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Schicksale im Haus an der Ecke #21: Gwen und der Nussknacker

2019 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gwen und der Nussknacker

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Gwen und der Nussknacker

Schicksale im Haus an der Ecke #21

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Gwen hat Liebeskummer, und nur ein netter Freier könnte sie aufmuntern. Dieser erscheint auch prompt und lässt sie den anderen vergessen. Aber auch der junge Mann hat Liebeskummer. Und weil er sich bei Gwen sehr wohlfühlt, bittet er sie um mehr Zeit mit ihr. Da er nicht mehr Geld dabei hat, bietet er ihr zwei Theaterkarten statt Geld an. Und damit beginnt für Gwen ein ungewöhnliches Abenteuer …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

Gwen und Renate - zwei Tüllen im Haus an der Ecke, gehen ins Theater, was wieder zu

Komplikationen führt.

Ralph Hildebrand - Tänzer in einer Theatergruppe, erkauft sich Liebe mit Theaterkarten.

Rodrigo Lopez - General eines südamerikanischen Landes, gerät in Bedrängnis.

Ramon de Costa - sein Begleiter und Dolmetscher, lässt sich von einer schönen Frau verführen.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Im Haus an der Ecke war der normale Alltag eingezogen. Die Mädchen hatten eingesehen, dass Gina nicht mehr stehen konnte. Das war besser so. Als sie an fing, Probleme zu schaffen, wurden einige doch ziemlich nervös. Dirnen haben es nun mal nicht gerne, mit Mord in Zusammenhang gebracht zu werden. Erst lief es im Eckhaus ganz gut. Doch nachdem alles in der Zeitung gestanden hatte, waren die Kunden fortgeblieben. Die Stammkundschaft kam auch weiterhin. Ab und zu waren auch andere Männer im Kontakthof zu finden. Die Mädchen ruhten sich gerade aus. Ida hatte keinen Ärger mehr und ärgerte sich wiederum darüber. Sie ging sogar so weit, dass sie sich Fritzchen schnappte und einfach fortfuhr. Hanna stand in der Küche vor den leeren Töpfen.

»Sie hat uns nicht mal einen Zettel hinterlassen«, sagte sie zu Dorle.

»Sie wird eben auch älter«, rief diese lachend aus.

»Bist du lebensmüde?«, fragte Hanna amüsiert.

»Was soll das denn heißen?«

»Sag das mal, wenn Ida dich hören kann«, war die Antwort.

»Ach so! Nee, so blöd bin ich nun auch wieder nicht. Doch sag uns jetzt lieber, was wir machen sollen. Wir haben Hunger. Wenn die Nachtschicht kommt, und es steht nichts auf dem Tisch, werden sie ganz schön sauer sein.«

Hanna und Dorle gehörten zur Nachtschicht. Beide hatten heute nicht mehr schlafen können. Die Sonne schien morgens in ihre Zimmer. Sie hatten einfach keine Lust mehr gehabt, den ganzen schönen Tag zu verschlafen. So waren sie zufällig beide hier unten zusammengetroffen.

»Sie wird bei Mareks Mutter sein«, vermutete Dorle.

»Klar, was denn sonst? Sollen wir anrufen?«, fragte Hanna.

Hanna kannte Ida gut und sagte fröhlich: »Darauf wartet sie doch nur. Nein, diesmal tun wir nicht, was sie erwartet. Wir kümmern uns nicht darum. Im Gegenteil, wie glauben, es ist ihr freier Tag.«

»Den hat sie in der Tat nie genommen. Jede Tülle im Haus nimmt sich ein bis zwei freie Tage.«

»Ida könnte ja was verpassen«, scherzte Hanna albern auflachend. Sie war heute wirklich bester Laune.

»Können wir das Frühstück nicht selber herrichten?«, fragte Dorle.

»Und ob wir das können! Mit allem Drum und dran!«

»Au ja! Ich mag schon am frühen Morgen Rühreier mit Speck.«

»Hier sind auch noch kalte Kartoffeln. Los, fangen wir an! Die anderen Mädchen werden begeistert sein.«

Für eine Dirne, auch für eine Eckhausdirne, gab es einfach nichts Schöneres, als mal eine richtig normale Frau zu spielen. Dorle und Hanna waren bald voll bei der Sache. Fritzchen, der unmögliche Bobtail, war ja nicht da, also achteten sie nicht darauf, dass die Küche ziemlich in Unordnung geriet. Noch nie hatten sie so geschuftet wie jetzt. Es roch bald herrlich im ganzen Haus. Nach und nach wurden alle Tüllen wach. Sie glaubten zu träumen, doch die feinen Gerüche blieben. Also gingen sie nach unten und erfuhren wenig später, warum heute alles anders war.

Keine der Dirnen ließ sich zweimal bitten, ein wenig mitzuhelfen. Es wurde aufgetragen, was Küche und Speisekammer zu bieten hatten. Sie waren glücklich wie kleine Kinder.

Bald hatten sie volle Bäuche. So gern sie noch was gegessen hätten, es ging einfach nicht mehr.

»Das sollten wir öfters machen«, sagte Renate. Sie war immer für ein gutes Essen zu begeistern. Nach einem guten Essen wurde sie richtig lebendig und ungemein tiefsinnig.

Hanna lachte. »Dann lass dir etwas einfallen! Ida muss erst bezwungen sein.«

»Hört mal! Das müsste uns doch gelingen. Wir sind in der Überzahl. Ida ist allein. Wenn wir gemeinsam überlegen, sollte doch etwas dabei herauskommen.«

»Möglich. Wir haben es ja noch nie versucht.«

In diesem Augenblick klopfte es an der Hintertür. Shiva ging nachsehen.

»Es ist der Doc!«, rief sie aus.

Da stand auch schon der Arzt auf der Schwelle. Das gab ein großen Hallo. Alle Dirnen konnten den Doc gut leiden. Er war zwar eine verkrachte Existenz. In früheren Zeiten hatte er eine eigene Praxis besessen. Rauschgift oder einige nicht gemeldete Schusswunden waren seine Stolpersteine geworden. Danach war er dem Alkohol verfallen und im Dirnenmilieu gelandet. Hier waren alle froh, so einen guten Arzt zu haben. Wahrscheinlich wäre der Doc schon nicht mehr am Leben, wenn Ida nicht wäre. Die zwei alten Menschen hatten ein sehr seltsames Verhältnis zueinander. Doc liebte Ida, Ida bestimmt auch den Doc, denn er wurde von ihr immer ganz besonders schlecht behandelt. Kenner wussten, dass Idas Herz dann besonders butterweich war.

Doc sah sich um.

»Wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch herum.«

Hanna lachte und sagte: »Wenn du mit den Mäusen vorliebnehmen willst, kannst du dich zu uns setzen und mit speisen.«

Das ließ sich der Doc nicht zweimal sagen. Hanna kochte frischen Kaffee. Die Dirnen dachten gar nicht mehr daran, in ihre Betten zurückzugehen.

»Was steht denn an? Du bist doch nicht nur so vorbeigekommen, oder?«, fragte Hanna.

»Ich wollte fragen, ob ihr mich vielleicht vergessen habt. Das fände ich nämlich gar nicht schön. Gehöre ich denn nicht zur Familie?«

Die Dirnen blickten sich an.

»Wieso vergessen? Das ist mir neu. Wir denken doch ständig an dich. Jetzt darfst du sogar als einziger Mann mit uns frühstücken. Das ist doch wirklich eine große Ehre.«

Doc sah die Mädchen treuherzig an.

»Ich habe das komische Gefühl, dass ihr es nicht nicht wisst! Solltet ihr es vergessen haben?«

»Was denn?«

»Ida hat in zehn Tagen Geburtstag!«

Da saßen sie nun wie begossene Pudel und blickten sich verdutzt an.

»Das soll wohl ein Witz sein, was?«

»Nein! Ich habe in meinem Plan nachgesehen. Einiges muss ich mir schon aufschreiben. Mein Kopf will auch nicht mehr so recht.«

»Es stimmt«, sagte Rita.

»Du meine Güte! Doc, das ist ja wirklich ein Segen, dass wir dich haben! Das hätte Ida uns im Leben nicht verziehen, wenn wir ihren Ehrentag vergessen hätten!«

Erregt schnatterten jetzt die Dirnen durcheinander. Keine kam richtig zu Wort. Alle waren entsetzt, dass sie das beinahe vergessen hätten.

»Ist ja noch nicht zu spät«, sagte der Doc gemütlich. »Ich habe mir gedacht, wir machen etwas gemeinsam. Deswegen bin ich vorbeigekommen. Das Schicksal hat es gut mit uns gemeint. Ida ist weg. Ist sie zum Großmarkt gefahren?«

»Das glauben wir nicht«, erklärte Hanna. »Das macht sie immer viel früher. Nein, sie hat mal wieder eine Wut auf uns, oder so was ähnliches. Sie hat nicht mal vorgekocht. Das ist schlimm.«

Doc machte ein besorgtes Gesicht.

»Vielleicht hat sie einen Koller? Wir sollten etwas unternehmen. Sie kann doch auch mal die Nerven verlieren.«

»Ida doch nicht«, rief Holda. »Jede andere Köchin hier in der Stadt, aber nicht unsere Ida!«

»Vielleicht habt ihr recht, ihr Hübschen! Warten wir noch etwas zu!«

»Wir werden unsere Freiheit gründlich genießen«, riefen lachend die Dirnen.

»Von mir aus kann sie noch lange fortbleiben.« Dotti, das Mischlingsmädchen, kaute vergnügt an ihrer Semmel.

»Hanna ist auch eine gute Köchin.«

»Was machen wir denn jetzt für Idas Geburtstag?«

Alix räkelte sich.

»Kinder, ich finde, wir sollten den heutigen Tag nicht damit belasten. Wir schreiben alle auf, was uns so einfällt. Dann nehmen wir die Vorschläge und sichten sie gemeinsam. Sicher finden wir dann etwas Hübsches.«

»Die Idee ist nicht schlecht«, sagte Doc. »Wir müssen uns etwas ganz besonders Nettes einfallen lassen.«

»Machst du mit?«, fragte Dorle.

»Aber klar«, rief der Doc. »Das ist doch Ehrensache!«

»Damit sie auch ja nichts merkt, müssen wir uns aber außerhalb des Eckhauses treffen«, sagte Renate. »Ida hört nämlich die Flöhe husten.«

»Das sollte uns doch nicht schwerfallen«, sagte der Doc lachend.

»Dürfen wir zu dir kommen?«, fragte Rita.

Erschrocken wehrte der Arzt ab.

»Ich habe doch nur ein Zimmer. Außerdem steht dann mein guter Ruf auf dem Spiel. Was soll denn meine Wirtin von mir denken?«

Die Dirnen brachen in schallendes Gelächter aus.

»Doc, du alter Gauner! Wenn eine von uns käme, dann könnte man sagen, na ja, er hat es auch mal nötig. Bei zweien würde man sagen, da schau her, der ist nicht dumm! Bei dreien würde man nur noch sagen: Olalala! Bei vier Mädchen bekäme jeder Mitleid mit dir«, rief Renate vergnügt aus.

Doc grinste.

»Wenn man es so sieht, dann leidet mein Ruf doch nicht.«

»Du willst dich nur drücken, das ist alles.«

Er stand auf.

»Ich werde es mir überlegen«, versprach der Doc.

»Wir kommen einfach«, erklärten die Tüllen.

»Nur mit guten Vorschlägen«, befahl der Doc.

»Na klar!«, riefen die Mädchen im Chor.

 

 

2

Renate sagte ein paar Stunden später: »Wir suchen Ida nicht! Sie soll aus eigenem Antrieb zurückkommen.« Renate stand mit den anderen Mädchen auf der Rampe und versuchte, Stimmung zu machen. Sie hatten schon ihre Zweifel. »Wenn Ida nicht mehr zurückkommt, müssen wir unser Essen selber kochen.«

»Du wirst schon nicht verhungern«, sagte Carmen ärgerlich.

»Na ja, ich bedenke ja auch bloß, was da auf uns zukommt.«

»Deike wird schon wissen, was dann zu tun ist.«

Gwen stand lustlos herum. Sie brauchte mal wieder eine Aufmunterung. Vor einiger Zeit hatte sie ihrem ständigen Freund den Laufpass gegeben. Jetzt sehnte sie sich wieder nach Liebe. Doch gute Freunde für Dirnen waren rar.

»Macht doch nichts«, sagte Kony. »Du darfst das nicht so verkniffen sehen. Damit holst du keinen Hund hinterm Ofen hervor. Geh mal richtig ran! Schau mal dort, der Jüngling! Der sieht doch dauernd zu dir hin. Mach dich mal an den ran!«

»Das Leben ist ein totaler Frust«, sagte Gwen und verdrehte die Augen.

»Oh nein, nicht jetzt auf die Tränendrüsen drücken! Das können wir nicht verkraften. Los!« Kony gab Gwen einen Schubs. Gwen wäre fast von der Rampe gefallen.

Der Mann kam zögernd näher.

»Hallo! Ich habe mir sagen lassen, dass ihr super seid! Stimmt das?«

»Sie ganz besonders«, feixte Kony den Mann fröhlich an und deutete auf Gwen.

»He, was soll das denn?«, mischte sich ein anderer Kunde in das Gespräch. »Seit wann preisen sich die Huren gegenseitig an? Das ist ja ganz neu. Also wirklich, Kumpel, da wäre ich doch vorsichtig. Vielleicht ist sie nicht ganz dicht im Oberstübchen.«

Damit meinte er Gwen. Diese brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was er damit sagen wollte. Dann plusterte sie sich auf. Aber auch Kony glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

»Du bist wohl schon lange nicht mehr beim Zahnarzt gewesen, wie?«, keifte Kony wütend.

»Wie? Was? Was geht das dich denn an?«, fragte der Freier.

»Wenn ich wild werde, könnte ich dir dein Gebiss ein wenig verbiegen, mein Freund«, erklärte ihm Kony.

Der Mann grinste verächtlich.

»So eine kleine Tülle kann mir doch nicht gefährlich werden.«

Hanna und die anderen Mädchen hatten das Gespräch mitbekommen. Sie kamen langsam näher.

»Braucht ihr Hilfe?«, fragten sie.

»Der da benimmt sich nicht ganz koscher«, sagte Kony trocken. »Der gehört nicht hierher. Der sollte sich lieber im Hafenviertel umsehen.«

Der Mann begriff, dass er zu weit gegangen war, und zog sich kleinlaut zurück.

»Man darf ja wohl einen Scherz machen, oder?«

»Aber nicht auf unsere Kosten«, schrie Bärbel wütend. »Das mögen wir nicht so gern. Zisch ab, oder wir machen dir Beine, Freundchen!«

Er drehte bei und rannte davon. Das Lachen der Mädchen klang noch lange in seinen Ohren. Er ballte wütend die Hände.

»Verdammte Huren, ich bringe euch noch alle um«, murmelte er zornig vor sich hin.

Eine kleine Tülle unter der Laterne quietschte erschrocken auf.

»Er will mich umbringen! Ich habe es genau gehört!«, schrie sie laut.

»Was? Ist schon wieder so ein Mistkerl unterwegs?« Taschen und Schuhe flogen, und der Kerl lag am Boden und begriff, dass Dirnen eine gefährliche Ware sein konnten.

Andere Kunden tauchten auf. Da ließen die Mädchen von ihm ab. Er hatte noch einmal Glück gehabt.

»Lass dich bloß nicht mehr hier blicken!«, schrie eine Tülle ihm nach. »Ich ruf sonst die Bullen!«

»Die Bullen? Dass ich nicht lache! Vor denen habt ihr doch selbst die meiste Angst.«

»Du musst nicht alles glauben, was in den Zeitungen zu lesen ist, Freundchen«, gab die Tülle giftig zurück.

»Ich werde sie rufen! Ihr habt mir meinen Anzug ruiniert!«

»Ach ja? Du hast aber Mut!«

»Natürlich! Ich habe dir nichts getan, also musst du mir die Reinigung bezahlen, Mädchen.«

Die Tülle brach in helles Gelächter aus.

»Das ist wirklich der Witz der Woche! Du willst von mir Mäuse? Du willst sie tatsächlich?«

»Ich kriege sie auch«, sagte der Mann böse. »Du musst mir mindestens zwanzig Mark geben!«

Für ein kleines Laternenmädchen waren zwanzig Mark viel Geld. Sie musste ja ihr Gewerbe auf der Straße ausüben und erzielte längst nicht die Eckhauspreise. Außerdem wollte ihr Lude eine Menge Geld sehen. Sie konnte von Glück reden, wenn sie ihr Soll zusammenbekam. Das Ansinnen des Mannes reizte sie zum Lachen. Dann sagte sie ärgerlich: »Verpiss dich, Kumpel! Ich habe keine Zeit für dich. Mach ’ne Fliege!«

»Ich gehe zu den Bullen. Die werden mir zu meinem Recht verhelfen.«

»Tu, was du nicht lassen kannst«, war die grobe Antwort.

Der Mann glaubte noch immer, das Mädchen würde schon kuschen, wenn es annehmen musste, dass er sie wirklich anzeigte. Auf der anderen Straßenseite war eine Telefonzelle. Er ging darauf zu und betrat die Zelle. Die Begleiterin der Tülle bekam einen nervösen Blick.

»Und wenn er jetzt wirklich die Bullen ruft? Dann kommen die und palavern herum, und wir haben bestimmt zwei Stunden Ausfall. Mensch, mein Hein kloppt mich windelweich deswegen! Du kennst doch ihre Devise: Niemals die Bullen kommen lassen! Die verderben einem nur das Geschäft.«

»Wenn du die Hosen voll hast, zahl du ihm doch die Reinigung«, sagte die blonde Tülle.

»Ich? Wieso denn ich? Außerdem habe ich heute noch nichts eingenommen. Ehrlich! Heute ist wirklich ziemlich laue Fitsche!«

»Ich habe auch nichts mit ihm am Hut. Er wird schon nicht anrufen.«

»Er hat schon den Hörer abgenommen!«

Die Blonde wurde nun doch nervöser. Sie war schon zu lange Hure, um nicht zu wissen, dass gute Nerven wichtig waren, wenn man überleben wollte.

»Wir werden ja sehen«, sagte sie ruhig und schlenderte über die Straße auf die Telefonzelle zu. Der Mann dachte hocherfreut: Ich habe es ja gewusst! Jetzt hat sie Angst gekriegt. Wenn ich will, bekomme ich sie jetzt ganz billig. Glück muss der Mensch haben!

»Wie ist es? Werden wir uns handelseinig?«, fragte er das Mädchen.

Sie blickte ihn starr an.

»Nicht, dass ich wüsste. Ich warte nur mit dir auf die Bullen. Sie müssen doch alles zu Protokoll nehmen. Und damit sie mich nicht erst suchen müssen, bleibe ich hier stehen. Es wird natürlich zu einer Verhandlung kommen. Ich bin nämlich nicht bereit, zu zahlen.« Sie grinste ihn fröhlich an.

Ein kalter Klumpen Angst machte sich in seinem Bauch breit. Einen Prozess konnte er sich nicht leisten. Womöglich würde das dann auch noch in der Presse ausgeschlachtet. Und die Luden! Vielleicht stand sie hier nur und sollte ihn festhalten, bis ihre Schlägertypen kamen.

Er sah auf die Straße. Alles wirkte verdächtig ruhig. War es nur Tarnung?

Der Mann warf den Hörer auf die Gabel und rannte davon. Zwei Niederlagen an einem Abend waren eine schlimme Sache. Die Mädchen rieben sich die Hände.

»Na, was habe ich dir gesagt?«

»Du hast wirklich Nerven!«

»Ich habe gar keine Nerven mehr«, sagte die Blonde.

»Los, da kommen ein paar betrunkene Matrosen. Sehen wir zu, dass wir sie daran hindern, ins Haus an der Ecke zu gehen.«

»Also los!«

Anita sagte gerade auf der Rampe: »Draußen hat es Ärger gegeben.«

»Na und?«, fragte Hanna kühl. »Was sich auf der Straße abspielt, dafür sind wir nicht zuständig.«

»Ist Ida noch immer nicht da?«, fragte Antia.

»Nein«, erklärte Hanna.

»Dann müssen wir Charly verständigen, damit er uns einen Nachtimbiss vorbereitet.«

»Das mach ich nachher. Im Augenblick habe ich keine Zeit. Ein Stammkunde hat sich angemeldet.«

»Was macht denn Gwen?«, wollte Bärbel wissen.

»Sie ist mit einem neuen Macker abgezogen. Den habe ich vorher noch nie gesehen.«

Hanna, die Sprecherin der Dirnen des Eckhauses wandte sich an Kony.

»Was war denn los?«

»Sie wäre beinahe wieder ins Moralische abgedriftet. Da musste ich sie doch auffangen.«

»Knibbelt das noch immer?«

»Klar Mensch, Hanna, du kennst sie doch. Die braucht was fürs Herz. Gwen ist ein sensibles Mädchen.«

»Hoffen wir, dass sie jetzt einen netten Kunden hat. Das macht viel aus.«

»Ich werde sie nachher mal fragen«, nahm sich Kony vor.

 

 

3

Gwen hatte eigentlich heute keinen Kunden mit aufs Zimmer nehmen wollen. Sie war traurig und wollte sich von den Mädchen trösten lassen. Jetzt latschte sie doch tatsächlich mit einem Macker nach oben. Ärgerlich fuhr sie ihn an: »Ich kann nur hoffen, dass du gut bist.«

Der junge Mann riss die Augen weit auf.

»Äh, wie soll ich das verstehen?«, fragte er.

»Wir brauchen auch mal was fürs Herz, kapiert? Ich brauch viel Liebe und Zärtlichkeit!«

Welcher Mann hörte so etwas nicht gerne?

»Ich werde mich anstrengen«, versprach der junge Mann.

Sie hatten sich auf hundertfünfzig geeinigt. Gwen zog sich aus und legte sich auf das Bett.

»Nun komm schon! Mach etwas fixer!«, rief sie ihm zu.

»Ja, ich muss mich erst ausziehen. Ich dachte, du würdest mir dabei helfen.«

»Quatsch, da musste schon Stammkunde sein.«

»Wie?«

Gwen grinste ihn an.

»Na ja, irgendwo muss doch der Unterschied sein, kapiert?«

»Wenn ich immer wieder zu dir käme, würde ich richtig verwöhnt?«

»Klar!«

Gwen taute direkt ein wenig auf. Der junge Bursche war nett. Er war noch unverdorben. Das mochte sie besonders gern.

»Hat dich deine Freundin im Stich gelassen?«, fragte sie ihn.

»So ungefähr«, sagte er zögernd. »Wieso willst du das wissen?«

»Na, ein Bursche, wie du einer bist, der kann doch alles umsonst haben. Wenn der zu uns kommt, dann hat er eine Macke weg, oder er hat Liebeskummer.«

»Ja, ich habe Liebeskummer. Merkt man das gleich?«

»Da passen wir ja gut zusammen. Wir sollten uns ein hübsches halbes Stündchen machen.«

Endlich war Ralph Hildebrand soweit, dass er zu Gwen ins Bett kommen konnte. Gwen drehte gleich voll auf. Ralph vergaß ziemlich bald seinen Liebeskummer. So wilde Liebe hatte er noch nie erleben dürfen in seinem Leben. Er stöhnte und keuchte vor Lust und Wonne.

Gwen kraulte seinen Rücken und dachte, er ist wirklich ein netter Bursche. Ich mag ihn. Vielleicht kommt er öfters. Ralph Hildebrand konnte von der Liebe gar nicht genug bekommen. Gwen sah auf die Uhr und wusste, die Zeit für sein Geld war abgelaufen. Die Mädchen auf der Rampe würden kein Verständnis dafür aufbringen, wenn sie ihre Preise unterbot.

»Ich muss aufhören«, sagte Gwen. »Du bist ja kein Stammkunde. Da kann man mal eine Ausnahme machen.«

»Aber ich will noch nicht gehen«, flüsterte der junge Mann.

»Kannst du denn nicht etwas zulegen?« Zum ersten Mal war Gwen nicht geldgierig. Sie sagte es nur aus Pflichtgefühl den anderen Mädchen gegenüber. »Ich kriege Ärger, ehrlich!«

Der Bursche kramte in seiner Brieftasche herum. Er fand kein Geld mehr, dafür aber etwas anderes.

»Ich kann dir zwei Theaterkarten anbieten«, sagte er leise und sah sie mit großen runden Kinderaugen an.

»Wie? Was?« Total verdattert sah Gwen ihren Freier an.

»Eine kostet vierzig Mark! Hier, es steht drauf! Ich belüge dich nicht«, erklärte der Jüngling eifrig.

»Was soll ich denn damit?«, fragte Gwen entnervt.

»Du kannst sie ja weiterverkaufen. Du, die Vorstellung ist ausverkauft! Du kannst einen höheren Preis dafür verlangen, ehrlich!«

»Du hast wohl eine Meise! Wieso kaufst du die Karten erst und willst sie dann nicht mehr?«

»Sie hat mich doch sitzengelassen! Was soll ich allein damit?«

Gwen dachte, wenn ich sie nicht nehme, muss er sich jetzt anziehen und gehen. Dann stehe ich wieder blöde auf der Rampe herum und weiß nicht, was ich dort soll. Stammkunden haben sich heute nicht angesagt. Verdammt, das Leben ist wirklich beschissen, ehrlich!

»Was ist?«, fragte Ralph Hildebrand.

Ich bin bestimmt behämmert, dachte Gwen.

»Gib schon her!« Damit nahm sie die zwei Karten an sich.

»Du bist wirklich das süßeste Mädchen, das ich kenne«, sagte Ralph leidenschaftlich.

Sie liebten sich noch einmal wild und heiß. Gwen verging die Lust, sauer zu sein. Sie wurde wieder fröhlich. Sie war so heiß, dass sie nicht mal daran gedacht hatte, Getränke zu holen. Aber der Kunde hatte ja ohnehin kein Geld mehr.

Sie waren über eine Stunde beisammen und hatten ihren Spass miteinander. Als sie wieder nach unten kamen, verabschiedete der Kunde sich mit einem Handkuss. Die anderen Dirnen staunten nicht schlecht.

»Du kannst dich aber schnell wieder einkriegen«, sagte Hanna kopfschüttelnd. »Da muss die Trauer doch wohl nicht so groß gewesen sein.«

»Andere Mütter haben auch schöne Söhne«, sagte Gwen träumerisch.

»Soll das etwa heißen, du hast schon wieder einen neuen Macker, Gwen?«

»Vielleicht«, sagte Gwen versonnen.

»Das ist stark! Wir machen uns deinetwegen Sorgen, und du bist vergnügt und munter!«

»Sei doch froh«, sagte Renate. »Wie ist es, Gwen, bist du im Augenblick frei?«

»Klar!«

»Dann geh doch mal zu Charly! Sag ihm unsere Bestellung!«

»Ist Ida immer noch nicht heimgekommen?«

»Nein, das hat mich Walterchen eben auch schon gefragt. Er ist in Sorge. Fritzchen ist ja auch verschwunden.«

Walter lebte im Haus an der Ecke bei Ida. Er hatte zwar Eltern, doch die waren ständig betrunken und kümmerten sich nicht um ihren Buben. Ida zog ihn auf und war sehr stolz auf Walterchen. Er ging nämlich zur höheren Schule. Selbst der Großlude Marek hatte ein Auge auf den Burschen. Er wollte ihn fördern,

»Ida ist aber jetzt schon ziemlich lange fort. Wir müssen uns langsam Gedanken machen, wo sie sein könnte.«

»Wenn Deike kommt, dann können wir zusammen beraten, was wir tun sollen.«

»Na, dann ist es ja gut. Ich dachte, Deike hat heute frei.«

»Sie hat mich nicht angerufen«, sagte Hanna.

Deike Borg war die Bordellmutter. Früher war sie mal Startülle gewesen. Nach einer Krebsoperation war ihr von Marek dieses Bordell überlassen worden. Er hatte seinerzeit aus Mitleid so gehandelt. Sie waren lange in der Szene ein Liebespaar gewesen. Meistens waren in diesen Städten Männer die Bordellvorsteher. Deike hatte sich der Sache angenommen, und bald war aus dem Haus an der Ecke das beste Bordell der Stadt geworden. Mit Ida zusammen verwöhnte sie die Mädchen und nahm regen Anteil an ihrem Privatleben. Deswegen waren die Mädchen auch so gut zu den Kunden. Das sprach sich schnell herum. Eckhausmädchen waren gefragt. Die Mädchen waren glücklich, hier stehen zu dürfen. Sie hatten dann sozusagen ausgesorgt. Deike passte auf, dass jedes Mädchen sparte. Niemand konnte ihr nachsagen, dass jemals eine Tülle mit leeren Taschen das Bordell verlassen hatte. Schon so manche Hochzeit hatte Deike ausgerichtet, aber auch schon viele Aufregungen hatte sie durchgestanden.

Ida, die Köchin, war früher Dirne und schließlich in der Gosse gelandet. Sie war von Deike aufgenommen worden und war nun die Seele des Hauses geworden. Ida hatte nur eine Macke, sie sehnte sich nach Liebe. Sie bekam sie auch in Hülle und Fülle, nur hatte sie ihre Probleme, sie anzunehmen. Ida war ein Unikum. Alle hatten das alte Mädchen gern. Manchmal war sie auch anstrengend. Heute schien sie so etwas wie einen Kopfschuss zu haben. Oder sie war mit dem falschen Bein aufgestanden. Keine der Tüllen war sich eines Vergehens gegen die Hausordnung bewusst.

Warum also war Ida abgedampft?

 

 

4

Ida schmollte gern und ausgiebig. Das machte ihr Spass. Vor allen Dingen war das für sie so etwas wie ein Barometer. Doch so lange fortzubleiben, das war gar nicht ihre Art. Vor allen Dingen konnte man ja im Haus an der Ecke auf die Idee kommen, es ginge auch ohne sie. Ida war doch der festen Überzeugung, dass das Leben im Haus an der Ecke ohne sie gar nicht richtig laufen konnte.

Als sie mit Fritzchen, dem unmöglichen Hund, fortfuhr, hatte sie nur ein paar Stunden wegbleiben wollen. Unterwegs hatte sie schon gar nicht mehr genau gewusst, warum sie die Mädchen ärgern wollte. Zu dumm! Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie um diese Zeit unmöglich Lotte zur Last fallen konnte. Lotte, die achtzigjährige Mutter des Großluden Marek, wohnte in einer herrlichen Jugendstilvilla vor den Toren der Stadt. Seit einiger Zeit waren dort sogar einige Aidspatienten einquartiert. Die Dirnen im ganzen Viertel hatten wegen der Seuche den Luden den Kampf angesagt. Überall hörte man von dieser Krankheit. Vor nichts hatten die Dirnen so viel Angst wie davor, allein sterben zu müssen, vergessen, vielleicht sogar in der Gosse. Wenn die Menschen mit dieser Krankheit wie bisher verfuhren, dann würde auf dieser Welt bald der Teufel los sein. Menschlichkeit und Liebe wären dann nur noch leere Worte. Jetzt fing schon hin und wieder das Kesseltreiben gegen die käuflichen Mädchen an.

Kürzlich hatte die Regierung mal wieder einen Sündenbock gebraucht und infizierte Personen in dieses Milieu verwiesen. Leider hielt sich die Krankheit nicht an diese Begrenzung. Das war sehr peinlich.

Ida erwog schon, Lotte doch noch aufzusuchen, um sie zu einem Einkaufsbummel zu animieren. Wenn sie wütend war, musste Ida einfach etwas anstellen, einige Leute ärgern. Den King konnte sie ganz besonders damit ärgern, dass sie seine Mutter dazu brachte, viel Geld auszugeben.

Ida konnte noch so sehr nachdenken, es ließ sich kein Haar in der Suppe finden. Das machte sie noch wütender. Also stellte sie den Wagen ab, nahm Fritzchen und wanderte durch den Stadtpark. Frische Luft tat ihr auch mal ganz gut. Vor allen Dingen konnte sie nun auch mal über viele Dinge nachdenken, wozu sie ja sonst nie kam. So kam es, dass Ida fast mit einer Frau zusammenstieß.

»Elly, ich denke, du bist schon lange abgekratzt«, fuhr Ida eine alte vergammelte Hure an.

Diese hob den Kopf und brauchte ziemlich lange, um in Ida die ehemalige alte Säuferhure wiederzuerkennen. Gemeinsam hatten sie in grauer Vorzeit so manchen Streich ausgeheckt. Idas weiches Herz erzitterte, als sie jetzt Elly so abgewrackt vor sich sah.

»Ja, ja, ich habe schon gehört, dass du die Treppe raufgefallen bist, Ida. Du hast es ja irgendwie immer wieder geschafft, Oberwasser zu bekommen. Du hast draußen gestanden, während ich im Knast meine Zeit abbrummen musste.«

»Ich habe dich auch immer fleißig besucht und dir Kuchen mitgebracht«, erinnerte sie Ida.

Elly nickte und schniefte.

»Ja, das muss man dir lassen. Das hast du getan. Du hast immer zu mir gehalten.«

Ida wusste, Elly hatte auch ihren Stolz. Sie sah zwar erbärmlich aus, aber sie würde niemals um Geld betteln. Ida bekam feuchte Augen. Schließlich musste sie ihrem Schicksal sehr dankbar sein, es hatte es wirklich gut mit ihr gemeint.

»Haste Lust mitzukommen?«, fragte Ida schnodderig.

»Ins Eckhaus? Nee, weißt du, ich habe es nicht gern, wenn man mich irgendwo rausschmeißt.«

Ida blickte sie an.

»In meiner Begleitung wirst du nicht rausgeschmissen. Ich bin heute so früh weg, ich habe noch nicht mal gefrühstückt. Jetzt ist es auch schon zu spät dafür. Wollen wir essen gehen? Weißt du hier in der Nähe ein gutes Lokal?«

»Das weiß ich schon«, murmelte die Rinnsteinhure leise. »Aber ich darf mich dort nicht mehr blicken lassen. So wie ich aussehe, kannst du wirklich keinen Staat mit mir machen.«

Das stimmte in der Tat. Ida schluckte. Dann sagte sie scheinbar ärgerlich: »Weißt du eigentlich, dass ich dir noch immer ein paar blaue Scheine schuldig bin? Damals, bei Atze, erinnerst du dich? Ich hab damals ja nicht die Mäuse gehabt. Du hast mich nie gemahnt. Das war sehr anständig von dir. Doch jetzt habe ich Geld. Wir werden für dich neue Klamotten kaufen. Komm!«

Elly dachte nach. Dunkel konnte sie sich daran erinnern, dass Ida ihr damals das Geld zurückgegeben hatte. Sie fühlte Tränen in sich hochsteigen. So zart war noch nie einer zu ihr gewesen. Ida wollte sie nicht beschämen.

Langsam stand Elly auf.

»Hast du es auch wirklich übrig?«, fragte sie.

»Würde ich es dir sonst anbieten?«, brummte Ida.

Der Geschäftsmann in der schicken Boutique blickte die beiden Alten scheel an und wollte zuerst wissen, ob sie auch bezahlen könnten. Ein Blick aus Idas Augen, und er schlug verschämt die Augenlider nieder.

Ida suchte Kleider aus festen, guten Stoffen aus. Elly sah wenig später schon richtig manierlich aus.

»Nun kann ich ja ein paar Märker mehr verlangen«, sagte sie leise. »Jetzt wird man mich nicht mehr gleich ablehnen.«

Aber der Kneipenwirt staunte, als er die veränderte Elly zu Gesicht bekam. Ida hatte eigentlich nur einen Spatzenhunger. Seit sie selber Köchin war, machte es ihr keiner mehr recht. Aber sie sagte nichts zu dem Essen. Sie ließ eine Menge auffahren. Elly schlang alles gierig in sich hinein. Natürlich durfte auch der Verdauungsschnaps nicht fehlen.

Die Eckhausköchin war früher eine starke Trinkerin vor dem Herrn gewesen, doch seit sie bei Deike arbeitete, hatte sie fast nie mehr etwas getrunken. Der billige Schnaps haute sie fast vom Stuhl.

Elly staunte. Sie grinste aber fröhlich und prostete Ida zu. Ida hatte bald einen Punkt erreicht, wo sie nicht mehr denken konnte. Der Alkohol verwirrte sie innerlich so sehr, dass sie alles vergaß. Elly sollte es recht sein. Fritzchen hatte auch etwas zu Fressen bekommen. Der Hund lag zufrieden zu Idas Füßen und schlief seinen Verdauungsschlummer. Fritzchen war nämlich ein sehr fauler Hund.

Das Lokal machte kurze Zeit später zu. Die zwei Frauen mit dem Hund standen auf der Straße. Sie schwankten beide nicht schlecht.

»Gehen wir wieder in den Park, und machen wir es uns dort gemütlich! Andere Leute müssen jetzt arbeiten, und wir können uns auf die faule Haut legen. Ist doch fein, oder?«

»Elly, du bist wirklich eine gute Freundin.«

»Da kann das Hündchen auch Gassi gehen«, sagte Elly lachend. »Bäume genug gibt es dort ja.«

»Fritzchen ist sehr wählerisch«, gab Ida zu bedenken.

»Er hat doch die Auswahl. Wenn du willst, suchen wir ihm sogar einen Gummibaum.«

»Hast du das gehört, Fritzchen?«, lallte Ida.

Fritzchen hatte eigentlich gar keine Lust mehr, weiter durch die Gegend zu trotten. Er zog an seiner Leine. Ida war schwer betrunken. Elly musste sie über die Straße geleiten. Dann wankten sie beide in den großen Stadtpark.

Der Hund dachte: Na ja, mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig. Ich muss wohl mit.

Sehnsüchtig träumte er von seinem schönen Hundekorb in der Küche im Eckhaus.

 

 

5

Gwen war nach ihrem Nahkampf mit Ralph fast wieder normal geworden. Sie angelte sich noch mehr Kunden. Dabei versuchte sie auch gleich, ihre Theaterkarten loszuwerden.

»Wirklich tolle Sache! Man kriegt keine Karten mehr. Ehrlich!«

»Wo denkst du hin«, sagte ein Kunde. »Wenn ich meiner Frau damit komme, wird die mich löchern, wo ich sie herhabe. Und die kann mich ins Gebet nehmen, das kann ich dir flüstern! Zum Schluss sage ich es ihr vielleicht noch. Und was dann?«

»Du bist eine Memme«, spottete Gwen ärgerlich.

»Lieber eine Memme sein, als geschieden werden.«

»Warum das denn?«

»Weil ihr der Laden gehört. Auf meine alten Tage habe ich nicht mehr viel Lust, noch was Neues zu suchen.«

»Dann sind das also die Mäuse von deiner Alten, die du hier bei mir durchbringst?«

»Ist das etwa neu für dich?«, fragte der Kunde.

Gwen lachte.

»Eigentlich nicht. Im Gegenteil, es ist schon fast normal. Nur sagen es die anderen Kerle nicht so offen. Sie glauben, sie können mir was vormachen.«

»Tut mir wirklich leid, Süße!«

Gwen versuchte es viermal. Aber sie bekam die Theaterkarten nicht los. Als sie später wieder auf der Rampe stand, erzählte sie Hanna von ihrem toten Kapital. Diese brach in helles Gelächter aus.

»Du hast wirklich im Augenblick eine Schraube locker«, rief sie aus. »Du meine Güte, das ist ja lustig!«

»Will denn von euch keine die Karten haben?«, fragte Gwen.

»Bist du verrückt?«

»Ich meine, ihr könntet doch eure Kunden fragen. Morgen ist die Vorstellung.«

»Naja, ich will mal nicht so sein.«

Hanna war es dann auch, die allen Mädchen, die sie traf, davon erzählte. Die Dirnen kicherten fröhlich und versprachen, ihr Glück zu versuchen. Aber niemand wollte die Karten haben.

Gwen verstand das nicht.

»Sie kennen die Schwarzmarktpreise und haben doch alle Angst, dass ihre Frauen misstrauisch werden. Oder dass sie schimpfen, weil der Herr Gemahl angeblich zu teuer eingekauft hat.«

»Was ist das denn bloß für eine Sache?«, wollte Eva-Maria jetzt wissen.

»Ein Ballett in drei Bildern. Nussknacker heißt es. Eine weltberühmte Truppe aus Paris macht eine Tournee hierher.«

»Kein Wunder, dass es so aufregend ist!«

»Was willste denn jetzt machen?«

»Noch ist nicht aller Tage Abend«, brummte Gwen.

Tina lachte und sagte: »Wenn es nicht für morgen wäre, würde ich sagen, es wäre ein schönes Geschenk für Ida gewesen.«

»Ida und Theater? Auch noch Ballett?« Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Doch dann verstummten sie und blickten sich bestürzt an.

»Sie ist ja immer noch nicht wieder eingetroffen!«

Hanna wurde ganz weiß.

»Oh nein, ich wollte ja Deike anrufen! Verdammt, die wird ganz schön sauer sein.«

»Du brauchst mich nicht mehr anzurufen, ich bin schon da«, ertönte da Deikes Stimme hinter ihrem Rücken.

Die Mädchen auf der Rampe fuhren herum. Hanna ging gleich mit Deike ins Haus zurück.

»Was ist los? Gibt es Ärger? Wieso sprecht ihr vom Ballett?«

»Das ist eine ganz harmlose Geschichte, Deike. Darum brauchen wir uns nicht zu kümmern, ehrlich nicht! Ida ist seit dem Morgen nicht mehr im Eckhaus erschienen.«

»Was habt ihr denn schon wieder mit ihr angestellt?«

»Wirklich nichts, Deike! Du kennst sie doch.«

»So lange ist sie aber noch nie fortgeblieben.«

»Eben! Wir haben uns inzwischen selbst bekocht. Charly hat uns zwischendurch was gebracht. Dann hatten wir eine Menge Arbeit auf der Rampe und haben Ida darüber vergessen.«

»Ausgerechnet heute muss ich mich verspäten«, murmelte die Bordellmutter.

»Was tun wir jetzt?«

»Ist Marek schon wieder zurück?«, fragte Hanna.

»Nein, er ist noch in Übersee.«

Hanna blickte Deike an.

»Wir sollten wirklich etwas unternehmen.«

»Lotte wird nicht so dumm sein, und sie dort behalten und uns nicht anrufen.«

»Nein, das glaube ich auch nicht. Also werden wir auch erst gar nicht nachfragen. Denn wenn Lotte hört, dass mit Ida was los ist, haben wir sie auf dem Hals. Dann haben wir hier keine ruhige Minute mehr.«

»Sollen wir die Tagschicht losschicken, Ida zu suchen?«

Deike dachte nach.

»Nein, die Mädchen brauchen ihren Schlaf. Lass man, ich werde mich an die Strichjungen wenden. Du weißt ja, nachts sind sie unterwegs, im Auftrag ihrer Luden. Sie sollen ihre Augen offenhalten.«

»Hoffentlich gibt es keinen Ärger!«

»Warum das denn?«

»Deike, du weißt doch, wie man uns das Eckhaus missgönnt. Du und Ida, ihr habt doch bereits tolle Angebote erhalten. Wenn man Ida nun entführt hat?«

»Ach, das glaube ich einfach nicht. Sie riskieren keinen Ludenkrieg. Der würde aber stattfinden, weil sich Marek das einfach nicht bieten lassen könnte.«

»Wo mag sie nur stecken?«

»Wir müssen Ida noch mal die Ohren langziehen«, sagte Hanna ärgerlich. »Sie muss ihre Grenzen kennenlernen. Wenn wir immer darunter zu leiden haben, dass sie mal wieder ihren Koller kriegt, dann ist es auf Dauer nicht mit ihr auszuhalten.«

»Sei doch nicht so hart!«, rügte Deike.

»Ich mache mir eben Sorgen«, schimpfte die Dirne.

Deike legte den Arm um Hannas Schultern.

»Ich weiß das doch.«

»Ich hätte mich wirklich früher darum kümmern müssen. Ich fühle mich schuldig.«

»Geh wieder raus! Du hast doch noch Dienst. Ich nehme jetzt alles in die Hand.«

Hanna war nicht glücklich und schon gar nicht bei der Sache. Obwohl ihr Lieblingsstammkunde auftauchte, konnte sie ihn heute nicht zufriedenstellen. Darüber war er sehr traurig.

Details

Seiten
107
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932928
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503213
Schlagworte
schicksale haus ecke gwen nussknacker

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #21: Gwen und der Nussknacker