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Untot - Übers Grab hinaus

2019 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Untot - Übers Grab hinaus

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Untot - Übers Grab hinaus

Unheimlicher Roman von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Als Tom Brewer stirbt, sieht es wie ein Unfall aus, und doch scheint einiges nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Er hatte sich Zeit seines Lebens mit Okkultismus beschäftigt und seine Familie, besonders sein Sohn Hendrik, leben in Angst vor dem, was noch kommt. Als das Dienstmädchen Janet, mit der Brewer ein Verhältnis hatte, ermordet wird, beginnt das Grauen erst.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Janet Peterson – Sie bezahlt den Wechsel ihrer Liebhaber mit dem Leben.

Hendrik Brewer – Er sieht sich mit einem Mordverdacht und mit einem Untoten konfrontiert.

Corinna Brewer – Sie setzt den schwarzen Reigen der Opfer fort.

Laura – Sie zieht einen blutigen Schlussstrich unter das Geschehen.

 

 

1

Der Sarg kam um halb acht.

Das Dienstmädchen Janet ließ die Männer ins Haus. Im Wohnzimmer, dessen Rundbogenfenster zum Garten wiesen, war alles für die Aufbahrung hergerichtet.

Die Übergardinen waren geschlossen. Auf dem Sideboard waren zwei Leuchter mit brennenden Kerzen aufgestellt.

Corinna Brewer, die Witwe, befand sich gerade im Badezimmer, und Hendrik, ihr zwanzigjähriger Sohn, lag noch im Bett. Janet führte die Männer ins Wohnzimmer, dann ging sie zurück in die Küche und kümmerte sich um das Frühstück.

Sie hörte die Männer im Wohnzimmer tuscheln.

Corinna Brewer tauchte mit verweinten Augen in der Küche auf. Sie war eine mittelgroße, mollige Frau mit dunklen Augen und Hängebacken, wahrhaftig keine Schönheit, aber das war der Verstorbene mit seiner Halbglatze und seinen begehrlichen Krötenaugen auch nicht gewesen.

Mrs. Brewer setzte sich und starrte apathisch aus dem Fenster.

Es regnete.

Wasser und Tränen, dachte Janet, die ihre Arbeitgeberin flüchtig musterte. So ging das nun schon seit vierundzwanzig Stunden.

Janet verstand die Trauer nicht so recht. Der autoritäre, lüsterne und versponnene Hausherr war wahrhaftig kein guter Ehemann und Vater gewesen. Schlimmer noch: Er hatte wiederholt versucht, mit ihr, Janet, anzubändeln. Die erpresserischen Manieren, die er dabei entwickelt hatte, waren alles andere als fein gewesen.

Dass sie ihn schließlich dennoch erhört hatte, hing mit dem Geschenk zusammen, das ihr von ihm gemacht worden war, aber sie hatte sich auf ihre Weise gerächt und den Alten mit Hendrik betrogen.

Hendrik war ein netter, hübscher Junge, ein bisschen frech vielleicht, aber gut zu leiden.

Er war fabelhaft gewesen, er lachte gern und erweckte alles in allem den Eindruck, als käme

er mit jedem Problem zurecht.

Zwischen ihm und dem Vater hatte es stets Streit und Spannungen gegeben. Man hätte meinen können, Hendrik sei jetzt wie von einem Alpdruck befreit, aber seine Augen waren so verweint wie die der Mutter.

Es klopfte. Einer der Männer betrat die Küche, verbeugte sich vor der Witwe und bat darum, zu dem Toten ins Schlafzimmer geführt zu werden.

Mrs. Brewer erhob sich. Sie verließ mit dem Mann den Raum.

Es klingelte.

Janet eilte in die Diele und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein hochgewachsener, schwarz gekleideter Mann mit offenem Paletot. Janet nahm an, dass er zu den Angestellten des Begräbnisinstitutes gehörte.

„Ihre Kollegen sind im Wohnzimmer“, sagte sie und trat zur Seite. „Bis auf einen. Der ist bei dem Toten.“

„Bitte?“, fragte der Mann und,hob erstaunt die dichten, dunklen Augenbrauen. Janet war leicht irritiert.

„Sie kommen doch vom Institut Pietät,nicht wahr?“

„Keineswegs“, erwiderte der Besucher und trat über die Schwelle. Er roch nach einem herben, scharfen Rasierwasser, das Janet dazu brachte, ihr hübsches Gesicht zu verziehen. „Ich möchte den Toten sehen.“

„Sie müssen zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen“, erklärte Janet. „Er wird gerade aufgebahrt.“

Der Mann zückte einen in Zelluloid geschweißten Ausweis mit Foto und erklärte: „Ich bin

Lieutenant Rambler von der Mordkommission und möchte feststellen, wer Tom Brewers gewaltsamen Tod verschuldete.“

Rambler war schätzungsweise vierzig Jahre alt. Er hatte ein schmales Gesicht mit eingefallenen Wangen und dunklen Augen. Auf Janet wirkte er wie asketischer, fanatischer Sektenprediger, aber Ausweis und Auftreten ließen keinen Zweifel an seiner Legitimation aufkommen.

Janet blieb die Luft weg. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Mrs. Brewer tauchte in der Diele auf und blieb hinter Janet stehen.

„Was gibt es?“, fragte sie nervös.

„Das ist Lieutenant Rambler von der Polizei – von der Mordkommission“, fügte Janet fassungslos hinzu.

„Sie haben sich im Haus geirrt, nehme ich an“, erklärte Mrs. Brewer.

„Es handelt sich um den Verstorbenen, Madam“, sagte der Lieutenant.

„Hat Tom denn jemand umgebracht?“, entfuhr es Corinna Brewer.

Rambler lächelte dünn.

„Das will ich nicht hoffen“, sagte er.

„Ja, wollen Sie mir nicht erklären wieso …“, begann die Frau.

„Es gibt Hinweise darauf, dass Mr. Brewer keines natürlichen Todes gestorben ist, Madam.“

Corinna Brewer holte tief Luft.

„Natürlich war es kein natürlicher Tod“, sagte sie. „Es war ein tragischer Unfall. Tom ist von der Treppe gestürzt und hat sich …“ Sie führte den Satz nicht zu Ende.

Sie hatte ihren Mann gefunden, am Fußende der recht steilen Holztreppe, mit grotesk verdrehtem Kopf.

Sie hatte sofort erkannt, dass ihm kein Arzt mehr helfen konnte, er hatte sich buchstäblich das Genick gebrochen. Natürlich hatte sie trotzdem sofort den Arzt gerufen, aber der hatte nur bestätigen können, was sie auf Anhieb begriffen hatte. Bis zur Stunde war sie unfähig, diese Fakten in klare Worte zu kleiden.

„Darf ich mal einen Blick auf den Verstorbenen werfen?“, fragte der Inspektor.

„Übernehmen Sie das bitte, Janet“, murmelte Corinna Brewer und eilte in das Zimmer ihres Sohnes.

Sie rüttelte ihn wach.

„Steh auf, Hendrik. Mein Gott, womit haben wir das bloß verdient? Die Polizei ist im Haus. Ein Inspektor der Mordkommission. Dieser Verrückte behauptet, dein Vater sei eines unnatürlichen Todes gestorben.“

Hendrik Brewer setzte sich im Bett auf. Er rieb sich den Schlaf aus den porzellanblauen Augen. Sein dunkelblondes Haar war streichholzlang und umgab den kantigen Schädel in einem widerborstigen Durcheinander.

„Was sagst du da?“, murmelte er. „Das darf nicht wahr sein. Wie kommen die bloß auf so blödsinnige Gedanken?“

„Steh auf, Junge. Rambler wird dich sprechen wollen, genau wie Janet und mich“, meinte Corinna Brewer und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Was sind das bloß für schreckliche Stunden! Einfach entsetzlich. Genügt es nicht, dass wir den guten Papa verlieren mussten …“

Sie brach in Schluchzen aus. Hendriks blaue Augen wurden hart.

„Hör auf damit“, sagte er.

Corinna Brewer zuckte zusammen. „Was sagst du da?“

„Du sollst damit aufhören. Er hat dir nichts bedeutet“, sagte er. Als er die weit aufgerissenen Augen seiner Mutter sah, tat ihm leid, was er geäußert hatte. Er erhob sich und legte wie tröstend eine Hand auf die bebende Schulter seiner Mutter.

„Sie werden sich für das Ganze entschuldigen müssen“, sagte er. „Es ist Routine, nehme ich an. Der Bulle wird rasch herausfinden, dass Papa durch eigenes Verschulden zu Tode gekommen ist.“

Mrs. Brewer verließ das Zimmer und setzte sich zu Janet in die Küche. „Wenn die Nachbarn erfahren, dass die Polizei im Haus ist, dieser Inspektor …“

„Rambler“, sagte Janet. „Er ist Lieutenant.“

„Es ist doch ganz egal, was er ist. Sein Auftauchen ist beschämend, ich finde sogar …“ Sie ließ auch diesmal den angefangenen Satz unbeendet. Das war so eine Gewohnheit von ihr. Ein paar Worte ließ sie stets unausgesprochen, meistens gerade die, auf die es ankam.

Der Lieutenant betrat nach kurzem Anklopfen die Küche. Er hatte immer noch den Mantel an.

„Hm“, machte er und bewegte schnüffelnd die Nasenflügel. „Das riecht gut. Sie lieben den Kaffee stark, was?“

„Legen Sie für den Lieutenant noch ein Gedeck auf, Janet“, sagte Mrs. Brewer und fügte wie entschuldigend hinzu: „Wir frühstücken in der Küche. Sie wissen ja, im Wohnzimmer …“ Sie zerrte ein kleines Batisttaschentüchlein aus dem Rockbund und führte es an ihre Augen.

„Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Mann“, bat Rambler und setzte sich.

Corinna Brewer sah verdutzt aus. „Was soll ich Ihnen von ihm erzählen?“

„Was Ihnen gerade einfällt. Wie lange waren Sie mit ihm verheiratet?“

„Neunzehn Jahre. Hendrik war bereits auf der Welt, als Tom sich endlich dazu entschloss, unsere Verbindung – äh – zu legalisieren. Es lag am Geld, wissen Sie. Er verdiente damals miserabel, er war nur ein kleiner Angestellter, aber er hat sich hochgearbeitet, er hat zuletzt als Chef eines Fünfzig-Mann-Betriebes gut verdient.“

„Soviel ich weiß, ist die Firma schuldenfrei“, sagte Rambler. „Wie steht es mit dem Privatvermögen?“

„Ich habe unseren Steuerberater darum gebeten, die exakten Werte zu ermitteln“, antwortete Corinna Brewer. „Ich selbst bin ziemlich hilflos in diesen Dingen. Ich weiß nur, dass genug Geld da ist. Darüber hinaus war Tom hoch versichert, so dass für Hendrik und mich kein Anlass besteht, der Zukunft mit Sorgen ins Auge zu blicken. Aber das tröstet mich natürlich nicht über den Tod meines Mannes hinweg.“

Wieder tupfte sie an ihren wie entzündet wirkenden Augen herum.

Rambler blickte unwillkürlich zu Janet hoch. Sie klapperte mit dem Porzellangeschirr, es hörte sich an wie ein Protest. Janet erwiderte den fragenden Blick des Lieutenants nicht. Sie wandte sich an ihre Arbeitgeberin.

„Was ist mit Hendrik?“, fragte sie.

„Er wird sich schon melden. Auf ihn können wir nicht warten, das wissen Sie ja“, erklärte Mrs. Brewer. Sie wandte sich an den Besucher. „Hendrik ist ein Eigenbrötler“, fuhr sie fort. „Es ist schwer und nahezu unmöglich, ihn an Ordnung und Disziplin zu gewöhnen. Warten Sie, ich sehe nach, was er treibt, er soll sich beeilen.“ Sie stand auf und ging zur Tür. „Warten Sie mit dem Frühstück nicht auf mich, Janet“, sagte sie. „Ich bringe keinen Bissen über die Lippen.“

Die Tür fiel hinter der Frau ins Schloss. Janet nahm die Kanne vom Herd. Sie füllte damit erst Ramblers Tasse, dann die eigene. Sie setzte sich.

„Wollen Sie nicht Ihren Mantel ablegen, Lieutenant?“

„Er stört mich nicht.“

„Ich muss etwas essen“, sagte Janet. „Ich bin hungrig.“

„Kein Wunder“, sagte Rambler. „Sie sind noch jung. Lassen Sie mich schätzen. Zwanzig vielleicht?“

„Einundzwanzig“, sagte Janet und bestrich sich eine Scheibe Toast mit Butter und Marmelade.

„Sie sind ein rares Exemplar, nehme ich an“, sagte Rambler. „Dienstmädchen sind selten geworden. Vor allem die weißen. Sie sind zudem auffallend attraktiv. Macht Ihnen die Hausarbeit Spaß?“

„Überhaupt nicht“, sagte Janet, „aber ich bin mit meinen Eltern vor zwei Jahren aus Dänemark eingewandert, da war gerade Rezession hierzulande. Niemand war bereit, mich in meinem erlernten Beruf als Stenotypistin zu beschäftigen – was sicherlich auch daran lag, dass ich damals mit dem Englisch nur unvollkommen zurechtkam“, fügte sie hinzu. „Da bin ich eben im Haushalt gelandet. Bei den Brewers. Tom Brewer bot mir ein gutes Gehalt, das gab den Ausschlag.“

„Was war er für ein Mann?“

„Ein Mann wie jeder andere auch, würde ich sagen“, murmelte Janet, aber es war zu spüren, dass sie einer direkten Antwort auswich.

„Hatte er Hobbys?“

„Ja“, erwiderte Janet. „Seine Geister.“

Rambler sah verwundert aus. „Wie bitte?“, fragte er.

„Mr. Brewer glaubte an Schwarze Magie und solchen Hokuspokus“, sagte Janet. „Seine Frau hat sich darüber oft lustig gemacht.“ Janet legte eine Hand vor den Mund. „Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen.“

Rambler lächelte leer. „Bei mir ist es gut aufgehoben“, versicherte er. „Tom Brewer glaubte also an Geister. Teilte er diese Neigung mit Familienmitgliedern oder mit Freunden, die ihn besuchten?“

„Er hatte keine Freunde.“

„Aber einen Feind“, sagte der Lieutenant. „Seinen Mörder.“

„Er ist die Treppe runtergestürzt“, sagte Janet unwirsch. „Was bringt Sie bloß auf die Idee, dass es Mord gewesen sein könnte?“

„Wir haben einen Anruf bekommen“, sagte Rambler. Er nahm einen Schluck aus der Tasse, zog ein kritisches Gesicht und meinte dann zufrieden: „Wirklich gut. Ich mag starken Kaffee.“

Janet biss in den Toast. „Es war ein Unfall, glauben Sie mir. Eine idiotische Treppe. Ich bin sie selbst schon herabgestürzt. Zwei Monate lang bin ich mit einem geschwollenen Fuß herum gehumpelt.“

„Wie lange wohnen die Brewers schon in dem Haus?“, wollte der Lieutenant wissen.

„Ungefähr zehn Jahre. Brewer hat die alte Kiste gekauft, als es mit ihm bergauf ging. Ich halte das Haus für einen Alptraum. Manchmal glaube ich, dass es darin spukt.“

„Tatsächlich?“

„Es ist voller Geräusche, besonders nachts. Ich weiß, dass es in jedem alten Haus mal knackt, aber hier kriege ich es zuweilen mit der Angst zu tun, ganz im Ernst. Für Mr. Brewer war diese Bleibe natürlich ideal, er fummelte nachts im Keller herum, er sprach mit den Geistern.“

„Wollen Sie damit sagen, dass er – äh – nicht ganz dicht war?“, fragte Rambler.

„In diesem Punkt hatte er sicherlich ’ne Macke“, meinte Janet kauend.

„So schlimm kann es ja wohl nicht gewesen sein“, sagte der Lieutenant. „Sonst wären Sie nicht geblieben.“

„Er zahlte gut, ich sagte es bereits. Kennen Sie einen besseren Grund zum Ausharren?“

„Wie war das Verhältnis zwischen Brewer und seiner Frau?“, wollte Rambler wissen.

„Ganz normal. Na ja, sie waren nicht wie die Turteltäubchen miteinander, es gab keine zärtlichen Worte und kein Liebesgeflüster, aber das hätte auch nicht ihrem Temperament entsprochen, schon gar nicht ihrem Alter. Es gab auch mal Krach, aber gewiss nicht häufiger als anderswo.“

„Würden Sie Mrs. Brewer als geldgierig charakterisieren?“, fragte der Lieutenant.

„Nein. Sie liest viel, und sie nascht gern Konfekt, obwohl das Gift für ihre Linie ist“, sagte Janet. „Darüber hinaus hat sie keine nennenswerten Bedürfnisse.“

„Was ist mit ihrem Freund?“

„Ach, der …“, meinte Janet geringschätzig. Sie zuckte zusammen, als sie erkannte, dass sie dem Lieutenant auf den Leim gegangen war. Er hatte nur mal auf den Busch geklopft, und sie war prompt darauf hereingefallen.

„Das ist gar kein richtiger Freund. Kein richtiger Liebhaber, meine ich“, schwächte Janet ab. „Sie trifft sich mit ihm, ein- oder zweimal in der Woche. Ein Bekannter aus der Jugendzeit, soviel ich weiß. Sie gehen zusammen ins Museum, sie sitzen im Park und füttern die Enten. Wirklich harmlos, das müssen Sie mir glauben.“

„Wusste Mr. Brewer davon?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Wie hätte er sich verhalten, wenn er dahintergekommen wäre?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich wäre er explodiert, aber das tat er öfter, daraus hätte sich Mrs. Brewer vermutlich nicht viel gemacht.“

„Sie hat stark verweinte Augen. Warum grämt sie sich so über Brewers Tod, wenn er ihr den Weg zu ihrem Geliebten öffnet?“- wunderte sich Rambler.

„Ach, wissen Sie“, erklärte Janet schulterzuckend, „das ist so ein Spleen, etwas Anerzogenes, nehme ich an. Du verlierst deinen Partner, also trauerst und weinst du, weil es sich so gehört. Man tut es selbst dann, wenn einem gar nicht danach zumute ist.“

Mrs. Brewer betrat die Küche. Sie nahm am Tisch Platz und knetete das Batisttüchlein zwischen ihren nervösen Fingern. „Ich höre die Männer im Wohnzimmer. Wenn ich mir vorstelle, was sie da machen …“

„Was ist mit dem Anruf, den Sie bekommen haben?“, wandte Janet sich an Rambler.

„Ach ja, der Grund meines Kommens.“ Rambler seufzte. „Der Mann hat seinen Namen nicht genannt. Er will anonym bleiben. Wir haben die Stimme auf Band. Der Anrufer will gesehen haben, wie Tom Brewer die Treppe hinabgestoßen wurde. Der Anrufer behauptet, es sei Mord gewesen. Vielleicht spinnt der Mann, vielleicht ist es ein Typ, der Ihnen einfach nur Schwierigkeiten bereiten möchte, aber Sie werden verstehen, dass wir verpflichtet sind, der Sache nachzugehen.“

„Das – oh, das ist ungeheuerlich“, stammelte Mrs. Brewer und lief vor Erregung rot an. „Eine abscheuliche Lüge! Wie will er das Ganze denn beobachtet haben?“

„Durch das Dielenfenster.“

„Eine abscheuliche Lüge!“, stieß Corinna Brewer hervor. „Genügt es denn nicht, dass man durch einen solch entsetzlichen Schicksalsschlag gezwungen wird, am Leben zu verzweifeln? Was denkt sich so ein schmutziger Verleumder eigentlich, was will er mit seinem schändlichen Tun erreichen? Was gibt es bloß für Menschen auf dieser Welt!“

Die Tür öffnete sich. Hendrik betrat die Küche. Er trug Blue Jeans und ein graues Sweatshirt mit dem Aufdruck KING KONG.

Hendrik stellte sich dem Lieutenant mit Handschlag vor und erklärte: „Ich bin noch nicht rasiert, aber ich wollte Sie nicht länger warten lassen.“

Rambler nickte und wiederholte, was ihn hergeführt hatte. Hendrik hörte mit zunehmender Ungeduld zu.

„Ja, das weiß ich bereits“, sagte er schließlich. „Das mit Ihrem Mordverdacht, meine ich. Neu ist die Sache mit dem anonymen Anrufer. Einfach phantastisch! Lassen Sie mich überlegen. Das Treppenhaus hat ein schmales, hohes Fenster, aber es weist zum Nachbargrundstück, nicht zur Straße. Was hier im Haus geschieht, in der Diele, besser gesagt, kann also nur vom Grundstück der Brentons her beobachtet werden. Aber die Brentons sind seit einer Woche in Urlaub.“

„Das stimmt“, sagte Corinna Brewer. Es klang irgendwie erleichtert.

Rambler ging in die Diele. Eine Minute später kehrte er zurück.

„Es müssen ja nicht die Brentons gewesen sein“, sagte er. „Es kann sich um den Gärtner gehandelt haben, um den Zeitungsjungen, oder vielleicht auch um einen Kriminellen, der das Gelände auszuspähen versuchte und dabei Zeuge des Verbrechens wurde. Wenn das so wäre, würde es erklären, warum der Mann nicht bereit war, seinen Namen zu nennen.“

„Man müsste seine Stimme hören“, entgegnete Hendrik.

„Das können Sie haben“, sagte Rambler. „Wir haben den Anruf mitgeschnitten.“

„Okay, dann fahre ich anschließend mit Ihnen zu Ihrer Dienststelle“, erklärte Hendrik und setzte sich an den Tisch.

„Halten Sie es grundsätzlich für ausgeschlossen, dass der Anrufer die Wahrheit gesagt haben könnte?“, erkundigte sich der Lieutenant. Es war nicht genau zu erkennen, an wen er seine Frage richtete.

Hendrik nahm es auf sich, sie zu beantworten.

„Was soll man dazu sagen?“, meinte er schulterzuckend. „Gefühlsmäßig muss ich klarstellen, dass der Kerl in meinen Augen ein Spinner ist. Womit ich nicht zurechtkomme, ist der Grund seines Anrufs. Warum tut er so was? Was steckt dahinter? Er hat doch nichts davon, keinen persönlichen Nutzen – oder?“

„Nicht den geringsten“, bestätigte Rambler.

Hendrik wandte sich an Janet.

„Wo waren Sie, als das Unglück geschah?“, fragte er.

Janet wurde rot, vor allem deshalb, weil es sie ärgerte, von Hendrik gesiezt zu werden. Schließlich war sie seine Geliebte. Aber so war es nun einmal ausgemacht, so wurde es vor anderen gehandhabt.

Janet hatte sich mit dieser Lösung einverstanden erklärt, weil sie nicht ihren Rauswurf provozieren wollte. Corinna Brewer hielt ihren Sohn für den Größten, sicherlich würde sie mit Empörung reagieren, wenn herauskam, dass er mit dem Dienstmädchen schlief.

„Ich war in meinem Zimmer und habe geschlafen“, erwiderte Janet, die nicht recht begriff, was Hendrik mit seiner Frage bezweckte.

„Nachmittags um sechs?“, wunderte sich Rambler.

„Zwischen vier und sechs Uhr halte ich gewöhnlich meinen Schönheitsschlaf“, entgegnete Janet schnippisch. „Das tut mir gut. Schließlich schiebe ich abends wieder Dienst.“

„Janet!“, mahnte Corinna Brewer, die mit der Ausdrucksweise des Mädchens nicht einverstanden war.

„Hat Mr. Brewer jemals versucht, Ihnen zu nahe zu treten?“, wollte Rambler von Janet wissen.

Die Witwe hob mit einem scharfen Ruck ihr Kinn.

„Was soll die Frage?“, stieß sie empört hervor.

Rambler lächelte leer. „Überlassen Sie es bitte mir, die Ermittlungen zu leiten“, sagte er mit leiser, aber fester Stimme. Er schaute Janet an. „Nun?“

Janet schluckte. Sie fühlte sich einerseits aufgerufen, die Wahrheit zu sagen, andererseits hatte sie nicht die Kraft, sich vor der Witwe und vor Hendrik zu ihrem Fehltritt zu bekennen.

„Nun ja, er hat es versucht“, gab sie eine eigene Version des Geschehens zum besten, „aber ich habe ihn abblitzen lassen.“

„Das ist, das ist doch …“, prustete Corinna Brewer und ließ nicht genau erkennen, ob sie nun das Verhalten ihres verstorbenen Mannes oder Janets Worte empörten.

„Es ist also denkbar, dass Tom Brewer zu Ihnen hinaufging, weil er wusste, dass Sie im Bett lagen“, meinte Rambler. „Er betrat Ihr Zimmer. Sie drängten ihn zurück. In dem Gerangel vor der Tür stürzte er die Treppe hinab.“

Janet war sehr blass geworden, blass vor Wut.

„Ja, das wäre denkbar“, sagte sie, „vor allem im Hirn eines Polizisten, aber die Wahrheit sieht anders aus. Er war nicht bei mir. Es hat keinen Kampf gegeben, jedenfalls nicht mit mir.“

„Sie müssen dem Lieutenant die Wahrheit sagen, Janet“, drängte Hendrik.

Janet schluckte. Sie rang um Worte, aber sie war unfähig, ihrer Erregung ein Ventil zu öffnen.

„Welche Zimmer liegen im Dachgeschoss?“, fragte Rambler.

„Nur das von Janet“, erwiderte Mrs. Brewer. „Natürlich gibt es da noch die Gästezimmer und ein paar Räume, die nicht genutzt werden, aber wohnen tut da oben nur Janet.“ Sie bekam große, runde und sogar ein wenig verstört anmutende Augen. „Lieber Himmel, dass mir das nicht früher in den Sinn gekommen ist …“

Rambler schaute Mrs. Brewer an.

„Ich muss fair sein. Ich kann ebenso gut Sie verdächtigen, Madam.“

„Mich?“, entfuhr es Mrs. Brewer.

„Gewiss. Sie könnten Ihren Mann auf seinem Weg ins Dachgeschoss beobachtet haben. Vielleicht war Ihnen klar, was er dort wollte. Sie folgten ihm, Sie stellten ihn zur Rede. Ja, auch Sie können ihn die Treppe hinabgestoßen haben – aus Wut oder Eifersucht, wenn auch keineswegs in Mordabsicht, wie ich Ihnen gern unterstellen will.“

Diesmal schnappte Mrs. Brewer nach Luft. Sie brachte keinen Laut hervor.

„Aber natürlich waren weder Sie die Täterin, Madam, noch Sie, Janet“, erklärte der Lieutenant nach kurzer Pause und richtete seinen Blick auf Hendrik. „Der verhängnisvolle Stoß wurde Mr. Brewer von seinem Sohn verabreicht!“

Hendrik zuckte zusammen.

„Sagen Sie das noch einmal“, murmelte er.

„Sie haben mich gut verstanden“, antwortete der Lieutenant.

„Der Kerl ist verrückt! Hast du gehört, was er mir unterstellt? Ich soll Papa ermordet haben“, stieß Hendrik fassungslos hervor und schaute dabei seine Mutter an.

„Es wäre wirklich angezeigt, wenn Sie Ihre Phantasie etwas zügelten, Lieutenant“, tadelte Mrs. Brewer erregt.

„Sehen Sie“, sagte Rambler, „ich habe mich zunächst gefragt, welcher Mann uns angerufen hat und welches Interesse der Betreffende daran haben kann, andere zu belasten, die hier im Haus leben. Alles spricht nach meinem Dafürhalten für den Umstand, dass es Hendrik darum ging, eine falsche Fährte zu legen. Er hat getötet.“

„Nein!“, schrie Hendrik und ballte die Hände. „Nein, nein, nein!“

Rambler zeigte sich nicht beeindruckt.

„Sein schlechtes Gewissen quälte ihn“, fuhr er fort. „Es brachte ihn gewissermaßen in Zugzwang und auf die Idee, den gewaltsamen Tod des Vaters einem anderen in die Schuhe zu schieben.“

„Sie haben ja den Verstand verloren!“, brüllte Hendrik. „Janet ist meine Geliebte. So, jetzt wissen Sie es! Warum hätte ich sie belasten sollen? Und überhaupt – ohne den Anruf wäre die Polizei gar nicht auf dem Plan erschienen. Warum hätte ich, träfe Ihre Theorie zu, schlafende Hunde wecken sollen?“

„Hendrik“, wimmerte Mrs. Brewer, „ist das wahr – das mit Janet, meine ich?“

Hendrik kümmerte sich nicht um seine Mutter. Er schaute den Lieutenant an.

Der sagte: „Sie werden jetzt eine Menge Geld erben, vermute ich. Möglicherweise machten Sie Janet nach dem Tod Ihres Vaters einige Versprechungen, vielleicht auch schon vorher … Zusagen, die Sie nicht länger einzuhalten wünschen. Sie wollen Janet los sein. Sie wollen das Ererbte allein verprassen.“

„Sie sind ja wahnsinnig, einfach übergeschnappt! Wie wollen Sie diesen Quatsch beweisen?“

„Mit Hilfe der Bandaufnahme. Sie haben Ihre Stimme verstellt, nehme ich an, aber unser Experte wird sie identifizieren.“

„So, wird er das?“, schnaufte Hendrik. „Ich will das Band hören. Ich habe ein Anrecht darauf.“

„Wir fahren gemeinsam zum Headquarters“, sagte Rambler grimmig. „Auch Janet und Mrs. Brewer sollen sich das Band anhören.“

Eine halbe Stunde später saßen Mrs. Brewer, Janet, Hendrik und Lieutenant Rambler im Office des Beamten zusammen. Rambler stellte das Bandgerät an. Die Gesichter der Zuhörer waren von äußerster Spannung geprägt.

Der Anrufer begann zu sprechen. Er hatte noch nicht den ersten Satz beendet, als Mrs. Brewer erregt ausrief: „Das ist nicht Hendriks Stimme! Das ist die Stimme meines Mannes!“

Janet war leichenblass geworden. „Ja“, bestätigte sie, „das ist die Stimme von Mr. Brewer.“

Hendrik wollte etwas sagen, aber er brachte keinen Laut über seine Lippen. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Das war alles.

„Hendrik!“, kreischte Mrs. Brewer und schaute ihren Sohn an. „So sag doch etwas!“

„Hör lieber zu“, knurrte Hendrik schließlich.

Mrs. Brewer gehorchte.

„Er ist es, er ist es“, murmelte sie immer wieder. „Das unterliegt keinem Zweifel.“

Rambler stellte das Gerät ab. Er sah Hendrik an. „Was sagen Sie dazu?“

„Es ist die Stimme meines Vaters“, erklärte Hendrik.

„Tote telefonieren nicht“, sagte der Lieutenant unwirsch.

„Er kann das Ganze doch auf Band gesprochen haben, nicht wahr? Dann ist das Ganze für Sie abgespielt worden“, meldete Janet sich zu Wort. Sie las gern Kriminalromane und hatte die Gabe, bei Kriminalfilmen stets auf den richtigen Täter zu tippen.

„Wenn es so wäre, wie Sie sagen, müsste Mr. Brewer Selbstmord begangen haben, und zwar in der Absicht, seine Familie zu verdächtigen.“

„Ich habe dafür keine Erklärung, ich stehe vor einem Rätsel“, murmelte Mrs. Brewer.

Rambler wandte sich an Hendrik. „Darf ich Sie bitten, ein paar Worte auf das Band zu sprechen?“

„Ich habe nichts dagegen“, sagte Hendrik wütend. „Lassen Sie es einfach laufen. Konservieren Sie von meiner Stimme so viel, wie Sie wollen. Sie werden damit nichts erreichen. Die Stimme des Anrufers gehört meinem Vater.“

Rambler biss sich auf die Unterlippe.

„Okay“, sagte er. „Diese Runde geht an Sie. Sie können gehen. Alle zusammen. Aber ich werde nicht aufhören, mich für den Fall zu interessieren. Ich werde ihn lösen, mein Wort darauf.“

 

 

2

Zehn Minuten später saßen die Brewers und Janet in einem Taxi, das sie nach Hause brachte. Mrs. Brewer setzte wiederholt zum Sprechen an, aber jedes Mal überlegte sie es sich anders, die Gegenwart des Fahrers machte intime Fragen unmöglich.

Mit denen überschüttete sie Hendrik und Janet, als sie schließlich zu Hause eingetroffen waren.

Die Männer vom Begräbnisinstitut hatten ihre Arbeit beendet, der Tote lag aufgebahrt im Wohnzimmer. Die Unterhaltung zwischen Mrs. Brewer, ihrem Sohn und Janet fand im kleinen Salon statt, einem Raum, dessen Fenster zum Garten wiesen und der sonst kaum jemals genutzt wurde.

„Ich muss blind gewesen sein“, erregte sich Mrs. Brewer. „Wie konntest du nur so geschmacklos sein, hinter meinem Rücken mit Janet zu poussieren?“

Hendrik setzte sich. „Papa hat es mir vorgemacht.“

„Das ist nicht wahr!“, schnappte Mrs. Brewer.

„Sag ihr Bescheid“, wandte Hendrik sich an das Mädchen.

Janet stand neben der Tür, mit hochrotem Gesicht.

„Du bist ein Ekel!“, giftete sie. „Du benimmst dich unmöglich.“

„Verdammt, ich habe es einfach satt, im eigenen Haus konspirativ aufzutreten“, antwortete Hendrik. „Es kotzt mich an.“

„Wie lange geht das schon mit euch beiden?“, wollte Corinna Brewer wissen.

„Ist das so wichtig? Es ist vorbei“, sagte Hendrik mürrisch.

„Du bist ein Ekel! Ich fange an, dich zu hassen. Du bist nicht besser als dein Vater“, erklärte Janet.

„Sie sind gefeuert!“, stieß die Witwe hervor. „Gefeuert, verstehen Sie? Ich fühle mich von Ihnen hintergangen. Packen Sie Ihre Sachen, und treten Sie mir nie wieder unter die Augen!“

Janet ballte die Hände. Ihre Augen blitzten empört.

„In eine feine Familie bin ich da geraten“, schäumte sie. „Erst verführt mich der Vater, dann fällt der Sohn über mich her. Die Dame des Hauses bemerkt nichts davon, weil sie mit ihrem Freund beschäftigt ist, aber jetzt hat sie die Stirn, sich in scheinheiliger Moral zu üben …“

„Das ist doch, das ist doch …“, schnappte Corinna Brewer und war erneut außerstande, einen begonnenen Satz zu Ende zu führen.

„Wir sind wirklich eine feine Familie“, stellte Hendrik grimmig fest. „Papa liegt aufgebahrt im Wohnzimmer, und wir fallen übereinander her wie die Tiere.“

„Ich will, dass sie packt und verschwindet!“, beharrte Corinna Brewer auf ihrer Ansicht.

Janet machte kehrt, sie verließ das Zimmer. Corinna Brewer folgte ihr nach oben. Sie glitt auf der steilen Treppe aus und schaffte es gerade noch, sich am Geländer festzuhalten.

„Mein Gott“, murmelte sie. Um ein Haar wäre sie gestürzt, genau wie Tom.

Sie setzte den Weg langsam fort, Stufe um Stufe, dann betrat sie Janets Zimmer. Janet wirbelte auf den Absätzen herum. Sie stand am Kleiderschrank.

„Können Sie nicht klopfen?“, fragte sie wütend.

„Dies ist mein Haus!“

„Es ist mein Zimmer.“

„Ich möchte dabei sein, wenn Sie packen.“

„Was soll das heißen?“

„Man kann nie wissen“, sagte Corinna Brewer anzüglich. „Vielleicht kommen Sie auf die Idee, etwas einzupacken, das Ihnen nicht gehört?“

„Das ist infam! Wie können Sie nur so etwas sagen?“, fragte Janet, der Tränen in die Augen traten.

Corinna Brewer trat an den Toilettentisch und griff nach einem kleinen schwarzen Etui.

„Legen Sie das sofort aus der Hand!“, forderte Janet. „Sie haben kein Recht, meine Sachen anzufassen.“

Die Witwe öffnete das Etui. Ihre Augen weiteten sich, als sie im Inneren des mit weißer Seide ausgeschlagenen Behälters einen kostbaren Ring entdeckte, einen mit Brillanten eingefassten Smaragd.

„Wie können Sie es wagen …“, begann sie.

„Er gehört mir!“, kreischte Janet und riss der Frau den Ring mitsamt Etui aus den Fingern.

Corinna Brewer bebte vor Empörung am ganzen Leib.

„Ich kenne den Ring. Er hat meiner Schwiegermutter gehört. Sie haben ihn gestohlen!“

„Ich habe ihn von Tom bekommen.“

„Von Tom? Sie wagen es, den Toten beim Vornamen zu nennen?“, keuchte Corinna Brewer.

Janet zwang sich zur Ruhe.

„Hören Sie, Mrs. Brewer“, sagte sie schwer atmend, „ich kann Ihre Erregung ja verstehen, aber Tatsache ist, dass ich diesen Ring von Ihrem Mann geschenkt bekommen habe. Ich habe ihm dafür meine Jugend geopfert. Er war der erste Mann, den ich … Na ja, Sie wissen schon“, schloss sie lahm.

„Ich weiß nur, dass Sie kein Anrecht auf das kostbare Schmuckstück haben“, schrie Corinna Brewer. „Er gehört mir!“

„Ihnen?“

„Ja, mir! Ich bin die Alleinerbin.“

„Ich habe …“, begann Janet.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Hendrik betrat den Raum.

„Was ist denn hier los?“, fragte er. „Was soll der Lärm?“

„Sieh dir das an!“, schnappte Corinna Brewer. „Sie hat den Ring gestohlen.“

„Papa hat ihn ihr geschenkt“, sagte Hendrik.

„Du verteidigst sie noch?“

„Ich weiß zufällig, dass Papa ihr den Ring gegeben hat“, sagte Hendrik.

„Von wem weißt du das?“

„Von Janet.“

„Sie lügt natürlich. Sie hat den Ring aus Papas Tresor gestohlen.“

„Wie hätte sie da rankommen sollen?“, fragte Hendrik.

„Du kennst Papa. Im Haus war er vertrauensselig. Ich habe es oft genug erlebt, dass der Safe im Wohnzimmer offenstand“, sagte Corinna Brewer.

„Du kannst Janet ja anzeigen“, spottete Hendrik. „Dann kommen die Verhältnisse, die in diesem Haus herrschten, an die große Glocke. Willst du das wirklich riskieren?“

„Der Ring gehört mir!“, sagte Corinna Brewer halsstarrig. „Ich werde es nicht zulassen, dass diese kleine Nutte ihn mir entführt.“

„Einigt euch, ich will damit nichts zu tun haben“, sagte Hendrik und verließ den Raum.

„Ein schöner Sohn bist du!“, rief seine Mutter ihm bitter hinterher.

Hendrik ging nach unten, in die Diele. Er zögerte ein wenig, dann betrat er das Wohnzimmer.

Er schloss die Tür hinter sich.

Die Männer vom Begräbnisinstitut hatten die Übergardinen geschlossen. Neben dem von Blumenarrangements eingefassten Sarg brannten ein paar Kerzen auf hohen Ständern. Hendrik trat an den Sarg heran.

„Ich habe dich nie geliebt, Vater“, sagte er stockend. „Du hast mir keinen Anlass dazu gegeben. Aber ich wollte dich auch nicht töten. Es stimmt, dass ich dir diesen verhängnisvollen Stoß gegeben habe, aber es war ein Verteidigungsreflex, nicht mehr. Du bist gestürzt. Du hast dir dabei das Genick gebrochen. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich muss mit dieser Last leben. Sage mir, wie das Gespräch mit der Polizei zustande gekommen ist. Ich verstehe es nicht. Es ist deine Stimme. Hast du gewusst, was dich erwartet? Haben deine Geister dir ein Zeichen gegeben?“

Der Tote antwortete nicht.

Es schien, als lebte er noch, als erfasste er jedes Wort des Gesagten, aber in den wächsern anmutenden Zügen veränderte sich nichts, sie zeigten einen starren und dennoch spöttischen Ausdruck.

Es schien, als wären sie erfüllt von einer stummen, tödlichen Drohung.

 

 

3

Als Hendrik das Wohnzimmer verließ, kam seine Mutter die Treppe herab. Corinna Brewer blieb stehen, sie sah überrascht aus.

„Sie haben gute Arbeit geleistet“, sagte Hendrik. „Willst du ihn sehen?“

„Nein. Ich will ihn nicht sehen. Oh, ich wünschte, ich hätte das alles hinter mir – das Begräbnis, die ganze idiotische Heuchelei!“

„Du musst ihn gehasst haben.“

„Er hat mir nichts bedeutet, das ist alles“, sagte Corinna Brewer und ging in die Küche. Hendrik folgte ihr.

„Warum dann die Tränen?“, fragte er.

Corinna Brewer setzte sich. Sie griff nach der Thermoskanne und füllte sich eine Tasse mit Kaffee. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie schulterzuckend. „Ich weiß es wirklich nicht. Oder doch. Es war ja nicht immer so zwischen deinem Vater und mir. Anfangs, da habe ich ihn geliebt und …“

„Papa hat das bestritten.“

„Hast du jemals mit ihm darüber gesprochen?“, staunte Corinna Brewer.

Hendrik setzte sich an den Tisch. Er begann mit einer Serviette zu spielen, ohne recht zu erfassen, was er tat. Sein Blick ging ins Leere.

„Es war kein richtiges Gespräch“, sagte er, „eher ein Selbstgespräch. Papa hat es geführt. Er hatte getrunken. Da habe ich dies und das aus seinem Leben erfahren.“

„Du lieber Himmel“, meinte Corinna Brewer und verdrehte die Augen, dann führte sie die Tasse zum Mund und trank.

Hendrik schaute seine Mutter an. Ihm war es zumute, als musterte er eine Fremde. Einen Augenblick lang erwog er, sie mit der Wahrheit zu schockieren, aber dann hatte er nicht den Mut dazu.

„Ich fürchte, du hast einen Fehler begangen“, sagte er.

„Was soll das heißen?“

„Du hättest Janet nicht feuern dürfen. Sie hat das Haus immer prima in Schuss gehalten. Du wirst so leicht niemand finden, der sie ersetzt.“

„Das ist kein Problem“, behauptete Corinna Brewer, aber noch während sie das sagte, wurde ihr klar, wie recht Hendrik hatte. Sie wusste aus ihrem Bekanntenkreis, wie aufmüpfig und teuer Dienstpersonal geworden war. Ein weißes Mädchen war für diese Art von Arbeit kaum noch zu bekommen. Ihre Bekannten hatten sie stets um Janet beneidet.

„Was ist mit dem Ring?“, fragte Hendrik.

„Ich habe ihr verboten, ihn mitzunehmen.“

„Er gehört ihr, Mama.“

„Hast du den Verstand verloren? Er gehörte deiner Großmutter. Die hat ihn deinem Vater vermacht. Er ist Familienbesitz. Du kannst nicht im Ernst wollen, dass dieses Nüttchen das kostbare Stück aus dem Haus trägt. Er ist mindestens zehntausend Dollar wert.“

„Das wusste ich nicht, aber es ändert nichts an den Fakten“, sagte Hendrik.

„Wie konntest du dich nur mit diesem Mädchen einlassen?“, klagte Corinna Brewer.

„Sie ist in Ordnung. Und sehr hübsch dazu. Du warst bis zu diesem Tag von ihr begeistert.“

„Damit ist es vorbei, ein und für allemal.“

„Wenn ich bloß wüsste, wie der Anruf zustande gekommen ist“, murmelte Hendrik.

„Ach ja, der Anruf. Ich habe dafür keine Erklärung“, sagte Corinna Brewer. „Aber die Sache macht mir Angst.“

„Sie ist wirklich mysteriös.“

„Hältst du es für möglich, dass Papa mit seinen Geisterbeschwörungen Erfolg gehabt haben könnte?“

„Fragen stellst du!“

„Ich kann die Nacht vor meinem Geburtstag nicht vergessen“, murmelte Corinna Brewer.

Hendrik hob erstaunt die Augenbrauen.

„Was war in dieser Nacht?“, fragte er.

„Ich hatte getrunken, ohne recht zu wissen, warum. Vermutlich war es die Erkenntnis, dass ich angefangen hatte, eine alte Frau zu werden – von niemand geliebt, von keinem Menschen begehrt. Ich steigerte mich mit Alkohol in eine Stimmung hinein, die ich schwer beschreiben kann, die jedoch im Wesentlichen von Selbstmitleid geprägt wurde. Plötzlich kriegte ich eine große Wut. Sie richtete sich gegen deinen Vater. Ich fragte mich, warum er nicht mehr für mich da war, warum er lieber mit Geistern sprach oder zu sprechen versuchte, anstatt mit mir, seiner Frau. Ich ging zu ihm in den Keller. Du weißt, dass er dort stets allein sein wollte. Ich habe das respektiert, mehr aus Angst vor den alten Gewölben als aus irgendeinem anderen Grund, aber in dieser Nacht, vom Alkohol inspiriert, fasste ich mir ein Herz und ging in den Keller.“

„Ja ja, das hast du nun schon dreimal festgestellt“, sagte Hendrik ungeduldig. „Was passierte dabei?“

„Ich sah plötzlich den grünen Schein.“

„Einen grünen Schein?“

Details

Seiten
107
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738933086
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503639
Schlagworte
untot übers grab

Autor

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Titel: Untot - Übers Grab hinaus