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Schicksale im Haus an der Ecke #15: Der lukrative Nebenjob

2019 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der lukrative Nebenjob

Copyright

Die Hauptpersonen:

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Der lukrative Nebenjob

Schicksale im Haus an der Ecke #15

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Marina ist vollkommen am Ende, sie hat das Leben als billige Straßendirne satt – am liebsten würde sie sterben. Nachdem zwei Männer sie überfallen haben, hilft Bärbel, eine Edelhure aus dem Haus an der Ecke, ihr und nimmt sie mit. Darauf sucht Marinas Lude den ganzen Kiez nach ihr ab und schlägt im Eckhaus Krach, weil er glaubt, man habe ihm seine Tülle gestohlen. Bärbel, die nebenbei auch als Herrenbegleiterin arbeitet, ist davon so abgelenkt, dass sie gar nicht merkt, dass ihr neuer Freund es nur auf ihr Erspartes abgesehen hat – im Auftrag einiger Hamburger Luden, die Marek, dem „King“, eins auswischen wollen ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Die Hauptpersonen:

Marina, junge Dirne, wechselt den Job.

Thomas, ihr Zuhälter, glaubt, sein Pferdchen sei ihm geklaut worden.

Bärbel, Dirne aus dem Haus an der Ecke, verschafft sich einen Nebenverdienst.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

 

Prolog

Bärbel ging nachdenklich die Straße entlang. Wenn sie jetzt jeden Abend so auf die schnelle einen Fünfhunderter machte, wäre das eine feine Sache. Sie lief weiter, bis ihr Schuh gegen etwas stieß. Sie beugte sich nieder und hielt die Luft an. Vor ihr lagen zwei Beine.

 

 

1

Die Augen der Frau waren groß und erschreckend leblos. Schwarze Pupillen, von denen der Betrachter magisch angezogen wurde, wenn er sich die Mühe machte, sie länger anzusehen. Man wurde unruhig, blickte zur Seite. Die leblosen Augen waren aber noch immer da.

»He, du!«, sagte der Mann.

Langsam begannen die Lider der Frau zu flattern.

»Was willst du?«, fragte sie.

Sein Blick glitt von ihren Augen auf den Körper hinunter, zum Hals, dann zu den Brüsten, bis auf das schmale Becken. Alles das war irgendwie unwirklich.

»Das ist doch verrückt, ehrlich!«, stammelte der Mann.

Dieses Geschöpf brachte ihn beinahe dazu, sich zu fürchten.

Verflucht, dachte er. Ist es schon so weit mit mir gekommen? Ich bin doch wer, stelle etwas dar. In meiner Firma respektieren mich alle. Auf meinen Rat hört man. Ich bin ein gefragter Mann, sonst wäre ich doch nicht jetzt schon so reich. Wieso fürchte ich, kein Mann zu sein? Wieso bin ich in diesem Punkt so unsicher? Zum Teufel noch einmal, wovor habe ich denn eigentlich Angst?

Sein Blick irrte in die Runde. Alles war noch da. Die Häuser, die Straße, die Mülltonnen, auch der nachtdunkle Himmel. Dort hinten musste sich eine Kneipe befinden. Musik drang aus dem Haus. Ein schmaler Schein huschte über die Straße. Ein Radfahrer fuhr zur Arbeit. Oder kam er vielleicht vom Dienst?

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte der Mann.

Die schwarzen Augen sahen ihn an, gleichgültig, ohne Leben.

»Und?«, fragte das Mädchen träge.

»Verrückt, du bist bestimmt verrückt! Ich habe das Gefühl, dass du durchsichtig bist! Ehrlich, ich habe wirklich schon viele Mädchen kennengelernt, das kannst du mir glauben. Doch keine war wie du! Wäre es nicht lächerlich, dann würde ich jetzt sagen, du bist eine Elfe, so durchsichtig, überhaupt nicht greifbar. Ist das nicht verrückt? Dabei habe ich dich schon bezahlt.«

Der Kunde lachte auf. In meinem Alter noch so verrückte Sachen zu sagen, ist wirklich nicht mehr normal. Vielleicht sollte ich mich mal untersuchen lassen, dachte er.

Ihre Augen wurden endlich wach. Ganz unmerklich. Der leere Blick verschwand. Wie aus weiter Ferne herangezogen, kam wieder Leben in die Augen der Frau.

»Elfe!«, flüsterte der Mann.

Ihre knallrot geschminkten Lippen zitterten.

»Hast du gerade Elfe zu mir gesagt?«

»Ja! Verdammt noch mal! Du kannst dich ruhig lustig über mich machen! Ach du meine Güte, warum rede ich eigentlich so viel? Warum komme ich nicht lieber zur Sache?«

Zögernd streckte er eine Hand aus. Sie war noch da. Fast bedauerte er, dass die Kleine nicht wirklich durchsichtig war.

»Elfe! Hast du wirklich Elfe gesagt?«, fragte das Mädchen.

Aus ihren großen Augen rannen glitzernde Tropfen. Ganz langsam, wie im Zeitlupentempo, liefen sie über das schöne Gesicht, um sich dann in dem zarten Blüschen zu verlieren.

»Ja! Als Bub hatte ich mal ein Buch, darin war eine Elfe abgebildet. Die sah dir wirklich ähnlich. Früher habe ich lange über sie nachgedacht. Manchmal habe ich mir gewünscht, so ein Wesen kennenzulernen. Du musst wissen, ich bin sehr einsam aufgewachsen, hinter hohen Mauern, meine Eltern hatten Geld, aber für mich gab es nie Liebe oder Spielgefährten. Da kommt ein Kind auf verrückte Gedanken. Du brauchst keine Angst zu haben! Ich bin nicht aus einer Anstalt entwichen. Nein, das ist es nicht. Du erinnerst mich nur an dieses Bild. Ich hätte mir wirklich nie träumen lassen, dass ich mal bei einer Nutte dieses Gefühl haben würde. Wirklich verrückt, findest du nicht auch?«

»Warum?«, sagte die Frau und sah ihn fragend an.

Sie packte seinen Arm und schüttelte ihn. »Wieso sehe ich aus wie eine Elfe?«

Der Mann kam in die Wirklichkeit zurück. »Hör zu, Mädchen! Ich habe dich bezahlt. Ich will jetzt Liebe, verstehst du mich? Ich will nicht mehr reden. Ich habe dir viel Geld bezahlt. Zu viel glaube ich. Du bist bestimmt nicht so gut, dass du das verdient hast. Ich hatte wahrscheinlich Mitleid mit dir. Mitleid ist keine gute Sache. Los, sage mir, wo du mich hinführen willst, und wir kommen zur Sache.«

Ihre Augen waren wieder erloschen.

»Komm«, sagte sie tonlos.

Sie stöckelte voran. Gleichgültigkeit ausdrückend. Eine so große Gleichgültigkeit, dass sich der Mann fragte, gibt es das wirklich? Träume ich das etwa alles?

Sie befanden sich jetzt in einem schäbigen Stiegenhaus. Er musste sich die Nase zuhalten. Der Gestank hier war unerträglich. Sie ging weiter, stand bald vor einer Tür und stieß sie mit dem Fuß auf.

»Ist das deine Wohnung?«, fragte der Freier.

»Ja!«

»Schließt du denn nicht ab?«, wollte er weiter wissen.

»Wozu?«, fragte die Tülle gelangweilt.

»Sie ließ ihre Kleider einfach an ihrem Körper hinuntergleiten. Während sie sich noch auszog, lief sie weiter. Das Zimmer war vollkommen ausgeräumt. Auf dem Boden lag eine Matratze mit einem zerwühlten Laken. Ihn schauderte. Ich könnte mir die teuerste Nutte der Stadt leisten, dachte der Mann. Und wo bin ich jetzt gelandet?

Nackt lag sie da, die Beine breit, die Augen geschlossen. Gierig stürzte er sich auf die Frau. Er wollte es jetzt schnell hinter sich bringen, hatte aber keinen Genuss dabei. Er ärgerte sich maßlos. Als alles vorbei war, schämte er sich entsetzlich.

Er tätschelte die schmalen Schenkel. Wie alt mochte sie wohl sein?

Das Mädchen erhob sich.

»Wie heißt du?«, fragte der Mann.

»Marina«, sagte das Mädchen.

»Ist das dein Künstlername?«, wollte er wissen.

Sie blickte ihn erstaunt an.

»Schon gut, das war nur ein kleiner Scherz von mir. Also nichts für ungut, Marina! Ich gehe jetzt!«

»Von mir aus!«, sagte die Tülle.

»Willst du mich nicht wieder zurückbringen?«, fragte er.

»Geh doch endlich!«, schrie das Mädchen plötzlich.

»Hör mal! Ich will nicht in Schwierigkeiten kommen, verstehst du mich?«

Sie gab keine Antwort mehr.

Der reiche Mann schlich sich aus dem Haus. Unten an der Ecke stieß er mit einer zwielichtigen Gestalt zusammen. Er hatte es ja gewusst! Man konnte ihm nichts vormachen. Er kannte sich in diesem Milieu aus.

»Pfoten weg! Oder ich kann sehr unangenehm werden!«, befahl der reiche Freier mal auf alle Fälle.

Der Jüngling mit dem fettigen Haar grinste ihn an.

»Wirklich, Opa?«, fragte er frech.

Der Mann war jetzt wütend. So hatte man ihn noch nie genannt.

»Verpiss dich!«, schrie er den Ganoven an.

»Wo ist Marina?«, fragte der schmierige Typ.

»Oben! Sieh nach!«

»Hör zu, bevor ich sauer werde! Meine Freunde und ich, wir haben es nicht gern, wenn wir verarscht werden. Hast du mich verstanden?«

Der Kunde blickte ihn gleichgültig an.

»Ich kann auch sauer werden, Bürschlein! Stell dir mal vor, wie erfreut die Polizei wäre, wenn ich ihr von dir erzähle.«

Böse Funken glitzerten in den Augen des Ganoven. Schon lag das Klappmesser in der Hand des Mannes.

Der reiche Mann kannte aber keine Angst. Wer sich allein in dieses Viertel begab und das auch noch nachts, der durfte keine Angst haben und musste sich verteidigen können, wenn es angebracht war.

Der Kunde von Marina war fast erleichtert. »Na, das ist ja hübsch«, sagte er, als die Rangelei nun los ging.

Der junge Bursche wollte ihn nur einschüchtern. Doch dazu kam es nicht mehr. Er lag schon im Rinnstein, bevor er überhaupt richtig zustechen konnte.

»Pass nächstens auf, mit wem du dich einlässt!«

»Blöder Zocker«, keuchte der Messerstecher wütend. »Dich kriege ich noch!«

Der Kunde war aber schon verschwunden.

»Mistbock!«, schrie der junge Mann nun laut.

Er überlegte. Was war jetzt wichtiger, zu Marina gehen, oder dem Kerl folgen? Wenn er herausfand, wer er war, hatte er ihn in der Hand. Er entschloss sich, dem Freier zu folgen.

Kaum war er um die Ecke gerannt, da stieß er auch schon mit dem verfolgten Mann zusammen. Damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Sprachlos vor Schreck stand der junge Bursche, wie zur Salzsäule erstarrt, da und glotzte ihn blöde an.

Der Mann schien auf ihn gewartet zu haben.

»Wen haben wir denn da?«, fragte er ruhig. »Willst du mir vielleicht sagen, ich hätte etwas vergessen?«

»Äh«, keuchte der Bursche verdutzt und versuchte, langsam nach rückwärts zu verduften.

»Bleib stehen!«, herrschte ihn der Kunde von Marina an. »Du bekommst sonst Schwierigkeiten! Ich sage es dir noch einmal, halte dich von mir fern! Hast du mich verstanden? Ich habe viel Macht. Ich könnte dich sofort vernichten, auf der Stelle! Hast du mich verstanden?«

»Ja«, presste der Ganove hervor.

»Dann richte dich danach!«, befahl der reiche Mann. Der Jüngling rannte davon.

Der Mann zündete sich eine Zigarette an. Wenig später erschien dann sein Wagen, von einem Chauffeur gesteuert.

Der Schlag wurde geöffnet. Der Mann stieg ein.

»Entschuldigen Sie, dass ich mich verspätet habe«, sagte der Mann hinter dem Lenkrad demütig.

»Keine Ursache! Fahren Sie los!«

Der Reiche lehnte sich zurück und dachte, ich sollte wirklich damit aufhören. Diesem Burschen konnte ich noch einen gehörigen Schrecken einjagen. Er kann ja nicht wissen, wie wenig Macht ich in Wirklichkeit habe. Verflixt, wann endlich höre ich damit auf, diese billigen Mädchen aufzusuchen?«

 

 

2

Marina lag noch immer völlig apathisch auf ihrem Lager und sah zur Decke. Sie spürte Schmerzen in ihrem Unterleib und presste die Lippen zusammen. Die Kerle taten ihr weh. Sie konnten ja nicht wissen, dass sie zu schmal war. Damals hatte sie geglaubt, alles sei so einfach und unproblematisch. Sie brauche sich nur hinzugeben, und schon würde sie im Geld schwimmen. So hatte man es ihr ja auch gesagt.

Sie hatte ihren Freund geliebt. Mit ihm war alles wunderbar gewesen. Sie hatte wie auf rosa Wolken geschwebt und geglaubt, so würde ihr Leben immer bleiben. Dann hatte er sie auf den Strich geschickt. Die Kunden waren alle so grob und unsensibel, dass sie mitunter glaubte, sie würden sie zerreißen. Nach dem ersten dieser schrecklichen Kunden, hatte sie einen Schreikrampf bekommen. Sie hatte es nicht mehr tun wollen. Ihr Freund hatte sie so lange geprügelt, bis sie nicht mehr klar denken konnte. Wie ein Tier war sie dann nur noch gewesen. Er hatte sie dazu gemacht.

Wieder rannen Tränen über ihr Gesicht. Marina hatte schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Und jetzt war dieser Mann gekommen und hatte sie Elfe genannt. Etwas in ihrem Herzen war wieder aufgebrochen.

»O nein«, flüsterte sie gebrochen.

»Oh, ich ertrage es nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Warum mache ich nicht Schluss?«

Elfe! Ihr Vater hatte sie so genannt.

Marina wusste nichts mehr von ihm. Sie hatte sich nicht mehr bei ihren Eltern gemeldet. Damals hatte sie alles gehasst, was mit dem Elternhaus zusammenhing, ganz besonders die Fürsorge des Vaters. Damals hatte sie ihm viele böse Worte an den Kopf geworfen. Jetzt lag sie oft mit Männern zusammen, die vom Alter her ihr Vater hätten sein können. Wie musste ihr Vater damals gelitten haben. Wieso hatte sie den Unterschied nicht erkannt? Wieso wollte sie nur das Gemeine sehen? Warum eigentlich? Es war doch ihr Vater gewesen, der sie genau vor diesem Leben bewahren wollte, das sie jetzt führte. Er hatte so viel Geduld mit ihr gehabt, ihr immer wieder gesagt: »Ich meine es doch nur gut mit dir, Liebes! Elfchen, ich möchte doch nicht, dass du Kummer hast. Das Leben kann so grausam sein. Es ist so leicht abzurutschen. Die Männer ...« Dann hatte er immer bestürzt geschwiegen. Was hatte sie ihm zur Antwort gegeben? »Du gönnst mir auch gar nichts? Du willst mich nur für dich haben. Mir kannst du nichts vormachen! Ich bin nicht von gestern.« Sie hatte ihn noch ausgelacht. Jetzt, nachdem sie so tief gesunken war, hatte sie begriffen, wie sehr sie den Vater verletzt haben musste. Er war damals still aus ihrem Zimmer gegangen. Nie mehr hatte es dann noch einen guten Kontakt gegeben. Das Band zwischen ihnen war zerschnitten.

Marina presste die Hände vor den Mund.

Sie hatte anschließend alles tun dürfen. Er hatte nicht mehr geschimpft, wenn sie spät heimkam. Sie hatte ihn in die Enge getrieben. Damals hatte sie noch triumphiert darüber. Jetzt war alles zu spät.

Warum rannen Tränen über ihr Gesicht? Salzig und heiß tropften sie auf die kleinen Brüste.

Plötzlich wurde gegen ihre Tür geschlagen. Marina nahm es nicht wahr. So sehr im Schmerz und Selbstmitleid versunken, hörte sie es nicht. Als dann der Lärm immer ärger wurde, stand sie mühsam auf und wankte zur Tür.

Thomas stieß Marina brutal zur Seite. Er kochte vor Wut und ließ das jetzt an dem wehrlosen Mädchen aus.

»Wieso muss ich so lange warten? Warum hast du den Riegel vorgeschoben?«

Nackt lehnte Marina an der Wand und blickte ihn an. »Was willst du von mir?«

»Ich habe dich gefragt, warum du dich auf einmal einschließt, Marina!«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie, ging in den Raum zurück und warf sich auf ihr Lager.

»Sag mal, warum hast du den Kerl nicht nach unten begleitet? Warum übrigens bist du nicht schon wieder angezogen? Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass er dir so viel Geld gegeben hat, dass du jetzt schon eine Pause einlegen kannst?«

»Weiß ich nicht!«

Er rüttelte sie.

»Gib mir eine vernünftige Antwort! Wo sind die Mäuse?«

Er wühlte schon in ihrem Täschchen herum. »Was? Für die paar Kröten hast du ihn mitgeschleppt?«, schrie er nun wütend.

»Es war mehr«, sagte sie tonlos. »Ich musste aber die Miete bezahlen!«

Thomas schluckte. »War dieser Aasgeier schon wieder hier?«

»Ich meine die Stehgebühr! Du hast sie mal wieder vergessen«, berichtigte sich Marina.

Seine Augen wurden schmal. »Hat er was gesagt?«

»Das nächste Mal wird er dir den Hals umdrehen! Das soll ich dir bestellen. Und jetzt verschwinde endlich! Ich will dich nicht mehr hierhaben. Ich bin fix und fertig mit dir!«

Thomas schrie sie an.

»Kommt gar nicht in Frage! Ich brauche die Mäuse! Du wirst weiter auf den Strich gehen. Es ist noch nicht zu spät. Da unten laufen genug Kerle herum. Los, zieh dich an, und runter mit dir!«

»Nein!«

»Du weigerst dich?«

Marina wusste auch nicht, warum sie heute hellwach war. All die vielen Monate hatte sie total stumpfsinnig zugebracht. Und auf einmal war ihr, als wäre der Schleier vor ihren Augen fortgezogen worden.

»Ich werde dich grün und blau schlagen«, sagte Thomas eiskalt und starrte sie böse an. »Du wirst Prügel beziehen, wie schon lange nicht mehr!«

Marina hörte immer wieder das Wort Elfe, Elfchen, mein kleines blondes Elfchen!

Sie hob den Kopf und sah den Kleinstzuhälter an. Sie war vorher schon durch viele Hände gegangen, bevor sie bei Thomas gelandet war.

»Von mir aus kannst du mich totschlagen«, sagte sie ruhig.

Der Lude war baff.

»Was»! keuchte er. »Habe ich richtig gehört?«

»Ja! Du kotzt mich an! Alles kotzt mich an! Ich will nicht mehr leben. Mach doch endlich Schluss mit mir! Verdammt und zugenäht, so tu es doch endlich! Worauf wartest du denn noch? Los, mach schon! Schlag zu! Erwürg mich! Erstich mich, es ist mir egal, wie du mich umbringst! Total egal, Hauptsache ist, ich krepiere endlich!«

Das wurde mit solcher Wucht hervorgestoßen, dass der Lude zurückwich. Endlich begriff der junge Mann, dass eine Kreatur sich wehrt, wenn es keinen Ausweg mehr zu geben schien.

Marina war an dieser Stelle angekommen.

»Mach doch endlich! So fange doch an! Ich will sterben, ich will endlich sterben! Los schon! Ich halte ganz still.«

Voller Entsetzen rannte der Bursche aus dem Zimmer.

Marina weinte bitterlich.

»Nicht mal das kann er«, flüsterte sie verzweifelt. »Nicht mal dazu ist er in der Lage. Oh, warum hört mich denn keiner? Warum versteht denn niemand, dass ich am Ende bin? Ich will nicht mehr!«

Wie ein Häuflein Elend lag sie zusammengerollt da und schrie ihre Not hinaus. Doch in dem Haus war so viel Lärm, dass niemand sie hörte.

Qual und Pein, Scham und Verzweiflung, all das traf bei Marina zusammen.

Irgendwann schlief sie dann doch erschöpft ein.

 

 

3

Ida hatte ein schlechtes Gewissen. Kein Wunder, wo sie sich doch derart blamiert hatte. Alle genossen den derzeitigen Seelenzustand Idas. Wenn Ida in sich gekehrt war, war sie nett und zugänglich. Sie wollte es allen recht machen, mit Übereifrigkeit sozusagen ihre Schande zudecken.

Die Dirnen im Haus an der Ecke amüsierten sich königlich. Wieder einmal hockten sie zusammen und lachten, tranken und machten sich ein paar nette Stunden. Carmen kam etwas später dazu und sagte fröhlich: »Was haltet ihr davon, wenn wir Ida überreden, uns eine Torte zu backen?«

Die Mädchen aus dem ersten Stock rückten zur Seite.

»Warum denn das?«, wollte Eva-Maria wissen und kraulte Fritzchen. Natürlich durfte der Hund in dieser Runde nicht fehlen. Hin und wieder erinnerte sich der unmögliche Hund noch daran, dass es Eva war, die die Hundesteuer bezahlte und deshalb sein Frauchen sein musste. Fritzchen war ein unersättlicher Bobtail und der Liebling des Eckhauses. Ganz besonders heiß und wild liebte er Ida. Das beruhte aber auf Gegenseitigkeit. Ida konnte Fritzchen voll ihre Gefühle zeigen, ohne von ihm verraten zu werden. Deswegen wurde er auch immer runder. Vor ein paar Tagen war schon mal deswegen das Thema bei den Mädchen erörtert worden, mit ihm eine Abmagerungskur zu machen. Was für die Menschen richtig war, war sicher auch für einen Hund gut. Sie befürchteten sonst, er würde eines Tages noch platzen. Als jetzt Fritzchen das Wort Torte hörte, wurde er direkt lebhaft.

Hanna, die Sprecherin der Mädchen, war gerade dabei, sich die Finger und Fußnägel neu zu bepinseln. Jetzt war sie damit fertig und wedelte ein wenig mit den Händen durch die Luft, damit die Farbe schneller trocknen sollte.

»Warum das denn?«, fragte sie verdutzt. »Das sind doch Kalorien! Ich weiß nicht! Ich bin nicht wild darauf, anschließend wieder hungern zu müssen.«

Die Mädchen kicherten vergnügt. Sie hatten gleich begriffen, was Carmen damit ausdrücken wollte.

»Geh, Hanna, verdirb uns nicht den Spaß! Wir haben schon lange keine Torte mehr bekommen. Man muss die Gunst der Stunde nützen. Lange hält das schlechte Gewissen bei Ida nicht an, also müssen wir sie jetzt weichklopfen!«

»Na ja«, sagte jetzt auch Hanna vergnügt. »Es wäre gar nicht so übel. Außerdem könnte man damit sogar noch einen guten Zweck verbinden.«

Jetzt waren die übrigen Mädchen verblüfft.

»Was für einen guten Zweck? Denkst du vielleicht an Walterchen? Aber der kriegt doch immer was ab. Oder etwa den Königsluden? Also wirklich, Hanna, wenn du denkst, dass wir dem Marek ein Stück abgeben, nee, damit bin ich nicht einverstanden«, rief Peggy nachdrücklich. »Der soll sich seine Torten selbst kaufen.«

»Sich den Königsluden warm zu halten, ist nie schlecht. Aber den meine ich wirklich nicht«, sagte Hanna, während sie vergnügt mit den Zehen wackelte. Sie betrachtete ihr Werk und war sehr mit sich zufrieden. Sie war hübsch, aber mehr auf die mütterliche Art. Klappern gehört zum Handwerk, das hatte sie sehr bald hier im Bordell gelernt. Ja, die früheren Jahre waren dagegen langweilig gewesen. Doch sie wollte nicht mehr an die Zeiten von damals zurückdenken. Das war Schnee von vorgestern. »Dass Deike etwas abkriegt, ist doch auch selbstverständlich. Da musst du dir wirklich keine Sorgen machen, Hanna. Für was hältst du uns eigentlich?«

»Ich meine das alles nicht, ich denke an das Abschiedsfest!«

»Wie? Was? Wer soll denn verabschiedet werden?«, riefen alle durcheinander.

»Elena«, sagte Renate lachend. »Mensch, was sind wir doch blöde!«

Elena war nur noch für ein paar Wochen hier im Bordell. Sie hatte sich mit einem netten jungen Mann verlobt und war von ihm schwanger geworden. Jetzt waren sie gerade dabei, sich eine nette Wohnung zu kaufen. Deike half ihnen. Die Mädchen im Haus an der Ecke gingen nicht mit leeren Händen davon. Dafür sorgte die Bordellmutter. Für Elena sollte es eine Eigentumswohnung sein. Und weil sich das alles ein wenig hinzog und die Wohnung des Verlobten einfach zu klein war, lebte Elena noch hier in ihrem Zimmer. Es war ihr überlassen, ob sie hoch unten auf der Rampe stehen wollte oder nicht. Natürlich musste sie auch weiterhin die Miete wie üblich bezahlen. Marek hatte sie aus der Innung entlassen. Der Großlude konnte sich das ohne Weiteres leisten. Schließlich war er so reich, dass er sogar seiner Mutter für mehrere Millionen eine Jugendstilvilla kaufen konnte. Lotte, eine resolute alte Dame, war jetzt dabei, noch mehr Geld für die Einrichtung auszugeben.

»Elena? Richtig! Das habe ich doch total vergessen! Geht sie denn schon bald?«

»Meine Güte, wir können doch schon vorher Abschied feiern! Wir wollen das Fest doch alle mitmachen, nicht? Dann muss so etwas auch geplant werden. Wir müssen dem Marek klarmachen, dass wir an dem Tag keinen Rampendienst machen wollen.«

Nur Rita verhielt sich neutral. Das bemerkte aber keiner.

»Mit allem Drum und Dran?«

»Ich dachte, ihr wollt nur eine Torte?«, fragte Hanna.

»Ach, Hanna, sei doch kein Spielverderber! Ehrlich, ich finde, wir sollten es gründlich machen. So oft kommt das nicht vor, dass eine von uns heiratet. Also müssen wir es gebührend feiern. Wir können uns doch nicht lumpen lassen!«

»Außerdem brauchen wir auch ein Abschiedsgeschenk«, rief Anita dazwischen.

»Meine Güte, ja, das hatte ich total vergessen!«

Betretenes Schweigen in der ganzen Runde.

Alle dachten nach. Jede der Dirnen wollte die zündende Idee haben.

Dann kamen alle möglichen Vorschläge. Immer wieder wurde geprüft und verworfen.

»Wir denken eben weiter nach«, sagte Hanna. »Ich habe da schon eine Idee. Aber sie muss noch ausreifen. Ich will es noch mal überdenken!«

»Los, spuck es schon aus!«, befahl Renate.

»Ach was, wir wollen uns jetzt erst einmal auf die Torte einigen!«

»Vierstöckig muss sie sein«, rief Tina. »Daran hat Ida ordentlich zu knacken und ist lange beschäftigt.«

Wieder kicherten alle vergnügt. Ja, das war wirklich eine Gaudi, wenn sie Ida ein wenig necken konnten. Ida war der gute Geist im Bordell. Selbst mal früher Dirne gewesen, war sie tief in der Gosse gelandet. Sie hatte schon an einem Fleet gestanden und wollte Selbstmord begehen. Da hatte Walterchen sie entdeckt und mitgenommen. Sie spielte jetzt seit Jahren hier Köchin und Mädchen für alles im Bordell. Ida war eine Seele von Mensch, aber man konnte sie zur Weißglut bringen, wenn man ihr offen seine Liebe erklärte. Dann flogen die Topfdeckel nur so durch die Luft. Ida selbst übrigens zeigte auch nicht gerne, dass sie jemanden liebte. Nur bei Deike machte sie da eine Ausnahme. Deike durfte die Spielregeln auch nicht verletzen. Aber die Eckhausmädchen schafften es dennoch immer wieder, die gute alte Ida glücklich zu machen. Und wenn es mit Seidennachthemden war, oder mit Adventskalendern. Ida flennte dann immer los und tobte anschließend ihre Rührung in der Küche aus.

Ja, und neulich hatte sie doch tatsächlich angenommen, man wolle sie zum alten Eisen werfen. Beleidigt, ohne erst auf eine Kündigung zu warten, hatte sie sofort ihr Köfferlein gepackt und war zu Charly, dem Wirt unten an der Ecke, gezogen. Dieser war darüber auch erst ziemlich glücklich gewesen. Ida war eine tolle Kraft. Hin und wieder war sie sogar schon von anderen Zuhältern angemacht worden. Man warb sie immer mal wieder vergebens ab. Das Haus an der Ecke war etwas Einmaliges in der Dirnenszene. Niemand begriff wirklich, was eigentlich das Geheimnis ausmachte. Ida würde sich lieber in Stücke reißen lassen, als sich von Deike und den Mädchen zu trennen. Zwar sagte sie täglich und auch des nachts wohl hundertmal, sie sei hier ja nur der billige Putzlumpen, mit ihr könne man ja alles machen.

Ida hatte bei Charly sofort alle Arbeit an sich gerissen und den armen Wirt fast zum Wahnsinn getrieben. Daraufhin war dieser ins Haus an der Ecke geflüchtet. Das war nicht schön von ihm, und so war Ida wieder aufgetaucht. Wie gesagt, sie hatte jetzt so etwas wie ein schlechtes Gewissen und brummelte deswegen nur ganz leise vor sich hin. Fritzchen hatte sich sogar bemüht, die Küche zu meiden. Er war ein Hund mit sehr guten Antennen. Er begriff sogleich, wann er auf der Seite der Mädchen stehen musste. Dass Fritzchen jetzt mehr und mehr oben in den Dirnenzimmern war, wurmte Ida mächtig. Als hätte sie gerochen, dass die Mädchen etwas vorhatten, klapperte sie jetzt unten in der Halle laut mit Fritzchens Schüssel und schrie: »Fresschen! Komm schon, Hündchen! Sonst räume ich alles wieder fort!«

Die Mädchen hielten die Luft an und sahen auf Fritzchen. Für gewöhnlich warf er sich mit aller Wucht gegen die Tür, wenn er auch nur andeutungsweise etwas klappern hörte, was Ähnlichkeit mit seinem Fressnapf hatte. Doch jetzt lag er da, die Pfoten von sich gestreckt, und blickte vergnügt in die Runde. Das konnte er sich ja auch leisten. Mit wildem Aufspringen war diesmal nichts. Wohlweislich hatten die Mädchen ihn mit Süßigkeiten bis zum Platzen abgefüllt. Fritzchen war nämlich eine wankelmütige Seele.

Ida klapperte lauter, aber Fritzchen kam nicht. So stieg sie dann tatsächlich ächzend die Treppe hinauf und klopfte. Ida klopfte! Die Dirnen waren direkt erschüttert.

Ida begrüßte die Mädchen und machte große Augen.

»Habt ihr Fritzchen gesehen? Er ist doch nicht fortgelaufen? Ja, ja, wenn man hier oben hockt, dann hat man wohl keine Lust, sich um das Nächstliegende zu kümmern. Eva, du solltest dich wirklich schämen! Ich alte Frau muss mich um alles kümmern. Aber wenn du denkst, dass ich jetzt hinter deiner Töle herrenne, irrst du dich.«

Die Mädchen grinsten fröhlich.

Jetzt bemerkte Ida Fritzchen. Dieser wuchtete sich mit Mühe hoch. Er musste sich zwischen den vielen Dirnenbeinen hindurchquetschen. Irgendwie gelang ihm das nicht ganz. Fritzchen begriff sehr schnell. Die heimlichen Knuffe hießen: Hündchen, wenn du jetzt fahnenflüchtig wirst, kannst du was erleben! Fritzchen begriff. Ida konnte man ja mit Blicken auf der Stelle weichmachen. Die Dirnen besaßen in dieser Hinsicht mehr Charakter. Der Hund plumpste wieder hin und drehte schämig den Kopf zur Seite. Idas Lippen zitterten.

»Ich kümmere mich um meinen Hund«, sagte Eva. »Du brauchst deine alten Knochen nicht weiter zu strapazieren.«

»Na ja«, sagte Ida schwach und spielte die tragische Rolle. Sie schlurfte tief verletzt davon.

»War das nicht etwas zu hart?«, wisperten einige Mädchen.

Ida stand für einen Moment oben im Gang und wollte sich dann stöhnend und ächzend nach unten begeben. Die Mädchen sollten einen tüchtigen Schreck bekommen. Sicher kamen sie dann sogleich zu ihr und würden sich entschuldigen und ihr mal wieder erklären, wie sehr sie sie doch brauchten. Ida konnte das nicht oft genug hören. Doch da läutete das Telefon, zu einer Zeit, wo für gewöhnlich keine Anrufe kamen. Ida war auch noch für ihr Leben neugierig. Also vergaß sie ihre tragische Rolle und war wieselflink unten. Sie merkte nicht, dass die Mädchen oben am Treppengeländer standen und sie beobachteten.

»Sie hätte Schauspielerin werden sollen«, flüsterte Carmen.

Dann verzogen sie sich wieder ins Zimmer.

»Besorgen wir einen Topf, da werfen wir Geld hinein. Dann sehen wir weiter«, sagte Hanna.

»Für das Geschenk?«, fragte Eva.

»Ja!«

»Willst du es uns denn noch immer nicht verraten?«

»Was haltet ihr von einer Wiege?«, fragte Hanna.

Zuerst verstanden alle nur Bahnhof. »Wiege? Wieso, die wird doch jetzt immer dicker, da braucht sie doch keine Waage!«

»Ich meine eine Babywiege!«, rief Hanna aus.

Die Mädchen waren alle ergriffen.

»Meine Güte! Das ist schön«, sagten sie seufzend.

Hier und da kullerten ein paar Tränchen der Rührung.

»Also: Seid ihr mit meinem Vorschlag einverstanden?«, fragte Hanna.

»Und wie!« Alle waren begeistert.

»Dann gehen wir sie also kaufen!«, schlug Carmen vor.

Hanna winkte schnell ab. »Das hat doch noch etwas Zeit. Wir müssen uns doch jetzt erst einmal um die Torte kümmern. Das war doch der Ausgangspunkt unserer Besprechung oder?«

»Sicher! Also wer geht zu Ida?«

Hanna wurde mal wieder vorgeschlagen.

Sie stand auf. »Jetzt wollen wir doch mal hören, was Ida hat. Schließlich hat das Telefon nicht umsonst geläutet.«

Wie auf ein Stichwort hin riss Ida zum zweiten Male die Tür auf, diesmal ohne vorher anzuklopfen.

»Kundschaft ist angesagt!«, rief sie mit ihrer dröhnenden Stimme.

»Für wen?«, schrien die Mädchen alle durcheinander.

Ida hatte mal wieder im Eifer des Gefechts vergessen, den Kunden nach dem Namen zu fragen. Aber sie war nicht von vorgestern und rächte sich jetzt, indem sie boshaft ausrief: »Das könnt ihr ja raten!«

»Hör mal, Ida, du bist wohl verrückt? Das ist unsere freie Zeit. Du kannst doch nicht verlangen, dass wir jetzt alle Dienst machen!«

»Warum nicht? Ihr habt doch sonst nichts zu tun. Schadet euch nicht, wenn ihr mal euren faulen Hintern in die Höhe hebt. So! Jetzt muss ich wieder gehen!«

»Blöde Zicke«, schnaufte Dorle. Doch Ida war schon verschwunden.

Für Ida war die Welt wieder in Ordnung. Jetzt hatte sie es den Mädchen wieder gegeben. Grinsend stiefelte sie in ihre Küche zurück.

»Eigentlich müsste sie dafür eine zehnstöckige Torte backen«, knurrte Rita.

Hanna sagte: »Wir wollen nichts übertreiben. Warten wir doch einfach ab! Wer muss auf die Rampe?«

Drei der Mädchen erhoben sich sofort.

»Ihr macht aber nichts ohne uns, ist das sicher?«, baten sie.

Hanna sagte: »Wir gehen jetzt alle auf unsere Zimmer zurück. Wenn ich euch brauche, rufe ich euch wieder zusammen. Heute wird aber nichts mehr laufen.«

Da waren alle zufrieden, und die drei Mädchen trollten sich.

Ida riss ihr Guckfensterchen auf und peilte um die Ecke. Die Mädchen standen.

Da wurde gegen die Tür gebollert.

Ida knallte flink das Fensterchen zu und öffnete die Tür. Fritzchen stand vor ihr. Ida sah ihn strafend an. »Eigentlich sollte ich dich nicht wieder in meine Küche lassen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Mädchen dich bestochen haben, alter Bursche. Komm nur, ich weiß, wie dir zumute ist. Ich habe da ein feines Häppchen für dich. Komm nur, mein Lieber!«

Ida holte Fritzchens Schüssel. Dieser leckte ihr das linke Knie und himmelte sie zugleich an. Ida seufzte gerührt und kraulte ihn hinter den dicken Ohren.

»Darf man hereinkommen?«, erklang eine Stimme.

Ida hätte vor Schreck fast die Hundeschüssel fallen gelassen.

 

 

4

Die Tüllen nannten ihn alle Doc. Keiner wusste seinen wirklichen Namen. Er war eine verkrachte Existenz, wie so viele hier im Viertel. Deswegen kannte er sich auch so gut aus und hatte so viel Verständnis für die Mädchen. Ida mochte den Arzt sehr gern. Doc übrigens liebte Ida heiß und innig. Ihre Resolutheit und ihre Energie brachten ihn immer wieder dazu, nicht den Kampf aufzugeben, sondern weiterzumachen. Wenn ihm damals in seinen schwarzen Stunden so eine Frau zur Seite gestanden hätte, wäre er sicherlich nicht abgerutscht. Doc kam immer, wenn man ihn rief, und flickte die armen Mädchen zusammen, hin und wieder auch mal eine Schusswunde bei Luden, und alles ohne viel zu fragen. Er besaß eigentlich keine Praxis. Bevor Deike das Haus an der Ecke eröffnete, war der Doc ständig betrunken gewesen. Wenn man ihn brauchte, musste man ihn suchen und mit Gewalt nüchtern machen. Ihm war trotzdem noch nie ein Fehler unterlaufen. Das war sein Glück, denn sonst hätten die Zuhälter sicherlich schon kurzen Prozess mit ihm gemacht. Dann aber geriet der Doc in den Bann von Deike und Ida. Sie waren in der Tat in dieser Stadt so etwas wie ein Magnet für viele. Doc war Ida sogleich verfallen. Idas Küche hatte damit auch einiges zu tun. Er war nicht mehr so oft stockbetrunken, und er kam immer wieder mal vorbei. Scheinheilig erklärte er zwar jedes Mal, er sei gerufen worden, so auch jetzt, als er Idas wilden Blick auf sich ruhen fühlte. Doc lächelte schüchtern und sagte zaghaft: »Wer hat denn diesmal Kummer?«

Wenn Ida etwas überhaupt nicht ausstehen konnte, dann war es die Tatsache, dass sich hier im Hause etwas abspielte, wovon sie keine Ahnung hatte. Das war fast so etwas wie ein Staatsverbrechen. Wenn sie den Doc im Augenblick so feindlich anblaffte, dann nur aus lauter Erleichterung. Sie hatte nämlich angenommen, eines der Mädchen habe sie wieder mal dabei erwischt, wie sie sich bei Fritzchen einzuschmeicheln versuchte. Ida konnte ihre Gefühle nicht so blitzschnell umschalten. Also blaffte sie sogleich los. »Wie? Meine Mädchen sollen krank sein? Dass ich nicht lache«, höhnte sie. »Du hörst mal wieder die Flöhe husten, Doc. Meine Mädchen sind alle gesund. Verstehst du? Pack deine Foltertasche bloß wieder zusammen und mach, dass du wegkommst! Wir brauchen dich nicht. Und wenn, dann rufen wir dich. Ist das klar?«

Doc spielte weiter die schüchterne Rolle. Das waren so eingefahrene Rollen, die man einfach abspielen musste, und jeder von ihnen hatte seinen Spaß daran.

»Dann bin ich einer Falschmeldung aufgesessen«, sagte er seufzend. Hingebungsvoll schielte er dabei zur Kaffeekanne. »Ich renne mir die Beine aus dem Bauch, weil ich denke, hier fließt das Blut schon die Treppe hinunter, und jetzt dieser Empfang! Es tut mir leid, dass ich dich gestört habe, liebe Ida!« Fast hätte er liebste Ida gesagt. Das war auch eine Todsünde. Ida ließ sich diesmal aber schnell besänftigen.

»Na ja, du bist ja nicht mehr der Jüngste, dann setz dich ein wenig! Möchtest du einen Kaffee? Mir soll keiner nachsagen können, ich sei nicht freundlich zu alten, schwachen Männern!«

Wieselflink kam der schnurrige Doc um den großen Tisch geflitzt, saß auch schon in ihrer Nähe und himmelte sie mit seinen blauen Augen schamlos an. Dann fiel sein Blick auf Fritzchen. Dieser drückte sich noch enger an Ida, um dem Doc zu zeigen, sie gehört mir ganz allein. Doc seufzte und sagte ehrlich: »Sollte ich nochmals auf diese Welt kommen, werde ich Hund im Haus an der Ecke!«

Ida ließ die Schlüssel zu Boden gleiten und schimpfte ihn aus. »Blöder Kerl! Trink lieber deinen Kaffee, und dann mach, dass du verschwindest!«

Doc wusste, wenn er schon einen Kaffee bekam, konnte er bleiben.

Ida wollte ihm gerade erklären, dass er nicht zum Essen bleiben dürfe, für Schmarotzer hätte sie nichts übrig. Aber so weit kam sie zum Glück nicht, gerade wurde die Tür zur Halle aufgestoßen.

Hanna erschien.

Verblüfft blieb sie stehen, als sie den Doc erblickte. Ida sah sie an und freute sich über Docs Gesicht.

»Komm nur rein«, säuselte sie freundlich. »Den Doc musst du gar nicht beachten.«

Hannas kleine Lachfältchen wurden sichtbar.

»Ich kann später wiederkommen«, schlug sie vor.

»Nein, nein, bleib nur!«, beteuerte Ida.

Doc schmunzelte. Hanna spürte, sie kam nicht ungelegen, und so trat sie näher. Schon hatte sie auch einen Kaffee vor sich stehen. Sie war so nett und warf einen Blick in Fritzchens Ecke. Ida versuchte nämlich die ganze Zeit, diskret mit den Füßen den Fressnapf hinter der Spüle verschwinden zu lassen. Weil Doc näher saß, half er ihr dabei. Dafür durfte er dann später doch zum Essen bleiben.

»Ist etwas? Bist du mal wieder die Abordnung, Hanna?«

Hanna sagte: » Ja, so ungefähr. Aber ich kann wirklich später wiederkommen.«

»Los, mach jetzt nicht so viel Umstände und erzähle, was ich tun soll. Ich soll doch wieder Mehrarbeit leisten, so ist es doch, oder?« Schon wollte Ida wieder ihre tragische Rolle spielen. Das war übrigens Idas Lieblingsrolle, und sie verstand sie wirklich vorzüglich zu spielen.

Hanna gab ihr leider ein falsches Stichwort. Sie begann nämlich ihre Rede wie folgt: »Ach, das habe ich ja ganz vergessen. Ida, es tut mir leid, ehrlich, ich bin wirklich ein Schaf. Wie konnte ich das nur vergessen? Du hast ja so recht, du hast schon so viel mit uns zu tun, da gehe ich lieber zum Konditor und bestelle sie. Dank für den Kaffee!«

Ida vergaß ihre Rolle und keifte los: »Willst du etwa zu diesem Hundesohn gehen? Ist dir mein Essen nicht mehr gut genug? «

»Meinst du Charly? Aber der ist doch wirklich nett! Nein, Ida, zu dem will ich nicht. Charly könnte auch wirklich nicht liefern, was wir brauchen. Dazu gehört Talent und viel Fantasie. Keine Sorge, Ida, zu Charly gehe ich ganz bestimmt nicht. Bist du jetzt zufrieden?«

Ida nickte grimmig. »Sag ich es doch die ganze Zeit! Der und seine Küche! Eines Tages vergiftet er noch das ganze Viertel. Ich verstehe nicht, dass so etwas nicht unter Strafe gestellt wird.«

Hanna ging schon langsam zur Tür. Doc versuchte, sich das Grinsen zu verkneifen. Ida schnappte sich Hanna, als diese schon ihren Körper halb durch die Tür gequetscht hatte. Sie wollte noch gar nicht gehen. Ida war wieder mal reingefallen.

»Was willst du eigentlich bestellen?«, fragte sie.

»Eine Torte!«, platzte Hanne heraus.

»Was, eine Torte?«

»Eine dreistöckige Torte! Kannst du mir einen guten Bäcker nennen, Ida? Du kennst doch so viele Leute!«

Ida starrte sie an.

»Eine Torte? Wofür zum Teufel willst du eine Torte haben? Dazu noch dreistöckig!«

»Für Elena, als Abschiedsgeschenk. Wir wollen sie gebührend verabschieden, weißt du? Bitte nichts verraten! Ich bin schon aus deiner Küche, wenn du mir sagst, wem man dieses Wunderwerk anvertrauen kann.«

Doc sagte scheinheilig: »Ich habe mal bei Ida eine Torte zu kosten bekommen, davon träume ich jetzt noch. Sie war zwar schon ein wenig zermatscht, aber sie schmeckte vorzüglich. Es war ja nicht ihre Schuld, dass die Mädchen auf Walters Geburtstagstorte gefallen waren. Na ja! Aber so etwas wird sie nicht mehr machen. Das hat sie uns ja neulich geschworen. Nicht, Ida? Hast du nicht gesagt, du würdest es nie mehr tun? Hanna, komm her, du nettes Mädchen, ich kenne mich auch ein wenig aus hier im Viertel. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, dann würde ich die Torte bei ...« Weiter kam der Doc nicht, da erhielt er auch schon einen Stoß, und Ida riss ihm die Tülle aus den Armen.

»Alter Bock«, keifte sie, »was weißt du denn schon! Wer sagt denn, dass ich die Torte nicht backen will? Für Elena sagst du? Das ist doch etwas ganz anderes! Keiner kann gescheite Torten backen. Die fummeln doch lauter so olles Giftzeug rein. Ja, sie sehen toll aus, aber sie liegen einem wie Steine im Magen. Ihr bekommt eure Torte!«

Hanna küsste Ida schnell auf die Wange.

Ida schrie nicht, nein sie drehte sich zum Doc um und sagte: »Da kannst du mal sehen, wie man hier behandelt wird, wenn man geliebt wird.«

»Ich bin erschüttert«, sagte dieser nur.

Hanna verzog sich sofort. Sie wusste, wann sie sich in Luft auflösen musste.

Details

Seiten
104
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933147
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503648
Schlagworte
schicksale haus ecke nebenjob

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #15: Der lukrative Nebenjob