Lade Inhalt...

Sie waren Blutsbrüder

2019 147 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sie waren Blutsbrüder

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Sie waren Blutsbrüder

Western von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 147 Taschenbuchseiten.

 

Der allgewaltige Slim Haxter stempelt sich selbst zum Verbrecher, indem er seine Macht durch Mord und Raub festigt. Aber zwei Männer, die zu Blutsbrüdern geworden sind, werden dafür sorgen, dass Haxters Rechnung nie aufgehen wird …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: N. C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

„Spring weg, Junge!“, schreit Buster Lee plötzlich. Seine Stimme zerreißt die Stille der Nacht.

Es klingt schaurig und zerrt an den Nerven. Rusty Alker kniet vor dem Geld. Die Safetür steht weit offen. Er hat nur die Arme hineinzustecken brauchen, und schon lag mit einer Bewegung alles in dem offenen Beutel. Es mögen zehntausend Dollar sein. Oder auch zwanzigtausend. Irgendwann wird es jemand nachzählen.

Dann hat Buster plötzlich wie am Spieß geschrien. Aber so schnell, wie Rusty springen soll, schafft es nicht der wildeste Mustang.

Rusty kniet am Boden. Er lässt sich zur Seite kippen und wartet auf den Schuss. Es werden zwei. Aber sie liegen so kurz hintereinander, dass man schon ein gutes Ohr haben muss, um das herauszufinden. Neben Rusty schlägt Blei auf Eisen. Er lässt das Geld los, streckt sich lang auf den Boden, macht eine Umdrehung, dass er dicht hinter dem Tresen liegt — und hat in dieser Bewegung den Revolver aus dem Holster gerissen.

Sein Kopf ragt hinter dem Zahltisch vor. Er sieht den dunklen Kassenraum, in dem nur zwei Kerzen brennen. Er sieht die halb offene Tür … In der Tür die untere Hälfte eines Menschen, der auf dem Gesicht liegen muss. Eine Hand, eine Hose und ein paar Stiefel.

„Dem Nächsten geht’s nicht besser!“, verkündet Busters Stimme. Buster Lee ist nicht sehen. Er steht irgendwo in der Dunkelheit. Und nach den zwei Schüssen ist wieder diese zermürbende Stille eingetreten. Draußen rührt sich nichts.

Es war nur der Eine, denkt Rusty. Oder es waren zu wenig. Sie holen Verstärkung. Er rollt sich zurück und will nach dem Sack mit dem Geld fassen. In dem Moment brüllt draußen jemand: „Ergebt euch, Gents! Das Haus ist umstellt!“

„Wer reinkommt, bringt am besten sein Testament mit!“, ruft Buster Lee zurück. Es klingt fast wie ein Lachen. Und ob es auch 'ne Drohung ist, sollen die Gents sich draußen selbst ausrechnen.

Eine Menge Geld ist vorbeigefallen. Rusty hat alle Hände voll zu tun, es säuberlich in den Sack zu packen. Er sitzt mit dem Rücken zur Tür. Er vertraut auf Buster. Auf Buster hat er immer vertraut ...

Der Partner gibt ihm Feuerschutz - irgendwo aus einer dunklen Ecke der Western Bank-Filiale in Wheeler, Texas. Aber sie sitzen in der Falle. Das weiß Rusty, das weiß Buster, und das wissen die Towner draußen, die ein paar Spürnasen wie Bluthunde haben müssen.

„By gosh! Willst du das Geld hier vielleicht noch zählen?“, schimpft Buster leise.

„Man soll nichts verkommen lassen“, erklärt Rusty Alker trocken. Er sagt es mit dem Zynismus eines alten Gauners, und die Art, wie er es sagt, erschreckt ihn selbst am meisten.

„Verrückt! Komm jetzt!“, kommandiert der Boss. Rusty schüttelt den Sack und schließt ihn mit der Hand. Er nimmt sich nicht die Zeit, den Bindfaden drumzubinden. Er steht aufrecht hinter dem Tresen, als ein schwerer Stein gegen die halb offene Tür fliegt und sie aufstößt. Hinterher jagt eine Salve von Gewehr und Revolverkugeln. Sie schlagen in trockenes Holz und gegen die Ziegelwand. Jedes Geschoss hat ein anderes Echo. Der letzte Widerhall ist ein kurzes Stöhnen aus Buster Lees Ecke.

„Boss!“, zischt Rusty.

„Wenn du jetzt nicht kommst, lass ich dich hier allein zurück, zum Teufel!“

Rusty wirft den Sack über die Schulter und geht rückwärts bis zur hinteren Wand. Seine rechte Hand umklammert den Colt.

„Die Bude ist sturmreif“, behauptet draußen jemand. „Wer geht mit?“

„Was ist los?“, fragt Rusty. Der Boss ist dicht neben ihm.

„Frag jetzt nicht! Du nimmst den Weg wie besprochen.“

„Und du? Mir den Rückzug decken - das kommt gar nicht in Frage. Du hast ’ne Kugel abbekommen.“

„Wie gescheit du bist! Du kriegst auch noch eine, wenn du nicht endlich verschwindest.“

„Ich geh nicht ohne dich ...“

„In Ordnung, Sheriff!“, erklärt draußen ein rauhes Organ. „Ich bin euer Mann!“

Rusty spürt einen Stoß in die Rippen. Im Eingang bewegt sich ein Schatten. Busters Hand ist hoch und feuert. Ein Hut fliegt von einem Aststück, und dann setzen drei Männer nach, dass Buster Lee kaum den Hammer so schnell spannen kann. Rusty Alker ist durch die hintere Tür. Ein langer Flur mit knarrenden Holzdielen führt zum Hof. Dann ist er draußen. Er sieht die Pferde. Wie er auf fünf Schritt heran ist, bewegt sich etwas links von ihm. Rusty lässt sich instinktiv fallen. Bevor er den Boden erreicht, peitscht die Kugel über ihn hinweg. Er rollt dreimal um die eigene Achse. Er landet in einem feuchten Grasbüschel an einem Grenzstein, schießt in die Richtung des Fremden und weiß, dass er so unmöglich treffen kann.

Sein Schuss hat ihn verraten. Der andere greift wieder an. Jetzt ist der Boss auf dem Hof und sieht die Bewegung.

„Rusty!“, schreit er. Alker ruft zurück. Im selben Augenblick drückt Lee ab. Aus dem Schatten des Bretterzauns richtet sich eine Gestalt auf. Sie kommt nur halb hoch und sackt sofort wieder in sich zusammen.

„Der ist fertig. Komm jetzt!“

Rusty sieht den Boss schon im Sattel. Er springt auf sein Pferd zu und treibt es an, bevor er selbst noch richtig oben ist. Der Braune jagt schon im Galopp los, als sein Reiter endlich beide Schenkel im Sitz hat. Sie jagen nach Osten ...

Ihr Lärm lockt die Verfolger an. Aber dann schlägt Buster Lee einen Haken um das Grundstück der Witwe Lonsdale. Eine Minute später sind sie auf der Mainstreet, die in tiefem Frieden liegt.

Buster Lee zeigt mit dem Kopf in nordwestlicher Richtung. Weg vom Fluss, aber in die Ebene hinein.

„Los, Junge!“, sagt er ächzend.

Die Gäule werden lang wie Weidegerten. Sie haben einen Vorsprung herausgeholt, als die Verfolger ihren Trick erkannt haben.

„Es sind mindestens zwei Dutzend“, keucht Rusty Alker.

„Du wirst reiten müssen, als wären es zwei Schwadronen Dragoner“, gibt Buster grimmig zurück. „Es geht um unser Leben, Junge!“

Rusty fällt flach auf das Sattelhorn. Er denkt nicht mehr an den Geldsack, den er gleich neben der Bank hat liegen lassen, als der Schatten auf ihn schoss. Er denkt plötzlich nur noch an die Zeit, die ihm noch bleibt. Diesmal ist es schiefgegangen, Junge, sagt eine Stimme in ihm.

Rusty sitzt in der Klemme!

Die Nacht ist vorbei, als sie sich zwischen Cottonwoods und blühendem Ginster vorwärts schleppen. Die Sonne steht flach im Osten. Sie sehen sie nicht. Sie sehen nur den hellen Fleck am Himmel, wo sie stehen muss. Über dem Land liegt dicker Nebel. Die Sicht reicht dreißig Yards weit und kein Stück mehr. Die Kleider sind klamm und feucht. Die Pferde dampfen. Das Gelände steigt langsam an. Vom Fluss weg geht’s in die Hügel. Der Boss hat gesagt, im Tal ist kein Weiterkommen. Wenn wir entwischen, suchen sie uns zuerst den Canadian hinauf und hinunter.

Hier suchen sie uns nicht ...

Als Rusty Alker das Gefühl hat, in Sicherheit zu sein, sind plötzlich die anderen Probleme da.

„Wir sitzen ab, Boss, du bist nicht in Ordnung. Du schleppst dich über die Meilen und machst dich restlos fertig. Dabei hat es überhaupt keinen Sinn.“

„No, Boy, einen Sinn hat es nicht. Aber wie bist du darauf gekommen?“

„Ich habe höchstens dreihundert Dollar Papiergeld in der Tasche. Der Rest ist in Wheeler liegengeblieben.“

Jetzt wird eine Predigt kommen, die sich gewaschen hat, denkt Rusty. Doch dann hat Buster Lee nur ein schadenfrohes, irres Lachen für ihn übrig. Er sieht zur Seite, und ihre Blicke kreuzen sich. Buster Lee hat Ränder unter den Augen, als ob er drei Nächte nacheinander gezecht hätte. Dabei ist Brandy für ihn ein Fremdwort.

Rusty sieht plötzlich, dass er schief im Sattel sitzt. So schief wie noch nie. Dass er das linke Bein hoch angezogen hat und mit dem Stiefel nicht einmal im Steigbügel ist.

„Wir werden jetzt halten, Boss“, sagt Rusty, als ließe er keine Widerrede zu. „Ich will wissen, was los ist.“

„Yeah, halten wir“, brummt Lee. Und als sein Pferd steht, rutscht er völlig hilflos aus dem Sattel. Rusty Alker ist bei ihm, ehe er ausrutschen kann. Er fängt ihn auf wie einen Klotz.

Auf der Erde hat der Boss plötzlich keine Beine mehr. Rusty sieht die aufgerissene Hose. An der linken Hüfte ist der Stoff zerfetzt - hat sich rot gefärbt. Rot - oder mehr braun. Das Blut ist schon geronnen.

Rusty legt ihn lang ins Gras, rennt zu seinem Braunen und schnallt die Decke los, legt Lee darauf. Die Dämmerung gibt noch Licht genug, um ihm das ganze Drama vor Augen zu führen. Zum erstenMal seit der Schießerei sieht er Buster Lee genau an.

„Man kann auch mal Pech haben, Junge“, sagt Lee, als er Rustys prüfenden Blick bemerkt. „Um das Geld brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Die Dollars sollten so nebenbei herausspringen. Ich hatte herausgefunden, dass sie in Wheeler die Bank nicht besser gesichert haben, als die Witwe Lonsdale ihren Gemüsegarten. Wer konnte schon ahnen, dass zufällig der Bluthund Cole im Town ist?“

„Cole?“, fragt Rusty mit einem Würgen im Hals. Buster Lee nickt ihm freundlich zu.

„Genau der, mein Junge! Ich habe seine Stimme gehört, und der Sheriff hat auch seinen Namen genannt. Der Ranger ist uns hart auf den Fersen. Aber auf den letzten zehn Meilen hat er den falschen Wind gehabt. Er reitet den Canadian hinauf. Er soll sich totsuchen ...“

Für Rusty ist ein Schlag schlimmer als der andere. Er kneift die Augen zu wie einer, der gegen etwas kämpft, das von innen herauskommt. Dann sieht er Lees Schulter. Das Loch in der Lederweste, das zerrissene und blutige Hemd ...

„By gosh, Buster, du musst zu einem Arzt! Hast du denn keine Schmerzen?“

„Leg mir was unter den Kopf!“, knurrt der Boss. Rusty rennt los und sucht nach etwas. Er nimmt Busters Sattel. Der sagt „Danke“, als er den Kopf etwas höher liegen hat. Rusty weiß, dass das gar nicht gut ist.

„Mach mir jetzt nichts vor, Boss! Du fühlst dich elend. Es hat dich zweimal erwischt. Du musst zu einem Arzt!“

„Reite nach Amarillo, wenn du Mut hast! Aber wenn du zurückkommst, bin ich nicht mehr unter euch, Jungens.“

„Das Fieber hat dich schon ziemlich erwischt.“

„Ich schlage vor, du hältst den Schnabel, Junge! Du wirst noch 'ne Menge Zeit haben, dein Maul aufzureißen. Aber die kurze Zeit, die mir noch vergönnt ist, die lass mich reden! Verstanden?“

„Du redest wie einer auf dem Sterbebett, Boss. Das kommt überhaupt nicht in Frage.“

„Wenn es zu Ende geht, Junge, hast du nichts mehr zu melden, klar? Du bist nicht der liebe Gott. Du bist ein junger Gent, der es vielleicht noch besser machen kann. Aber nur, wenn er 'ne Lehre annimmt ...“

„Ich nehme keine Lehre an, solange du in Lebensgefahr bist, Boss. Leg dich auf den Rücken und lass mich die Wunde nachsehen. Wir ...“

Buster Lee holt mit der linken Hand aus und schlägt Rusty gegen den Magen. Er grinst, als der Junge sich krümmt.

„Solange wir zwei zusammen sind, bestimme ich, was gemacht wird, klar? Wenn du allein bist, brauchst du keinen mehr zu fragen als dich selbst. Setz dich her und halte nicht so deine Hüfte, als hätte ich dir alle Eingeweide durcheinander gebracht.“

„Ich begreife nichts mehr, Boss“, sagt Rusty verzweifelt. „Du brauchst einen Arzt. Dabei bleibe ich. Und dann der Ranger … Lass ihn den Canadian hinaufreiten! Aber er wird früh genug merken, dass er auf der falschen Fährte ist. Wenn wir bis Mittag hier hocken bleiben, erwischen sie uns trotzdem.“

„Vielleicht auch noch früher. Cole ist ein schlauer Fuchs. Doch bis dahin wirst du über alle Berge sein, denke ich.“

„Wir zwei, meinst du, Buster! Ich werde dich verbinden, so gut es geht, und dann reiten wir genau auf Dumas ...“

„Genau vor Sheriff Lindows Colt, he?“

„Sie glauben nicht, dass wir zurückkommen. Nicht so schnell. Wir brauchen einen Tag, wenn wir die Nebenwege benutzen. Wenn es dunkel wird, schleiche ich mich in die Stadt und hole Doc Bancraft aus den Federn. Was meinst du, wie gern der dir hilft, wenn ich den richtigen Spruch dazu aufsage?“

„Deine Sprüche kenne ich. Am liebsten singst du sie ...“

„Eben! Und der Taktstock ist der Revolver. Die Melodie wird Eindruck auf Bancraft machen. Hahaha...“ Rusty Alker ist mit den Nerven gerade wieder soweit, dass er ein leichtes Grinsen fertigbringt. Da stöhnt Lee plötzlich, als hätte ihn eine dritte Kugel getroffen. Er wirft den Brustkorb hoch, lässt den Kopf nach hinten hängen und starrt mit merkwürdig flackernden Augen in den trüben Himmel.

„Boss!“, schreit Rusty und beugt sich vor. Buster ist in sich zusammengesunken. Er winkt schwach mit der Hand.

„Lass deine Späße mit Dumas und dem Doc, Rusty“, sagt er stöhnend. „Ich habe das letzte Mal im Sattel gesessen, Junge. Das ist jetzt ein für allemal vorbei. Komm näher, ich kann nicht so schreien.“

Rustys Grinsen ist wie weggewischt. Er blickt auf den Boss und dann auf die Pferde.

Für einen Moment erwischt er ein Stück vom Horizont … und sieht fünf Reiter von Süden kommen.

„Da sind sie!“

Buster Lee will den Kopf heben und sucht die Richtung, in die Rustys Hand zeigt. Er sieht eine Menge Sagebüsche, ein paar Krüppelkiefern, dann den wolkenbehangenen Himmel.

„Wer ist es?“

„Dann mach dich auf den Ranger gefasst! Ich wusste, dass er unsere Spur finden wird. Er ist nur noch schneller gewesen, als ich dachte. Mach dich auf, Rusty! Es ist deine letzte Chance. Mit Ronnie Cole darfst du nicht spaßen. Der macht dir in allem etwas vor.“

„Nur im Geldverdienen kommt er mit mir nicht mit“, sagt Rusty grinsend.

„Kommst dir wohl mächtig stark dabei vor, wie?“, fragt Buster Lee rau und leise. In seiner Stimme liegt etwas, das Rusty nicht kennt, das ihm Kälte und Nässe über den Rücken jagt wie im schlimmsten Gewitter.

„So hast du nie zu mir gesprochen, Boss. Du hast viel Blut verloren ...“

„So viel, dass es mir keiner wiedergeben kann. Bist du schon mal auf die Idee gekommen, Rusty, dass alles Unrecht war, was ich dir beigebracht habe?“

Rusty Alker wird immer hilfloser. Seine Hand taucht gewohnheitsmäßig nach unten, wo der Colt sitzt. Darin scheint er plötzlich zu begreifen, dass ihm in diesem Falle der Revolver nichts nützt. Bis heute hat das immer geholfen. Es hat nie eine Situation gegeben, in der Rusty Alker restlos verzweifelte. Wenn es darauf ankam, hat er immer noch den Colt gehabt, und der hat manches geklärt. Jetzt ist das anders.

„Ich weiß, dass es Unrecht ist, Boss“, sagt er heiser. „Ich habe es immer gewusst ...“

Er blickt nach Süden. Die fünf Reiter sind näher gekommen. Er kann schon die Farbe ihrer Pferde unterscheiden. Es sind ein Rappe, ein Schecke und drei Braune, Der Boss kann sie nicht sehen, aber er merkt an Rustys Augen, was im Süden geschieht.

„Ich schätze, du hast noch zehn Minuten Zeit, Junge. Vielleicht auch noch weniger, wenn ich nicht durchhalte ... Du brauchst nicht zu warten, bis sie mich begraben haben. Irgendwer wird mich schon unter die Erde bringen.“

„Hör auf, Boss!“, stöhnt Rusty. „Du bist verwundet, du redest im Fieber. Ich werde die Sache übernehmen. Ich schaffe sie alle - ich schaffe sie alle fünf!“

„Lüg dir nichts vor, Junge! Du schaffst einen von ihnen, wenn du dich in den Hinterhalt legst. Und die anderen vier werden dich in die Hölle schicken. Vergiss nicht, dass Ronnie Cole dabei ist! Gegen Ronnie ist kein Kraut gewachsen ...“

Irgendwo hat die Wolkendecke ein Loch bekommen. Die Sonne scheint durch. Für einige Sekunden wenigstens. Rusty erkennt den Sheriff von Wheeler. Die schwarze Gestalt neben ihm muss der Ranger sein — der Ranger Ronnie Cole. Er hat ihn nie so nahe gesehen wie heute.

Ronnie Cole ist so groß wie einer, der immer nur im Steigbügel steht und sich niemals in den Sattel setzt. Bis heute haben sie ihn den Ranger genannt. In der ganzen Bande hat er so geheißen. Aber Buster Lee sagt plötzlich seinen Namen. In Rustys Kopf jagt es durcheinander wie bei einem Hurricane. Bisher hat er nie überlegt, wie er eine Frage stellen soll. Jetzt überlegt er sie sich plötzlich.

,Noch zehn Minuten’, hat Buster Lee gesagt. Er kann sich täuschen. Wenn er trotzdem recht hat, werden sie hier zusammen sterben.

„Ich weiß, dass du den Ranger fürchtest, Boss. Der Ranger ist überhaupt immer nur der einzige gewesen, vor dem du dich verkrochen hast. Warum nennst du ihn plötzlich Ronnie?“

„Sie sind schon dicht heran, Junge. Ich schlage vor, du steigst aufs Pferd.“

„Wenn du meine Frage nicht beantwortest, steige ich so wenig aufs Pferd wie du.“

„Ich nenne ihn Ronnie, weil er wirklich so heißt, Junge.“

„Das klingt sehr vertraulich. Aber immer hast du gesagt, vor ihm sollen wir uns vorsehen. Wenn uns einer das Genick brechen kann, so ist es der Ranger. Hast du schon mal einen gesehen, der schneller zieht als du oder ich?“

„Ich wette, du hast nur noch fünf Minuten, Junge. Gegen Ronnie Cole kommst du nicht an, Rusty Alker. Ronnie kann mir die Augen zudrücken, wenn er mich findet. Ich weiß, dass er es gern tun wird ...“

Rusty Alker spürt das Zittern in seinem Körper. Es ist die ewig alte Situation, wenn der Feind kommt. Er weiß, dass er den ersten Schuss abgeben wird. Er liegt in Deckung. Der Gegner kommt offen daher. Er wird zuerst den schwarzen Reiter nehmen, den Ranger … Wenn der fällt, sind die anderen sowieso nur noch die Hälfte wert.

Weil Rusty nichts sagt, fährt Buster Lee fort: „Geh, Junge, steig in den Sattel! Du hast doch selbst gesagt, dass es Unrecht ist, was du tust. Du weißt es doch genau. Du hast es immer gewusst ...“

„So kannst du nicht reden, Boss“, schreit es aus Rusty heraus. „Ich bin jede Meile mit dir geritten, die du bestimmt hast.“

„Aber du gibst zu, dass du Unrecht tust.“

„Weiß ich, was Recht ist? - Wir haben im Krieg zusammengelegen. Der andere war der Feind. Ich habe geschossen, wenn mir einer ans Leder wollte. So hat es der Captain verlangt, so hat es der Lieutenant kommandiert.“

„Und dich selbst hast du nie gefragt, wie?“

„Willst du mein Beichtvater sein, Boss? Komm mit in den Sattel, und wir reiten nach Dumas. Ich schaffe den Doc herbei. Wir haben zusammen noch einen Trail vor uns, auf dem wir denen zeigen werden, was Buster Lees Bande alles auf den Kopf stellen kann. Wir haben ihnen gezeigt, wohin das Geld gehört, das sie in ihren Banken verwalten. Wir gewinnen den Krieg ...“

„So gewinnst du nicht mal mehr eine Schlacht, Junge. Geh! - Du hast zum ersten Mal das Geld verloren, das du geholt hast. Steig in den Sattel und reite! Das ist ein Befehl!“

Rusty Alker hat sich aufgerichtet und steht dicht neben Lee. Er sieht die Gesichter der Reiter. Und er hat Busters letzten Satz im Ohr: „Das ist ein Befehl!“

Wie er den Blick zu Boden richtet, weiß er, dass es wirklich Buster Lees letzter Satz gewesen ist.

Es klingt wie damals im Krieg. Das ist ein Befehl!

Buster Lees letztes Wort.

Der Boss ist tot.

 

 

2

Als Rustys Gehirn wieder zu arbeiten beginnt, spürt es zunächst nur den Schmerz im Gesicht. Es ist kein Gefühl von Trauer da. Nur ein Gefühl von Leere. Was im Gesicht schmerzt, sind die Schläge tiefhängender Fichtenzweige, die ihm entgegenpeitschen.

Irgendwann muss Rusty Alker den Befehl dazu gegeben haben. Er erinnert sich nicht mehr. Er spürt nur noch dumpf, dass der Befehl von einem anderen kam.

Von einem Toten!

Unter ihm bewegt sich das Pferd. Das kennt er. Vor ihm ist es schwarz. Das ist der Wald. Dann ist plötzlich nichts mehr vor ihm. Der Hals des Tieres scheint zu fehlen. Und auch das Sattelhorn ist nicht mehr da. Er will sich stützen, doch die Hand rutscht ins Leere. Als er ganz flach liegt, weiß er, dass er immer noch reitet.

Der Weg führt steil nach unten in eine Schlucht. Rusty drückt sich wieder hoch. Das Peitschen der Nadelzweige hat nachgelassen. Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht und hat Blut an den Fingern. Es ist warm auf der Haut unter den Augen. Jetzt weiß er, warum. Das Blut wischt er am Leder ab. Es ist nicht viel. Es ist so viel wie nichts. Dann erinnert er sich an die Dinge. die in einer fernen Vergangenheit zu liegen scheinen. Dinge, die erst vor wenigen Minuten geschehen sind.

Er hört den Lärm der Verfolger. Sie sind keine halbe Meile entfernt. Sie rufen sich etwas zu, und der Wald verschluckt es so gut, dass man es nicht verstehen kann.

Das Pferd hat den Talgrund erreicht. Es riecht nach Creek, ein bescheidenes Rinnsal. Es reckt den Kopf nach unten und will trinken. Rusty Alker sieht drei Sekunden zu. Dann reißt er den Braunen herum. Heftiger als sonst.

„Sie bringen uns um, Silver. Lass es!“

Silver nimmt noch einen Schluck und gehorcht. Er dreht nach Norden, in Richtung auf die Quelle zu. Rusty Alker ist hellwach. Er braucht nicht nach hinten zu sehen. Er hat alles so vor Augen: Den Sheriff von Wheeler, den schwarzen Ranger und den Toten.

Buster Lees letzte Worte waren ein Befehl. Rusty weiß, dass der Boss ihm zum Schluss gern noch eine Menge mehr erzählt hätte. Er hat mit einer langen Story angefangen, in der etwas vom Unrecht vorgekommen ist. Aber er ist nicht damit zu Ende gekommen. Ronnie Cole hat ihm einen Strich dadurch gemacht.

Wie konnte er ihn Ronnie nennen?

Für Rusty ist es der Ranger, der Revolvermann, der sein Blut will.

Yeah, ein Killer, das ist er so oder so. Es macht gar nichts aus, dass dieser Bursche sich hinter einer Uniform versteckt, die er sich vom Gouverneur besorgt hat. Ein Killer bleibt ein Killer. So hat Rusty Alker es im Kriege erfahren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man jetzt überall sagt, der Krieg wäre vorbei.

Silver jagt das Tal hinauf, so schnell es das Unterholz zulässt. Rusty reitet, bis er an der Sonne erkennt, dass es Mittag ist. Silver hält schnaubend auf einem Plateau. Die Wolkendecke ist aufgerissen. Es ist heiß und trocken.

Und still!

Es scheint keine Verfolger mehr zu geben. Sie müssen seine Spur verloren haben. Oder sie haben das Tempo nicht durchgehalten. Es müssen endlose Meilen bis hinunter nach Wheeler sein.

Rusty Alker reitet in den Schatten eines Hügels. Am Westhang gibt es eine schräge Felswand, die noch für eine Stunde die Sonne verdecken wird. Auf einem halben Acre Land wächst frisches Gras. Es ist eine Oase. Silver frisst sich satt.

Rusty Alker packt Dörrfleisch und eine in Scheiben geschnittene Rübe aus. Rusty ist nie ganz ohne Marschverpflegung. Auch das kennt er aus dem Kriege. Es gibt Situationen, in denen einem das Niederwild um die Stiefel schwärmt und die Rebhühner in Scharen in der Luft kreisen. Und doch darf man keinen Schuss wagen.

Rusty Alker wird nicht schießen. Heute den ganzen Tag nicht. Es sei denn, der schwarze Ranger würde vor ihm aus dem Boden wachsen. Das wäre ein Wunder. Und an Wunder glaubt Rusty nicht.

Das Fleisch gibt ihm Kraft. Die Rübe ist saftig und stillt den Durst.

Als die Sonne um den Felsen wandert, geht Rusty in den Sattel und reitet weiter. Er nimmt einen Weg, der ihm nach Süden hin Deckung gibt. Er reitet Stunde um Stunde, Meile um Meile. Er sieht die Sonne zu seiner Linken, die schneller ist als er. Sie wandert dem Horizont im Westen zu. Als es dämmert, hat Rusty die Bahnlinie von Stratford nach Dalhart erreicht. Er überquert den eisernen Weg und reitet weiter in die Wildnis hinein. Es ist fast dunkel, als er ein Mohnfeld sieht, in dem der Salbei bunte Flecken bildet. Der Duft steigt ihm in die Nase. Er ist betäubend wie Brandy.

Weit hinten liegt ein Wald. Rusty Alker reitet bis weit in die Nacht hinein, bis er den Wald erreicht. Der Wald ist gut für ihn.

Eine Stunde später.

In der Ferne heult ein Hund. Rusty wird wach. Er denkt an Coyoten. Aber es sind keine. Er hat ein Ohr dafür. Es ist ein Hund. Sein Heulen endet in einem wütenden Bellen. Dann fällt ein Schuss. Danach ist Stille. Rusty will sich wieder hinlegen. Menschen sind in der Nähe, aber sie sind auch weit genug für ihn.

Dann zwei Schüsse in dichter Folge. Der Hund hellt nicht mehr. Aber Silver ist unruhig. Der Braune scharrt mit dem Huf. Die Menschen können näher sein, als Rusty denkt. Er richtet sich wieder auf. Silver schleudert den Kopf und zerrt am Zaumzeug.

„Das geht uns nichts an, Silver“, sagt Rusty Alker. „Beruhige dich! Wir haben einen langen Trail vor uns. Schon mal was von Colorado gehört? Yeah, nicht viel. Ich weiß. Aber da wollen wir hin. Wirst 'ne Menge Spaß haben in den Bergen. Ist nicht so ein verdammt plattes Land wie Texas. Da gibt‘s Schnee auf den Bergen ...“ Rusty Alker redet von Schnee, den er selbst kaum kennt. Dann bricht er ab, als er den roten Himmel sieht.

„By gosh!“, stöhnt er. „Hier gibt’s doch keine Indianer. Hier doch noch nicht. Wenigstens keine, die so was tun.“ Er steht auf und geht ein paar Schritte vom Waldrand weg, um den Feuerschein besser sehen zu können. Die Sicht wird nicht viel besser dadurch, aber er ändert seinen Entschluss.

Obwohl eine Stimme in ihm sagt: Raushalten, Junge, das ist nichts für dich!

Da ist noch eine andere Stimme. Die Stimme eines Toten.

Du weißt doch, dass alles Unrecht war, Rusty, oder? Ein Hund hat gebellt. Dann sind Schüsse gefallen. Jetzt bellt kein Hund mehr, aber der Himmel brennt.

Rusty legt den Sattel auf. Er führt die uralten Gespräche mit Silver. Wie immer, wenn er mit ihm allein gewesen ist.

„Du alter Gauner bist bestimmt neugierig. Reg dich nicht auf! Wir reiten ja schon. Aber geh nicht so nahe heran! Mit dem Feuer hast du schlechte Erfahrungen gemacht, alter Junge.“

Die Grenze zwischen dem Wald und der Prärie ist fast ein gerader Strich. Der Weg führt weiter nach Nordwesten. Es ist sowieso Rustys Richtung. Damit tröstet er sich. Er braucht noch immer eine Ausrede, weshalb er sich ausgerechnet um dieses Feuer kümmert.

Vor genau vierundzwanzig Stunden hat er einen Sack mit ein paar tausend Dollar besessen. Und er hat ihn in der Aufregung liegenlassen ... Das ist schon eher ein Problem. Ganz abgesehen davon, dass Buster Lee gestorben ist.

Was will schon ein Hund von ihm, der nicht mehr bellt?

Reiten wir nach Colorado, Silver! Da liegt Schnee auf den Bergen. Das Feuer ist unsere Richtung. Sieh dich vor, wenn wir zu nahe dran vorbeikommen!

Sie schafften eine Meile. Dann ist der gerade Waldrand zu Ende. Nur noch einzelne Baumgruppen stehen da - wie ein Park. Man müsste nur die fette Weide abmähen, dann wäre sie ein englischer Rasen, wie ihn die vornehmen Sklavenhalter in Alabama hatten.

Silver hat die Vorderhand in den Boden gestemmt. Sein Wiehern zerreißt weithin die Stille.

„Yeah, Alter!“, stöhnt Rusty und klatscht ihm den Hals. „Mach nicht so viel Lärm! Du weißt nicht, was hier im Busch versteckt liegt.“

Die Winchester ist längst aus dem Scabbard. Sie liegt quer über dem Sattelhorn. Silver hat sich beruhigt und steht still wie ein Fels. Die Nacht kennt nur noch ein Geräusch: das Prasseln des Feuers.

Wenn es eine Gefahr gibt, dann versteckt sie sich darin.

Die Ranch liegt sechshundert Yards entfernt. Sie besteht aus zwei Gebäuden: aus dem Haupthaus und aus der Scheune mit dem Bunkhaus. Beide brennen. Nur diese beiden, sonst nichts. Noch nicht.

Rusty Alker sieht nur die züngelnden Flammen. Sonst keine Bewegung. Kein Mensch ist in der Nähe. Keiner, der der Schuldige ist und keiner, der an diesem Feuer leidet.

Irgendwo könnte ein Hund liegen, denkt Rusty. Ein Hund, der noch vor einer Stunde gebellt und gewinselt hat. Bevor die Schüsse fielen ...

By gosh, plötzlich ist das Winseln wieder da! Ein ganz leises, zartes Geräusch. Drüben im Haupthaus stürzt ein brennender Balken zur Erde. Es rauscht in der Luft. Aber Sekunden später ist das Wimmern wieder da.

Rusty Alker starrt nach links in die Dunkelheit. Er kennt die Richtung. Und als er genau hinhört, weiß er, dass es kein winselnder Hund ist, sondern ein Mensch.

Die Winchester rutscht in den Scabbard zurück. Rusty Alker steigt aus dem Sattel. Er hat den Revolver in der Hand.

„Rühr dich nicht vom Fleck, Silver! Ich komme zurück!“ Er stampft durch das kniehohe Gras und hat nicht mehr als dreißig Schritte zu laufen. Vor ihm liegt ein dunkles Bündel. Dunkler als seine Umgebung. Rusty sieht einen runden Rücken. Ein Ding wie eine Schildkröte. Ein Häufchen Elend. Das Ding liegt da wie ein Igel, der sich zum Kampf gegen die Schlange rüstet.

Rusty geht in die Knie. Der Colt ist schussbereit, als er den Fremden an die Schulter fasst.

„He, Mann! Es gibt einen Platz, an dem es gemütlicher ist. Wollen Sie nicht …?“

In dem Augenblick explodiert das Bündel. Es wirft sich herum und ist sofort auf den Beinen. Seine Arme wirbeln wie Windmühlenflügel durch die Luft, und einmal treffen sie sogar. Rusty spürt einen harten Schlag unter der Handkante, dass ihm fast der Revolver wegfliegt. Mit Mühe kann er ihn halten. Aber er findet nicht mehr die Zeit, den Hammer zu spannen und die Kugel ins Ziel zu bringen. Es ist gut, dass es nicht mehr reicht. Denn während das wirbelnde Ding ihn mit Flüchen und Verwünschungen überschüttet, erkennt er, dass er einen höchstens zwölfjährigen Jungen vor sich hat.

„Yeah!“, stöhnt er. Er steht starr wie ein Denkmal. Denn gegen so etwas kann man schließlich nicht kämpfen. So etwas fasst man nicht einmal an, weil es zerbrechlich ist wie ein Ei.

Der Junge nutzt Rustys Zögern aus. Die starke Männerhand hat ihn abgeschüttelt, und er ist ins Gras gefallen. Er kommt jetzt hoch wie ein Gummiball. Rustys Colt rutscht in den Halfter, und seine Arme sind sofort wieder vorgestreckt. Der Junge fällt hinein, fühlt sich plötzlich an die breite Männerbrust gedrückt, dass ihm fast die Luft wegbleibt. Das bisschen, was ihm noch bleibt, benutzt er, um den Fremden mit allen Gemeinheiten des Countys anzuschreien.

„Coyote! - Feiger Lümmel, Bandit, Desperado, Mörder! Ich kratze dir die Augen aus ... Lass mich los! Ich kriege keine Luft mehr. Ich spucke dich an, wenn du ...“

Rusty Alker hat plötzlich das Gefühl, dieses Geschrei müsse bis nach Wheeler zu hören sein. Dieser Bursche wird ihm noch den Ranger auf die Spur hetzen. Rusty drückt den Kopf des Jungen an sich. Der beißt ihn in die Brust, aber Rusty kennt schlimmere Schmerzen. Er packt den Jungen fest und erstickt das Geschrei. Dafür fängt er selbst an zu reden.

„Der, den du meinst, ist schon ein ziemliches Stück weg, Kid. Aber noch nicht so weit, dass du ihn nicht mehr hören kannst. Mit mir musst du schon ganz von vorne anfangen. Ich heiße nämlich ... Rusty Alker und komme gerade aus ’ner Gegend, die gute hundert Meilen entfernt liegt.“

„Sie lügen!“, schreit der Kleine, sobald er wieder Luft bekommt.

Rusty weiß nicht, was er machen soll. Nie hat er es mit einem solchen Gegner zu tun gehabt. Das ist fast, als wenn er eine Frau vor sich hätte. Fast so - oder noch schlimmer.

Er stellt den Jungen vor sich hin. Dann hat er plötzlich eine Idee, und er glaubt auch, dass es wohl die beste ist, die man sich in so einem Moment denken kann. Wenn sein Trail hier an der brennenden Ranch zu Ende sein sollte — was läge schon daran?

Der Junge sagt einige Sekunden kein Wort. Auch er staunt, dass der Riese ihn plötzlich einfach auf die Erde stellt. Rusty hört nur seinen schnellen, keuchenden Atem.

Er nimmt seinen Revolver und hält ihn, mit dem Kolben voraus, vor sich hin.

„Hier, Kid, nimm ihn! Wenn du meinst, dass ich lüge, musst du ja wohl jetzt für meine Verhaftung sorgen, oder?“

Der Junge hebt die Hand, als wolle er es tatsächlich mit dem sechs Pfund schweren Peacemaker aufnehmen, aber dann zuckt er zurück. Und dann weint er, dass es nicht weniger Lärm gibt als vorher durch sein wütendes Geschrei. Dann lässt er sich von Rusty Alker widerstandslos an der Schulter packen. Er drängt sich sogar an den fremden Mann heran und sucht Schutz bei ihm.

Rustys Stimme klingt ganz ruhig: „Ich denke, du willst mir was erzählen, Kid? Aber vorher sagst du mir, was es da mit dem Feuer auf sich hat. Also?“

Als Rusty vom Feuer spricht, sieht der Junge hin und wird plötzlich ruhiger. Rusty spürt noch seinen zitternden Körper. Aber der Kleine schreit nicht mehr.

„Sie haben alle umgebracht, Mister ...“

„Sag nicht Mister zu mir! Ich heiße Rusty.“

„Jawohl, Mr. Rusty“, murmelt der Junge.

„Rusty ist mein Vorname. Den Mister musst du weglassen. - Hast du hier gewohnt?“

Der Junge nickt. Sein Weinen ist wieder in das leise, ununterbrochene Wimmern übergegangen, das Rusty Alker aufmerksam gemacht hat. Es nimmt dem Kleinen die Möglichkeit, weiterzusprechen. Rusty weiß, dass er hier Zeuge einer Tragödie geworden ist, wie man sie sich nicht grausamer in diesem Land vorstellen kann. Sein Gedanke an Banditen lässt ihm einen seltsamen Schauer über den Rücken laufen. Was sind schon Banditen? Männer wie er selbst! Oder ist es ein Unterschied, schießend über eine Bank oder einen Eisenbahnzug herzufallen - oder dies hier?

 

 

3

Rusty Alker starrt in das Feuer wie der Junge. Beide scheinen die Zeit zu vergessen. Rusty spürt nur die kleinen, verkrampften Hände an seinem Hals.

Dieses verdammte Feuer!

Was hat Buster Lee gesagt? Dieser Lee, der heute tot ist, und der ihm beigebracht hat, wie man auf schnellstem Wege zu Geld kommt, ohne viel dafür zu arbeiten. Was hat er gesagt?

Weißt du, dass das ein Unrecht ist?

Aber hier haben sie Frauen und Kinder ins Unglück gestürzt. Hier haben sie einem friedlichen Siedler das Dach über dem Kopf angezündet. Indianer?

Rusty Alker muss es wissen. Und er muss von diesem verrückten Gedanken loskommen, der seinen ganzen Körper lähmt.

„Ich heiße Rusty, Boy. Ich glaube, ich sagte es schon. Du hast doch auch einen Namen, hm?“

„Scotty ... Liz sagt immer Scotty zu mir.“

„Wer ist Liz?“

„Meine Schwester.“

„Auch so alt wie du? Zwölf, dreizehn?“

„Ich bin elf. Liz ist neunzehn. Liz!“

„Waren Indianer hier?“

„Nein, Rusty, keine Indianer ... Mr. Sny, der ist es gewesen, der Sheriff. Und Slim Haxter war es mit seinen Leuten. Sie haben Daddy und Tom erschossen.“

„Hast du es gesehen, Scotty?“

„Ich habe es gesehen, aber ich bin weggelaufen. Ich glaube, auch Liz und Jim sind weggelaufen. Oder sie sind noch im Haus.“

„Niemand ist mehr in dem Haus“, sagt Rusty, als ob er es ganz genau wüsste. Er muss etwas tun, um den Jungen zu beruhigen. Und er darf nicht zu viel Mitleid zeigen. Er muss ganz ruhig sprechen. Wie ein Vater oder wie der große Bruder.

„Wo sind Tom und Daddy, Scotty? Kannst du es mir sagen?“

„Sie haben einen Revolver“, erwidert Scotty plötzlich, als ob ihn jetzt etwas anderes interessiert. Seine Stimme klingt nicht sehr zuversichtlich. Rusty nickt.

„Ja, ich habe einen Revolver. Weshalb fragst du?“

„Ist er geladen? Können Sie damit schießen?“ Dabei blickt der Junge ihn ängstlich an.

„Ich hab’s ein paarmal probiert, und da ging es so leidlich. Im Kriege musste ich sogar einmal einen Mann erschießen ...“ Er bleibt bei diesem einen Mann im Kriege. Er würde jetzt eine Menge darum geben, wenn es nur dieser eine wäre. Scotty scheint die Auskunft zu genügen.

„Ich bin weggerannt, Rusty. Ich bin ein Feigling. Ich weiß nicht, wo Daddy ist ...“

Durch die Luft kommt ein dumpfes Rauschen heran. Der größte Teil der Hausfront bricht krachend zusammen, und das Feuer bäumt sich auf, als es von der Bewegung neue Nahrung bekommt. Rusty nimmt Scottys Hand und geht langsam auf das Feuer zu.

Er denkt noch, dass vielleicht alles nur eine Wahnvorstellung des Jungen ist. Sicher, dass die Ranch abbrennt, ist nicht mehr zu bezweifeln. Hier ist ein großes Unglück über eine Familie gekommen. Aber müssen sie gleich tot sein?

Rechts von ihnen steht Silver. Vorn ist er ganz rot vom Schein des Feuers. Wenn es Banditen in der Nähe gäbe, hätten die sich längst bemerkbar gemacht. Aber sie hätten auch diese Ranch nicht ungestraft überfallen, wenn der Besitzer dabei gewesen wäre. Rusty Alker erinnert sich, dass er Schüsse gehört hat. Zuerst einen, und dann nach einer Pause zwei hintereinander. Und ein Hund hat geheult ...

Er hält genau auf das Feuer zu. Und er hat Scotty an der Hand, der gehorsam neben ihm läuft.

Unter einer Platane, zweihundert Yards von den Häusern entfernt, liegen zwei Tote. Als Scotty sie sieht, reißt er sich los und rennt hin. Er schreit nach Daddy und nach Tom. Er wirft sich über sie und hält den Kopf des Älteren zwischen seinen kleinen Händen.

Rusty Alker steht nur dabei und rührt sich nicht. Mit so etwas wird er nicht fertig. Das hat er noch nicht erlebt. Nicht einmal im Krieg. Für ihn hat es nur Männer gegeben, die sich bis aufs Blut bekämpften. Die jeder eine Waffe hatten - und meistens dieselbe Chance.

Der Mann, neben dem Scotty kniet, liegt auf dem Gesicht. Er starb durch einen Schuss in den Rücken. Wie der andere.

Und damit wird Rusty Alker nicht fertig. So etwas hat er noch nicht erlebt. Nicht einmal im Krieg.

 

 

4

Als in seinem Kopf wieder alles soweit klar ist, dass er wieder folgerichtig denken kann wie früher, ist mindestens eine Stunde vergangen. Und auf Scottys Ranch hat sich eine Menge verändert. Sie haben zwei Männer begraben: Henry und Tom Carriage.

Das heißt, begraben hat sie Rusty Alker. Scotty ist keine große Hilfe gewesen. Er ist zu jung, um das alles begreifen zu können. Scotty ist elf, und er weiß, was der Tod bedeutet.

Scotty hat auf einem Baumstumpf gesessen und wie vor Kälte gezittert, obwohl das nahe Feuer eine starke Hitze ausstrahlt. Die Rauch ist nicht mehr. Die letzte Wand ist eingestürzt. Wo gestern noch zwei Häuser standen, gibt es jetzt zwei schwelende Haufen dunkelroter Glut. Rusty Alker hat Silver hergeholt und in der Nähe angehobbelt. Unter der Platane liegen zwei frische Erdhügel. Sie haben noch kein Kreuz. Aber ein Kreuz ist das mindeste, was ihnen gebührt. Und zwei Namen werden draufstehen: Henry und Tom Carriage.

Rusty schwört es.

„Du kannst dich darauf verlassen, Scotty, die Gräber bekommen ein Kreuz. Und die Kreuze bekommen Namen ... Du musst mir genau erzählen, wann du Liz und Jim das letzte Mal gesehen hast. Waren sie vielleicht im Haus? Hallo, Scotty! Sag ...“

Rusty sieht, dass der Junge eingeschlafen ist. Er bricht mitten im Satz ab und geht zu Silver, holt Decke und Sattel herunter und legt sie auf den Boden. Die Decke ist für Scotty. Im Schlaf erwischt er Rustys Hand und hält sie eine Ewigkeit fest.

So findet sie Liz Carriage, als sie mit dem ein Jahr jüngeren Bruder Jim in der Dämmerung aus dem Wald zurückkehrt.

„Komm her, Jim!“, ruft sie. „Ich habe Scotty gefunden.“

Sie winkt dem Bruder, der vor den glühenden Aschenhaufen steht und sich nicht mehr rühren will. Sie ruft noch einmal.

„Jim!“

Dann kommt er.

„By gosh, wer ist das?“ Sie sieht ihn erstaunt an.

„Unser Bruder natürlich.“

„Ich seh’s. Ich habe es gleich gesagt. Scotty ist weggerannt, und die anderen haben ihn nicht gesehen ... Aber der Fremde?“

„Kenne ich nicht. Bei Haxters Bande habe ich ihn nicht gesehen.“

„Dann läge er wohl auch nicht so friedlich neben Scotty“, brummt Jim.

„Hast du eine Ahnung, wozu Desperados fähig sind!“, sagt Liz gepresst. „Aber ich will ihm natürlich nichts vorwerfen, bevor ich nicht weiß, wer er ist. Hat einen guten Schlaf der Gent.“

Jim Carriage hat die Gräber gesehen und sich nach ihnen umgedreht. Rusty ist längst wach, seit er die Stimme des Mädchens gehört hat. Er hat durch die zusammengekniffenen Lider gesehen und sie dann wieder geschlossen. Jetzt steht er plötzlich auf, dass die beiden Carriages erschreckt zurückweichen.

„Ich heiße Alker, Rusty Alker. Es hat keinen Sinn, dass ich Ihnen einen anderen Namen sage. Scotty kennt ihn bereits.“

Jim Carriage hat die Hand am Kolben, während Rustys Gürtel nebenan im Gras liegt. Rusty lächelt ihn an.

„Sie würden den Falschen erschießen, Mr. Carriage. Ich hab 'ne Menge Dinge in meinem Leben hinter mich gebracht, von denen ich nicht sagen kann, dass sie gut sind. Aber mit Ihrem Unglück habe ich nichts zu tun … Oder - vielleicht jetzt doch.“

„Yeah, vielleicht doch.“

In diesem Augenblick ist Scotty auf den Beinen. Er ist sofort hellwach und steht so breit, wie er kann, vor Rusty Alker.

„Er hat zwei Gräber geschaufelt, für Dad und Tom. Jawohl, Liz! Er hat es getan. Und das ist alles, was er mit dem Überfall zu tun hat. Wer ihn anrührt, ist mein Feind!“

Die beiden Geschwister sind verwirrt. Jims Hand zuckt vom Colt zurück, als ob der plötzlich glühend geworden ist. Rusty weiß, dass er diesen Augenblick nie vergessen wird. Er ist genauso durcheinander wie die Geschwister, nur … er fängt sich schneller. Er hat es gelernt, sich schneller zu fangen. Deshalb lebt er noch. Immer etwas schneller als die anderen.

„Da!“, sagt Scotty laut und zeigt auf die beiden Grabhügel. „Da liegt Daddy! Und da liegt Tommy! - Er hat gesagt, er würde ihnen ein Kreuz machen. Ein Kreuz mit ihren Namen drauf ...“

Liz und Jim folgen der Richtung. Sie drehen sich wieder um. Die Gräber sind frische, braune Erde. Zwei hohe Hügel, dicht nebeneinander. Liz Carriage weiß trotzdem, was hinter ihrem Rücken geschieht.

Der Fremde geht weg. Er lässt seine Decke und seinen Sattel liegen, aber er geht weg.

„Mister!“, ruft sie schwach.

Rusty bleibt stehen, aber er dreht sich nicht um. Er will weitergehen. Dann ist sie bei ihm. Er braucht sich nicht mehr umzudrehen, weil sie direkt vor ihm steht. Er sieht ihr gerötetes Gesicht. Ein Gesicht, das gestern noch frisch und weiß ausgesehen hat.

„Wohin gehen Sie, Mister Alker?“

Er zuckt mit den Achseln. Und er denkt drei Jahre zurück. Das war mitten im Krieg. Da war ein Priester zu ihrem Regiment gestoßen. Er weiß heute noch, wie dieser Mann gepredigt hat. Er weiß noch, wie dieser Mann Worte gefunden hat, um die man ihn nur beneiden konnte. In Atlanta war das. Rusty sieht das Gesicht. Aber er bekommt es nicht über die Lippen. Nicht so, wie er es sich wünscht. Er zuckt mit den Achseln.

„Yeah, Madam, ich denke, das alles geht mich nichts an. Ich kann da nichts tun. Ich bin eine Stunde zu spät gekommen. Jetzt können Sie es drehen, wie Sie es wollen. Sie haben das Elend. Nur das Elend ... Die Gefahr für Sie selbst ist vorüber. Wenn Sie mich reiten lassen würden ...“

„Ich kann Sie nicht halten, Mister Alker. Ich habe auch kein Recht dazu. Aber ich weiß jetzt, dass Sie nicht zu Haxters Crew gehören. Sie sind ganz anders, Sie sind kein ...“

Was Rusty ist, wird er an diesem Tag nicht erfahren. Er macht eine heftige Bewegung, dass Liz Carriage mitten im Satz abbricht.

„Hey“, ruft Jim Carriage laut hinter ihrem Rücken. „Wollen Sie sich vielleicht drücken, Mister Alker?“

Rusty fährt herum.

„Wovor, Mr. Carriage?“, fragte er lauernd.

„Vor diesen Trümmern. Was sonst? - Sie haben zwei Gräber geschaufelt. Aber das haben Sie eben nur so gemacht, weil Sie zwei Tote gefunden haben. Für Liz und für Scotty ist das 'ne Menge mehr. Auch für mich, wie Sie sich denken können. Ich verlange keine Trauer von Ihnen, die Ihnen nicht stehen würde. Aber wenn Sie einen Funken von Gerechtigkeit im Kopf haben, dann bleiben Sie bei uns.“

„Hm, und wozu soll das gut sein?“, fragt er.

Jim Carriage wendet sich endgültig von den Gräbern ab und geht auf Rusty zu. Drei Schritt vor ihm bleibt er stehen. Ein Junge von achtzehn, aber ein Mann! Rusty Alker sieht es.

Und er sucht nach dem Revolver. Jim Carriage trägt keine Waffe.

Trotzdem!

„Gut für die Gerechtigkeit“, sagt Jim Carriage. Und für Rusty ist es plötzlich so, als ob Buster Lee selbst diesen Satz gesprochen hätte. Buster Lee, der ihn auf alles Geld gehetzt hat, was in Texas nur erreichbar war. Der ihn im Tod nach der Gerechtigkeit gefragt hat.

Jim und Rusty haben sich festgerannt.

Da kommt Liz heran.

„Sie wollen weg, Mister Alker. Sie müssen es wissen. Nehmen Sie es Jim nicht übel! Wir beide sind im Augenblick etwas durcheinander. Bestimmt haben Sie eine wichtige Mission zu erfüllen. Man reitet sonst nicht so quer zu den Verkehrswegen.“

„Hm, reite ich so?“, fragt Rusty überrascht.

„Wir liegen hier ziemlich abseits“, meint Liz Carriage. „Ein Wunder, dass Sie zufällig hier vorbeikamen.“

„Ich sah das Feuer von weitem. Und ich hörte einen Hund bellen.“

„Cito? Wo ist er?“

Rusty zuckt mit der Schulter.

„Ich habe keinen Hund gesehen, solange ich hier bin. Scotty hat auch nichts von ihm erwähnt.“

„Die Kerle werden ihn mitgenommen haben“, sagt Jim, als ob er von etwas Nebensächlichem spricht. Natürlich, ein Hund und zwei Menschen — das ist ein Unterschied.

Zwei Menschen ...

Rusty hat diesen Gedanken im Kopf. Er will immer noch gehen. Er kommt nicht von dem schwarzen Ranger los, der auf seiner Fährte ist. Wenn er sicher sein will, muss er mindestens bis Colorado reiten.

Plötzlich steht Scotty zwischen den Großen.

„Hey, Rusty! Was reden sie da? Haben sie dich geärgert, dass du weg willst? Nehmt euch in acht, Liz! Und du, Jim! Beleidigen lässt Rusty sich nicht.“

„Mich hat keiner beleidigt, Scotty“, sagt Rusty beschwichtigend.

„Aber sie reden davon, dass du weg willst. Sie denken, du bist feige. Und du hättest Angst vor Haxter und Snyder und denen allen.“

„Ich glaube nicht, dass deine Schwester das denkt, Scotty. Oder, Miss Carriage?“

Er fragt nicht Jim und nicht den Jungen, er fragt Liz Carriage. Sie sieht zu ihm auf.

Zum ersten Mal betrachtet er sie mit Bewusstsein. Hinter den beiden großen Aschehaufen geht die Sonne auf. Sie breitet goldenes Licht über Liz' Gesicht.

„Nein, das glaube ich nicht, Mister Alker“, sagt sie nach einer Pause. „Sie sehen nicht so aus wie einer, der sich fürchtet. Sie haben ein Ziel — und einen Grund, dass Sie nicht hierbleiben.“

„Es gibt auch Gründe für das Gegenteil!“ Rusty Alker dreht sich plötzlich von Silver weg. Liz und Jim stehen so nahe, dass er nur beide Arme auszustrecken brauchte, um sie zu erreichen. Er nimmt von jedem eine Hand.

„Kommen Sie! Ich will Sie etwas fragen.“

Die beiden gehorchen wie Kinder. Sie gehen mit, bis sie ganz dicht bei der Asche stehen. Der Boden ist noch heiß unter den Stiefeln.

„Es ist nicht viel, was ich wissen will. Eine Menge weiß ich schon selbst. Ihr Vater ist mit einer Kugel im Rücken gestorben. Hier hat kein Kampf stattgefunden. Es war ein hinterhältiger Überfall. Und wir kennen die Namen. Ich weiß nur nicht, wo ich Slim Haxter finde. Ich kenne mich nicht aus in dieser Gegend.“

„Sie wollen zu ihm?“ Liz Carriages Stimme klingt nicht einmal erfreut. Rusty antwortet nicht. Er fragt nur weiter: „Was war das für ein Haus hier? Wie lange sind Sie schon hier im County? Erzählen Sie was von sich.“

„Wir sind zwei Jahre hier“, erwidert Liz. „Unsere Mutter ist bereits auf dem Treck gestorben. Sie hat dieses Land nie gesehen. Sie hat nur gewusst, dass wir im oberen Winkel von Texas das Weide und Siedlerrecht erworben hatten. Daddy und Tom haben die Ranch gebaut. Wir Jüngeren konnten nur etwas helfen, und ich hatte genug mit Scotty zu tun.“

„Schon ’ne Menge Arbeit“, meint Rusty.

„Vor einem Jahr waren die Häuser fertig. Von dem Geld, das Daddy noch übrigbehalten hat, kauften wir dreihundert Rinder. Das sollte der Anfang für die Herde sein. Und bis dahin kamen wir ohne fremde Weidereiter aus.“

„Es sollte der Anfang sein. Und was wurde daraus?“, fragte Rusty dazwischen.

„Vor drei Wochen wurde die Herde gestohlen,“ berichtet Jim Carriage grimmig. Liz lässt ihn weiterreden. Es stört sie nicht, dass der Bruder die Erklärungen gibt. Das Thema ist sowieso Männersache. Sie kann den Fremden von der Seite beobachten. Sie muss es tun. Es ist die einzige Möglichkeit, nicht in dem großen Kummer zu versinken.

„Wer hat sie gestohlen?“, fragt Rusty.

„Slim Haxter. Aber das wussten wir damals noch nicht. Nur - es gab eigentlich niemand anders in der Gegend.“

„Ziehende Banden suchen sich vor allem das Grenzland aus“, gibt Rusty zu bedenken.

„Klar“, sagt Jim. „Mit der Möglichkeit haben wir gerechnet. Aber dann stellte sich heraus, dass unser Verdacht stimmte. Slim Haxter beherrscht das Land zwischen Texas, New Mexico und Oklahoma. Am liebsten rechnet er noch Colorado dazu. Je mehr Grenzen es gibt, umso mehr bringt er sie durcheinander.“

„Sagen Sie“, unterbricht ihn Rusty, „ist Haxter nun ein Desperado oder ein Rancher?“

„Beides in einer Person! Dad hat vor einem Jahr gesagt - damals, als wir die Rinder kauften - wir heißen Carriage. Unser Brandzeichen werden zwei Räder sein. Unsere Ranch heißt ab heute die ,Zwei Räder-Ranch’ ... Wir hatten nicht mehr als zwanzig Mavericks in der Herde. Alle anderen Tiere trugen schon die zwei Kreise als Brandzeichen. Ein paar haben wir noch gefunden. Mitten in Haxters Herde. Die anderen waren nicht mehr wiederzuerkennen. Wir haben vier Leute von Haxter erwischt, als sie die gestohlenen Tiere umgebrändet haben. Dad ist zu Mort Kinsey gegangen und hat ihn aufgefordert, die dreihundert Tiere herauszurücken. Und zwei Dutzend Mavericks dazu. Sie können sich denken, was dann geschehen ist ...“

„Mort Kinsey wird gelacht haben“, meint Rusty. „Aber ich kenne ihn nicht. Vielleicht hat er auch gleich zum Revolver gegriffen, oder?“

„Dad war kein Revolvermann. Er trug 'ne Waffe wie jeder anständige Bürger. Das war ein Henry-Gewehr. Aber wenn Dad zupackte, dann wuchs auf ’ner ganzen Strecke von der Prärie kein Ginster mehr. Er war schneller mit der Faust als die Killer von Haxters Bande mit dem Colt.“

„Er hat also Mort Kinsey verdroschen?“

„Genauso war’s! Aber außer Kinsey waren es noch drei Kerle. Die haben ihm die Mündung ihrer Schießeisen gezeigt, und Dad war so klug, nach Hause zu reiten. Drei Tage später hieß es in Texline, man hätte Mort Kinsey erschossen.“

„Und das stimmte nicht.“

„Es stimmte genau. Es war bloß keine Kugel aus einem von unseren Gewehren, aber Slim Haxter hat das Gerücht verbreitet, Henry Carriage wäre es gewesen. Er hat den Sheriff von Texline scharfmachen wollen. Der war allerdings vorsichtig und hat lange auf dem Fall herumgeritten, um bessere Beweise zu kriegen.“

„Scotty hat vom Sheriff gesprochen, der wäre gestern dabei gewesen.“ Rustys Einwurf ist eine Frage. Jim weiß, was er meint.

„Sie reden von Snyder. Der war Sheriff in Texline bis vor einem Jahr. Dann haben sie ihn abgewählt, und Haxter hat es bis heute nicht geschafft, ihn wieder ins Amt zu bringen.“

„Eine verzwickte Sippengeschichte ist das hier in euerm Dreiländereck“, meint Rusty stirnrunzelnd. „Snyder war nicht mehr in Ordnung, wie?“

„Manche Towner haben es gemerkt. Und dann haben sie Archie Prichard zum Sheriff gemacht. Ein junger Bursche, mit dem ich sämtliche Mustangs von der Prärie stehlen würde. Aber gegen Haxter ist er ein Schatten. Und weil er ein Schatten ist, haben sie ihn noch nicht umgelegt.“

„Aber die Towner haben ihn gewählt. Er weiß also, dass die meisten Bürger hinter ihm stehen.“

„Vielleicht hat ihn sogar Haxter gewählt. Haxter duldet manchen, der sein Gegner ist. Wenn er nur nicht über die Stränge schlägt. Haxter spielt immer ein doppeltes Spiel. Mit dem Gesetz kommen Sie dem nicht bei.“

„Das Gesetz verkörpert das Recht jedes einzelnen von uns“, sagt Rusty langsam. Er sagt es so langsam, als ob er jedes einzelne Wort überlegen muss. Er fühlt sich gar nicht sicher. In seinem ganzen Leben hat er noch nie so feierlich über das Recht gesprochen. Doch jetzt ist es plötzlich heraus. Und weil ihm der Satz gefällt, wiederholt er ihn.

„Yeah, Jim, so ist es. Das Gesetz verkörpert das Recht jedes einzelnen von uns. Und das Gesetz kann ja wohl keine krumme Sache sein, wie?“ Es klingt etwas naiv, wie Rusty Alker das sagt. Sogar Jim Carriage - mit seinen achtzehn Jahren - empfindet das. Aber Jim weiß nicht, wen er vor sich hat. Er weiß nicht, dass Rusty Alker im Sezessionskrieg ein Mann geworden ist. Er weiß nicht, dass Rusty nur zwei Farben kennt: Rot und Blau. Freund und Feind.

Er weiß nicht, dass Rusty Alker ein Spezialist für Postkutschen geworden ist. Für Postkutschen, Eisenbahntransporte und Bankeinbrüche.

Er weiß nicht, dass Rusty Alker sein Leben nach Silberdollars eingeteilt hat.

Er weiß nicht, dass Rusty Alker vor nicht ganz einem Tag seinen Lehrmeister verloren hat.

Er weiß nicht, dass plötzlich in Rusty Alkers Leben ein neues Problem aufgetaucht ist.

Ein Problem: Recht oder Unrecht.

Jim Carriage ist erst achtzehn. Ein Junge, den das Leben reifer gemacht hat, als man es an den Jahren abzählen kann. Aber er weiß nicht, was es heißt, einen Menschen zu töten.

Als Rusty Alker ihn ansieht, fühlt er nur, dass dieser Mann stärker ist.

Jim Carriage merkt, dass er Rusty lange angestarrt hat, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt dreht er den Kopf und sieht in die Asche der zwei Häuser. Die Asche ist immer noch dunkelrot und heiß. Hier haben zwei Häuser gestanden, die Henry Carriage die „Zwei Räder-Ranch“ genannt hat.

Anscheinend hat keiner den Mut, weiterzusprechen. Dann ist plötzlich Scotty da.

„Sie können es glauben, Rusty! Es waren dreihundert Rinder, und wir haben sie mit unserem Zeichen gebrannt. Und dann waren sie weg ... Ich habe Haxter und Snyder gesehen, gestern ...“

„Wen noch?“, fragt Rusty.

„Ein paar Kerle. Ich kenne sie nicht. Aber Haxter und Snyder waren dabei.“

„Aber nicht Mort Kinsey, wie?“

„Der ist doch tot.“

„Natürlich ist er tot. Aber die anderen haben gelebt. Kennst du sonst keinen von ihnen?“

„Nein, Rusty“, erwidert der Kleine und blickt zu Boden.

„Und dann bist du weggerannt und hast nichts mehr gesehen, wie?“

„Das ist nicht wahr. Liz ist weggerannt. Und Jim ihr nach. Ich habe es gesehen.“

„Was hast du gesehen?“, stößt Rusty nach.

„Wie Tom Bert Harding erschoss. Sie haben ihn gleich aufs Pferd gepackt. Und dann ist Tom ins Gras gefallen.“

„Du hast es genau gesehen?“

„Mr. Haxter hat Daddy erschossen. Das kann ich beschwören, Rusty!“

„Schon gut! Wenn du es gesehen hast, wird uns das von großem Nutzen sein. Aber zum Schluss hast du geweint und dich in die Erde verkrochen.“

„Sie haben Cito ins Feuer geworfen ...“

„Den Hund? Ins Feuer? - Hast du es gesehen, Scotty?“

Scotty nickt nur.

Ins Feuer, denken die Großen.

Bis auf Rusty Alker. Rusty denkt an Dinge, die einen Tag weiter zurückliegen. Und an alles, was Scotty gesehen haben will.

Die Sonne steht jetzt schon hoch über dem Horizont. Trotzdem, in dieser frühen Morgenstunde sieht alles trübe aus. Die Feuchtigkeit in den Wiesen will bis an die glühende Asche herankriechen. Aber vor der Hitze hält sie an. Unter den Bäumen liegen zwei frische Erdhügel. Gräber, die noch kein Kreuz haben.

Sie haben Cito ins Feuer geworfen! Und vorher haben sie die beiden Männer auf der Ranch getötet. Und davor haben sie die dreihundert Rinder geraubt, den Cowboy Kinsey aus Haxters Mannschaft ermordet und die Schuld auf Henry Carriage geschoben. Eine Methode, die selten schiefgehen kann, wenn eine Crew zusammenhält. Rusty Alker ist nicht von gestern. Er weiß sehr gut, was man mit Männern machen kann, die blind ihrem Boss gehorchen. Die schwören jeden Meineid, bis der Friedensrichter unbedenklich den Falschen hängen lässt. Und wenn irgendein Sheriff nicht mitmacht, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder dieser Sheriff geht genau in die Hölle, zu der die raue Mannschaft die guten Beziehungen hat, oder diese Mannschaft versucht es aus taktischen Gründen auf eigene Faust. So wie heute! Sie reiten hin und üben das Recht des Stärkeren aus.

Auch Rusty Alker ist meistens bei den Stärkeren gewesen. Solange Buster Lee gelebt hat, war das nicht schwierig. Nur - seit gut einem Tag ist manches anders geworden. Buster ist tot, und auf Rustys Fährte bewegt sich ein schwarzer Reiter. Der Ranger Ronnie Cole!

Die vielen Gedanken haben Rusty stumm gemacht. Plötzlich merkt er, dass er die ganze Zeit in Liz Carriages Gesicht gestarrt hat. Und Liz ist seinem Blick nicht ausgewichen. Sie sieht ihn an wie etwas, über das man staunen muss. Rusty dreht sich unbehaglich weg. Links liegen die Gräber. Jim Carriage ist hingegangen und stößt sich dauernd mit der Faust gegen den Kopf, als ob er damit etwas ändern könnte.

Rusty geht hin, weil ihn Liz' Nähe verwirrt. Frauen anzusehen, das ist wohl das einzige, was er in der langen rauen Zeit noch nicht gelernt hat.

„Yeah“, sagt er zu Jim. „Das wäre wohl alles, was ich wissen muss.“

„Ob Sie’s nun wissen oder nicht, das ändert wohl nichts mehr“, erwidert Jim grimmig.

„Nein, nichts an dem, was geschehen ist.“

„Eben! - Und ich bin weggelaufen. Ich Feigling bin einfach weggelaufen. Sie wären das niemals, Mister Alker, oder?“

„Die Vorwürfe würde ich mir nicht machen“, sagt Rusty. „Wenn Sie nicht in Deckung gegangen wären, hätten wir wahrscheinlich einen dritten Grabhügel hier. Wie die Haxter-Mannschaft geschossen hat, da hätte es auch zu zehn Toten gereicht ...“

„Aber Sie wären nicht weggerannt, wie, Rusty?“ Es ist Scotty, der so fragt. Der Junge kann den härtesten Mann mit seinen Fragen in Verlegenheit bringen. Rusty weiß die Antwort selbst nicht. Er fasst nach Scottys Nacken.

„Das weiß der Himmel, Boy“, murmelt er verlegen.

„So fragt man auch keinen Fremden“, belehrt ihn die Schwester.

„Aber Rusty ist doch gar kein Fremder“, begehrt der Junge auf.

Alker geht es dabei durch sämtliche Knochen.

„Mister Alker hat wichtige Geschäfte“, versucht Liz dem Bruder zu erklären. „Dieser Mann wird kaum noch länger bei uns bleiben können.“

„Nun, auf einige Tage käme es mir nicht an“, hört Rusty sich plötzlich sagen. Ihm ist dabei, als ob ein Fremder spricht. Liz Carriage sieht ihn stumm und gerade an.

„Yeah!“, sagt Rusty Alker. „Ich habe dem Jungen versprochen, dass zwei Kreuze auf die Gräber kommen. Mein Wort muss ich halten!“

Die Männer gehen auf den Wald zu. Sie werden zwei Kreuze zimmern. Sie haben zwei Stunden Arbeit. Danach kommt wieder die Ratlosigkeit.

Details

Seiten
147
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933451
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504548
Schlagworte
blutsbrüder

Autor

Zurück

Titel: Sie waren Blutsbrüder