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Trevellian und die Bombenfracht

2019 158 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und die Bombenfracht

Copyright

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Trevellian und die Bombenfracht

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 158 Taschenbuchseiten.

 

Ein teuflischer Plan ist es, den die Top-Gangster da ausgeheckt haben: Sie wollen einen der White Trains in die Luft jagen, einen Zug, der mit Intercontinental-Raketen vollgestopft ist und ständig auf einer streng geheimen Route verkehrt. Der Plan wird bekannt, doch die FBI-Agenten um Jesse Trevellian müssen vorerst Undercover vorgehen, denn die Attentäter sind bereits an Bord eines Amtrak. Aber dann bringt ein Schneesturm alle Pläne durcheinander.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1

In den Tälern der Appalachen kann man sich verirren. Heißt es.

Unsere Verfolger mussten also genauso aufpassen wie wir.

Das Schneemobil brummte zuverlässig und transportierte uns einen Serpentinenweg hinauf. Meine hübsche Sozia hielt sich an mir fest, bereits seit einer Stunde. So lange kurvten wir schon durch die tief verschneite Bergwelt. Mich störte lediglich die dicke Wintersportkleidung, die Diane auf Abstand hielt. Aber ihre Arme umfassten meinen Oberkörper. Ich brauchte nur den Kopf zu senken, um das zu erkennen.

In Diane Baileys Dienstanweisung stand nichts davon, wie sie sich zu verhalten hatte, wenn sie mit einem Kollegen auf einem Snowcat unterwegs war. Also gab sie sich natürlich, völlig unverkrampft. Das gefiel mir an ihr.

Ein paarmal hatte ich angehalten und den Motor abgestellt. Wir hatten uns dann die Beine vertreten. Kein Laut war in der klaren, eisigen Luft zu hören gewesen. Doch sie waren da, diese Burschen. Sie mussten da sein.

Mit ihrer Schneelast sahen die Rotkiefern aus, als warteten sie auf einen Fotografen, der Weihnachtspostkarten produzierte. Auf halber Höhe des bewaldeten Hanges zog ich das Schneemobil in eine Schneise, die sich rechts öffnete. Unser wendiges Gefährt glitt über jungfräulichen Schnee. Schon nach zwanzig Metern erreichten wir die Lichtung mit dem Blockhaus. Auch auf dem Vorplatz war der Schnee unberührt.

Ein Schlag durchzuckte das Windschutzglas.

Wie hingezaubert hatte ich ein Spinnennetz vor den Augen.

Weiter vorn, links, stieg eine Schneefontäne auf.

Ich drehte das Gas voll auf. Im selben Sekundenbruchteil duckte ich mich. Diane duckte sich mit mir. Der Viertakter des Snowcats brüllte. Ich riss den Lenker nach rechts, gleich darauf wieder nach links. Das kettengetriebene Vehikel wühlte sich tiefer ins Weiß, war kurz vor dem Umkippen. Diane und ich stemmten uns gegen die Fliehkraft. Mit Erfolg. Ganze Serien dieser hässlichen Fontänen aus Schnee eilten uns voraus. Das Geschossblei sengte über uns hinweg. Noch eine Sekunde, und sie würden sich eingeschossen haben. Dann würden wir in einen regelrechten Vorhang aus Blei hineinjagen.

Aber die Sekunde reichte, um hinter der Seitenwand der Hütte zu verschwinden. Ich brachte das Snowcat zum Stehen, und wir schwangen uns vom Sitz. Ich ließ Diane zuerst zum Hintereingang laufen. Kauernd wartete ich neben dem Fahrzeug, bis ich das Okay meiner Kollegin vernahm. Die lautlosen Schüsse hatten aufgehört. Doch wir wussten, dass sich das verdammt schnell ändern würde.

Ich zog den Zündschlüssel ab und folgte Diane.

Der Bergwald war still und scheinbar friedlich. Es roch nach Baumharz. Irgendwo in der Nähe mussten noch vor Kurzem Forstarbeiter am Werk gewesen sein. Der Schneefall hatte erst vor zwei Tagen eingesetzt. Mittlerweile lag die weiße Pracht schon einen halben Meter hoch. Und es sollte noch mehr vom Himmel herunterkommen.

Ich schloss die Tür und legte den Innenriegel vor. Alle Fensterläden waren geschlossen, das Licht eingeschaltet. Aus dem Keller war das leise Brummen eines Aggregats zu hören. Diane hatte das Funkgerät bereits entdeckt. Ein großes Koffergerät, das von Akkus gespeist wurde. Meine Kollegin stellte es auf den Tisch, zog die Antenne aus, bis die Spitze die Balkendecke erreichte, und schaltete das Gerät ein.

Ich nickte ihr zu und beeilte mich. Sie hatte die Kapuze herunter gestreift. Mit ihren dunklen Augen und dem seidigen, schwarzen Haar konnte sie einen Mann mühelos ablenken. Sie wusste es, und vielleicht lächelte sie deshalb, als sie die Kopfhörer mit dem angebauten Mikrofon überstülpte.

Nebenan, im Kaminzimmer, befand sich der Waffenschrank. Ich nahm die Schlüssel aus der Innentasche meiner dick gefütterten Jacke. Die Schlösser und Riegel des Schranks waren einbruchssicher. Gleichzeitig horchte ich, ob sich draußen etwas rührte. Natürlich war es still. Und keine blindwütigen Kugeln prasselten in das Außenholz der Hütte. Die Kerle taten mir und Diane nicht den Gefallen, sich wie Anfänger zu verhalten. Deshalb hatten sie sich im Labyrinth der Täler auch nicht verirrt.

Deshalb hatten sie jedes Mal, wenn wir anhielten, rasch auch ihre Snowcats abgestellt.

Ich zog die dicke bunte Jacke aus und stieg aus den gewaltigen Snowboots und den flauschigen Hosen. Darunter trug ich bereits den weißen Kampfanzug. Die passenden Springerstiefel standen schon da. Während ich sie anzog, hob ich den Kopf. Der Waffenschrank enthielt alles, was polizeiüblich war. Zwei Remington Gewehre, zwei Schrotflinten, zwei Karabiner und zwei Maschinenpistolen. Die 3.57er von Smith & Wesson trug ich in einem Gürtelholster. Er war mir so vertraut wie mein 38er.

Ich hörte Diane reden. Zahlensalat.

»Zwölf-fünf-sechs … sieben-drei-drei … eins-vier-eins. Over!«

»Zehn-vier!«, antwortete eine blecherne Schepperstimme, die zweifelsfrei meinem Freund und Kollegen Milo Tucker gehörte.

12-5-6 waren Diane und ich. 7-3-3 bedeutete >eingetroffen<, und 1-4-1 stand für >Berghütte<. Mit 10-4 hatte Milo schlicht und einfach kundgetan, dass er verstanden hatte.

Ich entschied mich für eine Maschinenpistole MP5 von Heckler & Koch. Zwei Reservemagazine steckte ich in die oberen Beintaschen. Schnellader für den 3.57er hatte ich schon bei mir. Auch ein Walkie-Talkie nahm ich mit. Vor drei Tagen waren zwei Forstbeamte mit einem geländegängigen Fahrzeug hier gewesen. Die komfortable Hütte gehörte einem Industriellen in Roanoke; er hatte der County Police in Clifton Forge Zweitschlüssel überlassen. Die Forstbeamten, die in Wahrheit Detectives der County Police waren, hatten ein paar Kartons ausgeladen, die so aussahen, als stammten sie von dem Supermarkt unten in der Stadt.

Im Vorbeigehen schaltete ich die Gasheizung ein. Wie lange unser Aufenthalt dauern würde, stand noch in den Sternen. Diane kam herüber. Das Funkgerät war eingeschaltet und empfangsbereit. Es rauschte. Dass unsere Belagerer uns abhörten, war anzunehmen.

»Irgend etwas gehört?«, fragte ich Diane.

Sie schüttelte den Kopf, während sie sich aus dem roten Skianzug schälte.

»Sie funken nicht. Ich bin hundertprozentig sicher.«

Ich nickte und wartete darauf, dass Diane bereit war. Wenn die Männer draußen wirklich mit niemandem Verbindung hatten, so bestärkte das unsere Taktik. Doch über den Funkverkehr hatten unsere Kollegen von der County Police den wirklichen Überblick. Wir würden endgültige Gewissheit erhalten. So oder so.

Die Steuereinrichtung für die Fensterläden befand sich in einem Wandkasten neben der vorderen Eingangstür. Diane trug einen weißen Pullover und eine ebenfalls weiße Armeehose. Ihre Faustfeuerwaffe war ein 38er. Auch sie wählte die kompakte MP5 aus.

Sie gab mir ein Handzeichen und lief geduckt in die Küche zurück, wo das Funkgerät stand. Die Fensterläden wurden mittels kleiner Elektromotoren geöffnet und geschlossen. Ich betätigte alle auf einen Schlag und ging auf Tauchstation.

Tageslicht flutete herein – erst in schmalen Streifen, dann langsam auseinander fächernd.

Ich huschte hinter das Fenster links vom Eingang und spähte über den Sims. Ich sah die Ketten und Kufenspuren des Schneemobils. Der Wald war düster und drohend. Die Kiefern standen dicht, wenn auch ohne nennenswertes Unterholz. Keine Bewegung war zu erkennen. Kein Tier gab einen Warnschrei von sich. Es war nicht die Jahreszeit, in der Waldtiere besonders aktiv gewesen wären. Ich wusste, dass meine Kollegin aus Washington D.C. das Gelände nach hinten hinaus beobachtete. So schnell konnte keiner gewesen sein, dass er sich der Hütte schon genähert hatte.

Sie waren gut gerüstet, diese Burschen. Sogar Präzisionsgewehre mit Schalldämpfern besaßen sie. Das zeugte von weitem Vorausdenken. Diane und ich hatten nach Wintersport ausgesehen. Durchaus erkennbar, dass wir irgendeinen Hang angesteuert und uns mit Leih-Skiern versorgt hätten. Dort aber wären dann jede Menge Wintersportler herumgekurvt. Sie hätten die hübsche junge Frau und mich nur ohne einen Laut zusammenbrechen sehen.

So schwer hatten wir es den Verfolgern nicht machen wollen.

Die nun offenen Fenster waren unsere Einladung.

Doch die Lauernden reagierten nicht darauf. Sie beherrschten sich auch jetzt noch. Ich fing an, eine Art von Respekt vor ihnen zu entwickeln. Ich zog mich vom Fenster zurück, um auf der anderen Seite nach dem Rechten zu sehen – dort, wo das Schneemobil stand. Möglich, dass ich im Zurückweichen ein paar Millimeter höher kam.

Etwas zupfte an meinem Haar.

Erst in der nächsten Hundertstelsekunde hörte ich das Zischen und ein hartes Klatschen. Ich duckte mich tiefer.

Kein weiterer schallgedämpfter Schuss.

Rechts neben dem Fenster auf der anderen Seite sah ich den Einschuss. Die Kugel steckte so tief im Balkenholz, dass nur ein rundes Loch zu sehen war – wie von einem Bohrer mit sieben bis acht Millimeter Durchmesser.

Diane tauchte im offenen Durchgang auf. »Alles in Ordnung?«, flüsterte sie besorgt.

Ich signalisierte ihr lächelnd ein Okay. Dabei war mir nicht heiter zumute. Die Kerle brauchten nichts weiter zu tun, als sich in günstigere Schusswinkel zu bringen. Das erreichten sie, indem sie den Hang hinaufstiegen. Dann waren Diane und ich in der Hütte nicht mehr sicher. Das Schneemobil stand so da, wie ich es zurückgelassen hatte. Der Waldrand war an dieser Seite nur zehn Meter entfernt.

Günstig. Und gefährlich zugleich.

Auch hier war nichts zu erkennen.

Ich kehrte auf die Seite zurück, wo sie mir fast den neuen Scheitel gezogen hätten. Diesmal war ich noch vorsichtiger beim Spähen.

Ein Schatten huschte von Baum zu Baum.

Ich prägte mir den Baum ein, hinter dem er verharrte.

Ohne den Blick von dem Baumstamm zu nehmen, lud ich die MP durch und entsicherte. Ich stieß sie in dem Moment über den Sims, in dem Schatten weiter huschen wollte. Ich jagte die Kugeln knapp über Bodenhöhe. Das Hämmern der MP zerschlug die Stille. Die Waffe rüttelte an meiner Schulter.

Ich hörte einen Schrei und ließ mich sofort fallen.

Gerade rechtzeitig.

Es prasselte in den Sims, und es sengte durch das Zimmer, als wollten sie alles zerfetzen. Diese Schüsse – ohne Geschoss und Mündungsknall – hatten etwas Teuflisches: Sie klangen harmlos, als ob jemand mit kleinen Steinen warf.

Ich robbte bis zum Durchgang. Diane kauerte hinter einem Fenster auf der Ostseite.

»Du hast einen von ihnen erwischt!«, rief sie halblaut. »Er krümmt sich im Schnee und kommt nicht wieder auf die Beine.«

Ich wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment hörten wir das Geräusch.

Rotorklatschen.

Endlich.

Und die fast lautlosen Schüsse waren eingestellt worden.

 

 

2

Milo Tucker war so dick vermummt wie der Pilot.

Die Luke auf der rechten Seite des Cockpits hatten sie unten bei der County Police zurückgelassen. Scharf und beißend wehte die Luft herein. Wolkenbänke schoben sich vom Norden heran. Sie hatten gerade noch Glück gehabt. In einer Stunde hätte der Hubschrauber vielleicht schon nicht mehr starten können.

»Das nächste Tal ist es!«, meldete der Pilot über Bordfunk. Er war Deputy, war in den Appalachen geboren und kannte die Bergwelt bei Clifton Forge wie seine Westentasche.

»Verstanden!«, antwortete der G-man und hob das MG aus dem Bodenraum. Er wuchtete es in die Lafette, die rechts an der Bodenkante neben seinem schwenkbaren Sitz montiert war. Er öffnete den Gurtkasten und hob den ersten Patronengurt heraus. Das Laden klappte sofort. Jeder Griff saß. An der FBI-Akademie Quantico fanden auch Lehrgänge für den Umgang mit militärischen Waffen statt. Es gab praktisch nichts, was ein G-man nicht beherrschen musste.

Der Hubschrauber schwirrte auf einen Bergkamm zu. Weiß bestäubt ragten die Kiefern empor. Die Maschine machte den Eindruck, als würde sie mit einem mühsamen Schritt knapp über den Kamm hinwegsteigen. Das Tal war so eng wie die meisten, die Milo vorher gesehen hatte. Es verlief von Osten nach Westen, wie ein Schnitt, der mit einem riesigen Messer gezogen worden war. Der Serpentinenweg am nördlichen Hang war zwischen den Baumstämmen deutlich zu erkennen. Der Weg begann am östlichen Ende des Tals und wand sich Richtung Clifton Forge in die Einsamkeit der Berge. Im Verlauf des Wegs gab es mehrere Lichtungen, die für die Forstwirtschaft angelegt waren und Trucks und Traktoren zum Ausweichen und Wenden dienten.

Das Dach der Hütte war mit Schnee beladen. Nur durch seine Glattflächigkeit fiel es auf.

Der Pilot hielt darauf zu, indem er den Hubschrauber quer über das Tal jagte. Jetzt war die Maschine rasend schnell.

Eine Lichtung öffnete sich im weiß und dunkel gemaserten Kiefernteppich – knapp hundert Meter unterhalb des Blockhauses. Im nächsten Sekundenbruchteil erblickte Milo die vier Snowcats.

Und da war eine menschlichen Gestalt.

»Aufpassen!«, rief der G-man. »Ich lege die Kisten lahm!«

Der Deputy am Steuerknüppel reagierte sofort. Er zog die Maschine in einen weiten Rechtsbogen.

Milo ließ das Maschinengewehr rattern. Der mächtige Kolben strengte sich an, seine Schulterknochen zu zertrümmern. Aber die Winterjacke des FBI-Beamten war dick genug gefüttert. In kurzen Feuerstößen jagte er die Geschosse aus dem ummantelten Lauf. Er sah die Einschläge. Die Sitzbänke der Schneemobile wurden zerfetzt, die Tanks zerfetzt und wichtige Teile der Motoren zerstört.

Erst als die Maschine einen Halbkreis geflogen hatte, war die menschliche Gestalt deutlicher zu erkennen. Der Mann lag auf der Seite, doch er bewegte sich. Er zog die Beine an und schob sich auf dem linken Oberarm nach vorn. Hinter ihm, im Schnee, blieb eine Blutspur zurück. In der rechten Hand hielt er ein Gewehr. Er war gerade zwei, drei Meter über den Rand der Lichtung hinausgekommen.

Milo stellte das Feuer ein.

Im selben Moment ließ sich der Kriechende auf den Rücken fallen.

Milo brüllte eine Warnung. Doch es war schon zu spät.

Der Mann stieß das Gewehr hoch. Überdeutlich war der unterarmlange Schalldämpfer zu erkennen. Blassrosa Blitze zuckten aus der dicken Laufmündung.

Milo ließ das MG hämmern. Die Einschläge fraßen sich durch den Schnee, auf den Mann zu, der unbeirrt weiterfeuerte.

Harte Schläge trafen das Sicherheitsglas der Hubschrauberkanzel.

Der Pilot zog den Steuerknüppel zu sich heran.

Die Maschine stieg.

Milo senkte den mächtigen MG-Lauf, indem er sich hoch im Sitz aufrichtete, wie es die Gurte erlaubten. Die Schulterstütze traf ihn jetzt spürbarer.

Immer noch zuckten unten die Mündungsblitze auf. Der Mann schien zu wissen, dass er nichts mehr zu verlieren hatte.

Ein zweiter Schießer tauchte am Rand der Lichtung auf. Sofort nahm, die Zahl der Schläge zu, die das Kanzelglas trafen.

Ein Schmerzensschrei stach durch die Kopfhörer in Milos Ohren. Es durchfuhr ihn siedend heiß. Nur noch kurz fächerte er die Bleigarben. Er hatte den Eindruck, die Kerle getroffen zu haben, doch er war nicht sicher. Er konnte sich nicht mehr darum kümmern.

Die Maschine neigte bereits ihre Nase.

Er warf sich noch herum und sah den Piloten zusammengekrümmt in seinen Gurten. Mit zwei schnellen Handgriffen löste der G-man die eigene Gurtsicherung. Der Hubschrauber neigte sich weiter, raste nun auf die verschneiten Baumwipfel zu. Milo hatte keine andere Wahl, er musste den Deputy vom Steuerknüppel wegstoßen. Es ging ihm durch und durch, als der Mann vor Schmerzen aufschrie. Aber der FBI-Beamte schaffte es – halb auf dem Verwundeten liegend. Mit der Linken hielt er sich am Pilotensitz fest, mit der Rechten packte er den Steuerknüppel.

Vorsichtig zog er die Maschine in eine stabilere Lage. Bedrohlich nahe raste der Baumteppich unter dem Bauch des Helikopters dahin.

Milo verbesserte seine Position. Während er den Hubschrauber allmählich in den Steigflug brachte, bewegte er sich vorsichtig, bis er auf der Sitzkante neben dem stöhnenden Kollegen saß. Der G-man ging auf Ostkurs. Nun konnte er den Steuerknüppel mit der Linken übernehmen. Die rechte Hand hatte er für das Funkgerät frei. Er rief die County Police in Clifton Forge und bekam sofort Verbindung.

»Schickt einen Rettungshubschrauber!«, rief er. »Euer Kollege ist verwundet!«

Der Beamte am anderen Ende der drahtlosen Verbindung bestätigte. Milo nannte ihm die Landeposition, die er vorgesehen hatte. Denn jetzt würde der Teufelstanz erst richtig losgehen.

Er hielt auf die nächste Lichtung zu, die sich ungefähr zweihundert Meter unterhalb jener befand, auf der er die Schneemobile zerschossen hatte. Und er brachte den Hubschrauber sicher auf die Erde. Der Pilot hatte das Bewusstsein verloren, aber er war am Leben.

Sofort packte er die MP, die neben dem Copilotensitz in einer Halterung steckte. Mit einem Satz war er draußen, während die Rotorblätter langsamer klatschten und das Triebwerk in einen langgezogenen Heulton überging. Noch immer wirbelte der Rotor Schneeschwaden auf. Ein kalter, weißer Nebel umhüllte daher die Maschine.

Und das war gut so.

Milo schlug vor der Maschine einen Bogen und lud die MP durch. Er erreichte den Rand des Rotornebels mühsam stapfend. Der Schnee war auf der Lichtung unterschiedlich hoch, reichte aber fast überall bis zu den Knien.

Die Bewegung war im Halbdunkel des Waldrands kaum zu erkennen. Eigentlich waren nur das matte Schimmern von Waffenstahl und gleich darauf der Mündungsblitz zu erkennen.

Milo warf sich hin. Nicht schnell genug. Ein hartes Reißen an der Schulter machte es ihm klar. Er hatte keine Zeit, darauf zu achten, ob sich der Schmerz einstellte oder nicht. Schon im Fallen stieß er die MP im Beidhandanschlag nach vorn. Er feuerte in dem Moment, in dem er weich im Schnee landete. Ein zweiter Mündungsblitz war noch zu sehen. Doch die Schüsse aus der MP hackten bereits durch den versiegenden Triebwerkslärm. Nur ein Feuerstoß.

Milo ließ die MP sinken. Das Gewehr des Mannes war emporgeflogen und im Schnee versunken. Jetzt kippte die Gestalt langsam vornüber, aus dem Waldrand heraus. Dennoch blieb der G-man vorsichtig und ließ die MP im Anschlag, nachdem er sich aufgerappelt hatte. Doch von dem Mann drohte keine Gefahr mehr. Milo drehte ihn auf den Rücken und sah, dass hier jede Hilfe zu spät kommen würde.

Er wandte sich noch einmal um und versorgte den bewusstlosen Piloten, indem er ihn mit Decken aus dem Gepäckraum umhüllte. Der Deputy hatte einen Durchschuss an der rechten Schulter. Es sah nicht lebensgefährlich aus. Und mehr als zehn Minuten würden nicht vergehen, bis der Rettungshubschrauber zur Stelle war.

Milo steckte Reservemagazine für die MP ein, bevor er sich auf den Weg machte. Ansonsten war er mit den schweren Springerstiefeln und der winterlichen Combat-Bekleidung aus Armeebeständen bestens ausgerüstet. Noch immer verspürte er keinen Schmerz in der Schultergegend. Er wandte den Kopf weit nach links. Das Schulterpolster der weißen Kampfjacke war ausgefranst wie ein Blumenkohl. Graues, watteartiges Zeug lugte heraus. Milo tastete mit den Fingern nach. Da war kein Blut, und der Stoff des Pullovers, den er unter der Jacke trug, war unversehrt. Er hatte unglaubliches Glück gehabt.

Ohne Zeit zu verlieren, marschierte der G-man los. Er trabte den Weg bis zur nächsten Spitzkehre hinauf. Dort verließ er die Spurfurchen und begann sich den Hang emporzuarbeiten. In Zehn-Meter-Abständen verharrte und horchte der hochgewachsene FBI-Beamte. Kein Laut drang an sein Gehör. Fragte sich nur, ob die Überlebenden ihn belauerten, oder ob sie sich auf Jesse und Diane in der Hütte konzentrierten. Fest stand jedoch, dass sie nicht weg konnten. Ohne ihre Schneemobile waren sie in der Bergwildnis hilflos.

Aber da war das Snowcat, das Jesse und Diane gemeinsam benutzt hatten.

Milo beeilte sich.

Dann sah er bereits die Lichtung mit den vier Schneemobilen. Noch immer herrschte trügerische Ruhe im Bergwald. Der G-man verharrte am Rand der Lichtung. Er verzichtete darauf, sich hinauszuwagen und womöglich als Zielscheibe zu dienen. Ihm genügte, was er sah.

Der Mann, der hinausgekrochen war, lag noch dort. Das Gewehr mit dem riesigen Schalldämpfer war neben ihm in den Schnee gefallen. Der Mann hatte nur die Schusswunde am Bein gehabt, als er noch am Leben gewesen war. Dann hatte er auf den Hubschrauber Piloten gefeuert und den Wahnwitz mit dem Leben bezahlt. Die MG-Garbe hatte ihn mit gnadenloser Gewalt niedergestreckt.

 

 

3

Diane sah mich entsetzt an. Ihre Augen waren groß und fassungslos. Wir kauerten in der Küche. In einem Winkel zwischen den rustikalen Unterschränken aus massivem Holz waren wir vor hereinschwirrenden Kugeln einigermaßen sicher. Doch es war eine Frage der Zeit, wie lange das so blieb.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein!«, hauchte meine Kollegin. Ich hatte ihr eben meinen Plan geschildert.

»Wie lange bist du beim FBI?«, entgegnete ich.

»Vier Jahre.«

»Und immer im Außendienst?«

»Natürlich. Sonst wäre ich doch für diesen Einsatz gar nicht eingeteilt worden.«

»Okay. Dann bin ich gespannt, ob du einen besseren Vorschlag entwickelst.«

»Jesse, du weißt genau, dass ich das nicht kann. Es gibt nur die beiden Möglichkeiten. Entweder wir bleiben beide wie Mäuse in der Falle hier im Haus, oder einer geht in den Wald.«

»Oder beide gehen hinaus.«

»Dann kann keiner mehr dem anderen helfen.«

»Allright, dann sind wir uns also einig. Bleibt nur noch die Frage offen, ob ich mich als Macho aufspiele, wenn ich derjenige sein will, der rausgeht.«

»Sag mal!«, entgegnete sie empört. »Habe ich mich jemals als kämpferische Emanze aufgeführt?«

»Nein. Aber vielleicht hast du’s nur nicht laut gesagt.«

»Hör auf! Sieh zu, dass du nach draußen kommst!«

Ich grinste. »Hast du’s gemerkt? So leistet man Überzeugungsarbeit. «

Sie presste die Lippen zusammen und sah mich an, als überlegte sie ernsthaft, ob sie nicht doch ins Lager der Emanzen überwechseln wollte. Aber sie schwieg. Die Würfel waren gefallen. Ich nickte ihr aufmunternd zu und ließ sie allein.

Vor dem Hinterausgang lagen meine Waffen für den Job: die MP5, die ich mit einem gefüllten Magazin versehen hatte, und eine einläufige Schrotflinte, deren Röhrenmagazin fünf Patronen im Kaliber 12 enthielt. Ich hängte mir die MP um und nahm die Schrotflinte in die Linke. Dann hob ich den Riegel heraus, drehte den Schlüssel nach links, und stieß die Tür auf.

Kauernd verharrte ich hinter dem Schrank gleich neben der Tür.

Kein Kugelhagel.

Nun gut, das musste nichts heißen. Wer feuerte schon auf eine Tür, hinter der nur Leere gähnte! Ich fackelte nicht lange und spannte die Beinmuskeln. Eine kurze Seitwärtsbewegung, dann schnellte ich los. Die Frostluft empfing mich wie ein Schlag, als sollte ich darauf aufmerksam gemacht werden, was mich hier draußen erwartete.

Ich rannte geduckt und Haken schlagend. Nur zehn Meter freie Fläche lagen vor mir. Dann begann der bewaldete Hang. Ich schaffte es unbehelligt. Mit einem letzten Satz warf ich mich hinter einem Baumstamm in Deckung. Eines musste ich den Kerlen lassen, sie waren clever. Sie reagierten nicht auf die erstbeste Herausforderung. Sie loteten erst einmal aus, war für sie drin war.

Diane schloss die Tür. Ich konnte hören, wie sie den Riegelbalken vorlegte. Gleich darauf schloss sie auch die Fensterläden. Wir hatte es so besprochen. Denn es gab nirgendwo in der Hütte einen Winkel, wo sie vor Kugeln wirklich hundertprozentig sicher gewesen wäre. Außerdem hatten wir vereinbart, dass ich ständig in Sichtweite bleiben würde, bevor Milo nicht zur Stelle war. Natürlich konnte ich nicht die gesamte Umgebung der Hütte beobachten, aber ich würde trotzdem mitkriegen, was sich abspielte.

Ich beobachtete meine Umgebung, wandte mich immer wieder nach allen Seiten, so dass ich sowohl die Lichtung als auch den Hangwald in meiner unmittelbaren Nähe überblicken konnte. Unser Schneemobil war noch immer unversehrt. Sie hatten es nicht in Stücke geschossen. Die Tatsache, dass Milo keine Funkverbindung mit uns aufgenommen hatte, bereitete mir kein Kopfzerbrechen. Wir hatten diesen Teil der Aktion offengelassen. Und sicher war es jetzt besser, die Angreifer im Unklaren darüber zu lassen, was weiter geschehen würde.

Das MG-Feuer hatten wir gehört, auch den landenden Hubschrauber. Dann waren noch einmal Schüsse gefallen. Ich hatte eine MP5 herausgehört. Das konnte nur Milo gewesen sein.

Ich richtete mich halb auf, sah mich noch einmal um und setzte dann meinen Weg fort. Ich musste höher hinauf, um die Lichtung besser überblicken zu können – so weit, dass ich auch einen großen Teil der Fläche vor dem Blockhaus einsehen konnte.

Nach drei vorsichtigen Schritten war es wie im Fernsehen.

Ein wüster Schrei platzte von links in mein Trommelfell.

Ich wirbelte herum. Instinktiv riss ich die Shotgun mit beiden Händen hoch. Mein Glück.

Der sausende Hieb zersplitterte den Vorderschaft der Waffe. Ich taumelte zurück, ließ die Waffe fallen. Es war ein Klappspaten, der die Flinte zerstört hatte. Der Mann wurde durch den eigenen Schlag vorwärts gerissen. Nur einen Sekundenbruchteil lang sah ich sein wutverzerrtes Gesicht, umrahmt vom Pelz einer Kapuze. Dann hatte ich mich gefangen und hieb meine Rechte mitten hinein.

Er brüllte vor Schmerz und ruderte mit den Armen – vorwärts wankend.

Auf der Lichtung krachte es ohrenbetäubend.

Ich ruckte nach links.

Und erstarrte. Ich sah die Holzsplitter noch fliegen, und ich begriff. Der Schrei des Kerls, der mir hinter dem Baum aufgelauert hatte, war vor allem ein Signal gewesen. Ein Signal für den anderen dort unten, der nun wusste, dass er ungehindert in die Hütte vordringen konnte, nachdem er seine Handgranate geworfen hatte.

Meine Nackenhaare sträubten sich. Wenn Diane von Splittern getroffen war …

Ich konnte nicht weiterdenken.

Ich sah eine in dickes Weiß gekleidete Gestalt, die unten auf das Blockhaus zuschnellte, auf das zerborstene Fenster zu. Es war an der Seite vorn. Diane hatte sich zuletzt in der Küche aufgehalten …

Der Lauerer hatte sich zum neuen Ansturm gesammelt. Ich hätte ohnehin den Waldrand nicht erreichen können, um dort unten noch eingreifen zu können.

Wieder schrie der Mann. Er hörte sich an wie ein Infanterist im Sturmangriff. Doch ich täuschte mich, wenn ich annahm, dass er erneut auf mich losging. Abwehrbereit kreiselte ich herum.

Und glaubte meinen Augen nicht trauen zu können.

Breitbeinig stand er da, leicht vornübergebeugt, die Augen rotgerändert vor Schmerz und Wut. Die Nase blutete.

Doch das alles war nicht das Wesentliche. Er hatte die Jacke aufgeschlagen.

Und seine Rechte schwebte über dem Revolvergriff.

Eine Ruger, die er in einem Schnellziehholster im Gürtel trug.

»Ich habe dich für einen cleveren Burschen gehalten«, sagte ich kalt. »Es war schon eine reife Leistung, meine Marschroute genau zu ahnen. Aber jetzt …«

»Quatsch nicht!«, schrie er. »Zieh!«

Ich hatte das starke Gefühl zu träumen. Entweder hatte dieser Bursche zu viele Filme gesehen, oder die Fast-Niederlage hatte ihm den Verstand ausgelaugt. Wollte er auf diese verrückte Weise ausbügeln, dass es ihm nicht gelungen war, mich mit dem Klappspaten zu erschlagen? Dass ich ihm einen Hieb mitten ins Gesicht gesetzt hatte?

Ich würde es nie ergründen können.

»Zieh!«, wiederholte er mit schriller Stimme. Er wusste, dass er alle Zeit dieser Welt hatte. Denn er hatte mitbekommen, dass sein Partner unten in die Hütte eingedrungen war.

»Ich werde dir den Gefallen tun«, sagte ich, denn ich meinerseits hatte keine Sekunde zu verschwenden, wenn ich an Diane dachte. »Nur wirst du den kürzeren ziehen. Du darfst es dir also noch einmal überlegen. Du hast nicht die geringste Chance. Du kannst es überhaupt nicht schaffen. Ich wette, du hast dein Schießeisen noch nicht mal draußen, wenn ich …«

Meine vermeintliche Überheblichkeit machte ihn rasend.

Er stieß einen neuen Wutschrei aus, und gleichzeitig zuckte seine Rechte abwärts.

Ich zog, als er den Revolverlauf schon knapp über dem Rand des Holsters hatte. Er sah, dass ich nicht übertrieben hatte. Und im letzten möglichen Sekundenbruchteil wollte er gleichzeitig feuern und sich zur Seite werfen.

Er fiel mir in die Visierlinie.

Der 3.57er donnerte und riss meine Faust hoch.

Der Mann mit der blutigen Nase wurde gegen einen Baumstamm geschleudert.

Die Ruger fiel aus seinen erschlaffenden Fingern. Vorgewölbt und voller Staunen waren die Augen des Mannes auf mich gerichtet, als er langsam zu Boden sackte.

Ich bückte mich und hob seinen Revolver auf. Ein 3.57er Magnum, wie mein Smith & Wesson. Die MP, die mir vom Rücken nach vorn rutschte, klemmte ich unter den linken Arm. Die Ruger steckte ich in die Tasche. Ich sah die Stummelantenne und das obere Teil eines Walkie-Talkies. Es ragte aus der Brusttasche des Toten. Das Magnum-Geschoss war unmittelbar darunter eingedrungen. Ich zog das Walkie-Talkie heraus. Es war noch in Ordnung. Probeweise schaltete ich auf Empfang. Meine Vermutung bestätigte sich.

»… an Bear! Kommen! Eagle an Bear! Kommen, verdammt noch mal! Eagle an Bear! Was ist los, zum Teufel? Over!«

Ich schaltete auf Senden. »Bear antwortet nicht«, sagte ich. »Over.« Herausfordernder wollte ich nicht sein. Ich vermutete, dass der Mann reizbar war.

Sekundenlang war nur leises Rauschen zu hören. Die Stille des verschneiten Waldes schien wieder friedlich werden zu wollen. Daran, dass eine Handvoll Menschen versuchte, sich gegenseitig umzubringen, scheiterte der Frieden der Natur nicht.

»Wer spricht da!«, brüllte die Stimme. Die kleine Lautsprechermembran war kurz vor dem Auseinanderfliegen. Der Mann vergaß seine Funkdisziplin. Sie wirkte in dieser Situation ohnehin mehr als lächerlich. »Trevellian.«

»Wie – ?«

Ich hatte das Gefühl, dass mir das Gerät jeden Moment um die Ohren fliegen würde. »Mein Name ist Trevellian«, erklärte ich, »Jesse Trevellian.« Ich hielt das Walkie-Talkie weit weg, indem ich den Arm ausstreckte.

»Auch ein FBI-Bulle, was?« Der Mini-Lautsprecher schepperte.

Etwas Eisiges kroch mir über den Rücken. Hatte er Dianes Dienstausweis gesehen? Wenn ja, unter welchen Umständen?

»Stimmt«, antwortete ich deshalb. Hinhaltetaktik hatte keinen Sinn. Nicht den geringsten.

»Dann beweg dich!«, brüllte der Mann. »Rein in die gute Stube! Ich fang nämlich an, FBI-Leute zu sammeln!«

»Verstanden. Ich komme.«

»Prächtig. Und versenk deine Schießeisen in den Schnee! Tust du’s nicht, fliegt deine schnuckelige kleine Partnerin gleich wieder raus aus der Sammlung!«

Er lachte rau.

Trotzdem konnte ich die hochgradige Nervosität des Mannes heraushören. »Ich komme unbewaffnet«, wiederholte ich deshalb. »Jetzt sofort.«

Er antwortete nicht. Ein Knacken zeigte an, dass er sein Gerät ausgeschaltet hatte. Ich ließ das Walkie-Talkie bei dem Toten und lief zum Waldrand hinunter. Ein Hoffnungsschimmer war entstanden. Zumindest schien Diane am Leben zu sein. Am Waldrand blieb ich stehen und legte die Waffen langsam und deutlich sichtbar in den Schnee. In der Tat war es das Seitenfenster des Kaminzimmers, das der Mann mit der Granate aufgesprengt hatte. Möglich, dass er von dort herüberspähte. Erkennen konnte ich nichts. Alle anderen Fensterläden und die Hintertür waren noch geschlossen.

Ich hob die Hände, faltete sie auf dem Kopf und ging los. Der Schnee gab dumpfe Laute von sich, durch meine Schritte zusammengepresst.

Bevor ich herumrätseln musste, flog die Hintertür auf.

»Rein hier!«, befahl die Stimme, die ich in blecherner Form kannte.

Ich ging zügig weiter. Dass ich keine guten Karten hatte, war mir klar. Wenn ich ihm anbot, mich als Austauschgeisel für Diane zu akzeptieren, würde er mich auslachen. Wie sollte ich bestreiten, dass jeder G-man und jeder Cop einfach mehr Rücksicht auf eine Frau nehmen würde? Da konnten die Emanzen nach Gleichbehandlung schreien, soviel sie wollten – in dieser Hinsicht würden sie sie nie kriegen.

Sechs, sieben Meter hatte ich noch bis zur Hütte. Ich sah das Schneemobil und stellte fest, dass es unbeschädigt war. Ob sich das nun als Vorteil erweisen würde, stand in den Sternen.

Etwas bewegte sich.

Ich musste mich höllisch zusammenreißen, um nicht die Augen aufzusperren, zu blinzeln oder gar aus dem Marschtritt zu geraten.

Milo kauerte am Waldrand, in Blickrichtung hinter dem Snowcat. Er gab mir ein Zeichen, bewegte die erhobene Hand hin und her. Nur deshalb hatte ich ihn bemerkt – praktisch nur aus den Augenwinkeln heraus: Diese weißen Kampfanzüge tarnten wirklich hervorragend. Ich schaffte es, mir nicht das Geringste anmerken zu lassen. Milo war jedenfalls nicht gesehen worden. Er hatte die Seite gemieden, an der das Fenster aufgesprengt worden war.

Noch während ich über die Türschwelle trat, konnte ich niemanden sehen.

Denn drinnen herrschte Halbdunkel. Die Verbindungstür zum Kaminzimmer war geschlossen. Unvorstellbarer Leichtsinn, hätte man meinen können. Aber der Mann konnte es sich leisten. Er hatte den höchsten Trumpf in der Hand.

»Stehenbleiben!«, befahl er schneidend.

Ich gehorchte. Den Kopf brauchte ich nur wenig zu wenden, um ihn sehen zu können. Meine Augen gewöhnten sich an das schlechte Licht.

Er stand mit Diane ganz links, in der Ecke zwischen Fenster und Küchenschränken. Verdammt clever. Selbst wenn einer vom Nebenraum hereinstürmte, konnte er wenig ausrichten. Der Geiselnehmer war auf alle Fälle Herr der Lage.

Trotzdem fühlte ich mich besser, auch wenn ich kaum schlechter dran sein konnte. Denn Diane schien unverletzt zu sein. Wenigstens das. Nichtsdestoweniger war die Situation teuflisch. Ich sah das Weiße ihrer Augen. Die Angst darin ließ sich nicht leugnen. Angesichts der mattschwarzen Pistolenmündung an ihrer Schläfe kein Wunder. Dennoch wirkte Diane gefasst. Sie wusste, womit sie schlimmstenfalls zu rechnen hatte. Sie wusste aber auch, was möglich war.

»Gib dir keine Mühe, Bulle«, sagte der Gangster. »Diese Sache kriegst du nicht in den Griff. Das garantiere ich dir. Ich werde die Kleine erschießen, ohne mit der Wimper zu zucken. Darauf kannst du Gift nehmen. Und selbst wenn du es schaffst, mich umzulegen, bist du erledigt. Weil die Zeitungsschreiber sich nämlich nichts vormachen lassen. Die gehen der Geschichte auf den Grund – und wenn euer Verein zehnmal versucht, was zu vertuschen! Du bist erledigt, sobald ans Licht kommt, dass du deine Kollegin auf dem Gewissen hast. Ist doch klar, oder?«

»Natürlich«, antwortete ich einsilbig. Ich musste jedes Wort auf die Goldwaage legen. Vor allem durfte ich mir kein falsches Wort einfallen lassen.

Der Gangster war ziemlich groß. Er überragte Diane um Haupteslänge. Die Fellkapuze hatte er nach hinten geschoben. Sein Gesicht war breit und knochig; der buschige, schwarze Schnauzbart prägte es entscheidend. »Was ist mit meinem Partner?«, bellte er mich an.

»Er hat versucht, es mit mir auszuschießen.«

»Was heißt das? Verdammt, rede! Oder …«

Ich erklärte es ihm. »Er war einfach nicht schnell genug«, fügte ich hinzu.

»So ein Idiot«, knurrte der Knochige. »Denkt, er ist im Wilden Westen!«

»So kam es mir auch vor.«

Er schrie: »Nach deiner Meinung habe ich nicht gefragt!«

Ich sah, wie Diane zusammenzuckte und größte Mühe hatte, ruhig zu bleiben. Leicht vorstellbar, wie der Kerl sie überwältigt hatte. Der Explosionsschock hatte sie sekundenlang hilflos gemacht. Und diese kurze Zeitspanne hatte dem Mann genügt, hereinzustürmen und sie zu entwaffnen. Solche Techniken hatten sich herumgesprochen. Wie gingen ähnlich vor, wenn wir versuchten, Gangster zu überwältigen, die sich in einem geschlossenen Raum verbarrikadiert hatten.

Der Geiselnehmer zwang sich, ruhiger zu werden. Ich merkte es. Er wusste, dass die Nervosität zum Fallstrick für ihn werden konnte. Und ich wusste, dass er der einzig Überlebende war. Seit ich Milo gesehen hatte, war mir das klar.

»Allright«, knurrte er. »Ich muss raus aus diesen verdammten Bergen.«

»Zurück nach Brooklyn?«

»Woher weißt du das?«

»Ich stamme aus New York City. Ich kenne New Yorker Akzente.«

»Wie schön für dich.« Er zwang sich sogar, humorvoll zu werden. Sicher glaubte er, damit besonders deutlich innere Ruhe auszudrücken. »Aber zum Stichwort New York! Damit wären wir schon beim Thema. Bevor ich mit deiner netten Kollegin abhaue, will ich wissen, was hier gespielt wird. Ich würde dir raten, damit herauszurücken.«

Zwar wurde nur umgekehrt ein Schuh daraus, aber es machte mir nichts aus, ihn mit ein paar Informationen zu spicken. Das würde sein Gefühl der Überlegenheit verstärken. Je weniger ihm seine wirkliche Lage klar wurde, desto größer wurden die Chancen für Diane, Milo und mich.

Denn der Gangster schien nicht zu ahnen, was passieren würde.

Er glaubte offenbar allen Ernstes, dass wir ihn mit Diane ziehen lassen würden.

Bevor ich anfangen konnte zu sprechen, war unvermittelt Hubschraubergeräusch zu hören. In den Augen des Knochigen war ein Aufblitzen zu sehen. Ihm wurde klar, dass es nicht einfacher für ihn werden würde. Doch seine Komplizen und er mussten einen eindeutigen Auftrag gehabt haben. Deshalb wollte er vor dem Mann, der ihn auf seiner Lohnliste führte, nicht mit leeren Händen dastehen.

»Ich nehme an, ihr habt uns in Clifton Forge beobachtet«, sagte ich mit fester Stimme. »Das heißt, wir haben es gemerkt.«

»Willst du damit sagen, wir waren nicht besonders vorsichtig?« Seine Stimme klang lauernd.

Meine Nerven spannten sich an. Was ich auch sagte – während das Rotorgeräusch draußen anschwoll, ich musste in jedem Fall mit einer Überreaktion rechnen. »Wie es auch gewesen sein mag«, antwortete ich, «wir haben es mitgekriegt.«

»Und uns diese Falle gestellt.«

»So ist es.«

Er lachte schallend. »Menschenskind, Mann! Wir sind aber nicht wirklich drauf reingefallen! Natürlich haben wir bloß so getan! Als du und die Kleine anfingt, mit dem Schneemobil loszugurken, war uns sofort klar, was lief.«

Ich wollte ihn nicht darauf hinweisen, dass sie angesichts solcher Klarheit reichlich eindeutig gescheitert waren. Diese Erkenntnis würde er früh genug bekommen. Ich beschloss, absichtlich mehr herauszulassen, als er erwartete. Möglich, dass ich aus seiner Reaktion neue Rückschlüssen gewinnen konnte.

»Wir mussten das tun«, erklärte ich, »denn ihr wurdet zu einem Risiko für uns.«

»Ach!«, feixte er. »Interessant! Erzähl weiter!«

»Wir haben einen Auftrag aus Washington«, sagte ich bereitwillig. »Es ist ein Fall, an dem CIA und FBI gemeinsam arbeiten. Wir haben Hinweise, dass an der Amtrak-Bahnstrecke Charlottsville-Charleston ein Bombenanschlag stattfinden soll – irgendwo im Grenzgebiet zwischen Virginia und West Virginia.«

»Was du nicht sagst!« Er grinste.

Also stimmten die Hinweise, die wir hatten. Gut so. »Wir konnten es sogar genauer einstufen«, fuhr ich fort. »In Frage kommt die Strecke zwischen Clifton Forge – das ist der letzte Bahnhof in Virginia – und White Sulphur Springs – das ist der erste in West Virginia. Dazwischen liegen die Appalachen, grob gesprochen.«

»Grob gesprochen!«, lachte er.

Ich hatte meine nächste Bestätigung.

»Sonst wissen wir noch nichts Genaues«, sprach ich weiter. »Kollegen von uns warten drüben in White Sulphur Springs – wie wir auf dieser Seite der Berge. Wir rechnen mit zusätzlichen Informationen von der CIA. Vor allem, was den Zeitpunkt des Attentats angeht.«

»Da könnt ihr aber lange warten«, gluckste er. »Weil jetzt überhaupt nichts mehr läuft. Begriffen?«

»Total«, nickte ich. Er hielt sich für den großen Übermittler, der eine zu allem entschlossene Sabotage-Organisation vor dem großen Reinfall bewahren würde. Erstaunlich war lediglich, dass Typen wie er an der Sache beteiligt waren. Fremde Mächte führten Geheimdienstoperationen auf amerikanischem Boden normalerweise nicht mit Hilfe von New Yorker Mobstern durch.

Zur letzteren Sorte gehörte dieser Mann aber hundertprozentig.

»Okay«, sagte er mit gespielter, alles beherrschender Ruhe. »Dann wollen wir mal den großen Abgang vorbereiten. Raus mit uns drei Hübschen!«

 

 

4

Er erlaubte mir, vorzugehen. Die Hände musste ich immer noch auf dem Kopf gefaltet halten.

Die frische Winterluft empfing mich wie Balsam für Haut und Nerven. Der Himmel war grau. Da lag eine Menge in der Luft. Und für die Großwetterlage würde das Geschehen auf dieser Waldlichtung nur scheinbar so unbedeutend sein wie der häufig erwähnte Sack, der in Peking umkippt.

Das Leben von Millionen Menschen konnte auf dem Spiel stehen.

Wenn die Schwarzseher unter den Politikern in Washington recht behielten. Eben deshalb arbeiteten CIA und FBI Hand in Hand, wenn auch auf verschiedenen Ebenen.

Ich verscheuchte die Gedanken.

Das Hubschraubergeräusch hatte sich irgendwo in der Nähe stabilisiert.

Drei Meter vor der Hütte blieb ich stehen, ohne mich umzudrehen. In der nächsten Sekunde hörte ich den Schnee unter Stiefelsohlen knarren. Ich sah es nicht, aber ich konnte mir genau vorstellen, wie der Knochige mit Diane heraustrat. Und er verharrte, horchte auf den Hubschrauber. Jetzt ließ das Rotorklatschen nach. Die Turbine stimmte diesen unverkennbaren Heulton an, der besagte, dass die Drehzahl absank. Die Maschine war gelandet.

»Zum Schneemobil!«, bellte unser Bezwinger. »Und keine komische Bewegung!«

Ich konnte mir vage vorstellen, was er meinte. Willig stapfte ich los und stanzte eine Doppelreihe knietiefer Löcher in den Schnee. Der Knochige hatte wahrscheinlich noch nicht einmal darüber nachgedacht, wer den Zündschlüssel für das Snowcat hatte. Vielleicht war er aber auch ein Meister im Kurzschließen. Das wollte ich ihm nicht absprechen.

Links neben dem Ketten-Kufen-Fahrzeug blieb ich stehen.

»Okay, den Rest erledigen wir schnell«, sagte der Gangster aus Brooklyn. »Unsere tapfere FBI-Agentin setzt sich vorn auf den Bock, aber geduckt. Und du als ihr treusorgender Kollege …« er grinste mich an. »… bindest ihr Hand- und Fußgelenke zusammen. Festhalten tue ich sie schon, ich sitze ja direkt hinter ihr.« Er lachte meckernd. Es sollte selbstsicher klingen, doch das Gegenteil war der Fall.

Ich beging nicht den Fehler, diesen Mann zu unterschätzen. Gefährlich und unberechenbar war er vor allem wegen seiner überstrapazierten Nerven.

Er ließ Diane in seine linke untere Jackentasche greifen. Sie warf mir ein zusammengerolltes Nylonseil zu, das er mitgebracht haben musste. Seine Komplizen und er hatten sich auf fast jede Situation eingestellt. Eben nur auf fast jede Situation. Ich rollte das dünne Seil auseinander und nickte.

Der Gangster stieß Diane von sich. Sie stolperte auf das Schneemobil zu, stürzte aber nicht. Der Knochige hielt seine Automatik jetzt im Beidhandanschlag, mit ausgestreckten Armen. Er zielte auf Dianes Rücken, und er ließ sich nicht beirren. Meine Kollegin schwang sich vom auf den Sitz, der an einen Motorroller-Sattel erinnerte, nur viel größer und breiter war.

Ich hatte einen Atemzug lang Zeit, unauffällig zum Waldrand zu spähen. Ich sah Milo sofort. Er war durch einen Baumstamm fast vollständig verdeckt. Doch ich konnte den 3.57er erkennen, den mein Freund am langen Arm hielt.

Diane beugte sich nach vorn. Ihr Gesicht war noch eben über dem Lenker. Sie streckte die Hände nach den Stiefeln aus. Ich bückte mich zu ihr hin und begann, sie wie angeordnet zu fesseln. Am rechten Rand meines Blickfelds sah ich den Knochigen. Sein Gesicht spiegelte äußerste Anspannung. Auf einmal wusste ich, was geschehen würde.

Er würde mich töten, sobald ich Diane fertig gefesselt hatte.

Denn dann war ich ihm nur noch lästig.

Ich riskierte es, ihn vor der Seite anzusehen, während ich die letzten Knoten schlug. Seine Beretta war noch auf Diane gerichtet. Er grinste. In diesem Grinsen lag alles, war er mit Worten nicht auszudrücken bereit war. Und ich wusste Bescheid. Er stellte sich genau das vor, was ich vermutete.

Ich spürte ein Kribbeln in der Gegend meiner Haarwurzeln.

»Fertig!«, sagte ich laut und vernehmlich, noch bevor ich mich aufrichtete.

»Dann hoch mit dir und weg von der Kiste!«, blaffte er mich an.

Ich gehorchte.

Schwenkend folgte sein Waffenlauf meiner Bewegung.

Mir blieb keine Zeit, das Krümmen seines Zeigefingers zu beobachten.

Es krachte. Der Schuss hallte weit durch den Bergwald. Wie Donnergrollen.

Dann blieb nur die Stille.

Ich stand da und konnte es schwer fassen. Aber die Welt um mich herum war noch Wirklichkeit. Diane, in ihren unbequemen Haltung, mit den Fesseln. Der Schnee. Das Blockhaus. Milo, der hinter dem Baumstamm hervortrat, den Smith & Wesson noch im Beidhandanschlag. Und der Gangster.

Er stand genauso da wie ich. Er starrte mich an. Zusätzlich glotzte die Mündung seiner Automatik. Unverändert. Doch kein Schuss fiel. Dabei schien sich der Zeigefinger am Abzug immer noch krümmen zu wollen. Es kam mir vor, als wäre ich eine Ewigkeit unfähig gewesen, mich zu rühren. Ich schaffte es endlich, zur Seite zu treten – aus der Visierlinie heraus. Nichts daran änderte sich. Die schwere Pistole folgte meiner Bewegung nicht. Stattdessen kippte der Mann vornüber wie ein Brett.

Die Automatik stieß mit seinen immer noch ausgestreckten Armen wie ein Bohrer in den Schnee. Der eine Schuss löste sich. Es klang, als ob jemand in einem Watteberg steckte und in die Hände klatschte.

Es blieb nicht bei der Stille. Das Hubschraubergeräusch schwoll wieder an. Eindeutig, dass da eine Maschine startete. Während ich Dianes Fesseln löste, erklärte Milo uns, dass es sich um den Rettungshubschrauber handelte, der den verwundeten Piloten abtransportierte. Auf dem kurzen Weg ins Blockhaus spulte mein Freund und Kollege den Rest seines Berichts ab. Gleich darauf hatte er Funkverbindung mit den Kollegen von der Country Police.

Ich hatte Zeit, mich um Diane zu kümmern. Sie lehnte sich an mich, und ich legte den Arm um ihre Schultern.

»Ich habe unwahrscheinliches Glück gehabt«, sagte sie leise. »Stell dir vor, ich war gerade ins Kaminzimmer geschlichen! Ich wollte horchen, ob sich da vorn etwas tat. Ein Stück Holz vom Fensterrahmen hat mich getroffen. Deshalb lag ich schon auf dem Boden, als die Granatsplitter hereinsausten.«

Ich schob sie ein Stück von mir weg und sah sie an. Über dem rechten Oberarm war ihre Jacke aufgeschnitten. »Das war nicht nur Holz«, sagte ich und zeigte auf die Stelle. »Mindestens ein paar Splitter vom Fensterglas waren auch dabei.«

Sie bemerkte es erst jetzt, erschrak und tastete in die klaffenden Schnitte im Stoff. »Kein Blut«, sagte sie erleichtert, nachdem sie die Hand wieder herausgezogen hatte. Und spontan kam sie auf mich zu und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

Milo räusperte sich vernehmlich.

Wir sahen ihn an. Er hatte sein Funkgespräch beendet und musterte uns mit der strafenden Miene eines Schulmeisters. »Ihr seid im Dienst«, stellte er fest.

Diane lächelte mich verschmitzt an. Dann ging sie wortlos auf meinen Freund zu und bedachte ihn mit der gleichen gehauchten Anerkennung wie mich. »Selbst im Dienst darf man menschlich bleiben«, erklärte sie mit einem energischen Nicken. Schmunzelnd wandte sie sich ab und ging nach nebenan, wo es eine Kaffeemaschine gab.

»So kann man es natürlich auch sehen«, sagte Milo mit runden Augen.

Ich trat auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter. »Irgendwo hast du trotz allem auch etwas Menschliches«, sagte ich tröstend.

Ich entging seinem Seitenhieb nur mit knapper Mühe. Dann berichtete er, was er über Funk mit den Police-Kollegen in Clifton Forge vereinbart hatte. Dazu gingen wir in die Küche, wo Diane die Kaffeemaschine zum Brodeln brachte.

»Wir werden gleich abgeholt«, sagte Milo. »Sie haben einen zweiten Piloten mitgebracht. Der Hubschrauber ist in Ordnung; die paar Löcher im Kanzelglas konnten sie notdürftig flicken. Aber das Wichtigste: Die County Police hat den Funkverkehr überwacht. Die vier Kerle hatten keine Verbindung nach außen. Und telefoniert haben sie in Clifton Forge auch nicht. Ihre Angst, abgehört zu werden, muss ziemlich groß gewesen sein.«

»Begreiflicherweise«, nickte ich. »Die Sache, um die es geht, ist auch mindestens zwei Nummern zu groß für sie. Fragt sich nur, wann und wo sie zur Berichterstattung erwartet werden.«

»Wir können nur hoffen, dass die Frist lang genug ist«, erwiderte Milo. »In Clifton Forge haben wir jedenfalls alle Unterstützung. Der County Sheriff wird keine Presseverlautbarung herausgeben, solange wir es nicht wollen. Und die vier Toten werden erst bei Dunkelheit ins Leichenschauhaus gebracht – so unauffällig wie möglich. Alle beteiligten Beamten werden zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Und außerdem ist das Leichenschauhaus sehr verschwiegen. Es steht ziemlich abgeschirmt am Stadtrand. Dort können die Kollegen dann in aller Ruhe den Rest an erkennungsdienstlichen Maßnahmen abwickeln.«

Diane brachte den Kaffee. Sie fand nichts dabei. Sie war uns in jeder Beziehung gleichgestellt, war Special Agent wie wir. Und weil das nicht nur auf dem Papier stand, hatte sie keine verkrampften Gedanken. Wir genossen den Kaffee und rauchten eine Zigarette. Es gab ein wenig Grund zum Aufatmen. Als wir in Clifton Forge bemerkt hatten, dass wir beschattet wurden, hatten wir zuerst geglaubt, der gesamte Einsatz wäre zum Scheitern verurteilt. Nun aber wussten wir, dass wir weitermachen konnten. Wenn es gutging, hatten wir wenigstens ein paar Tage zur Verfügung.

Nach einer knappen Zigarettenlänge landete der Hubschrauber auf der Lichtung vor der Hütte.

 

 

5

»Was tust du?«, rief Lydia aus dem Bad.

Dario Safarim grinste. »Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn man diese ganze verdammte Stadt in die Luft jagen würden.«

Lydia Malone erschien in der offenen Tür, vor dem hellen Licht der Badelandschaft aus Fliesen und Marmor. Sie blickte erstaunt. Ihr kurzes, blondes Haar war wie von einem Strahlenkranz umgeben. Sie umhüllte ihren schlanken, sportlichen Körper mit einem roten Frotteehandtuch. Leichtfüßig überquerte sie den flauschigen Teppichboden des großen Wohnzimmers.

Safarim drehte sich nicht um. Der hochgewachsene, breitschultrige Mann stand am Fenster und blickte auf den abendlichen Lichterglanz Washingtons.

Lydia hängte sich an seine Schulter. Das weiße Seidenhemd fühlte sie wie eine zweite Haut auf seinen harten Muskelsträngen an. »Wieso verdammte Stadt?«

»Diese Stadt ist Amerika.« Er starrte unverwandt hinaus. Aus dem Wohnhochhaus an der Monroe Street im Bezirk Brookland, im Nordwesten der Hauptstadt, hatte man einen überwältigten Ausblick. Das Apartment, das sie möbliert gemietet hatten, lag im 25. Stock. Washington wirkte wie ein schwarzer Teppich, auf den jemand Diamanten unterschiedlicher Größe gestreut hatte. Besonders eindrucksvoll war das Capitol. Die angestrahlte Kuppel ragte wie eine gleißende Insel aus diesem Meer von Licht.

»Du musst differenzieren, Sweetheart«, gurrte Lydia. »Auch Kuba ist Amerika, auch Paraguay, Chile und…«

Safarims Knurren schnitt ihr das Wort ab. »Erstens bist du Engländerin, und zweitens weißt du genau, was ich meine.«

»Richtig. Aber gerade du solltest dich klarer ausdrücken. Du … als Feind der USA. Die USA mit Amerika gleichzusetzen, bedeutet doch, Kanada und Mittel- und Südamerika als nebensächliche Anhängsel hinzustellen. Es bedeutet, die Herrschaftsansprüche dieser Weltmacht auch verbal zu zementieren.«

»Mein Gott!« Safarim wandte sich ihr nun doch zu. Amüsiert blickte er auf sie hinab. »Was willst du beweisen? Dass du im Diskutieren nicht zu schlagen bist? Dass du mir im Theoretisieren überlegen bist?«

»Überhaupt nicht.« Sie blickte zu ihm auf. Sein schwarzes, leicht gelocktes Haar umrahmte ein schmales Gesicht, dessen harte Linien von kalter Entschlossenheit zeugten. Er hatte die Hautfarbe eines Levantiners, obwohl seine Herkunft sogar für ihn selbst im Dunkeln lag. Er vermutete, dass er italienisch-arabischer Abstammung war. Die Pässe, die er verwendete, wiesen ihn jedoch überwiegend als Südamerikaner, gelegentlich auch als Libanesen aus. Er sprach ein völlig akzentfreies Englisch. Außerdem beherrschte er Spanisch, Hebräisch und verschiedene arabische Idiome. Lydia zwinkerte ihm schmunzelnd zu. »Ich will dich nur mit deinen eigenen Waffen schlagen.«

Statt einer Antwort ergriff er ihre nackten Schultern. Sie erschauerte unter der Kraft seiner Hände. Er tastete nach dem wulstigen oberen Rand des Badetuchs und öffnete es. Lydia ließ es widerstandslos geschehen. Er umschmeichelte ihre großen Brüste mit seinen Händen. »Weißt du, was mir lieber wäre?«, flüsterte er.

»Sag es!«, hauchte sie.

»Wenn du mich mit deinen weiblichen Waffen angreifen würde.«

Sie schloss die Augen. Das Badetuch fiel vollends von ihr ab. »Und soll ich dich besiegen?«

Er lachte. »Du kennst die Qualität meiner Waffen. Jetzt, wo wir endlich wieder Ruhe haben, werden wir es darauf ankommen lassen. Egal, wie es ausgeht, Baby, es wird sein, als ob Washington unter einer Explosion erbebt.«

»Du bist gar nicht von dir eingenommen!«, spottete sie glucksend.

Der elektronische Dreiklang des Türgongs schwebte durch die Luxuswohnung. Safarim knurrte einen Fluch, Lydia sah ihn bestürzt an. Er schob sie achselzuckend von sich und wandte sich zur Eingangshalle. Lydia hob ihr Frottiertuch auf und wickelte sich darin ein, während sie ihm folgte.

Das Gebäude hatte all die Sicherheitseinrichtungen, die heutzutage für einen preis- und leistungsbewussten Mieter zur Mindestausstattung eines Apartments gehörten. Jede Wohnung war an die Videokamera unten im Eingangsbereich angeschlossen. Außerdem an die Kameras in der Halle und vor den Fahrstühlen. War ein Besucher dann oben, konnte der Wohnungsinhaber das Monitorbild umschalten auf den Bereich direkt vor seiner Tür. Anschließend ließ man den Besucher in dem kleinen Vorflur warten – zwischen der nun sich schließenden Wohnungstür und der zweiten, noch verriegelten Tür. Versuchte der Bursche – unter dem Auge der Videokamera – die vordere Tür mit dem Fuß offenzuhalten, rief man die Polizei an. Nach Möglichkeit musste es dann gelingen, den Betreffenden zwischen den beiden Türen gefangenzuhalten, bis die Cops eintrafen.

Safarim schätzte solche elektronisch gesteuerten Systeme. Allerdings zog er es in jedem Fall vor, die abschließende Arbeit selbst zu erledigen und sie nicht etwa der Staatsgewalt des jeweiligen Landes zu überlassen, in dem er sich gerade aufhielt.

Das erste Monitorbild zeigte einen Mann mit Hut und hochgeschlagenem Mantelkragen. Obwohl nur sein Oberkörper im Bild war, konnte man leicht erkennen, dass er fror. Er trat von einem Bein auf das andere. Sein Gesicht lag im Schatten der Hutkrempe.

»Kennst du ihn?«, fragte Safarim.

»Nein«, antwortete Lydia. Sie hütete sich, jetzt noch das sexhungrige Kätzchen zu spielen. Safarim konnte von einer Sekunde zur anderen in diese gereizten Stimmung geraten. Dann durfte man nichts von ihm wollen. Er stieß dann alles zurück, egal, was es war.

Lydia war keine Anfängerin in der Branche, und sie hatte nicht vor, ihr Selbstbewusstsein dadurch zu gefährden, dass sie sich körperlich erniedrigen ließ. Safarim war jähzornig – ein Mann, der schnell und völlig überraschend zuschlug.

Er sprach in den Hörer, der Bestandteil der Anlage war. »Was wollen Sie?«, fragte er.

Der Mann auf dem Monitorbildschirm beugte sich zur Sprechmuschel vor. »Sternenregen«, sagte er.

Safarim brummte zufrieden, ließ ein genuscheltes »Abendhimmel« hören und betätigte den Türöffner. »Zieh dir was an«, sagte er, zu Lydia gewandt.

»Weißt du, wer es ist?«, fragte sie.

Als er den Kopf schüttelte, verschwand sie gehorsam im Badezimmer.

Mittels der Videoschaltungen beobachtete Safarim den Mann auf seinem Weg zum Fahrstuhl und anschließend zur Wohnungstür. In der Schleuse zwischen den beiden Türen ließ er ihn ein paar Minuten schmoren und forderte ihn auf, den Hut abzunehmen. Der Mann sah arabisch aus, wirkte aber kein bisschen gereizt. Er schien die Geduld in Person zu sein.

Lydia kehrte aus dem Badezimmer zurück. Die Enge ihrer weißen Jeans ließ keine Fragen offen, noch viel weniger das hellblaue Shirt, unter dem sie nichts Stützendes trug. Safarim musterte sie mit einem missbilligendem Seitenblick. Er hasste es, wenn sie sich zur Schau stellte. Andererseits hatte er gelernt, dass sie über etwaige Besitzansprüche nur spöttisch grinste. Und nicht zuletzt war er ein wenig von ihr abhängig. In diesem speziellen Fall.

Bei nächster Gelegenheit konnte das schon umgekehrt sein. So war es eben, wenn man seine Fähigkeiten auf dem freien Markt anbot und für den jeweiligen Auftrag Mitarbeiter suchen musste. Man nahm die, die man kannte, und auf die man sich verlassen konnte.

»Sieht sympathisch aus«, sagte Lydia.

Details

Seiten
158
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933505
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504564
Schlagworte
trevellian bombenfracht

Autor

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Titel: Trevellian und die Bombenfracht