Lade Inhalt...

Erwacht neben einem Toten: N.Y.D. – New York Detectives

2019 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Erwacht neben einem Toten: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

 

Erwacht neben einem Toten: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Ausgerechnet die Bitte des Distriktstaatsanwalts bringt den Privatdetektiv Bount Reiniger dazu, außerhalb von New York einen Auftrag anzunehmen. Kaum angekommen wird er niedergeschlagen und erwacht neben einem Toten. Die Privatsekretärin des Toten will ihm ein Alibi geben, doch gerade das macht Reiniger misstrauisch. Aber auch die Sekretärin ist einen Tag später tot. Der einzige Anhaltspunkt, den Bount besitzt, ist der Hinweis auf eine Erpressung. Ein kniffliger Fall für den Privatdetektiv.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Blut! Er roch nach Blut, während er sich aus der blauschwarzen, stummen Tiefe seiner Benommenheit in die grelle, dröhnende Helligkeit hinaufkämpfte, wo der Blutgeruch auf ihn wartete. Mühsam hob er die Lider. Er lag mit dem Gesicht auf einem Teppich. Eine blutige Hand ragte in sein Blickfeld. Sie umschloss einen metallenen Gegenstand, der eine Statuette sein konnte. Zu ihr gehörte ein Stück Marmorsäule und ein viereckiger Standklotz aus weißem Marmor.

Der Marmor war rot von Blut.

Die Hand war seine eigene Hand, die Hand des Privatdetektivs Bount Reiniger aus New York.

Sie berührte fast den zertrümmerten Hinterkopf eines Mannes.

 

 

1. Kapitel

Mister Attorney Brown, der Staatsanwalt für Manhattan, schluckte vorsorglich eine Pille, als Bount bei ihm eintrat. Er litt an der Galle. Das verdarb ihm und manchem Sünder, dessen Untaten er zu untersuchen und anzuklagen hatte, die Freude am Leben. Wie viele Staatsanwälte neigte er dazu, mehr auf die Schuld als auf die Unschuld zu sehen, aber andererseits war er ein zu guter Jurist, um sich insofern gehenzulassen.

Die vorsorgliche Pille galt ausschließlich dem Privatdetektiv Bount Reiniger. Er war ihm nicht sympathisch, vor allem nicht wegen seiner Eigenmächtigkeiten am Rande des Gesetzes, aber im Augenblick schien ihm doch die Sanftheit einer Taube angebracht zu sein. Da ihm das sauer wurde, gelang ihm nur eine mürrische Freundlichkeit.

„Setzen Sie sich, Reiniger“, sagte er. „Ich habe Sie herbitten lassen, weil ich einen Auftrag für Sie habe. Sie übernehmen doch Aufträge?“

Bount blieb stehen. Er begnügte sich damit, die Arme auf die Lehne des Besucherstuhls zu legen und den Mann hinter dem Schreibtisch interessiert zu mustern.

„Ich lebe von Aufträgen, Attorney“, erwiderte er mit kühler Höflichkeit. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Sie einen Auftrag für mich haben. In Ihrem Büro gibt es eine ganze Reihe tüchtiger Leute.“

„Nicht für einen privaten und zugleich auswärtigen Auftrag, Reiniger. Hören Sie mich erst einmal an!“

„Ich höre.“

Der Attorney trommelte mit den Fingern der rechten Hand einen kurzen Marsch auf die Tischplatte. Er verriet damit seine Nervosität.

„Sie hören? Hoffentlich! Vorläufig stehen Sie herum, als ob Sie im nächsten Augenblick hinauslaufen möchten. Also, ich habe einen Freund. Sagen wir – einen Studienfreund. Wir haben uns schon jahrelang nicht gesehen. Charles Turner heißt er. Professor Charles Turner. Er ist Historiker. Können Sie sich darunter etwas vorstellen?“

„Ein Geschichtswissenschaftler, wenn ich nicht irre?“

„Nun ja, so kann man es auch nennen. Übrigens auch eine Art Detektiv. Diese Leute begnügen sich nicht mit einer geschichtlichen Tatsache, sondern interessieren sich für die Hintergründe, Motive und Zusammenhänge bis in alle Einzelheiten hinein. Sie werden darüber mit Turner lohnende Gespräche führen können – als Kollegen gewissermaßen.“

„Eine atemberaubende Aussicht!“, zensierte Bount spöttisch. „Ist das mein Auftrag?“

Der Attorney trommelte noch einmal, bezwang sich aber.

„Es besteht kein Anlass, ausfallend zu werden, Reiniger. Turner wohnt in Monequois. Das ist im Norden unseres Staates, schon fast an der Grenze, am St. Lorenz. Aber Sie kennen sich ja besser aus als ich. Jedenfalls ist er in Schwierigkeiten. Irgendwelche Papiere sind verschwunden, die er für wichtig hält. Er scheint sich auch persönlich bedroht zu fühlen. Deshalb hat er mich gebeten, ihm einen Privatdetektiv zu schicken – den besten, den ich kenne!“

Bount beugte sich unwillkürlich vor.

„Den besten, den Sie kennen? Oder habe ich mich verhört?“

„Reiten Sie nicht noch darauf herum“, wehrte Brown verdrossen ab. „Ich habe nie an Ihren Fähigkeiten und Ihrem Glück gezweifelt. Ich halte nur nichts davon, dass Sie sich immer wieder in polizeiliche Befugnisse einmischen. Im Übrigen sind Sie für mich der beste Privatdetektiv, den ich kenne, weil ich von den vielen Privatdetektiven dieser Stadt nur sehr wenig persönlich kenne.“

„Das beruhigt mich ungemein.“

„Von Honorar und Spesen haben wir nicht gesprochen“, fuhr der Attorney beherrscht fort. „Sie können das mit Turner direkt aushandeln. Schwierigkeiten wird es nicht geben, denn Turner ist ziemlich vermögend und konnte es sich leisten, sich in ein privates Gelehrtenleben zurückzuziehen. Können Sie heute noch fahren?“

„Nach Monequois?“

„Ja. Er wartet auf Sie. Er sagt, Sie könnten den Adirondack Northway von Albany aus benutzen und dann am besten auf die B 11 einbiegen, falls Sie nicht bis Massena fliegen wollen.“

„Ich kenne die Route. Die Frage ist, ob ich den Auftrag übernehme.“

Der Attorney drückte sich gegen die Lehne seines Schreibtischsessels zurück. Das machte ihn etwas größer und zugleich bedeutender.

„Damit sind wir wohl im kritischen Stadium“, sagte er sehr ruhig. „Es ist das erste Mal, dass ich Sie um eine Gefälligkeit bitte. Ich tue es nicht gern, aber Turner scheint wirklich in Not zu sein. Es steht bei Ihnen, ob Sie den Auftrag annehmen oder ablehnen. Erwarten Sie nicht von mir, dass ich Sie auf den Knien anflehe. Erwarten Sie aber auch nicht, dass ich Ihnen mit Schwierigkeiten drohe. Eine Ablehnung wird Sie mir nicht unangenehmer und eine Annahme nicht angenehmer machen.“

Bount lächelte nachsichtig.

„Sie wissen, wie man unsereins behandeln muss, nicht wahr? Gegen soviel Objektivität ist kein Kraut gewachsen, und außerdem erspart es eine etwa fällige Dankbarkeit. Ich werde fahren.“

So kam es, dass Bount noch am selben Abend in Monequois, einer kleinen Stadt im Norden des Staates New York, eintraf.

Als er seinen Wagen vor dem Haus des Professors abbremste, war es neun Uhr abends und dunkel.

Das Haus lag am Rande des Städtchens in einer stark aufgelockerten Villensiedlung. Es war zweigeschossig und ziemlich groß. Viel mehr war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Einige Fenster waren erleuchtet.

Er stieg aus, vertrat sich die Füße, und ging durch den offenen Vorgarten zur Haustür. Er fand den Klingelknopf und drückte darauf. Im Haus blieb es still.

Er klingelte noch einmal. Jetzt ging die Tür auf und eine Frauenstimme sagte: „Kommen Sie herein.“

Er trat über die Schwelle.

Da traf ihn ein harter Schlag auf den Kopf und warf ihn in eine blauschwarze, stumme Tiefe hinein, in der ihn nichts mehr erreichte.

Der Teppich unter seinem Gesicht blieb. Es blieb seine blutige Hand, die eine Statuette mit einem blutigen Marmorfuß umklammerte, und es blieb auch der eingeschlagene Schädel eines Mannes – ein fast kahler Schädel mit einem grauen Haarkranz im Nacken.

Als er den Kopf etwas drehte, sah er hinter dem regungslosen Körper des Erschlagenen Beine: die Beine einer Frau, schlanke, wohlgeformte Beine, die oberhalb der Knie in einem Rock verschwanden. Die Figur der Frau passte zu den Beinen.

Das Gesicht verleugnete die Figur. Es war noch jung – Mitte bis Ende Zwanzig – hatte aber schon eine gewisse altjüngferliche Verkniffenheit. Das konnte allerdings auch an der korrekten Brille oder am Mittelscheitel liegen. Sie war ein Typ, wie man ihn nicht selten in den Büros antrifft – bei Frauen, die sich noch jung genug fühlen, um zu hoffen, und noch nicht alt genug, um alles vom Friseur und von der Kosmetik zu erwarten.

Bount hätte auf diesen ersten Eindruck nicht geschworen. Er gewann ihn wie durch eine Wetterstörung auf dem Bildschirm hindurch.

„Sie haben einen Fehler begangen“, sagte die Frau, während sie über den Erschlagenen hinweg neugierig auf ihn herunterblickte. „Kein Mensch wird glauben, dass Sie sich selbst Marc Aurel auf den Kopf geschlagen haben, um sich dann hier für die Polizei zurechtzulegen. Ich meine natürlich den Marmorfuß. Ausgerechnet Marc Aurel! Der Professor würde es beziehungsreich finden, dass er durch ihn erschlagen wurde. Er hielt viel von ihm. Wissen Sie, wer Marc Aurel war?“

Bount war noch nicht richtig da. Die Stimme schwamm. Sie klang kalt, aber auch so, als zitterte Nervosität in ihr. Es war eine Stimme, die mit viel Mühe unter Kontrolle gehalten wurde.

Marc Aurel? Ein römischer Kaiser, der als Philosoph galt. Anima vaga, fortuna ambigua! Was ging ihn dieser Mark Aurel, an?

Er öffnete seine Hand und ließ die Statuette auf den Teppich sinken. Dann wälzte er sich weiter herum, stemmte sich auf den linken Ellbogen und tastete seinen Kopf ab.

Er war noch schwer wie eine Eisenkugel und dröhnte in abklingenden Dissonanzen, war aber noch ganz. Nur hinter dem linken Ohr befand sich eine pulsierende kleine Platzwunde.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte die Frau. „Sind Sie schwer verletzt?“

Er bewegte den Kopf und bereute es. Einen Moment lang kam es ihm vor, als wäre der zerschmetterte Kopf vor seinen Augen sein eigener.

„Was – was ist los?“, quetschte er heraus. „Wer ist das?“

„Das ist der Professor. Mr. Turner. Ich bin Paula Donnell, seine Sekretärin. Und Sie sind wohl dieser Mr. Reiniger aus New York, den er erwartete?“

„Was – was ist passiert?“

„Das müssen Sie besser wissen als ich. Ich bin eben erst hereingekommen. Können Sie aufstehen? Sie müssen sich waschen, sonst schmieren Sie hier überall Blut herum. Soll ich Ihnen helfen?“

Ihre Stimme schwappte wie kaltes Wasser über ihn hin, und sie dachte nicht im Ernst daran, ihm zu helfen. Sie stand immer noch hinter dem Erschlagenen und beobachtete ihn neugierig.

Er drückte sich hoch. Seine Beine schienen aus Gummi zu sein, aber sie trugen ihn.

„Kommen Sie.“

Er schaukelte hinter ihr her. Er gelangte in einen Waschraum. Dort ließ sie ihn allein.

Er wusch sich das Blut von der Hand und hielt seinen Kopf unter das fließende Wasser. Das machte ihn munter. Er wusste wieder, wer er war, und seine Ganglien begannen zu arbeiten.

Irgendwer hatte ihn beim Betreten des Hauses niedergeschlagen und dann versucht, ihm den Tod Turners in die Schuhe zu schieben. Ein hübsches Bild für die Polizei. Der Professor mit eingeschlagenem Schädel, und daneben sein Mörder mit der Mordwaffe in der Hand.

Nur sein eigener Zustand passte nicht dazu. Diese Sekretärin hatte es erfasst. Welcher Mörder schlägt sich schon selbst den Schädel ein und legt sich neben sein Opfer?

Er fühlte sich wieder einigermaßen menschlich, als er den Waschraum verließ.

Paula Donnell erwartete ihn gleich nebenan in einem großen Arbeitszimmer mit vielen Büchern. Sie saß in einem Sessel und winkte ihn in einen zweiten hinein. Die Augen hinter der Brille waren immer noch voll intensiver Neugier.

„Besser?“

„Es geht. Was ist hier vorgefallen?“

„Ich dachte, das könnten Sie mir erzählen?“

„Ich bin an der Haustür von jemand niedergeschlagen worden und erst wieder zu mir gekommen, als Sie schon da waren.“

„Ich weiß auch nichts. Ich habe einen Spaziergang gemacht. Als ich zurückkehrte, lagen Sie neben Mr. Turner und kamen eben wieder zu sich.“

Die klirrende Nervosität lag nicht mehr in ihrer Stimme. Sie war zu Unruhe und einer gewissen Unsicherheit abgeklungen. Offenbar hatte sie den Schock schnell überwunden. Sie wählte sorgfältig ihre Worte.

Er wusste plötzlich, was ihn an ihr störte. Es war die Haartracht. Sie hatte gebleichtes Haar, das strohig wirkte, und trug einen Mittelscheitel; von dem Scheitel war es beiderseitig schräg über die Stirn gelegt, so dass nur ein Dreieck über den Augen frei blieb. Anschließend legte es sich straff über die Ohren und war hinten zu einem tiefhängenden Kauz geschlungen.

Das war eine Frisur, die bei einer Schwarzhaarigen aus Spanien, Mexiko oder auch Indien hübsch wirken konnte. Bei einer gefärbten Blondine hatte sie für Bounts Geschmack etwas Falsches oder gar Perverses an sich.

„Haben Sie die Polizei verständigt?“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein. Noch nicht. Ich hielt es für besser, erst einmal mit Ihnen zu sprechen.“

„Wie meinen Sie das? Übrigens – darf ich rauchen?“

„Natürlich. Geben Sie mir auch eine.“ Sie hatte es nicht eilig. Sie dehnte die Pause.

Endlich sagte sie vorsichtig: „Ich persönlich glaube nicht, dass Sie Mr. Turner ermordet haben. Die Polizei könnte jedoch anderer Meinung sein. Ich müsste ihr sagen, dass er lebte, als ich wegging, und tot im Wohnzimmer lag, als ich zurückkam. Und ich müsste ihr sagen, dass Sie mit Marc Aurel in der Hand neben ihm lagen und eben zu sich kamen – oder sich so stellten, als ob Sie zu sich kämen.“

Er verstand auf Anhieb. Sein Gehirn funktionierte wieder. Die Polizei würde ihn auf alle Fälle erst einmal festnehmen und ihm dann möglicherweise eine Mordanklage anhängen.

„Und warum wollen Sie damit zurückhalten?“

„Ich habe verschiedene Gründe. Sie machten auf mich den Eindruck, als ob Sie wirklich niedergeschlagen worden wären. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sie sich selbst auf den Kopf geschlagen und freiwillig dorthin gelegt haben. Außerdem habe ich jemand gesehen, dem ich den Mord eher zutraue. Und schließlich hat Mr. Turner Sie wohl nicht kommen lassen, um von Ihnen umgebracht zu werden.“

„Hm, allerdings nicht. Ich sollte ihm sogar aus irgendwelchen Schwierigkeiten heraushelfen. Ich bin Privatdetektiv.“

„Oh!“

„Überrascht?“

„Ja und nein. Irgend etwas war nicht in Ordnung, aber er hat mir gegenüber nicht darüber gesprochen. Er war – ziemlich eigenwillig. Ich war die Angestellte, die für ihn arbeitete. Mehr nicht. Meinerseits reicht es daher nicht einmal zur Trauer.“

„Sie sind sehr rücksichtsvoll, aber wir werde die Polizei benachrichtigen müssen. Ich muss wohl oder übel einen vorübergehenden Verdacht auf mich nehmen.“

„Sie müssen nicht“, widersprach sie, als werfe sie ihm einen Ball zu. „Ich meine, wenn Sie es nicht wollen. Ich brauche bloß zu sagen, dass Sie erst nach mir ins Haus gekommen sind. Wir müssen ja nicht erzählen, dass Sie mit Marc Aurel in der Hand auf dem Teppich gelegen haben.“

Er schob sich unwillkürlich etwas zur Sesselkante vor und lauschte dem Vorschlag nach. Sie hatte sich da etwas Hübsches zurechtgelegt. Dahinter steckte etwas, und sein persönlicher Charme war es bestimmt nicht. Er ahnte dünnes Eis, auf dem er einbrechen konnte.

„Dann würde der Verdacht auf Sie fallen“, tastete er sich vor.

„Damit rechne ich nicht. Wenn Sie wollen, brauchen Sie nur zu sagen, dass Sie mich gerade ins Haus gehen sahen, als Sie aus dem Wagen stiegen.“

Der Einfall war nicht schlecht. Er war sogar so gut, dass Bount plötzlich ein starkes Unbehagen in sich spürte. Worauf wollte sie hinaus?

„Wir handeln uns nur Komplikationen ein“, lehnte er nüchtern ab. „Lügen gegenüber der Polizei können sich verhängnisvoll auswirken. Wenn sie uns bei einer einzigen Lüge ertappt, bekommt jeder Verdacht das doppelte Gewicht. Und wozu eigentlich?“

Sie verzog die Lippen.

„Wozu eigentlich? Nun, das frage ich mich allmählich selbst. Ich kenne Sie nicht, und mir kann es gleich sein, wenn man Sie verhaftet und wegen Mord vor Gericht stellt. Aber ich habe immerhin jahrelang für ihn gearbeitet. Ich würde es lieber sehen, wenn die Polizei sich nicht an Sie hält, sondern an den wirklichen Mörder. Und ich dachte, Sie könnten ihr helfen, wenn Sie schon einmal Privatdetektiv sind. Deshalb habe ich mir überlegt, wie wir Sie heraushalten könnten.“

Das klang glaubhaft. Er hatte für die nächsten Tage nicht mehr zu erwarten als eine Polizeizelle, und der Mörder konnte sich inzwischen in Sicherheit bringen.

„Sie sagten, dass Sie jemand in Verdacht hätten?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich werde mich hüten. Die Polizei wird auf einen zweiten Mörder ohnehin nicht scharf sein, wenn sie sich an Sie halten kann.“

Er drückte seine Zigarette aus und wurde energischer.

„So kommen wir nicht weiter, Miss Donnell. Sie wissen weit mehr als ich. Ich bin hier hereingestolpert und habe nicht die geringste Ahnung, was hier gespielt wird. Weihen Sie mich erst einmal ein.“

„Ich weiß nicht mehr als Sie“, wies sie ihn zurück. „Mr. Turner hat mir nicht gesagt, was ihn beunruhigt oder bedroht. Sein Tod hat mich völlig überrascht.“

„Sie erwähnten einen Verdacht?“

„Er hatte Besuch. Ich sah ihn kommen, als ich wegging. Aber das braucht nichts mit dem Mord zu tun zu haben. Der Besuch kann harmlos gewesen sein.“

„Das wird die Polizei überprüfen.“

Sie verzog wieder die Lippen, und diesmal sah es sehr verächtlich aus.

„Sie wird nicht. Es war Mrs. Helen Lanford, verheiratet mit Oscar Lanford, dem Staatsanwalt von Albany. Oscar Lanford steht kurz vor der Berufung zum Attorney General, also zum Generalstaatsanwalt für den Staat New York, und man wird ihn wählen, falls nicht ein peinlicher Mordverdacht dazwischenkommt. Die Polizei wird sich hüten, auch nur den leisesten Verdacht gegen Mrs. Lanford zu äußern. Sie wird nicht einen Finger rühren, um sie als Mörderin zu überführen. Sie aber könnten es, wenn Sie sich nicht einsperren lassen. Sie könnten sie sich vornehmen. Und deswegen will ich Ihnen helfen, so gut es geht. Begreifen Sie das, oder ist das immer noch zu hoch für Sie?“

„Nun, so allmählich geht es schon in mich hinein“, beruhigte er sie, denn jetzt hatte sie sich doch aufgeregt. „Sie vermuten also, dass diese Mrs. Lanford den Mord begangen hat und dank der Stellung ihres Mannes nicht angreifbar ist?“

„Genau das.“

„Und warum sollte sie ihn getötet haben?“

„Keine Ahnung, aber vielleicht finden Sie es heraus?“

Er überlegte einige Sekunden und nickte schließlich.

„Na schön, wir können es ja versuchen. Ich sah Sie also eben ins Haus hineingehen, als ich hier ankam. Als ich dann klingelte, kamen Sie aus dem Haus gestürzt und wollten davonlaufen, weil Sie eben den Mord entdeckt hatten. Recht so?“

„Ja.“

„Gut, dann rufen Sie jetzt die Polizei an. Und wenn Sie einmal am Telefon sind, könnten Sie mir gleich ein Hotelzimmer bestellen. So schnell komme ich ja doch nicht wieder weg.“

„Ein Hotelzimmer brauchen Sie nicht. Mr. Turner hat bereits das Gastzimmer für Sie richten lassen. Im Obergeschoss.“

„Um so besser. Befindet sich eigentlich Personal im Haus?“

„Jetzt nicht. Wir haben eine tägliche Aufwartung, die vormittags hier ist und das Essen kocht. Sie geht nach dem Abspülen.“

„Und Sie?“

„Ich wohne hier.“

Bount stand auf.

„Also verständigen Sie jetzt die Polizei. Ich fahre inzwischen meinen Wagen herein und sehe mich noch ein bisschen um.“

 

*

 

In den nächsten Stunden bis Mitternacht lernte Bount so ziemlich die ganze Polizei von Monequois kennen. Die Stadt war klein, und Kapitalverbrechen ereigneten sich so selten, dass die Ermordung eines angesehenen Mitbürgers als Sensation wirkte. Sogar der Bürgermeister, der gleichzeitig Polizeidirektor war, ließ sich sehen.

Der Sheriff hatte noch viel ländliche Biederkeit an sich und verstand nicht viel von seinem Geschäft. Er hielt es auf Anhieb für sicher, dass Turner von einem Tramp erschlagen worden war. Seine Leute teilten seine Meinung.

Bis auf einen.

Er hieß Ken Furier, war Sergeant und schien inoffiziell der Vize des Sheriffs zu sein. Er leitete praktisch die Untersuchung, wenn auch wiederum inoffiziell. Er war ein Mann um die Vierzig mit einem hungrigen Gesicht und einer spitzen Nase, der nicht in den Verein hineinpasste. Bount erfuhr beiläufig, dass er einmal Jura studiert hatte, aber aus wirtschaftlichen Gründen später gezwungen gewesen war, Polizist zu werden.

Offenbar hatte er sich bis jetzt noch nicht damit abgefunden. Er nahm es genauer als seine Vorgesetzten. Er ließ es sich vor allem nicht nehmen, telefonisch mit New York zu sprechen und die Aussage Bounts nachzuprüfen. Er holte sogar Attorney Brown aus dem Bett.

Er bekam, was er wollte, aber er gab sich trotzdem nicht zufrieden. Er blieb misstrauisch und verbarg es nur schlecht hinter einer korrekten Höflichkeit.

„Wir werden uns morgen wiedersehen“, versprach er ziemlich verbissen, als er sich gegen Mitternacht verabschiedete. „Vielleicht können Sie mir dann weiterhelfen. Ich bin sicher, dass Ihnen diese Theorie von einem überraschten Einbrecher auch nicht gefällt. Hinter diesem Mord muss mehr stecken.“

„Leicht möglich, Sergeant“, gab Bount gleichmütig zu. „Ich bin hier fremd und kann deshalb wenig dazu sagen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Turner mich kommen ließ, weil er damit rechnete, einen Einbrecher zu überraschen.“

„Ah, Sie haben sich also auch schon Gedanken gemacht?“, lobte Furier spöttisch und wandte sich an Paula Donnell. „Und wie steht es mit Ihnen, Miss Donnell? Sie müssten am ehesten wissen, ob Mr. Turner mit einem Einbrecher rechnete?“

Paula Donnell lächelte schmerzlich. Das war seit Stunden ihre wichtigste Beschäftigung. Sie stammte aus Monequois, kannte fast alle Polizisten persönlich und spielte ihnen so etwas wie eine trauernde Hinterbliebene vor. Sie wurde denn auch kaum behelligt. Ihre Aussage wurde nicht angezweifelt.

Sie lächelte, obgleich Bount ziemlich sicher war, dass sie den Sergeant wie eine Ratte verabscheute, und tatsächlich hatte er auch etwas von einer hungrigen Ratte an sich.

„Sie sollten auf solche Scherze verzichten, Sergeant“, tadelte sie ihn. „Mr. Turner erwartete selbstverständlich keinen Einbrecher. Hier gab es nichts, was einen Dieb oder einen Einbrecher reizen konnte. Es fehlt ja auch nichts.“

„Ja, ja, ich weiß“, murrte der Sergeant. „Es steht aber fest, dass er mit Schwierigkeiten rechnete. Er ließ ja sogar einen Detektiv aus New York kommen, obgleich Monequois auch seine Polizei hat.“

„Vielleicht handelte es sich um eine vertrauliche Angelegenheit“, stichelte sie wehmütig. „Er war in mancher Hinsicht eigen und wollte wohl nicht, dass die Putzfrauen im Polizeiamt seine privaten Sorgen aus den herumliegenden Akten herauslesen.“

„Hm, na ja“, wich der Sergeant zurück und wandte sich lieber wieder an Bount. „Sie werden doch zugeben, dass Mr. Turner einen wichtigen Grund gehabt haben muss, wenn er Sie kommen ließ, dass also für den Mord ein bestimmtes Motiv vorliegen muss?“

„Darüber sind wir uns schon seit zwei Stunden einig“, erinnerte Bount höflich.

Furier bedachte ihn mit einem scharfen Blick.

„Dafür scheint es Dinge zu geben, über die wir uns nicht einig sind. Ich wundere mich. Ich hatte von einem bekannten Detektiv aus New York mehr erwartet. Sie scheinen aber gewisse Einzelheiten überhaupt nicht bemerkt zu haben?“

„Ein Privatdetektiv hat es gelegentlich nicht leicht, Sergeant“, antwortete Bount noch höflicher. „Die Polizei nimmt es im allgemeinen übel, wenn er sich in eine polizeiliche Untersuchung einmischt. Tut er das aber nicht, so macht sie ihm gelegentlich auch das zum Vorwurf.“

Der Sergeant ging einfach darüber hinweg.

„Diese Blutspritzer an der Haustür hätten Ihnen auffallen müssen: An der Außenseite! Wie erklären Sie sich das?“ Bount hätte es ihm sagen können. Der Mörder – oder die Mörderin – hatte in der offenen Haustür auf ihn eingeschlagen, und an der Statuette hatten noch frische Tropfen vom Blut Turners gehangen. Er verzichtete jedoch darauf, den Sergeant aufzuklären.

„Die Spritzer sind mir nicht aufgefallen“, parierte er sanftmütig. „Es war dunkel, und ich hatte mit Miss Donnell zu tun.“

„Ja, das habe ich mir gedacht“, sagte der Sergeant mit unverkennbarer Verbitterung. „Da hat man mal einen bekannten Detektiv zur Hand, um ein Rätsel aufzuklären, aber Ihnen ist nichts aufgefallen. Und wohl auch nicht eingefallen?“

Bount zuckte die Achseln.

„Das hat doch keinen Sinn, Sergeant. Sie haben mir noch nicht einmal Gelegenheit zu einer eigenen Untersuchung gegeben und können nicht von mir erwarten, dass ich aus dem Handgelenk heraus Erklärungen finde. Sie haben mich von Anfang an als Verdächtigen behandelt und möchten am liebsten auch jetzt noch dabei bleiben.“

Der Sergeant verkniff sich eine Antwort und nahm sich Paula Donnell noch einmal vor.

„Sie helfen mir auch nicht gerade, Miss Donnell. Sie wohnen im Haus und müssten eigentlich wissen, was Mr. Turner befürchtete.“

Sie sah flüchtig gereizt aus, blieb aber ebenfalls bei der sanften Tour.

„Es gibt sogar Leute, die zusammen schlafen und doch nicht wissen, was der andere befürchtet. Ich denke natürlich nur an Eheleute.“

„Natürlich!“, stimmte der Sergeant hastig zu. „Aber ein Mord kommt doch höchst selten aus heiterem Himmel. Es könnte etwas vorangegangen sein – Briefe, Drohungen, Anrufe oder Besuche?“

„Nichts!“, lehnte sie ab.

„Nun gut“, gab er sich geschlagen. „Ich verstehe nicht, aber das liegt wohl an mir. Vielleicht kommen wir morgen weiter. Für heute also gute Nacht.“

Damit ging er – ein unruhig witternder Mann, der in dieser Nacht nicht viel Schlaf finden würde.

Paula Donnell ging hinter ihm her, schloss die Haustür ab und kam zurück.

„Endlich vorbei!“, sagte sie aufatmend. „Dieser blöde Sergeant!“

„Blöde ist er bestimmt nicht“, warnte Bount. „Er hat sein kriminalistisches Einmaleins gelernt. Er könnte uns noch Schwierigkeiten bereiten.“

„Bei Ihrer Rückendeckung?“

„Warum nicht? Es gibt sogar Leute, die sich wegen eines Kreuzworträtsels den Kopf zerbrechen und keine Ruhe geben, solange sie nicht die Lösung gefunden haben. Der Sergeant gehört zu diesem Typ. Dabei kommt es ihm nicht einmal auf mich oder auf Sie an, sondern auf die Lösung.“

„Na ja, von mir aus kann er sich den Kopf zerbrechen, bis er ihm platzt. Gegen unsere Aussagen kommt er nicht an.“

Bount lenkte lieber ab. Er kannte sich noch zu wenig aus, um seine Karten aufzudecken. Er konnte sich aber vorstellen, was dem Sergeanten nicht geheuer vorkam.

Sie hatten sich ein Alibi auf Gegenseitigkeit gegeben. Das musste selbst einen Anfänger stutzig machen und ihn im Mindestfalle anregen, tiefer zu bohren.

Für Bount lautete die Frage, ob Paula Donnell dieses Alibi in aller Naivität verschafft hatte oder ob ein Plan dahinterstand. Sie gab sich reichlich naiv, wenn es um die Hintergründe des Mordes ging. So ahnungslos, wie sie sich stellte, konnte sie unmöglich sein.

„Mag sein“, stimmte er zu. „Er wird es aber versuchen. Im übrigen sollten wir jetzt auch Schluss machen. Mitternacht ist vorbei.“

Sie nickte.

„Also gut, gehen wir schlafen. Sie kennen ja Ihr Zimmer.“

Er nickte zurück.

„Ja, danke. Gute Nacht.“

„Gute Nacht!“

Das war nicht ihr letztes Wort in dieser Nacht. Sie kam in sein Zimmer, als er sich eben sein Kopfkissen zurechtgedrückt hatte und die Nachttischlampe ausschalten wollte.

„Ich wollte nur noch einmal nach Ihnen sehen“, sagte sie leise.

„Danke“, quittierte er mechanisch, denn er hatte eine hübsche Überraschung zu verdauen.

Sie trug einen langen Hausmantel. Er reichte bis zu den Knöcheln, wurde aber nur durch eine Kordel zusammengehalten. Er ließ oben wie unten genug sehen, um einen Mann um den Schlaf zu bringen.

Sie trug keine Brille. Das machte ihr Gesicht jünger und weicher. Die stärkste Veränderung aber ging von ihrem Haar aus. Der Mittelscheitel war geblieben, aber jetzt fiel ihr Haar lose bis auf die Schultern herunter, leicht gewellt und im Licht der Nachttischlampe gar nicht strohig.

Sie gehörte jetzt einer anderen Kategorie an. Mit Büro und Schreibmaschine hatte sie nichts mehr zu tun. Sie war eines der Mädchen mit schulterlangem Haar, die mit ihrer Haartracht demonstrieren wollen, dass sie zur fortschrittlichen jungen Generation gehören – frei von Spießertum und Prüderie, von den Vorurteilen und Verkalkungen der Alten.

Sie ahnen nicht einmal, dass sie auf die Reklame der Zigaretten und Getränkefirmen, der Boutiquen, Modeproduzenten, Kosmetiker und anderer Interessenten hereinfallen, die an der jungen Generation verdienen wollen.

Am wenigsten ahnen sie, dass sie wie alle früheren Generationen, auf die sie herabsehen, ebenfalls nur von einer männlichen Masche eingefangen werden. Es braucht ja auch nicht immer der silberne Mond und die Nachtigall, der Liebesbrief oder eine schmucke Uniform zu sein. So schnell und unüberlegt wie heute sind sie noch selten ins fremde Bett gekommen, denn wer lässt sich schon vorwerfen, eine prüde Spießerin zu sein?

Paula Donnell wollte offenbar auch nicht zu dieser Sorte gehören, denn sie kam näher und flüsterte mit einem leisen Gurren in der Stimme: „Brauchen Sie noch etwas?“

„Danke, nein“, murmelte er. „Schlafen Sie gut.“

Sie ließ sich nicht aufhalten. Sie setzte sich auf die Bettkante und sorgte dabei dafür, dass er oben wie unten noch ein bisschen mehr zu sehen bekam. Sie konnte sich das leisten. An ihrer Figur war nichts auszusetzen.

„Ich kann nicht schlafen“, gurrte sie. „Ich fürchte mich, wenn ich allein bin. Darf ich nicht hierbleiben?“

„Lieber nicht!“, wehrte er ab. „Ich bin schließlich auch nur ein Mann.“

Sie lächelte Evas Lächeln, dem schon Adam nicht hatte widerstehen können.

„Und wenn es gerade deshalb wäre?“

Im nächsten Augenblick ließ sie den Hausmantel von sich abgleiten und schob sich unter die Decke.

Sie brachte nichts als ein dünnes Hemdchen mit.

Als sie Bount verließ und nach nebenan in ihr eigenes Zimmer zurückkehrte, trug sie das Hemdchen immer noch.

Die echte Moral lässt sich eben nie völlig unterkriegen.

 

 

2. Kapitel

Bount schreckte aus dem Schlaf hoch und horchte in die Dunkelheit hinein. Irgend etwas hatte ihn geweckt. Seinem Eindruck nach war es der Schrei einer Frau gewesen.

Er blickte auf seine Uhr. Gegen drei Uhr morgens. Viel Schlaf wurde ihm hier nicht gegönnt.

Seine Ohren nahmen Geräusche auf. Eine Stimme klang mit. Jemand stöhnte. Nebenan bei Paula Donnell!

Er kippte sich aus dem Bett, schob die Fülle in die Hausschuhe und ging los, ohne erst Licht zu machen.

Nebenan war Licht. Es fiel durch einen Türspalt auf den Gang hinaus. Die Geräusche hinter der Tür ließen keinen Zweifel daran, dass Paula Donnell nicht allein war.

Ein Blick durch den Türspalt genügte. Sie saß in einem leichten, bunten Sessel, der zu ihrem Toilettentisch gehörte. Sie saß so aufrecht, als wäre sie steif geworden. Aus ihrer Nase rann ein dünner roter Faden über ihren Mund hinweg und tropfte von ihrem Kinn ab. Ihr Gesicht sah aus, als wäre sie geschlagen worden.

Viel hatte sie auch jetzt nicht an, aber immerhin handelte es sich um einen Bettbikini.

Der Mann, der vor ihr stand, interessierte sich nicht dafür. Er war groß und schlank. Er wirkte sportlich und elegant zugleich. Das bedeutete nicht mehr viel, als Bount sein Gesicht zu sehen bekam.

Er trug zu seinem üppigen, wild gewachsenen dunklen Haar buschige Koteletten, die sich nach unten zu verbreiterten. An seinem linken Mundwinkel setzte eine tief gefurchte Narbe an, die bis zum Auge hinauflief. Seine Zähne waren auffallend hässlich und ungepflegt. Auf seinen Backenknochen saßen einige derbe Pockennarben. Alles in allem wirkte er ziemlich wild, fast wie ein Pirat, den man modern eingekleidet hatte.

Das Wichtigste entging Bount zunächst, nämlich dass er eine Pistole in der verdeckten Hand trug, eine neuwertige Walther PKK, wie Bount etwas später entdeckte.

Er entdeckte sie, als er die Tür vollends öffnete und über die Schwelle trat. Der Fremde ruckte herum und nahm Bount aufs Korn.

Bount ließ seine Frage trotzdem nicht auf der Zunge.

„Was ist denn hier los?“

„Oh!“, seufzte Paula Donnell, als wäre sie sehr enttäuscht.

„Nehmen Sie die Hände hoch!“, befahl der Mann. „Eine falsche Bewegung, und ich schieße. Werfen Sie Ihre Waffen weg!“

Bount hob die Hände bis zur Schulter. Die letzte Aufforderung fand er etwas sonderbar. Er trug außer den Hausschuhen nur die Hose seines Schlafanzugs.

Der Fremde musterte ihn und schien dabei nachzudenken. Bount blickte inzwischen zu Paula hin und stellte eine stumme Frage. Sie antwortete laut und trotzig mit einem guten Schuss Wut.

„Ich kenne ihn nicht. Er sagt, er hätte ein Fenster eingedrückt. Er hat mich hier überfallen und geschlagen. Er ist verrückt.“

Dann richtete sich ihre Wut plötzlich gegen Bount, und sie ergänzte: „Und du Dummkopf stolperst hier einfach herein und bringst nicht einmal deine Pistole mit!“

„Also Sie stecken dahinter?“, fragte der Eindringling lauernd. „Wer sind Sie?“

„Und wer sind Sie?“, fragte Bount zurück.

„Nicht dreist werden!“, warnte der Fremde. „Mit Burschen von Ihrer Sorte mache ich nicht viel Umstände. Geben Sie anstandslos das Zeug heraus, und ich bleibe friedlich. Im anderen Falle findet die Polizei hier zwei weitere Tote.“

„Klingt vielversprechend“, kommentierte Bount kalt. „Was wollen Sie eigentlich?“

„Fragen Sie nicht noch. Die Papiere Glenns natürlich. Glenn Bartle! Ich denke nicht daran, Ihnen zehntausend Dollar zu zahlen und mich dann immer wieder ausquetschen zu lassen. Sie werden das Zeug jetzt holen und mir übergeben. Wenn Sie ausreißen oder anderen Unsinn machen, hat Ihre Freundin die längste Zeit gelebt. Ist das klar?“

Bount blickte wieder zu Paula hinüber. Sie saß immer noch steif, und ihr Zorn richtete sich wieder gegen den Eindringling.

„Er muss aus einer Anstalt entsprungen sein. Auf mich hat er auch schon so eingeredet. Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. Vielleicht hätte es Mr. Turner gewusst?“

„Turner ist tot!“, drängte der Fremde ungeduldig. „Machen Sie keine Umstände. Wenn Sie nichts mit der Sache zu tun haben, können Sie mir auch die Papiere Bartles herausgeben. Oder sagen Sie mir wenigstens, wo sie liegen. Ich nehme sie mir dann schon selbst.“

„Sie sind ja übergeschnappt!“, sagte sie verächtlich. „Scheren Sie sich zum Teufel!“

Sie hatte Mut, oder sie schätzte die Lage richtig ein. Im Moment konnte er ihr nicht beikommen. Er brauchte seine Aufmerksamkeit für Bount.

„Und Sie?“

Bount beobachtete interessiert das hässliche Grinsen, das die schlechten Zähne enthüllte, und die tiefe Narbe, die im Mundwinkel ansetzte.

„Ich bin nicht im Bilde, Mister. Bisher habe ich nur erfasst, dass Sie bei einem bewaffneten Überfall sind, der Ihnen eine saftige Strafe einbringen kann. Sie werden ein bisschen nachhelfen müssen, damit ich verstehe, was Sie wünschen. Wer ist zum Beispiel dieser Glenn Bartle, dessen Papiere Sie haben wollen'?“

„Er spinnt doch bloß!“, höhnte Paula. „Nimm den Kerl doch nicht ernst. Wahrscheinlich ist seine Pistole noch nicht einmal geladen. Schlag ihn zusammen und wirf ihn hinaus, Liebling!“

Der Liebling ging Bount durch Mark und Bein, und außerdem war das nicht der richtige Moment, um den Fremden und seine Pistole zu testen. Paula war mit ihrer Hetzerei ein bisschen voreilig.

Oder versprach sie sich etwas davon?

„Hüten Sie sich!“, warnte ihn der Fremde gereizt. „Ich bin wirklich nicht zum Spaß hier. Entweder ich bekomme, was ich haben will, oder ich lege Sie beide um. Das ist mein Ernst!“

„Ich zweifle nicht daran“, erwiderte Bount mit viel Ruhe, denn er sah die Nervosität im Gesicht des anderen zucken. „Das ändert aber nichts daran, dass wir nicht wissen, was Sie von uns wollen.“

„Pah!“

„Doch. Wahrscheinlich sind Sie einfach an der falschen Adresse. Das ist Miss Donnell, die Sekretärin von Mr. Turner, der gestern Abend ermordet wurde, und ich heiße Reiniger und bin Privatdetektiv aus New York. Mr. Turner hat mich wegen irgendwelcher Schwierigkeiten herbestellt, aber ich bin erst angekommen, als er schon tot war. Sie können also nicht von mir erwarten, dass ich mit Ihren Angelegenheiten vertraut bin.“

Der Narbige starrte ihn an, als hätte er ein Gespenst vor sich. Nach einer langen Pause murrte er finster: „Reiniger? Dann allerdings! Dann brauche ich mich nicht zu wundern. Wenn Sie mit drinhängen, kommen die damit durch. Sie kennen ja alle Tricks.“

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933130
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503647
Schlagworte
erwacht toten york detectives

Autor

Zurück

Titel: Erwacht neben einem Toten: N.Y.D. – New York Detectives