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Jesse Trevellian und die Domina

2019 141 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jesse Trevellian und die Domina

Copyright

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5

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8

Jesse Trevellian und die Domina

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 141 Taschenbuchseiten.

 

Das New Yorker Mafia-Oberhaupt Anthony Varese hat eine Schwäche für Sadomaso-Behandlungen. Mithilfe einer Domina, die sich >Hexe von Dartmoor< nennt und angeblich aus England stammt, will das FBI dem Don geheime Informationen entlocken, um dem gesamten Mob das Handwerk zu leben. Bei der Domina handelt es sich jedoch um die FBI-Agentin Josy O'Leary, die von der Psychologin Joanna Devally unterstützt werden soll, eine neue Kollegin, frisch von der FBI-Akademie in Quantico. Doch bevor die Spezialagentin ihren Job tun kann, wird sie von einem von Vareses Mobstern entführt einem Psychopathen, der völlig unberechenbar ist …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Die Kellner waren die reinsten Lastenträger. Auf riesigen Tabletts schleppten sie heran, was die italienische Küchenkunst hergab, von Antipasti bis Zabaione, von Vitello Tonnato bis Saltimbocca alla romana. Es duftete nach Basilikum und Oregano und ofenfrischen Brötchen aus Pizzateig, die als Vorspeise mit Knoblauchbutter gereicht wurden.

Der Maitre hatte Joanna und mir einen Tisch für zwei Personen zugewiesen. Wir saßen unterhalb einer Mahagonibalustrade, die die tiefer gelegene Hälfte des großen Lokals von der Empore trennte.

Wir studierten die Speisekarte, die Kellner schleppten und schleppten, und ich wurde dieses leichte Unbehagen nicht los. Es plagte mich schon den ganzen Abend.

Dabei war Joanna bildhübsch, charmant und klug. Grob geschätzt, beneidete mich mindestens jeder zweite männliche Gast in dem Restaurant.

Doch die Sache hatte einen Haken.

Joanna war eine Kollegin.

Spezialagentin des FBI.

Privates und Dienstliches zu verbinden, war normalerweise nicht meine Art. Grundsätze, die schon in den Anfangszeiten des FBI gegolten hatten, sprachen dagegen, dienstliche Bekanntschaften für private Zwecke auszunutzen.

Ich verscheuchte die störenden Gedanken und lächelte meiner Kollegin über den Rand der Speisekarte hinweg zu. Joanna erwiderte mein Lächeln, doch ich hatte das Gefühl, dass in ihrem Blick zugleich etwas Forschendes lag. Das war bei ihr fast immer so, und die Ursache war mir von Anfang an klar gewesen.

Joanna hatte Psychologie studiert.

Logisch also, dass sie jedem Menschen bis auf den Grund seiner Seele zu schauen versuchte.

Sie hatte sich rechtzeitig beim FBI beworben und nach Abschluss des Studiums sofort einen Platz in Quantico bekommen.

Wir kannten uns erst seit Anfang der Woche. Am Montag, um acht Uhr morgens, hatte sie sich bei Jonathan D. McKee, unserem Chef, zum Dienst gemeldet. Pünktlich, wie es sich für eine frischgebackene Absolventin der FBI-Akademie Quantico gehörte.

Und seit Montag, halb neun, war Special Agent Joanna Devally Milo und mir als Dienstpartnerin auf Zeit zugeteilt worden. Zur Einarbeitung in den Dienst beim FBI-Distrikt New York. Gleichzeitig hatte sie erste Fälle übernommen. Psychologische Betreuung von Festgenommenen, die im Zellentrakt des FBI-Distriktgebäudes saßen und darauf warteten, dem Haftrichter vorgeführt zu werden.

Es hieß, Joanna habe besondere Fähigkeiten.

Aber damit prahlte sie nicht.

Schon während des Studiums hatte sie sich mit der altchinesischen Kunst der Gesichtsdeutung befasst, ebenso mit der Analyse der Körpersprache.

Jeder Mitmensch musste für sie eine Art offenes Buch sein.

Ich konzentrierte mich wieder auf die Menüs, umgeben vom Summen des Stimmengewirrs und von Geschirr- und Besteckklappern. Gelegentlich, wenn es zufällig einmal etwas stiller wurde, war ein Mandolinenorchester mit sizilianischen Volksweisen aus den Lautsprechern zu hören. Die Boxen steckten unter den Dekorationen aus leeren Bastflaschen, Fischernetzen und Knoblauchsträngen.

Große Propellerventilatoren drehten sich lautlos unter der Decke und quirlten die heiße Luft. Es war Anfang Juli, und die Wetterfrösche im Fernsehen hatten die erste richtige Hitzewelle des Jahres für die nächste Woche angekündigt.

Die ganz in elegantes Schwarz gekleideten Kellner befanden sich in einem unaufhörlichen Pendelverkehr zwischen Küche und Restaurant. Es kam mir vor, als würden die Gäste Unmengen an Speisen verschlingen und literweise Wein aus teuer aussehenden Flaschen in sich hineinschütten.

New York City musste total ausgehungert sein an diesem Freitagabend um elf. Ich vermutete stark, dass es in den zigtausend anderen Restaurants der Stadt ähnlich zuging wie hier im >Montalba< an der West 46th Street in Manhattan, im Herzen des Theaterdistrikts und nur ein paar Schritte vom berühmt-berüchtigten Times Square entfernt.

Joanna entschied sich für ein gegrilltes Schwertfischsteak als Hauptgang und Tomaten mit Mozzarella vorweg. Ich wählte Pasta und Pizza, wie meistens. Gemeinsam orderten wir einen Chianti Classico. Da wir beide dienstfrei hatten und mit einem Taxi gekommen waren, würde uns der Alkohol keine Probleme bereiten.

»Tja«, sagte Joanna, nachdem der Kellner die Speisekarten eingesammelt hatte. Ihre blauen Augen strahlten mich an. »Jetzt bist du mir ausgeliefert.«

Ich beschloss, der Überlegene zu sein, und entgegnete herausfordernd: »Wenn du das meinst, woran ich denke, würde es mir gefallen.« Joanna hatte Humor, das wusste ich. Mit ihrem sportlich kurzen Haar, mittelblond, und den kecken Sommersprossen in der Nasengegend sah sie nicht nur aus wie ein Kumpel fürs Pferdestehlen, sie war es auch. Das wussten Milo und ich von Mr. McKee. Er hatte ihre Beurteilungen aus Quantico gelesen.

Joanna lachte leise. Sie trug eine rote Bluse und ein leichtes, leinenfarbenes Kostüm. Sie verstand sich auf dezente Eleganz. Wenn sie in Jeans, weißer Bluse und sakkoähnlicher Jacke zum Dienst erschien, sah sie nicht weniger elegant aus als an diesem Abend.

Sie wechselte zu gespieltem Ernst. »Ich glaube nicht, dass du der Typ bist, der ständig nur an das eine denkt.«

»Dabei habe ich noch nicht mal bei dir auf der Couch gelegen, Miss Freud.«

»Ich habe keine Praxisräume«, konterte sie. »Und auf meiner privaten Couch veranstalte ich alles andere als Psychotherapien.«

Ich stieß einen leisen Pfiff aus. »Das hört sich verrucht an.«

»Soll es auch. Ich versuche, dich aus der Reserve zu locken, weil du nicht der Chauvi bist, den du mir vorspielen möchtest.«

»Danke für deine Offenheit, aber ich spiele dir nichts vor.«

Sie lehnte sich zurück und legte die gefalteten Hände auf die Tischkante, zwischen Messer und Gabel. »Ich glaube zu ahnen«, sagte sie sanft und gedehnt, »dass du erst über deinen Schatten springen musstest, als du unsere Verabredung für heute Abend annahmst.«

»Es war wegen Milo«, behauptete ich. »Du sagtest, es sollte ein Arbeitsessen sein, gewissermaßen. Zur Vertiefung unserer dienstlichen Kontakte. Also müsste Milo auch hier sein.«

»Ausrede!« Joanna schmunzelte. »Das mit dem Arbeitsessen habe ich vorgeschoben, um dir die Entscheidung leichter zu machen. Mit Kolleginnen und Mitarbeiterinnen trifft man sich nicht privat. Das ist ein eiserner Grundsatz, stimmt's?«

»Stimmt.«

Sie beugte sich vor und sah mich verschmitzt durchbohrend an. »In den wenigen Tagen meiner Anwesenheit habe ich mitgekriegt, dass sämtliche New Yorker G-Men keine Gelegenheit auslassen, um eine gewisse Linda aus der FBI-Telefonzentrale anzubaggern. Ich habe sie kennengelernt. Eine Schönheit.« Joanna lehnte sich wieder zurück. »Wenn die Lady nicht so standhaft wäre, hätte sie jeden von euch abschleppen können wohin sie wollte.«

»Hm ...« Ich zog die Schultern hoch. »Vielleicht ist das mit Linda nur so eine Art Sport.«

»Sport?«

»Eher Wortspielereien. Ich wette, Linda sieht es auch so. Wortgeplänkel, das den Alltag versüßt.«

»Okay, das könnte ich akzeptieren. Aber angenommen, wir beide würden in einer Bank arbeiten, oder ich wäre Krankenschwester und du der Chefarzt, dann würden wir uns doch auch privat treffen. Weshalb sollte es beim FBI anders sein?«

»Weil unser Job anders ist als alle anderen. Bei uns geht es nicht selten um Leben oder Tod.«

»Bei dem Chefarzt auch. Und im Fall der Bankleute kann es um Sein oder Nichtsein gehen, wenn sie ihren Kunden die falschen Aktien empfehlen.«

»Joanna«, sagte ich eindringlich. »Wir können dieses Wortgeplänkel noch stundenlang fortsetzen. Aber du kommst nicht an der Tatsache vorbei, dass unsereiner, wenn er im Dienst einen Fehler begeht, leicht der Erste sein kann, der sein Leben verliert. Und das kann dann ebenso leicht gleichbedeutend sein mit dem Tod anderer, häufig sogar unbeteiligter Menschen.«

»Ich weiß natürlich, was du meinst«, lenkte sie ein. »Alle Gesichtspunkte, die du genannt hast, und alle Folgerungen daraus sind mir geläufig. Also um es klarzustellen: Ich habe nicht vor, dich heute Abend in mein Bett zu schleppen. Wie könnte ich so anmaßend sein? Ich weiß ja nicht mal, ob ich eine Chance bei dir habe.«

Ich grinste wieder. »Einspruch. Erlaube mir, dass ich den Ball nicht fange.«

»Stattgegeben«, sie nickte. »Ich sehe die Sache schlicht und einfach anders. Du bist für mich ein interessanter Mann so interessant, dass ich mich gern einen Abend lang auf dich allein konzentrieren möchte. Insofern ist es also ein Arbeitsessen. Kannst du damit leben?«

»Schwer«, sagte ich mit vorgetäuschtem Ernst. »Meine geheimen männlichen Hoffnungen erfüllen sich damit ja nicht. Also muss ich schon wieder über meinen eigenen Schatten springen.«

Joanna lachte und klatschte in die Hände. »Ausgezeichnet, G-Man! Du hast das Zeug dazu, eine ausgewachsene Psychologin auf den Leim zu führen.«

Der Kellner servierte Mozzarellatomaten und Pasta. In der Tischreihe schräg gegenüber wurde ein Zweiertisch frei. Der Maitre lotste einen einzelnen Gast dorthin, und der starrte mich an …

 

*

 

Seit mehr als drei Jahren lief das Musical >Jelly's Last Jam< im >Virginia Theatre<. Milo Tucker hatte es nie geschafft, es sich anzusehen. Erst an diesem Sommerabend hatte es endlich geklappt.

Der G-Man und seine Begleiterin waren begeistert, als sie auf die Straße hinaustraten. Sie verharrten vor dem Theatereingang, wie viele andere auch. Nach dem mitreißenden Bühnengeschehen musste man erst mal durchatmen, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. Alle Gespräche drehten sich um das soeben Erlebte, und aus allen Stimmen war die gleiche Begeisterung herauszuhören, wie sie auch Milo und Jessica Fields empfanden.

Jessica war Redakteurin bei der Tageszeitung >New York Newsday<. Dass sie an einem Abend frei hatte, noch dazu zur selben Zeit wie Milo, grenzte an ein Wunder. Seit sie befreundet waren, wusste Milo, dass das Journalistenleben mindestens genauso unstet war wie das eines FBI-Agenten.

»Ich habe ja einiges über Jelly Roll Morton gelesen«, sagte Jessica. »Aber erst jetzt kann ich mir richtig vorstellen, was für eine Persönlichkeit er war.«

Milo nickte. »In dem Stück haben sie ihn wirklich gut getroffen. Die Zeit des alten Jazz muss schon aufregend gewesen sein. Fachleute sagen, dass Duke Ellington einige seiner frühen Kompositionen von Morton geklaut hat.«

»Habe ich gelesen«, unterstrich Jessica. »Und wenn der arme Morton nicht schon Anfang der vierziger Jahre gestorben wäre, dann hätte er heute den Ruhm, den Ellington eingeheimst hat.«

»Es gibt aber auch Fachleute, die das als gewagte Theorie ansehen«, gab Milo zu bedenken.

»Jedenfalls war er ein Wahnsinns-Pianist.«

»Und Komponist.«

»Der Erfinder des Jazz!«, sagte Jessica und lachte.

»Tja, damals waren sie wohl alle ein bisschen größenwahnsinnig«, kommentierte Milo. »Zumindest die Musiker.«

Er stutzte, blickte auf die Straße hinaus. Reflexartig hob er den Arm, wie es die meisten anderen bereits taten, um ein Taxi heranzuwinken. Der Pulk der Yellow Cabs scherte zum Bürgersteig hin aus, und das eine, das auf Milo und seine Begleiterin zuhielt, schien seine Fahrgäste ebenso zufällig gefunden zu haben wie die übrigen auch.

Lediglich der G-Man wusste, dass eben dieses eine Taxi nicht zufällig hier war und dass der Fahrer verdammt genau wusste, wen er mitnehmen wollte.

»Ich muss jetzt unhöflich sein«, wandte sich Milo an Jessica.

»Wie soll ich denn das verstehen?«, staunte sie.

Er deutete auf den heranrollenden gelben Wagen. »Mit dem Taxi muss ich allein fahren.«

Jessica sah ihn stirnrunzelnd an. Dann begriff sie. »Ach, du liebe Güte«, sagte sie seufzend. »Für ein paar Stunden habe ich vergessen, dass ich mit einem G-Man befreundet bin. Aber wer sollte denn Verständnis dafür haben, wenn nicht ich?« Sie küsste ihn zum Abschied. »Ich nehme ein anderes Taxi. Es sind ja genug da. Mach dir keine Sorgen.«

»Ich danke dir«, sagte Milo. Dann stieg er rasch in den Fond des quittengelben Buick, denn ein anderes Paar machte bereits Anstalten, auf das Taxi zuzusteuern.

Jim Robinson würde Schwierigkeiten haben zu erklären, weshalb er nur den einen Fahrgast wollte und keinen anderen.

Milo zog die Tür zu, und Jim fuhr sofort an. Zügig löste er sich aus dem Schwarm der haltenden und wieder anfahrenden Taxis.

Milo beugte sich zu der Sprechöffnung vor, die sich in der Mitte der Trennscheibe aus Panzerglas befand.

»Was ist so wichtig, Jim?«

»Tut mir leid, Sir«, sagte der große, breitschultrige Schwarze. »Aber ich denke, ich habe eine Information, die Menschenleben retten könnte.«

»Wie, zum Teufel, hast du mich gefunden?«

»Betriebsgeheimnis.«

Milo sah ihn im Innenspiegel, wie er beim Grinsen die makellosen Zahnreihen entblößte. Robinson war V-Mann des FBI. Schon seit Jahren. Einer der zuverlässigsten. Er besaß eine echte Taxifahrerlizenz. Als mehrfach Vorbestrafter war er in der Unterweltszene bekannt wie ein bunter Hund.

»Komm schon«, drängte der G-Man. »Ich hab's nicht gern, wenn ich nicht sicher sein kann, ob ich einen Fehler gemacht habe!«

»Ist das wahr? Ich denke, ein FBI-Mann hat keine Nerven!«

»Alles Legende«, widersprach Milo. »Also?«

»Ich hab auf der Lauer gelegen, hab Sie beobachtet, wie sie ins Theater gefahren sind. Das ist alles. Die Schlusszeit im > Virginia< kenne ich seit drei Jahren wie jeder Taxifahrer.«

»Okay«, brummte Milo.

Jim Robinson bog nach links ab, in die Tenth Avenue. »Es geht um das >Chez Madame<«, sagte er, während er am Lenkrad kurbelte. »Es gibt da eine undichte Stelle.«

»Woher weißt du das?«

Das Taxi überquerte die 51st Street.

Jim hob die großen Hände und ließ sie klatschend auf das Lenkrad fallen. »Seit wann muss ich meine Informanten preisgeben?«

»Okay, vergiss es. Darf ich wenigstens erfahren, wie die undichte Stelle aussieht? Oder wie sie heißt?«

»Na klar«, antwortete Jim großzügig.

Etwas wie ein Spinnennetz entstand plötzlich in der Windschutzscheibe.

Jims Hinterkopf knallte gegen das Panzerglas.

Um seinen Kopf herum breitete sich Blut nach allen Seiten aus.

Milo war im selben Moment unten, zwischen den Sitzen.

Ein scharfes Prasseln entstand auf der Panzerglasscheibe.

Das Taxi begann zu schlingern.

Milo trug den Smith & Wesson im Inside-Holster, unter dem Hosenbund. Er zog den Dienstrevolver, warf sich auf die rechte Wagenseite und stieß die Tür auf. Er zog die Beine an, spannte die Muskeln.

Und katapultierte sich hinaus.

Auf dem Fahrbahnasphalt überschlug er sich in einer eleganten Rolle.

Er sah die Mündungsblitze aus der Bewegung heraus, in dem Augenblick, als er zwischen zwei parkenden Limousinen hochkam.

Sie feuerten aus dem offenen Heck eines Jeep Grand Cherokee mit zwei schallgedämpften Maschinenpistolen!

Jim Robinsons Taxi säbelte in einen parkenden Pontiac hinein, bohrte sich schräg in die Flanke.

Der Vierradantrieb des Jeep ließ die Reifen wimmern.

Milo feuerte über das Dach des Taxis hinweg. Noch immer schützte ihn das Panzerglas.

Er feuerte in die Mündungsblitze hinein.

Da war die grausame Ahnung, dass es für Jim keine Hilfe mehr gab. Doch der Funke Hoffnung blieb.

Das Kugelprasseln verstummte.

Die beiden Schießer kippten aus dem Heck, als der Jeep sprungartig anfuhr.

Die Bürgersteige zu beiden Seiten waren wie leer gefegt. Mit wummerndem Achtzylinder jagte der Jeep davon.

Milo erreichte die Schießer mit wenigen schnellen Schritten.

Sie hatten ihren heimtückischen Anschlag nicht überlebt.

Milo kickte die MPis außer Reichweite.

»Rufen Sie neun eins eins an!«, rief Milo den Leuten zu, die sich in geringer Entfernung in einen Hauseingang verkrochen hatten.

Dann lief er auf das Taxi zu und öffnete die Fahrertür.

Ihm schnürte es die Kehle zu, als er Jim sah.

Der Kopf des V-Manns war nach vorn auf das Lenkrad gesunken.

Noch im Taxi hatte Milo nur den blutigen Anfang gesehen. Danach hatten die Geschosse der Killer den Kopf Jim Robinsons regelrecht zerschmettert.

Eine undichte Stelle, dachte der G-Man, im >Chez Madame<. Oh, verdammt, verdammt!

 

*

 

Der Typ war aschblond, blass und dünn, und er hatte dunkle Ränder unter den Augen. Seit er sich hingesetzt hatte, starrte er herüber.

»Das darf nicht wahr sein«, flüsterte Joanna, als der Kellner die leeren Teller abgeräumt hatte.

»Von was redest du?«, fragte ich stirnrunzelnd. Ich bemerkte, dass sie sich anstrengte, nicht zur Seite zu blicken.

»Sieh jetzt nicht hin«, antwortete sie leise. »Der Mann gegenüber, der neu an dem Zweiertisch sitzt.«

»Ja?«

»Einer meiner Fälle.«

»Wieso ist er dann hier?«

Joanna flüsterte: »Auf Kaution freigelassen. Er rechnete bereits damit. Ich habe nur nicht vermutet, dass sie ihn schon vor dem Wochenende rauslassen würden.«

»Ich meine, weshalb er hier ist, in diesem Laden.«

»Er muss mich beobachtet haben, wahrscheinlich seit Dienstschluss heute Nachmittag.«

Ich nickte und warf einen unauffälligen Blick zur Tischreihe gegenüber.

Der Blasse hatte die Zahnstocher auf der Tischdecke verteilt und spielte damit Mikado. Er schien uns nicht zu beachten.

»Weshalb wurde er festgenommen?«, fragte ich gedämpft. Ich schenkte Chianti nach.

»Er soll für den Varese-Mob gearbeitet haben, in einer Autoschieberbande. Natürlich war eine direkte Verbindung zu Varese nicht nachzuweisen.«

»Wer hat die Kaution für ihn bezahlt?«

»Sein Rechtsanwalt. Luigi Castelli. Sagt dir der Name etwas?«

»So viel wie ein Buch mit fünfhundert Seiten.« Ich prostete Joanna zu und erklärte es ihr. Castelli war Vareses Consigliere, und gegen Varese, die derzeitige Nummer eins in der New Yorker Mob-Szene, liefen verschiedene Aktionen von FBI und DEA. Zwangsläufig kamen Kollegen in dem einen oder anderen Fall zum Zug, und dann wurde Fußvolk eingebuchtet, dass die Zellen knapp wurden.

Schiebereien mit gestohlenen Luxusautos waren dann ein FBI-Fall, wenn die betreffenden Autos über Grenzen von Bundesstaaten gebracht wurden. Bei solchen Jobs brauchte der Mob eine Menge Handlanger. Die Aufgaben reichten vom Schmierestehen bis zum Umlackieren der geklauten Schlitten.

»Ich verstehe nicht, dass man solche Leute überhaupt erst in Untersuchungshaft steckt«, murmelte Joanna kopfschüttelnd. »Erstens ist er nur ein kleines Licht, wie sich ja durch die Bewilligung der Kaution gezeigt hat. Und zweitens wird durch die Untersuchungshaft bei dem Mann doch nur irreparabler Schaden angerichtet.« Sie setzte ihr Glas ab. »Ich sehe dir an der Nasenspitze an, was du denkst. Psychologengerede, stimmt's? Aber das ist es nicht. Ich habe die Ausbildung in Quantico hinter mir, bin also in der Lage, einen Fall auch durch die Brille der Spezialagentin zu sehen.«

»Und was zeigt dir die Brille?«

»Einen kranken Mann.«

»Was?« Ich war ehrlich erstaunt.

»Er heißt Ferdinand Waller, ist achtundzwanzig Jahre alt und hat sechs Jahre in Gefängnissen zugebracht. Da haben sie ihn zur Schwuchtel gemacht. Er hatte nicht die geringste Chance, sich zur Wehr zu setzen. Heute ist er fix und fertig.«

»Und wie schätzt du ihn ein?«

»Er ist der Typ, der irgendwann durchdrehen könnte. Amoklauf oder so was. Ich hätte mich gern gründlich mit ihm befasst.«

Der Kellner erschien mit Joannas Schwertfisch und meiner Pizza Quattro Stagioni. Als er damit an unseren Tisch trat, geschah etwas, das mich nicht überraschte. Ich hatte die ganze Zeit damit gerechnet, hatte nur nicht gewusst, was es sein würde.

Waller stand auf.

Er nahm den Edelstahlträger mit Öl und Essigfläschchen von seinem Tisch und trug das Ding herüber, als handelte es sich um etwas Kostbares.

Geduldig wartete er, bis der Kellner weg war.

Mit einem linkischen Schritt trat er näher und stellte sein Mitbringsel auf unseren Tisch.

»Hi, Joanna«, nuschelte er. »Freut mich, Sie zu sehen. Ich bestelle keinen Salat. Also können Sie zweimal Öl und Essig haben. Guten Appetit.«

»Hi, Ferd«, erwiderte sie. »Vielen Dank, sehr aufmerksam von Ihnen. Wie geht es Ihnen?«

»Prächtig.« Er bleckte zwei Reihen gelber Pferdezähne. »Wenn ich in Ihrer Nähe bin, geht es mir immer prächtig.«

»Freut mich, Fred.«

Er streifte mich mit einem abweisenden Blick, ehe er sich umdrehte und an seinem Tisch das Zahnstocherspiel fortsetzte.

Ich schaute Joanna an, während ich an der Pizza zu säbeln begann.

»Sorry«, wisperte sie. »Ich wollte dich ihm gerade vorstellen.«

Ich verdrehte die Augen. »Das wäre ja wohl das Minimum an Höflichkeit gewesen«, spottete ich. Dann beugte ich mich mit einem Ruck vor. Zischte: »Hör mal, Joanna, ich will dir nicht in dein Fachgebiet hineinreden. Aber nach meiner Einschätzung ist der Mann das, was du einen Psychopathen nennen würdest. Du begehst einen Fehler, wenn du ihn mit Samthandschuhen anfasst.«

Ihre Augen blitzten. »Okay, ich will nicht abstreiten, dass du die Berufserfahrung hast, die mir fehlt. Aber woher willst du wissen, dass ich einen Fehler mache?«

»Aus genau der Erfahrung.«

»Für Psychopathen gibt es keine Erfahrungswerte. Aber wenn er wirklich einer wäre, würde ich dir vielleicht sogar recht geben.«

Statt einer Antwort blieb mir fast der Bissen im Hals stecken.

Ferdinand Waller stand auf, nahm seinen Stuhl und kam herüber.

»Die Kellner haben verdammt viel zu tun«, sagte er in seinem Nuschelton. »Es dauert wohl noch 'ne Weile, bis ich was bestellen kann. Was dagegen, wenn ich mich solange zu Ihnen setze?«

»Ja.« Joanna sagte es schroff, beinahe energisch.

Ich riss erstaunt die Augenbrauen hoch.

Sanft, aber mit verblüffendem Nachdruck hatte sie Waller mitsamt Stuhl an seinen Tisch zurückgeführt und sich auf den freien Platz ihm gegenüber gesetzt. Ruhig und geduldig hatte sie ihm ein paar grundsätzliche Dinge erklärt, wie ich den Wortfetzen entnehmen konnte. Waller hatte zugehört und dabei sogar aufgehört, mit den Zahnstochern zu spielen. Ja, er hatte ausgesehen wie ein schuldbewusster Schüler, der nach vielen Ermahnungen nun endlich begriffen hatte, dass man die Mitschülerinnen nicht >blöde Nutten< nennen durfte.

Die ganze Aktion dauerte weniger als zwei Minuten.

Joanna kehrte zu ihrem Schwertfisch zurück, und ich machte weiter mit meiner Pizzasäbelei.

Waller spielte Minimikado und linste neiderfüllt herüber.

»Der geht mir gleich an die Gurgel«, prophezeite ich. Flüstern war nicht mehr erforderlich. Ich hatte Joanna in dem allgemeinen Stimmengewirr kaum gehört, als sie drüben am Tisch des Blassen gesessen hatte. Deshalb würde er auch uns nicht hören. Heimlichtuerei dagegen würde ihn nur noch aggressiver machen. Lächelnd fügte ich hinzu: »Oder meinst du, dass er als Opfer seiner persönlichen Lebensumstände eher zu bemitleiden ist?«

»Dein Sarkasmus ist unangebracht«, erwiderte Joanna, ohne dass es vorwurfsvoll klang. »Ich habe ihn nur spüren lassen, dass ich ihn ernst nehme.«

»Okay, einverstanden.«

Schräg gegenüber nahm der Kellner Wallers Bestellung auf.

»Ich habe ihm aber auch gesagt«, fuhr meine Kollegin fort, »dass sein Verhalten aufdringlich und unangenehm ist. Er hat zugegeben, dass er mich beobachtet und verfolgt hat, wie ich vermutete.«

»Und? Hat er so was wie Schuldbewusstsein?«

Waller steckte sich eine Zigarette an.

»Ja, durchaus«, antwortete Joanna. »Er hat sogar an geboten, das Lokal jetzt sofort zu verlassen. Aber ich habe ihm erlaubt zu bleiben.«

»Hast du ihm das auch erlaubt?« Ich veranlasste Joanna mit einem Blick, den Kopf zur Seite zu wenden.

Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne.

Das Stimmengewirr geriet plötzlich ins Stocken. Es war, als würde eine stetig auf den Strand rollende Brandung plötzlich innehalten. Entgeisterte, ja, entsetzte Augenpaare richteten sich von allen Seiten auf den blassen Mann, wie er dasaß und etwas tat, was man in New York City schon lange nicht mehr ungestraft tun durfte.

Die Zigarette klemmte in seinem linken Mundwinkel, und er paffte kleine, graue Wolken, während er mit den Zahnstochern fingerte.

Die Ladys an den Tischen in der Umgebung hüstelten laut und demonstrativ. Die, die ihre Speisekarten noch hatten, benutzten sie heftig wedelnd als Fächer, und es sah aus, als würden sie nur dadurch überhaupt noch Luft zum Atmen bekommen.

Der männliche Teil der Gäste fing an, sich aufzupumpen.

»Hören Sie mal ...«, setzte ein eleganter Grauhaariger am Nachbartisch an. Aber der Lauf der Dinge ließ ihn verstummen, denn im selben Moment war Joanna bereits aufgestanden, und auch der für Wallers Tisch zuständige Kellner eilte herbei. Er trug einen Abfallbehälter aus Messing vor sich her wie ein englischer Butler das Silbertablett mit einem Telegramm der Queen.

Während Joanna energisch auf den Blassen einredete, fragte ich mich, warum ich den Kerl nicht am Kragen packte und hinauswarf.

Okay, ich wollte die Nachwuchskollegin nicht lächerlich machen, wollte ihre fachliche Autorität auf dem Gebiet der Psychologie nicht in Frage stellen.

Doch irgendwann in den nächsten Minuten würde Waller zu hoch pokern. Man brauchte kein Prophet zu sein, um das vorherzusehen.

Allein sein Auftauchen im >Montalba< war schon Provokation pur. Joanna war geneigt, ihm dafür mildernde Umstände zu gewähren. Ich hätte es vorgezogen, ihm einen einfachen, aber fühlbaren Tritt in den Hintern zu verpassen.

Zwischen Joanna und dem Kellner konnte ich Wallers triumphierendes Grinsen sehen. Die Zigarette klemmte jetzt zwischen seinen Zähnen, und er sah damit aus wie ein hungriger Hai beim Erspähen sicherer Beute.

Er nickte ein paarmal, und dann bequemte er sich, eine gnädige Miene aufzusetzen und den Glimmstängel in den Messingbehälter zu werfen.

Aufatmend trabte der Kellner davon. Die Leute beruhigten sich, und mit neuem Gesprächsstoff angereichert, setzte das Stimmengewirr wieder ein. Aufgeregter als zuvor allerdings, denn seit dem Inkrafttreten der New Yorker Anti-Raucher-Gesetze kam es fast einem Kapitalverbrechen gleich, in der Öffentlichkeit eine Zigarette auch nur anzufassen.

Joanna kehrte zurück. Allmählich musste sie die Lust an ihrem Schwertfisch verlieren, doch wie ich feststellte, war ihr Appetit ungebrochen.

»Er hat sich entschuldigt«, beantwortete sie mein Schweigen. »Er sagt, er sei zu lange nicht mehr ausgegangen, um all die neuen Vorschriften zu kennen. Ich habe den Kellner gebeten, von einer Anzeige abzusehen.«

Mir fiel fast die Gabel aus der Hand. »Wie bitte? Ist das dein Ernst?«

»Aber ja.« Sie trank einen Schluck Wein und sägte ein neues Stück vom Schwertfischsteak ab. »Ich tue alles, um die Situation zu entspannen ohne ihn dabei zu provozieren.«

»Joanna«, sagte ich beschwörend. »Ist dir klar, dass jeder andere an seiner Stelle eine Geldstrafe gekriegt hätte? Dieses Restaurant hat keine Raucherzone. Hier ist Rauchen strikt verboten. Das ist Gesetz! Außerdem ist der Kerl nur auf Kaution frei.«

»Aber dies ist doch ein Ausnahmefall.«

»Du meinst, einen potentiellen Amokläufer muss man mit Samthandschuhen anfassen?«

»Wenn du es so simpel ausdrücken möchtest ja.«

Der Abend verlief anders, als wir es geplant hatten. Und vielleicht war es genau das, was Waller bezweckte.

»Okay«, sagte ich rau. »Ich bin nicht gerade ein Vertreter der Holzhammermethode. Aber irgendwo ist eine Grenze. Und Kinder und Psychopathen müssen ihre Grenzen kennen.«

»Was für eine fundamentale Sprechblase!«, entgegnete Joanna sarkastisch. Sie schob den Teller von sich. Der Schwertfisch gefiel ihr nun doch nicht mehr.

Ich schüttelte den Kopf. »So hat es keinen Zweck, Joanna. Ich glaube, wir sind bei unserer Zusammenarbeit von geringfügig falschen Voraussetzungen ausgegangen.«

»Das kann ich unterschreiben«, antwortete sie.

Ich machte mit der Pizza weiter; sie war zu gut, um sie stehen zu lassen. »Wir sind also beide lernfähig«, stellte ich fest.

»Durchaus.«

»Und wir waren auf dem besten Weg, uns wegen eines penetranten kleinen Strolchs in die Haare zu kriegen.«

»Zugegeben.« Joannas Mundwinkel formten ein angedeutetes Lächeln. Sie hielt meinem Blick stand. »Es tut mir leid. Manchmal, wenn man glaubt, alles zu können und alles zu wissen, wird man vor Eifer blind. Ich werde beherzigen, dass die Zusammenarbeit an erster Stelle stehen muss, vor allem, wenn man einen Kollegen zur Seite hat, der über wirkliche Berufserfahrung verfügt und ...«, sie konnte sich einen Augenaufschlag nicht verkneifen, »... der berühmteste G-Man in New York ist.«

Ich sandte einen Blick zu den Fischernetzen unter der Decke. »Gehen wir also davon aus«, sagte ich dann, »dass wir ab sofort absprechen, was zu tun ist.«

Joanna nickte und lächelte.

Bevor sie etwas sagen konnte, war es wieder Waller, der die volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Der Kellner hatte ihm die bestellte Pizza serviert.

»Was?«, fauchte der Blasse, indem er auf den Teller stierte. »Das soll eine Napoletana sein?«

Abermals geriet die Stimmenbrandung ins Stocken.

»Ja, Sir«, antwortete der Kellner. »Das ist eine Pizza Napoletana. Wie Sie bestellt haben.«

»Ist es nicht!«, brüllte Waller ihn an. »Eine Napoletana ist mit Knoblauch! Und die hier hat keinen gottverdammten Knoblauch drauf!«

Der Kellner blieb ruhig. »Sir, bei uns wird die Pizza Napoletana ohne Knoblauch zubereitet. Wenn Sie Knoblauch wünschen, brauchen Sie ihn nur zu bestellen.«

»Warum haben Sie mir das nicht gesagt?« Waller hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Zahnstocher hüpften. »Wie soll ich das denn wissen, wenn Sie's mir nicht sagen, Sie Arschloch!«

Alle Gespräche verstummten schlagartig.

Ich beobachtete, wie der Kellner erbleichte, obwohl ich ihn nur im Halbprofil sah.

»Aber er hat ja recht!«, wisperte Joanna verzweifelt.

»Mag sein«, entgegnete ich. »Er hat bloß nicht das Recht, hier rumzubrüllen.«

»Sir«, sagte der Kellner mit mühsam erzwungener Höflichkeit. »Ich hole Ihnen selbstverständlich sofort Knoblauch ...«

»Willst du mich verarschen?«, schrie Waller. »Den kann ich doch nicht nachträglich drauf tun, Mann! Die Pizza muss mit Knoblauch gebacken werden!«

»Tut mir leid, Sir, aber das geht nun wirklich ...«

»Waaas?« Waller sprang auf. »Du bist nicht bereit, die falsche Pizza zurückgehen zu lassen?«

Ich bemerkte, wie der Blasse eine Zehntelsekunde lang herüberlinste, um Joanna zu sehen.

Ich wechselte einen Blick mit meiner Kollegin. Sie seufzte und nickte.

Du hast ja recht, bedeutet das.

»Nein, Sir«, sagte der Kellner mit zitternder Stimme. »Tut mir leid, aber ...«

Ich legte mein Besteck weg und schob den Stuhl zurück.

Waller kreischte vor Wut. Er riss die Pizza vom Tisch hoch, bereit, sie dem Kellner ins Gesicht zu klatschen.

Der Mann war in seiner Angst erstaunlich reaktionsschnell. Er wich aus, und die Pizza landete auf dem Fußboden.

Waller wollte nachsetzen. Mit einem erneuten Wutschrei ging er auf den zurückweichenden Servierer los.

Waller hatte nicht mitgekriegt, dass ich aufgestanden war.

Mit einem federnden Satz war ich bei ihm.

Und erwischte ihn an der Schulter.

Sein blindwütiger Ansturm wurde damit jäh gestoppt.

Er zuckte zusammen, als ich ihn herumriss.

Die Leute an den Tischen klatschten Beifall. Der Kellner ging dankbar aufatmend auf Abstand.

Wallers Augen flackerten mich an.

Ich las die Heimtücke in der Tiefe seiner Pupillen.

»Jetzt reicht's, Freundchen«, sagte ich ruhig. Eigentlich wollte ich ihm noch erklären, dass er auf direktem Weg wieder in Untersuchungshaft abmarschieren würde.

Doch dazu kam ich nicht.

Etwas blitzte in seiner Hüftgegend.

Ich nahm mir nicht die Zeit, genau herauszufinden, was es war. Mir genügte diese Hundertstelsekunde, in der es aussah wie die Klinge eines Stiletts.

Ich reagierte innerhalb dieser winzigen Zeitspanne und schmetterte ihm meine Handkante auf den Unterarm.

Er heulte und wimmerte.

Der blanke Stahl fiel auf den Teppich.

Gleichzeitig ließ ich Waller los und verpasste ihm eine Gerade, die ihn quer durch den Laden schleuderte.

Nach drei, vier Metern ging er in einen flachen Landeanflug über. Da er kein Fahrwerk unter dem Hintern hatte, schrammte er über den Teppich.

Der Kellner machte einen Hüpfer zur Seite.

In Höhe des nächsten Quergangs kam Waller zur Ruhe.

Es sah aus, als hätte er das Bewusstsein verloren.

Ich wollte mich vergewissern. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich Joanna. Sie war aufgesprungen, riskierte es aber nicht, den Tisch zu verlassen.

»Sir!«, rief der Kellner und trat mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. »Vielen, vielen Dank! Aufrichtigen Dank! Aber bitte lassen Sie es jetzt gut sein! Wir wollen doch nicht noch mehr ...«

»Nein, wollen wir nicht«, unterbrach ich ihn.

Aus Richtung Küche tauchten weitere Kellner auf. Eine Tür mit der Aufschrift STAFF ONLY schwang auf, und ein Mann in elegantem dunkelblauem Anzug erschien.

In dem Augenblick, in dem ich den Kellner zur Seite schieben wollte, geschah es.

Waller sprang auf.

Ich musste Kraft aufwenden, um mir den Weg freizumachen.

Waller war das reinste Wiesel, wie er haargenau diese Sekunde nutzte, um aufzuspringen und davonzuflitzen.

Als ich endlich die Verfolgung aufnehmen konnte, hatte der Blasse schon den Ausgang erreicht. Er rannte an der Schlange der Wartenden entlang.

Einen Atemzug lang befürchtete ich, er würde eine Geisel nehmen.

Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, war Waller schon draußen.

Rechts von mir erblickte ich Joanna. Sie sprintete durch den Gang zwischen zwei anderen Tischreihen. Und gemeinsam erreichten wir den Ausgang. Wir liefen hinaus in die warme Abendluft und spähten nach beiden Seiten.

Der Bürgersteig war so belebt, wie er es an einem Freitagabend nach Schluss der Vorstellungen nur sein konnte. Die Menschenmassen schoben sich vorbei an Hauseingängen, Hotelportalen, Restaurants, Parkplätzen und Tiefgaragen. Unmöglich, einen Fliehenden hier aufzuspüren.

Joanna wandte sich mir zu.

»Fahndung?«, fragte sie resignierend. Sie hatte das Handy bereits vom Rockbund gelöst. Den Smith & Wesson trug sie in einem Schulterholster; die Kostümjacke war weit genug geschnitten, um die Waffe nicht auffallen zu lassen.

Während Joanna die Nachtbereitschaft im FBI-Distriktgebäude anrief, ging ich hinein, um das Beweisstück zu sichern.

Es lag noch auf dem Teppich, wo Waller es verloren hatte.

Und tatsächlich war es ein Stilett.

Ich nahm meine noch unbenutzte Serviette vom Tisch, hob das Messer damit auf und wickelte es darin ein. Joanna und ich zeigten dem Geschäftsführer und den Kellnern unsere Dienstausweise und erklärten, was Sache war. Dann setzten wir uns wieder. Wenigstens den Chianti wollten wir nicht umkommen lassen.

 

2

Sie hatte ihn von ihren beiden Assistentinnen aufs Rad flechten lassen. Jetzt war Anthony Varese zwar nicht auf die Weise in das mannshohe Wagenrad gezwängt, wie es brutale Henkersknechte im mittelalterlichen Europa mit zum Tode Verurteilten getan hatten, aber bewegen konnte er sich auch nicht. Die Fesseln aus Hanfstricken ließen ihm keinen Millimeter.

Er war ganz in schwarzes Gummi gehüllt, bis auf ein paar herausragende Körperteile.

Und Madame LaRussia, seine Herrin, war bereit, ihn spüren zu lassen, was für ein erbärmlicher, nichtswürdiger Sklave er doch war.

Er würde so elendiglich erniedrigt werden, wie er es sich wünschte.

Spezialagentin Josy O'Leary vom FBI-Distrikt New York hatte die Vorbereitung der Prozedur von Anfang an beobachtet.

Allerdings wusste niemand im >Chez Madame< von ihrer Anwesenheit. Niemand außer Madame selbst, natürlich.

Josy hatte es sich in dem Nebenraum gemütlich gemacht. Mit Kaffee und Sandwiches ausgestattet, würde sie die nächsten beiden Stunden gut durchstehen. So lange dauerte Vareses Spezialbehandlung im Durchschnitt.

Die Hälfte der einen Wand war ein Fenster, durch das Josy das gesamte Studio wie Madame es nannte überblicken konnte. Drüben war das Fenster ein Spiegel, genau wie in den Doppelräumen bei der City Police oder beim FBI, wo Gegenüberstellungen von Zeugen und möglichen Tätern stattfanden. Hier jedoch, im >Chez Madame<, diente das Spiegelfenster einzig der Ausbildung des Domina-Nachwuchses.

Für Josy war es der letzte Vorbereitungsabend.

Die zwei Stunden bis gegen ein Uhr nachts waren Josys letzte Gelegenheit, gründliche Studien für ihren Undercover-Einsatz zu betreiben.

Anschließend musste sie fit sein für ihre Auftritte als >Die Hexe von Dartmoor<, mit bürgerlichem Namen Laura Farrell. Ihre Legende stand, einschließlich eines englischen Akzents, den sie sich angewöhnt hatte. Laura Farrell war eine Prostituierte der allerhöchsten Preisklasse, die in London wirklich existierte und unter diesem Namen auch eine Wohnung hatte.

Die Kollegen von New Scotland Yard hatten dafür gesorgt, dass die echte Laura Farrell für eine Weile in der Versenkung verschwand. Als künftige Zeugin gegen eine Zuhälterbande, die die Scotland-Yard-Beamten noch ausheben wollten, wurde Laura rund um die Uhr in einem einsamen Cottage in Staffordshire bewacht.

Frozzel, der Maskenbildner des New Yorker FBI, hatte Josy für den Undercover-Job mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln vorbereitet. Ihr schulterlanges Haar war jetzt jettschwarz wie das einer Indianerin. Meist trug sie es hochgesteckt, im Einsatz als Domina jedoch würde sie es offen tragen.

Zusätzlich trug sie getönte Kontaktlinsen, die ihre blauen Augen dunkelbraun bis schwarz aussehen ließen.

Ihr Make-up und ihre >Berufskleidung< würde Josy jeden Tag neu aussuchen.

Madame LaRussia hatte sie bereits angekündigt.

Anthony Varese war ihr bester Kunde, und deshalb hatte er auch als Erster und bisher einziger erfahren, dass ein neuer Star aus der Domina-Szene für das >Chez Madame< verpflichtet werden konnte die >Hexe von Dartmoor< nämlich, die schon in wenigen Tagen mit ihrer Gehilfin eintreffen würde.

Varese fieberte diesem Tag bereits entgegen.

Josy wusste es von Madame LaRussia.

Deren bürgerlicher Name lautete Mary Robson, doch niemand in ihrem Milieu kannte sie unter diesem Namen.

Beim FBI war das anders. Es gab eine Akte über Mary Robson. In Kansas City hatte sie vor zehn Jahren ein Bordell betrieben und war in einen großangelegten Rauschgifthandel verwickelt gewesen. Als Zeugin des FBI hatte sie ein paar der verantwortlichen Dealer ans Messer geliefert, und das FBI-Office in Kansas City hatte ihr geholfen, heimlich, still und leise nach New York zu verschwinden.

Vor zwei Jahren war einer der Dealer von damals vorzeitig entlassen worden. Seine Beschattung hatte ergeben, dass er Mary Robson in New York aufzuspüren hoffte.

Josy O'Leary hatte den Dealer rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen, indem sie ihn bei einem neuen Drogenhandel ertappte. Seitdem schuldete Mary ihr noch einen Gefallen.

Und Mary Robson alias Madame LaRussia war eine zutiefst dankbare Person.

Die sadomasochistischen Neigungen Anthony Vareses waren in der Unterweltszene kein Geheimnis.

Madame LaRussia hatte ihr Etablissement >Chez Madame < an der Eighth Avenue nach und nach zur Nummer eins in der Sado-Maso-Branche gemacht, und so war es eine fast zwangsläufige Folge gewesen, dass Varese ihr Stammkunde wurde.

Josy O'Learys Aufgabe als >Hexe von Dartmoor< würde es sein, dem Mob-Boss geheime Informationen zu entlocken.

Ihre Gehilfin würde dabei fundierte Kenntnisse auf dem Gebiet der Gesichtsdeutung und der Körpersprache beitragen.

Varese würde keine Chance haben, auch nur eine Notlüge vorzubringen. Die Gehilfin der >Hexe von Dartmoor< würde ihn in jedem Fall bis auf die Knochen durchschauen.

Josy hatte die neue Kollegin bereits kennengelernt, und sie verstanden sich blendend. Bei dem heiklen Einsatz kam es vor allem auf Zuverlässigkeit an. Und Spezialagentin Joanna Devally war nach ihrer Beurteilung aus Quantico zu schließen wirklich eine top zuverlässige Frau.

Die Prozedur begann. Mit tiefen Verbeugungen zogen sich die beiden Assistentinnen zur Wand neben dem Spiegelfenster zurück, als Madame LaRussia aus ihrer Garderobe zurückkehrte. Sie hatte sich so gekleidet, wie Anthony Varese es besonders schätzte.

Madame LaRussia trug schwarze Breecheshosen und schwarze Lederstiefel, die eng um ihre Waden schlossen. Über ihrem nackten Oberkörper kreuzten sich schwarze Ledergurte, aus denen ihre großen Brüste straff hervorragten.

Über ihrem strengen Haarknoten hatte Madame LaRussia gekonnt eine schwarze Offiziersmütze platziert. Mit der Reitpeitsche in ihrer Rechten klatschte sie fortwährend gegen den Stiefelschaft.

Die Beobachterin stülpte den Kopfhörer über und schaltete die Tonübertragung ein. Nebenan gab es ein halbes Dutzend verborgene Mikrofone.

Madame LaRussia trat auf den Gefesselten zu und zog den Reißverschluss auf, der seinen Mund verdeckte.

»Du redest nur, wenn du gefragt wirst!«, bellte sie ihn an. »Hast du mich verstanden? Antworte!«

»Ja«, krächzte er.

Sie zog ihm die Reitpeitsche über die Oberschenkel.

»Wir antworten in ganzen Sätzen!«

»Ja, ich habe dich verstanden.«

»Und wie redest du mich an?«

»Mit >Herrin<.«

»Na also, wir wissen's doch!«, höhnte sie und trat einen Schritt zurück. »Und dann wollen wir's auch nicht wieder vergessen. Denn sonst müsste ich dich unverschämten Wicht ja bestrafen. Und das willst du doch nicht, oder?«

»Nein, Herrin!«, wimmerte er.

»So hört es sich gut an!«, freute sie sich und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Sag hast du Angst vor mir?«

»Ja, Herrin.«

»Weißt du, warum wir dich aufs Rad geflochten haben?«

»Nein, Herrin.« Sein Wimmern verstärkte sich.

»Soll ich es dir sagen? Möchtest du es wissen?«

»Ja, Herrin.«

»Nun gut.« Sie reckte die Peitsche vor. Mit der Lederzunge an der Spitze tätschelte sie seinen empfindlichsten Körperteil, der ihr ohne jeden Schutz preisgegeben war.

»Du hast in den letzten Tagen viel Böses getan«, sagte sie. »Und dafür müssen wir dich bestrafen. Das siehst du doch ein, nicht wahr?«

»Ja, Herrin.«

»Sprich lauter!«, schrie sie wütend. »Ich kann dich so schlecht verstehen.«

»Ja, Herrin!«, heulte er.

»Na, das hört sich doch schon anders an!« Ihre Stimme triefte vor Hohn. »Weißt du, was man mit Menschen trieb, die aufs Rad geflochten wurden?«

»Nein, Herrin.«

»Man hat ihnen die Knochen gebrochen, indem man mit Eisenstangen auf sie einschlug.« Sie vollführte eine ausladende Handbewegung. »Tja, und alles, was wir an Ausrüstung und Werkzeug brauchen, haben wir ja da in unserer netten kleinen Folterkammer!« Beide Hände wieder in den Hüften, beugte sie sich vor und schrie: »Na, wie gefällt dir das?«

»Gar nicht, Herrin!«

»Ach nein? So ein Jammerlappen bist du?«

»Ja, Herrin.«

»Ich werd verrückt! Und dann soll ich dich der >Hexe von Dartmoor< empfehlen? Die lacht sich doch tot über einen wie dich!«

»Nein!«, rief er. »Ich will sie kennenlernen! Ich muss sie kennenlernen!«

Madame LaRussia war mit einem schnellen Schritt bei ihm und zog ihm die Peitsche kreuz und quer über den gummiummantelten Oberkörper. Die Schläge klatschten hell und scharf.

»Du unverschämter Lümmel!«, schrie sie. »Was habe ich gesagt?« Wieder und wieder schlug sie zu. »Du redest nur, wenn du gefragt wirst!«

»Ja, Herrin!« Varese schluchzte vor Schmerz und Reue.

»Ich warne dich!«, sagte die Domina schneidend. »Strapaziere nur nicht meine Geduld! Wenn du dich noch mal so schlecht benimmst, muss ich das Strafmaß erhöhen.« Sie zeigte auf die Wandhalterungen, in denen die Folterwerkzeuge steckten. Neunschwänzige Katze, Morgenstern, Daumenschrauben, Dornenkrone und Knochenbrecher waren nur ein Teil des umfangreichen Arsenals an einschlägigen Waffen und Geräten. »Und dann«, fuhr Madame LaRussia drohend fort, »wird es schmerzhaft, mein Lieber! Sehr schmerzhaft!«

Varese kreischte entsetzt unter der Gummimaske. Der Reißverschlussmund verlieh der schwarzen Gummigestalt ein Dauergrinsen. Die weit aufgerissenen Augen und die Metallzähne des Reißverschlusses waren das Einzige, was er zu bewegen vermochte.

»Ich will nie wieder ungehorsam sein!«, jammerte er.

»Na, das hört sich ja schon sehr gut an«, sagte Madame LaRussia scheinbar verständnisvoll. »Trotzdem wirst du um einen kleinen Vorgeschmack nicht herumkommen.« Sie steckte die Peitsche in eine freie Halterung und nahm die Neunschwänzige heraus.

Sie schüttelte das Bündel der Lederriemen an dem kurzen Stock, während sie auf ihren Kunden zutrat.

Seine Augen schienen hervorquellen zu wollen.

»Was meinst du wohl ...?«, gurrte sie und umwedelte sein entblößtes Glied mit den Lederriemen. »Wenn ich damit mal richtig zuschlage, wirst du nie wieder eine von deinen Schlampen beglücken. Wirst du immer daran denken?«

»Ja, Herrin!«, keuchte er.

»Hoffentlich«, knurrte sie. Sie straffte ihre Haltung. »Nun, damit du siehst, welche Vergünstigungen du als folgsamer Sklave haben wirst, vermittle ich dir jetzt eine kleine Vorfreude auf die >Hexe von Dartmoor<.«

Varese konnte einen Freudenjauchzer nicht unterdrücken.

»Sie ist bereits in New York«, erklärte Madame LaRussia. »Ich werde versuchen, eine Telefonverbindung herzustellen, damit sie ein paar Worte an dich richtet.« Sie wandte sich einem weißen Telefon zu, das auf einem Säulenpodest stand.

»Kann ich nicht mir ihr sprechen?«

Madame LaRussia fuhr herum. »Was war denn das?«, fauchte sie. »Willst du die Neunschwänzige spüren? Willst du das?«

»Nein, Herrin!«, schrie er mit sich überschlagender Stimme. »Nein, Herrin!«

»Dann reiß dich zusammen«, grollte sie und schüttelte unheilvoll das Marterinstrument in seine Richtung. Sie nahm den Hörer ab und wählte eine siebenstellige Nummer. Dass der Apparat kein Freizeichen von sich gab, konnte Varese nicht mitkriegen.

Im Nebenraum schaltete Josy O'Leary die Sprechanlage ein und hob das Mikro.

»Hallo?«, rief Madame LaRussia. »Hallo, ist da jemand?«

»Ja, hallo«, antwortete Josy, indem sie die Vokale oxfordmäßig näselte.

»Spreche ich mit der >Hexe von Dartmoor<?« Madame LaRussia hörte sich an, als könnte sie sich vor Spannung kaum noch beherrschen.

»Ja, am Apparat.«

»Oh, wie ich mich freue!«, jubelte die Bordellbesitzerin und nannte ihren Künstlernamen.

»Ah, verehrte Kollegin! Wie geht es Ihnen?«

»Wunderbar! Ich habe gerade den besten und wichtigsten Kunden unseres Hauses hier. Sind Sie einverstanden, wenn ich den Telefonlautsprecher einschalte?«

»Aber ja.«

»Und würden Sie ein paar Worte an unseren Freund richten. Er ist ein erbärmlicher Wicht. Der Sabber rinnt ihm aus dem Mund, so sehr freut er sich darauf, von Ihnen erniedrigt zu werden.« Madame LaRussia machte eine Handbewegung neben dem weißen Telefon.

Josy wusste, dass sie nun in der Folterkammer über einen Lautsprecher zu hören war.

»Es ist immer wieder erstaunlich«, näselte Josy. »Ich meine, die Leute wissen überhaupt nicht, was auf sie zukommt, und trotzdem freuen sie sich auf mich.«

»Nun, das hat ja auch seinen besonderen Grund, verehrte Hexe. Wollen Sie es meinem Sklaven erklären?«

»Selbstverständlich gern.« Josy sprach etwas lauter. »Kannst du mich hören, Erbarmenswerter?«

»Wie rede ich sie denn an?«, wisperte Varese der Domina hastig zu.

»Genau wie mich, du Trottel.«

»Ja, Herrin!«, rief Varese prompt, und dabei richtete er die Augen und den Reißverschlussmund auf einen nicht definierbaren Punkt in der oberen Hälfte des Raums.

»Wie ich von Madame LaRussia vernommen habe«, fuhr Josy mit perfektem englischem Akzent fort, »bist du richtig scharf darauf, mich kennenzulernen. Stimmt das?«

»Ja, Herrin! O ja, Herrin!«

»Und was versprichst du dir von mir?«

»Die Hölle auf Erden, Herrin.« Vareses Stimme vibrierte vor Aufregung. »Die schlimmste vorstellbare Hölle!«

»Nun gut, dann werde ich mich bemühen, dich nicht zu enttäuschen. Vorweg verrate ich dir nur so viel: Mein geheimes Wissen wurde ausschließlich mündlich überliefert, und es stammt nachweislich von meiner Vorfahrin Theobalda Bristow, die im Jahr 1123 in der Einsamkeit von Dartmoor lebte und 1185 im Hof der Burg Baskerville auf den Scheiterhaufen geführt wurde. Doch bevor meine Urahnin Theobalda den Flammentod starb, gab sie ihr Geheimwissen weiter an ihre Tochter Edwiga. Auch Edwiga wurde eine gefürchtete Hexe ...« Josy räusperte sich. »Nun, ich werde dich nicht mit meiner Familiengeschichte langweilen. Bald wirst du am eigenen Leib erfahren, was Generationen von gierigen und besessenen Männern schon in finsterster Vergangenheit unter Hexenhand erduldeten. Und du wirst spüren, weshalb diese Männer nachdem sie der Hexe mit Haut und Haaren verfallen waren zu ihrer Erlösung nur noch eine einzige Möglichkeit hatten: Sie mussten sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Doch diese Männer ahnten nicht, dass die geheimen Kräfte der Hexen niemals zerstört werden konnten. Und weil es heute keine Scheiterhaufen mehr gibt, sind wir Hexen stärker denn je. Unter meinen Händen, Sklave, wirst du die schaurigsten Schmerzen und Lüste der Hölle erleben! Du wirst zu spüren bekommen, was Hexenkunst vermag. Das verspreche ich dir. Freust du dich darauf?«

»Ja, Herrin.« Varese wagte nicht mehr als ein Flüstern.

»Nun, dann werden wir sicher schon bald qualvolle Stunden miteinander verbringen. Qualvoll für dich!« Josy lachte und ließ es so bösartig wie möglich klingen. Dann sagte sie in geschäftsmäßigem Ton: »Madame LaRussia?«

»Ja, verehrte Hexe?«

»Wir sehen uns zum vereinbarten Termin, nicht wahr?«

»Aber natürlich. Lassen Sie es sich gutgehen, und verhexen Sie bis dahin nicht zu viele New Yorker.«

»Ich werde mir selbst auf die Finger klopfen«, kicherte Josy. Dann schaltete sie die Sprechanlage aus.

Madame LaRussia legte den weißen Telefonhörer auf die Gabel und wandte sich dem aufs Rad geflochtenen Mafia-Oberhaupt zu.

Josy O'Leary beobachtete die nun folgende Prozedur mit jener Mischung aus Staunen, Unbehagen und Fassungslosigkeit, die sie von Anfang an empfunden hatte und wohl nie würde abschütteln können.

Sie hatte eine Menge Fachbücher über Sadomasochismus gelesen, und auch im Gespräch mit Joanna Devally hatte sich bestätigt, was Psychologen herauszufinden geglaubt hatten. Dass es nämlich eine wachsende Zahl von Männer gibt, die ihre sexuelle Erfüllung nur noch fanden, wenn eine Domina sie erniedrigte, verhöhnte und demütigte, wenn sie sie quälte und ihnen Schmerzen zufügte. Erstaunlich war auch, dass die Kunden der Dominas in zunehmendem Maße aus gehobenen Kreisen kamen, dass sie das waren, was man in der Wirtschaft heutzutage Entscheidungsträger nannte.

All right, Varese war ebenfalls ein Entscheidungsträger, wenn auch in der illegalen Form des Geschäftslebens.

Madame LaRussia bearbeitete ihn nach allen Regeln der Sadomaso-Kunst.

Josy O'Leary musste sich zwingen, hinzusehen. Mehr als einmal hatte sie das sichere Gefühl, dass ihr schlecht werden würde. Aber sie bezwang das Würgen in der Kehle. Immerhin würde sie schon in allerkürzester Zeit Madame LaRussias Stelle einnehmen.

Und dann durfte ihr Varese auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Amateurin war.

Das Neue an der Behandlung würde ihn allerdings vorerst ablenken. Er würde sicherlich gar nicht auf die Idee kommen, näher auf die Person zu achten, die all die unglaublichen Hexentricks anwendete.

Eines fragte sich indessen jeder beim FBI:

Hatte bislang keiner der maßgeblichen Männer im Varese-Mob darüber nachgedacht, dass die heimliche Neigung ihres Oberhaupts ein Risiko darstellte?

 

*

 

Der Fahrstuhl war innen mit Messingblech verkleidet. Der reinste Goldkäfig, mit Knöpfen aus Hartholz und Digital-Displays in warmen Grüntönen. Joanna hatte sich oftmals gefragt, warum Luxus und Elend, Wohlstand und Armut in den Großstädten dieser Welt so nahe beieinander lagen.

In den finsteren Ecken und Winkeln der Straßen kauerten Menschen, die kein Dach über dem Kopf hatten. Joanna hatte sie gesehen, ein paar von ihnen, während der Taxifahrt mit Jesse. In den warmen Nächten des Sommers ging es den Bedauernswerten ja vergleichsweise gut, doch jeder Winter war für sie die reinste Katastrophe.

Details

Seiten
141
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933345
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504488
Schlagworte
jesse trevellian domina

Autor

Zurück

Titel: Jesse Trevellian und die Domina