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Die Verschwörer

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Verschwörer

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Die Verschwörer

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 161 Taschenbuchseiten.

 

Eine Stadt erstarrt in Angst. Rancher führen einen hoffnungslosen Kampf. Männer fallen durch heimtückische Kugeln, und Rinder werden von den Weiden getrieben.

Maskierte Reiter terrorisieren das Land!

Da taucht Steve Shore auf, der Revolvermann aus Texas. Der Mann, der für harte Dollars seinen Colt vermietet; der Mann, der plötzlich weiß, auf wessen Seite er stehen muss.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: von HUGO KASTNER

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1

„Steh auf, Red!“

Der Mann bückte sich und blickte in das Gesicht des Schläfers, aber er wagte es nicht, ihn wachzurütteln.

„Dein Freund ist da, dein Freund aus Texas!“ Red Como ließ ein unwilliges Knurren hören, dann schlug er, noch immer schlaftrunken, nach dem Sprecher, so dass dieser zur Seite sprang.

„Red ist betrunken“, sagte eine tiefe Stimme von der Tür des Sheriff-Office her. „Und so bekommen Sie ihn nie wach.“

„Wem sagen Sie das, Stranger“, erwiderte Percy Skelton, der Hilfssheriff, böse. „Wer den Sheriff wecken will, begibt sich in Lebensgefahr. By Gosh, es wird immer schlimmer mit ihm, und wenn er getrunken hat, kann nicht einmal der Teufel mit ihm auskommen. — He, Stranger, was haben Sie vor?“

Die Augen des Hilfssheriffs richteten sich auf den Texaner. Er musterte den Fremden genauer, der etwa dreißig Jahre alt war, schlank und athletisch gebaut, mit schmalem, braungebranntem Gesicht, in dem dunkelblaue Augen leuchteten. Der Stoppelbart und die staubige Kleidung verrieten, dass der Mann lange unterwegs gewesen sein musste. Trotzdem machte er nicht den Eindruck eines Satteltramps und Langreiters.

Steve Shore, der Texaner, hatte wie ein Cowboy Lasso-Narben an den Händen. Er hob sich vorteilhaft von seinem Freund, dem Sheriff Red Como, ab, der im Alkoholrausch laut schnarchte. Como lag auf einem Lager, das schmuddelig war wie er selbst. Red Como war nicht mehr der Mann, der er früher gewesen war. Er musste irgendeinen Kummer mit sich herumschleppen und war wohl aus diesem Grand dem Alkohol verfallen. Die Stadt lachte bereits über ihn, und Red Como wusste es. In wenigen Monaten war er ein Schatten seiner selbst geworden, ein menschliches Wrack. Das war umso erstaunlicher bei einem Mann, der noch jung war und als tapferer und unerschrockener Kämpfer galt. In der Stadt Denable hatte er hohes Ansehen genossen.

Red Como war breitschultrig und von großer Gestalt, ein Mann, der über enorme Kräfte verfügen musste. Beherrschung jedoch war etwas, was Hilfssheriff Percy Skelton bei seinem Vorgesetzten noch nicht gesehen hatte. Der Umgang mit Como war sehr schwierig, vor allem dann, wenn Como getrunken hatte. Er war dann unausstehlich, und man wusste nie, wie er reagieren würde. Zu der Zeit, als er sich nur gelegentlich betrank, hatte er sich hinterher immer zu entschuldigen gewusst, doch das war jetzt vorbei. Como war zum Tyrannen geworden, und das konnte niemand besser beurteilen als Skelton.

Percy Skelton hatte oft das Verlangen, seine Stellung als Hilfssheriff aufzugeben und sich einen ruhigeren Job zu suchen, doch dann dachte er an seine Frau und seine vielen Kinder. Seine Frau predigte ihm immer wieder, auszuhalten und es durchzustehen. In seinem Alter würde ein Leben als Weidereiter nicht mehr angenehm sein. Oft hatte sich Skelton schon gesagt, dass er viel versäumt hatte, weil er in der Jugend nichts Ordentliches lernte. Er war Cowboy geworden und hatte hart gearbeitet. Doch eines Tages hatte er feststellen müssen, dass er zum alten Eisen gehörte. Er hatte auch zu spät geheiratet und musste für eine Familie sorgen, als gleichaltrige Männer bereits erwachsene Söhne besaßen. Das Leben hatte ihn eine Menge gelehrt. Er wusste, dass es in der Welt nicht immer richtig zuging und dass selbst feste Gesetze dehnbar waren. Er hatte sich auf seine Art angepasst, hatte ein ausgeprägtes Gefühl für Schwierigkeiten und wusste, wann es Zeit zum Aufgeben war. Percy Skelton hatte auch eingesehen, dass er nicht der Mann war, um Red Como beeinflussen oder gar ändern zu können.

„Tun Sie es nicht!“, flehte Skelton jetzt den Texaner Shore an, als er sah, dass dieser mit einem Kübel voll Wasser herbeikam. Im gleichen Augenblick, als er seine Warnung aussprach, erkannte er jedoch, dass Steve Shore sich nicht von seinem Vorhaben würde abbringen lassen. Es verschlug Skelton den Atem, und er versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. Er hatte seine Erfahrungen mit Red Como und machte, dass er ins Freie kam. Als das Wasser auf Red Como platschte, war Skelton bereits an der Tür und kurz darauf draußen auf der Veranda.

Der Rappwallach des Texaners war draußen angebunden. Es war ein Vollblut, ein herrliches Tier, das jeden Pferdekenner begeistern musste.

Percy Skelton kam nicht dazu, das Pferd zu bewundern. Ein wilder, wütender Schrei wurde im Office laut. Unwillkürlich schloss Skelton die Augen. Seine Lippen pressten sich zusammen, und seine Hände krallten sich um das Geländer der Veranda.

„Jetzt geht der Tanz los!“, murmelte er.

Poltern, Stöhnen und Schreie, Keuchen und Stampfen verrieten, dass es im Büro zum Kampf gekommen war. Porzellan zerschellte, und dann klirrte eine Fensterscheibe. Passanten kamen neugierig heran. In den Gesichtern der Leute sah Skelton die Schadenfreude und Gefallen daran, Sensationen aus sicherer Entfernung mitzuerleben. Jede Abwechslung war den Leuten in ihrem langweiligen Dasein recht. Aber keiner war gewillt, sich einzumischen.

„Sie halten mich für einen alten, verbrauchten Mann“, murmelte Skelton vor sich hin. „Sie haben nicht einmal unrecht. Für kein Geld der Welt würde ich mich in den Kampf im Office einmischen. Gleich wer auf der Strecke bleibt. — Dabei sind die beiden Freunde!“

Skelton sah auf die Zuschauermenge, die sich schnell vergrößerte. Die halbe Stadt schien sich versammelt zu haben. Nicht nur Männer waren gekommen, auch Frauen und Kinder waren dabei. Vor allem fielen dem Hilfssheriff die Leute von Tom Coony auf, die sich im Hintergrund hielten, aber die meiste Freude an dem Geschehen zu haben schienen. Sieben Kerle waren es, raue Burschen, die ihre Colts tief geschnallt trugen.

„Es hat sich also doch jemand gefunden, der den Sheriff einmal verprügelt!“, rief einer der Kerle Percy Skelton zu. „Schade, dass wir nur den Krach hören und wenig zu sehen bekommen. Schieb den Sheriff auf die Straße, Percy, wir wollen ihn sehen!“

Er verstummte, denn in diesem Augenblick; krachte im Office ein Schuss, und danach wurde es still.

Red Como ist ein Teufel, dachte Percy Skelton. In seinem trunkenen Zustand schreckt er nicht einmal vor einem Mord an seinem Freund zurück. Jetzt muss ich doch nachsehen. Mir scheint, dass Como zu weit ging.

Skelton gab sich einen Ruck. Er warf noch einen Blick auf die sieben Kerle, die jetzt noch stärker grinsten, und wandte sich dann um. Die Stille nach dem Schuss schien auch die übrigen Gaffer erschreckt zu haben.

Voller Gram dachte Skelton daran, dass er jetzt einen Toten im Office finden würde. Er malte sich aus, den Texaner tot am Boden zu sehen und davor seinen Sheriff, der jetzt ernüchtert war.

Ungewollt weitete sich Skeltons Brust. Ja, das war seine Stunde, auf die er lange gewartet hatte. Endlich würde er Como sagen können, was er wirklich von ihm hielt. Endlich würde sich sein lang aufgestauter Zorn entladen können. Widerstandslos würde sich Como fesseln lassen. Er würde Como den Stern vom Westenaufschlag reißen. Skelton würde die Freude haben, einem völlig gebrochenen Mann gegenüberzustehen, der alles widerstandslos über sich ergehen lassen würde. By Gosh, davon hatte Percy Skelton immer geträumt, einmal über Como triumphieren zu können und aller Welt zu zeigen, was er selbst für ein Kerl war. Alle sollten staunen und zu der Erkenntnis kommen, dass sie ihn falsch eingeschätzt hatten, dass er nicht der Versager war, für den sie ihn hielten. Er genoss es, dass sich alle Augen an ihm festsaugten, als er seine Hand auf die Klinke legte und sie niederdrückte. Er riss die Tür auf und erstarrte. Seine Augen weiteten sich. Hölle und Teufel, es gab keinen Toten. Und schon gar nicht einen Sheriff, der völlig gebrochen war.

„Komm herein und mach die Tür hinter dir zu!“, forderte Red Como ihn auf. „Es zieht!“

„Wohin hast du den Fremden geschafft?“ Die eigene Stimme klang Skelton fremd in den Ohren. Sein Herz klopfte, und er war erstaunt darüber, dass es ihm gelang, diese Worte überhaupt herauszubringen.

„Es war kein Fremder hier“, sagte Como und betrachtete Skelton wie einen, der um den Verstand gekommen war. „Du hast doch nicht etwa getrunken, Percy? Deine Frau würde dir das übelnehmen. Von dem bisschen Geld, das du für deinen Dienst bekommst, kannst du keinen Brandy kaufen.“

Offener Hohn war aus Red Comos Stimme zu hören.

„Mach keine faulen Witze, Red! Wo hast du die Leiche hingeschafft?“

Skelton sah sich suchend im zerschlagenen Office um. Es gab kein Möbelstück, das heil geblieben war oder noch an seinem alten Platz stand.

„Freund“, hörte er in diesem Augenblick die Stimme des Texaners aus der kleinen Küche, „ich braue dem Sheriff gerade einen guten Kaffee. Fangen Sie nicht an aufzuräumen, sondern gehen Sie gleich zu Dinah Right und bitten Sie sie, sofort hierherzukommen.“

Percy Skelton schluckte schwer. Er glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen und einer Sinnestäuschung zu erliegen, doch der Texaner trat in diesem Augenblick in die Verbindungstür zur Küche. Er zeigte so wenig Kampfspuren wie Como, nur seine Kleidung war in Unordnung geraten.

Der Texaner lächelte. Red Como betastete seinen Kopf und klagte: „Habe ich Kopfschmerzen, Steve! Damned, dieser schlechte Brandy hat mich eine Woche lang betrunken gehalten! Hab Erbarmen und lass Dinah später kommen!“

„Tut mir leid, Red“, widersprach der Texaner. „Ich will wissen, warum sie sich nicht mehr um dich kümmert. Du musst ihr sehr zugesetzt haben, Red. Sie soll kommen und dich so sehen.“

„Du bist ein Teufel, Steve! Ich sage dir aber jetzt schon, dass sie ablehnt und nicht kommen wird. Wollen wir wetten?“

„Nicht wenn Percy Skelton ihr sagt, dass ich hier bin. Also los, gehen Sie, Skelton, holen Sie Dinah Right!“

„Ja, ich mache mich auf den Weg“, stammelte Skelton verwirrt. Mit einem nervösen Augenzwinkern ging er nach draußen.

„Trink!“, forderte Steve Shore seinen Freund auf und schob ihm die Tasse zu. „Es wird dir guttun und den Brandyteufel verjagen.“

Red Comos rotgeränderte Augen richteten sich auf den Freund. Schwerfällig griff er nach der Tasse. Seine Hand zitterte dabei. Steve tat so, als sehe er es nicht.

„Ich weiß, was du jetzt denkst“, knurrte Red. „Du stellst fest, dass das nicht mehr der alte Red ist, dass ich ein Säufer geworden hin, dem die Hand zittert. Du denkst, dass ich kein Recht mehr habe, den Sheriffposten auszuüben. Ist es so?‘

Steve gab keine Antwort. Er füllte seine Tasse mit der gelassenen Ruhe eines Mannes, den nichts erschüttern kann.

„Du nimmst an, dass ich nur noch eine halbe Portion bin, nicht wahr?“, fuhr Red Como fort, als er keine Antwort bekam. „Es ist wahr, Steve, mit mir ist nichts mehr los. Steh auf und schau aus dem Fenster. Die neugierigen Gesichter draußen werden es dir bestätigen. Ich bin ein Versager. Du hättest nicht nach hier kommen sollen. Was ließ dich nur in dieses schmutzige Rindernest reiten? Sag nur nicht, dass eine Ahnung dich trieb. Ich würde es dir nicht abnehmen.“

„So ist es wahrhaftig nicht, Red.“

„Du gibst also zu, dass du nicht die Absicht hast, mir etwas vorzulügen. Das erinnert mich an die alten Tage und daran, dass noch etwas zwischen uns steht. Du willst nicht einmal aus dem Fenster schauen?“

„Ich habe kein Verlangen danach, Red.“

„Mein Hilfssheriff hätte es ausgekostet, Steve. Für ihn ist es eine große Freude zu sehen, dass ich unfähig bin. — Damned, ich hätte alles hinwerfen sollen, aber ich konnte es nicht.“

Er ergriff die Tasse und trank sie leer. Dann setzte er sie auf den Tisch zurück und tastete über den Sheriffstern. „Es ist nur ein Blechstern“, fuhr er fort, „aber dennoch zentnerschwer. — Wenn ich nur nicht diese verteufelten Kopfschmerzen hätte!“ Er rieb sich die Stirn, doch das schien ihm keine Erleichterung zu bringen. „Ich rede immer nur von mir, Steve. Was trieb dich hierher?“

„Man hat mich hergebeten, Red. Den Brief trage ich in der Tasche.“

„Also das ist es! Ich habe mir schon so etwas gedacht. Dinah hat dir geschrieben. Sie war es also. Wie kommt sie nur dazu?“

„Es war nicht Dinah, Red!“

„Nicht?“, stieß Red Como verwundert aus. Er rieb sich die Augen und starrte Steve Shore an, als könne er überhaupt nichts mehr begreifen. „Dinah war es nicht? Ich nahm an, dass sie dich hergebeten hat, damit du einen besseren Menschen aus mir machen sollst. Im Vertrauen, schon seit Monaten weicht sie mir aus, Steve. Ich weiß nicht einmal, wie es ihr geht.“

„Das ist ziemlich übel, Red.“

„Gib dir keine Mühe, Steve. Manchmal denke ich, dass sie dich nicht vergessen kann und dass sie in diesem dreckigen Rindernest nur blieb, weil sie hoffte, dass du dich einmal hierher verirren könntest. — Sie hat dir wirklich nicht geschrieben, Steve?“

„Nein!“, kam es hart über Steve Shores Lippen. „Warum sollte sie auch einem Satteltramp schreiben? Warum sollte sie sich an einen Mann wenden, von dem sie weiß, dass er nie zur Ruhe kommen wird? In ihren Augen bin ich ein schäbiger Revolvermann, das wissen wir beide. Wir wissen auch, was sie von Revolverleuten hält. Nein, nicht Dinah schrieb mir. Das tat ein Mann namens Godfrey.“

„Fred Godfrey?“

„Genau der.“

„Der Großrancher und Geschäftsmann?“

Steve Shore zog einen Brief aus dem Innenfutter seiner Jacke und warf ihn auf den Tisch. „Lies selbst.“

„Nein“, lehnte Red Como ab. „Ich kenne Fred Godfrey, das genügt für mich. Der Mann glaubt, der Herrgott selbst zu sein.“

„Wirkt er auf dich wie ein rotes Tuch?“

„Und wenn es so ist?“

„Wir haben nicht immer die gleichen Ansichten, Red. Ich werde zu Godfrey reiten, ihn mir ansehen und mit ihm sprechen. Ich beabsichtige, in der Abenddämmerung zu reiten, und bis dahin hoffe ich, dein Gast sein zu können. Ich werde dafür sorgen, dass du dich wieder mit Dinah aussöhnst. — Was hast du gegen Fred Godfrey vorzubringen?“

„Nichts, noch nichts“, erwiderte Red und griff sich an die Stirn. „Ich kann den Kerl nicht ausstehen. Ich konnte ihn vom ersten Augenblick an nicht leiden. Außerdem versteht er sich zu gut mit einem gewissen Tom Coony.“

„Wer ist Tom Coony?“

„Ein Mann, der fast ganz Denable beherrscht und mir Vorschriften machen will“, antwortete Red. „Jetzt versucht er es allerdings nicht mehr. Ich habe ihm nachdrücklich zu verstehen gegeben, dass er sich in mein Amt nicht einzumischen hat.“

„Du hast dich mit ihm verfeindet?“

„So kann man es nennen“, gab Red ohne Zögern zu. „Es gehören ihm hier fast alle Saloons und Whiskybuden. Er hat eine Garde von sieben Kerlen um sich, die ihn ständig bewacht. Er glaubt sich verfolgt und ständig bedroht. Ich weiß auch warum. Seine dunklen Geschäfte lassen diese Möglichkeit zu. Ich habe ihm noch nichts nachweisen können, so sehr ich auch darauf aus war. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die ganze Stadt gegen mich verschworen hat. Ich nehme an, dass er immer wieder Hinweise über mein Tun bekommt, so dass er sich rechtzeitig vorsehen kann. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich zu trinken anfing. Meine Erfolglosigkeit raubt mir die Nerven. Ich bin nicht mehr der alte Red, ich bin ein Versager. Ich konnte diesen Coony nicht stellen und ihm nicht das geringste beweisen.“

Red Como erhob sich und ging in die Küche. Steve hörte Wasser platschen, und als Red zurückkam, troff sein Gesicht vor Nässe. Er nahm ein Handtuch und trocknete sich ab. Danach ergriff er einen Besen und begann zu fegen. Einer halbvollen Brandyflasche gab er einen Tritt. Sie rollte Steve Shore vor die Stiefelspitzen. Der hob sie auf, entkorkte sie und ließ den Inhalt einfach auf den Boden laufen.

„Ein gutes Desinfektionsmittel“, sagte er dabei.

„Was will Godfrey von dir, Steve?“, wollte Red wissen.

„Ist das so schwer herauszufinden?“

„Einen Revolvermann? Hölle, er hat doch eine harte Crew! Will er sie noch verstärken? Wenn das so ist, hat der Schuft irgendwelche dunklen Pläne. Er stellt eine unbesiegbare Crew zusammen, aber zu welchem Zweck? Das gefällt mir nicht, Steve. Willst du dich in dieses dunkle Spiel einlassen?“

„Ich will leben und mit dem Colt Geld verdienen.“

„Ich weiß“, erwiderte Red Como trocken.

„Bisher hast du dich immer so verhalten, dass du auf der Seite des Gesetzes geblieben bist. Man konnte dir nie etwas Ungesetzliches nachweisen. Wo aber stehst du wirklich? Bei einem Revolvermann ist die Trennungslinie zum Gesetz nur hauchdünn. Er kann in den Abgrund stürzen, bevor er richtig begriffen hat, wie es kommen konnte. Er wird dann zum Gejagten, und ein Steckbrief macht ihn zum Freiwild. Wie lange willst du dieses Leben noch führen, Steve?“

„Bis ich das Geld für eine eigene Ranch zusammen habe“, erwiderte Steve Shore. Er half Red Como, die Möbel wieder an ihren alten Platz zu stellen. „Godfrey erwartet mich.“

„Dann gib nur auf dich acht, Steve“, warnte Como. „Wenn er dich in der Zange hat, bist du gefangen. Du weißt doch: Mitgefangen, mitgehangen! Vielleicht stehen wir uns bald als Feinde gegenüber. Es würde mir leidtun, dich auf der anderen Seite zu sehen, Steve.“

„Wir standen schon einmal auf verschiedenen Seiten, ich auf der Seite des Südens und du ...“

„Ich weiß“, winkte Red Como ab. „Wir hätten uns gegenseitig aus der Welt bringen können, doch wir taten es nicht. Im Gegenteil, schwerverwundet wie wir waren, haben wir den letzten Proviant und die letzte Zigarette miteinander geteilt.“

„Ich habe zudem noch einem toten Südstaatler die Uniform ausgezogen und sie dir angezogen, damit du in ein ordentliches Lazarett kamst und nicht in Gefangenschaft. Als dann später der Krieg für uns Südstaatler verlorenging, hast du mir geholfen. Ohne Dinah Right wären wir wohl zusammengeblieben und lebten irgendwo auf einer kleinen Ranch als Partner.“

„Wir haben uns beide etwas vorgemacht, Steve“, erwiderte Red Como grollend. „Jeder von uns hat geglaubt, dass er geliebt wird. Heute glaube ich, dass wir uns beide täuschten und dass Dinah in uns nur Freunde und Kameraden sah. Sie ist sehr selbstsicher und braucht keine Hilfe. Hier in Denable hat sie inzwischen einen gutgehenden Store und verdient weitaus mehr als ich.“

„Das ist wohl auch der Grund, warum du ihr keinen Heiratsantrag gemacht hast?“

„Was redest du da, Steve? Natürlich würde ich mich nicht von einer Frau ernähren lassen, das ginge gegen meine Einstellung. Nein, das ist es nicht. Dinah Right ist mir zu hellsichtig und zu intelligent. Als ich das wusste, bekam ich es einfach mit der Angst. Kannst du das begreifen, Steve? Es muss doch schrecklich sein, wenn man mit einer Frau verheiratet ist, der man nichts vormachen kann.“

„Ist das der zweite Grund, warum du zur Brandyflasche gegriffen hast, Red?“

Red Como starrte den Freund wütend an. „Denk, was du willst!“, fauchte er. „Du hast eine gewisse Ähnlichkeit mit Dinah. Warum hast du ihr damals nicht einen Heiratsantrag gemacht und bist stattdessen davongeritten? Sie war sehr traurig, und es war nichts mit ihr anzufangen. Du Narr hast nichts mehr von dir hören lassen.“

„Jetzt bin ich da.“

„Ja, um für Godfrey zu reiten, für einen Sklavenhalter und Teufelskerl, der sich die ganze Welt erobern möchte. Du sollst auch wissen, dass Fred Godfrey hinter Dinah her ist. Es wäre besser für dich, wenn du nie hierhergekommen wärst.“

„Als ich den Brief bekam, Red, dachte ich an Dinah und dich, und da wusste ich plötzlich, dass ich euch Wiedersehen musste. Die Jahre vergehen sehr schnell, und man wird nicht jünger. Ich gebe zu, dass ich plötzlich Angst davor hatte, dass es kein Wiedersehen mehr geben könnte.“

„Wäre das so schlimm?“, fragte Red Como rau. „Man soll die Vergangenheit nicht heraufbeschwören. Was vorbei ist, das ist vorbei. Du und ich, wir sind nicht die alten geblieben. Schau mich nur an und sag mir die Wahrheit. Von dir will ich sie hören, und ich glaube, dass ich sie ertragen kann.“

„Glaubst du das wirklich?“, fragte Steve Shore mit einem leichten Unterton in der Stimme.

Red Comos Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sein Blick wurde stechend, doch Steve hielt diesem Blick stand.

„Ich habe immer geglaubt, in dich hineinsehen zu können“, murmelte Red Como. „Jetzt weiß ich, dass ich das nicht kann. Hör zu, Steve, verschwinde, bevor Dinah kommt.“

„Ein schlechter Rat, den ich nicht befolgen werde, Red“, erwiderte Steve. „Sehen wir zu, dass wir unsere Arbeit beenden.“

Red Como antwortete nicht. Er warf Steve einen eigenartigen Blick zu und machte sich wieder an die Arbeit. Wenig später hatte der Raum ein wohnlicheres Aussehen.

Red Como zog ein frisches Hemd an, und als er gerade fertig war, betrat Hilfssheriff Percy Skelton das Office.

„Dinah Right kommt“, wandte er sich an Steve Shore. „Sie kann jeden Augenblick hier eintreffen.“

„Das ist gut so, Steve“, wandte sich Red an den Texaner. „Endlich wird dir jemand sagen, dass du mit deinem Kommen nicht gerade Freude bereitest.“

Red Como ging zum Schrank, öffnete ihn und langte nach einer vollen Whiskyflasche. Steve Shore war jedoch lautlos hinter ihn getreten, nahm ihm die Flasche aus der Hand und trat schnell einen Schritt zurück.

Red Como knurrte wütend: „Ich habe mächtigen Durst!“

„In der Küche ist noch Kaffee, Red!“

„Ich bin kein Kind mehr. Gib die Flasche her!“, forderte Red Como.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Dinah Right trat ein. Mit ihrem Eintritt schien der Sonnenschein ins Office gekommen zu sein.

„Gib Red die Flasche nicht, Steve“, sagte sie mit einer melodischen Stimme. „Für ihn ist Alkohol Gift. Der Inhalt jeder Brandyflasche sollte sich in Wasser verwandeln, wenn Red ihn trinken will.“

By Gosh, es war nicht zu fassen! Das Mädchen war noch schöner geworden. Steve blickte ihr in die Augen, und sie erwiderte seinen Blick. Dinah schien über das Wiedersehen erregt zu sein, doch sie beherrschte sich meisterhaft. Das Lachen, das sie so reizend aussehen ließ, wich nicht von ihren Lippen.

Dinah Right war eine Schönheit. Sie war hochgewachsen und schlank. Ihr Haar war so dunkel, dass es bläulich schimmerte.

„Es war Zeit, dass du dich an uns erinnert hast, Steve“, sagte sie und trat auf ihn zu. „Jemand musste deinem Freund endlich die Flasche wegnehmen. Er war dabei, sich totzutrinken. Schau ihn dir richtig an, was hat er nur aus sich gemacht?“

„Er ist dabei, sich zu vernichten, Dinah“, erwiderte Steve Shore ruhig. Bei diesen Worten warf er die Flasche durch das zersprungene Fenster nach draußen. „Von jetzt an sollte Red nur noch Milch trinken, Dinah.“

„Vielleicht wird er dann wieder der alte Red“, erwiderte das Mädchen. „Es ist gut, dass wir drei wieder zusammen sind, Steve.“

 

 

2

Hilfssheriff Percy Skelton entschuldigte sich und verließ das Office. Sicherlich spürte er die Spannung, die mit dem Eintritt Dinah Rights ins Office gekommen war, und zog es vor, nach draußen zu gehen und den Rappen Steve Shores zu versorgen. Er führte das Tier um das Gebäude herum und stellte es im angrenzenden Stall in einer leeren Box unter. Als er das Pferd versorgte, konnte er erkennen, dass Tom Coonys Leute noch immer anwesend waren und ihn beobachteten, aber das störte ihn weiter nicht. Er war es gewohnt, dass Coonys Leibwächter ihre Neugier nicht zügelten. Als Skelton seine Arbeit beendet hatte, machte er sich auf den Weg nach Hause.

Percy Skelton ging über den zernarbten Plankensteig an den falschen Fassaden der Häuser entlang. Vor Dinah Rights Store und Futtermittelhandlung blieb er stehen.

„Sie ist eine Frau, dennoch hat sie sich durchgesetzt“, murmelte er. „Kein Mann hätte den Laden in kurzer Zeit so in Schwung bringen können. Ihr Kundenkreis vergrößert sich ständig. Sie liefert gute Ware, und man lobt ihre Pünktlichkeit. Farmer und Rancher, Kleinsiedler und Städter kaufen fast nur noch bei ihr. Als sie den Laden übernahm, wollte niemand einen Penny dafür geben. Im Anfang hat Red Como ihr geholfen. Er verbrachte jede freie Minute bei ihr und war bestrebt, ihr ständig zur Hand zu gehen. Dann kam jedoch der Ärger mit Coony, und der Sheriff griff zur Brandyflasche und blieb dem Store fern. Seltsam, heute ist Red Como zum ersten Mal nach langer Zeit wieder nüchtern. Ob das gutgeht?“

Percy Skelton lächelte bei diesem Gedanken. Nein, es konnte nicht gutgehen. Er glaubte, seinen Vorgesetzten besser zu kennen.

„Er wird sich zugrunde richten wie ein Süchtiger, der von seinem Übel nicht lassen kann“, murmelte er erneut. „Was war Como für ein stolzer Kerl, wie hat er mich über die Schulter angesehen! Wie erhaben dünkte er sich über mich, den alten, bedeutungslosen Mann, der es im Leben zu nichts gebracht und viel Dreck am Stecken hatte.“

Grinsend setzte sich Skelton wieder in Bewegung. Das Grinsen verlöschte erst, als er das Haus betrat, in dem er mit seiner vielköpfigen Familie zur Miete wohnte. Schon im Korridor roch es nach Wäsche. Kindergeschrei scholl ihm entgegen. Alles war unsauber und unordentlich. Skelton musste sich eingestehen, dass er nur widerwillig nach Hause kam, dass er lieber im Office war als bei seiner Familie.

„Ich bin mein Leben lang ein kleiner, unbedeutender Mann gewesen“, murmelte er. „Ich habe nicht einmal einen Zipfel vom großen Glück zu sehen bekommen. Immer bin ich einer der Letzten gewesen, ein Mann, an dem der Dreck hängenblieb.“

Percy Skelton hatte sich nur eines im Leben gewünscht, nämlich einmal eine große Rolle zu spielen. Einmal hatte er einen Mann verkörpern wollen, der die Macht in den Händen hielt. Das war ihm allerdings nicht einmal in der eigenen Familie gelungen. So alt er geworden war, er träumte noch immer von Macht. Er hasste jeden Mann, der stark und selbstsicher war.

„Kommst du endlich?“, war die kreischende Stimme seiner Frau zu hören. „Es ist Besuch da!“

Percy Skelton zuckte zusammen. Sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr.

Seine Frau öffnete die Tür. Mrs. Skelton war groß und starkknochig. Eine Schönheit konnte man sie wahrlich nicht nennen, aber sie übte einen solchen Einfluss auf Skelton aus, dass er sich seit Beginn seiner Ehe vor ihr geduckt hatte.

„Mit dir hat man nichts als Ärger“, sagte sie. „Zu was taugst du nur? Treibst du dich nur bei deinem betrunkenen Sheriff herum und besorgst ihm neuen Brandy? Hier wartet Arbeit auf dich. Es muss Holz gehackt und die Kinder müssen versorgt werden. Dein lumpiger Verdienst reicht nicht einmal aus, um uns das tägliche Brot zu geben. Es wird Zeit, dass du dir eine anständige Arbeit beschaffst.“

„Die kann er haben, Madam“, sagte der Besucher. „Wir haben es besprochen, und wenn Ihr Mann klug ist, wird er zustimmen.“

„Sie, Fred Godfrey?“, staunte Percy Skelton, der jetzt den Besucher zu Gesicht bekam. Er konnte es nicht fassen, dass der mächtigste Rancher der Gegend in seine ärmliche Behausung gekommen war. „Sie bieten mir eine Stelle an?“, fragte er ungläubig und betrachtete Godfrey misstrauisch.

Fred Godfrey lehnte sich in dem zerschlissenen, wackligen Sessel zurück.

„Setzen Sie sich doch“, forderte Godfrey den Hilfssheriff auf. „Ich glaube, wir können alles offen besprechen. Ihre Frau hat schon viel Verständnis für die Sache gewonnen. Sie haben eine kluge Frau, Skelton.“

„Ja, sie weiß, was sie will“, erwiderte Skelton bitter. Er sagte nicht, dass sie ihn immerzu herumkommandierte und ihn für einen Versager und Schwächling hielt. Das ging den vornehmen Großrancher auch nichts an. Vor einem so großen und erfolgreichen Mann konnte man sich nur verbeugen. Neidisch betrachtete Skelton den maßgeschneiderten Anzug des Ranchers, dessen geblümte Weste, die goldene Uhrkette und die Samtschleife am Halse des Mannes.

Fred Godfrey wurde als der reichste Mann in der Gegend angesehen. Nur einer konnte sich vielleicht mit ihm messen, und das war Tom Coony, der Saloonbesitzer, der sich in Denable breitgemacht hatte.

Percy Skelton setzte sich auf einen wackligen Hocker.

„Was wollen Sie wirklich von mir?“, fragte er rau. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie von Mitleid ergriffen wurden und mir einen Posten besorgen wollen, damit es meiner Familie bessergeht.“

„Ich unterhalte kein Wohlfahrtsinstitut, Skelton“, erwiderte Godfrey. „Jeder ist sich in diesem Land der Nächste. Wer untergehen will, kann sich treiben lassen, aber Sie wollen leben, oder?“

„Wir wollen leben, Godfrey“, meldete sich Skeltons Frau. „Aber können wir das bei einem Hungerlohn, der für einen Hilfssheriff gezahlt wird? Wenn Sie meinen Mann brauchen, wird er seinen Posten niederlegen.“

„Gerade das soll er nicht“, gab Godfrey zu verstehen. „Er soll bleiben, wo er ist. Ich werde seinen Lohn aufstocken, und dafür liefert er mir Informationen.“

„Was verlangen Sie von mir, zum Teufel?“, fauchte Skelton wütend.

„Nur das, was Sie bereits für Coony machen“, erwiderte Godfrey höhnisch. „Wollen Sie es leugnen?“

Die Augen Skeltons funkelten den Rancher an.

„Du hast für Coony gearbeitet?“, fauchte ihn seine Frau an. „Du hast mir nie etwas davon gesagt. Das Geld hast du für dich ausgegeben, oder? Du wolltest in den Saloons mitmischen und den großen Mann spielen, du kleiner, schäbiger Schuft!“

„Sie haben recht, Madam. Ihr Mann ist käuflich. Er hat Coony Informationen zukommen lassen. Solange mich das Spiel nicht störte, habe ich darüber gelacht.“

„Ich denke, Sie arbeiten mit Coony zusammen?“ fragte sie verblüfft. Was der Rancher da sagte, schien ihre Wut abzukühlen und es ihr ratsam erscheinen zu lassen, sich lieber mit Godfrey zu unterhalten.

Percy Skelton atmete erleichtert auf.

„Also gut, wenn Sie es schon wissen, ich leugne es nicht. Mir war Sheriff Como zu stolz und zu groß“, sagte Skelton grinsend. „Ich wollte sehen, wie er wirkte, wenn er keinen Erfolg mehr hatte. Er griff zur Flasche, und erst heute wurde er nach langer Zeit einmal nüchtern.“

„Bei der Ankunft des Texaners, nicht wahr?“

„Sie kennen ihn?“

„Ich habe Steve Shore kommen lassen. Der Sheriff und er sind befreundet?“

„Es sieht so aus“, antwortete Skelton. „Passt es Ihnen nicht?“

„Ganz und gar nicht. Aber man hat schon oft von seltsamen Freundschaften gehört. Ein Revolvermann und ein Sheriff, wahrlich ein seltsames Gespann! Nun, das kann vorkommen. Die beiden können trotzdem auf verschiedenen Seiten stehen. Sieht dieser Texaner so aus, als würde er sich vom Gesetz einspannen lassen?“

„Como nennt ihn einen Satteltramp und noch Schlimmeres, Godfrey.“

„Das hört sich gut an. — von heute an arbeiten Sie nur noch für mich, Skelton!“, bestimmte Godfrey und stemmte sich aus dem Sessel hoch. „Coony bekommt von jetzt an keine Informationen mehr. Sie werden von mir bezahlt, Skelton. Hier sind hundert Dollar Vorschuss.“ Godfrey blätterte die Scheine auf den wackligen Tisch. „Zur gegebenen Zeit bekommen Sie Ihre Anweisungen.“

Godfrey grinste den Hilfssheriff an, dann verbeugte er sich vor dessen Frau und verließ den Raum.

Kaum das die Tür zugeschlagen war, griffen beide nach dem Geld, doch die Frau war schneller. Ihre Hände krallten sich um die Dollarscheine.

„So viel Geld hatten wir noch nie!“, keuchte sie.

„Bring es ihm zurück!“, fauchte Skelton sie an. „Das werde ich nicht tun!“, erwiderte sie heftig. „Du kleiner Bastard möchtest das Geld für dich, aber diesmal hast du dich geirrt. Ich werde nicht zulassen, dass diese Geldquelle so schnell wieder versiegt. Wage es nicht, mit Coony weiter Geschäfte zu machen! Godfrey wird es nicht dulden, und wenn du nicht lebensmüde bist, wirst du meine Warnung nicht überhören.“

„Mir gefällt das Auftauchen des Großranchers nicht“, erwiderte Skelton. „Ich gerate da in eine Sache, an der ich zugrunde gehe. Glaubst du, ich wäre blind und taub und wüsste nicht, dass sich auf der Weide etwas vorbereitet? Godfrey ist dabei, die Biondas aus dem Weg zu räumen. Bisher war es leicht für den Großrancher, alle Hindernisse zu beseitigen, doch jetzt stößt er auf Widerstand. Die Biondas sind stark.“

„Ob sie stark sind oder nicht, das geht uns beide nichts an. Wir stecken tief im Dreck und müssen nehmen, was uns geboten wird.“

„Frau, vergiss nicht, dass die Biondas uns freundlich gesinnt sind und uns im letzten Winter halfen.“

„Die haben genug“, erwiderte sie wütend. „Für solche Leute bedeutet es nichts, wenn sie einmal helfen. Ich sehe nur unsere Lage und weiß, dass uns das Wasser bis zum Hals steht. Wir sind am Ende, aber ich will leben, ich will genug zu essen haben, ich will mich kleiden können und endlich ein menschenwürdiges Dasein führen. Ich ertrage es nicht länger, in Denable als der letzte Dreck angesehen zu werden. Rancher Godfrey kam zur rechten Zeit.“

„Es wird nur noch schlimmer werden, Frau.“

„Zum Teufel mit dir! Wann begreifst du endlich, dass man mit kleinen Gaunereien nicht weit kommt? Man muss großes Format haben, wenn man sich eine Stellung besonderer Art schaffen will. Godfrey gab dir eine Chance, und die wirst du nützen.“

„Es geht schief, Frau, es muss schief gehen!“ Sie lachte schrill auf.

„Du bist ein kleiner, widerwärtiger Kerl! Du hast deine Familie betrogen, damit du einen kleinen Vorteil für dich selbst hattest. Du bist eine kleine Ratte. Ich habe es schon lange gewusst und versucht, dich zu ändern. Doch zum Guten reichte es bei dir nicht mehr. In dir ist zu viel unterdrückter Hass, zu viel Gemeinheit. Ein Wunder nur, dass es dir nicht auf der Stirn geschrieben steht. Man lacht über dich, niemand nimmt dich ernst. Ich weiß, dass du zu allen Teufeleien fähig bist. Erspar dir jetzt dein Jammern, ich verzeihe dir die kleinen Geschäfte mit Coony. Von jetzt an wirst du für Godfrey arbeiten.“ Percy Skelton sah seine Frau an. Er fühlte sich durchschaut.

„Was weißt du noch von mir?“

„Wir haben viele Kinder“, erwiderte sie rau. „Dreimal hast du versucht, zu entwischen und mich mit den Kindern allein zu lassen. Du wolltest dich vor der Verantwortung drücken. Für eine Frau ist es fast unmöglich, allein zurechtzukommen. Ich habe dich oft zum Teufel gewünscht und war nahe am Verzweifeln, doch immer ging es dann irgendwie weiter. Aber das ist zu wenig, Percy, viel zu wenig. Ich habe die Augen offengehalten und gesehen, wie sich die Menschen durchschlagen. Die meisten kennen weder Skrupel noch Hemmungen, sie wagen einfach alles. Glaubst du, Godfrey wäre so mächtig geworden, wenn er sich nicht rücksichtslos alles genommen hätte? Jetzt sind wir am Zuge, Percy.“

„Ich habe Angst“, murmelte er.

„Das sieht dir ähnlich! In dem Augenblick, in dem wir an das große Geld kommen können, hast du auf einmal Nerven. Aber das dulde ich nicht. In diesem Spiel mischen wir mit! Wenn du eines Tages so viel von Godfrey weißt, dass du ihn in der Zange hast, wird es sich erst richtig lohnen.“

Die Verblüffung in Percy Skeltons Augen wuchs, und die Angst verstärkte sich. So hatte er seine Frau noch nicht kennengelernt.

„Frau“, murmelte er, „wenn man mit dem Teufel einen Pakt eingeht, fordert er eines Tages alles.“

„Du wirst der Teufel sein und alles fordern“, sagte sie. „Irgendeiner ist immer der Teufel.“

„Dann bist du noch schlimmer.“

„Mag sein“, gab sie zu und lächelte. „Ich weiß jetzt, dass ich aus dir noch etwas machen kann. Du wirst sehen, eines Tages werden die Leute sich vor dir verneigen. Sie werden dir nachblicken und sagen: Dort geht der große Percy Skelton! Mit ihm darf man sich nicht einlassen. Er kennt die Höllentricks und hat Coony und Godfrey in die Zange genommen und ausgebootet. Er hat Sheriff Como ausgeschaltet und sich selbst zum Herrscher gemacht!“

Percy Skeltons Augen leuchteten, seine Brust schwoll. Es war ihm deutlich anzusehen, wie gut es ihm tat, solche Reden zu hören.

„Wenn ich es mir recht überlege“, murmelte er, „ist das gar nicht schlecht. Es steckt wirklich eine Menge in mir. Du hast mein wahres Wesen aufgedeckt. Ja, ich kann alles, ich werde es dir beweisen.“

„Sicher, Percy, nur wirst du nichts mehr ohne mich machen. Von jetzt an wirst du das tun, was ich dir sage. Tust du es nicht und versuchst du, eigene Wege zu gehen, kann ich dir nicht helfen. Was das bedeutet, brauche ich dir nicht lange zu erklären. Du wirst dann bald tot sein.“

Percy Skelton erschrak und zuckte zusammen. An das Sterben wollte er nicht erinnert werden. Er hatte eine Menge Männer sterben sehen, die sich vorher stark gefühlt hatten und großspurig auftraten. Ein Stückchen Blei hatte genügt, sie wie einen Baum zu fällen.

„Auch ein kleiner Mann kann ganz groß werden“, hörte er seine Frau sagen. „Vergiss das nie!“

 

 

3

In der Dämmerung zog Steve Shore seinen Rappwallach aus der Box ins Freie. Er prüfte Sattelzeug und Gurte sorgfältig und schaute dann Dinah Right an, die abwartend stehengeblieben war.

„Ist das richtig, was du vorhast, Steve?“, fragte sie ihn.

„Ich muss es herausfinden, Dinah.“

„Du lässt dir keine Vorschriften machen, aber ich habe dir bereits gesagt, dass du gezeichnet bist, wenn du auf Godfreys Lohnliste stehst. Du bist dann keinen Cent besser als die Raureiter, die er sich in den letzten Monaten zulegte.“

„Du bist sehr um mein Wohlergehen besorgt, Dinah, mehr noch als Red.“

„Mit Recht, Steve“, erwiderte sie. „Möchtest du, dass unsere Freundschaft zerbricht?“

„Sind deine Sorgen deswegen so groß?“

„Dann begreife ich nicht, warum du dich so wenig um Red gekümmert hast, Dinah. Wenn unser gemeinsamer Freund so weitermacht, bringt er sich mit Sicherheit selbst um.“

„Ich habe alles versucht, Steve. Er nimmt keine Hilfe an, und schon gar nicht von mir. Ich habe ihm den Vorschlag gemacht, seinen Sheriffposten niederzulegen und in meinen Store als Teilhaber einzusteigen. Dir mache ich nun den gleichen Vorschlag. Wenn du schon einen Job haben willst, ich kann ihn dir geben.“

„Wir drei in einer Stadt? Das geht von vornherein nicht gut, Dinah. Wir haben es schon einmal versucht, und ich möchte den Versuch nicht ein zweites Mal machen. Auf der Weide, einige Meilen von hier, ist das etwas anderes. Red könnte meine Anwesenheit hier auf die Dauer nicht verkraften.“

„Es geht nicht mehr um Red“, stellte Dinah Right fest. „Jetzt geht es um dich.“

„Ich kann gut auf mich aufpassen, Dinah“, lächelte Steve. „Nur keine Sorge um mich. Red aber braucht dich. Wenn du ihn im Stich lässt, sehe ich schwarz für ihn. Er liebt dich, Dinah.“

„Und wie steht es mit dir?“, fragte sie rundheraus.

Steve Shore sah das Mädchen fest an und nickte dann.

„Auch ich liebe dich noch immer, Dinah. Das ist das Tragische an der Sache, dass wir beide dich lieben.“

Dinah Right konnte nicht lächeln.

„Ich weiß“, sagte sie, und ihre Stimme hatte einen kühlen Klang bekommen. „Tu, was du willst. Ich hatte mich so darüber gefreut, dass du wieder hier bist, aber du hast meinen Kummer nur vergrößert. Ihr beide, Red und du, habt es nicht verdient, dass man sich euretwegen Sorgen macht. Du bist nicht besser als Red, wenn du das auch von dir glaubst. Lass dir von mir sagen, dass du es nicht bist. Der eine wird im Alkohol ertrinken und der andere im Kugelregen zugrunde gehen. Jeder von euch fordert das Schicksal auf seine Art heraus. Von Jahr zu Jahr wird es schlimmer mit euch. Ich glaube, die beiden prächtigen Freunde der Vergangenheit sind tot.“ Steve ging auf das Mädchen zu, streckte beide Hände aus und fasste sie zart an der Schulter. „Ich wollte dir nicht wehtun, Dinah.“

„Mach was du willst!“, schrie sie ihn an und riss sich los. Bevor Steve sie daran hindern konnte, hatte sie sich abgewandt und ging davon.

„Sie ist ziemlich unduldsam geworden“, murmelte Steve. „Mich kann sie aber nicht in ihren Laden stecken.“

Steve Shore schwang sich in den Sattel. Er prüfte die Winchester und steckte sie wieder in die Halterung zurück. Dann tastete er seine Sattelrolle ab und trieb mit einem Zungenschnalzen den Rappwallach an. Er drehte sich nicht um und schaute nicht zum Office zurück, aber er war sicher, dass Dinah und Red ihm nachsahen.

Er atmete auf, als er um eine Wegbiegung ritt. Vor Steve waren jetzt die Saloons, die Tom Coony gehörten. Musik und Lachen drangen nach draußen. An den Halteringen angebundene Pferde warteten auf ihre Besitzer.

Denable bot nichts Besonderes. Nicht einmal Frühjahr und Sommer vermochten diese Stadt zu verschönen. Es gab eine Schule und eine Methodistenkirche. Gegenüber lag die Stage-Coach-Station. Zur Pionierzeit war Denable eine wilde, verrufene Stadt gewesen. Sie war es bis zu dem Tag, als die Frauen der Stadt unter der Leitung einer gewissen Miss Glodway ihre Männer aus dem Golden Star Saloon herausprügelten. Die Frauen dieser Stadt schienen zu jeder Zeit kampftüchtig gewesen zu sein. Sie ließen sich nicht unterdrücken und hatten immer eine gewisse Rolle gespielt. Kein Wunder, dass die Frauen die wachsende Macht von Tom Coony besorgt betrachteten. Coony aber war clever und verstand es, sich bei den Frauen beliebt zu machen. Er zog Veranstaltungen mit Kaffee und Kuchen auf, zu denen die Frauen zahlreich erschienen. Die Männer dankten es ihm auf ihre Weise, denn dann konnten sie, ohne von ihren Frauen zurückgehalten zu werden, in den Golden Star Saloon gehen.

Im Golden Star bedienten hübsche Mädchen. Sie trugen Kleider aus Samt und Seide, die vieles enthüllten, und schufen für die rauen Männer die Illusion, sich im siebten Himmel zu befinden.

Tom Coony verstand es, geschickt zu manövrieren. Er versuchte, sich die Freundschaft von Männern und Frauen gleichzeitig zu erhalten. Geschickt stellte er Fallen und erfuhr manches. So wusste er von vielen Bürgern der Stadt mehr, als diesen lieb sein konnte. Kein Wunder, dass versteckte Drohungen es ihm ratsam erscheinen ließen, für seine Sicherheit Leibwächter anzuwerben.

An diese Tatsachen musste Steve Shore denken, als er durch Denable ritt. Bald hatte er die Stadt hinter sich gebracht und ritt nach Norden. Furchen von Wagenrädern und Trittsiegeln von Pferdehufen zeigten den Verlauf der Straße.

Es war ein milder Abend. Die Luft war weich und duftete nach Frühling.

Der Rappe warf mutwillig den Kopf auf und trug seinen Reiter rasch vorwärts. Die Stadt blieb zurück. Als Steve Shore sich einmal im Sattel umwandte, sah er, dass die ersten Karbidlaternen brannten.

Vor ihm lag eine weite Ebene. Rechts und links des Weges breiteten sich riesige Weiden aus. Bestes Rindergras wuchs auf ihnen.

Steve verließ die Ebene und ritt in ein Hügelgelände. Strauchgruppen und Wälder tauchten auf. Der Mond stand klar am Himmel. Der Südwind trieb nur wenige Wolken nach Norden.

Als Steve Shore die Ruinen einer Ein-Kuh-Ranch sichtete, hielt er seinen Rappen an. Nur die Grundmauern und der Kamin standen noch. Steve bog vom Weg ab und ritt auf die Ruine zu, um sie sich näher anzusehen. Beim Näherreiten erkannte er, dass die kleine Ranch vor nicht allzu langer Zeit zerstört worden war. Er saß ab und untersuchte alles genauer. Eine Rußprobe ergab, dass seit dem Niederbrennen noch kein Regen gefallen war. Unwillkürlich dachte Steve an seinen Freund Red Como und begriff dessen Kummer jetzt besser. Red hatte nicht helfen können, er hatte wohl auch hier versagt und keine Spuren gefunden.

„Bleiben Sie auf der Stelle stehen und bewegen Sie sich nicht!“, forderte ihn in diesem Augenblick eine Bassstimme auf.

Steve musste die Aufforderung befolgen. Es gab keine andere Möglichkeit. Gleichzeitig schoss es ihm durch den Kopf, dass er etwas übersehen haben musste. Dass man ihn überraschen und festnageln konnte, zeigte deutlich, dass in dieser Gegend Dinge vor sich gingen, die man nicht leichtnehmen durfte.

Steve hatte mit Schwierigkeiten gerechnet, als er hierherkam. Wo er angefordert wurde, war stets etwas los. Niemand zahlte einen hohen Revolverlohn, wenn er sich nichts davon versprach.

„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“, sagte der Unbekannte in seinem Rücken. „Es wäre gut für Ihre Haut, wenn Sie mir eine klare Auskunft geben würden.“

„Ich bin ein Langreiter, der sich die Überreste dieser Ranch ansehen wollte“, erwiderte Steve, ohne zu zögern. Langsam drehte er sich nach diesen Worten um, denn plötzlich konnte eine Kugel fliegen. Es war reine Nervensache. Nicht jeder hätte es in dieser Lage gewagt, sich umzudrehen.

Der Unbekannte kam aus den Trümmern der Ranch. Er musste Steve gesehen haben und hatte sich dann in Deckung gebracht.

Steve Shore sah einen breitschultrigen alten Mann vor sich mit hellen Augen und einem scharfgeschnittenen Gesicht. Er hielt ein Büffelgewehr in Anschlag, dessen Mündung auf Steves Brust gerichtet war.

„Sie haben Mut, Fremder“, sagte der Alte anerkennend. „Diese Tugend trifft man heute nur noch selten an. Mut zeichnet einen Mann immer aus, auch dann, wenn er nicht willkommen ist. Sie sind Steve Shore?“

„Stimmt, Oldman“, erwiderte Steve verblüfft.

„Ich habe Sie mir beim Einreiten in die Stadt genau angesehen“, sagte der Alte, dessen Ruhe deutlich seine guten Nerven zeigte. „Sie werden nicht zu Fred Godfrey reiten!“

„Auch das wissen Sie?“

„Wundert Sie das, Shore?“, erwiderte der Alte grinsend.

„Das muss ich schon zugeben“, sagte Steve.

„Meine Freunde und ich können nicht zulassen, dass Godfreys raue Mannschaft durch einen weiteren Revolvermann verstärkt wird.“

„So ist das also!“

„Genau! Es genügt, dass einige Kleinranches in Flammen aufgingen, dass es ein halbes Dutzend Tote gab und dass der Sheriff übel versagte und immer zu spät eintraf, wenn bereits alle Spuren verwischt waren. — Heben Sie die Hände und drehen Sie sich langsam um!“

„Soll das heißen, dass ich mit einer Kugel aus dem Spiel gebracht werden soll?“

„Das liegt an Ihrem Verhalten“, erwiderte der Alte rau. „Falls Sie einen Trick versuchen und beweisen wollen, wie sich ein Revolvermann in einer brenzligen Situation verhält, dann haben Sie sich bereits eine Fahrkarte zur Hölle eingehandelt.“

Steve stellte keine weiteren Fragen. Er fühlte, dass es besser war, keinen Trick zu versuchen. Er hob also die Hände und drehte sich um. Die Schritte des Mannes kamen näher. Mit einem Ruck wurde Steve die Waffe aus dem Holster gerissen. Dann spürte er die Mündung des Büffelgewehres hart in seinem Rücken.

„Das wäre es, Shore. Man kann aufatmen, wenn man die Waffe eines Revolvermannes an sich genommen hat. Ich schieße einen Mann nicht gern in den Rücken. Ich hätte es dennoch getan, wenn Sie unvernünftig gewesen wären.“

Der Druck im Rücken hörte auf, der Alte trat zurück. Steve war nicht herumgeschnellt und hatte nicht versucht, die Waffenmündung des anderen durch eine schnelle Bewegung aus der Richtung zu bringen. Er spürte, dass er es mit einem Mann zu tun hatte, der wohl kaum eine unehrenhafte Handlung begehen würde.

„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte er den Alten.

„Drehen Sie sich wieder zu mir um“, forderte der Alte ihn auf, ohne auf seine Frage einzugehen. „Ich glaube, ich habe Sie falsch eingeschätzt, Shore. Sie sind nicht der, für den Godfrey Sie hält. Sie haben ein Herz. Das ist etwas, was Godfrey von einem Revolvermann, der für ihn arbeiten soll, nicht erwartet.“

„Sie haben für Godfrey nicht viel übrig?“ Der Alte lachte rau.

„Nein, ich mag ihn nicht. Er ist glatt wie ein Aal und nicht zu fassen. Alles Böse, was in den letzten Wochen und Monaten geschah, wurde von ihm ausgelöst. Es gibt keine Beweise, nichts, was man ihm anhängen kann. Der Sheriff hat es ohne Erfolg versucht und mit ihm wir Ein-Kuh-Rancher. Der Tod geht auf der Weide um. Er kommt mit Reitertrupps, die Masken tragen. Häuser werden in Brand gesetzt und die Rinder abgetrieben. Gute Freunde von mir wurden ruiniert.“

„Sie sprechen ganz so, als zählten Sie zu jenen, denen die maskierten Reiter Schaden zufügten?“

„Sie stehen vor den Trümmern meiner Ranch, Shore!“, platzte es aus dem Alten heraus. „Vor zwei Wochen stand sie noch. Es war eine schmucke und schöne Ranch. Vor zwei Wochen lebten meine Frau und meine beiden Söhne noch. Alle drei sind tot! Ich habe ihnen nicht helfen können, ich kam zu spät.“

Steve Shore antwortete nicht. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Nach einer Weile fragte er: „Der Sheriff hat nichts herausfinden können?“

„Nein!“, kam es hart über die Lippen des Alten. „Red Como war betrunken wie immer in der letzten Zeit. Als er schließlich mit einem Aufgebot anrückte, war nichts mehr zu machen. Alle Spuren waren sorgfältig gelöscht. — Sie haben einen unfähigen Freund, Shore.“

„Er war ein guter Mann.“

„Ja, aber das ist lange her. Jetzt ist er genau 60, wie die maskierten Reiter ihn sich wünschen. Er ist ein entnervter Mann, der seine Aktionen zu spät startet. Die Banditen können sich keinen besseren Gesetzesvertreter wünschen. — Jetzt kommen Sie mit mir!“

„Wohin?“

„Zu Biondas Sattel-Ranch“, gab der Alte Auskunft.

„Das ist doch der Nachbar von Godfrey?“

„Stimmt genau“, gab der Alte zu. „Bob Bionda gehört noch zu den Ranchern, die sich selbst zu helfen wissen und sich nicht zu sehr auf das Gesetz und dessen Vertreter verlassen. Wenn es brenzlig wird, nimmt Bionda die Dinge selbst in die Hand. Er hat mich aufgenommen, ich reite für ihn.“

„Also gut, reiten wir.“

„Ich bin Ralph Flaman.“ Der Alte senkte sein Büffelgewehr. Es war die erste versöhnliche Geste. Steve nützte die Lage nicht aus und machte keinen Versuch, den Alten zu überrumpeln.

„Das ganze Land lebt in Angst und Schrecken“, fuhr Flaman fort. „Niemand wagt, etwas zu tun. Man schaut auf Godfrey, doch der rührt keinen Finger. Er tut so, als wäre es ihm recht, dass es die Maskenbande gibt. Man kann sich denken, warum es ihn kalt lässt. In gewissem Sinne arbeitet die Bande für ihn. Er selbst schützt sich durch eine starke Raureitermannschaft. Von seiner riesigen Herde sind nur kleine Rinderrudel gestohlen worden. Wenn er durchhält, bekommt er Ranch um Ranch angeboten und kann sich ein Riesenrinderreich schaffen.“

„In dieser Theorie steckt viel Wahres, Flaman. Es gibt nicht viele Männer, die der Versuchung widerstehen können. Vielleicht will er mich nur anwerben, damit ich herausfinde, wer hinter den maskierten Banditen steckt. Vielleicht will er den Bandenboss rechtzeitig aus der Welt schaffen.“

„Das kann sein“, gab Flaman zu. „Solange aber nicht bewiesen ist, ob Godfrey nicht doch irgendwie mit den Banditen in Verbindung steht, müssen wir unsere Verschwörung aufrechthalten.“

„Dann weiß man noch nichts Genaues?“

„Nein. Den einzigen Toten, den die maskierten Banditen nicht mitnehmen konnten, erwies sich beim Lüften der Maske als Fremder. Niemand kannte ihn. — Kommen Sie jetzt, Shore! Nehmen Sie Ihr Pferd am Zügel und führen Sie es vor mir her. Dort hinter den Büschen habe ich mein Pferd versteckt, weit genug, dass es mich bei Ihrem Nähern nicht durch Schnauben verraten konnte.“

„Mir scheint, dass die Verschwörer in diesem Lande aus wirklichen Männern bestehen.“

Ralph Flaman hob plötzlich den Kopf und lauschte in die Nacht hinein. Irgendein Geräusch schien ihn misstrauisch gemacht zu haben. Doch als Steve Shore sein Pferd am Zügel fasste und vor ihm her die niedergebrannte Ranch verließ, atmete er auf. Bei der Annäherung an die Buschgruppe schnaubte das drahtige, braune Rinderpferd seinem Herrn entgegen. Danach hob es den Kopf, spitzte die Ohren und stand ganz ruhig.

„Wir werden beobachtet“, sagte Flaman und reichte aus einem Impuls heraus Steve die Waffe zurück. „Ich glaube, Shore, Sie werden die Waffe nicht gegen mich richten.“

„Nein. Aber was befürchten Sie, Flaman?“

„Einen Kampf. Für meine Begriffe werden Sie seit Ihrem Wegritt aus Denable beschattet. Den Beobachtern wird es wohl kaum gefallen, dass Sie in meiner Gesellschaft sind. Manchmal könnte man glauben, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Es fing schon vor Monaten an, zu dem Zeitpunkt, als Sheriff Como zu trinken begann. Ich frage mich seitdem immer wieder, wie ein so fähiger Mann wie Como zum Versager werden konnte.“

„Glauben Sie, Flaman, er könnte von der Maskenbande bestochen worden sein?“

„In diesem Spiel ist alles drin“, erwiderte der Alte mit heiserer Stimme. „Man kann niemandem hinter die Stirn schauen.“

Ralph Flaman stieg in den Sattel und Steve Shore folgte seinem Beispiel. Die beiden Männer trieben ihre Pferde aus dem Gebüsch heraus. Dabei entdeckten sie vier Reitersilhouetten auf einem Hügelrücken. Sie kamen näher, waren aber noch außer Schussweite. Auffallend war, dass keine hellen Flecken, keine Gesichter zu sehen waren. Bei dem Mondlicht hätte man das unbedingt sehen müssen.

„Maskenreiter!“, keuchte Flaman. Er hob sein Büffelgewehr und feuerte im Reiten einen Schuss ab. Doch von den anstürmenden vier Reitern wurde keiner getroffen.

Die Schussdetonation schien Flamans und Steves Pferde schneller werden zu lassen.

Steve Shore griff nicht nach seiner Winchester. Er beschränkte sich darauf, seinen Rappwallach zu bremsen, der dem Pferd des Alten davonzulaufen drohte. Er kannte das Land zudem nicht. Das war Grund genug, um Flaman nicht zu verlieren.

Sie gelangten in ein Gelände, in dem die Verfolger bald außer Sichtweite kamen. Nach kurzer Zeit bog Flaman in nördliche Richtung. Als er später sein Pferd zügelte und in Schritt fallen ließ, hörte Steve den Alten leise lachen.

„Wir haben sie abgehängt!“

„Sind Sie sicher?“

„Das ist mein Land. Ich kenne hier jeden Strauch. Wir stoßen bald auf den Black Water Creek. Er bildet die Grenze. Nördlich von ihm fängt das Weidegebiet der Sattel-Ranch von Bionda an, und im Westen liegt die Halbmond-Ranch von Godfrey.“

„Und hinter den Vorhügeln weit im Norden?“

„Dort ist wildes Leid. Trocken, öde und für Rinder und Pferde nicht geeignet. Nicht einmal Schafe können sich dort lange halten. In dem felsigen Gebiet fühlen sich nicht einmal Coyoten richtig wohl.“

„Also ein ideales Land für Rustler?“

„Das glaube ich nicht. Rinder brauchen Futter, sie müssen doch irgendwo weiden?“

„Wohin wurden die gestohlenen Rinder gebracht?“

„Das weiß niemand“, erwiderte der Alte.

„Man mag sie in alle Himmelsrichtungen getrieben haben, nicht aber nach Norden. Dort in den Bergen ist die Welt mit Brettern zugenagelt.“

„Hat man nie versucht herauszubekommen, wohin die gestohlenen Rinder getrieben wurden?“

„Nicht nur Sheriff Como gab sich alle Mühe, auch wir Männer unter Bob Biondas Führung taten es. Alles Suchen brachte keine Ergebnisse. Die Rinder tauchten nicht mehr auf, sie wurden weder verkauft noch zu Treibherden zusammengestellt und fortgetrieben. Sie können aber nicht Flügel bekommen haben, also müssen sie irgendwo sein. — He, was ist Ihnen, Shore?“

Den letzten Satz sprach er leise und beugte sich zu Steve hinüber.

„Wir haben die Kerle nicht abgeschüttelt“, stellte Steve fest. „Schauen Sie sich nicht um. Hinter uns am Hang haben sie angehalten. — Nicht umschauen, Oldman!“ warnte Steve. „Hinter dem nächsten Wegknick halten wir an und lassen sie herankommen.“

„Kein schlechter Gedanke“, murmelte Flaman. „Zeigen wir ihnen den Weg zur Hölle!“

„Besser wäre es noch, sie lebend zu erwischen.“

„Lebend?“ murmelte der Oldtimer ungläubig. „Sie muten sich da ein bisschen zu viel zu.“

„Sie glauben, dass die Kerle mich schon von Denable her beschatten?“

„Das ist bestimmt so, Shore.“

„Wäre es möglich, dass die Banditen von der Stadt hergeleitet werden?“

„Wer soll die Frage beantworten? Ich kann es nicht. Möglich ist es schon. Es gibt Kerle in der Stadt, denen man nicht so recht trauen kann.“

„Sie denken an Tom Coony?“

„Ja, er ist einer derjenigen, denen ich im Dunkeln nicht begegnen möchte. Er ist zu gerissen und clever. Er hat es verstanden, die Frauen der Stadt zu angeln und gleichzeitig ihren Männern Fallen zu stellen. Er hat viele gute Bürger in der Hand, das heißt, wenn er auspacken würde. Es gäbe bestimmt einige handfeste Skandale. Ständig konnte Coony seine Macht in der Stadt vergrößern. Schließlich war er soweit, dass er Leibgardisten einstellen musste. Er musste es nicht nur, weil er reicher wurde, sondern weil er um sein Leben fürchtet. Einigen Leuten behagt sein Wissen nicht, sie glauben, dass er sie erpressen könnte. Nun, das kann eines Tages geschehen. Vorläufig ist noch nichts ruchbar geworden. Vielleicht wartet Coony auf eine günstige Gelegenheit. Gewisse Leute mögen ihn für einen Gentleman halten, für mich jedenfalls ist er ein gerissener Schuft, der jede Gelegenheit für sich ausnutzt. Aus diesem Grund halte ich es auch für möglich, dass er etwas mit der Maskenbande zu tun hat. Außer ihm könnten aber auch noch andere Kerle in Betracht kommen.“

„Zum Beispiel?“

„Der Sheriff, Ihr Freund! Sein Versagen ist zu offensichtlich, seine Trunksucht kann gespielt sein. Vielleicht will er uns Sand in die Augen streuen.“

„Das ist eine harte Sache für meinen Freund.“

„Ist er noch Ihr Freund?“

„Ja.“

„Wie lange haben Sie ihn nicht gesehen?“

„Es sind schon einige Jahre her.“

„Das erklärt alles.“

„Sie mögen Red Como nicht?“

„Alle Welt lacht nur noch über ihn. Ich aber lache nicht. Hinter Lächerlichkeit kann man seine wahren Absichten gut tarnen.“

Steve Shore gab keine Antwort. Die beiden Reiter hatten jetzt einen Wegknick erreicht. Kaum das sie aus dem Blickfeld der Banditen waren, ließen sie sich aus den Sätteln gleiten und zogen die Pferde hinter sich her in die Deckung der Büsche. Sie machten sich nicht erst die Mühe, die Pferde anzubinden, sondern bewegten sich sofort weiter. Am Buschrand teilten sie die Zweige, um bessere Sicht zu haben.

Die Verfolger ließen sich Zeit. Sie glaubten wohl, dass sie von den beiden Männern noch nicht bemerkt worden waren. Das konnte Steve und Flaman nur recht sein.

Steve hörte seinen neuen Partner, der kurz zuvor noch sein Gegner gewesen war, neben sich atmen. Flaman schien die Position zu gefallen.

„Sie kommen!“, murmelte Ralph Flaman leise. Als er nur zwei Reiter erkannte, fügte er etwas enttäuscht hinzu: „Es sind nur noch zwei!“

Das stimmte. Und die beiden Reiter trugen keine Masken. Flaman war enttäuscht. Er hob sein Büffelgewehr und richtete es auf die rasch näherkommenden Reiter. Waren das Maskenreiter?

„Wenn es Banditen sind, tragen sie ihre Masken bei sich. Wir werden es bald wissen. Halte sie an, Oldman!“, forderte Steve seinen Begleiter auf. Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich von dem Alten ab. Geräuschlos verschwand er im Dickicht.

„Stoppt die Pferde, Männer!“, dröhnte Ralph Flamans Stimme durch die Nacht.

Er schoss, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Trotz dieser Warnung versuchten sie jedoch zu ziehen. In diesem Augenblick krachte Steve Shores Winchester zweimal hintereinander. Einem der Kerle wurde der Stetson vom Kopf gerissen, der andere hörte die Kugel so dicht an sich vorbeischwirren, dass sein Kampfeswille erstarb. Er hob die Hände und wurde durch einen erschreckten Satz seines Pferdes aus dem Sattel geschleudert.

Das genügte für den zweiten Reiter. Er sah sich plötzlich allein.

„Schießt nicht!“, schrie er. „Wir geben auf!“

„He, Godfrey!“, schnappte Flaman, der den Mann an der Stimme erkannt hatte. „Was reitest du in der Gegend herum? Was hast du auf meinem Gelände zu suchen? Warum spionierst du mir nach?“

„Flaman?“, fragte Godfrey. Seiner Stimme war die Erleichterung anzuhören. „Gott sei Dank, dass du es bist! Ich glaubte schon, einen Maskenreiter vor mir zu haben. Ist der Texaner bei dir?“

„Du weißt also genau, wer bei mir ist?“

„Ganz genau. Ich habe ihn nämlich erwartet. Er ist der Mann, den ich brauche, der endlich der Maskenbande das Handwerk legen soll. Sind Sie es, Shore?“

„Erklär mir, woher du so genau wusstest, wer in meiner Begleitung ist?“, forderte Flaman den Großrancher auf.

„Weil ich ihn erkannte.“

„He, Godfrey, das ist gelogen!“, meldete sich Steve Shore.

Godfrey lachte laut auf.

„Sie irren sich“, sagte er, ohne zu zögern. „Ich habe Sie in der Stadt gesehen, aber ich hatte meine Gründe dafür, Ihnen dort fernzubleiben. Mein Vormann und ich sind Ihnen gefolgt. Auch wir haben die Maskenreiter gesehen. Das hinderte uns daran, uns früher mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Die Banditen setzten dann jedoch zu, und wir verloren euch alle aus den Augen. Jetzt ist alles in Ordnung. — He, Roger Mohns, steh auf!“

Das galt dem Vormann Godfreys, der am Boden hockte und sich die Glieder abtastete. Danach erhob er sich und ging zu seinem Pferd, packte es an den Zügeln und kam mit ihm näher.

Flaman und Steve verließen ihre Deckungen. Der Alte schulterte sein Büffelgewehr und sagte rau: „Du hast Glück gehabt, Godfrey. Es hat nicht viel gefehlt, dann hätte ich dir den Kopf abgeschossen. Willst du wirklich gegen die Maskenbande angehen?“

„Das ist mein voller Ernst“, erwiderte Godfrey und ließ sich aus dem Sattel gleiten. „Die Bande wird mir zu frech. Sie hat mir eine der besten Zuchtherden gestohlen. Das geht zu weit.“

Er brach ab und trat Steve Shore mit ausgestreckter Hand entgegen.

„Es ist gut, dass Sie da sind, Shore. Jetzt können wir hoffen, den richtigen Mann zu haben, der dem ganzen Spuk ein Ende bereitet.“

Er hielt inne, denn Steve nahm seine Hand nicht. Das schien ihn aus dem Konzept zu bringen.

„Hebt die Hände!“, befahl Steve. Wie durch Zauberei hatte er seinen 45er Colt in der Hand. Die Waffenmündung war auf Godfrey gerichtet.

Godfreys Gesicht verzerrte sich vor Zorn.

„Was soll das heißen?“, fauchte er wütend.

Er verstummte sofort, denn der Blick Steves verriet ihm, dass es besser war zu gehorchen. Nur zögernd hob er die Hände. Sein Vormann kam der Aufforderung schneller nach.

„Er misstraut uns, Boss“, sagte Roger Mohns. „Warum hast du diesen Mann kommen lassen?“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933680
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504885
Schlagworte
verschwörer

Autor

Zurück

Titel: Die Verschwörer