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Der neue Sheriff

©2019 141 Seiten

Zusammenfassung


Sechs Jahre lang war er, Bill Barret, Sheriff von Little Bend gewesen. Aus dieser wilden Goldgräberstadt hatte er einen lebenswerten Ort gemacht. Doch nun steht ihm eine neue Aufgabe bevor. Er soll der nächste Sheriff von Culper City werden. Zwei seiner Vorgänger haben bereits, bei dem Versuch, den Terror in der Stadt zu brechen, mit ihrem Leben bezahlt. Auch hier, in dieser Stadt, wird sich Barret gegen eine Bande rücksichtsloser Schurken durchsetzen müssen, vor allem gegen einen Mann namens Ernest Prewitt, der die Stadt beherrscht und terrorisiert ...

Leseprobe

Table of Contents

Der neue Sheriff

Copyright

1

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5

6

7

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9

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Der neue Sheriff

Western von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 141 Taschenbuchseiten.

 

Sechs Jahre lang war er, Bill Barret, Sheriff von Little Bend gewesen. Aus dieser wilden Goldgräberstadt hatte er einen lebenswerten Ort gemacht. Doch nun steht ihm eine neue Aufgabe bevor. Er soll der nächste Sheriff von Culper City werden. Zwei seiner Vorgänger haben bereits, bei dem Versuch, den Terror in der Stadt zu brechen, mit ihrem Leben bezahlt. Auch hier, in dieser Stadt, wird sich Barret gegen eine Bande rücksichtsloser Schurken durchsetzen müssen, vor allem gegen einen Mann namens Ernest Prewitt, der die Stadt beherrscht und terrorisiert ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Cover: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Er ritt allein.

Er ritt abseits der langen, gewundenen Talstraße wie ein Mann, der die Nähe der Menschen meidet. Die Art, wie er sich leicht vornübergebeugt und mit locker herabhängenden Schultern im Sattel hielt, deutete an, dass er schon lange unterwegs war. Der stoppelige Bart, der sein Kinn umrahmte, ließ die grauen Augen in dem sonnenverbrannten Gesicht noch heller und schärfer erscheinen. Es waren die Augen eines Mannes, der Härte und Entbehrungen kennt.

Er spürte eine erschreckende Leere im Hirn. Es war nicht Müdigkeit, die diese Leere auslöste, sondern jenes untergründige Abwarten, das dem Wissen um eine bevorstehende Gefahr entspringt.

Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Der County Marshal hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er, der neue Sheriff von Culper City, keineswegs nur mit Routineaufgaben fertig werden musste.

Culper City!

Nach seinen Berechnungen musste diese Stadt bald in Sichtweite kommen. Er sah die Postkutsche unten im Tal nach Osten rasen. Sie zog eine lange Staubfahne hinter sich her.

Die Reisenden, die da unten in der schüttelnden, stoßenden, höchst fragwürdigen Bequemlichkeit abgewetzter Polster dem gleichen Ziel zustrebten wie er, würden lange vor ihm dort sein. Nun, er hatte Zeit. Der Bevollmächtigte des County Marshals würde die Ermächtigungsurkunde ja erst am Wochenende bringen. Bis dahin verblieb genug Zeit, sich als einfacher Bürger in dem zukünftigen Wirkungsbereich etwas genauer umzusehen.

Im harten Nachmittagsschatten der Espen und Pechtannen lenkte er das Pferd talwärts. Als er an einen sprudelnden Bach gelangte, beschloss er eine Pause einzulegen. Das Pferd war so müde wie er.

Er nahm dem Tier den schweren Doppelgurt-Sattel ab und führte es an den Tümpel, der sich unterhalb der Quelle gebildet hatte. Dort überließ er es sich selbst. Er holte das Blechgeschirr, eine Kaffeetüte und ein paar Scheiben hartes Brot zusammen und entfachte ein kleines Feuer. Während er das Wasser für den Kaffee kochte, beobachtete er aus halbgeschlossenen Augen die Vorgänge auf der grauen, staubigen Talstraße. Er sah ein paar Reiter stadtwärts ziehen. Vielleicht würden diese Männer schon morgen seine Freunde sein — vielleicht auch seine Feinde.

„Für Ihre zukünftige Arbeit kann ich Ihnen nicht viel Hoffnung machen“, hatte der County Marshal gesagt. „Sie wird sehr schwer und gefährlich sein. Zwei Ihrer Vorgänger sind daran gescheitert. Sie haben den Versuch, den Terror in der Stadt zu brechen, mit ihrem Leben bezahlt. Es gibt keinen Zweifel, Bill: Sie werden sich gegen eine Bande rücksichtsloser Schurken durchsetzen müssen!“

Nun, das kannte er. Er wusste, wie man mit Banditen umgeht.

Nach dem Kaffeetrinken legte er sich unter einen Baum und schlief ein. Als er erwachte, stand die Sonne als glutroter Ball über den Hügeln. Bill ritt weiter.

Schon bald sah er in der dunstigen Abenddämmerung, die sich unterhalb des blutroten Sonnenuntergangs ausbreitete, die ersten Lichter der Stadt. Die Hügel senkten sich auf die große, weite Ebene zu, die sich jenseits von Culper City ausbreitete.

Er ritt talwärts, um die Straße zu erreichen. Er hatte sie bisher nicht gemieden, weil er sich zu verbergen wünschte, sondern weil er das Alleinsein mit der Natur liebte und die neugierigen Fragen fremder Menschen hasste.

Sechs Jahre lang war er, Bill Barret, Sheriff von Little Bend gewesen.

Er hatte aus der wilden Goldgräberstadt einen Ort gemacht, in dem es sich zu leben lohnte. Recht und Gesetz hatten in der kleinen Gemeinde ihren fest verankerten Platz gefunden. Aber dann versiegten die Goldquellcn, und die Menschen, die sich seiner Betreuung anvertraut hatten, waren fortgezogen, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Sie hatten das Lied vom braven Sheriff mit sich genommen und dafür gesorgt, dass sein Ruf bis zum County Marshal gedrungen war.

Aus Little Bend war inzwischen eine Geisterstadt geworden — eine Sammlung schäbiger Holzhütten, die allmählich den Sandstürmen der Prärie zum Opfer fielen. Sein Posten als Sheriff war damit so nutzlos geworden wie die Goldwaschanlagen in den kleinen Bächen und Flüssen der Umgebung.

Er hatte daher nicht lange gezögert, seine Berufung nach Culper City anzunehmen.

Er wusste freilich, was es bedeutete, weder von den Wählern noch vom Friedensrichter in sein Amt eingesetzt zu werden. Der County Marshal bestimmt nur dort einen Sheriff, wo sich niemand fand, der den gefährlichen Posten zu übernehmen wagte ...

Bill hatte sich berichten lassen, dass Culper City zu einem El Dorado von Banditen und zweifelhaften Elementen geworden sei. Viehdiebe und ihre Hehler, Falschspieler und Gauner aller Schattierungen und Größenklassen wurden von der jungen, aufstrebenden Stadt wie von einem Magneten angezogen. Es war offenes Geheimnis, dass ein Mann namens Ernest Prewitt die Stadt beherrschte. und terrorisierte. Er besaß die größte Ranch der Umgebung und einen Stamm harter Weidereiter. Seine Macht reichte bis tief in das Hinterland hinein.

Es wurde behauptet, dass Prewitt den Tod des letzten Sheriffs inszeniert habe — aber der einzige Zeuge, der bei dem Überfall einen von Prewitts Leuten erkannt zu haben glaubte, hatte vor der Hauptverhandlung seine Aussage zurückgezogen. Es galt als sicher, dass man ihn bestochen oder bedroht hatte.

Bill fuhr plötzlich zusammen. Er zügelte das Pferd und blieb stehen.

Jenseits der Talstraße, die etwa fünfzig Meter unter ihm lag, erhob sich auf der anderen Seite ein ziemlich schroffer Hügel. Er wurde von einem knorrigen Baum mit seltsam langen, weit ausgreifenden Ästen gekrönt. Vor dem blutigen Rot des Abendhimmels, das fast wie eine kunstvoll arrangierte Kulisse wirkte, hing an einem der Äste eine starre, reglose Gestalt.

Er vermochte nur noch die Konturen zu erkennen: die schwarzen Umrisse des Grauens.

Bills Augen wurden schmal.

Er fühlte sich versucht, hinüberzureiten, aber er konnte von hier aus sehen, dass jede Hilfe zu spät kommen würde.

Langsam und nachdenklich setzte er seinen Weg fort.

Kurz nachdem er die Straße erreicht hatte, ertönte hinter ihm Hufgetrappel.

Bill blickte nicht zurück, aber er gab seine lässige Haltung auf. Seine Muskeln spannten sich. Er war wieder der Mann, der auf jede Eventualität vorbereitet ist.

Der Reiter näherte sich rasch.

„Guten Abend, Fremder!“, rief er, als er mit Bill auf gleicher Höhe ritt.

Bill wandte den Kopf und erwiderte den Gruß. Er sah sofort, dass es sich bei dem Reiter um einen Kaufmann handelte — um irgendeinen Krämer, der von einem Landbesuch in die Stadt zurückkehrte. Er war mittelgroß und stämmig. Bekleidet war er mit einem grauen Reitanzug und einem schwarzen Hut. Seine Haltung im Sattel war schlecht. Er musterte Bill mit ängstlichem Misstrauen und lüftete dann seinen Hut.

„Hargrove“, stellte er sich vor. „Artur Hargrove. Ich habe mich verspätet, wissen Sie. Es ist nicht gut, nach Einbruch der Dunkelheit allein zu reiten. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich Ihnen bis Culper City anschließe?“

„Meinetwegen.“

„Sind Sie — äh — auf der Durchreise?“

„Nein. Mein Name ist Barret.“

„Was denn — Bill Barret? Dann sind Sie also ...“

„Der neue Sheriff“, ergänzte Bill ruhig.

Der Kaufmann ließ einen Seufzer der Erleichterung hören.

„Na, Sie nehmen mir eine Last von der Seele“, gestand er. „Als ich Sie eben näher betrachtete, wurde mir direkt unheimlich zumute. Sie sind mir hoffentlich nicht böse, wenn ich sage, dass Sie mit dem tagealten Bart nicht gerade vertrauenserweckend aussehen!“

Bill antwortete nicht. Zum Glück war es bis zur Stadt nicht mehr weit. Bis dahin musste er den Schwätzer ertragen.

„Haben Sie den Toten gesehen?“, fragte Hargrove erregt. „Den Mann am Galgenbaum?“

Bill nickte.

„Vielleicht ein Selbstmörder“, mutmaßte Hargrove, fügte aber gleich darauf hinzu: „Nein, ein Selbstmord kommt nicht in Betracht.“

„Warum nicht?“

„Na, hören Sie mal! Weshalb sollte ein Mann, der Schluss machen will, ausgerechnet einen Ast des verfluchten Galgenbaumes wählen? Das ergibt keinen Sinn.“

„Ein Selbstmord ist immer sinnlos.“ Hargrove lachte bitter.

„Wenn das stimmt, ist es für die meisten anständigen Bürger von Culper City sinnlos, noch länger in der Stadt zu leben. Im Grunde genommen ist jeder weitere Aufenthalt selbstmörderisch. Wir werden von Schurken tyrannisiert. Culper City ist fest in der Hand von Banditen. Ich fürchte, auch Sie werden daran nichts ändern können, Sheriff. Betrachten Sie sich das Beispiel des letzten Sheriffs! Er starb so, wie in diesem Land sieben von zehn Waffenträgern zu sterben pflegen — mit einer Kugel im Herzen. Zwei der Banditen nahm er mit ins Grab — aber er traf natürlich nur die Werkzeuge und nicht die eigentlichen Drahtzieher des Überfalls. Es ist gefährlich, in Culper City mit einer Pistole und einem Patronengürtel herumzulaufen. Deshalb preise ich mich glücklich, zum Stand der Kaufleute zu gehören. Wir genießen keine hohe Achtung unter den Männern der Stadt, aber wir leben länger. Und besser!“

Bill fragte nur: „Was hat es mit der Bezeichnung ,Galgenbaum‘ auf sich?“

„Er wurde von den Männern der Pioniergeneration, also von unseren Vätern, als Galgen benutzt. Damals gab es nur wenige ordentliche Gerichte, und niemand hatte die Zeit oder Lust, mit einem Delinquenten lange zu fackeln. Wenn sich jemand gegen das Gesetz der Gemeinschaft verging, wurde rasch und hart Vergeltung geübt. Es wird behauptet, der Galgenbaum hätte schon gut ein Dutzend dieser armen Sünder baumeln sehen.“ Dann fragte der Kaufmann: „Werden Sie von Finnegan erwartet?“

„Ja.“

Hargrove lachte leise und verächtlich. „Finnegan!“

„Sie kennen ihn?“, fragte Bill, nur um irgendetwas zu sagen.

„Wer kennt ihn nicht? Er war bereits Gehilfe bei drei Sheriffs. Er hat sie alle überlebt.“

Bill grinste lustlos.

„Vielleicht überlebt er auch noch den vierten“, meinte er lakonisch.

Der Kaufmann zog ein erschrecktes Gesicht.

„Das ist kein Thema für üble Scherze!“, sagte er. „Sie sind sich doch hoffentlich darüber im Klaren, was Sie in Culper City erwartet? Ich beneide Sie wirklich nicht!“

Bill verfiel wieder in Schweigen. Sie passierten die ersten Hauser der Stadt. Dann kamen sie an einigen Pferdecorrals vorbei. Sie waren leer.

„Finnegan wohnt da drüben“, sagte Hargrove und wies auf ein kleines Haus, das etwas abseits von der Straße stand. „In seinem Wohnzimmer brennt Licht.“

„Vielen Dank.“

Bill murmelte ein Abschiedswort und näherte sich mit dem Pferd der schäbigen Hütte des Sheriffgehilfen. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten und band die Stute an einen Verandapfosten.

Die Tür des Hauses öffnete sich. Der Mann, der auf die Veranda trat, war zunächst nur undeutlich zu erkennen. Das Licht der hinter ihm im Raum hängenden Petroleumlampe umfloss ihn weich.

Erst als Bill näher trat, erkannte er Einzelheiten.

Finnegan hatte die Daumen auf der Innenseite des lose auf den Hüften liegenden Patronengürtels geschoben. Er war mit engen, etwas verbeulten Hosen, einer braunen Lederweste, einem karierten Hemd und kurzen Stiefeln bekleidet. Sein Kragen war von einem roten Halstuch verziert. Es war schwer, das Alter des Mannes zu bestimmen. Finnegan war weder hübsch noch hässlich. Auffallend an ihm waren eigentlich nur die Augen — sehr blasse, müde Augen.

„Mr. Barret, vermute ich?“, sagte er.

„Ja, und Sie sind Mr. Finnegan, nicht wahr?“

Der Sheriffgehilfe musterte einige Sekunden lang Bills Gesicht. Es war eine Prüfung ohne Neugierde und Aufdringlichkeit. Bill schien es so, als gäbe es wenig, was diesem scheinbar leeren Blick entging.

„Ich habe Sie mir anders vorgestellt“, meinte Finnegan.

„So?“

Auf der Straße blieben ein paar Leute stehen. Bill vermochte sie nicht zu sehen, er hörte nur das Gemurmel von Stimmen.

„Jetzt geht es los“, meinte Finnegan gleichmütig. „Sie schließen die ersten Wetten ab.“

„Wetten?“

„Klar. Die unterhalten sich darüber, wie lange es mit Ihnen gut gehen wird.“

Bill lächelte.

„Haben Sie keine Lust, sich an den Wetten zu beteiligen?“

„Lust schon. Aber wer wettet schon mit mir? Kein Mensch in Culper City will etwas mit Charly Finnegan zu tun haben. Das werden Sie bald merken - falls Sie lange genug bei uns bleiben.“

„Ich bleibe“, erwiderte Bill ruhig. Dann fragte er: „Wie erklären Sie sich Ihre Unbeliebtheit?“

Finnegan schwieg.

„Wenn Sie wetten könnten“, sagte Bill, „wie würde dann Ihre Wette beschaffen sein?“

„Ich denke, wir sollten das Thema lieber wechseln.“

„Sie haben mich wohl schon abgeschrieben, was?“

Finnegan zuckte mit den eckigen Schultern.

„Ich habe drei Sheriffs sterben sehen ... und zwar nicht im Bett“, sagte er und zog die Daumen aus dem Gürtel. „Das reicht mir. Wollen Sie reinkommen?“

Bill zögerte.

„Vielen Dank, ich wollte mich nur melden. Vielleicht ist es besser, wenn ich mich erst mal um ein Hotelzimmer kümmere.“

„Das habe ich schon für Sie belegen lassen.“

„Gut. Übrigens ... bevor ich’s vergesse: Kennen Sie den Galgenbaum?“

Finnegan zuckte zusammen.

„Natürlich“, sagte er langsamer, als er sonst sprach. „Den kennt hier jedes Kind. Warum fragen Sie?“

„Dort hat sich anscheinend jemand aufgehängt. Oder ist aufgehängt worden. Sie müssen sich darum kümmern.“

Finnegan steckte wieder die Daumen in den Gürtel.

„Mist“, knurrte er. „Kommen Sie mit?“

„Ich habe mit der Sache nichts zu tun, Finnegan. Ich bin noch kein Sheriff.“

„An mir bleibt alles hängen“, maulte Finnegan. „Sind Sie ganz sicher, dass da jemand baumelt?“

„Ganz sicher.“

Finnegan zog die Unterlippe zwischen die Zähne.

„Kann mir schon denken, wer es ist.“

Bill schaute den Gehilfen fragend an, aber Finnegan gab keine weiteren Erklärungen ab.

„Kommen Sie herein!“, wiederholte Finnegan.

„Sofort. Erst muss ich das Pferd versorgen.“

„Ich helfe Ihnen. Hinten im Stall ist noch eine Box frei.“

Sie brachten die Stute gemeinsam in den Stall. Während sie den Sattel abnahmen, erklärte Bill: „Das Pferd gehört nicht mir. Es muss morgen mit der Postkutsche nach West Fork geschickt werden, zu Millers Stable. Miller ist ein alter Freund von mir. Er hat mir die Stute geliehen.“

„Ich erledige das für Sie.“

„Vielen Dank.“

„Ich nehme an, Sie werden sich jetzt waschen und rasieren wollen. Inzwischen koche ich uns einen starken Kaffee. Danach können wir uns ein wenig in der Stadt umsehen.“

Eine Stunde später gingen die beiden Männer durch die Hauptstraße von Culper City. Auf den ersten Blick unterschied sie sich durch nichts von den Hauptstraßen ähnlicher Städte. Die Häuser lagen verstaubt und etwas windschief am Straßenrand; einige von ihnen schienen sich gegenseitig zu stützen und auf diese Weise am Umfallen zu hindern.

Die falschen Fassaden, die grellbunten Reklameschriften, der Glanz der Petroleumlampen, die Veranden mit den schmalen Vordächern ... all das wirkte beruhigend normal. Sogar die Kneipe mit dem unvermeidlichen Namen Last Chance Saloon am Ende der Hauptstraße fehlte nicht. Trotzdem war hier etwas anders. Bill fand, dass eine düstere Atmosphäre über der Stadt lag.

Vor einem einstöckigen Gebäude, in dessen Erdgeschoss die Amtsräume des Sheriffs lagen, blieben sie stehen. Finnegan fasste in die Tasche und holte einen Schlüssel hervor.

„Es kann nicht schaden, wenn Sie sich gleich einmal Ihr zukünftiges Reich ansehen“, meinte er und schloss die Tür auf. Daneben war eine zweite, die ins erste Stockwerk führte.

„Wohnt jemand da oben?“, fragte Bill.

„Nein. Colbert hat sein Büro in der ersten Etage. Er ist Anwalt.“

Finnegan öffnete die Officetür, und sie traten ein.

Das Erdgeschoss beherbergte zwei Büroräume und einen sich daran anschließenden gemauerten Raum mit zwei Zellen. Die Officeräume sahen schmutzig und verkommen aus. An einem Gewehrschrank in der Ecke baumelte ein riesiges Vorhängeschloss. Der Spucknapf in der Ecke sah so verbeult aus, dass man meinen konnte, die Schuljugend von Culper City habe mit ihm Fußball gespielt.

„Na?“, fragte Finnegan und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie gefällt Ihnen der Laden?“

Bill blickte auf den Wandkalender und stellte fest, dass man die Karten seit einer Woche nicht mehr umgesteckt hatte.

„Ist das der Schreibtisch des Sheriffs?“, fragte er.

„Ja, hier hat Peach gesessen.“

Bill wusste von dem letzten Sheriff kaum mehr als den Namen. Er war ein vierzigjähriger Mann gewesen, der recht und schlecht versucht hatte, die Stadt in seinen Griff zu bekommen. Er war gescheitert.

Finnegan ließ sich in einen der wackligen Drehstühle fallen und stupste den Hut ins Genick. Er machte den Eindruck eines Mannes, der eine gewaltige Arbeit hinter sich gebracht hatte.

„Warum nehmen Sie nicht Platz?“, fragte er. „Von Ihrem Schreibtisch aus können Sie die Hauptstraße überblicken. Jetzt ist noch nicht viel los; die meisten Männer sitzen noch zu Hause beim Abendbrot. Aber in einer halben Stunde können Sie die prominenten Vertreter unserer Stadt auf dem Weg in die Saloons bewundern.“

„Ich bin hier noch nicht zu Hause“, sagte Bill. „Vielleicht werde ich es nie sein.“

„Angst?“

„Wovor?“

Finnegan grinste schwach.

„Na ... vor allem vor der Aufgabe. Vor den Schurken dieser Stadt. Vor dem, was Peach erwischt hat.“

Bill schüttelte den Kopf.

„Das ist es nicht. Aber ich bin noch nicht vereidigt.“

Finnegan winkte ab.

„Das ist doch bloß eine Formsache“, erklärte er geringschätzig. „Oder fürchten Sie, es könnte noch etwas dazwischenkommen? Die sind längst soweit, dass sie jeden nehmen würden. Hauptsache, er kann seinen Namen buchstabieren und weiß, wie man den Stern an die Brust heftet.“

Als Finnegan Bills eisigen Blick auf sich geheftet sah, fügte er hastig hinzu: „Nichts für ungut, Sheriff. Die Worte richten sich nicht gegen Sie. Aber ich weiß doch genau, was in den Leuten vorgeht.“

„Das weiß ich auch, Mann. Man wünscht sich, einen laxen, bequemen Sheriff — einen Mann, mit dem sich reden lässt.“

Finnegan zog die Augenbrauen zusammen.

„Stimmt genau“, meinte er und sagte dann: „Aber ganz Culper City weiß schon heute, dass Sie kein Mann nach diesem Zuschnitt sind.“

„Wirklich?“

„Man sieht Ihnen an, dass es nicht gerade leicht ist, Ihren Willen zu brechen. Sie haben etwas Hartes, Unnachgiebiges im Gesicht ... einen düsteren, verbissenen Ernst, den die Leute hier nicht lieben ... schon gar nicht bei einer Amtsperson. Darum hat man mich immer, geduldet.“

Bill setzte sich auf die Ecke von Millers Schreibtisch.

„Ich lege keinen Wert darauf, der ewig lächelnde, auf Wählerstimmen bedachte Sheriff zu sein. Ich will nur meine Arbeit leisten ... und zwar so gut, wie das möglich ist! Ich halte nicht viel von großen Worten, aber ich weiß verdammt genau, was wichtig ist, dass ein Vertreter des Rechts in jeder seiner Handlungen Vorbild für die anderen bleibt.“

Finnegan schüttelte den Kopf.

„Wenn Sie so denken, und wenn es Ihre Absicht sein sollte, Ordnung in diese Stadt zu bringen, müssen Sie damit beginnen, mich aus dem Dienst zu werfen. Ich bin schäbig und gemein. Ich habe mich in meinem Leben schon hundertmal bestechen lassen, und ich werde es wieder tun.“

„Das ist eine sehr merkwürdige Ansprache, Finnegan.“

Um die Mundwinkel des Sheriffgehilfen zuckte es bitter.

„Es ist die verdammte Wahrheit. Alle im Ort wissen es: Finnegan ist käuflich! Mit dem lässt sich reden. Für ein paar Dollars verkauft der dem Teufel die Seele seiner Großmutter. Darum achtet mich niemand. Kleine Gauner meines Formats haben es schwer. Die Leute blicken immer nur zu den Großen, Mächtigen auf.“

„Sie leiden darunter, nicht wahr?“

„Worunter? Dass ich nicht das Zeug zum Klassegauner habe?“

„Nein. Es bedrückt Sie, dass Sie sich selbst verraten.“

„Es kotzt mich an, wenn Sie die Wahrheit hören wollen. Ich bin ein Mann. Aber ich komme mir vor wie ein Waschlappen.“

„Bereuen Sie, was Sie getan haben?“

„Es ist schwer, das zu beantworten. Warum sollte ich es bereuen? Ich lebe. Ich atme. Die, die zu ihren sogenannten Prinzipien standen, meine ehrenwerten Chefs, die Sheriffs von Culper City, liegen längst unter dem Rasen. Warum sollte ich also bereuen?“

„Weil Sie die Toren beneiden“, sagte Bill ruhig,

Finnegan starrte Bill an. Zum ersten Mal schien sich in seinen blassen, müden Augen etwas zu entzünden.

„Ja, ich beneide die Toten“, gab er mit leiser, deutlich hörbarer Stimme zu. „Die Leute von Culper City haben sie mit viel Schmutz beworfen und ihre Anordnungen ignoriert. Aber die Sheriffs blieben ihrer Sache treu. Im Grunde genommen, ganz heimlich, bewundert man diese Leute auch heute noch. Die Sheriffs werden sogar von ihren ehemaligen Feinden respektiert. Wer aber respektiert mich? Wer respektiert den kleinen schmierigen Gauner, der immer beigibt und das Mäntelchen in den Wind hängt?“

Bill erhob sich.

„Es wird Zeit, dass Sie aufbrechen, Finnegan“, sagte er mahnend.

„Aufbrechen, wohin?“

„Zum Galgenbaum.“

„Teufel, das hätte ich um ein Haar vergessen! Sie kommen also nicht mit?“

„Nein.“

„Ich werde den alten Buggy mitnehmen. Bei der Gelegenheit kann ich Ihnen den Sattel, die Packtasche und die Deckenrolle ins Hotel bringen. Wir haben davon übrigens drei im Ort. Ich habe für Sie das ,Trocadero‘ ausgesucht ... es hat die beste Küche und liegt ganz in der Nähe. Sie können das Hotelschild sehen, wenn Sie durchs Fenster schauen.“

„Gut, ich gehe gleich hin.“

Sie traten auf die Veranda. Während Finnegan die Tür von außen abschloss, fragte Bill: „Nehmen Sie kein Gewehr mit?“

„Wozu? Ich benötige nur ein Messer, um den Toten abzuschneiden.“

Gemeinsam schritten sie die Straße hinab. Ein paar Männer blieben stehen, um ihnen nachzublicken.

„Ich weiß, was Sie denken“, sagte Finnegan. „In einer Gegend wie der unseren bewegt man sich am klügsten nur schwerbewaffnet, nicht wahr? Das ist im Allgemeinen richtig, und Ihnen würde ich empfehlen, diesem Grundsatz treu zu bleiben. Ich bin jedoch nicht gefährdet. Sobald Finnegan etwas sieht oder hört, was er als Sheriffgehilfe nicht wissen sollte, zahlt man ihm ein paar Dollars ... und das lässt ihn so vergesslich werden, wie es seine Auftraggeber wünschen. Es ist der einzige Grund, warum ich meine drei Chefs überlebte. Es ist auch der Grund, weshalb ich mich vor heimlich abgefeuerten Schüssen nicht zu ängstigen brauche.“

„Warum brüsten Sie sich damit?“, fragte Bill.

„Ich will Ihnen nur klarzumachen versuchen, was für ein Mensch ich bin. Sie sollen später nicht behaupten können, dass ich Ihnen in den Rücken gefallen wäre. Ich bin, wie ich bin. Ein Mann, der sich bestechen lässt! Vielleicht hätte man das vor ein paar Jahren noch ändern können. Jetzt ist es zu spät.“

„Es ist nie zu spät, Finnegan.“

Der Gehilfe blieb stehen. Er wandte den Kopf und starrte Bill, der gleichfalls stehengeblieben war, in die Augen.

„Warum sagen Sie das?“

„Wir alle haben schon einmal Fehler begangen. Das ist nicht so wichtig. Es kommt nur darauf an, dass wir diese Fehler einsehen und korrigieren.“

„Da hätte ich viel zu tun!“, spottete Finnegan bitter. „Das mit dem Einsehen geht in Ordnung. Aber korrigieren? Ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich bin, wie ich bin.“

„Sie sind ein verdammter Dickschädel, Finnegan.“

„Schon möglich ... aber ein Dickschädel, der genau weiß, wann er nachzugeben hat. Es wäre gut, wenn Sie daraus lernen würden. In Culper City gibt es für Sie nur zwei Möglichkeiten: entweder Sie passen sich an, oder man zerbricht Sie!“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Allerdings.“

Bill packte den Gehilfen am Hemdkragen und riss ihn mit einem plötzlichen Ruck zu sich heran.

„Hören Sie, mein Freund ... so geht es nicht. Ich habe versucht, Ihnen gut zuzureden. Aber ich sehe ein, dass Sie nicht der Mann sind, der dieses Entgegenkommen verdient. Ich hasse Gauner, die sich mit ihren Taten brüsten.“

Der Sheriffgehilfe verkniff die Augen. Er hatte die Hand auf dem Colt liegen.

„Lassen Sie mich los!“, sagte er mit flacher Stimme.

„Sagten Sie vorhin nicht, Sie wüssten, wann es Zeit zum Einlenken ist?“, fragte Bill, der Finnegans Worte ignorierte. „Diese Zeit ist gekommen. Entweder Sie besinnen sich auf Ihre besseren Qualitäten oder ich sorge dafür, dass Sie als Erster hinter Schloss und Riegel kommen!“

„Lassen Sie mich los!“

Bill stieß den Gehilfen zurück. „Verschwinden Sie!“

Finnegans Augen waren ganz klein geworden. Dann zwang er sich zu einem Grinsen. Er ließ die Hand vom Colt gleiten und schob den Hut aus der Stirn.

„Nichts für ungut, Sheriff. Ich muss verrückt gewesen sein. Weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist. Natürlich haben Sie recht, so kann es ja nicht weitergehen. Ich muss jetzt nach rechts einbiegen. Den Weg zum Hotel kennen Sie ja. Ich bringe Ihnen noch das Gepäck, bevor ich zum Galgenbaum fahre. Bis gleich!“

Bill sah dem davonschreitenden Finnegan hinterher.

In diesem Moment trat ein kleiner, leicht gebückt gehender Mann auf ihn zu und lüftete den flachen, schwarzen Hut.

„Guten Abend, Sir. Mein Name ist Colbert. Ich bin, wie Sie wahrscheinlich erfahren haben dürften, ein Mitbewohner des Officegebäudes.“

„Sehr erfreut. Mein Name ist Bill Barret.“

„Das habe ich, wie meine Worte wohl schon verrieten, sofort angenommen. Sie sind also der neue Sheriff.“

Der Anwalt hatte auffallend kleine, dunkel glitzernde Augen und eine Habichtsnase. Er war mit engen, gestreiften Röhrenhosen und einer schwarzen Samtjacke bekleidet. Ein hoher steifer Kragen schnürte seinen faltigen Vogelhals ein. Er musterte Bill mit lauernder Freundlichkeit.

„Ich bin Mitglied des Town Councils“, sagte er dann. „In dieser Eigenschaft ist es mir eine hohe Ehre und ein Vergnügen, Sie als mutmaßlichen Sheriff unserer schönen Stadt begrüßen zu dürfen. Ich ... äh ... ich hoffe, dass Ihnen der Einspruch von Mr. Prewitt nicht allzu viel Schwierigkeiten bereiten wird. Eine kurze Rücksprache mit meinem Mandanten wird alle eventuellen Schwierigkeiten sicher aus dem Wege räumen.“

„Ich wusste nicht, dass Mr. Prewitt gegen meine Bestellung als Sheriff Einspruch erhoben hat. Er muss schon gewichtige Gründe haben, um dieses Vorgehen gesetzlich rechtfertigen zu können.“

Der Anwalt lächelte maliziös.

„Mr. Prewitt hat immer gute Gründe. Er ist ein Mann, der unüberlegte Handlungen verabscheut.“

„Sind Sie überzeugt, dass Sie ihn gut beraten haben?“

Der Anwalt lächelte stärker.

„O ja ... davon bin ich fest überzeugt.“

„Nun gut ... wir werden sehen.“

Der Anwalt hüstelte.

„Wie gesagt ... Mr. Prewitt ist unter gewissen Bedingungen sicher bereit, den Einspruch fallenzulassen. Es wäre nützlich für Sie, wenn Sie sich über diesen Punkt mit ihm unterhalten würden.“

„Warum nicht? Ich. wohne im ,Trocadero‘. Er kann mich dort finden.“

Der Anwalt räusperte sich.

„Ich fürchte, Sie unterschätzen die Bedeutung von Mr. Prewitt ganz erheblich. Er gehört nicht zu den Leuten, die Besuche machen. Er ist vielmehr in der glücklichen Lage, die Bittsteller in seinem Haus zu empfangen ... so, wie es seinen Wünschen und Absichten entspricht. Sie werden sich wohl oder übel zu seiner Ranch begeben müssen.“

Zwischen Bills Augen stand eine steile Falte.

„Lassen Sie uns eins klarstellen, Mr. Colbert“, sagte er mit scharfer Stimme. „Ich pfeife auf das, wofür sich Mr. Prewitt hält. Er ist ein Bürger wie Sie und ich.“

„Sie dürfen nicht vergessen, dass sein Einfluss auf den County Marshal als recht erheblich gilt. Ich würde Ihnen empfehlen, sich mit Mr. Prewitt zu arrangieren.“

„Ich habe mich noch niemals in meinem Leben mit jemand arrangiert, und ich trage mich nicht mit der Absicht, diese Praxis zu ändern.“

„Mr. Prewitt erwartet Ihren Besuch morgen früh“, sagte der Anwalt. „Ich bin beauftragt, Ihnen das mitzuteilen. Alles andere ist Ihre Sache. Guten Abend, Mr. Barret!“ Der Anwalt lüftete seinen Hut, und dann wandte er sich zum Gehen.

Bill erwiderte den Gruß nicht.

 

 

2

Als er zwei Minuten später die kleine Hotelhalle betrat, blieb er einen Moment stehen. Links führte eine hölzerne Treppe ins erste Stockwerk. Rechts vom Portier gelangte man durch eine Klapptür in den Saloon.

Der Portier war ein älterer Mann mit Halbglatze. Über dem weißen Hemd trug er eine bestickte Weste. Seine Manschetten waren durch schwarze Ärmelschoner geschützt. Er straffte sich, als Bill auf ihn zukam.

„Mein Name ist Bill Barret“, stellte sich Bill vor. „Finnegan hat ein Zimmer für mich reservieren lassen.“

Der Portier warf ihm einen scharfen, prüfenden Blick zu. Dann nahm er einen Schlüssel vom Brett und warf ihn auf den Schanktisch.

„Zimmer sieben, erster Stock.“

Bill nahm den Schlüssel und stieg nach oben. Als er den schmalen Korridor hinabging, krachte es plötzlich. Dicht an seinem Kopf pfiff eine Kugel vorbei.

Bill blieb stehen. Er bereute plötzlich, seinen Colt beim Gepäck in Finnegans Haus gelassen zu haben. Er sah ein winziges Loch in einer Tür, auf die eine goldene 5 genagelt worden war. Irgendjemand hatte durch die Füllung geschossen. Bill nahm sich nicht die Mühe, anzuklopfen. Er riss die Tür auf und trat über die Schwelle.

Er sah einen Mann, der ihm den Rücken zuwandte ... einen breitschultrigen Mann in einem hellen, eleganten Anzug. Der Mann hatte schwarzes, bis in den Nacken reichendes Haar. Es war glatt und pomadig. Der Mann wandte sich mit einem Ruck um. Auf der Oberlippe seines vollen, runden Gesichtes sprießte ein Bärtchen. Er war etwa dreißig Jahre alt und hinterließ den Eindruck eines Menschen, in dem Eitelkeit und Brutalität um die Vorherrschaft kämpfen.

Im Hintergrund des Zimmers stand ein Mädchen. Als Bill das Mädchen sah, nahm er seinen Hut ab. Sie trug einen blassgrünen Morgenmantel. Das lange Haar hing ihr bis auf die Schultern.

Sie hatte sehr hübsches Haar ... rotblond, seidenweich und glänzend. Aber mehr noch als das Haar faszinierte Bill der Revolver, den sie in der Hand hielt.

„Was wünschen Sie?“, fragte sie ihn mit einer erregten, dunklen Stimme, die nicht so recht zur Klarheit des jungen Antlitzes passen wollte. „Niemand hat Sie gebeten, hereinzukommen!“

„Dieser Meinung bin ich auch!“, schaltete sich der Mann im hellen Anzug ein. Er trug den Hut in der Hand und klopfte mit der Krempe ungeduldig gegen sein Bein. Bill sah erst jetzt, dass die Stirn des Mannes mit kaltem Schweiß bedeckt war.

„Verschwinden Sie!“, forderte das Mädchen. „Was hier vorgeht, soll Sie nicht interessieren!“

Bill zog die Tür ins Schloss und verschränkte dann die Arme vor der Brust. Er ging ein paar Schritte ins Zimmer hinein, so dass er den jungen Mann im Rücken hatte.

„Finden Sie?“, fragte er ruhig. „Ich neige zu der Ansicht, dass es mich eine ganze Menge angeht! Ihre Kugel hätte mich beinahe um Haaresbreite getroffen. Ich denke, das gibt mir ein Recht, nach dem ,Warum‘ zu fragen.“

Das Mädchen ließ die Hand mit dem Revolver sinken, ohne etwas von ihrer stolzen, fast arroganten Haltung aufzugeben.

„Gehen Sie!“, sagte sie. Es klang weniger scharf als die ersten Aufforderungen. Dann fügte sie hinzu: „Es tut mir sehr leid. Ich wollte Sie nicht gefährden.“

Sie hatte ein ebenmäßiges Gesicht von auffallender Schönheit. Im Moment war es leichenblass. Die großen, ausdrucksvollen Augen waren von schwer bestimmbarer Farbe. Der weiche rote Mund bildete einen geraden Strich. Es gab keinen Zweifel, dass er in Momenten geringerer Erregung weniger streng und von verlockender Süße sein konnte.

Eine schwere Hand legte sich auf Bills Schulter. Bill wandte sich um und blickte in die

leicht geschrägten Augen des jungen Mannes.

„Haben Sie nicht gehört?“, fragte der Unbekannte. „Die junge Dame bittet Sie, sich

zu entfernen. Falls Sie der Aufforderung nicht sofort nachkommen, mache ich Ihnen

Beine!“

Bill ergriff die Hand und nahm sie vorsichtig von der Schulter. Dann ließ er sie

fallen, als wäre es die Hand eines Aussätzigen.

„Keine Vertraulichkeiten bitte“, sagte er sanft. „Ich kann das nicht leiden. Darf man wenigstens erfahren, wie es zu dem Schuss gekommen ist?“

„Nein“, erwiderte das Mädchen, „das dürfen Sie nicht! Gehen Sie endlich!“

Bill zuckte mit den Schultern. Er fuhr sich mit dem Ellenbogen über den Hut, als wolle er ihn säubern. Dann wandte er sich zum Gehen.

In diesem Moment erhielt er von dem jungen Mann einen Stoß in den Rücken.

„Los, beeilen Sie sich!“

Bill blieb stehen.

„So geht es nicht, mein Freund“, sagte er milde. „Zufälligerweise habe ich eine starke Abneigung gegen diese Art der Behandlung!“

Der junge Mann hatte schon vorher festgestellt, dass Bill keine Waffe bei sich trug. Das erhöhte seinen Mut. Hinzu kam, dass er sich ohne Zweifel in den Augen des jungen Mädchens auszuzeichnen versuchte.

„Ich kann auch kräftiger zustoßen“, sagte er. „Sie sind ein Fremder in dieser Stadt. Wären Sie hier zu Hause, würden Sie mir gegenüber ein bisschen vorsichtiger sein. Es gibt nicht viele in Culper City, die mir Widerstand entgegenzusetzen wagen.“

„Dann lassen Sie sich gesagt sein, dass diese kleine Gruppe ab heute um einen Mann vermehrt worden ist.“

„Übrigens - heiße ich Joe Cassel“, stellte sich der Mann im hellen Anzug vor. Er warf seinen Hut auf einen Stuhl und zog den Körper zusammen, als setze er zu einem Sprung an. „Ich sage Ihnen das nur deshalb, damit Sie sich später zu erinnern vermögen, wer Ihnen die Anstandslektion erteilt hat.“

Er hatte das letzte Wort noch nicht über die Lippen gebracht, als er auch schon eine scharfe gestochene Linke abfeuerte. Die andere Hand schickte er sofort hinterher. Bill hatte mit dem Angriff gerechnet. Er duckte sich geschickt ab und konterte aus der Verteidigung heraus. Sein Schlag traf Cassels Kinn. Der junge Mann stolperte zurück und fiel über einen Stuhl. Er war sofort wieder auf den Beinen.

„Aufhören!“, rief das Mädchen. „Aufhören!“

Die Männer ignorierten die Worte. Cassel achtete diesmal besser auf seine Deckung. Trotzdem musste er die böse Erfahrung machen, dass Bill nicht nur schlaggenau zu kämpfen verstand, sondern auch äußerst geschickt war, wenn es darum ging, gefährlichen Schwingern auszuweichen.

In diesem Moment krachte ein Schuss. Das Mädchen hatte zum zweiten Mal abgefeuert.

Die Kugel drang in die Wand. Die Männer ließen voneinander ab und starrten dem Mädchen in die Augen.

„Ich verlange, dass Sie sofort das Zimmer verlassen ... alle beide! Ich könnte mich sonst gezwungen sehen, den nächsten Schuss genauer zu platzieren!“

„Hören Sie, Linda ...“, begann Cassel bittend, aber das Mädchen schüttelte den Kopf und wies mit blassem, strengem Gesicht zur Tür.

„Gehen Sie!“

Die Männer ergriffen ihre Hüte und gehorchten.

Als sie auf dem Korridor standen, warf Cassel seinem Gegner einen finsteren Blick zu.

„Wir sprechen uns noch!“

Bill zuckte mit den Schultern. Er ging auf seine Zimmertür zu und öffnete sie. Als er eintrat, sah er, dass Finnegan inzwischen das Gepäck gebracht hatte.

Er entblößte den Oberkörper und wusch sich gründlich in der abgestoßenen Emailleschüssel. Nachdem er ein frisches Hemd angezogen hatte, ging er nach unten, um das Abendbrot einzunehmen.

Als er den Saloon betrat, wandten sich ihm alle Köpfe zu. Für ein paar Sekunden war er Mittelpunkt einer Welle feindlicher Neugier, dann wandten sich die Gäste wieder ab. Die meisten Männer saßen oder standen an dem langen Bartisch. Von den Tischen waren nur wenige besetzt.

Bill nahm Platz und bestellte sich ein Steak. Er hatte die Bestellung kaum aufgegeben, als drei junge Männer in Cowboykleidung den Raum betraten. Die Art, wie sie hereinkamen, ließ deutlich erkennen, dass sie nichts Gutes im Schilde führten. Einige der Gäste stahlen sich zur Tür.

Die drei Burschen lümmelten sich mit dem Rücken gegen den Schanktisch. Sie stützten dabei die Ellenbogen auf die Messingstange, die links um den Tresen lief.

Alle drei starrten Bill an. Keiner sprach ein Wort.

Hinter dem Tisch putzte der kahlköpfige Barkeeper mit ausdruckslosem Gesicht seine Gläser. Auf seiner Glatze spiegelte sich das Licht der Lampen.

Bill lehnte sich gelassen zurück. Hinter ihm war ein Fenster. Es stand halboffen und ließ die frische Abendluft herein. Ein paar Weidereiter kamen gerade in die Stadt. Man hörte das Klappern der Hufe und einige scherzhafte Bemerkungen, die sie einem Bekannten zuriefen.

„Ich glaube“, sagte der längste der jungen Männer, ein schwarzhaariger, düster aussehender Bursche, „der Fremde sitzt an unserem Tisch.“

„Er wird sich gleich verkrümeln“, prophezeite sein Kumpan zur Linken, ein sehr schmaler, rothaariger Bursche, dessen Gesicht von Sommersprossen übersät war.

Sie fuhren fort, ihn anzustarren. Er tat so, als bemerke er es nicht. Als sein Essen auch nach Ablauf von weiteren zwanzig Minuten nicht serviert wurde, erkundigte er sich: „Ist Ihnen das Fleisch ausgegangen?“ Der Barkeeper murmelte etwas Unverständliches und ging durch eine Klapptür in die Küche.

Der lange dunkelhaarige junge Mann, offensichtlich der Anführer des Trios, näherte sich mit katzenhaft lässigen Bewegungen Bills Tisch. Kurz vor ihm blieb er stehen.

„Das ist unser Tisch, Fremder!“, sagte er sanft.

„So?“, fragte Bill verwundert. „Ist es ein Stammtisch?“

„Das will ich nicht behaupten. Aber wenn wir kommen, sind wir gewohnt, dass Platz gemacht wird.“

Der sommersprossige junge Mann trat neben den Anführer. Beide blickten finster in Bills Augen.

„Die meisten“, verkündete der Rotkopf mit einer hellen, komischen Fistelstimme, „setzen sich gar nicht erst ran. Auf diese Weise vermeiden sie jeden Ärger.“

„Es sind genügend Tische frei“, gab Bill ruhig zurück. „Warum nehmen Sie nicht woanders Platz?“

Der junge Mann mit dem dunklen Haar steckte die Daumen in den Patronengürtel.

„Ich hatte gehofft, dass Sie uns verstehen würden“, sagte er langsam. „Anscheinend habe ich mich getäuscht. Sie sind ziemlich schwer von Begriff, was?“ Die nächsten Worte knallte er wie einen Peitschenschlag in den Raum: „Los, stehen Sie auf!“

Der Barkeeper trat aus der Küche. Er blieb hinter dem Schanktisch stehen und betrachtete mit kummervoller Miene die Streitenden.

„Ich sitze hier ganz prächtig“, meinte Bill ruhig.

Die beiden jungen Männer blickten sich verdutzt an. Anscheinend war es eine neue Erfahrung für sie, dass man ihre Befehle einfach zu ignorieren wagte.

Der Rotkopf holte tief Luft.

„Es tut mir fast leid um ihn“, höhnte er. „Wenn wir mit ihm fertig sind, wird er sich einen neuen Anzug kaufen müssen.“

„Na und?“, grinste der Schwarzhaarige. „Es gibt genug Geschäfte in Culper City, die ganz scharf darauf sind, einen so trefflich gewachsenen Kunden bedienen zu können.“

Der Barkeeper räusperte sich.

„Es kann sich nur noch um ein paar Minuten handeln“, informierte er Bill.

Der Anführer wandte träge den Kopf.

„Stell ihm das Essen aufs Zimmer, Mac!“, sagte er. „Er hat es sich überlegt. Er will oben essen.“

„Ich esse an diesem Tisch“, erklärte Bill mit lauter, klarer Stimme. „Verstanden?“

Der Barkeeper zuckte nervös mit den Augenlidern.

„Sie werden ...“, begann der Anführer, hielt aber im Sprechen inne, als sich die Tür öffnete.

Die Burschen starrten zur Tür. Auch Bill hatte den Kopf gewandt.

Das rotblonde Mädchen von Zimmer 4 trat ein. Sie ging ohne Zögern auf einen der Tische zu und nahm Platz. Mit dem weichen, hochgesteckten Haar sah sie jünger und damenhafter aus als vorhin. Sie trug einen dunklen Rock und eine weiße, hochgeschlossene Bluse. Unter dem Arm hielt sie ein Buch. Ted, der dunkelhaarige Anführer, ließ die Schultern sinken.

„Sie haben Glück, mein Lieber“, sagte er zu Bill. „Zufällig wissen wir, wie man sich in Gegenwart einer Dame benimmt. Aber wir sprechen uns noch!“

„Sie sind bereits der zweite, der mir das in Aussicht stellt“, erwiderte Bill gelassen.

Die drei Burschen gingen hinaus. Der Barkeeper brachte das Essen an den Tisch.

„Mann, wissen Sie eigentlich, in welcher Gefahr Sie schwebten? Das waren die Lindsay-Brüder ... sie sind in der ganzen Gegend gefürchtet!“

„Nicht mehr lange“, meinte Bill und nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse. Er warf einen Blick auf das Mädchen. Ihre Blicke kreuzten sich.

„Es hat den Anschein“, sagte das Mädchen zu dem Barkeeper, „als sollte der langen Liste der Kampfhähne von Culper City ein weiterer Name hinzugefügt werden.“

Bill lächelte.

„Ich suche keinen Streit. Im übrigen“, fügte er unter Anspielung auf die Revolverkunststücke des jungen Mädchens hinzu, „ist ein Fausthieb weit weniger gefährlich als eine Kugel.“

„Ich habe keinen Menschen dabei verletzt. Ich habe mir nur Respekt verschafft“, erwiderte das Mädchen kühl. „In dieser Stadt lernt man rasch, dass es zuweilen nur auf diese höchst drastische Art geht.“

„Das Übliche, Miss Tanner?“, fragte der Barkeeper.

Das Mädchen nickte. Er ging zurück in die Küche.

Bill hätte das begonnene Gespräch gern fortgesetzt, aber das Mädchen schlug das Buch auf und begann demonstrativ zu lesen.

Zwanzig Minuten später öffnete sich die Tür zum zweiten Mal. Finnegan kam herein. Er hielt ein Pappschild in der Hand.

„Hallo, Mr. Barret“, rief er und trat an Bills Tisch. „Mission erledigt!“

Bill hob das Kinn.

„Wer war es?“

„Nur eine Puppe. Ich habe sie draußen auf dem Wagen liegen.“

„Eine Puppe?“

Finnegan nickte und reichte Bill den Pappdeckel, den er in der Hand hielt.

„Dieses Schild hing der Puppe an dem Hals.“

Bill nahm den Deckel entgegen und warf einen Blick darauf. In großen ungelenken Buchstaben war ,Bill Barret‘ auf die Pappe gekritzelt.

„Ein schlechter Scherz“, meinte Bill und gab das Schild zurück.

Finnegan schüttelte den Kopf.

„Zwei Tage, bevor Peach sterben musste, fanden wir eine ähnliche Puppe am Galgenbaum. An ihrem Hals baumelte ein Schild mit Peachs Namen. Es war, wenn ich mich nicht täusche, die gleiche Handschrift.“

„Verstehe. Die Puppe soll mich warnen. Eine äußerst feinsinnige Anspielung“, spottete Bill.

„Sie sind der neue Sheriff?“, fragte das Mädchen verwundert.

Bill blickte sie an. Ihre Augen erschienen ihm größer und dunkler als vorher.

„Noch bin ich es nicht“, erwiderte er. „Wenn ich Glück habe, kann ich in der nächsten Woche mit der Arbeit beginnen.“

Details

Seiten
141
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933772
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
sheriff

Autor

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Titel: Der neue Sheriff