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Die Frau von Hawaii

2019 246 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Frau von Hawaii

Copyright

Diamond-Head

Glückliche Nacht

Träumerei auf Hawaii

Rückblick zum fluchenden Joe

Weltwanderer

Der Klub der freien Leichenbestatter

Der Pater Niederhuber

Am Goldfischweiher

„Bub, da hast du Glück gehabt“

Der Mann

Nächte, die unvergesslich sind

Die Frau mit der Löwenstirn

Gesichter

Das Pestzelt

Licht der guten alten Zeit

Der zweite Tag

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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21

Schlau wie die Wahnsinnigen

Verworrene Fäden

Tor der Freiheit

Die Frau von Hawaii

Roman von Ernst F. Löhndorff

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 246 Taschenbuchseiten.

 

Auf Honolulu wird ein junger Mann mittellos nach einem schweren Fieber aus dem Krankenhaus entlassen. Weil er gezwungen ist, jede Arbeit anzunehmen, lässt er sich auf ein dubioses Unternehmen ein ohne Einzelheiten zu erfragen. Als er dann herausfindet, dass er mit einen anderen Mann dessen Ehefrau aus der Lepra-Kolonie der Insel Molokai entführen soll, ist es schon zu spät, um wegzulaufen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach Motiven von pixabay und Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Diamond-Head

Knirschend entfernten sich die Schritte des Mannes, der mich um Feuer gebeten hatte. Ich war wieder allein. Diamond-Head flimmerte im Glast der Tropensonne. Über den gepflegten roten Kiespfaden tankte die Hitze wie auf und nieder gaukelnde, violette Feuerpünktchen. Wenn das unter Dünsten schwimmende Meer einen Luftzug herüber sandte – matt und kurz wie der Seufzer eines Schwerkranken – dann gerieten die Hitzeschwaden in träge Bewegung, und es sah aus, als ob die Kronen der Kokospalmen sich einander näherten, miteinander verschmolzen und nachher wieder langsam und schemenhaft auseinander flossen. Die zum Teil in phantastischen Baustilen gebauten Millionärsvillen aber bildeten schmerzhaft weiße, formlose Kleckse.

In Reihen geordnet standen die großen Glasbehälter der Freiluftaquarien unter dem Himmel, der eine tiefe, blass-türkisfarbene, vom Sonnenlicht wahllos mit Goldstücken bedeckte Glocke bildete. Ferne Meeresbrandung ertönte wie gedämpftes tiefes Singen. Die am Strande emporleckenden Wellen fielen mit seidigem Rascheln in sich zusammen.

Wenn ich die roten, sorgfältig geharkten Kiespfade entlang blickte, so dünkten sie mich „träumende Pfade“ zu sein. Wege und Straßen, die einen Menschen, der nicht alles mit nüchterner Berechnung anzusehen pflegt, in weite, herrliche Tropenfernen zu entführen versprachen. Dort hinten, in der unbekannten blauenden Weite, warteten seltsame Begebenheiten in geheimnisvoller Verborgenheit.

In Wirklichkeit waren diese roten Kiespfade von prosaischer Kürze und endeten in einer Querreihe schlanker Kokospalmen, die in den seufzenden Atemzügen der Seebrise kaum sichtbar zitterten. Die mit rot glitzerndem Kies bestreuten Pfade waren sehr schmal. Grell flammende Hibiskusgruppen und kleine Haine beklemmend duftender Ylang-Ylangs verschönerten die großen Aquarien mit den blitzenden Glasscheiben. Hinter diesen wogte und pulsierte das märchenhafte Kleinleben des Ozeans: bunte Anemonen und Seerosen, zackige Seesterne, Korallenstöcke, die Blumenbüschen oder Frostgebilden täuschend gleichsahen, possierliche Krebse und die wahrhaft phantastisch bunte Fischwelt der Riffe.

Mit einigen Krümeln Prince-Albert-Tabak, die sich noch in der Tasche meiner Leinenjacke fanden, stopfte ich die Pfeife und setzte sie in Brand. Nur der rechte Tabakraucher kann ermessen, mit welchem Gefühl ich den aromatischen Dampf einsog und wieder ausblies – wenn er sich vor Augen hält, dass es der Rest meines Tabaks war, und dass ich, aus dem Hospital entlassen, keinen einzigen Cent mehr besaß.

Ich ließ mich auf einer bequemen Bank nieder, gegenüber einem großen Aquarium, das Seepferdchen enthielt. Schon immer haben mich diese Tierchen angezogen, und diesmal handelte es sich um die seltsame Abart, die man Fetzentierchen nennt. Mit vielen flatternden Hautgirlanden gleichsam wie mit knorrigen Ästchen behängt, an denen die Fäden des Altweibersommers baumeln – so tummelten sie sich in ihren geräumigen, mit schattigen Grotten versehenen Behältern. So schwenkten und taumelten diese grotesken Geschöpfe zwischen leuchtend bunten Algen und mit langen Spiralarmen um sich greifenden Tangpflanzen umher. Bald blass und gespensterhaft im Dämmerschatten schneeiger Korallenhöhlen, bald scharf umrandet, wie von kräftigem Pinsel gemalt, im sonnenschimmernden, regenbogenfarbig aufleuchtenden Wasser.

 

 

Glückliche Nacht

Ich war müde vom langen Umherlaufen in der Sonne und in den von peitschendem Lärm erfüllten, menschenwimmelnden Straßen und Gassen Honolulus. Das planlose Hinausstarren auf den bezaubernd schönen Glanz des Meeres hatte mich schwindlig gemacht. Eigentlich hätte ich auch Hunger verspüren müssen, denn seit meiner am gestrigen Abend erfolgten Entlassung aus dem Hospital war keine feste Nahrung über meine Lippen gekommen. Ich hatte die Nacht in einem offenen Pavillon im wundervollen Garten des reichsten Millionärs von Honolulu, Mr. Walther Hunter, zugebracht.

Gestern war ich langsam von der Stadt nach Diamond-Head hinausgewandert. Es war eine laue, sternfunkelnde, vom fernen Orgelklang des Ozeans erfüllte Nacht, die mich mit tiefer stiller Glückseligkeit erfüllte. Neidlos betrachtete ich die hellerleuchtete Straßenbahn, die verspätete Kinobesucher, alte Väter und junge Mütter, Offiziere und Chinesen an mir vorbei aus der Stadt brachte, während ich gehen musste. Und froh hatte ich aus den Landhäusern die neuesten Radiotanzschlager schrillen oder quäkendes Grammophongedudel vor den Hütten der Halbblütigen dröhnen hören. Verandalampen bildeten perlmuttschillernde Monde vor dem Hintergrund dunkler Büsche. Einmal hörte ich das zu melancholischer Klage anschwellende, dreistimmige Jodeln hawaiischer Sänger.

Eine Gruppe Wellenreiter saß in Badehosen wie „zum Leben erweckte Bronzestatuen“ in halb zerbrochenen knarrenden Schaukelstühlen auf der Veranda eines windschiefen Holzhäuschens. Sie unterhielten sich laut über die Eroberungen, die sie am gleichen Tage am Badestrand von Waikiki Beach unter den mit krankhafter Hast nach Erregungen suchenden, nichtstuerischen Amerikanerinnen der Luxushotels gemacht hatten.

Und ich war weiter gegangen – selbst Schatten unter anderen Schatten, die von zitternden Palmenwedeln gleich raschelnden Scherenschnitten über die weiße Straße gelegt wurden. In der netten, sich der Landschaft anschmiegenden „Waikiki Tavern and Inn“, die aus zwei Hauptgebäuden besteht, war noch alles erleuchtet. Palmen neigten sich über die wohltuend niederen Häuser. Eine Reihe Autos stand geparkt, teils leer, teils mit zärtlichen Pärchen besetzt, die im weichen Sternenschimmer aus silbernen Hüftflaschen schottischen Whisky tranken und so einer amerikanischen, fast immer harmlos bleibenden Abart des Flirts huldigten.

Wenige Meter vor der Häuserfront glitten die weiß züngelnden Wellen des Ozeans den Sand empor, Wellen, die bei scharfer Brise ihren Schaum bis gegen die Fenster des ersten Stockes dieses angenehmen, dafür bekannten Hotels schleuderten – jetzt waren sie sanft und flüsternd wie kleine Kätzchen.

Ich ging weiter und war nach zufriedener, eigentlich plan- und zielloser Wanderung durch die köstliche Nacht in den schönen Garten des Hunterhauses eingedrungen. Auf dem Rasen vor dem Hause gab die magere, schwarzhaarige, aber von meinem Lauscherposten sehr hübsch wirkende Mrs. Hunter eine ihrer intimen kleinen Evening-Partys.

Durch die Büsche spähend, konnte ich alles gut sehen, und es befiel mich kein Neid beim Anblick der lustigen bunten Kerzen und des wunderschön geschmückten Tisches, an welchem die liebenswürdige Gastgeberin köstliche Dinge servieren ließ.

Ein stilles Glück erfüllte mich.

„Esst nur und lasst’s euch schmecken!“, murmelte ich fröhlich und bewunderte ein bildhübsches blondes junges Mädchen, das in seinem bequemen Stuhl zusammengesunken hockte. Vielleicht war meine Stimme zu laut gewesen, denn ein kleiner Rauhaarterrier, der plötzlich unter Mrs. Hunters Stuhl hervorschoss, lief laut kläffend auf die Büsche zu, hinter denen ich steckte.

Der japanische Diener, der bei Tische bediente, erhielt einen halblauten Befehl von seiner Herrin und begann gleich darauf zu locken: „Nushi! – Oh, Nushi, komm zurück! Nushi!“

Das Hündchen Nushi war unterdessen laut kläffend ins Gebüsch gedrungen und hatte mich entdeckt. Es stieß ein solches Gejaule aus, dass jemand am Tische rief: „So hat das Hündchen ja noch nie gebellt! – Sollte jemand in den Park eingedrungen sein?“

Zu meinem Glück schien Nushi auf einmal zu merken, dass ich Hunde liebe, denn Nushi schwieg wieder; und auf mein leises Locken kam er mit wedelndem Schwanzstummel heran und schob dann, glücklich winselnd, seine kalte Schnauze in meine Handfläche. Ich kraulte ihm mit der Linken hinter dem Ohre, und er stieß selige Knurrtöne aus. Da rief ihn die Stimme der Herrin. Ernst und bedauernd schaute mich Nushi an, sein Stummel wackelte hin und her, und als Mrs. Hunter nochmals lockte, da leckte er mir abschiednehmend die Hand und trottete langsam zurück.

Vorsichtig wanderte ich durch den Garten, schlug mich durch flüsternde, mich mit Duftwogen umhalsende Büsche und fand endlich den kleinen, von Crimson Rambler bewachsenen römischen Marmorpavillon mit dem Blick aufs Meer.

Ein runder Goldfischweiher lag gewissermaßen vor der Tür, und es schwammen fette gleißende Burschen in dem von Seerosen durchwucherten Wasser. Sekundenlang überlegte ich, ob diese Flossenträger, an einem von Blättern befreiten Palmenwedel aufgespießt und über langsamem Feuer geröstet, prächtig schmecken würden!

Aber ich verspürte noch keinen Hunger, die Mahlzeit im Hospital war gut und reichlich gewesen.

„Freut euch des Lebens!“, trällerte ich und gab dem großen über und über patinierten Konfutse, der neben dem Pavillon ernst und langbärtig auf dem Rasen hockte, einen kameradschaftlichen Klaps auf die hohe Stirn. Und wieder musste ich an Mrs. Hunter denken, denn dieser italienische Marmorbau und die uralte Bronzefigur des weisen Chinesen stießen sich nicht aneinander, sondern es war, als müssten sie so beisammen sein.

Aber vielleicht, sagte ich mir dann, während ich die Treppen emporstieg, gehört Mrs. Hunter zu den Leuten, die einem „Dekorateur“ den Auftrag geben: „Machen Sie es hübsch und geschmackvoll, Geld spielt keine Rolle!“

Doch nun entdeckte ich eine gepolsterte Ruhebank, ein aufgeschlagenes Buch, eine halbe Flasche Whisky nebst Glas und ein Sandelholzkästchen, in dem noch drei Zigaretten lagen. Ich ließ mich auf die weiche Bank niedersinken und stopfte die erste Zigarette in meine Pfeife, zündete an, sog genießerisch den Rauch ein, goss das Glas voll, nippte daran und beschaute das Buch. Das Licht der Tropensterne war hell genug, um den Titel erkennen zu lassen: „The Garden of Allah“ von Robert Hitchens.

Allahs Garten! – Das Buch kannte und liebte ich. Aber hier? Nein, nicht jetzt, um Gottes Willen! In die weiche Traumnacht Hawaiis passt kein Buch aus Nordafrikas Wüste, wenigstens für mich nicht. Denn wenn ich darin läse, so würde sofort die stille, glückselige Wunschlosigkeit von mir weichen und meine Unruhe in mir zurückrufen: Das Schicksal des immer suchenden Weltwanderers. Ich würde sofort Sehnsucht nach Afrika empfinden und unglücklich sein. Oh, ich kannte mich! War ich in Afrika, haderte ich laut mit mir, dass ich nicht in Südamerika sein konnte! War ich dort, dann zog’s mich in Alaskas eisige Majestät und so weiter.

„The Garden of Allah“ von Robert Hitchens flog unter die Bank. Die Zigarette, deren Tabak auf den Plantagen des aristokratischen Südens von Nordamerika, in Virginia, gereift war, verqualmte in meiner alten Pfeife, die aus Punta Arenas auf Feuerland stammte. Der bernsteinfarbene Whisky, der seinen Rauchgeschmack im kalten, nebligen, ernsten Schottland empfangen hatte, floss meine Kehle hinab.

Und dieser schottische Whisky, den ich in dem prachtvollen Garten der Mrs. Walther Hunter zu Diamond-Head bei Honolulu auf der Insel Oahu beim silbernen Lichte des südlichen Kreuzes trank, schmeckte nach mehr!

Ich blickte über das Meer, dabei langsam Glas und Flasche leerend, und träumte mit weit offenen Augen wilde und sanfte Träume. Die Gesichter der Vergangenheit kamen in all ihrer Schönheit, abgründigen Hässlichkeit und Enttäuschung. Und unter dem Lichte der Tropensterne, zum dumpfen Branden des Meeres besuchte mich auch der Zukunft schimmernde Hoffnung.

Um das eiförmige Haupt des klugen Konfutse tanzten die Feuerfliegen den leuchtenden Zauberreigen. Die Goldfische im Weiher plätscherten und bewegten ihr Wasser, so dass die Spiegelbilder der Sterne in flimmernde Silberpfeile und gewellte Bänder auseinandergezogen wurden. Die halb verborgenen Blüten im Blätterdunkel füllten die Nacht mit betörenden Düften.

 

 

Träumerei auf Hawaii

Der Whisky in der Flasche wurde immer weniger, aber immer lauter sang mein Herz, und der Wille schwang sich jenen verworrenen Bildern entgegen, die dort draußen in der silbernen Bläue des nächtlichen Ozeans und in den Palmengrotten seiner Inseln und Kontinente auf mich warteten.

Nachher schlief ich tief und fest, bis der taufrische Morgen kam und die erstaunten Goldfische zusahen, wie ein Mensch, dessen Gepäck aus Zahnbürste, einem Stück Seife und einem Rasierapparat bestand, ihren Weiher als Spiegel und Waschbecken benützte. Der Schaum, den mein Rasierpinsel auf die Oberfläche ihrer Welt schleuderte, schmeckte ihnen nicht. Ich sah es an der Art, wie sie die Mäuler verzerrten! ... Das war gestern.

In der „Waikiki Tavern and Inn“ lag noch alles in tiefem Schlafe, als ich vorbeischlenderte und die Seeluft trank. Dann ertönte der dumpfe Sechs-Uhr-Morgen-Schuss der Küstenbatterie. Jetzt hissten sie dort drüben die Sterne und Streifen Onkel Sams, und die Wache wurde abgelöst. Khakigekleidete, Kaugummi kauende Soldaten lösten andere, verschlafene, noch unrasierte und ebenfalls Kaugummi kauende Soldaten ab. Und im Gehen träumte ich vor mich hin.

In den chinesischen Wäschereien der Altstadt brodelten die Töpfe voll Lauge, und fleißige schlitzäugige Menschen begannen ihr Tagewerk.

Die japanischen Aufseher der Plantagen im Innern der Insel trieben ihre Arbeiter mit halb ernst, halb scherzhaft gemeinten Flüchen in die Ananaskulturen.

Die Wellenreiter erhoben sich aus ihren ächzenden Schaukelstühlen, wo sie die Nacht bei Gesang und Arrak zugebracht hatten, dehnten und reckten die prächtigen Glieder und schritten nach den Hotelfronten, um sich von romantischen Damen, die schon früh auf den Beinen waren, photographieren zu lassen.

Ein hübscher, schnittiger Dampfer der Matsonlinie aus San Francisco fuhr tutend in Pearl Harbour ein, und die bekannten Blumenmädchen stoben kichernd an den Pier, um den gaffenden Ankömmlingen die üblichen weißen Blütenkränze gegen ein kleines Entgelt um den Hals zu hängen.

Schwarz von der Sonne, die über Zinnen und Zacken hinglitt, mit rotem Golde übergossen, ragte die Insel der Traurigen, der Hässlichen, der von aller Welt Ausgestoßenen – Molokai – über das Wasser.

Und meine Gedanken, meine Träume, meine Einbildungen, die geboren wurden aus der bunten, abenteuerlichen Wahrheit meiner Erlebnisse, schritten weiter, während meine Füße mich nach den Freiluftaquarien lenkten.

Ein Mann, der wie ein Kaufmann aussah, der einen Morgenspaziergang macht, ehe er mit der Elektrischen ins Büro fährt, hatte mich um Feuer für seine „Camel“ gebeten. Es hatte mir Spaß gemacht, ihn zu beobachten, der offenbar die Streichhölzer daheim vergessen hatte, wie er in seinen Taschen wühlte, etwas brummte, ein ärgerliches Gesicht aufsteckte und mich endlich misstrauisch – denn mein Anzug war im Desinfektionskessel des Hospitals geschrumpft und viel zu klein geworden – um Feuer fragte. Dann war er gegangen, und ich setzte mich zu den Seepferdchen und dachte nach, was nun werden sollte.

 

 

Rückblick zum fluchenden Joe

Gestern Abend, gleich nach dem Verlassen des Krankenhauses, war ich noch im Arbeitsnachweis der „Vereinigten Ananaszüchter“ gewesen. Der kleine vertrocknete, flachsblonde Joe, der den Spitznamen „fluchender Joe“ führte, war gerade am Abschließen und hatte mich mit den Worten empfangen: „Ah, endlich aus dem Krankenhaus, lieber Junge! Fein, und prächtig sehen Sie aus, obwohl das Fieber, das Sie aus dem verdammten Salomonarchipel mitbrachten, Sie tüchtig geschüttelt zu haben scheint. – Well, Ihre alte Stelle als Capataz ist natürlich besetzt, aber der Bericht über Ihre bisherige Arbeit lautete günstig. – Wir lieben die Deutschen, trotz Krieg und so weiter, denn ihr seid, wenn es sich nicht gerade um Schufte handelt, wie sie alle Welt hat, gewissenhaft und ehrlich. Werde also bald eine Stelle für Sie ausfindig machen. – Sie haben doch nichts dagegen, ins Innere zu kommen, he?“

Ich hatte den Kopf geschüttelt und, erfreut wieder gesund zu sein, geantwortet: „Nee, gar nicht. Sogar nach Molokai als Pfleger zu den Leprakranken würde ich gehen!“

Der kleine Agent hatte sich vor Lachen geschüttelt. „Das ist ein herrlicher Witz, den ich unbedingt meiner Frau erzählen muss. – Nach Molokai! Haha!“

„Mir ist gar nicht lachhaft zumute! Vor einer Stunde wurde ich aus dem Hospital entlassen, und ich habe keinen Cent, geschweige denn einen Dollar!“, war meine Antwort gewesen, und innerlich hatte mein Herz gehüpft vor Freude in der Erwartung, nun den geschäftstüchtigen kleinen Seelenverkäufer, der sich jede Vermittlung teuer bezahlen ließ, kennenzulernen.

Er spreizte indes bedauernd die dürren Finger. „Sehr blöde Sache, verflucht dumm das! – Kann Ihnen leider keinen Vorschuss anbieten, so gerne ich’s aus purem gutem Herzen auch täte. Aber ’s geht leider nicht, Gott sei’s geklagt! Es ist gegen die Statuten. Würde mit mir selbst innerlich in schweren Konflikt kommen, wenn ich eine Ausnahme machte. – Aber da kommt mir ein Gedanke! Verflucht und verdammt netter Gedanke, der eine pure gottgegebene Tatsache ist. – Haben Sie Angst? Sind Sie ängstlicher Natur?“

Ich hatte unterdessen, mit halbem Ohr, dem Wortgeplätscher des Oststaatenyankees lauschend, ein Buntplakat des „Hawaiian Pineapple Trust“ betrachtet.

Reklame verstehen die Amerikaner zu machen und werden darin wohl nie zu überbieten sein! – Wunderhübsche, goldbraune Mädchen mit blauschwarzen Locken, die weiße Blumenketten um die sammetartigen Hälse trugen, tanzten durch scheinbar unendliche Reihen verlockend grüner Ananasstauden. Ein perlmuttschimmernder Himmel stand darüber, und schwarze Palmenumrisse, durch die weiß-gekrönte Wogen lugten, umrahmten das Bild auf der einen Seite; die andere schloss das weite Meer ab.

Unwillkürlich hatte ich auf das Plakat gedeutet. „Hübsche Mädels gibt es hier auf dieser netten alten Insel.“ Dann war ich auf seine merkwürdige Frage zurückgekommen: „Ob ich ängstlicher Natur bin? – Ich wüsste nicht weshalb; denn sonst, lieber Joe, wäre mein Leben anders verlaufen, und ich hätte nicht das Vergnügen, auskuriert und fröhlich wie ein Straßenspatz jetzt mit Ihnen zu plaudern!“

„Das ist die richtige Lebensanschauung! Well, so hab’ ich denn ein Pöstchen für Sie. Gestern war nämlich ein Mann da – ein Mann, den ich kenne und auch nicht kenne. Sie verstehen mich. – Na, und der Mann, den ich – nee – den ich nicht kenne – verlangte jemand, der gewillt ist, eine tolle Sache anzugehen, ohne viel zu fragen, ob andern dabei auf die Hühneraugen getreten wird. Nehmen wir mal an – haha – obwohl ’s anders ist! – es handle sich um irgendeinen Schunerkapitän, der nach einer entfernten, den Briten – Gott verdamme sie! – gehörenden Insel segeln will, um, wie es gang und gäbe ist, Wilde – haha, prächtiger Ausdruck – Wilde also – für seine oder irgendwelche Plantagen anzuwerben oder wie man’s nennt: zu rekrutieren. Und da fällt mir gerade diese Minute ein, diese gegebene Minute, haha – das muss ich unbedingt meinem alten Weibe daheim erzählen, die ’nen guten Witz schätzt, dass Sie eigentlich der geborene Mann für jenen Gentleman sind, Mister!“

Er hatte mir ein Formular hingeschoben. „Unterschreiben Sie’s, malen Sie Ihren Namen darunter, ehe ich mir die Sache anders überlege, denn der Lohn ist gut, und einen Bonus oder Prämie – wie’s heißt – gibt es auch. Übrigens beträgt meine Vermittlungsgebühr, die in diesem Falle verdammt bescheiden ist, wie selbst der Teufel zugeben muss – zehn Dollars. Zehn nette süße ganz bescheidene papierene oder silberne Dollars. Versteht sich, im Voraus! Denn in diesem Falle können wir nur nach den Statuten gehen. Es heißt: die Vermittlungsgebühr ist, wenn Arbeitgeber und -nehmer nicht auf der Insel bleiben, im Voraus zu entrichten!“

„Ich habe kein Geld“, war meine traurige Antwort gewesen.

Joe hatte mit den Achseln gezuckt. „Das tut mir verdammt leid. Sie wissen, wenn es sich um die übliche Capatazstelle für die Ananaskulturen handelte, so vermöchte ich die Vermittlungssumme – zumal wir uns ja kennen – mit der Firma zu verrechnen. Aber in diesem Falle ist’s ausgeschlossen. – Ich will aber eines für Sie tun, aus alter Bekanntschaft!“

„Und?“, hatte ich gefragt und meinen grundlosen, nur meiner eigenen inneren guten Laune entspringenden Lachreiz unterdrückt. Währenddessen hafteten meine schönheitstrunkenen Augen wieder an dem Buntbilde, und meine Seele schritt durch kühle, von orgelnder Meeresbrandung erfüllte Palmenhaine.

Etwas verwundert waren die Augen des Agenten gewesen. „Well, ich will, wenn sich kein anderer Kandidat findet – und Arbeitsnot haben wir im Gegensatz zum süßen Mutterlande ja nicht, haha – na, ich will diese feine Stelle für Sie offenhalten, bis der Mann wiederkommt, Sie sieht und Ihnen dann vielleicht einen fetten, satten Vorschuss, aus dem Sie mit Leichtigkeit Old Joe bezahlen können, in die Hand drückt. – Abgemacht? O. K.?“

Listig hatten seine wasserblauen Yankeeaugen geblinzelt, als er sich weiter erkundigte: „Wo wohnen Sie, damit man Sie im Notfalle holen könnte?“

Meine Gedanken rissen sich von der Zaubermelodie und dem den kühlen Hain erfüllenden Mädchengelächter los und schlüpften in den Körper des Mannes zurück, der vor dem lackierten Pitchpinebürotisch des fluchenden Joe stand.

„Überall!“, hatte ich gesagt, und es war mir, als müsste ich ein Geheimnis bewahren. Die Augenbrauen des Agenten waren zu zwei buschigen Fragezeichen geworden. „Ich wohne im Freien. Tagsüber bin ich draußen an der Brücke. Sie wissen, bei der Trambahnendstation zwischen den Aquarien. Und zwar bei den Seepferdchen!“

Darauf war ich langsam hinausgegangen und hatte noch über die Schulter gerufen: „Und ich bin überzeugt davon, dass ich Ihnen Ihre Gebühr und noch eine Kleinigkeit mehr bezahlen kann, sobald ich Gelegenheit habe, mit dem Mann zu reden!“

Und dann war ich durch die Schwingtür in das abendliche, lachende, plaudernde und rauschende Menschengewoge Honolulus hinausgetreten, wo Autos hupten mit ihren hässlichen Stimmen und Trams klingelten. Hinter glitzernden Spiegelscheiben hatten die herrlichen Früchte der Tropen gelockt, die gaumenkitzelnden Delikatessen Europas und die Schätze aus aller Welt. Es war heiß gewesen, aber die Vorboten der Abendbrise, von See kommend, ließen einen von Zeit zu Zeit aufatmen. Und so war ich weiter gewandert nach Diamond-Head und dem Hunterhaus.

 

 

Weltwanderer

Jetzt war die schöne Nacht in Mr. Hunters Garten vergangen; der Mann, der sich ein Streichholz erbeten hatte, war ebenfalls verschwunden, und die ruckweisen Bewegungen der Fetzentierchen hielten mein Auge gefangen. Später, wenn das Leben der Inselmetropole richtig erwacht war, würde ich den „fluchenden Joe“ aufsuchen, um mich nach dem geheimnisvollen Manne zu erkundigen, der jemand suchte, der keine Furcht kennt.

Was er wohl wollte? Vielleicht handelte es sich um eine kleine Piraterie, wie zum Beispiel das ungesetzliche Ausbeuten einer Perlenlagune! Da würde ich mit Freuden dabei sein, denn ich hatte an ähnlichen Unternehmungen schon teilgenommen, und es verursachte mir durchaus keine Gewissensbisse, auf solche Weise den Staatssäckel Onkel Sams oder König Georgs etwas zur Ader zu lassen. Denn es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, wenn irgendein armer Teufel von Kutterkapitän, der schlecht und recht in der Inselwelt sein Dasein fristet, etwa eine von ihm unter Gefahr und Entbehrung entdeckte Perlmuschellagune nicht ausbeuten darf. Er muss nämlich erst seine Entdeckung anmelden und viel Geld dafür zahlen, viel mehr Geld, als er besitzt, weswegen er erst einmal gründlich in die Hände von wuchernden Geschäftsleuten gerät, ehe er seinen eigenen Fund, dessen Ertrag reine Glückssache ist, bearbeiten darf. – Ich habe an Perlmuschelbänken gearbeitet, die bei ihrer Entdeckung gleich am ersten Tage ein Dutzend Perlen im Gesamtwert von zwei oder dreitausend Dollars lieferten, worauf der frohlockende Entdecker fünftausend Dollars hineinpulverte, um die Lagune sachgemäß und gesetzlich ausbeuten zu dürfen. Wir schufteten ein halbes Jahr und fanden, mit Ausnahme der ersten, nie wieder eine einzige Perle; was also einen glatten Verlust von zweitausend Dollars bedeutete, die sich der Betreffende unter hohen Zinsen geliehen hatte.

Noch viel schöner aber ist es, wenn die Regierung sagt: „Halt, mein Lieber, diese Lagune, die du da entdeckt hast, gehört uns; denn im Jahre Tobak hat der Kapitän der Zweiunddreißigkanonen-Fregatte Windseufzer, die, wie du wissen solltest, unserer glorreichen Flotte angehörte, diese Insel mitsamt der Perlenbank durch Flaggenhissung, Trommelwirbel, Kanonenschuss und Eintragung in die Admiralitätskarte für unser Land in Besitz genommen. Und deshalb bestimmen wir, weil der ehrenwerte Mr. X., der den Perlenhandel der Welt kontrolliert, ein Fallen der Preise verhüten will – Mr. X. hat einen Verwandten im Parlament – dass die Lagune vor Ablauf von zehn Jahren nicht ausgebeutet werden darf.“

Vielleicht war der Geheimnisvolle des „fluchenden Joe“ ein auf solche Art Enttäuschter, der nun die Sache in die eigene Hand nehmen wollte und deshalb furchtlose Leute suchte.

Possierliche Seepferdchen jagten einander durch bunten Tang und zuckergussähnliche Korallenhöhlen. Die mir zugekehrte Scheibe des Aquariums blitzte in der Sonne. Die letzten Prince-Albert-Krümel, die ich in meiner Tasche zusammengekratzt hatte, verpafften in der Pfeife aus Punta Arenas.

Wie wundervoll sah doch das Meer aus, und wie majestätisch es rauschte! Ich unterhielt mich jetzt damit, mir die Gesichter jener weisen, auf ihre Art vorzüglichen und guten Pädagogen meiner Schuljahre in Wien vorzustellen, die für meine Art etwas zu trocken und engherzig waren ... Wenn die sehen und wissen könnten, was aus mir geworden war! Plötzlich, durch den Weltkrieg förmlich gezwungen, als blutjunger Seemann war ich kopfüber in einen Strom von Abenteuern gesprungen, der nun, seit vielen Jahren anhaltend, mich wohl manchmal an die Gestade der alten, unvergesslichen Heimat wie ein Stück Strandgut spülte, aber noch ehe jemand kam, um nachzusehen, was es berge, wieder fortriss. Bald lustig und bald traurig – denn alle Dinge haben ihre Kehrseite – plätscherte ich in diesem Strom dahin und hielt mich über Wasser. Amerika hatte mich geformt, ich glich einem jener Tausende, denen es ein Sport ist, die teuren Eisenbahngesellschaften nicht um Fahrkarten zu bemühen, sondern mittels Güterzug oder auf zwei Latten liegend zwischen den Rädern der Express Züge zu fahren. Die sich die herrliche Welt ansehen, zwischendurch einmal rasch irgendwo Arbeit suchen, ehe sie vor Faulheit und missgeleitetem Freiheitsdrang auf den Hund kommen!

Die bei jeder Gelegenheit freie Universitätskurse besuchen und nebenbei bunt gebundene harmlose Abenteuerhefte, sogenannte „Adventure Magazines“ verschlingen und, den Kopf damit vollgepfropft, eigentlich offenen Auges gleich seligen Träumern – die aber rasch zu logisch denkenden und arbeitenden Menschen werden, wenn es sein muss – ihre vorgezeichnete Bahn beschreiten, bis sie eines Tages irgendein Ereignis aus dieser Bahn wirft. In vielen Fällen ist’s ein hübsches Mädel, das sie zu sesshaften und vernünftigen Bürgern macht.

Glückliches Amerika! Land, das groß genug ist und trotz wiederholter Krisen auch reich genug, um seiner abenteuerlustigen Jugend auf solche Art gestatten zu können, sich die Hörner abzulaufen.

Platz braucht der Mensch! Aber der eine hat zu viel und der andere zu wenig. Und wer zu viel hat, missgönnt dem Besitzlosen selbst das kleinste Krümchen.

Nicht alle diese Jungen, die ich kannte, zu denen ich gehörte und immer, wenn auch nur in Gedanken, gehören werde, schlugen sich durchs Leben und blieben ehrlich. Viele sanken durch das Landstreicherleben auf eine Stufe hinab, die kaum mehr menschlich genannt werden kann. Ich sah manche, die das Verbrechen in seinen magischen Sumpf zog. Ich kannte auch einige, die wohl immer Weltwanderer bleiben. Die träumend einherschritten, niemand verstanden und von niemand verstanden werden wollten. Ein paar von ihnen leisteten trotzdem Großes! Kühne Bahnen und Brücken in den unwirtlichsten Gegenden unseres Planeten sind die Denkmäler, die solche Menschen manchmal auf der rastlosen Suche nach nur ihnen vorschwebenden Paradiesen und Höllen hinterlassen. Und es ist, als ob das Schicksal sich einen grausamen Spaß leistet, indem es derartige Männer aussucht, um das zu bauen, was sie eigentlich fliehen – jene Bahnen und Brücken, womit sie wiederum das andere, nämlich das, was sie anzieht, die ungebundene Wildnis, in Bann und Ketten schlagen! Manche haben ihre „Handschrift“ auf solche Art der Nachwelt hinterlassen.

Ich war einmal in Guatemala wochenlang mit einem Mann zusammen. Wir durchstreiften die Wildnis, hungerten gemeinsam und schimpften zweistimmig über das schweinische Sauleben. Und als wir dann Guatemala City erreichten, verschwand mein Freund. Er kam nicht wieder, und ich schalt innerlich auf ihn, weil es sich zu zweit viel besser hungern lässt. Wer beschreibt mein Erstaunen, als mich gegen Abend ein Amerikaner auf der Plaza anhielt, ob ich der und der sei? Auf meine Bejahung nahm er mich mit, kleidete mich neu ein und führte mich dann nach der Villa des Eisenbahndirektors. Dort im Kreise fröhlicher Menschen empfing mich mein Freund der Landstreicher und behandelte mich wie einen Bruder.

Er trug einen Abendanzug, war rasiert und sah wie der vollkommene Gentleman aus. Es war Big Bill Hickson, der Präsident einer amerikanischen Eisenbahngesellschaft und Erbauer kühner Tropenbahnen. Manchmal, wenn er in seinem Büro in einem Industriepalast saß, wo alles vor ihm katzbuckelte, dann packte ihn die Sehnsucht, und am andern Morgen war Mr. Hickson verschwunden. Ein glücklicher, unrasierter, in einen alten Anzug und ein Soldatenhemd gekleideter Mann mit ein paar Dollars Wegzehrung aber begann eine lange, oft viele Monate währende „Trampfahrt“ zu Fuß nach Zentralamerika. Ebenso plötzlich wie er verschwand, tauchte er, auf einmal wieder nach der Zivilisation dürstend, in irgendeinem Eisenbahnkamp auf. Da er sehr tüchtig war, wurden ihm seine Seitensprünge zwar verübelt, aber man brauchte ihn, und daher stand sein Riesenschreibtisch in New York stets für ihn bereit.

Diesem prachtvollen Mann und anderen, mit denen ich auf den rätselhaften Wegen der Abenteurerwelt zusammenkam, es waren Amerikaner, Engländer, Deutsche und Angehörige anderer Nationen darunter, werde ich stets ein Andenken bewahren: Erinnerungen, die von den Flammen ausgebrannter gemeinsamer Lagerfeuer, Gefahren und Freuden entzündet wurden und in mir fortleuchten ...

Ein Halbblut kam mit knirschenden Schritten den Pfad entlang. Eine kurze Minute stand er zwischen mir und dem Behälter, in den er hineinstierte. Sein breiter, in weiße, zerknitterte Leinwand gekleideter Rücken entzog mir das Spiel der Seepferdchen. Dann ging er weiter.

 

 

Der Klub der freien Leichenbestatter

„Hallo, langer Laban! Gut geschlafen und hübsch gefrühstückt?“, rief mir der fluchende Joe leutselig zu. Ich warf die Fliegendrahttür hinter mir zu und setzte mich dem Stellenvermittler gegenüber auf eine Ecke seines Kieferholzschreibtisches. Sehnsüchtig nach dem großen gläsernen „Humidor“ schielend, worin Joe seinen Tabak frisch erhielt, erwiderte ich, ohne auf seine Worte einzugehen: „Morning, Joe! – War der betreffende Herr schon da?“

„Bewahre, Sonny! – Bert Cun-“, er unterbrach sich: „Verdammt, beinahe hätte ich den Namen ausgesprochen, was ja gegen die Abmachung wäre. Nee, er hat sich noch nicht blicken lassen, es ist auch noch zu früh am Tage für solch einen Gentleman. Denn arm ist er absolut nicht. – Zigarette gefällig?“

Ich schüttelte enttäuscht den Kopf. „Danke, Joe. Ich würde lieber meine Pfeife stopfen aus dem hübschen Glasding da. – Mann, Tabak ist doch eine wahre Gottesgabe!“

Lachend schob er mir den Humidor hin. „Aber stopfen Sie nicht auf irländische Art, mein Junge, oder ich will verbrannt und zersägt werden, wenn ich dann nicht in Harnisch gerate!“

Obwohl er mich ziemlich scharf beobachtete, gelang es mir doch, mich beim Füllen der Pfeife auf „irländische Art“ zu betätigen, indem ich mich derartig anstellte, dass eine Portion Tabak in die hohle Hand fiel, die ich dann unauffällig in die Tasche schob. Voll Behagen paffte ich, als die Tür aufging und zwei chinesische Kulis mit untertänigem Grinsen eintraten.

„Albeit?“, fragte der eine leise, und sein Gefährte nickte eifrig dazu, während beider Augen an den Lippen Joes hingen.

„Klar! Allemal!“, antwortete dieser. „Ich kann euch beide für die Plantage von Mr. Burton anheuern, wenn ihr Lust habt, ins Innere zu gehen. Ihr kriegt einen Dollar Vorschuss, da aber meine Vermittlung zwei Dollars pro Nase kostet, und das ist verdammt billig, oder ich verdiene meinen Namen der fluchende Joe nicht, so schuldet ihr mir also noch einen Dollar den Mann. Savvy de Katz tsching gamalao?“

Der Fragesteller nickte und erkundigte sich schüchtern: „Mistel Bulton? – Plenty viel Ananas, ja?“

Breit bejahte Joe: „Klar, Charley Onong-Pong-Ling Song. Mister Burton hat Ananasplantagen, und soviel ich weiß, auch eine Ecke seines Landes mit Zuckerrohr bepflanzt. – Wollt ihr hin? Dann schüttelt rasch eure Hosen aus, damit die zwei Dollars in meine Geldlade rasseln. Aber ganz verdammt schnell, ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Dieser Herr da“, Joe wies auf mich, „will eine vollköpfige Mannschaft für seinen Schuner. Ihr könnt euch also denken, wie ich geplagt bin!“

Er warf mir einen spitzbübischen Blick zu. Die Chinesen steckten die Köpfe zusammen und flüsterten in ihrer Sprache miteinander.

Ich schob kaltblütig den Tabakbehälter näher zu mir und nahm eine geraffte Hand voll heraus, die ich schmunzelnd in der Tasche versenkte.

„He, Mann, sind Sie verdammt oder ist …“

Den cholerischen Stellenvermittler unterbrechend, beschwichtigte ich: „Mein Tabak ist mir gerade ausgegangen, Joe, und ich weiß, Sie sind ein gefälliger Mann. Ungefähr für zehn Cents wird’s gewesen sein. Verrechnen Sie die Summe mit den andern Auslagen, wenn Sie mir die Mannschaft besorgen. Oder besuchen Sie mich nachher an Bord meines Schuners, da können wir die Sache ins Reine bringen!“

Der Zorn des kleinen Yankees verflog ebenso rasch, wie er aufgeflammt war. Er warf mir einen bewundernden Blick zu, wandte sich aber dann an den Chinesen: „Well, Pingpong, wollt ihr oder nicht?“

Jeder der beiden hielt seine gelbe Faust über den Tisch, öffnete dann zögernd die Finger, und die Dollars klirrten auf die Holzplatte, von der sie Joe mit affenartiger Geschwindigkeit wegnahm.

„Allright, Jungens. Seid um zwei Uhr heute Mittag hier vor meinem Büro. Der hinkende Stubbs wird euch dann mit seiner alten Kaffeemühle von Ford nach der Plantage fahren. Vergesst nicht eure Bündel und Decken. – Fertig? – Goodbye!“ Mit nicht misszuverstehender Gebärde deutete er auf die Tür.

„Quittung schleiben, Papiel als Bestätigung!“, radebrechte der eine Chinese demütig.

Joe bekam einen roten Kopf. „Quittieren soll ich euch die beiden lausigen Dollars und mir mehr Arbeit und Unkosten an Papier und Tinte machen, als die ganze Sache wert ist? Du bist übergeschnappt, Charley Onongalong – was ich dir zugute halte, denn sonst bekämst du jetzt vom fluchenden Joe die allersüßesten Prügel. Raus jetzt, und seid um zwei Uhr wieder hier!“

Schüchtern verließen die beiden Söhne des Reiches der Mitte das Büro. Joe wischte sich den Schweiß von der Stirn und benutzte dazu ein großes rotes Seidentuch. „Verdammt, gespießt und zerstampft will ich werden, wenn Sie nicht schlimmer als ein Irländer sind. Zwei gute Unzen Tabak fehlen aus dem Glas!“, schimpfte er gutgelaunt.

„Joe, seien Sie lieb und nett, pumpen Sie mir die zwei Dollars, die Sie eben eingenommen haben!“, bat ich.

„Smart! Verteufelt smart sind Sie! Zwei Dollars! Warum nicht gleich tausend und meine Frau dazu!“, schalt er weiter. Ich kannte sein „Hauskreuz“ und hätte es nicht für hunderttausende genommen, aber das konnte ich dem Guten nicht sagen.

„Zwei Dollars nur, Joe. Oder wissen Sie was? Ich bin auch mit einem zufrieden!“

Er lachte jetzt. „Mein Junge, der Mann, der dem fluchenden Joe auch nur einen einzigen Kupfercent abgepumpt hat, muss erst noch geboren werden. Geben Sie sich keine Mühe, Sie machen mich nur böse, und das wäre schade; denn vorläufig halte ich Sie noch für einen vielversprechenden jungen Kerl, der tüchtige Anlagen hat!“

„Wird der Mister Bert, an dessen Namen Sie sich vorhin verschluckt haben, heute noch zu Ihnen kommen, Joe?“

Er wiegte das kleine Haupt hin und her. „Möglich! Er kann aber ebenso gut ins Innere gefahren sein und taucht erst nach ein paar Tagen wieder auf. Er besitzt nämlich Ananaskulturen!“

„Na, dann gehe ich jetzt. Ich werde jeden Morgen und jeden Abend bei Ihnen nachschauen kommen. Und Dank für den Tabak, damit lässt sich’s aushalten; und ein paar gebratene Fische und dergleichen werd’ ich wohl auftreiben. So long, Joe!“

Er rief mir noch nach: „Hören Sie, soviel ich weiß, soll der Schwarze Bud sich mit seinen beiden Kumpanen gestern Abend fürchterlich geprügelt haben, und der eine hat davon geschwollene Augen und ’ne zerschlagene Kinnlade, so dass er ins Hospital musste. Bud braucht aber für sein Geschäft einen Dritten, denn die Chinesen wollen nun einmal diese Zahl. Vielleicht hat Bud noch niemand aufgetrieben, denn Beachcombers sind um diese Jahreszeit verdammt rar. Versuchen Sie’s, vielleicht können Sie sich nicht nur ein paar Tage über Wasser halten, sondern auch noch den einen oder andern Dollar verdienen!“

Die Fliegendrahttür fiel hinter mir zu, und ich begab mich langsam nach der Altstadt, um den Schwarzen Bud aufzusuchen. Denn mein Magen, der im Hospital verwöhnt worden war, schrie gebieterisch nach einer Portion gebratener Leber mit Zwiebeln oder einem Vierteldutzend Rühreier mit Petersilie. Ich kannte Bud und sein etwas anrüchiges und mehr als merkwürdiges Geschäft. Um ein Geschäft im Sinne des Wortes handelte es sich übrigens nicht.

In allen Meereshäfen der Welt und besonders im warmen Klima der Südsee gibt es Menschen – oft sind’s desertierte Seeleute oder verkrachte, energielose Muttersöhnchen –, die zu Beachcombers werden. Dieser Ausdruck bedeutet das Gegenstück zu den bettelnden, zerlumpten und arbeitsscheuen Landstreichern des inneren Festlandes. Für kurze Zeit einmal Beachcomber zu sein, ist kein großes Unglück; jeder abenteuernde junge Mensch, der fern der Heimat sein Brot sucht, erlebt Episoden eines solchen Daseins. Es gibt aber Leute, die, wenn sie einmal an der „Beach“ liegen – was soviel heißt wie gestrandet sein –, immer und ewig an der Beach liegenbleiben und gar nichts anderes mehr wollen. Solche Menschen – abgerissen, krank, hohläugig, um Schnaps bettelnd und sich gewöhnlich mit Eingeborenenweibern niederster Kreise abgebend – sieht man oft vor den Schenken der Tropenhäfen herumlungern, wo sie auf die Gelegenheit zu einem freien Gläschen oder auf eine Kupfermünze lauern und von jedermann mit Abscheu oder Mitleid behandelt werden.

Der Schwarze Bud – ein englischer Matrose, mit Bärenkräften ausgerüstet – wurde irgendwie in Honolulu angeschwemmt. Dank seiner mächtigen Fäuste und der zielbewussten Brutalität wurde er erst zum Schrecken der Beachcomber, denen er sich zugesellte, und später zu ihrem unbestrittenen Herrscher. Es wurde sogar gemunkelt, dass die Polizei insgeheim von Zeit zu Zeit dem tüchtigen Ex-Matrosen einen klingenden Händedruck zukommen ließ, damit Bud dafür sorgte, dass neu ankommende Beachcomber so rasch wie möglich diesen ungeeigneten, von Buds Prügeln versalzenen Strand wieder verließen. Bud wurde zu einer Persönlichkeit, und wenn er gewollt hätte, so würde man ihn ohne Zweifel zum wohlbestallten Policeman gemacht haben. Aber Bud war nicht dem Zwange der christlichen Seefahrt entlaufen, um sich unter ein neues Joch zu begeben! Er liebte die Vogelfreiheit des Beachcombers, und Arbeit hasste er ärger als die Pest. Das einzige, was er tat, war, dass er sich aus den gestrandeten Existenzen der Küste zwei aussuchte, die noch einigermaßen gut aussahen. Das heißt, sie standen erst im Anfangsstadium der Zerstörungen, wie sie Fusel, Schmutz, Opium und Umgang mit verseuchten Dirnen zur Folge haben. Bud selber sah nämlich auf seine Art auch ganz gut aus. Und das war nötig bei seinem Geschäft!

Um dieses zu erklären, muss ich auf eine rätselhafte Eigenart der in der Südsee eingewanderten Chinesen und ihrer dort geborenen Abkömmlinge, die zum Teil mit den Resten der Urbevölkerung vermischt sind, zurückgreifen. Die Sterblichkeit unter diesen Leuten ist verhältnismäßig groß, und je mehr das zähe asiatische Blut mit dem vergnügungssüchtigen trägen der Urbevölkerung versetzt ist, desto widerstandsloser und fatalen Krankheiten mehr unterworfen ist der Mischling. Wenn nun aber der echte, nur auf die Dauer eines Arbeitskontraktes, oder bis er nach seinen Begriffen „reich“ ist, eingewanderte Chinese für den Fall seines Todes fast immer dafür sorgt, dass seine Leiche in China bestattet wird, so hat der andere eingesessene, mischblütige eine davon ganz verschiedene Eigenart. Und der größte Stolz dieser Leute ist es, wenn bei ihren oder ihrer Verwandten Leichenbegängnissen – ich spreche von der Kuli- und kleinen Ladenbesitzerkaste – ein weißer Mann dabei ist. Das heißt, wenn ein solcher dem Trauerzuge durch die Straßen folgt. Und zwar muss jener einen schwarzen Bratenrock anhaben und einen blanken Zylinderhut auf dem Kopfe tragen!

Auf diese Sitte spekulierte der Schwarze Bud. Mit seinen beiden Kumpanen lungerte er gewöhnlich in einer Bretterbude umher, deren pockennarbiger Besitzer die behördliche Erlaubnis besaß, Getränke auszuschenken. Im Vordergrund der schiefen, schmutzigen Hütte, wo ein borstiges, mageres Schwein, ruppige Hühner und ein stinkender Haufen fauler Fischköpfe, von den Mahlzeiten herrührend, gewissermaßen zum Inventar gehörten, wurde Limonade, Wurzelbier und anderes unschuldiges Zeug verkauft. Denn in Amerika und seinen Besitzungen herrschte noch die Prohibition. Im Hintergrund der Hütte aber, wenn man die geheimen Zeichen kannte, wurde Arrak schlimmster Sorte und anderer mörderischer Fusel vertrieben. An der Seitenwand des baufälligen Gebäudes lag ein wurmstichiges Stück Telegraphenmast, und das war das „Büro“ des Schwarzen Bud. Hier saß er zu ganz bestimmten Zeiten des Tages nebst seinen zwei Freunden. Sie rauchten, spielten Karten, zankten sich – wobei aber Bud das große Wort führte und, wenn nötig, diesem mit Fausthieben zum Nachdruck verhalf. Oder man sog umschichtig an einer Kokosnuss, aus der man die Milch herausgeschüttelt und durch Arrak ersetzt hatte.

Bud nannte sein Unternehmen großartig: „The free undertakers club“ – Der Klub der freien Leichenbestatter.

Wenn ein Chinese der bodenständigen Bevölkerung gestorben war – manchmal passierte dies jeden Tag, zeitweilig aber dauerte es Wochen – dann begaben sich die Verwandten des Verblichenen zu Buds „Unternehmen“. Es wurde, wie üblich, zuerst eine Stunde oder länger gefeilscht, obwohl Bud feste Preise hatte und keinen Cent herunterging. Nachher traten Bud und seine beiden Freunde in Tätigkeit. Die Leidtragenden entliehen vom Trödler für einige Stunden alte Fräcke und abenteuerliche Zylinderhüte und mit diesen angetan, stolzierten dann die drei Weißen, umgeben von den Angehörigen des Toten, hinter dem buntbemalten Sarge her durch die Straßen auf den Friedhof. Beim Leichenschmaus ließen sie sich gut füttern und erhielten dann für ihre Bemühungen pro Mann einen Dollar. Das war feste Taxe, und beide Teile gingen befriedigt auseinander.

Die drei „Klubmänner“ hatten sich jeder, ohne zu arbeiten, einen Dollar verdient, und die Leidtragenden waren von sonderbarem Stolz geschwellt, weil weiße Männer in den traditionellen Festanzügen ihrer Länder hinter dem Sarge hergeschritten waren.

Und zu dieser entwürdigenden Posse hatte mir der fluchende Joe geraten! Ich empfand keine große Lust dazu, mir auf diese Weise mein Brot und, falls der Schwarze Bud mir gnädig gesinnt war, vielleicht einen Silberdollar zu verdienen. Aber ich hatte ja Zeit, und es würde diese totschlagen helfen, wenn ich einmal den Schwarzen Bud aufsuchte.

Ich ging also hin. Es saßen richtig nur zwei Männer auf dem zerbrochenen Telegraphenpfahl vor der Hütte. Der eine, der ein altes Soldatenhemd, einen Strohhut und schmierige Khakibeinkleider trug und barfuß ging, war der Schwarze Bud selbst. Hochgewachsen, breitschultrig, mit schwarz-behaarter, aus dem offenen Hemde ragender Zottelbrust, besaß er ein kühnes Gesicht, das aber unangenehme Züge um den Mund aufwies. Seine Augen, die sonst ein eiskaltes blaues Feuer zeigten, waren jetzt gerötet und blickten stier. Offenbar hatte Bud bereits eine Menge Fusel seine ausgebrannte Gurgel hinab gegossen. Das bewies auch die ansehnliche Kokosnuss, die er mit ärgerlichem Knurren dem aufquiekenden Schwein an die Rippen schleuderte.

„Leer. Die blutige Nuss ist leer! Goddamn!“, grunzte er, und sein ähnlich gekleideter Kumpan, der jedoch schlank war und aristokratische Gesichtszüge aufwies, die durch die Verwüstungen eines teuflischen Lebens noch hindurchschimmerten, lachte unverkennbar in der Sprache, wie sie in der Oxforduniversität so gelehrt wird: „Leer, ganz leer ist das nette, alte runde Ding!“

Bud sah auf. „Was willst du?“, schrie er mich an und erhob sich langsam, um wie ein menschlicher Turm vor mir stehenzubleiben. Der pockennarbige Wirt lugte feixend aus dem Halbdunkel seiner Baracke, verschwand aber blitzschnell, als Bud ihm einen blutunterlaufenen Blick zuschleuderte.

Der Schlanke blieb sitzen und lallte: „Ich habe das eine linke Ruder geführt, weißt du – bei Henley auf der alten Themse war’s. – Ah! – Und Zehntausende säumten die Ufer und brüllten Hipp, hipp, hurra!“ Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen, und ein krampfhaftes Schluchzen schüttelte seine mageren Schultern.

Der Schwarze Bud drehte den Kopf über die Schulter: „Faselst du schon wieder von deiner blutigen Universität? Halte jetzt die verdammte Fresse, sonst klebe ich dir die Faust drauf, dass deine Lippen wie Bratwürste platzen. – Setz dich aufrecht hin wie ein Mann und sei mucksstill!“

Gehorsam richtete sich der arme Mensch auf, der seinen Reden nach einem der berühmtesten Lehrinstitute der Welt angehört hatte und nun hier als Strandläufer langsam erlosch. Teilnahmslos schaute er mich an.

Der Schwarze Bud wandte sich wieder mir zu, blies seinen heißen, stinkenden Atem in mein Gesicht und ballte die Fäuste. Ich wünschte mich weit weg und bereute es, den Rat des Stellenvermittlers befolgt zu haben. Denn groß wie ich auch war, und wie sehr ich auch die Kunst der Selbstverteidigung verstand – dieser menschliche Riese hier, der mich mit seinem Fuselatem wie eine Dschungelbestie anblies, würde mich spielend zu Brei schlagen, wenn es ihm so passte.

„Bud, alter Junge, kennst du mich denn gar nicht mehr? Ich hab’ doch damals zwei Dollars für dich geschmissen. In Waikiki draußen – erinnere dich doch, Bud!“, begann ich mit klopfendem Herzen.

„Zwei Dollars? Das kann jeder lausige Affe sagen! Und wenn schon – was zum Teufel sind zwei blutige Dollars denn schon viel!“, brummte er bösartig und hob die Rechte. Gleich würde sie wie ein Schmiedehammer auf mich niederfallen. Ich schaute ihm ins Gesicht. In seinen Augen, deren Weiß mit vielen roten Äderchen durchzogen war, schimmerten merkwürdige, fleckenartige Lichter.

Da klang die schleppende Stimme des anderen: „Richtig, das ist doch der nette Kerl, der damals die Stelle auf der Plantage irgendeines reichen Jonnies hatte. – Tu dem Jungen nichts, Bud. Schau, wie nett er aussieht, wir können ihn gebrauchen, falls wir zu einem Begräbnis müssen. – Bud, altes Ungetüm, sei vernünftig!“

Die harten Lichter, die mich aus den Augen des Schwarzhaarigen anblickten, wurden plötzlich weich, und dann wandte der Riese den Kopf und sagte zu dem Mann, dem er eben noch angedroht hatte, ihm die Lippen gleich platzenden Bratwürsten zu schlagen: „Allright, Benny, wenn dir’s Spaß macht, so will ich dem Burschen nichts tun. – Ich glaube auch, du hast Recht, er hat uns damals zwei blutige Dollars geschenkt!“

Er ließ sich neben seinem Freund nieder und betrachtete mich mit gorillaartiger Herablassung. „Hast du Geld?“, erkundigte er sich und biss ein großes Stück Kautabak ab.

Der Schlanke nickte mir dabei wie ermunternd zu, und ich erwiderte: „Keinen Cent, Buddy! Der fluchende Joe hat mich hergeschickt, weil er meinte, dass du vielleicht einen gut aussehenden jungen Kerl für dein Geschäft brauchst!“

Bud kaute energisch auf seinem Priem, dann sandte er mir eine volle Ladung braun gefärbten Speichels hart am Gesicht vorbei. Sein Lachen klang wie das Grollen des Jaguars: „Gut aussehend? Dass ich nicht die Hosen verliere! – Du blödsinniges Mutterkalb! Geld ist die Hauptsache, verstehst du! – Geld, ohne dafür zu arbeiten!“

Abermals ausspuckend, rief er in die Hütte hinein: „He, Tommy! Wo bleibt der flüssige Stoff? Bring uns schleunigst eine neu gefüllte Kokosnuss!“

Der Pockennarbige spähte aus der Türöffnung. „Tut mir leid, Bud, aber du stehst gewaltig in der Kreide, mit vier Gallonen Arrak und ’ner Doppelpinte Jamaika-Rum!“

„Du willst also nicht mehr pumpen, gottverdammte halbblütige Sau!“, brüllte der Beachcomber und richtete sich empor.

Tommy beeilte sich, auf diesen drohenden Ausbrach zu erwidern: „Natürlich will ich, Buddy. Bist ein vortrefflicher Kerl, ein Gentleman, der einen schwarzen Anzug und weißen Stehkragen nebst Angströhre wohl verdient. Ich meinte nur so. Blanke Dollars klingeln eine liebliche Melodie in den Ohren eines armen Teufels von Wirt, und ich hab die Strophen deiner Geldstücke schon lange nicht gehört, wenn ich so frei sein dürfte, es zu sagen!“

„Frei sein darfst du, aber ob es dir gut bekommt, steht auf einem andern Blatt. Lauf jetzt, dreckiger Schuft, und besorge uns Arrak. Der Chinamann, der dort eben den Hof betritt, bringt sicher Geld und Arbeit. – Arbeit, hihi!“

Alle schauten wir nach der angedeuteten Richtung. Ein beleibter Chinese in weißem Leinenanzug, mit schwarzen Lackstiefeletten, kühn aufgebogenem Panama und einer großen Hornbrille auf dem stumpfen Näschen suchte vorsichtig seinen Weg durch Unrat und Haustiere, die seine Schritte hinderten. Tommy verschwand, kam aber blitzschnell wieder und warf Bud eine Kokosnuss in die zum Fangen geöffneten Hände, worauf er wieder im Dunkel seiner Behausung untertauchte. Bud entfernte den Wachspfropfen und hob die mit Fusel gefüllte Nuss an die Lippen. Dann setzte er sie grunzend ab und begrüßte den herangekommenen Chinesen: „Schipp ahoi! – Ist einer von euch krepiert? – Soll’s Leidtragende geben mit Zylinderhüten und Fräcken?“

Der Asiate steckte ein rätselhaftes Lächeln auf, ein Lächeln, das gleichzeitig Freude und tiefste Verachtung ausdrückte. „Yee Li-Sing, der Sohn meiner Schwester, starb. Zum Leichenbegängnis brauche ich weiße Herren in der Tracht ihrer Moden. Meine Angehörigen, die auf dieser Insel geboren wurden, verlangen es so.“ Das Lächeln des Asiaten verstärkte sich, und er endete höhnisch: „Was mich anbetrifft, so habe ich für meinen Tod vorgesorgt. Man wird meinen kalten Leib nach China transportieren und in der Vatererde bestatten!“

Bud rülpste. „Bist ein blutiger Trottel von Chinamann, das lass dir gesagt sein! – Könntest dein Begräbnis hier billiger und hübscher haben. Aber noch ist’s Zeit! Ich will dir etwas sagen, Bruderherz, und dir einen trefflichen Vorschlag machen. Hör zu, altes Schlitzauge: gib mir hier an Ort und Stelle fünf blutige Dollars, und verdammt will ich sein, wenn ich nicht, sobald deine Zeit gekommen ist, singend und liebliche Pfaffenverslein blabbernd, hinter deiner bunten Sargkiste herstolpern und keinen verfluchten Cent dafür verlangen werde. Abgemacht?“

Der Chinese lächelte immer noch, als er erwiderte: „Ich werde sehr alt werden. – Und Sie, weißer Mann, starker Schwarzer Bud – sind sicher bald tot; denn Ihr Leben fordert Götter und Natur heraus.“ Er nahm seine Brille, putzte sie umständlich und belehrte dann den verblüfften Bud. „Der Sohn meines Schwestermannes starb. Was kostet es, wenn Sie und Ihre beiden Freunde“, ein bedauernder Blick streifte mich, „dem Sarge das letzte Geleit geben?“

Bud lachte wütend: „Keine Reden, Darling. Einen blutigen Dollar pro Mann. Und drei Mann sind wir. Das solltest du wissen, dass der Schwarze Bud seinen festen Tarif hat, von dem ihn weder Gott noch Teufel abbringen. Höchstens ein hübscher Unterrock. – Hast du ’ne nette kleine Singsangtochter, he?“

Der Chinese sah ihn unergründlich an. Sein Finger hatte dem wieder aus der Hütte lugenden Tommy einen bedeutsamen Wink gegeben, und der Pockennarbige schoss mit einer Flasche ins Freie, er stellte sie vor Bud hin und verschwand wieder. Der Chinese und der zum Beachcomber herabgesunkene Seemann setzten sich gegenüber und begannen – obwohl jeder wusste, dass es umsonst war – zu feilschen.

„Ein Dollar pro Nase!“, forderte Bud:

„Fünfundsiebenzig Cents und zwei weitere solche Flaschen!“, erwiderte der Chinese mit bezeichnenden Blicken.

„Ein Dollar pro Mann oder geh zum Teufel, alte gelbhäutige Lausematratze!“, feixte Bud.

„Zwei Flaschen sehr schöner geistiger Sorgenbrecher und fünfundsiebenzig Cents für jeden Gentleman!“, drückte sich der Chinese erstaunlich gewählt aus.

„Drei Mann sind wir, und drei Dollars zahlst du. Und den Schnaps auch, denn ich habe ihn nicht bestellt!“

„Achtzig Cents und die beiden Flaschen, das Leichenmahl und eine Gallone Zuckerrohrschnaps aus dem Laden meines Schwestermannes!“

„Dein Schwestermann soll mir den Buckel runtersausen! – Und das Leichenmahl steht uns sowieso zu. Der Zuckerrohrschnaps deines Schwestermannes wird blutiger, übel destillierter Trank sein, der einem die Leber durchlöchert! Behalt ihn und sauf ihn selbst, alter Gauner. – Ein Dollar pro Nase, und dreie sind wir. Basta!“, brüllte Bud.

„Mein Schwestermann wird zu den achtzig – nein, fünfundachtzig Cents und den beiden beruhigenden Flaschen nebst der Gallone Schnaps noch einen Korb voll frischer Hühnereier zulegen. – Greif zu, weißer Mann, denn frische Eier sind eine Gabe der Götter! – Steht es nicht geschrieben im Buche der Siebenmal hunderttausend Regenbogen am Goldfischteich des alten kaiserlichen Palastes zu Peking, dass Hühnereier so wie …“

„Schweig mit deinem Getöse. Hat sich was! Von wegen Regenbogen und Goldfischen! Quatsch mit Worcestersauce, sag’ ich. – Also einen Dollar pro Nase und …“

Das Streiten und Feilschen der beiden ging in undeutliches Gemurmel über. Kampfbereit saßen sie sich rittlings auf dem liegenden Holzpfahl gegenüber.

Der Schlanke zog mich an seine Seite. „Lass sie!“, sagte er leise. „Lass sie. Es wird noch eine Weile dauern, und dann wird Bud siegen; denn er lässt sich keinen Farthing abhandeln. – Sag mir jetzt, Junge, warum kommst du zu Bud? Kannst du keinen besseren und schnelleren Weg finden, um zur Hölle zu gehen, als über Bud?“

Seine tief in knochigen Höhlen liegenden Augen sahen mich voll menschlicher Güte an.

„Sechsundachtzig Cents!“, lockte der Chinese nebenan.

„Sechsundachtzig Teufel! Und scher dich selber zum Teufel, feistes Schwein!“ Buds Stimme senkte sich wieder und ertrank im Glucksen der Kokosnuss, die er an seine Lippen setzte.

„Konntest keine Arbeit finden, Junge?“, fragte der schlanke Benny, und sein Englisch, wie es unverkennbar nur die Mitglieder der „Upperclass“ seines Vaterlandes reden, stand in seltsamem Gegensatz zu der in Lumpen gekleideten Menschenruine.

„Ich war im Krankenhaus bis gestern. – Bei den Kannibalen auf Malaita hab’ ich ein schlimmes Fieber bekommen, das nachher zum Ausbruch kam“, entgegnete ich und schämte mich vor der forschenden Güte, die mir aus den Augen dieses Mannes entgegenstrahlte.

Er nickte vor sich hin. „Die Kannibalen haben etliche gute Eigenschaften, bessere, als du sie hier im engeren Umkreise antriffst!“, murmelte er.

„Und ich will nicht! Und ich will nicht! – Du blutiger Schachergauner. – Die Sache kostet dich einen Dollar pro Nase – dreie sind wir – das Leihgeld für die Kleider vom Juden und den Leichenschmaus ungerechnet!“, fauchte der Schwarze Bud aufgebracht.

Voll musikalischer Ruhe entgegnete der Bebrillte: „Neunzig Cents, o Mann, der Sie nicht nur den Körper, sondern auch das Hirn eines tollen Büffels haben. – Neunzig Cents, die zwei Flaschen, die Gallone Schnaps und zehn Manilazigarren!“

„Rauch deine Zigarren selber!“

Ein schrilles Gackern der Hühner brach aus, als Bud dem verblüfften Chinesen den Strohhut vom Kopfe riss und ihn wütend unter das davonflatternde Geflügel schleuderte. Während der Asiate mit undurchdringlicher Miene seinen Hut holte, sagte Benny zu mir: „Verschwinde, solange die beiden sich in den Haaren liegen. Nachher ist’s zu spät. Und stell dich morgen an der Rückseite der sogenannten Kathedrale ein, ich will dir einen Dollar bringen. – Fort jetzt. Ich will nicht, dass ein junger Kerl sich mit Bud einlässt und dann zugrunde geht. Bud ist nämlich ...“

„Hat er Sie schon oft geschlagen?“, unterbrach ich.

Er lächelte. „Nie, trotzdem er es mir oft androht; aber Bud schlägt mich nicht. Irgendwo in seiner Tierseele hat er mich gern, deswegen misshandelt er mich nicht, obwohl er mich eines Tages, falls ich nicht vorher sterbe, ganz bestimmt in einer Aufwallung totschlägt!“

„Geh doch von ihm!“, riet ich.

Er lächelte: „Wohin? Niemand will den Verkommenen, Opiumsüchtigen und von andern Lastern Befallenen, von denen du verschont bleiben sollst, gerne um sich haben. Bud ist in seiner Art sehr gut zu mir, und er ist ein weißer Mann. Und ein solcher soll bei mir sein, wenn ich krepiere.“

„Das Hospital? Die Ärzte und Pflegerinnen waren sehr nett zu mir!“, rief ich, und er lächelte: „Zu mir wären sie’s nicht, denn ich bin zu tief gesackt. – Nimm dir aber ein Beispiel an mir, Junge, was aus einem weißen Manne in diesen gottverdammten, höllischen und doch so unbeschreiblich schönen Gegenden werden kann. Geh heim zu deiner Mutter! Hast du noch eine? Geh zurück zu ihr, dann erfährst du, wie gut und verzeihend ein Mutterherz sein kann!“ Beschwörend sah mich Benny an, und mir saß auf einmal ein heißer, würgender Kloß in der Kehle.

„Einundneunzig Cents, die zwei Flaschen, dazu die Extragallone, die Manilas, den Leichenschmaus und – und – und eine Wochenkarte zum freien Eintritt in den Paramount-Film-Palast!“, ertönte einförmig die Rede des Chinesen, der, den gesäuberten Strohhut wieder auf dem Kopfe, Bud gegenübersaß. Dieser zwirbelte mit den Fingerspitzen an seinen aus dem offenen Soldatenhemde ragenden schwarzen Kräuselhaaren, die ihm die breite Brust bedeckten. Er kicherte rau, nahm dann einen Schluck und legte seine Pranke auf die Schulter des Verführers, dass dieser beinahe von seinem Sitze fiel.

„Einen Dollar! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn du nicht willst, dann zieh ab und versuch, ob du jemand anders findest; obwohl du weißt, dass die blutige Polizei nur mein Geschäft duldet. – Einen Dollar! Oder hau ab, denn ich will jetzt in Ruhe ein Schlückchen trinken!“

„Geh, lauf, denn gleich ist’s zu spät!“, drängte mich Benny leise.

„Gut! Ein Dollar, sei es. Ich werde gleich die Kleider schicken lassen, und am Nachmittag soll euch jemand abholen!“, sagte der Chinese gleichmütig. Er erhob sich und ging.

„Haha!“, grollte Bud. „Der gelbe Teufel wollte den Schwarzen Bud einwickeln. – Seht, da zieht er ab. – He, Pockennarbiger, bring mir eine Schinkenstulle, heut gibt’s Geld!“

„Jetzt musst du bleiben!“, raunte mir Benny ins Ohr. Buds Blick traf mich, hielt mich fest. „Ah!“, nickte er befriedigt. „Siehst ganz gut aus, in Frack und Zylinder wirst du noch süßer aussehen!“

Er knallte sich die rechte Faust auf die Brust. – Gleich wird er mit den Fäusten zu trommeln anfangen, wie Gorillas es tun, dachte ich.

„He, warum sagst du nichts? Weißt du nicht, dass es eine blutige, allmächtige Ehre ist, mit dem Schwarzen Bud zusammenzuarbeiten? Dutzende von Beachcombers reißen sich darum; denn wer mit mir ist, den lässt die Polente in Ruhe. – Sag danke schön, junger Grasaff, oder ich will dir die Kinnladen aus- und wieder einrenken. Goddamn!“

Der schlanke Benny nickte mir aufmunternd zu, und ich begann: „Danke schön, wirklich danke schön, Bud, aber …“

„Was aber?“, tobte er, und sein Blick umfasste mich drohend.

„Es ist eine sehr große Ehre, Bud, ich weiß, aber – aber ich bin sehr jung, und sicher findest du bessere Leute am Strande!“

Der trunkene Glanz seiner Augen wurde eiskalt, seine Stimme klang ganz nüchtern und war so voll heimlicher Drohung geladen, dass mir prickelnde Schauer den Rücken hinabliefen. Ich überlegte, ob ich es drauf ankommen lassen sollte, davonzulaufen, Aber Bud war wegen seiner Behändigkeit bekannt, er würde mich einholen. Außerdem bot die Insel gegen die Verbrüderung der Beachcombers und ihren König Bud, der bei der Polizei Gönner besaß, keinen guten Schutz. Man würde mich finden – selbst im Krater des Kilauea!

„’tschuldige, Bud, ich dachte nur so!“, sagte ich, und innerlich fluchte ich über den fluchenden Joe, dem ich diese Patsche verdankte.

„Gar nichts hast du zu denken, merk dir’s. Das Denken besorge ich oder allenfalls hier Benny!“ Der Raubtierblick ließ mich los, und Bud bedachte den neben mir sitzenden Benny mit einem gutmütigen Lächeln.

„Der Jung’ ist in Ordnung, Bud!“, murmelte der Schlanke. Jetzt kam der Wirt mit dem Schinkenbrot. Wolfsartig riss Bud große Brocken ab, befahl dazwischen, mit vollem Munde kauend: „Für Benny und den Jungen hier auch dasselbe. Beeile dich, Pockenschurke!“

Tommy brachte die Nahrungsmittel, und ich konnte endlich das Loch im Magen, das allmählich zu schmerzen begonnen hatte, damit ausfüllen. Im Innern der Hütte, wo sich verschiedene zweideutig aussehende Gäste eingefunden hatten, ertönte Gelächter. Dann spielte ein Grammophon die beliebte schluchzende und trillernde Musik der Inseln. Ich stopfte meine Pfeife. Die Sonne brannte herab. Schwein und Hühner hatten sich in den Schatten zurückgezogen. Über die brüchige Mauer drang das Brausen der Stadt. Benny saß in sich zusammengesunken mit fast erloschenem Blick wie träumend da. Der gorillaartige Beachcomberkönig aber las jetzt in einer schmierigen Zeitschrift. Er schaute kaum auf, als ein halbblütiger Polizist vorsichtig, um seine hellen Beinkleider nicht im Morast zu beschmutzen, über den Hof schritt.

„Schon wieder!“, brummte Bud und vertiefte sich weiter in schnapsgefüllte Kokosnuss und fleckige Lektüre.

Der Beamte machte im Türrahmen Halt. Im Innern brach das Grammophon schrill ab, dann ertönte Murmeln und spöttisches Lachen. Der Polizist rief eintönig, wobei diese Redeweise gar nicht mit seinem vergnügten Lächeln im Einklang stand: „Im Namen des Prohibitionsgesetzes! Man hat mir gesagt, dass in diesem Lokal verbotener Alkohol verkauft wird. Meine Pflicht ist es, Gentlemen, diesem Gerücht nachzuforschen!“

Der Pockennarbige glitt aus dem Düster in das helle Sonnenlicht und hielt dem Beamten eine entkorkte Flasche hin, deren Etikett sehr deutlich besagte: „Mellow beautiful old Irish Whisky“. Milder, schöner, alter irischer Whisky.

„Forsche, mein Sohn. Forsche in dieser Pulle, mein Sohn. Und damit du richtig forschen kannst, so hab’ ich nichts dagegen, wenn du dir jeden Abend und jeden Morgen einen Forschertrunk holst. – Hoffentlich lässt mich dann das Prohibitionsgesetz ungeschoren!“

„Es soll dreimal oder noch öfter verdammt, verbrannt und zu Grabe getragen werden!“, rief der Polizist überzeugt, roch verklärt an der Flasche, nahm dann einen Schluck und noch einen langen, endlosen.

„Das ist gut!“, grunzte er nachher atemholend, und der Wirt nahm die Flasche zurück.

„Ich werde nachher bezeugen, dass bei dir nur Limonade und alkoholfreies Nährbier ausgeschenkt wird!“, beteuerte der Uniformierte.

„Tue das, mein Sohn. Aber vergiss nicht, ehe du Bericht erstattest, einige Gewürznelken oder Kaffeebohnen zu kauen, sonst riecht man dir den Forscherdrang an!“, riet Tommy spöttisch, und die Polizei ging.

Ein Chinese, der ein Kattunbündel schleppte, nahte jetzt und setzte seine sichtlich sehr leichte Bürde zu Buds Füßen ab.

„Blinge feine Kleidel! Begläbnis!“, kicherte er fistelstimmig und schnürte das Bündel auf. Drei im wahrsten Sinne vorsintflutliche, widerborstige, grünlich schimmernde Zylinderhüte kamen zum Vorschein, die der Chinese grinsend auf eine trockene Stelle des Bodens legte. Nun folgte eine Schachtel, in der sich drei Paar spitze, sehr große, geplatzte und brüchige Lackhalbschuhe befanden, dazu gestärkte, schneeweiße Vorhemdchen, große Kragen und fertig genähte schwarze Schleifchen.

„Passen gut, sind gloße Nummeln, fünfundvielzig, siebenundvielzig!“, erklärte der Asiate und zog dann weiß gewesene Westen, fleckige Schwalbenschwänze, die zerknittert und traurig herabhingen, sowie die dazugehörigen Beinkleider, an denen bunte Hosenträger baumelten, hervor.

„Plächtige Sachen! Ganz plachtvoll!“, beteuerte der Chinese, machte noch eine Verbeugung und ging ab.

Benny gähnte, dann öffnete er weit die Augen. „Hm, die Lumpen sind nicht gerade sehr angenehm zu tragen. Ich ziehe meinen eigenen Schmutz fremdem vor!“, murmelte er. Der Schwarze Bud passte die Zylinderhüte auf. Der größte saß einigermaßen auf seinem mächtigen Schädel. Dann zog er sein Soldatenhemd aus und band sich das gestärkte Vorlätzchen nebst Kragen und Krawatte auf die nackte behaarte Brust. Als er ohne Spiegel und nur mit Bennys Unterstützung damit fertig war, sah das Vorhemdchen arg zerknittert aus. Bud fuhr nun in die Hosen, die enge, kanonenrohrähnliche Form hatten.

„Der Kerl, der die trug, wusste auch nicht, was ein richtiger Mannesachtersteven ist. Hoffentlich platzen die blutigen Gehäuse nicht!“, schalt er und hing sich die Träger über die breiten Schultern. Sich qualvoll bückend, presste er jetzt seine nackten Füße in das größte Paar Schuhe, und als dies geschehen war, schlüpfte er in die tief ausgeschnittene Weste. Der Frack saß ihm nun prall auf dem Leibe, ohne in allen Nähten zu platzen, während Bud beide Arme schräg vom Leibe hielt und sich steif aufrichtete. „Verflucht! Und da sagt das unnütze Volk, wir wären arbeitsscheu! – Ist das vielleicht keine Arbeit, he?“, schrie er wütend, nachdem Wirt und Gäste ihr bewunderndes Urteil abgegeben hatten.

Benny kleidete sich jetzt an, und er sah wunderbarerweise in den grotesken Sachen gut aus. Benny half auch mir. Mein Frack war zu eng in den Schultern, die Ärmel reichten nur bis knapp unter die Ellenbogen und die Beinlinge saßen wie straffe Futterale, die viel zu kurz waren. Die engen Lackschuhe pressten mir die Zehen zusammen, und der Zylinder legte sich wie ein schmerzender Reif um meinen Kopf. Ich hätte am liebsten vor Wut geheult.

Der Wirt nahm unsere Kleider in Verwahrung.

Benny, der meine unglückliche Miene beobachtete, flüsterte mir zu: „Nachher, wenn wir wieder umgezogen sind, verschwindest du. Das ist nichts hier für dich. Und lache nicht etwa bei dem Begräbnis. Die Leidtragenden nehmen es sehr ernst und sehen keine Verhöhnung in unseren Vogelscheuchenanzügen. Und da sie außer dem Toten die Hauptpersonen sind, so ist alles in Ordnung; obwohl es beschämend für uns ist, wenn man unsern Standpunkt in Betracht zieht. – Deshalb will ich auch, dass du dich bei der ersten Gelegenheit davonmachst, Bud nehme ich dann schon auf mich.“

Bud betrachtete uns misstrauisch. „Was habt ihr da für blutige Heimlichkeiten?“, erkundigte er sich.

„Ich musste dem Jungen ein paar Erklärungen geben, er war ja noch nie bei solch einer Sache dabei!“, erwiderte der Schlanke.

Der Schwarze Bud nickte zufriedengestellt, dann fing er plötzlich an zu fluchen: „Bei welchem Sautrödler hat der Chinese diese Kleider geliehen! Ich kann mich ja kaum bewegen, weil alle Nähte knacken. Und das blutige Lätzchen kratzt mir den Bauch wund. Hühneraugen werd’ ich auch kriegen!“

Ich war froh, als er nach weiterem Gebrumme schwieg. Der moralische Unflat, mit dem seine ganzen Reden durchsetzt waren, widerte mich an. Gegen ihn nahm sich die Ausdrucksweise des fluchenden Joe wie das Gestammel weiß bekränzter Sonntagsschulmädel aus.

Ein Chinese holte uns in seinem zerbeulten Ford ab, und wir fuhren nach dem Trauerhause. Während der ganzen Fahrt schimpfte Bud entsetzlich, denn er musste in dem hin und her rüttelnden Gefährt stehenbleiben. Andernfalls wären ihm bestimmt sämtliche Nähte der Kleider geplatzt! – Wir müssen ein sehr sonderbares Bild abgegeben haben, als wir durch die menschenerfüllten Straßen nach der Vorstadt klapperten. Aber Honolulu ist reich an Merkwürdigkeiten, und niemand kümmerte sich groß um uns.

Wir wurden erwartet, der Sarg stand bereits im Garten. Sich lebhaft unterhaltende Chinesen und Halbblütige umdrängten uns. Auch der Bebrillte, der mit Bud den Handel abgeschlossen hatte, war da. Und sein Gesicht war das einzige, das sich bei unserer Ankunft in spöttisch verächtliche Falten legte. Dann kam er heran und gab jedem einen Silberdollar. Mit wahrem Tigerblick wandte sich der Strandläuferkönig an mich. „Mit dem Gelde musst du nachher rausrücken, merk dir das, milchgesichtiger Laffe!“

Der Trauerzug ordnete sich. Der riesige, bunt verzierte Sarg wurde auf langen Stangen von einem Dutzend Männer getragen, die alle möglichen Kostüme, nur keine chinesischen, trugen. Weiße Hosen, weiße Hemden, Panamahüte oder Tropenhelme und Filzhüte herrschten vor. Die Besitzer dieser Kleider hatten alle Hautschattierungen vom Quittengelb bis zum Milchkaffee. Es waren sympathische Gesichter voll abgeklärter Sanftmut darunter. Vor und neben dem Sarg schritten Verwandte und Freunde, die brennende, milde Düfte verbreitende Räucherkerzen in Händen hielten. Hinter dem Sarge kamen die engeren Verwandten, worunter sich – echt chinesischer Sitte entgegen – Frauen und Mädchen in europäischen Trauerkleidern befanden. Dahinter blieb ein kleiner Zwischenraum, in dessen Mitte wir drei Vogelscheuchen marschierten. Ich muss einräumen, dass man Bud von seiner alkoholischen Frühstücksorgie nichts anmerkte. Auch nahm sein kühn-brutales Seeräubergesicht zuweilen jene Züge heuchlerischer Andacht an, wie man sie oft bei Mitgliedern von Betversammlungen bemerkt, wenn sie mit ihren Gedanken ganz woanders sind. Benny schaute mit weit geöffneten Augen geradeaus. Sein Mund war schmerzverzogen, und einmal sah ich, wie ein krampfhafter Husten seine schmächtigen Schultern rüttelte. Hinter uns ging die ganze halbblütige Nachbarschaft des Kearney-Gässchens. Sie hatten den Toten gut gekannt, denn er war in dieser Gasse geboren, in ihrem Schmutze aufgewachsen und hatte nachher dort einen Laden mit Lebensmitteln eröffnet.

Räucherstäbchen dufteten. Die halbwüchsige Tochter des Toten stieß manchmal einen jammervollen Schrei aus. Dann hörte das Plaudern hinter uns für Augenblicke auf, und die gitarrenähnlichen Instrumente und Gongs gaben dieser halb-heidnischen Zeremonie einen wilden Anstrich.

„Sind es eigentlich Christen?“, fragte ich Benny. Er erwiderte: „Dem Namen nach wenigstens, ja. Du wirst nachher den Priester auf dem Friedhof sehen!“

Wir überquerten in beschleunigtem Tempo eine verkehrsreiche Straße, und der Polizist ließ Reihen von Autos anhalten, bis uns die nächste Gasse in ihre niedere Häuserschlucht aufnahm. Zahlreiche Chinesen begegneten uns. An den Gesichtern konnte man nicht immer unterscheiden, ob es vollblütige Söhne des Reiches der Mitte waren oder nur mit Kanaken und Weißen gezeugte Mischlinge. Die ersteren, denen Bud und wir zwei andern als „Leidtragende“ bei der Zeremonie ein Gräuel waren, wandten sich stumm ab, eilten davon oder blieben stehen und taten, als befänden sie sich mutterseelenallein auf irgendeinem entvölkerten Planeten. Die andern aber betrachteten neugierig den Zug, tauschten Meinungen miteinander aus, wobei sie aber nie versäumten, den Hut zu ziehen – falls sie einen hatten. Einige schlossen sich sogar hinten an.

Zusammenfassung


Auf Honolulu wird ein junger Mann mittellos nach einem schweren Fieber aus dem Krankenhaus entlassen. Weil er gezwungen ist, jede Arbeit anzunehmen, lässt er sich auf ein dubioses Unternehmen ein ohne Einzelheiten zu erfragen. Als er dann herausfindet, dass er mit einen anderen Mann dessen Ehefrau aus der Lepra-Kolonie der Insel Molokai entführen soll, ist es schon zu spät, um wegzulaufen.

Details

Seiten
246
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933215
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
frau hawaii

Autor

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Titel: Die Frau von Hawaii