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Schicksale im Haus an der Ecke #11: Gegenseitig ausgetrickst

2019 105 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gegenseitig ausgetrickst

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Die Hauptpersonen:

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Gegenseitig ausgetrickst

Schicksale im Haus an der Ecke #11

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Der zwölfjährige Walter lebt im Haus an der Ecke, einem Edel-Puff, weil seine Eltern sich nicht um ihn kümmern. Er besucht sogar die Höhere Schule, und dort erwartet man, dass ein Erziehungsberechtigter zum Elternsprechtag kommt. Da Walter befürchtet, dass seine Mutter ihn blamieren würde, soll jemand anders die Rolle übernehmen. Alle Bewohner des Eckhauses mögen den aufgeweckten Jungen – angefangen von der Puffmutter Deike über die bärbeißige Köchin Ida, die hübschen Tüllen und sogar Marek, der Ludenkönig, hat einen Narren an dem schlauen Kerlchen gefressen –, deshalb wollen sie ihm helfen. Bärbel soll Walters Mutter mimen, aber als sie dem Direktor gegenübersteht, fällt – nicht nur sie – aus allen Wolken ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Cindy, Pornofilm-Mädchen - fängt den Königsluden ein.

Bärbel, Dirne im Haus an der Ecke - soll Walters Mutter spielen.

Ottokar - Schuldirektor mit außergewöhnlichen Ansprüchen.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Das junge Mädchen ließ ihn nicht aus den Augen. Ein langer, schmachtender Blick traf ihn. Der Königslude erhob sich lässig, wie ein Tiger, der seine Beute anschleicht, die vor Schreck schon gelähmt ist. Er hatte keine Eile, und das zeigte er deutlich.

Es war eine ganz gewöhnliche Nacht. Bei dieser Witterung fühlten die Mädchen sich auf der Rampe wohl. Die Freier im Hof waren fröhlich und guter Dinge. Für die Mädchen bedeutete das kaum Arbeit. Sie unterhielten sich. Noch war die Stunde nicht gekommen, da die Kunden sich drängten. Im Augenblick gab es mehr Sehervolk. Auch die teuren Mädchen vom Haus an der Ecke mussten es sich gefallen lassen, angestarrt zu werden. Sie sahen diese gierigen Blicke schon gar nicht mehr. Perfekt in Liebesdingen, die man sich gegen Geld leisten konnte, wusste jede Dirne hier oben, wer etwas von ihnen wollte und diese Art von Vorspiel brauchte. Alle kannten aber auch jene Kunden, die mit feuchten Händen unten standen und sie anstarrten und sich ausmalten, wie es wohl mit ihnen sein könnte. Die hatten entweder keinen Mut oder keine Scheinchen für diese Art von Liebesleben. Die Dirnen wussten also sehr wohl, wann sie sich in Positur stellen mussten. Außerdem hatten sie viele Stammkunden, die sich entweder telefonisch anmeldeten oder in regelmäßigen Abständen kamen. Sie konnten praktisch die Uhr nach ihnen stellen.

So lehnten die Dirnen an der weißen Hauswand, zogen an ihren Glimmstängeln und bliesen den Rauch in die laue Nacht.

»Schon lange nichts mehr los gewesen!«, rief Kony lachend. »Wir rosten ja ein, wenn’s nicht bald mal wieder rundgeht!«

»Lass das nur nicht Deike hören«, sagte Rita. »Die wird sonst richtig nervös.«

»Ach, die hat doch auch ihren Spaß daran, Marek ein wenig zu kitzeln.«

Die Mädchen lächelten sich wissend zu.

Bis vor wenigen Monaten war man sich mal wieder völlig einig darin, dass die schöne Bordellmutter kein Liebesleben mehr hatte. Wusste man doch, dass sie nach ihrer schweren Erkrankung nie wieder einen Mann angesehen hatte. Sie war einst selbst eine Startülle gewesen. Und nach der Krankheit hatte der Großlude Marek ihr dieses damals verkommene Haus zur Verfügung gestellt. Der frühere Puffwirt hatte es völlig heruntergewirtschaftet, wodurch es natürlich einen sehr schlechten Ruf hatte. In diesem Zustand hatte Deike es übernommen und wenig später durch Zufall Ida, die Köchin, als Geschenk des Himmels dazubekommen. Diese zwei Damen, so verschieden sie auch waren, mochten sich sofort. Ida ließe sich vierteilen, wenn sie dadurch Deike retten könnte. Sie war wieselflink und hatte eine scharfe Zunge und erschlug praktisch jeden damit, der es nur wagte, ihr die Liebe näherzubringen ob Männlein oder Weiblein. Sie war einst eine Dirne der Gosse gewesen und durch einen Jungen vor dem Selbstmord gerettet worden. Eben dieser Walter lebte jetzt ebenfalls im Haus an der Ecke und ließ sich nur hin und wieder bei seinen leiblichen Eltern sehen, die ständig betrunken und somit froh waren, nicht für ihn sorgen zu müssen. Ida hatte ein Herz so weich wie ein Mäusebauch. Das wussten alle, und jede, ob Tülle oder Zuhälter, selbst der Arzt alle mochten Ida. Doch alle passten höllisch auf, nicht einen gusseisernen Topf an den Kopf zu bekommen.

Deike war stolz darauf, ein Haus zu führen, das allmählich wohlbekannt wurde. Sie hatte völlig neue Ordnungen eingeführt. Wer ein Mädchen im Haus an der Ecke hatte, konnte sich als Zuhälter wirklich etwas einbilden. Nicht nur, dass er das große Geld durch sein Mädchen verdiente, es konnte seinen Job als Tülle auch sehr lange ausüben, und er brauchte sie in der Regel nicht zur Arbeit zu zwingen. Die Mädchen gingen gern »auf Anschaffe«. Sie hatten hier ein Zuhause gefunden, nach dem sich jede Dirne sehnte. Außerdem waren hier Ida und Deike, an die sie sich wenden konnten, wenn sie Kummer hatten. Aber auch die Kolleginnen waren nett und freundlich. Ein Prinzip hatte sich hier bereits gut bewährt: Alle für einen und einer für alle. Danach lebten sie.

Und unter diesem Motto hatten sie so manchen Sturm durchgestanden und auch ihren Spaß gehabt.

Als jüngstes Ereignis hatten sie vor einem Monat Elena mit einem rauschenden Fest verabschiedet. Die Dirne hatte sich verheiratet. Jetzt war sie schwanger. Es war so gründlich gefeiert worden, dass Ida vom Doc heimgebracht werden musste. Ob zwischen Doc und Ida in dieser besagten Nacht etwas geschehen war nun, das war ein Geheimnis.

Am Morgen nach jenem Fest war Ida mit einem Brummschädel erwacht. Doc war so clever gewesen, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen. Er kannte ja die gute Ida.

Als die Köchin später Deike nach dieser tosenden Nacht fragte, spielte diese das Spiel mit und fragte erstaunt: »Aber liebe Ida, du willst mir doch wohl nicht sagen, dass du nicht mehr weißt, wie du nach Hause gekommen bist?«

»Ach was, so etwas nur zu denken!«, fuhr Ida die Chefin wütend an. »Wie kannst du nur! Natürlich weiß ich es! Ich dachte doch nur wegen der Mädchen und so.«

»Wirklich?«

Die Dirnen kicherten.

Später sagte Deike zu den Mädchen: »Dass ihr mir nichts sagt, verstanden!«

Hanna fragte naiv: »Warum denn nicht? Ida ist doch auch nur ein Mensch. Vielleicht haben wir es dann ein wenig leichter mit ihr, Deike?«

»So? Und woher nimmst du die Sicherheit, dass wir dann auch noch den Doc haben werden? Denn Ida wird bestimmt rasend.«

»Dann sollen die beiden das untereinander ausmachen«, bestimmten die Dirnen und lachten.

»Eben! Das ist ja auch meine Ansicht.«

So kam es, dass Ida nervös wurde. Keine Dirne wollte ihr Wissen preisgeben. Schließlich kam der Augenblick, da sie sich sagte: So kann ich nicht weiterleben. Wenn ich die Wahrheit erfahren will, muss ich Doc zur Rede stellen. Aber wie kann ich das, ohne mein Gesicht zu verlieren?

Eine Woche nach diesem rauschenden Fest fabrizierte Ida eine fantastische Torte! Die Dirnen rieben sich freudig die Hände.

»Ida, du bist ein Goldstück!«, sagte Eva und schob Fritzchen, den Bobtail mit seinem gierigen Hundeblick, brutal zur Seite. Der unmögliche Hund liebte Ida ganz besonders, weil es in ihrer Küche einfach hinreißend nach Essen roch.

»Bildet euch nur nicht ein, dass der Kuchen für euch Lausebande ist«, bellte Ida schlecht gelaunt.

»Nicht? Ach, das ist aber schade!«

»Sie hat sicher Lotte eingeladen«, meinte Bärbel und versuchte, mit dem Finger ein wenig Buttercreme zu erhaschen. Das bekam ihr aber ziemlich schlecht.

Lotte war die Mutter des Königsluden. Sie war achtzig und ein tolles Weib. Seit sie ihre Zelte in Hamburg aufgeschlagen hatte das hieß, dass sie mit Mareks Geld eine sündhaft teure Jugendstilvilla erworben hatte , versuchte sie jetzt, dort ein Heim einzurichten in der Hoffnung, dass Deike und ihr Sohn endlich heirateten. Lotte hatte auch die Supertorte für Elenas Abschiedsfeier gebacken.

»Nein, auch Lotte ist nicht eingeladen.«

So sehr die Mädchen Ida auch bedrängten, sie gab ihr Geheimnis nicht preis. Plötzlich wurde sogar die Küchentür verschlossen. Sogar Walter und Fritzchen wurden fortgeschickt. Der Junge beschwerte sich.

»Hast du etwa nichts zu essen bekommen?«, fragte Deike.

»Sie hat mir zwanzig Mark in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll mir einen schönen Nachmittag machen. Dabei müsste ich für die Schule lernen«, sagte er empört.

Deike, die den Jungen mochte, strich ihm übers Haar und lächelte: »Das ist doch nicht so schlimm. Geh zu Imka. Bestell ihr einen schönen Gruß von mir, dann lässt sie dich in meine Wohnung.«

Walter strahlte.

»Du bist wirklich eine Superfrau, Deike! Wenn ich mal Geld verdiene, werde ich dich heiraten. Ehrenwort!«

Deike sagte ernsthaft: »Dein Antrag ehrt mich über die Maßen, Walterchen!«

Der Junge legte den Kopf auf die Seite. »Ehrenwort? Oder willst du mich vielleicht verulken?«

»Nein, ich freue mich wirklich darüber!« Deike küsste ihn sogar leicht auf die Stirn.

Walter strahlte noch mehr.

»Von mir aus kann Ida sich jetzt jeden Tag einschließen!«

Deike spielte die Empörte. Der Junge lächelte und zog von dannen. Imka, Deikes junge Haushälterin, amüsierte sich mit dem Kleinen, und die beiden hatten einen vergnügten Nachmittag.

Ida aber trällerte in ihrer Küche und ärgerte sich nur ein wenig darüber, dass man nicht intensiver versuchte, herauszufinden, was das Ganze sollte.

Hanna, die Sprecherin der Dirnen, meinte: »Wir erfahren es schon noch, Mädchen. Also, nur nicht nervös werden.«

Auch Deike tat in ihrem kleinen Büro so, als wäre alles völlig normal. Als sie dann Doc um die Ecke schleichen sah, öffnete sie das Fenster und rief hinaus: »Ich würde jetzt lieber nicht durch die Hintertür in die Küche gehen! Ida kann dich nicht gebrauchen!«

Der ältere Arzt war ausschließlich für die Dirnen in diesem Viertel zuständig. Er hätte eine gut gehende Praxis haben können, doch vor Jahren hatte er einmal einen Kummer nicht ganz verwinden können, war abgerutscht und zum Trinker geworden. Über Deike und Ida fand er allmählich wieder zu sich selbst, und heute war er nur noch selten wirklich volltrunken. Alle mochten den gefälligen Arzt. Er fragte auch nicht viel, sondern half einfach.

Jetzt war er ein wenig verwirrt.

»Aber das verstehe ich gar nicht«, meinte er treuherzig. »Ida hat mir doch eigens eine Nachricht zukommen lassen und mich für heute eingeladen. Deike, ich bin von ihr eingeladen worden! Und jetzt sagst du, es sei dicke Luft? Dann habt ihr das aber mal wieder schön hinbekommen! So was! Das finde ich gar nicht nett von dir!«

Die Bordellmutter hielt die Luft an. Torte Einladung? Plötzlich fiel der Groschen, und sie lachte leise.

»Drachenfutter«, meinte sie und lachte leise auf. Dann klärte sie Doc auf, warum diese freundliche Einladung ergangen war. Ida wollte ihm sozusagen die Wahrheit aus den Rippen kitzeln. Doc griente nicht schlecht. »Ist ja gut, dass ich dich vorher getroffen habe, Deike! Donnerwetter, es scheint sie also zu ärgern?«

»Klar! Sie will die Wahrheit wissen.«

Doc blickte sie gutherzig an.

»Und was sage ich am besten?«

Deike lachte wieder auf. »Das weißt du noch nicht?«

»Ehrlich nicht, Deike. In Damendingen bin ich arg genierlich. Was will sie denn hören?«

»Wenn du klug bist, hältst du sie hin. Gleich, was du sagst, sie wird ärgerlich sein. Spiel den Empörten. Sag, du wärst wirklich beleidigt, dass sie es nicht einmal mehr wisse! Das hättest du nicht verdient! In diesem Satz liegt alles. Sie kann ihn wenden, wie sie will, sie wird die Wahrheit nicht herausfinden.«

»Du bist wirklich ein brauchbares Mädchen, Deike.« Doc lachte auf. »Das werde ich tun. Jetzt will ich mich aber sputen.«

»Doc«, rief Deike noch, »wie sieht denn die Wahrheit aus?« Auch sie platzte schier vor Neugier.

Doc zwinkerte ihr zu. »Tja, mein Mädchen, das überlasse ich deiner Fantasie!«

Somit war Deike in die eigene Falle gegangen.

Doc wurde von Ida freundlich empfangen. Alles kam, wie Deike es vorhergesagt hatte. Doc schwebte auf einer Wolke der Seligkeit und genoss in vollen Zügen, dass Ida ihm ordentlich um den Bart ging. Nur überzog er es so sehr, dass die Köchin wieder wütend wurde. Er bekam nur ein ganz kleines Stück Kuchen, und dann zankten sie sich schon wieder gründlich. Ida warf ihn aus ihrer Küche und schimpfte bei Deike über die »wilden blöden Kerle«. »Alle eingeschlossen! Hörst du! Alle Kerle gehören auf den Scheiterhaufen! Ich will nie mehr einen in meiner Küche sehen! Nie mehr!«

In diesem Augenblick trat Marek ein. Erschrocken wollte er wissen, ob das auch für ihn gelte. Da er so treuherzig dreinblickte, durfte der Königslude tatsächlich mitkommen und bekam auch noch Torte.

»Wenn das nicht gemein ist«, schimpften die Mädchen, »dann wissen wir gar nichts mehr!«

Nun standen sie also auf der Rampe und unterhielten sich darüber, dass Ida im Augenblick mit Marek äußerst freundlich war.

»Das hält nicht lange an. Ehrlich nicht.«

Die Zeit verstrich und bald kamen auch Kunden, denen man ansah, dass sie genügend Geld hatten, um sich eine gute Dirne leisten zu können.

Bärbel angelte sich einen mittelprächtigen Mann, der enorm brav und bieder wirkte und eine schmale Aktentasche unter dem Arm trug.

»Mädchen, den schaff ich auf die Schnelle. Der wird ja schon zu schielen anfangen, wenn ich mir die Plünnen ausziehe. Also, wartet mit der Unterhaltung.«

Als sie mit dem Mann in ihrem Zimmer war, sagte dieser: »Ich heiße Ottokar.«

»Fein, Ottokar, du gefällst mir. Sicher werden wir uns gut verstehen. Dann wollen wir uns doch mal ein gemütliches Nestchen machen. Oder möchtest du es lieber auf dem Teppich haben?« Bärbel wunderte sich, dass er noch gar keine Anstalten machte, sich auszuziehen. Sie erinnerte ihn noch einmal daran, dass Zeit Geld kostete sein Geld wohlverstanden.

Der Kunde druckste herum.

»Ja, ich habe so meine Eigenheiten. Ist wirklich nicht schlimm. Ehrlich nicht. Aber anders kann ich einfach nicht liegen.«

Oh, dachte Bärbel, doch bitte kein total beknackter Kerl! Damit will ich nichts zu tun haben. Doch gleich beruhigte sie sich wieder. Der sieht so bieder aus, er kann nur eine kleine Macke haben. Ich kann ihn ja immer noch rausschicken, wenn ich seine Tour nicht mag.

»Na, erzähl mir doch mal, wie wir es machen sollen. Dann wird sich entscheiden, ob ich dein Mädchen bin.«

»Es ist nicht ganz einfach. Ich meine, ich habe es schon lange nicht mehr tun können.«

»Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass du schon lange nicht mehr mit einer Frau geschlafen hast?«

Er errötete wie ein Schuljunge.

»Meine Frau will es nicht. Ich meine, sie ist so streng. Ich wage gar nicht, darüber zu reden. Aber es ist so schön! Und es sind dann all die Erinnerungen! Und dann?«

Er seufzte so traurig vor sich hin, dass Bärbel Mitleid bekam.

»Nun raus mit der Sprache!«, forderte sie.

Dann erzählte er also, dass er im letzten Jahr in Spanien Ferien gemacht hatte. Allein. Nach zwanzig Jahren Ehe Urlaub allein. Dort sei ihm eine Frau über den Weg gelaufen. Eine Deutsche! Und die hatte ihn geliebt. Und man hatte doch nicht in die Pension gehen können, sonst hätte man dort doch was bemerkt. Deshalb sei man immer rausgegangen in die Natur. Vereinfacht gesagt sie seien in einem Tomatenfeld gelandet. Da wäre ein Feld gewesen, berichtete Ottokar, und da es doch da unten so warm sei ... Nun, man habe sich dort geliebt.

Bärbel strengte ihr Gehirn an, um geistig folgen zu können. »Du meinst also, du kannst nur lieben, wenn du den Duft von Tomaten riechst? Aber das ist doch wirklich kein Beinbruch! Das ist doch ganz normal. Schiller konnte auch nur seine Dramen schreiben, wenn ein verfaulter Apfel in der Schublade lag.«

Der Mann riss die Augen auf.

»Woher weißt du das denn?«, fragte er erstaunt. Er war so verblüfft, dass er beinahe vergaß, wo er war und was er hier wollte.

Die Dirne schob ein wenig verächtlich die Lippen vor. »Alle glauben, Dirnen müssten dumm sein. Nun, ich weiß es eben. Halten wir uns damit nicht auf. Ich habe leider keine Tomaten, junger Freund.«

Junger Freund das ging ihm runter wie Öl! Er strahlte und meinte eilig: »Aber nein, das sollst du doch auch nicht. Ich habe sie doch mitgebracht.« Er nahm eine Tüte Tomaten aus der Tasche und eine Gummiunterlage. Bärbel staunte.

»Bist du vielleicht undicht?«, fragte sie.

Oh, dachte sie, das wird ja immer schöner. Der muss vom Land sein! So etwas ist mir schon lange nicht mehr untergekommen.

»Aber ich will doch nichts verschmutzen, deshalb habe ich an alles gedacht. Ehrlich, es wird nichts passieren. Dafür werde ich sorgen. Ich habe nämlich geübt!«

Die Dirne saß auf dem Bettrand und starrte den Mann sprachlos an.

»W...w...wie? W...w...was?«, stotterte sie schließlich. »Jetzt will ich aber alles ganz genau wissen! Dir scheint also nicht nur der Geruch von Tomaten wichtig zu sein?«

Er schüttelte hastig den Kopf und erinnerte daran, dass sie doch darauf gelegen hatten. Und das habe ungeheuren Spaß gemacht. Sie hätten so sehr gelacht und es später dann absichtlich getan. Es wäre eine tolle Liebe gewesen, von der er immer noch träumt. Und jetzt habe er solche Sehnsucht! Er könnte doch nicht warten, bis er wieder Urlaub hatte. Die Schöne hätte ihm zwar versprochen, nächste Ferien wieder an Ort und Stelle zu sein, doch bis dahin würde noch so viel Zeit vergehen.

Nun hatte Bärbel verstanden. Er wollte also ein paar Tomaten zerdrücken, auf denen sie dann Liebe machten. Nun gut, deshalb also die Gummiunterlage. Aber dafür hat er einen Aufpreis zu zahlen.

»Ich habe daheim mit dem Gummi geübt. Es geht wirklich!«

»Einen Augenblick mal!«, fuhr die Dirne auf. »Ich denke, du darfst es daheim nicht. Deine Frau ...«

Errötend erzählte er nun, dass er sich eine Gummipuppe gekauft hatte, doch diese wäre leider kaputtgegangen.

»Ich nehme auch alles sofort mit. Ja?«

Bärbel klärte ihn jetzt über die Preisstaffel auf. Der Mann war einverstanden. Sein Hauptanliegen war, dass er jetzt endlich glücklich sein durfte.

Es klappte tatsächlich genau, wie er es sich ausgedacht hatte. Der Kunde wenigstens war zufrieden. Bärbel fand die Sache langweilig und lachte insgeheim. Doch sie musste so tun, als wäre auch sie scharf darauf. Der Mann war glücklich und kam voll auf seine Kosten. Anschließend unter die Dusche, Gummi einrollen, und selig lächelnd ging er fort.

 

 

2

»Hast du dir einen neuen Stammkunden geangelt?«, wollte Hanna wenig später auf der Rampe wissen.

Bärbel blickte sie an. »Wieso das denn? Wieso kommst du darauf?«

»Du hast doch vorhin gesagt, das daure nicht lange. Und bis jetzt bist du fast eine Stunde oben geblieben. Er muss ja wirklich gut sein. Du willst mir doch nicht sagen, dass du dich verliebt hast, Bärbel?«

Sie lachte leise auf.

»Nein, das kann mir nicht passieren! Ich bin nicht so naiv. Das Geld, das ich hier spare, das will ich eines Tages für mich ausgeben und nicht wieder teilen. Nein, da läuft nichts! Dieser Freier war eine ulkige Nudel.«

»Was? Kann der überhaupt bis drei zählen?«

Auch Tina und Eva-Maria kamen auf die Rampe zurück.

Bärbel lachte leise auf und erzählte von ihrem letzten Kunden. Über dieser Sache hatte sie tatsächlich Ida vergessen.

»Was ist denn nun mit ihr?«, fragte sie. »Schmollt sie noch? Marek hat doch vorhin auch fluchtartig die Küche verlassen. Bevor ich nämlich die Vorhänge zuzog wir mussten ja dunkle spanische Nacht spielen , sah ich ihn davonstürzen.«

In diesem Augenblick erschien auch Ida. Sie streckte ihren grauen Haarschopf durch das Fensterchen und bellte auf die Rampe hinaus: »Wenn einer Hunger hat, kann er reinkommen!«

Walter war bereits vor Stunden heimgekommen, lag jetzt mit einem Trommelbauch im Bett und stöhnte sich in den Schlaf. Er hatte wohl doch zu viel Torte gegessen.

Die Mädchen ließen sich so etwas nicht zweimal sagen und stürmten ins Haus. Die Mädchen der Tagschicht saßen schon am Tisch und ließen sich die Torte schmecken. Ida gab sich nicht mit halben Sachen zufrieden. So war auch diese Torte ein Volltreffer in die Kalorienkiste. Sie hatte es in sich, sodass man nur ein winziges Stück davon essen konnte, denn dann schob man gesättigt seinen Teller von sich.

»Oh, jetzt weiß ich wirklich nicht, wie ich diese Nacht überstehen soll«, jammerte Tina. »Wie bin ich satt!«

Ida versuchte, ein freundliches Gesicht zu machen. Erstens freute sie sich, dass es den Mädchen so gut schmeckte, und zweitens war sie froh, dass die Torte verspeist wurde. Die Köchin brachte es nicht über sich, Lebensmittel in den Müll zu werfen. Sie hatte früher selbst zu oft hungern müssen. Drittens glaubte sie fest, dass irgendein Mädchen ihr nach dieser Torte die Wahrheit erzählen würde. Aber diese Hoffnung war vergebens. Bis in alle Zukunft würde sie hören: »Woher soll ich das wissen? Ich war doch auch betrunken und bin gleich raufgegangen ins Zimmer und habe gepennt.«

Ida wollte schier verzweifeln. Die Sache lag nämlich folgendermaßen: Hatte Doc sie tatsächlich geschändet, dann gehörte er einen Kopf kürzer gemacht, weil das ein Verbrechen war. Schließlich war sie ja nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen. Hatte er es aber nicht getan, dann war es auch ein Verbrechen. Dann fühlte sie sich in ihrer fraulichen Ehre verletzt. Erklärte ein Mann seiner Angebeteten seine Liebe, dann hatte er gefälligst auch den Wunsch zu haben, sie zu besitzen! Ida aber war gleich ins Bad getorkelt und konnte nichts beweisen weder das eine noch das andere. Das war sehr hart!

»Geht wieder auf die Rampe hinaus!«, befahl sie nun. »Ich habe noch andere Dinge zu tun, als euch hier abzufüttern!«

Deike lächelte, nachdem die Mädchen gegangen waren.

»Na, alles in Ordnung?«, fragte sie.

»Hast du auch Kuchen bekommen?«

Die Chefin schüttelte den Kopf. »Nein, habe ich nicht, weil ich nicht wollte. Der war zu gehaltvoll für mich.«

Deike ernährte sich ja nach einem speziell zusammengestellten Plan, um gesund zu bleiben. Man bewunderte sie wegen ihrer Konsequenz. Doch immer wieder munkelten die Dirnen, ob sie wohl wirklich gesund geworden war.

Hanna verbot den Mädchen, laut darüber zu diskutieren.

»Das ist ihr Privatleben, das geht uns gar nichts an! Also will ich hier auf der Rampe auch nichts mehr davon hören. Deike kann tun und lassen, was sie will!«

»Sicher. Aber wir würden uns freuen, wenn sie es wirklich geschafft haben sollte, endgültig gesund zu werden. Doch nach dieser Amputation wird es für sie nicht ganz einfach sein, sich einem Mann zu zeigen.«

Andere Dirnen protestierten: »Das ist doch Unsinn! Marek ist halt kein Mann!«

Hanna lachte. »Lass das Marek nicht hören! Ich könnte mir vorstellen, dass er wütend würde. So, jetzt aber wieder an die Arbeit. Dort kommen wieder neue Kunden!«

»Kinder, wir sollten mal wieder ein Fass aufmachen! Hier ist ja gar nichts mehr los! Langweilig ist das, ehrlich! Ich habe schon eingeschlafene Füße!«

»Na, jetzt wird aber wirklich übertrieben. Los, meine Damen, jetzt zeigen wir denen auf der Straße, dass wir noch anschaffen können! Ich habe heute richtige Lust. Wer zieht mit?«

Sofort standen die Mädchen auf der Rampe »Gewehr bei Fuß«. Den Männern unten im Hof fielen fast die Augen aus dem Kopf. Wenn fünfzehn Mädchen so viele standen im Augenblick sich anboten und das mit sehr viel Spaß und Freude an der Sache und einer Portion Sex, dann schlug jedes Männerherz höher. Sie wollten es den »Straßenwanzen« zeigen! Wenn auch bald einige Stammkunden erwartet wurden, die Mädchen sagten sich: Das machen wir doch mit links. Jetzt lassen wir keinen ungeschoren durchs Netz schlüpfen! Außerdem mussten sie ihren Kuchenbauch abarbeiten.

Deike wunderte sich ein wenig, doch bald lächelte sie vergnügt vor sich hin.

»Nette Mädchen! Das Leben kann wirklich noch viel bieten, wenn man es nimmt, wie es ist! Herrlich kann alles sein! Wir sind wie eine große Familie. Ich bin froh, dass wir mal keinen Ärger haben und wir einfach guter Dinge sein können.«

Das Telefon läutete, denn Doc wollte sich nach seiner Liebsten erkundigen.

»Keine Sorge, die bleibt dir treu«, beruhigte Deike ihn. »Bleib nur dabei, niemals zu sagen, wie es wirklich war. Nur so kannst du ihre Liebe am Glimmen halten.«

»Das ist aber verdammt schwer!«

»Du bist doch ein Mann!«, rief die Bordellchefin lachend. »Doc, Haltung und dann durch!«

»Mädchen, wenn wir dich nicht hätten, sähe es ziemlich düster aus«, sagte er lachend.

»Das ist aber ein schönes Kompliment! Darf ich aber trotzdem auflegen? Ich habe noch zu tun.«

In dieser Nacht ließ Ida sich nicht mehr sehen. Als die Mädchen endlich den letzten Kunden bedient hatten, war die Rampe leer. Müde schleppten die Dirnen sich zu Deike und brachten ihr die Einnahmen. Die Chefin trug sorgfältig jeden Betrag in das Buch der betreffenden Tülle ein, die dann jeweils bestimmte, wie viel davon gespart werden sollte. Deike hatte sehr gute Beziehungen und verwaltete das Geld so gut sie konnte. Keines ihrer Mädchen war eine arme Kirchenmaus.

»Wir gehen pennen«, verabschiedeten sie sich und stiegen hinauf.

Deike ging noch einmal durch das Haus und überprüfte, ob alle Türen verschlossen waren. Sie hörte Ida in ihrer Kammer schnarchen. Auch Walter schlief friedlich. Neben ihm auf dem Flickenteppich lag Fritzchen. Eigentlich war er Eva-Marias Hund, doch es hatte nur wenige Tage gedauert, bis er zum Eckhaus-Hund geworden war. Pflichtschuldig öffnete Fritzchen ein Auge. Deike bückte sich und strich ihm über den Wuschelkopf.

»Wache weiter!«

Lächelnd dachte sie: Fritzchen lässt sich selbst stehlen, wenn es sein muss.

Wärme überflutete ihr Herz, als sie durch die Straßen ging. Ein paar Laternenmiezen mussten noch anschaffen. Sie wirkten erschöpft und müde. Aber die Zuhälter waren gnadenlos. In Deikes Leben hatte es einmal eine Zeit gegeben, in der sie geglaubt hatte, überall für Gerechtigkeit sorgen zu müssen. Schließlich hatte sie erkannt, dass das unmöglich war. Sie war schon froh, wenn im Eckhaus alles so lief, wie sie es sich wünschte.

Als Deike nach Hause kam, schlief auch Imka. Leise schlich die Bordellchefin in ihr elegantes Schlafzimmer. Dort stand ein kleiner Imbiss bereit. Mit Imka konnte sie wirklich zufrieden sein. Einst hatte man das Mädchen gezwungen, im Bordell den Männern zu Willen zu sein. Deike hatte sie befreit, und aus Dankbarkeit war die junge Holländerin bei ihr geblieben. Nun war sie Deikes Haushälterin. Warum denkt sie nicht ans Heiraten, so fragte die Chefin sich manchmal. Niemals sah oder hörte sie Imka von einem jungen Mann reden oder sich mit einem treffen. Schließlich war Imka keine Vogelscheuche. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, wirklich nett und im Haushalt perfekt. Ida behauptete zwar das Gegenteil, aber das waren kleine Rivalitäten. Ida glaubte immer, Deike könnte nur mit ihr, Ida, vollkommen glücklich und zufrieden werden. Deshalb hatte es auch eine Zeit lang gedauert, bis sie Lotte in ihren Kreis aufgenommen hatte. Mareks Mutter war genauso »gerissen« wie Ida. Jeder Topf findet letztendlich seinen Deckel, dachte Deike und legte sich schlafen.

Marek geisterte noch in ihren Träumen herum.

»Ach«, murmelte sie noch, »hoffentlich bleibt alles, wie es jetzt ist. Dann bin ich schon zufrieden.«

 

 

3

Walter schlich durch die Küche. Er war schließlich kein Kind mehr und konnte sich die Schulbrote auch selbst belegen. Nur Ida glaubte das immer noch nicht. Walter säbelte eine Scheibe Brot ab und flüsterte Fritzchen zu, sich nicht zu melden. Damit der auch ganz sicher ruhig blieb, warf er ihm ein Stück Wurst zu.

Der Junge kraulte ihn und meinte: »Nachher wird schon einer mit dir Gassi gehen. Ich muss jetzt zur Schule, hörst du? Ich hab einen weiten Weg. Also, bleib ein braver Hund. Gegen vier bin ich dann für dich parat!«

Fritzchen schien ihn zu verstehen. Er legte seinen dicken Kopf wieder auf die Pfoten und sah Walter nach, wie der seine schöne Ledertasche, ein Geschenk von Marek, nahm und das Haus verließ.

Walter war ein heller Kopf. Ida hatte ihm versprochen, ihn ausbilden zu lassen. Aber auch der Großlude hatte es ihm gesagt. Jetzt besuchte er eine höhere Schule, und das war etwas! Die Jungen aus diesem Viertel schafften oft kaum die Hauptschule. Marek war sein großes Ideal, er wollte auch einmal so werden wie er. Der Lude hatte erklärt, dass er keine dummen Jungen in seiner Nähe gebrauchen könnte. Deshalb lernte Walter jetzt und legte sich in der Schule mächtig ins Zeug.

Ida war mächtig stolz auf ihren Walter. Auch die Dirnen mochten den netten Buben. Er war für alle Gefälligkeiten zu haben.

In der Schule rief ihn gleich sein Klassenlehrer zu sich.

»Ich muss mit dir reden.«

Walters Herz klopfte bis zum Hals.

»Ja?«, fragte er bang.

»Hör zu, ich möchte mal mit deinen Eltern sprechen. Zumindest einer von ihnen sollte sich hier mal sehen lassen. Das gehört sich einfach, Walter. Hast du ihnen das nicht ausgerichtet?«

Der Junge riss erschrocken die Augen auf. O weh, dachte er verzweifelt, jetzt ist das schon wieder so weit. Ach, warum können die denn nicht Ruhe geben?

»Sie haben so wenig Zeit«, murmelte er leise.

»Ach Junge, ich glaube, du belügst mich. Abends hat man doch mal Zeit. Du besuchst jetzt bald zwei Jahre unsere Schule. Jetzt wird es wirklich Zeit, dass ich mit ihnen spreche. Hör zu, entweder kommt dein Vater oder deine Mutter in die Sprechstunde zu mir. Ist das klar?«

Im Geist sah der Junge seine Eltern vor sich. Er schluckte heftig. Sie wussten ja nicht einmal, dass er diese Schule besuchte. Wenn sie tatsächlich herkamen und sahen, wo er geblieben war, würden sie sich erst einmal ausschütten vor Lachen und dann würden sie viel Ärger machen und ihn mit Sicherheit nicht mehr hierhergehen lassen. Ja, er sah es schon ganz deutlich vor sich. Alles würden sie kaputtmachen.

Walter hatte Mühe, die aufkommenden Tränen zu verbergen.

»Hast du mich verstanden?«, fragte der Lehrer.

Die Gedanken rasten im Kopf des Jungen.

»Wenn du es zu Hause nicht sagst, werde ich ihnen schreiben müssen.«

Erschrocken blickte Walter auf.

»Nein, nein!«, rief er. »Nein! Ich werde es ihnen sagen. Ganz sicher! Ich schwöre es!«

Die Tränen traten ihm nun doch in die Augen. Der Lehrer war ein wenig erstaunt über diese Reaktion. So ein Ungeheuer war er doch wirklich nicht. Es war seine Pflicht, auch einmal mit diesen Eltern zu sprechen, das war alles.

»Junge, reg dich doch nicht so auf!«

»Ich sage wirklich Bescheid, ehrlich! Sie brauchen nicht zu schreiben!«

»Hast du Angst vor deinen Eltern?«

Beinahe hätte Walter sich verraten. Er schüttelte den Kopf.

»Ich werde es sagen. Wann sollen sie denn kommen?«

»In fünf Tagen ist unser Elternsprechtag. Da sollen sie kommen. Geht das wirklich in Ordnung?«

Walter nickte. Er war froh, dass er endlich gehen durfte und lief rasch davon.

»Oje, oje«, murmelte er immer wieder vor sich hin. »Warum sind die Erwachsenen nur so? Warum kann man nie friedlich leben? Warum haben sie immer so blöde Ideen? Elternsprechtag! Meine Alten würden sich glatt totlachen, wenn ich ihnen das sagte.«

Walter war ein Kind des Dirnenviertels. Er kannte das Leben und vor allen Dingen die Behörden. Die hatten sich schon immer eingemischt. Und davor hatte er Angst.

Als er am späten Nachmittag wieder ins Haus an der Ecke kam, brannte die Frage in seinem Herzen. Ida bemerkte natürlich sofort, dass mit »ihrem« Jungen etwas nicht in Ordnung war. Sie fragte so lange, bis er endlich zu reden begann.

»Du hast mich doch wirklich gern, nicht wahr?«, sagte er.

Ida war tief gerührt, dass er sie das fragte. Nur er allein durfte so mit ihr sprechen. Sie strich ihm über die wilden Locken und sah ihn warm an. »Aber sicher, mein Junge. Von Herzen gern. Das weißt du doch, nicht wahr?«

Doch Walter sah Ida jetzt anders. Nein, sie würde es nicht wollen. Aber wer sonst? Er musste einen Vorstoß wagen.

»Kannst du mich nicht als dein Kind annehmen?«, fragte er leise.

Ida hörte auf, den Brötchenteig zu bearbeiten und sah ihn erstaunt an.

»Aber Walterchen, warum denn? Also ehrlich, auf was für Sachen du kommst!« Ida wollte ihm gerade erklären, weshalb das unmöglich war, doch das Telefon läutete. Tagsüber gehörte es eigentlich nicht zu ihren Aufgaben, Anrufe entgegenzunehmen. Doch sie wollte auch nichts versäumen. Deshalb eilte sie zum Apparat und riss den Hörer vor Hanna von der Gabel. Sofort zankte sie sich mit irgendjemandem. Walter glaubte nun, Ida wollte einer exakten Antwort ausweichen und schlich sich traurig davon. Eigentlich war ihm verboten, im Haus herumzulaufen. Doch im Augenblick war Flaute und kein Kunde anwesend, deshalb zog Walter mit seiner Frage von Dirne zu Dirne. Alle freuten sich, ihn zu sehen. Bei jeder klopfte er an und brachte immer die gleiche Frage vor: »Kannst du mich nicht als deinen Jungen annehmen? Du hast doch gesagt, dass du mich magst.«

Die Dirnen waren verblüfft und hielten es für ein Spiel. Sie schenkten ihm eine Kleinigkeit, fuhren ihm wie Ida über die Locken und widmeten sich dann wieder ihrer Arbeit.

Ida stritt immer noch per Telefon. Vom Treppenabsatz aus hörte Walter ihr zu. Nur gut, dass ich sie nicht wirklich gefragt habe, dachte der Junge. Nein, die ist wohl nicht richtig für mich. Sie würde mir nur Ärger machen. Aber Deike?

Seine Augen leuchteten auf. Ja, Deike wäre fein. Sie wäre echt prima! Ihr Kind zu sein, Mann, das wäre ein Hammer! Dann könnte ja Ida so etwas wie meine Oma sein. Das wäre die Lösung!«

Eva-Maria rief und brachte ihm Fritzchen, der sich mal wieder bei seiner Herrin hatte sehen lassen. Das kam höchst selten vor.

»Ja, ja, Fritzchen, wir haben es wirklich nicht leicht«, sagte Walter und strich dem Hund übers Fell. »Du hast auch kein wirkliches Zuhause, nicht wahr? Ist schon verdammt blöd. Komm, dann gehen wir mal. Ich muss nämlich ungeheuer viel nachdenken, weißt du.«

Während Walter sich auf den Weg machte, kam Deike ins Bordell zurück. Hanna, mit der die anderen Mädchen über den Jungen gesprochen hatten, fand das Verhalten des Jungen merkwürdig. Sie wollte mit der Chefin darüber sprechen.

»Hat Walter auch dich schon gefragt?«

»Nein, was sollte er denn fragen?«

»Nun, ziemlich merkwürdig ist das Ganze. Er brachte bei jeder Einzelnen von uns den Satz an, ob sie ihn als Kind haben wollte. Verstehst du das?«

Als Ida Walters Namen nennen hörte, legte sie rasch den Hörer auf die Gabel.

»Mit wem stehst du denn schon wieder auf dem Kriegsfuß?«, wollte Deike von ihr wissen.

»Weiß ich doch nicht!«, gab sie wütend zurück. »Ich habe ihm aber die Meinung gegeigt!«

Bärbel kam dazu und fragte völlig harmlos« »War da ein Anruf für mich?«

Alle sahen Ida an.

»War das vielleicht ein Kunde?«, fragte Deike ruhig.

»Herrje, der Kerl hat gleich angefangen, unser Haus zu beschimpfen. Das konnte ich doch wirklich nicht zulassen. Wir sind ein anständiges Bordell!«

»Ida, warum lässt du die Menschen nur nicht ausreden?«

Bärbel zeterte. »Das ist ein hochsensibler Stammkunde! Jetzt hast du ihn sicher verjagt! Ida, du bist einfach unmöglich!«

Die Köchin versuchte natürlich, ihre Haut zu retten und warf den Mädchen Sätze an den Kopf, die schon uralt waren. »Ich bin ja nur die arme Putze hier! Ich kann den Damen den Dreck wegmachen und sie bekochen, ansonsten habe ich mein Maul zu halten. Ich zerreiße mich den ganzen Tag lang für die faule Bande. Und das ist der Lohn für meine Arbeit. Ich habe es ja schon immer gewusst, Undank ist der Welten Lohn!«

Es hatte Zeiten gegeben, in denen die Mädchen vor Schreck fast umgefallen waren, wenn Ida ihre Schau abzog. Neue Bewohnerinnen des Eckhauses fielen natürlich auch heute noch darauf herein. Doch heute grinsten die Dirnen sie nur an und schwiegen. Ida musste ja mal Luft holen. Jetzt war es so weit!

Deike fragte sanft: »Und was hast du Walter geantwortet?«

Jetzt schnatterten die anderen wild durcheinander. Und Ida schämte sich tatsächlich ein wenig.

Walter war ihr Nerv, den man immer treffen konnte.

»Ich weiß nicht ich dachte, er wollte nur eine Streicheleinheit«, sagte sie leise.

»So war er noch nie«, meinte Hanna. »Ich habe ein komisches Gefühl.«

»Ich werde ihn fragen«, sagte Deike entschlossen.

Als der Junge zurückkam, nahm Deike ihn mit sich ins Büro und fragte ihn, ob er Kummer hätte.

»Kannst du nicht meine Mutter werden?«, brachte er statt einer Antwort vor.

Deike sah ihn verblüfft an.

»Walter, wie kommst du denn darauf?«

Er schämte sich ein wenig. Schließlich war es ja wirklich berechnend von ihm. Er wollte damit doch nur Schwierigkeiten umgehen, und jetzt fand er, er sollte sich wie ein Mann verhalten.

»Ich habe nur mal fragen wollen. Mehr nicht.«

»Das geht nicht«, antwortete sie dann leise. »Dazu müsste ich erstens verheiratet sein, und zweitens müssten deine Eltern dich freigeben.«

Also war alles überflüssig gewesen. Das hatte er nicht bedacht! Doch damit war sein Problem nicht gelöst. Er schlich in die Küche. Dort drängte Ida ihn, seine Gedanken preiszugeben. Und ihr sagte er, warum er auf der Suche nach einer Mutter war.

»Aber Junge«, rief die kugelrunde Frau aus, »warum denn diese Aufregung! Selbstverständlich werde ich hingehen!«

Dem Kleinen blieb beinahe das Herz stehen.

»Nein, ach nein, wirklich nicht, Ida. Ich meine doch ich dachte ...« O weh, Ida bekam wieder ihre komischen Augen. Er wollte ihr doch nicht wehtun.

»Ich bin dir wohl nicht gut genug?«, fragte sie kampflustig.

Das Gesicht der Köchin überzog sich augenblicklich mit roten Flecken.

»Es geht doch nicht. Ich meine, ich kann das nicht zulassen. Ich krieg Ärger.«

»Du kriegst gleich hier Ärger, wenn du so weitermachst!«

Sie zankten sich jetzt ziemlich. Die Mädchen waren noch im Frühstückszimmer und auch Deike hörte die beiden in der Küche. Jeder glaubte nämlich, der andere würde ihn verstehen, wenn er lauter redete.

»Schlachten die sich gegenseitig?«

Sie liefen zur Küche. Walter heulte vor Wut. Ida war jetzt schneeweiß. Beide standen sich wie zwei Kampfhähne gegenüber.

»Was ist denn hier los?«, schrie Deike dazwischen.

»Sie wird mir alles kaputtmachen, ich werde von der Schule fliegen. Ich weiß es genau. Ich blamier mich bis auf die Knochen! Nie mehr werde ich hingehen!«

Mit Mühe erfuhr Deike jetzt den Hintergrund der Geschichte, das heißt, was Ida tun und Walter verhindern wollte.

»Warum kann ich mich nicht als seine Mutter ausgeben?«

Deike legte einen Arm um Ida. Sie verstand die Qualen des Jungen.

»Idachen, Idachen werde doch vernünftig. Denk doch mal nach!«

»In der Öffentlichkeit bin ich ihm also nicht gut genug!« Ihre Lippen zitterten. Sie war bis ins Herz getroffen. Das war kein Theater mehr.

»Idachen, nein, so ist das gar nicht!«, rief Walter verzweifelt. »Aber du zankst dich doch mit jedem! Und dann wirst du das auch mit dem Direktor tun! Und dann!« Tränen schossen in seine Augen.

»Warum sollte ich mich mit deinem Direktor zanken?« Ida wollte schon wieder loslegen.«

Details

Seiten
105
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932935
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503214
Schlagworte
schicksale haus ecke gegenseitig

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #11: Gegenseitig ausgetrickst