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Strafmandat in Sachen Liebe

2019 77 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Strafmandat in Sachen Liebe

Copyright

Goldene Fesseln können trennen

Strafmandat in Sachen Liebe

Nur einmal kommt der Richtige

Kennwort: Geliebte

Wie Hund und Katze

Strafmandat in Sachen Liebe

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 77 Taschenbuchseiten.

 

- Als sie das erwartete Geburtstagsgeschenk ihres Mannes am Handgelenk seiner Sekretärin entdeckt, ist für Annetta alles klar. Ihr Bertram betrügt sie. Wie ein Wink des Schicksals begegnet sie Gregor, der sich spontan in sie verliebt. Eine gute Gelegenheit, sich zu rächen…

- Durch den Autounfall entgeht Birgit nicht nur ihr erhoffter Job, ausgerechnet ihr Unfallgegner erwartet auch noch Hilfe von ihr. Zähneknirschend lässt sie sich darauf ein, bis sie ihn bei einer unglaublichen Lüge ertappt…

- Sie haben sich vor Jahren stürmisch geliebt, bis Alexander seiner Karriere den Vorzug gab. Nun steht er unerwartet Roswitha gegenüber und entfesselt in ihr einen Gefühlssturm. Denn sie ist mit Maximilian verlobt. Doch das lässt Alexander nicht gelten…

- Elkes Verdacht, dass ihr Mann Bodo sie betrügt, erhärtet sich, als sie ihn mit einer wesentlich jüngeren, bildhübschen Blondine beobachtet. Nach anfänglicher Fassungslosigkeit versucht sie, den Kampf aufzunehmen.

- Melanie und Peter haben sich getrennt, aber ihrem gemeinsamen Hund Schnuff gefällt das gar nicht und stiftet prompt bei Frauchen und Herrchen und deren neuen Partnern Verwirrung.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Goldene Fesseln können trennen

Himmel, war das wieder eine Unordnung! Annetta umfasste das Chaos auf dem Schreibtisch ihres Mannes mit einem Blick verständnisvoller Verzweiflung.

Einerseits hatte sie sich, gerade weil sie seine Unbeschwertheit in manchen Dingen so sehr imponiert hatte, vor acht Jahren für ihn entschieden. Andererseits erwartete sie zu ihrem morgigen Geburtstag Gäste. Nicht auszudenken, wenn jemand in Bertrams Arbeitszimmer schaute. Er musste sich eine schöne Meinung über den ordnenden Geist des Hauses bilden.

Der ordnende Geist war sie. Selbst wenn Bertram sie immer wieder beschwor, seinen Schreibtisch gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, weil er sonst hinterher nichts mehr fand, musste sogar er einsehen, dass ihr gemeinsamer Ruf auf dem Spiel stand.

Zum Glück verfügte das Möbelstück über zahlreiche Schubfächer. Sie brauchte die Papierstapel nur dort zu verstauen, ohne an ihrem unbegreiflichen Sortiersystem etwas zu ändern. Dann konnte sie wenigstens Staub wischen.

Annetta zog den obersten Kasten auf. Auf Anhieb entdeckte sie das längliche Kästchen mit dem matt glänzenden Aufdruck eines Juweliergeschäftes.

Sie zögerte. Neugierde gehörte ganz gewiss nicht zu ihren Untugenden. Aber da lag die Pappschachtel, zwinkerte ihr förmlich auffordernd zu und schien zu flüstern: 'Nun mach schon! Morgen siehst du mich ja sowieso.'

Wenig später hielt sie ein wunderschönes goldenes Armband in der Hand. Es gefiel ihr so gut, dass sie es am liebsten auf der Stelle angelegt hätte. Doch schon meldete sich ihr schlechtes Gewissen und sie legte das Schmuckstück hastig zurück.

Zum Glück ließen ihr die Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier wenig Zeit, an das zu erwartende Geschenk zu denken. Erst am nächsten Morgen fiel es ihr wieder ein, als Bertram ihr mit einem liebevollen Kuss gratulierte und sie mit einem riesigen Paket überraschte sowie der eindringlichen Mahnung, es ganz vorsichtig zu öffnen.

Das Paket war schwer und enthielt die entzückende Schäferszene in Porzellan, die sie unlängst bei einem gemeinsamen Spaziergang entdeckt hatte.

Wo blieb das Armband?

"Gefällt es dir nicht mehr?", forschte Bertram, der gespannt ihr Mienenspiel beobachtete.

"Aber sicher", beteuerte Annetta eine Spur zu begeistert. "Du solltest nur nicht so viel Geld für mich ausgeben. Eine Kleinigkeit hätte auch genügt."

"Unsinn!" Er nahm sie erneut in den Arm. "Hauptsache, du freust dich."

Tat sie das wirklich? Der Gedanke an das Armband ließ Annetta nicht mehr los. Die Geburtstagsfeier überstand sie mit Ach und Krach und ohne dass jemand etwas von ihrem aufgewühlten Gefühlsleben merkte. Sie selbst aber fand keine Ruhe mehr.

Später schaute sie heimlich im Schreibtisch nach. Sie hatte es befürchtet. Das Schmuckstück lag nicht mehr dort. Wem mochte er es geschenkt haben? Nie zuvor war ihr der Verdacht gekommen, Bertram könnte sie betrügen.

Ab jetzt achtete sie aufmerksamer auf jedes seiner Worte, spürte gewissen Schwingungen in seiner Stimme nach, wenn er sich am Abend für sein spätes Heimkommen mit ausgedehnten Besprechungen entschuldigte und suchte nach fremden Frauenhaaren auf seinem Sakko oder Lippenstiftspuren auf dem Kragen des Oberhemds.

Wenige Tage darauf eröffnete Bertram ihr: "Liebling, ich muss für ein paar Tage verreisen."

"Kann ich dich begleiten?", schlug Annetta vor.

Bertram schaute sie verdutzt an. "Nach Duisburg willst du? In dieser Stadt kennst du doch keinen einzigen Menschen und ich könnte mich die ganze Zeit nicht um dich kümmern. Du weißt, diese Besprechungen ziehen sich oft entsetzlich in die Länge."

Sie zeigte zwar Einsicht, doch das war nur äußerlich. Hätte er sich nicht über ihre Idee freuen müssen? Aber vielleicht fuhr er nicht allein. Wer sagte ihr, dass die angebliche Geschäftsreise nicht in Wahrheit ein Vergnügungstrip mit seiner Geliebten war?

Du spinnst!, redete sich Annetta ein. Dein Verdacht ist völlig unbegründet. Bertram betrügt dich doch nicht.

Schon am folgenden Tag dachte sie anders darüber. Es läutete an der Haustür und eine ausgesprochen attraktive junge Frau stellte sich als Bertrams Sekretärin Esther Staufen vor.

"Ihr Mann rief mich im Büro an", erklärte sie. "Ich soll ihm ein paar Unterlagen nach Duisburg nach bringen, die er zu Hause vergessen hat."

Annetta bat sie ins Haus und führte sie ins Arbeitszimmer. Esther Staufen wusste am besten, um welche Papiere es sich handelte.

Während die um ungefähr acht Jahre Jüngere auf dem Schreibtisch suchte und sich Annetta wegen des längst wiederhergestellten Chaos schämte, blitzte es kurz unter dem Blusenärmel der Sekretärin auf.

Annetta schob den Stoff ein wenig zurück. "Ein hübsches Armband haben Sie", meinte sie.

Die andere nickte stolz. "Es ist ein Geschenk. Ach, da sind ja die Unterlagen." Annetta fand, dass das junge Ding es plötzlich recht eilig hatte.

Betroffen erwiderte sie den Abschiedsgruß und schloss die Haustür. Also ausgerechnet seine Sekretärin! Wie geschmacklos! Sie hätte Bertram ein bisschen mehr Phantasie zugetraut.

Während der folgenden Stunden suchte sie zum Teil vor dem Badezimmerspiegel Antwort auf das ihr unbegreifliche Warum, zum Teil grübelte sie, was zu tun wäre. Sie ließ sich doch nicht so mir nichts, dir nichts den Mann wegnehmen, mit dem sie immerhin die ganze Zeit überdurchschnittlich glücklich gewesen war. Nicht von dieser Frau.

Gar zu lange konnte die Affäre noch nicht dauern. Am besten, sie wurde schnellstens wieder beendet. Eine Aussprache unter vernünftigen Leuten, ein bisschen Böse sein, danach großmütiges Verzeihen und der Schwur von Bertram, sowas Dummes nie wieder zu tun.

Aber natürlich würde er zunächst leugnen. Männer leugneten immer. Oft genug glaubten sie wohl selbst, dass man sie zu Unrecht beschuldigte. Dann brauchten sie ein verständnisvoll zuhörendes Ohr, das üblicherweise ausgerechnet ihrer Geliebten gehörte. Nein, Annetta war entschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen. Reden half in diesem Falle überhaupt nichts. Sie würde die beiden in flagranti ertappen. Dann musste Bertram wohl oder übel Farbe bekennen.

Also, auf nach Duisburg! In welchem Hotel Bertram wohnte, wusste sie. Dort sollte ihm keine Zeit bleiben, sich irgend welche Ausreden auszudenken.

Sie packte das Nötigste in eine Reisetasche, holte ihren Kleinwagen aus der Garage und fuhr los, wild entschlossen, ihre bedrohte Ehe zu retten.

Die Fahrt dauerte bis zur vierten Kreuzung. Annetta wälzte finstere Gedanken und sah den Mann zu spät, der in großer Eile die Fahrbahn überquerte.

Überqueren wollte, denn in der Mitte stoppte ihn der Kühler von Annettas Auto.

Der Motor erstarb. Annetta sprang aus dem Fahrzeug, um sich um den Angefahrenen zu kümmern, der sich ächzend aufrichtete, als sie sich über ihn beugte.

"Sind Sie denn von allen guten Geistern... äh, es tut mir schrecklich leid. Ich habe nicht aufgepasst. Ist Ihnen auch nichts passiert? Ihr Wagen scheint nichts abbekommen zu haben." Der anfängliche Ärger des Mannes verrauchte zu Annettas Erleichterung ungewöhnlich schnell.

"Sind Sie verletzt?", erkundigte sie sich. "Brauchen Sie einen Arzt?"

"Ich bin okay", versicherte der andere und stellte sich vor. "Ich heiße Gregor Reichmann, aber sagen Sie einfach Gregor. Und wie darf ich Sie nennen?"

"Annetta Böcklitz. Hier ist mein Versicherungsschein und..."

Gregor Reichmann hielt ihre Hand fest, ohne die Papiere auch nur eines Blickes zu würdigen. Dafür schaute er ihr tief in die immer noch erschrockenen Augen und lächelte hinreißend. "Sie brauchen jetzt unbedingt einen Kaffee, Annetta", betonte er. "Sie erlauben, dass ich mich diesmal hinters Steuer setze?"

Annetta ließ es geschehen, dass der Mann sie auf den Beifahrersitz drückte und anschließend wie selbstverständlich neben ihr Platz nahm. War er nicht nett? Er nahm alle Schuld auf sich, dabei hatte sie schlichtweg geträumt.

Der Inhalt ihres Traumes, ihres Alptraumes wurde ihr schlagartig wieder bewusst. Bertram amüsierte sich mit einer Jüngeren.

"Sie haben wohl einen tüchtigen Schreck bekommen", hörte sie Gregor neben sich sagen. "Sie sehen noch ganz blass aus. Dagegen muss man etwas tun." Er brachte das Auto nach kurzer Fahrt zum Stehen und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "Sehen Sie, jetzt bekommen Sie schon wieder ein bisschen Farbe."

Annetta setzte zu der erzürnten Frage an, was ihm einfiele und ob er alle fremden Frauen auf offener Straße zu küssen pflege. Doch sein unbefangenes Lächeln entwaffnete sie sekundenschnell. Konnte man ihm böse sein?

In einer Imbissstube tranken sie Kaffee. Annetta erfuhr, dass ihr Gegenüber in der Werbebranche tätig war und sich normalerweise nicht so Hals über Kopf zu verlieben pflegte. "Ich weiß selbst nicht, was auf einmal mit mir los ist. Sie müssen etwas ganz Besonderes sein, Annetta. Glauben Sie, dass unser Zusammentreffen nur ein bedeutungsloser Zufall ist?" Er griff nach ihrer Hand.

Zufall? Schicksal? Tatsache war jedenfalls, dass sich Annetta plötzlich in ihrer ungewohnten Situation einer Betrogenen nicht mehr gar so ohnmächtig fühlte wie noch vor wenigen Minuten. Offenbar war sie mit ihren 36 Jahren ja doch noch nicht so unansehnlich, dass sich nicht manche Männer noch für sie interessierten. Das zu wissen, tat unheimlich gut.

Vielleicht war es hilfreich, wenn auch Bertram diese Tatsache begriff. Dann besann er sich hoffentlich wieder darauf, zu wem er gehörte. Wenn er in fremden Revieren wilderte und wie ein kleiner Junge unbedingt die Kirschen aus Nachbars Garten haben musste, stand ihr ja wohl das gleiche Recht zu. So ein kleiner Flirt, natürlich völlig harmlos und ungefährlich, konnte nichts schaden.

Damit sich Gregor keinen falschen Hoffnungen hingab, eröffnete Annetta ihm, dass sie verheiratet sei.

"Selbstverständlich sind Sie nicht mehr frei." Ihr charmanter Begleiter zeigte nicht die geringste Enttäuschung. "Wenn man das Glück hat, einer Frau wie Ihnen zu begegnen, dann wurde sie günstigstenfalls gerade geschieden oder aber Witwe. Wir Männer sind ja schließlich nicht blind. Auch die anderen leider nicht. Aber lassen Sie uns nicht ausgerechnet von Ihrer Ehe sprechen. Es gibt so viele hübschere Themen."

Nach kurzer Zeit gab Annetta ihre ursprüngliche Absicht, nach Duisburg zu fahren, endgültig auf. Sie gelangte zu der Überzeugung, dass es wesentlich wichtiger war, ihr Selbstwertgefühl zu steigern, anstatt die Eifersüchtige zu spielen. Bertram, dieser treulose Schuft, sollte noch sein blaues Wunder erleben.

 

*

 

Sie traf Gregor am folgenden Tag wieder. Diesmal verließen sie sich nicht auf den Zufall, sondern legten Ort und Zeit fest.

Als Bertram am Abend von Duisburg aus anrief und behauptete, sich nach ihr zu sehnen, musste sich Annetta zusammenreißen, um die Ahnungslose zu markieren.

"Ich vermisse dich auch", versicherte sie und berichtete von ihrem Museumsbesuch.

"Was denn, du interessierst dich neuerdings für Museen?", staunte Bertram.

"Eine Freundin hat mich mitgeschleppt." Annetta hoffte, dass er ihr die Freundin nicht glaubte. "Morgen wollen wir übrigens ins Theater. Wann kommst du endlich zurück?"

"Es wird wohl noch eine Woche dauern."

In einer Woche konnte viel geschehen. Annetta war entschlossen, die Zeit zu nutzen. Gregor war ihre Chance. Mit seiner Hilfe hoffte sie, ihre angeknackste Ehe zu kitten.

Ähnliche Motive beflügelten Gregor ganz und gar nicht. "Das Stück ist zum Gähnen langweilig", urteilte er im Theaterfoyer, als sie ein Glas Sekt tranken. "Wollen wir nicht den Schluss lieber nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten? Ich halte viel von einem Happyend."

Er schaute sie so verlangend an, dass Annetta fürchtete, er könnte sie vor allen Leuten küssen. Das tat er zwar nicht, doch war ihm anzumerken, dass dieser Programmpunkt in seiner Dringlichkeitsliste an oberster Stelle stand.

"Mir gefällt die Aufführung", behauptete sie. Dabei meinte sie weniger das in der Tat reichlich zähe Lustspiel auf der Bühne, als die Komödie, die sie selbst für Bertram inszenierte. "Mein Mann findet leider nur selten Zeit für einen Theaterbesuch."

Gregor strahlte sie an. "In dieser Beziehung kannst du jederzeit auf mich zurückgreifen. Wenn man eine Frau wirklich liebt, hat man auch Zeit für sie. Basta! Deinem Bertram aber scheint sein Beruf wichtiger zu sein."

Wenn es wenigstens nur der Beruf wäre, dachte Annetta unglücklich. Leider gab es da noch ein paar andere Interessen. Braunhaarige Interessen mit grünlich schillernden Augen, sündig schwingendem Gang und einem teuren goldenen Armband am Handgelenk, auf das sie selbst sich in ihrer grenzenlosen Naivität schon so sehr gefreut hatte.

Die Pause war zu Ende. Annetta ging zu ihrem Platz voraus. Gregor blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.

Irgendwann nahmen die Schauspieler ihren letzten Applaus entgegen. Nun war Gregor wieder am Zug.

"Was hältst du von einer Weinprobe bei mir daheim?", schlug er vor. "Ich habe erst kürzlich ein paar vielversprechende Jahrgänge bekommen."

"Geht nicht", lehnte Annetta ab. "Mein Mann ruft heute sicher noch an."

"Früher oder später musst du es ihm ja doch sagen."

Sie runzelte die Stirn. "Was muss ich ihm sagen?"

"Nun, dass wir uns lieben." Stürmisch riss er sie auf dem Parkplatz in seine Arme und küsste sie voller Leidenschaft. "Du musst die Scheidung einreichen. Dann ziehst du zu mir und nach Ablauf eines Jahres können wir heiraten."

Annetta erstarrte vor Schreck. Meinte er das wirklich ernst? Seine Küsse ließen kaum eine andere Deutung zu.

Scheidung? Unsinn! Gregor kam ihr als harmloser Flirt, als Mahnung für Bertram gelegen, aber nicht im Traum dachte sie daran, seine Frau zu werden.

Nun folgte sie ihm erst recht nicht in seine Wohnung. Er müsste sonst glauben, dass sie seine Wünsche teilte.

"Wie kannst du von Liebe reden, nachdem wir uns erst ein paar Tage kennen?", mahnte sie vorwurfsvoll. "Damit scherzt man nicht. Ich liebe Bertram. Wir sind seit acht Jahren glücklich miteinander."

"Falsch!", trumpfte Gregor auf. "Du hast dich an ihn gewöhnt. Das ist ein Unterschied. Meinst du, ich sehe nicht, wie sich deine hübschen Augen verdunkeln, sobald du deinen Mann erwähnst? Nennst du das Glück? Zugegeben, unsere Bekanntschaft dauert noch nicht lange. Aber Jahre sind kein Argument."

Er unterbreitete ihr den Vorschlag, den Abend bei ihr zu beenden. "Dann bist du zu Hause, wenn dein Bertram anruft und alles ist in schönster Ordnung."

Nichts war mehr in Ordnung. Warum war es nur so schwer, das einem verliebten Mann begreiflich zu machen?

Ja, wenn sie dieses unselige Armband niemals entdeckt hätte, könnte sie sich wenigstens der trügerischen Illusion hingeben, die Welt sei nach wie vor intakt. Dabei stolperte sie bei jedem Schritt über ein paar Scherben. Und da kam dieser Gregor Reichmann daher, dem sie eigentlich die Rolle des Kleisterpinsels zugedacht hatte und wollte unbekümmert endgültig zerstören anstatt zu kitten.

"Ein andermal", vertröstete Annetta ihn. "Ich fürchte, ich wäre heute nur eine riesige Enttäuschung für dich."

Gregor gab nicht so schnell auf. Als routinierter Werbefachmann verstand er, zu argumentieren und zu überreden. Nur überzeugen konnte er sie nicht.

"Na schön", lenkte er nach einer Weile ein, wobei er keinen Ärger zeigte. "Dann sehen wir uns also morgen. Gleiche Zeit, gleiche Stelle?"

"Einverstanden", willigte Annetta erleichtert ein, doch sie wusste bereits in diesem Augenblick, dass es für Gregor und sie kein Morgen geben würde.

 

*

 

Auch nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hatte, änderte sie ihren Entschluss nicht. Nein, sie wollte Gregor nicht wiedersehen. Er wurde ihr zu gefährlich. Der gestrige Abend hatte ihr gezeigt, dass sie unversehens in die Rolle eines neugierigen Kindes geschlüpft war, das nur ein wenig mit den Streichhölzern spielen wollte. Doch das entzündete Feuer drohte ihrer Kontrolle zu entgleiten. Wie sollte sie den um sich greifenden Brand löschen?

Aus, Schluss, vorbei! Sie war nicht für das atemberaubende Abenteuer geboren. Darin besaß sie keinerlei Routine. Sie wollte nur ihren Bertram zurückhaben. Das musste ihr doch auch auf andere Weise gelingen.

Für 18 Uhr war sie mit Gregor verabredet. Annetta ging, wie geplant, nicht zum Rendezvous, sondern ließ allein im Kino einen fürchterlichen Film über sich ergehen. Danach fühlte sie sich unendlich erleichtert. Das erste Problem hielt sie für gelöst.

Sie beeilte sich auf dem Heimweg und hoffte auf Bertrams Anruf, auf den sie gestern vergeblich gewartet hatte.

Kaum hatte sie die Schuhe von den Füßen, als es klingelte. Leider nicht das Telefon.

Gregor stand vor der Tür und drückte ihr einen riesigen Rosenstrauß in den Arm und einen noch gewaltigeren Kuss auf die bestürzten Lippen. Er musste in der Nähe auf sie gewartet haben.

"Alles verziehen, Liebste", kam er ihrer Erklärung zuvor. "Ich verstehe dich ja. Meine Ungeduld muss dich befremdet haben. Du hast ganz einfach eine Atempause gebraucht. Du gehörst nicht zu jenen leichtlebigen Frauen, die sich von einer Affäre in die nächste stürzen. Genau aus diesem Grund bin ich ja so verrückt nach dir. Auch mir liegt nichts an einer Affäre. Ich will dich ganz."

Annetta blickte sich erschrocken nach allen Seiten um. "Soll das die ganze Nachbarschaft erfahren?", ermahnte sie ihren stürmischen Verehrer. "Ich bin eine verheiratete Frau, gleichgültig, wie du dazu stehst. Du bringst mich in eine unmögliche Situation."

"Dann lass uns alles drinnen besprechen", schlug Gregor vor und schob sie sanft ins Haus. Schmunzelnd schloss er die Tür hinter sich.

Warum läutete denn nicht endlich das Telefon? Sie würde zärtliche Liebesworte in die Muschel flüstern, die sogar Gregor überzeugen mussten, dass er sein Temperament auf das falsche Ziel verschoss.

"Möchtest du etwas trinken?", fragte sie.

"Ich möchte dich." Sie spürte seine Hände an ihrer Hüfte, fühlte seine Lippen auf ihrem Nacken.

"Lass das!", wies sie ihn zurück und erstarrte im gleichen Moment. "Was war das?"

Gregor ließ von ihr ab und runzelte die Stirn. "Da scheint jemand an der Tür zu sein."

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. "Das ist Bertram", rief Annetta betroffen. "Er wollte erst in einer Woche zurückkommen." Sie blickte sich suchend um.

Gregor grinste zufrieden. "Nun verlange bloß nicht, dass ich mich in deinem Kleiderschrank verstecke."

"Guten Abend!" Bertram blieb in der geöffneten Zimmertür stehen. Sein fragender Blick pendelte zwischen seiner Frau und dem fremden Mann. "Darf man fragen, was sich hier...?"

"Herr Reichmann ist gerade dabei, uns einen neuen Staubsauger zu verkaufen", fiel ihm Annetta ins Wort. Etwas Originelleres fiel ihr in der Bedrängnis nicht ein. "Unser alter hat den Geist aufgegeben."

"Schon nach vier Monaten?" Bertrams Stimme klang spöttisch. "Dann ist dieses Gemüse sicher ein Werbegeschenk." Er deutete auf die Rosen, die auf dem Tisch noch immer auf eine Vase warteten.

Annetta errötete. "Du bildest dir etwas völlig Falsches ein", beteuerte sie.

"Tatsächlich? Du klangst schon am Telefon so komisch. Da dachte ich mir, schau doch einfach mal vorbei. Wahrscheinlich irrst du dich ja. Aber ich habe mich nicht getäuscht. Nun ja, ich bin wohl zu häufig unterwegs. Grüne Witwen bleiben nicht lange allein, wenn sie sich langweilen."

"Bertram!" Musste sie sich diese Anschuldigungen gefallen lassen? Ausgerechnet von ihm, für dessen Untreue sie Beweise besaß?

"Sie sehen das absolut richtig, Herr Böcklitz", meldete sich nun Gregor. "Sie haben Ihre Frau vernachlässigt. Suchen Sie die Schuld für Ihre gescheiterte Ehe getrost bei sich selbst."

"Gescheiterte Ehe?", fauchte Bertram. "Ich höre wohl nicht richtig."

"Ich denke schon", blieb Gregor ungerührt und fügte mit Nachdruck hinzu: "Deshalb erwarte ich auch von Ihnen, dass Sie Annetta freigeben und sich einer Scheidung nicht widersetzen."

Bertram öffnete den Mund und machte ihn wieder zu. Er sah wie ein nach Luft schnappender Karpfen aus, aber Annetta fand das überhaupt nicht komisch.

"Darf ich auch einmal etwas sagen?" Sie rang mühsam um Fassung. Himmel! Diese Situation war ja noch unglaubwürdiger als die Komödie gestern im Theater.

"Geschenkt!" Bertram warf ihr einen undeutbaren Blick zu. "Ich ahnte nicht, dass eure Zukunftspläne schon so weit gediehen sind. Dann will ich eurem Glück nicht länger im Wege stehen. Sobald ich meine Sachen abhole, erfährst du meine neue Adresse."

Er ließ die Tür hinter sich offen. Trotzdem zuckte Annetta zusammen, als wäre sie mit lautem Knall ins Schloss gefallen.

 

*

 

In den folgenden Tagen lernte Annetta, das Telefon zu hassen. Es war immer der falsche Mann, der sie anrief und sich erkundigte, ob er etwas für sie tun könne. Bertram meldete sich nicht.

Natürlich hätte Annetta ihn mühelos im Büro erreichen können. Doch wie kam sie dazu, den ersten Schritt zu tun? Sie hatte sich nichts vorzuwerfen und schuldete ihrem Mann keinerlei Erklärungen. Er schien ja offensichtlich nur einen Vorwand gesucht zu haben, sich von ihr trennen zu können. Nun schob er ihr geschickt den Schwarzen Peter zu.

Gregor beschränkte sich nicht auf Telefonate. Er sah sich kurz vor seinem Ziel, hatte doch der lästige Rivale freiwillig das Feld geräumt. Dass Annetta einige Zeit brauchen würde, um mit der veränderten Situation klarzukommen, hielt er für völlig normal. Er wollte ihr dabei helfen.

"Du bist schuld", beklagte sich Annetta bei ihm. "Wie konntest du so tun, als wären wir uns einig?"

"Ich kenne dich eben besser als du dich selbst", behauptete Gregor. "Frauen muss man manchmal zu ihrem Glück zwingen. Sie scheuen sich vor Veränderungen."

"Ich liebe Bertram", beharrte Annetta.

"Eine einseitige Liebe", erinnerte Gregor unerbittlich. Er wusste inzwischen von Bertrams Geliebter, die dieser mit teuren Geschenken verwöhnte.

Annetta konnte sich denken, wo Bertram jetzt wohnte. Er würde zu Esther Staufen gezogen sein. Seine Sachen hatte er noch nicht bei ihr abgeholt.

So sehr sie sich gegen die unabänderliche Tatsache einer endgültigen Trennung wehrte, so sehr musste sie doch an die künftige Gestaltung ihrer Zukunft denken. Obwohl Gregor glaubte, darin einen festen Platz einzunehmen und für sie zu sorgen, war Annetta entschlossen, in ihren alten Beruf zurückzukehren. Sie studierte die Stellenangebote in den Zeitungen und schrieb erste Bewerbungen.

Jedes Mal fürchtete sie sich vor dem Gang zum Briefkasten. Sie war erleichtert, wenn sie nur Absagen der angeschriebenen Firmen vorfand, doch sie wusste, eines Tages würde sie das Schreiben von Bertrams Scheidungsanwalt in den Händen halten.

An einem Abend, Gregor hatte seinen Besuch angesagt, läutete es an der Tür. Nach zahlreichen fehlgeschlagenen Versuchen war Annetta nun fest entschlossen, ihm klarzumachen, dass sie ihn niemals heiraten würde. Sie fand ihn sympathisch, wenn auch auf die Dauer reichlich aufdringlich und anstrengend. Liebe vermochte sie, für ihn jedenfalls nicht zu empfinden. Würde sie das jemals für einen Mann wieder können?

Als sie öffnete, stand sie zu ihrer Überraschung Esther Staufen gegenüber. Bertrams Sekretärin und Geliebte wollte einige seiner Sachen abholen.

"Kommen Sie herein", forderte Annetta sie eisig auf und ging voraus. Sie holte zwei Koffer und wies auf den Schrank, in dem Bertrams Anzüge hingen. "Mich brauchen Sie ja wohl nicht dazu", vermutete sie und eilte erneut zur Tür, denn nun kam Gregor.

Er brachte Blumen mit und merkte sofort Annettas Erregung. "Was ist los?", forschte er. "Hat er endlich die Scheidung eingereicht?"

Annetta deutete mit dem Daumen über die Schulter auf die angelehnte Zimmertür. "Sie ist da. Am liebsten würde ich ihr die Augen auskratzen. Welche Unverfrorenheit, bei mir aufzukreuzen!"

"Seine neue Flamme? Nimm's doch einfach mit Humor", riet Gregor, dabei war ihr das Lachen schon lange vergangen.

"Willst du sie sehen?", schlug Annetta vor. Insgeheim hoffte sie, die beiden könnten aneinander Gefallen finden und damit eine unerwartete Wende zum Guten herbeiführen.

Doch Gregor winkte uninteressiert ab. "Ich komme wohl besser später wieder. Oder soll ich mich vorsichtshalber mit einem Verbandskasten in der Nähe bereithalten?" Er grinste amüsiert.

Wie konnte er noch Witze reißen! "Diese Person fasse ich nicht einmal mit der Zange an", erklärte Annetta stolz.

Gregor ging und Esther Staufen erkundigte sich nach Bertrams Schreibmaschine, die sie mitbringen sollte. Annetta zeigte ihr das Arbeitszimmer.

"Ist noch etwas?", fragte sie ungeduldig, weil die Jüngere sie musterte, als hätte sie etwas Wichtiges auf dem Herzen.

Esther Staufen zögerte. "Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber ich habe vorhin Ihren Freund vom Fenster aus gesehen. Ich begreife Sie einfach nicht, Frau Böcklitz. Er kann doch Ihrem Mann nicht das Wasser reichen."

Jetzt platzte Annetta der Kragen. Was bildete das junge Ding sich ein?

"Das sagen ausgerechnet Sie mir?", stieß sie mühsam hervor. "Hätten Sie sich nicht Bertram an den Hals geworfen, würde ich diesen Mann überhaupt nicht kennen. Und jetzt kommen Sie daher und wollen mir auch noch gute Ratschläge erteilen."

"Was soll ich getan haben?" Auch Esther Staufens Stimme wurde aggressiver.

Annetta winkte verächtlich ab. "Sind Sie etwa noch stolz auf Ihre Eroberung. Es ist wahrlich keine großartige Leistung, einer Frau den Mann wegzunehmen, wenn man so viele Jahre jünger ist."

Die andere lief rot an. "Was erlauben Sie sich? Wer gibt Ihnen das Recht, mich zu beleidigen?"

"Du meine Güte!" Annetta lachte geringschätzig. "Jetzt spielen Sie auch noch die bedauernswerte Unschuldige. Wollen Sie etwa behaupten, mein Mann habe Ihnen dieses Armband nur deshalb geschenkt, weil Sie ihm im Büro so ausgezeichneten Kaffee kochen?"

Esther Staufen riss die Augen auf. Tatsächlich, jetzt waren sie ganz grün. Grün vor Entgeisterung. "Das Armband ist mein Verlobungsgeschenk."

"Interessant! Bertram verlobt sich also, obwohl er noch verheiratet ist."

"Was reden Sie da?" Esther Staufen schüttelte verständnislos den Kopf. "Mein Verlobter heißt Jörg Kaltner. Wir haben vor zwei Jahren fast zur gleichen Zeit in der Firma angefangen und uns auf Anhieb ineinander verliebt. Ihr Mann, Frau Böcklitz, ist mein Chef. Sonst nichts."

"Das glaube ich Ihnen nicht", beharrte Annetta dumpf. "Das Armband lag hier in diesem Schreibtisch. Ich habe es sofort an den eigenartig gewundenen Gliedern wiedererkannt."

Esther Staufen musste lachen. Es klang restlos befreit. "Na klar! Jörg hatte noch unsere Namen und das Verlobungsdatum eingravieren lassen. Da er nicht dazu kam, den Schmuck rechtzeitig abzuholen, bat er Ihren Mann darum, der ohnehin jeden Tag an dem Juweliergeschäft vorbeifährt. Jörg hat es mir erzählt. Die beiden sind doch befreundet."

Annetta schloss die Augen. "Dann hat Bertram also gar keine Geliebte?"

"Ich bin es jedenfalls nicht. Ich weiß nur, dass er völlig am Boden zerstört war, als er aus Duisburg zurückkam. Er hat sich ein möbliertes Zimmer gemietet. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Grund für seine miserable Laune herausbekam. Vielleicht sind Sie der Meinung, ich sollte mich besser um meine eigenen Probleme kümmern, aber es handelt sich immerhin um meinen Chef und das Arbeitsklima ist momentan entsetzlich."

Annetta trat ans Fenster. Was sollte sie noch sagen? Sie hatte sich unglaublich töricht benommen. Konnte sie es Bertram verdenken, dass er nun in ihr die Ehebrecherin sah?

"Würden Sie mir seine Adresse geben?", bat sie. "Außerdem möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Es tut mir ja so leid, dass ich Ihnen etwas so Abscheuliches zugetraut habe."

Die Jüngere lächelte versöhnlich. "Schon gut. Ich habe ja nur ganz kurze Zeit gelitten. Sie dagegen... Was werden Sie jetzt tun?"

Durch Annettas Körper lief ein Ruck, als sie sagte: "Ich werde ihm die Koffer selbst bringen."

 

*

 

Bertram öffnete in Hemdsärmeln. Sekundenlang war er sprachlos, als er Annetta erkannte. "Du?", murmelte er endlich.

Annetta stieß mit dem Schuh gegen die beiden Koffer. "Hier sind die Sachen, die du brauchst."

Er bückte sich danach und starrte seine Frau verdutzt an. "Was soll das? Sie sind ja leer."

Details

Seiten
77
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932973
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503600
Schlagworte
strafmandat sachen liebe

Autor

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Titel: Strafmandat in Sachen Liebe