Lade Inhalt...

Das magische Amulett Band 138: Der Kastaniengeist

2019 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Kastaniengeist

Copyright

Prolog

1

2

3

4

5

6

Der Kastaniengeist

Das magische Amulett Band 138

Roman von Jan Gardemann

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.

 

Die Amulettforscherin Brenda Logan wird vom British Museum in London beauftragt, in Irland an einer Ausgrabung teilzunehmen. Mit von der Partie ist die irische Archäologin Sandy Ratney, die nicht gerade erfreut über die englische Kollegin ist. Noch weniger gefällt es der Irin, dass Brenda den jungen Anhalter Gerrit Roscom mitnimmt und ihm einen Job bei den Ausgrabungen anbietet. Bereits in der folgenden Nacht gerät Sandy in Lebensgefahr, als sie in ihrem Zimmer in Grange Castle Besuch von einer Unbekannten in einem weißen Spitzengewand erhält, die sie mit einem Messer zu töten versucht. Gerade noch rechtzeitig kann Brenda die Angreiferin daran hindern, ihre Tat zu vollenden …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2018

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Die Kastanie hatte eine ziemlich eigentümliche Form, wie Gerrit nun feststellte. Sie sah aus wie ein kleines Herz. Ohne zu überlegen, griff Gerrit nach der seltsamen Kastanie. Fast hätte er seine Hand aber wieder zurückgezogen, denn die Kastanie fühlte sich unnatürlich warm an, fast, als handele es sich tatsächlich um ein Organ, das sich eben noch in einem lebendigen Leib befunden hatte. Unbehaglich drehte er die Kastanie zwischen seinen Fingern. Die sonderbare Wärme, die von der Kastanie ausging, griff rasch auf Gerrits Hand über. Sie vertrieb die klamme Kälte aus seinen Knochen und Gelenken, kroch seinen Arm empor, durchströmte seine Brust und erfüllte schließlich seinen ganzen Körper. Gerrit fühlte sich, als hätte er soeben die zärtliche Umarmung einer Geliebten genossen ...

 

 

1

Eigentlich liebte Gerrit Roscom Irland, seine Heimat, über alles. Es war sein sehnlichster Wunsch gewesen, ziellos durch dieses aufregende Land zu streifen, wie ein Vagabund, der an nichts gebunden war, außer an seine Freiheit.

Diesen Wunsch hatte Gerrit sich nun erfüllt. Er hatte alle Brücken und Zelte hinter sich abgebrochen, hatte Dublin mit nichts als seinen Klamotten auf dem Leib und einem Rucksack auf dem Rücken verlassen und reiste seitdem in Irland umher.

Gerrit hatte weder ein bestimmtes Ziel vor Augen, noch hatte er eine Route im Kopf. Seit vier Wochen ließ er sich einfach nur treiben. Und je mehr er von Irland, das er so heiß und innig liebte, kennenlernte, desto faszinierter war er von diesem rauen, unbändigen Land.

In diesem Moment jedoch, da der Regen eimerweise auf ihn niederprasselte und die Abenddämmerung die hügelige, karstige Landschaft um ihn herum in einen düsteren, unwirtlichen Ort verwandelt hatte, verfluchte Gerrit seinen Entschluss, als mittelloser Landstreicher herumzuziehen, das erste Mal.

Geduckt und fluchend rannte er die Flanke eines Hügels hinauf. Eines Hügels, der sich inmitten eines Meeres aus anderen grauen und kargen Hügeln erhob. Der regennasse Rucksack schien zentnerschwer auf seinen Schultern zu lasten, obwohl sich kaum etwas darin befand.

Dunkle, feucht schimmernde Felsen ragten aus der Hügelflanke, die mit struppigen Gräsern und verknorrten Büschen bewachsen war. Die Felsen muteten in Gerrits Augen in der Dunkelheit der Abenddämmerung wie Geschwüre an, die auf dem struppigen Haupt eines Riesen wucherten, dessen Schädel er sich gerade anschickte zu erklimmen.

Gerrit stolperte, als er auf einem dieser Steine ausrutschte. Der junge Mann stürzte der Länge nach hin, die Gräser um ihn herum, schlugen wie Wellen über ihm zusammen.

Fluchend rappelte Gerrit sich wieder auf. Seine Jacke und seine Hose waren jetzt nicht nur klatschnass, sie waren auch noch dreckverschmiert. Seine Hände schmerzten, weil Gerrit auf harten Fels gestoßen war, als er den Sturz hatte abfangen wollen.

In diesem Moment hätte er alles dafür gegeben, in dieser verlassenen Gegend einen trockenen Unterstand zu finden.

Gerrit verzog die Lippen zu einem sarkastischen Grinsen.

Er besaß nichts, was er hätte hergeben können, um sich einen Wunsch zu erfüllen. Nicht einmal Geld hatte er bei sich. Seine letzten Cent hatte er in einem Pub in Kealdy, einer kleinen Ortschaft, durch die er am späten Nachmittag gekommen war, ausgegeben. Doch von der Wirkung des Biers, das er dort getrunken hatte, spürte er schon längst nichts mehr.

Außer ein paar schmuddeligen Klamotten, einem Schlafsack, seinem Ausweis und einer Packung Keksen hatte er nichts bei sich, was man für die Erfüllung eines Wunsches hätte hergeben können.

»Ich werde diese Nacht wohl unter einer Wolkendusche verbringen müssen«, presste Gerrit missmutig hervor und strich sich eine Strähne seines dunklen Haars aus der regennassen Stirn. Seine Frisur hatte die Fasson verloren, das Haar stand ihm wirr und zerzaust vom Kopf ab. Auch sein Oberlippenbart müsste dringend gestutzt werden, ganz zu schweigen davon, dass eine Rasur längst überfällig war.

Gerrit wusste, dass er einen sehr verwahrlosten und heruntergekommenen Eindruck machte und man ihn wahrscheinlich fortjagen würde, falls er in dieser Einöde tatsächlich auf ein Haus traf, was ihm jedoch ziemlich unwahrscheinlich erschien. Er hatte sich anscheinend in ein Gebiet verirrt, das verlassener und einsamer nicht hätte sein können.

»Morgen werde ich mir wohl einen Job suchen müssen«, murrte er. »Sonst werde ich am Ende wie ein verwahrloster Landstreicher verenden.«

Verärgert wischte Gerrit den Gedanken beiseite. Der morgige Tag war noch weit entfernt. Eine lange, einsame und ziemlich ungemütliche Nacht stand ihm noch bevor.

Plötzlich zuckte ein Blitz aus dem nachtschwarzen Gewitterhimmel nieder. Der gezackte Lichtspeer riss die karstige Landschaft für einen Moment aus ihrem diffusen Dunkel und ließ sie für einen Sekundenbruchteil wie einen Scherenschnitt erscheinen.

Gerrit, der die Kuppe des Hügels in diesem Moment erreicht hatte, zuckte erschrocken zusammen. Der Blitz schlug nur wenige Meter von ihm entfernt in eine Eiche. Holz splitterte und krachte. Ein Laut, der von dem Donner, der sich wie eine Explosion über dem Hügel entlud, augenblicklich übertönt wurde.

Gerrit kauerte sich unwillkürlich auf den Boden. Wieder flackerte ein Blitz auf diesmal aber weiter entfernt. Sein flackerndes Licht riss den gegenüberliegenden Hügel aus dem Dunkel.

Für einen flüchtigen Augenblick glaubte Gerrit dort die klobigen Umrisse eines Gebäudes auszumachen. Es stand zwischen hohen Bäumen, deren Zweige und Blattwerk von den Gewitterböen heftig hin und her gepeitscht wurden. Ein paar schwarze große Vögel schienen über dem Dach des Hauses zu kreisen.

Doch dann versanken der Hügel und das Haus wieder in Dunkelheit. Mit seinen geblendeten Augen konnte Gerrit den Hügel nun kaum noch ausmachen. Er schien mit der Dunkelheit wie verschmolzen zu sein.

Trotzdem keimte nun Hoffnung in dem jungen Mann auf. Vielleicht würde er diese Nacht doch nicht unter freiem Himmel verbringen müssen!

Entschlossen schraubte er sich wieder in die Höhe und schickte sich an, die Hügelkuppe zu überqueren. Dabei beschrieb er einen großen Bogen um die Eiche. Er hatte zwar gehört, es sei ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Baum zweimal von einem Blitz getroffen wurde. Aber solchen Bauernweisheiten wollte er sein Leben lieber nicht anvertrauen.

Als Gerrit den Baum fast umrundet hatte, drang aus dem Blattwerk der Eiche plötzlich ein heiseres Krächzen zu ihm herab.

Erschrocken fuhr Gerrit zusammen und starrte beklommen den Baum empor.

In diesem Moment flatterte etwas Schwarzes unter lautem Krächzen zwischen den Blättern hervor.

Es war ein Rabe, wie Gerrit zu erkennen glaubte. Trotz des Regens, der auf das schwarzschillernde Gefieder des Vogels niederprasselte, flog er von der Eiche auf und nahm Kurs auf den gegenüberliegenden Hügel, auf dem Gerrit die Umrisse des Hauses gesehen zu haben glaubte.

Nach kurzer Zeit hatte die Dunkelheit die Gestalt des Raben verschluckt. Nur sein weit entferntes Krächzen hallte noch gespenstisch zu Gerrit hinüber, bis das Prasseln des Regens auch diesen Laut übertönte.

Gerrit schüttelte das unbehagliche Gefühl, das der Blitzeinschlag und der Anblick des Raben in ihm geweckt hatten, ab und setzte sich wieder in Bewegung.

Wenn er sich beeilte, konnte er das Haus noch erreichen, bevor die Nacht auch den letzten Schimmer der Abenddämmerung in sich aufgesogen hatte.

Als Gerrit den Fuß des gegenüberliegenden Hügels endlich erreichte, stieß er dort auf einen von Gräsern und Birkensprösslingen überwucherten Weg. Erleichtert, die ziemlich steil anmutende Hügelflanke nicht auf allen vieren emporkraxeln zu müssen, folgte er dem Verlauf des Weges.

Der schlechte Zustand des Pfades ließ Gerrit vermuten, dass das Haus, das er auf der Hügelkuppe gesehen zu haben glaubte, nicht mehr bewohnt war. Dies erhöhte seine Chance, in dieser Nacht doch noch ein Dach über den Kopf zu bekommen, beträchtlich. Denn wenn niemand in dem einsam gelegenen Haus lebte, gab es auch niemanden, der ihn von der Tür weisen und mit Hunden vom Grundstück jagen könnte.

Auf dem Weg war tatsächlich nicht die geringste Spur zu finden, die darauf hingedeutet hätte, dass das Haus in der letzten Zeit besucht worden war. Die Birkensprösslinge waren alle unversehrt, kein Zweig war geknickt oder abgebrochen. Es waren auch keine Reifenspuren zu entdecken.

Gerrit beschleunigte seinen Schritt. So schnell wie möglich wollte er nun ins Trockene. Die Aussicht, das alte Haus ganz für sich allein zu haben, trieb ihn zu noch größerer Eile an.

Der Pfad endete zwischen einer Gruppe fast mannshoher, nachtschwarzer Findlinge, die in der Dunkelheit der Nacht gespenstisch schimmerten, weil der Regen über sie hinweg strömte. Der Weg führte mitten durch die Findlingsgruppe hindurch und mündete dann auf einem felsigen Platz.

Während Gerrit die Findlinge passierte, dachte er, dass sie ein wenig wie Wächter anmuteten. Nachdem er die Felsen hinter sich gelassen hatte, fand er sich auf einem großen, kahlen Platz wieder, der von hohen, alten Bäumen umstanden war. Mitten auf diesem Platz stand das verlassene Haus, das Gerrit im Widerschein des Blitzes gesehen hatte. Es handelt sich um einen schmucklosen, zweigeschossigen Kasten mit einem schadhaften Dach, aus dem lange, halbverfallene Schornsteine ragten. Bei genauerem Hinsehen konnte Gerrit sogar die Löcher in der Fassade ausmachen, wo einst die Fenster des Hauses gewesen waren, jetzt aber nur noch leere, schwarze Rechtecke gähnten.

Unwillkürlich war Gerrit stehen geblieben. Den Regen, der ihm über das Gesicht strömte, spürte er kaum noch.

So verheißungsvoll es ihm anfangs auch erschienen war, für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben, konnte Gerrit sich nun doch nicht dazu durchringen, sich dem unheimlichen Haus zu nähern und Schutz darin zu suchen.

Irgendetwas an diesem Gebäude erschien ihm unheimlich. Dabei wirkte es mit seinen hohen, schmucklosen Mauern eher nüchtern. Dennoch kam es Gerrit vor, als würde dieses Haus ihn mit seinen dunklen Fensterhöhlen feindselig anstarren. Der Eingang, zu dem eine breite Freitreppe emporführte, mutete wie ein Schlund an, der mit einer doppelflügeligen Tür versiegelt worden war, damit das Haus niemand verschlingen konnte:

Gerrit wischte die düsteren Gedanken, die ihm beim Anblick des Hauses durch den Kopf gingen, ärgerlich beiseite.

»Du bist kindisch, mein Lieber«, sprach er zu sich selbst. Aber seine Stimme war rau und belegt, und klang, als gehöre sie einem Fremden.

Gerrit gab sich einen Ruck und trat zögernd auf den Eingang des Hauses zu. Dabei bemerkte er, dass die Stufen der Freitreppe mit Grasbüscheln überwuchert waren. Moose und Flechten überzogen die Hausmauern, die vor Nässe schimmerten.

Vor der Treppe angelangt, setzte Gerrit einen Fuß auf die unterste Stufe.

Im selben Moment hob um ihn herum plötzlich ein ohrenbetäubendes Krächzen und Keckern ein. In die Kronen der umstehenden Bäume war Bewegung gekommen. Über ein Dutzend Krähen flog zwischen den Blättern hervor, vereinte sich über dem Dach des Hauses zu einem Schwarm und zog krächzend in einem Kreis darüber hinweg.

Gerrit, der eine Gänsehaut bekommen hatte, fasste sich an die Brust und atmete tief durch.

Vorwurfsvoll starrte er zu den Vögeln empor. Trotz des Regens und der Blitze, die in der Ferne immer wieder aufflackerten, flogen sie seelenruhig ihre Kreise über dem Dach des Hauses und stießen dabei ihre markdurchdringenden Schreie aus.

»Ihr verdammten Biester!«, rief Gerrit zu den Raben empor. »Müsst ihr einen einsamen Wanderer so sehr erschrecken? Die Gänsehaut, die ihr mir durch euren Auftritt beschert habt, werde ich bestimmt die ganze Nacht nicht wieder los!«

Wie, als wollten Sie auf Gerrits Ruf antworten, stimmten die Krähen ein wahres Krächzkonzert an.

Unbehaglich schüttelte Gerrit den Kopf. »Seltsame Biester, diese Vögel«, murrte er. »Das Gewitter muss sie durcheinandergebracht haben.«

Mit diesen Worten stieg er entschlossen die Treppe empor und blieb vor der Eingangstür stehen. Sie bestand aus solidem Eichenholz und war genauso schmucklos und schlicht, wie die Fassade des Hauses. Eine Klinke gab es nicht mehr. Statt ihrer klaffte ein Loch in dem Türblatt.

Gerrit streckte die Hand aus und versuchte die Tür aufzudrücken.

Die Angeln knarrten und quietschten. Doch nachdem die Tür einen Spalt breit aufgeschwungen war, stoppte sie und ließ sich keinen Zentimeter mehr bewegen.

Gerrit stemmte sich mit der Schulter gegen das Türblatt. Aber es hatte keinen Sinn. Die Tür war fest verkeilt.

Der Spalt, der entstanden war, war jedoch breit genug, dass Gerrit sich hindurchquetschen konnte. Er musste allerdings seinen Rucksack abnehmen und hinter sich durch die Öffnung zerren. Doch schließlich hatte er sich und seine Habe sicher ins Trockene gebracht.

Nun, da der Regen nicht auf ihn niederprasselte, konnte Gerrit endlich wieder klar denken. Zumindest kam es ihm vor, als wären seine Gedanken nun nicht mehr ganz so wirr und durcheinander, wie zu dem Zeitpunkt, da er das seltsame Haus das erste Mal erblickt hatte. Er war heilfroh, endlich einen trockenen Schlafplatz gefunden zu haben.

Gerrit begann sich in der dunklen Eingangshalle umzusehen. Dabei stellte er verblüfft fest, dass außer dem prasselnden Geräusch, das der Regen verursachte, nichts mehr zu hören war. Das Krächzen der Raben schien in dem Moment verstummt zu sein, als er die Schwelle des Hauses übertreten hatte.

Gerrit schüttelte verwundert den Kopf, beschloss aber, sich nicht weiter um die seltsamen Vögel zu kümmern. Stattdessen holte er das Feuerzeug hervor, das er in seiner Hosentasche mit sich herumtrug und versuchte es anzuschnipsen. Da der Feuerstein jedoch nass geworden war, gelang es Gerrit erst nach etlichen vergeblichen Versuchen, eine Flamme zu entzünden.

Als die Flamme schließlich aufzüngelte, erfüllte sie die Eingangshalle mit einem zuckenden, diffusen Halbdunkel.

Gerrit war ein wenig enttäuscht. Die Halle war absolut leer. Außer den nackten Wänden, die ihn umgaben, war nichts Interessantes zu entdecken. Es gab nicht einmal mehr Türen. Sie waren vermutlich schon vor langer Zeit entfernt worden, sodass die Zugänge zu den Zimmern, die von der Eingangshalle abzweigten, nichts als gähnende schwarze Öffnungen im Mauerwerk waren.

Zögernd trat Gerrit auf eine der Öffnungen zu und spähte in das dahinterliegende Zimmer, in dem er das Feuerzeug mit ausgestrecktem Arm vor sich hielt. In dem Raum, in den er nun blickte, sah es jedoch nicht besser aus, als in der Eingangshalle. Er war vollkommen leergeräumt und schmucklos. Durch die Fensteröffnungen, in denen nicht einmal mehr die Rahmen der Fenster verblieben waren, drangen kalter Wind und Regen herein. Nasse, dunkle Flecken auf den Dielenbrettern, ließen Gerrit vermuten, dass die Bohlen bereits durchgerottet sein mussten.

Das Feuerzeug in Gerrits Hand wurde plötzlich heiß. Fluchend ließ Gerrit die Flamme erlöschen und fuchtelte mit dem Feuerzeug in der Luft herum, damit es rascher abkühlen konnte.

Als er sich wenig später den anderen Zimmern zuwandte, ließ er die Flamme des Feuerzeuges nur kurz aufflammen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Viel zu sehen gab es ohnehin nicht. Nur in einem der größeren Zimmer, dem ehemaligen Salon, wie Gerrit vermutete, entdeckte er einen wuchtigen Kamin. Die Einfassung des Kamins war aus der Wand herausgebrochen und fortgeschafft worden. Der Kamin würde aber trotzdem noch funktionieren, es sei denn, der Schornstein war verstopft, was Gerrit nicht hoffte. Er hatte nämlich vor, den Kamin mit Holz zu bestücken und ein Feuer darin zu entfachen.

Die Aussicht, in dem Haus nicht nur eine trockene, sondern auch mollig warme Nacht verbringen zu können, hob Gerrits Laune beträchtlich. Er war fast versucht, ein fröhliches Lied vor sich hinzupfeifen, als er seinen Rucksack vor dem Kamin auf den Boden warf. Als der schaurige Widerhall der ersten gepfiffenen Noten jedoch an Gerrits Ohren drang, hielt er abrupt inne.

Irgendwie hatte das Echo in seinen Ohren wie der schrille, verzweifelte Schrei einer Frau geklungen.

Bevor Gerrit erneut in den strömenden Regen hinauseilte, um nach Feuerholz zu suchen, zog er die Schultern hoch und stellte den Kragen seiner völlig durchnässten Jacke auf. Dann zwängte er sich durch den Türspalt, rannte die Stufen der Freitreppe hinab und lief, so schnell es der glitschige Untergrund erlaubte, zu den Bäumen hinüber.

Gerrit hoffte, unter den weit ausladenden Zweigen der Bäume einige trockene Äste zu finden. Doch plötzlich blieb er mitten im strömenden Regen stehen und sah die Bäume zweifelnd an.

»Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen«, fiel ihm eine weitere Bauernweisheit ein, die sich auf das Verhalten während schlimmer Gewitter bezog.

Bei der überwiegenden Zahl der Bäume, die das Haus umstanden, handelte es sich jedoch um Eichen, wie Gerrit voller Verdruss feststellen musste. Dort war er vor Blitzeinschlägen nicht sicher.

Darum steuerte er schließlich auf eine alte Kastanie zu. Ihre weit ausladenden Äste reichten fast bis auf den Boden hinab. Während Gerrit sich fluchend durch die regennassen Äste zwängte, hatte er das Gefühl, in eine verborgene Höhle zu treten.

Tatsächlich bildeten die Äste und Zweige der Kastanie mit ihren großen gefingerten Blättern eine Art gewölbtes Dach, das sich wie eine Kuppel über Gerrit spannte. Das Rauschen des Regens drang nur noch gedämpft an seine Ohren. Es fielen auch nur noch vereinzelt dicke Tropfen auf ihn nieder, die einen Weg durch das verworrene Blattwerk der Kastanie gefunden hatten.

Aufmerksam blickte Gerrit sich in der Dunkelheit um. Seine Augen hatten sich aber inzwischen so sehr an die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnt, dass er die Umrisse der vielen Äste und Zweige, die sich mit den Jahren unter dem Baum angesammelt hatten, recht gut erkennen konnte.

Augenblicklich fing er an, die trockenen Äste herauszusuchen und auf einen Haufen zu stapeln. Als er meinte, genug Holz für die Nacht zusammengeklaubt zu haben, schickte er sich an, den Stapel aufzuheben, um durch den Regen zum Haus zurückzurennen.

Da gewahrte Gerrit über sich plötzlich eine schattenhafte Bewegung.

Gehetzt schaute er auf und erblickte einen Raben. Er kauerte auf einem dicken, herabhängenden Ast und starrte mit schief gelegtem Kopf auf den jungen Mann hinab.

Auch auf den anderen Zweigen, die die Kuppel des Hohlraumes unter dem Baum bildeten, kauerten Raben, wie Gerrit nun mit wachsendem Unbehagen feststellte.

»Schon wieder ihr«, grollte Gerrit entnervt. Ohne es zu ahnen, war er anscheinend in ihren Unterschlupf eingedrungen. Umso seltsamer fand er es, dass die Vögel nicht angeschlagen und unruhig geworden waren, als er in ihr Versteck eingedrungen war.

Wieder überkam ihn ein eiskalter Schauer. Die Raben waren ihm unheimlich, denn sie benahmen sich in seinen Augen widernatürlich und untypisch.

»Ich bin gleich wieder weg«, sprach er beruhigend auf die Vögel ein und begann hektisch das Holz zusammenzuklauben. »Es besteht also kein Grund, nervös zu werden und unkontrolliert herumzuflattern.«

In Wahrheit waren es aber nicht die Vögel, die beruhigenden Zuspruchs bedurften, denn die verhielten sich völlig gelassen. Dafür aber war Gerrit ziemlich nervös. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn die gespenstischen Vögel sich plötzlich auf ihn gestürzt hätten, um ihn mit ihren Krallen und Schnäbeln anzugreifen.

Daher schrie Gerrit auch erschrocken auf, als die Krähe, die er zuerst erblickt hatte, plötzlich den Schnabel öffnete und etwas, das er nicht genau erkennen konnte, direkt auf ihn herabfiel.

Instinktiv riss Gerrit den Arm über den Kopf, konnte es aber nicht verhindern, dass der Gegenstand seine Stirn traf und schließlich vor seinen Füßen zu Boden fiel.

»Aua!«, rief Gerrit mehr verwundert, als vor Schmerz. Er beugte sich hinab, um den Gegenstand, den die Krähe nach ihm geworfen hatte, näher in Augenschein zu nehmen.

Es war eine Kastanie, wie er befremdet feststellte. Hatte die Krähe etwa absichtlich mit der Kastanie nach ihm geworfen, um ihn so aus ihrem Unterschlupf zu vertreiben?

In Anbetracht des seltsamen Verhaltens der Vögel erschien Gerrit dieser Gedanke gar nicht mal so abwegig.

Vorsichtig spähte er zu den anderen Vögeln empor in Erwartung, dass noch mehr Kastanien auf ihn herabprasseln würden.

Aber soweit er es in der Dunkelheit erkennen konnte, waren die Schnäbel der anderen Krähen leer. Stattdessen starrten sie erwartungsvoll und abwartend auf ihn herab, wie es Gerrit vorkam.

Der junge Mann schüttelte sich.

Er kam sich plötzlich wie ein Versuchstier vor, und die Krähen waren die verrückten Wissenschaftler, die seltsame Experimente mit ihm anstellten.

Rasch wollte er das Brennholz an sich reißen und unter dem Baum verschwinden, als sein Blick wieder auf die Kastanie fiel, die der Rabe nach ihm geworfen hatte.

Die Kastanie hatte eine ziemlich eigentümliche Form, wie Gerrit nun feststellte. Sie sah aus wie ein kleines Herz.

Ohne zu überlegen griff Gerrit nach der seltsamen Kastanie.

Fast hätte er seine Hand aber wieder zurückgezogen, denn die Kastanie fühlte sich unnatürlich warm an, fast, als handele es sich tatsächlich um ein Organ, das sich eben noch in einem lebendigen Leib befunden hatte.

Unbehaglich drehte er die Kastanie zwischen seinen Fingern. Die sonderbare Wärme, die von der Kastanie ausging, griff rasch auf Gerrits Hand über. Sie vertrieb die klamme Kälte aus seinen Knochen und Gelenken, kroch seinen Arm empor, durchströmte seine Brust und erfüllte schließlich seinen ganzen Körper. Gerrit fühlte sich, als hätte er soeben die zärtliche Umarmung einer Geliebten genossen.

Völlig verdattert und unfähig für die mysteriösen Vorgänge eine plausible Erklärung zu finden, steckte er die geheimnisvolle Kastanie in seine Hosentasche. Entschlossen nahm er den Holzstapel auf und bahnte sich mit seiner Last schließlich einen Weg durch die herabhängenden Zweige.

Kalt und unbarmherzig peitschte ihm der Regen ins Gesicht, als er die Höhle unter dem Kastanienbaum hinter sich ließ. Das Brennholz an seinen Körper gepresst, hastete er auf das unheimliche Haus zu.

Fast wäre er über eine Stufe gestolpert, als er die Freitreppe hinaufstürmte. Vor der Tür blieb er dann abrupt stehen und starrte verärgert auf den schmalen Spalt, durch den er sich zwängen musste, um ins Innere des Hauses zu gelangen. Er würde die Äste und Zweige einzeln durch den Spalt werfen müssen, da die Tür sich wegen der verrotteten Angeln nicht weiter öffnen ließ.

Gerrit fluchte verhalten und trat mit dem Fuß mürrisch nach der Tür.

Im selben Moment schwang der Türflügel auf. Dabei verursachte er nicht einmal das leiseste Quietschen.

Ohne sich länger zu wundern trat Gerrit rasch über die Schwelle ins Trockene und schlug die Tür mit dem Ellenbogen hinter sich wieder zu.

Er horchte auf, als ein trockenes Klacken verriet, dass das Schloss der Tür eingeschnappt war.

Dabei hatte die Tür doch gar kein Schloss mehr besessen!

Verwundert drehte Gerrit sich um und starrte den reich verzierten Türknauf verdattert an.

Bevor er sich fragen konnte, woher der Türknauf so plötzlich gekommen war, sah er neben der Tür einen schmalen Spiegel an der Wand. Der geschnitzte Holzrahmen des Spiegels war mit Blattgold verziert, das matt in der Dunkelheit schimmerte.

Gerrit glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Das Brennholz unter dem Arm drehte er sich langsam um seine eigene Achse und starrte all die antiken Einrichtungsgegenstände an, mit denen die Eingangshalle plötzlich ausgestattet war. An der Wand hingen sogar Wandteppiche und altertümliche Waffen.

»Was ist denn jetzt los?«, entfuhr es Gerrit mit tonloser Stimme. Er war sich sicher, vorhin keiner Sinnestäuschung erlegen gewesen zu sein, als er sich in den leer geräumten, schmucklosen Räumen umgesehen hatte.

Jetzt aber waren sogar die Zimmertüren wieder da. Es handelte sich um schöne, mit Schmuckkassetten und Rosetten reich verzierte Türen.

Eine dieser Türen stand offen. Es war die, die in den Salon mit dem Kamin führte. Schummeriges Licht drang aus dem Salon in die Eingangshalle hinaus. Warmes Licht, das Gerrit an das anheimelnde Leuchten von Kerzen erinnerte.

Gerrit glaubte Vitrinen mit Porzellan, Regale voller Bücher und hochlehnige Sessel in dem Salon zu erkennen. Die Sessel waren um den Kamin gruppiert, der nun seine Marmoreinfassung wieder besaß.

In diesem Moment erschien eine schlanke Gestalt in der Türöffnung. Rötlich schimmerndes Haar umspielte ein blasses, aber sehr anmutig erscheinendes Gesicht, das in dem schummerigen Kerzenschein sehr verführerisch auf Gerrit wirkte.

»Hallo, Martin«, sagte die Frau mit sanfter, ruhiger Stimme. »Ich freue mich, dass du nach all der Zeit wieder zu mir gefunden hast. Sei in meinem Haus willkommen!«

Mit diesen Worten streckte sie die Arme aus und trat mit anmutigen Schritten auf Gerrit zu, der völlig perplex dastand und nicht fähig war, sich zu rühren.

Dafür aber verschlang er die junge, geheimnisvolle Frau, die ohne Furcht und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zukam, gierig mit seinen Blicken.

Sie trug bloß ein weißes, spitzenbewehrtes Kleid, das ihr bis zu den zierlichen Füßen hinab reichte. Es war so durchscheinend, dass der flackernde Kerzenschein spielend hindurchdrang und die weiblichen Rundungen der Frau sanft und verführerisch nachzeichnete.

Als die Fremde vor Gerrit angelangt war, legte sie ihre Arme um seinen Nacken und sah ihn mit ihren dunklen Augen verliebt an.

Gerrit ließ das Brennholz fallen. Das Rumpeln und Poltern, das dabei entstand, nahm er nur am Rande wahr. Stattdessen schlang er der jungen Frau die Arme um die Hüften und zog sie an sich.

»Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet«, seufzte die Frau. Erwartungsvoll schloss sie die Augen und näherte sich Gerrits Mund.

Als sich ihre Lippen berührten, verstummten die zahlreichen Fragen, die durch Gerrits Gehirnwindungen jagten. Plötzlich wollte er gar nicht mehr wissen, wie es sein konnte, dass dieses unheimliche Haus, das vor wenigen Augenblicken noch leer und unbewohnt gewesen war, nun plötzlich wieder eingerichtet war und eine Bewohnerin hatte. Eine Bewohnerin, die sich voller Leidenschaft an ihn schmiegte und von seinen Berührungen und Kosungen gar nicht genug haben konnte ...

 

 

2

»Ich verstehe noch immer nicht, warum Bryan Bantaray mir für die Ausgrabungen auf seinem Grundbesitz ausgerechnet eine Archäologin aus England zur Seite stellen musste.«

Sandy Ratney, die diese nicht eben schmeichelhaften Worte soeben ausgesprochen hatte, warf mir, Brenda Logan, einen missmutigen Blick zu. Sie saß hinter dem Steuer ihres Kleinwagens und lenkte ihn lässig durch eine karge Hügellandschaft, mehrere Kilometer westlich von Dublin entfernt. Die Abenddämmerung war längst der Nacht gewichen. Aus den pechschwarzen Wolken über uns, strömten wahre Wassermassen nieder. Die Scheibenwischer hatten sichtlich Mühe, gegen die Sturzbäche anzukämpfen, die uns die Sicht verschleierten.

»Warum fragen Sie Bryan Bantaray nicht selber, was er sich dabei gedacht hat?«, erwiderte ich kühl. »Wenn Sie als Irin ein Problem damit haben, mit einer Engländerin zusammenzuarbeiten, hat unser Landedelmann entweder mit Ihnen oder mit mir eine schlechte Wahl getroffen, als er das Team für die Ausgrabungen auf seinem Grundbesitz zusammenstellte.«

»Ich hätte diese Ausgrabung auch allein vornehmen können«, versetzte Sandy. »Schließlich bin ich eine ausgebildete Archäologin und habe schon an zahlreichen Expeditionen teilgenommen.«

»Und?«, fragte ich herausfordernd. »Hat man Ihnen dort einen Vorwurf gemacht, weil Sie aus Irland stammen?«

Sandys Miene verdüsterte sich. »Natürlich nicht«, entgegnete sie mürrisch. »Das hätte ich auch keinem geraten. Schließlich bin ich stolz auf meine Herkunft.«

»Dann sollten Sie sich an Ihren Kollegen ein Beispiel nehmen und mir keinen Vorwurf machen, weil ich eine Engländerin bin.«

Sandy presste die Lippen aufeinander und starrte angestrengt in den Regen hinaus. Ihr kurzes brünettes Haar war modisch geschnitten, auch ihr Hosenanzug kündete von einem guten Geschmack. Sie hatte ihr hübsches, ausdrucksstarkes Gesicht dezent geschminkt und machte auf mich ganz den Eindruck einer kultivierten, selbstsicheren Frau.

Diesem Eindruck lief ihr abweisendes Verhalten jedoch sehr zuwider. Seit Sandy mich am Flughafen von Dublin in Empfang genommen hatte, hatten wir nur einige wenige Worte miteinander gewechselt. Sie gab sich keine Mühe, zu verheimlichen, wie sehr sie meine Anwesenheit störte.

»Bryan Bantaray hat Prof. Salomon Sloane, den Direktor des British Museum, offiziell um Unterstützung gebeten«, sah ich mich genötigt, meine Anwesenheit hier in Irland zu erklären. »Der Professor hatte für diese Unternehmung eigentlich einen anderen Kollegen aus dem British Museum vorgesehen. Doch dieser Kollege ist leider schwer erkrankt, sodass ich für ihn einspringen musste. Ich habe mich also weder um diesen Job gerissen, noch bin ich besonders erpicht darauf, bei diesem Sauwetter in der irischen Einöde im Matsch herumzuwühlen, um irgendwelche altertümlichen Fundamente freizulegen.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und starrte entnervt in die Nacht hinaus. »Normalerweise hätte ich jetzt Feierabend und würde zusammen mit meinem geliebten Mann Daniel Connors irgendwo in London romantisch zu Abend essen«, setzte ich meinen Monolog fort. »Stattdessen sitze ich nun in diesem engen, unbequemen Auto und lasse mich von einer schlechtgelaunten Irin durch eine Landschaft kutschieren, die eine hervorragende Kulisse für einen Horrorfilm abgeben würde.«

Sandy musste unwillkürlich grinsen. Schließlich atmete sie einmal tief durch und warf mir dann einen amüsierten Seitenblick zu.

»Ich fürchte, ich habe mich Ihnen gegenüber nicht gerade von meiner Schokoladenseite gezeigt. Hoffentlich denken Sie jetzt nicht, dass alle Iren so sind wie ich.«

»Dies ist nicht mein erster Irlandaufenthalt«, stellte ich richtig. »Ich kenne viele, sehr nette Iren. Die meisten von ihnen sind stolz auf ihre Nationalität allerdings, ohne sich wegen der Anwesenheit einer Engländerin herabgesetzt zu fühlen.«

»Ich fühle mich aber gar nicht herabgesetzt«, ereiferte sich Sandy und klang dabei wie ein bockiges Mädchen. »Es stört mich nur, dass die Engländer sich immer in die Angelegenheiten der Iren einmischen müssen. Auf dem Grundbesitz von Bryan Bantaray wurde wahrscheinlich ein sehr bedeutender Fund gemacht. Und dieser versnobte Landedelmann hat nichts Besseres zu tun, als einen Engländer herbeizuzitieren, um diesen Fund auszugraben und zu bewerten. Diesen Job hätte ich ebenso gut auch allein bewältigen können!«

Ich schenkte Sandy ein entwaffnendes Grinsen. »Es ist aber durchaus möglich, in solchen Fällen auf internationale Hilfe zurückzugreifen. In diesem Vorgehen eine Beschneidung Ihrer Kompetenz zu sehen, verrät nur, dass es um Ihr Selbstwertgefühl nicht besonders gut bestellt ist, Sandy.«

Meine Kollegin schnappte empört nach Luft und wollte zu einer Erwiderung ansetzen. Doch in diesem Moment erschien plötzlich eine schlanke Gestalt im Scheinwerferlicht des Autos.

»Vorsicht!«, rief ich.

Erschrocken trat Sandy auf die Bremse und riss das Steuer herum. Der Wagen verlor die Haftung mit der Straße und rutschte wie auf Skiern über den regennassen Asphalt. Holpernd schoss das Fahrzeug über den Fahrbahnrand hinweg, schlidderte über das Gras und stürzte schließlich, mit der Motorhaube voran, in den Straßengraben.

Ich wurde auf meinem Sitz nach vorn geschleudert. Doch die Sicherheitsgurte und der Airbag, der sich mit einem explosionsartigen Knall geöffnet hatte, verhinderten, dass ich mich verletzte.

Rasch blickte ich zu Sandy hinüber. Sie war mit dem Kopf gegen das Seitenfenster geprallt und hatte eine Platzwunde an der Stirn davongetragen. Benommen und mit erhobenen Händen kauerte sie auf ihrem Sitz und starrte fassungslos vor sich hin.

»Sind Sie in Ordnung?«, fragte ich besorgt und berührte die junge Frau an der Schulter.

Sandy schrie auf und stieß meinen Arm von sich. »Mein schöner Wagen!«, rief sie vorwurfsvoll und starrte mich mit wirrem, wütendem Blick an. »Das ist alles nur Ihre Schuld, Brenda Logan!«

Ich verdrehte innerlich die Augen. Die Bemerkung, die mir auf den Lippen lag, ließ ich jedoch unausgesprochen, denn in diesem Moment fiel mir wieder ein, was den Unfall ausgelöst hatte.

Der Frau, die so unverhofft im Licht der Scheinwerfer aufgetaucht war, war vielleicht etwas zugestoßen!

Ich stieß die Wagentür auf, schwang meine Beine aus dem Wagen und hätte meine Füße fast wieder zurückgezogen, als sie in das kalte Wasser des Grabens eintauchten, in dem wir gelandet waren.

Ich versuchte den Gedanken an meine teuren Markenschuhe zu unterdrücken, verließ das Auto und kroch rasch die Böschung empor. Regen peitschte mir ins Gesicht und fuhr mir unter meine Jacke. Am oberen Ende der Grabenböschung angekommen, sah ich mich aufmerksam um.

Die Straße lag wie ausgestorben da. Um mich herum erstreckte sich eine karge hügelige Landschaft, die von flackernden Blitzen hier und da gespenstisch beleuchtet wurde. Es war aber weit und breit kein Fahrzeug oder das Scheinwerferlicht eines Autos zu sehen. Auch von der Frau, die uns vor den Wagen gelaufen war, fehlte jede Spur.

Gerade wollte ich mich wieder unserem verunglückten Fahrzeug zuwenden, als ich in der Ferne plötzlich eine huschende Bewegung bemerkte. Ein heller Fleck bewegte sich dort rasch eine steile Hügelflanke empor.

Verwundert starrte ich den hellen Fleck in der Ferne an, der eindeutig die Umrisse einer schlanken, zierlichen Gestalt aufwies. Ich vermeinte langes Haar und die Zipfel eines dünnen weißen Kleides im Wind flattern zu sehen.

Es musste sich um dieselbe Gestalt handeln, die uns vor wenigen Minuten vor das Auto gelaufen war.

Aber wie konnte es angehen, dass diese Frau schon so weit von der Straße entfernt war? Selbst eine Marathonläuferin hätte sich auf dem unwegsamen Gelände nicht so rasch fortbewegen können wie diese mysteriöse Frauengestalt.

In diesem Augenblick quälte sich Sandy aus dem Straßengraben hervor. Sie hatte ihre Stirnwunde notdürftig mit einem Pflaster aus dem Verbandskasten ihres Wagens versorgt.

»Wo ist diese Verrückte?«, fluchte sie ungehalten, während sie taumelnd auf die Beine kam und sich benommen in der Dunkelheit umsah. »Wenn ich diese Frau erwische, werde ich ihr ordentlich den Kopf waschen. Sie wird für den Schaden, der an meinem Wagen entstanden ist, aufkommen müssen!«

Inzwischen war die Fremde hinter einem Hügel verschwunden und nicht mehr zu sehen. Wir hätten sie nicht mehr einholen können, selbst wenn wir von dem Unfall nicht angeschlagen gewesen wären.

»Wenn Sie nicht so unkonzentriert gewesen wären, Sandy, hätten Sie die Frau vielleicht rechtzeitig bemerkt«, warf ich ein.

Sandy lachte gekünstelt und warf die Arme empor. »Wenn Sie mir wegen meiner irischen Abstammung keine Vorwürfe gemacht hätten, hätte ich mich auch besser auf die Fahrbahn konzentrieren können!«, rief sie aufgebracht. »Ich hatte es gewusst! Es bringt nur Ärger, wenn man sich mit Engländern einlässt!«

»Wollen Sie etwa wieder anfangen zu streiten? Wir sollten lieber zusehen, irgendwo Hilfe herbeizuholen. Ich habe nämlich keine Lust, die Nacht in einem Kleinwagen zu verbringen, der in einem Straßengraben feststeckt.«

Ich schickte mich an, mein Handy aus der Hosentasche zu ziehen. Doch da erblickte ich auf einem Hügel in der Nähe der Straße plötzlich mehrere Gestalten. Sie kamen aus der Richtung, aus der auch die mysteriöse Frau gekommen sein musste, bewegten sich im Gegensatz zu ihr jedoch langsam und hatten sichtlich Mühe, das schwierige Gelände zu Fuß zu bewältigen.

»Wir bekommen Besuch!«, zischte ich Sandy zu und deutete auf die düsteren Gestalten, die den Hügel hinab kamen.

Es handelte sich um eine Gruppe von drei Männern. Sie waren in Regenmäntel gehüllt und winkten und riefen. Da sie jedoch zu weit entfernt waren, konnte ich ihre Worte nicht verstehen.

Sandy trat an meine Seite, die Arme fröstelnd um ihre Schultern geschlungen. Der Regen hatte ihren Hosenanzug bereits völlig durchnässt. Ihr Haar klebte in nassen, unansehnlichen Strähnen an ihrem Kopf. Der Regen hatte ihre Schminke verlaufen lassen, was sie noch bejammernswerter erscheinen ließ, als es mit ihrer Platzwunde auf der Stirn sowieso schon der Fall war.

»Es muss hier in der Nähe anscheinend irgendwo eine Ortschaft geben«, vermutete ich.

Sandy nickte. »Kealdy heißt das Dorf«, erwiderte sie zurückhaltend. »Wir befinden uns ganz in der Nähe der Ausgrabungsstelle. Diese Burschen da sehen aber nicht gerade vertrauenerweckend aus.«

Details

Seiten
122
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932966
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503218
Schlagworte
amulett band kastaniengeist

Autor

Zurück

Titel: Das magische Amulett Band 138: Der Kastaniengeist