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Mit dem Colt ins Verderben

2019 129 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

MIT DEM COLT INS VERDERBEN

Klappentext:

Roman:

MIT DEM COLT INS VERDERBEN

 

von Timothy Kid

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Der Ranchersohn George Perkins kennt nur ein Ziel: eines Tages ein berühmter Revolverheld zu werden. Als er erfährt, dass sein heimliches Idol Bill Hogan gerade in der nächsten Stadt weilt, gibt es für George kein Halten mehr. Er reitet nach Independence - und gerät dort prompt in eine Schießerei, bei der er Seite an Seite mit dem berüchtigten Revolvermann kämpft!

Zum Dank beschließt Hogan, den Grünschnabel unter seine Fittiche zu nehmen und ihm alles beizubringen, was nach Hogans Meinung ein Revolverkämpfer können muss. Als George bemerkt, dass er sich gründlich in Hogan getäuscht hat, ist es zur Umkehr zu spät. Jeder abgefeuerte Schuss bringt ihn näher an den Abgrund des Verderbens…

 

 

Roman:

Wie verschmolzen mit dem Körper des hochbeinigen Falben, jagte George Perkins über die Prärie. Der Reitwind peitschte sein Gesicht, einige hundert Yards voraus ragten die Konturen einer Stadt als scharf umrissene Silhouette gegen den Himmel über Kansas.

Dort vorne lag Independence – und dort sollte sich zurzeit jener Mann aufhalten, den George insgeheim verehrte wie keinen anderen und den er endlich persönlich kennenlernen wollte: Bill Hogan, einer der berühmtesten und gefürchtetesten Revolverschützen des Westens!

George träumte davon, dass sein Name einst ebenso ehrfurchtsvoll ausgesprochen wurde wie der seines großen Idols. Mit dem Colt in der Faust wollte er zu Ruhm und schnellen Dollars gelangen – und Bill Hogan sollte ihm helfen, diesen Traum zu verwirklichen.

Die Entfernung zur Stadt schmolz unter den Hufen des Falben, die Häuser von Independence schienen größer und größer zu werden. Das satte Grün der Ebene links und rechts zog rasend schnell an George vorbei, hinter seiner Stirn jagten die Gedanken – die Gedanken an sein bisheriges Leben, das ihn kein einziges Mal aus diesem Flecken Land hinausgeführt hatte. Ein Name allerdings drängte sich ihm immer wieder auf, der diesen Umstand schlagartig ändern sollte, ein Name, den er sogar aus dem Hämmern der Hufe herauszuhören glaubte:

Bill Hogan!

George zählte gerade mal neunzehn Jahre – ein schlanker, dunkelhaariger Bursche mit noch jungenhaft wirkenden Gesichtszügen. Jetzt aber lag ein verbissener Zug um seine Mundwinkel, der ihn unwillkürlich älter erscheinen ließ, und in seinen Augen leuchtete wilde Entschlossenheit. Wer ihn so sah, hätte vieles vermutet – nicht aber, dass er der einzige Sohn eines Kleinranchers war, der einige Meilen außerhalb der Stadt sein Anwesen betrieb.

Seine Eltern hatten die Ranch vor über zwanzig Jahren errichtet, als es in dieser Gegend noch ausreichend freies Regierungsland gegeben hatte und Independence nicht mehr gewesen war als eine Ansammlung primitiver Holzhütten. Mittlerweile galt Independence als Stadt, und auch mit der Ranch war es aufwärtsgegangen. Harte Arbeit und Sparsamkeit – das war die Basis für den Ankauf der ersten Rinder gewesen, und seither bestritt die Familie ihr Auskommen mit der Viehzucht. Das Gehöft konnte sich zwar nicht mit den Rinderimperien der großen Weidekönige messen, aber es ernährte die Familie – und mehr wollte Georges Vater auch nicht.

Mark Perkins war zufrieden mit dem, was er erschaffen hatte, und seine Frau Amy dachte ebenso. Der Rancher wollte sich nicht um Dutzende Cowboys kümmern, die jedes Wochenende in der Stadt Radau schlugen, und er wollte auch keine riesigen Rinderherden besitzen, die die Aufmerksamkeit von Viehdieben erregten. Ihm genügte seine kleine, überschaubare Welt an der Seite der Frau, die er liebte – eine Welt, die er auch für seinen Sohn erschaffen hatte, wenn der einst die Ranch übernehmen sollte.

Schon der bloße Gedanke daran erfüllte George mit Unbehagen. Bisher hatte er von Kansas nicht mehr gesehen als die Gegend um Independence. Ihn aber interessierten keine Rinder und keine Weide, er wollte auf einem Pferd durch die Weiten des Westens reiten und Abenteuer bestehen! Nicht mit Lasso und Brandeisen wollte er sich seine Dollars verdienen, sondern mit dem Revolver – mit jener Waffe, die gleichsam als Symbol für den amerikanischen Westen stand und schon so vielen Männern Ruhm und Anerkennung gebracht hatte.

Insgeheim hatte George schon immer die Cowboys der umliegenden Großranches bewundert, die mit umgeschnallten Colts über die Weiden ritten und ihn, den Sohn eines Kleinranchers, keines Blickes würdigten. Auch der Sheriff von Independence beeindruckte ihn, wenn er autoritätsgewohnt durch die Straßen der Stadt schritt, den polierten Stern an der Brust des Jacketts, den geladenen Sechsschüsser an der rechten Hüfte, und George zumindest freundlich zunickte. Am meisten jedoch verehrte er jene Männer, die ausschließlich von ihrem schnellen Eisen lebten, weil sie es an jeden vermieteten, der ihre Fertigkeiten in Anspruch nahm.

Bisher war George noch keinem dieser Männer begegnet. Sein Wissen über Revolverhelden beschränkte sich auf Erzählungen, die er im Saloon aufgeschnappt hatte, und Berichte, die regelmäßig in den Zeitungen erschienen. Sicher, am rauchverhangenen Tresen verschwammen die Grenzen zwischen Wahrheit und Legende rasch, noch dazu unter Alkoholeinfluss und zu fortgeschrittener Stunde; auch die Zeitungsartikel waren bewusst reißerisch gestaltet, um die Auflage zu erhöhen. Aber wenn auch nur die Hälfte von all dem stimmte, was man sich über die Revolverschützen erzählte, die sich bei Duellen, Weidekriegen und der Zähmung ganzer Banditenstädte einen Namen gemacht hatten, dann mussten sie wahre Meister im Umgang mit dem Colt sein – und danach strebte auch George Perkins.

Der Anfang war längst gemacht. Seit zwei Monaten besaß er das Rüstzeug eines jeden Revolverhelden: eine eigene Waffe samt Holster, die er von einem fahrenden Händler erstanden hatte. Der Trader war insgeheim froh gewesen, dass er das altmodische Ding endlich an den Mann gebracht hatte, denn bei dem Schießeisen handelte es sich um einen Remington New Model Army, Kaliber 44, bei dem die Trommel noch umständlich von vorne geladen werden musste, mit Zündhütchen, Pulver und Kugeln. Die große Zeit dieser Waffe war der Bürgerkrieg gewesen, aber der lag mehr als zwanzig Jahre zurück, sodass sie mittlerweile kaum noch benutzt wurde. Wer heute einen Colt trug, der verwendete einen modernen Patronenrevolver, der mittels Metallpatronen schnell und einfach von hinten zu laden war – idealerweise den Classic Peacemaker, Kaliber 45.

George war dennoch stolz auf seine Waffe. Er hatte lange auf den Ladenhüter sparen müssen und bewahrte ihn wie einen Schatz in der Dachkammer des Schuppens auf, gut versteckt unter Stroh, denn sein Vater durfte nichts davon wissen. Wer zum Colt greift, wird eines Tages auch durch den Colt umkommen, das waren seine Worte, die er nicht müde wurde zu wiederholen. So sah sich George gezwungen, jedes Mal weit fortzureiten, wenn er das schnelle Ziehen und Zielen unbeobachtet üben wollte, und passende Ausreden zu erfinden, fiel ihm immer schwerer.

Auch heute war er wieder in die verborgene Schlucht gezogen, in der er regelmäßig Schießübungen auf leere Konservendosen veranstaltete. Diesmal jedoch war er entdeckt worden – aber das Erschrecken darüber währte nur kurz und schlug rasch in Begeisterung um.

Das Echo der Schüsse hatte einen aus der Stadt kommenden Satteltramp angelockt, und der hatte berichtet, dass sich Bill Hogan in Independence aufhielt, einer der ganz großen Revolverhelden – und Georges heimliches Vorbild!

„Na, Junge“, hatte der Mann lächelnd gesagt, als er erleichtert feststellte, dass es sich bei der vermeintlichen Schießerei nur um das Revolverspiel eines Burschen handelte, der sich vermutlich noch an seine erste Rasur erinnern konnte, „willst du vielleicht gegen Bill Hogan ziehen?“

Schon die bloße Erwähnung des Namens hatte Georges Herzschlag beschleunigt. Nein, er wollte nicht gegen Bill Hogan ziehen, aber er wollte von ihm das schnelle Ziehen und treffsichere Schießen lernen! Erfasst von fiebriger Erregung, hatte er sich auf sein Pferd geschwungen, kaum dass der Fremde weitergeritten war. Bill Hogan in Independence – eine solche Chance bot sich George bestimmt kein zweites Mal, noch dazu, wo er den Revolver bereits bei sich trug! Hätte er sich jetzt zuhause befunden, wäre es ungleich schwieriger gewesen, unbemerkt an die Waffe zu gelangen und nach Independence zu reiten. Wenn er diesen Wink des Schicksals nicht nutzte, würde er wahrscheinlich nie mehr eine Gelegenheit erhalten, sein Idol kennenzulernen.

George zügelte den Falben, als er die Stadt erreichte. Er hatte die Häuser von Independence schon unzählige Male gesehen – jetzt aber erschienen sie ihm wie eine Kulisse des Alltäglichen, hinter der das Abenteuer schon auf ihn wartete.

Dass diese Häuser auch düstere Schatten warfen, beachtete er nicht…

 

* * * * *

Independence begann nahtlos dort, wo die Prärie endete – eine Front von Gebäuden inmitten der endlosen Weite des Graslandes. George gelangte direkt auf die Main Street, die im gleißenden Schein der Sonne lag. Über den hochgezogenen Scheinfassaden der Häuser wölbte sich das Azurblau des Himmels, vor den Haltebalken der hölzernen Gehsteige standen vereinzelt Pferde mit hängenden Köpfen.

Jetzt, am frühen Nachmittag, wurde die Stadt kaum von Passanten frequentiert. Die wenigen im Freien befindlichen Menschen, die George allesamt kannten, nickten ihm freundlich zu wie immer, wenn er nach Independence kam.

Sekunden später gefror das Lächeln auf ihren Lippen, und ungläubiges Erstaunen zeichnete ihre Gesichter, die wie in Trance langsam seiner dahintrabenden Gestalt folgten.

Der Ranchersohn konnte sich darauf keinen Reim machen. Sicher, er war geritten wie der Teufel und wirkte etwas abgehetzt, aber das war doch noch lange kein Grund, ihn anzustarren wie ein Gespenst. Wussten die Menschen etwa von seinem Plan und reagierten deshalb so betroffen? Das allerdings war schlichtweg unmöglich, denn George hatte noch nie jemandem von seinem sehnlichsten Wunsch erzählt.

Plötzlich fiel es dem Jungen wie Schuppen von den Augen. Sein Colt war es, der die Stadtbewohner so irritierte! Bisher hatte ihn keiner je mit einem Revolver gesehen, alle kannten ihn nur als den Sohn des friedfertigen Kleinranchers Mark Perkins, der Waffen verabscheute! Der Remington an Georges rechter Hüfte musste auf die erstaunten Menschen wie ein Fremdkörper wirken.

Die jähe Erkenntnis erfüllte George mit wildem Trotz. Sollten sie nur glotzen, die Bürger von Independence! Von jetzt an würden sie sich an diesen Anblick gewöhnen müssen. Die Zeit des Versteckspiels war vorbei. George war entschlossen, den Trail des Revolverschützen zu beschreiten, und er würde heute den Anfang machen. Die Vorstellung ließ ihn seine schlanke Gestalt im Sattel straffen, gleichzeitig reckte er das Kinn. So ritt kein verängstigter, schüchterner Junge, sondern ein Mann, der seine Waffe wie selbstverständlich trug und sie stolz zur Schau stellte – zumindest versuchte sich George das einzureden.

 

In Wahrheit strömte die Nervosität in heißen Wellen durch seinen Körper, während sich ihm ständig die gleichen Fragen aufdrängten. Wie sollte er Bill Hogan ansprechen, und wie würde der reagieren? Was würden seine Eltern sagen, wenn sie erfuhren, dass er längst einen Colt besaß und der Ranch den Rücken kehren wollte? In Georges Innerem tobte ein Widerstreit an Gefühlen wie nie zuvor in seinem Leben. Schließlich verwarf er seine Grübeleien und dachte wieder in klaren, logischen Bahnen.

Zunächst einmal musste er Bill Hogan finden, alles andere würde sich dann von selbst ergeben. Und ein Mann, der fremd in einer Stadt war, suchte in der Regel zunächst den Mietstall, den Saloon oder ein Hotel auf.

George entschied sich für den Saloon. Erstens brauchte er dort nicht lange zu fragen, und falls er Bill Hogan wider Erwarten doch nicht antraf, würde es genügen, die Ohren aufzusperren. Die Nachricht von der Ankunft des Revolverhelden hatte sich bestimmt verbreitet wie ein Lauffeuer und stellte im „Lucky Cowboy“ das Gesprächsthema dar.

Der Ranchersohn zügelte den Falben vor dem Saloon, glitt aus dem Sattel und schlang die Zügel um den hölzernen Querbalken. Er stieg die niedrige Treppe zum Sidewalk empor, wo er kurz innehielt, um seinen Revolvergurt zurechtzurücken und noch einmal tief durchzuatmen, dann schritt er über die knarrenden Planken und stieß die Schwingtüren auf.

Sofort umfing ihn der vertraute Geruch nach Bier, Whisky und kaltem Rauch – und eine eigentümlich gespannte Atmosphäre. Irgendetwas war heute anders als sonst, das spürte George mit jeder Faser seines Körpers, während er seinen Blick durch die Gaststätte gleiten ließ und hinter ihm die Flügel der Tür auspendelten.

 

Um diese Zeit herrschte im „Lucky Cowboy“ kaum Betrieb. An den Tischen saßen einige Männer aus der Stadt, wie George sofort feststellte. Am Tresen aber, der dem Eingang gegenüberlag, lehnte ein Fremder, der George den Rücken zuwandte – und er stand so, dass er durch einen Blick in den über der Theke angebrachten Spiegel auch den Eingang im Auge behalten konnte. Dieser Umstand erweckte ebenso Georges Aufmerksamkeit wie das Verhalten von Mister Cantrell, dem Eigentümer des Saloons. Der polierte hinter dem Tresen Gläser, wirkte dabei aber dermaßen angespannt, als hielte er entzündete Dynamitstangen in den Händen. Als er George bemerkte, nickte er ihm nur flüchtig zu und widmete sich dann sofort wieder seinen ohnehin schon sauberen Gläsern.

George durchmaß den Raum mit entschlossen Schritten und platzierte sich rechts neben dem Fremden am Tresen, nur eine Armlänge von dem Mann entfernt. Er bestellte ein Bier, das ihm Mister Cantrell wortlos zuschob, ehe er wieder nach seinem Geschirrtuch griff. Nur in den Augen des Salooners las George eine stumme Warnung, fast schon ein Flehen – und er war sich sicher, dass sich diese Warnung auf den Mann zu seiner Linken bezog, der reglos vor seinem Whisky stand und von dem Ranchersohn keine Notiz nahm.

George griff nach dem Bier, führte das Glas an die Lippen und trank mit langen, gierigen Schlucken. Seine Kehle war nach dem wilden Ritt wie ausgedörrt, aber das Löschen seines Dursts stellte jetzt nicht sein dringlichstes Anliegen dar.

 

Der Mann neben ihm musste Bill Hogan sein, anders war die Nervosität von Mister Cantrell nicht zu erklären. Ein beliebiger Fremder hätte den Salooner wohl kaum dermaßen verunsichert. Und um herauszufinden, ob seine Vermutung stimmte, gab es eine einfache Möglichkeit: Er musste den Mann nach seinem Namen fragen.

George stellte das halb leere Glas zurück auf die Theke, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und richtete dann seine Worte an den Fremden.

„Mister Hogan?“ In der Stimme des Jungen klang mühsam unterdrückte Erregung durch. „Mister Bill Hogan?“

Der Angesprochene wandte George den Kopf zu, sah ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Gleichgültigkeit an und sagte nur: „Ja, der bin ich. Und wem habe ich das Vergnügen?“

George musste hart schlucken. Das war er also – Bill Hogan, einer der berühmtesten Revolverschützen des Westens! Nun stand George seinem großen Vorbild tatsächlich leibhaftig gegenüber – und nie würde er den Tag vergessen, an dem er ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Bill Hogan war ein großer, stattlicher Mann Anfang vierzig mit kantigen Gesichtszügen und sandfarbenem Haar. Die vereinzelten Falten in seinem gebräunten Gesicht wirkten wie mit dem Messer gezogen und verstärkten noch sein markantes Äußeres. Dem Blick seiner rauchgrauen Augen haftete etwas Unergründliches an. Die durchtrainierte Gestalt des Revolvermannes steckte in einem schmal geschnittenen, hellbraunen Cordanzug, einem vor der Brust offenen Hemd und staubigen Stiefeln. Um seine Hüfte schlang sich ein mit Patronen bestückter Revolvergurt, dessen Holster mit dünnen Lederriemen am rechten Oberschenkel befestigt war und einen Colt 45 enthielt. Selbst jetzt, wo er lässig am Tresen lehnte, verströmte Bill Hogan den Hauch des gnadenlosen Kämpfers, bei dem der Sechsschüsser längst zu einem Teil seines Körpers geworden war.

„Ich habe dir eine Frage gestellt.“ Die Stimme des Revolvermannes riss George zurück in die Wirklichkeit. „Wie lautet dein Name, Junge?“

„George Perkins“, stieß der Ranchersohn aufgeregt hervor. „Mein Name ist George Perkins.“ Er war sich bewusst, dass alle Gäste des Saloons nun die Ohren spitzten und das Gespräch zwischen ihm und Bill Hogan belauschten, aber darauf durfte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Der berühmte Revolvermann würde ihm kaum vor die Tür folgen, um sich sein Anliegen anzuhören.

„Und weiter?“, drängte Bill Hogan. „Nur um mir das zu sagen, wirst wohl nicht hierher gekommen sein.“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte George, der sich unversehens wie ein Schüler fühlte, der von seinem strengen Lehrer einer Prüfung unterzogen wurde. „Es ist nur so, dass … also, Sie müssen wissen, dass ich ein großer Bewunderer von Ihnen bin. Ich kenne all die Erzählungen, wie hervorragend Sie mit dem Colt umgehen können, und als ich erfuhr, dass Sie sich in Independence aufhalten sollen, da …“

„Da hast du dir gedacht, schau’ mal im Saloon vorbei, Bill Hogan ist sicher dort“, vollendete der Revolvermann Georges Ausführungen. Es war offensichtlich, dass sich Bill Hogan von dem Jungen genervt fühlte – das bewiesen auch seine folgenden Worte.

„Hör zu, Bürschchen, wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es jugendliche Schwärmer, die mir meine Zeit stehlen. Du hast mich gesehen, du hast sogar mit mir gesprochen, also lass es gut sein und sei froh, dass du deinen Kumpels von dieser Begegnung berichten kannst.“

„Sie irren sich, wenn Sie glauben, ich sei nur ein Schwärmer“, entgegnete George. Er wunderte sich selbst über seinen Mut, diesem ehrfurchtgebietenden Mann so offen zu widersprechen, aber es widerstrebte ihm einfach, sich derart abwimmeln zu lassen. Dazu war er schon zu weit gegangen. „Wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, trage ich einen Colt – und ich kann damit auch umgehen. Zwar nicht perfekt, aber ich bin bereit, hart zu üben. Werden Sie mein Lehrer, und ich werde Sie nicht enttäuschen, das verspreche ich Ihnen. Natürlich werde ich Sie für Ihre Bemühungen angemessen bezahlen. Ich habe fünfzig Dollar gespart, und die gehören Ihnen, wenn Sie mir alles beibringen, was ein Revolvermann so können muss. Geben Sie mir nur zwanzig Minuten, und das Geld liegt vor Ihnen auf dem Tresen.“

Die Worte des Ranchersohnes schienen noch im Raum zu stehen, als er längst schon verstummt war. Nun war es heraus – und alle im Saloon hatten es mitangehört. Bald würde jeder in Independence erfahren, dass George Perkins ein Revolverheld werden wollte! Dieser Mut würde sich bezahlt machen, da war George ganz sicher – und wurde schon im nächsten Moment eines Besseren belehrt.

„Das altmodische Ding an deiner rechten Hüfte wirfst du am besten auf den Müll“, meinte Hogan und bedachte den Remington mit einem verächtlichen Blick. „Wenn es ernst wird, bist du durchlöchert, bevor du das Schießeisen nachgeladen hast, da kannst du üben, bis dir die Finger abfallen. Außerdem bilde ich keine Revolverschützen aus, sondern übernehme lediglich Aufträge – aber nicht für fünfzig Dollar! Für diese Summe schnalle ich nicht einmal meinen Revolvergurt um. Du hättest dich besser über die Preise in meinem Job informiert, als in irgendwelchen Tagträumereien zu schwelgen. So, und jetzt lass mich zufrieden, zwischen uns beiden gibt es nichts mehr zu besprechen.“

Hogan griff nach seinem Whisky, kippte sich das scharfe Getränk mit einem Ruck in die Kehle und stellte das leere Glas zurück auf den Tresen. Das Geräusch hallte überlaut durch den Saloon, in dem George Perkins eben die schlimmste Demütigung seines Lebens widerfahren war.

Die Worte des Revolvermannes hatten ihn getroffen wie Peitschenhiebe, grenzenlose Enttäuschung formte einen unsichtbaren Kloß in seiner Kehle. In diesen Sekunden hätte sich George irgendwohin gewünscht, nur weg von hier, wo alle Anwesenden sein Scheitern hautnah miterlebt hatten. Plötzlich schlug seine Bewunderung für Bill Hogan ins Gegenteil um, und er hasste diesen Mann, wie er noch nie zuvor einen Menschen gehasst hatte.

George kramte einige Centmünzen aus der Jackentasche, knallte sie auf die Theke und verließ den Saloon, ohne sein Bier auszutrinken. Er stand kaum im Freien, da drang schon lautes Stimmengemurmel über die Schwingtüren des „Lucky Cowboy“. Zwar konnte George nichts Genaues hören, aber der Inhalt der Gespräche war nur unschwer zu erraten: Der berühmte Bill Hogan hatte den Sohn des Ranchers Mark Perkins zurechtgestutzt! In wenigen Stunden würde es die ganze Stadt wissen und in spätestens zwei, drei Tagen auch seine Eltern.

 

Zum Teufel mit Bill Hogan! George löste die Zügel des Falben, schwang sich in den Sattel und galoppierte los. Staub wölkte unter den Hufen seines Pferdes, während er die Main Street entlangpreschte, vorbei an den erstaunten Menschen, die sich erst vor wenigen Minuten über seinen Revolver gewundert hatten.

Er war erst wenige Yards geritten, als sich eine raue Männerstimme über den Hufschlag des Falben erhob.

„Hogan, du miese Ratte! Komm raus aus dem Saloon, ich warte auf dich! Heute wird endgültig abgerechnet, verdammter Revolverschwinger!“

George zügelte jäh den Falben und riss ihn halb herum, sein Blick glitt zurück zum Saloon. Dort, genau vor dem Eingang des „Lucky Cowboy“, stand ein Mann auf der Straße – breitbeinig, die gekrümmte Rechte über dem Kolben des Revolvers, den Kopf leicht in den Nacken gebeugt. Sein drahtiger Körper warf einen verzerrten Schatten auf den gleißenden Sand der Main Street, die sich in Sekundenschnelle leerte.

Die Bohlen der Brettergehsteige knarrten unter dem Hasten von Schritten, Türen wurden fluchend zugeschlagen. Wer immer sich jetzt im Freien aufhielt, suchte schleunigst das Weite, um nicht das Opfer einer verirrten Kugel zu werden – denn Kugeln würden schon in wenigen Augenblicken über die Main Street jaulen. In Independence stand ein Kampf zwischen zwei Revolverhelden bevor, das begriff in diesen Sekunden auch George, der wie gebannt zum Saloon starrte.

 

* * * * *

 

Zwar wäre es auch für ihn das Klügste gewesen, schnell aus der Stadt zu reiten, aber irgendetwas hielt ihn zurück und zwang ihn, das Kommende mitanzusehen. George verspürte in diesen Sekunden keine Furcht, nur grenzenlose Spannung. Sein Erlebnis im Saloon war wie ausgelöscht.

„Was ist, Hogan, hörst du schlecht?“, höhnte der Herausforderer. „Wirst wohl langsam alt, was?“ Er stieß ein gehässiges Lachen aus, das unheimlich über die Dächer von Independence schallte – und einen Atemzug später vom Knarren der Pendeltüren durchbrochen wurde, als Bill Hogan ins Freie trat. Seine Bewegungen glichen der lässigen Geschmeidigkeit einer zum Sprung bereiten Raubkatze.

„Alt wirst du bestimmt nicht werden, Merritt.“ Bill Hogan sprach mit lauter, aber ruhiger Stimme, während er am Rand des Sidewalks verhielt. „Dein Grab am Stiefelhügel von Indepencdence ist schon reserviert. Übrigens hätte es mich gewundert, wenn du in der Zwischenzeit klüger geworden wärst. Du hast mich hier nicht etwa aufgespürt, wenn du das glauben solltest. Ich habe absichtlich eine deutlich sichtbare Fährte hinterlassen und dich schon erwartet.“

Der Kerl auf der Main Street erwiderte etwas, aber George nahm den Sinn der Worte nicht wahr. Ein silbernes Aufblitzen auf einem der Dächer am rechten Straßenrand, schräg gegenüber des Saloons, erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit – und er begriff im selben Moment, dass dieses Glitzern vom Lauf eines Gewehres stammte, der das Sonnenlicht reflektierte. Dort oben lauerte ein Schütze, halb verborgen hinter einer hölzernen Scheinfassade, um dem nichtsahnenden Bill Hogan eine Kugel zu verpassen, kaum dass der sich zum Kampf gestellt hatte!

Unbändige Wut erfasste George. Bill Hogans Herausforderer dachte gar nicht daran, ihm eine faire Chance zu lassen. Er sollte abgeknallt werden wie eine Ente auf dem Teich. Hier stand kein Duell bevor, sondern feiger Mord, und das würde George nicht zulassen. Mochte ihn Hogan auch abgewiesen und gedemütigt haben, ein solches Ende hatte er sich nicht verdient.

Der Ranchersohn wollte Bill Hogan schon eine Warnung zurufen, als ihn eine schneidende Stimme zu seiner Linken traf.

„Sieh zu, dass du Land gewinnst, wenn dir dein Leben lieb ist!“

Georges Kopf ruckte zur Seite, und nun sah er den Mann in der schmalen Nebengasse der Main Street. Der Kerl lauerte an der Straßenecke, dicht an die Holzwand in seinem Rücken gepresst, einen Revolver in der angewinkelten Rechten. Tödliche Kälte stand in den Augen seines hohlwangigen Gesichts.

 

Es gab also noch einen Heckenschützen! Bill Hogans Gegner wollten jedes Risiko ausschließen und ihn von zwei Seiten in die Mangel nehmen, während er sich nur auf seinen Herausforderer konzentrierte. Wenn George jetzt nur ein Wort sagte, würde er stumm sein für alle Zeiten, das begriff er mit schmerzhafter Klarheit.

Er nickte dem Mann knapp zu, dann zog er den Falben herum und trabte weiter. Der Hohlwangige widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Saloon – und erkannte seinen Fehler im selben Atemzug, in dem George Perkins förmlich explodierte!

 

* * * * *

 

George riss sein Pferd herum, gleichzeitig stieß seine Rechte zum Holster. Noch während er die Waffe hochschwang, gellte seine Stimme über die Main Street von Independence.

„Vorsicht, Hogan! Eine Falle!“

Der Kerl an der Straßenecke reagierte in Sekundenschnelle. Sein Revolver schwenkte zur Seite, unbändiger Hass verzerrte seine Gesichtszüge.

George sah die Mündungsflamme, die ihm aus dem Colt seines Gegners entgegenglühte, und bediente Hahn und Abzug. Seine Faust bäumte sich im Rückstoß des Remingtons, als er zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Menschen schoss – und gleich darauf erneut feuerte.

George schoss, ohne genau zu zielen. Er wollte jetzt nur den Mann ausschalten, der wild entschlossen war, ihm eine Kugel zu verpassen – und es machte einen gewaltigen Unterschied, ob man auf eine Konservendose feuerte oder ein sich bewegendes Ziel, noch dazu vom Sattel eines scheuenden Pferdes aus. Eine Konservendose schoss auch nicht zurück, hier aber war er dem Risiko ausgesetzt, selbst getroffen zu werden! In diesem Moment verspürte George keinen Heldenmut, wie er es immer erwartet hatte, sondern nur nackte, erbärmliche Angst, die ihm die Kehle zuschnürte.

Die Kugel des Heckenschützen pfiff haarscharf an Georges Wange vorbei, stinkender Pulverdampf trieb vor seinem schrill wiehernden Pferd. Als sich die grauen Schlieren etwas lichteten, erkannte er wieder die Gestalt seines Gegners.

 

Der Hohlwangige sank mit ausgebreiteten Armen rücklings an der Hauswand herab, schlaff wie eine Marionette mit gekappten Fäden. Seine Rechte löste sich vom Colt, in Brusthöhe seines Hemdes breitete sich ein rasch größer werdender roter Fleck aus. Augen und Mund des Mannes waren wie im Erstaunen weit aufgerissen – die Mimik eines Toten, der von einem Augenblick zum anderen aus dem Leben gerissen worden war.

Ungläubiges Erstaunen erfasste nun auch George. Er hatte soeben auf einen Menschen geschossen und ihn getötet – zwar nur durch einen Zufallstreffer, aber das spielte jetzt keine Rolle. Und obwohl er in Notwehr gehandelt hatte, verspürte er keinen Triumph, sondern nur blankes Entsetzen angesichts der grotesk wirkenden, reglosen Gestalt, die ihn immer noch anzustarren schien.

 

Sein Entsetzen währte nur Sekunden. Noch war die Schießerei nicht vorbei, es gab weiterhin zwei Schützen, die Bill Hogan ausschalten wollten – und die auch ihn, George, nicht schonen würden, nachdem er sich so offensichtlich auf Hogans Seite geschlagen hatte.

Die Erkenntnis ließ wieder neue Energie durch seinen Körper strömen. Seine Stiefelabsätze stießen gegen die Flanken des Falben, und das Tier sprang vorwärts – hinein in die Gasse mit dem Toten, wo George vor den Kugeln seiner Gegner sicher war. Das Pferd hatte sich kaum gestreckt, als ein Gewehrschuss peitschte und ein Projektil dort die Luft pflügte, wo sich George eben noch befunden hatte.

Er zügelte den Falben und glitt aus dem Sattel, einen Lidschlag später huschte er schon zurück zum Gasseneingang und spähte vorsichtig auf die Straße. Der Remington lag wie angeschmiedet in seiner Rechten.

Über einem der Dächer wehte Pulverrauch, die Pferde an den Haltebalken zerrten schrill wiehernd an ihren Zügeln. Vor dem Saloon fiel eben ein weiterer Schuss – ein Schuss aus Bill Hogans Colt, wie George nun erkannte.

Der Revolvermann hatte aus der Hüfte gefeuert, seine linke Handkante schwebte noch über dem Hahn der Waffe. Hogans Herausforderer vollführte einen schleppenden Schritt nach vorne, wobei sein Waffenarm schlaff herabhing, fiel dann auf die Knie und starrte Hogan noch kurz an, ehe er hart auf die Stirn schlug. In Wahrheit hatte er von Anfang an keine Chance besessen und sich nur auf den Hinterhalt seiner Komplizen verlassen – ein teuflischer Plan, den George vereitelt hatte.

Das begriff auch der Kerl auf dem Dach, der vorhin auf den Ranchersohn gefeuert hatte. Er bestrich die Gassenecke nun mit den Kugeln aus seiner Winchester, dass die Holzspäne nur so durch die Luft wirbelten. George zog sich rasch zurück, das helle Peitschen der Schüsse verschmolz zu einer einzigen, ohrenbetäubenden Detonation – und wurde plötzlich vom mehrmaligen schweren Krachen eines Colts durchbrochen.

Das taktmäßige Hämmern der Winchester verstummte, ein gurgelnder Schrei ertönte und endete im dumpfen Aufprall eines menschlichen Körpers. Abgrundtiefe Stille senkte sich auf die Main Street von Independence.

Die Rechte um den Kolben des Remington geschlossen, lugte George um die Ecke.

Bill Hogan richtete sich soeben aus seiner geduckten Haltung auf und stieß die leeren Patronenhülsen aus der Trommel des Colts, um die Waffe neu zu laden. Sein Herausforderer lag wie hingemäht vor dem Saloon, einige Yards weiter streckte der Gewehrschütze rücklings alle viere von sich. Seine Winchester, die ihm beim Sturz vom Dach entfallen war, funkelte neben ihm im Straßenstaub. So sicher hatten sich diese Männer gefühlt – jetzt musste sich der Sargtischler um sie kümmern.

George schob den Revolver ins Holster, trat auf die Main Street und ging langsam auf den Saloon zu. Das Geräusch seiner eigenen Schritte wähnte ihm überlaut, unbändiger Stolz erfüllte ihn. Vergessen war die Niederlage von vorhin. Jetzt genoss George die heimlichen Blicke, die hinter den Fensterscheiben auf ihn gerichtet waren.

Er hatte gemeinsam mit Bill Hogan gekämpft und war aus dem Schusswechsel als Sieger hervorgegangen. Von nun an würde sein Name gemeinsam mit dem seines großen Idols genannt werden, da war George ganz sicher…

 

* * * * *

 

„Na, jetzt habe ich Sie wohl überzeugt“, meinte George, als er vor Hogan stand, der mittlerweile vom Sidewalk gestiegen war. „Oder wollen Sie etwa immer noch behaupten, ich könnte nicht mit einem Revolver umgehen?“

„Du hast ein paar Mal geschossen und einen Treffer gelandet“, erwiderte Hogan trocken, während er fast gelangweilt auf die beiden Toten sah. „Das heißt noch lange nicht, dass du mit einem Revolver umgehen kannst.“

„Wie bitte?“ George glaubte, sich verhört zu haben. „Haben Sie schon vergessen, dass ich Sie vorhin gewarnt habe?“

Hogans Kopf ruckte herum, sein Blick flammte über George hinweg. „Glaubst du etwa, ich hätte nicht gewusst, was mich erwartet, als ich aus dem Saloon trat? Merritt war immer schon eine feige Ratte, der nur Mut besaß, wenn er sich auf seine Komplizen verlassen konnte! Dass er mir nicht alleine gegenübertreten würde, war mir von Anfang an klar.“

„Dennoch hatten Sie es nur mehr mit zwei Gegner zu tun, weil ich den Kerl in der Gasse rechtzeitig ausschalten konnte!“, antwortete George trotzig.

„Willst du etwa behaupten, ich wäre alleine nicht mit diesen drei lächerlichen Figuren fertig geworden? Das ist ein schwerwiegender Vorwurf, mein Junge. Außerdem habe ich dich nicht um deine Hilfe gebeten. Niemand hat dich gezwungen, in den Kampf einzugreifen.“

„Das heißt also“, George musste hart schlucken, „dass Sie weiterhin nicht bereit sind, mich mit dem Revolver auszubilden?“

Hogan nickte. „Genauso ist es. An dieser Haltung hat sich nichts geändert. Aber deine Zeugenaussage wird nötig sein, um zu klären, dass ich nur in Notwehr gehandelt habe. Da kommt übrigens schon der Sheriff.“

George blickte über die Schulter. Inmitten der aufgeregt diskutierenden Stadtbewohner, die inzwischen ins Freie geströmt waren, bahnte sich ein mittelgroßer Mann seinen Weg. Auf seinem ärmellosen Jackett prangte ein fünfzackiger Stern, seine Oberlippe wurde von einem dunklen Schnauzbart verdeckt, der ihm gemeinsam mit den buschigen Brauen ein entschlossenes Aussehen verlieh.

„Bill Hogan“, stellte Sheriff Clint Thompson nur fest, als er sich vor dem Revolvermann positioniert hatte. Schon die bloße Erwähnung des Namens klang aus seinem Mund wie ein Vorwurf. „Dachte mir gleich, dass es Ärger geben würde, als Sie in die Stadt kamen. Wie ich feststellen muss, habe ich damit recht behalten.“

„Schön, dass Sie sich auch blicken lassen – jetzt, wo die Schießerei vorbei ist“, erwiderte Hogan. Er sprach so ruhig, als unterhielte er sich mit dem Sheriff über das Wetter oder die Viehpreise. „Mit dem Ärger habe nicht ich begonnen, sondern diese drei Kerle, die mich unbedingt voll Blei pumpen wollten und jetzt nie wieder zur Waffe greifen werden. Wenn Sie es mir nicht glauben, fragen Sie den Jungen da, der hat alles mitangesehen.“

„Mister Hogan sagt die Wahrheit“, versicherte George nickend. „Es war Notwehr – und auch ich habe in Notwehr gehandelt, als ich den ersten Schuss auf den Banditen in der Gasse abfeuerte.“

„Seit wann trägst du eigentlich einen Colt, George?“, wollte Thompson wissen, während er den Remington kritisch musterte.

„Seit heute!“, gab George heftig zur Antwort. „Ist das vielleicht verboten?“

„Nein, es erstaunt mich nur. Na ja, du musst wissen, was du tust. Aber zurück zu Ihnen, Mister Hogan. Kennen Sie die drei Toten?“

„Der da heißt John Merritt.“ Hogan wies mit einer Bewegung seines Kinns auf die reglos daliegende Gestalt vor dem Eingang des Saloons. „Vermutlich wollte er mir eine Kugel verpassen, weil ich vor Jahren seinen Bruder erschossen habe.“

„Damals haben Sie natürlich auch in Notwehr gehandelt“, höhnte Thompson.

Hogan schüttelte den Kopf. „Nein, und das war auch nicht notwendig. Auf Merritts Bruder war ein Kopfgeld ausgesetzt. Jeder hatte das Recht, ihn beim nächsten Sheriff oder Marshal abzuliefern – tot oder lebendig, so wie es auf seinem Steckbrief stand, und ich war gerade knapp bei Kasse. Sehen Sie mich nicht so verdutzt an, Sheriff, ich habe diesem Land nur einen Gefallen erwiesen, als ich Merritts Bruder erledigte. Der Kerl war ein Bandit, der sich noch keinen Dollar ehrlich verdient hatte.“

„Im Gegensatz zu Ihnen natürlich“, konnte sich Thompson nicht verkneifen. „Sie gelten ja als Musterbeispiel an Rechtschaffenheit.“

„Wenn Sie sich mit mir über mein Leben unterhalten wollen, müssen Sie mir schon einen Whisky spendieren, sonst wird meine Kehle zu trocken. Allerdings sollten Sie besser das erledigen, wofür Sie bezahlt werden, und Ihre Vernehmung fortsetzen. Um Ihre weiteren Fragen vorwegzunehmen: Den Kerl, der vom Dach gefallen ist, habe ich nie zuvor gesehen, den Toten in der Gasse betrachte ich, wenn er ordentlich herausgeputzt in einem offenen Sarg liegt.“

 

„Sie haben also vor, noch länger in Independence zu bleiben?“, wollte Thompson misstrauisch wissen.

„Für die nächsten Tage werde ich mich sicher im Hotel einquartieren“, erklärte Hogan.

„Nun gut, ich kann Sie nicht daran hindern, aber seien Sie gewarnt: Ich werde Sie im Auge behalten! Wir wollen hier keine Revolverhelden, lassen Sie sich das gesagt sein!“

„Sie wollen hier keine Revolverhelden“, berichtigte Hogan. „Der Junge da, der einen der Banditen erledigt hat, sieht das etwas anders. War übrigens keine schlechte Leistung, George. Aus dir könnte noch ’mal was werden.“

Mit diesen Worten tippte er an seine Hutkrempe, machte kehrt und verschwand wieder im Saloon.

„Du reitest jetzt besser nach Hause, George“, meinte der Sheriff, der etwas hilflos wirkte. „Ich melde mich bei dir, sobald das Protokoll aufgesetzt ist und ich deine Unterschrift benötige.“

George hörte Clint Thompsons Ratschlag, aber er nahm ihn nicht bewusst wahr.

 

Bill Hogan hatte ihm soeben ein Lob ausgesprochen – und das ließ ihn sogar den Ärger vergessen, der ihn zuhause sicher erwartete, wenn er von seinem Erlebnis erzählte. Verschweigen konnte er den Kampf nicht, dazu war er innerlich einfach zu aufgewühlt.

 

* * * * *

„Was sagst du da?“ Mark Perkins’ Stimme trieb über den Hof der kleinen Ranch wie das Donnergrollen eines heftigen Sommergewitters. Der grauhaarige Endvierziger ballte die Fäuste, dass die Knöchel weiß hervortraten, unbändiger Zorn verzerrte seine kantigen Gesichtszüge. Seine breite Brust unter dem karierten Baumwollhemd hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

„Du hast schon richtig gehört, Pa“, antwortete George selbstbewusst. Er hatte seinen Eltern berichtet, was ihm in der Stadt widerfahren war, kaum dass er sich vom Rücken seines schweißflockigen Falben geschwungen hatte. „Ich habe Seite an Seite mit dem berühmten Bill Hogan gekämpft und dabei einen Banditen erschossen.“

Für Mark und Amy Perkins war es schon ein Schock gewesen, ihren Sohn mit dem Remington an der Hüfte zu sehen. Als er ihnen nun noch erzählt hatte, dass er sein Geld als Revolverheld verdienen wollte, deshalb mit Bill Hogan gesprochen hatte und wenig später in eine Schießerei verwickelt worden war, war für die beiden eine Welt zusammengebrochen. Georges Worte hatten bei dem Rancherpaar zunächst ungläubiges Erstaunen ausgelöst, das bei Mark Perkins schließlich in Wut umgeschlagen war, während es bei Amy Perkins blankes Entsetzen hervorgerufen hatte. Georges Mutter war eine schlanke Frau Ende vierzig mit langem, blondem Haar und weichen Gesichtszügen – eine sanftmütige Erscheinung, der man ansah, dass ihre harte körperliche Arbeit nicht fremd war. Nun stand Besorgnis in ihrem Blick, der zwischen George und seinem Vater hin- und herwanderte, während sie nervös ihre verschlungenen Hände knetete.

„Wie lange besitzt du eigentlich schon diesen verdammten Colt?“, wollte Mark Perkins wissen. Die Tatsache, dass sein Sohn schon längere Zeit heimlich mit dem Revolver übte, störte ihn fast noch mehr als der Umstand, dass George eine solche Waffe sein eigen nannte.

„Seit etwa zwei Monaten“, antwortete George. „Und ich habe hart für den Remington gespart.“

„Zum Fenster rausgeworfen hast du dein Geld!“, widersprach Mark Perkins heftig. „Wie oft habe ich dir eigentlich gepredigt, dass du die Finger vom Schießeisen lassen sollst?“

„Jeder Mensch trifft irgendwann seine eigenen Entscheidungen“, gab George trotzig zurück. „Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich Rancher werden soll, wenn ich mir mein Geld mit dem Revolver verdienen will. Was hättest du gesagt, wenn dein Vater verlangt hätte, du solltest Sheriff werden, anstatt Rinder zu züchten?“

Amy Perkins zuckte leicht zusammen, als befürchtete sie einen Tobsuchtsanfall ihres Gatten, aber Mark Perkins schnappte nur nach Luft, ehe er erwiderte: „Das ist doch überhaupt nicht zu vergleichen! Sheriff ist wenigstens ein anständiger Beruf, aber ein professioneller Revolvermann besitzt nicht einmal eine regelmäßige Bleibe! Er zieht ständig durch das Land, immer dorthin, wo jemand gerade seine schnelle Hand braucht …“

„Aber genau das ist es doch, was ich erleben will“, unterbrach George seinen Vater. Es klang fast wie ein Flehen. „Ich will etwas sehen von diesem Land und nicht auf einer Ranch alt und grau werden.“ Sein Blick schweifte kurz über die Gebäude des Anwesens, die sich halbkreisförmig um den Hof mit dem gemauerten Ziehbrunnen reihten. Hinter diesen Gebäuden – durch die Lücken zwischen ihnen gut zu erkennen – erstreckte sich der grüne Teppich der Viehweiden mit ihren Rinderherden. Im Osten und Norden säumte dichter Mischwald das Weideland, im Westen bildete der silbern glitzernde Lauf eines schmalen Baches eine natürliche Grenze. Es war ein Bild der Ruhe und des Friedens – aber George empfand den vertrauten Anblick nur noch als öde und langweilig.

“Vor allem aber möchte ich zu Geld kommen – zu viel Geld!“, fuhr er fort. „Als tüchtiger Revolvermann kann ich mit einem Auftrag in wenigen Tagen mehr verdienen, als ein Rancher das ganze Jahr über einnimmt! Denk doch, wie lange du schuften musst, um einige Rinder großzuziehen – und was nach dem Verkauf davon übrig bleibt!“

„Immerhin genug, um uns alle zu ernähren!“, knurrte Mark Perkins. „Oder willst du vielleicht behaupten, es wäre dir je schlecht gegangen? Außerdem werden die meisten Revolverhelden nicht sehr alt, weil eine Bleikugel ihren Lebensfaden vorzeitig durchtrennt! Was helfen dir dann all die Dollars, willst du sie vielleicht mit ins Grab nehmen?“

„Du tust gerade so, als könnte dir auf deiner Ranch nichts zustoßen“, wandte George ein. „Wer garantiert dir denn, dass hier nicht eines Tages Viehdiebe auftauchen, die zum Colt greifen, sobald du sie entdeckst hast? Oder dass irgendein Strolch auf der Flucht vor dem Gesetz hier Unterschlupf sucht und Ma’ bedroht? Was willst du dann machen ohne Revolver?“

„Eine Waffe bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit!“, konterte Mark Perkins. „Hast du jemals bedacht, dass ein Mann ohne Colt nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht wie ein professioneller Revolverschütze? Der gibt nämlich eine lebende Zielscheibe für unzählige Heißsporne ab, die später damit prahlen wollen, ihn im Duell besiegt zu haben! Wenn du den rauchigen Trail erst einschlägst, gibt es kein Zurück mehr, bis du irgendwann auf einen Besseren triffst. Ist das der Ruhm, nach dem du strebst?“

„Überdenk doch das Ganze noch einmal, Junge“, ließ sich nun Amy Perkins vernehmen. Sie sprach mit betont ruhiger Stimme, um die Situation nicht weiter aufzuheizen. „Dein Vater will doch nur verhindern, dass du offenen Auges ins Verderben rennst.“

„Ich werde sicher nicht ins Verderben rennen“, beharrte George. „Bill Hogan hat bis jetzt auch noch keinen Kampf verloren – und immerhin soll er mein Lehrer werden.“

„Einen schönen Lehrer hast du dir da ausgesucht“, meinte Mark Perkins verächtlich. „Dieser Hogan ist nichts weiter als ein skrupelloser Killer. Ich verbiete dir, dich noch einmal mit ihm zu treffen, hast du das verstanden?“

„Bill Hogan ist kein Killer, sondern einer der besten Männer, die es in diesem Land gibt“, erwiderte George ungerührt, während er den linken Fuß in den Steigbügel stieß und sich energisch in den Sattel schwang. „Außerdem sind die Zeiten vorbei, wo du mir etwas verbieten konntest! Ich treffe mich, mit wem ich will, ob dir das nun passt oder nicht!“

Amy Perkins wollte noch auf George einreden, aber der schnalzte bereits mit den Zügeln und galoppierte von der elterlichen Ranch. Seinen Vater würde George niemals überzeugen – aber es gab eine junge Frau, der er schon seit Langem den Hof machte. Und Jessica Shirley würde sich bestimmt mächtig beeindruckt zeigen, wenn er ihr von seinem Kampf an der Seite Bill Hogans erzählte…

 

* * * * *

Die alte mächtige Eiche ragte wie die erstarrte Hand eines Riesen aus dem Hügelland der Prärie. Das Kronendach ihrer Blätter schuf einen stetig länger werdenden Schatten, der von der weit im Westen stehenden Sonne genährt wurde, die wie ein goldener Ball über dem Horizont hing. Ein heißer, ereignisreicher Tag ging zu Ende, an den man sich in Independence noch lange erinnern würde. Für George Perkins jedoch stand ein Ereignis noch bevor – die Eroberung von Jessica Shirley, auf die er schon lange ein Auge geworfen hatte.

 

Seine diesbezüglichen Chancen waren noch nie so gut gestanden wie jetzt, wo er mit seiner Angebeteten im Schatten der alten Eiche saß. Die Blicke der beiden schweiften über die unberührte Landschaft, ihre Pferde standen etwas abseits und rupften an dem saftig grünen Gras. Im Geäst des Baumes rauschte der Sommerwind, als wollte er George ermutigen, endlich zur Tat zu schreiten – und auch Jessica Shirley stand der Sinn nach mehr als einem bloßen gemeinsamen Ausritt.

Die Eiche galt seit jeher als Treffpunkt junger Liebespärchen, unter ihren Ästen war schon so manches Kind gezeugt worden. Als Jessica nun vor knapp einer Stunde Georges Frage bejaht hatte, ob sie mit ihm zu besagtem Baum reiten wolle, wäre George vor Freude am liebsten in die Luft gesprungen. Die junge Frau wusste, was er von ihr wollte – und sie hegte die gleichen Absichten.

 

Jessica war ein attraktives Mädchen Anfang zwanzig mit blondem, lockigem Haar, einem zierlichen Stupsnäschen und kirschroten, vollen Lippen, die zum Küssen geradezu einluden. Unter ihrer weißen Bluse wölbten sich die strammen Brüste, ihre langen, schlanken Beine kamen selbst unter dem knielangen, hellblauen Rock zur Geltung. Jessica war sich ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht durchaus bewusst, und sie geizte nicht mit ihren Reizen.

Als Tochter eines Ladeninhabers half sie des Öfteren im General Store ihres Vaters aus und lernte dabei die unterschiedlichsten jungen Männer kennen. Dass die meisten von ihnen das Geschäft nur aufsuchten, um beim Einkauf mit ihr zu flirten, störte Jessica nicht. Erstens spielte es keine Rolle, weshalb jemand die Waren kaufte, solange er sie nur kaufte, und zweitens genoss sie es, von ihren Verehrern umworben zu werden.

Auch George hatte Jessica schon mit Komplimenten überhäuft, war aber bisher bei ihr stets abgeblitzt. Als Sohn eines Kleinranchers schien er ihr zu unbedeutend, um sich mit ihm einzulassen. Heute jedoch hatte sie ihn freundlich gegrüßt, als er am späten Nachmittag wie zufällig am General Store vorbeigeritten war und sie in ein unverfängliches Gespräch verwickelt hatte, das die beiden schließlich zu der alten Eiche geführt hatte.

Der Ranchersohn gab sich keiner Illusion hin. Er wusste, dass er Jessicas plötzlich erwachtes Interesse an seiner Person nur dem Umstand schuldete, dass er zum Kampfgefährten Bill Hogans geworden war. Die Schießerei stellte das Gesprächsthema in Independence dar, George galt plötzlich als unerschrockener Held, der todesmutig in das Geschehen eingegriffen hatte, um einen feigen Hinterhalt zu verhindern. An der Seite eines solchen Mannes ließ sich eine Frau natürlich gerne sehen, färbte dann doch etwas Ruhm auch auf sie ab.

George störte das nicht im Geringsten. Für ihn war es vielmehr eine Bestätigung, dass er sich auf dem richtigen Weg befand, dass er mit dem Colt ungleich leichter seine Ziele erreichte. Wie lange hatte er erfolglos um Jessica geworben, als er noch keine Waffe getragen hatte – und wie rasch war es ihm jetzt gelungen, die junge Frau für sich zu begeistern! Bald schon würde sie erkennen, dass er auch ohne Revolver ein ganzer Kerl war, da war sich George ganz sicher.

„Und du hast tatsächlich erst zum Colt gegriffen, als der andere den Revolver schon in der Hand hielt?“, wollte Jessica nun wissen und sah George aus großen Augen an.

„Mir blieb gar keine andere Wahl“, erklärte er stolz. „Der Bandit zwang mich mit gezückter Waffe zum Weiterreiten – andernfalls drohte er, mich sofort aus dem Sattel zu schießen. Natürlich rechnete er nicht damit, dass ich seiner Aufforderung nur zum Schein folgte. Dann ging alles Schlag auf Schlag.“

„Hast du während der Schießerei gar keine Angst empfunden?“, erkundigte sich Jessica.

„Angst?“, wiederholte George, weil er sich erst eine passende Antwort zurechtlegen musste. Er wollte jetzt keinesfalls als Feigling dastehen, sonst überlegte es sich seine Angebetete doch noch anders und ließ ihn hier sitzen, ohne dass es zu einem einzigen Kuss gekommen wäre. „Nein, Angst wäre der falsche Ausdruck. Ich habe zwei, drei Sekunden lang mit mir selbst gerungen, aber schließlich gab es kein Zögern mehr. Ohne mein Eingreifen wäre Bill Hogan verloren gewesen, und das konnte ich einfach nicht zulassen. Alles Weitere ergab sich wie von selbst. Ich hörte das Pfeifen der Kugeln, ich schmeckte den beißenden Pulverrauch und wurde wie von einem unsichtbaren Sog erfasst, der mich unerbittlich in die Auseinandersetzung hineinzog.“

Jessica hing wie gebannt an seinen Lippen, dennoch unterbrach George seinen Redefluss. Wenn er zu dick auftrug, konnte er leicht als Aufschneider und Wichtigtuer erscheinen – und das wollte er vermeiden.

„Was für ein Mann ist dieser Bill Hogan eigentlich? Die Leute erzählen sich ja die wildesten Geschichten über ihn.“

„Die Leute reden viel“, erwiderte George rasch, weil er verhindern wollte, dass sich die junge Frau zu sehr für den Revolverhelden begeisterte, anstatt sich für ihn, George, zu interessieren. „Bill Hogan ist völlig in Ordnung, und er hat mir versichert, dass ich großes Talent im Umgang mit dem Colt besitze. Glaub mir, Jessica, dieser Mann weiß, wovon er spricht! Bald werde ich als Berühmtheit mit dem Sechsschüsser gelten, und du kannst dann erzählen, dass du mich schon kanntest, als ich noch am Beginn meiner Laufbahn als Revolverheld stand!“

 

George sprach fast schon beschwörend auf die junge Frau ein, und seine Worte zeigten auch den gewünschten Erfolg, denn Jessicas Gesicht nahm nun einen verklärten Ausdruck an. Ihr Blick schweifte in die Ferne, als könnte sie dort in die Zukunft sehen, und um ihre Lippen spielte ein berechnendes Lächeln.

 

Dieses Lächeln verschwand auch nicht, als sie sich dem neben ihr sitzenden Ranchersohn zuwandte und mit gespieltem Augenaufschlag meinte: „Du kannst aber doch nicht nur mit dem Colt umgehen, George?“

Georges Herz schien einen Schlag zu überspringen. Jessicas versteckte Anspielung beseitigte seine letzten Zweifel, gleichzeitig erfasste ihn eine ähnliche Erregung wie vor wenigen Stunden, als er in der Stadt gegen den Banditen gezogen hatte. Wie Jessica so dasaß im Schatten des Baumes, glich sie einem Symbol der Verführung, dem eigentlich nur noch der paradiesische Apfel fehlte: Ihre Linke war auf den Boden gestützt, die Rechte ruhte auf den angezogenen Beinen, die aufgrund des wie zufällig nach oben gerutschten Rocksaumes ein Stück nackte Haut präsentierten. Der Kopf der jungen Frau war leicht in den Nacken gebeugt, ihre Bluse weit geöffnet. Jessicas Lippen schimmerten feucht, in ihren Augen las George nur sinnliche Verheißung – nicht aber die Falschheit, die tief am Grund ihrer Pupillen glomm…

„Du kannst dich gleich von meinen Fähigkeiten überzeugen“, stieß George hervor, für den es nun kein Halten mehr gab.

Er beugte sich zu ihr und hob mit der Linken ihr Kinn etwas an, sein Mund formte sich zu einem ersten Kuss. Es sollte eine zärtliche Geste zu Beginn des Liebesspiels werden – aber Jessica erwiderte diese Geste mit einer Heftigkeit, die nichts als pures Verlangen ausdrückte. Ihre Lippen drängten sich an die seinen, ihre Zunge bahnte sich den Weg in seinen Mund, wo sie einen wilden Tanz begann. Gleichzeitig wanderte ihre Rechte über seinen flachen Bauch und fuhr unter den Ausschnitt seines Hemds.

Schon nach kurzer Zeit zog sie ihre Hand wieder hervor, stieß George ungestüm zu Boden und kniete sich über ihn. Unbändiges Verlangen stand in ihren Augen, während sie George von oben herab ansah und das Hemd über seiner Brust aufriss.

„Diesen Kampf habe ich gewonnen“, stellte sie triumphierend fest, wobei ihr keuchender Atem seine Haut streifte. „Aber ich werde dich unter einer Bedingung verschonen.“

„Und die wäre?“, fragte George mit bebender Stimme. Eigentlich hatte er sich in der Rolle des erfolgreichen Verführers gesehen, jetzt aber war er gleichsam zum Opfer einer Überrumpelung geworden. Trotzdem konnte er nicht gerade behaupten, dass er sich unwohl in seiner Haut fühlte.

„Dass du dir deine Klamotten ausziehst!“, drängte sie.

„Akzeptiert“, würgte George hervor, dem vor Aufregung das Sprechen schwerfiel.

Jessica gab ihn sofort wieder frei. Sie schälte sich aus Rock und Bluse und schleuderte sie von sich, ihr Körper gab mehr und mehr von sich preis. Die letzten durch das Blätterdach fallenden Sonnenstrahlen umschmeichelten die vollendeten Formen der Frau mit ihrem rötlichen Licht, der Anblick brachte George regelrecht um den Verstand.

Er riss sich ungestüm die Kleidung vom Leib, dann genossen die beiden die Wonnen der körperlichen Liebe. Das lustvolle Stöhnen der Frau stieg zur Krone des Baumes empor, trieb über die Prärie und erfüllte die Ohren des Ranchersohnes, der nun von einem Rausch der Ekstase erfasst wurde.

Jessicas biegsamer Körper betörte ihn mehr, als ihm guttat, die durch seinen Körper strömende Lust schwemmte den letzten Rest kritischen Denkens aus seinem Gehirn. Wie betäubt von ihren Küssen, spürte er nicht die eiskalte Berechnung, mit der sie jede ihrer Bewegungen ausführte, und er ahnte nicht, dass er in diesem Moment von einem hasserfüllten Augenpaar beobachtet wurde, das ihn besser nicht gesehen hätte...

 

* * * * *

Das Peitschen der Schüsse brach sich an den sonnenbeschienenen Hängen der Schlucht. Nahezu zeitgleich flogen vier von sechs leeren Metalldosen empor, die auf einem hüfthohen Felsbrocken auf der Sohle des Canyons aneinandergereiht waren, und fielen verbeult zu Boden. Noch im Verhallen der Detonationen richtete sich George Perkins aus seiner leicht geduckten Haltung auf, die an einen lauernden, zum Sprung bereiten Puma erinnerte. Er verhielt knapp sieben Schritte vor dem Felsblock, den Remington in der Rechten, die Augen zu Schlitzen verengt. Nun blies er den Rauch von der Mündung, ließ die Waffe einmal blitzschnell um den rechten Zeigefinger wirbeln und stieß sie dann ins Holster.

Es war eine einstudierte Pose, die er häufig einnahm, wenn er seine Schießübungen in jener Schlucht abhielt, die annähernd eine Reitstunde von der elterlichen Ranch entfernt lag. Die Schlucht war nicht sehr breit, beschrieb aber zahlreiche Windungen und erstreckte sich über eine Länge von knapp einer Meile. Ihre Sohle war weitgehend kahl, an den niedrigen Hängen wuchsen vereinzelte Sträucher.

Abschätzend betrachtete George die zwei Blechdosen, die seiner Schussfolge widerstanden hatten.

Vier Treffer, das war nicht schlecht – vor allem, wenn man bedachte, dass er noch vor wenigen Wochen keine einzige Kugel ins Ziel gebracht hatte. Das regelmäßige Üben zeigte sichtbare Erfolge, und George war überzeugt, dass er schon bald sechs Treffer landen würde. Außerdem hatte er vorgestern seine erste Bewährungsprobe bestanden und bewiesen, dass er es auch mit einem erfahrenen Schützen aufnehmen konnte – und war er deswegen nicht von Bill Hogan ausdrücklich gelobt worden? Dieser Umstand beflügelte ihn genauso wie sein unvergessliches Erlebnis mit Jessica Shirley, das immer noch Glücksgefühle durch seinen Körper jagte und ihn die Welt wie durch einen bunten Schleier sehen ließ.

Mit seinem Vater war George übereingekommen, im Haus keine Waffe zu tragen, allerdings nicht auf den Remington zu verzichten, sobald er vom Hof der Familie ritt. Seine Mutter hatte sich über diesen Kompromiss erleichtert gezeigt, war so doch vorerst ihre Befürchtung zerstreut, George könnte die Ranch im Unfrieden für immer verlassen.

Einen solchen Bruch strebte George tatsächlich nicht an – aber er war nach wie vor fest entschlossen, der Ranch den Rücken zu kehren, um an der Seite von Bill Hogan sein Glück als Revolverheld zu versuchen. Noch hielt sich Hogan in der Stadt auf, und George war überzeugt, dass sein großes Vorbild Independence nicht ohne ihn verlassen würde. Hogan stand seit dem Kampf vor zwei Tagen in seiner Schuld, und George hielt ihn für einen Ehrenmann, der seine Schulden auch beglich. Im konkreten Fall konnte das nur bedeuten, dass er sich bereiterklärte, George mit dem Revolver auszubilden. In Gedanken sah sich der Ranchersohn schon Bügel an Bügel mit Bill Hogan reiten, dem Abenteuer entgegen, die Taschen voller Dollars, die er sich mit Pulverdampf und heißem Blei verdient hatte…

„Sechs verschossene Kugeln und ein Colt mit leerer Trommel.“ Die höhnische Stimme in seinem Rücken drängte sich brutal in Georges Tagträume und ließ sie zerplatzen wie eine Seifenblase. „Nicht gerade optimale Voraussetzungen für jemanden, der sich mächtig viel auf seine Schießkünste einbildet. Deine schnelle Rechte war noch niemals so nutzlos wie jetzt, George.“

 

* * * * *

 

George zuckte zusammen wie unter einem unsichtbaren Peitschenhieb. Die eben erklungene Stimme hätte er auch unter hundert anderen erkannt. Sie gehörte Mort Spencer, seines Zeichens Sohn des Bürgermeisters von Independence – und ein arroganter Lackaffe sondergleichen.

George hatte Mort noch nie leiden können, und dass der Bursche ihm heimlich in die Schlucht gefolgt war, verstärkte noch Georges Ablehnung. Wenn Mort irgendwo auftauchte, bedeutete das Ärger, weshalb George dem Kerl bisher aus dem Weg gegangen war. Diesmal jedoch war er entschlossen, Mort die Stirn zu bieten. Ein Mann, der zum Revolverpartner Bill Hogans geworden war, hatte es nicht nötig, sich vor irgendjemandem zu ducken – das brachten auch Georges folgende Worte zum Ausdruck, mit denen er den Spott seines Gegenübers erwiderte, nachdem er sich langsam umgewandt hatte:

„Sieh an, Mort Spencer persönlich gibt sich die Ehre. Was hat dich denn veranlasst, die Stadt zu verlassen? Gib bloß acht, dass du dir deinen feinen Anzug nicht beschmutzt, hier liegt jede Menge Staub herum.“

In Morts Gesicht zuckte ein Muskel, seine Lippen formten sich zu einem dünnen, blutleeren Strich. Der Sohn des Bürgermeisters stand drei Schritte von George entfernt und musterte ihn mit feindseligem Blick. Das Pferd des Burschen, ein Rappe, war an eine Felszacke gebunden, die etwas abseits aus dem Boden ragte. Bedingt durch das Krachen der Schüsse, hatte George weder den pochenden Hufschlag noch das Geräusch von Morts Schritten vernommen.

 

Mort Spencer war nur wenig älter als George. Seine schlanke, durchtrainierte Gestalt steckte in einem teuren schwarzen Tuchanzug und einem weißen Seidenhemd, die Rindslederstiefel an seinen Füßen verrieten Maßarbeit. An seiner rechten Hüfte prangte ein Colt mit Perlmuttkolben, das zurückgekämmte schwarze Haar unter seinem Stetson glänzte vor Pomade. In Morts glatt rasiertem, scharfgeschnittenem Gesicht stand die unverhohlene Arroganz eines jungen Mannes, der sich mächtig viel darauf einbildete, Sohn des Bürgermeisters von Independence zu sein. Er protzte mit dem Geld seines Vaters, hielt sich für unwiderstehlich und empfand offenen Widerspruch fast schon als Majestätsbeleidigung.

„Riskierst du plötzlich ein großes Maul, nachdem du über Nacht zum großen Revolverhelden geworden bist?“, spottete Mort. Seine Irritation über Georges selbstsicheres Auftreten hatte nur Sekunden gedauert.

„Was das große Maul betrifft, müsste ich mich an dir orientieren“, erwiderte George kühl. „Wieso lässt du dich überhaupt hier blicken?“

„Das werde ich dir gleich verraten“, knurrte Mort mit gesenkter Stimme. „Ich habe dich vor zwei Tagen bei deinem Schäferstündchen mit Jessica Shirley beobachtet. Ihr hattet ja mächtig viel Spaß unter der alten Eiche.“

Plötzlich sah George klar. Mort Spencer galt als ausgesprochener Frauenheld, der keinem Rock lange widerstehen konnte. Bestimmt war er auch auf Jessica scharf gewesen, und nun war ihm George zuvorgekommen! Dass ein Charakter wie Mort Spencer eine solche Niederlage nur schwer verkraften konnte, war verständlich. Und obwohl es George Unbehagen bereitete, dass er in jenem intimen Moment beobachtet worden war, empfand er gleichzeitig Genugtuung darüber, dass er Mort unabsichtlich eins ausgewischt hatte. Die Vorstellung, wie Mort vor Ärger förmlich gebebt hatte, während sich er, George, mit Jessica vergnügt hatte, ließ ihn unwillkürlich grinsen.

„Du findest das wohl auch noch witzig?“, fragte Mort. Seine Augen funkelten vor Zorn.

„Beim Gedanken an Jessica Shirley steigen angenehme Erinnerungen in mir auf, sollte ich da etwa weinen?“, konterte George und goss so weiteres Öl ins Feuer.

Details

Seiten
129
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933499
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504563
Schlagworte
colt verderben

Autor

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Titel: Mit dem Colt ins Verderben