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Sloans Jagd

2019 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sloans Jagd

Copyright

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Sloans Jagd

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Sloan ist Kopfgeldjäger und einer wirklich schlimmen Bande auf den Fersen. Als er in Flagstaff auf die Postkutsche wartet, hofft er, einen der Banditen darin zu finden. Sloan will ihn stellen und herausbekommen, wo sich der Rest der Bande aufhält. Da taucht ein verletzter Reiter auf und behauptet, die Poststation sei von Apachen überfallen worden und die Postkutsche sicherlich verloren.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Zwei Tage nach dem Überfall auf die Bank in Rainbow’s End rastete die Bande in den Ausläufern der Chuska Mountains. Zerklüftete Hänge umschlossen das Tal. Die Sonne glühte. Jackman, der Kassierer, den sie als Geisel mitschleppten, lag erschöpft am Fuße einer turmhohen Felsmauer. Sein Anzug war zerrissen und staubbedeckt, die Handgelenke von den Fesseln wundgescheuert.

Zehn Schritte entfernt saß Joe Santaro, der Anführer der wilden Meute. Er zündete sich eine Zigarette an. Die anderen Banditen umringten den eben zurückgekehrten Kundschafter.

»Macht euch auf etwas gefasst, Amigos.« Der Mexikaner auf dem schweißbedeckten Pferd grinste verbissen. »Wir haben einen der gefährlichsten Männer des Südwestens auf der Fährte, Brad Sloan, den Kopfgeldjäger.«

Mike Harris fluchte. Ben McCarson und Steve Lowell schwiegen betroffen. Lässig schnippte Santaro das Streichholz weg.

Sein glattrasiertes Gesicht blieb ausdruckslos.

»Bist du sicher, Pablo?«

»Du weißt, dass ich mich auf meine Augen verlassen kann, Joe. Sloan erreicht in spätestens einer Stunde den Pass.«

»Der verdammte Bastard hat uns gerade noch gefehlt«, schimpfte Harris, ein knochiger Mann mit einem Pferdegesicht. Sein Sechsschüsser steckte mit dem Kolben nach vorn im Holster an der linken Hüfte.

Lowell, der zweitjüngste Mann der Bande, wies mit einer Kopfbewegung auf den Gefangenen.

»Sloan wird sich hüten, uns zu nahe auf den Pelz zu rücken, solange wir ihn haben.«

Jackman hob den Kopf. Ein Flackern erschien in seinen von Staub und Hitze entzündeten Augen. Der Anführer beachtete ihn nicht. Er wirkte völlig entspannt. Mit dem dunklen Anzug, dem weißen Hemd und der Kragenschleife wirkte er wie ein Berufsspieler.

»Du kennst Sloan nicht. Pablo und ich verließen Texas seinetwegen. Er weiß genau, dass wir den Federfuchser sowieso nicht am Leben lassen. Also wird er kaum Rücksicht auf ihn nehmen. Ich schlage vor ...«

Der Gefangene sprang auf und rannte auf die im Schatten mannshoher Kreosots dösenden Pferde zu.

Sofort riss Pablo Gutierez die Winchester aus dem Scabbard. Seine Kumpane fuhren fluchend herum.

Santaros Handbewegung stoppte sie.

Der junge, rothaarige Billy Rafferty tauchte zwischen den Sträuchern auf. Er hielt den langläufigen Colt schussbereit.

Jackman stieß einen krächzenden Schrei aus, warf sich nach rechts und hetzte auf einen Felshang zu.

»Leg ihn um, Billy«, befahl Joe Santaro kühl.

Rafferty hob die Waffe. Sein schmales Gesicht spannte sich. Nur mehr ein Dutzend Yard trennten den Flüchtenden von den Felsblöcken.

Doch Rafferty schoss nicht. Statt dessen band er hastig sein Pferd los, um Jackman nachzusetzen.

Santaro erhob sich. Ein Feuerstrahl peitschte aus dem eben noch unter der Anzugjacke verborgenen Colt. Die Kugel schleuderte den Kassierer zu Boden.

»Bring die Gäule, Billy!«

Keiner der Banditen machte sich die Mühe, nachzusehen, ob Jackman tot war. Sie kannten Santaros Treffsicherheit. Der Rotschopf führte die Pferde zur Felswand. Dornenzerkratzte Chaps schützten seine Beine. Die Radsporen klirrten.

»Ich hätte ihn zurückgeholt, Boss«, murmelte er.

Santaro ersetzte die abgeschossene Patrone.

»Wie lange reitest du nun eigentlich mit uns?«

»Zwei Monate.«

»Dann wird’s Zeit, dass du nicht nur auf die Pferde aufpasst, Junge.« Zigarettenrauch verschleierte Santaros Gesicht. »Wir trennen uns wie üblich. Du reitest über den Pass zurück und erledigst Sloan.«

Er nahm Rafferty die Zügel ab. Der Junge schluckte. Die anderen rührten sich nicht.

»Sloan hat den Schuss gehört«, warnte Gutierez. »Der Chico besitzt keine Chance gegen ihn.«

»Billy wird dir das Gegenteil beweisen, Amigo. Stimmt’s, Billy?« Lächelnd zog Santaro ein schweres Sharpsgewehr aus dem Sattelfutteral und gab es dem jungen Outlaw. »Du kannst damit auf fünfhundert Yard ’nen Büffel töten. Sloan weiß nicht, dass wir die Knarre haben. Du brauchst nichts zu riskieren, Billy. Ein gezielter Schuss genügt.«

 

 

2

Sloan blieb mit dem linken Fuß am Steigbügel hängen. Der Falbe stürzte.

Ein Dröhnen füllte die Ohren des hageren Mannes. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Blut spritzte aus der Kehle des Tiers.

Brad Sloans erster eingefleischter Reflex war der Griff zum 44er. Dann sah er die Pulverrauchfahne über dem zerklüfteten Hang, der zum Redstone-Pass hinaufschwang. Die Entfernung war für den Sechsschüsser viel zu groß.

Sloan presste sich gegen das kraftlos auskeilende Pferd.

Die nächste Deckung, eine Gruppe Chollakakteen, wuchs dreißig Yard entfernt. Der Abstand zum Arroyo, das die ausgeglühte Mesa durchschnitt, war noch größer.

Sloan biss die Zähne zusammen. Die dunklen Linien zu beiden Seiten der Mundwinkel ließen ihn älter aussehen als er war. Die Augen glänzten wie Eissplitter. Staub bedeckte seine einfache Reitertracht. Kein Blinken, keine Bewegung hatte ihn gewarnt. Die Luft flimmerte. Der Himmel glich einer Kuppel aus schmelzendem Metall.

Sloan befreite den Stiefel aus dem verdrehten Bügel und zog die Winchester aus dem Scabbard. Der Ladebügel knackte. Die Waffe wirkte wie ein Teil des grimmig blickenden Mannes. Drüben am Hang bewegte sich ein Schatten. Steine rollten, aber kein Geräusch erreichte den Kopfgeldjäger.

Sloan feuerte. Die Gestalt zwischen den Felsen verschwand, obwohl die Winchester auf die beträchtliche Distanz keinen Schaden anzurichten vermochte. Ein Grinsen zerriss die Staub und Schweißkruste auf Sloans Gesicht.

»Schwache Nerven, was? Dann sollte es der junge Rafferty sein.«

Er nahm ein ausziehbares Fernrohr aus der Satteltasche und stand auf. Am Hang unter der Felskerbe blinkte ein Gewehrlauf. Trotzdem blieb Sloan stehen und spähte durchs Teleskop.

Der Mann am Hang zielte auf ihn. Das Gesicht über dem wackelnden Lauf der Sharps war verkniffen. Brandrote Strähnen lugten unter dem zurückgeschobenen Stetson hervor.

Der Kopfgeldjäger winkte mit dem Gewehr.

»He, Rafferty, so wird das nie was! Komm her, Junge, kämpfen wir’s aus!«

Feuer und Rauch stießen aus der Sharpsmündung. Vier Schritte neben Sloan puffte eine Sandfontäne hoch. Gleichzeitig drang ein dumpfer Knall zu ihm. Durchs Fernrohr erkannte er die Wut und Angst auf Billy Raffertys Gesicht.

»Kehr um, Sloan! Reite nach Texas zurück, verdammter Menschenjäger! Sonst töte ich dich!«

Billy wandte sich ab und hastete den von Wolkenbrüchen ausgewaschenen Hang hinauf. Weiter oben entdeckte der Kopfgeldjäger ein Pferd.

»Du wirst dafür bezahlen, Rafferty, dass du mein Pferd abgeknallt hast«, rief Sloan. Der junge Bandit antwortete mit einer Verwünschung. Dann schwang er sich in den Sattel. Etliche Sekunden schien er unschlüssig, ob er noch einmal auf den Gegner anlegen sollte.

Währenddessen verstaute Sloan das Fernrohr wieder in der Ledertasche, hob den flachkronigen, von einer Klapperschlangenhaut gezierten Hut auf und schnallte den Sattel vom toten Pferd.

Staub quoll aus dem Passeinschnitt. Das klappern eiliger Hufe brach sich an den Felsen. Der Kopfgeldjäger wuchtete den schweren Hamley-Sattel über die linke Schulter.

»Du bist ein Narr, Rafferty, wenn du dir einbildest, dass du mir entkommst«, murmelte er.

 

 

3

Santaro drückte die Zigarette am Sattelhorn aus, warf die Kippe jedoch nicht weg, sondern ließ sie in der Jackentasche verschwinden.

Nachdem er und Gutierez sich von den übrigen Bandenmitgliedern getrennt hatten, würde keine Spur von ihnen zurückbleiben. Der Schatten eines Felsturms lag auf ihnen. Der Blick reichte bis zum Rand der Ebene vor dem Redstone-Pass. Das Dröhnen der Sharps war verhallt. Nur mehr eine dünne Staubfahne verriet Billy Raffertys Fluchtweg.

»Wenigstens hat er’s versucht«, meinte Santaro achselzuckend. »Weiß der Teufel, wie weit Sloan ohne Gaul kommt.« Seine Augen folgten dem Mann, der mit dem Sattel auf der Schulter Richtung Pass marschierte. »Vielleicht erwischen ihn die Apachen.«

Darauf würde ich mich nicht verlassen.« Der Mexikaner spuckte aus. Die Enden des pechschwarzen Sichelbarts verdeckten seine Mundwinkel. »Ich wette, der Junge hat absichtlich auf Sloans Pferd geschossen. Aus dem wird nie ein Killer.«

»Wart’s ab.«

Gutierez schüttelte den Kopf.

»Er bringt uns nur Verdruss, Joe. Jedes mal wenn’s drauf ankommt, kneift er. Irgendwann springt er ab und verpfeift uns. Ich bin dafür, ihn abzuservieren, Amigo.«

»Schön, dann taugt er immer noch dazu, beim nächsten Coup verheizt zu werden.«

 

 

4

Sloans Knie zitterten. Der Sattel drückte wie eine Zentnerlast auf seine Schulter. Bleischwer lag die Winchester in seiner Rechten. Die Sonne umgab ihn mit weißem Feuer. Der Sand glühte wie Ofenasche. Jeder Stein und jedes Sandkorn reflektierte gleißendes Licht.

Sloan blieb stehen. Sein Atem rasselte. Er widerstand jedoch dem Verlangen, sich im Schatten der verdorrten Ocotillos niedersinken zu lassen. Er würde nicht mehr hochkommen, und das würde das Ende bedeuten.

Die Canteen-Flasche am Sattel war leer. Die Sonne, die wie eine alles versengende Feuerscheibe über dem von Felsketten umschlossenen Wüstenbecken hing, saugte alle Feuchtigkeit aus dem Mann. Seine Füße schmerzten. Das Marschieren war mit den hochhackigen Texasboots eine quälende Anstrengung.

Sloan hielt die Hand mit der Winchester über die rotgeäderten Augen. Weiße Punkte, die sich in der kochenden Luft zu bewegen schienen, leuchteten am südlichen Beckenrand. Es waren die Adobehütten einer Mexikanersiedlung.

Fünf Meilen? Zehn? Die Hitzeschleier ließen die Entfernung schwer schätzen.

Der Kopfgeldjäger presste die aufgesprungenen Lippen zusammen. Das Knirschen des Sandes unter seinen Sohlen war das einzige Geräusch. Ein Schatten glitt über ihn, aber Sloan sah nicht auf. Der Geier begleitete ihn bereits seit Stunden. Verbissen starrte der hagere Mann geradeaus. Eine Eidechse huschte über eine Felsplatte. Eine Vogelspinne schoss am Stamm eines Bisnaga-Kaktus empor.

Plötzlich stutzte Sloan. Zuerst glaubte er, dass seine überreizten Sinne ihm einen Streich spielten. Doch das Schnauben wiederholte sich. Der Banditenjäger wandte den Kopf.

Im selben Moment, da er die Reiter sah, verflog seine Benommenheit. Er spürte die bleierne Schwere der Glieder nicht mehr. Jede Einzelheit prägte sich ihm ein.

Sie waren zu dritt, bronzehäutige, nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleidete Reiter. Sie saßen auf kräftigen, wenn auch nicht sehr großen Pferden. Das Fell der Tiere war struppig. Am Sattel des mittleren Reiters war ein hochbeiniger Grauer, der einen Cowboysattel trug, festgebunden: ein Beutepferd.

Die Indianer grinsten. Einer hielt ein Gewehr. Seine Gefährten waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Der Krieger mit dem Cowboypferd besaß außerdem eine lederumwickelte Keule.

Sie belauerten Sloan, bereit, ihre Mustangs anzutreiben, sobald er sich zur Flucht wandte. Die breitflächigen Gesichter glänzten wie Bronzemasken. Am Gürtel des Keulenmannes hing ein dunkelblonder Skalp. Nach einer Minute, in der die Zeit stehenzubleiben schien, ging Sloan langsam auf sie zu. Das Gewicht des Hamley-Sattels beugte seine Gestalt.

Die drei Apachen rührten sich nicht. Ihr Grinsen wirkte eingemeißelt. Es konnte nicht verhehlen, dass sie beeindruckt waren. Wenige Schritte vor ihnen blieb der Kopfgeldjäger stehen. Er wischte mit dem Ärmel übers Gesicht.

»Hallo, Boys!«

Sie starrten ihn an, wussten offenbar nicht, was sie von ihm halten sollten. Es waren junge, wildäugige Burschen. Der Krieger mit dem Gewehr sagte etwas zu seinen Begleitern, worauf sie schallend lachten.

»Hallo, Weißauge!«, erwiderte der Krieger mit der Keule Sloans Gruß. »Du Geschenke für Mimbreno? Sattel, Gewehr, Revolver. Viel gut. Wir nehmen.«

»Du irrst dich, Freund, ich hab nichts zu verschenken. Im Gegenteil.« Sloan deutete mit der Winchester auf den grauen Wallach. »Ich will das Pferd. Ihr braucht es nicht.«

Das Grinsen fiel förmlich aus ihren Gesichtern. Sie packten die Waffen fester. Sloan stellte sich so, dass er die Sonne im Rücken hatte. Der Graue drängte prustend nach vorn, als lockte ihn eine vertraute Witterung. Sein Besitzer beugte sich vor. Das Glitzern der dunklen Augen warnte Sloan.

»Was du bezahlen, Weißauge, he?«

»Denselben Preis wie du«, antwortete Sloan grinsend.

Da sprang der Apache ab und stürzte sich mit geschwungener Keule auf ihn.

Sloan ließ den Sattel fallen. Er wusste, dass er den Platz nicht lebend verlassen würde, wenn er jetzt schoss. Blitzschnell lenkte er den Hieb mit der Winchester ab. Doch der Anprall des Gegners stieß ihn um. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. Der Apache landete wie eine Katze auf allen Vieren neben ihm, federte hoch und griff erneut an.

Sloan lag noch am Boden. Er schleuderte dem Indianer eine Handvoll Sand ins Gesicht, sprang auf und duckte sich, als die Keule wieder auf ihn zusauste.

Dann hieb er dem Angreifer den Winchesterlauf gegen die Schläfe. Der Apache fiel mit ausgebreiteten Armen vornüber. Bevor seine Begleiter schießen konnten, deutete Brad Sloans Gewehr auf sie.

»Ich will nur das Pferd. Es lohnt sich nicht, dafür zu sterben.«

Sie duckten sich. Weder das Gewehr, noch der Pfeil auf der gespannten Bogensehne sanken herab. Die Waffen bewegten sich mit, als Sloan das Cowboypferd losband. Er konnte jetzt nur mehr den Bogenschützen im Auge behalten. Der Krieger mit dem Gewehr befand sich schräg hinter ihm.

Sloan ließ seinen Sattel liegen und schwang sich auf den Grauen. Nichts geschah. Der Wallach stampfte.

Sloan lenkte ihn herum. Plötzlich flog die Winchester hoch, ein Feuerstrahl blitzte, und der Geier, der die ganze Zeit über den Reitern kreiste, sauste wie ein Stein herab.

Sloan grinste.

»Wenn ihr meinen Skalp wollt, Compadres, versucht’s besser ein andermal.«

 

 

5

Eine Woche später lehnte Sloan im Vordachschatten des Wells Fargo Office von Flagstaff. Es war heiß und still. Die Stadt hielt Siesta. Main Street und Gehsteige lagen verlassen. In der Ferne ragten blau schimmernde Berggipfel aus dem Hitzedunst.

Sloan wandte nicht den Kopf, als die rothaarige Fremde, die sich am Morgen gleichzeitig mit ihm nach der Ankunft der Stagecoach aus Tuba City erkundigt hatte, das Gebäude verließ. Er spürte ihren Blick, blieb aber wie in sich selbst versunken.

Das rüschenverzierte Kleid raschelte, als die Frau sich auf die Bank neben der Tür setzte. Nach einer Weile erhob sie sich und trat neben ihn. Der Duft eines herben Parfüms stieg Sloan in die Nase.

»Baxter macht sich Sorgen. Der Kutscher gilt als pünktlich. Länger als ’ne halbe Stunde über der Zeit ist er nie ausgeblieben.«

Rhonda Fleming war groß und schlank. Sloan schätzte sie auf Ende Zwanzig. Ihr rassiges Gesicht war eine Spur zu stark geschminkt, der Ausschnitt des Kleides eine Idee zu tief angesetzt, dass sie als Bürger oder Offiziersfrau gelten konnte. Die Fülle des flammenroten Haars war in einer kunstvollen Frisur gebändigt. Die geblümte Stofftasche barg offenbar ihre gesamte Habe. Unruhe spiegelte sich in den meergrünen Augen.

Sloan zeigte keine Regung.

»Da draußen kann viel passieren, Ma’am. Ein Radbruch, ein Steinschlag, ein von ’ner Schlange gebissenes Gespannpferd. All das kann schon mal den Fahrplan über den Haufen werfen. Kein Grund zur Aufregung. Was immer Sie in Phoenix oder Tucson vorhaben, nichts sollte so dringend sein, dass es sich nicht einen Tag verschieben ließe.«

»Ich reise nicht ab. Ich warte auf jemand.«

Sloans halbgesenkte Lider verbargen das Aufblitzen in seinen Augen.

»Ich auch.«

Die Frau spannte sich. Ihr Blick wurde noch intensiver. Da lenkte Hufgetrappel den Kopfgeldjäger ab. Ein Reiter tauchte zwischen den Kakteen vor der Stadt auf.

Gleich darauf preschte er in einer dichten Staubfahne die Fahrbahn herab. Ein blutgetränkter Verband umschlang seinen Kopf. Das Pferd stolperte, aber ein heftiger Zügelruck hielt es auf den Hufen.

Türen klappten. Verschlafene Gesichter erschienen hinter den staubblinden Fenstern.

Die Rothaarige, die Sloan für eine Saloonlady hielt, hob erschrocken eine Hand an die Kehle.

Baxter, der Wells Fargo Agent, ein Bär von einem Mann mit Stirnglatze und Backenbart, polterte heraus.

»Teufel, das ist Kelly von der Wolf Creek Station!«

Entlang der Fahrbahnränder traten Frauen und Männer auf die Vorbauten. Der Reiter galoppierte an ihnen vorbei. Das Pferd war am Ende. Schaum verklebte die Nüstern. Der Ankömmling zügelte es vor dem Wells Fargo Office. Der Kopfverband bestand aus einem Hemdstreifen. Das Holster am Gurt war leer, ebenso das Sattelfutteral. Ein angebrochener Pfeil steckte im Leder.

»Apachen!«, keuchte er, während ihm die Zügel entglitten. Er klammerte sich ans Sattelhorn. Baxter half ihm vom Pferd. Die Stadtbewohner näherten sich. Jemand reichte dem Verwundeten eine Flasche. Er trank durstig. Nur Sloan, der an einem Vordachpfosten lehnte, bewegte sich nicht.

»Wo haben sie dich erwischt, Kelly?«, schnaufte der Wells Fargo Mann. Kelly hielt sich am Sattel fest. »Sie haben die Station überfallen! Haskin und seine Frau sind tot!«

»Großer Lord!« Einer der Umstehenden bekreuzigte sich. Baxter erbleichte. Rhonda Fleming drängte sich nach vorn.

»Ich war im Korral, wollte die Pferde für die Kutsche bereitstellen«, berichtete der Mann von der Wolf Creek Station abgerissen. »Die Haskins saßen noch beim Mittagessen. Die Hundesöhne griffen das Haus an. Sie bemerkten mich erst...«

Die Frau ergriff seinen Arm.

»Wo ist die Kutsche?«, stieß sie hervor. Kelly senkte den Blick. »Tut mir leid, Ma’am. Ich glaub nicht, dass sie durchkommt.«

»Ich schon«, brach Sloans ruhige Stimme das Schweigen, das diesen Worten folgte. Der Kopf der Rothaarigen ruckte herum. Ein Raunen durchlief die Schar.

Sloan verließ den Vorbau. Ein paar Männer traten zur Seite. Scheue Blicke streiften Sloans tiefgeschnallten 44er Colt. Das Holster war mit dünnen Lederschnüren am Oberschenkel festgebunden. Sloans Sporen klirrten.

»Wie viele Indianer waren es, Amigo?«

Der Stationshelfer starrte ihn an.

»Fünfzehn, zwanzig... Ich weiß nicht genau. Alles ging so verdammt schnell... He, Mister, wo wollen Sie hin?«

Sloan ging zu seinem Grauen. Er bewegte sich zielstrebig, aber ohne jede Hast.

»Ich hole die Kutsche«, antwortete er über die Schulter und band den Wallach los.

Kelly schüttelte den Kopf. Als er etwas sagen wollte, legte der Wells Fargo Agent ihm die Hand auf die Schulter.

»Das ist Sloan, der Kopfgeldjäger«, raunte er. Da hob der Verwundete wieder die Flasche und trank.

»Warten Sie, Sloan, ich komme mit. Ich zieh mich nur rasch um«, rief die Frau. Sie eilte zu ihm. Aus der Nähe sah Sloan, wie bleich sie unter der Schminke und Puderschicht war. Aber er erkannte auch ihre Entschlossenheit. Mit steinerner Miene schwang er sich aufs Pferd.

»Ich bin Kopfgeldjäger, Ma’am. Als Beschützer hübscher Ladys besitze ich keinerlei Erfahrungen. Bleiben Sie hier. Wär verdammt schade um Ihren Skalp.«

 

 

6

Das linke Hinterrad der Concord-Kutsche war an einem Felsbrocken zerschellt. Das Fahrzeug lehnte wie ein leckgeschlagenes von der Brandung angeschwemmtes Boot an der Canyonwand. Die der Overland Road zugewandte Seite war mit Pfeilen gespickt. Kugellöcher klafften dazwischen. Eine Pulverdampfwolke hüllte die Passagiere ein. Mündungsfeuer stachen heraus.

Der Fahrer hatte sich unter die Kutsche gerettet. Sein Gewehr lag auf den Speichen des Vorderrads. Sobald einer der Apachen die Stellung wechselte, peitschte ein Feuerstoß aus dem Lauf.

»Mac!«, schrie der bärtige Fahrer. »Zum Teufel, wo steckst du? Komm schon, ich geb dir Feuerschutz, Amigo!«

Doch der Begleitmann, den bei Beginn des Überfalls ein Pfeil vom Kutschbock geworfen hatte, meldete sich nicht. Statt dessen erhob sich eine gedrungene Gestalt zwischen den Sträuchern und schwenkte triumphierend einen weizenblonden Skalp.

Der Bärtige fluchte. Sein Blei verfehlte den Krieger. Auch die Schüsse aus dem Innern des Fahrzeugs zerfetzten nur die Zweige, hinter denen der Apache verschwand.

Hohngelächter war die Antwort. Die Kutschpferde wieherten und stampften aufgeregt. Die Indianer schonten sie bisher. Wahrscheinlich war die Horde aus der Reservation geflohen und unterwegs nach Mexiko. Sechs Beute Pferde waren Grund genug, die Haut zu riskieren. Donnernde Echos wogten durch den Canyon.

»Spart euer Blei«, mahnte der Kutscher. »Die Burschen warten nur drauf, dass uns die Munition ausgeht.«

Ein Schluchzen drang aus der Stagecoach. Eine resolute Frauenstimme schimpfte: »Hören Sie auf zu flennen, Sie Armleuchter! Da drüben bei dem einzelnen Cottonwoodbaum zeigt einer von den roten Halunken sein Hinterteil. Her mit dem Schießeisen, dann brenn ich dem Kerl eins über!«

Tatsächlich krachte gleich darauf ein Colt. Ein Schrei antwortete von jenseits der Postkutschenstraße.

»Wär ja gelacht, wenn wir uns diese Halsabschneider nicht vom Leibe hielten!«, triumphierte die Frau. »He, Kutscher, was ...« Die Stimme versank im Dröhnen mehrerer Gewehre. Pfeile schwirrten.

Der junge Krieger, der an dem zweihundert Yard entfernten Canyonknick die Mustangs der Angreifer bewachte, kletterte auf einen Felsen, um das Geschehen besser zu sehen. Wie seine Gefährten trug er Lendenschurz und kniehohe Mokassins. Ein Tomahawk hing von seinem Gurt. Die Rechte umklammerte einen kurzläufigen Spencerkarabiner. Mit leuchtenden Augen beobachtete der Apache, wie sich der Halbkreis enger um die Kutsche schloss.

Schattengleich huschten die Krieger von Deckung zu Deckung. Und schattengleich tauchte auch Bradford Sloan bei den Felstrümmern auf, zwischen denen die Apachenpferde standen. Die Hufe seines Grauen waren mit Tüchern umwickelt. Im Krachen, das durch den Canyon hallte, war sowieso nichts zu hören.

Der Pferdewächter bemerkte Sloan erst, als dieser bereits mit dem Gewehr ausholte. Er schaffte noch eine halbe Drehung, dann schleuderte der Hieb des Kopfgeldjägers ihn zu Boden. Bewusstlos rollte er an die Canyonwand. Ohne abzusteigen bückte Sloan sich nach der Spencer und zerschlug das Schloss an dem Felsblock, von dem aus der junge Apache beobachtet hatte.

Als Sloan sich aufrichtete, fiel ein Stein neben ihn. Die Witterung mochte ihn gelöst haben. Doch Sloan verlor keine Zeit damit, aufzublicken. Er trieb den Wallach zur Seite. Ein Schatten schnellte von dem Felssims über ihm. Der zweite Posten verfehlte zwar Sloans Pferd, erwischte im Sprung aber Sloans Jacke und riss ihn mit.

Sloan stürzte auf ihn. Staub biss in seinen Augen. Er ließ die Winchester fallen und packte das Handgelenk des stämmigen Kriegers. Der Mann war Linkshänder.

Sloan stoppte die Messerklinge knapp vor seiner Kehle. Weiße Farbstreifen bedeckten das von Anstrengung verzerrte Gesicht des Indianers. Er bäumte sich auf. Sloans Fausthieb erstickte den Alarmschrei.

Keuchend zwängte der Apache ein Knie zwischen sich und den Weißen; Sloan bekam einen Stein zu fassen. Ohne Zögern schlug er zu. Der Krieger erschlaffte, sein Messer rutschte in den Sand. Die Mustangs bewegten sich unruhig. Es waren vierzehn Tiere, alle mit einem Lasso zusammengekoppelt.

Sloan gehorchte seinem Kämpferinstinkt, rollte sich von dem besiegten Gegner weg und ergriff erst die im Staub liegende Winchester, ehe er sich erhob. Das Wiehern des Grauen warnte ihn. Er kniete noch, als ein Reiter in dem von den stampfenden Gäulen aufgewirbelten Staub auftauchte.

Sloans Winchester flog hoch. Dann erkannte er, das es Rhonda war. Ein Sonnenstrahl, der die Schwaden durchdrang, ließ ihr rotes Haar flammen. Sie trug jetzt Bluse, Männerhosen und Reitstiefel.

Sloan war überrascht, wie gut sie sich im Sattel hielt. Statt Schminke und Puder bedeckte nun eine Staubschicht das reizvolle Gesicht. Die grünen Augen blickten furchtlos. Der Lauf eines Remingtongewehrs blinkte.

»Wie Sie sehen, besitze ich meinen Skalp noch, Sloan. Glauben Sie nur nicht, ich könnte nicht auf ihn aufpassen.«

Der Kopfgeldjäger verschluckte die Verwünschung, die ihm auf der Zunge lag und begnügte sich mit einem geknurrten »hoffentlich«. Er trat zu seinem Pferd. Rhonda folgte ihm. Die Hufe ihres Braunen waren ebenfalls mit Lappen umhüllt. Das Tier trug das Brandzeichen des Mietstallbesitzers von Flagstaff.

Wieder füllte das Krachen mehrerer Gewehre den Canyon. Die Frau duckte sich unwillkürlich.

»Sehr gesprächig sind Sie ja nicht gerade, Sloan. Was haben Sie vor?«

Sloan hörte ein Zittern in ihrer Stimme. Der Mann, den sie mit der Stagecoach erwartete, musste sehr wichtig für sie sein. Doch Brad Sloan ließ sich von solchen Überlegungen nicht ablenken. Er kannte nur ein Ziel: Joe Santaro und seine Furcht und Terror verbreitende Meute zur Strecke zu bringen.

Das zum Stakkato anschwellende Dröhnen vermochte ihn nicht zur Hast zu treiben. Er löste das Lasso, an dem die Apachenmustangs festgebunden waren. Ein Pfad schlängelte sich schräg gegenüber der belagerten Kutsche zum Canyonrand empor. Sloan deutete hinauf.

»Da Sie nun mal hier sind, Ma’am, werden Sie mir helfen, die Gäule da raufzubringen. Binden Sie das Seil an Ihren Sattel und reiten Sie voran.«

 

 

7

Zehn Minuten nachdem Sloan die Stadt verließ, hielt ein bärtiger Reiter vor dem Palace Saloon. Der Staub der Wildnis bedeckte die abgewetzte Lederkleidung. Verfilzte Zotteln fielen auf seine Schultern. Eine Bussardfeder zierte den verbeulten Hut. Statt Stiefeln trug er weichsohlige Mokassins. Außer dem Colt hing ein schweres Green-River-Messer an seinem Gürtel.

Trotz der Hitze und der anstrengenden Meilen, die hinter ihm lagen, bewegte er sich geschmeidig. Er band das Pferd an den Pfosten neben dem Wassertrog und brannte sich eine Zigarette an, ehe er den Saloon betrat.

So früh am Nachmittag döste der Keeper sonst hinter der verwaisten Theke. Aber die Nachricht vom Überfall auf die Pferdewechselstation am Wolf Creek hatte in Flagstaff längst die Runde gemacht. An den Tischen saßen gestikulierende Männer. Die einen waren dafür, mit einem Aufgebot Sloan zu folgen. Die anderen wollten noch bis Sonnenuntergang auf die Stagecoach warten.

Mitten in der hitzigen Debatte kam der Bärtige mit dem Bussardfederhut herein. Die Gespräche verstummten sofort. Da war keiner, der nicht die Drohung spürte, die von dem ledergekleideten Fremden ausging.

Lautlos, die Zigarette im spöttisch herabgezogenen Mundwinkel, glitt er zur Theke. Der dichte Bart und die langen Zotteln machten es unmöglich, sein Alter zu schätzen. Er mochte Mitte Dreißig, aber auch schon zehn oder fünfzehn Jahre älter sein. Die Gäste an der Theke rückten hastig ab. Der Fremde legte die Winchester auf die messingbeschlagene Platte. Sein Benehmen war herausfordernd. Der mondgesichtige Salooner starrte ihn misstrauisch an.

»Whisky?«

»Nicht bei dieser gottverdammten Hitze. Ich möcht ein kühles Bier. Doch zuerst was anderes: Wann kommt die Kutsche aus Tuba City?«

Der Blick des Fremden hielt den Keeper fest.

»Vielleicht überhaupt nicht«, erwiderte der Dicke gepresst.

»Noch einer!«, erklang es von den Tischen. Der Ledergekleidete drehte sich bedächtig um und nahm die Zigarette aus dem Mund. Allen fiel auf, dass er dabei die Linke benutzte. Seine Rechte berührte den tiefgehalfterten Colt. Die stechenden Augen richteten sich auf Anhieb auf den Sprecher, der krampfhaft sein Glas umklammerte.

»Was willst du damit sagen, Freundchen?«

Der Mann am Tisch begann zu schwitzen.

»Nichts, außer dass Sie bereits der dritte sind, der nach der Kutsche fragt.«

»Wer noch?«

»Eine Frau, die gestern mit der Kutsche aus Phoenix eintraf, und ein gewisser Sloan. Es heißt, dass er in Texas bereits so viel Kopfgeld kassierte, dass er sich ’ne Ranch leisten könnte.«

Die Augen des Bärtigen verengten sich. Er nahm das Bierglas, das der Keeper hinstellte.

»Freund, wir sind hier nicht in Texas. In Arizona ist nur Buckskin Donegan für die Kopfgeldjagd zuständig, und das bin ich.«

Er trank, wischte den Bierschaum vom Bart und fuhr jä herum, während im Saloon Totenstille herrschte. Seine Linke krallte sich in das Hemd des Salooners.

»Wie war das mit der Kutsche?«

»Sie ist seit zwei Stunden überfällig«, ächzte der Mann. »Die Apachen haben die Station am Wolf Creek zerstört. Es besteht wenig Hoffnung, dass die Stagecoach durchkommt.«

»Wieso, zum Teufel, unternehmt ihr dann nichts?«

»Sloan ist vorhin losgeritten. Er wollte niemand mitnehmen.«

Donegan stieß den Keeper zurück. Die Flaschen und Gläser im Regal klirrten. Der Bärtige trank das Bier aus, knallte eine Münze auf die Theke und schulterte die Winchester.

»Du hast hoffentlich ein Zimmer für mich, Dicker!«

»Suchen Sie sich das beste aus, Donegan.«

Der Kopfgeldjäger lachte blechern.

»Verlass dich drauf. Ich bin verdammt müde und möchte nicht gestört werden. Weck mich, wenn die Kutsche einrollt.«

 

 

8

Die Apachen entdeckten Sloan und die Frau auf halber Höhe zur Canyonkante. Inzwischen stand die Sonne weit im Westen. Der Steilhang, an dem sich der Pfad emporwand, glühte in feurigem Gold.

Ein Alarmschrei beendete den Pfeil und Kugelhagel auf die Postkutsche. Für Sekunden herrschte verblüfftes Schweigen.

»Runter vom Pferd!«, rief Sloan.

Da blitzte und schwirrte es aus dem Gebüsch neben der Overland Road. Der Schrei von zuvor bekam ein wildes Echo aus einem Dutzend Kehlen.

Rhondas Pferd stieg. Die Hufe schlegelten über den Pfad. Geistesgegenwärtig riss Rhonda den Braunen gegen den Hang. Die aufprallenden Hufe schlugen Funken aus dem Fels. Während die nächste Salve von der Canyonsohle peitschte, sprang die Frau ab und klammerte sich an das Kopfgeschirr des erschreckt wiehernden Tiers. Die Schüsse lagen ohnedies zu tief.

Sloans Winchester antwortete. Er hatte die Zügel ums linke Handgelenk gewickelt und verharrte fünfzig Fuß über dem Canyonboden wie auf einem Schießstand.

Zwischen ihm und der Frau drängten sich die vierzehn zusammengekoppelten Mustangs. Die ersten Schatten lagen auf der Postkutschenstraße. Die Felswand gegenüber schimmerte violett. Nur ihre Ränder flammten in demselben gleißenden Goldton, der Sloans Gewehr ein scheinbar magisches Funkeln entlockte.

Kein Sonnenstrahl erreichte mehr die durchs Gebüsch huschenden Gestalten. Nur im Blitzen der Gewehre erkannte Sloan die bemalten Gesichter, die Krallenketten und Kupferarmreifen.

Die Stagecoach war nicht mehr wichtig für die Indianer. Der Verlust ihrer Pferde würde die Flucht nach Mexiko beenden, ehe sie richtig begonnen hatte.

Die Apachen galten zwar als ausdauernde Läufer, aber ein gut ausgerüsteter und erfahrener Kavallerist war einem Krieger, der außer der Kürbisflasche nur einen veralteten Karabiner besaß, doch um ein Vielfaches überlegen. Darauf baute Sloans Plan. Er ließ sich durch das Geschrei und den Geschosshagel nicht aus der Ruhe bringen. Ein Gegner, der im Laufen schoss, noch dazu bei einem solchen Höhenunterschied, war nur ein halber Gegner.

Kaltblütig visierte er einen über den Weg schnellenden Apachen an. Die Wucht des Treffers schleuderte den Indiander zwischen die Büsche.

»Weiter so, Mister!«, schallte es von gegenüber, wo die Kutsche allmählich in der Dämmerung verschwamm. Es war wieder die resolute Frauenstimme. »Für jede Kugel, die Sie ins Ziel bringen, spendier ich Ihnen in Flagstaff ’nen Drink!«

»Ich werde darauf zurückkommen, Ma’am.« Sloan repetierte. Dann fiel sein Blick auf Rhonda, die das Remingtongewehr aus dem Scabbard zerrte. »Sie sollen die Mustangs raufbringen, nichts sonst! Sie müssen mir, verdammt noch mal, nicht beweisen, dass Sie mit ’ner Knarre umgehen können.«

Rhondas Augen blitzten. Aber das Krachen der Apachengewehre erstickte den wütenden Protest. Die Krieger kauerten jetzt diesseits der Postkutschenstraße und schossen sich allmählich ein.

Rhonda behielt die Remington in der Hand und zog den Braunen weiter, an dem die Mustangs festgeleint waren. Sloan folgte ihr, bis ein aus dem Hang ragender Felsbrocken ihn und das Tier halbwegs vor den Geschossen schützte.

Die sinkende Sonne übergoss den nach Westen gewandten Hang noch immer mit lodernder Glut. Sloans Sicht verschlechterte sich dagegen mit jeder Minute. Pulverrauch hing zwischen den Sträuchern im Canyon. Nur mehr die Mündungsfeuer boten ein Ziel. Aufs Geratewohl jagte er eine Kugel in einen Busch.

»He, Kutscher, lebst du noch?«

»Worauf du dich verlassen kannst, Mister!«, schallte es heiser herüber. »Wo, zur Hölle, bleiben Baxter und seine Männer?«

»Wahrscheinlich begießen Sie bereits unser Begräbnis.«

Der Mann auf der anderen Canyonseite fluchte. Sein Gewehr brüllte auf, und aus dem Dickicht am Straßenrand antwortete ein wütender Schrei.

Sloan grinste wölfisch. Der kalte und wache Ausdruck seiner Augen blieb unverändert. Rhonda verschwand weiter oben hinter einer Gruppe Felsen, die wie die abgebrochenen Zähne eines Raubtiers aus dem Hang ragten. Die Mustangs wagten auf dem schmalen Pfad keinen Ausbruchsversuch. Sloans Stimme tönte wieder durch den Canyon.

»Habt ihr ein Ersatzrad?«

»Klar, Mister!«

»Worauf wartet ihr dann? Ohne Pferde können sie euch nicht verfolgen. Beeilt euch! Ich nagle sie inzwischen hier fest.«

Sloan versuchte es wenigstens. Angestrengt beobachtete er das helle Band der Overland Road, das die Dämmerung im Canyon durchschnitt. Ein Schatten bewegte sich. Sofort peitschte Sloans Gewehr.

Der Apache rettete sich mit einem Hechtsprung ins Gebüsch. Drüben bei der Stagecoach begann eine fieberhafte Geschäftigkeit. Der Kutscher und noch ein Mann spannten die Gäule aus, damit sie die Deichsel als Hebebalken benutzen konnten. Sie versuchten das Fahrzeug aufzubocken. Die Apachen beschossen sie.

Ein Colt brüllte zurück. Auch Sloan feuerte.

»He, Randall, Sie dürfen auch mit anpacken«, hörte er die Frau sagen. »Ein bisschen mehr Bewegung, als nur mit den Zähnen zu klappern, schadet Ihnen nichts.«

Vier Apachen wollten gleichzeitig die Straße überqueren. Sloans Schüsse trieben sie zurück. Einer blieb liegen.

»Hallo, Ma’am, vergessen Sie Ihr Versprechen nicht«, rief Sloan, um den Passagieren Mut zu machen. »Meine Marke ist Kentucky Bourbon.«

»Am besten rechnen wir gleich mit ’ner ganzen Flasche ab«, antwortete die Frau mit grimmigem Auflachen. Es war ein Vorteil, dass die Seite, an der das Rad fehlte, der Felsmauer zugewandt war. Die Männer arbeiteten rasch und verbissen. Fahle Dunkelheit hüllte sie ein.

Sloan schob Patronen in den seitlichen Füllschlitz der Winchester. Der Ladebügel schnappte keine Sekunde zu früh. Die Indianer entschlossen sich zum Sturm auf den Steilhang. Wie Raubkatzen glitten sie durchs Dickicht. Kriegsgeschrei gellte. Sloans feuerspuckende Waffe vermochte sie nicht aufzuhalten. Der Graue scheute. Pfeile klirrten gegen Sloans Deckung. Querschläger jaulten vorbei.

Da krachte es auch von der Canyonkante. Das Geschrei der Apachen brach ab. Der Angriff stockte. Sloan hob das schweißüberströmte Gesicht.

Er sah Rhonda durch einen Schleier aus Pulverqualm. Die sinkende Sonne umgab sie mit einem Lichterkranz. In ihrem Haar schienen Funken zu sprühen.

»Wollen Sie immer noch, dass ich nur zusehe, Sloan?«

»Seit wann, Ma’am, kümmern Sie sich um das, was ich will?« Der Kopfgeldjäger grinste, nahm die Zügel kurz und führte den Wallach zur nächsten Biegung. »Ihr da drüben, wie weit seid ihr?«

»Noch ’ne Minute, Mister, dann verschwinden wir.«

»All right, haltet eure Skalpe fest! Wir sehen uns in Flagstaff! Bis bald!«

 

 

9

Der Kopfgeldjäger hatte ein Bad genommen und war frisch rasiert, als die Kutsche in die Stadt rollte. Sein Grauer stand im Mietstall. Das Gepäck und die Winchester waren im komfortabelsten Zimmer des Arizona-Hotels untergebracht. Außerdem trug Sloan ein neues Hemd. Die Schlaufen an seinem Revolvergurt waren mit Patronen gefüllt, und am tiefgehalfterten 44er haftete kein

Stäubchen.

Rhonda Fleming trug wieder das Rüschenkleid, hatte aber auf Schminke und Puder verzichtet. Der Schwung ihrer Brauen, die leicht hervorstehenden Wangenknochen und der sinnliche Mund bedurften keiner Verkleisterung.

Rhondas einziger Schmuck war eine Perlenkette. Niemand schon gar kein Mann, würde feststellen wollen, ob die Perlen echt waren.

Laternen erhellten die Main Street. Auf den Gehsteigen und Vorbauten drängten sich die Stadtbewohner. Jubel klang auf, als die Stagecoach zwischen den ersten Häusern erschien. Sie fegte wie ein riesiges, staubumwogtes Geschoss aus der Kakteen und Felsenlandschaft. Das Hämmern der Hufe und das Rattern der Räder dröhnte durch die ganze Stadt. Die Peitsche knallte. Der Kutscher konnte es sich nicht verkneifen, das Gespann wie auf einer Rennbahn bis zum entgegengesetzten Stadtausgang zu jagen und im selben Höllentempo zurückzukehren. Auf den Yard genau brachte er das schwankende Gefährt vor dem Wells Fargo Gebäude zum Stehen.

Die Zuschauer klatschten. Einige Gesichter waren bereits vom reichlichen Alkoholgenuss gerötet. Rhonda krampfte die Hände zusammen. Eine Ader pochte an ihrem schlanken Hals. Sie blickte rasch auf Sloan, der scheinbar unbeteiligt an einem Pfosten lehnte. Die Städter hatten offenbar vergessen, wem sie die Ankunft der Postkutsche verdankten. Niemand beachtete ihn.

Der Fahrer schwenkte den Hut. Die mit Pfeilen gespickte Kutschentür schwang auf. Eine vollbusige Matrone mit eckigem Nussknackergesicht zwängte sich schnaufend heraus. Ein Coltgriff ragte aus ihrer geblümten Handtasche.

»Du bist schlimmer als die Apachen!«, knurrte sie den Kutscher an. »Beinahe hätt ich meine eigenen Zähne verschluckt.«

Der Applaus schwoll an. Die schwergewichtige Lady knickste und grinste geschmeichelt, Pfiffe schrillten.

Der nächste Fahrgast war ein dünner, bleicher Großstadttyp, der vor Aufregung noch immer am ganzen Körper schlotterte. Krampfhaft presste er eine schwarze Ledertasche an sich. Es schien, als wollte er vor der wartenden Menge die Flucht ergreifen. Da packte die Dicke ihn kurzerhand am Kragen und schleppte ihn mit.

Dann sprang ein knochiger Mann aus der Concord. Er trug Reitertracht. Der Kolben des Sechsschüssers an seiner linken Hüfte ragte nach vorn. Kerben bedeckten ihn. Das Klatschen und Pfeifen brach ab, als Sloan sich vom Pfosten löste. Seine Rechte sank nach unten. Der Blick des Knochigen erfasste erst Rhonda, dann ihn. Der Mann zögerte. Die Frau machte einen Schritt auf ihn zu.

Sloans Stimme ließ die Menschen erstarren.

»Hallo, Harris ich hab auf dich gewartet.«

Mike Harris, seit einem halben Jahr Mitglied der Santaro-Bande, straffte sich.

»Was zum Teufel, willst du?«

»Ich bin Sloan.«

Harris legte die rechte Hand auf die Gürtelschnalle, drehte sich halb und schob einen Fuß vor. Sein Colt verschwand aus Sloans Blickfeld. Außerdem bot er nur mehr die Schmalseite als mögliches Ziel. Sloan rührte sich nicht. Der Bandit starrte ihn an. Seine Augen flackerten.

»Die Pest soll dich befallen, Sloan. In Arizona liegt nichts gegen mich vor.«

»Der Sheriff in Grand Junction in Colorado zahlt fünfhundert Bucks für deinen Skalp, Harris. Dafür lohnt sich der Ritt.«

Mike Harris’ Rechte bewegte sich mit der Schnelligkeit einer zustoßenden Klapperschlange. Gleichzeitig knickte Sloan in den Knien ein, bog den Oberkörper durch und zog.

Harris brachte noch die Waffe aus dem Leder. Da krachte es, und der Bandit stürzte mit einem Aufschrei vor der Kutsche in den Staub.

Der Fahrer verharrte wie versteinert auf dem Bock. Die Menge schwieg. Die hektische Röte wich von den Gesichtern. Sloan klappte die Colttrommel ab und lud die leergefeuerte Kammer neu. Harris bewegte sich, versuchte die Waffe zu heben, doch sie entglitt seinen kraftlosen Fingern. Rhonda sank neben ihm auf die Knie.

»Harris, um Himmels willen, sagen Sie mir, wo ich Billy finde!«

Der Tod zeichnete Harris’ Gesicht und trübte seine Augen. Der dunkle Fleck auf seinem Hemd vergrößerte sich. Die Frau fasste seine Schulter.

»Wo ist Billy, Harris? Reden Sie!«

Harris’ Lippen bewegten sich. Seine Stimme war ein Flüstern.

»Deadman’s Mesa ... Lowells Ranch ... McCarson, Lowells Sohn, Billy und ich... wollten nächsten Coup ... ohne Santaro einfädeln ... Ich hätte Sie ... zu ihm gebracht...«

Der Kopf des Sterbenden fiel zur Seite. Sein Blick brach. Rhondas Schultern krümmten sich. Ringsum blieb alles still. Die Frau erhob sich. Ihre Augen waren glanzlos.

Als sie sich umdrehte stand Sloan groß und düster vor ihr. Der flachkronige Hut mit dem Schlangenhautband beschattete die obere Hälfte seines Gesichts. Er hatte alles gehört.

»Tut mir leid, Ma’am, dass Harris der Mann war, auf den Sie warteten.«

Rhondas Wangen brannten plötzlich.

»Ich bin sicher, Sie hätten auch geschossen, wenn Sie’s vorher gewusst hätten.«

Kein Muskel bewegte sich in Sloans Miene. »Stimmt.«

 

 

10

Mittlerweile ging der Mond auf. Silbernes Licht überflutete die Dächer. Zwei Männer hoben den Toten auf den Karren des Leichenbestatters. Die Menge zerstreute sich. Kein lautes Wort fiel. Zwei Gebäude blieben unbeleuchtet: das Office des Sheriffs, der die Stadt am Tag zuvor auf der Jagd nach einer Viehräuberbande verlassen hatte, und der Palace Saloon.

Eine ledergekleiderte Gestalt löste sich zehn Schritte vor dem Kopfgeldjäger aus der Schwärze unter dem Saloonvordach. Eine Zigarette glühte.

»Sloan, eh?«

Ein Lichtstrahl traf das bartumwucherte Gesicht. Die Winchester in der Armbeuge blinkte. Sloan blieb stehen.

»Ich hatte ’nen anstrengenden Tag, Mister. Du kannst mich morgen zum Frühstück einladen. Für ’nen Drink ist es zu spät.«

»Den Teufel! Ich bin Buckskin Donegan! Harris war mein Mann!«

»Da hättest du ihn dir früher holen sollen, Donegan.«

Der Ledergekleidete stand so breitbeinig da, als gehörte die Straße ihm allein.

»Ich hab meine eigenen Methoden, Sloan. Und ich kann’s auf den Tod nicht ausstehen, wenn mir einer ins Handwerk pfuscht. Hier weiß jeder, dass das Gebiet zwischen Nogales und Tuba City mein Revier ist. Alle richten sich danach.«

Details

Seiten
116
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933673
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504884
Schlagworte
sloans jagd

Autor

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Titel: Sloans Jagd