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Goldene Fährte des Grauens

2019 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Goldene Fährte des Grauens

Copyright

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Goldene Fährte des Grauens

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Nachdem bei einem Soldatentransport viel Gold gestohlen wurde, ist der Soldat Ray Warren auf der Suche danach. Als er einen Hinweis zum Aufenthaltsort bekommt, muss er selbst das Gesetzt brechen und gemeinsam mit den Banditen in Indianergebiet reiten. Wird er das dringend benötigte Geld für die Armee retten können?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Ed Cook saß zusammengesunken im Office des Sheriffs, die Hände umeinander verkrampft. Es sah aus, als habe der Bandit aufgegeben.

„Ich weiß nichts!“, schrie er plötzlich. „Nichts! Hört ihr denn nicht?“

Ray Warren, Second Lieutenant aus Fort Pierre, ging um den Tisch herum und blickte Ed ins Gesicht. Der Atem des Mannes streifte Warren, während er auf die tanzenden Punkte tief in Eds Augen blickte. Der Kerl hatte Angst und es gelang ihm schon nicht mehr, sie zu verbergen.

„Fünf Soldaten wurden damals bei eurem Raubüberfall ermordet“, sagte Ray Warren.

„Unsere Leute fanden sie. Sie fanden auch noch einen Toten, der kein Soldat gewesen war. Nur deswegen wussten wir, dass es kein Indianerüberfall gewesen war. — Fünf ermordete Soldaten, Ed. Willst du für sie alle allein gehängt werden? Es sieht schlimm für dich aus. Dich haben wir erwischt, als du einen Goldbarren zu Geld machen wolltest. Der Stempel auf dem Barren fiel auf. Es war ein Goldbarren aus dem Raub! Hunderttausend Dollar ist die geraubte Wagenladung wert. Du warst es nicht allein, Ed. Also pack aus, oder willst du allein an den Galgen kommen?“

Ein Zittern schien Eds Körper zu durchlaufen. Er schielte zur Tür, von der er nur wenige Schritte entfernt war, und dann sprang er schneller in die Höhe, als Ray gerechnet hatte.

Ray Warren sah die Faust auf sich zukommen, spürte den Schlag und die Wucht, die ihn rückwärts trieb.

Ray prallte hart gegen die Wand.

Ed sprang auf und rannte auf die Tür zu.

„Halt!“, schrie der Sheriff.

Da sprang Ray dem Banditen entgegen und schlug von der Seite zu. Er traf ihn gegen die Schläfe, sah ihn nach links taumeln und gegen einen Stuhl prallen, den er umriss.

Ray ließ die Hände sinken, als Ed auf den Boden krachte.

„Steh auf!“, herrschte er ihn an. „Los, Ed, steh auf, es kann weitergehen!“

Ed rappelte sich auf. Sein Blick wurde furchtsam.

„Sprich!“, sagte Ray ruhig, aber seine Stimme schien zu klirren.

„Wir waren sechs“, murmelte Ed resignierend. „Danach noch fünf. Wir haben den ganzen Wagen versteckt. In einer Höhle. Jeder bekam nur einen Goldbarren. Als wir aus den Bergen waren, trennten wir uns.“

Ed blickte zu Sheriff Bedford hinüber.

„Und weiter?“, fragte Bedford. „Das war doch nur der Anfang?“

Ed nagte nervös an der Unterlippe.

„Vermutlich wird man dich in Fort Pierre vor ein Militärgericht stellen“, meinte der Sheriff. „Vielleicht spielt es dann eine Rolle für dich, ob du noch allein bist, Cook. Den Kronzeugen kannst du nur gegen die anderen, nicht gegen dich selbst machen.“

Ray Warren trat zurück. Er bemerkte den Kampf, den der Bandit mit sich selbst ausfocht, und er hoffte, dass die Angst vor dem Galgen ihm ein Geständnis abringen würde.

„Wir hatten beschlossen, bis zum April zu warten“, sagte Ed schließlich schwer. „Am 15. wollten wir uns in Rapid City treffen.“

„Also in einer Woche“, sagte der Sheriff.

Ed schaute ihn immer noch an.

„Ich brauchte einen neuen Sattel“, knurrte er. „Einen Colt mehr. Seit einem halben Jahr gehört das Gebiet der Black Hills nach dem Vertrag von Fort Laramie den Sioux.“

„Das wissen wir“, unterbrach Ray ihn. „Weiter!“

„Brock meinte, es müsste Gras über die Sache wachsen, ehe wir das Gold holen könnten. Jetzt können die Soldaten wegen des Vertrages mit den Indianern nicht mehr dort hin. Es wird einfacher sein, als wir erst dachten.“

„Du hast vergessen, wo du bist, Cook“, erinnerte der Sheriff.

Eds Gesicht verfinsterte sich schlagartig.

„Ihr wollt euch also in Rapid City treffen“, fasste Ray zusammen. „Am 15. April. Wer alles?“

„Brock Hutton, Art Clair, Slim Breeze, Sam Miles und ich.“

„Ganz schön“, erklärte der Sheriff. „Bis zum 15. April schaffen Sie es nicht bis Fort Pierre und von dort nach Rapid City, Warren.“

„Ich weiß. Aber anderswo kann ich keine Verstärkung holen. — Kennen Sie Rapid City?“, fragte Ray Warren.

„Ein wenig. Eine turbulente Stadt, die am Rande der Berge liegt und ihre Sorgen hat. Dort werden Sie kaum auf Hilfe rechnen können.“

Ray Warren ging wieder auf Ed zu und beugte sich etwas nieder, um ihm in die Augen sehen zu können.

„Wie lange hast du die anderen gekannt?“, fragte er.

„Nicht sehr lange. Brock hat mir einmal aus der Klemme geholfen. Zwei Monate vorher.“

„Weiß er, dass du einen Bruder hast?“

„Einen Bruder? — Ich habe keinen Bruder.“

„Doch, Ed, du hast jetzt einen Bruder. Er heißt Ray Cook. Ich werde diese Rolle spielen. Du wirst mir einen Brief an Brock mitgeben, in dem steht, dass du bei einer Schießerei schwer verletzt worden bist und nicht nach Rapid City kommen kannst. Um angeblich deinen Anteil zu sichern, schickst du mich als deinen Bruder Ray. Kennt einer der Kerle deine Handschrift?“

„Ich kann nicht schreiben.“

„Du lügst“, meinte der Sheriff.

„Dabei weißt du, dass es um deinen Kopf geht!“

Ray griff nach einem Stück Papier, das er zwischen Eds Hände schob.

„Dann wirst du mir die Kerle genau beschreiben“, sagte er. „Als dein Bruder muss ich ja die Banditen kennen!“

 

 

2

Sheriff Bedford warf den Schlüssel vom Jail auf den Schreibtisch, setzte sich, rollte geschickt eine Zigarette und brannte sie an.

„Sie riskieren Kopf und Kragen“, sagte er. „Und dazu haben Sie noch nicht einmal die Zustimmung Ihres Vorgesetzten.“

Ray Warren faltete das Schreiben zusammen und schob es in die Tasche.

„Ich glaube, mein Vorgesetzter wird alles vergessen, wenn ich ihm das Geld ins Fort bringe.“

„Kann sein. Wenn aber herauskommt, dass Sie, ein Soldat, in die Black Hills gegangen sind, hilft Ihnen kein Mensch. Sie kennen den Vertrag von Fort Laramie?“

„Natürlich, Sheriff. Wissen Sie etwas Besseres?“

„Ed weiß, wo das Gold zu finden ist.“

„Jeder der fünf Banditen scheint es zu wissen. Wenn nur einer kommt, ist das Gold vermutlich verloren. Denn auch wenn die Armee die hunderttausend Dollar sehr dringend braucht, wird sie den Vertrag von Fort Laramie deshalb nicht brechen.“

„Eine verdammte Geschichte, Second Lieutenant.“

„Allerdings, Sheriff. Ich möchte auch vermeiden, dass einer entkommt.“

Der Sheriff lächelte bitter. „Wahrscheinlich werden die Burschen schneller wissen, wer Sie wirklich sind, als Ihnen recht sein kann. Sie haben es mit vielen Gegnern zu tun und sollten auch die Dakotas nicht vergessen. Kann ich irgendetwas für sie tun?“

„Bringen Sie Ed Cook nach Fort Pierre und erklären Sie dem Major, dass es nur diesen einen Weg gab, nachdem wir wussten, wie schnell es zu handeln galt.“

„Gut, Second Lieutenant. Ich bin gespannt, ob Sie lebend zurückkommen oder ob das Gold nun wirklich spurlos verschwindet. Jedenfalls wünsche ich Ihnen Glück.“

„Danke.“

„Ich habe übrigens noch einen Mann zum Territoriumsrichter zu bringen. Er wartet schon acht Tage darauf.“

„Was für einen Mann?“

„Einen Rinderdieb.“

„Dann sollten Sie vielleicht einen Deputy mitnehmen.“

„Dazu müsste ich erst einen haben. Sie brauchen sich schon keine Sorgen zu machen.“

 

 

3

Das Holz im Feuer prasselte. Funken stoben in den Himmel.

Ed Cook sah, dass der Kutscher sich niedergelegt hatte und zu schnarchen begann. Er blickte den Mann neben sich an. Die Kette, die seinen linken Arm mit dem rechten des Rinderdiebes verband, klirrte leise.

Sheriff Bedford stand bei den Sagebüschen, über die er hinwegblickte.

„Es ist die letzte Nacht!“, zischte Cook. „Er ist müde wie ein alter Büffelwolf. Weißt du nicht, was auf Viehdiebstahl steht?“

„Doch. Wie wollen wir es denn machen?“

„Du wirfst dich hin und beginnst zu schreien. Sage ihm, er hätte das Essen vergiftet und du hast furchtbare Leibschmerzen.“

„Dann wird der Kutscher munter werden.“

„Natürlich. Erst wenn beide hier sind, machen wir es. Den Kutscher nehme ich.“

„Und du beteiligst mich wirklich?“

„Die Hälfte von meinem Anteil.“

„Na schön.“

„Los, fang an, Joe!“

Der Rinderdieb blickte zu der Kutsche hinüber.

An das linke Hinterrad waren die Pferde gebunden. Sie konnten sich an langen Leinen fast frei bewegen.

Sein Blick schweifte zum Dach der Kutsche weiter.

Dort oben lagen zwei Sättel. Der eine gehörte zu Eds Sachen, der andere dem Sheriff.

„Worauf wartest du?“, zischte Cook.

Da warf Joe Tamplin sich ins Büffelgras und begann laut zu schreien.

Der Kutscher fuhr in die Höhe und griff nach seinem Gewehr.

Der Sheriff kam ein paar Schritte zum Feuer und blieb wieder stehen.

„Hör auf, verdammt!“, brüllte er.

Tamplin schrie noch lauter und wälzte sich herum, so dass die Kette straff gespannt und Cooks Arm nach der Seite gezogen wurde.

„Tamplin, aufhören!“, rief der Sheriff.

Der Kutscher stand auf und zog den außenliegenden Hammer der Sharps zurück.

Tamplin schrie immer noch.

„Das Fleisch scheint nicht mehr einwandfrei gewesen zu sein“, sagte Cook. „Ich merke es auch. Du nicht, Kutscher?“

Der Kutscher schüttelte den Kopf und blickte den Sheriff fragend an.

Tamplins Geschrei ging in ein Röcheln über.

Bedford zog den Colt aus der Halfter, kam langsam und misstrauisch näher und winkte dem Kutscher, nach der Seite zu gehen.

Cook blickte zu Boden.

Er konnte von dem Fahrer nur die Stiefel sehen, die sich ihm von rechts näherten.

Tamplin wälzte sich wieder auf den Rücken.

„Ihr Halunken habt mich vergiftet!“, schrie er.

Bedford kniete nieder. Sein Colt senkte sich langsam.

Ed Cook sah die Stiefel des Fahrers noch näherkommen.

„Jetzt, Joe!“, schrie er und griff mit der rechten Hand zu.

Er hörte einen hallenden Faustschlag, als er das eine Bein des überraschten Kutschers gepackt hielt und vorwärts riss.

Dröhnend entlud sich das Gewehr und fiel rauchend zu Boden.

Ed riss noch einmal, hörte einen zweiten Schuss und merkte, wie der Kutscher zu schwanken begann. Er blickte in die Höhe.

Neben ihm fiel der Fahrer ins Gras.

Ed wandte sich um.

Tamplin hatte den Colt des Sheriffs in der Hand.

Bedford lag neben ihm und schien bewusstlos zu sein.

„Das hat geklappt“, sagte Tamplin ächzend. „Ist er tot?“

„Ich weiß nicht. Nimm ihm den Schlüssel ab.“

Fünf Minuten später hatten die beiden Banditen die Pferde gesattelt und alle Waffen an sich gebracht.

„Ist er nun tot oder nicht?“, knurrte Tamplin.

„Woher soll ich das wissen. Sieh doch nach.“

Tamplin schwang sich in den Sattel und ritt auf den Kutscher zu.

Er sah, dass der Mann die Augen offen hatte.

„Er ist nicht tot“, meinte er. „Tut mir leid, alter Mann. Du hättest diesen Job nicht übernehmen sollen.“

„Los, zum Teufel!“, zischte Cook. „Wenn der Sheriff aufwacht, bricht die Hölle los. Du weißt doch, wie er ist. Ich möchte keinen Sternträger umbringen müssen.“

Tamplin riss das Pferd heftig herum und schlug ihm mit der Faust zwischen die Ohren.

Die beiden Verbrecher jagten die Tiere durch die verfilzten Büsche und an den Cottonwoods vorbei, die sich zum Hügelrücken hinaufzogen. Bald darauf verklang der Hufschlag.

Der Kutscher richtete sich auf. „Bedford“, sagte er hohl. Keuchend sank er zurück.

Sheriff Bedford erwachte ein paar Minuten später, richtete sich benommen auf und blickte verwirrt um sich.

Dann sah er den Kutscher, die Fesseln und die Kutsche hinter dem Feuer, an deren Wagenkasten sich manchmal der Flammenschein spiegelte.

„Farwell?“, fragte er.

„Hilf mir. Mein Arm! Verdammt, wenn sie gemerkt hätten, dass es nur der Arm ist, hätten sie mich umgebracht.“

Bedford kroch auf Knien auf den Mann zu.

Die Kette rasselte, als er sie mit dem Fuß zur Seite stieß. Er blickte dem Kutscher in die Augen und sagte: „Wir müssen sie einholen!“

„Du bist verrückt. Wie denn? Sie haben die Pferde.“

„Wir müssen...“

„Wir können nur nach Fort Pierre weiter. Keine andere Stadt ist näher. Verbinde mir den Arm, los!“

Bedford setzte sich auf den Boden. Er schien nicht verstanden zu haben. Er dachte an Ray Warren, der auf seine Fähigkeiten vertraut hatte.

„Hörst du nicht?“, knurrte der Kutscher.

„Wie weit ist es von hier bis Rapid City?“, fragte der Sheriff. „Für die beiden?“

„Weiß ich nicht. Kommt darauf an. Vielleicht kann man es in drei Tagen schaffen.“

„Heute ist der dreizehnte.“

„Vielleicht schaffen sie es dann nicht mehr.“

Ed Cook stieß einen grimmigen Fluch aus, als er das Dutzend Hütten an der Krümmung des Creeks unter sich sah.

„Sieht aus, als wären sie an Land gespült worden“, meinte der Rinderdieb. „Ist das Rapid City?“

„Nein. Von hier aus sind es noch dreißig Meilen. Und heute ist der fünfzehnte.“

„Dann schaffen wir es nicht mehr.“

„Nein.“ Ed schlug mit der Faust auf die blanke Platte des Sattelhorns und fluchte wieder.

„Damit änderst du nichts“, brummte Tamplin. „Was können wir noch machen?“

„Ich weiß nicht.“

„Du kennst doch den Weg zu dem Versteck?“

„Natürlich.“

„Na also. Dann reiten wir direkt dorthin. Irgendwo holen wir die anderen schon ein. Dann kannst du dich immer noch rächen.“

„Vielleicht hat er sie in Rapid City alle verhaften lassen.“

„Meinst du, er könnte das Gold allein holen?“

„Wenn sie ihm gesagt haben, wo es zu finden ist, könnte das durchaus möglich sein.“

„Unsinn. Einer allein mit vier Pferden. Oder können auch zwei Pferde den Wagen ziehen?“

„Kann schon sein. Weiß ich nicht genau.“

„In Rapid City soll sich viel lichtscheues Gesindel herumtreiben. Ich glaube, es würde sich schnell herumsprechen. was in den Black Hills gesucht werden kann.“

„Er würde Soldaten mitnehmen müssen.“

„Glaubst du, er könnte das? Ich will dir etwas sagen: Der Regierung ist der Frieden mit den Rothäutigen wichtiger als hunderttausend Dollar in Gold. Das kannst du mir glauben. Dieser Höllenhund wird mit deinen Partnern reiten und sie irgendwann zu überlisten versuchen. Verlass dich darauf. Er scheint ein Einzelgänger zu sein. Wenn wir direkt zu der Höhle reiten, kürzen wir doch ab?“

„Ja.“

„Na also. Dann holen wir sie auch noch ein. Er wird sich verdammt wundern!“

Cook starrte immer noch auf die Stadt hinunter.

„Bist du schon einmal in den Black Hills gewesen?“, fragte er leise.

„Ich hatte noch keine Veranlassung dazu.“

„Gefährliche Sache. Das kannst du mir glauben. Die Indianer sind verrückt auf uns.“

„Ich weiß, Ed. Hast du Angst?“

„Es macht einen Unterschied, ob man vier Partner hat oder nur einen.“

„Wenn wir die anderen nicht treffen, sind wir auf jeden Fall schneller als dieser Warren. Denn dann hat er in Rapid City noch Arbeit, und es ist besser, man sieht uns dort nicht. In diesem Fall wäre niemand vor uns bei dem Gold, Ed!“

„Ja.“

„Hunderttausend. Für uns zwei! — Hast du nie daran gedacht, dir alles allein zu holen?“

„Nein. Es musste Gras über die Sache wachsen. Wir hatten auch ausgemacht, denjenigen gnadenlos zu jagen, der uns andere zu prellen versuchen würde.“

„Also los, Ed!“

Cook drehte sein Pferd und folgte Tamplin, der schon anritt. Sie folgten

dem Hügel ein Stück und ritten dann zum Creek hinunter.

 

 

4

Ray Warren ritt langsam in die Stadt hinein.

Vor dem Saloon hielt er, stieg ab und lockerte den Sattelgurt.

„Ihr Pferd sieht abgetrieben aus, Mister“, sagte eine Stimme neben ihm.

Ray wandte den Kopf und sah einen jungen Burschen, der ihn angrinste und die Hand offen vorgestreckt hielt.

Ray legte eine Münze hinein und stieg die Stufen hinauf.

Er stieß die Schwingtür des Saloons mit der Stiefelspitze auf.

Rauchschwaden und der Dunst von Essen und Whisky strömten ihm entgegen.

Niemand schien von ihm Notiz zu nehmen.

Ray ging langsam zur Theke hinüber.

„Whisky“, sagte er, als der Keeper ihn anschaute. Der Mann füllte ein Glas und schob es über den Schanktisch.

„Ich suche einen Mr. Brock Hutton.“

„Mister Hutton ist eben auf sein Zimmer gegangen“, sagte der Keeper. „Zimmer 107.“

„Danke.“

„Der Whisky kostet zwanzig Cent, Fremder.“

Ray schob das geforderte Geld über die Theke und trank den Whisky. Er warf das leere Glas ins Spülbecken und wandte sich ab.

Eine Gasse zwischen Tischen und Stühlen führte zu der Treppe, über die man die Galerie erreichen konnte.

Als Ray oben war, sah er, dass es höchstens zwölf bis fünfzehn Zimmer sein konnten, und er musste lächeln, als er daran dachte, dass der Hang aufzuschneiden mit jeder Meile, die man weiter in die Wildnis vordrang, größer wurde.

Ein paar Mädchen mit den bunten Federn im Haar und hauchdünnen Flitterkleidchen gingen kichernd an ihm vorbei.

Ray ging auf Zimmer 107 zu und schlug mit dem Handknöchel gegen die Tür.

„Wer ist da?“

„Cook.“

„Na endlich. Komm herein.“

Ray Warren kämpfte die Unsicherheit nieder.

Er drückte die Klinke herab und trat entschlossen in das Zimmer.

Vor ihm standen drei Männer, wie er das nun erwartet hatte. Aber bei ihnen war eine Frau. Eine junge, dunkelhaarige Frau, nicht älter als fünfundzwanzig, schlank, schmal im Gesicht und ein Glitzern in den dunklen Augen.

Sie sahen ihn alle überrascht, kalt, feindselig und doch abwartend an.

Ray stieß die Tür zu und lehnte sich daneben an die Wand.

„Ray Cook“, sagte er. „Ich komme in Vertretung meines Bruders.“

Der junge Bursche ließ die Kolben seiner Colts los. Brock Hutton, der große, scharfgesichtige Mann, kam näher.

„Wir wussten nicht, dass es zwei Cooks gibt“, meinte er.

„Früher waren wir sogar drei“, erwiderte Ray lächelnd.

Es war ihm klar, dass er ihr Misstrauen jetzt sofort einschläfern musste.

„Ed hielt das sicher für unwichtig. Inzwischen hatte er einen kleinen Unfall. Da meinte er, ich sollte mich um seinen Anteil kümmern.“

„Interessant“, murmelte Hutton.

„Was war das für ein Unfall?“

Ray zuckte die Schultern und bemühte sich, breit zu grinsen.

„Er ist sehr schnell mit dem Colt bei der Hand. Das müsstet ihr ja wissen. Eigentlich war es Notwehr. Aber was nützt ihm das. Jetzt liegt er in Butte in einem Bett und wird ein paar Monate brauchen, bis er wieder auf den Beinen ist.“

Brock Hutton ging rückwärts, bis er neben der Frau stand, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte. Er schaute sie von der Seite an und fragte: „Was sagst du dazu, Teresa?“

Sie hob die Schultern, lächelte und ließ sie wieder fallen.

„So wie du mir Ed beschrieben hast, sieht er nicht aus, Brock“, gab sie zurück. „Ich bin angenehm überrascht.“

„Gefällt er dir?“

„Sei doch nicht kindisch, Brock.“ Schweigen trat ein. Ray bemerkte, dass ihre Blicke finster wurden.

„Brüder sehen manchmal sehr verschieden aus“, sagte er, und seine Stimme klang etwas belegt. „Ed hat mir einen Brief mitgegeben. Er sagte, ihr würdet mir dann bestimmt glauben.“

„Her damit!“

Ray griff in die Tasche und warf das gefaltete Schreiben auf den Tisch.

 

 

5

„Ohne Zweifel von Ed“, sagte Sam Miles, zog seinen Colt und ließ ihn am Abzugsbügel über den Zeigefinger rotieren.

„Gibt es sonst noch Fragen?“

Hutton faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein.

Ray musterte den dritten Mann. Der war bestimmt fünfzig Jahre alt. Er hatte ein faltiges Gesicht. Seine Gestalt wirkte zusammengekrümmt. Seine Kleidung war alt und abgetragen.

„Ed hat dir sicher von uns erzählt“, sagte Hutton. „Wer ist das?“ Er zeigte auf den alten Mann.

„Das müsste Slim Breeze sein“, erwiderte Ray. „Ein ehemaliger Siedler aus Nebraska, den eine Heuschreckenplage in die Flucht geschlagen hat.“

„Die Heuschrecken haben mich bettelarm gemacht!“, zischte der alte Mann. „Und niemand gab mir einen Cent! Da bin ich auf die schiefe Bahn gekommen und ein Bandit geworden.“

Brock Hutton grinste.

„Er trauert seiner Redlichkeit nach“, erklärte er. „Und was weißt du von mir?“

„Nicht viel mehr, als dass du deine Vergangenheit totschweigst, Brock.“

„Dann hat er dir wirklich alles gesagt. Wieviel willst du?“

„Seinen Anteil, Brock.“

„Seinen ganzen Anteil?“

„Ja.“

„Wirklich?“, fragte der junge Bursche, der noch mit dem Colt herumspielte.

„Ganz bestimmt“, erwiderte Ray. „Hast du etwas dagegen?“

„Vielleicht, Cook. Nur hätte Brock etwas dagegen, wenn ich es dir jetzt sage.“

„Er spricht am liebsten durch seine Colts“, knurrte der alte Mann. „Der Teufel muss in seiner Hand stecken. Hüte dich vor ihm!“

„Danke, Slim.“

„Wollen wir uns nicht setzen?“, fragte die Frau.

„Von ihr hast du natürlich auch gehört?“, forschte Hutton. Es klang Misstrauen in seiner Frage.

Ray spürte das Prickeln unter der Haut wieder. Konnte es sein, dass Cook ihm eine geschickte Falle gestellt hatte, indem er eine Kleinigkeit nicht erwähnte?

Er schüttelte den Kopf.

„Sie muss Ed vergessen haben“, entgegnete er. „Vielleicht glaubte er, sie wäre nicht wichtig.“

„Eine Frau unter fünf Männern ist immer wichtig“, sagte der Siedler. „Es ist, als wenn man den Teufel persönlich mitnimmt.“

„Er hat etwas gegen sie“, meinte Hutton. „Sie ist meine Braut, Ray. Damals kannte ich sie noch nicht. Deshalb konnte Ed nicht von ihr erzählen.“

„Du lässt sie natürlich hier, wie?“, Hutton schaute die Frau wieder von der Seite an.

„Ich komme mit“, sagte sie eisig. „Denn hierher wird keiner von euch zurückkommen. “

„Ich bin dafür, dass er nur zehn Prozent bekommt“, sagte der junge Bursche. Er schob seinen Colt in die Halfter, riss den linken heraus und warf ihn in die Luft. Er grinste, als er die Hüfte vorschob und die Waffe in die Halfter zurückfiel.

„Ich glaube, damit kannst du auf ihn keinen Eindruck machen, Sam“, murmelte der ehemalige Siedler.

„Wirklich nicht, Cook?“

„Die aufregend schnellen Männer leben nicht lange, Sam“, meinte Ray. „Ich mache es schon fünf Jahre.“

„Du scheinst viel Glück zu haben. Art ist verhaftet worden, nicht wahr?“

„Los, setzt euch!“, schnaubte Hutton. Ray ging zu einem Stuhl und setzte sich. Er sah den jungen Miles einen Augenblick neben sich, spürte eine Berührung und griff nach seiner Halfter. Sie war leer.

In der gleichen Sekunde schlug Miles’ Lachen an seine Ohren.

Ray sah, dass der junge Bursche seinen Colt in der Hand hatte, ihn abschätzend wog und dann genau betrachtete.

„Armeerevolver“, sagte er. „Kaliber 44. Bist du Soldat gewesen?“

„Wer war das nicht?“

„Er war es nicht“, knurrte der Siedler. „Weil er noch ein Kind war. Und ich auch nicht. Weil ich schon damals ein steinalter Mann war. — Was wird nun wegen Art?“

Ray griff blitzschnell zu und drehte den Revolver in Sams Hand, so dass der loslassen musste.

Die Farbe verschwand aus Sams Gesicht und in seinen Augen blitzte es tückisch auf.

„Danke, Sam“, sagte Ray und lächelte ihn an. „Hast du nun alles gesehen?“

„Es schleichen Soldaten in Zivil herum, die nach dem verschollenen Gold suchen!“

Ray merkte, wie sich seine Muskeln anspannten und wie eine Hitzewelle durch seinen Körper schoss.

Er schaute den jungen wilden Burschen immer noch an, während er fast nur im Unterbewusstsein das tiefe Schweigen um sich registrierte.

„Was sagst du dazu, Cook?“, forschte Miles. „Viele Soldaten in Zivil, die hoffen, irgendwo einen Goldbarren sehen zu können.“

„Ich habe davon gehört, Sam“, murmelte Ray. Er wusste, dass er verloren war, wenn sie jetzt auf den Gedanken kamen, ihn zu überwältigen und seine Taschen zu durchwühlen.

Er hatte etwas bei sich, das ihn verraten würde!“

Er hatte das gewusst und es dennoch behalten, denn es konnte der Tag kommen, an dem er es brauchte.

„Ich glaube, Sam verdächtigt Eds Bruder, ein Soldat in Zivil zu sein“, sagte die Frau. „Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt, Brock?“

Hutton, der noch stand, kam um den Tisch herum und beugte sich vor Ray nieder, so dass sie sich in die Augen sehen konnten.

„Ist eure Heimat Kansas oder Texas gewesen, Cook?“, fragte er.

„Keins von beiden, Brock. Wir wuchsen in Idaho auf. Ed, John und ich.“

„Wer ist John?“

„Der dritte von uns, das sagte ich doch schon. Er starb sehr jung.“

„Ihr hattet eine Farm in Idaho?“

Ray stand auf und Hutton stellte sich gerade. Sie hatten einen Punkt erreicht, an dem Ray nicht mehr weiterwusste. Er sah den jungen wilden Burschen schräg hinter sich und sagte:

„Unser Vater war ein Bandit, damit ihr es genau wisst.“

„Davon hat Ed aber wirklich nie etwas gesagt“, meinte Slim Breeze verblüfft.

Ray zuckte die Schultern.

„Er hat sich schon immer für unseren Vater geschämt. Warum ist mir nie eingegangen. Zuerst war Dad wirklich Farmer gewesen.“

Ray blickte nun Breeze direkt an und lächelte dünn. „Du weißt ja, wie das so geht.“

Breeze nickte betrübt.

„Ich weiß es“, räumte er ein. „Und nun wollen wir endlich von etwas anderem reden.“

Ray setzte sich wieder, als er sah, wie sich Huttons Haltung entspannte.

Er wusste, dass er Breeze aus der Seele gesprochen hatte, und das war seine Absicht gewesen.

Hutton setzte sich neben Teresa und griff nach ihrer Hand, die auf dem Tisch lag.

„Steh nicht so herum, Sam“, knurrte er. „Das macht mich nervös.“

Sam Miles grinste scharf über den Tisch hinweg und schwang das linke Bein über eine Stuhllehne, um sich neben Ray zu setzen.

„Wegen Art?“, erkundigte er sich. „Zu dumm, dass der Sheriff ihn ins Jail gesperrt hat. Warum musste Art auch im Saloon randalieren! Hast du Angst, dass er spricht, Brock?“

Ray atmete auf. Das Thema wandte sich Art Clair zu. Sie schienen alle mit seinen Auskünften zufrieden zu sein. „Art sagt nichts“, meinte Breeze.

„So lange, wie er hofft, dass wir ihm helfen“, wandte Miles ein.

„Wir wollten die Stadt noch heute verlassen. Wenn wir es tun, wird er es irgendwie erfahren. Dann schweigt er nicht mehr.“

„Wenn er redet, legt er sich selbst den Strick um den Hals“, sagte das Mädchen und blickte Hutton fragend an.

„Stimmt“, gab er zu. „Aber vielleicht denkt er nicht daran. Er wird uns hassen, wenn wir ihn in der Tinte sitzenlassen. Und er wird reden, verlass dich darauf, Teresa.“

„Dann gibt es nur zwei Wege“, mischte sich Miles ein. „Entweder wir holen ihn heraus, oder wir sorgen dafür, dass er nicht reden kann. Einfache Sache, nicht wahr?“

Ray sah, dass der ehemalige Siedler die Farbe aus dem Gesicht verloren hatte.

„Stell dich nicht so an“, knurrte Miles, der es auch bemerkt zu haben schien. „Es geht um hunderttausend Dollar. Da kann man sich Gefühle sparen. Was meinst du, Cook?“

„Du hast recht, Sam. Zwei vernünftige Vorschläge. Die Frage ist nur, wie wir sie realisieren sollen.“

„Vielleicht willst du uns einen Vorschlag machen, Cook?“

Sie blickten ihn alle gespannt an. Ray lächelte etwas und sagte:

„Am Ende der Stadt im Osten sah ich eine halbverfallene Hütte. Sicher ist sie schon lange nicht mehr bewohnt. Man müsste sie mitten in der Nacht in Brand stecken. Zu einer Zeit, da die meisten Leute schlafen. Der Marshal wird bestimmt nachsehen, wieso die Hütte brennt. Wenn überhaupt dann noch jemand in seinem Office ist, wird es ein Deputy sein. Einer allein. Ich könnte mir vorstellen, dass man ihn leicht überwältigen und an den Schlüssel zum Jail kommen kann.“

„Eine prachtvolle Idee“, murmelte Hutton. „Ich glaube, Ray, du bist noch besser als Ed.“

„Das sagte unser Vater schon immer, Brock. Wenn Art frei ist, müssen wir zwei verschiedene Richtungen einschlagen. Sie werden dann nicht wissen, welcher sie folgen sollen. Natürlich sollte keine davon in die Berge führen. Das könnte verdächtig sein. Wir machen am besten einen Ort im Norden aus, an dem wir uns treffen können.“

„Und wer soll Art befreien?“, erkundigte sich Miles.

„Du und Ray“, bestimmte Hutton. „Das andere übernehme ich mit Slim.“

„Bliebe nur noch die Frage, ob deine Braut mit uns kommen soll“, sagte Slim Breeze und blickte das Mädchen an.

„Sie kommt mit“, brummte Hutton. „Jeder von euch weiß, dass sie es sich so in den Kopf gesetzt hat. Das wäre im Moment alles. Ray, diese Nacht kannst du zeigen, ob du zu uns gehörst.“

„Wieso?“, fragte Miles verständnislos. „Ganz einfach“, meinte das Mädchen und lächelte ihn an. „Ein Soldat wird niemals einem Marshall den Gefangenen aus dem Jail holen, Sam. Das solltest du eigentlich wissen.“

Ray stand auf.

„Ich gehe jetzt etwas essen“, sagte er.

 

 

6

Es wurde dunkel, als Ray Warren an die Stepwalkkante trat und zum Office des Marshals hinüberblickte. Der hünenhafte Mann stand vor der Tür und rauchte eine dünne schwarze Zigarre.

Wahrscheinlich würde man für seine Maßnahme in Fort Pierre kein Verständnis aufbringen. Er hoffte jedoch, am Ende mit dem geraubten Gold ankommen zu können und dadurch alles in ein anderes Licht zu rücken. Im Moment gab es nur diesen einen Weg; er musste das Spiel mitmachen und ihr volles Vertrauen erringen. Wie es dann weitergehen sollte, wusste er selbst nicht.

Ray spürte, dass jemand hinter ihn getreten war.

„Störe ich?“, hörte er Teresas schwingende Stimme fragen.

Er blickte sie über die Schulter an, war erleichtert und schüttelte den Kopf.

„Natürlich nicht.“

Sie trat an seine Seite und blickte ebenfalls über die Fahrbahn hinweg.

„Alle haben sich dafür interessiert, wieso Brock mich mitgebracht hat“, sagte sie. „Nur Sie nicht, Ray. Warum eigentlich nicht?“

„Weil ich mir denken kann, wie es vor sich ging, Teresa.“

„So?“

„Ja. Vermutlich waren Sie Tanzmädchen in einem Saloon, und er vertrieb sich dort die Wartezeit.“

„Erstaunlich. Kennen wir uns von irgendwo?“

„Nein, Teresa.“

„Und weiter?“

„Sie werden ihn beobachtet haben und zogen ihm die Geschichte in einem günstigen Moment aus der Nase. Sicher, als er einmal zu viel getrunken hatte. Das ist der übliche Weg.“

„Stimmt genau. Ich zog ihm aber nicht die Geschichte aus der Nase, sondern ein paar Goldbrocken fielen aus seiner Tasche.“

„Das dürfte kaum ein Unterschied sein. Hat er Ihnen einen Anteil versprochen?“

„Ja und nein. Wir wollen heiraten, wenn es hinter uns liegt.“

„Meinen Glückwunsch“, sagte Ray und grinste.

„Danke, Ray. Wissen Sie, wenn man jahrelang in einem Saloon für betrunkene Cowboys und üble Geschäftemacher getanzt und gesungen hat, greift man nach jeder Chance. Nach jeder!“

„Bei mir brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, Teresa. Wir jagen doch beide dem gleichen nach.“ Er sah ihren prüfenden Blick, der sein Inneres erforschen wollte, und lächelte stärker. „Ist es nicht so?“

„Doch“, erwiderte sie und wandte sich ab.

Ray sah sie im Saloon verschwinden und blickte wieder über die Straße. Er war wieder unsicher geworden.

Diese Frau war scharfsinnig und wachsam.

Sie wollte Hutton heiraten, weil es für sie Sicherheit für die Zukunft bedeuten musste. In den verräucherten Saloons hatte sie ihre Skrupel vergessen.

Der Marshal ging in sein Office. Ray hörte die Tür zufallen. Vielleicht traute Teresa ihm viel weniger als die anderen und verstand es nur, dass geschickt zu verbergen.

Sam Miles kam mit einem Blechkanister über die Straße und blieb neben ihm stehen.

„Was hast du da?“, fragte Ray. „Petroleum. Es wird das Feuer anheizen. Vielleicht brennt die ganze Stadt ab.“

„Davon würde ich abraten, Sam. Es macht die Leute nur verrückt auf uns. Wegen einer schäbigen Hütte und einem Raufbold, von dem sie kaum etwas wissen, werden sie nicht tagelang auf unserer Spur reiten. Aber wenn etwas anderes geschieht, müssen wir damit rechnen. Vielleicht kommen wir dann nie in die Black Hills.“

„Angst?“

„Ich bin hier, um Eds Anteil zu holen. Dir scheinen andere Dinge mehr Spaß zu machen. — Dinge, von denen keiner von uns etwas hat.“

„Angenommen, es sitzt diese Nacht ein Deputy im Office des Marshals. Was wirst du dann tun?“

„Ich werde ihn bestimmt nicht töten, Sam. Denn das ist noch schlimmer als die Häuser anzubrennen. Wahrscheinlich ist es besser, ich sage das Hutton selbst noch.“

„Kann sein. Vielleicht teilt er dich dann dazu ein, die Pferde zu halten. Ed war anders als du.“

„Ed hat kürzlich die erste Quittung dafür bekommen. Das solltest du nicht vergessen.“

Sam Miles grinste immer noch, ihn schien nichts beeindrucken zu können. Ray ging an ihm vorbei in den Saloon hinein. Er musste jetzt mit Hutton sprechen und die Grenzen abstecken. Es durfte auf keinen Fall zu einem Mord kommen.

„Das verstehe ich nicht!“, schrie Sam und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Hutton, der am Fenster stand, wandte sich um und blickte ihn kühl an.

„Ray hat Recht“, meinte er ruhig. „Du bist zu hitzig, Sam. Ich habe dir das schon oft erklärt, aber du wolltest es nie glauben. Wenn ein Mann in dieser Stadt tot umfällt, werden sie uns jagen. Wir können in den Bergen keine Verfolger gebrauchen. Du wirst also eure Pferde halten, und Ray wird das andere erledigen.“

Sam Miles schlug wieder auf den Tisch und zeigte seine scharfen, blitzenden Zähne.

Jäh fuhr er herum und starrte Ray hassglühend an.

„Beruhige dich“, sagte er sanft.

Sam legte beide Hände auf die Kolben der Colts. Da durchraste ein scharfes, metallisches Geräusch den Raum.

Sam zuckte herum.

Hutton hatte seinen Colt gespannt und auf ihn gerichtet.

„Ich will das Gold, Sam“, murmelte der Bandenführer. „Wenn du unbedingt willst, holen wir es ohne dich.“

Sam ließ die Kolben seiner Colts los.

„Du hältst die Pferde“, sagte Hutton noch einmal scharf.

„Ist das klar?“

„Gut, Brock.“

Miles wandte sich Ray zu und fuhr fort:

„Eines Tages werde ich von dir wissen wollen, wie schnell du bist, Cook. Du hast etwas von einem Revolvermann an dir. Ich war schon immer verrückt darauf, andere Revolvermänner zu treffen. Ich habe auch schon welche getroffen.“

„Wie viel denn, Sam?“, fragte Breeze, der auf einem Stuhl saß.

„Ein halbes Dutzend, alter Mann.“

„Und die gingen natürlich nicht wieder fort?“

„Vielleicht liegst du dann auch auf dem Stiefelhügel!“

„Vielleicht, Sam. Weißt du, was ich mich frage? Warum du andere Menschen so sehr hasst. Menschen, die du niemals gesehen hast und die dir nichts getan haben können. So wie ich zum Beispiel.“

„Vielleicht liegt das daran, dass ich keine Eltern mehr hatte, als ich sie brauchte, Cook. Ich wurde von Hand zu Hand gereicht wie ein Sklave. Es war in Texas. Jeder konnte mich arbeiten lassen, bis ich umfiel. Dann konnte er mich wieder auf die Beine prügeln.“

Ray wandte sich ab.

Ein bitterer Geschmack war in seine Kehle gestiegen.

Sam Miles konnte sein, wie er wollte, gelogen hatte er jetzt nicht. Vielleicht war überhaupt keiner unter ihnen, der das Böse im Blut mit sich auf die Welt gebracht hatte. Sam hatten sie es an geprügelt. Slim hatten die Heuschrecken auf einen Weg gebracht, den er als einzigen Ausweg angesehen hatte. Teresa war irgendwann mit einer Welle nach Westen gespült worden und auf einem menschlichen Abfallhaufen gelandet. Wer weiß, wie es sich bei den anderen verhielt.

Die Klinke fühlte sich zwischen seinen Fingern kalt an.

„Sam hält also die Pferde“, hörte er Hutton hinter sich sagen.

Er nickte und ging hinaus.

Es war still und sehr dunkel in der Stadt.

Ein Windhauch strich durch die Frontstreet und wirbelte den lockeren Flugsand in die Höhe.

Ray blieb an der Ecke des Saloons stehen. Er hörte das Scharren der Pferde hinter sich. Es waren drei Pferde, die Sam festhielt.

Ray blickte über die Straße hinweg. Im Office des Marshalls brannte kein Licht.

Ray dachte noch einmal über die Lage nach, in die er sich selbst hineingebracht hatte. Sie konnten das, was er tun wollte, als Verbrechen auslegen. Aber zugleich wusste er, dass es nur diesen einen Weg gab. Er konnte nicht mehr zurück, weil sie es nicht zulassen würden. Und wäre er nicht gekommen, hätten sie es irgendwie anders gemacht. Vielleicht hätte Sam es dann gemacht, und es wäre Blut geflossen. Schon um das zu verhindern, musste Ray weiter in diesem teuflischen Spiel mitspielen.

Rays Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Sam Miles hinter ihm zischte: „Jetzt muss es losgehen! Pass auf, Cook! Du hast keine Sekunde zu verlieren.“

„Schon gut“, murmelte Ray und zog sich etwas weiter in den Schatten der Hauswand zurück.

Es vergingen noch zwei Minuten, bis plötzlich vom Ende der Stadt roter Feuerschein in die Ortsmitte hereinlohte und eine schwarze Qualmwolke vom lauen Wind durch die Straße getrieben wurde.

Irgendwo war ein entnervendes Lachen zu hören, dem das Dröhnen eines Revolvers folgte.

Dann wieder ein schrilles, wildes Lachen, das Knallen einer Tür und Lichtschein, der hier und dort hinter den Fenstern aufsprang.

Der Feuerschein wurde heller, und die beißende Qualmwolke dichter.

„Feuer!“, schrie da endlich eine Stimme.

Nun sah Ray auch im Office des Marshalls Licht aufflammen. Die Tür öffnete sich, und der hünenhafte Mann füllte den Rahmen fast völlig aus. Eilige Schritte waren zu hören.

„Marshall, hier!“, rief es von links.

Der Mann setzte sich in Bewegung, sprang die Stufen vom Stepwalk herunter und hastete die Straße hinauf. Andere Männer folgten ihm. Stimmen riefen durcheinander.

„Los!“, zischte Sam Miles. „Du hast höchstens eine Minute Zeit. Und lass die anderen Gefangenen heraus. Das macht dem Marshall Arbeit!“

Ray Warren trat auf die Straße hinaus. Männer rannten an ihm vorbei. Niemand beachtete ihn.

Obwohl er es so erwartet hatte, konnte er die Leute jetzt nicht verstehen. Sahen sie nicht, dass er zu den Halunken gehörte, die alles inszenierten?

Er erreichte die Stufen des Stepwalks und stieg sie hinauf.

Die Versuchung, umzukehren und fortzulaufen, wurde immer größer in ihm. Dabei merkte er, dass er immer noch vorwärtslief, bis er im Office stand und auf die Lampe auf dem Schreibtisch blickte.

Die Geräusche draußen schienen aus der Endlosigkeit zu kommen.

Ray rauschte das Blut in den Ohren, als er nach der Schublade griff und sie langsam aufzog.

Er sah den Schlüssel für das Jail und nahm ihn heraus. Er fühlte sich wie ein Stück Eis in seiner Hand an. Wahrscheinlich würde kein Mensch für seine Handlungsweise Verständnis haben.

Da wandte er sich schon um, zog den Riegel vor der Bohlentür zurück und öffnete sie. Ein dunkler, schlauchartiger Gang lag vor ihm.

Rechts und links befanden sich Gitterstäbe, um die sich Hände gekrampft hatten.

„Art Clair?“, fragte Ray belegt und machte den nächsten Schritt.

Hinter dem rechten Gitter wurde jemand zur Seite gestoßen, und Ray sah das Gesicht Clairs vor sich. Man hatte ihm Clair beschrieben, und er erkannte den Mann. Da stand er schon vor der Gittertür, ohne sagen zu können, wie er hierhergekommen war. Der Schlüssel kratzte im Schloss.

Art Clair stieß einen Mann zur Seite und schmetterte Ray die Tür entgegen. Er lief durch den Gang.

Ray stieß die Tür schnell zu, ehe die anderen Gefangenen noch richtig begriffen hatten.

„Lass uns auch heraus!“, schrie einer und rüttelte am Gitter.

Ray lief schon hinter Art her, warf den Schlüssel auf den Schreibtisch und drängte Art hinaus.

„Meine Waffen!“, sagte Art.

„Brock hat dir neue besorgt. Weiter!“

Sie sprangen über den Stepwalk, sahen das Feuer am Ende der Stadt und die Menschen überall.

Details

Seiten
107
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933512
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504565
Schlagworte
goldene fährte grauens

Autor

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Titel: Goldene Fährte des Grauens