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Ein Sheriff zu viel

2019 148 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Sheriff zu viel

Copyright

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Ein Sheriff zu viel

Western von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 148 Taschenbuchseiten.

 

Die Stadt Ernie Lombards ist zu einem Hexenkessel geworden. Seine Stadt, in der noch bis vor einer Woche anständige und aufrechte Männer wohnten, will ihn an den Galgen bringen. Ernie Lombard steht allein da …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Vier Beine stößt Blade in den Sand des Steilhangs, verlagert sein Gewicht nach hinten und hält sich aufrecht. Ernie Lombard spürt das Zittern des Rappen zwischen den Schenkeln und unterm Sattel. Er sieht die breite Spur vor sich. Die Spur, auf der Randall Byrne geritten ist.

Keine Sorge, du giftiges Scheusal! Hier sitzt du in der Falle. Noch fünfhundert Yards, dann ist der Busch zu Ende. Dann hast du einen Hang vor dir, wie du jetzt einen hinter dir hast. Nur etwas wird anders sein. Du musst hinauf und nicht hinunter wie vor zwei Minuten … Wenn du Pech hast, hältst du dich noch etwas rechts und kommst vor den steilen Berg. Aber auch wenn du Glück hast, kann nicht viel mehr draus werden, Randall Byrne. Du schaffst den Hang nicht ...

Yeah, Byrne könnte sich umdrehen und warten. Irgendwo hinter einem Baum. Aber er weiß, dass ihm die ganze Posse auf den Fersen ist. Er hat keine Chance, wenn er nur eine Sekunde zögert. Und wenn er heute noch den Sheriff von Müllen umbringt ...

Er hat auch so keine Chance! No, die hat er nicht! - Denn vor ihm liegt der Berg. Der Wald ist zu Ende. Der steile Hang ist reiner weißer Sand und grell wie die Sonne. Ernie Lombard schließt für Sekunden die Augen, um nicht geblendet zu sein. Als er sie wieder aufreißt, sieht er den schwarzen Schatten, den dunklen Mann auf dem Apfelschimmel, der gerade den Hang angeht.

Lombards Winchester fliegt aus dem Scabbard. Aber wie das Auge sein Ziel hat, geht es wie ein Krampf durch den Finger. Nicht von hinten, Sheriff! Nicht von hinten ... Er spürt ein Würgen im Kehlkopf, aber dann ist der Warnruf heraus.

„Gib’s auf, Byrne! Wir haben dich. Nimm sie hoch und steig aus dem Sattel, wenn’s nicht ein Blattschuss werden soll!“

Sekundenlang verharrt Randall Byrne wie ein Stück von dem Berg. Dann dreht er sich im Sattel um, als ob er prüfen will, ob zu der Stimme auch ein Mensch gehört.

By gosh! Sheriff Lombard ist ein Mensch! Einer mit einer Winchester im Anschlag. Einer, der langsam müde wird, Randall Byrne zu jagen. Einer, der heute einen Schlussstrich machen will.

„Aus dem Sattel, Gunman! Und zum letzten Mal: Nimm die Hände hoch!“

Sheriff Lombard ist bereit, eine lange Rede zu halten. So lange, bis er am Ziel ist. Doch er muss nicht. Er sieht, wie Randall Byrne den Kopf wieder nach vorn nimmt und aus dem Sattel steigt. Wie er den Apfelschimmel stehenlässt, als ob er ihn nicht mehr braucht. Seine Hände sind erhoben. Nicht hoch bis an den Himmel, aber wenigstens angewinkelt, mit den Ellbogen an den Hüften - und etwas von den Schultern weggehalten.

So steigt Randall Byrne den Hang herunter, mit dem Gesicht im Schatten des breitrandigen Stetsons. Einer, der nichts sagt. Einer, der nie viel gesagt hat.

Ernie Lombard denkt zu viel. Als ob er Angst vor jedem Schritt hätte, den Byrne tut. Er denkt an seine Augen. Dreimal hat er sie sich angesehen - Randal! Byrnes Augen, und wenn er jetzt wieder dran denkt, weiß er, dass er noch immer nicht gewonnen hat.

Die Posse ist in der Nähe. Die einzelnen Reiter stehen auf den Hängen oder treiben nach Süden auf den Dismal River zu. Sie sind achtzehn Leute. Achtzehn Reiter aus Müllen, die dem Spuk ein Ende machen wollen. Und Sheriff Lombard hat ihn vor sich. Den Grund für seine Angst braucht man nicht zu suchen. Nicht um drei Ehen! Er ist immer der Schnellere. Dabei ist Lombard der Schnellste im County gewesen, bis dieser Byrne kam. Vor Byrnes Zeiten haben alle Gunmen einen großen Bogen um Müllen gemacht. Nur weil in Müllen Sheriff Lombard Dienst tat. Als Randall Byrne kam, war alles anders. Mit einem Schlag. Und dabei hat er die meiste Aufregung in Thedford verursacht. In Thedford. wo er Sheriff Knight erledigt hat. In Müllen ist er nur aus dem Jail ausgebrochen ...

Lombards Gedankenflug in die Vergangenheit ist plötzlich zu Ende. Abgeschnitten, wie mit dem Messer.

Byrne hat den Hang hinter sich. Er hat noch dreißig Yards bis zum Sheriff und geht immer noch weiter - mit angewinkelten Armen. Dann ruckt Byrnes Kopf hoch. Der Schatten des Hutes wird kürzer, und Lombard sieht das Gesicht, sieht die Augen, vor denen er sich fürchtet ...

War das nicht eine Bewegung in Byrnes Schultern?

Der Hammer ist längst gespannt. Er wartet darauf, dass er zuschnappen kann. Und wie Byrne die Schulter wirft, ist es soweit. Der Finger zieht durch. Der Schlagbolzen trifft den Patronenboden. Nur ein Klicken ...

Byrne kann das nicht ahnen. Byrne kann nicht damit rechnen, dass ausgerechnet jetzt eine Fehlzündung ihm das Leben rettet. Sein Colt fliegt wie von selbst in die Hand, schwingt hoch ...

Lombard sieht nur noch die großen dunklen Augen, die seit Wochen sein Alptraum gewesen sind. Er weiß, dass sein Leben zu kurz sein wird, um diese Fehlzündung wieder wettzumachen. Der Rest dieser Ewigkeit reicht nicht mehr, um den Hammer neu zu spannen. Er schließt die Augen und wartet auf das Ende.

 

 

2

Als er die Augen öffnet und den Himmel sieht, weiß er, dass es nicht der Himmel ist. Randall Byrne könnte eine von den steinalten, knorrigen Sykomoren sein. So steif steht er da. Seine Hand mit dem Colt ist wie ein Zweig. Genauso harmlos hängt der Arm mit der Waffe im Wind. Der Lauf zielt auf Lombards Kopf. Doch das Ende kommt nicht.

„Hast dich verrechnet, wie?“, fragt Randall Byrne. Über seinen Augenbrauen liegen lustige Falten. Der Kerl lacht über den Sheriff. Aber er schießt nicht. Lombards Schusshand hängt schlaff nach unten. Wenn er sie hochnimmt, ist das sowieso das Ende. Gut, dass sie da ist.

Byrnes Augen sind wie zwei dunkle Seen.

„Bist ein Feigling, Byrne? Schaffst es einfach nicht, mich aus dem Weg zu räumen, oder?“

So frech, wie es klingt, Lombard traut seinen Ohren nicht, wie er hinhört, was er da sagt. Wie Byrne ihn ansieht. Seine Augen! Wie er ihn ansieht, macht er ihn ganz krank.

„Hast dich getäuscht, Sheriff Lombard“, sagt Randall Byrne rau, dann schweigt er.

Jetzt rutscht Byrnes Colt in das Holster zurück, und dann steht er mit leeren Händen da. Als ob er sagen will: Schieß doch, alter Paragraphenfuchser f

Aber wie soll Lombard das machen? Auf einen Mann schießen, der das Eisen aus der Hand gelegt hat?

„Kommst dir jetzt wohl ganz groß vor, Byrne, wie? Weißt genau, dass ich keinen Finger krumm kriege, wenn ich dich schmales Handtuch so dastehen sehe. Aber du hast dich verkalkuliert.“ Wieder hört Ernie Lombard sich reden. Genauso, als wenn er einen dahergelaufenen Viehdieb vor sich hätte. Mittendrin merkt er, dass seine Gedanken ganz woanders sind. Dass er wieder in diese Augen blickt, die soviel Bedeutung haben wie das schwarze Loch im Lauf.

„Sag schon, was du willst, Lombard!“, kommt Byrnes raue Stimme. Als ob es wichtig wäre, überlegt Ernie, dass dieser Bursche ihn nicht mit dem Titel angeredet hat. Als ob er nicht wüsste, dass ein Sheriff ein Sheriff ist und nicht irgendein Mr. Soundso.

Als Lombard wieder zu reden anfängt, ist ihm äußerlich von den wilden Vorgängen in seinem Gehirnkasten nichts anzumerken. Er redet genau wie einer, der der Schnellste im County war, bevor dieser Gunman auftauchte.

„Hast ’ne schnelle Hand, Byrne, wie? Yeah, wer will das abstreiten? - Aber unter deinem Stetson tickt ein Spatzengehirn, denke ich. Was will wohl ein Sheriff von einem Mann, der in Thedford den Partner mit dem Stern umgelegt hat? Was will er wohl mit ’ner Posse von achtzehn Reitern auf deiner Fährte, hm? Ich sag’s jetzt zum letzten Mal, Byrne: Nimm die Flossen hoch und komm ganz dicht heran, damit ich dich um sechs Pfund leichter mache! Vor dem Friedensrichter hast du deine Chance wie jeder andere. Und ich denke, das ist immer noch besser, als wenn ich dich hier für ’ne Ewigkeit in den Sand lege.“

„Sorry, Sheriff! Ihr habt mich geschafft. Ich kann’s nicht leugnen. Aber eins schwöre ich euch ...“

„Yeah, was willst du denn schwören, Byrne?“

„Ich hab’s nicht getan, Sheriff. Das Ganze ist ein verfluchter Irrtum. Ich weiß nicht mal, woher Ihr es habt. Aber die Zeugen müssen sich irren.“

„Gleich zwei, wie? - Sam Deen und Mortimer Craig haben gegen dich ausgesagt, Byrne. Mehr kann ich nicht verlangen ... Du kennst dich nicht aus nach Süden, wie?“

„Ich wollte nach Colorado. Bin sozusagen auf der Durchreise. Wer kennt sich hier schon aus, wenn er von Dakota kommt?“

Ernie Lombard hat den Wunsch, wegzusehen, als sein Blick sich mit dem seines Gegenüber trifft. Aber er hält es durch.

„Halte dich rechts, Byrne! Genau hier am Hang lang. Aber komm nicht auf die Idee, auf den Berg zu steigen! Hier rechts ’ne halbe Meile. Dann links hinter der Kieferngruppe in die Schlucht. Da ist der Boden so hart, dass dein Gaul keine Spur hinterlässt. Nach dreihundert Yards gibt’s eine Biegung. Dann siehst du ,The nose of the witch’. Da drunten hast du ein Dach im Felsen und eine Chance, wenn du einen halben Tag waren kannst.“

„Einen halben Tag warten?“

„Würde ich sagen ... Besser noch einen ganzen. Die Posse ist unterwegs. Ich kann nicht sagen, wann sie abzieht. Die Leute aus Müllen wollen dich hängen sehen, Bynie!“

„Danke, Sheriff! - Ihr habt Nerven wie ’ne ganze Hanfseilerei. Schade, dass ich es nie vergelten kann. Vielleicht tut’s ein anderer.“

Randall Byrne dreht sich um und zeigt ihm den Rücken. Er geht dreißig Schritt den Hang hinauf, wo der Apfelschimmel wartet. Er steigt in den Sattel und reitet nach rechts, wie Lombard es gesagt hat. Genau nach Westen. Ernie Lombard wartet, bis er verschwunden ist. Dann schnalzt er mit der Zunge und ruft Black. Er steigt auf. Der Rappe steckt die Nase in den Wind und trabt nach Osten weiter. Er nimmt den Steilhang und ist oben auf der Ebene.

Im Osten reiten zwei Männer nach Süden auf den Dismal River zu. Der Sheriff gibt einen Schuss ab, und die Reiter parieren ihre Pferde. Sie warten, bis er heran ist. Im gestreckten Galopp kommt Black.

„Jippiiiyeah!“, schreit Sam Deen. „Ihr habt eine Face wie ein Rodeosieger. Was gesehen, Sheriff?“

„Die Spur von einem Waschbär und eine Schleife, als ob eine Indianerin eine Leiter mit drei Kindern hinter sich hergezogen hat. Es waren Hufspuren dazwischen. Nur nicht die, wie wir brauchen. Bis zur Hexennase habe ich alles abgegrast. Das ist eine Sackgasse, wie du weißt ...“

„Wir wissen eine Menge“, behauptet Lew Bennet. „Ich habe von Anfang an gesagt, er kann nur auf Tryon zureiten. Wir müssen uns viel weiter nach links halten.“

„Und die Spuren?“, fragt Deen aufgeregt. „Du rechnest von zwölf bis mittag, Lew. Wenn ich eine Spur habe, weiß ich, wo es lang geht. Der Mörder ist genau vor unserer Nase, wenn du mich fragst. Wir haben ihn sechs Meilen weit verfolgt ...“

„Und dann hast du in den Mond geguckt, weil die Fährte nicht weiterging.“

„Wir sind achtzehn. So breite Löcher gibt es nicht in unserer Posse, dass ein Gunman hindurchschlüpfen kann.“

„Wenn er für zehn Cents Grips im Kopf hat, ist er nach Tryon geritten. Und das ist weiter links. Was meinen Sie, Sheriff?“

„Tryon ist seine einzige Chance, wenn er sich hier auskennt. Ich glaube, deine Idee ist richtig, Lew.“

Sam Deen hebt einmal die Schulter und lässt sie wieder fallen.

„Du bist der Boss, Lombard. Ich habe nichts mehr mit der Sache zu tun, wenn er uns durch die Lappen geht.“

Sheriff Lombard gibt fünf Schüsse aus seiner Winchester ab. Das verabredete Zeichen. Als die Sonne sinkt, haben sie ihr Camp aufgeschlagen. Genau auf der Linie zwischen Müllen und Tryon. Jeder erzählt davon, dass er nichts als leere Luft gefunden hat, und Sim Girty behauptet, alles wäre anders gekommen, wenn er in der Mitte geritten wäre.

Ernie Lombard hält sich heraus. Das Lagerfeuer brennt. Die Männer hocken davor und starren in die Glut.

Was werden sie tun können?

Morgen werden sie zurückreiten, wenn sie bis Mittag keine neue Spur gefunden haben.

Oder - wer will schon gleich bis Tryon reiten?

Zwei finden sich.

Sam Deen und Mortimer Craig. Sam sagt, dass Tryon ein dreckiges Nest ist, in dem man jeden Desperado aufstöbern kann, wenn man seine Spur verloren hat. In Tryon kann man unterkriechen, weil dieses Nest seit zehn Monaten keinen Sheriff mehr hat. Der letzte ist an heißem Blei gestorben ...

Yeah, Deen und Craig haben eine Menge durcheinander geredet. Jetzt sind sie müde und lassen sich einfach nach hinten fallen, die Füße zum Feuer hin.

„Yes“, sagt Girty. „Legt euch lang, Boys! Ihr habt morgen ein paar staubige Meilen vor euch, und lang werden sie euch werden ... Immer den Blick auf den Boden gerichtet.“

Auch Lombard schiebt sich den Sattel zurecht. Er hört noch zu, wie sich ein paar Männer unterhalten. Er selbst sagt nichts mehr. Er fragt sich nur, wie das plötzlich geschehen konnte. Dass Randall Byrne weggeritten ist und sich bei ihm bedankt hat. Er sieht noch den breiten Rücken … und die Hinterhand von diesem stämmigen Apfelschimmel. - Was hat Byrne zum Abschied gesagt? Sheriff Lombard hätte Nerven wie Drahtseile?

Bis Mitternacht wird er warten, denkt der Sheriff. Vielleicht sogar bis zum Morgengrauen. Wenn ich jetzt losreite, erwische ich ihn noch an der Hexennase. Doch im selben Augenblick weiß Lombard, dass es so nicht geht. Er kann nicht einfach wegreiten, ohne dass die anderen ihn fragen, ob er noch alle Sinne beisammen hat. Und an der Hexennase würde alles wieder von vorn anfangen.

Er würde wieder Randall Byrnes Augen sehen.

 

 

3

Es dämmert schon im Osten, als sie wieder reiten. Girty und sieben andere Männer meinen, dass sie auf einen so langen Ritt nicht eingerichtet seien. Sie haben es sich überlegt oder in der Nacht darüber gesprochen.

„Ich glaube, Sie kommen auch ohne uns aus, Sheriff. Die Arbeit zu Hause darf nicht liegenbleiben.“

„Sie kennen ja seine Frau“, sagt der kleine Archie Miller grinsend. Die anderen lachen. Nur Lombard nicht.

„Schon gut, Gents. Ich bin selbst verheiratet. Sagt den anderen, dass wir es auch nicht mehr lange machen. Wenn Deen und Craig weiter nach Tryon wollen, bitte!“

Acht Reiter wenden sich nach Norden. Die andere Gruppe mit zehn Mann macht sich etwas später auf den Weg nach Süden. Sie reiten in einer auseinander gezogenen Kette in der Nähe der Wege und Straßen.

Bis zur Mittagsrast haben sie keine Spur von Randall Byrne entdeckt. Dafür hat Lew Bennet etwas Wild geschossen und schlägt eine ausgiebige Mahlzeit vor. Bennet scheint überhaupt nicht allzu sehr von dem Gedanken besessen zu sein, dass sie Byrne finden müssen. Er reitet wohl nur mit, um mal ein paar freie Stunden zu haben. Dabei fühlt er sich während der Rast am wohlsten, da er kein ausdauernder Reiter ist. Whisky dagegen ...

„Sie hätten auch mit den anderen reiten sollen, Lew“, sagt Lombard zwischen zwei Bissen.

„Ohne mich könntet ihr jetzt euren trockenen Zwieback essen, Sheriff. Und außerdem ist an meinem Sattel etwas nicht in Ordnung. Ich muss immer mal ’ne längere Pause machen.“

„Well, regen Sie sich nicht auf! Ich mache ja keinem Vorschriften.“

„Warum auch? Sie selbst sind auch nicht gerade begeistert. Wenn ich an gestern denke ...“

„Was war schon gestern, he?“

„Sie waren scharf auf Byrne wie ein Bluthund. Sie konnten es gar nicht abwarten, bis alle dreißig Freiwilligen zur Stelle waren.“

„Na und? - Wir hatten eine frische Fährte. Die haben wir verloren. Und der ganze Vormittag heute war für die Katz’. Ich sage Ihnen, Sam und Mortimer haben recht. Byrne ist wahrscheinlich die ganze Nacht durchgeritten. Und wenn er drüben das Plateau genommen hat, können uns die Augen aus dem Kopf fallen, ohne dass wir nur eine Spur finden.“

„Well, reiten wir also nach Tryon!“

„Das machen Sam und Mort allein, Mr. Bennet.“

„Well, du hast es dir noch schnell genug überlegt. Meinetwegen schiebt eure Stiefel in die Steigbügel und seht zu, dass ihr nach Hause kommt. Sam und ich schaffen es schon allein.“

„Ich komme natürlich mit“, erklärt Lew Bennet. „Ich wüsste nicht, was ich zu Hause versäumen sollte.“

„Die Gardinenpredigt, du alter Tagedieb! Und lass dich nicht erwischen, indem du uns heimlich folgst! Zwei Reiter sind meistens gute Freunde. Bei dreien fängt eine Bande von Desperados an. Wir bringen euch den Gunman. Alles andere ist unsere Sache ...“

 

 

4

In Müllen liegt der Staub so dick auf der Straße, dass er schon aufwirbelt, wenn auch nur eine Fliege hineintritt. Als die Posse heimkehrt, ist es noch schlimmer.

Die meisten Leute sehen gar nicht hin. Sie machen die Fenster zu und ziehen die Gardinen vor. Die Vorhut hat es schon lang und breit erzählt: Sheriff Lombard ist seit heute Morgen kaum noch bei der Sache. Wahrscheinlich hat er einen schlechten Traum gehabt, hat irgendwo einer gesagt, und ein paar andere haben zugehört. Ein Sheriff mit Alpträumen?

Milton Smoothy rennt kichernd um die Ecke. Er ist nicht größer als ein zehnjähriger Junge und - er hat einen Buckel. Was er nicht hat, ist der nötige Verstand für einen Vierzigjährigen.

Er rennt durch eine der engen Nebenstraßen. Etwas nach rechts geneigt, wo er sich mit dem Krückstock aufstützt. Als er die vielen Pferdehufe hört, bleibt er wie angewurzelt stehen. Sein grinsendes Gesicht verzerrt sich zu einer Fratze. Drei Sekunden später dreht er sich um und stößt mit dem Stock nach vorn. An der Mainstreet stoppt er und stellt sich breitbeinig hin.

Da kommt die Posse zu der Staubwolke.

„Hey, Sheriff ! Guten Tag!“ Dabei lässt er den Stock über dem Kopf kreisen wie ein Lasso.

Ernie Lombard sieht einen Augenblick zur Seite.

„Verschwinde, alter Gauner!“ Dann ist er an dem Krüppel vorbei, und die Sache scheint vergessen zu sein. Nur Ernie Lombard weiß, dass sie nicht vergessen ist.

Vor dem Office steigen sie ab und schütteln sich die Hände. Dann gehen sie auseinander.

„Macht’s gut, Gents! Wenn ich euch wieder mal brauche, werde ich mich melden. Einverstanden?“

Die anderen ziehen ab. Lombard sieht ihre Rücken in der Abenddämmerung verschwinden. Nicht mal kritisiert haben sie ihn ...

Im Office verriegelt Lombard die Tür, schnallt den Gurt ab und schleudert den Stetson auf einen Haken. Das alles macht er, ohne einen Schritt zu gehen. Seine Stiefel sind wie angenagelt. Und als ob der ganze Tag verhext wäre, hat er dauernd diese Jammergestalt von einem Milton Smoothy vor Augen. Dieses dumme Grinsen. Dumm und gefährlich ist es. Nicht nur dumm. Das denken nur die anderen. Die wissen nichts davon, dass die beiden vor nicht langer Zeit eine wichtige Unterredung unter vier Augen hatten. Das war damals, als der Gouverneur eine Nacht in Müllen blieb und der Krüppel sich unter die Gaffer mischte. Smoothy hat einen Stein in den Wagen des Gouverneurs werfen wollen. Nur so ... Ohne Sinn und Verstand, und Lombard hat ihn am Kragen gepackt und ins Office geschleift. Dort haben sie dann eine Unterhaltung gehabt. Das heißt, Ernie Lombard hat geredet, und Smoothy hat grinsend zugehört und die Fliegen an der Wand gezählt. Eben wie einer, bei dem es zum linken Ohr hineingeht und zum rechten hinaus. Der Sheriff hat ihm dann einen Stoß gegen die Schulter gegeben und gesagt, dass er verschwunden soll. An der Tür hat Smoothy schließlich zu reden angefangen, und das waren seine einzigen Worte bei diesem Gespräch: „Ich wünschte, dass du tot wärst, Sheriff! Und eines Tages haben sie dich auch soweit.“

Das ist schon eine Weile her, aber die Worte und das Gesicht kann er seitdem nicht vergessen.

Und jetzt ist die Sache mit Randall Byrne hinzugekommen ...

Ernie Lombard geht nach hinten auf den Hof.

Im ersten Stock des Hauses wird ein Fenster geöffnet ...

 

 

5

„Soll ich dir helfen, Ernie?“, fragt Kate Lombard.

„Danke, Darling! Gewöhn dir solche Fragen ab! Mach lieber das Essen fertig!“

„Das ist‘s schon. Beeil dich!“ Kate Lombard, die junge Frau des Sheriffs, schließt das Fenster. Ernie geht in den Stall und schleppt Stroh und Hafer heran. Kate steht dabei, als ob das Essen wirklich schon fertig wäre. Sie sieht ihm eine Weile zu. Aber Ernie hört nicht auf, das Pferd zu striegeln. Als ob er es für eine Hochzeitskutsche herrichten müsste.

„Sim Girty ist schon heute Mittag zurückgekommen“, sagt Kate. Es klingt wie ein Vorwurf.

„Und noch ein paar andere. Die hatten keine Lust mehr, verstehst du?“

„Und du auch nicht! Warum hast du dennoch den ganzen Tag vertan?“

„Wer sagt, dass ich keine Lust mehr hatte?“

„Simon Girty.“

„Dem werde ich eins aufs Maul geben ...“

„Na, na!“

„Genau, Kate! Und du misch dich nicht ein! Mit Girty werde ich machen, was ich für richtig halte. Ich bin der Sheriff.“ Lombard legt die Bürste weg und führt Black in die Box. In den Trog schüttet er zwei Eimer Wasser.

„Girty hat es nicht allein gesagt. Sie waren acht Männer.“

„Na und, war es so aufregend, was sie gesagt haben?“

„Nun, du wärest gestern wie ein Wilder hinter Randall Byrne hergejagt und heute Morgen zahm wie ein Lamm gewesen. Du weißt genau, dass es mir nur lieb ist, wenn du erst nachdenkst, bevor du dich solch einem gefährlichen Mann auf die Fährte setzt. Nur ...“ Sie macht eine Pause.

„Rede schon!“, brummt Ernie Lombard.

„Wenn die Männer so reden, als ob etwas nicht in Ordnung ist, passt mir das auch nicht. Verstehst du?“

„Aber sonst haben sie weiter nichts gesagt, wie? Dass ich vielleicht Randall Byrne getroffen habe - oder so, hm?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Weil es so war!“, erwidert er freimütig.

Kate stellt sich dicht neben ihn und fasst nach seinem Arm.

„Also doch! Und du verschweigst es.“

„Ist wohl besser so.“

„Aber mir wirst du es sagen.“

„By gosh, Kate! Erst dachte ich, seine Augen hätten mich verhext. Aber dann habe ich mit ihm gesprochen. Ich habe ihm gegenüber gestanden. Ich hatte den Finger zuerst am Abzug, aber es war ein Fehlzünder. Dann war Byrne an der Reihe, und er hat es nicht getan.“

„Er hätte dich töten können?“, fragt sie.

Ernie Lombard nickt.

„Und dann habe ich ihn laufen lassen.“

„Einfach darum?“

„No, er war es nicht, Kate. Verstehst du? Er hat Sheriff Knight nicht umgebracht. Ich hätte einen Unschuldigen verhaftet.“

„Und woher weißt du das?“

„Von ihm selbst!“, murmelt er.

Kate Lombard fragt nicht mehr weiter. Sie versteht ihn nicht ganz. Alle anderen werden ihn noch viel weniger verstehen.

„Komm ins Haus, Ernie! Du wirst jetzt Hunger haben“, sagt sie schließlich.

„Hunger? Mir liegt ein Stein im Magen!“, brummt er.

 

 

6

Ernie Lombard hat nur in den Pellkartoffeln herumgestochert und etwas Kraut gegessen. Kate sagt, sie wäre satt und meint, ob er nun essen wolle oder nicht.

„Morgen ist mir wohler. Da hole ich’s nach, Kind. Im Augenblick kriege ich keinen Bissen herunter.“ Er legt sich für eine Stunde hin. Danach greift er nach Gürtel und Stetson, um auf die Straße zu gehen.

„Komm nicht so spät, Ernie!“, ruft sie ihm nach. Bevor er die Tür erreicht, klopft jemand von draußen dagegen.

„’N Abend, Sheriff!“

Der Mann ist einen halben Kopf kleiner als Ernie Lombard und ist städtisch gekleidet, obwohl das für einen Ort wie Müllen nicht passt. Man sagt: Solange die Mainstreet nicht gepflastert ist, sollte auch der Townmayor kein Blütenhemd tragen. Aber Osborn Challoner ist offenbar anderer Meinung. Er hält seinen gedrehten Krückstock nach vorn, als ob er sich den Weg durch eine Reihe von Gegnern bahnen müsste, und marschiert bis in die Mitte des Office. Dort dreht er sich um.

„Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich, Sheriff?“, fragt er.

„Warum nicht? Setzen Sie sich! - Worum geht es?“

„Wann haben Sie zuletzt Randall Byrne gesehen?“

„Gestern.“

„By gosh, Sie geben es zu?“

Ernie Lombard hat sich vollkommen in der Gewalt. Mit Männern wie Osborn Challoner ist er immer noch fertig geworden. Er lacht geringschätzig.

„Was gibt es da zuzugeben? Wir haben den Jungen verfolgt, aber dann ist er uns entwischt.“

„Sie haben Auge in Auge mit ihm gestanden, Sheriff. Das kann eine dumme Sache für Sie werden. Und auch für mich. Ich habe mir damals den Mund heiß geredet, als es darum ging, Ihnen den Posten zu geben. Sie haben mich bisher nicht enttäuscht ...“

„Na also, dann ist ja alles in Ordnung. Ich weiß nicht, weshalb Sie sich Sorgen machen.“

„Sie haben Auge in Auge mit ihm gestanden“, wiederholt der Bürgermeister hartnäckig.

„Soll das ein Verhör werden?“, fragt Lombard.

„Man erzählt sich, Sie hätten Byrne schon erwischt gehabt ...“

„Wer sagt das?“, fragt Lombard grimmig.

„Smoothy hat wohl damit angefangen ...“

„By gosh! Ausgerechnet der Krüppel! Und diesem Lügenmaul glauben Sie, wie?“

„Inzwischen ist es im ganzen Town herum. Smoothy sagt, er wäre zufällig an Ihrem Hof vorbeigekommen und hätte gehört, wie Sie mit Kate gesprochen haben.“

„Es kommt schon mal vor, dass ich mich mit meiner Frau unterhalte.“ Ernies Spott klingt bedrohlich.

„Sagen Sie, dass es eine Lüge ist, Ernie, und ich habe es vergessen!“

„Danke! Aber für die Leute im Town gilt das wohl nicht, denke ich. Ich war gerade unterwegs. Lassen Sie mich jetzt raus.“

„Sie haben mir noch nicht geantwortet!“

„Die Antwort kriegen Sie, Mr. Challoner. Aber nur von dem, der dafür in Frage kommt. Kommen Sie mit?“

Sie treten gemeinsam auf die Straße.

„Ich werde im Funny Saloon anfangen, Bürgermeister. Einverstanden?“

„Mir ist alles recht, was die Sache wieder in Ordnung bringt.“

Damit geht er zu seinem Haus hinüber. Ernie wartet, bis die Tür geschlossen ist. Dann schlendert er über die Mainstreet, die noch immer kein Pflaster hat. Er bewegt sich nicht viel schneller als eine Schnecke. Aber dann hat er doch die Schwingtür zum Funny Saloon erreicht. Aus der Dunkelheit wirft er einen Blick über die Gäste. Der Laden ist voll bis auf den letzten Platz. Links an der Theke hängt eine ganze Traube von Männern. Milton Smoothy ist zu klein, als dass man ihn sehen könnte.

Aber Ernie Lombard hört sein schrilles Kichern ...

 

 

7

Der Sheriff stößt die Tür auf. Als er drei Schritte gemacht hat, drehen sich die ersten Gesichter nach ihm um. Der Lärm ebbt ab. Als Lombard die Theke erreicht, hat auch der letzte den Mund zu.

Der Sheriff schiebt sich an den Schanktisch.

„Einen Brandy, Mr. Lister!“, sagt er ruhig. Die Männer neben sich beachtet er nicht, solange er auf das Glas wartet. Der Wirt beeilt sich allerdings, und fünf Sekunden später steht das Glas da - gefüllt bis zum Rand. Lombard kippt das Teufelszeug herunter. „Gutes Geschäft heute Abend, wie?“

„Ich kann nicht klagen“, sagte Lister. „Soll es noch einer sein?“

„Yeah, der letzte ... Man braucht schon zwei, um den Staub aus der Kehle zu kriegen, wenn man zwei Tage im Sattel war.“

Lister grinst verlegen.

Hab’ ich mir gedacht, überlegt Ernie Lombard. Jetzt wünschen sie, dass ich vom Wetter rede und von der kommenden Ernte. Aber ich huste ihnen was! Harry Loomer neben mir sieht aus, als ob er nicht bis drei zählen könnte.

„Na, wie ist es, Harry? Traurig, dass du dich nicht zur Posse gemeldet hast? Darüber brauchst du dich nicht zu ärgern. Es war sowieso nichts los. Vielleicht haben Deen und Craig in Tryon mehr Glück.“

Harry Loomer macht ein schiefes Gesicht. Nur um was zu tun, schiebt er Lister sein leeres Glas hin.

„Ja, vielleicht haben sie mehr Glück, Sheriff. Es wäre ’ne verdammt peinliche Sache, wenn wir diesen Byrne nicht aufs Kreuz legen könnten.“

„Peinlich schon, aber wenn er uns hier in Zukunft zufrieden lässt, wäre mir das auch angenehm. Was meinst du, Harry?“

Harry Loomer zuckt mit den Achseln. Er beschäftigt sich lieber mit seinem Glas, das Lister wieder gefüllt hat.

„War nicht der kleine Smoothy vorhin hier?“, fragt Ernie weiter. „Von draußen hörte es sich an, als ob alle eine Menge Spaß hier im Saal hätten, und ich wette, Smoothys Stimme ist dabei gewesen.“ Ernie Lombard spürt die Bewegung in seinem Rücken. Er hört, wie die anderen Platz machen und wie einer wegschleichen will. Er fährt herum, steht jetzt mit dem Rücken zur Theke.

„He, Smoothy, ich habe dich gesucht, mein Junge! Du weißt schon, warum, oder?“

Milton Smoothy hat nur ein unverschämtes Grinsen für den Sheriff übrig. Er will weitergehen.

„Hey! Hast du nicht gehört?“, fragt Lombard laut. Der Bucklige fährt zusammen, als hätte ihn ein Faustschlag genau von oben getroffen. In seinen Augen steht giftiger Hass, obwohl er am ganzen Körper schlottert.

Wenn ich mich an dem vergreifen muss, denkt Lombard, kann ich gleich bis Kansas reiten. Sie werden schon einen Namen für mich finden. Krüppel-Sheriff oder so ...

By gosh, die gefährlichsten Gegner sind die, die man mit Anstand nicht anfassen kann.

Wieder ist es totenstill im Saloon. Wenn sich keiner findet, der für Smoothy Partei ergreift, kann ich einpacken.

„Also, Smoothy, jetzt mal heraus mit der Sprache! Du hast es überall laut erzählt, und jetzt möchte ich es von dir selbst hören.“

Am nächsten Tisch steht Jack McGee auf.

„Was man im Town erzählt, können Sie auch von jedem anderen hören, Sheriff. Sie brauchen sich nicht gerade den Schwächsten auszusuchen.“

„Ich suche mir den aus, der diese Lügen in die Welt gesetzt hat! Wissen Sie einen Besseren, Jack?“, erwidert Lombard fauchend.

„Wenn ich wüsste, von welcher Lüge Sie reden“, heuchelt McGee.

„Sie haben einen Mörder laufen lassen, Lombard! Sagen Sie, dass es nicht wahr ist, und alles ist in Ordnung“, meint ein anderer.

„Ich bin der Sheriff, und wenn ich einen Mörder habe, lasse ich ihn nicht laufen. Außer Smoothy müsste jeder im Town so viel Verstand haben ...“

„Yeah, dann ist es ja gut.“

„Nicht so, wie Sie meinen“, erklärt Lombard gedehnt. „Ich möchte nicht, dass es hier Missverständnisse gibt, Jack.“

„Was ist denn jetzt noch?“

„Ich habe mit Randall Byrne gesprochen ...“

Wer bis dahin noch gesessen hat, den jagt es hoch, als wären alle Stühle im Saloon mit Nägeln gespickt.

„Zuerst wollte ich ihn erschießen“, fährt Lombard fort. „Zum Glück war die Patrone ein Fehlzünder. Dann habe ich mich mit Byrne ausgesprochen. Seitdem weiß ich, dass er unschuldig ist.“

Milton Smoothy brüllt wie am Spieß.

„Ich hab’s euch gesagt, dass der Sheriff ein Gauner ist. Jetzt gibt er es selbst zu. Reißt ihm den Stern runter, Gents! Werft ihn auf die Straße!“ Der Bucklige hat plötzlich so viel Mut wie zehn Männer zusammen. Er schießt auf Ernie Lombard zu und hält den Stock wie eine Lanze. Lombard schlägt ihn zur Seite und hält die linke Faust nach vorn, dass Smoothy mit seinem Kinn direkt dagegen rennt. Er kippt um wie ein Mehlsack und bleibt liegen.

Jack McGee kommt noch einmal zurück von seinem Platz.

„Jetzt haben Sie einen Fehler gemacht, Sheriff! Wenn Sie gescheit sind, dann tun Sie genau das, was Smoothy vorgeschlagen hat. Geben Sie Ihren Stern her, und ich bringe ihn zum Mayor!“

„Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf, Jack! Wir brauchen uns gegenseitig nichts vorzumachen. Sie werden noch früh genug den Stern tragen, wenn das Council es beschließt. Bis dahin bin ich verantwortlich.“

„Auch für den Mörder!“

„Den werde ich finden. Ganz gleich, ob er Randall Byrne heißt oder sonst wie ...“ Ernie Lombard legt das Geld für die Zeche auf den Tisch und geht auf die Mainstreet hinaus. Draußen ist es kühl und trocken. Der Staub hat sich gelegt, der Himmel ist sternenklar. Im Saloon fangen die Leute wieder zu reden an. Keiner hat ihm den Weg versperrt, denn noch ist Ernie Lombard der Sheriff.

Er hat den Wunsch, mit Kate zu sprechen. Aber eins weiß er, er wird nicht fragen, was jetzt zu tun ist. Was zu tun ist, muss er selber wissen. Den Mörder finden ...

By gosh, das war nur so eine Idee vorhin. Jetzt ist es die einzige Chance. Er könnte nach Thedford reiten. Den Mörder finden ...

Wenn er noch einmal mit Randall Byrne sprechen könnte!

 

 

8

Einer geht dem anderen aus dem Wege am nächsten Tag. Sheriff Lombard reitet aus der Stadt, bevor Bürgermeister Challoner die Augen aufgemacht hat. Sein Ziel ist die Drei-Kreuz-Ranch, auf der Randall Byrne ein paar Wochen gearbeitet hat. Er findet den Rancher in der Schmiede.

„Tag, Mr. Haskins!“

„Tag, Sheriff! Ein seltener Gast. Was führt Sie zu mir?“

„Ich komme wegen Byrne.“

„Das ist kein Besuch nach meinem Geschmack, Sheriff. Ich will mit der Sache nichts zu tun haben. Und das eine sage ich Ihnen von vornherein: Bei mir hat er sich nichts zuschulden kommen lassen.“

„Das wollte ich hören“, meint Lombard.

„Was? Sie wollen ihn doch hängen, wenn ich mich nicht irre. Das sind ja ganz neue Töne.“

„Sie hängen ihn, wenn sie ihn haben. Er ist uns vor zwei Tagen entwischt.“

„Bravo, dann suchen Sie ihn! Meinetwegen sogar bei mir. Bloß hier sind Sie auf der falschen Fährte.“

„Schon möglich. Aber darum geht es nicht. Ich wüsste gern, was er für ein Mensch ist, wie Sie mit ihm ausgekommen sind.“

„Gut - was sonst? Er hat gearbeitet und nicht viel geredet. Aber danach hat man mich bis heute nicht gefragt. Sie waren ja rein wild auf ihn.“

„Mörder gehören an den Galgen, und Unschuldige soll man laufen lassen! So fasse ich das Recht auf.“

„So soll es auch sein, Sheriff. Und wenn Sie mich fragen, ich traue dem Byrne das nicht zu. Nur lege ich für keinen die Hand ins Feuer. Für keinen auf der Welt ... Er scheint schon einigen Vorsprung zu haben, wie?“

 

 

9

Ernie Lombard ist über Thedford geritten, und weil er diesen Umweg gemacht hat, ist die Dunkelheit hereingebrochen, bevor er wieder nach Müllen kommt. Noch eine Meile und noch ein Bogen um den Berg, dann wird er die ersten Häuser sehen. Im nächsten Augenblick huscht ein Schatten auf den Weg. Ganz dicht vor ihm. Black steigt hoch und wiehert. Ernie zieht den Revolver.

Dann erkennt er Kate.

„By gosh, Liebling, was soll das?“

Kate greift Black in die Zügel.

„Sie wissen nicht, dass ich aus dem Haus bin, Ernie. Deshalb warten sie in der Stadt auf dich. Aber du darfst keinen Schritt weiterreiten.“

„Willst du mir nicht lieber sagen, was geschehen ist? Ein Sheriff soll nicht in seine Stadt reiten?“

„Du bist nicht mehr der Sheriff. Jack McGee trägt den Stern“, erwidert sie ernst.

„So, und was ist das hier?“ Ernie Lombard schlägt sich gegen die Brust.

„Das ist der Stern, den sie dir abnehmen, wenn sie dich haben!“

„Also gut, ich merke, die Jungen haben sich was einfallen lassen, während ich weg war. Vor meinen Augen waren sie wohl zu feige dazu. Aber das alles sollen sie mir ins Gesicht sagen.“

„Du wirst nicht nach Müllen reiten, Ernie! Hörst du? Ich habe ein Recht darauf. Für mich brauchst du nicht den Helden zu spielen.“

„So, und wie soll es weitergehen? Du hast nicht mal ein Pferd bei dir.“

„Mit einem Pferd hätte ich nicht unbemerkt verschwinden können. Wir haben auch beide auf Black Platz.“

Ernie Lombard rutscht hinter den Sattel und hilft Kate herauf. Wie er ihren Nacken vor sich sieht und die runden Schultern, hat er den Wunsch, weit weg zu sein. Weit weg, wo es kein Müllen gibt, sondern nur sie zwei. Mit einer heftigen Kopfbewegung verscheucht er den Gedanken.

„Fünf Meilen, Kate. Dann will ich hören, worum es geht.“

„Warum ausgerechnet fünf Meilen?“, fragt sie.

„Du wirst es sehen.“

Fünf Meilen, das ist genau die Entfernung bis zur Drei-Kreuze-Ranch. Ernie Lombard zwingt Black zu einem leichten Galopp. Dann ragen plötzlich die Giebel der drei Häuser in den schimmernden Himmel. Das Haupthaus, die Scheune, die Schmiede.

„Das ist Dick Haskins’ Ranch“, sagt Kate. „Denkst du vielleicht, bei dem sind wir sicher?“

„Jedenfalls du, und für eine Nacht schon, glaube ich.“

Black hält auf dem Hof. Als das monotone Geräusch seiner Hufe verstummt, ist es totenstill. Kein Licht brennt mehr auf der Ranch.

„Die schlafen schon, und du willst ...“

„Einer ist immer wach auf der Drei-Kreuze-Ranch“, ertönt eine Stimme in der Dunkelheit. „Wer ist da?“

„Ich, Sheriff Lombard, Mr. Haskins.“

„Hat nicht eben eine Frau gesprochen?“

„Ich stelle sie Ihnen vor, wenn wir rüberkommen dürfen. Wir brauchen etwas Licht und anschließend ein bescheidenes Nachtlager, wenn’s Ihnen nichts ausmacht.“

„Warten Sie!“

Sie hören Schritte im Haus verschwinden. Kurz darauf kommt Haskins mit einer Laterne zum Eingang. Kate und Ernie sind die Stufen zur Veranda hinaufgegangen.

„Entschuldigen Sie die späte Störung, Mr. Haskins! Wir sind etwas in Verlegenheit. Dann habe ich mich an unser Gespräch von heute Vormittag erinnert ...“

„Kommen Sie herein, Sheriff! Ich glaube, so was bespricht man nicht zwischen Tür und Angel. Guten Abend, Mistress Lombard! Das ist ein überraschendes Zusammentreffen. Ich habe Sie bisher immer nur von weitem gesehen. Ich bin kein fleißiger Stadtgänger.“

Wenn er damit sagen will, dass er ein hölzerner Farmer ist, ist das reine Bescheidenheit. Haskins hat das Äußere und das Auftreten eines Gouverneurs.

In der warmen Stube zeigt er auf den Diwan.

„Setzen Sie sich! Und dann alles der Reihe nach.“

„Ich habe Sie heute Morgen nach Ihrer Meinung über Randall Byrne gefragt, Mr. Haskins. Jetzt müsste ich Sie fragen, was Sie von mir halten ... Ich habe einen Ritt über Thedford hinter mir. In Thedford soll Byrne Sheriff Knight ermordet haben, wie Sie wissen. Mehr, als ich bisher wusste, habe ich darüber nicht herausbekommen.“

„Und jetzt soll ich Ihnen weiterhelfen?“

„Nicht, wie Sie denken. Kurz vor Müllen hat mich meine Frau abgefangen und gewarnt. Sie haben inzwischen Jack McGee zum Sheriff gemacht. Und sobald ich im Town auftauche, soll ich verhaftet werden.“

„Das ist doch nicht Ihr Ernst!“

„By gosh, Rancher! Ich habe selten so wenig Spaß verstanden wie heute. Und ich kann mir auch denken, wie es zusammenhängt ...“ Ernie Lombard berichtet mit knappen Worten über die Ereignisse der letzten Tage. Über die Begegnung mit Randall Byrne westlich von Müllen, über die Patrone, die nicht losging, über den Schwätzer Smoothy.

„Jetzt wissen Sie, wie meine Sache steht, Haskins.“

Der Rancher steht da und überlegt.

„Das ist noch nicht alles“, sagt da Kate. „Du hast mich vorhin nicht ausreden lassen.“

„Mehr als mich verhaften können sie nicht, Kate. Was soll da noch sein?“

„Deen und Craig sind aus Tryon zurück. Die haben erst alles zum Kochen gebracht.“

„Deen und Craig? Soll das heißen, sie sind Byrne begegnet?“

„Sie waren in Tryon, und Byrne war in Tryon. Sie sagten, er wäre schon dagewesen und hätte im einzigen Saloon der Stadt eine Schau laufen gehabt. Als unsere beiden Männer eintrafen, war schon alles im Gange. Zwei Fremde hätten sich geschlagen, und Byrne hat sie angefeuert. Schließlich hat er sie auf die Straße gejagt und eine Schießerei angefangen. Dabei hat’s einen erwischt.“

„Wer hat es getan?“

„Byrne natürlich! Als der Tote im Sand lag, muss Byrne wohl erst gemerkt haben, dass Deen und Craig wieder einmal Zeuge gewesen sind. Darauf ging die Schießerei weiter. Sie sagen, sie haben Byrne ganz schön erwischt, aber dann ist er ihnen doch wieder entkommen.“

„Also nicht erwischt.“

„Er muss eine stark blutende Wunde haben, wie die Spur bewiesen hat.“

„Und sie sind ihm nicht gefolgt?“

„Zwei Meilen, hat Sam Deen gesagt. Dabei hat er sie in einen Hinterhalt gelockt. Mort Craigs Gaul soll einen Streifschuss abbekommen haben, und dann haben sie kehrtgemacht.“

„Und wohin ist Byrne geritten?“

„Nach Nordwesten, meint Craig.“

„By gosh, dann werde ich ihn finden!“

„Langsam, Sheriff! Ist das nicht etwas übereilt? Mitten in der Nacht ...“

„Ich werde Randall Byrne finden, Haskins, und meinen Fehler gutmachen. Die Bürger von Müllen werden keinen Grund haben, einen anderen an meine Stelle zu setzen. - Darf Kate solange bei Ihnen bleiben? Für zwei oder drei Tage, denke ich.“

Haskins nickt. „Solange Sie wollen - wenn Ihre Frau einverstanden ist.“

„Kate! - Es ist besser so. Du wirst hier auf der Drei-Kreuze-Ranch auf mich warten, ja?“

„Reite nicht nach Müllen, Ernie! Geh ihnen aus dem Weg! Versprich mir das!“

Er zögert. Dann sagt er: „Ich kann dir nichts versprechen, Kate. Das weißt du. Den Weg bestimme ich nicht allein. - Wirst du hier auf mich warten?“

Sie macht ein paar hastige Schritte und steht dicht vor ihm, zieht mit beiden Armen seinen Nacken zu sich herunter und küsst ihn. „Ja“, haucht sie.

Ernie Lombard geht auf die Veranda hinaus, und der Rancher folgt ihm bis zur ersten Stufe der Treppe.

„Sie haben gute Stücke auf den Mann gehalten, Haskins“, sagt der Sheriff. „Und jetzt muss es so kommen ... Es tut mir leid.“

„Ihnen braucht gar nichts leid zu tun, Sheriff. Wenn Byrne etwas ausgefressen hat, soll er dafür geradestehen. Viel Glück!“

Auf dem dunklen Hof wartet Black ...

 

 

10

Die Nacht ist sternklar. Black sucht allein den Weg. Ernie Lombard macht ein Spiel daraus. Mal sehen, wohin die Kugel rollt. Black ist hier zu Hause. Wenn Ernie ihm nicht in die Zügel greift, gibt es keinen Zweifel, wohin der Rapphengst läuft.

Reite nicht nach Müllen, hat Kate gesagt.

Ich kann dir nichts versprechen, hat Ernie Lombard geantwortet.

Dabei ist der gigantische Schatten da vorn schon die uralte Sykomore an Charley Millers Haus.

Der Sheriff ist in Müllen. Oder so gut wie drin. Und in Müllen sitzt ein anderer, der den gleichen Stern trägt. Jack McGee!

Charley Millers Haus ist von einer riesigen Hecke umgeben, über die ein Reiter gerade hinwegsehen kann, wenn er sich hoch im Sattel aufrichtet. Lombard steigt ab und hobbelt Black im Schatten der Hecke an. Überall steht saftiges Gras. Es besteht keine Gefahr, dass sich der Gaul an die stachlige Hecke heranmacht und sich verrät.

Ernie Lombard nimmt den Weg hinter den Häusern, dann überquert er den großen Hof von Fatty Browns Stellmacherei, wo es alle fünf Schritt eine gute Deckungsmöglichkeit gibt. Im Schatten des Hauses geht er vorsichtig bis zur Straßenfront weiter. Im Funny Saloon herrscht noch Hochbetrieb. Es wird heute etwas länger dauern. Müllen hat einen Grund zum Feiern. Müllen hat einen neuen Sheriff. By gosh! Und einen alten, stöhnt Ernie in sich hinein.

No!

Im Schatten eines zweistöckigen Lehmziegelhauses überquert er die Mainstreet. Ein Stück links liegt Hendriks Mietstall. Der hat immer noch so viele Boxen frei, dass jeder dritte Gast im Saloon hier sein Pferd unterstellen kann. Ernie Lombard geht in der Mitte des Weges. Er kann sich nicht immer verstecken, und er weiß, dass die Gefahr hier nicht sehr groß ist.

„Hey!“, kommt eine Stimme aus der Dunkelheit. „Noch ein Gaul gefällig so spät?“

„Aber einen ganz bestimmten, Bill.“

„By gosh ...!“

Das klingt wie ein Stöhnen und wie das Amen nach einem Stoßgebet. Schritte schlurfen heran, Sporen rasseln im Staub. Bill Marpels weißhaariger Kopf taucht aus dem Schatten des Stalldachs auf.

„Worüber freust du dich, Bill?“, fragt der Sheriff. „Oder ist es vielleicht gar keine Freude?“

Bill Marpel sagt noch immer kein Wort. Er starrt nur auf den Besucher und schwitzt.

„Bist du allein, Bill?“, fragt Lombard. Die Frage weckt seine Lebensgeister wieder.

„Du trägst noch den Stern, Ernie ... Weißt du nicht, dass man dich abgesetzt hat?“

„Man hat es mir bis jetzt noch nicht gesagt, Oldtimer. Und sie werden auch noch ’ne Weile darauf warten müssen.“

„Du bist verrückt, Junge! Du weißt doch längst, was hier gespielt wird. Sonst wärst du nicht zu deinem einzigen Freund gekommen.“

„Sieh an! Ich habe nur noch einen. Gestern hätte die ganze Stadt noch behauptet, dass sie mein Freund ist. Und wann gibst du es auf?“

„Willst du mich beleidigen, Grünschnabel? Ich habe dir noch die Hosen versohlt, wenn du bei meiner Schwester die Äpfel aus dem Garten geklaut ...“

„Yeah, lass das jetzt, Bill! Für solche Stories haben wir heute keine Zeit. Die werden bald Schluss machen im Saloon, und bis dahin will ich verschwunden sein.“

„Du weißt es also, hm?“

„Sie sagen, McGee wäre der Sheriff.“

„Sie haben ihn heute Morgen ernannt.“

„Dann habt ihr jetzt zwei Sheriffs und keinen Deputy. Müllen macht sich.“ Mit diesen Worten geht Ernie Lombard vorwärts und schiebt den Alten mit der linken Hand zur Seite.

„Yeah, Ernie, stürz dich nicht ins Unglück! Ich habe hier die Wache, und wenn du was tust, womit ich nicht einverstanden bin, musst du ein Fell aus Eisen haben.“

„Ist das eine Drohung?“

„Das ist Mr. Hendriks Stall, und ich habe die Wache, Ernie. Hast du einen Wunsch, dann wende dich an mich.“

„Mort Craig hat seinen Gaul hier abgestellt, oder?“

„Der liegt mehr, als er steht. Den hat’s erwischt. Was willst du damit?“

„Eigentlich gar nichts mehr. Du hast es schon gesagt. Aber wo ich schon da bin, zeig ihn mir schnell!“

Ernie Lombard geht auf die Boxen zu, Bill folgt ihm. Craigs braune Stute steht ganz links und lässt den Kopf hängen. Aber sie steht noch.

„Allzu schlimm kann es wohl nicht sein, wie?“

Ernie stellt fest, dass der Gaul noch seine Meilen mähen wird, wenn es darauf ankommt. Aber er hat auch eine Wunde am Hals. Das war der Streifschuss.

„Es ist gut, Bill. Mehr wollte ich nicht wissen. Er hat sich das Fell an einer Kugel versengt. Noch mal Glück gehabt.“

„Das war Randall Byrne, wenn du es wissen willst.“

„Ich weiß es auch so.“

„Dann begreife ich nicht, wie du dich so für diesen Desperado einsetzen kannst, Ernie. Du hast hier einen ehrenhaften Posten gehabt. Wir haben alle große Stücke auf dich gehalten. Stimmt es, dass du ihn hast laufen lassen? - Du weißt, wen ich meine, oder?“

„Freunde lasse ich laufen, und Desperados fange ich. Ich hoffe, du kannst es eine Weile für dich behalten, dass ich hier war.“

„Ich werde schweigen wie ein Grab, Ernie. Aber sieh dich vor! Die Leute hier im Town werden längst nicht so nachsichtig mit dir sein wie ich.“

Ernie Lombard schluckt das Lachen herunter. Er legt Bill Marpel die Hand auf die Schulter und sagt in völligem Ernst: „Ich werde nie vergessen, Bill, dass du mich heute nicht verhaftet hast. In ein paar Tagen wirst du wissen, dass es sich gelohnt hat.“

„Du wirst ihn fangen, wie? By gosh, das wäre ein Fest für meine vertrocknete Seele, Ernie. Du hast aus Müllen eine Stadt gemacht, vor der jeder Gunman freiwillig sein Schießeisen in den Sand gelegt hat. Das kann ich nicht vergessen, verstehst du? - Aber wenn du zum Verräter wirst, Junge, bin ich mit dabei, wenn sie dich an den nächsten Ast hängen.“

„Schon gut, Bill. Ich habe immer gewusst, dass deine Freundschaft zu mir keine Grenzen kennt. Halt die Ohren steif, alter Junge!“

Ernie Lombard geht mitten auf dem Weg hinaus bis zur Mainstreet. Dann macht er einen Satz zur Seite und ist über die Mauer von Mistress Harrodales Grundstück verschwunden.

 

 

11

Ernie Lombard ist wieder im Sattel. Black frisst die Meilen wie ein hungriger Wolf. Sie reiten nach Westen ...

Der Sheriff hat eine kurze Rechnung gemacht. Von Tryon ist Randall Byrne nach Nordwesten gegangen. Er ist schon ein scharfer Hund, dieser Byrne. Er geht auf den Trail, auf dem ihn keiner erwartet. Er verwischt seine Spur, indem er auf ihr zurückreitet. Er ist gerissen wie ein Taschenspieler und frech wie ein Schakal. Feige und frech! Er reitet da, wo es keinen Widerstand gibt. Er reitet mit einer Blutspur hinter den Hufen. Sie haben ihn gejagt, weil er ein Mörder ist, und Ernie Lombard ist auf seine dunklen Augen hereingefallen. In Tryon hat er dieselbe Schau abgezogen - und einen Mann umgebracht ...

By gosh, Lombard, du bist ein Greenhorn. Du hast dich von ihm hereinlegen lassen. Du hattest ihn vor dem Revolver! Yeah, der Kerl hat gezögert und den Gentleman markiert, aber eine zweite Bewegung deines Fingers hätte genügt, um Schluss mit diesem Burschen zu machen. Heute sagen sie, der Sheriff von Müllen heißt McGee. Das wäre alles nicht gekommen, wenn du die Nerven behalten hättest! Damals ...

Es scheint lange her zu sein. Dabei war es erst vor drei Tagen. Vor drei Tagen bei der Hexennase!

Es ist Nacht, und Lombard reitet nach Westen.

Die Hexennase! The nose of the witch!

Sheriff Lombard lenkt mit dem Zügel. Black findet den Weg. Noch eine Meile, und sie haben die flache Hochebene vor sich. Dann können sie bis zum Horizont sehen. Und sie werden Randall Byrnes Spuren finden ...

Bevor der Schuss zu hören ist, peitscht es an seinem Ohr vorbei. Unmittelbar hinterher kommt der Knall. Ernie Lombard fliegt aus dem Sattel. Black steht noch da wie eine Zielscheibe, als der Sheriff bereits Deckung hinter dem nächsten Felsen gefunden hat.

„Zurück, Black! Du alter, steifer Bock! Komm her, Black! Beweg dich!“

Lombard schreit aus seinem Versteck, weil ihm das Schicksal seines Pferdes nicht gleichgültig ist. Und von Desperados kann er ein Lied singen. Die schießen auch auf ledige Pferde. Die schießen, sobald sie ein Ziel haben. Doch der zweite Schuss bleibt aus.

Black steht eine Weile starr zwischen den Felsen. Als Ernie Lombard ihn anruft, dreht er den Kopf nach hinten, doch gleich danach hat er das trockene, einzelne Grasbüschel entdeckt und knabbert an den braunen Spitzen. Black tut es, ohne Schaden an seinem Leben zu nehmen.

Die halbe Nacht liegt noch über dem Canyon. Die Sonne ist noch ganz jung und noch glutrot. Der Tag fängt erst an … Aber er hat schon den Tod bereit.

Ernie Lombard denkt an Randall Byrne. Bloß - so einfach scheint die Sache nicht zu liegen.

Randall Byrne wird sich hüten, auf den Sheriff zu schießen, wo er genau weiß, dass er mit dem ersten Schuss seine Stellung verrät. Wenn hier einer das Feuer eröffnet, muss schon eine ganze Bande dahinterstecken. Trotzdem ...

Ernie Lombard wartet vergeblich auf den zweiten Schuss. Er zählt die Sekunden, die zu Minuten werden. Die Sonne steigt höher. Die rote Glut in der Talmulde wird heller, wird gelb und weiß.

Im Canyon rührt sich kein Hauch. Nur Black geht von dem mageren Grasbüschel zu einem anderen, schnappt mit den Lippen nach ein paar trockenen Grasspitzen und wirft den Kopf.

Als Ernie Lombard aufstehen will, fällt der zweite Schuss. Die Kugel pfeift an seinem Kopf vorbei, prallt dicht hinter ihm an den Felsen und surrt als Querschläger davon. Er geht in Deckung. Er denkt nach. Dabei kommt nichts heraus. Er weiß nur, dass er einen Feind hat, der ihm überlegen ist. Er wartet ...

Als der dritte Schuss fällt, weiß er, dass sein Schicksal von der Gnade des anderen abhängt. So schlecht schießt kein Schütze, der seine Waffe kennt. So schießt nur einer, der absichtlich nicht treffen will. Und dann reitet Ernie Lombard der Teufel. Gatt, plötzlich ist dieser verrückte Plan in seinem Kopf.

Yeah, Byrne ist keiner, der sich nach einer großen Gesellschaft sehnt. Byrne ist der typische Einzelgänger. Einer, der nicht viel redet. Weil keiner da ist, mit dem er reden kann. Einzelgänger reden nur mit sich selbst. Meist nur stumm und in Gedanken. Und dann tun sie etwas Unberechenbares.

Ernie Lombard glaubt nicht mehr an die Bande. Das war nur sein Eindruck nach dem ersten Schuss. Jetzt hat er nachgedacht und weiß, dass Randall Byrne allein von Tryon zurückgekehrt ist.

Er tritt aus der Deckung, geht zu seinem Pferd und bleibt neben ihm stehen. Sobald dieser Desperado weiß, dass er einen einzelnen Verfolger vor sich hat, wird er sich überlegen fühlen.

By gosh! Komm dir nur ganz groß und unerreichbar vor, Randall Byrne! Komm nur her mit deinen treuen, dunklen Augen! Ich werde dir eine Story erzählen ...

„Komm raus, Byrne!“, schreit der Sheriff. „Ich weiß, wen ich vor mir habe, und du weißt auch inzwischen, dass ich allein gekommen bin. Ich habe mit dir zu reden.“

Es dauert keine drei Sekunden. Genau an der Hexennase richtet sich ein Mann auf. Eine große, schlanke Gestalt. Wie eine Tanne steht er da. Schwarz vor dem roten Morgenhimmel.

„Du kannst runterkommen, Byrne! Oder verlangst du, dass ich deinetwegen auf den Berg steige?“

Randall Byrne ist gehorsam wie ein Schuljunge. Mancher andere würde sich was darauf einbilden, doch Ernie Lombard ist klug genug, um zu wissen, dass das auch reine Arroganz sein kann.

Wie Byrne auf ihn zugeht, ist er die typische Gunman-Gestalt. Wie er nur die Arme hält!

Und dann stehen sie sich wieder gegenüber. Wie vor drei Tagen. Das Morgenrot wird langsam blasser. Käsiges, gelbes Licht liegt auf Byrnes Gesicht und lässt ihn wie einen Toten aussehen.

„Morning, Sheriff! Ich habe mir drei Tage lang eingeredet, dass ich ein schlauer Fuchs bin. Aber jetzt sehe ich langsam ein, dass ich anders herum hätte rechnen müssen. Hat dich wohl lange gewurmt, unsere Abmachung vor drei Tagen, wie?“

„Sieht vielleicht so aus, Byrne. Aber wenn es mir leid getan hätte, wäre ich mit einer Posse gekommen, wie du dir denken kannst. Leute wie dich holt man nicht mit lauter Ehrgeiz aus der Höhle. Da wäre ich schon auf Nummer sicher gegangen.“

Über Byrnes Gesicht geht ein knappes Grinsen. Er verzieht kaum die Lippen dabei. Der ganze Ausdruck liegt in den dunklen Augen. Lombard findet, dass es ein gemeiner und gefährlicher Ausdruck ist.

„Jetzt denkst du wohl, ich spreche in Rätseln, oder?“

„Genau das, Sheriff. Wenn ich dich so ansehe, meine ich, du hast dir eine Story zurechtgelegt. Denkst wahrscheinlich, mit dem Colt ist dieser Gunner nicht zu kriegen ... Legst ihn mit dem Mund herein. Vielleicht hält er dich ja für einen Engel.“

„Wenn ich dich so höre, Byrne, muss ich annehmen, dass du ein Hellseher bist. Was ich dir zu sagen habe, klingt tatsächlich wie eine Story. Aber wenn du Zeit hast, sie dir anzuhören, kannst du hinterher ja immer noch entscheiden, ob ich sie aus dem Ärmel geschüttelt habe oder nicht.“

„Dann schieß los, Sheriff!“

Ernie nestelt an seiner Jacke und macht den Stern los. Dann hält er ihn dem anderen hin.

„Mein Gott, wie feierlich!“, stöhnt Byrne. Es hört sich an, als ob er tatsächlich etwas verwirrt ist. Oder er denkt, Lombard ist nicht mehr ganz richtig im Kopf.

„Du sollst ihn dir nur ansehen, Byrne“, sagt Lombard. „Dann steck ich ihn mir wieder an. Ich habe nämlich einen ganz besonderen Grund, dass ich ihn noch trage.“

Randall Byrne dreht das Blechding in seinen Fingern und gibt es dem anderen zurück. Ernie Lombard steckt es wieder an die Jacke.

„Ich würde dich zu meinem Deputy machen, Byrne, wenn ich noch so einen Stern bei mir hätte.“

„Vereidigen kannst du mich ja.“ Wie Byrne das sagt, ist es der reinste Hohn.

„Du glaubst mir nicht, wie? - Well, ist vielleicht auch ein bisschen viel verlangt. Aber wenn du etwas mehr Gehirn hast als die meisten - und das traue ich dir zu - dann würdest du mich schon verstehen. Ich habe keine ruhige Minute mehr gehabt, seitdem ich dich habe laufen lassen. Ich bin auf deine verdammten treuen Augen hereingefallen. Yeah, das bin ich. Wahrscheinlich nicht der erste. Aber mir hat es nicht weitergeholfen. Und dann das Ding in Tryon! By gosh, ich hätte dich in Stücke gerissen, wenn du in dem Augenblick dagewesen wärst.“

„So?“, sagt Byrne gedehnt. Als ob er nicht wüsste, worum es geht. Der Sheriff zuckt mit den Achseln.

„Jetzt ist es geschehen. Du Halunke hast mir das alles eingebrockt, und in Müllen haben sie McGee zum Sheriff gemacht. Aber mich haben sie bis jetzt noch nicht erwischt. Ich bin ihnen aus dem Wege gegangen - und solange trage ich meinen Stern, verstehst du? Nach dem Gesetz bin ich der Sheriff.“

„Ich käme wohl nie auf die Idee, dass du nicht der Sheriff bist. Und dass du darauf brennst, mir die Handschellen um die Knochen zu legen, das weiß ich so sicher, wie ich mal Vater und Mutter gehabt habe.“

Ernie Lombard findet, dass er noch einen halben Tag reden muss, und wenn dann die Zunge in Fransen hängt, wird er diesen Burschen noch immer nicht überzeugt haben. Dabei steckt eine Menge Wahrheit in dem, was er ihm zu sagen hat. Er macht eine Bewegung mit den Schultern, als ob er es aufgeben wollte. Umständlich holt er Tabak und Papier aus der Tasche und dreht zwei Zigaretten. Die erste gibt er Byrne für Feuer. Sie rauchen eine halbe Minute, ohne ein Wort zu sagen. Dann fängt Byrne an: „Du hast vorhin etwas von Tryon gesagt. Das ist das einzige, was ich nicht verstehe.“ Ernie blickt misstrauisch hoch.

„Wenn du denkst, ich pokere hier mit dir ...“

„Kein Stück, Sheriff. Ich will nämlich nach Tryon. Gib mir ’nen Tipp, was da los ist!“

„Yeah, ich werde dir nicht lang und breit erzählen, was du selbst besser weißt. Ich will auch gar nicht davon reden, dass es mir verdammt leid tut, dass ich dich vor drei Tagen laufen ließ. Ich sage dir nur ganz kurz, weshalb ich hier bin.“

„Das wäre endlich mal eine gute Idee“, sagt Byrne ironisch, und Ernie Lombard kocht schon wieder vor Wut über diesen Kerl. Aber er nimmt sich zusammen. Er will es hinter sich haben. Er macht einen langen Zug bis tief in die Lunge und stößt den Rauch langsam in die taukühle Morgenluft.

„Als dein Rücken nach Westen verschwunden war, Byrne, war mir verdammt übel zumute. Und das ist bis heute geblieben. Ich habe meine Leute an der Nase herumgeführt bis zum nächsten Mittag. Leider bin ich kein guter Schauspieler. Die haben gleich gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Und zu Hause hat sich meine Frau meine Beichte anhören müssen. Da war dann leider noch der schlimmste Krüppel aus ganz Müllen dabei. Natürlich, ohne dass ich es wusste. Und der hat es breitgetreten, dass ich plötzlich der Meinung wäre, Randall Byrne ist nicht der Mörder ... Und zwar nur deshalb, weil er es mir mit einem treuen Augenaufschlag gestanden hätte, dieser Bandit.“

„Der Bandit ist tatsächlich unschuldig. Ich hab’s dir gesagt.“

Details

Seiten
148
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933468
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504549
Schlagworte
sheriff

Autor

Zurück

Titel: Ein Sheriff zu viel