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Der letzte Einsatz

2019 150 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der letzte Einsatz

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Der letzte Einsatz

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.

 

Als Sem Nixon auf dem Weg zu seinem Bruder ist, ahnt er noch nicht, dass er zu spät kommt. Sein Bruder ist tot — ermordet von hinterhältigen Schuften.

Wer sind die Mörder — und wo halten sie sich verborgen? Sein einziges Ziel ist, sie zu finden und zu vernichten.

Er hat sich damit eine fast unlösbare Aufgabe gestellt, doch er hält durch, obwohl sein letzter Einsatz nicht so ist, wie er gehofft hatte.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Hugo Kastner, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1.

Fern im Osten zeigte sich das Licht des werdenden Tages. Graue Nebel stiegen aus den Tälern empor.

Linda Hagerty stand hoch aufgerichtet neben der Verandatür. Mit ihren großen, dunklen Augen versuchte sie den Nebel zu durchdringen. Ihr schmales, anziehendes Gesicht war bleich und so starr, als wäre alles Leben aus ihm gewichen.

Linda Hagerty fror — sie fror vor Angst. Mit der Rechten umklammerte sie den Lauf der Winchester. Das Metall fühlte sich kalt an.

Ein leises Kinderweinen drang aus dem Haus und ließ sie zusammenzucken. Bevor sie sich umwenden konnte, brach das Weinen ab. Linda Hagertys Augen waren ausdruckslos auf die ziehenden Nebelschwaden gerichtet. Sie blieben auch starr, als endlich der lang erwartete Hufschlag ertönte. Die junge Frau hob die Winchester und trat tiefer in den Schatten der Veranda. Sie legte aber die Waffe nicht an. Es war der Hufschlag zweier Pferde, den sie hörte.

Und zwei Reiter erwartete Linda Hagerty. Jetzt tauchten sie aus dem Nebel auf und kamen rasch näher. Die Männer saßen auf schweißbedeckten Pferden.

„Lebt er noch, Schwester?“, keuchte der erste Reiter, während er sein Tier anhielt, sich aus dem Sattel schwang und auf sie zugelaufen kam.

Der zweite Reiter bewegte sich schwerfälliger. Der Mann war größer als Lindas Bruder Ernest, auch breiter in den Schultern und kräftiger gebaut. Linda sah in ein Gesicht, das wie aus Stein gemeißelt war, das sehr ruhig, aber auch etwas streng und abweisend wirkte. Der Mann trug Hirschledertracht wie die Waldläufer und Fallensteller. Gleichzeitig stellte Linda Hagerty fest, dass dieser Fremde Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Mann hatte.

Die dunklen Augen des Fremden waren fest auf Linda Hagerty gerichtet. Mit einer fast linkischen Bewegung nahm er seinen flachkronigen Stetson vom Kopf, der mit der Haut einer Klapperschlange verziert war.

Das also war Jeds Halbbruder. Linda sah ihn zum ersten Mal. Sie konnte ihre Überraschung nicht verbergen.

„Ist Jed tot?“, hörte sie wieder die drängende Frage ihres Bruders Ernest. Gleichzeitig packte er sie bei den Schultern und schüttelte sie sanft.

Lindas Augen richteten sich auf den Bruder und begegneten seinem Blick.

Ernests Augen flackerten. Linda spürte, dass er sie loslassen und ins Haus stürmen wollte.

„Zu spät!“, sagte sie mit leiser Stimme. „Jed braucht keine Hilfe mehr, Ernest. Sein Bruder hätte einen halben Tag früher kommen sollen, wenn er ihn noch sprechen wollte. Jed ist tot. Wie sehr hatte er sich auf das Wiedersehen gefreut. Seit Jahren schon war es sein sehnlichster Wunsch, seit Jahren sprach er von dem Wiedersehen und jetzt, da es endlich so weit war ...“

Der jungen Frau versagte die Stimme. Ein bitteres Schluchzen kam über ihre Lippen. Sie glitt in die Arme ihres Bruders. Jetzt konnte sie ihren Schmerz nicht mehr unterdrücken. Tränen flossen über ihre Wangen.

Der Fremde führte die Pferde zur Koppel und rieb sie ab. Die Nachricht vom Tode seines Bruders hatte ihn nicht kopflos werden lassen. Er ließ sich nicht vom Schmerz hinreißen, sondern tat das Nächstliegende. Er rieb die dampfenden Pferde ab.

Als die Tränen der jungen Frau versiegt waren, bat sie ihren Bruder:

„Komm herein, Ernest.“

Ernest bewegte sich nicht.

„Sem Nixon hat das gleiche Recht. Wir wollen auf ihn warten, sonst könnten wir ihn verletzen, und das wäre nicht im Sinne deines Mannes gewesen.“

Linda löste sich von ihrem Bruder. Langsam stellte sie die Winchester an die Hauswand, dann ging sie auf die Pferdekoppel zu. Sie taumelte, und Ernest Avonde machte eine Bewegung, als wollte er ihr folgen. Als er aber sah, dass ihre Haltung mit jedem Schritt fester wurde, blieb er wartend an der Tür stehen.

„Ich möchte Sie willkommen heißen“, sagte Linda Hagerty und blieb am Zaun stehen. „Verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit und kommen Sie ins Haus!“

Sem Nixon legte die Decken über die Pferderücken und kam wortlos näher. Er sah sie fest an und folgte ihr, als sie sich zum Gehen wandte.

„Sem“, sagte der an der Tür wartende Mann zu ihm, „so hast du dir das Wiedersehen wohl nicht vorgestellt?“

Nixon gab keine Antwort, und nur seine Wangenmuskeln verrieten, dass er nicht so unbewegt war, wie man es nach seinem Gesichtsausdruck hätte vermuten können. Er trat ins Haus.

Linda Hagerty wich zur Seite und ließ ihn an sich vorbeigehen. Der Mann trat an das an der Wand stehende Bett und beugte sich über seinen toten Halbbruder. Seine Hände griffen nach der Decke und schlugen sie zurück.

Der Anblick, der sich ihm bot, erschütterte ihn stark.

Die Geschwister sahen sich an und verharrten in bedrücktem Schweigen.

Sem Nixon bedeckte den Toten wieder und ging schwerfällig an den Geschwistern vorbei nach draußen. Linda und Ernest folgten ihm und sahen, dass seine Schultern zuckten.

Die Geschwister warteten. Sie ließen dem Gast Zeit, wieder zu sich selbst zu finden. Das Schweigen zwischen den drei Menschen schien sich zu Ewigkeiten auszudehnen.

Sem Nixon setzte sich schließlich auf die Verandabank, und leise kam es über seine Lippen:

„Es ist grässlich! Wer konnte nur so etwas tun?“

Linda Hagerty hob die Schultern und senkte sie gleich wieder. Diese kleine Bewegung zeigte ihre entsetzliche Hilflosigkeit.

„Jed hat es mir nicht sagen können. Seine Kraft reichte gerade noch aus, um sein Pferd auf dem Hof anzuhalten, dann fiel er aus dem Sattel. Ich konnte ihn nicht einmal mehr auffangen.“

„Das darf doch nicht wahr sein! Er ritt noch mit dieser furchtbaren Verletzung?“, fragte Sem Nixon erstaunt. Seine Brauen hoben sich überrascht.

„Es ist so, wie ich sagte“, erwiderte die junge Frau. „Jed kam hierhergeritten und starb. Mein Bruder kann es Ihnen bestätigen. Er war zu Besuch bei uns, und auch er kam zu spät aus dem Haus, um meinen Mann noch auffangen zu können. Sofort ritt er dann los, um Sie zu holen, Sem Nixon.“

„Sie wussten, dass ich in der Stadt war?“

„Ja, durch meinen Mann“, erwiderte sie, ohne zu zögern. „Jed gab mir gestern Ihren Brief und rechnete aus, wann Sie in der Stadt sein könnten. Mein Mann ahnte wohl nicht, dass ihm etwas zustoßen könnte, als in der Nacht Jim Morgan kam und ihn bat, mit ihm zu reiten.“

„Wer ist Jim Morgan?“, wollte Sem Nixon wissen.

„Ein Nachbar von uns. Er hat eine Ein-Kuh-Ranch. Mein Mann und er verstanden sich immer gut. Sie kamen zusammen ins Land und halfen sich gegenseitig beim Errichten ihrer Häuser. Ich weiß nicht, warum Jim Morgan kam, aber ich bemerkte, dass er sehr nervös war. Jed sattelte entschlossen sein Pferd, und dann ritten beide davon. Jed kam ohne Jim Morgan zurück.“

„Um zu sterben“, sagte Sem mit heiserer Stimme. „Haben Sie nicht nach Jim Morgan geschickt?“

„Nein“, bekannte Linda Hagerty. „Ich gestehe offen, dass ich Angst habe, warum, kann ich mir allerdings selbst nicht erklären. Ich schickte Ernest nicht zu Morgans Ein-Kuh-Ranch, sondern in die Stadt, damit er Sie holen sollte. Mein Mann hatte keine Feinde. Wir sind arm, unsere kleine Herde musste im Frühjahr abgeschrieben werden. Die Rinderpest hat sie vernichtet. Jed musste seinen Traum, einmal Großrancher zu werden, begraben. Sein Versuch, nochmals Geld von der Bank zu bekommen, war zwecklos. Die Weide wurde uns genommen, und nur ein wenig Grund und Boden um das Haus herum blieb uns noch. Mein Mann versuchte, uns so gut es ging durchzubringen. Er verrichtete zuletzt Gelegenheitsarbeiten in der Stadt. Nie gab er auf. Er stand immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Schicksalsschläge konnten ihn nicht umwerfen. Immer wieder sagte er, dass es uns eines Tages wieder besser gehen würde.“

„Mein Bruder war bescheiden und demnach beliebt?“, fragte Sem Nixon und blickte seine Schwägerin Linda dabei nicht an.

„Jed“, antwortete Linda stolz, „hat sich nie demütigen lassen. Alles hat er ertragen und hat das widerliche Spiel, das der Bankier Jack Mantell spielte, durchschaut. Er konnte verhindern, dass es einigen Kleinranchern so erging wie ihm selbst. Jed bewahrte sie davor, sich Geld bei den hohen Zinsen, die Mantell nahm, auszuleihen. Seine eigenen schmerzlichen Erfahrungen nutzte er, um andere vor Schaden zu bewahren. Er stand den Armen bei und stellte sich vor die Schwachen. Trotzdem hatte er keine Feinde.“

„Madam, das glaube ich nicht“, erwiderte Sem Nixon in seiner ruhigen Axt. „Auch mein Bruder war bestimmt kein Heiliger. Jeder Mensch hat Freunde und Feinde, etwas anderes gibt es im Leben nicht. Es gibt wohl keinen Menschen, der ständig im Frieden mit allen lebt. Ich werde Jeds Feinde aufspüren und sie stellen, Madam!“

Langsam erhob sich Sem Nixon.

Linda Hagerty sah ihren Schwager schärfer an. Sie gewahrte die Narbe, die sich quer über seine Stirn zog. Als sie ihre Augen senkte, sah sie, dass er in tief geschnallten Holstern zwei 45er Colts trug. Die Holster waren an den Hosenbeinen mit Lederschlaufen befestigt. Linda hatte Männer von der Art wie ihr Schwager Sem Nixon noch nie gesehen. Ihr Mann hatte nicht allzu viel von seinem Halbbruder gesprochen, wenn er es aber tat, geschah das mit besonderer Liebe. Schon immer hatte sie geahnt, dass es mit diesem Halbbruder eine besondere Bewandtnis haben müsse. Jetzt sah sie ihre Ahnung bestätigt. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie sich von diesem Mann so angezogen fühlte, warum er aber auch gleichzeitig so abstoßend auf sie wirkte. Etwas Fremdes und Unnahbares schien ihn wie eine Mauer zu umgeben.

„Sie werden in Schwierigkeiten kommen“, unterbrach Linda Hagerty das Schweigen. „Bleiben Sie?“

„Ja — und nicht nur, bis Jed unter der Erde ist“, erwiderte Nixon. „Hast du den Sarg bestellt, Ernest? Du sagtest mir doch, dass dein Schwager bereits tot gewesen sein könnte, als du aufbrachst, um mich zu suchen.“

„Ich habe die Vorkehrungen schon in der Stadt getroffen“, erwiderte Ernest Avonde mit kehliger Stimme. „Bleibst du hier und hältst mit mir die Totenwache?“

„Nein“, erwiderte Sem Nixon. „In welcher Richtung liegt die Morgan-Ranch, Ernest?“

„Du willst doch wohl jetzt nicht losreiten, Sem?“

„Und warum sollte ich nicht?“

„Du kennst das Land nicht. Ich muss dich darauf aufmerksam machen, dass sich hier ein Fremder nur sehr schlecht zurechtfindet. Es gibt noch viel Brachland zwischen den Weiden. Du solltest wenigstens abwarten, bis es endgültig hell geworden ist.“

„Das würde einen zu großen Zeitverlust bedeuten“, erwiderte Sem Nixon ruhig. „In wenigen Stunden lässt sich viel machen und manche Spur verwischen. Jed kam von der Morgan-Ranch, er wurde von Jim Morgan geholt. Also ist Jim Morgan die Stelle, wo man ansetzen muss. — Ich reite.“

Sem Nixon nickte Linda und Ernest zu und schritt dann zur Koppel, um seinen Rappwallach wieder zu satteln. Die Arbeit ging ihm flott von der Hand.

„Gib auf deine Schwester acht!“, sagte er dabei zu Ernest Avonde, der ihm gefolgt war und am Zaun stehen blieb. Er schnupperte, als wäre ihm eine besondere Witterung in die Nase gestiegen. „Es riecht nicht gut, Freund.“

„Du musst dich irren, Sem. Es war hier immer friedlich im Lande, nicht einmal Indianerkämpfe gab es hier.“

„Es hat den Anschein, als ob jemand dabei wäre, den Frieden — oder den Scheinfrieden — zu stören.“ Nixon senkte die Rechte auf den Kolben seiner Waffe und fuhr fort: „Ich wollte mein rastloses Leben hier beenden. Jed schrieb mir, dass ich hier eine Heimat finden könnte. Ich kam mit besonderen Erwartungen in dieses Land und wollte die vergangenen unruhigen Jahre vergessen. Nun, es soll wohl nicht sein. Vielleicht ist das hier mein letzter Einsatz.“

„Bist du ein Beidhandschütze, Sem?“

„Das kann jeder sehen, der Augen im Kopf hat“, erwiderte Sem Nixon abweisend.

„Jed hat nie davon gesprochen.“

„Er wird seine Gründe dafür gehabt haben. Eine Frage aber: Stört dich das?“

„Offen gestanden, ja“, erwiderte Ernest Avonde. „In der Stadt gibt es eine Menge Leute, die sich für schnelle Schießer halten. Die meisten von ihnen sind Gesindel und Raubeine. Untereinander waren sie immer friedlich, aber du wirst auf sie wirken wie das rote Tuch auf einen Stier. Jed muss das gewusst haben. Dass er dich dennoch brieflich bat, hierherzukommen, wird mir immer unverständlicher. Er konnte sich doch ausrechnen, dass dein Auftauchen einen Wirbel verursachen würde.“

„Du glaubst nicht, dass Jed ...“

„Es war nicht Jeds Art, einen Menschen im Unklaren darüber zu lassen, was ihn erwartete.“

„Vielleicht hatte Jed einen Grund, mich hierherkommen zu lassen. Vielleicht wusste er, was ihm zustoßen konnte, und dachte an Schutz für sich und seine Familie. Nun, ich werde es noch herausfinden!“

Sem Nixon zog sich in den Sattel, nahm die Zügel auf und ritt an. Linda Hagerty und Ernest Avonde versuchten ihn nochmals aufzuhalten. Aber er blieb fest und fragte: „Also, in welcher Richtung liegt die Morgan-Ranch?“

Wortlos deutete Ernest Avonde nach Norden.

Der Reiter zog sein Pferd herum und war kurz darauf im Nebel untergetaucht.

„Er hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit Jed“, murmelte Ernest leise. „Wir hätten noch mehr tun sollen, um ihn aufzuhalten, Schwester.“

„Ich glaube nicht, dass sich dieser Mann von uns hätte aufhalten lassen, Ernest“, erwiderte Linda. „Ich weiß nicht, er erinnert mich irgendwie an einen Wolf, der auf einer heißen Fährte läuft. Ich habe jetzt noch mehr Angst!“

 

 

2.

Die Sonnenstrahlen vergoldeten den Tag. Der Rappe lief in einer raumgreifenden Gangart. Hügel reihte sich an Hügel.

Der einsame Reiter erreichte eine Fahrstraße, die sich nach Norden zog. Diese Straße war im Grunde nichts anderes als Furchen, die von den Rädern der Fahrzeuge in den Boden gedrückt worden waren. Alte und neue Spuren vermischten sich, dazwischen waren die Trittsiegel von Pferden und Rindern zu sehen.

Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete Sem ständig die Umgebung. Er wusste jetzt, dass sein Bruder Jed die Straße beim Heimritt benutzt hatte. Die Trittsiegel von Jeds Pferd hatte er eine Zeit lang vor Augen gehabt, bis sie sich in den Räderfurchen verloren.

Nur der Himmel wusste, was in Sem vorging, was er dachte und wie es in ihm aussah. Auch jetzt, als er allein war, schien sich der ihn umgebende Panzer nicht zu lösen. Nur ab und zu ging ein Zucken über sein Gesicht.

Etwa eine Stunde war Sem Nixon geritten, als sich der Weg verengte und durch ein Gesteinslabyrinth führte. Eine winzige Bewegung ließ Sem hellwach werden. Mit einem Schenkeldruck lenkte er sein Pferd hinter einen großen Felsbrocken. Kaum hatten die Hufe des Tieres die Deckung erreicht, als ein eigenartig patschendes Geräusch verriet, dass eine Kugel ins Erdreich geschlagen war. Gleichzeitig war das Krachen des Gewehres zu hören. Am Klang der Waffe war zu erkennen, dass man aus einem schweren Büffelgewehr nach ihm geschossen hatte.

Erneut krachte ein Schuss. Die Kugel zischte über Sem hinweg. Sein Gegner schien ein schlechter Schütze zu sein.

Der große Steinbrocken gab Reiter und Pferd gute Deckung, aber das war auch alles. Sem konnte es nicht wagen, diese Deckung zu verlassen. Ringsum gab es wenig Schutz. Ein Durchbruch musste ihn auf die freie Fläche führen, wo er mit seinem Pferd eine gute Zielscheibe für den heimtückischen Schützen bot.

Wer mochte es nur sein, der aus dem Hinterhalt auf ihn schoss? Wer war es, der ihn hier festnagelte? Auf eine so weite Entfernung mit einer seiner 45er Waffen das Feuer zu erwidern, wäre nur Bleiverschwendung.

Sem Nixon ließ sich aus dem Sattel gleiten. Er brach einen Weidenast ab und entlaubte ihn. Dann nahm er seinen Stetson, stülpte ihn auf den Ast und schob ihn so weit aus der Deckung, dass er für den Schützen sichtbar werden musste.

Sofort krachte es wieder. Es gab keinen Zweifel, dass mit einem langläufigen, alten Büffelgewehr geschossen wurde. Mit Waffen dieser Art hatten die Büffeljäger ihre Schlachten gegen die einst so gewaltigen Bisonherden geführt.

Auch diesmal traf der Schütze nicht. Der Stetson war unbeschädigt, als Sem ihn herunternahm und betrachtete.

Sems Rappe Blacky rupfte das saftige Gras ab. Ihm schien die Rastpause sehr gelegen zu kommen, um seinen Hunger zu stillen. Die Schussdetonationen störten das Tier nicht im Geringsten.

Sem Nixon zog seine Jacke aus. Er steckte den Weidenast durch einen Ärmel und schob ihn links aus dem Versteck heraus. Diesmal traf der Schütze. Die Kugel durchschlug die Hirschlederjacke und traf den Ast. Sem betrachtete den Schaden, und ein leiser Pfiff kam über seine Lippen. Jetzt wusste er, dass er die Deckung nicht verlassen durfte. Der Gegner hatte sich offenbar inzwischen eingeschossen.

Was nützten jetzt die beiden langläufigen 45er Waffen? Der Bursche mit dem Büffelgewehr war zu weit entfernt. Zwar konnte Sem an dem aufblitzenden Mündungsfeuer seine Stellung ausmachen, aber die Entfernung war für einen Colt zu groß. Es blieb also nichts weiter übrig, als zu warten und sich auf eine stundenlange Belagerung einzurichten, die möglicherweise erst mit dem Einbruch der Nacht zu Ende war. Das war keine rosige Aussicht, aber vorerst war nichts daran zu ändern.

Was aber würde sein, wenn der heimtückische Schütze Hilfe bekam, wenn er Sem so lange festnagelte, bis ein Helfer in Sems Rücken kam? Aufmerksam spähte Sem die Umgebung ab. Noch war nichts Verdächtiges zu sehen.

Blacky konnte wenigstens seinen Hunger stillen. Sem selbst hatte nichts zu essen mit. Am Sattelhorn hing lediglich eine Feldflasche, in der sich mit Wasser verdünnter Whisky befand.

Als die Sonne höher stieg, verschwand der Schatten hinter dem Felsen, und das Ausharren wurde zur Qual.

Sem Nixon konnte sich nicht entspannen. Er musste hellwach bleiben und dafür sorgen, dass sein Pferd in der Deckung blieb. Der Schütze schoss in gewissen Abständen, als wollte er an seine Anwesenheit erinnern.

Die Stunden verstrichen langsam, und — was noch schlimmer war — Sem konnte sie nicht nutzen. Er hockte in der glühenden Sonne und war zum Warten verurteilt. Gegen Mittag sah er auf dem Weg, den er selbst am Morgen geritten war, eine Staubwolke aufsteigen. Bekam der Gegner Hilfe? Kamen seine Kumpane, um Sem in den Rücken zu fallen?

Sems Lippen pressten sich fest zusammen, seine Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen, und eine steile Falte kerbte die Stirn bis zur Nasenwurzel. Sollte er jetzt den Ausbruch wagen? Nein, die Gefahr war zu groß. Er konnte höchstens sein Pferd als Deckung benutzen.

Sem duckte sich hinter dem Körper des Tieres. Er war bereit, sein Pferd zu opfern und sich selbst bis zur letzten Patrone zu verteidigen.

Wieder krachte das Büffelgewehr, doch als an der Wegbiegung unter der Staubwolke die von einem Vierergespann gezogene Stagecoach sichtbar wurde, fiel kein weiterer Schuss mehr.

Fahrer und Begleitreiter schienen durch die Schüsse gewarnt zu sein, denn die Stagecoach wurde zum Halt gebracht. Auch der Begleitreiter hielt sein Pferd an, hob die Winchester und winkte zu Sem herüber. Der Stagecoachfahrer richtete sich auf seinem Bock auf. Deutlich konnte Sem seine schlanke Gestalt erkennen.

Sems Zeichen, dass die Gefahr aus einem Hinterhalt in der Wegverengung kam, wurde von den beiden Männern, die sich außerhalb des gegnerischen Schussbereiches befanden, sofort verstanden. Sem konnte beobachten, wie die beiden beratschlagten. Dann öffnete sich die Tür der Coach, und ein Mann sprang heraus. Er hob eine Frau aus dem Wagen, und beide verschwanden im Schutz der Coach hinter einem Gebüsch. Die Stagecoach setzte sich wieder in Bewegung. Der Begleitreiter trieb sein Pferd ebenfalls wieder an und benutzte die rollende Coach als Deckung. Der Fahrer verließ den Bock und kletterte ins Wageninnere. Durch einen Spalt unter dem Bock hindurch lenkte er die Pferde. So war er zwar leidlich geschützt — aber kaum vor einer Kugel aus einem Büffelgewehr.

Rasch kam der Wagen heran. Als er auf gleicher Höhe mit Sem war, schwang Sem sich blitzschnell auf den Rücken Blackys. Das Gefährt befand sich jetzt zwischen ihm und dem Gegner. Sem jagte aus der Deckung heraus und setzte sich neben den Begleitreiter. Mit einem Blick verständigten sich die beiden Männer. Zu langen Reden war jetzt keine Zeit. Man rückte sofort dem hinterhältigen Schützen auf den Pelz, der sonderbarerweise sein Schießen eingestellt hatte. Das konnte sich aber jeden Augenblick ändern.

Die Wegverengung wurde erreicht, ohne dass ein Schuss fiel. Man kam auf den Hügelkamm, ohne dass sich etwas ereignete. Von hier aus konnte man in die Täler sehen.

„Das soll verstehen, wer will!“, murmelte der Begleitreiter. „Unser Freund scheint Fersengeld gegeben zu haben.“

Die Stagecoach hielt an. Der Fahrer kletterte mit schussbereiter Winchester heraus.

„Dort!“, sagte er rau und zeigte ins Tal. Zwischen den Bäumen flirrte im Sonnenlicht eine Staubwolke.

„Der Vogel ist ausgeflogen“, murmelte Sem Nixon.

„Fremder, Sie haben uns gewarnt, wir haben Ihnen zu danken“, sagte der Fahrer zu Sem. „Man hatte es sicherlich wieder einmal auf die Postsäcke abgesehen. Diesmal kamen die Schufte nicht zum Zug! — Andy“, wandte er sich an seinen Begleiter, „reite zurück und hol die Passagiere. Sie brauchen sich nicht mehr zu ängstigen. Ohne diesen Gent hier hätten sie einen Überfall erlebt. Es wäre nicht der erste in diesem Monat. Es scheint, als wäre der Abschaum der Menschheit dabei, sich hier im Land breitzumachen. Nur der Himmel weiß, woher diese Kerle kommen. He, Freund, wo wollen Sie hin?“, wandte er sich an Sem, der sein Pferd in das Felsenlabyrinth hineintrieb.

„Nachsehen, wo der Vogel saß“, gab Sem über die Schulter zurück. „Ich hoffe, Spuren in seinem Nest zu finden!“

„Ich komme mit“, sagte der Stagecoachfahrer. „Sie haben doch nichts dagegen?“ Nein, Sem Nixon hatte nichts dagegen einzuwenden. Der Fahrer schloss sich ihm an. Er musste lange Schritte machen, um mit dem Rappen mitzukommen.

Zwischen den Steinen fanden die beiden Männer bald die Stelle, von der aus der Schütze gefeuert hatte. Es war ein so gutes Versteck, dass der Fahrer durch die Zähne pfiff und sagte:

„Alle Wetter, der Kerl muss Ihnen schwer zugesetzt haben! Vor Einbruch der Nacht hätten Sie nicht die geringste Chance gehabt, aus Ihrer Deckung herauszukommen. Warum zog er nur ab, als er uns sah?“

„Vielleicht wurde er unsicher. Er hätte zwei Männer mehr gegen sich gehabt.“

„Mag sein, aber er hätte auch uns festnageln können!“, sagte der Fahrer und schaute zu, wie Sem sich bückte und die verstreut am Boden liegenden leeren Patronenhülsen aufhob. Er sah sie sich genau an und steckte sie in die Tasche.

„Sind Sie fremd hier?“, fragte der Fahrer. Sem Nixon nickte ihm bestätigend zu. „Wer hatte dann einen Grund, auf Sie zu schießen?“

„Das kann man in einem solchen Land nie wissen“, antwortete Sem ruhig. „Wie oft wurde die Stagecoach überfallen?“

„Schon unzählige Male“, erwiderte der Stagecoachfahrer. „Darum habe ich auch einen Begleitreiter zum Schutz der Passagiere und der Fracht. Dieser Engpass war schon immer eine von Posträubern bevorzugte Stelle für einen Hinterhalt. Nie aber war jemand bei einem Überfall dabei, der ein altes Büffelgewehr benutzte. Das ist völlig neu. Jammerschade, dass der harte Boden keine Spuren hinterlässt. Es gibt keine Trittsiegel oder einen sonstigen Anhaltspunkt über den Täter. Sie werden es schwer haben, den Mann zu finden.“

„Wer sagt Ihnen, dass ich das will?“, fragte Sem und blickte den hageren Fahrer scharf an.

Der schluckte und lächelte verlegen, um dann auf die beiden 45er Colts zu blicken.

„Sie sind ein Beidhandmann“, erwiderte er. „Männer mit zwei tief geschnallten Eisen sind hier sehr selten. Sie fallen auf und unterscheiden sich sogar von der Leibgarde Bankier Mantells.“

„Sie sprechen von Bankier Mantell aus Abuot?“

„Ja!“, gab der Fahrer zu. „Gehören Sie zu seinem Verein?“

„Mögen Sie Mantell nicht?“

„Ich bin nur ein Stagecoachfahrer, und mich geht das alles nichts an“, sagte der bleich gewordene Fahrer. „Jack Mantell betreibt aber seine Geschäfte zu hart“, fuhr er nach einer Weile unbeirrt fort. „Wozu braucht ein Bankier eine Leibgarde? Ganz Abuot zittert vor ihm, und jetzt ist er dabei, das Land zu erobern. Nein, ich gebe offen zu, dass ich ihn nicht mag.“

„Sie haben Glück, ich reite nicht für Mantell!“

Erleichterung zeigte sich auf dem Gesicht des Fahrers. Hörbar atmete er auf.

„Das ist gut so, Fremder“, erwiderte er. „Lassen Sie sich nicht von Mantell anwerben. Versuchen wird er es bestimmt.“

„Dann bekommt er eine Abfuhr. Ich habe anderweitig zu tun und kann mich durch keinen Job aufhalten lassen. Ich habe hier eine Aufgabe zu erfüllen.“

„Dann sind Sie also nicht fremd hier?“

„Nein.“

„Seltsam, als ich Sie das erste Mal hinter dem Felsen sah, erinnerten Sie mich an jemand, ja, ich sage es offen heraus, an Jed Hagerty. Kennen Sie Jed Hagerty?“

„Ja, er war mein Halbbruder.“

„War?“, fragte der Stagecoachfahrer. Seine Augen weiteten sich. Verwirrt blickte er Sem Nixon an. Er trat einen Schritt zurück und wiederholte dann noch einmal ungläubig: „Er war Ihr Halbbruder?“ Er schien die Bedeutung von Sems Worten nicht fassen zu können. „Ist Jed tot?“

Sem Nixon nickte bestätigend.

„Also doch, es hat ihn erwischt! Wo geschah das und wann?“

„Haben Sie ihn gut gekannt?“

„Er war mein Freund“, erwiderte der Fahrer heiser. „Er war der Freund aller Unterdrückten hier!“ Seine Stimme versagte. Er musste sich erst beruhigen, ehe er weitersprechen konnte. „Ich habe ihn oft genug gewarnt, aber er wollte nicht auf Tom Judges Ratschläge hören. Er glaubte fest an das Gute im Menschen und vertrat immer die Ansicht, dass auch im dreckigsten Schuft ein Fünkchen Anstand wohne. Dabei hat er selbst immer wieder zu spüren bekommen, dass das Schlechte im Menschen überwiegt.“

„Er hatte Feinde?“

„Wer hat die nicht!“, stieß der Fahrer hervor. „Der Mensch, der nur Freunde hat, muss erst noch geboren werden. Jed setzte sich immer für Leute ein, die von Mantell unterdrückt wurden. Er war der einzige Mann, der es wagte, Mantell öffentlich anzuklagen. Jed ging sogar in das Büro Mantells, um ihm unter vier Augen seine Meinung zu sagen. Jed war der Einzige, der dem mächtigen Bankier öffentlich Widerstand entgegensetzte.“

„Soll das heißen, dass man seinen Mörder bei Mantell zu suchen hat?“

„Das will ich damit nicht gesagt haben“, erwiderte Tom Judge. „So leicht würde es Mantell seinen Gegnern nicht machen. Ich halte den Bankier für viel zu clever, als dass er sich einen Mord anhängen ließe.“

„Mit anderen Worten, es gibt genug Kerle, die für Geld alles tun?“

„Auch das haben Sie gesagt“, erwiderte Tom Judge. „Mantell will die Macht, aber dabei will er auch eine weiße Weste behalten. Er braucht sie, um seine politische Laufbahn nicht zu gefährden, die ihm als Ziel vorschwebt. Ich glaube nicht, dass man ihm etwas nachsagen kann. Er wird sich nicht in die Karten blicken lassen.“

„Es sieht aus, als wüsste er bereits, dass ich diese Absicht habe“, sagte Sem Nixon ruhig. „Ich frage mich nur, wie er es so schnell in Erfahrung bringen konnte. Sein Mann scheint genau gewusst zu haben, wen er zur Strecke bringen und daran hindern sollte, zur Morgan-Ranch zu reiten.“

„Sie wollen zur Morgan-Ranch?“, fragte Tom Judge. „Sie sind dann nicht der Einzige!“ Er staunte und war offensichtlich überrascht.

„Was wollen Sie damit sagen, Judge?“, fragte Sem.

Tom Judge zeigte auf den Weg, auf dem der Begleitreiter mit den beiden Passagieren herankam. Es waren ein Mann und eine Frau.

„Das Mädchen dort und der Mann wollen ebenfalls zur Morgan-Ranch. Die beiden sind Geschwister. Sie wollen ihren Onkel besuchen. Es sind Ellen und Roger Morgan aus Tucson. Sie haben eine verdammt lange Fahrt hinter sich und können es kaum erwarten, ans Ziel zu kommen. Jetzt möchte ich Sie aber fragen: Was wollen Sie auf der Morgan-Ranch?“

„Feststellen, wer meinen Bruder in den Tod schickte.“

„Auf der Morgan-Ranch erwischte es ihn? Aber das kann doch nicht wahr sein! Sie wissen wohl nicht, dass Ihr Bruder und Jim Morgan gute Freunde waren? Nein, ich glaube nicht, dass man Jed auf der Morgan-Ranch etwas antat!“

„Ich werde mehr wissen, wenn ich Jim Morgan gesprochen habe. Kommen Sie, Tom Judge“, sagte Sem und nannte dann seinen Namen.

Tom Judge trat einen Schritt zurück und fragte abgehackt:

„Sie sind wirklich Sem Nixon?“

„Hat Jed mit Ihnen von mir gesprochen?“, wollte Sem Nixon wissen.

„Nein, Sie sind mir nicht durch Jed bekannt“, erwiderte der Stagecoachfahrer. „Ich habe schon, vor Monaten von Ihnen gehört. Sie waren es, der die Dreistaatenbande bis auf den letzten Mann vernichtete. Man erzählte, dass Sie mitten in die Bande hineinritten und jeden Einzelnen holten. Man erzählte, dass Sie die beiden letzten entkommenen Banditen durch ganz Montana bis nach Texas gejagt hätten und sie dort stellten. Keiner von der Bande kam davon. Allen brachten Sie den Tod!“

„Möglich!“

„By Gosh, wie Sie das aussprechen! Was ließ Sie nur so gegen diese Banditen kämpfen? Sie setzten doch dabei ständig Ihr eigenes Leben aufs Spiel!“, fragte Tom Judge.

„Bevor ich die Frage beantworte: Woher wissen Sie so viel über mich?“

„Ich komme als Stagecoachfahrer weit herum und habe auch ständig Zeitungspakete zu befördern. Ich lese gern und habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Ihre Geschichte stand vor Monaten in der Zeitung.“

„Seien Sie froh über Ihr gutes Gedächtnis und behalten Sie für sich, was Sie über mich wissen, Tom Judge. Ich möchte nicht, dass mehr in Umlauf gebracht wird, als gut für mich sein könnte. Sie wollen wissen, warum ich die Dreistaatenbande vernichtete? Nun, ich war verheiratet. Durch die Bande kam meine Frau ums Leben, das ist alles.“

Sems Gesicht war bei den letzten Worten abweisend geworden.

Tom Judge begriff, dass die wenigen Worte des Mannes ein tragisches Geschehen enthüllten und bittere Erinnerungen in Sem Nixon weckten. Der Himmel allein wusste, durch welche Höllen dieser Mann gegangen war. Er kapselte sich ab, und Judge würde wohl nichts weiter von ihm zu hören bekommen. Er würde sicherlich keinem Menschen mitteilen, was ihn so hart gemacht hatte.

„Ich habe bereits vergessen, wer Sie sind und was ich über Sie gelesen habe“, beeilte sich Tom Judge zu sagen. „Mir geht jetzt ein Licht auf. Jed hat Sie hierherkommen lassen?“

„Ja.“

Tom Judge nahm seinen Stetson ab und zerknüllte die Krempe zwischen seinen Fäusten.

„Ich und viele andere werden Jed auch noch nach seinem Tode zu danken haben“, sagte er leise. „Wir hoffen auf Ihre Hilfe.“

„Setzen Sie nicht zu viel auf eine einzige Karte, Judge“, warnte Sem den Fahrer. „Bei der Dreistaatenbande hatte ich Glück. Man weiß aber nie, wie lange das Glück anhält. Ich habe schon zu viele Männer sterben sehen, unter ihnen einige, die einen sehr großen Schatten warfen, von denen man glaubte, dass sie unbesiegbar seien. Eine Kugel, ein kleines Stück Blei aus dem Hinterhalt abgefeuert, kann schnell das Ende bedeuten. Jeder Mann hat eine schwache Stelle, Tom Judge.“

„Wenn Sie es so sehen, warum kamen Sie dann hierher? Warum ritten Sie mitten in die Hölle?“

„Woraus schließen Sie, dass es die Hölle sein wird?“

„Woraus? Sie brauchen sich nur umzusehen, dann wissen Sie, dass Sie bereits mittendrin sind!“

Tom Judge folgte dem Rappen, den Sem wieder in Bewegung gesetzt hatte. „Der Mann, der auf Sie schoss, sollte Ihnen doch wohl die Augen geöffnet haben.“

„Sie schließen daraus, dass ich mich jetzt schon entscheiden müsste, ob ich bleiben oder verschwinden will? — Jed war mein Halbbruder, den ich sehr geliebt habe. Er war der große Bruder, der beste Kamerad. Wir verstanden uns immer prächtig, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er nicht mehr auf der Welt ist, dass er nicht mehr erlebt, wie die Sonne auf- und untergeht. Dennoch habe ich mit meinen eigenen Augen festgestellt, dass er tot ist.“ Er brach ab und wartete, bis Tom Judge neben ihm war. „Für mich ist er nicht tot, Tom Judge, er lebt in mir — und das so lange, wie ich selbst lebe.“

Judge schaute Sem Nixon forschend an. Es gab keinen Zweifel, er hielt diesen Beidhandschützen für einen Menschen, dessen Gedanken zu hoch für ihn waren. Judge war ein einfacher Mensch. Leben und Tod waren Begriffe für ihn, die keine Fragen aufwarfen. Solange man lebte, war alles klar, und dann setzte der Tod allem ein Ende.

Judge war froh, als er sich wieder auf den Bock seiner Stagecoach schwingen konnte. Hier fühlte er sich in seinem Element, und das erleichterte ihn. Er schüttelte die Zügel aus und schaute auf den Weg zurück, auf dem der Begleitreiter mit den beiden Passagieren herangekommen war.

Das Mädchen mochte etwa zwanzig Jahre alt sein. Der Bruder neben ihr war noch ein Junge, wenn er auch hochgewachsen war. Die Geschwister waren hellblond und blauäugig. Beide schienen erregt und ängstlich zu sein.

Sem Nixons Augen schlossen sich zu schmalen Schlitzen. Der Anblick des Mädchens fesselte ihn und nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Solange er denken konnte, hatte er nie ein liebreizenderes Geschöpf gesehen. Sie war sehr groß, schlank, und gut gewachsen. Ihr Haar erinnerte an ein reifes Weizenfeld, ihre tiefblauen Augen an unergründliche Gebirgsseen. Sie trug ein grünes Kostüm, dazu hochhackige Stiefel. Ihre Bewegungen waren anmutig.

„Können wir weiterfahren?“, wandte sie sich an Tom Judge.

„Wir können, Madam“, sagte der und zeigte auf Sem Nixon. „Wir haben noch einen Begleiter dazu bekommen. Sie haben das Glück, dass dieser Gent ebenfalls zur Morgan-Ranch will.“

„Sie wollen zu meinem Onkel?“, fragte sie und trat auf Sem zu, um ihm die Hand zu reichen.

Sem nahm ihre dargebotene Rechte.

„Kennen Sie Onkel Jim?“, fragte sie und blickte ihn an, als wollte sie ihm auf den Grund der Seele sehen.

„Ich will zwar zur Morgan-Ranch, aber ich kenne Ihren Onkel nicht, Madam. Ich habe ihn nie gesehen, aber ich habe einen besonderen Grund, zu ihm zu reiten.“

„Ich bin sicher, dass Onkel Jim sich über Ihren Besuch freuen wird. Sie haben uns vor einem Banditen bewahrt. Wer weiß, wie sonst alles gekommen wäre. Wissen Sie, wer der Wegelagerer war?“

„Nein, Madam.“

„Aber Sie werden es sicherlich noch herausfinden“, mischte sich ihr Bruder, der Sem bewundernd angeblickt hatte, in das Gespräch. „Wenn Sie den zu fassen bekommen, Sir, dann wird er schneller sein müssen als Sie.“

 

 

3.

Sem Nixon konnte die Gedanken des jungen Mannes nur zu leicht erraten. Er mochte sich in der Großstadt Tucson aus Erzählungen und Zeitungsberichten eine besondere Welt zusammengezimmert haben, in der es von Revolverschwingern nur so wimmelte. Das war etwas, was er mit vielen jungen Männern gemeinsam hatte. Für ihn war jemand, der zwei tief geschnallte Eisen trug, ein Mann, der alle Probleme mit dem Schießeisen löste.

Sem Nixon war nicht bereit, sich als Revolverschwinger ansehen zu lassen.

„Junger Mann“, sagte er, „es ist ungewiss, ob ich den hinterhältigen Schützen fassen kann. Es ist auch kaum anzunehmen, dass ein Stück Blei die Probleme lösen wird. — Das scheint Sie zu enttäuschen.“

„Offen gestanden, ja“, gab Roger Morgan zu. „In Tucson wird viel von schnellen Männern gesprochen, die mit einem Eisen zaubern können. Man sagt, dass Beidhandschützen so selten sind, dass man sie mit der Lupe suchen muss. Sie sind doch ein Beidhandmann?“

„Ich trage zwei Eisen“, erwiderte Sem ruhig. „Wer aber glaubt, dass ein Mann mit beiden Händen gleich gut ist, irrt sich sehr.“ Fast unwillig wandte sich der Junge ab und öffnete die Stagecoachtür.

„Mein Bruder ist noch sehr jung, nehmen Sie es ihm nicht übel“, sagte das Mädchen. „Ich habe ihm schon oft genug gesagt, dass er keine unnützen Fragen stellen soll, aber er kann es nun einmal nicht lassen. Er wird noch eine Menge lernen müssen. Wir beide sind Waisen und haben ein kleines Geschäft in Tucson aufgegeben. Wir wollen hier ein neues Leben anfangen, unser Onkel möchte nicht mehr allein sein.“

„Jim Morgan ist Junggeselle?“

„Nein, unser Onkel ist Witwer. Seine Frau starb vor wenigen Jahren. Seine Ehe blieb kinderlos. Eines Tages, so schrieb er uns, sollen wir seine Erben sein. Das ist aber nicht der eigentliche Grund, weshalb wir hierherkamen. Das Leben in Tucson war für mich nicht leicht. Ein alleinstehendes Mädchen ist in einer so großen Stadt Freiwild. Außerdem gab es einen Mann, der so viel Macht hatte, dass er unser kleines Geschäft ruinierte. Es wagte deshalb kaum noch jemand, bei uns zu kaufen.“

Das Mädchen sprach mit einer verblüffenden Ehrlichkeit und blickte Sem Nixon offen an.

„Ich musste weg“, fuhr sie fort, „vor allen Dingen auch deshalb, weil mein Bruder immer mehr in schlechte Gesellschaft geriet. Ich war nur zu dankbar, als Onkel Jims Brief kam, in dem er uns einlud, zu ihm zu kommen. Ich zögerte nicht, alle Zelte abzubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Ich spüre, dass es richtig war.“

„Das wird sich bald zeigen, Madam.“

„Sie teilen meinen Optimismus nicht?“, fragte sie erschrocken. Ihre Augen wurden dunkler. Sem spürte, dass sie sehr empfindlich war. Sicher war ihr bisheriges Leben nicht leicht gewesen.

Nein, die schreckliche Wahrheit konnte sie nicht ertragen. Ihre Augen hingen an Sems Lippen. Sem spürte, dass trotz allem, was sie erlebt hatte, ihr Vertrauen zu den Menschen nicht erschüttert war.

„Es wird alles gut gehen, Madam“, sagte Sem Nixon gegen seine Überzeugung, denn er wurde das Gefühl nicht los, dass sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf der Morgan-Ranch eintraf. Gerade jetzt hätten sie und ihr Bruder nicht ins Land kommen dürfen. „Wenn man den Willen hat, neu anzufangen“, sagte Sem, „gibt es auch einen Weg, Madam.“

„Das glaube ich auch“, sagte sie aufatmend und ließ sich von ihm zur Stagecoach bringen und in den Wagen heben. „Ich danke Ihnen sehr“, murmelte sie, als Sem sich abwenden und zu seinem Rappen gehen wollte. „Sie haben mir einen großen Stein vom Herzen gerollt. Mein Bruder und ich kennen unseren Onkel kaum noch. Wir haben ihn jahrelang nicht gesehen und können uns kaum noch an ihn erinnern.“

„Nun, Sie werden ihn schon wiedererkennen, Madam“, antwortete Sem Nixon.

Jetzt lächelte sie und setzte sich. Sem schloss die Stagecoachtür, ging zu seinem Rappen und schwang sich in den Sattel. Die Coach setzte sich in Bewegung.

Der Begleitreiter Andy Lewis ritt neben Sem Nixon.

„Ein bezauberndes Mädchen“, sagte der grauhaarige Mann lächelnd. „Zwanzig Jahre jünger müsste ich sein, dann würde ich Ihnen ein ernsthaftes Rennen liefern, Freund. Tatsächlich, Andy Lewis hatte kein Glück! So etwas hätte mir vor zwanzig Jahren begegnen müssen.“

„Sind Sie Junggeselle, Andy?“

„Ja, zum Teufel noch einmal!“, grinste Andy. „Nicht, dass ich immer die Absicht gehabt hätte, Junggeselle zu bleiben. Früher war ich fest entschlossen zu heiraten. Ich träumte von einer Familie und vielen Kindern. Ich wollte nie einsam sein und malte mir aus, wie es sein würde, viele Kinder zu haben. Wenn ich den Mädchen von meinen Träumen erzählte, sahen sie mich schief von der Seite an und ließen mich bald im Stich. Keine wollte etwas von einem Dutzend Kindern wissen, und ich wollte der Vater eines starken Geschlechtes werden.“

„Daraus wurde nichts, Andy?“

Der zuckte nur mit den Schultern.

„Nein“, erwiderte er. „Alle Mädchen, die ich kennenlernte, hatten etwas an mir auszusetzen. Immer hatten sie andere Gründe. Darum blieb ich lieber Junggeselle, wenn auch die Hauptschuld beim sogenannten schwachen Geschlecht lag.“

Andy Lewis lachte in sich hinein.

Schweigend ritten die beiden Männer dann neben der Stagecoach her. Nach einer Weile tauchten Rinder auf, die über einen Hang zogen und von Cowboys getrieben wurden. Die Cowboys winkten herüber, und Tom Judge knallte als Antwort mit der Peitsche.

Das Stampfen der Hufe und das Rollen der Räder wurden zu einem rhythmisch-monotonen Geräusch, das einschläfernd wirkte.

Eine Stunde verging. Das Land wurde wilder, und der Fahrweg hatte viele Kurven. Schließlich sah man in der Ferne Morgan Ein-Kuh-Ranch. Friedlich lag sie vor einen parkähnlichen Wald. Sie war von grüner Weideflächen umgeben, die sich an das Haus, die Stallungen und Vorratsschuppen anschlossen. Einige Rinderpferde weideten innerhalb der Baumschatten in den Corrals. Allen fiel auf, dass kein Rauch aus dem gemauerten Kamin des Ranchhauses stieg. Die kleine Ranch machte einen verlassenen Eindruck.

„Fahr langsam!“, sagte Andy Lewis zu Tom Judge. „Mir gefällt das nicht, Tom. Ich kann mir nicht helfen, Jim hat sein Anwesen niemals allein gelassen. Entweder war er selbst da oder einer seiner beiden Cowboys. Irgendetwas stimmt nicht!“

„All right, Andy!“, erwiderte der Fahrer. Er zügelte die Pferde und brachte sie zu einer langsameren Gangart.

„Reiten wir voraus!“, rief Sem Nixon dem Begleitreiter zu. „Fahren Sie ganz langsam, Tom“, wandte er sich dann an den Fahrer. „Man kann nicht wissen, was da auf uns zukommt.“

„Da soll doch die Hölle dreinfahren!“, knurrte Tom Judge rau. „Hier in der Gegend geschehen in der letzten Zeit Dinge, die es früher nicht gegeben hat. Früher brauchte die Stagecoachlinie keine Begleitreiter zu beschäftigen, der Fahrer genügte. Heute ist ohne Begleiter keine Fahrt möglich, und die Pferdewechselstationen müssen wie Festungen bewacht werden. Überall lauern die Banditen, niemand kann mehr, ohne belästigt zu werden, durch das Land trailen. Ist das noch ein Leben? By Gosh, da waren die Zeiten, als die Redmen noch Herren waren, leichter zu ertragen.“

Die beiden Reiter hatten sich von der Stagecoach abgesetzt und ritten auf die Ranch zu. Niemand zeigte sich, niemand kam aus dem Haus, um ihnen ein Willkommen zuzurufen. Die Haustür öffnete sich auch nicht, als die Männer ihre Pferde in den Ranchhof getrieben hatten und vor der Veranda anhielten. Die Stalltüren waren geschlossen. Das Vieh brüllte in den Ställen, doch niemand schien da zu sein, den das störte.

Sem sah seinen Begleiter an, dann saßen sie wie auf ein Kommando ab.

„Ich begreife das einfach nicht!“, knurrte Andy Lewis. „Das Vieh brüllt vor Hunger, es muss kein Futter bekommen haben. Das ist ungewöhnlich, so etwas würde Jim Morgan nie tun oder von seinen Leuten dulden. Er ist viel zu sehr Rancher.“

Sem Nixon ließ seinen Rappen mit verhängten Zügeln stehen. Das Tier war so gut dressiert, dass es sich nicht von der Stelle bewegen würde.

Andy Lewis band sein Pferd an einem der in die Holzwand eingelassenen Ringe fest. In seinem Gesicht zuckte es. Sem Nixon ging auf den Brunnen zu. Als er ihn fast erreicht hatte, blieb er unvermittelt stehen und beugte sich nach vorn. Bevor Andy fragen konnte, was los sei, machte er einen Satz und blieb dann wie versteinert stehen.

Andy Lewis spürte mit seinem Witterungssinn, der ihn schon oft vor einer Gefahr gewarnt hatte, dass etwas nicht stimmte. Gleichzeitig hatte er aber auch das Gefühl, dass die Gefahr schon vorüber war.

Langsam, fast zögernd ging Andy Lewis auf den Brunnen zu, dann erreichte er den Rand und blickte wie Sem in den Schacht. — Ein gurgelnder Laut kam über seine Lippen.

Tief unten im Brunnenloch hatte sich die Leiche eines Mannes an einem Kletterhaken verfangen. Seine grauen Haare waren zu sehen, sein Nacken und ein Teil seines Rückens. Seine Hände lagen wie hilfesuchend ausgestreckt im Wasser.

„Großer Gott!“, murmelte Andy Lewis mit erstickter Stimme und wandte seinen Blick zu Sem Nixon. „Das ist doch Jim!“

„Jim Morgan?“

„Es gibt keinen Zweifel“, erwiderte Andy Lewis mit zuckenden Lippen. „Er ist tot, tot ...“

„Lauf der Stagecoach entgegen. Ersparen wir dem Jungen und dem Mädchen diesen Anblick!“, forderte Sem rau.

Andy Lewis rannte, wie ihm befohlen worden war, los.

Sem Nixon wandte sich ab. Obwohl die Sonne hell wie zuvor vom Himmel schien, hatte er das Gefühl, dass sie sich plötzlich verdunkelt habe. Seine Augen wanderten über den Boden. Er sah Trittsiegel und erkannte als erfahrener Mann, dass ein heftiger Kampf stattgefunden hatte. Er las in diesen Spuren wie in einem aufgeschlagenen Buch und folgte ihnen zum Stall hin. Hinter der Stalltür, die zu den Boxen führte, fand er auf einem Dunghaufen den zweiten Toten. Die Winchester lag noch neben ihm. Das Magazin war leer geschossen.

Sem hob den Toten auf und legte ihn auf eine Strohschütte.

Jetzt fehlte noch der dritte Mann, der zweite von Morgans Cowboys; denn es gab keinen Zweifel, dass es sich bei diesem Toten um einen der Cowboys handelte. Sem durchsuchte alles, doch er konnte keinen dritten Toten entdecken.

„Er scheint entkommen zu sein“, murmelte er leise.

Aber war das tatsächlich der Fall? Es gab keinen Anhaltspunkt dafür. Wer hatte den Überfall ausgeführt? Wer hatte Morgan in den Brunnenschacht geworfen? Oder hatte sich Morgan im Brunnen verstecken wollen?

Morgans Cowboys waren beide alte Männer gewesen, ehemalige Trailgefährten von Jim Morgan. Zusammen hatten sie so manches Abenteuer bestanden. Alle drei hatten sich gut verstanden, doch davon wusste Sem nichts.

Die Stagecoach hielt an, und dann kamen Fahrer und Begleitreiter zu ihm.

„Es ist einfach nicht zu fassen!“, sagte Tom Judge. „Nicht nur, dass wir einen lebensgefährlichen Job haben, den Kleinranchern geht es nicht besser. Ich werde erst aufatmen, wenn ich wieder zu Hause bei meiner Frau und meinen Kindern bin. Wenn ich mir vorstelle, dass ich an Jim Morgans Stelle wäre, dass meine Frau jetzt Witwe und meine Kinder Halbwaisen wären! By Gosh, mir wird verteufelt übel. Ich ...“

„Wir haben nicht viel Zeit!“, unterbrach ihn Andy Lewis rau. „Machen wir, dass wir die Toten in den Schuppen bringen. Dann müssen wir weiter. Auf dem Rückweg werden wir in der Stadt den Sheriff unterrichten, mehr können wir nicht tun. Es tut mir leid um unsere beiden Passagiere, Morgan kann ihnen kein Willkommen mehr zurufen. So haben sie sich den Empfang hier wohl nicht gedacht!“

Plötzlich zogen sich Sems Augen zusammen.

„Wenn sich jemand durch den Tod Morgans einen Nutzen ausrechnete, dann wird er jetzt enttäuscht sein“, sagte er aus seinen Gedanken heraus. „Er hat sicherlich nicht damit gerechnet, dass Morgan Erben hat.“

„Was reden Sie da?“, schnappte Andy Lewis, und als er begriffen hatte, kam ein böser Fluch über seine Lippen.

„Sie können recht haben, Nixon! Niemand wusste, dass Morgan noch Erben hat. Verdammt, wenn das stimmt, dann sind die Geschwister in sehr großer Gefahr!“

„Es wird sich bald zeigen“, erwiderte Sem. „Ich habe feststellen können, dass mein Bruder an dem Kampf hier beteiligt war und schwer verwundet entkommen konnte. Dem zweiten Cowboy muss das ebenfalls gelungen sein. Morgan hat den Angriff offenbar erwartet.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, erkundigte sich Tom Judge.

„Morgan war bei meinem Bruder und hat ihn mit zu seiner Ranch genommen. Er muss also Informationen gehabt haben. Wahrscheinlich glaubte er, es genügte, wenn er Jed zu Hilfe holte. Doch die Übermacht der Gegner muss erdrückend gewesen sein. Ich denke, dass Morgans Weidegründe für gewisse Leute einen besonderen Wert haben.“

„Das könnte stimmen. Morgans und Jed Hagertys Land stößt zusammen. Beide hatten das beste Weideland hier“, bestätigte Tom Judge. „Es gibt viele Leute, die scharf auf die Weidegründe der Kleinrancher sind.“

Sem Nixon bedeutete den beiden durch ein Handzeichen, mit der wenig angenehmen Arbeit zu beginnen.

Es war nicht leicht, den Körper des toten Ranchers aus dem Brunnenschacht zu bergen, aber schließlich war es geschafft, und der Rancher lag zusammen mit seinem Cowboy in einem Schuppen. Danach erst hatte man Zeit, sich um die Geschwister zu kümmern. Beide waren noch in der Stagecoach. Doch ihnen war anzusehen, dass sie ihre Neugier nicht hatten zügeln können. Sie waren bleich und kämpften um ihre Fassung.

„Es tut mir sehr leid, Madam“, murmelte Sem. Er wusste nicht, was er weiter sagen sollte. Nie war er verlegener gewesen, nie hatte er das Gefühl gehabt, sich so linkisch zu bewegen.

„Der Onkel ist tot!“, sagte Roger Morgan mit einem Schluchzen in der Stimme. „Was sollen wir tun, Ellen? Er war unsere letzte Hoffnung. Kehren wir um, reisen wir nach Tucson zurück, Ellen! Wir können nicht hierbleiben, ich werde es nicht ertragen. Ich habe Angst!“

„Wir müssen weiter!“, sagte Tom Judge hastig. „Hören Sie, Sem, wir werden den Sheriff benachrichtigen und werden es in die Wege leiten, dass Jim Morgans Ranch auf seine Erben überschrieben wird. Es ist dann eine Kleinigkeit, beim Notar alles andere zu regeln. — Achten Sie sorgsam auf Ihre Papiere, Madam, und lassen Sie sich durch Ihren Bruder nicht unruhig machen! Mag im Moment alles noch so grauenvoll aussehen, das Leben geht weiter, und kein vernünftiger Mensch würde auf eine solche Ranch verzichten. Sie bleiben doch, Madam?“

Das Mädchen hob den Blick. Tränen schimmerten in ihren Augen, doch ihre Hilflosigkeit schien langsam zu weichen. Man sah nur zu deutlich, dass sie nicht zu jenen Menschen gehörte, die sich vom ersten schweren Schicksalsschlag niederwerfen ließen.

Ellen Morgan blickte ihren Bruder an. In ihren Augen zeigten sich plötzlich helle Lichter.

Sem Nixon, der erwartet hatte, dass sie aufgeben würde, hörte sie zu seiner Überraschung sagen:

„Ich glaube, Onkel Jim könnte in seinem Grab keine Ruhe finden, wenn wir umkehren würden. Er hat uns hierherkommen lassen, damit wir bei ihm bleiben und seine Ranch übernehmen sollten. Wir bleiben!“

„Sind Sie sich darüber im Klaren, dass die Schwierigkeiten noch nicht zu Ende sind, Madam?“, warnte Sem das Mädchen. „Sie kennen das Land nicht und sind nicht mit der Arbeit auf einer Ranch vertraut. All das sind Hindernisse, die nicht so leicht zu überwinden sind.“

„Alles lässt sich lernen. Es wird sich schon ein Lehrmeister finden“, erwiderte sie entschlossen. „Ich kehre mit meinem Bruder nicht nach Tucson zurück, sondern werde ein neues Leben beginnen und es durchkämpfen, gleich, was auf mich zukommt. Nirgends wird einem etwas geschenkt, überall muss man sich durchbeißen. Die Welt ist rau und hart. Ich will auf dem rechten Weg bleiben und erreichen, dass mein Bruder ein anständiger Mann wird. Ich lasse mich nicht einschüchtern.“

Ihre Augen flammten.

„Jemand wird uns zur Seite stehen“, fuhr sie fort, als niemand sprach. „Laden Sie unsere Habseligkeiten ab, Mister Judge! Wir bleiben.“

Tom Judge nickte und kletterte über die Radnabe zum Bock, um das Gepäck vom Dach der Coach zu holen. Andy Lewis half ihm dabei, und auch Roger Morgan packte mit an.

Sem Nixon wandte sich zum Gehen.

„Wohin wollen Sie?“, fragte Ellen Morgan leise.

„Jemand muss damit anfangen, die Tiere zu füttern“, sagte Sem über die Schulter. „Sie brüllen nach Futter.“

„Ich komme mit und helfe Ihnen“, erwiderte sie. „Je früher ich alles lerne und meiner zukünftigen Arbeit nachgehe, desto besser ist es. Danach will ich meinen Onkel sehen.“

„Wollen Sie das wirklich, Madam? Der Anblick ist nicht erfreulich.“

„Ich weiß, aber ich will es dennoch tun. Sie werden mich sicherlich nicht begreifen.“

„Doch, Madam, ich begreife Sie besser, als Sie glauben“, erwiderte Sem, ohne seine Schritte zu verhalten. „Ich habe meinen Bruder verloren. Er war hier und kämpfte. Danach muss es ihm noch mit übermenschlicher Anstrengung gelungen sein, sich zu seiner Ranch zu schleppen. Er sah schrecklich aus, Madam.“

„Sie haben Ihren Bruder sehr geliebt?“, hörte er sie leise fragen.

„Sehr“, bekannte Sem und wusste nicht, warum er hier so offen sein konnte. Er fragte sich, warum er seiner Schwägerin und ihrem Bruder gegenüber dieses Verbundensein nicht gefühlt hatte. Nein, bei ihnen war sein Herz verschlossen gewesen. Es hatte ihm widerstrebt, ihnen seine wahren Gefühle zu zeigen. Bei diesem Mädchen hier war das alles anders.

„Ich kenne das“, sagte Ellen Morgan leise. „Zuerst verloren wir unsere Mutter. Als sie von uns ging, war unser guter Stern fort. Die Geschäfte gingen schlecht, und Dad trank immer mehr, als er vertragen konnte, um über seinen Kummer hinwegzukommen. Mit Mutters Tod vernachlässigte er sich und ließ sich hängen. Von Tag zu Tag verfiel er mehr. Es half kein Bitten, es half auch nichts, dass ich ihm sagte, mein Bruder und ich seien noch Kinder und er müsse stark sein. Er hörte nicht auf meine Mahnungen. Es war, als hätte Mutters Tod seinen Lebenswillen zerbrochen. Ich entdeckte, dass er oft mit sich selbst sprach, dass er grübelte und vor sich hin lächelte. Es war immer so, als sei noch jemand bei ihm im Raum. Ich holte den Doc, doch der sagte lediglich, dass Dad mit dem Trinken aufhören sollte. Aber dazu konnte ich ihn nicht bringen. Das Schlimmste war, dass er sich nicht mehr um Roger kümmerte. Mein Bruder blieb immer häufiger von zu Hause weg. Ich traf ihn oft in der Gesellschaft übler Burschen an. Dad winkte ab, wenn ich ihn aufforderte, Roger zur Rede zu stellen. Ich glaube, mein Vater hatte so viel mit sich selbst zu tun, dass er nicht begriff, was um ihn herum vorging. Nun, einige Monate nach Mutters Tod wurde auch er zum Stiefelhügel getragen. Was dann kam, war eine schreckliche Zeit für uns. — Ich will nie mehr nach Tucson zurück, was immer auch kommen mag!“

Sem Nixon schnallte den Gurt mit den 45er Colts ab und sah sich nach dem Futter für die Tiere um. Als er die Vorräte entdeckt hatte, half das Mädchen ihm beim Füttern.

Seltsam, dachte Sem, das ist eine Arbeit, die ich schon viele Jahre nicht mehr verrichtet habe. Dabei habe ich das Gefühl, als wäre ich endlich heimgekehrt und hätte die Beschäftigung, die ich schon so viele Jahre vermisst habe. Der Geruch von Futter, von Tieren ... es ist alles wie früher, bevor meine wilde Zeit begann. Wenn sich nicht inzwischen all das Schreckliche ereignet hätte, würde ich mich wie ein König fühlen. Wie wenig nur braucht doch der Mensch zur Zufriedenheit und zum Glücklichsein! All das, was mir die Jahre über gefehlt hat, ist mit einem Schlag wieder da. Dabei zog ich aus, um die Mörder meines Bruders zu stellen!

An meiner Seite ist das herrlichste Mädchen der Welt. Ellen Morgan wird sich sicher nach einem Helfer umsehen, dabei könnte sie allerdings an den Unrechten gelangen. Ich werde vorerst bleiben, und morgen wollen wir weitersehen, morgen, wenn wir die Toten begraben haben.

Nichts zog Sem Nixon zur Ranch seines Bruders zurück. Er arbeitete und wunderte sich über die Haltung des Mädchens und über ihre Geschicklichkeit. Als die Arbeit getan war, fuhr die Stagecoach bereits wieder ab, und Roger Morgan war dabei, das Gepäck ins Ranchhaus zu schaffen.

„Sie sollten auch nicht länger bleiben“, sagte Roger zu Sem. „Werden Sie bald wieder von sich hören lassen?“

Eine tiefe Niedergeschlagenheit beherrschte den jungen Mann. Die Angst vor der ungewissen Zukunft lag schwer auf ihm. Daran konnten auch die aufmunternden Worte seiner Schwester nichts ändern.

„Roger“, sagte Sem schließlich, „nur den Kopf hoch! — Ich werde euch helfen und für euch da sein.“

„Sie wollen bei uns bleiben?“, fragte Roger überrascht, und seine Mutlosigkeit schien mit einem Schlage verflogen zu sein. Er atmete sichtlich auf. „Wenn das so ist, dann hätten wir in unserer jetzigen Lage nichts Besseres finden können“, sagte er zu seiner Schwester. „Ein Mann, der zwei Revolver trägt, kann auch mir etwas beibringen. Sie werden mir doch zeigen, wie man mit Waffen umgeht, Sir?“

„Später, Roger! Ein Mann muss erst lernen, wie er sich über Wasser hält. Ein Eisen löst keine Probleme. Als ich so jung war wie du, war ich auch deiner Ansicht. Doch schon bald fand ich heraus, wie verkehrt das war. Du wirst dahinterkommen, Roger!“

„Sie sprechen wie mein Vater“, erwiderte der junge Mann erstaunt. „Dad wollte auch nichts vom Schießen wissen, und dabei leben wir doch in einem Land, in dem jedes Problem mit dem Eisen gelöst wird. Der schnellere Mann überlebt und hat immer recht!“

„Sag so etwas nie wieder, Junge!“, warnte Sem. „Vergiss nie: Der Mensch hat kein Recht, Leben zu vernichten; es sei denn, es bleibt ihm keine andere Wahl. Komm jetzt, hilf deiner Schwester!“

Ellen Morgan war bereits dabei, ihre Habseligkeiten auszupacken. Roger half ihr, und auch Sem griff zu, wo es nötig erschien. Danach bat Sem das Mädchen, eine Mahlzeit zu richten.

„In Ordnung, Sem“, sagte sie mit dem Anflug eines Lächelns. „Ich werde schon etwas Essbares finden.“

„Nach dem Essen können Sie meinen Namen als Cowboy in Ihre Lohnliste setzen“, sagte Sem Nixon leichthin. „Es soll alles seine Ordnung haben.“

„Sem, ich kann Sie nicht bezahlen, ich weiß nicht einmal, wie viel ein Cowboy im Monat verdient. Sie stellen mich bereits vor Probleme, die ...“

„... die nicht einmal Probleme sind“, fiel ihr Sem ins Wort. „Was die Bezahlung anbelangt, da machen Sie sich vorerst keine Sorgen. Ich habe noch etwas Geld. Später, wenn die Überschreibung der Ranch auf Sie und Ihren Bruder erfolgt ist und die Verhältnisse im Lande sich wieder normalisiert haben, werde ich nicht mehr so bescheiden sein. Beruhigt Sie das?“

„Ich stehe bereits tief in Ihrer Schuld!“

Details

Seiten
150
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933697
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505090
Schlagworte
einsatz

Autor

Zurück

Titel: Der letzte Einsatz