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Schicksale im Haus an der Ecke #12: Der entführte Arzt

2019 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der entführte Arzt

Copyright

Die Hauptpersonen:

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Der entführte Arzt

Schicksale im Haus an der Ecke #12

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Alfredo Romani, ein Lude mit einer Menge Spielschulden, will ein Geschäft mit den Russen machen und heuert dafür Camillo Zavorra, einen Ganoven aus Italien, an. Aber alles läuft aus dem Ruder: Ein Polizist stirbt, der Killer wird angeschossen. Alfredo entführt den Doc, der überall im Rotlichtmilieu beliebt ist, damit der den Verletzten behandelt. Da der Arzt besonders im Haus an der Ecke von den Tüllen, der Puffmutter Deike und ganz besonders von der Eckhaus-Köchin Ida geschätzt wird, fällt sein Verschwinden schnell auf. Ludenkönig Marek lässt das ganze Dirnenviertel auf den Kopf stellen, um ihren Doc zu finden ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Alfredo Romani - Zuhälter um den King, startet eine Extratour.

Camillo Zavorra - Ganove aus Italien, gerät in die Klemme.

Doc - aus der Bahn geworfener Arzt, von Dirnen und Ganoven gleichermaßen geschätzt, ist verschwunden.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Alfredo bekam weiche Knie, als erhörte, er solle dem Doc assistieren. Er konnte kein Blut sehen. Doch er musste bleiben. Doc war darin eisern. Der Arzt hatte in seiner ganzen Laufbahn noch nie so unter Druck gearbeitet. Es war schlimm, und er fragte sich während der ganzen Zeit: Was wird sein, wenn ich ihn durchbringe? Er wagte nicht weiterzudenken.

Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, kann es vorkommen, dass man leichtsinnig wird. Man denkt dann nur noch: Wie komme ich zu Mäusen? Dass man sich mitunter dabei das Genick brechen kann, daran denkt man zuletzt. Man will nur nicht aufgeben, das ist es! Man hält es für eine große Schande! Vor allen Dingen ist man so sehr davon überzeugt, dass nur dieser eine Weg dazu führt, dass man gar nichts anderes mehr in Erwägung zieht.

Für den Zuhälter Alfredo Romani war dieser Zeitpunkt gekommen. Man hatte ihn schon ein paarmal gewarnt. Er wusste, es ging jetzt um die Wurst. Er hatte es einfach nicht lassen können, das Glücksspiel. Er war wie besessen davon. Konnte nicht mehr leben, wenn er nicht einmal täglich spielte. So blieb es also nicht aus, dass die Mäuse flöten gingen. Seine großen Einnahmen schrumpften sehr schnell dahin. Sicher, hin und wieder hatte er auch mal riesiges Glück gehabt. Das Dumme dabei war nur, dass er danach so sehr davon überzeugt war, der Größte zu sein, dass seine Einsätze sogar noch höher wurden.

Marek, Königslude von Hamburg, hatte sich Alfredo schon vorgeknöpft.

»Ich hasse es, verstehst du, wenn du spielst! Begreife doch endlich, dass es nicht gut gehen kann. Ich warne dich.«

Alfredo Romani hatte ihn mit seinen dunklen Augen angestarrt.

»Du kannst mir gar nichts verbieten. Gar nichts! Ich bin Lude, ich habe auch meine Rechte. Ich zahle mein Geld an die Innung. Mache mit, wenn man mich ruft. Was willst du also noch?«

»Geh in eine andere Stadt und spiele, Alfredo. Hörst du! Lass es dir zum Prinzip werden.«

Der Lude hatte seinen Oberboss angestarrt, als sei dieser plötzlich grün geworden.

»Sag mal, du hast wohl ein paar Löcher im Strumpf, was? In einer anderen Stadt? Da käme als nächstes Bremen in Frage. Meinst du das?«

»Ganz recht!«

»Bist du wahnsinnig? Soll ich vielleicht jeden Tag nach Bremen juckeln?«

»Versteh mich doch endlich, Alfredo. Dann wirst du nicht mehr so oft spielen. Es wäre in deinem Interesse! Ich warne dich. Wenn es Ärger geben sollte, kannst du dich auf etwas gefasst machen. Wir sind dann nicht mehr auf deiner Seite.«

»Keine Sorge, ich werde dich nicht um Hilfe bitten«, hatte er spottend geantwortet. »Das habe ich bei meinen vielen Tüllen wirklich nicht nötig. Ehrlich nicht. Ich habe nur meinen Spaß daran und sonst nichts. Verstehst du? Es ist doch mein Bier, wenn ich mein Geld so unter die Leute bringe, oder etwa nicht?«

»Lege es günstig an, damit du dein Auskommen für später hast. Wenn du dann noch Geld übrig hast, kannst du es verspielen.«

Alfredo zeigte keine Einsicht. Er glaubte tatsächlich, es mit Marek aufnehmen zu können.

»Du hast wohl Angst, dass ich besser sein könnte, wie? Stell dir mal vor, ich sahne alles ab! Mache damit das ganz große Geld! Hast du davor Angst?«

»Ich will keinen Ärger, egal wie er aussieht. Wenn er mit dem Spiel zusammenhängt, dann kann ich sehr unangenehm werden. Du bist jetzt gewarnt.«

Alfredo Romani hatte ihn lachend verlassen. Zu seinen Leuten hatte er großspurig geäußert: »Der hat die Hosen gestrichen voll. Es ärgert ihn nur, dass ich so gut absahne. Na ja, wenn er ein wenig freundlicher zu mir gewesen wäre, hätte ich ihm ja einen Tipp gegeben. Aber so!«

Seine Leute hatten ihn angesehen. Jeder hatte sich sein Teil gedacht. Die ihm ergeben waren, bewunderten ihn und glaubten an seine Worte. Die anderen Mitarbeiter dachten: Wenn er so weitermacht, wird er uns bald nicht mehr den Lohn zahlen können. Wir müssen uns irgendwann nach einem anderen Boss umsehen. Sollten wir das nicht sofort tun?

Ganz so einfach war es aber leider nicht, den Ludenboss zu wechseln. Das konnte ins Auge gehen. Also hielten sie still und beobachteten ihren Chef heimlich.

Alfredo Romani zog weiterhin seine Bahn. Verlor, gewann und verlor. Er verlor immer mehr, und das machte ihn nervös, rasend, sehr, sehr zornig. So verlor er noch mehr, und dann fing er auch noch zu trinken an.

Die Mädchen hatten es jetzt nicht mehr so einfach, für ihren Boss anzuschaffen. Er saugte sie aus. Ließ ihnen kaum noch was zum Leben. Sie stöhnten und klagten, doch tun konnten sie im Augenblick nicht sehr viel.

Seine Eintreiber hatten mitunter mehr Mitleid als ihr Boss. Wenn eine Tülle die ganze Nacht umsonst gestanden hatte, Hunger hatte, nicht mehr wusste, woher das Geld nehmen, um einen Friseur aufzusuchen, wenn man sie dann auch noch zusammenschlagen musste, sie ein faules Stück nennen und so weiter, das war schon arg.

Ein paar Schläger hatten noch einen Rest von Gewissen. Sie sagten dann endlich zu Alfredo: »Du vermackelst deine Ware! Es geht nicht an. Das bringen sie einfach im Augenblick nicht. Der Markt ist voll, die Zeiten sind schlecht. Das weißt du doch selber. Die tun, was sie können, die Mädchen. Ehrlich.«

Alfredo raste: »Das sind meine Mädchen. Sie haben mir zu gehorchen. Sagt ihnen, ich schneide ihnen eigenhändig die Kehle durch, wenn sie nicht endlich vernünftig anschaffen gehen.«

Das war den Leuten zu viel.

»Dann sag du es ihnen! Wir machen nicht mehr mit. Wir wollen mit Mord nichts zu tun haben.«

Alfredo glaubte sich verhört zu haben.

»Ihr wollt nicht mehr mitmachen? Los, dann haut doch ab! Den Lohn bekommt ihr auch nicht mehr. Ich kriege genug Leute. Haut bloß ab!«

Damit hatten sie schon gerechnet und Vorsorge getragen. Sie waren jetzt arbeitslos. Also gingen sie zur Innung, in der Hoffnung, dort einen Job zu bekommen. Ganz so einfach war es in der Unterwelt im Augenblick auch nicht mehr. Selbst die Luden fingen an zu sparen. Seit die Arbeitsämter kaum noch Stellen anbieten konnten, kam es immer häufiger vor, dass sich auch anständige Burschen in diesem Viertel umsahen. Burschen mit bestimmten Qualitäten. Sie, die als Strichjungen angefangen hatten, konnten im Grunde genommen nichts anderes als bessere Laufburschen sein.

Marek war vereist. Sein Vertreter sagte: »Ich kann im Augenblick darüber nicht entscheiden. Wartet ab!«

»Wir können dir eine Menge über unseren Boss erzählen.«

»Das könnt ihr Marek sagen. Mir nicht. Ich weiß nicht, was er vorhat.«

Sie waren wütend.

»Wir brauchen Geld.«

»Sicher. Dann geht in den Hafen und meldet euch dort. Vielleicht haben die was?«

Hafen!

Voller Entsetzen blickten sie sich an. Dort musste man ja richtig arbeiten! Das hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nicht getan. Knurrend entfernten sie sich.

Seufzend griff Mareks Vertreter zum Telefon und wählte eine Privatnummer.

 

 

2

Deike Borg lag in der Badewanne und entspannte sich. Es war schön, sich mal nicht hetzen zu müssen. Es war schön, einfach dazuliegen und ein wenig zu träumen. Es war auch ein besonders schönes Badezimmer. Marmor und vergoldete Hähne. Alles war wunderbar aufeinander abgestimmt. Sie liebte diese Stunde im Bad und fühlte sich dann irgendwie frei von allen Sorgen. Sie konnte dann von Dingen träumen, die nie Wirklichkeit wurden. Das Wasser hatte schon einen besonderen Reiz an sich. Die feinen Düfte zogen durch ihre Nase, und sie schloss die Augen.

Eigentlich hatte sie es ja noch sehr gut. Manchmal dachte sie über ihr Leben nach. Es hätte auch ganz anders kommen können. Sie war jetzt eine geachtete Bordellmutter. Sie verdiente viel Geld damit. Doch auch vorher hatte sie schon viel Geld eingenommen. Als Startülle hatte sie die ganz hohen Tiere bedient und ein paar, von denen man noch nicht mal den Namen laut aussprechen durfte, so wichtig waren sie im Weltgeschehen. Ja, ja, vor einigen Jahren hatte sie noch richtig mitgemischt. Hatte geliebt und gelacht, hatte tolle Feste gefeiert und war oben an der Spitze gestanden. Hatte sogar heiraten wollen!

Ihr Herz zuckte unwillkürlich zusammen. Es war ein Diplomat gewesen. Ach nein, das hatte sie längst überwunden. Die Wunde schmerzte schon lange nicht mehr. Da war etwas eingetreten, das alles verändert hatte!

Alles!

Die Stunde der Ruhe war um, und sie stieg aus der Wanne. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie sich nicht im Spiegel betrachten können, ohne dass sie Verzweiflung überkam.

Ihr schöner Körper hatte durch eine Operation seinen Reiz verloren. Krebs! Brustkrebs! Sie konnte jetzt hinschauen, sich alles ansehen. Nein, es tat nicht mehr weh. Es hatte aufgehört, sie zu verbittern. Auch das hatte sie gelernt. Der Körper war nicht mehr ihr Kapital. Vielleicht hatte sie es deswegen besser überwunden. Oder aber vielleicht auch, als sie damals selbst miterlebt hatte, wie viele Frauen daran zerbrachen. Sich nicht mehr in den Griff bekamen. Sie verkümmerten einfach und welkten dahin. Oder was noch viel schlimmer war, sie bekamen die Krankheit nicht in den Griff, und es wurde noch schlimmer. Eine Operation nach der anderen wurde durchgeführt. So sinnlose Operationen. Durch Zufall hatte sie den Stein der Weisen entdeckt! Vielmehr ihre holländische Haushälterin hatte ihn. Sie war es gewesen, die sich viel Wissen angelesen hatte. Deike hatte ihr Leben, ihre Ernährung umstellen müssen. Vor allen Dingen hatte sie sogleich begriffen, dass die Krankheit ihr etwas sagen wollte. Sie hatte sich seelisch befreien müssen. Erst von da ab hatte sie ganz stark das Gefühl, jetzt packe ich wieder mein Leben. Ich bin frei.

Deike schlüpfte in ihren Seidenmorgenmantel. Früher hatte sie schon immer schöne Kleidung geliebt. Doch seit ihrer Erkrankung legte sie besonderen Wert auf feine und beste Unterwäsche. Wollte sie sich damit irgendwie belohnen? Ihrem Körper sagen, ich mag dich auch jetzt noch?

Ja, sich selbst so zu akzeptieren, wie man war, das war sehr schwer! Für Deike fast eine unüberwindliche Stufe. Denn eines hatte sie noch immer nicht richtig gelernt: sich auch vor einem Mann frei zu geben! Das brachte sie kaum fertig.

Sie verließ das Bad.

Imka, die junge Haushälterin, stand neben dem Telefon. Deike hörte, wie Imka sagte: »Nein, ich denke gar nicht daran, sie zu stören. Und wenn Hamburg in den Fluten versinkt, ich gehe nicht zu ihr.«

»Mit wem hast du denn schon wieder einen Privatkrieg?«, fragte Deike lachend und nahm ihr den Hörer aus der Hand.

»Hallo? Ja, was gibt es denn?«

Sie glaubte Ida am anderen Ende. Es war jedoch Mareks Stellvertreter. »Was? Nein, ich kann wirklich nicht sagen, wann Marek zurückkommt. Nein, ich habe auch noch keine Nachricht von ihm erhalten. Ja, ich finde es auch blöd. Natürlich werde ich es ihm sagen, wenn er wieder da ist. Gibt es denn Ärger?«

Deike lauschte noch ein wenig und legte dann auf.

»Ich habe es ja gleich gewusst, dass es nicht so brandeilig ist«, sagte Imka.

»Marek könnte sich wirklich mal bald melden!«

»Sicher. Aber wir kommen auch ganz gut ohne ihn zurecht. Oder etwa nicht?«

Deike war noch immer eine schöne Frau. Wenn sie angezogen war, ahnte niemand etwas von ihrer Tragödie. »Imka, werde nicht übermütig.«

»Soll ich dir das Frühstück bringen?«

»Ja, dagegen habe ich nichts einzuwenden. Leistest du mir Gesellschaft?«

»Mit Vergnügen.«

Wenig später saßen die beiden ungleichen Frauen in dem schönen Esszimmer und ließen sich ein Frühstück munden. Dabei unterhielten sie sich angeregt.

Deike sagte: »Du musst mir heute ein kleines Theaterkleid herauslegen.«

»Was? Du gehst nicht ins Eckhaus? Hast du nicht diese Woche Dienst?«

»Sicher. Aber wir gehen doch alle ins Theater. Hast du das vergessen?«

Imka lachte leise auf: »Ach du Schreck, ja, richtig. Das steht also wirklich an?«

»Sicher. Ich gehe mit allen Mädchen ins Theater.«

»Wenn das man gut geht!«, lachte Imka vergnügt.

»Eben, damit es gut geht, begleite ich sie doch. Damit sie nicht wieder Ärger machen, bleibe ich in ihrer Nähe. Ein zweites Mal wird es keine Entführung und dergleichen mehr geben. Übrigens wird mich Wegner unterstützen.«

Imka brach in schallendes Gelächter aus.

»Willst du mir wirklich weismachen, du willst mit fünfundzwanzig Tüllen und einem Kommissar ins Theater gehen?«

Deike nickte lächelnd.

»Fein, was? Aber auch Wegner ist der Ansicht, wenn er sich in der Nähe aufhält, bleibt das Theater heil. Zumindest haben wir die Gewissheit, sollte etwas passieren, dass wir dann ein größeres Unglück verhindern können.«

»Habt ihr Angst, dass die Mädchen das Haus anstecken?«

»Meine Mädchen doch nicht. Die haben auch das erste Mal nichts getan. Renate und Gwen waren nur ins Theater gegangen, um sich zu amüsieren. Was dann geschah, können sie ja bis heute noch nicht erzählen. Ich glaube einfach, man hat sie erkannt und dann niedergeschlagen.«

»Du meinst, ein Kunde war dort und hat sie gesehen?«

»Imka, du warst doch selbst mal im Haus an der Ecke angestellt. Du weißt doch, wie die Männer sind. Dort spielen sie den großen Macker. Dort gehört ihnen die Welt, und sie tun so, als wären sie die Herren der Schöpfung. Doch in freier Wildbahn, sprich Stadt, Theater oder Ähnliches, da hört die Freiheit gewisser Männer vollkommen auf. Da sind es nur noch feige Schakale und sonst nichts mehr. Sie haben ja keine Ahnung von unseren Gesetzen!«

»Vielleicht solltest du sie mal veröffentlichen lassen, Deike. Meinst du nicht, dass dann das Leben viel leichter werden könnte? Wenn die Männer Bescheid wissen, dann müssen sie keine Dummheiten mehr machen. Und unsere Mädchen können vergnügt ein ganz normales Leben führen.«

»Die Idee ist nicht schlecht, liebste Imka. Doch ob sie es uns glauben, steht auf einem anderen Blatt. Vor allen Dingen müsste man doch täglich unsere Gesetze abdrucken. Es wachsen ja immer wieder neue Kunden heran.«

»Schade, ich dachte, es sei wirklich eine gute Idee. Nun gut, ich bin zumindest froh, dass du mal nicht arbeiten musst. Du gehst doch gerne ins Theater.«

»O ja! Aber jetzt muss ich mich sputen. Ich will noch zur Bank. Ich habe einige Dinge zu regeln.«

Wenn Deike geahnt hätte, dass es dringend war, sich um die Belange der Innung zu kümmern, wäre sie noch dort vorbeigegangen. Doch sie war froh, dass im Haus an der Ecke Stille herrschte. Sie war auch erleichtert, dass Mareks Mutter in ihrer Jugendstilvilla sich ruhig verhielt und sich nur um ihre Schützlinge kümmerte. Sie war voll beschäftigt und konnte mit ihren achtzig Jahren im Augenblick keine Dummheiten machen. Marek hielt sich in Amerika auf.

 

 

3

Alfredo Romani fühlte, wie die Lage sich zuspitzte. Er musste etwas zuwege bringen, sonst war er wirklich geliefert. Da hatte er dieses Angebot erhalten. Schon vor einiger Zeit. Es würde ihn ganz groß rausbringen. Vor allen Dingen würde das Geld fließen, und er war dann von seinen Tüllen unabhängig. Bis jetzt hatte er sich noch nicht entschieden. Alfredo wusste, wenn die Innung es erfuhr, war sein Kopf nichts mehr wert.

Er dachte also darüber nach, wie er es schaffen konnte, ohne erkannt zu werden. Er brauchte einen Spezialisten. Sicher, er musste dafür etwas springen lassen. Nun ja, das ging auch noch. Aber er durfte sich nicht vergreifen. Es musste ein guter Mann sein. Mit Stahlnerven. Alfredo Romani hatte seine Verbindungen. Schließlich kam er aus einem anderen Land. Für ein paar Scheine erhielt man die richtigen Adressen. Ein Telefongespräch, und am nächsten Tag kam der Mann in Hamburg an. Alfredo traf sich mit ihm. Sie saßen in einem Hinterzimmer einer schäbigen Kneipe. Der Wirt hielt dicht. So manches Verbrechen war in seinem Hinterzimmer schon ausgeheckt worden. Er nahm die Scheine und sorgte dafür, dass sie ungestört reden konnten. Er sagte sich, ich bin unschuldig. Ich mache ja nicht mit. Ich vermiete nur das Zimmer und sonst gar nichts.

Der Mann hörte sich den Vorschlag ruhig an.

»Du weißt, dass es böse ausgehen kann?«

»Aber weshalb denn? Du bist gut. Das hat man mir gesagt.«

»Die Russen lassen nicht mit sich spaßen, verdammt noch mal. Ich weiß nicht. Mit denen Geschäfte zu machen, ist kein Kinderspiel. Du, dort ist ein Menschenleben nicht sehr viel wert.«

»Hast du Angst?«

»Nein, ich bin nur vorsichtig.«

»Wirst du es tun oder nicht?«

Er steckte sich eine Zigarette an und maß Alfredo mit einem langen Blick.

»Warum tust du es nicht?«

»Verdammt, ich wohne hier. Ich werde doch beobachtet. Ich bin hier Lude. Ich muss mich offen zeigen. Verstehst du das denn nicht?«

»Alles klar. Und der Preis bleibt?«

»Natürlich.«

»Wann soll die Sache starten?«

»Heute.«

»Und wenn etwas schiefgeht?«

»Warum sollte denn etwas schiefgehen?«

»Ich sichere mich immer von hinten ab. Sonst ist das Leben zu kurz. Ich brauche also einen Mann im Hintergrund. Hast du einen, auf den du dich verlassen kannst?«

Das passte Alfredo ganz und gar nicht. Doch dann sagte er sich, er ist ein guter Mann. Er wurde mir empfohlen. In der Heimat wissen sie, was sie schicken müssen, um sich nicht zu blamieren. Ich kann gut einen Mann aufstellen. Er wird nichts erfahren. Er bekommt nur den Hinweis zu warten und sonst nichts.

»Schön. Einverstanden. Er wird mit dem Wagen an einer bestimmten Stelle auf dich warten. Wenn die Zeit überschritten ist, wird er zu mir kommen, und ich werde dann weitersehen.«

Camillo Zavorra, so hieß der Mann, nickte befriedigt.

»Gut, dann kann die Sache starten. Ich will die Hälfte des Geldes vorher.«

»Sicher. So war es auch abgemacht.«

Der Lude zahlte. Der Mann strich das Geld ein und lächelte grimmig.

»Ihr hier im Norden seid komische Typen, ehrlich!«

»Komm, keine Anspielungen, verstanden!«

»Wirst du bald in die Heimat zurückkommen?«

»Ich denke gar nicht daran. Ich habe hier ein sehr gutes Revier. Die Mädchen sind brav.«

»Wenn das alles stimmt, warum gibst du dich dann mit den Russen ab? Das ist und bleibt eine gefährliche Sache. Dabei haben sich schon ganz andere die Finger verbrannt, mein Lieber.«

»Auch das ist meine Sorge. Wir hier sind das Tor zur Welt. Wir befinden uns in Deutschland. Ich würde nie in einem anderen Land mit den Russen Kontakt aufnehmen. Außerdem, du weißt ja nichts. Ich meine, sie sind ehrlich, wenn man sie nicht betrügt. Und das habe ich wirklich nicht vor.«

»Morgen bin ich schon wieder auf der Heimatfahrt. Der Boss in Sizilien wird zufrieden sein. Du kannst immer unsere Dienste anfordern. Wir haben genug Leute.«

»Ich weiß.«

Es wurde jetzt ernst. Sie besprachen alles ganz genau, dann trennten sie sich.

Der Zuhälter war mit sich und der Welt zufrieden. Morgen würde seine finanzielle Lage sich mit einem Schlag ändern. Diesmal hatte er sich fest vorgenommen, nicht sofort alles zu verspielen.

 

 

4

Im Haus an der Ecke war Hochbetrieb.

Die Männer auf der Straße gingen mit enttäuschten Gesichtern fort. Die Rampe war leer. Unten in der Einfahrt zum Hof prangte ein großes Schild. »Wegen Familienfeier geschlossen.« Die Straßenkatzen machten gute Geschäfte. Allerdings mussten sie sich zuerst den Mund fransig reden, bevor ein Kunde mit ihnen ging. Das Haus an der Ecke hatte schließlich einen sehr guten Ruf. Viele Männer kamen von weither zu Geschäftsgesprächen nach Hamburg und wollten dort etwas erleben. »Warum haben die heute nicht geöffnet? Haben die es nicht mehr nötig?« Männer glaubten ja noch immer, was in den Zeitungen über Dirnen stand. Zum Beispiel auch, dass jede Tülle jeden Freier mitnahm. Das ist aber in der Wirklichkeit ganz anders. Besonders Betrunkene wurden oft nicht mitgenommen. Auch eine Dirne hatte ganz bestimmte Grundsätze, die sie einhielt. Nur so konnte sie sich überhaupt noch morgens im Spiegel ansehen.

Die kleinen Straßenkatzen hatten natürlich herausbekommen wollen, warum die Eckhaustüllen mal wieder einen auf lau machten. Aber erfahren hatten sie bis jetzt noch nichts. Selbst Walter, ein Junge, dessen Eltern sich kaum um ihm kümmerten und der jetzt von Ida, der Köchin im Haus an der Ecke, betreut wurde, hatte man ausgefragt. Walter hielt aber eisern zu den Mädchen. Er grinste nur fröhlich und meinte: »Woher soll ich das denn wissen? Ich bin doch kein Kunde, nicht wahr?«

»He, werd bloß nicht frech, ja! Wir wissen doch ganz genau, dass du die Läuse husten hörst. Los, sag es schon! Heiratet mal wieder eines der Mädchen?«

»Nein, ganz sicher nicht. So schnell geht das auch wieder nicht. Außerdem brauchen wir die Mädchen ja noch alle.«

»Vielleicht will er Geld?«, meinte ein Mädchen und zückte ihre Börse.

Walter winkte ab. »Geschenkt, nix zu machen. Außerdem habe ich jetzt keine Zeit mehr.«

»Verdammter Bursche!«, kreischten die Mädchen hinter ihm her. »Komm du noch mal, wenn Fritzchen verschwunden ist, dann sagen wir dir auch nichts mehr.«

Walter lachte nur.

»Weiß denn wirklich keiner, was los ist?«

»Vielleicht sollten wir eine Abordnung hinschicken? Schließlich ist es doch auch im Sinne der Eckhausmädchen, wenn wir die Kunden gut beraten. Morgen brauchen sie die Männer auch wieder.«

»Und wer geht?«

Das war so eine Sache! Alle hatten ein wenig Angst. Keine getraute sich wirklich zu Ida. Sie war zu bärbeißig. Außerdem war sie flink mit dem Besen. So mancher aufsässige Kunde hatte es schon erleben dürfen.

Endlich fanden sich zwei Mädchen. Tapfer zogen sie los, standen wenig später am Hintereingang und begehrten, Ida zu sprechen.

Die hagere Köchin vom Haus an der Ecke, Mädchen für alles sozusagen, starrte sie wütend an. Die beiden hatten sie beim Backen gestört.

»Was wollt ihr? Verzieht euch! Soll ich euch Beine machen? Hier ist Sperrgebiet für euch. Wisst ihr das nicht?«

»Wir wollen uns doch nicht hier aufbauen. Wir haben nur eine Frage.«

»Dann macht schnell.«

»Warum ist heute das Haus an der Ecke geschlossen? Die Kunden fragen uns ständig. Was sollen wir sagen?«

»Dass die Mädchen heute ins Theater gehen«, knurrte Ida zurück.

Die Tüllen lachten schallend.

»Also wirklich, Ida, das kannst du uns nicht weismachen. Das glauben wir dir nie und nimmer. Die Männer schon gar nicht.«

Ida plusterte sich auf. »Soll das heißen, ihr nennt mich eine Lügnerin? Habt ihr das wirklich gesagt?«

Sie gingen sofort drei Schritte zurück.

»Nein, nein, nur, es können doch nicht alle Mädchen zusammen ins Theater gehen.«

»Ihr habt den Grund wissen wollen, jetzt wisst ihr ihn, und nun verduftet. Aber dalli!«

Sie zogen ab.

»Sollen wir das den Kunden sagen?«, berieten sie.

Die Mädchen auf der Straße lachten. »Warum denn nicht? Wenn sie sich wirklich unmöglich machen wollen. Von mir aus.«

Der nächste Kunde, der nach den Eckhausmädchen fragte, erhielt die Auskunft. Er brach in schallendes Gelächter aus. »Das sollen wir euch glauben? Tüllen und Theater? Die machen selber Theater. Nie und nimmer lässt man die in ein normales Theater.«

Das wiederum hätte der Kunde nicht sagen dürfen. Die Mädchen wurden sogleich wütend und stießen hervor: »He, du saublöder Kerl, mach, dass du fortkommst! Wieso dürfen wir nicht ins Theater! Haben wir vielleicht die Pest oder Lepra? Wir gehen alle Augenblicke ins Theater, verstanden! Wir lieben Theater wie verrückt.«

Zornige Dirnen konnten für einen Mann eine große Gefahr werden. Wenn sie eine Prügelei anfingen, dauerte es nicht lange, und die Polizei erschien auf der Bildfläche. Dann wurde erst einmal jeder eingesammelt, der nicht geflüchtet war, und mit zur Wache genommen. Dort fanden dann die Vernehmungen statt. Welcher Mann konnte sich das schon leisten? Also zog man lieber den Kürzeren und verzichtete auf die Mädchen im Haus an der Ecke. Heute konnte man sie ja eh nicht bekommen.

»Bist du bescheuert«, wurde die kleine aufsässige Dirne jetzt von ihren Mitschwestern angefahren. »Wieso kannst du so einen Blödsinn verzapfen? Wir gehen ständig ins Theater! Du hast wohl ein Rad ab, wie?«

Sie heulte vor Wut. »Wie kommt der Mistbock dazu, zu sagen, wir dürften kein Theater besuchen?«

»Sie hat recht. Wir hätten ihm wirklich dafür ein paar Zähne einschlagen sollen. Das ist doch die Höhe. Wieso sind wir Menschen zweiter Klasse?«

Gigi, so nannte sich das neue Straßenmädchen, sagte verzweifelt: »Seit ich hier stehe, weiß ich endlich, was die Farbigen in Südafrika erdulden müssen. Verdammt, wir sind keine zweitklassigen Menschen. Verflucht noch mal! Wieso behandelt man uns so übel? Wenn das so weitergeht, dann packe ich das nicht mehr.«

»Oje, jetzt hat sie den Moralischen. Das kommt davon. Man hat nur Ärger mit dem Haus an der Ecke.«

»Komm, gehen wir einen trinken. Gigi, heul nicht mehr. Wir ziehen uns einen zur Brust. Dann sieht das Leben bald wieder besser aus.«

Sie schluchzte auch noch, als sie den Schnaps trank. Ein paar Tränen kullerten ins Glas. Sie fühlte sich einsam und verzweifelt. Sie war eines der vielen jungen Mädchen, die mit einer irren Hoffnung im Herzen nach Hamburg getrampt waren. Hatte angenommen, man brauche nur in einer Millionenstadt zu leben, dann wäre das Leben schon gleich viel lebenswerter. Dort wartet an jeder Ecke das große Glück auf einen. Zu spät hatte sie begriffen, dass es nicht das große Glück gewesen war, das sie angesprochen hatte, sondern eine miese kleine Ratte von Zuhälter. Anfangs hatte er ihr mit schönen Augen und kleinen Geschenken das Herz weichgeklopft. Danach war dann alles ziemlich schnell gegangen. Ja, ja, die Liebe war schon eine merkwürdige Sache. Sie konnte einen Menschen total aus der Bahn werfen. Für Liebe ging man durchs Feuer oder wurde auch ins Feuer gestoßen. Man konnte sich nicht mehr retten, oder wollte es vielleicht auch nicht mehr. Man war verzweifelt, wenn man merkte, dass man in der Liebe betrogen worden war. Dann hatte das Leben auf einmal gar keinen Sinn mehr. Viele strauchelten an dieser Stelle und glitten immer tiefer. Gigi hatte eigentlich jetzt noch eine Chance. Sie erkannte die Lüge hinter der Maske. Wenn sie jetzt einfach ging, konnte sie sich noch retten. Doch sie würde bleiben. Man hatte ihr in gewisser Weise schon das Rückgrat gebrochen. Sie war hörig geworden. Und dann kam auch die Scham dazu. Die Angehörigen daheim bekamen ja wundervolle Briefe. Lauter Lügen. Sie schämte sich so sehr. Wollte einfach nicht zugeben, dass alles eingetroffen war, was sie in der Jugend sich hatte an Ermahnungen sagen lassen müssen.

»Komm, wir müssen zum Strich zurück. Wenn wir noch länger hier herumhängen, stellen sich andere Tüllen auf unseren Platz. Dann haben wir nur Ärger mit unseren Luden.«

Gigi wurde mitgeschleppt.

»Ich bin schon mal im Theater gewesen«, lispelte sie leise. Sie war schon ein wenig betrunken.

»Ja, ja, das glauben wir dir ja. Ehrlich!«

Das Schild hing noch immer in der Einfahrt. Böse Blicke wurden darauf geworfen.

Ida ließ indessen ihren Zorn an dem Hefeteig aus. Sie knallte ihn immer wieder auf den Tisch. »So etwas Bescheuertes können sich auch nur die Mädchen ausdenken. Das gibt es einfach nicht. Deike ist wirklich verrückt. Sie macht es auch noch mit. Wenn das nur nicht wieder ins Auge geht. Verdammt, ich sollte wirklich mitgehen und aufpassen.«

Hanna kam in die Küche und sagte: »Kannst du uns mal deinen Nähkasten leihen? Wir müssen ein paar Sachen nähen.«

»Wieso? Ich denke, ihr habt euch alle einen neuen Fummel gekauft?«

»Haben wir auch. Aber wir konnten nichts mehr ändern lassen. Dazu reichte die Zeit nicht. Ich kenne mich aus. So ein paar kleine Abnäher sind doch schnell gemacht.«

Ida ging in ihr Zimmer und holte den Nähkasten.

»Mach ihn mir aber nicht durcheinander!« Ihre Stimme klang sehr ärgerlich.

Hanna hatte ein feines Lächeln um ihre Lippen. Schließlich kannte sie Ida durch und durch. Sie fühlte sich mal wieder überflüssig.

»Kannst du uns nicht helfen? Allein schaffe ich das nicht, Ida.«

Natürlich sträubte Ida sich zuerst, doch dann war sie flinker oben als Hanna. Die Mädchen standen halbnackt herum und kritisierten sich gegenseitig. In den Geschäften hatten sie sich mit den Kleidern irre toll gefunden. Doch jetzt hatte so manche unter ihnen scheele Augen und fand das Kleid der anderen Tülle viel schöner.

Hanna musste so manchen Streit schlichten. Zweimal wurde sogar ein Kleid getauscht. Es vergingen über zwei Stunden, dann endlich waren sie alle dezent geschminkt und fein angezogen. Sie trugen ein kleines Theatertäschchen unter dem Arm und standen in Reih und Glied unten in der Halle.

Ida musterte sie und sagte: »Wenn sich eine daneben benimmt, wird sie vier Wochen lang die Treppe scheuern dürfen. Ich warne euch! Wenn ihr Deike Ärger macht, dann kenne ich keine Gnade.«

»Wahrscheinlich kriegen wir dann auch nur noch Wasser und Brot«, brummte Rita hinter der Hand. Die anderen Mädchen hörten es und kicherten vergnügt. Sie waren alle ein wenig aufgeregt. Nur Renate und Gwen nicht. Sie waren ja schon im Theater gewesen. Sie hatten auch die Freikarten für alle Mädchen erhalten.

»Und kommt mir ja pünktlich wieder nach Hause. Kein Zug durch die Gemeinde, verstanden!«

»Ich sorge schon dafür«, versprach Hanna.

»Na gut!«

Hanna sagte: »Dann will ich jetzt mal die Taxis bestellen.«

Wenig später spazierten wirklich alle Eckhaustüllen aus der Toreinfahrt an den Straßenkatzen vorbei. Da es sehr warm war, hatten sie alle nur eine leichte Stola über ihre feinen Kleider geworfen. Mit einem Blick konnte also die ganze Straße sehen, dass sie nicht zu Kunden gingen.

Verblüfft starrten die kleinen Dirnen die Eckhausmädchen an.

»Äh, das ist ja ein Hammer. Geht ihr zu einer gewaltigen Orgie? Alle zusammen? Meine Güte!«

»Klar!«, riefen die Mädchen vergnügt.

»Meine Güte, immer das Haus an der Ecke.«

»Keine mehr drinnen? Mensch, habt ihr keine Angst, dass ein Überfall stattfindet?«

»Ida ist ja da! Sie schießt gut.«

Sie lachten alle, und dann verschwanden sie durch das Loch in der Mauer. Wenig später fuhren sie mit dem Taxi in die Stadt. Sie hatten sich mit Deike vor dem Theater verabredet.

Gwen und Renate waren nun ebenfalls aufgeregt. Sollten sie doch noch einmal ihre Verehrer wiedersehen. Gwen hatte sich in Ralph, den Tänzer, verliebt. Renate wiederum hatte einen Offizier kennengelernt. Auch dieser musste wieder fort. Das war so im Leben einer Dirne. Sie hatte nie lange einen wirklich guten Freund.

Deike sah die Mädchen kommen.

»Hanna, du hast wirklich alle Rekorde gebrochen. Sie sind einfach süß.«

Sie umstanden ihre Bordellmutter. Deike war natürlich am besten gekleidet. Fast kein Glimmer, aber ein raffiniertes und sehr teures Kleid.

»Macht mir keinen Kummer!«

»Nein, Ida hat uns schon alle möglichen Höllenstrafen angedroht.«

»Umso besser. Ihr wisst also, wenn ihr einen Kunden seht, dann kennt ihr ihn nicht.«

»Klar! Ehrensache!«

»Was ist aber, wenn wir angequasselt werden?«

»So verrückt kann kein Mann sein«, meinte Deike zuversichtlich. »Die sind froh, wenn sie keinen Herzschlag bekommen, wenn sie euch sehen.«

Die Mädchen kicherten.

Dann nahmen sie die Plätze ein. Sie wurden in der Tat von vielen angeblickt. Schließlich waren sie alle sehr schön, schlank und liebenswert. Sie lachten, waren ausgelassen und sehr, sehr glücklich. Für sie war das eine ganz große Abwechslung. Deike hatte auch deswegen zugestimmt. Wusste sie doch aus Erfahrung, dass man umso lieber wieder seinen Job tat, wenn man hin und wieder etwas anderes tun durfte. Für sie waren es alle ihre Mädchen. Sie war die Mutter des Eckhauses. Anfangs hatte sie Kämpfe mit den Zuhältern gehabt. Sie waren mit ihrer Art, das Haus zu führen, nicht einverstanden gewesen. Für die Luden gab es nur Geld und anschaffende Mädchen. Wenn sie nicht spurten, wurden sie geprügelt. Bis Deike das Haus eröffnete, ihnen klarmachte, dass man anders viel mehr Geld mit einem Mädchen ziehen konnte. Die Zeit gab ihr recht. Keine Dirne im Haus an der Ecke konnte sich arm schimpfen. Obschon die Zuhälter weniger erhielten, bekamen sie auf Dauer doch viel mehr. Die Mädchen waren jetzt viel länger in Hochform. Ja, sie hatten oft so hervorragende Kunden, dass sie nicht mehr so viele nehmen mussten. So konnten sie sich schonen. Geprügelt wurde nicht mehr. Ein Zuhälter war bei seinen Leuten angesehen, wenn er sagen konnte: »Eines meiner Mädchen steht im Haus an der Ecke.«

Das Haus an der Ecke gehörte Marek. Dieser war aber klug genug und vermietete auch Zimmer an andere Zuhälter. Alle Großluden hatten ein Anrecht auf ein bis zwei Zimmer. Die Oberaufsicht behielt aber Deike. Wenn ihr etwas an einem Mädchen nicht passte, musste man es wieder aus dem Haus nehmen. Zuhälter hatten gewöhnlich keinen Zutritt zum Haus an der Ecke. Deike rechnete mit den Zuhältern ab. So war vieles geregelt.

Dass sie jetzt eine ganze Nacht nicht anschaffen gingen, machte ihnen nichts aus. Sie würden es vielfach wieder reinbringen. Der Tagessatz wurde an die Luden bezahlt. So oder so. Darum waren die Mädchen auch so zufrieden bei Deike.

Es gab wirklich im Theater eine Menge Männer, die fast tot umfielen. Als sie endlich begriffen, dass sämtliche Tüllen aus dem Haus an der Ecke anwesend waren, verstanden sie die Welt nicht mehr. Sie wollten am liebsten Krankheit vortäuschen und sich verdünnisieren. Doch ihre Begleiterinnen dachten gar nicht daran zu gehen. War es doch die letzte Vorstellung des Pariser Balletts. Das wollten sie sieh nicht entgehen lassen.

Dann riskierten die Männer einen Blick auf den Rang und bemerkten zu ihrer Erleichterung, dass die Tülle, die sie ganz besonders gut kannten, sich gar nicht um sie kümmerte. Erleichtert lehnten sie sich in die Polster zurück. Dankbarkeit stieg in ihren Herzen auf. Gleich morgen würden sie sich erkenntlich zeigen.

Die Mädchen hingegen waren voller Aufmerksamkeit und genossen die Vorstellung. In der Pause spazierten sie herum und beachteten nicht einen Mann beruflich. Ja, sie waren richtig gelockert und fröhlich.

»Das sollten wir öfters machen, ehrlich. Ich finde das irre schick«, meinte Rita und verdrehte die Augen. »Das hebt einen in die Höhe.«

»Man kommt sich richtig toll vor.«

Carmen kicherte: »Wir ja, aber die armen Männer. Hier laufen ein paar ziemlich blasse Typen herum.«

»Still!«, sagte Deike, die ihre Schäfchen nicht aus den Augen ließ.

»Wir sind ja still. Aber sehen können wir es trotzdem. Ich finde es richtig aufregend. Jetzt müssen sie mal ein wenig Blut und Wasser schwitzen.«

Renate hatte ihren Offizier am Gängelband. Die Mädchen waren ein wenig neidisch. Schließlich sah er blendend aus. Renate hatte ein dumpfes Gefühl in der Magengegend und meinte wenig später betrübt: »Schade, dass er schon wieder fortmuss.«

»Geh doch mit«, frotzelte Holda. »Dann haste ihn für immer.«

Renate warf ihr einen wütenden Blick zu. »Du hast ja gar keine Ahnung, was Liebe ist«, meinte sie grob.

»Kommt, es hat wieder geläutet. Wir müssen zurück«, trieb Deike die Mädchen auseinander.

Für die Bordellmutter war es doch ein wenig anstrengend. Bei den Mädchen konnte man ja nie wissen. Ein kleiner Funke genügte, und sie konnten ausflippen. Deike hoffte inbrünstig, dass alles ganz normal verlaufen würde. Einen Skandal würde ihr der Kommissar nie verzeihen.«

Es lief wirklich alles wunderbar. Nach der Vorstellung kam auch Ralph, der Tänzer. Weil die Nacht noch so jung war, zogen sie dann gemeinsam in eine Bar. Sie war sündhaft teuer. Der Besitzer staunte nicht schlecht, als er Deike mit den Mädchen aufkreuzen sah.

»Habt ihr kein Haus mehr?«

Deike lachte. »Natürlich. Warum sollten wir denn nicht?«

»Hat euch Ida vertrieben? Was ist los?«

»Wir waren im Theater, und das wollen wir jetzt feiern«, riefen die Mädchen fröhlich und drängelten sich in drei Nischen.

Die Bardirnen machten sauertöpfische Gesichter. So toll wie die Eckhausmädchen wirkten sie nicht. Doch als sie dann sahen, dass nicht eine sich einen Kunden angelte, gesellten sie sich zu der lustigen Truppe.

Ralph und der Offizier Ramon sollten eine unvergessliche Nacht in Hamburg verleben. Davon würden sie noch lange träumen.

Als Deike sah, dass alles ganz normal blieb, erhob sie sich und ging telefonieren. Ida meldete sich.

»Wieso soll bei mir nicht alles in Ordnung sein?«, rief Ida entrüstet. »Wieso soll hier Ärger sein? Ist ja niemand da.«

Deike dachte: Bei dir kann man nie wissen.

»Ach Ida, dann geh doch schlafen. Wir kommen später. Du kennst doch die Mädchen.«

Ida regte sich auf. »Was? Ich soll hier mit meinem Nachtimbiss allein bleiben? Das ist doch wirklich die Höhe. Ich schufte mich zu Tode, und ihr geht anderswohin. Das verzeihe ich dir nie, Deike. Das nicht.«

O je, dachte Deike, hätte ich doch bloß nicht angerufen. Aber dann wusste sie auch, Ida mit ihrem weichen Herzen hatte sich mal wieder selbst übertroffen.

»Gut, wir kommen!«

Renate wollte zuerst nicht, denn dadurch würde ja Ramon erfahren, was sie von Beruf war. Doch dann sagte sie sich, ist doch alles egal. Ich sehe ihn doch nie mehr wieder. Also kann er auch mitkommen. Vielleicht ... Sie träumte von einem süßen Schäferstündchen.

Die Mädchen maulten zuerst. Doch als Deike sagte: »Wir können Ida das nicht antun. Ihr wisst doch, sonst kriegen wir eine Weile nur Wasser und Brot.«

Also erhoben sie sich brav und fuhren mit ein paar Taxis ins Dirnenviertel zurück. Die Straßenkatzen waren baff, als die Mädchen wieder auftauchten. Alle geschlossen, an der Spitze Deike. Mit in dem Knäuel nur zwei Männer.

»Das müssen aber Weltmeister sein«, meinten sie ehrfürchtig. »Die müssen Superkerle sein. Donnerwetter, was die wohl dafür zahlen müssen!«

Ida knurrte nicht mehr. Die Männer umgarnten sie, und Ramon gab ihr sogar einen Kuss. Ida wehrte sich zwar fürchterlich, doch er war so charmant, wie es nur Südamerikaner zuwege brachten. Ihr Herz schmolz dahin. Sie schleppte die Platten herbei. Ida hatte sich mal wieder selbst übertroffen. So leckere Schnittchen und Salate hatte sie schon lange nicht mehr fabriziert. Die Männer, jeder ein Mädchen im Arm, ließen sich verwöhnen.

Deike wandte sich an Ida: »Dann kann ich jetzt wohl wieder gehen. Sie sind gut eingetroffen und gehen nicht mehr fort. Du hast sie also wieder.«

»Geh nur. Du hast Schlaf bitter nötig. Ich mach das schon.«

Ida war wieder in ihrem Element.

 

 

5

Camillo Zavorra hatte sich auf den Weg gemacht. Er würde die Sache sehr schnell über die Bühne bringen, und dann nichts wie weg. Ins nächste Flugzeug, zum nächsten Termin. Er war für schwierige Sachen gut zu gebrauchen. Bis jetzt hatte er noch jeden Auftrag zur Zufriedenheit erfüllt. Und doch hatte er jetzt irgendwie ein mulmiges Gefühl in der Magengrube.

Er ging zum Treffpunkt.

Die Leute kamen. Dann ging alles irgendwie ziemlich schnell. Vielleicht war Camillo auch nur nervös. Er war davon überzeugt, dass er in eine Falle getappt war.

Polizei kreuzte auf.

Camillo fing an zu rennen. Jetzt merkten die Beamten, da stimmte etwas nicht. Die Russen hatten sich anscheinend in Luft aufgelöst. Camillo hatte nur noch einen Wunsch, nicht gefangen zu werden. Das war die größte Schande in seinem Beruf.

Er fühlte sich eingekreist und drehte durch. Zog die Waffe und schoss. Ein Feuer blitzte auf beiden Seiten auf. Camillo rannte um sein Leben. Er drehte sich nur noch einmal um und sah, wie der Mann zu Boden ging.

Die Trillerpfeife ertönte. Der zweite Beamte blieb neben seinem Kollegen stehen. Verzweifelt wartete er auf Verstärkung. Sie waren auf einer ganz normalen Streife gewesen. Dann waren da diese komischen Kerle gewesen. Sie hatten nicht schießen wollen. Sie hatten sich nur überzeugen wollen, was dort lief. Doch einer der Verdächtigen hatte geschossen.

Camillo taumelte gegen die Hauswand und stöhnte wild auf. Er presste seine Hand gegen die rechte Schulter. Heiß und feucht wurden die Finger. Im Laternenschein konnte er das Blut sehen. Er war getroffen worden! Er blutete! Auf der Straße war die Spur zu sehen. Alles schien sich vor seinen Augen zu drehen. Zum ersten Mal war er auf der Verliererseite. Wie viele Menschen hatte er heimtückisch zur Strecke gebracht! Sich nie was dabei gedacht! Jetzt wühlte sich der Schmerz in seinen Körper. Er schnappte nach Luft.

»Verflucht, verflucht!«

Es war nicht mal zur Übergabe des Materials gekommen.

Camillo Zavorra wusste nur eins, er musste sich lautlos absetzen. Das war gar nicht so einfach. Würden die Beine ihn noch tragen? Packte er es noch?

Ihm fiel der Treffpunkt ein. Er hatte sich ja Rückendeckung verschafft!

Der Verbrecher schleppte sich weiter. Noch hörte er keine Sirene. Noch schien man das Viertel nicht abzuriegeln. Um die nächste Ecke! Er fühlte nur noch Watte in seinen Beinen. Er krallte sich an der Hauswand fest. Wenn er fiel, würde er es nicht mehr packen!

Weiter, weiter! Nur fort. Sich verkriechen!

Endlich hatte er die kleine Seitengasse erreicht. Dort in der Dunkelheit stand der Wagen. Auf Alfredo war also Verlass. Der Fahrer starrte durch die Scheibe. Dann sah er den Mann auf sich zutaumeln. Er sprang heraus.

»Was ist los?«

»Frage jetzt nicht so viel! Hilf mir lieber. Wir müssen fort.«

Details

Seiten
104
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933185
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503691
Schlagworte
schicksale haus ecke arzt

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #12: Der entführte Arzt