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Gebrandmarkt

2019 188 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gebrandmarkt

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

8.

9.

10.

Gebrandmarkt

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 188 Taschenbuchseiten.

 

Bis an den Rand dessen, was ein Mann ertragen konnte, wurde Eric Lancaster getrieben. Man zerschlug ihm sein Glück, zerschmetterte seine Zukunft, setzte ihm ein Brandmal auf und trieb ihn mit gnadenloser Härte über die Sierra Nevada. Und dort, wo er nach dem Willen seiner Feinde sterben sollte, dort fand er zu sich selbst zurück. Schier Unerträgliches wurde ihm abverlangt, aber allen Gewalten zum Trotz kämpfte er sich durch.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Klaus Dill, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1.

Als Morris Borgin mit jähem Ruck sein Vier-Pferde-Gespann zum Halten brachte, stiegen die vorderen Gespanntiere kerzengerade in die Höhe. Ihre Vorderhufe wirbelten durch die Luft. Leder und Ketten barsten fast unter dem Druck ihrer Körper. Morris wurde unsanft gegen das Gepäck seiner Fahrgäste geworfen, das er hinter sich auf dem Verdeck der Postkutsche verstaut hatte. By Gosh, Morris Borgin spürte einen verdammt unangenehmen Druck im Magen.

Fest stemmte er seine Stiefel gegen das Haltebrett. Seine Muskeln drohten unter dem Druck der Zügel zu bersten.

Die Gespanntiere schienen sich gegen seinen Willen aufzubäumen. Sie wollten weiter, nach einem alten, ihnen eingeprägten Rhythmus, der hier auf offener Strecke, inmitten der sandigen Dünen, der Hitzeschleier und Sonnenglut, der Dürre und Wildnis abgerissen wurde.

Morris stieß einen Fluch aus, erregt und wütend, aber nicht allzu laut, sich noch rechtzeitig daran erinnernd, dass er Passagiere in der Postkutsche hatte, die jetzt, neugierig geworden über das unvorhergesehene Anhalten, ihre Besorgnis zeigten.

„Fahrer, was ist los?“, gellte die vibrierende Stimme eines kleinen Mannes zu ihm hin.

Morris wartete, bis die Tiere sich beruhigt hatten, wickelte die Zügel um den Peitschenstiel. Er gab keine Antwort, denn inzwischen musste der Rufer den Grund des Haltens wohl erkannt haben.

Seinem erschrockenen Ausruf folgte das spitze Schreien zweier Frauen, und gleich darauf grollte eine dumpfe Bassstimme:

„Caramba, Carambota!“

Nein, hinter den Dünen zeigten sich keine schussbereiten Winchester oder Coltläufe, keine Reiter preschten heran, um die Ladung der Postkutsche zu übernehmen. Auch kein Desperado lauerte am Wegesrand. Es war kein Rad zersprungen und auch den Pferden fehlte nichts.

Der Grund, warum Morris Borgin so plötzlich angehalten hatte, stand nur acht Yards entfernt an einem Fettholzgebüsch und war ein großes, graues, starkknochiges Pferd, mit einem Fell, unter dem die Rippen sichtbar waren, und einem hässlichen Kopf, der sich langsam hob.

Gesattelt stand das Tier da, und als Morris vom Bock über die Radnabe hinweg zu Boden sprang, schmetterte es ein grelles Wiehern heraus, kräuselte die Unterlippe, als ob es vor Spott und Hohn berste.

Unheimlich, seltsam menschlich war dieser Anblick. Er ließ Morris zurückprallen. Der Graue wich einen Yard weiter zum Fettholzgebüsch zurück, scharrte mit den Hufen und behielt die Männer, die aus der Kutsche stiegen, wachsam im Auge wie ein gut dressierter Hund.

„Dieser Gaul dort wird auf uns losgehen“, murmelte der kleine Mann und ließ seine Wieselaugen hin und her gleiten, so, als suchte er das Fettholzgebüsch zu durchdringen.

Morris blickte ihn an, verengte seine Augen.

„Doonegan, der Graue ist ein idealer Wüstengaul, einer von der Sorte, die sich von Disteln und Altholz ernähren können und dabei keine ihrer guten Eigenschaften verlieren. Schauen wir ihn uns näher an.“

Doonegan, so hieß der Kleine, schien nicht sonderlich von diesem Vorschlag begeistert zu sein. Sein gelbes, faltiges Gesicht verzog sich in Abwehr.

Er war ein Mann, der wohl nichts von Pferden verstand und noch nicht lange im Westen sein konnte. Seine Kleidung war städtisch, peinlich korrekt. Er trug eine geblümte Weste, Stehkragen, schwarze, enge Hosen, einen roten Überrock und eine schwarze Schleife.

„Borgin, ich habe Geschäfte in Albodan abzuwickeln. Zeit ist bei mir Geld. Wir verstehen uns doch?“

„Yeah, verteufelt gut verstehen wir uns“, zischte Borgin böse.

„Na, also, steig auf und fahr weiter! Im anderen Falle werde ich mich bei der Gesellschaft beschweren! Denke daran, dass du von dieser Gesellschaft bezahlt wirst und sie das große Interesse daran hat, dass die sich ihr anvertrauenden Gäste gut behandelt werden und schnell zum Ziel kommen. Ein Fahrer müsste auf jeden Fall in diesem Sinne handeln.“

„Freund, das ist deine Einstellung, aber i c h denke nicht daran, weiterzufahren, bevor ich nicht den Grauen unter die Lupe genommen und die Umgebung abgesucht habe. Schau hin ... ein reiterloses Pferd!“

„Was stört das uns? Wer weiß, wo der Reiter aus dem Sattel geschleudert wurde. Borgin, es ist einfach unmöglich, mehrere Stunden mit erfolgloser Suche zuzubringen. Meine Geschäfte ...“

„Lass mich damit zufrieden, Doonegan“, unterbrach ihn Borgin schrill und setzte sich langsam auf den Grauen zu in Bewegung, hetzte noch über die Schulter:

„Wenn du es so eilig hast, nimm dein Gepäck und geh die letzten achtzig Meilen zu Fuß. Nimm deinen Gorilla gleich mit!“

„Zum Teufel, Borgin, bleib stehen!“

Irgendetwas war in der Stimme des giftigen Zwerges, was einen ekligen Beigeschmack hatte. Morris fuhr herum und blieb wie erstarrt stehen.

Der dunkelhäutige Mex neben dem Kleinen hatte sein Eisen gelüftet. In fast lässiger Art stand der hagere, dürre Kerl mit den blutleeren Lippen, den zu eng stehenden schwarz funkelnden Augen neben dem Kleinen und hielt den 45er Colt auf Morris gerichtet.

Morris Borgin war ein Riese, ein Mann, der nur aus Muskeln und Sehnen bestand, ein Mann, der sein Leben lang sich den Wind um die Nase hatte pfeifen lassen, nichts anders kannte als stampfende Pferde, rollende Räder, Staub, Regen und Sonnenschein. Kalt lief es seinen Rücken herunter. Gegen eine Kugel halfen keine Bärenkräfte.

Überrascht stieß er den Atem aus. Vielleicht sah er die beiden, die vor drei Tagen bei einem Pferdewechsel auf einer kleinen Station zu ihm in die Postkutsche gestiegen waren, jetzt zum ersten Mal mit ganz anderen Augen.

Yeah, der Kleine war nicht so harmlos, wie es beim ersten Eindruck schien, und er war auch nicht krank. Die Art, wie er grinste, wie er die Situation auskostete, bestätigte die Vermutung, dass er gewohnt war, zu befehlen, und diesen Befehlen auch den nötigen Nachdruck zu verleihen wusste.

„Doonegan, ein reiterloses Pferd auf dieser Strecke verpflichtet jeden, der es sieht, nachzuschauen, ob er helfen und möglicherweise retten kann. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz der Prärie und Menschenpflicht. Es wäre besser, du würdest nicht versuchen, mich daran zu hindern. Jeder kann in diesem Lande in eine Situation kommen, in der er auf fremde Menschen angewiesen ist.“

„Das scheint mir auch so“, lächelte Gary Doonegans Begleiter befriedigt, hob dabei seine Waffe und strich sich betont langsam mit dem Eisen über die dunkle Stirn, schob mit dem Lauf seinen Stetson in den Nacken. Der Kerl zeigte seine niedrige Stirn, den tiefen Haaransatz, der gleich zwei Finger breit über der Nasenwurzel begann. Gekleidet war er ausgesprochen seltsam. Er trug eine buntfarbene Decke, in die er ein Loch geschnitten hatte, damit der Kopf herausragte, als Überhang, auf dem die Patronengurte über Kreuz geschnallt waren. Dazu eine gelbe Kakihose, die an den Seiten aufgeschlitzt war und die nackte Haut seiner krummen Beine sehen ließ. Um seine Waden trug er Leggins aus Rohleder, gleich den Gauchos, wenn sie einem Rind das Fell abgezogen und die noch dampfenden Fellstreifen mit dem frischen Blut um die Füße banden.

„Du siehst, mein Freund Pedro ist dafür, dass wir weiterfahren, Borgin“, sagte Doonegan sanft. Er zog dabei die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, schob mit beiden Daumen die knallig rote Jacke zurück, sodass auf der bunt geblümten Weste die Lederriemen der Schulterholster sichtbar wurden.

Himmel, das war eine Drohung, die nicht misszuverstehen war. Eine Gebärde, wie sie nur Killer anwandten.

Morris biss sich in die Unterlippe, warf seine Blicke von einem zum anderen. Kalt und höllisch wachsam starrten sie ihn an, so, dass man ohne lange Überlegung wusste, dass diese beiden Kerle kein Mitleid und keine Gnade kannten. Der Graue am Fettholzgebüsch war ihnen ein ärgerliches Hindernis. Morris fühlte, wie Zorn in ihm aufwallte. Ein unvernünftiger Zorn, den der Anblick der Mädel, die nun ebenfalls aus der Postkutsche heraussahen, nicht dämpfen konnte.

Weder dem Kleinen noch dem Mex schien die Tatsache, dass Frauen in ihrer Gesellschaft waren, etwas auszumachen.

Soviel Morris wusste, kamen die beiden Mädels aus Bisbee an der mexikanischen Grenze und wollten nun zur elterlichen Ranch zurück. Es waren zwei Schwestern, die in der Stadt studiert hatten. Sie hatten schon mehrere Postlinien benutzt und waren schon Wochen unterwegs, was man ihnen jedoch keinesfalls ansah. Wie sie das schafften, war ihr Geheimnis und konnte einen Mann nur mit Bewunderung und Achtung erfüllen. Jetzt jedoch tauschten sie ängstliche Blicke, tuschelten erregt miteinander.

Marita, die Ältere, hatte blauschwarzes Haar, das im Nacken zu einem Knoten gewunden war und viel zu schwer für ihre zarten Schultern schien. Ihr goldgetöntes, schmales Gesicht mit den großen, schwarz leuchtenden Augen musste jeden Betrachter entzücken. Es war klein und rein in der Linienführung, symmetrisch abgestimmt, ein Meisterwerk der Schöpfung. Lange, seidige Wimpern verstärkten das Leuchten ihrer Augen, und ihr roter, schön geschwungener Mund konnte das Herz eines Mannes schneller schlagen lassen.

Ein strahlend gelbes Kleid mit Rüschen und Borten schloss sich hauteng um ihren Körper, betonte eine Figur, die selbst einen Oldtimer aus seiner Lethargie herausriss. Eine kühle Abwehr ging von ihr aus, die selbst dann, wenn sie sprach und lachte, jedem Distanz aufzwang. Anders hingegen war ihre Schwester!

Nina Ankrum war ein warmherziges Menschenkind, mit prächtigem, rotbraunem Haar, das in der Sonne wie eine freigelegte alte Kupferader glänzte und funkelte. Sie hatte eine Stupsnase und meergrüne, seltsam helle Augen, in denen hin und wieder Goldfunken sprühten, einen lachenden Mund und einen elastischen Körper, dessen Anmut man keineswegs übersehen konnte. Sie trug eine einfache, weiße Reitbluse, einen schwarzen Rock und hochhackige Stiefel mit Silbersporen, dazu einen Colt.

Und dieser kleine Colt erschien jetzt in ihrer Hand.

„Señor Pedro“, vibrierte ihre helle Stimme vor unterdrücktem Zorn. „Stecken Sie schleunigst Ihre Eisen zurück!“

Der Mex zuckte zusammen, wollte mit der angeschlagenen Waffe herumfahren, eine Reaktion, die Morris Borgin benutzte, um seine alte Armeepistole aus dem Hosengurt zu lüften.

Zu spät erkannte Sanchez seinen Fehler, und zu spät schaltete auch Mister Doonegan.

Der Kleine lachte rau vor sich hin.

„Ich habe nicht gewusst, dass wir so wehrhafte Frauen begleitet haben. Pedro, lass dein Eisen verschwinden, mir fällt ein, dass wir es wirklich nicht so eilig haben, nach Albodan zu kommen“, sagte er, indem er die Daumen von den Riemen der Schulterholster nahm und eine Verbeugung zu den Ladies hin machte, die gespannt der Szene gefolgt waren.

„Señorita, stecken Sie das kleine Ding ein, bevor es losgeht. Halten Sie es in Zukunft lieber zurück, Pedro kann nämlich nicht vertragen, wenn man in seinem Rücken eine Waffe lüftet. Komm, Pedro, folgen wir Borgin!“

Das war eine überraschende Wendung der Situation. Der Mex verdaute sie schneller als die anderen. Wahrscheinlich war er Derartiges gewöhnt.

„Ay, Ay, Sir“, grinste er. „Fangen wir den Grauen ein!“

Nur einen Moment zögerte Borgin. Er wollte sich nicht ein zweites Mal überrumpeln lassen. Die schnelle Bereitwilligkeit des Kleinen kam ihm verdächtig vor. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte sie an:

„Geht voraus, ihr beiden!“

Er machte mit seinem Armeerevolver eine unmissverständliche Bewegung, und während die beiden an ihm vorbeigingen, kletterte das Mädchen Nina mit ihrem Derringer aus der Postkutsche, ohne die Waffe zu senken.

„Behalten wir sie im Auge, Borgin“, forderte sie.

„Diese beiden Gents wurden während der Fahrt zweimal lästig. Es wäre eine gute Gelegenheit, sie quitt zu werden!“

„Allmächtiger, Madam ... ist das wahr?“

„Yeah, Borgin, sie wurden aufdringlich. Meine Schwester und ich haben viele Meilen in Postkutschen zurückgelegt, und niemand wagte es, rau zu werden. Yeah, diese Gelegenheit ist wahrlich günstig. Hoch mit den Händen, Gents!“

Ihre grünen Augen funkelten. Man sah es ihr an, dass sie auf diese Gelegenheit gewartet hatte, dass sie entschlossen war, ohne diese beiden Männer weiterzufahren. Groß und aufrecht stand sie neben dem Verschlag, trotzig und entschlossen, ihren Willen durchzusetzen.

Morris Borgins lederfarbenes Gesicht verzog sich zu einem starren Grinsen.

„Madam, in diesem Lande neigt man sich vor den Frauen. Ich konnte nicht ahnen, dass diese Kerle die Grenzen nicht zu wahren wissen und zudringlich würden.“

Er brach ab, nahm seinen Colt höher, und Pedro versuchte nicht mehr, nach seinen Eisen zu langen, die drohend nach außen gebogenen Colts zu erwischen, sondern nahm gleich seinem Boss unwillig die Arme höher.

Borgins Revolver störte ihn ... noch mehr jedoch ärgerte ihn, dass sein Boss nicht den geringsten Versuch machte, an die Schulterholster zu kommen, sondern recht brav die Hände erhoben hielt.

„Borgin ... du machst einen Fehler“, sagte der Kleine. „Du wirst die längste Zeit auf dieser Linie gefahren sein.“

„Das kümmert mich einen Dreck“, stieß Morris hervor. „Lasst nur schön brav die Hände oben. Madam, treten Sie von hinten heran und nehmen Sie zuerst Pedro und dann Doonegan die Waffen ab.“

„All right!“

„Borgin, du willst uns doch nicht im Ernst hier absetzen?“, fauchte Doonegan.

„Yeah, genau das habe ich vor! Ich kann nicht dulden, dass Fahrgäste belästigt werden. Jetzt bekommt ihr das zu kosten, was jenem Reiter, der zu dem Grauen gehört, wahrscheinlich widerfuhr. Sonnenglut, Hitze, Dünen ... Ah, Madam, seien Sie vorsichtig!“

Sie brauchte diese Ermahnung nicht. Geschmeidig glitt sie an Pedro heran, zog ihm erst das rechte, dann das linke Eisen aus dem Futteral, warf die Waffen nicht etwa hinter sich, sondern schob sie sich in den Gurt.

Morris beobachtete den Mexikaner, sah, wie das Gesicht des Burschen zur dämonischen Maske wurde, hörte die Zähne des Kerls aufeinanderknirschen.

Er bemerkte auch, dass sich Doonegan anders verhielt, in der Gewalt hatte und versuchte, ruhig zu bleiben, als das Mädchen geschickt die Schulterholster löste.

Er rasselte nur über die Schulter:

„Das wirst du büßen, Borgin, und zwar so, dass du dir eines Tages wünscht, niemals auf diese Welt gekommen zu sein, niemals diesen heutigen Tag erlebt zu haben.“

„Ich habe nie etwas um Coyotengewäsch gegeben“, entgegnete Morris, als auch der Kleine entwaffnet und Nina mit ihrer Beute zurückgetreten war.

„Dreht euch herum ... die Gesichter nach Norden!“

„Das andere brauchst du nicht erst zu erklären! Nach Norden ist die längste Strecke zu einer Sanddüne und wir sollen wohl losmarschieren?“

„Erraten, Freund“, griente Morris. „Losmarschieren und hinter den Dünen verschwinden! Später könnt ihr euer Gepäck hier abholen. Ich werde es vom Wagen werfen und zurücklassen. Und noch eins: Lasst eure Nasenspitzen auf keinen Fall sehen, solange ich mit dem Grauen beschäftigt bin und Spuren suche! Verstanden? Fertig ... los denn!“

Der Mex setzte sich sofort in Bewegung. Der Kleine jedoch drehte sich herum, spuckte zur Seite und schob das Kinn vor, sah Morris und dann das Mädchen mit gelb flammenden Augen an.

By Gosh, er sagte nichts. Sein Blick jedoch verriet mehr als tausend Worte auszudrücken vermocht hätten. Schwerfällig drehte er sich um und stampfte hinter seinem Kumpan drein.

Nina stand wie angewurzelt da. Der Wind spielte mit ihren rotgoldenen Locken, plusterte sie auf, trieb eine davon in ihre Stirn.

„Ein gefährlicher Mensch, Borgin“, äußerte sie.

„Yeah“, gab Morris ernst zu. „Ich habe das Gefühl, dass wir ihn nicht zum letzten Mal gesehen haben, Madam. Doch sagen Sie, warum haben Sie nicht während der Fahrt ein Signal zum Halten gegeben?“

„Ah, es gelang mir, die Burschen in Schach zu halten, und ich wollte nicht, dass es Unannehmlichkeiten gab, Borgin. Und das, by Gosh, wäre der Fall gewesen, wenn ich Sie zum Halten veranlasst hätte. Dieser Zufall hier gab den Ausschlag. Der Graue dort war ein Grund, anzuhalten. Aber was geschieht mit den Waffen?“

Sie hielt sie Morris hin. Er sah sofort die Kerben im Holzgriff, spürte, wie die Kälte in ihm wuchs. Yeah, in Doonegans Schulterholstern steckten Killerwaffen, 45er Eisen mit stahlblauen Läufen, die neueste Ausführung dieser mörderischen Waffenart.

„Glauben Sie an die Geschäfte, von denen dieser Kleine Ihnen erzählte?“, fragte sie erregt. „Glauben Sie, dass der Name, den er in die Fahrgastliste eintrug, sein richtiger ist? Ich nicht! Dieser Mann ist zu gerissen, und seine Geschäfte in Albodan wird er wohl mit den Eisen tätigen.“

Ihre Stimme erstickte vor Erregung. Sicherlich dachte sie an das, was während der Fahrt geschehen war, dachte an die Schuftigkeit der beiden, die zwischen zwei alleinreisenden Mädchen alle Schranken niederreißen wollten. Ihre Augen sprühten, sie sah den beiden nach, wie sie ihre Füße durch den weichen Dünensand schleppten, der Düne im Norden zusteuerten.

„Borgin, es ist gut, dass Sie nicht auf Doonegans Trick hereingefallen sind. Jetzt sind wir sie los!“

Sie wandte sich zum Kutscher herum, der bereits über die Radnabe hinweg auf den Bock kletterte, die Gepäckstücke der beiden Kerle vom Verdeck nahm und herunter in den Sand warf, dabei immer wieder zu den Kerlen hinblickte und sie beobachtete.

Dann sah er zu Ninas Schwester hin, sagte:

„Wir sind sie los, Señorita!“

„Ich weiß nicht recht“, tönte Maritas volle Altstimme zu ihm hin. „Wir sollten aufbrechen und sehen, dass wir von hier fortkommen. Die Nähe dieser Schufte beunruhigt und bedrückt mich. Es wäre grauenhaft, wenn sie weiter mitgefahren wären.“

„Keine Sorge, Madam! Sie werden uns nicht mehr belästigen. Damit sie nicht verdursten, lasse ich ihnen eine gefüllte Feldflasche zurück.“

Mit grimmigem Blick starrte er auf das Gepäck der beiden, das nun verstreut herumlag. „Sie haben beide eine Kugel verdient, Madam.“ Er presste die Lippen aufeinander, blinzelte zu der Düne im Norden hin, wo zwei Gestalten sich dunkel im hellen Sand des Hangs abhoben. Noch wenige Yards, dann mussten sie hinter der Düne verschwunden sein.

Er nahm die Wasserflasche, kletterte vom Bock herunter, legte sie neben das Gepäck des Kleinen, wandte sich an Nina:

„Lassen wir für einen Augenblick Ihre Schwester allein und schauen wir nach, was sich am Fettholzgebüsch befindet.“

Er wartete ihre Entgegnung nicht ab, sagte zu Marita gewandt:

„Kommen Sie lieber aus dem Wagen heraus und nehmen Sie meine Winchester aus dem Scabbard. Ich hoffe, dass Sie sich hinter dem Lauf einer weittragenden Winchester wohler fühlen werden.“

Marita nickte verwirrt, und Nina lächelte der Schwester aufmunternd zu. „Als Kind hast du einma1 eine Winchester abgefeuert ... warum solltest du es jetzt im Augenblick der Gefahr nicht schaffen?“

„Ich werde es versuchen“, stammelte das schwarzhaarige Mädel verwirrt. Sie hatte eine ganze Portion ihrer Sicherheit und ihres Selbstbewusstseins verloren.

„Yeah, geht nur nach dem Pferd schauen, ich werde es schon schaffen, wenn's nötig sein sollte.“

Morris setzte sich in Bewegung, und Nina musste sich anstrengen, um an seiner Seite Schritt halten zu können. Er spürte, wie sie ihn von der Seite musterte, so, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Hölle, so hatte ihn noch nie eine Frau angesehen. Es wurde ihm verteufelt heiß bei dem Gedanken, dass das Mädel an seiner Seite ihn für einen großartigen Beschützer halten könnte, für einen Eisenfresser.

Das war er ganz und gar nicht! Er war nur ein simpler Fahrer, seit seinem vierzehnten Lebensjahr für die Gemble-City-Companie, die hier in der Gegend einige Postlinien unterhielt, tätig.

Diese Companie war so klein, dass sie mit den größeren Gesellschaften nicht konkurrieren konnte. Ihre Wagen waren rückständig, genauso veraltet wie die Stationen, die sie unterhielt.

Das Pferdematerial war auch nicht das beste und die Löhne gerade so hoch, dass ein Mann nicht verhungerte. Wahrscheinlich kein Job für einen Mann, der davon träumte, eine Ranch zu besitzen oder wenigstens eine Heimstätte sein eigen zu nennen.

Morris Borgin hatte mehrmals versucht, die Arbeit zu wechseln. Aber wenn er es tat, hatte er Pech. Die Texasseuche fiel über die Rinder her, und die Rancher machten keine Neueinstellungen, oder aber Heuschrecken hatten gerade große Weidegebiete radikal leer gefressen. Dann wieder war der Tews-River über die Ufer getreten und hatte viele Rinderherden mächtig verkleinert.

Yeah, sein Pech zwang ihn, wenn er nicht verhungern wollte, bei der Companie zu bleiben, weiterhin Postsäcke zu transportieren, Fahrgäste zu befördern und tagaus, tagein die Peitsche über lang gestreckte Pferderücken zu schwingen und auszuhalten. Yeah, über Abwechslung in diesem Berufe brauchte er sich wahrhaftig nicht zu beklagen. Indianerüberfälle, Rowdyhorden, Desperados wechselten sich ab, um den Fahrern auf den kleinen Nebenstrecken das Leben recht sauer zu machen.

Sein Freund Jim starb an einem Redmenpfeil, und er selbst bekam Narben, die ihn fürs ganze Leben zeichneten. In der rechten Schulter steckte noch das Blei eines Mannes, der es auf die Postkutsche abgesehen hatte und zu spät erkannte, dass die Postsäcke nicht so wertvoll waren, um sie mit dem Leben zu bezahlen.

Morris holte den Kerl aus dem Sattel und war dann mit der Kugel in der Schulter mit seinem Gespann weitergerast, bis er seinen Zielort erreicht hatte. Dann war er ohnmächtig vom Bock gefallen.

Aus ... vorbei! Niemand sah es ihm an, dass er erst achtundzwanzig Jahre alt war und das Leben noch vor sich hatte. Man schätzte ihn bedeutend älter. Er hatte bestimmt auch nicht das Aussehen eines Mannes, der einer Frau wie Nina Ankrum imponieren konnte, schoss es bitter durch sein Hirn. Hölle, wer kannte die Ankrum-Ranch nicht? Wer hatte noch nichts von der Schönheit dieser beiden Schwestern gehört? Es gab keinen weit und breit, der nicht davon berichten konnte. Und zuletzt war es nicht von ungefähr, dass von weither die Cowboys kamen, um für die Ankrum zu reiten und sich die schönsten Mädel im Lande mal anzusehen.

 

 

2.

Der Kleine stand neben dem Mex und hob drohend die Fäuste, schüttelte sie in die Gegend.

Morris blieb stehen. Er hörte das rasche Atmen Ninas neben sich, sah aus den Augenwinkeln heraus, wie ihre Brust sich stürmisch hob und senkte, hörte sie sagen:

„Ich schätze, er wird diese Lektion nicht vergessen.“

„Das will ich hoffen“, erwiderte Morris gelassen. „Er ist noch einmal davongekommen. Beim nächsten Mal werde ich dem Kerl vor die Stiefel springen. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mich überwältigt.“

„Yeah, Sie werden Ihre Augen offen und die Hände bereithalten müssen, Borgin“, sagte sie wie von einer schrecklichen Ahnung erfüllt. „Der Mann, der sich Doonegan nennt, ist rachsüchtig!“

„Ich werde schon mit ihm und seinem Revolvermann fertigwerden, Madam!“

Sie blieben so lange stehen, bis drüben die beiden hinter der Düne verschwunden waren.

„Je länger ich über Doonegan nachdenke, umso mehr will mir scheinen, dass ich diesen Kerl schon irgendwo gesehen habe“, sinnierte Morris vor sich hin.

„Ich habe jedoch nie so einen grellbunten Papagei gesehen, und das verwirrt mich. Ah, Madam, treiben Sie den Grauen langsam auf die Wand des Fettholzgebüsches zu.“

„All right!“ Sie begriff seine Absicht und wartete, bis er in der Mulde zur linken Hand verschwunden war. Dann ging sie auf den Grauen zu, der bisher uninteressiert an Dornbüschen geknabbert hatte, jetzt den Kopf hochwarf und die Ohren spielen ließ.

Langsam wich der Graue vor ihr zurück, trabte rückwärts und hielt sie im Auge, blieb stehen, wenn sie stehen blieb, scharrte herausfordernd mit den Hufen, wenn das Mädchen, getreu ihrem Auftrag, weiterschritt.

Solange sich Nina erinnern konnte, hatte sie kein solch hässliches Pferd gesehen, das außerdem auch noch einen so bösartigen Ausdruck in den Augen hatte, dass einem eine leichte Gänsehaut über den Rücken lief.

Der Graue schien zu ahnen, dass die Fettholzwand eine Falle für ihn war. Er prustete verdrießlich, aber er wich nicht, wie es verwilderte Pferde sonst tun, einfach im Galopp aus, sondern wurde langsam, steilte auf die Hinterhand, als Morris Borgin ihn aus dem Versteck, das er inzwischen ohne große Mühe erreicht hatte, ansprang und ihm in die Zügel fiel.

Morris wurde vom hochstellenden Pferdekörper fast zu Boden gerissen.

Er hörte den spitzen Schrei des Mädchens, duckte sich vor einem Hufschlag des Grauen, der neben seinem Kopf vorbeifegte, stemmte sich fester in den Boden, und in dem Augenblick, als die Vorderhand den Boden berührte, flog Morris auf den Rücken des Grauen, angelte schier verzweifelt nach den Steigbügeln, ließ das Sattelhorn nicht los. Und das war sein Glück! Im nächsten Augenblick wurde er hoch in die Luft geschleudert, so, als ob unter ihm ein Berg geballter Muskeln explodiert wäre. Nur die Tatsache, dass er sich am Sattelhorn festhielt, rettete ihn davor, von diesem Sonnenfischer weit aus dem Sattel geschleudert zu werden und irgendwo im Fettholzgebüsch zu landen. Er flog heftig in den Sattel zurück, hatte das Gefühl, als triebe sein Knochengerüst aus der Haut heraus. Ein dumpfer Schlag trieb ihn zusammen. Feuerfunken sprühten vor seinen Augen, die ihm fast aus den Höhlen quollen.

Er war so benommen, dass er das schreckerstarrte Mädchen erst sah, als der Graue darauf zustürmte. Seine Rechte holte aus, schlug zu. Der Graue sprang vor Schmerz etwas zur Seite und raste an Nina vorbei, an der Fettholzgebüschwand entlang, als hätte der Teufel selbst eine Bombe hinter seinen Hufen explodieren lassen.

Morris lag lang gestreckt auf dem Pferdeleib, erwischte die Zügel und gleichzeitig konnte er die Stiefel in die Steigbügel bringen, warf sich mit aller Kraft zurück, dass die Zügel zu reißen drohten und der Kopf des Grauen eng an den Hals gezogen wurde, seine Lefzen unter dem berstenden Gebissdruck fast einrissen.

Bebend kam das Pferd zum Stehen, tänzelte, versuchte auszubrechen, aber es machte keine Kapriolen, als Morris es hart an der Kandare hielt.

Es gehorchte nun dem Zügeldruck und folgte dem Willen des Reiters, trabte um das Fettholzgebüsch herum, ließ sich willig auf den Saumpfad führen, der zu dem Wassertümpel führte.

Morris hoffte, dort am Ufer des Tümpels im Dickicht den Mann zu finden, dem das Tier gehörte.

Doch seine Hoffnung wurde nicht erfüllt, er fand nichts außer einige bleiche Skelette von verendetem Wild, das der Durst dazu veranlasst hatte, aus dem giftigen Schlammloch zu trinken. Nicht eine Spur zeichnete sich ab. Trübe, giftig und grün schillernd lag der Wasserspiegel da. Ein fäulnisgeschwängerter, süßer Duft trieb ihn dazu, den Grauen herumzunehmen, schnell den Ort zu verlassen und zurückzureiten.

Nina wartete bereits auf ihn.

„Was haben Sie gefunden, Borgin?“

Die Tatsache, dass sie noch vor einigen Minuten von diesem Grauen bedroht worden war, schien sie völlig vergessen zu haben. Ihre grünen Augen waren fragend auf Borgin gerichtet.

„Nicht den geringsten Anhaltspunkt, Madam“, gestand er, indem er aus dem Sattel kletterte und die Satteltaschen untersuchte.

„Es hilft nichts, wir müssen weiter“, sagte er, als auch die letzte Hoffnung auf einen Fingerzeig erlosch, denn die Satteltaschen waren leer.

„Ich werde den Grauen hinten am Wagen festbinden, und dann fahren wir los!“

Er führte das Pferd hinter sich am Zügel her. Es hatte seine Mucken anscheinend abgelegt, folgte ihm willig. Oder es hatte einen Bezwinger gefunden, den es anerkannte.

„Sie hätten Broncobuster auf einer großen Ranch sein können, Borgin“, sagte Nina leise. „Das wäre doch eine Aufgabe, oder nicht?“

„Ich habe mehrmals versucht, Arbeit auf einer Ranch zu finden, Madam. Es war aber immer vergebens!“

„Nun, haben Sie es auf der Ankrum-Ranch auch schon versucht?“

„Madam, die Ankrum kann die besten Leute wählen. Für jeden Mann ist es eine Ehre, für diese Ranch im Sattel zu sitzen.“

„Borgin, ich kann Ihnen versichern, dass Sie, falls Sie nochmals nach Arbeit anfragen, nicht abgewiesen werden. Versuchen Sie's doch noch einmal“, sagte sie fest.

Er gab keine Antwort, sah sie verblüfft von der Seite an und lächelte vor sich hin.

Und dieses Lächeln löschte erst aus, als sie beim Wagen ankamen und Marita ihnen mit der Winchester in der Armbeuge totenbleich entgegensah.

„Nina, es war schrecklich!“

„Es ist doch nichts passiert.“

„Es hätte aber etwas geschehen können! Oh, Nina ...“

„Beruhige dich doch, Marita. Wir fahren weiter, und bald sind wir in Sicherheit, sind zu Hause!“

Sie nahm der Schwester die Winchester aus der Hand, stellte sie eigenhändig in den Scabbard neben dem Fahrersitz, ging dann wieder zu ihrer Schwester zurück.

„Borgin ist ein großartiger Mann“, sagte sie leise. „Ohne ihn …“

„Oh, sprich nicht davon, Nina!“

„Man soll immer der Wahrheit ins Auge sehen, Marita“, unterbrach sie die Schwester. „Danken wir Gott, dass die Schurken fort sind, und nun steig ein! Borgin hat den Grauen bereits festgemacht und klettert auf den Bock.“

„Ich werde erst aufatmen, wenn wir zu Hause sind, Nina. Es war deine Idee, allein zurückzureisen. Vater hätte uns sicher einige Cowboys und unseren Wagen geschickt.“

„Yeah, und es wäre die langweiligste Fahrt meines Lebens geworden, Schwester“, klang es lächelnd zurück. „Außerdem warst du doch mit meinem Plan einverstanden, hattest genau wie ich genug von den schwülen Reden und vor dem Dienern und Katzbuckeln. Yeah, du wolltest auch ein Abenteuer, stimmt's, Marita?“

„Yeah, aber nicht ein solches, Nina!“, wehrte sich die Schwester.

Sie stiegen ein, zogen den Schlag hinter sich zu. Die Gespanntiere zogen an. Borgins Peitsche knallte, die Räder zermalmten den Dünensand und hinter dem Gefährt stieg der Staub wie eine goldflimmernde Fahne in den hitzeflirrenden Himmel hinein.

Verlassen, öde blieb das Fettholzgebüsch zurück, und nur die Wagenfurchen, die Packen der beiden Halunken und die Trittsiegel der Menschen und des Grauen blieben zurück, sprachen von dem kleinen Aufenthalt. Der stetige Wind würde auch diese Spuren bald verwehen, und zwei Kerle würden sich durch den Sand bewegen, müde und voller Verdruss durch die Hitze kämpfen.

Wer aber mochte der Reiter sein, dem der Graue gehörte? War er in der Wüste, dessen Ausläufer die Postkutsche durchschnitt, geblieben? Dort, wo der Feuerhauch der Sonne unbarmherzig niederbrannte? Oder hatte er versucht, auf die Postwegstrecke zu kommen und war unterwegs, halb verdurstet, aus dem Sattel gefallen und liegen geblieben, um zu sterben?

Yeah, die Wüste barg viele Geheimnisse, sie zog die Männer immer wieder an. Dort, wo die Sonne sich mit der Erde vermählte, wo Vulkangestein und Granitfelsen in gigantischer Art die Ruhe des Todes ausstrahlten, dort lockte das Gold, Silber und Platin, der Glanz unerhörten Reichtums.

Die Wüste lockte den Einsamen wie auch den Glücksritter, diejenigen, die Ruhe finden wollten, und solche, die auf der Suche nach dem inneren Frieden waren. Yeah, die Wüste gab jedem das Seine. Sie war verschwenderisch und grausam zugleich. Was sie mit der einen Hand spendete, nahm sie mit der anderen wieder. Sie gaukelte dem Verzweifelten eine lichtfunkelnde Fata Morgana vor und nahm den Todkranken in ihre weichen, sanften Arme. Sie zeigte dem Sehenden eine neue Welt der Größe und Erhabenheit, wie sie kein Dom, von Menschenhand erbaut, hätte einfangen und wiedergeben können. Yeah, kein Dom konnte so herrlich geschmückt sein wie dieser Fleck Erde. Die Felsen strahlten und leuchteten in allen Farben. Marmorberge, Schroffen aus Onyx, Basalt, Granit, Schiefer! Erstarrte, wie weiße Diamanten schimmernde Salzablagerungen, Soda, Salpeter, Gips und Schwefellager wechselten einander ab, und in den Bergen ruhten unheimliche Schätze.

By Gosh, wer aber war der Reiter des grauen Pferdes? War er vielleicht auch ein Glücksritter, oder einer der wenigen, die die Einsamkeit, das Erhabene suchten?

Die Wüste schwieg, gab ihr Geheimnis nicht preis. Morris gab es auf, darüber nachzusinnen.

„Quien sabe?“, rasselte er mit zuckenden Lippen vor sich hin, ließ die Gespanntiere in eine langsamere Gangart fallen, um den Grauen nicht allzu sehr zu ermüden.

Zur rechten Hand hob sich eine rot leuchtende Gruppe vulkanischer Hügel aus dem Gelände heraus, und links vereinigten sich weit in die Ebene hineinstoßende große, grüne Pflanzen zu einem großen Feld.

Er lenkte in die vulkanische Hügellandschaft hinein. Meile um Meile blieb zurück. Die Gegend veränderte ihr Bild. Die Erdhügel wurden größer, und auf dem Boden zeigten sich die tief eingefahrenen Furchen der Wagen, die die Postlinie unterhielt.

Am späten Nachmittag sah Morris von einem Kamm aus die Station, einen flachen Bau mit Schuppen und Corrals, weit vor sich liegen.

Dort an der Station würde er frische Gespannpferde erhalten. Er drehte die Bremse und ließ die Pferde im Schritt über den Kamm und den nachfolgenden sanften Hang gehen. By Gosh, der Anblick der Station hatte für ihn etwas Beruhigendes. Dort würde er rasten, und während der Wagen neu eingeschirrt wurde, konnte er bei Ike seinen Hunger stillen und einen Whisky trinken.

„Ho ... vorwärts, lauft zu!“, feuerte er die Tiere an, drehte die Bremse los, schwang die Peitsche.

Sicherlich würde die Rastpause auch den Mädels recht sein. Auf der Station gab es immer ein wenig Abwechslung.

Schon von Weitem sah man die Brandspuren der Palisaden rings um die Station herum, die gegen streunende Redmen errichtet worden waren. Sie trugen die Spuren harter Kämpfe. Geronimo hatte hier vor zwei Jahren versucht, die Station zu nehmen und war abgeschlagen worden. Morris entsann sich noch recht deutlich des Kampfes. Er hatte damals mit seinem Postwagen Unterstützung herangebracht, wetterharte Burschen, die keinen Kampf scheuten und sofort in das Gefecht eingriffen.

Yeah, damals war die Zeit rauchig gewesen. Rings um die Palisaden hatte es von Kriegern, die aus der Reservation ausgebrochen waren, gewimmelt. Heute war es leer dort. Die Palisaden standen im hellen Sonnenlicht. Einige schäbige, zerlumpte Redmen erhoben sich, als die Postkutsche sich näherte, vor dem Tor, wo sie in der Sonne gedöst hatten.

Sie liefen hinter dem Wagen drein und scharten sich um die Rampe, als Morris die Gespanntiere dort zum Halten brachte.

„Der Himmel segne dich“, hörte Morris Ike Wilders dröhnende Bassstimme. Der dickbäuchige Stationsverwalter mit der blauroten Kartoffelnase im roten, vollen Gesicht erschien grinsend auf der Rampe. Seine Helfer, drei schmierige Kerle, deren Nationalität selbst einem gefuchsten Rassenforscher Schwierigkeiten bereitet hätte, machten sich an die Pferde heran, um sie auszuschirren.

Zwei Mulatten sprangen von der Rampe auf das Verdeck und begannen mit dem Abladen. Ike Wilders stieß seinen fleckigen Sombrero in den Nacken, kam mit trippelnden Schritten näher und riss erstaunt die Augen auf, als Nina und Marita Ankrum aus dem Wagen kletterten. Zu spät konnte er ihnen den Schlag öffnen. Man sah es ihm an, dass er nur allzu gerne diese Kavalierspflicht übernommen hätte.

„Lass es lieber und verseng dir nichts“, grinste Morris den Dicken an.

Ike knurrte. Es konnte ein Fluch sein oder eine Verwünschung.

„Heihoh, Morris! In einer solchen Gesellschaft wäre ich auch bis ans Ende der Welt gefahren“, stieß er leise zwischen den Lippen hervor.

„Sicher, das habe ich auch getan, und wir sind angelangt!“

„Junge, ich versteh dich nicht“, murmelte Ike mit einem Grinsen im Gesicht, wobei er mit seiner Zunge rasch über die ausgetrockneten Lippen fuhr und mit dem Kehlkopf wackelte, keinen Blick von den Mädels ließ, die sich interessiert umschauten.

Er schob seine Hände unter die Träger seiner Gurte auf dem Bauch, wippte auf den Zehenspitzen hin und her wie ein Eintänzer vor der Probe, und Morris, der ihn scharf beobachtete, hatte die Befürchtung, dass sein Freund jeden Moment vornüberkippen und von der Rampe fallen würde. Er runzelte die Stirn, sagte trocken:

„Komm zu dir, Ike! Die Trauben hängen für dich zu hoch! Es sind die Mädels der Ankrum-Ranch.“

„Großer Gott! Solch kostbare Fracht hat man dir anvertraut? Doch welcher von den beiden gehört denn der graue, hässliche Ziegenbock?“, erkundigte er sich mit einem verächtlichen Blick auf den Grauen, der gerade wie ein Hund nach einem der verdreckten Kerle schnappte, der ihm wohl zu nahe gekommen war.

Der Mann stieß ein schreckliches Geheul aus, ruderte mit den Armen, sprang, als ob der Teufel selbst nach ihm gegriffen hätte, zur Seite, und im Maul des dürren, hässlichen Grauen hing ein langer, buntfarbener, dreckiger Stofffetzen. Das Pferd aber stand da und pendelte traurig mit den etwas zu großen Ohren seinen Kopf.

„Wahrhaftig, das Teufelstier amüsiert sich über diesen Streich“, keuchte Ike nach einem tiefen Atemzug. „By Gosh, wo nur hast du diese Kreuzung zwischen einem Esel und einem Elefanten aufgetrieben?“, stotterte er vor Erregung. Im Augenblick hatte er die Mädels vergessen, die nach kurzem Zögern ins Stationsgebäude gegangen waren. Sein Blick saugte sich an dem Grauen fest, dabei trat er zum Rand der Rampe, schwang sich von dort aus zu Morris auf den Fahrersitz.

„Sag mal, Buddy, hast du ihn einem Wanderzirkus abgekauft?“

„No, ich fand ihn in der Wüste“, entgegnete Morris.

Das Grinsen auf Ikes Gesicht erlosch. Seine unter Fettpolstern liegenden Augen bekamen einen starren Ausdruck. Oh, yeah, er begriff! Ein Mann auf seinem Posten wusste besser als jeder andere, was die Wüste für Opfer forderte.

„Der Herr möge dem Besitzer des Grauen gnädig sein und ihn in sein Reich aufnehmen“, sagte er und machte ganz den Eindruck, als ob er dazu berufen wäre, bei traurigen Anlässen den Nachruf zu halten. Er lüftete den Sombrero und starrte zur Wüste hin, rückte näher an Morris heran und wiederholte seine Frage.

Morris beschrieb ihm genau die Stelle, und Ike hörte aufmerksam zu, schüttelte dann nachdenklich den Kopf.

„Siehst du irgendeinen Zusammenhang?“, erkundigte sich Morris nun, nachdem er geendet hatte.

„Yeah, es wäre möglich, dass das Tier mit dem Mann in Verbindung zu bringen ist, der heute morgen zu Fuß aus der Wüste hierherkam“, sagte Ike dumpf.

Morris riss den Kopf hoch, sah sein Gegenüber zwingend an.

„Zu Fuß?“

„Yeah und in einem erbarmungswürdigen Zustand. Er brach vor dem Stationsgebäude zusammen. Wir mussten ihn ins Haus tragen und den Doc holen.“

„Ist der Doc immer noch bei ihm?“

„Yeah, wir hatten Glück, dass Doc Montil gerade bei dem Siedler Naterson half, ein Baby zur Welt zu bringen. Es war auch wohl reiner Zufall, dass der Bote, den ich nach Albodan schickte, unterwegs vom Durst geplagt, Naterson aufsuchte und so den Doc traf. Yeah, der Fremde aus der Wüste hatte Glück im Unglück. Der Doc ist noch bei ihm. Wo willst du hin, Morris?“

Borgin ließ sich nicht aufhalten. Er sprang vom Bock herunter, ging mit schweren Schritten dem Stationsgebäude zu, und gerade, als er die Tür erreichte, wurde sie geöffnet. Heraus trat ein grauhaariger, mittelgroßer Mann mit gütigen Augen, die sich jetzt fragend auf Morris richteten.

„Sieh an, mein Freund Borgin!“

„Hallo, Doc!“

„Noch nie kam die Postkutsche so unpünktlich wie heute. Ich warte schon seit einer Stunde. Diese Nebenlinien sind eine wahre Plage“, erklärte der Doc und blinzelte Morris zu. „Ein guter Fahrer sollte sich auch durch die nettesten Passagiere nicht aufhalten lassen, schätze ich.“

„Sie haben die Mädels von der Ankrum-Ranch ...“

„... bereits begrüßt“, ergänzte Joe Montil. „Sie haben mir einen verteufelt üblen Song in die Ohren geblasen, Borgin. Die Ankrum-Ranch wird allen Grund haben, Ihnen einen Orden an die Brust zu heften oder sonst etwas für Sie zu tun, was Sie ehrt. Wie ich hörte, sind Sie mit zwei üblen Burschen verteufelt gut fertiggeworden.“

Er kam auf Morris zu, streckte ihm die Hand entgegen. Morris nahm sie, lächelte verlegen, druckste abwehrend.

„Ohne Nina Ankrums Eingreifen ...“

„Seien Sie nicht zu bescheiden, Borgin“, unterbrach ihn Montil. „Sie haben den Mädels so imponiert, dass sie in Ihnen ihren Lebensretter sehen, und yeah, nur deshalb will ich es gelten lassen, dass die Postkutsche Verspätung hatte. Doch nun beeilen Sie sich, Borgin! Ich muss zu den Natersons zurück.“

Unruhig sah er an Morris vorbei zur Postkutsche hin, wo bereits die frischen Pferde im Geschirr standen und die letzten Arbeiten zur Weiterfahrt verrichtet wurden.

„Sie haben doch wohl Platz für einen müden Passagier?“, fragte Montil.

„Yeah, doch Ike erzählte mir etwas von einem Mann, der zu Fuß aus der Wüste kam, und nach seiner Beschreibung dürfte er wohl kaum transportfähig sein.“

„Nicht transportfähig?“, lächelte der Doc vor sich hin, wobei er näher auf Morris zutrat, ihm sanft die Rechte auf die Schulter legte.

„Freund, ich kann Ihnen sagen, dass ich noch nie so etwas bei einem Patienten erlebt habe, den die Wüste ausgespuckt hat und ausgerechnet auf diese Station brachte. Als ich eintrat, war er noch ohnmächtig, als ich ihn jedoch untersuchte, erwachte er, und ich sah das schreckliche Zeichen, das man ihm auf die Schulter gebrannt hatte.“

„Von welchem Zeichen sprechen Sie, Doc?“, unterbrach ihn Morris erregt.

„Er ist mit einem Brandeisen gezeichnet worden“, gab Montil rau zur Antwort. „Mit einem Brandeisen, welches man Rindern und Pferden aufs Fell setzt. Die Wunde ist inzwischen verheilt und vernarbt, doch er muss wahnsinnige Schmerzen erlitten haben, als man es ihm aufsetzte. Yeah, Schmerzen, die einen Menschen an den Rand des Wahnsinns bringen können. Als er die Augen aufschlug, war sein erster Wunsch eine Zigarette.“

„Allmächtiger!“, unterbrach Morris den Doc. Es war ihm, als hätte eine kalte Flamme sein Innerstes getroffen. „Hat er seinen Namen genannt?“

„Nein, und er hat auch nicht gesagt, wer ihn so zugerichtet hat“, erwiderte Montil böse. „Ich fragte danach, aber er lehnte es ab, darüber zu sprechen. Oh, yeah, seine Stimme ist so melodisch, dass man angenehm berührt aufhorcht, wenn er spricht. Ich behandelte ihn, bat ihn, sich wieder niederzulegen und zu ruhen. Er lachte nur und wehrte ab, sagte:

'Was mir fehlt, ist ein Whisky, Doc.'

Hölle, er muss Nerven wie Drahtseile haben. Er erhob sich vom Lager, betrachtete mich aufmerksam, nahm die Zigarette, die ich ihm anbot, steckte sie in Brand und sagte: 'Sie schmeckt ausgezeichnet, Doc.'

Yeah, ich hoffte, er würde doch noch aus sich herausgehen, aber nichts dergleichen. Er schaute mich mit seinen schwarzen Augen nur seltsam an, und mir blieben die Worte in der Kehle stecken.

Borgin, so sonderbar es klingen mag, ich fühlte mich verteufelt klein und winzig in seiner Gegenwart. Ich hatte viel Zeit, über den Fremden nachzudenken, und was ich nicht begreife, ist, dass er mit so einer Verwundung aus der Wüste kommen konnte. Jeder andere wäre dort geblieben.

Ich begreife auch nicht, warum er mich nicht dazu aufforderte, über das, was ich auf seiner Haut sah, zu schweigen“, murmelte der Doc in Gedanken.

„Vielleicht ist er schlauer als Sie denken, Doc“, sagte Morris abgerissen. „Er kennt wahrscheinlich die Menschen, kennt ihre Neugier und hat erst gar nicht versucht, Ihnen den Mund zu stopfen, oder aber ...“

„Oder?“, unterbrach ihn Montil und sah Morris zwingend an. „Was wollen Sie mit dem 'oder' sagen?“

„Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll, Doc“, sagte Morris suchend. „Jedenfalls habe ich das Empfinden, dass irgendetwas in der Luft liegt. Ah, Doc, die Mädels haben bestimmt auch davon berichtet, was am Fettholzgebüsch geschah und dass wir einen grauen Wallach gefunden haben.“

„Borgin, ich glaube, du siehst Dinge, die man nicht miteinander verbinden kann. Nein, es ist unmöglich, dass zwischen dem grauen Pferd und dem Fremden oder gar den beiden Passanten, die du in der Wüste zurückgelassen hast, eine Verbindung besteht. Ich habe Ikes Bericht gehört, der gleich, als der Fremde hier auftauchte, seine Spur aufnahm und in die Wüste ritt, um das Pferd des Fremden zu finden. Dabei stellte es sich heraus, dass er von Südwesten her kam.“

„Ist das sicher?“

„Nun, Ike konnte die Spur nicht weiter verfolgen, denn der Wind hatte sie inzwischen verweht.“

„Doc, ich weiß nicht recht, was ich von dem allen halten soll, möchte jedoch gern den Fremden sehen!“

„Oh, nur zu, lade ihn ein und bring ihn nach Albodan.“

Montil trat von der Tür zurück, sagte:

„Ich bleibe inzwischen an der frischen Luft, habe noch einiges mit Ike zu besprechen. Schau du dir inzwischen den Fremden gut an, Morris Borgin. Er scheint sich in der Gesellschaft der Mädels äußerst wohl zu fühlen. Kein Wunder, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich eine solche Gelegenheit ebenfalls bis zur Neige auskosten.“

Der Doc nickte Borgin zu, klemmte seine Instrumententasche fester unter den Arm und ging davon. Morris warf ihm einen Blick nach und ging dann kopfschüttelnd ins Stationsgebäude.

Die beiden Mädels saßen am Tisch und blickten ihn erwartungsvoll an.

„Geht's weiter, Borgin?“, fragte Nina.

„Eine Viertelstunde noch Geduld, Madam! Ike wird in wenigen Minuten eine kleine Mahlzeit servieren“, gab er zur Antwort und sah sich suchend im Raum um.

Von dem Fremden keine Spur!

Die Hintertür stand offen. Draußen verfärbte sich bereits der Himmel, und in dem Azurblau wogten die Purpurfarben der abschiednehmenden Sonne. Fern im Hintergrund verdämmerten in der Wüste die Giganten der Sierra Nevada.

„Wenn Sie den Fremden suchen, Borgin“, flüsterte die schwarzhaarige Marita mit einem seltsamen, leuchtenden Blick, der Morris an diesem stillen Mädchen überraschte und zu denken gab, „dann müssen Sie sich nach draußen zu den Corrals begeben.“

Morris sah Marita offen an. Sie erwiderte seinen Blick, lächelte ein nicht zu deutendes Lächeln, das ihr Gesicht eigenartig verschönte und seltsam weich machte. Ihre Schwester Nina zog erstaunt die Brauen hoch, räusperte sich, wie es schien, unwillig, wandte sich an Morris.

„Eric Lancaster hat uns eine kleine Geschichte erzählt“, sagte sie, „und zwar die unwahrscheinlichste Geschichte, die ich jemals zu hören bekam. Er behauptet, aus der Sierra Nevada gekommen zu sein! Hören Sie, Borgin, das ist die ungeheuerlichste Behauptung, die jemals gemacht wurde. Jeder erfahrene Bergsteiger und Führer kann Ihnen erklären, dass ein Mann keine Chance hat, über die Schneefelsen der Sierra zu kommen.“

„Nina, Eric Lancaster lügt nicht“, unterbrach sie Marita mit fester Stimme. „Ich glaube daran!“

Nina zog die Schultern hoch, sah erregt zu Morris hin.

„Die Sierra Nevada, das kann jeder bezeugen, galt bisher als unbezwingbar. Warum sollte ein Mann so einen Versuch wagen? Es gibt keinen zwingenden Grund!“

Unruhig stand sie auf, schob den Hocker ungeduldig zur Seite, sah zu Ike hin, der zusammen mit dem Doc durch die Tür trat und überschwänglich freundlich seinen fleckigen Sombrero schwenkte, ließ dann ihren Blick auf Morris ruhen, kam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.

„Dieser Lancaster ist ein seltsamer Mensch“, sagte sie leise. „Kommen Sie, wir wollen ihn aufsuchen.“

Sie drehte sich herum und ging durch die Hintertür. Morris folgte ihr. Hinter ihm klapperte Ike mit dem Essgeschirr und rief ihm nach: „Beeil dich, Freund. Dein Aufenthalt war lang genug, und der Doc hat's eilig, zu den Natersons zu kommen.“

„All right, stell das Essen nur auf den Tisch“, erwiderte Morris über die Schulter und beeilte sich, Nina einzuholen.

„Schauen Sie dort zum Corral! Dort steht Lancaster“, hörte er die Stimme Ninas, die seltsam erregt klang. Ihre Schultern hoben sich, so, als ob sie sich gegen etwas anstemmen müsste. Und, by Gosh, yeah ... Morris verstand plötzlich ihre Haltung. Nur zehn Yards entfernt stand ein schlanker Mann am Corralzaun. Er war mittelgroß, hatte dunkles, volles Haar. Eine Strähne davon hing ihm in der hohen, breiten Stirn. Schmal, eingefallen waren seine Wangen, und dunkle Augen glühten tief in den Höhlen. Augen, die scharf und eindringlich blickten und Morris fast den Atem nahmen.

Hölle, yeah, in solche Augen hatte Morris noch nie gesehen. Die Hölle und der Himmel brannten darin. Ein unheimliches Feuer loderte tief in der Iris. Yeah, diese Augen waren seltsam lebendig und standen im Gegensatz zu der fast starren Maske des wie aus einem Basaltstein herausgehauenen Gesichts, das unzweifelhaft von Not und Entbehrung, Hunger und Schwäche gezeichnet war.

Die zerfetzte Kleidung des Mannes kündete von den Strapazen, denen er ausgesetzt war, und die aufgeschürfte Haut an den Händen verriet, dass sie an scharfem Granitstein blutig gerissen waren.

Morris blieb stehen, erkannte, dass der Blick des Mannes ihn gar nicht wahrnahm, sondern wie eine Flamme durch ihn hindurchbrannte, um weit, weit in der Ferne zu ruhen.

Eigenartig berührt, räusperte er sich. Für den Moment vergaß er das Mädchen an seiner Seite.

„Lancaster!“

Sein Anruf brachte den Mann vor ihm in die Wirklichkeit zurück. Ein kleines Lächeln kerbte sich um seinen Mund. Der Ausdruck der Augen, die bisher wie in feindlichem Feuer zu den Giganten der Sierra Nevada hinglühten, veränderte sich, wurde sanft und weich, verwandelte sich so, dass Morris rascher atmete und das Staunen in ihm über die unheimliche Wandlungsfähigkeit wuchs.

„Der Doc sagte mir, dass Sie nach Albodan wollten, Lancaster“, kam es Morris von den Lippen. „Ein Platz ist frei. Wir können in wenigen Minuten aufbrechen!“

„Thank you, ich werde von dem Angebot Gebrauch machen. Albodan ist tatsächlich mein Ziel“, erwiderte Lancaster mit sanft schwingender Stimme. Er reckte sich etwas in den Schultern, verzog das Gesicht ein wenig, als ob die Bewegung ihm Schmerzen verursachte, lächelte stärker und löste sich vom Corralzaun. Jetzt erst sah Morris, dass Lancaster aufgesprungene Lippen hatte und dass tiefe Schatten unter seinen Augen standen. Jetzt sah er auch, dass er eine Waffe trug, einen 45er Colt, der ihm tief auf dem rechten Schenkel lag. Das Futteral war abgeschabt, der einst glatte Kolben rau, das Walnussholz des Griffes von scharfen Steinen zerkratzt.

Ah, by Gosh, dieser Mann, das wusste Morris jetzt, war wirklich im Gebirge gewesen und hatte sich auf allen vieren über die Schroffen bewegt.

Unwillkürlich zog Morris seine Augen schmaler, und die Kehle wurde ihm eng.

Yeah, er wusste jetzt, dass ein verteufelt harter Mann vor ihm stand. Ein Mann, der zu stolz war, seine Schwäche zu zeigen, der lieber umfallen würde, als zuzugeben, wie elend ihm zumute war.

Ein Mann, den kein Hindernis schrecken konnte und der keine noch so große Strapaze scheute. By Jove, in seinem Zustand musste das Reisen mit der Postkutsche mehr als eine Folter sein.

„Lancaster, Sie sollten lieber auf den Doc hören und so lange bleiben, bis Sie wieder fit sind“, hörte Morris Nina an seiner Seite sagen. „Was treibt Sie so zur Eile?“

Das war eine gewagte Frage.

Die Glutaugen des Mannes richteten sich überrascht auf sie, saugten sich an ihrem Blick fest. Dann lächelte er vor sich hin, sagte leise:

„Madam, in Albodan gibt es ein Wiedersehen!“

Sein Blick verdüsterte sich, und Nina biss sich auf die Lippen, bereute ihre so plötzlich gestellte Frage.

„Madam“, sagte er nach einer Pause recht heiser, und wieder glitt sein Blick zur Sierra Nevada hin: „Mein Wiedersehen gilt einem Manne, der mich dort erwartet.“

Irgendetwas schwang in seiner Stimme, was einem eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Unwillkürlich musste Morris an die Ausführungen des Doc denken, an das Brandmal, das man Lancaster auf den Rücken gebrannt hatte. Herr im Himmel! Was musste dieser Mann hinter sich gebracht haben!

„Kommen Sie, Lancaster! Schließlich sind Sie ja für sich selbst verantwortlich“, sagte Nina leise.

Statt aller Antwort klang ein leises Lachen von seinen Lippen. Ein Lachen, das man nicht deuten konnte, von dem man nicht musste, ob es spöttisch oder böse war.

Unwillkürlich wandte sich Morris ihm zu.

Doch es kümmerte den Fremden nicht, dass beide ihn betroffen ansahen, dass die grünen Gletscheraugen des Mädchens sich seltsam weiteten und die Grauaugen Borgins dunkler wurden. Yeah, was wussten sie auch schon von den neunundzwanzig Tagen in der Hölle der Sierra Nevada? Was ahnten sie von den Hintergründen, die ihn in die Berge getrieben hatten?

Nein, sie waren ahnungslos und konnten nur an seinem Äußeren einige Spuren deuten und sich etwas zusammenreimen. Gewiss war er in ihren Augen ein Satteltramp, ein abgerissener Langreiter, ein Mann, der auf dem langen Trail war und Unangenehmes erlebt hatte.

No, sie konnten nicht ahnen, dass er hier in Nevada auf ein Wiedersehen hoffte.

Yeah, ein höllisches Wiedersehen sollte es werden, und es sollte die Glut löschen, die in seinem Herzen brannte.

Wie durch Nebelschleier sah er den Riesen Borgin vor sich, die schlanke Mädchengestalt an dessen Seite. Langsam folgte er den beiden und musste daran denken, wie er sich in den Bergen nach dem Anblick von Menschen gesehnt hatte, musste unwillkürlich vergleichen und sich sagen, dass jetzt, da er alles hinter sich gebracht hatte, alles ganz anders war, als er es sich vorgestellt hatte.

Der Anblick von Menschen ließ Misstrauen und Abwehr in ihm aufkommen. Unwillkürlich verlangsamte er den Schritt und ließ die beiden in das Stationsgebäude eintreten, ohne zu folgen. Er sah deutlich, dass dort drinnen der Tisch gedeckt war und die Anwesenden sich zur Mahlzeit niederließen.

By Jove, er verspürte keinen Hunger und wollte nicht stören, wollte draußen warten, bis man zur Abfahrt bereit war.

Er wandte sich von der Tür ab und setzte sich auf eine umgestürzte Futterkrippe, die auf dem Hof repariert werden sollte, holte Tabak aus der Westentasche, drehte sich einen Glimmstängel, zündete ihn an, sog tief den Rauch ein und dachte an das, was zurücklag, so, als ob es in einem anderen Leben geschehen sei, und wusste doch, dass es wahr war und noch vor einem Monat das Paradies auf Erden war. Die Ranch, drüben im Wunderland Kalifornien.

Yeah, seine Ranch war es gewesen. Nicht besonders groß, jedoch in einem Lande gelegen, das mild und warm den ewigen Sommer gepachtet zu haben schien. Es war ein Dorado an Naturschönheiten und Naturschätzen, ein märchenhaftes Land, in dem zu jeder Jahreszeit die Orangenhaine blühten. Ein Land, das kaum erschlossen war und immer neue Ströme von Siedlern anzog.

Eric Lancasters dunkle Glutaugen wurden zu schmalen Spalten. Seine Nasenflügel blähten sich wie bei einem witternden Tier. Die Erinnerung des Vergangenen packte ihn so stark, dass der kalte Schweiß aus seinen Poren trat und sich um sein Herz ein eiserner Ring zu schließen schien und die zurückgedrängten Bilder der Vergangenheit jäh mit eindeutiger Wucht aus der Versenkung traten. Yeah, diese Bilder der Vergangenheit waren schrecklicher zu ertragen als der unheimliche Marsch über die Sierra, waren grauenhaft eindringlich. Eric wusste, dass ihn diese Bilder nie zur Ruhe kommen lassen würden, so lange er lebte, würden sie vor seinem geistigen Auge stehen. Sie waren es auch, die ihn auf die Fährte jenes Mannes hetzten, der ihm alles genommen hatte. Die Frau, die Ranch und ... seinen Frieden.

Niemals mehr würde er Ruhe haben, so lange jener Schurke lebte, der sein Glück mit den Stiefeln zertrat, schuld an dem Tod seines Kindes war.

Nein, Eric Lancaster würde so lange jagen, bis er dem Schuft vor die Füße springen konnte, um ihm seine Kugel zu servieren.

Seine Hände stemmten sich auf den Rand der Futterkrippe. Die Knöchel der Gelenke schimmerten weiß unter der Haut.

Er war von den Bildern der Erinnerung gepackt und durchdrungen.

Seine Gedanken wanderten zurück, zu jenem Tag, da er Merci Trane als seine Frau heimführte.

Yeah, sie war das schönste Mädchen, das in Los Angeles in einer Bar servierte. Sie hatte große Braunaugen, in denen Goldpunkte schimmerten, kastanienbraunes Haar, das ihr schmales Gesicht noch zarter erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war.

Wer sie sah, konnte den Blick nicht mehr von ihr nehmen, und Eric, der nach Los Angeles gekommen war, um wichtige Besorgungen zu machen, sah sie und verliebte sich auf den ersten Blick. Er hatte nur noch einen Wunsch, sie zur Frau zu bekommen.

Und yeah, das sagte er ihr, als sie zusammen an einem Tisch saßen und plauderten. Sie lachte darüber, so, als ob solche Komplimente etwas Alltägliches für sie seien. Er wiederholte seinen Antrag.

„Es ist unmöglich, Madam, und ich kann Sie verstehen, dass Sie es nicht ernst nehmen. Aber ich habe keine Zeit und muss bald zurück. Bitte, werden Sie meine Frau!“

Ihr glockenklares Lachen brach ab. Sie beugte sich näher zu ihm hin, betrachtete ihn forschend, recht interessiert, wie es schien.

„Ich bin hier, um die Gäste zu unterhalten, Sir ... Sie vertauschen meines Erachtens die Rollen.“

„Madam, ich pflege in solchen Dingen keine Scherze zu machen!“

„Mein Gott, seien Sie nicht gleich getroffen! Ich kenne Sie kaum, Sir! Sie können mir glauben, dass ich jeden Tag etwas Ähnliches höre. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, dass es für mich eine andere Möglichkeit geben könnte.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Nun, um ehrlich zu sein, Los Angeles ist eine große Stadt, und für ein Mädchen ist es schwer, sich hier durchzusetzen. Oh, ich möchte gern fort, wenn ...“

„Wenn?“, wiederholte er und sah sie forschend an.

„Wenn nicht Ray Ankrum hier wäre“, seufzte sie resigniert.

„Wer ist Ray Ankrum?“, fragte er nach einer Weile.

„Das wissen Sie nicht, Cowboy?“, sagte sie überrascht.

„Ray Ankrum ist der Besitzer dieses Hauses, und er stellt das Personal ein. Er befiehlt über eine Schar schneller Revolvermänner, die sich unter den Gästen verstreuen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Ray Ankrum wird mich nicht gehen lassen.

Oh, schauen Sie nicht so düster drein. Ray Ankrums erster Revolvermann Hunter beobachtet uns bereits. Sie trinken zu wenig, Cowboy! Er wird mich von Ihrem Tisch holen und zu einem anderen Gent schicken.“

By Jove, in der Tat. Ein breitschultriger Kerl mit einer eingeschlagenen Nase und verkniffen dreinblickenden Augen schob sich von der Theke auf den Tisch zu, an dem Eric Lancaster und Merci Trane saßen.

Er drängte die Gäste, die ihm im Weg waren, zur Seite, kam grinsend auf Eric zu, baute sich großspurig vor ihm auf, sagte spöttisch:

„Du wirst deinen Whisky auch allein herunter kriegen, Cowpuncher.“

Bei diesen Worten legte er seine Pranke vertraulich auf die nackte Schulter Mercis, die unwillkürlich zusammenzuckte und zum Träger ihres Kleides griff, um sich gleichzeitig von dem Druck der haarigen Männerhand zu befreien.

„Nimm deine Hand von ihr“, sagte Eric.

Der Kerl jedoch hob erstaunt den stiernackigen Kopf, schaute ihn verwundert an.

„Buddy, es wäre besser für dich, wenn du dich schnell aus dem Staube machen würdest. Warte nicht so lange, bis ich meine Faust in dein Gesicht fege!“

Er sagte das nicht laut. Seine Stimme hatte jedoch einen eigentümlichen Klang, und in seinen Augen war zu lesen, dass der Bursche durch Erics Widerstand eine beinahe schreckliche Freude empfand, seine Worte in die Wirklichkeit umzusetzen. Er fasste das Mädchen noch fester, sodass Merci vor Schmerz leise aufschrie.

Alles in Eric spannte sich. Er fühlte, wie eine eiskalte Flutwelle in ihm aufbrach. Er merkte nicht, wie ringsherum an den Tischen alles Leben erstarb.

By Gosh, es störte ihn auch nicht. Er sah nur noch die Augen des Kerls, der sich Hunter nannte und es gewagt hatte, das friedliche Beisammensein mit Merci zu stören.

Er federte hoch, bevor Hunter es verhindern konnte. Seine geballte Faust traf die eingeschlagene Nase des Burschen mit voller Wucht und ruckte den stiernackigen Kopf zurück. Gleichzeitig wuchtete er den Tisch hoch. Die Tischkante traf Hunters Magen schmerzhaft und ließ ihn wie ein Taschenmesser zusammenklappen, den Kopf auf die Tischkante schlagen.

Hunter rollte zur Seite und schlug schwer auf die Dielen. Lancaster aber packte Merci am Arm und zog sie, die totenbleich, keiner Reaktion fähig war, an seine Seite, gerade früh genug, um den Colt gegen den Kerl hinter der Theke zu richten, der eine plötzliche Bewegung zur Hüfte machte.

Die Schnelligkeit, mit der er sein Eisen gelüftet hatte, ließ die Zuschauer erstarren, ließ den Kerl an der Theke mitten in der Bewegung innehalten.

„Ray Ankrum?“, hetzte es über Erics Lippen.

„Yeah, es ist Ray Ankrum“, zitterte es von Mercis Lippen. O yeah, er hatte es sofort begriffen, wer der Mann war, starrte ihn herausfordernd an.

„Ich gebe dir eine Chance, Ankrum! Tragen wir es aus!“

Betont langsam ließ er seinen 45er in das leere Futteral zurückgleiten. Merci wollte es verhindern, wollte etwas sagen, aber kein Wort kam über ihre Lippen.

Die Zuschauer wichen jetzt zurück. Hinter Eric rannten einige Männer, so schnell sie konnten, aus der Schusslinie.

Ankrum stand geduckt hinter der Theke. Ein großer, schlanker Tiger, mit buschigen Brauen und blitzenden Augen.

„Verlass sofort die Bar!“, fauchte er.

„Nicht ohne Merci!“

„Zum Teufel, die bleibt hier! Sie nennt sich schließlich meine Braut!“

„Das mag sie gewesen sein, Ankrum! Jetzt nicht mehr!“

„Sie hat dreitausend Dollar Schulden bei mir! Lass dir das eine Warnung sein! Oder willst du etwa ihre Schulden übernehmen? Ich sage dir, misch dich hier nicht ein! Lass es dir Triumph genug sein, Hunter ausgeschaltet zu haben! Treibe dein Glück nicht zu weit!“

„Das ist meine Sache, Ankrum“, entgegnete Eric kalt. „Deine Ansprüche sind ein wenig zu hoch gegriffen!“

„Zu hoch?“, kreischte Ankrum heiser. „Hat sie dir erzählt, dass ihr Vater eine Schuldsumme von dreitausend Dollar von mir erhielt, damit er nicht vor eine Jury geschleppt wurde? Heh, dreitausend Dollar lässt man sich nicht einfach nehmen!“

„Sie wird es dir zurückgeben!“

„Daran glaube ich nicht! Mein Freund, du kannst dich darauf verlassen, eines Tages werde ich mir das Geld zurückholen, aber auf eine Art, die dir bestimmt nicht angenehm sein wird. Und nun verschwinde, bevor sich meine Leute einmischen!“

Er drehte sich auf dem Absatz und zeigte Lancaster den Rücken, verschwand durch eine Nebentür.

Die kleine Hand Mercis grub sich in sein Handgelenk.

„Sir, gehen wir lieber!“

„Yeah, Madam! Haben Sie sich entschieden?“, fragte er.

„Könnte ich jetzt noch bleiben?“, hauchte sie. „Ankrum würde die Hölle über mich hereinbrechen lassen.“

Sie zerrte an seinem Handgelenk, und er gab dem Druck nach, überwältigt von dem Erfolg, den er bei ihr hatte. Er war noch ein wenig verwirrt, fühlte sich erst richtig wohl, als frische Luft um seine Stirn strich.

„Madam, wir werden jetzt zu meinem Hotel gehen!“

„Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als mitzugehen“, lächelte sie zu ihm auf.

„Yeah“, antwortete er, „und an allem habe ich schuld!“

Auf dem Weg zum Hotel erregten sie einiges Aufsehen. Es war immerhin ungewöhnlich, dass zur Mittagszeit ein Mann mit einer Frau im Abendkleid durch die Straßen ging.

Auch der Portier zeigte unverhohlen sein Erstaunen.

„Mister, soweit ich informiert bin, haben Sie ein Einzelzimmer genommen. Damenbesuch ist nicht gestattet!“

„Ich habe vergessen, meine Frau einzutragen!“

„Oh, das ist natürlich etwas anderes“, beeilte sich der Portier zu sagen und ließ das Trinkgeld verschwinden, das ihm Lancaster in die Hand drückte.

Sie schritten an ihm vorbei.

„Wenn man dahinterkommt, dass Sie falsche Angaben gemacht haben, gibt es einen Skandal. Los Angeles ist in dieser Hinsicht sehr streng!“, sagte Merci.

„Wir brauchen keinen Skandal zu befürchten, Madam ... ich ziehe mich nur um, und dann gehen wir zu einem Pastor!“

„Allmächtiger, Sie wollen wirklich?“

„Heiraten, yeah ...“

Fast atemlos sah sie ihn an. Ihre Augen funkelten vor Erregung. „Ich kann es einfach nicht glauben“, sagte sie sanft. „Aber ich habe immer davon geträumt, dass eines Tages ein wirklicher Mann kommen würde und mich aus der Hölle erlöst.“

Sie blieb stehen, zwang ihn dadurch, dasselbe zu tun. Mitten auf dem Korridor standen sie sich gegenüber, und plötzlich hob sie sich auf die Zehenspitzen, schlang ihre Arme um seinen Hals, warf sich an seine Brust, küsste ihn.

Er erwiderte diesen plötzlichen Gunstbeweis, und sie löste sich sanft aus seinen Armen, stieß bitter hervor:

„Ankrum hat mich für die Summe von dreitausend Dollar gekauft. Aber erst später kam ich dahinter, dass es so war, dass er es war, der meinen Vater im Falschspiel so weit trieb, dass er Schulden machte, und dass er selbst es war, der meinen Vater zur Eintreibung der Schulden vor den Richter schleppen wollte. Yeah, ich kam dahinter, als Vater bereits tot war.“

Ihre Augen weiteten sich, und ihre Brust hob sich in stürmischer Erregung. „Ankrum wird keine Ruhe geben.“

„Denk jetzt nicht daran. Er wird unsere Spur verlieren. Für uns beginnt ein neues Leben. Morgen schon verlassen wir als Mann und Frau Los Angeles und alles bleibt wie ein böser Traum hinter dir, der bald ganz verwischen wird.“

Sie nickte nur, gestand ihm, dass sie von den jüngsten Ereignissen völlig wirr sei und alles kaum glauben könne.

Er beruhigte sie und sagte, dass sie später viel Zeit hätten, sich aneinander zu gewöhnen, und dass bestimmt alles gut würde.

Noch am selben Tage kleidete er sie neu ein. Sie fanden bald einen Pastor, der sie traute, und dann erledigten sie alles andere und trafen Vorbereitungen für die Reise am nächsten Tag.

Er hatte auf einer Liege geschlafen und war eine Stunde vor ihrem Erwachen bereits dabei, alles fertig zum Aufbruch zu machen. Er weckte sie mit den Worten:

„Merci, wir fahren nun ins Märchenland. Unser Conestogawagen ist fahrbereit!“

Er blieb in der Tür stehen, sah, wie sie den Kopf in den Kissen hob, wie ihr roter, geschwungener Mund leicht zuckte und Tränen in ihre Augen traten.

„Die ganze Nacht habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich diesen Schritt nie bereuen werde. Ich danke dir!“

„Liebling“, hörte er seine eigene, wie erstickt klingende Stimme.

„Yeah“, hauchte sie, und das war mehr, als er erwartet hatte, mehr, als er je zu träumen gewagt hätte. Es war die schönste Aufforderung seines Lebens. Er schluckte schwer, schritt auf sie zu, schloss sie fest in seine Arme.

„Merci, als ich dich zum ersten Mal sah, war es mir, als hätte ich mein ganzes Leben lang nur nach dir gesucht, und ich nannte mich selbst einen Narren.

Auch ich hatte in der Nacht Zeit, über mich nachzudenken, über das Ungewöhnliche meines Handelns. Nun, ich konnte einfach nicht anders handeln. Vielleicht war ich zu lange allein auf meiner Ranch. Vielleicht habe ich nur geschuftet und meine Augen vor dem Leben verschlossen, weil ich etwas erreichen wollte. Jetzt aber fehlt die Frau ... die Krönung meiner Ranch!“

„Und Kinder“, unterbrach sie ihn ruhig mit sanfter Stimme, indem sie sich aus seinen Armen löste.

„Lass uns aufbrechen, Eric, und vergessen wir Ankrum, vergessen wir all das Schlechte, was mit ihm zusammenhängt!“

Er gab keine Antwort darauf, aber der Blick, den er ihr zuwarf, enthüllte ihr mehr, als es Worte gekonnt hätten, zeigte ihr deutlich das Wesen dieses Mannes.

Sie erschauerte unwillkürlich vor dem ungeahnten Glück, das mit diesem Tag seinen Anfang nahm.

Das Glücksgefühl stieg, als sie neben ihm auf dem Fahrersitz saß und das Vierergespann vor dem schwer bepackten Wagen durch die Straßen von Los Angeles nach Westen, den Bergen entgegen, rollte.

Als sie die Stadt hinter sich hatten, sagte sie leise:

„Die Schatten der Vergangenheit bleiben zurück, Eric.“

„Yeah, und wir werden versuchen, es so schnell wie möglich zu vergessen“, sagte er und legte zärtlich seinen Arm um ihre Schulter. Sie wehrte sich nicht dagegen, ihre Augen suchten seinen Blick, und ihre Hände tasteten nach seiner freien Linken.

Es war, als lege sie mit dieser Bewegung ihre Geschick in seine Hand.

Meile um Meile zogen die Gespanntiere den schwer beladenen Wagen durch die staubigen Straßen, an Treckkolonnen vorbei, die neue Vorräte und Einwanderer zur Küste des Stillen Ozeans brachten. Planwagen, Mulas und Ochsengespanne zogen vorbei, mit Staub überzogene Menschen, die mit hellen Augen in die Zukunft blickten und die ihr Hab und Gut mit sich führten.

Sie sahen Reiterkolonnen in blauen Uniformen und Gruppen von Büffeljägern und Fallenstellern, lederhäutige Scouts.

Jede Meile brachte neue Eindrücke, neue Bilder, abenteuerlich wild, romantisch. Es gab Männer, die sich zu Fuß dem Strom derjenigen anschlossen, die nach Los Angeles zogen. Der Staub vieler Meilen lag auf ihnen, hatte sich in ihrer Haut eingefressen, und die Strapazen hatten ihre Gesichter hohlwangig und hart gemacht.

Gegen Mittag erreichten sie einen Creek, dessen Ufer von Menschen wimmelte, die ihre Zelte hier aufgeschlagen hatten. Nackte Kinder badeten in dem flachen Creek, und dort, wo die ameisenhafte Betriebsamkeit der Menge nicht so spürbar war, lagen Faulenzer in der Sonne, spielten Männer Karten, gab es allerlei Kurzweil. In der Tat, ein beachtlicher Strom von Menschen floss Los Angeles zu. Überall aber lauerten Weghyänen, Kerle, die von der Not der anderen lebten und sich an diesem Strom festsaugten.

Noch bevor Eric die Gespanntiere getränkt und gefüttert hatte, fielen irgendwo Revolverschüsse, entstand Bewegung in der Menge.

„Das gehört hier zur Tagesordnung“, rief ein kleiner Mann mit flammenden Augen Eric zu. „Irgendein Revolverduell! Man sollte sich nicht darüber aufregen.“

Eric ließ sich auch nicht in seiner Arbeit stören, schickte sich gerade an weiterzufahren, als die Tiere fertig waren. Da fiel sein Blick auf einen am Wegrand stehenden Wagen mit zerbrochenem Rad. Fünf Männer bemühten sich, die Achse anzuheben, um das Rad auswechseln zu können.

Am Ufer saßen fünf nach der neuesten Mode gekleidete junge Mädchen.

„Nachschub für Ray Ankrum“, presste Merci heiser hervor.

„Bitte, fahr zu, Eric!“

Details

Seiten
188
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933789
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505108
Schlagworte
gebrandmarkt

Autor

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Titel: Gebrandmarkt