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Für Kinder eine Heimat

2019 116 Seiten

Leseprobe

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Für Kinder eine Heimat

Copyright

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Für Kinder eine Heimat

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

Nach einer Enttäuschung und Trennung von ihrem Verlobten, muss die junge Veronika mitansehen, wie der Bauernhof von ihrer verwitweten Mutter durch Brandstiftung vollkommen zerstört wird. Die Zukunft sieht sehr düster aus. Dann aber lernt sie den jungen Arztsohn Norbert kennen und durch seine Liebe kann sich Veronika wieder auf die Zukunft freuen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Der Sommer war angebrochen. In den Bergdörfern hatte man oft voller Sorgen zum Himmel geschaut. In diesem Jahr hatte er lange auf sich warten lassen. Nun endlich war er da.

Auch auf dem Seisajoch war man froh und glücklich. Nun konnte man mit dem Heu schneiden beginnen. So einfach hatten es die Bewohner dieses Hofes nämlich nicht, denn der Bauer war vor fünf Jahren bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen. Nun mussten Mutter und Tochter den Hof allein weiterführen. Anfangs hatte es oft so ausgesehen, als würde die Aline es nicht schaffen. Damals, als das Unglück geschah, war die Tochter, die Veronika, gerade fünfzehn Jahre alt gewesen.

Doch die Menschen in den Bergen sind nun mal hart und zäh und geben nicht so schnell auf. Aline war zwar oft traurig, dass die Tochter so schwer schaffen musste, sie hatte so gar keine Freizeit, aber schließlich tat sie doch eben alles für diese eine Tochter. Denn eines Tages würde ihr der Hof selbst gehören.

In diesem Augenblick stand die Mutter in dem kleinen Hausgarten und jätete das Unkraut fort. Die Schwester, die Anni, war aus dem Dorf zu ihr hinaufgekommen und leistete ihr jetzt ein wenig Gesellschaft. Das tat sie oft, die Anni, denn sie hatte daheim nicht so viel zu schaffen. So ging sie oft zum Rottachhof, um ihrer Schwester ein wenig zu helfen.

Aber es hatte auch schon mal anders ausgesehen, da war sie voller Neid auf die Schwester gewesen, als diese den jungen Rottachbauern freite, hatte sie doch selbst ein Auge auf den feschen Burschen gehabt. Aber er hatte sich nun mal für die Aline entschieden, und sie hatte dann den Josef, den Postbeamten bekommen.

Nachdem dann das Unglück gekommen war, hatte sie Mitleid mit der Schwester.

Anni stand am Zaun und blickte auf die Bergspitzen. Zu drei Seiten umschlossen sie das Anwesen. Der Hof selbst lag in einer kleinen Mulde. Die Erbauer hatten schon gewusst, was sie taten. Nie war eine Lawine über den Hof gekommen, obschon er an höchster Stelle lag.

Ihr Blick glitt weiter über die blankgeputzten Fenster, über den üppigen Blumenschmuck. Ja, das hier war schon ein schönes Fleckerl. Viele Urlauber blieben oft hier stehen und sahen bewundernd zum Hof rüber. Aber keiner dachte dabei, wie viel Arbeit darin steckte.

Auch jetzt dachte die Anni so und sprach die Schwester an. »Ich kann es noch immer nicht verstehen, wie ihr zwei die Arbeit bewältigt. Der Stefan ist doch jetzt schon an die fünf Jahre unter der Erde und der Hof ist prächtiger denn je, ja, hast sogar noch Erspartes auf der Bank. Wie machst das nur, Aline?«

Diese lächelte leicht und hörte auch mit dem Jäten auf.

»Weißt, einfach ist es wirklich nicht. Aber irgendwie schaffen wir es immer wieder. Man darf einfach nicht darüber nachdenken, immer weitermachen, weißt.«

»Also, wenn du mich fragst, so ohne Abwechslung, ich weiß nicht, ob ich das so lange ausgehalten hätte. Ich komme ja nur für Stunden rauf, aber wenn ich dann unten im Dorf bin, dann bin ich doch wieder ganz froh, Aline.«

»Jeder Mensch ist halt anders, Anni, aber nun komm, gehen wir erst mal ins Haus und stärken uns an einer schönen Tasse Kaffee. Der Garten ist jetzt fertig.«

»Da sag ich nicht nein«, lachte die Schwester.

Während die Aline den Kaffee aufbrühte, deckte Anni den Tisch. Sie kannte sich ja hier gut aus. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie Veronika über die Wiese laufen. Veronika war ihr Patenkind. Weil sie selbst keine Kinder hatte, verschenkte sie ihre ganze überschüssige Liebe an das junge Mädchen.

Veronika war groß, schlank und blond. Ihr Wesen war so herzlich und gewinnend, dass man sie einfach gern haben musste.

Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie ihre Tante erblickte.

Anni umarmte sie und sagte herzlich: »Bist aber bildhübsch, Mädel. Sicherlich verdrehst sämtlichen jungen Männern im Dorf den Kopf, na?«

»Ach was, Tante Anni, so schlimm ist das auch wieder nicht. Du schmeichelst mir, außerdem komm ich ja kaum runter ins Dorf. Und hier oben in den Bergen hab ich doch nur die Küh’ zur Gesellschaft und die sind im Augenblick auch auf der Hochalm.«

»Sie hat außerdem noch sehr viel Zeit«, warf die Mutter ein. »Sie soll nicht so früh an die Ehe denken, damit kommen dann auch meistens viele Sorgen.«

Die Tante nickte zustimmend.

Da saßen sie nun gemeinsam im Herrgottswinkel und die Tante erzählte den neuesten Tratsch aus dem Dorf. Die Sonne ging langsam unter. Aline ermahnte nun die Schwester, sich auf den Heimweg zu machen. Die Jüngste war sie auch nicht mehr.

»Wenn das Heu eingefahren wird, kannst auf mich zählen, Aline.«

»Ich bedank mich auch schön. Auf dich kann ich mich immer verlassen.«

Aline schaute ihr noch lange von der Bergkuppe nach. Dabei musste sie sogleich an das Gespräch in der Küche denken. Natürlich wusste sie, dass Veronika eines Tages heiraten musste. Und dieses eines Tages lag gar nicht mehr so fern, denn sie war schon an die Neunzehn. Mit der Heirat der Tochter würde dann auch wieder ein Bauer auf den Hof kommen. Dann war ihre Herrschaft vorbei. Sie war dann nur noch die Alt-Bäuerin. Das würde dann schon weh tun, wenn man so viele Jahre den Hof allein geführt hatte. Aber zugleich wusste sie auch, dass sie sich dann keine Sorgen mehr zu machen brauchte.

»Jede Münze hat nun mal zwei Seiten«, murmelte sie leise vor sich hin.

Sie schrak zusammen, als Veronika aus dem Haus trat und auf sie zukam.

Sie sagte: »Ich geh’ noch auf einen Sprung zur Lilly runter. Sie will mir eine neue Strickanleitung zeigen. Hast doch nix dagegen? Ich hab den Tisch abgeräumt und auch schon gespült. Mit dem Abendbrot haben wir noch Zeit. Ich werd auch wieder zeitig zurück sein.«

Aline sagte: »Geh nur, hast ja schon den ganzen Tag geschafft. Aber sieh zu, dass du vor dem Dunkelwerden daheim bist. So mach ich mir dann sonst noch Sorgen.«

»Kannst dich auf mich verlassen, außerdem bleibt es noch lange hell, wir haben ja Sommer!«

Schon lief Veronika, über die Wiesen davon. Ihre Schulfreundin Lilly Kögl wohnte eine halbe Stunde vom Rottachhof entfernt. Oft besuchten sich die zwei. Es waren die einzigen Nachbarn hier oben.

Aber heute dachte die Veronika gar nicht daran, ihre Freundin zu besuchen. Sie wollte sich mit ihrem Schatz treffen. Sie hatten sich auf dem Frühjahrsfest kennen gelernt. Karl kam aus dem Nachbartal.

Sie lief immer schneller, sobald sie aus der Sicht der Mutter war. Dabei schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass sie viel zu früh war. Die ganze Aufregung, ihren Karl wiederzusehen, machte sie ganz nervös.

Noch nie zuvor hatte sie die Schönheit der Heimat so intensiv wahrgenommen wie heute. Vielleicht ist es das Glück, dachte sie, dass ich heute alles viel heller und schöner sehe.

Durch den Hohlweg schreitend erreichte sie dann den Hochwald und kam so zum Treffpunkt. Sie hielt atemlos inne und sah sich um. Es war eine kleine Waldlichtung, neben der ein Bach ins Tal polterte.

Sie wusste auch nicht, warum sie darauf bestand, dass ihre Liebe noch eine Weile geheim bleiben sollte. Aber hatte sie in Büchern nicht selbst gelesen, wie zauberhaft schön die erste wirkliche Liebe war, wenn man nur ganz allein davon wusste.

Ihr Liebster hingegen war gar nicht damit einverstanden. Ja, richtig gebrummt hatte er und sie gar seltsam angeschaut, aber dann hatte er sich doch gefügt. Weil er mich gar so lieb hat, dachte sie und fühlte, wie ihr schon bei dem Gedanken das Rot in die Wangen schoss.

Er war noch immer nicht da. Etwas unruhig blickte sie nun doch auf die Uhr. Vielleicht hatte er nicht mehr die genaue Stunde im Kopf? Aber sie trafen sich doch immer um die gleiche Zeit.

Bestimmt war auf der Bergstraße so viel Verkehr, jetzt, wo die Urlauber das Land überschwemmten, war man nicht mehr Herr im eigenen Land.

Veronika saß unter einer uralten Fichte und träumte von einer hellen, schönen Zukunft.

 

 

2

Der Mann hatte seinen Wagen unten an der Straße abgestellt.

Jetzt musste er den steilen Hang heraufsteigen, um sein Ziel zu erreichen. Eine Viertelstunde musste er deswegen kraxeln. Kein Wunder, dass er wütend war. Und überhaupt, er wollte jetzt endlich wissen, woran er mit der Veronika war. Außerdem hörte der Vater nicht auf, ihm in den Ohren zu liegen. Er lächelte etwas bitter in sich hinein.

Man konnte die Veronika schon verstehen, dass sie sich in den stattlichen Mann verliebt hatte. Ei der Daus, er war so ein Mannsbild, nach denen sich die Frauen umschauten und das wiederum wusste er sehr wohl.

Der Karl Schieger, der hätte sich jede nehmen können, wenn er nur gewollt hätte. Aber wenn er die Veronika wollte, dann nur aus einem ganz bestimmten Grunde. Das wusste das Mädchen nicht, denn dann hätte sie sich sofort von ihm abgewendet, wenn sie auch nur geahnt hätte, dass er nur ihr Geld wollte und mit ihren Gefühlen spielte. Die Veronika war in seinen Augen ein ziemlich fades und langweiliges Frauenzimmer, bei weitem nicht so lustig und leichtherzig, wie die Bedienung unten beim Schankwirt. Der Karl, der hatte diese Mädchen gern, die mit den Blicken locken und für jeden Spaß zu haben waren. Leider hatte diese Sorte von Mädchen nicht das Geld, was nun mal bei der Veronika zu finden war. Das war in Gamau bekannt, das der Rottachhof nicht zu verachten war.

Und Geld musste er heiraten, das hatte ihm vor einiger Zeit der Vater unmissverständlich beigebracht. Arg sauer war er deswegen gewesen. Aber dann hatte er sich rum gehört und sich im Lande umgeblickt, hatte dann die Veronika letztens auf dem Talfest kennen gelemt und sich gesagt, nun denn, nehmen wir das Geld, für die kleinen lustigen Späße kann ich mir dann, wenn mir danach zumute ist, die anderen noch kaufen.

So a blödes Ding, das glaubt mir ja alles, die wickel ich mir um den Hals. Und wenn ich erst mal fest im Schmalztopf sitze, dann spiele ich den Herrn.

Karl war ein wenig verblüfft gewesen, als ihm Veronika sagte, man solle es noch eine Weile geheim halten. War sie vielleicht doch nicht so dumm? Wollte dieses dumme Huhn ihn vielleicht sogar prüfen? Heute wollte er endlich Nägel mit Köpfen machen, wenn sie sich noch weiterhin zierte, musste er sich dann nach einer anderen goldenen Gans umsehen. Denn das Wasser stand ihnen auf dem Schiegerhof schon bis zum Hals. Jetzt musste etwas geschehen.

Solche und ähnliche Gefühle hatte er im Herzen, als er auf der Lichtung das Mädchen traf.

Diese flog ihm gleich um den Hals und küsste ihn stürmisch.

»Na geh«, sagte er scheinheilig, »du tust ja wirklich so, als hättest mich vermisst.«

»Geh, Karl, wie kannst du nur so bös von mir denken. Die ganze Zeit denk ich doch nur an dich, merkst das denn nicht?«

»Hm hm. So schaut es aber gar nicht aus. Wie a Dieb muss ich mich anschleichen, weißt, das passt mir nicht, Veronika. Immer diese Heimlichtuerei. Ich mein es doch ehrlich mit dir. Wenn uns jetzt einer sieht, dann denken sie womöglich, wir meinen es nicht ehrlich, wir zwei. Und bringe dich womöglich noch in Verruf. Du weißt ja gar nicht, wie einfach das geht. Wirklich, wie lang soll das nun so weitergehen?«

Erschrocken blickte sie ihn an.

»Meinst du wirklich?«, fragte sie leise. »Meinst’ wirklich, die Leut könnten bös von mir denken?«

»Nur wer sich heimlich trifft, der hat doch was zu verbergen, oder? Ich war ja nie dafür, hab dich auch nie nach den Gründen gefragt. Wissen möcht ich sie schon gern, weißt. Damit ich auch fühl, ob du nicht mit mir spielst.«

Er sah sie von der Seite an, bemerkte, wie sie rot und blass wurde. Ihr großen blauen Augen blickten ihn ziemlich unglücklich an.

»Karl«, flüsterte sie, »das hab ich nicht gewollt. Ich hab nur gedacht, die erste Zeit, es war so schön, von dir zu träumen, ganz allein das Glück genießen. Dass nur wir beide davon wussten, verstehst du? Niemand Frag und Antwort stehen.«

»Willst mir vielleicht damit zu verstehen geben, dass deine Mutter gegen mich ist?«, fragte er schnell. »Will sie vielleicht noch nicht, dass du heiratest?«

Damit wusste er, dass er sie da hatte, wo er sie haben wollte.

»Geh«, sagte sie lachend. »Denk doch nicht so etwas. Im Gegenteil, ich glaub, Mutter wird sich sehr freuen. Ja, ich hab sie im Verdacht, dass sie jetzt schon Angst hat, ich könnt als Jungfer sterben.«

Sie lachte hellauf.

»Wenn das so ist, dann kann ich ja gleich am Sonntag zu euch kommen und um deine Hand bitten. Weißt, es dauert mich sowieso schon arg, dass ihr euch dort droben allein so abplagen müsst. Verstehst mich doch, Schatzerl.«

»Ach, Karl«, seufzte sie und lehnte sich an ihn. »So willst mich wirklich heiraten?«

»Ja, hab ich dir das denn noch nicht gesagt?«, spielte er den Erstaunten.

Veronika konnte sich darauf besinnen, dass er es noch nicht getan hatte, aber im Augenblick war sie viel zu glücklich, um lange dummen Gedanken nachzuhängen. Karl würde sie nehmen und zusammen würden sie das Leben wundervoll gestalten.

Karl schaute auf seine Uhr.

»Ich muss mich sputen. Ich muss ja noch runter. Du hast es nicht weit bis zum Hof. Also Schatzerl, dann bis Sonntag. Back mir einen schönen Kuchen. Ich werd mich fein herausputzen und dann deiner Mutter den Kopf verdrehen.«

Veronika lachte auf.

»Aber das hast doch wirklich nicht nötig, sie wird dich auch so mögen. Karl.«

»Wirklich?«

Ein ganz feiner Spott lag in seiner Stimme. Aber das Mädchen hörte es nicht. Sie war blind für alles, sie glaubte an die Liebe des Mannes, da sie selbst ein aufrichtiger Mensch war und sich einfach nicht vorstellen konnte, dass jemand so falsch war.

 

 

3

Einst war der Schiegerhof ein hübsches Anwesen gewesen. Aber seit die alte Schiegerin, wie sie im Dorf genannt wurde, auf dem Gottesacker lag, war es aus mit dem schönen Hof. Solange das Weib den Mann dazu angehalten hatte, die Wirtschaft zu führen, war es ja gegangen. Der Rupert war ein rechter Faulpelz. Und jetzt ging es seit Jahren mit dem Hof abwärts. Aber nicht nur der Vater war faul, auch der Sohn. Jeder schob dem andern grantig die Schuld in die Schuhe, wenn mal wieder etwas nicht gemacht worden war.

Das Bargeld war sehr schnell aufgebraucht. Weil man die Heuernte verregnen ließ, kaufte man das Futter. Also musste man eine Hypothek aufnehmen und noch eine und noch eine. Jetzt stand ihnen das Wasser bis zum Halse. Mancher reicher Bauer im Umkreis wartete darauf, dass ihnen die Puste ganz ausging, dann wollte man den Hof für den zweiten Sohn kaufen. Natürlich würde das sehr billig werden, denn es kam ja dann zu einer Versteigerung.

In diesem Augenblick war der Karl in Hochstimmung und dachte weder an die liegengebliebene Arbeit, noch an die vielen Schulden.

Den Vater traf er vor dem Hof auf der Hausbank. Er hatte das Holz für den Winter hacken sollen, als er aber den Sohn mitten am Tage mit dem Wagen hatte fortfahren sehen, war er in Wut geraten und hatte die Axt daneben geworfen.

»Wo zockelst du denn herum und vergeudest das gute Benzin«, fragte er aufbrausend.

Karl blieb vor ihm stehen und sah ihn von oben herab an.

»Ich sorg dafür, dass wir nicht verrecken, hast wohl schon wieder vergessen, was die Bankleut’ dir erzählt haben, wie?«

Der Alte starrte ihn an.

Er hatte Angst vor dem starken Buben, aber zeigen wollte er das natürlich nicht.

»Hast nochmals Geld auftreiben können?«, fragte er lauernd. »Wo bist gewesen?

Was hast für eine Sicherheit geben müssen?«

»Geld? Das brauch ich jetzt nicht mehr, denn das hab ich bald übergenug. Nein, am Sonntag geh ich rüber, jetzt hab ich es endlich perfekt gemacht. Ich werd nämlich um die Veronika Rottach freien.«

Der Alte starrte ihn sprachlos an.

»Hast a Hitzschlag?«, keuchte er.

»Was willst damit sagen?«, fuhr der Sohn ihn hart an.

Der Alte lachte meckernd auf.

»Du meinst also, die nehmen dich mit offenen Armen auf? Höher konnst wohl nicht hinaus, wie? Bist wirklich so narrisch und willst einen Hanswurst aus dir machen lassen?«

»Glaubst wirklich, ich bin so blöd und ginge auf Verdacht, Vater? Die Veronika, die liebt mich, verstehst, die ist ganz wild nach mir, sie will mich unbedingt heiraten. Ja, da biste platt, was?«

»Jesses«, keuchte er, »Karl, dös ist, dös ist. . .«, dann grinste er den Sohn an.

»Du bist ein Teufelskerl, du meine Güte, das hätte ich wirklich nicht gedacht. A Hoftochter und dann noch der Rottachhof, der Alte lebt ja auch nicht mehr. Wirst gleich das Sagen haben, Karl. Da hast dir ja was Feines ausgedacht, nun ja, a schmucker Kerl bist ja, das kann ich nicht bestreiten. Ich hab ja auch nur gedacht...«

Der Karl fuhr ihm dazwischen.

»Aber das sag ich dir gleich, Vater, damit bei uns klare Verhältnisse sind. Bei mir kannst das Gnadenbrot kriegen, ja, das kriegst du und für den Tabak will ich auch noch sorgen, ich bin ja nicht so, aber sonst nix mehr, hast mich verstanden? Das Geschäftliche werde ich dann besorgen. Du kannst es ja nicht, bist ja viel zu faul und machst dir nicht genug Gedanken.«

Der alte Bauer war kreidebleich geworden.

»Muss ich mir das wirklich von meinem eigenen Sohn gefallen lassen?«

»Ja«, sagte dieser grob. »Siehst ja selbst, was du geschafft hast.« Und zeigte auf den Hof, der langsam zerfiel.

»Und was wird damit?«, fragte der Alte.

»Was damit wird?«

Karl grinste.

»Tja, da hab ich so meine Pläne. Auf alle Fälle wird er nicht verkauft, ich werd ihn verpachten. Das Pachtgeld wird für die Hypothek draufgehen. Aber ich werde ihn behalten, verstanden!«

»Du hast also Respekt vor dem Väterhof?«, sagte der Alte erstaunt.

»Quatsch«, sagte der Sohn grob. »Nein, ich denke nur weiter. Dann bin ich Besitzer zweier Höfe und man kann ja nie wissen, was die Zukunft bringt. Besser ist besser, verstehst!«

Der Alte hatte verstanden.

»Du bist ein listiger Fuchs, Karl. Aber sag, hast gar keine Angst, es könnte schiefgehen?«

»Mir geht nix schief, was ich will, das geschieht.«

 

 

4

Aline wartete schon auf die Tochter, als diese endlich heimkam. Ihr Gesicht glühte, und ihre Augen strahlten vor Freude. So hatte sie das Kind noch nie gesehen. Völlig verdutzt sagte sie: »Ja, mei, was ist denn widerfahren, dass du so strahlst, Veronika?«

Veronika fiel der Mutter um den Hals und rief lachend:

»Mutter, ich bin ja so glücklich, das kannst du dir gar nicht vorstellen.«

»Das musst mir schon ein wenig näher erklären, Veronika. Was ist denn bei der Lilly passiert, dass du schier aus dem Häuschen bist?«

»Lilly?«, fragte sie verdutzt. Aber dann hatte sie doch begriffen.

»Muttei; verzeih, ich hab dich beschwindelt. Ich war nicht bei der Lilly, sondern, sondern zum Stelldichein . . .«, so jetzt hatte sie es gesagt.

Sie fühlte sich richtig erleichtert.

Die Mutter fühlte ein seltsames Ziehen in der Herzgegend. »So wenig Vertrauen hast du zu mir, Veronika, dass du es mir verheimlichen musstest?« Ihre Stimme klang ein wenig bitter.

»O Mutter, so hab ich es doch nicht gemeint. Weißt, ich wusste selbst noch nicht so recht, ob es der Richtige ist. Deswegen habe ich noch nichts gesagt. Aber jetzt sind wir uns einig und am Sonntag kommt er zu uns, dann wirst ihn kennenlernen, meinen Karl.«

»Dann erzähl mal von deinem Karl«, sagte Aline langsam.

Veronika setzte sich zu ihr auf die Hausbank und jetzt ging das Schwärmen los. Alles erfuhr die Mutter. Wo man sich zuerst getroffen hatte, wie sie sich gleich in den jungen Burschen verliebt hatte, es noch nicht begreifen konnte und wie man sich dann eine Zeit heimlich getroffen hatte.

Aline war selbst erstaunt, dass sie die ganze Zeit keine Veränderung an der Tochter bemerkt hatte. Aber im Frühsommer war auf dem Hof immer so viel zu schaffen, da kam man gar nicht zum Nachdenken.

»Na, dann weiß ich ja jetzt Bescheid.«

»Bist mir also nicht mehr böse, Mutter?«

»Geh, Veronika, das war ich noch nie. Dann müssen wir ja wohl zu Sonntag einen ganz besonders schönen Kuchen backen, wie?«

»Ach Mutter, du bist doch die Beste!« Sie legte ihren Arm um deren Hals und drückte sich an sie.

Am nächsten Morgen war Veronika gleich nach dem Frühstück zur oberen Heuwiese gegangen. In der Sonne trocknete es ganz prächtig. Die Mutter war dann auch gekommen und hatte ihr beim Wenden geholfen, doch vor einer halben Stunde war sie wieder zum Hof runter gestiegen, da sie sich um das Essen kümmern musste. Der Veronika war es ganz recht, denn so konnte sie ungestört träumen.

Erst als das Mittagsläuten erklang, dachte sie daran heimzugehen. Als sie über die Wiese schritt, sah sie einen Mann von oben heruntersteigen. Veronika dacht, Urlauber müsste man sein. Dann aber hörte sie ihren Namen rufen.

»Bist es oder bist es nicht? So wart doch auf mich!«

Eine hochgewachsene schlanke Gestalt kam ihr entgegen.

»Du bist es also tatsächlich«, rief der Mann lachend.

Das Dirndl stutzte, doch dann lachte sie hellauf: »Norbert, ja grüß dich Gott, ich hab dich im ersten Augenblick gar nicht erkannt.«

»Mir ist es ebenso ergangen.«

»Aber du hast mich doch beim Namen gerufen, Norbert!«

»Das ist doch eure Wiese. Und dass du nicht die Mutter bist, das sieht doch sogar ein Blinder. Also musstest du es sein. Fesch bist geworden, Mädel, wirklich zum Anbeißen, na das ist ja wirklich eine Überraschung.«

Veronika lachte herzlich auf.

»Also, das Süßholzraspeln hast also auch in der Stadt gelernt?«

»O ha, a spitze Zungen hast jetzt auch? Da muss ich mich ja ganz besonders vorsehen.«

Während sie nebeneinander zum Hof runter stiegen, musste Veronika an früher zurückdenken. Norbert war so etwas wie ein Freund in allen Nöten. Er war der Sohn vom alten Doktor Kreuter. Nach dem Gymnasium hatte er die Universität besucht. Jetzt war er achtundzwanzig Jahre alt und schon ein richtiger Doktor.

Zwischen den Kreuters und den Rottachern hatte immer eine herzliche Freundschaft bestanden. Da ihr Hof weit entfernt vom Dorf lag, hatte sie während ihrer ganzen Schulzeit bei den Kreuters ihr Mittagsmahl eingenommen. Norbert hatte sie wie eine kleine Schwester behandelt und ständig geneckt und an den langen blonden Zöpfchen gezwickt.

Das letzte Mal hatten sie sich zu Weihnachten gesehen, aber dann auch nur ganz kurz. Als er ihr nun sagte, dass er seine Ferien hier verbringen würde, freute sie sich mit ihm.

»Wie ist es?«, fragte der junge Arzt, »werden wir zwei auch mal auf das Seisajoch steigen? Hab rechte Lust dazu, aber mir fehlt noch die Begleitung.«

Sie lächelte ihn herzlich an.

»Darauf kann ich dir im Augenblick noch keine Antwort geben, mein Lieber.«

»Warum denn nicht? Ist die Mutter plötzlich so streng geworden?«

»Nein, das ist noch ein Geheimnis, verstehst?«

Der Hof kam in Sicht.

»Ladest mich ein?«

»Heut gibt es Kraut und Schweinshaxen.«

»Donnerwetter, da bin ich wirklich mit von der Partie!«

Die Mutter stand vor der Tür und sah die zwei auf sich zukommen. »Nein, der Norbert, das ist wirklich eine hübsche Überraschung.«

Bei Tisch erzählte Norbert von seiner Arbeit im Kreiskrankenhaus. Sein besonderes Interesse galt den lungenkranken Kindern. Veronika empfand tiefes Mitleid mit diesen Kindern, als sie erfuhr, wie lange sie oft von daheim fort bleiben mussten.

»In einem so großen Betrieb wie in unserem Krankenhaus kann sich keiner wirklich um diese Kinder kümmern. Das ist jammerschade, denn gerade diese Kinder haben es bitter nötig, auch würde dann der Heilungsprozess viel schneller voranschreiten.«

»Kann man denn da gar nichts ändern?«, fragte Veronika mit warmer Stimme.

»Nein, im Augenblick nicht. Darum bemühe ich mich ja so sehr, aber . . .«

»Wenn du schon alles tust,was in deiner Macht liegt . . .?«

»Weißt, Veronika, mir schwebt da etwas vor, ein kleines Sanatorium, hier in den Bergen. Für höchstens zwanzig bis dreißig Kinder. Sie haben dann die beste Luft und sie würden wie in einer kleinen Familie leben.«

Die Mutter sagte: »Und wir warten alle so sehr darauf, dass du bald die Praxis deines Vaters übernimmst. Früher hast es doch immer gesagt. Dein Vater ist doch auch nicht mehr der Jüngste. Und jetzt mit den Fremden, da hat er wirklich sehr viel zu schaffen.«

»Natürlich werde ich kommen, keine Angst, das hab ich nicht vergessen. Aber das Sanatorium könnte ich nebenbei laufen lassen, verstehst!«

»Du hast ja wirklich große Pläne.«

»Ja, die hab ich und ich freue mich auf die Zukunft. Aber jetzt muss ich mich langsam auf die Strümpf machen, sonst wird der Vater noch denken, ich sei in eine Schlucht gestürzt oder ein Madel habe mich entführt.«

Veronika gab ihm einen Nasenstüber. »Geh, du Angeber, das möchtest wohl gern, dass die Dirndl sich an deine Rockschöße hängen, wie?«

»Natürlich tun sie das! Deswegen muss ich ja schon in die Einsamkeit flüchten«, war die schlagfertige Antwort.

Als der alte Kinderfreund gegangen war, stellte das Mädchen fest, dass sie die ganze Zeit nicht an ihren Karl gedacht hatte. Sie bekam gleich ein schlechtes Gewissen.

 

 

5

Sonntag in der Früh!

Aline stand im Hof und blickte zu den schweigenden Bergen hinauf. In aller Frühe war sie schon zur Kirche gegangen. Das Wetter fühlte sich heute gut an. Eigentlich musste sie froh und glücklich sein, aber trotzdem hatte sie so ein seltsames Ziehen in der Brust. Wenn Veronika heiratete, würde sie ihre Tochter auf eine Art verlieren. Sie wusste, dass viele Mütter sich dagegen auflehnten, es hinauszögerten.

»Das alles weiß ich ja schon«, murmelte sie vor sich hin. »Außerdem braucht der Hof einen Bauern. Dann geht es weiter, wir können noch mehr leisten, außerdem brauch ich mich dann nicht mehr so abplagen. Aber ist es auch der Richtige? Wird sie mal so glücklich sein, wie ich es mit meinem Mann war? Warum hat sie sich nicht einen aus dem Tal geholt, warum aus der Fremde? Einen Menschen, den man nicht kennt, nicht weiß, wie die Eltern des Mannes sind. Ist es das, was mich so nachdenklich stimmt?«

Man konnte der Mutter nicht verdenken, dass sie sich Gedanken darüber machte. Veronika war ja noch so jung und hatte keinerlei Erfahrung. Außerdem waren Erbhoftöchter immer begehrt, da sah man meistens auf das Geld und die Liebe war dann nicht mehr so wichtig. Aber Veronika sollte eine glückliche Ehe führen. War alles in Ordnung, war der Mann wirklich der Rechte für die Tochter, würde sie sich zurückziehen, ja, ihr sogar gleich nach der Hochzeit den Hof überschreiben.

Aufseufzend ging sie ins Haus zurück, um sich um das Mittagessen zu kümmern.

Veronika kam aus dem Dorf zurück. Sie hatte die Messe besucht und danach die Zeit mit Freundinnen verplaudert. Ihr Gesicht strahlte vor heller Freude. Und die Dörfler schauten nicht schlecht.

Auf dem Nachhauseweg traf sie dann auch noch den Norbert. Auch er bemerkte das helle Glitzern in ihren Augen. »Siehst aus wie a Pfingstrosen, Veronika. Entweder bist verliebt oder du bist a heimliche Säuferin«, neckte er sie.

Sie lachte ihn an.

»Möchtest es wohl gern wissen, wie, was mir widerfahren ist? Aber weil du das von mir denkst, lass ich dich zur Strafe recht lange zappeln.«

Bevor er sich von seiner Verdutztheit erholt hatte, war sie schon davon gesprungen. Da stand er nun, wie ein begossener Pudel und blickte dem Mädelchen nach.

»Da schau her«, sagte er und zog die Stirn kraus.

Inzwischen war Veronika auf dem elterlichen Hof eingetroffen. Die Liebe, dachte die Mutter, welche Macht sie doch besitzt. Unwillkürlich musste sie an ihre eigene Brautzeit zurückdenken. Es war eine schöne Zeit gewesen. Schad, dass er das nicht mehr erleben durfte, mein Stefan. Wie hätte er sich über das Glück seiner Tochter mit gefreut. Wäre der Mann nicht so früh gestorben, hätte sie die Veronika für eine Weil fortschicken können, damit sie mal etwas anderes lernte, als nur daheim auf dem Hof.

Nachdem das Mittagsgeschirr fortgespült war, deckte die Tochter schon den Kaffeetisch. Dabei sang sie ein Liedchen nach dem anderen.

Dann kam der Karl!

Aline sah ihn vom Küchenfenster aus.

Breitbeinig, fast zu selbstsicher, stieg er aus dem Wagen. Gewiss, er war ein gestandenes Mannsbild. Aline bemerkte, wie Karl das Anwesen mit seinen Augen schnell überflog. Was sie dabei jedoch seltsam berührte, war sein eigenartiges Lächeln, das er dabei aufsetzte.

Doch da lief auch schon die Tochter aus dem Haus. Obschon der Mann das Mädchen an sich zog und sie herzlich küsste, hatte die Mutter das Gefühl, als täte er dies alles ganz mechanisch, ohne Liebe.

Veronika kam mit ihm in die Küche.

»Mutter, das ist er, mein Karl!«

Ihre Augen strahlten wie zwei Kerzen.

»Grüß Gott, Rottacherin, ich hoffe, dass du nicht gar zu bös auf mich bist.«

»Warum sollt ich denn bös auf dich sein?«, gab sie unwillig zurück.

Es klang ein wenig gönnerhaft, als er sagte: »Wenn man einer Mutter die Tochter fortnimmt, ist sie doch meistens auf den Schwiegersohn böse.«

Aline entgegnete sofort: »Wenn es der Rechte ist, nimmer!«

Karl verstand sofort den Seitenhieb, aber er war zu siegesgewiss, um auch nur einen Augenblick an die Möglichkeit einer ernsthaften Gefahr zu denken.

Obwohl sich die Mutter am Kaffeetisch alle Mühe gab, kam keine rechte Stimmung auf. Veronika selbst bemerkte das nicht einmal. Sie war ja so selig und so glücklich, ihren Liebsten bei sich zu haben.

»Nach der Heirat willst also zu uns ziehen?«, fragte Aline den Mann.

»Ja«, erwiderte Karl gelassen. »Der Rottachhof braucht doch einen Bauern, der sich um alles kümmert.«

Aline antwortete. »Bis jetzt sind wir auch ganz gut zurecht gekommen, die Veronika und ich. Aber du hast Recht. Für die Zukunft ist das natürlich nichts. Aber was sagt denn dein Vater dazu?«

»Mit dem habe ich schon gesprochen. Wir werden unseren Hof verpachten.«

Sieh mal an, dachte die Mutter bitter, das haben die zwei schon alles besprochen. Er scheint sich sehr sicher zu sein. Einen Erbhof so einfach zu verpachten, das ist doch nicht natürlich. Dann will der Vater auch hier wohnen? Mein Gott, wenn nur nicht immerzu dieses dumme Gefühl da wäre! Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht, vielleicht tut er es doch aus Liebe zu Veronika, den eigenen Hof verpachten?

Die helle Stimme der Tochter schreckte sie aus ihren Gedanken auf.

»Möchte von euch noch jemand Kaffee?«

»Nein«, sagten beide zusammen.

»Dann kann ich ja den Tisch abräumen«, meinte Veronika dann lächelnd.

»Lass nur Kind, ich mache das schon. Du willst doch bestimmt mit deinem Karl allein sein.«

Veronika lächelte leicht.

»Komm, Karl, dann zeige ich dir jetzt unser ganzes Anwesen. Es wird dir gefallen.«

Aline blickte ihnen nach.

Karl war mit dem, was er zu sehen bekam, wirklich sehr zufrieden. Dass zu Lebzeiten der Mutter der eigene Hof genauso schmuck ausgesehen hatte, daran dachte er nicht mehr. Dass der Rottachhof erheblich größer war, hatte damit nichts zu tun. Im Gegenteil, um so mehr Arbeit wurde von Bauer und Bäuerin verlangt.

Breitbeinig stand er auf dem Hof und übersah das Anwesen. Er war mit sich und der Welt sehr zufrieden.

Er dachte, bald werde ich hier das Sagen haben. Die Veronika wird tun, was ich sage. Ich werde wieder reich sein, brauche mich von niemanden mehr schief angucken zu lassen. Kann dann tun und lassen was ich will!

Aline kam in den Laubengang.

Wenig später verabschiedete sich Karl Schieger von den beiden Frauen und fuhr davon.

Veronika drehte sich zur Mutter herum.

»Du bist so still, Mutter, bist’ vielleicht mit meiner Wahl nicht zufrieden?«

Aline schluckte.

»Ach, Kind, was soll ich dir denn schon sagen? Ich habe ihn ja erst jetzt kennen gelernt. Du selber hast auch mehr Zeit gebraucht, um ihn kennen zu lernen.«

Veronikas Gesicht leuchtete wieder auf. Für einen Augenblick hatte sie gefürchtet, die Mutter würde ihre Zustimmung nicht geben.

»Ja, Mutter, wir haben uns eine Weile heimlich getroffen, bis ich mir sicher war.«

»Es zählt nur eins, dass ihr euch zwei wirklich von ganzen Herzen liebhabt.«

»Mutter, wenn du ihn erst mal näher kennst, dann wirst du mich verstehen.«

Hoffentlich, dachte Aline.

 

 

6

Am nächsten Tag erschien Anni Tuxer, um wie immer der Schwester bei der Heuernte zu helfen. Noch nie hatte sich Aline so sehr auf die Schwester gefreut wie heute. Sie hatte einfach das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. Die halbe Nacht hatte sie wachgelegen und über den zukünftigen Schwiegersohn nachgedacht.

»Komm, setz dich und frühstücke mit uns, die Veronika wird auch gleich kommen«, lud Aline die Anni ein.

»Ist sie schon das Heu umwenden?«

»Du weißt doch, Anni, so lange die Sonne noch nicht hoch am Himmel steht, kann man in den Bergen am besten arbeiten.«

Anni steckte immer voller Dorfneuigkeiten. Sie konnte nie lange etwas für sich behalten. So bemerkte sie heute auch nicht, dass die Schwester anders war als sonst. Bevor Aline überhaupt von dem zukünftigen Schwiegersohn erzählen konnte, nahm Anni ihr das Wort aus dem Mund.

»Weißt’ schon das Neueste?«

Aline sagte: »Nein. Im Augenblick bin ich ja sehr wenig unten im Dorf.«

»Ach ja«, sagte Anni.

Dann quetschte sie sich auf die Ofenbank, nahm sich eine Semmel und bestrich mit aller Ruhe diese mit viel Butter und Honig.

Dann begann sie: »Ich hab’s vom Josef, der war gestern auf ein Bier beim Auracher. Dort hat er gehört, dass ein Bauernsohn aus Gamau hier bei uns auf Freiersfüßen geht.«

Aline runzelte die Stirn.

»Seit wann ist das a Neuigkeit, das kommt doch nicht zum ersten Mal vor, oder?«

»Du weißt ja noch nicht alles. Der Hof von dem soll hochverschuldet sein.«

Anni biss kräftig in die Semmel.

»Ich möchte nur zu gern wissen«, fuhr sie fort, »welches dumme Huhn auf den Schlawiner reingefallen ist. Bestimmt will er mit dem Geld des Mädchens seinen verschuldeten Hof sanieren. Was mein Josef ist, der kennt nämlich den alten Schiegerbauer, um den handelt es sich nämlich. Der Josef sagt, der Sohn wie der Vater sind beide gleich faul und rechte Schlitzohren. Und mein Josef, der weiß, was er sagt.

Weißt’ Aline, wenn man so etwas hört, dann möcht man am liebsten hingehen und dieses dumme Dirndl warnen. Aber mach das mal, nichts als Nackenschläge kriegst und glauben tun sie dir auch net. Aber nachher ist dann der große Jammer da. Ja, ja,diese Mannsbilder, die können uns Frauen schon ins Unglück stürzen. A Jammer ist dös!«

Aline war totenblass auf den nächsten Stuhl gesunken.

»O mein Gott«, flüsterte sie gebrochen.

Anni wunderte sich, dass Aline immer noch nicht den Kaffee eingegossen hatte. Sie blickte auf und sah jetzt erst, dass ihre Schwester der Ohnmacht nahe war.

Sofort sprang sie auf.

»Mein Gott, Aline. Was ist dir? Du siehst ja ganz käsig aus. Wart, ich öffne das Fenster und hole dir einen Schnaps. O Gott, o Gott.«

Anni rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Küche umher, da sie nicht wusste, was sie zuerst machen sollte.

Aline stammelte verwirrt: »Lass nur, es geht schon wieder. Es war nur so plötzlich, weißt. Aber jetzt geht es mir schon wieder besser.«

Mit zittriger Hand goss sie den Kaffee ein.

Anni sagte besorgt: »Das macht doch die viele Arbeit und wir werden auch nicht jünger.«

»Nein, nein«, sagte Aline schwach, »du kannst es noch gar nicht wissen. O du mein Gott!«

Anni blickte die Schwester groß an.

»Anni, sag mir jetzt genau, was der Josef gehört hat. Dichte jetzt nichts hinzu. Ich muss es genau wissen. Es ist sehr, sehr wichtig.«

»Ich weiß nicht, was dich daran so interessiert. Aber schön, dann erzähle ich es dir halt noch mal.«

Nachdem sie ihre Geschichte beendet hatte, hörten die beiden Frauen einen komischen Laut. Es klang wie ein erstickter Schrei. Sie starrten beide zur Tür und sahen dort die Veronika stehen. Sie musste alles gehört haben. Ihre Augen waren zum Fürchten. Hart blickten sie auf Anni.

»Tante Anni, das vergesse ich dir nie«, schluchzte das Mädchen, »dass du so hässlich über meinen Karl redest. Tante Anni, wie kannst du nur . . .«

Jetzt war es an Anni, sprachlos zu sein. Im ersten Augenblick verstand sie gar nichts. Sie sah die Aline an, dann Veronika. Und dann ganz langsam ging ihr ein Licht auf.

Aline war aufgestanden und führte die totenblasse Veronika zur Ofenbank.

»O du mein Gott«, keuchte Anni. »Du bist also das Mädchen? Veronika, das habe ich nicht gewusst, wirklich!«

»Verstehst du nun,warum ich das alles ganz genau wissen wollte?«, sagte Aline zu der Schwester.

Diese nickte.

Aline legte den Arm um die Tochter und sagte leise: »Ich hatte gestern immerzu so ein seltsames Gefühl in mir. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Jetzt wissen wir beide, Veronika, dass der Karl nur den Hof haben wollte.«

Tränen stürzten der Veronika aus den Augen.

»O Mutter«, schluchzte sie, »o Mutter, es tut so weh, so schrecklich weh. Ich habe ihn liebgehabt, weißt du. Ich habe ihm die ganze Zeit vertraut.«

Sie wischte sich die Tränen fort. Noch immer schluchzend, stammelte sie: »Jetzt verstehe ich so vieles, Mutter.«

So tief hatte er sie verletzt. Unendlich tief.

Anni Tuxer machte ein ganz unglückliches Gesicht.

»Wenn ich das gewusst hätte«, murmelte sie, »dann hätte ich natürlich nichts gesagt.«

Veronika lächelte bitter.

»Tante, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen, gewiss, es tut schrecklich weh, wie entsetzlich wäre es erst gewesen, wenn ich es erst nach der Hochzeit erfahren hätte! Sei mir nicht böse, wegen vorhin, ich war nur so enttäuscht, ich wollte es nicht glauben, aber jetzt.. .«

»Ist selbstverständlich, dass du so reagiert hast, Kind«, sagte ihre Tante weich.

Veronikas Blick war so leer als sie dann sagte: »Jetzt werde ich nie mehr jemanden mein Vertrauen schenken können.«

»Kind«, sagte die Mutter, »du bist noch so jung, eines Tages wirst du das überwunden haben.«

Veronika erhob sich und verließ die Küche.

Aline wollte ihr nachgehen, aber die Schwester hielt sie zurück.

»Weißt’ Aline, sie braucht jetzt das Alleinsein. Wir haben schon alle Liebeskummer durchgemacht und wissen, wie weh es tut. Du brauchst dir keine Sorgen um das Mädel zu machen, sie ist aus unserem Holz geschnitzt.«

 

 

7

Veronika stand im Garten und hing die Wäsche auf. Plötzliches Motorengeräusch riss sie aus ihren Gedanken. Sie hob den Kopf.

Karl stieg aus seinen Wagen und kam zu ihr.

Veronika wurde schneeweiß und flehte insgeheim, lieber Gott, gib mir die Kraft, dieses noch durchzustehen.

All ihren Mut zusammennehmend blickte sie ihn an. Stolz und Bitterkeit hatten ihren Schmerz vertrieben. Für sie war dies eine schreckliche Situation.

Karl ahnte noch nichts von der veränderten Lage. Er wollte sie in seine Arme

nehmen. Aber zu seinem größten Erstaunen, wich sie sofort zurück.

»Bitte lass das«, sagte sie mit bebenden Lippen.

»Was ist dir denn für a Laus über die Leber gekrochen? Magst du mich etwa nicht mehr?«

Karl spürte sofort das veränderte Wesen des Mädchens. Aber er dachte sich noch gar nichts dabei. Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber auch diese zog sie sofort weg. Jetzt runzelte er die Stirn.

Veronika sah ihn mit stolzen Blick an.

»Es ist aus, Karl!«

Das Lächeln gefror ihm auf den Lippen. Blitzschnell überlegte er, was sie wohl haben könnte.

»Bist du vielleicht so freundlich und erklärst mir einmal, warum du plötzlich so kalt und anders zu mir bist, als sonst! Ich verstehe nichts!«

»Du hast mich nicht nur zum Narren gehalten, du hast mir auch eine Liebe vorgespielt, die du gar nicht empfindest. Aber ich, ich habe dich wirklich und wahrhaftig geliebt und dir vertraut, aber so etwas kennst du ja wohl nicht. Denn du hast ein kaltes Herz. Du hast mich schamlos hintergangen. Denn in Wirklichkeit hast du nur meinen Hof gewollt. Ich kann nur Gott dafür danken, dass ich es noch früh genug erfahren habe. Und nicht erst nachdem ich schon deine Frau geworden wäre. Du hast gedacht, mit mir könntest du es machen, aber du hast dich ja gründlich verrechnet Karl Schieger!«

Karl war kreidebleich geworden. Aber nach einigen Sekunden hatte er sich wieder gefangen. Noch wollte er nicht begreifen, dass schon alles aus war. Gekünstelt lachte er auf.

»Geh, Veronika, du machst da nur Spaß. Willst mich nur prüfen, aber ich falle nicht darauf herein.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, Karl, es ist die volle Wahrheit und mein voller Ernst. Ich scherze nicht, glaube mir doch!«

Er wollte ihre Hand ergreifen, aber sie schüttelte ihn ab. Er wusste nicht, was sie schon alles wusste, also versuchte er mit aller Gewalt die Situation noch zu retten.

»Hör zu, ich geb’ dir Recht, wenn du sagst, ich hätte dich nicht geliebt! Am Anfang wohl nicht. Zuerst war es nur a Spaß. Aber dann wurde es ernst, Veronika, dann habe ich dich wahrhaftig und wirklich sehr lieb gewonnen. Veronika, ich hab dich wirklich lieb. Und wenn jemand etwas anderes sagt, der lügt. Glaube mir!«

Veronika glaubte es ihm aber nicht. Sie konnte sagen, was sie wollte, er drehte es immer wieder zu seinem Vorteil herum. Da kam ihr eine Idee... Tante Anni hatte ja gesagt, dass er nur auf ihr Geld sah.

Langsam drehte sie sich herum und sah ihn an.

»Gut«, sagte sie energisch, »ich will dir glauben. Ich will dir alles glauben, was du mir jetzt gesagt hast. Aber dann möchte ich dir auch gleich sagen, dass die Mutter und ich uns ausgesprochen haben. Sie ist noch zu jung, um sich aufs Altenteil zu begeben. Also werde ich zu dir auf deinen Hof ziehen, natürlich bringe ich meine Wäsche als Aussteuer mit. Da ich sowieso die Erbin des Hofes bin, braucht mich die Mutter nicht auszuzahlen. Wenn du mich so lieb hast, Karl, wirst du ja wohl damit einverstanden sein!«

Er war geschockt, ließ es sie aber nicht merken. Was nun? Ohne Geld war sie ja für ihn völlig wertlos.

Verdammtes Luder, dachte er verzweifelt, so kriegst du mich nicht klein.

Aline hatte die ganze Zeit in der Küche gestanden. Durch das Fenster konnte sie die beiden sehen. Sie hielt jetzt den Augenblick für gekommen einzugreifen. Veronika war am Ende ihrer Kraft. Wie hingezaubert stand sie plötzlich im Laubengang.

Karl hatte Veronika brutal an sich gerissen.

»Lass sofort meine Tochter los«, sagte Aline mit scharfer Stimme.

Details

Seiten
116
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933093
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503640
Schlagworte
kinder heimat

Autor

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Titel: Für Kinder eine Heimat