ahnung beschlich meinen Partner, genau wie mich:

»Sie sind nicht Brighenti«, rief ich zum Wohnzimmer hin.

»Nie gewesen«, antwortete der Geiselnehmer. »Habe ich das behauptet?«

Eine Sekunde lang schloss ich die Augen. Mir schwante Furchtbares. Die Konsequenzen dessen, was hier ablief, waren nicht ansatzweise zu überblicken.

Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ahnen, auf welche schlimme Weise sich meine Vermutung bestätigen sollte.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Jedenfalls nicht Brighenti«, antwortete der Mann. »Und ich werde Ihre Frage nicht beantworten, glaube ich. Nein, werde ich nicht. Schluss mit der Debatte. Lassen Sie mich mit der Kleinen hier raus, oder es gibt einen Todesfall.«

Ich bedeutete Milo und den anderen, in Deckung zu bleiben. Langsam stand ich auf, hob die Arme und behielt die SIG in der Rechten.

Ebenso langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen und betrat auf diese Weise das Wohnzimmer. Es war sehr ordentlich. Zimmerpalmen säumten meinen Weg in die Mitte des Raums. An den Wänden hingen Gemälde. New Yorker Motive. Alles Originale, alles in Öl. I

Ein Bild zeigte Paul Brighenti auf dem Times Square groß, schlank und dunkelhaarig, in einem seidig schimmernden grauen Sommeranzug mit bunt gemusterter Seidenkrawatte. Das Bild gehörte wohl zum so genannten Fotorealismus; es sah aus wie ein Foto, war aber ein Ölgemälde.

Polstermöbel, Tische, Kommoden und Schränke standen sauber ausgerichtet auf weichem, beigefarbenem Teppichboden. Zu sehen war niemand. Durch die offenen Glastüren zum Dachgarten war wie aus weiter Ferne der Lärm des Straßenverkehrs von Brooklyn zu hören. Neben einem der cremefarbenen Sessel blieb ich stehen.

»All right, Mister«, sagte ich. »Sie können jetzt rauskommen. Lassen Sie uns die Sache zügig ab wickeln.«

Er lachte, als er sich aufrichtete - gemeinsam mit der Frau. Sie hatten hinter einem Sessel gehockt, weiter in Richtung Terrasse.

Tatsächlich hielt er ihr die Mündung einer Pistole an die Schläfe. Es war eine Beretta 92F, das große Neun Millimeter-Modell. Tatsächlich hatte der Mann entfernte Ähnlichkeit mit Paul Brighenti, war ebenfalls groß und dunkelhaarig, aber wesentlich dünner.

Wie auch immer, Brighentis Personenbeschreibung traf auf den Unbekannten durchaus zu. Deshalb hatten die ESU-Cops, die ihn zuerst zu Gesicht bekamen, keinen Verdacht geschöpft.

»So wird das nichts«, ließ er mich wissen und schüttelte überheblich den Kopf. »Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt? Die Waffen runter, habe ich gesagt. Und ich will nicht nur einen von euch Scheißbullen sehen, sondern alle. Kapiert?«

»Doch, hundertprozentig«, antwortete ich und behielt ihn genau im Auge.

Sein Blick hatte sich an der Dienstmarke festgefressen, die ich außen an der Brusttasche meines Jacketts trug, wie bei Einsätzen üblich.

Das polierte Messing glänzte wie Gold, und der Wappenadler zierte das Schild so unverwechselbar, dass der Geiselnehmer mich nicht für eine Fälschung halten konnte.

»Warum richten Sie sich dann nicht danach?«, fauchte er mich an. »Wenn ihr alles kapiert habt, warum tut ihr es dann nicht?«

Er war hochgradig nervös, deshalb wiederholte er sich. Ich bezog es in meine Einschätzung der Lage ein.

»Weil wir noch mal verhandeln müssen«, erklärte ich. »Sie kommen nämlich nicht damit durch.«

»Womit?«, fragte er überflüssigerweise, denn sein Erbleichen zeigte an, dass er sehr wohl verstanden hatte.

»Mit Ihrer Geiselnahme.« Ich lächelte hart. »Was hier läuft ist ein gemeinsamer Einsatz von FBI und NYPD. Einen der Beamten vom Emergency Service haben Sie angeschossen.« Ich sagte dem dünnen Mann, was ich schon Paul Brighenti per Handy gesagt hatte: »Wenn der Beamte stirbt, sind Sie wegen Mordes dran - auf jeden Fall aber wegen versuchten Mordes. Hinzu kommt die Geiselnahme, dann der Widerstand gegen die Staatsgewalt. Nur, zu einem Gerichtsverfahren wird es wahrscheinlich gar nicht kommen, weil Sie dies hier nicht überleben. Wir haben an allen wichtigen Punkten Einsatzkräfte postiert. Auf den Dächern ringsum liegen Scharfschützen in Stellung. Einer von denen hat Sie sogar jetzt im Fadenkreuz - von da drüben.«

Ich deutete mit einer Kopfbewegung auf den Durchgang zur Terrasse. Auf einem Nachbarhaus jenseits des Dachgartens war tatsächlich ein Scharfschütze postiert. Ein Funkspruch von Milo genügte, und der Dünne war tot.

Ich beobachtete die kleine Frau, während ich sprach. Sie wurde blass und blasser.

Ihr Gesicht begann, sich zu verzerren. Meine Worte hatten ihr verdeutlicht, wie die Lage wirklich war. Ihr Freund hatte ihr Versprechungen gemacht, die er nicht einhalten konnte. Sie fing an, genau das zu begreifen.

»Geben Sie sich keine Mühe, G-man«, sagte er. »Ich weiß, dass Sie bluffen. Psychologische Schulung, stimmt's? Wie rede ich einen Geiselnehmer besoffen, richtig?«

Ich schüttelte den Kopf, doch bevor ich etwas erwidern konnte, sprach plötzlich die Frau. Was sie sagte, galt mir, denn sie sah mich mit großen, angststarren Augen an. »Mickey will mich gar nicht umbringen.«

Ihm klappte das Kinn herunter.

Unbeirrt fuhr sie fort. »Er und mich töten?« Sie lachte schrill und abgehackt. »Das würde er niemals tun. Es sollte nur so aussehen wie eine Geiselnahme. Das war unser Plan.«

»Rosetta!«, zischte er. »Verdammt, sei still! Halt den Mund!«

Sie beachtete ihn nicht, sah mich an, während sie weitersprach. »Sir, mir kam diese Sache von Anfang an merkwürdig vor. Wissen Sie, diese Wohnung gehört eigentlich einem Mister Brioni ...«

»Brighenti«, verbesserte ich.

»Still!«, schrie er. »Kein Wort mehr!« Seine Gesichtsmuskeln begannen zu zucken, er fing an, am ganzen Körper zu zittern.

Im nächsten Moment blieb mir die Spucke weg.

Rosetta hob die Hand und drückte Mickeys Hand mit der Pistole nach oben.

Und sie behielt Recht.

Er ließ es geschehen, ohne dass sich sein Zeigefinger krümmte.

Doch plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper.

Ich sah, was kam.

Rosetta begriff es und schrie.

Mickey schwenkte die Beretta von ihr weg.

Meine SIG ruckte abwärts, fiel wie von selbst in den Beidhandanschlag.

Und ich zog durch in dem winzigen Sekundenbruchteil, den die Beretta noch gebraucht hätte, um Blei zu spucken.

Die SIG bäumte sich in meinen Fäusten auf. Der Schuss krachte ohrenbetäubend, dröhnte wie Donner zwischen den Wänden.

Mickey wurde von seiner Freundin weggestoßen wie durch eine unsichtbare Faust. Die Wucht des Einschusses schleuderte ihn hintenüber.

Meine Kugel hatte ihn in die rechte Schulter getroffen. Den Zeigefinger konnte er nicht mehr krümmen.

Als der Donner nachließ, war nur noch das Schrillen von Rosettas Stimme zu hören. Sie stand da und konnte sich nicht bewegen. Sie konnte nur schreien.

Ich ging zu ihr und schloss sie in die Arme. Da beruhigte sie sich langsam.

Milo und die Kollegen kamen herein.

»Abbruch«, sagte mein Freund ins Bleistiftmikro. »Nicht mehr eingreifen.«

 

 

Kapitel 2

Sie hatten ihn ausgesetzt.

Mitten in der Nacht.

Gerade mal eine Minute war das her. Eine Minute wie eine Ewigkeit jedoch. Sie hatten ihn aus dem Wagen geworfen, und er hatte diese verdammte Ewigkeit gebraucht, um sich aufzurappeln und überhaupt zu begreifen, wo er war.

Paul Brighenti hatte sich in seinem ganzen Leben nicht so verlassen gefühlt.

Er hatte niemanden mehr; keiner konnte ihm mehr helfen. Am allerwenigsten seine angeblichen Freunde vom FBI. In Sicherheit hatten sie ihn bringen wollen. Und nun?

Nun stand er mit dem Rücken zur Wand, aber das war nur bildlich gesprochen.

Die Wirklichkeit sah auf teuflische Weise anders aus. Nur dieses elende Brückengeländer war hinter ihm, und es reichte gerade mal bis zur Hüfte.

O Himmel, er hätte etwas darum gegeben, eine solide feste Wand im Rücken zu haben! Und festen Boden unter den Füßen. Nicht diese gottverdammte schwankende Brücke mit all dem Motorenlärm, bei dem man kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Nicht mal in der Nacht kam diese elende Stadt zur Ruhe. Dauernd waren irgendwelche Leute irgendwohin unterwegs. Verdammt, sie gingen ihm auf die Nerven, wie sie da vorbeirauschten und nicht im Traum daran dachten, von ihm Notiz zu nehmen.

Kein einziges von diesen gottverdammten Arschlöchern hielt an, um ihm zu helfen. Andererseits warum sollten sie?

Er stand ja nur da, schwankend wie ein Volltrunkener, mit dem Hintern an diesem verfluchten Geländer, und jenseits davon war nichts als schwarze Tiefe. Und ganz unten der East River, nur durch Lichtreflexe zu erkennen.

Frank Sinatras berühmter Song ging ihm durch den Kopf. Wie zum Hohn. Ausgerechnet jetzt.

Die Stadt, die niemals schläft... Wenn du es hier nicht schaffst, schaffst du es nirgendwo ... New York, New York...

Konnte er denn nicht einfach abhauen? Einfach losmarschieren? Es schien die Williamsburg Bridge zu sein, auf der sie ihn rausgeworfen hatten.

Er hatte die Wahl. Nach rechts, Richtung Brooklyn. Nach links, Richtung Manhattan. Oder an die Fahrbahnabgrenzung treten und ein Auto stoppen.

Er konnte schließlich nicht erwarten, dass hier irgendeiner anhielt, wenn er kein Zeichen gab, dass er mitgenommen werden wollte. So, wie er dastand, sah er nun mal aus wie ein abgefüllter Selbstmörder, der noch überlegte, ob er wirklich Selbstmörder werden wollte.

Und jemanden, der die finale Reise antreten wollte, hielt man nicht auf. Da mischte man sich nicht ein, wenn man New Yorker war und es sowieso eilig hatte.

Außerdem sah sein grauer Straßenanzug nicht mehr gut aus. Sie hatten ihn durch den Dreck gezogen, die Bastarde.

Warum, zum Teufel, hatte er sich bloß aus seiner Wohnung holen lassen? Ausgerechnet von diesen Handlangern, die normalerweise auf sein Kommando hörten. Aber sie waren zu viert gewesen. Ihre Einladung zum Spaziergang hatte er nicht ablehnen können.

Keine Chance. Er hatte nicht mal Zeit gehabt, einen Hilferuf abzusetzen. Heimlich Trevellians Kurzwahltaste auf dem Handy drücken, wie vereinbart - nicht mal das war möglich gewesen.

Was sie einen Spaziergang genannt hatten, war alles andere gewesen - nur kein Spaziergang. Er hatte es vorher gewusst schon, als sie die Wohnung betreten hatten. Schließlich hatte er selbst oft genug solche Rollkommandos losgeschickt.

Deshalb hatte er keine andere Wahl gehabt, als mitzugehen. Gegen die Übermacht.hätte er so oder so nichts ausrichten können. Und ihr bloßes Auftauchen bedeutete, dass er in Ungnade gefallen war.

Aber wie?

Wie, in aller Welt, hatte das geschehen können?

Drüben, auf diesem nach Abfällen stinkenden Parkplatz am Brooklyn-Ufer des East River, hatten sie ihn durch die Mangel gedreht. Sein ganzer Körper brannte und glühte noch jetzt von ihren Schlägen und Tritten.

Irgendwann, mittendrin in der Schmerzenhölle, hatte sein Handy geklingelt. Sie hatten ihn rangehen lassen und hatten ihm ihre Kanonen vor die Nase gehalten.

Sie hatten nur darauf gewartet, dass er ein Wort sagte. Dann hätten sie seinen Gesprächspartner den großen Knall mithören lassen die Begleitmusik zu seinem Abschied aus dem Leben.

Die G-men hatten ihren Teil des Abkommens eingehalten, ganz klar. Sie hatten seine Bude umstellt und waren auf jemanden gestoßen, den sie für ihn, Paul Brighenti, hielten. Der betreffende Typ musste ein Anfänger sein. Oder ein weiterer Selbstmörder.

Absolut hirnverbrannt, einen Cop anzuschießen, angesichts der Schwadron, die da wahrscheinlich aufmarschiert war.

Wie auch immer, Gonella hatte etwas spitzgekriegt. Aber wie, zum Teufel, war das möglich? Trevellian und Decker hatten ihm, dem Captain der Gonella-Familie, hoch und heilig versprochen, dass er so sicher sein würde wie in Abrahams Schoß.

Von dem geplatzten Scheingeschäft konnte Gonella unmöglich etwas erfahren haben. Was das bedeutete, jagte Brigenthi einen Schauer über den Rücken.

Es musste einen Verräter geben.

Seine Gedanken wurden unterbrochen. Ein dunkles Auto glitt langsamer werdend vorbei und stoppte in der Nothaltespur, ein paar Yard entfernt.

Ein Buick, Typ Park Avenue. Gleich darauf folgte ein schwarzer Chevrolet Trailblazer. Der bullige Offroader war ihm vertraut wie kaum ein anderer. Es war Rafe Gonellas Wagen, die Kiste, mit der er seine alltäglichen Fahrten erledigte.

Zwei Männer verließen den Buick und stiegen über die Fahrbahnbegrenzung. Der eine war groß und schlank, der andere einen halben Kopf kleiner und übergewichtig.

Schlendernd kamen sie näher, die Hände in die Hosentaschen vergraben. An ihren Hosengürteln blitzte Dienstmarken-Metall. FBI oder NYPD. Im Dunkeln war das nicht genau zu erkennen.

Paul Brighenti war versucht, aufzuatmen. Vielleicht war es gar nicht Gonellas Trailblazer, der da hielt. Dann waren es womöglich Kollegen von Trevellian und Decker, die ihn abholen wollten. Die Rettung also, zu guter Letzt?

Seine Hoffnung zerschlug sich im nächsten Augenblick.

Aus dem Trailblazer stieg ein untersetzter Mann mit rundem Schädel und schimmernder Platte. Auch sein buschiger Schnauzbart war nicht zu übersehen.

Rafe Gonella.

Ein Boss wie er im Buche stand. Keiner, der in seinem eleganten Büro saß und die Mordaufträge vom Schreibtisch aus erteilte. Nein, Gonella war ein Praktiker. Einer, der rausging und selbst mit anpackte.

So war er es gewohnt, denn er hatte sich von ganz unten hochgearbeitet, bis an die Spitze seiner Familie.

Eine blonde Frau schwenkte ihre langen Beine aus dem Offroader. Sie trug eine Kostümjacke zum ultrakurzen Rock. Brighenti kannte sie. Sie hieß Laurie und war eine der Tänzerinnen aus dem Ding Dong Daddy, Gonellas Disco-Stripschuppen in Queens. Ein Laden, der jeden Abend nur so brummte. Mit dem Geld, das Rafe dort machte, hätte er allein schon in Saus und Braus leben können.

Die beiden Bullen blieben vor Brighenti stehen und grinsten breit. Ihre Hände hatten sie aus den Hosentaschen genommen, sodass die Dienstmarken nicht mehr zu sehen waren. Sie bauten sich vor ihm auf.

Wenn man zu zweit einen Halbkreis bilden konnte, dann führten sie es vor. Der Große und sein voll gefressener Kollege sahen sich kurz an und einigten sich auf ein noch breiteres Grinsen.

Aus diesem verfluchten Halbkreis gab es kein Entrinnen. Nicht nach links oder rechts, nicht nach vorn nur nach ...

Paul Brighenti mochte nicht weiterdenken. Er erschauerte. Seine Zähne klapperten. Er konnte nichts dagegen machen.

Die beiden Cops kannte er nicht. Aber wenn sie echte Cops waren und mit Gonella gemeinsame Sache machten, dann war das Rätsel womöglich schon gelöst.

Vielleicht waren sie es gewesen, die den Boss informiert hatten über seinen, Paul Brighentis, Deal mit dem FBI. Brighenti hätte heulen können vor Wut. O verflucht, und er hatte keine Chance, Trevellian und Decker zu warnen.

Rafe Gonella schob sich zwischen die beiden Männer.

»Du kennst Laurie?«, sagte er.

»Ja«, krächzte Brighenti.

»Sie hat Talent, wie du weißt. Sie soll es dir ein bisschen angenehmer machen.« Er winkte Laurie nach vorn. »Wir haben so verdammt lange gut zusammengearbeitet, Paul. Das weiß ich zu würdigen. Wenn du willst, ist die Süße noch mal richtig nett zu dir.«

Sie ging bereits vor ihm in die Knie und machte sich an seiner Hose zu schaffen.

»Nein!«, schrie Brighenti und schaffte es mit größter Mühe, sie wegzustoßen.

Laurie gab einen erschrockenen Laut von sich, stolperte rückwärts und fiel auf den Rücken. Keiner der Männer dachte daran, ihr aufzuhelfen.

»Undank ist der Welt Lohn«, sagte Gonella kopfschüttelnd. »Warum hast du mich bloß verraten, Paul? Du hattest es gut bei mir. Du hast genauso gut verdient wie ich selbst. Und plötzlich, von heute auf morgen, bedeutet dir das alles nichts mehr. Du bist ihnen in die Falle gegangen, stimmt's? Hast einen gottverdammten Fehler gemacht, wie ein Anfänger. Wie kann ein erfahrener Mann wie du auf ein Scheingeschäft reinfallen?«

»Woher weißt du das?«, stieß Brighenti entgeistert hervor.

Gonella und die beiden Cops lachten glucksend.

Gonella winkte ab. »Ich will nicht mit dir reden, Paul. Dafür ist es zu spät.« Er nickte den Männern zu.

Die beiden traten auf Paul Brighenti zu.

Dem Mann im verdreckten Straßenanzug setzte der Atem aus.

Trotz allem glaubte er es nicht. Nein, das würden sie doch nicht tun, doch nicht so etwas. Das konnten sie sich doch gar nicht leisten, als Cops. Und vor allem nicht in aller Öffentlichkeit, vor den Augen von ein paar hundert Autofahrern. Auch wenn es dunkel war, würden einige es bestimmt mitkriegen.

Ob unten auf dem East River noch Schiffe unterwegs waren? Klein wie Spielzeug mussten sie sein. Aber von da unten blickte bestimmt kein Skipper nach oben, um festzustellen, was sich auf der Williamsburg Bridge abspielte. Und Gesichter konnte auf die Entfernung erst recht keiner erkennen.

Er sah Laurie, wie sie an der Fahrbahnbegrenzung Halt gefunden und sich aufgerappelt hatte. Verstört wie ein kleines Mädchen sah sie ihn an.

Auf einmal tat es ihm in der Seele weh, sie so grob behandelt zu haben. Auf einmal sehnte er sich nach ihr und stellte sich vor, wie sie sich zärtlich an ihn schmiegte. Unendliche Traurigkeit befiel ihn, als ihm klar wurde, dass er sie nicht mehr zu sich rufen konnte.

Jetzt nicht mehr. Sie würde ihn auslachen. Und das mit Recht. Zu sehr hatte er sie gedemütigt.

Doch ihr Anblick machte ihm bewusst, was er im Leben versäumt hatte. Ausgerechnet jetzt musste ihm das vor Augen geführt werden.

Er hatte nie ans Heiraten gedacht. O verdammt, warum musste er es ausgerechnet jetzt tun? Er konnte nichts dagegen machen. Mit allen Fasern seiner Sinne sehnte er sich danach, das Girl an sich zu reißen, mit ihr zu fliehen und mit ihr zusammen zu sein - für immer.

Aber zu viel war ihm im Weg. Diese widerwärtigen Grinser, die Cops waren und doch keine Ehrenmänner. Der harte Stahl der Brücke. Der Motorenlärm auf den Fahrbahnen. Alles war gegen ihn, nur die Kleine nicht. Und er begriff nicht, dass er im Begriff war, in Panik auszubrechen. Die Panik packte ihn, ohne dass sein Verstand damit klarkam.

»Paul alter Junge ...« Gonella hatte sich doch noch einmal zum Sprechen entschlossen, und er sagte es mit väterlicher Verständnislosigkeit. Seine Stimme klang glatt wie Olivenöl. »Warum machst du bloß so einen Blödsinn! Ich verstehe einfach nicht, wie du so was tun kannst. Himmel du hast doch kein Stroh unter der Matte.«

Der Übergewichtige lachte wieder. Sein breiter Oberkörper ruckte dabei auf und ab, und sein fleischiges Gesicht schien sich auszudehnen.

Aber hatte Gonella sich nicht verständnisvoll angehört? Vielleicht hatte er sich besonnen, und es gab doch noch eine Möglichkeit zur Verständigung.

»Wir haben immer gut zusammengearbeitet, Rafe.« Brighenti sagte es so sachlich wie er konnte. Es sollte nur eine Feststellung sein. Denn mit Jammern würde er Gonella nicht beeindrucken, das wusste er.

Brighenti gewann Zuversicht, als er feststellte, dass sich im Gesicht des eigentlich gemütlich aussehenden Mannes nichts veränderte.

Im Grunde genommen war da nur Freundlichkeit zu erkennen. Freundlichkeit und das Bemühen, eine unangenehme Sache zur beiderseitigen Zufriedenheit aus der Welt zu schaffen.

Irrtum.

Die Ernüchterung traf Paul Brighenti wie ein Hammer.

Rafe Gonellas Mundwinkel formten ein Grinsen, das nichts als Verachtung spiegelte pure und abgrundtiefe Verachtung.

Dass Gonella den Cops einen herrischen Wink gab, kriegte Brighenti noch mit.

Dann, im nächsten Moment, ging alles viel zu schnell.

Der Große und der Übergewichtige bückten sich jäh. Fast verschwanden sie dadurch aus Brighentis Gesichtsfeld, denn in seinem elenden Zustand fiel es ihm schwer, den Kopf zu neigen. Und bevor er überhaupt mitkriegen konnte, was sich zu seinen Füßen tat, spürte er die Stahlklammern. Hände wie Stahlklammern. An seinen Fußgelenken. Die Hände der Cops. Laurie schrie auf.

Paul Brighenti glaubte, zu fliegen. Er wurde hochgerissen, versuchte noch, das Geländer zu erfassen. Aber seine Arme ruderten leer, quirlten nur die Luft.

Er sah Laurie nicht mehr, hörte nur noch ihre Schreie und sehnte sich ein letztes Mal nach ihr.

Er prallte mit dem Rücken gegen eine Stahlkante. Die Welt hatte sich auf den Kopf gestellt. Die Wolkenkratzer mit ihren vielen Lichtern hingen mit den Spitzen nach unten in der schwarzblauen Leere des Nachthimmels.

Und Laurie hörte nicht auf zu schreien. Er konnte sie nicht mehr sehen. Nur ihre Schreie stachen in seine Ohren schmerzhafter und grausamer als jede andere Art von Lärm.

Sie hielten ihn fest mit ihren Stahlklammerhänden.

Kopfüber hing er außen vor dem Brückengeländer.

Das Blut rauschte ihm in den Kopf, und er versuchte, sich hochzukrümmen. Er wollte nicht glauben, dass dies mit ihm geschah. Nein, Himmel, nein, das konnte nur einer von Gonellas schlimmen Scherzen sein.

Er streckte sich, und weil sein Kopf sich dabei etwas in den Nacken bog, sah er die Stecknadelkopf großen Positionslichter eines Schiffs.

Die Todesangst fiel ihn an wie eine Tonnenlast. Und er hörte sich selbst flehen.

»Rafe, pfeif sie zurück! O verdammt, hört auf damit! Bitte! Zieht mich wieder hoch! Gott verflucht ich war dein bester Mann, Rafe! Bitte!«

Laurie schrie die ganze Brücke zusammen. Da musste es doch langsam einen Verkehrsstau geben. Warum, zum Teufel, hielt denn niemand an? Warum kam ihm keiner zu Hilfe?

Der große Cop beugte sich über das Geländer. Er lachte schadenfroh.

Auch Gonella war jetzt zu sehen. Er schüttelte mitleidig den Kopf.

»Du liebe Güte, Paul wenn du dich jetzt sehen könntest!«

Dem ehemaligen Captain schwanden die Sinne. Rote und schwarze Kreise drehten sich vor seinen Augen. Er hörte Gonellas höhnisches Lachen.

Lauries Schreie wurden leiser, schienen in einem Wattebausch zu ersticken.

Noch immer beachtete sie kein Mensch. Kein Schwein. Deshalb schrie Brighenti nun auch so laut er konnte. Wenigstens seine Stimmbänder funktionierten noch, obwohl sein Kopf so verdammt schwer und umnebelt war und dieses elende Tonnengewicht seines Körpers ihn nach unten drückte und seinen Hals zuschnürte.

Auf einmal waren die Stahlklammern weg.

Diese Hände wie Stahl.

Nicht mehr da.

Start spreading your wings, sang Sinatra in seinem Kopf fang an, deine Flügel auszubreiten ...

Und die letzte Sekunde seines Lebens war Entsetzen. Grauenvolles Entsetzen. Er sah das dunkle Wasser auf sich zurasen und hörte das Schrillen seiner eigenen Stimme, bis ein anderer, mächtigerer Laut sie auslöschte.

Ein gewaltiger, dröhnender Glockenschlag.

Die Glocke hallte und hallte und nahm ihn auf wie ein Trichter.

Der Trichter endete in einem Licht, das so hell war, als ob die Sonne explodierte.

 

*

 

Sarah konnte leise und feinfühlig sein, höflich und zurückhaltend, verständnisvoll und fürsorglich. Ich staunte, als ich sie so erlebte. Denn es hatte eine Zeit gegeben, da war sie meine Dienstpartnerin gewesen - vorübergehend.

Doch in jener Zeit hatte sie Türen eingetreten, statt anzuklopfen, und sie hatte erst die Dienstwaffe benutzt und dann Fragen gestellt. Falls es noch Fragen gab.

Inzwischen war sie etwas besonnener geworden.

Special Agent Sarah Anderson - unsere Kollegin.

Dunkelhaarig und sportlich war sie, noch dazu attraktiv wie ein Model. Sämtliche Kollegen des FBI Field Office New York hatten mich damals beneidet, als ich Sarah beibringen durfte, wie man die raue Wirklichkeit im Alltagsdienst eines FBI-Agenten bewältigte.

Frisch von der Akademie war sie gekommen, doch schon damals war sie hart wie Stahl gewesen. Gangster, die geglaubt hatten, in ihr eine zarte Frau vor sich zu haben, hatten den Schock ihres Lebens erlitten.

Sarah hatte solche Kerle ruck, zuck auseinander genommen, und im Hospital, während ihre Knochen neu geordnet wurden, hatten diese Burschen noch immer nicht kapiert, was für ein Stahlgewitter da über sie gekommen war.

In dieser Nacht, im Bellevue Hospital, war Sarah die Weichherzigkeit in Person.

Behutsam führte sie Rosetta Parrotte aus dem Krankenzimmer, in dem Mickey Labate untergebracht worden war. Er trug einen dicken Schulterverband.

Ich saß auf dem Stuhl neben seinem Bett. Doktor Svensson, der Stationsarzt der Unfallchirurgie, checkte noch einmal die Liste mit Mickeys neuesten Untersuchungswerten. Dann steckte er das Klemmbrett mit der Liste zurück in eine Halterung am Fußende.

»Bye, Baby, bis später!«, rief Rosetta von der Tür her. Sie hob die Handfläche und hauchte Mickey einen Kuss herüber.

»Wir sehen uns, Baby«, antwortete er matt, lächelte und wollte mit der gesunden linken Hand winken. Doch in halber Höhe ließ er den Arm wieder sinken.

Sarah führte Rosetta behutsam hinaus und nickte mir noch einmal zu. Die Freundin des hageren Mobsters erhielt ein Zimmer auf demselben Flur. Wegen des Schocks, den sie vermutlich erlitten hatte, sollte sie über Nacht beobachtet werden.

Außerdem war es für uns wichtig, die beiden in unmittelbarer Nähe unterzubringen, weil sie bewacht werden sollten. Sobald es ihm besser ging, würde Mickey voraussichtlich ins Gefängnishospital von Rikers Island gebracht werden.

Für Rosetta mussten wir nach der Entlassung aus dem Bellevue Hospital eine andere sichere Unterkunft suchen. Einzelheiten standen jedoch noch in den Sternen. Zuerst musste ich mit Mickey über seine Zukunft reden. Eine Rolle spielte außerdem, was aus Paul Brighenti geworden war.

Jennifer Johnson, Sarahs Kollegin, hielt sich gemeinsam mit Milo bei der Stationsschwester auf, um die Einzelheiten über Rosetta Parrottes Unterbringung und Bewachung zu besprechen. Mein Partner hatte bereits unseren Chef angerufen.

Mr McKee würde sich in Kürze telefonisch melden und uns wissen lassen, wie er die Bewachung organisiert hatte. In Frage kamen für diesen Job der US Marshals Service oder das NYPD.

Jennifer Johnson und Sarah Anderson gehörten der OCO an, unserer Task Force.

»Wenn es Sie zu sehr anstrengt, Mister Labate«, sagte Doktor Svensson, »bitten Sie Mister Trevellian, das Gespräch zu beenden und morgen fortzusetzen.«

»Machen Sie sich keinen Kopf, Doc«, erwiderte Mickey und versuchte ein Lächeln. »Ich habe schlechte Behandlung verdient.«

Der Arzt wechselte einen Blick mit mir. »Hier bei uns sind alle Menschen gleich«, antwortete er. »Wir machen Sie wieder fit, Mister Labate. Und wenn Sie das geschafft haben, können Sie sich mit Selbstvorwürfen überhäufen, so viel Sie wollen.«

»Das werde ich tun, Doc. Darauf können Sie sich verlassen.«

Svensson sah mich. »Werden Sie ihm diesen Unsinn ausreden?«

»Ich werde es versuchen«, antwortete ich und fügte lächelnd hinzu. »Obwohl er es eigentlich nicht verdient hat.«

Doc Svensson verabschiedete sich von uns mit einem Nicken. Die Tür fiel klickend hinter ihm zu. Eine Weile blieb es still. Eine hektische Befragung war nicht das, womit ich anfangen wollte.

»Danke«, sagte Mickey mühsam.

»Wofür?«

»Dafür, dass Sie mich vor dem schlimmsten Fehler meines Lebens bewahrt haben.«

»Ach.« Ich spielte den Ahnungslosen. »Haben Sie einen Fehler gemacht? Ich erinnere mich nicht.«

»Ich wollte Sie erschießen«, klärte er mich mit einer Offenheit auf, die mich verblüffte. Ein anderer an seiner Stelle hätte versucht, die Geschichte zu überspielen und um den heißen Brei herumzureden.

»Okay«, entgegnete ich. »Es ist Ihnen nicht gelungen.«

»Trotzdem war es ein Mordversuch.«

»Wollen Sie unbedingt die Höchststrafe?«, sagte ich stirnrunzelnd.

»Ich hätte es verdient.«

»Ach, du lieber Himmel!« Ich schüttelte den Kopf. »So eine Situation erlebt unsereiner selten, Mister Labate.«

»Nennen Sie mich Mickey. Was für eine Situation?«

Ich erlaubte ihm, mich ebenfalls mit dem Vornamen anzusprechen. Es war wichtig, Vertrauen aufzubauen. »Eine Situation«, erklärte ich, »in der der Täter sich selbst schlecht macht und der Ermittler ihm sagen muss, dass er gar nicht so schlimm ist.«

»Und das bin ich, dieser Täter?« Mickey sah mich ungläubig an. »Wofür sollte ich denn wohl Milde zu erwarten haben?«

»Das kommt darauf an, wie es weitergeht mit Ihnen.«

Er runzelte die Stirn, dachte offenbar angestrengt über meine Worte nach. »Verstehe ich nicht«, sagte er dann. »Ich hätte Sie umgelegt, und einen von den Emergency Cops habe ich angeschossen wie geht es dem überhaupt?«

»Warten Sie mal.« Ich nahm den Hörer des Festnetztelefons neben Mickeys Bett und drückte die Taste für das Stationszimmer. Ich bat die Schwester, mir Milo zu geben.

»Die Kolleginnen werden das jetzt als frauenfeindlich ansehen«, sagte er.

»Was?«, entgegnete ich. »Dass ich dich verlangt habe und nicht Sarah oder Jennifer?«

»Exakt.«

»Dann entschuldige dich für mich«, erwiderte ich und grinste das Telefon an. »Sage ihnen, dass ich im Affekt gehandelt habe. Typisch männlichverwerfliches Verhalten, aus alter Gewohnheit den Dienstpartner zu verlangen. Wenn du dich entschuldigt hast, frag doch bitte, wer von den beiden Kolleginnen meine Frage entgegennehmen möchte.«

»Moment.« Ich hörte die beiden kichern, als Milo weitergab, was ich gesagt hatte. Dann erwiderte er: »Sie müssen beraten. Sie wollen eine gerechte Entscheidung treffen. Keine von beiden soll sich benachteiligt fühlen. Frauen sind eben fairer als Männer.«

»Verstehe«, entgegnete ich. »Vielleicht kannst du in der Zwischenzeit herausfinden, wie es dem Kollegen geht, der auf dem Dach der Brighenti-Wohnung angeschossen wurde.«

»Warte. Doc Svensson ist gerade hier.« Milo gab meine Frage an den Doc weiter und meldete sich dann wieder. »Der Mann ist über den Berg. Ein Oberarmdurchschuss. Er hat viel Blut verloren, und sie mussten ihm Konserven geben. Aber er schafft es. Das ist sicher.«

Ich bedankte mich und gab die Information an Mickey Labate weiter.

Er atmete auf und sah mich eine Sekunde lang sinnierend an.

»Bei diesem Einsatz«, sagte er gedehnt, »wollten Sie eigentlich Paul Brighenti schnappen. Richtig?«

»So ist es«, antwortete ich. Mehr sagte ich ihm nicht. Noch nicht. Denn ich sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

Er kratzte sich mit der gesunden Hand am Kinn. Sein rechter Arm war fixiert, hing bis zur Schulter hinauf dick verbunden an einer galgenartigen Konstruktion.

»Wissen Sie was, Jesse?« Er sagte es leise und bedrückt.

»Nein«, antwortete ich.

»Ich glaube, ich weiß, warum er mir so plötzlich die Wohnung geschenkt hat.«

»Er?«

»Gonella.«

Ich war versucht, einen Pfiff auszustoßen, ließ es aber. »Und warum?«

»Erstens, weil er mir was Gutes tun wollte. Ich habe gute Arbeit geleistet, und er war mit mir zufrieden. Die Bude sollte so was wie eine Belohnung sein. Auch mit Hinblick auf später. Ich sollte Made Man werden. Das hat er mir versprochen.«

Ein Made Man - gemachter Mann - war im Sprachgebrauch der Mafia ein Vollmitglied. Einer, der nach dem alten Ritual aufgenommen wurde und nur noch durch Tod ausscheiden konnte.

»Und zweitens?«, fragte ich.

»Als Gonella mich zu sich bestellt hat, war es später Vormittag.« Mickey atmete tief durch und wartete einen Moment, um Kraft zu schöpfen. »Er hat mir die Wohnungsschlüssel gegeben. Von wem hatte er die wohl? Von Brighenti persönlich, ist doch klar. Dann habe ich Rosetta abgeholt, und es war früher Nachmittag, als wir reingegangen sind. Die Putzfrau war gerade fertig und machte Feierabend. Brighenti war früh aufgestanden. Sonst schläft er meist bis mittags. Er hatte ihr einen Zettel hinterlassen mit ein paar Anweisungen fürs Saubermachen.«

»Sie meinen, Gonella brauchte Sie als Lückenbüßer. Aber warum?«

»Wenn man drüber nachdenkt, kommt man drauf.«

»Das fällt mir schwer«, behauptete ich und zwinkerte.

Mickey verstand meinen Spott, schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. »Gonella muss etwas über Brighenti erfahren haben«, erklärte er. »Wahrscheinlich erst heute Morgen. Er wollte Zeit gewinnen, deshalb hat er mich in die Bude gepflanzt. Ihr Jungs solltet euch erst mal eine Weile mit mir beschäftigen. Ergibt das einen Sinn?«

Ich sah ihn an. Dann, nach einem Moment nickte ich nachdenklich. »Ja«, sagte ich dann. »Wenn es so ist, wie Sie sagen, Mickey, dann brauchte Gonella Zeit, um das Problem Brighenti aus der Welt zu schaffen.«

Mickey wäre kein Mobster gewesen, wenn er nicht sofort begriffen hätte, was ich meinte.

»Brighenti war also ein Problem«, folgerte er.

Ich beantwortete die Frage nicht, aber er dachte sich seinen Teil und grinste.

»Also war er«, stellte er fest und nickte. »Ist Ihnen klar, was das bedeutet, Jesse?«

Ich nickte düster.

Mickey sprach es aus: »Bei euch gibt es eine Ratte. Oder nennt ihr das anders?«

Im Mafia-Wortschatz stand Ratte für Verräter.

Ich mochte noch nicht darüber nachdenken, welche Konsequenzen die Vermutung des Jungen haben würde.

»Und Sie, Mickey?«, fragte ich erst einmal. »Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?« Er wusste, was ich meinte.

»Wie gesagt, ich habe für Gonella gute Arbeit, geleistet«, erwiderte er deshalb. »Ich hätte Karriere gemacht bei ihm. Ich habe einen Truck für Bio Müll gefahren, wissen Sie. Restaurantabfälle weggekarrt und so. Außerdem habe ich Inkassotouren und Kurierfahrten gemacht. Was meinen Sie, wie viel Bargeld ich hin und her bewegt habe! Ich kann Ihnen die Typen nennen, die für Rafe die ganze Kohle waschen auf den Bahamas und so. Außerdem habe ich bei privaten Pokerrunden, die Rafe veranstaltete, den Organisator und Caterer gemacht. Wegen meiner Zuverlässigkeit. Was meinen Sie, was für Leute an solchen Runden teilgenommen haben und was ich alles aufgeschnappt habe!«

Ich hatte längst verstanden. Ich tat trotzdem, als müsste ich ihn erst überzeugen.

»Schon mal vom Zeugenschutzprogramm gehört?«, fragte ich.

»Und ob!«, strahlte er. »Darauf wollte ich doch die ganze Zeit hinaus. Das wäre genau das Richtige für Rosetta und mich. Irgendwo ganz neu anfangen, wo uns keiner kennt.«

»Das ist es, was Sie wollen?«

»Na klar, Mann!«

 

*

 

Der September ging in die zweite Woche und wollte es noch einmal wissen. Der Indian Summer zeigte uns, dass er durchaus noch was von einem richtigen Sommer haben kann. Wie an diesem jungen Tag.

Die Sonne knallte schon am frühen Morgen vom wolkenlosen Himmel auf die Stadt, dass Glas, Beton und Backstein im Handumdrehen zu Wärmespeichern wurden. In den Straßenschluchten verloren auch die Schattenzonen ihre kühlende Wirkung, und die Abgase der Autos steuerten ihre unverwechselbare Duftmarke zu jener stickigen Heißluft bei, vor der die Menschen im Hochsommer aus dem Big Apple flohen, so lange es ihnen die Zahl ihrer Urlaubstage nur ermöglichte.

Als ich Milo um halb sieben an unserer üblichen Ecke abholte, hatte ich bereits die Klimaautomatik meines Sportwagens eingeschaltet. Die Anlage lief auf Hochtouren, um die vorgegebenen 24 Grad Celsius zu erreichen. Milo faltete sich mit geübter Beinarbeit auf den Beifahrersitz und zog rasch die Tür zu.

»Das liegt an der Windschutzscheibe«, stellte er zur Begrüßung fest. »Die ist viel zu groß und zu flach.«

»Aha«, sagte ich und fädelte den roten Renner in den fließenden Verkehr ein.

Noch lief es relativ zügig. Wir erreichten den Columbus Circle in der Rekordzeit von zehn Minuten. Wie üblich hatte mein Freund mir nur das Ergebnis der Überlegungen mitgeteilt, die er zuvor gewälzt hatte. Menschen, die verstehen wollen, was er meint, müssen seine mutmaßlichen Anfangsgedanken durch Rückkombinationen zu ergründen versuchen.

Ich bin der Mensch, der dazu am häufigsten gezwungen ist. Weil Milo und ich die meiste Zeit eines Tages miteinander verbringen. Aus dienstlichen Gründen.

Ich bog aus dem Kreisverkehr in die 8th Avenue ab. Der Verkehr wurde zähflüssiger. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sank auf 30 Stundenkilometer. Die gefühlte Durchschnittsgeschwindigkeit war Schneckentempo.

»Erinnere dich mal an deinen guten alten Wagen«, verlangte Milo. »Da war die Windschutzscheibe nur halb so groß und viel steiler, fast senkrecht.«

»Ja, stimmt«, gab ich ihm Recht.

»Ja, und?« Er sah mich an, auf eine Antwort wartend wie ein Lehrer, den die Begriffsstutzigkeit seiner Schüler an den Rand der Verzweiflung brachte.

»Der Luftwiderstand war größer«, erwiderte ich.

»Nein!«, stöhnte Milo und schlug sich die flache Hand vor die Stirn.

»Doch«, entgegnete ich aufsässig. »Der Fortschritt hat eben seinen Preis. Geringerer Luftwiderstand ergibt geringeren Benzinverbrauch. Dafür wird's drinnen ein bisschen wärmer.«

Natürlich hatte ich mir längst zusammengereimt, was er meinte. Flache, große Windschutzscheibe ergibt schnellere Aufheizung durch Sonneneinstrahlung. Aber gerade das wurde ja durch die isolierende Wirkung der modernen Verbundscheiben wieder aufgehoben.

»Natürlich stimmt das mit dem Luftwiderstand«, entgegnete Milo unwillig. »Aber du musst dich doch erinnern, dass es in dem alten Wagen bei Hitze kühler war. Da brauchtest du die Klimaanlage erst viel später einzuschalten.«

»Ja, stimmt!«, rief ich. »Jetzt, wo du es sagst, erinnere ich mich!«

Ich erntete einen erstaunten Seitenblick. Milo hatte natürlich den begründeten Verdacht, dass ich nicht meinte, was ich sagte. Schließlich kannte er sich selbst. Wenn ich widersprochen hätte, wäre der Rest der Fahrt für eine heiße Diskussion draufgegangen. So aber verfielen wir in wohltuendes Schweigen und genossen den Ausblick auf die Blechlawine und die Gebäudefassaden.

In Höhe der 42nd Street flackerte das Lämpchen des Funkgeräts auf. Milo schaltete den Lautsprecher ein und meldete sich.

»Mr McKee erwartet euch gleich um acht Uhr«, teilte der Kollege aus der Funkzentrale mit.

Milo bedankte sich und klinkte das Mikro ein.

Ich hatte den Chef noch in der Nacht aus dem Bellevue Hospital angerufen. Das Ergebnis meines Gesprächs mit Mickey Labate hatte ich ihm einfach mitteilen müssen. Mr McKee war über meinen Anruf froh gewesen. Der Verdacht, einen Verräter in den eigenen Reihen zu haben, musste entweder sofort ausgeräumt, oder der Betreffende musste aufgespürt werden schnellstens und unter allen Umständen.

Kurz vor halb acht trafen wir an der Federal Plaza ein. Kurz bevor ich den Sportwagen in die Tiefgarage lenkte, war die Außentemperatur bereits auf 30 Grad geklettert. Im FBI-Gebäude herrschten angenehme 20 Grad. Die Klimaanlage arbeitete wieder einmal perfekt. Das galt auch für den Fahrstuhl, mit dem wir in den 23. Stock fuhren.

In unserem gemeinsamen Büro hatten wir gerade mal Zeit, die Computerterminals anzuwerfen und den Mail-Eingang zu checken. Umfangreiche Dateien waren eingegangen. Die Emergency Service Unit hatte ihren Bericht über den gestrigen Einsatz in Bensonhurst, Brooklyn, geschickt. Auch über die Arbeit der Spurensicherer war ein Bericht eingegangen.

Die Scientific Research Division hatte wie immer rasche Arbeit geleistet. Der Datenverbund der New Yorker Polizeidienststellen war ein Hochleistungssystem. Informationen gelangten stets schnellstens dorthin, wo sie gebraucht wurden.

Wir ließen die Terminals laufen und begaben uns zum Chef. Mandy, seine Sekretärin, hatte frisch aufgebrühten Kaffee für uns parat.

Mr McKee telefonierte gerade mit Washington, deshalb mussten wir noch einen Moment warten. Mandy verriet uns, dass er Edward G. Homer in der Leitung hatte, den Leiter der Field Operation Section East.

Ich vermutete, dass Mr McKee über unseren Verdacht berichtete. Natürlich musste Homer über eine Angelegenheit von solcher Tragweite sofort unterrichtet werden.

Jemand aus unseren eigenen Reihen arbeitete für das organisierte Verbrechen.

Dieser Mann verriet unsere Aktionen an den Mob und speziell an Rafe Gonella.

Davon mussten wir nach dem augenblicklichen Stand der Dinge ausgehen.

Es war ungeheuerlich.

Eines von Mandys vielen Telefonen summte. Sie meldete sich, sagte »Ja, Sir.« und legte wieder auf. »Der Chef erwartet euch jetzt«, teilte sie uns mit.

Jonathan D. McKee sah so ausgeruht und energiegeladen aus. Wir kannten ihn überhaupt nicht anders. Aus seiner Miene war der Ernst der Lage abzulesen.

Mit einer Handbewegung wies er auf die Besuchersessel. Wir setzten uns. Mandy brachte den Kaffee, und gleich darauf waren wir wieder unter uns.

»Bevor wir uns mit der eigentlichen Angelegenheit beschäftigen«, sagte er, »habe ich eine neue Nachricht für Sie.« Er hob einen E-Mail-Ausdruck auf. »Die Harbor Police meldet einen Leichenfund.«

Milo und ich setzten die Kaffeetassen ab, die wir gerade angehoben hatten.

»An der Einmündung des East River in den ehemaligen Navy Yard wurde eine Leiche angetrieben«, fuhr der Chef fort. »Es wurden keine äußerlichen Verletzungen festgestellt, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Selbstmord liegt also auch im Bereich des Möglichen. Die Identifizierung war kein Problem. Die Hafen-Cops erkannten den Mann, weil er oft genug in den Zeitungen und im Fernsehen zu sehen war - zusammen mit Rafe Gonella.«

»Paul Brighenti«, stöhnte ich.

Damit hatten sich unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Brighenti war aufgeflogen, bevor wir unsere Zusammenarbeit mit ihm überhaupt hatten beginnen können. Und er war sofort umgebracht worden, ohne den geringsten Zeitverlust.

»Gonella hat teuflisch schnell zugeschlagen«, sagte Milo niedergeschlagen.

»Ich habe gerade mit Mr Homer gesprochen«, berichtete der Chef. »Er ist der Meinung, dass die Sache unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit dringen darf. Strengste Geheimhaltung also. Homer meint, dass wir den Ruf der Polizei und des FBI als Ordnungsmacht im Staatsapparat nicht untergraben dürfen. Also keine Pressemitteilung, bevor wir nicht dazu gezwungen sind.«

»Weil nicht sein kann, was nicht sein darf«, folgerte ich kopfschüttelnd.

»Korrupte Cops oder G-men darf es nicht geben«, fügte Milo hinzu. »Sollte es eigentlich nicht geben. Aber wenn es in diesem Fall so ist, wollen wir es dann leugnen?«

»Überflüssige Diskussion«, erklärte Mr McKee. »Homers Anweisung wird sich von selbst ad absurdum führen, weil die Journalisten findig genug sind, auch ohne uns aufzudecken, was im Fall Brighenti geschehen ist.«

»Jedenfalls können wir den Kreis der Verdächtigen ziemlich genau einschränken«, sagte ich. »Erstens: Wer hat davon gewusst, dass wir Brighenti umgedreht haben? Zweitens: Wer hat von der Scheinfestnahme gewusst?«

»Erstens: alle Mitglieder der Task Force OCO«, sagte Milo. »Zweitens: zusätzlich die Kollegen von der ESU.«

»Letztere können wir als zweitrangige Verdächtige betrachten«, entschied Mr McKee. »Im Einsatzbefehl für die ESU stand nichts über den Grund der Scheinfestnahme.«

»Niemand außerhalb der OCO?«, fragte ich.

Jonathan D. McKee schüttelte energisch den Kopf. »Ich habe mit dem Commissioner gesprochen. Es sind keine Informationen über die Task Force hinausgegangen. Wir werden eine Sitzung aller Mitglieder veranstalten und die Fakten auf den Tisch legen. Ich rechne zwar nicht damit, dass der Verräter sich reumütig zu erkennen gibt. Aber es dürfte ein Schuss vor den Bug für ihn sein.«

»Ich kann mir noch immer nicht vorstellen«, sagte ich, »dass es einer von uns sein soll.«

»Einer von uns«, ergänzte Milo, »oder einer vom Police Department.«

 

 

Details

Seiten
194
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933796
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505109
Schlagworte
jesse trevellian mafia-cops

Autor

Zurück

Titel: Jesse Trevellian und die Mafia-Cops