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Im Auftrag der Familie

2019 178 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Im Auftrag der Familie

Copyright

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Im Auftrag der Familie

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 178 Taschenbuchseiten.

 

Vier Unterbosse des Torrini-Mobs geben sich die Ehre, sich zur selben Zeit am selben Ort aufzuhalten. Und das ist die Gelegenheit für die FBI-Agenten, diese endlich hinter Gittern zu bringen. Weil sich die Gangster nicht kampflos ergeben wollen, überlebt keiner von ihnen diesen Einsatz. Carlo Torrini, das Oberhaupt der gleichnamigen Mob-Familie, sinnt nun auf Rache. In seinen Augen ist FBI-Agent Jesse Tevellian für den Verlust seiner Unterbosse verantwortlich. Er will, dass Trevellian stirbt. Und somit erhält Rafe O‘Driscoll, sein neuer Stellvertreter, seinen ersten Auftrag ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Der Kofferraumdeckel schwang auf und entließ einen beißenden Geruch in die Frische des Morgens Waffenöl, auf brüniertem Stahl aufgetragen und gleichmäßig verteilt, ist meterweit zu riechen. Vor allem dann, wenn es sich nicht um eine einzige Waffe, sondern um ein ganzes Arsenal handelt.

Milo und ich hatten unseren Wagen vollgepackt, wie die Kollegen auch. Es war sieben Uhr morgens. Unsere vier neutralen Dienstlimousinen waren um sechs Uhr achtundfünfzig auf den asphaltierten Parkplatz gerauscht. Ohne Getöse, ohne Aufsehen zu erregen. Kein Reifenwimmern, kein Sirenengeheul, kein Magnetrotlicht auf den Wagendächern.

Fette Möwen kreisten kreischend über uns und beäugten uns misstrauisch. Mit dem Ölgeruch aus den Kofferräumen konnten sie nichts anfangen. Wenn in dieser Gegend Autos geöffnet wurden, roch es normalerweise nach Hamburgern, Cheeseburgern, Hot Dogs, Marsh Mallows und all diesem Junk-Zeug. Doch wir sahen auch nicht aus wie die Leute, die normalerweise hier ausstiegen. Wir waren keine übergewichtigen Kids, die pausenlos süßlich duftendes Zeug in sich hineinstopften. Wir waren auch keine übergewichtigen Eltern mit qualmenden Zigaretten und klebrigen Limonadedosen. Wir trugen schwarze Kampfanzüge und Springerstiefel, und auf unseren Rücken prangten drei große weiße Buchstaben: FBI

Niemand außer den Möwen hatte uns bis jetzt bemerkt, und die schwebenden Scharfaugen störten sich wohl weniger an den Buchstaben als an unserem grimmigen Aussehen und dem kalorienarmen Geruch unserer Mitbringsel. Die ersten Möwen drehten ab, als ich meine Maschinenpistole aus dem Kofferraum hob. Erfahrungswerte, vermutlich. Bestimmt hatten sie ballernde Jäger gesehen - und Artgenossen, die sich in einen Federschwall auflösten, zu Boden segelten und nie wieder abhoben. Mit kräftigen Schwingenschlägen eilten die von Dauerhunger geplagten Vögel hinaus auf den Hudson River. Trotz der frühen Stunde dümpelten schon die ersten Kajütboote im Fahrwasser. Aber auch dort würde es nichts Fressbares geben.

Die Kollegen von der Hafenpolizei trugen zwar Zivil und sahen aus wie Freizeit-Skipper, und auch ihren Jachten sah man nicht an, dass sie dem berühmten NYPD anhörten, dem New York Police Department. Damit hörte die Harmlosigkeit dann aber auch schon auf. Unter den Hartholz-Decksplanken und hinter den Kajütfenstern lagerten noch größere Arsenale als bei uns unter den Kofferraumhauben. Neben den Faust- und Handfeuerwaffen verfügten die Kollegen zu Wasser auch über leichte Maschinengewehre auf Dreibeinen und über Granatwerfer und Mörser. Sie waren damit in der Lage, das Zielobjekt einzunebeln oder in Stücke zu sprengen. Dazwischen gab es noch eine ganze Bandbreite anderer Möglichkeiten, mit diesen Waffen böse Buben einzuschüchtern, wie zum Beispiel gezielten Blendgranatenbeschuss oder gezieltes Türenaufsprengen.

Wenn wir wollten, konnten wir da unten im Jachthafen einen Krieg anfangen. Tatsache war, dass wir den Krieg nicht wollten. Wir wollten nur die Leute in dem Hausboot. Wenn sie freiwillig rauskamen, würde kein einziger Schuss fallen. Das erschien mir jedoch recht unwahrscheinlich.

Im Einsatzplan für diesen nasskalten Aprilmorgen hieß es denn auch: Angemessene Dienstwaffen sind mitzuführen, da die vorgesehenen Festnahmen vermutlich nur mit Schusswaffengebrauch zu erreichen sind. Mit bewaffnetem Widerstand der Festzunehmenden muss gerechnet werden.

Schöne, weltfremde Amtssprache! Die Schreibtischtäter in den Behörden sind Meister im Schubladengebrauch. Auch beim FBI haben wir diese Typen, die für uns den schriftlichen Kram erledigen. Es gibt nichts, was sie nicht in sprachliche Schubladen stopfen. Dadurch entrinnen sie dem Schrecken des Unvorhersehbaren. Es könnte sie ja auch in ihrem Büroschlaf stören. Alles wird kategorisiert und durch Standardformulierungen genormt. Gangster schießen nicht wild um sich. Sie feuern nicht auf alles, was sich bewegt. Sie empfangen unsereinen nicht mit einem wüsten Kugelhagel. Und unberechenbar sind sie schon gar nicht. Nein, sie leisten bewaffneten Widerstand. So nennt es der korrekt wiehernde Amtsschimmel. Und dadurch klang es so harmlos, als hätten wir uns auf einem Morgenspaziergang in einem der netteren Teile Manhattans befunden.

Wir achteten darauf, nicht allzu viel mit den Stahlteilen herumzuklappern. Zwar befand sich der Parkplatz in einer ausgedehnten Grünanlage nördlich der George Washington Bridge, und wir mussten nicht mit Neugierigen rechnen. Aber es war still, der Autoverkehr auf der gewaltigen Brücke nur ein fernes Summen und die Entfernung zum Jachthafen nicht mehr als hundert Meter Luftlinie. Weil uns ein Hang vom Flussufer trennte, betrug die wirkliche Entfernung schätzungsweise hundertfünfzig Meter. Das änderte nichts daran, dass die Akustik in Wassernähe eine andere war als in den Straßenschluchten von Downtown. Der Schall wurde weiter getragen, als es einem lieb sein konnte.

Wir mussten also auf der Hut sein, wenn wir den Überraschungseffekt nutzen wollten.

Außer Milo und mir gehörten zu unserem Einsatzkommando Clive Caravaggio und Orry Medina, Jay Kronburg und Leslie Morell, Pete Summer und Fred LaRocca.

Milo und ich benutzten einen schwarzen Buick Park Avenue. Der schwere Wagen, der starke Ähnlichkeit mit einer Jaguar-Limousine hatte, stammte aus dem Stall der FBI-Fahrbereitschaft.

Mein Sportwagen war zu Hause geblieben, wie meistens jetzt. Für Einsätze war er mittlerweile einfach zu wertvoll. Auf Privatfahrten dagegen, an Wochenenden, ließ sich die jeweilige Lady meines Herzens dann vom Charme des edelsten aller britischen Sportwagen erwärmen.

Von meinem Charme ganz zu schweigen!

Clive und Orry fuhren einen dunkelblauen Chevrolet Caprice, Jay und Leslie einen grauen Ford Taunus und Pete und Fred einen Pontiac Bonneville. In einem Lederfutteral geschützt, steckten die Haftbefehle in der Innentasche meiner Kampfanzugsjacke. Vier Haftbefehle.

Vier Unterbosse des Torrini-Mobs gaben sich die Ehre, sich zur selben Zeit am selben Ort aufzuhalten:

Angelo Brancato

Rico Castanza

Freddy Mingione

Nando Polzoni

Gestern Abend hatten sie ein rauschendes Fest gefeiert, hier auf dem Hausboot. Für unsere Abhör- und Observierungs-Spezialisten war es ein gefundenes Fressen gewesen. So viel Mob-Prominenz fand man selten auf einem Haufen. Der Zeitpunkt zum Zuschlägen war also gekommen.

Schon seit einer Woche hatten wir genügend Bandaufnahmen, Fotos und Insider-Aussagen, um Torrinis Unterführer festnehmen zu können. Der District Attorney und der zuständige Untersuchungsrichter waren auf unserer Seite. Es war eine Kleinigkeit gewesen, die Haftbefehle zu kriegen. Außerdem hatte ich einen Durchsuchungsbefehl dabei, ausgestellt auf die schwimmende Wohnanlage mit Namen »Bella Donna«.

Der dreigeschossige Kasten gehörte Carlo Torrini, dem Oberhaupt der gleichnamigen Mob-Familie. Dass der eingetragene Eigner der »Bella Donna« ein Typ namens Rafe O‘Driscoll war, spielte keine Rolle. O‘Driscoll war ein Strohmann, ein Handlanger und Fußabtreter für die Großen im Mob.

Ich hatte meine MPi mit dem Zubehör bestückt. Das waren neben dem Doppelmagazin das Zielfernrohr und das Laserzielgerät. Auf den ebenfalls zur Standardausrüstung gehörenden Schalldämpfer konnten wir verzichten.

Am Koppel schleppten wir mit, was wir sonst noch brauchten. Eine reduzierte Version jener Ausrüstung, mit der die Kollegen von der Hafenpolizei aufwarteten: Reservemagazine für die MPi, ein Futteral mit Speedloadern für den Magnum-Smith, den wir im Schnellziehholster trugen. Außerdem Handschellen, verschiedene Granaten, Schutzbrillen, Mehrzweckmesser, Walkie-Talkies.

Die Kollegen gaben uns das Zeichen. Wir sammelten uns neben dem schwarzen Buick und verglichen die Uhren. Dann schaltete ich mein Walkie-Talkie auf Senden und rief den Einsatzleiter der Kollegen vom NYPD.

»Eagle für Indian«, sagte ich. »Over.«

Die Antwort kam prompt.

»Indian für Eagle«, schepperte eine harte Männerstimme aus dem kleinen Lautsprecher. »Over.«

»Vier-eins-null«, erwiderte ich. Das war der vereinbarte Tagescode für »Einsatzbeginn«

»Over.«

»Vier-eins-null«, bestätigte der Kollege. »Over.«

»Over und Ende.« Ich schaltete das Walkie-Talkie aus und verstaute es wieder im Koppelfutteral.

Die Kollegen in den Kajütbooten kannten alle Einzelheiten des Plans. Sie würden uns ab sofort beobachten, wie wir zum Ufer vordrangen und in Stellung gingen. Alles Weitere hing davon ab, wie stark der »bewaffnete Widerstand« sein würde - oder ob er überhaupt stattfand.

»Ob sie den Kaffee schon aufgesetzt haben?«, sagte Milo mit einer Kopfbewegung zum Jachthafen hin. Dort lag das weiß-blau lackierte Hausboot wie ein dicker Riesenklotz zwischen den schlanken weißen Rümpfen der Motor- und Segeljachten.

»Wir sind nicht zum Frühstück angemeldet«, entgegnete ich und grinste. Ich sah erst Milo und dann die anderen an. »Wenn ich die Sache richtig sehe, werden wir ihnen eher den Appetit verderben.«

Die Kollegen lachten gedämpft.

»Nach dem Besäufnis letzte Nacht werden sie nicht vor zwölf aus den Federn kriechen«, meinte Clive.

»Wie alt ist Torrini geworden?«, fragte Orry.

»Fünfzig«, antwortete Jay.

»Sonst würde er nicht zwei Wochen lang mit sämtlichen Leuten feiern«, fügte Leslie hinzu. »Sogar dem Fußvolk spendiert er rauschende Feste.«

»Typische Mobster-Angeberei«, kommentierte Pete und winkte ab. »Diese Burschen wollen sich alle gegenseitig beeindrucken.«

»Gotti soll in Marion vor Neid erblassen«, erklärte Fred schmunzelnd »Wenn Torrini das schafft, ist er zufrieden.«

Gemeint war John Gotti, New Yorks größter Mafia-Boss aller Zeiten. 1992 war er zu mehrmals lebenslänglich verurteilt worden und saß jetzt im Staatsgefängnis Marion, Illinois. Torrini gehörte zu denen, die geradezu versessen darauf waren, mehr Ruhm zu erlangen, als der große Gotti. Nur ins Gefängnis wollte natürlich keiner.

»An seinen Spielchen wird Torrini ab heute kein Vergnügen mehr haben«, prophezeite Milo.

Wir konnten nicht ahnen, welche teuflischen Überraschungen der Spieltrieb des Top-Mobsters für uns noch auf Lager hielt.

Wir schwärmten aus, tauchten ein in das mannshohe Buschwerk am Rand des Parkplatzes.

 

 

2

Als Corazon Mendez erwachte, wusste sie nicht, wo sie sich überhaupt befand. Ebensowenig wusste sie, weshalb sie aufgewacht war. Erste und einzige Wahrnehmung war ihr Kopf. Es hämmerte und dröhnte darin, als ob tausend Teufel die Schädeldecke zu sprengen versuchten.

Nach und nach setzte die Erinnerung wieder ein. Ein Abend und eine Nacht - o Gott! Champagner und Cocktails waren in Strömen geflossen, und Corazon wusste beim besten Willen nicht mehr, mit wie vielen Kerlen sie es getrieben hatte, ehe Angelo Brancato sie zu sich ins Bett geholt hatte - in seine Kabine.

Falsch - er hatte sie holen lassen!

Und darauf brauchte sie sich nichts einzubilden. Denn er hatte nicht ausdrücklich sie gewollt, sondern einfach nur irgendeine Zeitnutte. Eine, die gerade frei war. Er hatte Trisha losgeschickt, seine Lieblingsnutte Patricia Svensson, die blonde Hinterwäldlerin aus Wisconsin.

Mit sechzehn Jahren war Trisha nach New York gekommen. Das war zehn Jahre her. Aus der minderjährigen Ausreißerin war inzwischen eine erwachsene Schlampe geworden, die alles zwischen ihre Beine ließ, was mit dem Torrini-Mob zu tun hatte.

Ihr Art von Karriere!

Eine wie Trisha Svensson hatte keinen Grund mehr, sich als was Besseres zu fühlen. Vielleicht hatte sie so einen Grund nie gehabt. Wie auch immer, früher hatte sie sich was darauf eingebildet, weiß und blond zu sein und aus dem Mittelwesten zu stammen. Da hatte sie verächtlich auf dunkelhäutige Latinas wie Corazon Mendez herabgeblickt. Ein Girl, das aus Kolumbien kam und seinen Körper an New Yorker Mobster verkaufte, war ein Girl zweiter Klasse. Trisha und ihresgleichen hatten sich als Angehörige der ersten Klasse gefühlt. Aber da lag nun schon eine Ewigkeit zurück.

Genau genommen hatte das verlebte blonde Wisconsin-Girl den Wunsch Angelos nicht gern erfüllt, denn sie wusste, was kommen würde. Angelos Verlangen, es mit zwei Frauen gleichzeitig zu treiben, würde mit der Feststellung enden, dass die zweite besser war als die erste - temperamentvoller und einfallsreicher im Bett. So war es gekommen.

Corazon war über Angelo hergefallen und hatte ihn nicht mehr zur Besinnung kommen lassen. Eine solche Gelegenheit hatte sie sich nicht entgehen lassen können. Vielleicht schaffte sie es, seine Favoritin zu werden. Dann holte er sie vielleicht raus aus diesem schwimmenden Bordell und machte sie zu seiner ständigen Begleiterin.

Ein Traum - im weißen Mercedes-Cabrio durch New York zu rollen, an Angelos Seite und unter der lachenden Sonne am Himmel.

Endlich gelang es Corazon, die Augen aufzuschlagen. Die Wirklichkeit sagte ihr kalt und unbarmherzig, dass sie von dem Traum noch meilenweit entfernt war.

Kalt!

Ja, sie spürte Kälte. An der rechten Schulter. Von dort bohrte sich diese verdammte Kälte durch ihren Körper wie ein Eispickel. Davon war sie aufgewacht.

Angelo und Trisha schnarchten um die Wette.

Nach und nach sickerte die triste Umgebung in Corazons Bewusstsein. Der graue Morgen. Das Halbdunkel in der Kabine. Das verwühlte Bett. Der Geruch von abgestandenem Alkohol und kaltem Zigarettenrauch. Die nackten Körper im Bettgewühl. Es war der pure Zustand von Ernüchterung.

Corazon bemerkte erst jetzt, dass sie mit der rechten Schulter an der Fensterscheibe lag. Die war beschlagen und eisig kalt. Der Frühling in New York würde noch lange auf sich warten lassen. Darüber täuschten auch die paar Sonnentage nicht hinweg, die es schon gegeben hatte.

Im Laufe des wilden Geschehens im Bett hatten sie Kissen und Nackenrollen an der Kabinenwand hochgeschoben. Corazon musste im Schlaf halb hinaufgekrochen sein, wohl zu einem Zeitpunkt, als sie alle die körperliche Nähe der jeweils anderen nicht mehr ertragen konnten und nur noch schlafen wollten.

Mühsam zog Corazon die Schulter vom Fenster weg. Noch mehr Mühe bereitete es ihr, die Armbanduhr in die Helligkeit zu heben und das Ziffernblatt abzulesen.

Fünf nach sieben. Du liebe Güte!

Um vier Uhr waren sie noch voll in Aktion gewesen, hatten sich auf Matratzen, Couch und Teppichboden verausgabt. Das bedeutete, sie hatte keine drei Stunden geschlafen. Corazon war entsetzt. Schlaf gehörte zum Wichtigsten in ihrem Leben.

Sie rutschte tiefer, um dem kalten Fenster zu entrinnen. Dann zog sie eine der zusammengeknüllten Decken heran und rollte sich bibbernd darin ein. Sie drehte sich auf die Seite und war nun imstande - in wohlige Wärme gehüllt - aus dem Fenster zu blicken. Die regelmäßigen Schnarchtöne Trishas und Angelos wirkten einschläfernd. Die Augen halb geschlossen, genoss Corazon den Ausblick auf das Wasser des Hudson River. Es war einfach ein wundervolles Gefühl, in wohliger Geborgenheit zu liegen und in unmittelbarer Nähe die eisigen Fluten des großen Flusses zu wissen.

Sie spürte, wie sie in den Schlaf abzudriften begann. Auch die Kopfschmerzen ließen nach. Sanfte Traumbilder begannen zu erscheinen. Ein weißes Boot glitt auf den grauschwarzen Wellen dahin. Sehr langsam nur. Fast stand es still. Die Männer an Bord hielten Angeln über die blitzblanke Reling und standen schweigend und bewegungslos da.

Angeln?

Corazon erlebte es oft in ihren Träumen, dass sie Dinge, die sie für etwas Bestimmtes hielt, im nächsten Moment nicht mehr einordnen konnte. Ihr fehlte dann einfach der Begriff, der Ausdruck dafür, und so manches Mal quälte sie sich in ihren Träumen mit der sinnlosen Suche nach Bezeichnungen für Gegenstände.

Himmel, nein, es waren keine Angeln. Zwar behaupteten die Zeitungen und das Fernsehen, das Wasser des Hudson River sei mittlerweile wieder so rein, dass viele schon ausgestorben geglaubte Fischarten zurückgekehrt seien. Aber Angler waren trotzdem immer noch ein seltener Anblick am Fluss.

Schwarze Angeln?

Angeln, die wie schwarze Stummel aussahen?

Jäh schrak sie hoch, riss die Augen auf. Und da hatte sie es: Waffen!

Die Knüppel waren Waffen! Schnellfeuergewehre, Maschinenpistolen oder so etwas. Und das weiße Boot war natürlich kein Traumbild. Es existierte wirklich.

Corazons Herzschlag begann zu rasen. Sie warf sich herum. In fliegender Hast kroch sie zu Angelo, packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn. Sein Schnarchen geriet ins Stocken, aber das war auch alles. Er schnaufte und röchelte und wollte einfach nicht aufwachen.

»Angelo!«, rief Corazon und schüttelte und schüttelte den bullig gebauten Mann. »Mein Gott, Angelo, wach endlich auf!«

Er schlief wie ein Toter. Nur die Tatsache, dass er atmete, unterschied ihn von einem soeben Verstorbenen. Trisha erwachte. Verstört öffnete sie die Augen.

»Was - was ist los?«, gähnte sie.

»Sieh mal aus dem Fenster!«, erwiderte Corazon knapp, ohne mit dem Schütteln innezuhalten. Nur ganz allmählich wurde ihr bewusst, welche Chance sich ihr bot. Wenn sie Angelo rechtzeitig wach kriegte und ihn warnte, verdankte er ihr seine Rettung. Damit konnte ihr Aufstieg zu seiner Favoritin rascher, als sie geglaubt hatte, in greifbare Nähe rücken. Denn was sich da draußen anbahnte, sah verdammt nach einem Überfall aus. Die Konkurrenz musste spitzgekriegt haben, was gestern Abend an Bord der »Bella Donna« gelaufen war. Und jetzt wollten die Bastarde vier Unterführer der Torrini-Familie auf einmal auslöschen. Danach sah es aus, und zwar ziemlich eindeutig. Corazon war lange genug Mobster-Molly, um solche Dinge beurteilen zu können.

Trisha blinzelte zum Fenster hin. Im nächsten Moment war sie hellwach, stieß einen spitzen Entsetzensschrei aus. Sie warf sich herum und half ihrer Rivalin, den Tiefschläfer wachzurütteln.

Er grunzte protestierend, stieß seine Bettgefährtinnen von sich und streckte sich aus, um weiterzuschlafen. Doch sofort waren sie wieder bei ihm und packten ihn. Ihre Hartnäckigkeit ging ihm auf die Nerven.

»Lasst mit in Ruhe!«, brüllte er sie an »Ich will ...«

»Ein Überfall!«, schrie ihm Corazon ins Gesicht. »Wir werden überfallen!«

»Spinn nicht rum!«, knurrte er und wollte sich auf die Seite drehen.

»Es ist ein Überfall!«, bestätigte Trisha mit angsterfüllter Stimme.

Und gemeinsam rissen sie ihn herum, so dass er von Neuem gezwungen war, sie anzusehen.

Das Entsetzen in ihren Gesichtern war nicht gespielt. Er begriff es. Seine Brauen zogen sich zusammen, seine Augen wurden schmal. Und mit einem Satz war er beim Fenster.

Die beiden Frauen beobachteten, wie sich seine Rückenmuskeln zu Strängen verhärteten. Doch es dauerte keine halbe Sekunde. Angelo Brancato fuhr herum. In seinen Augen glühten die wiedererwachte Energie und ein unbändiger Überlebenswille. Es erinnerte die beiden Frauen an seine Gier nach Sex. Doch dies, jetzt, war tödlich ernst.

»Wir müssen raus!«, zischte er. »Raus hier!«

»Aber ...«, versuchte Trisha einzuwenden.

»Meine Klamotten!«, stieß er hervor. Er hastete auf den Schrank zu, in dem er seine Kanonen unterbrachte, wenn er an Bord des Hausboots war. Die Beretta und die UZI.

Corazon sprang auf, ergriff Angelos Hose.

»Beeilen wir uns«, sagte sie knapp. Als sie ihm die Hose zuwarf, erkannte sie am Aufleuchten seiner Augen, wie sehr ihm ihre Entschlossenheit gefiel. Das steigerte ihren Eifer. Sie zerrte die zögernde Trisha vom Bett hoch und ging mit gutem Beispiel voran, indem sie ihren schwarzen Body überstreifte. Das war nicht mehr als ein Handgriff, und sie war schneller abmarschbereit als Angelo. Also half sie ihm, das Schulterholster für die Beretta anzulegen. Ruhig und mit sicheren Händen schloss sie die Riemenschnallen auf seinem Rücken.

Unterdessen war Trisha vor Zittern kaum in der Lage, ihr Shirt auszuziehen. Ihre Arme verhakten sich in dem Stoff, als sie ihn über den Kopf zu zerren versuchte. Angelo sah es mit Verachtung.

»Komm, los jetzt!«, herrschte er Corazon an.

Er stieß sie zur Tür hin. Und in Trishas Richtung knurrte er: »Bleib hier! Du bist eine Schnecke, und das auch im Bett.«

Nichts hätte Corazon glücklicher machen können als dieser Moment. Sie erwischte den Knauf, drückte die Tür lautlos auf, spähte in den Gang.

Trisha schluchzte.

»Keiner zu sehen«, sagte Corazon pflichtbewusst.

»Dann raus mit uns beiden!« Angelo folgte ihr, die MPi bereits im Hüftanschlag.

Sie ließen das Häufchen Elend in der Kabine zurück. Corazon hätte laut jubeln können vor Glück. Die Not des Augenblicks, vor allem aber ihr beherztes Handeln, hatten Angelo die Augen geöffnet. Nun wusste er, an wessen Seite er wirklich gehörte.

Corazon lief auf nackten Sohlen, und es kam ihr vor, als hätte sich der Teppichboden des Kabinengangs in watteweiche Wolken verwandelt.

 

3

»Einer haut ab«, sagte Police Lieutenant David Gershen in mein linkes Ohr. »Zusammen mit einer Frau. Die beiden sind jetzt auf dem Achterdeck, machen das Beiboot klar. Der Mann ist - Brancato! Bis an die Zähne bewaffnet. Over.«

»Wir können ihn von hier aus nicht sehen«, erwiderte ich. »Lassen Sie ihn tun, was er tun will, David. Kann er Ihnen entkommen? Over.«

»Nein. Sein Außenborder reicht nur zum Spazierenfahren. Over.«

»Okay, dann verzichten Sie auf Lautsprecheransprache und Warnschüsse. Holen Sie ihn sich später, wenn alles gelaufen ist!«

Lieutenant Gershen und ich hatten uns erst während unserer Walkie-Talkie-Kontakte miteinander bekannt gemacht, als wir zum Jachthafen unterwegs gewesen waren. Gershen war der Einsatzleiter der Hafenpolizei. Ich beschrieb ihm unsere Positionen.

Milo und ich kauerten hinter einem Betonkübel von zwei Meter Breite, einem Meter Höhe und einem Meter Tiefe. Aus der Erde, mit der der Kübel gefüllt war, ragte kahles Gestrüpp. Wenn der Frühling erst einmal ausgebrochen war, würde sich das unansehnliche Zeug in eine hübsche Zierpflanze verwandeln. Unterdessen diente uns der Kübel mit seiner Erdfüllung als möglicher Kugelfang. Etwas Besseres konnte man sich für den Zweck nicht wünschen.

Wir befanden uns an der Landseite des u-förmigen Hafenbeckens. Hinter uns erstreckte sich immergrünes Gebüsch, den Hang hinauf. Wir waren daraus hervorgekrochen. Vor uns eine gepflasterte Uferanlage mit Sitzbänken und Tischen.

Das Hausboot war etwa zwanzig Meter entfernt. Nichts rührte sich, kein Laut war zu hören, die meisten Fenster waren durch Jalousien verschlossen. Auch auf den Jachten ringsum tat sich nichts.

Wie die Jachten war das Hausboot schräg an der Ufermauer vertäut, so dass die Fenster an der Backbordseite zum Hafenbecken und zum Fluss wiesen.

Jay, Leslie, Pete und Fred hatten rechts von uns Stellung bezogen, hinter dem Buschwerk am Ende der Ufer-Spundwand. Direkt vor ihnen begann die mit weißen Freizeitschiffen vollgepackte Pier, die zugleich dieses und das benachbarte Hafenbecken begrenzte. Zur Linken gab es statt einer Pier einen aufgeschütteten und bepflanzten Damm. Clive und Orry waren unbemerkt dorthin vorgedrungen. Nicht einmal Milo und ich hatten die beiden Kollegen gesehen. Jetzt kauerten sie fast am Ende des Damms, irgendwo hinter einer dichten Gruppe von Sträuchern mit winterhartem Blattwerk.

Wir hatten die »Bella Donna« eingekreist.

Perfekt!

Dachten wir!

Aber zumindest Angelo Brancato musste eine Art von Antenne besitzen, die wir nicht eingeplant hatten. Es änderte nichts. Ich hatte mich entschieden. Wir blieben bei dem ursprünglichen Plan. Milo und ich würden die Leute rausholen, deren Namen auf den Haftbefehlen standen.

Jetzt waren es nur noch drei.

Ich blickte zur Uhr. Zwölf Minuten nach sieben.

»Okay«, sagte ich. »Gehen wir rein!«

»Ohne anzuklopfen?«, entgegnete Milo.

Ich nickte, denn es war kein Witz. Knock and Announce, anklopfen und sich zu erkennen geben, heißt bei uns in den Staaten eine gesetzlich verankerte Vorschrift über einen besonders gefährlichen Bereich der polizeilichen Arbeit: das Eindringen in ein Haus, eine Wohnung oder einen anderen abgeschlossenen Bereich, um einen Haftbefehl zu vollstrecken.

Über das Prinzip Knock and Announce gibt es eine Diskussion, die wohl nie enden wird. Gerichtsverfahren zum Thema haben auch keine endgültige Klärung gebracht. Viele Kollegen sind der Meinung, dass man weder anklopfen noch Laut geben muss, wenn man außer dem Haftbefehl auch einen Durchsuchungsbefehl in der Tasche hat.

Der Meinung war ich auch.

Milo und ich schlugen einen Bogen durch das schützende Gebüsch. Sekundenlang verharrten wir in Deckung hinter den Zweigen. Noch immer rührte sich nichts, auch nicht an Bord des Hausboots. Der Morgen war grau, die Luft kühl und wie bleischwer.

Angelo Brancato schien sich selbst der Nächste zu sein. An seine Komplizen hatte er bei der Rettungsaktion jedenfalls nicht gedacht. Und das konnte nicht nur daran liegen, dass das Beiboot nicht mehr als zwei Personen fasste. Im Torrini-Mob herrschte ein schlechtes Betriebsklima. Das hatten wir schon gelegentlich von V-Leuten gehört.

Per Walkie-Talkie schickte ich einen Rundspruch an alle.

»Es geht los«, sagte ich und steckte das Gerät sofort wieder weg. Ich nahm die MPi in den Hüftanschlag, nickte Milo zu und verließ die Deckung.

Die Kollegen wussten Bescheid. Es gab zwei Gründe, die ihr sofortiges Eingreifen erforderlich machen würden: eine Veränderung der Lage oder ein Alarmruf von Milo oder mir aus dem Hausboot.

Mit langen, federnden Schritten strebte ich auf die Gangway zu. Geduckt, alle Sinne auf höchstmögliche Schärfe gestellt, näherte ich mich dem breiten Plankensteg, der vom Ufer auf das Vordeck der »Bella Donna« führte. Milo folgte mir mit drei, vier Schritten Abstand.

Das Vordeck war etwa dreißig Quadratmeter groß. Seit dem vergangenen Abend und der Nacht hatte noch niemand Zeit gefunden, aufzuräumen. Leere Bierdosen und leere Champagnerflaschen lagen herum, garniert mit Zigarettenschachteln und Kippen.

Für eine Party im Freien war es noch zu kalt. Doch im Laufe von Torrinis Geburtstagsfeier musste es so heiß hergegangen sein, dass etliche der Gäste Abkühlung gesucht hatten.

Ich pirschte auf die Backbordseite des Hausboots zu, setzte behutsam einen Fuß vor den anderen, um nicht auf eine Dose zu treten oder eine Flasche ins Rollen zu bringen. Der Haupteingang befand sich vorn, eine zweiflügelige Tür wie bei einem Wohnhaus. Deshalb lag das Hausboot mit dem platten Bug an der Ufermauer. Ohnehin erinnerte es mit seinen drei Geschossen eher an ein Gebäude als an ein Schiff.

Ohne ein verräterisches Geräusch zu verursachen, erreichte ich den schmalen Pfad zwischen der Außenbordwand und dem Wohnaufbau. Nur kurz drehte ich mich um.

Milo hatte die Gangway erreicht. Ich nickte ihm zu und setzte meinen Weg fort. Jay und die drei Kollegen konnten Milo und mich von ihrem Versteck aus beobachten. Sie würden am schnellsten zur Stelle sein, wenn es sein musste.

Mit dem Rücken an der Wand arbeitete ich mich voran. Die ersten drei Fenster waren von Jalousien verschlossen. Das vierte empfing mich mit blankem Glas.

Ich ging in die Knie. Wollte den Kopf einziehen, um mich unter den Sims zu ducken. Da sah ich sie. Zuerst das lange blonde Haar. Dann die Nase, die sie am Fenster plattdrückte wie ein kleines Mädchen. Dann die weit aufgerissenen Augen.

Ich kam mir vor wie ein Monster, bei dessen Anblick Menschen umkippen wie die Fliegen.

Jay und die anderen hatten wahrscheinlich längst mitgekriegt, was hier abzulaufen begann. Sie standen auf dem Sprung. Wenn sie nicht schon durchgestartet waren.

Ich hob die linke Hand, um der Blondine ein Freundschaftssignal zu geben. Es nutzte nichts. Sie hielt mich trotzdem für einen Feind. Das musste wohl an meiner martialischen Aufmachung liegen. Ich konnte es ihr nicht mal verdenken.

Noch während ich mich aufrichtete, wurde das Entsetzen in ihrem Gesicht zur Panik. Ihr Mund öffnete sich weit, und ich hatte nicht die geringste Chance, den Schrei zu verhindern. Trotzdem konnte Zögern zur Katastrophe führen.

Ich drehte die MPi in meiner Rechten, den Kolben nach vorn. Die Blondine wich vom Fenster zurück - die Hände abwehrend ausgestreckt, die Finger gespreizt.

Ich sah Milo an der Ecke des gebäudeähnlichen Aufbaus. Rasch gab ich ihm Zeichen. Er verstand sofort, wich zurück. Der Vordereingang war sein neues Ziel. Die Kollegen würden jetzt ebenfalls unterwegs sein.

Der Schrei der Blondine brach los. Ich stieß zu, rammte den MPi-Kolben gegen das Glas. Krachend zersprang es schon beim ersten Stoß. Scherben regneten in den Raum dahinter, klirrten zu Boden. Das Bersten des Glases übertönte das Kreischen, das nun ungefiltert über mich hereinbrach. Mit wenigen schnellen Bewegungen der MPi räumte ich die Restscherben aus dem Fensterrahmen. Das Geschrei schwoll an, wurde zum Sirenengeheul. Garantiert weckte sie die Langschläfer von ganz Manhattan-Uptown damit auf.

Ich sprang durch den Fensterrahmen. Drinnen knirschten meine Schuhsohlen auf Glassplittern. Die Blondine war schon fast bei der Tür. Ihre Schreie gerieten ins Stocken; sie verschluckte sich, kriegte Atemnot, lief rot an. Ich stieß mich ab, sprang - und erwischte ihren Shirtzipfel, als sie den Türknauf packte. Im selben Atemzug war ich bei ihr und fasste nach um ihre Hüfte. Der Ruck, mit dem ich sie zu mir heranzog, riss auch die Tür auf. Ihr Schrei war verstummt. Mühsam keuchend rang sie nach Atem.

Dumpfe Laute dröhnten durch das Hausboot. Eilige Schritte. Eindeutig aus den oberen Etagen.

Ein harter, trockener Schlag war von vorn zu hören. Milo hatte den Eingang mit einer Hohlladung aufgesprengt.

Das blonde Girl war zu erschrocken, um sich gegen meinen Griff zu wehren.

»Still!«, zischte ich ihr zu. »Ihnen passiert nichts. Ich bin vom FBI. Hier läuft ein FBI-Einsatz.« Mit der MPi zeigte ich auf das Bett. Das begriff sie, sie warf sich lang hin und kroch unter das Bett.

Ich war bereits bei der offenen Tür, riskierte einen Blick in den Gang hinaus. In meiner direkten Umgebung herrschte Halbdunkel. Vorn war es heller.

Das Dröhnen der Schritte nahm zu, doch hier unten blieb der Korridor menschenleer.

Ich sah Milos Silhouette am Rand des hellen Vordereingangs. Die zerborstene Tür hing schief in den Angeln. Draußen stürmten die Kollegen über das Verdeck, schwärmten aus. Ich verließ die Kabine, zog die Tür zu. Im selben Moment hörte ich das Wummern eines Hubschraubers.

Das Geschehen überschlug sich. Ab sofort! Ich wusste es.

 

 

4

»Runter mit dir!«

Corazon gehorchte sofort. Eine warme Woge des Glücks durchflutete sie Er sorgte sich um sie! Jetzt, da er schießen musste, war er um ihr Wohlergehen besorgt. Nie zuvor hatte sie ein derartiges Glücksgefühl verspürt.

Sie kauerte sich vor die Achterducht des Bootes, wie er es ihr befohlen hatte. Oh, sie würde alle seine Befehle ausführen, würde für ihn tun, was er nur verlangte, denn einem Mann wie ihm, soviel war sicher, begegnete eine Frau nur einmal im Leben.

Corazon drehte den Kopf auf die Seite, um zu ihm aufblicken zu können. Sie konnte nicht anders, sie musste ihn einfach bewundern, wie er dastand - breitbeinig und sicher in dem Boot. Es schwankte kaum, und er hielt das Steuerruder mit dem rechten Knie, damit sie auf Kurs blieben. Flussaufwärts. Es war die einzig mögliche Fluchtrichtung.

Die Boote der Bewaffneten hatten eine Lücke vor dem Hafenbecken gelassen. Offenbar glaubten sie nicht daran, dass überhaupt jemand zu fliehen versuchte.

Corazon musste lächeln, obwohl die Lage natürlich ernst war. Diese Männer dort auf den weißen Kajütbooten hatten eben nicht mit einem Draufgänger wie Angelo Brancato gerechnet. Also mussten sie die Konsequenzen tragen und zusehen, wie einer entwischte. Mit der Frau, die die einzig Richtige für ihn war.

Angelo hatte die MPi im Schulteranschlag. Corazon staunte über das Spiel seiner Muskeln. Sie hatte nie gewusst, was für Muskeln ein Mann auch auf dem Rücken haben konnte.

Er betätigte den Abzug.

Corazon hielt sich die Ohren zu, als die MPi zu hämmern begann. Sie hatte schon ein paarmal Schüsse gehört, aber diese waren viel lauter als alles, was sie kannte. Es musste daran liegen, dass es rasend schnelle Feuerstöße waren.

Der Rückstoß rüttelte Angelo durch. Jeden anderen an seiner Stelle hätte es wohl umgeworfen. Aber Angelo stand wie eine Eiche im Wind - stark und unerschütterlich.

Mit ihm würde sie alle Höhen und Tiefen des Lebens überwinden. Himmel! Noch vor einer Viertelstunde hatte sie nur davon geträumt, einmal die Frau an seiner Seite zu sein! Und jetzt meisterten sie bereits eine gefahrvolle Situation – gemeinsam. Corazon verstand zwar nicht, weshalb er auf die Boote feuerte, da doch von dort keine Schüsse gefallen waren. Nun, er würde seine Gründe haben. An einem Mann mit seiner Erfahrung durfte man nicht zweifeln. Wahrscheinlich wollte er sie einschüchtern - um ihnen klarzumachen, dass sie ihn nicht stoppen konnten, dass einige von ihnen einen solchen Versuch mit dem Leben bezahlen mussten.

Doch plötzlich - Corazon riss die Augen erschrocken auf - wurde doch zurückgeschossen.

Dumpfe, hart hackende Schüsse waren es, die sich in das Hämmern der Maschinenpistole mischten. Deren Rückstöße schienen stärker zu werden, denn Angelo schwankte auf einmal vor und zurück, wie von gewaltigen Hieben einer unsichtbaren Faust getroffen.

Erst in diesem Moment sah Corazon die dunklen Flecke auf seinem Rücken. Es wurden immer mehr - kreisrund und dunkelrot. Er schwankte heftiger. Corazon schrie auf.

Schüsse!

Kugeln trafen ihn.

Sie sprang auf, wollte ihn zu sich herumziehen, wollte ihn mit ihrem Körper schützen. Etwas hieb ihr in den Rücken, ein fast unbedeutender kleiner Schlag, nichts Nennenswertes.

Sie sah nur ihr Ziel vor Augen, dieses größte Ziel, das sie jemals gehabt hatte: den Mann zu retten, der ihr Lebensinhalt sein sollte.

Als sie zum zweiten und zum dritten Mal getroffen wurde, hielt sie Angelo bereits in den Armen. Und erst in diesem Augenblick erkannte sie, dass die Schüsse nicht von vorn kamen, von den Booten. Nein, die Kugeln kamen von hinten, hatten Angelo in den Rücken getroffen und trafen nun auch sie.

Corazon umarmte ihn mit aller Kraft. Sie sank mit ihm auf den Boden des Boots, und sie spürte keinen Schmerz. Keine der Kugeln fügte ihr Schmerzen zu. Es musste an der Gewissheit liegen, mit ihm gemeinsam zu sterben - mit ihm, dem Mann ihrer Träume.

Wenn die Zeit der Gemeinsamkeit im Leben auch nur Minuten gedauert hatte, so wusste Corazon doch das Eine: Nur sehr, sehr wenigen Lebenspartnern war es vergönnt, zur selben Zeit und miteinander vereint zu sterben. Es konnte nichts Schöneres geben.

Mit diesem Gedanken erlosch ihr Bewusstsein für immer.

 

 

5

Es gab ein richtiges Treppenhaus, nur keinen Fahrstuhl. Milo und ich stürmten als Erste nach oben, nahmen zwei, drei von den teppichbelegten Stufen auf einmal. Die Kollegen waren mittlerweile allesamt zur Stelle, auch Clive und Orry. Sie folgten uns mit geringem Abstand.

Die dumpferen Schüsse waren immer deutlicher zu hören. Auch der Hubschrauber kam näher.

In den Korridoren, die wir passierten, herrschte gähnende Leere. Alle Türen waren geschlossen. Niemand traute sich mehr aus den Kabinen. Aber die, denen unser früher Besuch galt, waren ohnehin längst auf dem Dach.

Knapp unterhalb der Tür, die hinausführte, verharrten wir. Was uns da draußen empfangen würde, konnte die reine Hölle sein. Aber genau dorthin würden wir den Kerlen folgen, mitten ins heißeste Feuer, wenn es sein musste. Das hatten wir uns letzten Endes vorgenommen.

Ich zog das Walkie-Talkie aus dem Futteral. Lieutenant Gershen meldete sich sofort. Ich sagte ihm, wo wir uns befanden und dass ich einen Überblick über die Lage brauchte. Ich hörte David hastig atmen.

»Sie haben Brancato und die Frau erschossen!«, stieß er dann hervor.

»Seine eigenen Leute?«

»Ja. Sie sind alle da oben auf dem Dach: Castanza, Mingione, Polzoni und ihre Leibwächter. Wir zwingen sie jetzt in Deckung.«

Tatsächlich hörte ich MG-Feuer. Es klang wie aus weiter Ferne. Aber das machte es für die Mobster nicht weniger gefährlich. Die dumpfen Schüsse in unmittelbarer Nähe verstummten.

»Was ist mit dem Hubschrauber?«, rief ich.

»Der ist von hier noch nicht zu sehen. Kommt also wahrscheinlich von landeinwärts.«

»Okay«, erwiderte ich. »Wie sieht es aus? Können wir rausgehen?«

»Einen Moment noch. Da bewegt sich noch was. Jetzt - in Ordnung, ich gebe Befehl, das Feuer einzustellen. Geben Sie mir Nachricht, wenn Sie wieder Unterstützung brauchen!«

»All right«, erwiderte ich. »Wir sind unterwegs.«

Ich steckte das Walkie-Talkie weg und gab den Kollegen das Zeichen. Im selben Moment wurde es draußen still. Nur der Hubschrauber dröhnte noch. Aber dabei würde es nicht bleiben.

Ich schnellte hoch. Warf mich gegen die Tür. Zog die MPi fest an den Körper.

Keiner hatte daran gedacht, die Tür von draußen zu verbarrikadieren. Vielleicht war es nicht der entscheidende Fehler, den sie begangen hatten. Aber es war ein Fehler.

Eindeutig!

Krachend flog die Tür unter meinem Anprall auf. Im selben Sekundenbruchteil war Milo zur Stelle. Seine MPi hämmerte los.

Aus dem Schwung heraus rollte ich mich ab, warf mich nach rechts. Milos Kugelgarben prasselten auf das Stahlblech der Lüftungsschächte und Schornsteine. Querschläger heulten davon. Irgendwo ertönte ein erstickter Schrei. Ich fand Deckung hinter einem dieser Stahlkästen, mit denen das Dach gespickt war. Und sofort stieß ich den Lauf der MPi hinter der Deckung hervor. Das Schussfeld war begrenzt. Ich federte in den Knien hoch, feuerte über den Kasten hinweg, beharkte die zerklüftete Stahllandschaft.

Niemand wagte es, seine Nasenspitze zu zeigen.

Milo war als nächster draußen, übernahm das Feuern. Dennoch erholten sich die Gangster von der Überraschung. Erste Schüsse krachten von ihrer Seite her, die Geschosse zwitscherten über uns hinweg. Ich riskierte trotzdem einen Stellungswechsel. Aus einem flachen Sprung heraus rollte ich hinter einen Luftschacht. Das nach oben gewölbte Stahlblech bot mir weniger Schutz als meine erste Deckung, aber dafür hatte ich zwei Meter an Boden gewonnen.

Unterdessen gaben sich meine Kollegen gegenseitig Feuerschutz, und in weniger als zehn Sekunden hatten sie sich systematisch auf dem Dach verteilt.

Die Gegenwehr der Gangster wurde verbissener, wütender. Auf eine unerklärliche Weise hörte ich das aus ihren Schüssen heraus. Die MPi-Garben auf unserer Seite waren ein unablässiges ohrenbetäubendes Hämmern. Wir waren ein eingespieltes Team, wir steuerten die Schussfolge so konsequent, dass nicht mal ein Magazinwechsel das Feuer ins Stocken brachte.

Trotzdem konnten wir nicht ständig sämtliche Gangster unter Kontrolle halten. Darüber waren wir uns im Klaren, und wir kannten das Risiko. In dem Höllenlärm des Feuergefechts ging sogar das Hubschraubergeräusch vorübergehend unter. Doch ich war sicher, dass die Maschine weiterhin auf uns zuhielt. Torrini würde alles tun, um seine Unterbosse herauszupauken. Die Crew im Cockpit würde entsprechende Anweisungen haben. Dass es nur noch drei Unterführer und die Leibwächter waren, wusste Torrini garantiert bereits. Im Zeitalter der Handys war schneller Informationsfluss kein Problem mehr.

Links von mir erblickte ich Milo. Er robbte hinter ein Schornsteinrohr und warf mir einen Blick zu. Er zeigte auf das Laserzielgerät seiner Waffe. Ich nickte. Wir mussten härtere Bandagen anlegen, wenn wir zum Zug kommen wollten. Im Augenblick sah es verdammt danach aus, dass sich der Kampf festfraß. Wir waren acht, und wir hatten es vermutlich auch mit acht Leibwächtern und zusätzlich den drei Unterbossen zu tun.

Die Blondine hatte sie alarmiert, vermutlich schon vor meinem Auftauchen. Und gnadenlos hatten sie den Mann hingerichtet, der noch vor wenigen Stunden ihr Komplize und Partygefährte gewesen war. Schlaftrunken, alkoholisiert und in Panik hatte Angelo Brancato eine falsche Entscheidung getroffen. Er konnte nicht entkommen. Die Konsequenz hätte ihm bekannt sein müssen. Dadurch, dass seine eigenen Leute ihn sofort töteten, ersparten sie Torrini die Mühe, ihn später auf Rikers Island, im Gefängnis, umbringen zu lassen. Und Brancatos Bodyguards hatten sich logischerweise sofort auf die Seite von Castanza, Mingione und Polzoni geschlagen, denn sie wollten nicht genauso enden wie ihr Boss.

Milo schaltete jetzt das Laserzielgerät ein, und ich folgte seinem Beispiel. Ich schaltete auf Einzelfeuer. Es schien mir wirksamer, jetzt, nachdem sich die Fronten festgefahren hatten.

Clive, Orry und die anderen arbeiteten sich ebenfalls voran. Auch sie benutzten jetzt den Laserstrahl als Zielhilfe.

Obwohl sie uns zahlenmäßig überlegen waren, mussten die Mobster erkennen, dass die Vorteile nicht auf ihrer Seite waren. Sie waren aus dem Schlaf gerissen worden, hatten in wilder Hast ihre Klamotten übergestreift und sich dann die Waffen geschnappt. Möglich, dass sie jetzt an der kalten und hoch bleihaltigen Morgenluft nüchtern geworden waren. Aber mit Fitness konnten sie nicht gerade glänzen.

Ich schob den MPi-Lauf über die weißlackierte Stahlblechwölbung vor mir. Blassrot stach der Laserstrahl durch das Morgengrau. Während ich ihn noch wandern ließ, erblickte ich die Bewegung - geradeaus vor mir, höchstens zehn Meter entfernt.

Die Kerle versuchten, uns zu imitieren - mit schnellem Stellungswechsel und wildem Feuer.

Der Mann, der da hinter einen Wassertank sprang, riss die MPi hoch, noch bevor er richtig in Deckung war. Der Rotpunkt meines Laserzielgerätes verschmolz mit seinem Mündungsblitz.

Gnadenlos zog ich durch. Ließ mich fallen. Ich spürte den sengenden Hauch der Kugel, die über mich hinwegraste, sah, wie sich der Getroffene hinter seiner nutzlosen Deckung hervorschraubte. Er warf die Arme hoch, verlor die Waffe, kippte hintenüber.

Noch bevor der Mann den Boden erreichte, gellte ein Schrei in seiner Nähe. Ein untersetzter schwarzhaariger Mann, nur mit Shorts bekleidet, kam mit einem Wutschrei hinter seiner Deckung hoch. Seine MPi, im Hüftanschlag, fächerte Geschossgarben in unsere Richtung. Es musste der blinde Zorn über den Tod seines Komplizen sein, der ihn zu diesem Wahnsinn trieb. Zwei Kugeln von der anderen Seite des Dachs machten ein schnelles Ende.

Jay Kronburg oder Leslie Morell mussten die Gefahr beseitigt haben.

Ich fragte mich, wann der Munitionsvorrat der Gangster zu Ende gehen würde. Doch darauf konnten wir nicht bauen. Durchaus möglich, dass sie uns in diesem Punkt überlegen waren.

Ich gab Milo ein Zeichen und tauchte hinter meine Deckung ab. Mein Freund und Partner nickte und hob die Hand, signalisierte, dass er verstanden hatte. Wir wollten Torrinis Unterführer lebend. Es half uns absolut nicht weiter, wenn wir den kompletten Verein zusammenschossen – gezwungenermaßen. Deshalb mussten wir versuchen, die Lage zu ändern. Außerdem konnte ich mir noch immer keinen Reim darauf machen, was sie mit dem Hubschrauber bezweckten.

Während der Schusswechsel weiter tobte, zog ich das Walkie-Talkie hervor und rief Lieutenant Gershen. Schreie und Schmerzenslaute begleiteten mein Gespräch mit dem Einsatzleiter der Hafenpolizei. Jedes Mal überzeugte ich mich rasch, dass die Schreie nicht von unserer Seite kamen.

»Wir brauchen Unterstützung«, sagte ich und hielt mir das rechte Ohr zu, um das Krachen der Schüsse auszusperren. Ich brauchte dem Lieutenant die Gründe nicht zu erklären.

»Ist schon im Anmarsch!«, rief er, dass die Membrane schepperte. »Zwei Boote laufen in das Hafenbecken ein und nehmen die Schießer da oben in die Zange - von Backbord achteraus und von Steuerbord achteraus. Ist das in Ordnung?«

»Besser kann es nicht sein«, entgegnete ich.

»Wir haben Brancato und die Frau geborgen Beide sind tot.«

»Verdammter Mobster-Kodex«, knurrte ich. »Sehen Sie den Hubschrauber inzwischen, David?«

»Nein, noch immer nicht. Aber er ist da. Ich schätze, der hängt landeinwärts über den Bäumen und wartet auf seinen Moment. Die Kollegen vom Revier können uns vielleicht schon bald Genaueres sagen.«

»Heißt das ...?«

»Ja, heißt es. Ich habe im Revier zusätzliche Verstärkung angefordert. Wir wollen doch nicht, dass uns die Typen unten im Hausboot weglaufen, weil ihr da oben auf dem Dach gebunden seid!«

»Sie kriegen einen Orden, David!«

»Ein paar nette Worte genügen mir.«

Ich schaltete das Walkie-Talkie aus und steckte es weg.

Milo und die Kollegen feuerten unablässig. Der zusammenschmelzende Haufen der Mobster hatte sich verschanzt. Offenbar hatten sie vor, bis zur letzten Patrone zu kämpfen. Oder sie setzten alle Hoffnung auf den Hubschrauber.

Ich verpasste meiner MPi ein neues Doppelmagazin. Mit Handzeichen signalisierte ich Milo die neue Lage - vor allem, was die beiden Boote betraf, die vom Hafenbecken aus in den Kampf eingreifen würden. Milo gab die Nachricht weiter.

Unablässig krachten Schüsse, schmetterten Kugeln auf Stahl, heulten Querschläger in den Morgenhimmel. Durch das Labyrinth der Dachaufbauten sah ich Fred LaRocca, drüben, auf der anderen Seite. Er kauerte in Deckung, schnürte sich ein schwarzes Tuch um den rechten Unterschenkel. Er bemerkte meinen Blick. Sofort wedelte er mit der Hand, schüttelte den Kopf, grinste. Was so viel bedeutete wie: Kein Grund zur Panik, Jesse. Ist nur ein Kratzer.

Ich nickte beruhigt. Und als ich erneut in den Kampf eingriff, war auch Fred wieder dabei. Ebenso die anderen.

Unsere geballte Feuerkraft brach über die Mobster herein wie ein Stahlgewitter. Ihr Widerstand begann zusammenzuschmelzen. Während unser Feuer sich neu massierte, geriet die Schussfolge der Unterbosse und der Bodyguards ins Stocken. Und dann krachten Schüsse aus dem Bootshafen. Zwei Maschinengewehre hämmerten ihre Geschosse in die Dachkante. Maschinenpistolen stimmten ein und wurden noch ergänzt von Schnellfeuergewehren, die auf Dauerfeuer ratterten.

Von neuem gellten Schreie. Kurz nacheinander warfen zwei Gangster die Arme empor, kamen halb hoch und kippten leblos nach hinten. Gleich darauf erwischte es einen dritten.

Wütendes Gebrüll ertönte aus den Deckungen der Unterbosse.

Milo gab mir ein Zeichen, indem er erst zwei und dann drei Finger hochhielt. Ich verstand. Nur noch zwei oder drei Leibwächter waren am Leben. Die Unterbosse steckten in der Klemme. Jetzt konnte ihnen nur noch eines helfen.

Der Hubschrauber!

 

6

Die Maschine kam aus der Morgensonne heraus, mit den ersten Sonnenstrahlen, die über die Grünanlagen am hohen Flussufer fächerten. Ein donnerndes, mit Getöse schwirrendes Rieseninsekt aus Stahl, Kunststoff und Glas. Jäh schoss es über den Grüngürtel am Ufer hinaus. Zielstrebig raste es auf uns zu. Wie eine gigantische Hornisse, die die ganze Zeit im Schutz des Waldes darauf gelauert hatte, uns den tödlichen Stich zu verpassen. Aber das war es nicht. Das konnte es nicht sein. Nicht wir waren das Ziel. Ich begriff es, als der Hubschrauber rasend schnell näher flog.

Triumphgeschrei ertönte in der Deckung der Gangster. Wir ließen uns dadurch nicht aus der Fassung bringen, feuerten weiter. Auch die Kollegen auf den Polizeibooten jagten unablässig ihre Kugelgarben herauf.

Während ich mit Einzelfeuer die Deckungen der Gangster beharkte, spähte ich in kurzen Abständen nach oben. Die Maschine war fast über uns. Ein Bell Jet Ranger. Der Rumpf war unten weiß und an den Seiten mit einem Linienmuster aus Dunkelrot, Dunkelblau und Beige lackiert. Die Beschriftung stand auf dem beigefarbenen Feld:

MURRAY, CALHOUN & SONS CHARTER SERVICE

Noch während mir klar wurde, welche teuflische Absicht dahintersteckte, flogen die Kabinentüren auf beiden Seiten des schlanken Hubschrauberrumpfes auf. Reaktionsschnell warf ich mich auf den Rücken. Den Oberkörper halb aufgerichtet, riss ich die MPi in den Schulteranschlag. Milo und Orry taten es mir gleich, während die übrigen Kollegen den Gangstern keine ruhige Minute ließen.

Drei Laserstrahlen wanderten himmelwärts. Ich schaltete auf Feuerstöße. Kaum hatte ich die Visierlinie auf die Backbordseite des Hubschraubers gerichtet, da tauchten die Kerle auf. Zwei Mann. In der Kabinenöffnung, noch im Gegenlicht, waren sie nicht mehr als Schatten. Doch der brünierte, mattschimmernde Stahl in ihren Fäusten sprach eine überdeutliche Sprache.

Wir feuerten, als oben die ersten Mündungsblitze aufzuckten. Nur eine kleine Serie von Kugeln prasselten in den Aufbau des Treppenhauses - zu weit entfernt, um uns gefährlich zu werden.

Die beiden Schatten krümmten sich jäh. Sie kippten unseren Kugelgarben entgegen, als wollten sie sie gebührend in Empfang nehmen.

Als Erstes fielen ihre MPis herab. Dann kippen die beiden Schießer selbst aus der Kabine. Einen Moment lang sah es aus, als wollten sie auf den Landekufen stehenbleiben. Aber der Eindruck täuschte natürlich. Mit schlenkernden Armen und Beinen segelten sie herab. Vor dem Treppenhaus krachten sie auf das Hausboot und rührten sich nicht mehr. Auf der anderen Seite des Hubschraubers segelten zwei weitere Gestalten in die Tiefe Die Männer der Hafenpolizei hatten sie erledigt. Mit klatschendem Aufschlag versanken die MPi-Schützen im Wasser. Weiße Fontänen gischteten empor und schlugen über ihnen zusammen.

Der Hubschrauber war leer - bis auf den Piloten und den Copiloten. Niemand von uns würde auf die beiden Männer im Cockpit schießen. Wir wussten nicht, ob es sich um Torrini-Mobster handelte. Möglich, dass die Piloten auch Angestellte des Charter Service waren. Doch selbst wenn wir hundertprozentig sicher gewesen wären, dass es sich um Gangster handelte, wir hätten sie nicht vom Himmel geholt, denn die abstürzende Maschine wäre uns selbst auf den Kopf gefallen - oder auf die Jachten in der Nachbarschaft des Hausboots. Es hätte Tote gegeben. Viele Tote vermutlich. Deshalb, nur deshalb hatte Torrini eine Maschine von Murray, Calhoun & Sons geschickt. Der Mob-Boss wusste mit Sicherheit, dass weder wir vom FBI noch die Kollegen von der City Police jemals Unbeteiligte in Gefahr brachten. Es gehörte zu unseren ehernen Grundsätzen.

Das Rumoren des Hubschraubers schwoll zu fast unerträglicher Lautstärke an. In geringer Höhe schwebte er über uns hinweg auf das Ende des Dachs zu. Der Rotorwind hieb peitschend auf uns ein. Das schrille Singen der Turbinen stach schmerzhaft in die Gehörgänge. Die Piloten schienen um ihre Unverwundbarkeit zu wissen. Torrini musste es ihnen eingeschärft haben. Und sie wussten, dass sie sich darauf verlassen konnten. Unter dem Bauch der Maschine schwoll der Kugelhagel noch einmal erbittert an. Die Unterbosse und das kleine Häuflein ihrer noch lebenden Getreuen wussten, dass sie alles auf eine Karte setzen mussten. Wenn sie tatsächlich in die Maschine klettern wollten, mussten sie es gegen unseren Willen tun.

Das MG- und MPi-Feuer von den Polizeibooten im Jachthafen wurde spärlicher. Die Kollegen dort unten nahmen Rücksicht auf die Hubschrauberpiloten, wie erwartet.

Ich beschloss, die Dinge in den Griff zu kriegen. Dazu musste ich näher heran - dorthin, wo die tödliche Musik spielte. Ein Blick zu Milo genügte. Er wusste sofort, was ich vorhatte. Und er wusste, dass er mich nicht davon abbringen konnte. Nichts in der Welt würde mich davon abbringen.

Ich schob mich nach rechts, glitt hinter der Deckung hervor. Milos MPi hämmerte. Trotz des Hubschrauberlärms hörte ich es. Ich robbte los, Richtung Vorschiff. Mein Blickwinkel veränderte sich mit jedem Meter, den ich zurücklegte. Ich sah die ersten Schuhe und die ersten Hosenbeine der Mobster in ihren Deckungen. Der Stoff wurde vom Rotorwind um die Waden gepresst. Und ich sah natürlich auch den Helikopter.

Die Landekufen senkten sich den Stahlkästen auf dem Dach entgegen, waren nur noch einen Meter darüber. Die Sekunden bis zum entscheidenden Moment verstrichen rasend schnell.

Ich robbte schneller. Die Unterbosse waren bereit, waren auf dem Sprung. Sie warteten nur noch, bis der Hubschrauber meinen Kollegen das Schussfeld versperrte. Und von unten, aus den Booten, würde auch niemand feuern. Darauf bauten sie.

Mein Blick fiel schräg durch die Gassen zwischen den Stahlkästen. Die Hosenbeine, die ich gesehen hatte, waren länger geworden Der Mann, der dazugehörte, lag mit nacktem Oberkörper da. Seine Schultern und seinen Kopf konnte ich noch nicht sehen. Doch unübersehbar war, wie es ihn durchrüttelte. Nur eine MPi konnte die Ursache für so etwas sein.

Ich robbte weiter, an einem Bündel von Lüftungsrohren vorbei. Und dann sah ich den Kerl mit dem nackten Oberkörper wieder - seine Schultern, seine Waffe, seinen vom Schlaf zerzausten Haarschopf.

Die Landekufen des Hubschraubers waren knapp über den Dachaufbauten, höchstens noch dreißig Zentimeter. Jetzt musste es geschehen. Wenn sie jetzt noch zögerten, konnten sie alles vergessen.

Ich hob den Kopf nur kurz. Meine eigene Entfernung zu der schwebenden Maschine betrug drei Meter, auf keinen Fall mehr. Der Druck des Rotorwindes raubte mir fast den Atem.

Ein gellender Pfiff ertönte.

Der Zerzauste schob sich zurück, feuerte dabei weiter. Im nächsten Sekundenbruchteil sah er mich. Schreck und Entsetzen lagen in seinen Augen. Er warf den Oberkörper herum, schwenkte die MPi blitzartig in meine Richtung. Mir blieb keine andere Wahl. Ich musste feuern, und ich musste schneller sein als er. Als ich durchzog, krümmte sich sein Zeigefinger auch. Der Sekundenbruchteil, um den ich schneller war, rettete mir das Leben. Die Wucht der Einschüsse schleuderte den Mann zurück. Seine MPi blieb stumm. Er prallte gegen einen Stahlkasten, rutschte daran herunter und rührte sich nicht mehr.

Seine Komplizen kriegten es mit, als sie sich zurückschoben, um auf die andere Seite des Hubschraubers zu gelangen.

Auch Milo und Clive arbeiteten sich mittlerweile heran. Die Schüsse der übrigen Kollegen wurden spärlicher. Sie konnten nicht mehr viel tun, ohne die Piloten zu gefährden.

Während ich robbte, entdeckten mich die Mobster. Noch zwei Meter trennten mich von dem Hubschrauber. Ich erkannte Polzoni, den übergewichtigen Kahlkopf. Ein Leibwächter, vielleicht der letzte, schirmte ihn ab. Beide bewegten sich rückwärts kriechend. Beide stießen ihre Waffen in meine Richtung.

Mingione und Castanza waren vermutlich schon auf der anderen Seite des Hubschraubers. Polzoni und der Bodyguard befanden sich vor der Maschine. Jetzt jagten sie mir ihre Kugeln entgegen. Sie rechneten nicht mit meiner Reaktion. Da, wo ich eben noch gelegen hatte, rissen ihre Projektile nichts als Luftlöcher, denn ich hatte mich selbst in die Höhe katapultiert. Mit zwei federnden Sätzen erreichte ich den Hubschrauber. Die MPi ließ ich fallen.

Ich schnellte hoch.

Ohne den Umweg über die Landekufen erreichte ich die Unterkante des Kabineneinstiegs.

Polzoni und sein Bodyguard wollten ihren Fehler wettmachen. Abermals warfen sie sich herum, brachten die Waffen in Anschlag - und nur noch ein Fingerkrümmen trennte mich vom sicheren Tod in der offenen Kabinentür des Hubschraubers.

Milo und Clive waren aufgesprungen. Erbarmungslos ließen sie ihre Waffen hämmern und machten ein Ende - buchstäblich in letzter Sekunde.

Noch während ich mich in der Kanzel aufrichtete, zog ich den Smith & Wesson. Castanza und Mingione standen mir gegenüber. Beide halb angezogen, beide mit Berettas hinter dem Hosenbund.

Castanza war breitschultrig und durchtrainiert, höchstens Mitte Dreißig. Sein schwarzes Haar war kurzgeschoren, die dunklen Augen klein und stechend. Er trug ein rotes Munde-Shirt und eine dunkelgraue Anzugshose. Mingione war einen halben Kopf größer als sein Nebenmann, ein muskelbepackter Klotz von einem Kerl. Die schmalzigen schwarzen Locken hatte er noch nicht wieder ordnen können. Außer einer dunkelblauen Hose, von einem hastig zugezogenen Gürtel gehalten, trug er nichts auf dem Leib.

Diese Sekunde, in der wir uns anstarrten, wuchs zur Ewigkeit. So schien es mir, so musste es auch ihnen vorkommen.

Der Hubschrauber startete, stieg empor wie ein Expresslift, neigte sich gleichzeitig nach vorn und nahm Fahrt auf - hinaus auf den Hudson River.

Mit der linken Hand erwischte ich eine Haltestange über der Türöffnung. Die Unterbosse folgten meinem Beispiel. Wie Automaten, marionettenhaft. Doch sie ließen es nicht dabei bewenden. Ihre Hände zuckten abwärts, krallten sich um die klobigen Griffstücke der Pistolen.

Mein Revolver ruckte hoch. Und ich brüllte sie an: »Die Waffen weg!«

Ebensogut hätte ich die Turbine über meinem Kopf anbrüllen können. Die Berettas flogen empor. Daumen lösten die Sicherungshebel, und Zeigefinger krümmten sich.

Ich hatte keine Wahl. Durchziehen und den Smith & Wesson schwenken waren eins. Das Magnum-Kaliber wummerte in meiner Faust, und ich sah, wie sich der Copilot erschrocken umdrehte. Erst jetzt schienen sie vorn im Cockpit mitzukriegen, was hinter ihnen ablief.

Aus der Bewegung heraus zog ich zum zweiten Mal durch. Wieder ruckte und dröhnte der Magnum. Die Reaktion auf meine Schüsse spielte sich ab wie in Zeitlupe.

Castanzas rechter Arm wurde nach hinten geschleudert. Die ungeheure Wucht des Einschusses riss seinen Oberkörper herum. Während sich die Beretta aus seinen Fingern löste und in die Tiefe fiel, musste es ein Reflex sein, der ihn veranlasste, die linke Hand vom Haltegriff zu lösen.

Mingione, neben ihm, stand wie versteinert. Er starrte an sich hinunter. Seine Augen weiteten sich ungläubig, als er sah, wie ihm die Beretta aus der Hand rutschte und er nichts dagegen tun konnte. Seine Finger hatten einfach keine Kraft mehr. Und er kriegte nicht mit, was neben ihm geschah, direkt neben ihm.

Castanzas Gesicht war vor Schmerz verzerrt. Er griff nach seiner Armwunde. Im ersten Moment merkte er nicht, dass er schwankte. Die Fluglage des Hubschraubers war stabil. Dennoch wurde Castanzas Schwanken heftiger. Er krümmte sich vor Schmerzen. Und verlor das Gleichgewicht. Er brüllte vor Entsetzen, als er rücklings aus der Maschine kippte. Vergeblich ruderte er mit dem unverletzten Arm. Sein Schrei gellte durch Turbinengeheul und Rotorklatschen.

Freddy Mingione sah aus, als hätte er es nicht einmal gehört. Sein Blick löste sich von seiner Armwunde und wanderte zu mir - dann zurück zu der Wunde und wieder zu mir. Blinde Wut malte sich in seine Gesichtszüge.

Der Pilot drehte sich um, schien fragen zu wollen, was er tun sollte. Aber Mingione war nicht in der Lage, zu antworten. Seine Wut hatte Besitz von ihm ergriffen. Er kam auf mich zu - langsam, wie ein Tiger, der seinen Sprung erst noch vorbereitet.

Ich holsterte den Revolver. Mingione grinste.

Ich wusste, er hielt mich für einen armen Irren. Er an meiner Stelle hätte sich nichts daraus gemacht, einen Unbewaffneten mit Blei vollzupumpen. Fairness war ein Fremdwort für diesen Muskelprotz. Und damit, dass jemand dieses sonderbare Verhalten ihm gegenüber an den Tag legte, konnte er nun überhaupt nichts anfangen. Außer der Fairness gab es aber einen zweiten Grund für meine Rücksichtnahme: Falls Rico Castanza den Sturz in den Fluss nicht überlebte, war Freddy Mingione der einzige Torrini-Unterboss, der uns blieb. Entsprechend wertvoll war er mir.

Sein Grinsen verbreiterte sich. Er sah aus, als ob er meine Gedanken lesen konnte. Aber dazu war er nicht in der Lage. Ausgeschlossen! So viel Verstand traute ich ihm einfach nicht zu. In der Mob-Familie Torrini war er der Mann fürs Grobe, getreu dem Motto »Erst schießen, dann fragen«.

Allerdings hatte ich nicht vor, ihn in die Fittiche des Torrini-Mobs zurückkehren zu lassen. Wenn er sehr viel Glück hatte, konnte Mingione in vier oder fünf Jahren auf ein bisschen Hafterleichterung hoffen. Das hing davon ab, in welches Staatsgefängnis man ihn steckte und wie die zuständigen Gefängnisdirektoren zu diesen Dingen eingestellt waren.

Die Situation hatte schon was.

Ein Hubschrauber, auf beiden Seiten offen. Flughöhe schätzungsweise hundert Meter - und zunehmend Höllenlärm von Turbine und Rotor Eiseskälte durch herein peitschenden Wind.

Wobei Freddy Mingione rein klamottenmäßig benachteiligt war. Normalerweise mussten ihm schon die Zähne klappern. Aber vermutlich war er der Typ, der das Frieren durch stramme Haltung ausglich. Und die Armwunde sollte ihn auch nicht daran hindern, mir den Kopf abzureißen. Im Gegensatz zu ihm war ich durchaus in der Lage, Gedanken zu lesen. Vor allem seine, weil sie so offensichtlich waren.

Ich spannte die Muskeln. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass wir auf die George Washington Bridge zuflogen. Touristen auf einem Hubschrauberrundflug hätten das sicherlich atemberaubend gefunden. Ich fand es nebensächlich.

Freddy Mingione stieß einen Angriffsschrei aus. Ich hörte ihn nicht, sah nur, wie er den Mund aufriss. Und er sprang mich an - die unversehrte Linke als Hammerfaust voran. Riskant für ihn, denn ein Sidestep von mir hätte genügt, und seinem Abflug hätte nichts mehr im Weg gestanden. Also stoppte ich ihn auf die einfachste denkbare Weise. Halbe Drehung, hochgerissenes Knie und abwärts getupfte Handkante! Die Hammerfaust zischte an meinem Gesicht vorbei. Trotz des Lärms hörte ich Freddys verblüfften Laut, als er in meiner betonharten Schere aus Knie und Handkante festklemmte. Ein Ruck ging durch den Hubschrauberrumpf, als ich den Kerl zu Boden fallen ließ. Doch der Pilot hielt die Maschine auf Kurs. Und ich hatte die Rechnung ohne Mingiones Nehmerqualitäten gemacht. Auch seine Heimtücke spielte eine wesentliche Rolle. Mit ein, zwei Handkanten wollte ich ihm den Rest geben. Es blieb beim Wollen

Etwas wie eine Eisenkralle schloss sich plötzlich um meine Fußgelenke und riss mich von den Beinen. Ich konnte mich nicht mehr halten, ohne Boden unter den Füßen. Vergeblich ruderte ich mit den Armen, vergeblich suchte ich etwas zum Festhalten. Ich stürzte. Dein eigener Fehler!. schrie meine innere Stimme. Korrekt! Ich hatte Mingione für halb bewusstlos gehalten. Jeder Nachwuchs-G-man auf der FBI-Akademie lernt, dass man sich auf seinen Eindruck nicht verlassen soll. Niemals!

Aber ich hatte keine Alternative gehabt. So schnell, wie Freddy Mingione mit seinem Eisenarm gekrallt hatte, hätte ich gar nicht ausweichen können.

Ich krachte auf den Boden der Hubschrauberkabine Irgendwo in der Nähe der Pilotensitze schlug ich mit dem Kopf auf. Blitze zuckten durch die Dunkelheit, die sich auf mein Bewusstsein herabsenkte. Tausend Sterne glühten, und ich versank in die Schwärze der Bewusstlosigkeit. Doch meine Willenskraft sank nicht mit. Mit aller Macht kämpfte ich gegen die Ohnmacht an, denn mir war klar, dass mich Freddy Mingione seinem Kumpel Castanza hinterherschicken würde, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich schaffte es.

Das Erste, was ich wahrnahm, spielte sich innerhalb meiner Schädeldecke ab. Jemand schien dort eine Großbaustelle eröffnet zu haben. Keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen war, als ich endlich die Augen wieder aufkriegte.

Zu viel Zeit!

Das sagte mir Freddys Grinsen. Es war direkt über mir - so dicht, dass mich der Alkoholdunst seines Atems wie eine Wolke einhüllte. Er sagte etwas, doch ich konnte es nicht hören. Ich musste es ihm von den verächtlich geschürzten Lippen ablesen.

Es sah so aus wie: »Scheiß-Bulle! Fahr zur Hölle, Scheiß-Bulle!«

Das Ticket hatte er auch schon für mich. Es hatte Patronen mit Hohlspitzgeschossen in der Trommel, war über ein Kilo schwer und stammte aus meinem eigenen Schnellziehholster. Er setzte mir die Mündung zwischen die Augenbrauen. Innerlich fluchte ich auf mich selbst. Warum, zum Teufel, hatte ich mich so angestrengt, wieder an Deck zu kommen? Bewusstlos stirbt's sich leichter. Vermutete ich jedenfalls, auch wenn ich keine Erfahrungsbericht darüber kannte.

Mingiones Grinsen war teuflisch. Ich sah es wie in Großaufnahme. Sein einziges Problem bestand darin, dass er den Smith & Wesson mit der linken Hand halten und auch abfeuern musste. Es machte ihm Mühe, den Zeigefinger durch den Abzugsbügel zu stecken.

Ich nahm mir nicht die Zeit, diese Feststellung gedanklich zu verarbeiten. Ich handelte.

Mit einem jähen Blick warf ich den Kopf herum. Die Laufmündung schrammte über meine linke Augenbraue, die Schläfe - und riss mir fast das Ohr weg. Ich rechnete mit dem Donnerschlag. Reflexartig schloss ich die Augen, öffnete den Mund. Das Trommelfell würde ich vergessen können. Es würde nie wieder zu gebrauchen sein.

Doch nichts geschah.

Im Hubschrauberlärm hörte ich Mingione fluchen. Und ich begriff.

Durch den Ruck war sein Zeigefinger abgeglitten. Er hatte ihn nicht mehr rechtzeitig durch den Bügel gekriegt, auf den Abzug. Der Schock darüber verzerrte sein Gesicht. Wild entschlossen versuchte er, seinen Fehler wettzumachen. Doch es war nicht nur dieser eine Fehler, den er begangen hatte. Er hockte über mir. Weil ich bewusstlos gewesen war, hatte er auf zusätzliche Sicherheit verzichtet. Deshalb waren meine Arme und Beine frei.

Ich zog das rechte Bein an. Ich tat es mit aller Kraft, rammte ihm das Knie in die verlängerte Kehrseite. Er schrie auf. Noch während er sich abmühte, den Finger um den Abzug zu kriegen, wurde er nach vorn geschleudert. Sein Schockschrei strich über mich hinweg. Es polterte in der Nähe meiner Gehörgänge. Das war der Smith & Wesson, den er aus der Hand verloren hatte. Ich fügte seinem Schock eine Schmerzwelle hinzu, indem ich ihm beide Fäuste gleichzeitig unter die Rippen rammte. Er brüllte wie ein Stier. Es war die reinste Freude für mich, wusste ich doch zu würdigen, dass mein Gehör noch funktionierte. Aber ich genehmigte mir keine Verschnaufpause, kein Durchatmen. Während Freddy noch brüllte, stieß ich ihn von mir weg. Mit beiden Fäusten stemmte ich ihn hoch, zog die Beine an und nahm die Füße zu Hilfe. Die Wucht meiner geballten Muskelanstrengung schleuderte ihn empor. Er fuchtelte in der Luft, als es ihn hochhob, und sein Gebrüll wollte kein Ende nehmen.

Der Pilot verstand irgendwas falsch. Das Geräusch der Turbinen und des Rotors veränderte sich plötzlich; ein starker Heulton kam hinzu. Die Maschine legte sich auf die Seite nach Steuerbord. Geistesgegenwärtig griff ich in das Sitzgestänge über meinem Kopf - klammerte mich fest.

Den brüllenden Unterboss erwischte das Flugmanöver mitten im freien Schweben. Ich hatte keine Hand frei, konnte ohnehin nicht schnell genug reagieren. Und er hatte nur die eine gesunde Hand. Sie nutzte ihm nichts mehr, denn in der Mitte der Kabine gab es nichts zum Festhalten - nur freien Raum, nur Luft.

Freddy Mingiones Gebrüll versiegte, während er nach Steuerbord abtauchte, in die Tiefe. Ich wurde herumgerissen. Meine Füße zeigten in die gleiche Richtung, und statt des Himmels sah ich nun die Häuser und das Grün der Uferlandschaft von New Jersey, und schräg unter mir war das Bleigrau der Wasserfläche Freddy Mingione schlug auf wie ein Brett, klein wie ein Zinnsoldat. Das Silber der haushoch aufsteigenden Fontäne schloss ihn ein.

Mein Smith & Wesson rutschte aus einer Bodenmulde neben meinem Kopf hervor und sauste abwärts - eine registrierte Dienstwaffe des FBI, die dauerhaft im Schlick des Hudson River versinken würde. Es war meine geringste Sorge. Was auf mich zukam, würde schlimmer sein.

Der Hubschrauber legte sich zurück in die Gerade, ging erneut in den Steigflug über Links und rechts pendelte sich der Himmel ein. Ich schaffte es, mich umzudrehen. Doch ich hielt mich weiter fest, richtete mich halb auf.

Details

Seiten
178
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933550
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504597
Schlagworte
auftrag familie

Autor

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Titel: Im Auftrag der Familie