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Borgmann und der indische Tod

2019 113 Seiten

Leseprobe

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Borgmann und der indische Tod

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Borgmann und der indische Tod

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Ein geflohener russischer U-Boot-Kommandant, der sein Boot an die Inder verkaufen will, wird von den Russen gejagt. Die Inder hingegen versuchen, ihn außer Landes zu bringen. Eine unangenehme Lage für Kriminalrat Borgmann, der statt des Flüchtigen in die Luft gejagt werden soll. Einen solchen Anschlag nimmt er persönlich und sucht nun seinerseits die Unruhestifter.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Peter Borgmann«, flüsterte sie in mein Ohr. Ich hatte ihr meinen Namen gerade erst verraten, und sie wiederholte ihn auf eine atemberaubende Weise. Es klang wie: »Komm. Ich will dich. Jetzt.«

In dem Punkt täuschte ich mich nicht. Schon ihre nächste Aktion lieferte den Beweis.

Ihre geöffneten Lippen streichelten meine Wange. Ihre Zungenspitze setzte kleine, neckende Punkte in das Streicheln.

Luysa war mir verdammt nahe auf diesem edlen weißen Ledersofa in dieser edlen Wohnung.

Warum musste ich die ganze Zeit die Tür ansehen? Dieses Weiß, Glanzlack, etwas größer als normale Wohnungstüren. Auch die Wohnung war größer als normal. Ein Loft. Geräumig wie ein Saal.

Ich war nicht bei der Sache, zugegeben. Trotzdem erzielte Luysas geschicktes Hantieren mächtigen Erfolg. Der da unten führte ein Eigenleben, manchmal, in Situationen wie dieser. Die Gürtelschnalle stand bereits unter Hochdruck.

Luysa schnippte sie auf.

Da explodierte die Tür.

Ein Meer von weißen Lacksplittern raste herein, breitete sich aus. Dunkle Holzfasern folgten. Alles zusammen puffte herein, blies sich zur Wolke auf wie unter Druckluft – wie ein Airbag ohne Hülle, aber mit Spänefüllung.

Dann erst folgte das Krachen der Detonation.

Das Ganze kam mir vor wie eine Zeitlupenaufnahme. Irgendetwas in meinen Gehirnwindungen spielte mir das Geschehen mit Verzögerung vor – so, als sollte ich mich ausführlich daran erfreuen. Ich kannte das. Eine gefährliche Gaukelei, selbst gemacht, von den eigenen grauen Zellen ausgelöst. So was konnte grausam enden. Es musste die Schrecksekunde sein, die das verursachte.

Die Größe der Wohnung war unsere Rettung.

Ich reagierte, noch bevor die Druckwelle uns erreichte.

Blitzschnell zog ich die Beine an und packte Luysa. Von der Sofakante stieß ich mich ab, schnellte hoch und riss die Frau mit mir, schräg nach hinten. Die Rückenlehne gab unter uns nach. Das schwere Möbelstück kippte. Luysa schrie. Im Fallen klammerte sie sich an mich. Ich spürte ihren Körper, die straffen Rundungen, die großen Brüste. Ich hätte mir einen besseren Moment dafür gewünscht.

Wir landeten gemeinsam, noch halb auf der Rückenlehne.

Das Gürtelholster mit der Beretta rutschte zu mir herab. Die Dienstwaffe war das Erste gewesen, was ich im Beisammensein mit Luysa abgelegt hatte. Jetzt folgte mir die Kanone, treu wie ein anhängliches Wesen. Vor meiner Nase blieb sie liegen. Nur Luysas Klammern hinderte mich am Zufassen.

Der Schwall aus Lacksplittern und Holzfasern erreichte uns als schlapper Regen.

Aber dann brach die Hölle los.

Im selben Moment.

Es hämmerte, als sollte die ganze Bude in Stücke geschlagen werden.

Mich durchzuckte die Gewissheit, dass dies alles ein verdammter Irrtum war. Nicht Luysa und ich hätten in der Wohnung sein sollen, sondern die wirkliche Eigentümerin. Sie und ein russischer Kapitän zur See, der in Berlin war, um den Deal seines Lebens zu machen. Ich konnte mir vorstellen, dass einige Leute in Moskau was dagegen hatten.

Denn was der Mann zu verkaufen hatte, war nicht mehr und nicht weniger als ein russisches Atom-U-Boot.

Aber wie sollte ich den schießwütigen Eindringlingen klarmachen, dass ich kein russischer U-Boot-Kommandant war? Sie würden erst fragen, wenn sie mit dem Schießen fertig waren.

Ich stieß Luysa von mir. Es musste sein.

Sie schrie erneut, krümmte sich auf dem Fußboden und barg den Kopf zwischen den Händen. Ich schnappte mir die Beretta.

Zwei Maschinenpistolen waren es, die ihre Feuerstöße hereinhackten.

Kalaschnikows. Ungedämpft. Ohne Rücksicht auf die Feierabendruhe hier in der Sophienstraße, am Rand von Berlin-Mitte.

Dumpf klatschend schlugen die Geschossgarben ins Sofa.

Die Sitzfläche, senkrecht jetzt, war unsere Deckung.

Was sie hielt, musste sie noch zeigen.

Kleine Fransenlöcher erschienen im weißen Leder. Braune Polsterfasern und komische Krümel traten hervor, herausgezupft von den Projektilen.

Federkern war auch nicht mehr das, was es mal gewesen war.

Nur ganz unten, wo uns auch die dick gepolsterte Rückenlehne schützte, blieben die Kugeln stecken.

Ich hatte keine Zeit, mich um Luysa zu kümmern. Jede Sekunde, die ich nicht nutzte, würde uns dem Tod näherbringen. So viel stand fest.

Nach links und rechts war kein Rauskommen. Da sauste der Bleihagel.

Ein paar Geschosse pflügten Furchen in den Holzfußboden, die meisten aber zerlegten Fensterscheiben – weit hinter mir. Das Schmettern der Einschläge und das Klirren der Scherben mischten sich in das harte Stakkato der Schüsse, übertönten sie fast.

Ich zog die Beine an, drehte mich auf der Seite liegend.

Luysa schrie nicht mehr. Zumindest hörte ich sie nicht mehr. Ihre Schultern zuckten. Noch immer hielt sie den Kopf zwischen den Armen. Ich nahm an, dass sie wimmerte oder schluchzte. Bevor ich sie allein ließ, berührte ich ihren Oberarm. Sie lugte unter ihren Armen hervor, mit großen, furchtsamen Augen.

Ich bedeutete ihr, liegen zu bleiben, sich nicht vom Fleck zu rühren.

Leicht gesagt, bei dem Höllenlärm, der um uns herum tobte.

Ich wusste nicht, wie stark Luysas Nerven waren. Deshalb musste ich etwas unternommen haben, bevor das Sofa von Kugeln zerfetzt war.

Ich robbte los. Mein Spielraum war die Breite des Sofas, meine Richtung die der Kugeln, die links und rechts schwirrten. Auf dem glatten, versiegelten Holzfußboden kam ich schnell vorwärts. Klotzige Einrichtungsgegenstände markierten meinen Weg. Sessel, Beistelltische, Pflanzkübel auf Rollen, ein Audio-Video-Rack auf Rollen, zwei Sideboards ohne Rollen. Das eine oder andere Ding hatte bereits Kugeln kassiert; hässliche Schrammen und gestanzte Löcher zeugten davon.

Das Rollen-Rack sah aus wie eine große, massive Naturholztheke, bestückt mit dem kompletten Geräteprogramm von TV bis DVD. Der Unterhaltungskoloss hatte Bodenfreiheit wie ein Geländewagen. Ich schlitterte darunter hindurch, verharrte und riskierte den ersten Blick links an dem klobigen Holz vorbei.

Die Kerle waren nicht zu sehen. Logisch. Aber sie feuerten, als ob Munitionsmangel ein Fremdwort für sie war. Längst mussten sie ihre Doppelmagazine umgesteckt haben. Garantiert schleppten sie einen ganzen Vorrat davon mit sich herum. Und vor den Berliner Schutzmännern hatten sie keinen Respekt. Bevor die durchschnittliche Reaktionszeit auf 110-Notrufe um war, wollten die MP-Schießer ihren Job hier erledigt haben.

Jenseits des umgekippten Sofas gab es eine Reihe von Deckungsmöglichkeiten. Da war ein Kamin mit Sitzbänken aus massiver Eiche davor, und um ein Bärenfell. Dann die Hausbar als Raumteiler. Eine antike Vitrine auf der anderen Seite des Kamins.

Ich ergriff eines der mächtigen Holzbeine und testete die Beweglichkeit des Racks. Die Räder waren mehr als handtellergroß und gummibereift. Schon ein leichter Druck genügte, und der Koloss legte ein paar Millimeter zurück.

Ich zog die Kabel aus den Bodensteckdosen und schickte das Entertainment-Möbel auf die Reise. Linker Hand, neben den Sesseln war genug Platz. Auf dem blitzblanken Fußbodenholz geriet das schwere Rack in mäßigen Schwung. Aber es rollte. Die träge Masse war in Fahrt, und es gab nichts, was sie bremsen würde bevor sie die weit entfernte Wand erreichte, dort, wo die Reste der weißen Tür verstreut lagen.

Meine Rechnung ging auf.

Die Schießer vermuteten mich hinter dem rollenden Monstrum.

Sofort lenkten sie ihren Geschosshagel um.

Die TV-Bildröhre implodierte, und scharf schmetternde Einschläge nieteten Vollmantelblei in die Geräte. Eine Fernbedienung sprang in die Luft, wie vom Entsetzen gepackt.

Ich schnellte nach rechts hinter einen Pflanzkübel.

Besser konnte ich es nicht erwischen. Faserige Fächer einer Zimmerpalme hingen bis auf den Rand des wuchtigen Bottichs. Sichtschutz, wie für den Dschungelkampf gemacht. Und die Richtung stimmte. Der Kübel war knapp rechts von der Seitenlinie des Sofas.

Noch aus der Bewegung heraus kam ich halb hoch.

Beidhändig stieß ich die Beretta durch die Faserblätter.

Die Mündungsblitze der Kalaschnikows zuckten blass rot.

Ich jagte meine Kugeln hinein, wechselte die Visierlinie nach jedem Schuss. Links, rechts, links, rechts. Schon nach vier Schüssen verstummten die Kalaschnikows. Meine Beretta wummerte solo. Nachdem ich acht Patronen verbraucht hatte, nahm ich den Finger vom Abzug.

Stille kehrte ein.

Obwohl der Straßenlärm durch die zerschossenen Fenster lauter als zuvor hereindrang, schien auf einmal totale Stille zu herrschen.

Es war die Stille des Todes.

Ich wusste es.

Trotzdem ging ich auf Nummer sicher.

»Bleib unten!«, zischte ich Luysa zu, während ich mich auf den Weg machte.

Die Beretta im Beidhandanschlag, pirschte ich auf die Gegend zu, an der meine Kugeln die Mündungsfeuer ausgeblasen hatten. Ich hatte immer noch acht Patronen. Das reichte für den Fall, dass es noch einmal hart auf hart gehen sollte.

Doch nichts dergleichen passierte.

Den einen Mann fand ich hinter der Theke der Hausbar. Den anderen hatten die Einschüsse halb in den Kamin geschleudert, aus der Deckung hinter einer der Sitzbänke. Von beiden drohte keine Gefahr mehr. Ich sammelte die Kalaschnikows ein, sicherte sie, und legte sie in einen Sessel.

Luysa riskierte einen Blick, dann setzte sie sich auf, als sie mich mit dem Handy telefonieren sah. Ich rief meine Dienststelle an, das Büro am Potsdamer Platz.

»BKA, Soko II«, meldete sich Alfred Specht mit sonorer Stimme. Die Kürzel, die er da aufsagte, waren die offizielle Bezeichnung unseres Reviers, des Bundesbullen-Reviers.

Es tat mir gut, Alfreds Stimme zu hören. Wir waren mehr als nur Kollegen. Er war eine Vaterfigur für mich, und ich ersetzte ihm, der eine kinderlose Ehe führte, den Sohn.

Ich schilderte ihm im Schnelldurchgang, was passiert war.

»Schick das ganze Programm«, bat ich. Vom Notarztwagen bis zu den Spurensicherern musste alles in Marsch gesetzt werden. Ob ein Toter wirklich tot war, konnte ich letzten Endes nicht entscheiden.

Ich sicherte die Beretta und ließ meinen Blick schweifen. Die weiße Tür, die mir so unheilvoll erschienen war, existierte nicht mehr. Die Kerle mussten die Hohlladung völlig lautlos angebracht haben, und doch hatten sie diese Ahnung in mir ausgelöst.

Aus dem Treppenhaus waren Stimmen zu hören. Was da unten geredet wurde, musste ich nicht erst raten.

Berlin war auf dem besten Weg, eine echte Hauptstadt zu werden. Mit allen Konsequenzen, bis hin zur Schießerei am helllichten Tag. Auch Washington D.C., USA, gehörte letzten Endes zu den amerikanischen Großstädten mit den höchsten Verbrechensraten. Und das als Hauptstadt. Die Hauptstädte aller Länder vereint im Sumpf der Kriminalität. Darauf lief es wohl hinaus.

Und uns hatten sie mitten hinein gesteckt – mich, den Bundesbullen, und meine Kollegen von der Soko II, der neuen BKA-Dienststelle in Spree City.

Ein bisschen Farbe war in Luysas Gesicht zurückgekehrt. Sie konnte sogar schon wieder schmunzeln, als sie auf meine Gürtelschnalle zeigte.

»Besser, du machst den Laden wieder dicht, bevor deine Kollegen hier aufmarschieren.«

 

 

2

Im Hafenbecken klatschte das dunkle Wasser gegen die Kaimauer. In den Schattenzonen hatte das Tageslicht schon nichts mehr zu melden. Die untergehende Sonne verabschiedete sich mit feuerrotem Schein, der den westlichen Himmel bis hoch über Berlin ausfüllte.

Abendrot.

Valerij Taranow dachte an seine Heimat, hilflos und gefesselt, wie er war. Er dachte an das weite Land, das ihn hervorgebracht hatte, und an die Menschen dort, die er liebte. Wenn sie ein Abendrot sahen, wussten sie, dass der darauf folgende neue Tag ihnen schönes Wetter bescheren würde. Sonnenschein, Wärme und gute Gefühle.

Doch Valerij machte sich nichts mehr vor.

Er würde die Menschen in seiner Heimat nie mehr wiedersehen.

Und er würde auch den schönen neuen Tag in Berlin nicht mehr erleben.

Er war schon so gut wie tot.

Denn seine Bezwinger hatten ihm ihre Gesichter gezeigt. Sie hatten nichts getan, um unerkannt zu bleiben, nicht das Geringste. Das sagte alles. Sie konnten ihn nicht am Leben lassen. Unter keinen Umständen konnten sie das. Denn es würde ihren eigenen Tod bedeuten. Sie kannten die Organisation, der Valerij Taranow angehörte – ebenso, wie er die Namen kannte, die zu ihren Gesichtern gehörten.

Er hatte sie auf Fotos gesehen. Zusammen mit Namen und Fakten konnte man so was kaufen, wenn man genug Geld hatte und die richtigen Leute in der Moskauer Unterwelt kannte. Die Organisation, für die Valerij Taranow gearbeitet hatte und für die er nun sterben sollte, hatte genug Geld.

Es würde schwer werden, verdammt schwer.

Er war stolz gewesen, als er von der Organisation aufgenommen worden war, die sie hier im Westen schon immer Mafia genannt hatten. Er hatte seiner Familie viel Geld schicken können, mehr als die Männer, die in normalen Berufen arbeiteten. Das Risiko war ihm von Anfang an bewusst gewesen, und so hatte er sich die ganze Zeit gewünscht, durch eine gnädige Kugel zu sterben, falls es ihn denn eines Tages erwischen würde.

Sein Wunsch würde nicht in Erfüllung gehen.

Grauenvolle Qualen warteten auf ihn.

Diese Männer, die mit der kalten Überheblichkeit der Sieger vor ihm standen, beherrschten ihr Handwerk. Sie wussten, wie man den Tod eines Menschen auch dann noch hinauszögern konnte, wenn sie ihm bereits Wunden zugefügt hatten, die eigentlich tödlich sein mussten.

Sie hatten ihn an die Innenwand der Lagerhalle gestellt und an einer Stahlverstrebung festgezurrt, damit er nicht umkippen konnte. Rechts von ihm war das offene Tor mit dem schmalen Kai und dem Hafenbecken dahinter. Nur ein paar Schuten lagen da, Lastkähne ohne eigenen Antrieb.

Den Knebel hatten sie ihm abgenommen, damit er sprechen konnte, wenn er wollte. Er wollte nicht. Nicht eine Silbe hatte er von sich gegeben, seit sie ihm das pelzige Stoffknäuel aus dem Mund gezogen hatten.

Valerij beobachtete seine Peiniger, und er hatte das Gefühl, Mitwirkender in einem aberwitzigen Traum zu sein.

Gern wäre er ein unbeteiligter Beobachter gewesen – etwas wie eine Maus in ihrem Loch, die sich bei Gefahr im Verzug blitzschnell zurückziehen konnte, in die Tiefe ihres Gangsystems, wo niemand sie erwischte.

Dann – so unbeteiligt und vor jeglicher Gewalt sicher – wäre er in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Denn sie bauten diese Filmszene nach.

Der große Boss ließ sich seinen persönlichen Stuhl bringen. Eher ein Sessel war das. Ein Thron. Damit platzierte er seine furchterregende Präsenz in den letzten Streifen Tageslicht in der Halle, von Halbdunkel und Dunkel umgeben.

Die beiden Handlanger versorgten ihn eilfertig mit dem Notwendigsten, damit er es gemütlich hatte. Ein kleiner Tisch, neben den Thron gestellt, wurde mit Thermoskanne, Kaffeegeschirr und Aschenbecher bestückt. Der Boss griff sich an die Hüfte und legte seine Makarow auf die Tischplatte, zu den Behaglichkeits-Utensilien.

Es war nur eine symbolische Geste.

Die gnädige Kugel ist möglich, sollte sie andeuten, aber nur dann, wenn du den Mund aufmachst.

Diese Möglichkeit schied für Valerij Taranow aus, denn er wollte nicht, dass die Organisation an seinen Familienmitgliedern Rache übte. Er hatte einen Fehler gemacht, als er gestern Abend zu der Hure gegangen war. Da hatten sie ihm aufgelauert. Ein einziges Mal war er allein gewesen, ohne seine Freunde, und schon passierte es. Er hätte es wissen müssen, aber der Alkohol und das Verlangen nach einer Frau raubten einem Mann den Verstand. Da nützten manchmal die besten Vorsätze nichts.

Die Handlanger legten andere Utensilien bereit.

Sie mussten diese Halle gemietet oder gekauft haben, denn sie hatten eine Menge Sachen zur Verfügung. Einen Servierwagen, auf dem sie blitzende Chirurgen-Instrumente heranrollten, und außerdem Aluminiumkoffer verschiedener Größen, in denen sie die gröberen Geräte aufbewahrten. Als sie die Kofferdeckel öffneten, drehte sich Valerij der Magen um.

Da funkelten Messer unterschiedlicher Größe und Form. Zwei Kosakensäbel steckten in ihren Scheiden, und eine Kettensäge beanspruchte einen ganzen Koffer für sich allein.

Die Handlanger bauten sich auf, beiderseits, sodass der Boss ihn im Blickfeld hatte. Genau so, wie es auf der Leinwand abgelaufen war.

Er erinnerte sich nicht mehr an den Titel des Films, wusste aber, dass der in New York gespielt hatte. Sein Traumziel. Er hatte Verwandte dort, in Little Odessa, Brooklyn. Sie hatten ihn eingeladen. Du musst uns besuchen, Valerij, unbedingt. So was wie diese Stadt hast du noch nicht gesehen. So was gibt es auf der Welt kein zweites Mal.

Ihre Worte hatten ihm geschmeichelt. Auf diese Einladung war er stolz gewesen. Sie hatten ihn bei sich haben wollen, die Onkel und Tanten im fernen Amerika, die auf ihr New York ebenfalls stolz waren und es ihm zeigen wollten, wie etwas, das sie selbst mit erschaffen hatten.

Nun aber würden sie um ihn trauern müssen.

»Hast du es dir überlegt?«, fragte der Boss in seinem arroganten Moskauer Akzent. Sein Name war Leonid Rudow. Oberst Leonid Rudow. Damals, als die Sowjetunion noch existierte, war er Agent des KGB gewesen. Heute gehörte er der KGB-Nachfolge-Organisation an, dem Staats-Sicherheits-Dienst, kurz FSB.

Valerij Taranow antwortete nicht.

Rudows Blick nahm einen verächtlichen, zugleich mitleidigen Ausdruck an. Er war groß und breitschultrig, ein südländischer Typ. Das schwarze Haar und die dunklen Augen hatte er von seiner Mutter geerbt, einer Georgierin. Sein Vater war dort unten stationiert gewesen, als junger Offizier! Die Karriere hatte ihn zurück nach Moskau geführt; in Regierungsdienste.

Leonid war zu jener Zeit ein kleiner Junge gewesen. Doch die Beziehungen des Vaters hatten den Grundstein auch für seine Karriere gelegt.

Rudow trug einen eleganten hellgrauen Straßenanzug, dazu ein fein gemustertes helles Hemd und eine blaue Krawatte. Die schwarzen Schuhe waren Maßanfertigungen, handgearbeitet, wie man sie heutzutage in Berlin bekommen konnte.

Die Mafia wusste alles über diesen Mann, der zu ihren erbittertsten Feinden gehörte.

Fast konnte man meinen, sich in einer Art familiärer, privater Vertrautheit mit ihm zu befinden. Aber kein Eindruck konnte trügerischer sein als dieser. In dem Punkt machte Valerij Taranow sich nichts vor.

»Du hältst dich also für tapfer«, stellte der FSB-Oberst fest. »Du willst nicht reden.«

Valerij erwiderte auch darauf nichts.

Er sah die Handlanger grinsen. In ihren Gesichtern stand Vorfreude. Obwohl sie einfältig aussahen, waren auch sie Offiziere des FSB.

Leutnant Wladimir Olin. Ein schlanker Mann mit langem blondem Haar, das er im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

Und Leutnant Sergej Bronski. Ein untersetzter schwarzhaariger Mann mit Vollbart. Ein echtes Muskelpaket, für die gröberen Sachen zuständig.

Olin dagegen hatte Chirurgenhände.

Valerij Taranow wusste nicht, vor wem er sich mehr fürchten sollte. Tapfer war er jedenfalls nicht. Im Gegenteil, er hatte gottserbärmliche Angst. Aber das würde er weder Rudow noch seinen Schweinehunden auf die Nase binden. Sie würden sich noch früh genug über ihn lustig machen, wenn die Schmerzen seine Schließmuskeln versagen lassen würden.

»Wenn er nicht redet«, sagte Bronski höhnisch, »vielleicht singt er dann.«

»Spätestens wenn wir ihm die Eier rausnehmen«, fügte Olin hinzu. »Dann kreischt er seine Arie – für Sopran und ohne Orchester.«

Rudow machte eine unwillige Handbewegung. »Los jetzt. Keine Ankündigungen. Taten.«

Olin und Bronski ließen sich nicht zweimal ermahnen.

Als Erstes stopften sie Taranow das Stoffknäuel wieder in den Mund. Sie sicherten den Knebel mit einem Tuch, das sie ihm zwischen die Zähne zogen, es straff spannten und im Nacken zusammenknoteten.

Leutnant Bronski ließ seinem Offizierskollegen den Vortritt.

Es überraschte Valerij Taranow nicht, dass Leutnant Olin mit einem Skalpell auf ihn zutrat. Er hob es in Augenhöhe, und die kleine, rasiermesserscharfe Klinge funkelte glutrot im Widerschein der untergehenden Sonne.

Der erste Schmerz war nicht mehr als ein feines Ziehen.

Doch Valerij gab sich keinen Illusionen hin. Er wusste, dass es immer schlimmer werden würde, von Minute zu Minute, vielleicht sogar in Intervallen von Sekunden.

Er täuschte sich nicht.

Seine Schreie vergurgelten im Knebel.

Seine reflexartigen Versuche, den Folterinstrumenten zu entkommen, endeten im Ansatz, blieben in den erbarmungslosen Fesseln hängen.

Die Schmerzen schwollen an, pochten und hämmern, schrillten und brüllten tobend durch seinen Körper.

Schon nach den ersten Grausamkeiten war er sicher, es nicht auszuhalten und das Bewusstsein zu verlieren. Doch das geschah nicht. Die Folterer gewährten ihm die Gnade der Bewusstlosigkeit nicht. Obwohl die Schmerzen absolut unerträglich wurden, driftete er nicht ab. Er sehnte die Erlösung herbei – den Tod oder wenigstens eine Ohnmacht.

Doch sie gönnten ihm nichts dergleichen.

Als er nur noch ein blutendes, von grauenvollen Schmerzen geschütteltes Bündel war, ließ Oberst Rudow ihm noch einmal den Knebel abnehmen.

Es war noch genug Leben in Valerij Taranow, und so schaffte er es, augenblicklich die Lippen zusammenzupressen.

»Du kennst die Frage«, sagte Oberst Rudow kalt. »Ein Marineoffizier aus Murmansk ist in Urlaub gefahren und an seinem Heimatort nicht angekommen. Wir wissen, dass er nach Berlin gereist ist. Und du weißt, wo er steckt. Sag es mir, dann befreie ich dich von deinen Schmerzen.«

Valerij Taranow schwieg.

Abermals schnürten sie ihm den Knebel in den Mund.

Seine Zeit ging nun zu Ende.

Die Gewissheit erhielt er, als Bronski und Olin den Sarg holten.

Sie förderten ihn aus dem dunklen Teil der Halle zutage. Es war ein schlichter Sarg aus massivem Holz. Er ruhte auf einem Rollgestell, dessen Gummiräder auf dem Betonboden der Halle keinerlei Geräusche verursachten.

Die beiden Leutnants wuchteten den Sarg zu Boden und öffneten ihn. Der untere Teil war mit weißer, schimmernder Seide ausgepolstert.

Bronski und Olin banden ihr blutendes Opfer von der Stahlverstrebung los. Valerij Taranow hatte keine Kraft mehr. Er konnte sich nicht wehren, als sie ihn in den Sarg legten. Er konnte sich nicht einmal aufbäumen, als sie den Sargdeckel über ihm schlossen und zuschraubten.

Dann, wie aus weiter Ferne, hörte er es.

Das Geräusch der Kettensäge.

 

 

3

Entweder war Luysa härter im Nehmen, als ich gedacht hatte, oder sie stand unter Schock. Oder beides. Die Entscheidung würde ich dem Notarzt überlassen, sobald er da war. Ich begutachtete noch einmal ihre Gesichtsfarbe und stufte sie als gesund ein. Nachdem ich meine Gürtelschnalle geschlossen hatte, wurde aus Luysas Schmunzeln ein verschmitztes Lächeln.

Sie war in den paar Minuten noch hübscher geworden. So kam es mir vor. Das blonde Haar trug sie ultrakurz, fast männlich. Aber sonst gab es nichts an ihr, was männlich gewirkt hätte. All das Runde, Weibliche wurde von einem Minirock und einem engen T-Shirt wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Chantal Chartre, die Eigentümerin des Lofts, hatte mir Informationen versprochen – über diesen russischen Kapitän zur See, der in Berlin aufgekreuzt sein sollte, um ein Atom-U-Boot zu verkaufen. Einschließlich Besatzung. Für ausländische Dienste. Hauptsache, es brachte das Geld, das die Jungs in ihrem Heimathafen nicht verdienten.

Offenbar zweifelte der U-Boot-Kommandant aus Murmansk nicht daran, in Berlin einen Interessenten für seine ausgefallene Handelsware zu finden. Konnte ja sein, dass er einen

potentiellen Käufer auch schon an der Hand hatte.

Chantal Chartre war eine Edelhure. Französin. Sie hatte Berlin zu ihrer zweiten Heimat gemacht, die neue Mitte der alten Hauptstadt und die neue Mitte Europas. Gelegentlich arbeitete Chantal für uns vom BKA als Informantin.

Doch ich hatte weder sie noch den russischen Marine-Kapitän in ihrem Loft angetroffen.

Stattdessen hatte mich eine verführerische Blondine empfangen, die so getan hatte, als wäre sie eine Berufskollegin von Chantal.

Luysa Engberting Reifenstein.

So hieß sie wirklich. Unter diesem anspruchsvollen Namen arbeitete sie als freiberufliche Journalistin für die intellektuellen Zeitungen und Illustrierten des Landes. Nachdem ich ihr auf den Kopf zugesagt hatte, dass sie keine Nutte war, hatte sie alles gestanden.

Luysa hatte für einen Bericht über die Prostituierten-Initiative JAGURA recherchiert und dabei Chantal kennengelernt. Das exotisch klingende Kürzel stand für »Junge Amazonen gegen Unterdrückung, Rechtlosigkeit und Ausbeutung«. Luysa hatte beschlossen, ihren lange gehegten Plan zu verwirklichen. Ein Buch mit dem Titel »Heute eine Hure«, Untertitel: »Wie sie wirklich leben.« Dafür sammelte sie jetzt praktische Erfahrungen, mit Rat und Tat von Chantal unterstützt.

Dazu gehörte auch, dass Luysa die riesige Wohnung benutzte und so tat, als würde sie die Eigentümerin vertreten.

Ich hatte sofort den Polen angerufen – Paul Karaschewski, meinen Kollegen und besten Freund. Als Erstes hatte er festgestellt, dass Chantals Wagen nicht auf dem Parkplatz hinter dem Haus stand. Das war der Stand der Dinge, soweit ich ihn kannte.

Der Pole hatte sich auf die Suche begeben, zusammen mit Hermann Stahlmann und den anderen. Eine Suche, die erfolgreich sein würde, denn Chantals Wagen war mit einem starken Peilsender ausgerüstet, seit sie für uns arbeitete. Das LKA unterstützte uns mit allen technischen Mitteln, auch beim Aufspüren des Senders.

Luysa und ich waren uns trotz allem näher gekommen. Wenn ich schon auf den Anruf des Polen warten musste, weshalb dann nicht mit ihr zusammen?

Ich hatte nicht ahnen können, dass die Verfolger dem U-Boot-Mann bereits so dicht auf den Fersen saßen. Eine andere Erklärung für den Feuerüberfall gab es nicht. Wir hatten Chantals Information noch nicht einmal richtig geglaubt, weil sie einfach zu unwahrscheinlich klang.

Zumindest ich wusste jetzt, dass die Sache heiß war.

Zu heiß zum Anfassen.

Sirenengeheul, das eben noch aus der Ferne zu hören gewesen war, kam näher.

Ich war froh, dass ich Luysa hatte beschützen können. Genau genommen hatte ich ihr das Leben gerettet.

In ihren Augen las ich Dankbarkeit. Aber ich sagte ihr mit meinem Blick, dass sie es nicht auszusprechen brauchte. Ich hatte getan, was ich tun musste.

Ich wollte ihr auf die Beine helfen.

Da sah ich die Kunststoffkrümel.

Dunkelbraune Splitter waren es, auf dem weißen Leder der Rückenlehne verstreut, zusammen mit dem faserigen Kram, den die Kugeln sonst noch herausgezupft hatten.

Ich kniete mich neben Luysa, nahm einen der Splitter und betrachtete ihn.

»Gehört so was heutzutage zum Federkern?«, fragte ich.

Luysa machte im Sitzen kehrt und sammelte ein paar von den Splittern auf. Es gab genug davon.

»Mit so was polstert kein Mensch«, stellte sie fest. »Das würde ja alles kaputt machen. Das Leder, meine ich.«

Sie musste es wissen, denn als Journalistin hatte sie bestimmt eine hervorragende Allgemeinbildung.

Sie half mir suchen.

Auf der anderen Seite des Sofas sahen wir, dass die Unterseite der Sitzfläche aus weißem, leinenartigem Stoff bestand. Die Einschusslöcher waren klein. Wir rissen sie trotzdem auf. Die Polsterung war nicht nennenswert beschädigt. Die Kugeln waren ziemlich glatt hindurch gegangen und hatten lediglich ein paar Fasern mitgenommen, wie ich bereits festgestellt hatte.

Unten vor dem Haus heulte sich die erste Sirene aus und verstummte. Ein Blick zu den zerschossenen Fenstern zeigte mir, dass Blaulicht über die Fassaden auf der anderen Straßenseite huschte. Zusätzliche Stimmen erschollen im Treppenhaus. Energische Polizistenstimmen. Und weitere Sirenen eilten herbei.

In der Mitte des Sofas fand ich das Geheimfach.

Eine flache Schatulle aus dem schon bekannten dunkelbraunen Kunststoff. Unter der Sitzpolsterung, die nur mit Druckknöpfen befestigt war, gab es eine Aussparung im Federkern, verborgen unter dunklem Filz, der sich hochklappen ließ.

Ich nahm den halb zerstörten Kunststoffbehälter heraus. Er enthielt Disketten, nichts als Disketten. Die meisten waren heil geblieben.

»Geheimnisse!«, staunte Luysa. Sie sah mich von der Seite an. »Ist das nicht verrückt, Peter? Objekte des Computer-Zeitalters in einem mittelalterlichen Versteck! Wer weiß, vielleicht finden wir hier noch eine Tapetentür mit Geheimgängen dahinter.«

Ich richtete mich auf. Den halb kaputten Behälter hielt ich wie eine Schatzkiste. Auch Luysa machte den Rücken gerade. In ihren Augen sah ich ein Glimmen. Kindliche Entdeckerfreude? Abenteuerlust? Alles gekoppelt mit der Erleichterung, noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein?

»Zeig mir lieber Chantals Computer«, sagte ich.

Stimmen und Schritte im Treppenhaus schwollen an, kamen höher.

Draußen versammelten sich die Sirenen zum Chor.

Ihr Gesang klang hohl zwischen den Häusern, unheilvoll und total verstimmt.

Luysa lachte leise. »Was erwartest du? Chantals Kundenkartei mit ein paar prominenten Namen drin?«

Ich schüttelte den Kopf. »Je weniger man erwartet, desto größer die Überraschung.«

Luysa machte ein beeindrucktes Gesicht. »Und was erwartest du von mir? Viel oder wenig?«

»Weder noch«, entgegnete ich. »Von dir erwarte ich, dass du die Anweisungen des Notarztes befolgst.«

»Von Männern lasse ich mir gar nichts befehlen«, behauptete sie.

»In diesem Fall wirst du¹s müssen. Ich will nicht die Verantwortung dafür tragen, dass du nach einem Schock zusammenklappst.«

»Peter Borgmann!«, sagte sie, doch diesmal klang es empört wie: Du spinnst!, oder Da kennst du mich aber schlecht.

Mein Name schien ihr zu gefallen. Ich durfte gespannt sein, auf wie viel verschiedene Arten sie ihn noch aussprechen würde.

Die Splitter der aufgesprengten Tür knirschten und knackten, als die ersten Kollegen von der Schutzpolizei das Loft betraten. Sie hatten ihre Dienstwaffen gezogen und schwärmten vorsichtshalber aus. Erst als ich meinen BKA-Ausweis gezeigt hatte, entspannten sie sich.

Unter den Uniformierten war auch eine junge Polizei-Kommissarin. Eine blonde Mähne quoll unter ihrer Dienstmütze hervor und wellte sich bis auf die Schultern. Sie sah Luysa an, dann mich, dann wieder Luysa und wieder mich.

Was sich hinter der Stirn der Beamtin abspielte, war vermutlich weibliche Intuition. Ich nahm an, dass sie Luysa und mir an den Nasenspitzen ansah, was wir gern miteinander getrieben hätten.

Ob die in der Wohnung anwesenden Personen den Geschlechtsverkehr miteinander vollzogen hatten, ließ sich nicht feststellen.

So würde es später im Protokoll stehen. Weil sie es gelernt hatten, sich so und nicht anders auszudrücken wie die meisten Polizeibeamten dieser Welt. Die hübsche blonde Kommissarin machte da vermutlich keine Ausnahme.

Vollzug oder Nichtvollzug, das war hier die Frage.

Auch für mich.

 

 

4

»Nett, dass du mich nicht verraten hast«, sagte Luysa, als wir uns in Chantals Computerbude zurückgezogen hatten.

Von nebenan, aus der Weite des Lofts, drangen Stimmen herüber, Schritte in geschäftigem Hin und Her, und das Klappern von Gerätschaften. Unten in der Straße hatten sie die Sirenen abgestellt. Nur das Blaulicht kreiste noch.

»Verraten?«, wiederholte ich verdutzt. »Was hast du denn zu verbergen?«

»Ich?«, zwinkerte sie. »Überhaupt nichts! Aber du – du wolltest mich doch beim Notarzt denunzieren.«

Ich fasste es nicht.

»Willst du die Heldin spielen?«, knurrte ich. »Wohl zu viel Jerry Cotton gelesen, was?«

Luysa lachte, während sie sich einen Stuhl heranzog, um mir und dem Bildschirm nahe zu sein.

»Zu lange in Krisengebieten gewesen«, stellte sie richtig. »Frauen als Geiseln männlicher Gewalt. Das war mein Thema. In Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien, im Kosovo und auf Jolo. Da sind mir schon mal die Kugeln um die Ohren geflogen.«

Ich schob die erste Diskette ins Laufwerk und sah die Journalistin überrascht an.

»Wow!«, bewunderte ich sie.

Sie nickte ernsthaft. »Und wenn du so willst, ist es noch immer mein Thema, auch jetzt, bei dieser Huren-Kiste.«

»Einschließlich Kugelflug«, sagte ich und zog die Mundwinkel nach unten.

Sie hängte sich an meine Schulter. Ich sah ihren klein mädchenhaft schwärmerischen Gesichtsausdruck, ganz nahe, in meinem rechten Augenwinkel.

»Es bleibt doch dabei?«, wisperte sie. »Du hältst mir den Notarzt vom Hals, okay? Irgendwie hab ich das Gefühl, unbedingt bei dir bleiben zu müssen. Weil du mir nicht mehr lange erhalten bleiben wirst.«

Ich lächelte väterlich. »Ich würde dich ins Krankenhaus begleiten. Im Krankenzimmer übernachten.«

»Versprich nichts, was du nicht halten kannst.«

»Einverstanden. Und du?«

Sie gurrte in mein Ohr. »Habe ich dir nicht schon genug versprochen? Bin ich nicht das Fleisch gewordene Versprechen?«

Ich musste an Alfred Specht und seine Turtelflieger denken. Mit dem Liebesleben im Taubenschlag kannte sich mein guter alter Kumpel und Kollege aus. Ich hatte da manche Stunde mit ihm zusammen gesessen und philosophische Parallelen gezogen. Zwischen den gefiederten Sexbesessenen und unserer Spezies gab es eine Menge Gemeinsamkeiten.

Zumindest, was das Balzverhalten betraf.

»Du willst mich ablenken«, sagte ich.

Luysa war nicht überrascht. »Und wird es mir gelingen?«

Ich verdrehte die Augen und tat genervt. »Lass mich wenigstens erst die Disketten ansehen.«

»Die laufen doch nicht weg«, lockte Luysa. »Ich würde dir gern den Rest der Wohnung zeigen. Chantal hat es echt neckisch hier.«

Luysa begann mit einer Art Massage meiner Nacken und Schulterpartie. Genau genommen war es aber eher ein Kraulen, wie man es von den englischen Ladys in den alten Filmen kannte, wenn sie ihre Schoßhündchen liebkosten.

Okay, ich hatte nichts dagegen, Luysas Schoßhund zu sein. Aber wenigstens eine einzige Diskette wollte ich checken. Als Alibi. Damit ich mir einreden konnte, ich hätte wenigstens etwas getan, während meine Kollegen draußen ihre Arbeit taten.

Ich schaffte es, das Paint-Programm aus der Microsoft-Zubehörkiste zu locken und das Diskettenverzeichnis auf den Bildschirm zu holen. Die Dateinamen sahen seltsam aus.

ChaNam1

ChaNam2

ChaNam3

Und so ging es weiter bis zu Nummer 20.

»Was könnte das bedeuten?«, fragte ich. »Cha könnte für Chantal stehen. Aber Nam?«

Luysa seufzte enttäuscht. Dass ich mich mit etwas anderem befasste als mit ihr, wollte ihr nicht in den Kopf. Ihre rechte Hand wanderte nach vorn, auf meine Brust und dann ohne Umschweife abwärts.

Ich raffte den Rest meiner Konzentration zusammen und klickte mit der Maus herum, bis sich die erste Datei öffnen ließ.

Ein Foto flammte auf den Schirm.

Die Farben leuchteten brillant, und die Einstellung war messerscharf.

Ich stieß einen Pfiff aus.

Luysa erreichte meine Gürtelschnalle und wollte da weitermachen, wo sie vorhin aufgehört hatte. Als sie das Bild sah, hielt sie erbost inne.

»Pornografie!«, schnaubte sie. »Als ob wir so was brauchen!«

Ich ging nicht darauf ein.

»Das ist Chantal«, sagte ich und tippte auf die eine der beiden nackten Frauen.

Obwohl sie nur von hinten zu sehen war, erkannte ich sie an der Haarfarbe, einem Blond, das in ein mattes Rostrot überging. Leicht dauergewellt, endete Chantals Haar knapp über der Schulter.

»Hast du was mit ihr gehabt?«, fragte Luysa giftig.

»Nein«, erwiderte ich. »In meinem Job könnte man mir das als Bestechung auslegen. Immerhin ist die Dame eine Professionelle.«

Luysa murmelte etwas, das besänftigt klang.

Das Digitalfoto zeigte Chantal, wie sie auf dem Bärenfell kniete, vor dem Kamin, das Gesicht zwischen den gespreizten Schenkeln der anderen Frau vergraben.

Eine dunkelhäutige Frau mit jettschwarzem, straff zurückgebundenem Haar. Ihr Mund war geöffnet, die Augen geschlossen. Ihr Gesicht spiegelte höchste Lust, alle Wonnen dieser Welt.

»Ist das nun echt oder gespielt?«, fragte ich.

»Echt«, antwortete Luysa fachmännisch. »Die ist kurz vor dem Kommen.«

Sie hatte meine Erektion erreicht und begann, das Ergebnis ihres Bemühens abzutasten und freizulegen.

»O mein Gott!«, hauchte sie. »Peter der Große!«

Ihre Augen leuchteten entzückt zu mir herauf.

»Kennst du die andere?«, fragte ich und ächzte.

»Nein«, antwortete Luysa geistesabwesend. Sie war nun vollständig auf den Großen konzentriert, konnte sich gerade noch zu einem mäßig interessierten »Sieht südländisch aus«, bequemen. Womit die fremde Frau auf dem Foto gemeint war.

Luysas Lippen hauchten über meine Wangen, dann abwärts, meine Halsbeuge hinunter. Und weiter.

»Eine Inderin«, stellte ich fest. »Oder eine Pakistanerin. Könnte auch eine Ceylonesin sein – vielleicht eine Bangladeschi …«

Selbst wenn sie gewollt hätte, Luysa hätte nicht mehr antworten können. Ihre Lippen umschlossen mein Glied, legten sanft schiebend die schwellende Spitze frei. Dann spürte ich Luysas Zungenspitze von Neuem – diesmal, wie sie einen rasanten kleinen Trommelwirbel auf meiner Eichel hinlegte.

Ich schaffte es noch, ein zweites Bild zu öffnen. Es zeigte Chantal mit derselben Frau, wieder vor dem Kamin, in einer ähnlichen Position. Wenn alle ChaNam-Dateien digitalisierte Fotos von unserer Informantin mit der Inderin enthielten, war das ganz sicher nicht besonders aufregend.

Viel aufregender war die Heimlichtuerei. Weshalb hatte Chantal die Disketten so sorgfältig versteckt? Und was für Dateien befanden sich auf den anderen Disketten?

Ich kam nicht weiter, konnte mich weder mit der einen noch mit dem Rest der Disketten beschäftigen. Denn meine Konzentration ließ rapide nach.

Das lag weniger an der Tatsache, dass es nur dünne Holzwände waren, die Chantals Computerbude vom Rest des Lofts abteilten. Man konnte jeden Laut hören, jedes Wort, das die Kollegen da draußen sprachen. Von Russen war die Rede, und damit waren die Toten gemeint, wie ich feststellte. Russen also, die dem U-Boot-Kommandanten aus Murmansk den Superdeal vermasseln wollten.

Ich hörte auch die Stimme der hübschen blonden Kommissarin. Sie diktierte etwas wie »… wurden nach Eintreffen am Tatort zwei männliche Personen mutmaßlich russischer Herkunft angetroffen. An beiden genannten Personen stellte der Notarzt den bereits eingetretenen Tod fest: Eine genaue Identifizierung der toten Personen konnte nicht vorgenommen werden, da sie keine Ausweispapiere bei sich trugen. Es muss daher beantragt werden, über die Datenbanken von Interpol …«

Vollzug!, hätte ich am liebsten gerufen. Hier findet der Vollzug eines Tatbestands statt! Zwischenmenschliche Handlung sexueller Art. Nennt man das nicht so in der Beamtensprache?

Aber nicht mal das kriegte ich heraus.

Denn der Hauptgrund für das Schwinden meiner Konzentration lag in Luysas Treiben.

Ihre Lippen hielten meinen Ständer fest und kraftvoll umschlossen, und sie benutzte ihn wie eine Hundeleine, indem sie mich von meinem Platz wegzog.

Erst jetzt bemerkte ich, dass sie mich unterhalb der Gürtellinie bereits von sämtlichen Klamotten befreit hatte. Und so zog sie mich quer durch den Raum, gebückt ruckend, rückwärts gehend, auf eine Wendeltreppe zu.

»Hier kann doch jeden Moment einer reinkommen«, keuchte ich, als Luysa mich da hatte, wo sie mich haben wollte.

»Aber das macht die Sache doch erst richtig interessant«, flüsterte sie und setzte sich auf die fünfte Treppenstufe.

Sie spreizte die Beine. Der kurze Rock hinderte sie nicht nennenswert daran. Und erst jetzt sah ich, dass sie darunter nichts anhatte.

Wieder ergriff sie meine steife Pracht und zog.

Es war das letzte Mal, dass sie ziehen musste.

Mühelos und zielsicher glitt ich in sie hinein.

Details

Seiten
113
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933659
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504875
Schlagworte
borgmann

Autor

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Titel: Borgmann und der indische Tod