Lade Inhalt...

Tod auf der Gangway: N.Y.D. – New York Detectives

2019 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Tod auf der Gangway: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Tod auf der Gangway: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Eine Sängerin aus New York bringt in Millhaven ein uneheliches Kind zur Welt, das an eine wohlhabende unbekannte Familie abgegeben wird; ein Privatdetektiv wird ermordet, nachdem er ein Bild von ihr herumgezeigt hat, und Toby Rogers wird Zeuge des Mordes. Da er in Millhaven keine Amtsbefugnis hat, macht sich der Privatdetektiv Bount Reiniger auf den Weg und kommt seltsamen Vorgängen auf die Spur. Handelt es sich hier um Babyhandel? Reiniger tappt im Dunkeln, da einige Leute ihm offensichtlich Lügen auftischen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1. Kapitel

Der Killer füllte den Beifahrersitz nicht aus. Er hockte wie ein entlassener Büroangestellter auf ihm – klein und schmächtig, unauffällig und mickrig. Auf seinen mageren Knien lag die Maschinenpistole wie ein hässliches, totes Insekt. Mit beiden Händen hielt er das Jagdglas an seine Augen und beobachtete den kleinen Flugplatz. Auf der Betonpiste stand der Zubringer für Providence – eine ältere, zweimotorige Maschine, die als Linienbus eingesetzt war.

Aus dem kleinen Abfertigungsgebäude im Hintergrund kamen die Passagiere. Erst löste sich ein Klumpen mit einem halben Dutzend ab, dann folgten die anderen einzeln oder paarweise in verschiedenen Abständen hinterher.

Der Killer ließ das Jagdglas sinken und legte es in der Schale zwischen den Sitzen ab. Dann nahm er die Maschinenpistole auf und bewegte den Kopf gegen die Windschutzscheibe.

Der Wagen schoss vor.

 

*

 

Hugh C. Stunt wartete hinter der Glastür, die auf das Flugfeld hinausführte. Er ließ die anderen Fluggäste an sich vorbei.

Der Mann mit dem hellen Regenmantel über dem Arm war der letzte. Er würde sich wundern, wenn er das Bild in seiner Tasche fand. Aber wenn es schon schief ging, dann war es bei ihm immer noch besser aufgehoben als bei den anderen. Und die offene Manteltasche hatte ihn nun einmal verleitet.

Sie würden es noch einmal versuchen. Sie mussten! Fraglich war nur, ob sie ihn gleich zum Schweigen bringen oder erst noch mit ihm reden wollten.

Sie hatten jetzt ihre letzte Gelegenheit. Wenn er das Flugzeug erreichte, war er vorläufig in Sicherheit.

Seine Augen wanderten über das offene Gelände des Flugplatzes. Nirgends Verstecke, nirgends Bäume oder Büsche, hinter denen sich ein Heckenschütze verbergen konnte.

Der Wagen dort bei den Hangars? Jemand saß auf dem Beifahrersitz. Das wäre eine Methode, ihn noch vor dem Flugzeug zu erwischen. Andererseits konnte der Wagen harmlos sein.

Jetzt war es gleich so weit. Der Hauptschub der Fluggäste war bereits in der Maschine verschwunden. Die Nachzügler kletterten die Gangway hinauf. Der Mann mit dem Regenmantel erreichte sie auch bald.

Jetzt hatte er den Spielraum, den er brauchte. Wenn wirklich etwas auf ihn zukam, konnte er immer noch ohne Rücksicht auf die anderen Fluggäste zum Endspurt ansetzen.

Hugh C. Stunt verließ das kleine Gebäude. Er ging mit weitgreifenden Schritten, aber ohne auffällige Hast: ein großer, kräftiger Mann, der sich bemühte, eine kleine Verspätung aufzuholen.

Der Wagen drüben bei den Hangars rollte an und fuhr auf die Maschine zu.

Das war’s also! Sie wollten ihn noch vor dem Flugzeug abfangen und riskierten einen offenen Überfall.

Er schritt schneller aus und schätzte dabei Entfernung und Tempo ab. Sie waren ihm haushoch überlegen. In dem unscheinbaren Wagen steckte offenbar mehr, als man ihm ansah.

Stunt winkelte die Arme an und sprintete. Mehr als einen guten Durchschnitt brachte er nicht aus sich heraus, aber es konnte reichen. Wenn sie ihn fangen wollten, mussten sie erst den Wagen zum Halten bringen, und das bedeutete wertvolle Sekunden für ihn. Wenn sie ihn ohne Debatte abschießen wollten, brachten sie ihn um diese Sekunden, aber dafür würden sie es nicht leicht haben, ihn aus voller Fahrt zu treffen.

Der Wagen schoss auf das Flugzeug zu.

Hugh C. Stunt lief um sein Leben.

Am oberen Ende der Gangway, unmittelbar vor dem Einstieg, wurden drei Personen aufmerksam. Die eine war die Stewardess, die unter anderem den Flugpreis zu kassieren hatte. Die zweite war der Mann mit dem hellen Regenmantel unter dem Arm, den seine Papiere als einen Captain Toby Rogers vom Police Headquarters in New York auswiesen. Die dritte war ein Dr. Frederick Hard, ein Arzt, der in Millhaven wohnte.

Sie sahen nur den Mann, der auf die Gangway zurannte. Den Wagen sahen sie nicht. Er wurde durch das Flugzeug abgedeckt.

Die Stewardess schüttelte den Kopf und winkte. Sie wollte den Eifer dämpfen. Es war nicht nötig, sich so anzustrengen. Der Flugbus wartete auf jeden, der im Umkreis von einem Kilometer in Sicht kam.

Hugh C. Stunt war eine Kleinigkeit schneller als der Wagen. Er erreichte die Gangway, bevor der Wagen ihm den Weg versperren konnte.

Er kam bis auf die fünfte Stufe.

Dann fegte der Wagen schräg an der Gangway vorbei, während die Maschinenpistole eine Feuergarbe aus dem Seitenfenster spie.

Stunt blieb aus vollem Lauf stehen, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Er warf die Arme hoch, als wolle er nach einem Halt greifen. Dann brachen seine Knie ein und er polterte die Gangway hinunter.

Der Wagen raste mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und verschwand hinter der Abfertigung.

Der Mann mit dem hellen Regenmantel am Arm war mit drei Sätzen am Fuße der Gangway. Er ließ Mantel und Mappe neben Stunt fallen und kniete sich neben ihn.

Stunt lebte noch. Seine Arme tasteten unsicher herum. Dann krallten sich seine Hände in den Mantel, ließen ihn aber gleich wieder los.

Er wollte etwas sagen. Aber er brachte es nicht mehr heraus.

Über seine Lippen kam nur noch blutiger Schaum.

Als sich der Arzt über ihn beugte, war er bereits tot.

 

*

 

Der Flugbus startete mit zwei Stunden Verspätung. Nach einer knappen halben Stunde landete er in Providence, Rhode Island. Toby Rogers bekam fast sofort Anschluss und erreichte eine Stunde später den Flughafen La Guardia. Von dort fuhr er direkt zum Police Headquarters in der Center Street. Die Arbeit wartete bereits auf ihn. Mitternacht war schon eine Weile vorbei, als er endlich in seine Wohnung fahren konnte.

Nichts warnte ihn.

Er schloss die Wohnungstür auf, ging über die Schwelle und schaltete das Licht an.

Das erste, was er sah, war ein Mann gleich hinter dem Schalter, der eine Schusswaffe auf ihn gerichtet hielt.

Fast im gleichen Augenblick wurde die Tür ins Schloss geworfen. Vorher streifte sie seinen Rücken, lenkte ihn ab und verhinderte eine schnelle Reaktion.

Es reichte jedoch zu einer Drehbewegung. Sie schenkte ihm den Anblick eines zweiten Mannes, der ebenfalls eine Schusswaffe auf ihn gerichtet hielt.

„Hände hoch!“, ertönte eine Stimme.

Captain Rogers ließ sich überreden. Wenn ihn sein erster Eindruck nicht täuschte, hatte er Profis vor sich. Gewöhnliche Einbrecher, die vor lauter Angst zur Waffe griffen, waren das nicht.

Das machte die Situation noch rätselhafter. Ein Mann, der seine fünf Sinne noch beisammen hatte, würde es sich hundertmal überlegen, bevor er einen höheren Polizeibeamten angriff oder gar in seiner Wohnung überfiel. Selbst die viertelwüchsigen Viertelstarken in Harlem wussten schon, dass die Polizei in solchen Fällen nicht locker ließ, bis sie den Täter hatte. Sie konnte solche Dinge nicht durchgehen lassen, wenn sie nicht ihr Gesicht verlieren wollte.

„Was soll das?“, knurrte Toby.

„Dort hinein!“, befahl der andere.

Toby zuckte die Achseln und folgte dem zarten Wink mit der Pistole und betrat sein Wohnzimmer.

Er hatte die beiden bei der Durchsuchung gestört. Der Wohnraum sah aus, als wäre eine Frau beim Großreinemachen gestört worden.

„Hände an die Wand!“, befahl der eine.

Toby gehorchte abermals und ließ sich abtasten. Er besaß heute einen friedlichen Charakter. Nur ganz aus der Ferne begann es ihn zu ärgern, dass ihn die beiden vom Bettzipfel fernhielten.

„Sie können sich wieder herumdrehen und die Hände herunternehmen.“

„Nett von ihnen“, sagte Toby.

Sie blickten sich in die Augen. Viel ließ sich dabei nicht gewinnen. Die beiden konnten notfalls auch noch in mittelprächtiger Gesellschaft verkehren, ohne lästig zu werden, und dass sie Profis waren, hatte Toby längst erfasst. Eine Blöße gaben sie sich nicht.

Der zweite Mann stöberte sogar in der Brieftasche Tobys herum, ohne seine Pistole aus der Richtung zu bringen. Toby Rogers wusste das zu schätzen.

„Verdammt!“, stieß der Bursche hervor.

„Was ist?“, brummte sein Kumpan.

„Ein Cop! Captain bei der Mordkommission!“

„Waaas?“

Das war für die beiden denn doch ein kleiner Schreck um Mitternacht. Sie schielten sich an und pressten die Lippen zusammen.

„Nett von mir, wie?“, erkundigte sich Toby Rogers sanft. „Und nun wird es Ihnen guttun, wenn Sie die Scherzartikel in Ihrer Hand auf den Tisch legen und mir erzählen, was gespielt wird.“

„Dieser verfluchte Idiot!“, sagte der Wortführer der beiden mit Inbrunst und Verbitterung. „Das hätte er uns sagen müssen! Wenn ich das gewusst hätte ...“

Er ersparte sich den Rest und wandte sich wieder an Toby. Er blieb auf dem Teppich, obwohl er im Augenblick sicher jede Menge Wut im Bauch hatte.

„Hören Sie zu, Mister – wir haben nicht gewusst, dass Sie bei der Polizei sind. Wenn wir es gewusst hätten, wären wir gar nicht erst hergekommen. Da wir nun aber einmal hier sind, hat es keinen Sinn, die Sache nicht zu Ende zu führen. Ich denke, das ist logisch, nicht?“

„Es klingt so“, gab Toby zu.

„Na also! Mit Ihnen lässt sich wenigstens reden. Wir haben ja auch nichts gegen Sie. Gegen die Polizei auch nicht. Wenn es keine Polizei gäbe, wäre man ja seines Lebens nicht mehr sicher, nicht? Also geben Sie einfach das Foto heraus, und wir bleiben Freunde.“

„Welches Foto?“, fragte Rogers erstaunt.

„Na, na, Sie werden doch jetzt nicht noch pampig werden? Dieser Stunt hat es Ihnen zugesteckt, bevor er abkratzte. Er hatte es bei sich, und Sie waren der erste bei ihm, als es ihn erwischte. Danach hatte er es nicht mehr bei sich. Klare Sache, wie?“

„Für Sie vielleicht, aber für mich nicht. Ich habe kein Foto. Ziehen Sie jetzt ab, bevor Sie mir auf die Nerven gehen.“

„Wir gehen schon, aber erst müssen wir uns noch ein bisschen nach dem Foto umsehen, wenn Sie es nicht freiwillig herausrücken. Drehen Sie sich jetzt einmal wieder um und legen Sie die Hände gegen die Wand. Alles brauchen Sie ja schließlich auch nicht zu sehen.“

Toby tat ihm den Gefallen. Er wusste, was vorgesehen war, und schätzte es. Männer von diesem Typ begingen selten Fehler, aber wenn, dann gründlich.

Er explodierte genau in dem Augenblick, in dem ihm der zweite Mann den Kolben seiner Waffe auf den Kopf knallen und ihn damit umlegen wollte. Diesem Mann nützte die schönste Schießkunst nicht, weil er die Waffe verkehrt herum hielt. Und seinem Partner nützte sie auch nicht, denn die Schussbahn wurde abgedeckt.

Rogers drehte mit einer duckenden Bewegung ab, schnellte wieder hoch und nahm seinen Hintermann mit einem Rammstoß in den Leib mit. Der Mann schrie ächzend auf und torkelte gegen den anderen zurück. Toby Rogers setzte nach und hielt ihn mit einem nicht ganz geglückten Kinnhaken auf den Beinen und in der Schusslinie. Damit kam er nahe genau an den Sprecher heran.

Die Zeichen standen günstig und die Sterne blinzelten aufmunternd, aber mitten im Absprung schmetterte ein harter Gegenstand auf seinen Hinterkopf und brachte ihn aus dem Takt. Er landete an der falschen Stelle auf den Knien, und als er sich herumwarf, entdeckte er einen dritten und einen vierten Mann, die ihrer Figur nach gekommen sein konnten, um die Möbel abzutransportieren.

Das reichte ihm, um ihn wild zu machen. Das war seine Wohnung, und er bezahlte die Miete, und wenn sich die Kerle einbildeten, mit ihm Schindluder treiben zu können ...

Toby legte los. Er war ein trainierter und harter Kämpfer, und wenn er sich ärgerte, überfiel ihn sogar das Temperament.

Seine vier Besucher legten auch los. Sie waren auch nicht von schlechten Eltern und fühlten sich überlegen genug, um auf ihre Waffen zu verzichten.

Sie bereuten es mehr oder weniger.

Toby Rogers bereute auch.

Das war, als er im Morgengrauen wieder zu sich kam und festzustellen versuchte, was ihm nicht weh tat. Sein Kopf war auf keinen Fall dabei. Er benahm sich, als dröhnten ein Dutzend Presslufthämmer in ihm.

Gebrochen hatte er nichts. Dafür sah aber sein Gesicht ziemlich verbogen und zerschrammt aus. Er hatte sich hübscher in Erinnerung.

Das Wohnzimmer war auch nicht mehr so wie früher. Die Möbel konnten allenfalls noch als Feuerholz dienen. Eine neue Einrichtung war fällig. Die Kerle mussten sich glatt aus purer Zerstörungswut gegen die Möbel geworfen haben.

Er konnte sich an nichts erinnern. Spätestens einige Sekunden nach dem ersten Schlag auf den Kopf hatte sich für ihn die Welt in einen Wirbel verwandelt, in dem sich vier Gesichter, vier Körper, acht Arme und acht Beine um ihn herum drehten.

Langsam brachte er sich auf die Beine und betrachtete noch einmal den Trümmerhaufen. Hoffentlich bei Alliance versichert, dachte er, als er ins Bad ging. Was aber wollten diese verdammten Kerle mit ihrem verdammten Foto?

 

 

2. Kapitel

Bount Reiniger betrat drei Tage später das Dienstzimmer seines Freundes, nachdem er einige Tage auswärts zu tun gehabt hatte. Er hob die Brauen, als er Toby ansah, und schüttelte ihm mit Nachdruck die Hand.

„Meinen Glückwunsch, Toby. Ich nehme an, dass du inzwischen geheiratet hast?“

Der Captain grinste und tastete die restlichen Male in seinem Gesicht ab.

„Ganz so schlimm ist es nicht. Ich hatte vor ein paar Tagen Besuch. Vier Kerle, die ein Foto von mir haben wollten.“

Bount hob noch einmal die Brauen.

„Ein Foto? Du hättest es ihnen geben sollen. Wir leben nun einmal im Zeitalter des Autogramms, und der Ruhm deiner Taten verbreitet sich über alle Erdteile. Wenn sich jeder berühmte Mann mit seinen Fans herumprügeln wollte ...“

„Quatsch!“, unterbrach ihn Toby. „Kein Foto von mir! Sie sprachen von einem Foto, das mir Stunt zugesteckt haben soll, bevor er starb.“

„Wer ist Stunt?“

„Moment!“

Rogers nahm den Hörer ab und meldete sich. Einer der beiden Auskunftsbeamten, die zur Hauptwache gehörten, hatte ihm etwas zu sagen.

„Wir haben hier eine Mrs. Betty Jones, die Sie persönlich sprechen möchte, Captain. Soll ich sie hinaufschicken?“

„Was will sie?“

„Das sagt sie nicht. Eine persönliche Angelegenheit, behauptet sie.“

„Ich kenne keine Mrs. Jones. Was ist das für eine Person?“

„Hm, ziemlich handfest. Derbe Frau aus dem Volk im Sonntagsstaat.“

„Lassen Sie sich erzählen, um was es sich handelt, und geben Sie mir dann Bescheid.“

„Na ja.“

Toby legte den Hörer auf und nahm den Faden wieder auf.

„Also dieser Stunt? Ich war vor einigen Tagen wegen einer Befragung in der Strafanstalt von Millhaven, Rhode Island. Die Sache passierte dann am Luftbus, der mich nach Providence

bringen sollte. Ein gewisser Stunt rannte auf die Maschine zu. Im gleichen Augenblick fegte ein Wagen von der anderen Seite aus heran. Stunt kam noch ein Stück die Gangway hinauf, dann erwischten sie ihn vom Wagen aus mit einer Salve aus einer Maschinenpistole. Ich stand oben und war als erster unten. Er wollte etwas sagen, schaffte es aber nicht mehr und starb. Und diese Burschen, die mich in der anschließenden Nacht überfielen, dachten nun, er hätte mir ein Foto zugesteckt.“

„Hat er das?“, wollte Bount wissen.

„Nein.“

„Welche Bewandtnis hatte es mit diesem Stunt?“

„Well, ich habe deswegen noch einmal mit der Polizei in Millhaven gesprochen, aber viel ist nicht dabei herausgekommen. Stunt war Privatdetektiv, wohnhaft in Los Angeles. Niemand weiß, was er in Millhaven gewollt hat, und weshalb er erschossen wurde. Bis jetzt hat man noch nicht heraus, wer es getan hat. Dafür tauchten die Kerle bei mir auf und wollten ein Foto haben.“

Bount musterte Toby nachdenklich. „Vielleicht hättest du es ihnen geben sollen, Toby?“

„Erst haben!“

„Wahrscheinlich hast du es.“

„Spinnst du oder …?“

„Die eigenen Gewohnheiten kennt man am wenigsten, Toby. Wie ich dich kenne, bist du von hier aus zum Flugplatz gefahren und hast für alle Fälle deinen Regenmantel mitgenommen. Und dann bist du hierher zurückgekommen und hast deinen Mantel wieder in den Schrank gehängt.“

Toby starrte ihn an.

„Mach mich nicht verrückt. Du meinst, dass ...“

Er stand auf und ging zum Schrank. Eine Kleinigkeit später kam er mit einem dünnen, ledernen Etui von der Größe eines Taschenspiegels zurück.

„In der Manteltasche!“, sagte er verdutzt. „Daran habe ich nicht gedacht! Jetzt bin ich doch neugierig, ob tatsächlich ein Foto ...?“

Er sah es schon vor sich. Das Etui enthielt ein Foto, ungefähr sechs mal neun groß. Genaugenommen war es das Foto eines Fotos, die Kopie einer Aufnahme, die einen Knick und beschädigte Ränder aufwies.

Auf dem Foto waren ein junges Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren und ein junger Mann in der Mitte der Zwanzig zu sehen. Sie hielten sich an der Hand und lachten sich an – eindeutig ein verliebtes und glückliches Paar, ein hübsches Mädchen und ein ansehnlicher junger Mann, die der unbekannte Fotograf mit einem Schnappschuss erwischt hatte.

Für die beiden auf dem Bild konnte das Foto unersetzlich sein, aber es war nichts an ihm zu entdecken, was Mörder und Gangster hätte reizen können.

Das Telefon schlug erneut an. Toby nahm den Hörer ab und vernahm wieder die Stimme des Auskunftsbeamten. Sie klang diesmal geradezu aufgeregt und verschwörerisch.

„Hören Sie zu, Captain. Sie müssen diese Mrs. Jones sofort empfangen, bevor noch mehr Unheil geschieht. Ich habe sie zum Reden gebracht, aber nun redet sie auch, und das laut genug für das halbe Headquarters. Dabei lungert ein Reporter vom Telegraph auch hier herum und spitzt die Ohren. Himmel, wenn ich das geahnt hätte! Aber wie kann ich wissen, dass sie mit Ihrer – wie nennt man das Ding doch gleich – Ihrer Intimsphäre zu tun hat, wenn noch nicht einmal Sie selbst wissen, dass sie ein Kind von Ihnen kriegt und ...“

„Das sie was?“ Toby war entsetzt.

„Ein Kind! Nein, nicht sie, aber ihre Nichte. Molly Ploon heißt sie – die Nichte – aber das wissen Sie natürlich besser als ich. Ich habe versucht, sie hinauszubringen, aber versuchen Sie mal einen alten Frachtkahn auf dem Trockenen zum Schwimmen zu bringen. Sie weicht nicht von der Stelle und lässt sich darüber aus, um was es sich handelt. Vielleicht sollte ich ihr lieber sagen, dass Sie einen Herzinfarkt haben und …“

„Nun aber Schluss!“, knurrte Toby. „Sind Sie betrunken oder was ist los?“

Der Auskunftsbeamte holte hörbar Luft.

„Was soll schon los sein, Captain? Weiter nichts, als dass hier in der Halle ein alter Drachen steht, der das ganze Haus rebellisch macht. Diese Mrs. Jones erzählt, dass Sie ihrer Nichte Molly ein Kind angedreht haben, und dass Sie diese Molly jetzt bei sich in Ihrer Wohnung verstecken. Außerdem erzählt sie, was sie darüber denkt!“

„Allmächtiger!“, stöhnte Toby, denn plötzlich schwante ihm, was da auf ihn zukam. „Die Frau muss verrückt sein! Aber schicken Sie sie schleunigst herauf. Kommen Sie selbst mit, damit sie nicht erst aus Versehen zum Attorney hineinläuft.“

„Mache ich, Captain. Viel nützt es allerdings nicht mehr. So etwas spricht sich schnell herum. Aber schließlich ist es ja keine Schande, wenn einer ein Kind kriegt, nicht?“

Rogers legte den Hörer mit Nachdruck auf.

„Du siehst so blass aus?“, sagte Bount.

„Ich werde Vater!“, gestand Toby grimmig. „Komm du erst einmal in diesen Zustand, dann weißt du, wie einem dabei zumute ist. Zum Teufel, diese Geschichte werde ich in den nächsten drei Jahren nicht wieder los.“

„Sechzehn Jahre, Toby“, berichtigte Bount wohlwollend. „Alimente muss man sechzehn Jahre lang zahlen.“

Daraufhin entweihte der Captain sein Dienstzimmer mit hässlichen Bemerkungen.

 

*

Am Tonstudio der WRCA, 30 Rockefeller Plaza, standen die Zeichen auf Aufnahme. Über den beiden gegenüberliegenden Türen glühten die roten Lampen. Innen saßen neben ihnen die beiden Bodyguards der Sängerin und hielten ihren Atem flach. Hinter der gläsernen Scheibe befand sich im Aufnahmeraum die übliche Besetzung: Produzent, Regisseur, Techniker und Scriptgirl. Das Musikband lief an.

Ira Payne stand allein im Studio vor dem Mikrophon und wartete auf ihren Einsatz. Sie trug ein sportliches Straßenkleid zu einer bemerkenswert guten Figur und fast schulterlanges dunkles Haar zu einem hübschen und sogar ungewöhnlich ausdrucksvollem Gesicht. Sie war noch jung, nur wenige Jahre über die Zwanzig hinaus, aber auf ihrem Gesicht lag ein glaubhafter, melancholischer Ernst, der es älter machte. Sie gehörte zu den Mädchen, bei denen man unwillkürlich darauf hofft, sie einmal lachen zu sehen. Sie hatte etwas von der jungen Juliette Greco an sich, ohne jedoch eine Kopie zu sein.

Der Einsatz kam. Sie begann zu singen. Ihre leicht angeraute Altstimme, in der im Mindestfalle ein Cello mitschwang, ging ohne Umwege direkt auf den Nerv. Sie traf etwas, das noch gut und empfindsam war, eine tief eingegrabene Sehnsucht oder Romantik, vielleicht auch die verschüttete Weichheit des einstigen Kindes. Sie sang Chansons, Folklore und Schlager, aber ihre Stimme brachte auch Hartgesottene zum Weinen oder gar zu guten Vorsätzen.

Vor einem Jahr war Ira Payne noch unbekannt gewesen. Jetzt kamen die Produzenten mit dem Plattenpressen nicht mehr nach.

Sie sang.

Eddy Raymond, der Leibwächter an der rechten Tür, versuchte, wenigstens nicht laut zu schluchzen.

Trotzdem entging ihm nicht, dass die Tür von außen vorsichtig aufgedrückt wurde. Gleich darauf schob sich eine Hand durch den Spalt. In der Hand lag eine Pistole, die auf Ira Payne gerichtet war.

Eddy Raymond sah es noch gar nicht richtig, als er schon reagierte. Er schnellte herum und warf sich gegen die Tür.

Die Pistole knallte und fiel, ohne Schaden anzurichten, auf den Boden.

Die Hand aber blieb. Eddy quetschte sie mit der Tür fest. Der zugehörige Mann brüllte vor Schmerz.

Dann zündete es bei den anderen. Ira Payne verstummte schlagartig und versteifte sich. Die Musik brach ab. Der Stab kam aus dem Aufnahme herausgestürzt. Stimmen schwirrten durcheinander.

Dann ertönte der zweite Schuss. Ein dritter folgte.

Eddy Raymond gab der Tür Luft. Die eingequetschte Hand rutschte ab. Der zugehörige Mann sank auf den Boden und blieb mit der Nase nach unten liegen.

Er war tot. In seinem Rücken befanden sich zwei Einschüsse.

Raymond schob den Kopf durch den Türspalt. Niemand war im Gang zu sehen.

„Was ist denn, Eddy?“

Raymond ruckte herum und fuhr seinen Kollegen an.

„Mensch! Kümmere dich um Miss Payne!“

Der Kollege schwenkte ab. Dafür drängten jetzt die anderen heran. Raymond sperrte die Tür.

„Zurück! Draußen wird scharf geschossen. Benachrichtigen Sie die Polizei.“

 

*

 

Mrs. Betty Jones war Fischhändlerin. Dagegen half auch der schwarze Sonntagsstaat nicht.

Ihr graues Haar war straff zu einem Knoten zurückgekämmt. Ihr verwittertes, von zahlreichen Furchen zerrissenes Gesicht besaß scharfe Augen, aber wenig holde Weiblichkeit. Ihr Brustbild verlangte Breitwandformat, und ihr wuchtiges Untergestell trotzte sicher auch noch Windstärke 12.

Der Stuhl, den Bount für sie geräumt hatte, hielt sie trotzdem aus.

„Wo ist Molly?“, fragte sie geradezu, nachdem sie Toby begutachtet hatte. Sie fragte es ohne Feindschaft, aber mit dem Nachdruck einer Dampfwalze, die sich nicht aufhalten lassen würde.

„Ich kenne Ihre Nichte nicht“, erwiderte Toby höflich. „Hier liegt offenbar ein Missverständnis vor, das wir aufklären müssen.“

Betty Jones schüttelte energisch den Kopf.

„Kommen Sie mir nicht erst mit solchen Ausreden, Captain. Ich bin nicht prüde und habe noch nicht vergessen, wie es zugeht. Von mir aus kann jeder machen, was ihm gefällt. Bloß mit dem Kindermachen ist das so eine Sache. Dafür muss man geradestehen, Captain, denn das geht nicht nur die beiden an, die ihr Vergnügen gehabt haben, sondern auch noch das Kind, das geboren werden will. Ich will nicht, dass ihr beide irgendwelchen Unsinn anstellt. Molly hat keinen Grund, sich zu verstecken. Ich habe ihr natürlich meine Meinung gesagt, aber deswegen braucht sie nicht gleich auszureißen. Schicken Sie also das dumme Ding wieder nach Hause.“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo sich Ihre Nichte aufhält“, bedauerte Toby. „Wie gesagt – ich kenne sie überhaupt nicht. Ich verstehe nicht, wie Sie auf den Einfall kommen, dass ...“

„Papperlapapp!“, fiel Mrs. Jones ein. „Molly hat mir selbst gesagt, dass Sie der Vater sind.“

„Aber ich versichere Ihnen ...“

„Lieber nicht!“, wehrte sie barscher als bisher ab. „Und behaupten Sie nicht erst, dass Sie noch nie in Millhaven waren. Das steht sogar in der Zeitung.“

Toby beugte sich vor.

„In Millhaven, Rhode Island?“

„Wo sonst? Dort wohnen wir doch. Und die Zeitung schreibt, dass Sie dabei waren, als dieser Stunt erschossen wurde. Das war auch so einer, der gescheiter sein wollte, als er war. Da kommen diese Kerle aus der Großstadt, wo sich keiner um den anderen kümmert, und denken, bei uns auf dem Lande ist das genauso. Aber bei uns fällt alles auf, Captain – sogar das Kindermachen. “

„Ich war vor vier Tagen zum ersten Mal in meinem Leben in Millhaven“, verteidigte sich Toby würdig. „Sie kannten diesen Stunt?“

„No, das nicht, aber er hat sich ein paar Tage in unserer Gegend herumgetrieben. Mir hat er auch das Foto unter die Nase gehalten und gefragt, ob ich die beiden auf dem Bild kenne. Dabei hatten ihm schon genug andere Leute erzählt, dass er sich an die Babyfarm halten müsste.“

„Babyfarm?“

„Das sagt man bei uns so. Im Telefonbuch nennt sie sich Entbindungsheim. Und das andere als Sanatorium. Aber bei uns weiß natürlich jeder, was los ist.“

„Nämlich?“

Mrs. Jones kniff die Lider zusammen.

„Ich werde mich hüten, Captain. Vielleicht ist das so bei manchen Frauen, dass sie in ein Entbindungsheim gehen, als ob sie es nötig hätten, dann aber nach einigen Monaten ohne Kind wegfahren. Und vielleicht ist das so bei anderen Frauen, dass sie in ein Sanatorium gehen, ohne dass man ihnen etwas ansieht, aber nach ein paar Tagen oder Wochen mit einem Kind wieder abreisen?“

„Hm, ich verstehe.“

„Na also. Dann brauche ich Ihnen wohl nicht zu erklären, warum ich hinter Molly her bin. Ich will nicht, dass sie sich auf solche Sachen einlässt; und wenn Sie das dumme Ding wirklich sitzen lassen wollen, nehme ich die Sache immer noch lieber auf mich, bevor ich ...“

„Moment mal“, fiel Toby ein und meldete sich am Telefon. Als er wenig später den Hörer wieder auflegte, stand er auf.

„Tut mir leid, Mrs. Jones, aber ich muss sofort weg. Bitte wenden Sie sich wegen Ihrer Nichte an unsere Vermissten-Abteilung. Mr. Reiniger wird Ihnen den Weg zeigen.“

Er blickte zu Bount hin.

„Tu mir den Gefallen, Bount. Mord im Tonstudio des WRCA am Rockefeller Plaza.“ Erleichtert zog er die Tür hinter sich zu.

 

*

 

Eine Stunde später hatte er die routinemäßigen Angelegenheiten im Tonstudio hinter sich und nahm sich in einem der Büros die junge Sängerin vor.

Er sah sie zum ersten Male, aber sie kam ihm trotzdem bekannt vor. Wenn man ihr einige Jahre wegnahm, das Haar kürzer schnitt und ein glückliches Lachen in ihr Gesicht hineinzauberte, konnte sie das Mädchen auf dem Foto sein, das er in seiner Manteltasche gefunden hatte. Eine Garantie dafür gab es natürlich nicht. Junge Gesichter täuschten leicht, besonders in einer Zeit, in der sie sich zu Millionen auf ein modisches Idol zurichteten.

Ira Payne saß ernst ruhig und gefasst vor ihm, offensichtlich bereit, das Unvermeidbare in Kauf zu nehmen.

„Sie brauchen meinetwegen keine Umschweife zu machen, Captain“, sagte sie. „Ich weiß, dass der Anschlag mir gegolten hat, und ich nehme an, dass der Täter von einem Komplicen erschossen wurde, um ihn zum Schweigen zu bringen.“

„So sieht es aus“, räumte Toby ein. „Sie werden verstehen, dass ich mich für die Hintergründe interessiere. Wie ich hörte, war das nicht der erste Anschlag auf Ihr Leben?“

„Das stimmt. Man hat schon vier oder fünf Mal versucht, mich umzubringen. Einmal war es ein Schuss auf offener Straße, zweimal eine Art Autounfall, und einmal eine Giftschlange. Mein Manager hat schließlich darauf bestanden, dass ich mir eine Leibwache zulege. Es sind sechs Leute von Pinkerton, die in drei Schichten um mich herum sind.“

„Ja, das hörte ich bereits. Offenbar weiß aber niemand, warum Sie verfolgt werden?“

„Ich weiß es auch nicht, Captain.“

Rogers lächelte höflich.

„Vielleicht finden wir es gemeinsam heraus, Miss Payne? Jemand versucht hartnäckig, Sie zu töten. Er muss dafür einen schwerwiegenden Grund haben. Nach allen Erfahrungen ist es ausgeschlossen, dass ein solcher Grund vorliegt, ohne dass die Betroffene ihn kennt oder wenigstens ahnen kann.“

Sie blickte ihn fest an.

„Ich verschweige Ihnen nichts, falls Sie das meinen, Captain. Diese Anschläge erfolgen nun schon seit Monaten. Ich bin nicht gerade lebenshungrig, aber ich habe Angst vor ihnen. Es ist nicht leicht, sich keine Minute sicher zu fühlen. Sie dürfen mir glauben, dass ich über einen möglichen Grund nachgedacht habe. Bis zur Verzweiflung sogar! Ich habe keinen gefunden. Ich weiß wirklich nicht, wer mich verfolgt und warum er mich umbringen will.“

Das setzte einen Punkt, aber der Captain gab noch nicht auf.

„Ist es Ihnen klar, dass ich Sie nicht verhören, sondern Ihnen helfen will?“

„Ja?“

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen einige Fragen stelle?“

„Nein.“

Er zog das lederne Etui aus der Tasche, klappte es auf und hielt ihr das Foto vor die Augen.

„Kennen Sie dieses Foto?“

Sie stieß einen jähen Schrei aus, wurde weiß und krampfte ihre Hände um die Sessellehnen. Toby machte sich auf eine Ohnmacht gefasst, aber sie hielt sich. Ein schwerer Schock war es trotzdem gewesen. Das stand für Toby fest.

„Tut mir leid, Miss Payne“, murmelte er nach einer Weile. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Sie zwang sich, aber die Mühe war ihr anzumerken.

„Das Foto! Woher haben Sie es?“

„Sie sind es also doch, nicht wahr?“, wich er aus.

„Ja“, gab sie tonlos zu.

„Und Ihr Begleiter?“

„Er – ich weiß es nicht mehr. Irgendeiner, den ich flüchtig kennenlernte.“

Sie log. In ihrer Stimme lag der Krampf eines Menschen, der sich gegen einen rollenden Felsblock stemmt.

„Vielleicht liegt hier der Grund?“, tastete er vorsichtig weiter.

„Nein, das ist unmöglich. Er – er ist schon längst tot.“

Sie verriet die vorangegangene Lüge, ohne es zu merken. Damit schuf sie eine Gedankenverbindung, die eine Frage in Rogers auslöste.

„Waren Sie einmal in Millhaven, Rhode Island?“

Diesmal traf sie der Schock noch stärker, aber er löste in ihr eine Verzweiflung aus, die sie schneller und heftiger reagieren ließ.

„Nein! Nie! Ich war nie dort. Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden!“

Sie tat ihm leid, aber er hatte einen Mord aufzuklären, und nun war es klar, dass sie etwas zu verbergen versuchte. So bohrte er weiter.

„Ich bitte um Verzeihung, aber die Frage lag nahe. Das Foto wurde nämlich in Millhaven gefunden.“

„Das ist unmöglich! Es gibt nur ein einziges Exemplar, und das habe ich ...“

Sie brach ab und bestand nicht auf der Fortsetzung.

„Das ist nicht das Original, sondern eine Aufnahme des Originals.“

Darauf reagierte sie nicht. Es blieb offen, ob sie überhaupt begriff, was das bedeutete. Toby ging weiter.

„Mit diesem Foto ging ein Mann in Millhaven herum und fragte die Leute, ob sie das Mädchen darauf gekannt haben oder kennen. Vielleicht sagt Ihnen das etwas?“

Sie ruderte sichtlich nach Verständnis.

„Ein Mann hat – aber die Leute müssten doch – ich verstehe das nicht? Ich habe doch ...“

Sie blickte verstört und atmete schwer. Dann schrie sie ihn fast an: „Was wollen Sie von mir? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nie in Millhaven war. Was sollte ich denn dort? Ich weiß nicht, was das alles bedeuten soll. Ich weiß nicht, warum man mich ermorden will. Das hat doch mit dem Foto nichts zu tun? Lassen Sie mich doch endlich in Ruhe!“

Rogers erhob sich und besänftigte: „Ich wollte Ihnen helfen, Miss Payne. Es gibt offenbar doch Dinge in Ihrem Leben, die wir zur Erklärung dieser Anschläge heranziehen könnten. Ich kann Sie nicht zwingen, darüber zu sprechen, aber denken Sie bitte einmal darüber nach. Wenn Sie sich entschließen sollten, sich uns anzuvertrauen, so stehe ich jederzeit zur Verfügung.“

Ira Payne senkte den Kopf und schwieg.

 

 

3. Kapitel

Am nächsten Vormittag stieg Bount Reiniger aus dem Luftbus, der ihn nach Millhaven gebracht hatte. Er fand auf der Straße ein Taxi, das ihn nach Millhaven hineinbrachte. Der Fahrer setzte ihn vor dem einzigen Hotel, das für ihn in Frage kam, ab.

Millhaven war eine bescheidene Kleinstadt oder auch nur ein größeres Fischerdorf, das seinen Glanz von einigen reichen Besitzungen in der Umgebung und einem Sanatorium erhielt. Allenfalls kamen hier nur noch Segler und Sportfischer auf ihre Kosten.

Das Hotel „Woonsocket“ hätte auch noch einem Kurort zur Ehre gereicht. Es hatte erst einige Jahre hinter sich und war nicht nur in technischer Hinsicht auf der Höhe, sondern auch elegant und sogar luxuriös eingerichtet. Ganz erstklassig waren die Preise.

„Appartement 12“, entschied der Portier in der Reception, während er dem wartenden Boy den Schlüssel reichte. „Darf ich fragen, für welche Zeit?“

„Das kann ich noch nicht sagen.“

„Haben Sie bereits einen Geburtstag?“

„Sicher. Wieso?“ Bount spitzte die Ohren.

„Verzeihung, Sir, ich meinte den Geburtstag des Kindes. Die Damen werden gewöhnlich zwei Wochen später entlassen.“

„Ach so? Nein, also den Geburtstag habe ich noch nicht. Ich gebe Ihnen später Bescheid.“

Nach diesem etwas verwirrenden Gespräch fuhr Bount mit dem Lift nach oben und ließ sich vom Boy in sein Appartement führen. Während er ihm ein Trinkgeld in die Hand drückte, fragte er beiläufig: „Viel Gäste im Haus?“

„Wie üblich, Sir“, gab der Boy bereitwillig Auskunft. „Wir haben selten mehr und selten weniger als zwei Dutzend Gentlemen, die hier auf ihre Damen warten. Das liegt am Sanatorium. Mehr als zwei Dutzend Patientinnen nehmen sie dort selten auf.“

„So? Na schön.“

Der Boy trat ab. Bount hielt sich auch nicht lange auf. Er war nicht nach Millhaven gekommen, um in einem Hotelzimmer herumzusitzen.

Er war Toby zu Gefallen nach Millhaven geflogen. Der Mordversuch im Studio und der Mord an dem noch unbekannten Attentäter konnte ohne seine Hintergründe schwerlich aufgeklärt werden. Im Hintergrund stand aber ein zweiter Mord, nämlich der Mord an Stunt, den Rogers auch nicht aufklären konnte, weil er in Rhode Island keine polizeilichen Befugnisse besaß.

Es war klar, dass das Bindeglied Ira Payne hieß. Der Anschlag in New York hatte ihr gegolten, und Stunt hatte mit ihrem Foto in Millhaven einen Bandenmord provoziert. Der Überfall auf Toby ließ daran kaum einen Zweifel.

Details

Seiten
126
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933123
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503646
Schlagworte
gangway york detectives

Autor

Zurück

Titel: Tod auf der Gangway: N.Y.D. – New York Detectives