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TIMETRAVEL #57: Die Zwei-Monde-Festung

2019 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Zwei-Monde-Festung

Copyright

Prolog

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Die Zwei-Monde-Festung

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 57

von Wilfried A. Hary

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Während des Anfluges auf den Mars verschwindet das Raumschiff MANAUS plötzlich von den Ortungsschirmen der Raumüberwachung. Eine sofort eingeleitete Suchaktion verläuft ergebnislos die MANAUS existiert nicht mehr.

Damit ist das Maß voll. Es sind schon zuvor terranische Schiffe verschwunden und nicht wieder aufgetaucht die Vorfälle konnten aber weitgehend vertuscht werden. Ein findiger Reporter bringt die mysteriöse Angelegenheit an die Öffentlichkeit und zieht sich sofort die Aufmerksamkeit des marsianischen Sicherheitsdienstes zu.

Hat die Marsregierung die Raumschiffe kapern lassen, um eine Flotte in die Hand zu bekommen, mit der den Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber der Erde mehr Nachdruck verliehen werden kann? Oder hat die Erdregierung einen riesigen Bluff gestartet, um gegen die Marskolonisten zu hetzten?

Professor Hallstrom und sein Team geraten im Jahre 2648 in das Kräftespiel zweier Regierungen, die in den Wirren der Trenganer-Invasion und des Ukilionen-Überfalles den Überblick verloren haben und nicht erkennen, dass eine fremde Rasse in aller Ruhe die beiden Mars-Begleiter Deimos und Phobos annektiert und zur Festung ausgebaut hat: zur ZWEI-MONDE-FESTUNG.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Adelind, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Prolog

Professor Hallstrom glückte das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Zeitpunkt reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

 

 

1

Die Bordzeitung tackerte aus dem Schreiber. Gelangweilt blickte Captain Jerzy Loza hinüber. Der automatische Schreiber sprach alle zwölf Stunden an, um die neuesten Nachrichten aus der Raumfahrt zu berichten.

Jerzy Loza wurde aufmerksam. Eine Schlagzeile sprang ihm ins Auge: „Die besten Raumkapitäne verschwinden auf dem Mars!“ Untertitel: „Ein Schachzug der Regierung, oder eine Verschwörung der Planetenkolonisten?“

Loza schürzte anerkennend die Lippen. Da wagte sich ein mutiger Journalist an ein sehr heißes Eisen.

Er blickte auf. Die MANAUS, die er befehligte, befand sich im Anflug auf den Mars. Erste Funkkontakte hatte es bereits gegeben. Momentan war wenig zu tun. Sie mussten die Instrumente beobachten, um alle Unregelmäßigkeiten sofort festzustellen und darauf zu reagieren. Auf das Bordgehirn war zwar Verlass, doch wollte sich die achtköpfige Besatzung nicht allein darauf verlassen.

Captain Jerzy Loza wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Zeitung zu. Er nahm sie aus dem Auffangkorb und wollte den Artikel des kühnen Journalisten studieren.

Es blieb bei seiner Absicht.

In diesem Augenblick wurde das Schiff von einem harten Schlag getroffen.

Jerzy vergaß die Zeitung und hatte Mühe, nicht von seinem Sitz geschleudert zu werden. Er hielt sich geistesgegenwärtig an den Armlehnen fest. Die Zeitung flatterte davon und blieb an der Wand hängen.

„Was, zum Teufel ...?“, fluchte er.

„Alarm!“, brüllte der erste Pilot.

Jerzy Loza erfasste die Instrumentenanzeigen mit einem Blick. Nur die Schwerkraftanalyse und der Chronometer spielten verrückt. Alles andere blieb normal.

Normal?

Der zweite Schlag traf die MANAUS. Jerzy ließ die automatischen Gurte aus seinem Sitz schnellen. Jetzt brauchte er sich nicht mehr festzuhalten.

Schatten flatterten über die Bildschirme wie behandschuhte Riesenhände, die alle Kameras blind machen wollten.

Der dritte Schlag war weniger heftig. Dafür stellte sich ein eigenartiges Rütteln ein. Die acht Männer wähnten sich in einem altmodischen Bodenfahrzeug, das über Kopfsteinpflaster fuhr. Begriffe aus ferner Vergangenheit, die vor allem im Weltraum keine Bedeutung mehr hatten, obwohl Jerzy Loza daran denken musste.

Die Schiffswandungen begannen zu schwingen wie eine Glocke.

„Was ist denn überhaupt los?“, rief Loza seinem ersten Piloten zu.

Der brüllte nur wieder: „Alarm!“

Was bei ihm vollkommen konfus erschien, machte sich nur äußerlich bemerkbar. In seinem Innern war Werner Luy ein eiskalter Rechner, der im Moment auf Hochtouren arbeitete, um die Ursache des Phänomens zu klären.

Jerzy Loza ließ ihn gewähren. Wenn er es nicht aufgab zu fragen, bekam er nur wieder Unsinniges zu hören.

Die Besatzung bewies, dass sie ein eingespieltes Team war. Jeder Mann besetzte seinen Posten und checkte die Instrumente.

Bis Jerzy Loza keinen anderen Ausweg mehr wusste, als einen Notruf zum Mars abzusenden.

Nur Sekunden waren seit dem ersten Schlag vergangen. Die Schiffszelle dröhnte jetzt so laut, dass es in den Ohren schmerzte.

Bestürzt musste Jerzy Loza feststellen, dass er zu spät gehandelt hatte. Der Notruf kam als Echo zurück.

Er würde nie auf dem Mars anlangen.

Das Schiff wurde von einem schwarzen Mantel umhüllt, aus dem es kein Entrinnen gab, obwohl die Triebwerksingenieure sofort alles aus den Aggregaten herausholten, was herauszuholen war. Es verschlimmerte ihre Lage sogar noch, denn die Nadel der Energieanzeige fiel rapide zurück.

Das war der Zeitpunkt, an dem sich der schwarze Mantel enger um sie schloss und die dröhnende und schwingende Schiffszelle einschnürte.

Der furchtbare Laut marterte die Sinne der Männer. Erbarmungslos hämmerte er auf sie ein. Mit verzerrten Gesichtern pressten sie die Hände gegen die Ohren.

Abrupt hörte es auf. Stille kehrte zurück. Schwärze und ein eiskalter Hauch strich über sie hinweg und nahm ihr Bewusstsein mit in einen schrecklichen Abgrund.

Das war Jerzy Lozas letzte Empfindung, während die Radarerfassung auf dem Mars die unmögliche Feststellung machte, dass das Raumschiff MANAUS von einer Sekunde zur anderen spurlos verschwand. Eine Tatsache, die von sofort losgeschickten Suchkommandos nur bestätigt werden konnte.

Man bemühte sich von offizieller Seite her verzweifelt, den Vorfall zu vertuschen. Irgendwo saß ein Journalist, der seine Augen und Ohren überall hatte vor allem dort, wo es verboten war. Er hatte auch den Artikel geschrieben, der zuletzt Jerzy Lozas Aufmerksamkeit erregt hatte.

Sofort hakte er nach. Es blieb bei der Nachricht vom Verschwinden der MANAUS.

William Morrow, der sich selbst stets in reinstem Sarkasmus als den rasenden Weltraumreporter bezeichnete, fügte die Neuigkeit seiner Liste bei. Eine Notiz ersparte er sich, da die MANAUS nicht das erste Schiff war, das auf so spektakuläre Art und Weise untertauchte. Er behielt es bei sich in der Annahme, später vielleicht mehr damit anfangen zu können.

Schon zwölf Stunden später erschien sein neuester Artikel. Diesmal nicht nur in der Raumfahrerzeitung, sondern auch in allgemeinen Blättern auf der Erde.

 

 

2

Zur Verblüffung der Zeitspringer waren die Städte bereits wieder neu erstanden. Die Menschen waren nach der Hitzekatastrophe aus dem unterirdischen Wohnsystem an die Oberfläche zurückgekehrt.

Stolz zeigte Ben Crocker die Geldstreifen. Frank bedeckte seine Augen mit beiden Händen und seufzte herzerweichend.

„Professor, heute sind Sie an der Reihe, unser Genie zu loben. Ich bringe es einfach nicht mehr über die Lippen.“

Ben, der Ingenieur des dreiköpfigen Zeitkugel-Teams, ballte die linke Hand. Es sah so aus, als wollte er mit den Geldstreifen Frank Jaeger kräftig den Scheitel nachziehen.

Professor Hallstrom fiel ihm in den Arm.

„Machen Sie nicht so ein Aufhebens!“, warnte er und warf Blicke nach allen Richtungen, ob niemand auf sie aufmerksam wurde.

Frank machte ein erschrockenes Gesicht.

„Ach so, ich vergaß ganz, Irre soll man stets umschmeicheln und nicht kritisieren!“

Ben knurrte: „Du hast Glück, dass mir nichts Passendes einfällt.“ Er wandte sich an Professor Hallstrom. „Ich habe eine Idee, Professor: Bei der nächsten Mahlzeit bezahle ich nur für uns beide, nicht wahr? Damit hätten wir dem Lästerer den Mund gestopft. Soll er doch sehen, woher er sein Geld nimmt.“

Hallstrom runzelte die Stirn.

„Ganz so unrecht hat Frank nicht, Ben!“, sagte er vorsichtig. „Wir sind Ihnen ja dankbar, dass Sie mit Ihrem Duplikator Geld herstellen können, zumal es uns nicht möglich ist, entsprechende Zahlungsmittel aus unserer Eigenzeit mitzubringen, aber …“

„Kein Wort mehr!“, knurrte Ben Crocker, stopfte die Streifen in die Taschen und stampfte davon. Hallstroms zupackende Hand glitt einfach ab. Ben tat so, als hätte er sie gar nicht gespürt.

Einen Augenblick lang glaubte Hallstrom tatsächlich, Bert sei eingeschnappt und mache sich deshalb davon. Aber dafür kannte er ihn zu gut. Ben war der Letzte, der keinen Scherz vertrug.

Etwas anderes musste also seine Aufmerksamkeit erregt haben.

Ben steuerte auch tatsächlich auf einen mannshohen Automaten zu. In Leuchtschrift waren ein paar Schlagzeilen zu sehen.

Ein Zeitungsautomat!

Er spuckte brav die neuesten Nachrichten ausgedruckt auf hauchdünner Folie. Das Material war dünn wie echtes Engelshaar, aber stabiler als jedes Zeitungspapier aus dem zwanzigsten Jahrhundert.

Hallstrom hegte außerdem die Befürchtung, dass überhaupt niemand hier im Jahre 2646 den Begriff Zeitungspapier kannte. So etwas gab es höchstens im Museum säuberlich eingegossen in durchsichtige Plastikblöcke, damit es sich auch ja gut hielt.

Professor Hallstrom und Frank Jaeger wurden neugierig. Sie folgten Ben.

Er verdeckte die Schlagzeilen mit seinem breiten Rücken. Beide lugten um ihn herum.

Die erste Schlagzeile sprang ihnen ins Auge: „Verschwundene: Opfer oder Mittäter?“ Untertitel: „Kein Zweifel mehr am Verschwinden fähiger Raumkapitäne!“

„Genau wie bei uns daheim!“, brummte Ben. „Die bringen erst eine gewaltige Schlagzeile, die sich bereits im Untertitel als rein spekulativ herausstellt!“

Er kaufte sich das Blatt trotzdem noch bevor ihn Professor Hallstrom dazu ermutigen musste.

Frank konnte sich eine bissige Bemerkung nicht verkneifen: „Womit du beweist, dass die Schlagzeile richtig gewählt wurde, sonst hätte sie dich nicht angelockt!“

Ben steckte einen Zahlstreifen in den dafür vorgesehenen Schlitz zum Automaten. Willig zwickte der Mechanismus ein Stückchen ab und überließ Ben den Rest des Streifens.

„Wenigstens ist er kein Schreihals und posaunt die Schlagzeilen in der Gegend herum!“, sagte Ben und staunte, als das Blatt in seinen Händen landete. Ja, es war nur ein einziges Blatt. Man konnte die einzelnen Zeitungsteile gesondert von den anderen kaufen oder auch mehrfach Geld investieren und das ganze Exemplar erwerben.

Ben Crocker hatte mit dem einen genug. Sein Blick flog über die interessanten Zeilen: „Insgesamt zwanzig Raumkapitäne verschwanden in den letzten Tagen mit und ohne ihr Schiff. Die Suche nach ihnen bleibt erfolglos. Niemand weiß, was sich dahinter verbirgt. Schon liegt ein Dementi der marsianischen Regierung vor, die mit der Angelegenheit nichts zu tun haben will. Dennoch werden Stimmen laut, die gerade die Marsianer anklagen, denn ausschließlich Terraner stehen auf der Vermisstenliste. Wollen die Marsianer damit die Erdflotte schwächen? Drehen sie die Entführten um, weil sie mit ihnen zu einem Befreiungsschlag gegen die Erde ausholen wollen?

Andere Stimmen melden sich ebenfalls. Die Regierung der Erde gerät mehr und mehr in Misskredit. Ein Dementi aus dieser Richtung unterblieb bisher. Man ignoriert die Tatsachen einfach, will uns erklären, es handle sich um Lügengebilde. Wir wissen es besser und fordern, dass endlich mit offenen Karten gespielt wird. Drohungen gegen unsere Zeitung weisen wir scharf zurück. Wir sind unabhängig. Die Menschheit, die breite Masse hat ein Recht auf Aufklärung.“

Ben ließ das Blatt sinken.

„Kurz und prägnant!“, kommentierte Frank. „Was geht da oben auf dem Mars vor?“

Sie mussten zurücktreten, da auch andere an der Zeitung interessiert waren. Der Automat bekam Arbeit.

„Es gibt eine einfache Methode, der Sache auf den Grund zu gehen!“, erklärte Ben, und nicht zufällig musterte er dabei Professor Hallstrom sehr intensiv.

Der Professor wand sich wie eine geschlagene Schlange.

„Zur Hölle mit Ihren Anspielungen, Ben, aber diesmal werde ich mich nicht erweichen lassen. Ich bleibe mit beiden Beinen auf der Erde und das im wahrsten Sinne des Wortes!“

Er hätte noch einiges hinzufügen können. Doch damit hätte er auch nicht mehr erreicht. Frank und Ben redeten gemeinsam auf ihn ein, bis sich Frank freiwillig aus der Debatte zurückzog. Erfahrungsgemäß fiel es Ben leichter, den Professor von einem einmal gefassten Standpunkt abzubringen.

Ein Argument von Professor Hallstrom gewann schließlich: „Es ist nicht einzusehen, dass wir uns von irgendeinem Sensationsblatt zum Mars locken lassen. Was haben wir überhaupt mit den Verschwundenen zu tun?“

 

 

3

Als Captain Jerzy Loza erwachte, geschah das von einem Augenblick zum anderen. Verständnislos blickte er sich um. So schnell auch sein Erwachen erfolgte, so träge sickerten die Erinnerungen in sein Bewusstsein.

Noch immer befand er sich an Bord der MANAUS. Die Instrumente waren erloschen, desgleichen die Beleuchtung. Dennoch herrschte Licht. Es handelte sich um einen grünlichen Schein, der direkt aus den Wänden sickerte. Was verursachte ihn?

Jerzy Loza wollte sich erheben, doch die Glieder waren bleischwer. Er fiel zurück. Das weiche Pneumopolster fing ihn auf. Jerzy fühlte sich wie von einer schlimmen Krankheit geschwächt.

Oder als hätte mir etwas Energie entzogen!, durchzuckte es ihn.

Automatisch blickte er zur Energieanzeige.

Ja, sie funktionierte noch, arbeitete aber auf letzter Sparflamme.

Was sie wiedergab, war total entmutigend: die MANAUS hatte nichts mehr in den Speichern. Sie war vollkommen manövrierunfähig.

Jerzy Loza rang nach Luft. Sie erschien verbraucht. Wenn das Schiff keine Energie mehr hatte, konnte auch die Lufterneuerungsanlage nicht funktionieren.

Sein Blick ging zu den anderen. Von den acht Besatzungsmitgliedern insgesamt befanden sich mit Loza sechs in der Zentrale. Auch in sie kam jetzt Bewegung. Sie gaben sich genauso apathisch, wie ihr Chef das tat.

„Jerzy!“, sagte Werner Luy. Es war mehr ein Röcheln als ein Rufen.

Der Captain duzte sich mit seinem ersten Piloten. Werner und er hatten einst gemeinsam die Schule besucht. Ihre Voraussetzungen für die Ausbildung waren die gleichen gewesen. Trotzdem neidete ihm Werner die bevorzugte Stellung nicht. Sie waren Freunde geworden zum zweiten Mal hier an Bord, nachdem sie sich jahrelang aus den Augen verloren hatten.

Jerzy Loza war ein Kapitän, der auch in Ausnahmesituationen den Überblick behielt und seine Mannschaft im Griff hatte. Das war das wichtige Unterscheidungsmerkmal zwischen ihnen. Werner Luy war der Spezialist, der sich um Details kümmerte, während Jerzy Loza als geborener Koordinator dafür sorgte, dass keiner im Team am anderen vorbeiplante.

„Kein Saft mehr auf den Leitungen!“, krächzte Loza unkonventionell zurück.

„Wo sind wir?“, fragte Werner Luy.

Jerzy deutete mit einer schwachen Handbewegung auf die erloschenen Bildschirme. Das sagte mehr als alle Worte.

Eine leichte Erschütterung pflanzte sich im Boden fort. Einer in der Zentrale mühte sich ab, seinen Sitz zu verlassen. Der automatische Gurt hielt ihn fest. Erst musste er umgestellt werden, bevor er sich manuell lösen ließ. Dazu hatte der Mann nicht mehr die Kraft.

Jerzy schaute ihm mit trüben Augen zu. Er sah, wie der Mann aus dem Sitz kippte und ausgestreckt am Boden landete. Alle Anstrengungen nutzten nichts.

Das grüne Leuchten in den Wänden verstärkte sich. Es drang in ihr Bewusstsein, wirkte beruhigend, einschläfernd.

Jerzy Loza wehrte sich verzweifelt dagegen. Er hatte die Grauensvision, dass dieses Leuchten all ihre Kräfte absaugte und sie dabei systematisch umbrachte.

Er fragte sich, welchem Gegner sie in die Hände gefallen waren. Sicher war, dass das Erlebte keine natürlichen Ursachen hatte.

Er wollte davor fliehen, doch das grüne Leuchten zerstörte seinen Willen und löschte alles Denken.

 

 

4

„Sie sind wieder da!‘‘, sagte der Mann vom Bildschirm her. Er tat dabei sehr geheimnisvoll.

William Morrow blickte ihn stirnrunzelnd an. Einen Lidschlag lang hatte er die Wahnsinnsidee, der Anrufer meine die Vermissten von der MANAUS. Doch das war schlecht möglich.

„Wer ist wieder da?“, fragte er deshalb unschuldig.

Der Mann ging näher an die Kamera heran.

„Sie erinnern sich doch der drei Fremden, nicht wahr? Unsere Nachforschungen ergaben keine konkreten Anhaltspunkte. Doch unser anfänglicher Verdacht wurde zur Gewissheit, als wir endlich herausbekamen, dass sie zwar Identitätsplaketten besitzen, jedoch unregistriert herumlaufen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wollten Sie nicht voriges Jahr eine Story daraus machen?“

William Morrow nickte betrübt.

„Das tat ich auch! Nur wollte die Story niemand haben. Es fehlten die stichhaltigen Fakten, wie man mir bescheinigte. Die drei erwiesen sich als überaus friedlich. Sie taten niemandem etwas, stahlen nicht, wurden nicht kriminell.“

„Bis sie dann genauso spurlos verschwanden, wie sie auftauchten“, vollendete sein Gesprächspartner. „Der Zufall war auf unserer Seite. Einer unserer Verbindungsmänner hat sie gesichtet.“

Verbindungsmänner das war ein Thema für sich. Ungern dachte William Morrow daran, wie viel Gelder in diese Kanäle flossen. Innerhalb der letzten zehn Monate war er zu einer Berühmtheit geworden zumindest in einschlägigen Kreisen. Niemand wusste, woher er all die brisanten Stoffe hatte, mit denen er Zeitungen und Agenturen in schöner Regelmäßigkeit fütterte. Das Schlüsselwort hieß Verbindungsmänner. Überall hatte William Morrow seine Hände im Spiel. Seine Karriere war sorgfältig vorbereitet. Zuerst knüpfte er wichtige Verbindungen, ehe er sich an das große Zeitungsgeschäft heranwagte. Es zahlte sich heute aus. William Morrow war der absolute Renner.

Und seine Leute sorgten nicht nur für gute Nachrichten, sondern auch für seine Sicherheit indem sie ihn über jede Strömung auf dem Laufenden hielten.

Er hatte alles so arrangiert, dass der Einzelne nie an das große Geschäft kam. Er sammelte Informationen wie andere Mineralien. Nur verdiente er mit seinem Hobby wesentlich mehr Geld.

Und jetzt hatte seine zwar überschaubare, aber ungeheuer effektive Organisation, die sich häufig hart am Rande der Legalität bewegte und manchmal sogar darüber hinaus, eine alte Geschichte ausgegraben. Er hätte nie gedacht, dass ihm die drei Männer wieder über den Weg laufen würden.

William Morrow witterte eine Sensation. Dabei war er realistisch genug, die drei nicht gleich mit den vermissten Raumkapitänen in Verbindung zu bringen.

„Kümmern Sie sich persönlich um sie!“, ordnete er an.

Sein Mann auf der Erde nickte grinsend. Er löschte den Kontakt.

Eine Minute lang stierte William Morrow auf den toten Bildschirm. Dann widmete er sich seinem neuesten Bericht über die Entführungen. Es gab zwar leider kein neues Material, doch genügte es vorläufig, Bekanntes miteinander zu verknüpfen, umzuwürzen und kräftig aufzukochen. William Morrow verstand sein Handwerk. Eine Kleinigkeit für ihn, auch weiterhin Oberwasser zu behalten.

Kein Griff zu den Sternen, denn Morrow war alles andere als ein Spinner. Er schöpfte nur seine Möglichkeiten aus und festigte damit fortwährend das Fundament, auf dem er mit beiden Beinen stand.

 

 

5

Die drei Zeitreisenden hatten keine Ahnung, dass sich das so gewichtige interplanetarische Gespräch zwischen Erde und Mars ausgerechnet um sie drehte. Sie kannten auch William Morrow nicht. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass sie bei ihren letzten Besuchen diesem Fuchs aufgefallen waren.

Ben lud seine Begleiter zu einem kräftigen Imbiss ein. Dabei bestellte er gleich fünf Portionen beim Robotkellner. Gottlob konnte sich eine Maschine nicht wundern. Der Robotkellner kam auch nicht auf die Idee, abzuzählen und zu fragen, ob man denn noch zwei weitere Gäste erwartete.

Natürlich wollten sie mit niemandem teilen. Ben hatte nur mal wieder seinen großen Hunger. Er schob nach einiger Zeit auch wirklich den letzten Plastikteller von sich, tupfte die Lippen ab und schielte zur Bestelleinheit hinüber. Dann aber streichelte er seinen Bauch und setzte das freundlichste Lächeln auf, zu dem er fähig war.

„Nun, wie soll es jetzt weitergehen?“

Hallstrom schickte einen misstrauischen Blick in die Runde. Sie blieben unbeobachtet.

„Vergesst nicht, warum wir hier sind.“

Ben und Frank wussten es. Vor sechs Jahren erschienen die Trenganer zum ersten Male offiziell auf der Erde. Inzwischen wusste man, dass sich die Trenganer aus sieben Rassen zusammensetzten. Eine Art interplanetarische Vereinigung mit gemeinschaftlichen Zielen. Eine der Rassen machte sich einst auf der Erde als Bewohner von Atlantis einen Namen. Es handelte sich um eine Kolonie der Trenganer. Nun, sie kamen wieder, um ihre ehemalige Kolonie zu besuchen. Ein Schock für sie, als sie alles verändert vorfanden und eine Menschenrasse, die ihre eigene Entwicklung durchgemacht hatte. Und sie trafen auf die Ukilionen, ein abtrünniges Volk, das einst zu ihrem Verband gehörte. Die Ukilionen, wegen ihrer völlig fehlenden Mimik auch Steingesichter genannt, gerieten mit den Trenganern in Kämpfe. Sie hatten etwas dagegen, von ihren ehemaligen Verbündeten nach Hause geholt zu werden. Die Ukilionen waren absolut menschenähnliche Wissenschaftler und Krieger. Und sie verstanden es, die Zeit zu manipulieren. Sie hatten auch die Hitzekatastrophe verursacht, um die Erde zu entvölkern und Siedlungsraum zu gewinnen. In letzter Sekunde war durch die terranische Raumflotte dieses Vorhaben gestört worden. Ganz überraschend hatten sich die Ukilionen zurückgezogen. Zu bereitwillig, um glaubhaft zu erscheinen. Wahrscheinlich hatten sie ein neues Versteck gefunden und bereiteten einen neuen Schlag gegen die Erde vor.

Nicht aus diesem Grunde weilten die Zeitspringer im Jahre 2652, sondern wegen des wandernden Zeitfeldes der Ukilionen. Es konnte allen Menschen aller Zeiten zur Gefahr werden, denn es konnte auch in der Vergangenheit auftauchen.

Der Robotkellner sammelte das Einweggeschirr ein und verbreitete eine unfreundlich geschäftige Atmosphäre um sich. Die Zeitspringer gingen lieber.

Kaum traten sie vor das vollautomatische Restaurant, als Ben abrupt stehen blieb. So plötzlich, dass ihn die anderen anrempelten.

Frank hatte schon eine entsprechende Anmerkung auf der Zunge, als er Bens Gesicht sah.

Der Ingenieur hatte etwas entdeckt.

 

 

6

Jemand schrie durchdringend. Jerzy Loza fuhr von seinem Lager auf.

Da erst wurde ihm bewusst, dass er selber diese Schreie produzierte.

Er warf einen Blick in die Runde. Noch immer befand er sich in der Zentrale. Jemand hatte die Mechanismen der Pneumosessel in Gang gesetzt. Sie hatten sich in Liegen verwandelt.

Jerzy Loza fühlte sich zwar nicht gerade frisch und munter, sondern eher wie nach einem schlechten Traum, doch er konnte sich wieder einwandfrei bewegen.

Mit einem Tastendruck löste er den Sicherheitsgurt. Er ließ die Beine baumeln und setzte sich auf den Rand der Pneumoliege.

Nacheinander wurden auch die anderen fünf in der Zentrale wach. Sie schauten herüber, als müsste er ihnen eine Lösung für alle Fragen auftischen.

Die Notbeleuchtung brannte.

Jerzy Loza ließ die Lehne des Pneumopolsters wieder hochklappen. Er setzte sich bequem. Mit der Rechten schaltete er den Notschirm ein.

Das Ding funktionierte sogar.

Das Bild, das er wiedergab, erschien nur auf den ersten Blick fremdartig. Der zweite Blick ließ bereits erkennen, dass sich die MANAUS in einer Art Hangar befand.

Am interessantesten waren die Wände dieses riesigen Hangars. Ganz offensichtlich befanden sie sich nicht an Bord eines Riesenschiffes, das die MANAUS gekapert hatte. Der größte Teil der Wände zeigte nämlich Felsen! Einen riesigen Krater! Und darüber den dunklen Himmel.

Er hatte den Eindruck, dass ein Schirmfeld als Dach über dem Krater lag.

Jerzy Loza brauchte eine Weile, bis er diese Tatsache verdaut hatte. Dann kamen ihm eine Menge Fragen, die auf Antwort harrten. Mit wem hatten sie das zweifelhafte Vergnügen? Schließlich zeichnete jemand für ihre Kaperung verantwortlich. Mit dem Umstand, dass sie sich in einem Kraterhangar befanden, war der letzte Zweifel ausgeräumt, sie seien einer natürlichen Katastrophe zum Opfer gefallen.

Und schon schloss sich die zweite dringliche Frage an: Wo befanden sie sich überhaupt?

Auf der Oberfläche des Mars?

Unwillkürlich warf Jerzy Loza einen Blick auf seinen Armchronometer. Dabei bekam er einen gehörigen Schrecken. Seit der Entführung waren bereits zwölf Stunden vergangen.

Er lachte leise. Es klang eine Spur irre. Der Zeitungsspender geriet in sein Blickfeld. Inzwischen musste die neueste Ausgabe längst erschienen sein. Jerzy fühlte sich versucht, das Ding in Gang zu setzen. Das tat er dann auch. Natürlich funktionierte es nicht.

Bisher war jeder in der Zentrale mit sich selber beschäftigt gewesen.

Jetzt schauten sie alle zum Bildschirm herüber.

Werner Luy deutete darauf.

„Ich vermisse das Empfangskomitee!“

Bevor Jerzy Loza etwas sagen konnte, meldete sich der Funkoffizier zu Wort.

„Captain, das Gerät bleibt tot. Ich habe es mit Notstrom versucht und eine Teileinheit gestartet. Damit ist zwar die Reichweite stark begrenzt, aber besser als nichts, dachte ich mir.“

Jerzy Loza befürchtete einen endlosen Wortschwall. Dafür war der Funkoffizier Merrill berüchtigt.

„Ergebnis?“, fragte er deshalb schnell.

„Sobald wir einen Ruf absetzen, kommt er als Echo zurück. Ich kann es mir nicht erklären. Egal, welche Frequenz ich einschalte. Selbst Suprawellen kommen nicht durch, werden einfach ...“

„Ein Kraftfeld?“

„Keine Ahnung, Captain. Wenn ja, dann ist eines sicher: Wir kennen so etwas nicht!“

„Was heißt wir? Es könnte eine Neuentdeckung sein. Die gibt es doch laufend.“

„Trotzdem, Captain, dann müsste es sich um Banditen handeln so wie die sich benehmen!“

Werner Luy bemerkte: „Bis jetzt benehmen die sich überhaupt nicht, denn sie sind nirgendwo zu sehen. Wenn ich meinem gesunden Menschenverstand vertrauen darf, dann wurde dieser Hangar nicht allzu oft benutzt. Noch etwas fällt mir auf: die Schwerkraftverhältnisse! Auf dem Mars befinden wir uns bestimmt nicht. Wir wären wesentlich leichter.“

„Du meinst doch nicht etwa, man hat uns zur Erde gebracht?“, entfuhr es Jerzy Loza. „Wie hätten wir dort unbemerkt landen können?“

„Auch der Mars wird überwacht!“, belehrte ihn Werner Luy. „Er scheidet also nicht nur aus vorgenanntem Grund aus.“

„Es gibt keinen Planeten mit Erdschwerkraft außer der Erde selber. Ich will aber auch nicht annehmen, dass unsere Gastgeber das Problem der künstlichen Schwerkrafterzeugung in solch perfekter Weise gelöst haben.“ Jerzy Loza sprang auf. „Im Übrigen finde ich es müßig, hier Spekulationen anzustellen. Nehmen wir die Dinge, wie sie sind.“

Er deutete in die Runde.

„Werner, du bleibst als mein Stellvertreter an Bord! Merrill, Sie bewachen das Funkgerät und machen sich Gedanken darüber, wie wir dennoch einen Spruch nach draußen kriegen! Clapton und Bates, ihr beide werdet mich begleiten! Zieht euch warm an! Vielleicht ist es kalt draußen.“

Die beiden konnten über den lahmen Witz nicht lachen. Sie protestierten zwar nicht gegen die Anweisungen ihres Captains, doch zogen sie Grimassen.

Auch Werner Luy war mit seiner Rolle nicht zufrieden. Er wäre lieber mit Jerzy gegangen. Doch einer musste schließlich hierbleiben. Sie konnten nicht die MANAUS unbeaufsichtigt lassen. Das verstieß gegen die Vorschriften.

Clapton und Bates machten sich fertig. Sie gingen zum Wandschrank und zogen sich leichte Raumkombinationen über. Gepanzert waren die Kombinationen nicht. Sie begaben sich schließlich nicht hinaus in den freien Raum, wo die Möglichkeit von Meteoriteneinschlag bestand.

Wie eine zweite Haut umschloss sie die Monturen.

Captain Jerzy Loza klappte sein Helmvisier zu.

„Auf geht’s!“, sagte er über Helmfunk. Er marschierte zur Schleuse.

Auf dem Weg dorthin bildete sich ein steinartiger Klumpen in seinem Magen.

Was würde sie draußen erwarten? Blieb das Bild so friedlich wie auf dem Schirm?

 

 

7

Ben steuerte auf einen Mann zu, der sich in der Nähe aufhielt. Er war damit beschäftigt, gelangweilt in der Gegend herumzublicken.

Ben fasste ihn kurzerhand an der Schulter und drehte ihn so weit herum, bis sie sich in die Augen blicken konnten.

Professor Hallstrom erschrak. Gemeinsam mit Frank lief er hinüber.

Sie bekamen gerade mit, dass Ben sagte: „Jetzt passen Sie mal gut auf! Entweder höre ich in den nächsten zwanzig Sekunden eine plausible Erklärung für Ihre Schnüffelei, oder ich setze Ihnen ein Horn zwischen die Augen.“

Der Fremde brachte sogar ein Grinsen zuwege.

„Ich will verdammt sein, wenn ich mich jemals ungeschickt angestellt habe. Allen Respekt! Sie haben eine gute Beobachtungsgabe.“

Das verschlug selbst Ben die Sprache. Der Fremde machte überhaupt keine Anstalten zu leugnen.

Er streifte Bens harten Griff ab und streckte leutselig seine Rechte aus.

„Mein Name ist Vance Morris!“ Niemand ergriff seine Rechte, weshalb er sie wieder zurücknahm. Aber er schien nicht eingeschnappt zu sein. „Sie fielen mir auf, das ist alles. Schon zweimal in den letzten Jahren. Der Zufall brachte uns hier wieder zusammen.“

„Hier waren wir in den letzten Jahren nicht!“

Hallstrom hatte es übernommen, sich mit diesem ominösen Mister Morris zu unterhalten.

Ben betrachtete nachdenklich seine mächtigen Fäuste.

„Ich habe Sie damals auch nicht hier gesehen. Leider verlor ich Sie aus den Augen. Sie verschwanden jedes Mal spurlos“, sagte Morris bereitwillig.

Ben blickte auf.

„Jetzt wissen wir immer noch nicht, warum Sie uns beschatten! Glauben Sie mir, wenn ich jedem Menschen, dem ich schon einmal begegnet bin, nachlaufe wie ein zweiter Schatten, habe ich eine ganze Menge zu tun.“

Morris wurde schlagartig ernst.

„Es steckt natürlich mehr dahinter. Sie waren irgendwie in die Geschehnisse um die Trenganer und die Ukilionen verwickelt. Außerdem sind Sie nicht registriert. Einmal jedenfalls erwischte ich Sie dabei.“ Er deutete auf ihre Erkennungsmarken. „Meines Erachtens handelt es sich um perfekte Fälschungen!“

Die drei Zeitreisenden warfen sich bestürzte Blicke zu. So weit musste es ja einmal kommen. Sie waren aufgefallen. Wie viel wusste man inzwischen über sie?

„Und Sie operieren ganz allein?“, erkundigte sich Frank vorsichtig. Morris konnte wieder lächeln. „Nicht ganz, aber das gehört nicht hierher. Ich möchte nicht darüber sprechen. Dafür möchte ich etwas anderes: Ihre nähere Bekanntschaft machen!“

„Und wenn wir nicht erpicht darauf sind?“, fragte Ben lauernd.

Morris zuckte die Achseln und antwortete liebenswürdig: „Es wäre zumindest ein Fehler!“

Hallstrom ließ seine Blicke kreisen. Er konnte nichts Verdächtiges entdecken, doch durfte nicht ausgeschlossen werden, dass dieser Morris Verbündete in der Nähe hatte. Gewiss war er nicht allein gekommen.

Es fragte sich nur, ob er sie vielleicht in eine Falle locken wollte, weil man in aller Öffentlichkeit nicht an sie herankam.

Der Vertreter einer Behörde war Morris auf keinen Fall. Dann hätte er anders gehandelt.

Hallstrom wollte schon ablehnen, aber Ben kam ihm zuvor.

„Sie haben recht, Morris. Einen solchen Fehler können und wollen wir nicht machen wo Sie so nett und freundlich sind.“

Er klopfte dem Mann auf die Schulter, dass der halb in die Knie ging und das Gesicht verzog. „Alte Freunde sind wir zwar nicht, aber wir verstehen uns, nicht wahr?“ Frank und Professor Hallstrom kannten Ben gut genug, um zu wissen, dass der Ingenieur nicht auf diese Art seine Sympathien für jemand bezeugte.

„Worauf warten wir noch, Morris?“, fragte Ben. „Wir sind bereit. Wohin soll es gehen?“

Morris schritt einfach voraus. Hallstrom benutzte die Gelegenheit für eine Rüge an Ben: „Das nächste Mal handeln Sie nicht so eigenwillig!“

Und Frank hakte nach: „Warum hast du nicht gesagt, dass wir beobachtet werden?“ Ben blickte von einem zu anderen. Dann sagte er in aller Unschuld: „Wie hätte ich denn wissen können, dass ihr es nicht selber gemerkt habt? Ich war jedenfalls nicht ganz sicher. Erst als der Kerl immer noch auf seinem Platz stand, nachdem wir ausgiebig gespeist haben, wurde ich aufmerksam und ...“

„Wer hat ausgiebig gespeist?“, fiel ihm Frank ins Wort. „Anders ausgedrückt: Einer von uns hat wie ein lebendiger Müllschlucker alles Erreichbare in sich hineingeschaufelt.“ Ben fluchte und blieb Morris hart auf den Fersen.

Ihr Führer blickte sich nicht ein einziges Mal zu ihnen um. Sie fragten sich, wohin er sie wirklich brachte.

Hallstrom dachte an eine Falle. Ben und Frank hegten ähnliche Gedanken.

Sie widmeten sich verstärkt ihrer Umgebung. Vorsichtshalber lockerten sie ihre Paralyzer, jene Betäubungswaffen, die vollkommen geräuschlos arbeiteten und deren Wirkung man stufenlos verstellen konnte.

Damit wähnten sie sich gegen einen möglichen Angriff gewappnet.

 

 

8

Sie warteten in der Schleuse. Hinter ihnen hatte sich das Innenschott geschlossen. Eine letzte Analyse der Außenatmosphäre erfolgte. Dabei blinkte ein grünes Lämpchen auf. Das Messinstrument darunter zeigte an, dass die Schutzmaßnahmen der drei Männer übertrieben waren, denn im Hangar herrschte eine atembare, wenngleich hundertprozentig sterile Atmosphäre.

Bates und Clapton blickten ihren Captain von der Seite an, doch Loza machte keine Anstalten, die Helmklappe zu öffnen. Resignierend wandten sie sich wieder den Instrumenten zu.

Diese liefen mit Notstrom, funktionierten also einwandfrei. Jemand hatte ihnen kunstgerecht die Energie entzogen, doch genügend wieder zurückgepumpt. Auch die Frischluftversorgung an Bord klappte.

Jerzy Loza verschwendete keinen Gedanken daran. Grimmig wartete er auf das Öffnen der Außenschleuse. Er hoffte, dass sich die Unbekannten endlich vorstellten. Er hatte ein paar Fragen.

Das Außenschott schwang auf. Das Schiff fuhr automatisch eine schmale Rampe nach unten und sorgte damit für Höhenausgleich.

Die drei Raumfahrer schritten vorsichtig hinab. Auf das Mitführen von Waffen hatte Jerzy Loza nicht verzichtet. Die Bewaffnung des Schiffes ließ ohnedies zu wünschen übrig. Die MANAUS war in staatlichem Besitz und wurde in erster Linie zu Kurierzwecken verwendet. Oftmals beförderte sie geheime Dokumente. Diesmal hatte sie nichts Wertvolles an Bord. Lediglich Nachschubgüter.

Die Ladung konnte also unmöglich der Grund für die Kaperung sein.

Wieder dachte Jerzy Loza an die verschwundenen Raumkapitäne. Stand sein Name jetzt mit auf der Liste? Es interessierte ihn brennend, was mit den Verschwundenen geschehen war. Nur hätte er es gern auf andere Art und Weise erfahren.

Sie schauten sich um, nachdem sie am Fuß der Rampe angelangt waren. Vorsorglich ließ Loza die Außenschleuse geöffnet. Vielleicht mussten sie sich schnell in das Schiff zurückziehen. Obwohl er sich kaum vorstellen konnte, dass sie dort sicherer waren als hier draußen.

Der Bildschirm in der Zentrale hatte ihnen leider nur einen Ausschnitt des Hangars zeigen können. Jetzt fragte sich Jerzy Loza, wie sie überhaupt auf den Ausdruck Hangar gekommen waren. Nur auf einer Seite waren die Felswände mit Metall verkleidet. Unverständliche Anordnungen von Maschinen und Bedienungselementen befanden sich dort. Loza steuerte darauf zu.

Bates und Clapton folgten zaudernd. Die Sache war ihnen nicht geheuer. Sie schielten zum offenen Außenschott ihres Schiffes zurück. Sie waren zwar keine Feiglinge, aber eine unbekannte Gefahr war schon immer furchteinflößender als eine Gefahr, die sich einschätzen ließ.

Und seine Überlegenheit hatte der Gegner hinlänglich bewiesen.

Sie erreichten die technischen Anordnungen. Bates streckte seine Rechte aus. Ehe es Jerzy Loza verhindern konnte, legte David Bates einen violett markierten Hebel herum.

Unwillkürlich hielten sie den Atem an. Jerzy Loza glaubte, einen Lufthauch zu spüren trotz seiner Raummontur.

Aber es war Einbildung. Nichts geschah.

Bates lachte verkrampft.

„Kein Grund zur Panik, Captain. Ich wollte mich nur davon überzeugen, ob die Einrichtungen wirklich tot sind.“

Sie waren tot! Jerzy Loza spürte dennoch Groll. Er fand das Vorgehen von Bates unverantwortlich.

Schon wollte er den Mann zurechtweisen, als Clapton einen Schrei ausstieß.

Loza und Bates zuckten zusammen. Clapton streckte die Hand aus.

Die beiden folgten mit den Blicken der Richtung, in die er deutete.

Und dann mussten sie an sich halten, um nicht ebenfalls aufzuschreien.

 

 

9

Weit brauchten sie nicht zu gehen. Wo sie sich vorher aufgehalten hatten, war eine Art Fußgängerzone. In regelmäßigen Abständen befanden sich Einstiegsschächte für unterirdische Beförderungsmittel.

Die erste Unterebene beherbergte Laufbänder.

Die Zeitreisenden wussten es, weil sie diesen Weg gekommen waren.

Die Gleitbänder wurden von Geschäften und Wohnungen gesäumt. Hauptgeschäfts- und Wohnviertel jedoch befanden sich neuerdings wieder oberirdisch. In diesem Teil der Stadt fehlten noch die gigantischen Wohnblocks. Die Städte waren immer noch in der Aufbauphase. Vermutlich dauerte es noch Jahre, bis alle Spuren der vierjährigen Hitzekatastrophe getilgt waren und die Erde überall wieder bewohnbar war.

Die drei Zeitspringer betraten keinen der Einstiegsschächte. Sie kamen zur Randzone des Viertels. Hier waren inmitten eines großzügig angelegten Parkgeländes eine Unzahl von Gyrogleitern abgestellt Auf einen steuerten sie zu.

Morris machte eine einladende Geste. Sein Grinsen gefiel den Gefährten nicht.

„Willkommen an Bord meines Gleiters! Er ist Privateigentum. Seit das alte Konzept des Staatseigentums neu überdacht wurde, gibt es den Privatbesitz wieder in verstärktem Maße. Wir haben uns aus der Sackgasse herausbewegt und neue Wege des Zusammenlebens erschlossen.“

Ben fragte sich, was die Erklärung sollte. Der Mann betrachtete sie dabei aufmerksam.

Als wäre er überzeugt davon, zu Leuten zu sprechen, die auf dieser Welt im Grunde genommen fremd waren!

Bens Herz schlug ein paar Takte schneller. Er blickte seine Gefährten an.

Waren sie von einer bestimmten Gruppe von Leuten in ihrer Eigenschaft als Zeitreisende erkannt?

Diese Überlegung erfüllte Ben mit Unruhe. Die Andeutungen von Morris wiesen darauf hin, dass man sich über ihre Rolle nicht ganz im Klaren war. Wahrscheinlich machten sie einen Fehler, wenn sie sich diesem Morris so ohne Weiteres anschlossen, doch durften sie keine Spur unbeachtet lassen.

Morris berührte den Gleiter mit der flachen Hand. Die Automatik erkannte ihn als rechtmäßigen Besitzer an und öffnete die Seitentür.

Zwei Stufen führten in das Innere des Gyrogleiters. Er war geräumig und luxuriös ausgestattet. Mit einem armen Mann hatten sie es gewiss nicht zu tun.

Oder war es der Reichtum der Leute, die hinter Morris standen?

Ben spürte Wut in sich aufsteigen. Die Ungewissheit machte ihn krank. Er sah sich herumgeschoben und dirigiert.

Bevor er seiner Wut Ausdruck verleihen konnte, bremste ihn Frank mit einem Rippenstoß. Der Freund wusste sehr wohl, was in Ben vorging.

„Die sind im Moment am längeren Hebel!“, raunte er. „Warten wir die Entwicklung ab. Eine Wahl haben wir nicht.“

Wortlos stieg Ben ein.

Morris machte keine Anstalten, sich hinter das Steuer zu setzen. Er nahm ihnen gegenüber Platz und betrachtete sie wohlwollend.

Der Eingang schloss sich. Sofort fühlten sich die drei Zeitreisenden wie in einer Gefängniszelle.

Morris drehte sich zum Instrumentenbord um und sagte einen Buchstaben-Zahlenkode. Aus einem versteckten Lautsprecher tönte die monotone Wiederholung. Morris antwortete: „Start!“

Die Gyrokreisel liefen an. Eine sorgfältige Schallisolierung ließ nur ein fernes Summen in die Innenkabine dringen.

Morris öffnete eine Seitenklappe. Eine Anordnung von Flaschen und Gläsern kam zum Vorschein. Alle bestanden aus Spezialplastik. Die Oberfläche des Materials war superglatt. Es brauchte nicht mit Wasser gespült zu werden. Eine flüssige, für den menschlichen Organismus ungefährliche Substanz wurde verwendet. Der Reinigungsvorgang erfolgte nach Steuerung des Bordcomputers. Schmutzteile wurden aus der wiederverwendbaren Flüssigkeit herausgefiltert.

Diese Tatsachen hatte Ben Crocker mit seiner unbezähmbaren Neugierde bei einem früheren Besuch in der Zukunft herausbekommen. Neben diesem Verfahren hatten selbstverständlich ungezählte andere ihren Platz. Ebenso wie auf der Erde des zwanzigsten Jahrhunderts eine übertechnisierte Welt im Jetztzeitalter neben Lebensgewohnheiten der Altsteinzeit existieren konnte. Im siebenundzwanzigsten Jahrhundert waren die Unterschiede zwar nicht ganz so krass, aber dennoch vorhanden. Verschiedene Wissenschaftler und Ingenieure hatten unterschiedliche Lösungen für vorhandene Probleme entwickelt.

Ein Umstand, der nicht zuletzt auch auf das Verkehrswesen zutraf!

Der Gyrogleiter erhob sich. Wenige Zentimeter Abstand zwischen Straßenbelag und Gleiterboden genügten. Das Fahrzeug beschleunigte mit sanften Werten. Es geschah so umsichtig, dass nicht einmal die Flüssigkeit in den Flaschen schwappte.

„Was darf ich Ihnen anbieten?“, fragte Morris freundlich.

Der Reihe nach winkten sie ab.

Morris zuckte gleichmütig die Achseln, öffnete eine Flasche und ließ gluckernd ein Glas volllaufen. Er schnupperte daran und verzog anerkennend das Gesicht.

Seine Zufriedenheit wuchs nach einem Probeschluck.

Bequem lehnte er sich zurück. Zwischen den Fingern drehte er das nur noch halbvolle Glas. Das Barfach stand noch offen. Wahrscheinlich wurde der Inhalt mit relativ energiearmen Kraftfeldern an seinem Platz fixiert.

Frank warf einen Blick durch die nur von innen durchsichtigen Seitenscheiben.

Der Park mit den großzügigen Gleiterabstellplätzen dehnte sich kilometerweit dahin. Ihr Gyrogleiter steuerte zwischen einer langen Reihe hindurch und bog schließlich auf eine Nebenstraße. Es gab regen Gegenverkehr. Bald gelangten sie zur Hauptpiste. Der Gyrogleiter beschleunigte auf das vorgeschriebene Limit.

„Ich kann mir denken, dass Sie eine Menge Fragen auf der Zunge haben. Keine Bange, die Antworten warten bereits auf Sie. Wir wollen nur wissen, mit wem wir es zu tun haben“, sagte Morris.

Hallstrom lächelte unverbindlich. „Was glauben Sie denn?“

Details

Seiten
113
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933192
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503692
Schlagworte
timetravel zwei-monde-festung

Autor

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Titel: TIMETRAVEL #57: Die Zwei-Monde-Festung