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Leseprobe

Table of Contents

Im Hier und Jetzt der Ewigkeit

In dieser Sonderedition sind folgende Romane enthalten:

Der Gespaltene Planet

ERSTER TEIL

ERSTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im März

ZWEITES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im April

DRITTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Mai

VIERTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Mai

FÜNFTES KAPITEL

ZWEITER TEIL

SECHSTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Juli

SIEBTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Riviera, im September

ACHTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – im Flugzeug über dem Atlantik, im September

NEUNTES KAPITEL

DRITTER TEIL

ZEHNTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Oktober

ELFTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im November

ZWÖLFTES KAPITEL

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union

Im Jahr 95 nach Hiroshima

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Die Insel der Wahrheit

Vorwort

… à cause du monde et à cause de la musique

Anfang und Ende

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Ende und Anfang

In purpurner Finsternis

VORWORT

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Im Hier und Jetzt der Ewigkeit

 

Science Fiction Sonderedition

– vier Romane in einem Band –

 

 

In dieser Sonderedition sind folgende Romane enthalten:

 

Der Gespaltene Planet – Ein Krieg der Geschlechter – von Hans-Jürgen Raben

Im Jahr 95 nach Hiroshima – von Richard Hey

Die Insel der Wahrheit – von Alfons Winkelmann

In purpurner Finsternis; eine Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert – von Michael Georg Conrad in einer überarbeiteten Neuauflage von Ines Schweighöfer

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK eBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© der überarbeiteten Romanfassung von »In purpurner Finsternis« Ines Schweighöfer

© Cover: unsplash mit Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat uns Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

In dieser Sonderedition zeigen vier Autoren zu unterschiedlichen Zeiten auf grandiose, fiktionale Weise, was mit unserer Welt geschehen kann, wenn wir nicht behutsam, gar sensibel mit ihr umgehen, oder wenn Menschen der Meinung sind, sie wären über alle Gesetze in Wirtschaft, Politik und der Natur erhaben und dadurch überdies die Gesellschaft spalten, und am Ende sogar so weit gehen, dass ein Untergang, eine Auslöschung der Menschheit fast nicht mehr zu verhindern ist …

 

Lassen Sie sich in diese vier wunderbaren, außergewöhnlichen Geschichten entführen:

› DER GESPALTENE PLANET von Hans-Jürgen Raben. In diesem Band zeigt der Autor, was durch Diskriminierung und Ausgrenzung mit unserer Gesellschaft passieren kann, wenn ein Riss durch die Menschheit geht, der weder vor Ländergrenzen, Religion noch Hautfarbe Halt macht.

› IM JAHR 95 NACH HIROSHIMA von Richard Hey. Für diesen Roman erhielt Hey den Kurt-Lasswitz-Preis verliehen.

› IN PURPURNER FINSTERNIS von Michael Georg Conrad. Dieser Roman ist laut SF-Lexikon »einer der besten Romane des wilhelminischen Zeitalters!«

› DIE INSEL DER WAHRHEIT von Alfons Winkelmann. Von diesem Roman wird gesagt: »Dan Brown würde vermutlich vor Neid erblassen.«

 

***

 

 

 

Der Gespaltene Planet

– Ein Krieg der Geschlechter –

 

 

von Hans-Jürgen Raben

 

 

Science Fiction-Roman

 

 

 

Klappentext:

 

In New York wird Robert Kinsley unliebsamer Zeuge, als militante Feministinnen einen Mann auf offener Straße ermorden. Seither ist er auf der Flucht. Er ahnt, dass tiefgreifende Änderungen sich anbahnen, dass Frauen mit allen Mitteln an die Macht drängen. Und er deutet die Zeichen der Zeit richtig: Es dauert nur wenige Monate, und in den meisten Staaten der Welt haben Frauen die zu lange arglosen Männer aus allen Bereichen ihres Lebens verdrängt und die uneingeschränkte Regierungsgewalt übernommen.

Bald darauf stehen sich weltweit unversöhnlich totalitäre »Männerstaaten« und »Frauenstaaten« gegenüber, Grenzen werden neu gezogen, vorherige Ländergrenzen verlieren ihre Bedeutung, selbst religiöse Zwistigkeiten oder Unterschiede in der Hautfarbe spielen keine Rolle mehr. Brutale Geschlechterverfolgungen innerhalb dieser neuen Bereiche sind an der Tagesordnung, selbst Personen mit demokratischen Anwandlungen innerhalb der eigenen Reihen werden gnadenlos verfolgt und beseitigt. Erst viele Jahre, gar Jahrzehnte später, als fast die letzte Hoffnung auf eine Zukunft der Menschheit erloschen ist, bringt ein zarter Keim der Verständigung die Möglichkeit für einen friedvollen Neubeginn, doch der Weg dorthin ist hart und steinig …

 

 

***

 

 

ERSTER TEIL

– DÄMMERUNG –

 

 

ZWEITER TEIL

– NACHT –

 

 

DRITTER TEIL

– MORGEN –

 

 

***

 

 

ERSTER TEIL

– Dämmerung –

 

 

»Ihr werdet den Tag noch erleben, an dem die Welt, die ihr kennt, endet.«

(George Baker)

 

 

 

ERSTES KAPITEL

 

 

Die letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts – Vergangenheit.

 

Der Zeitungsverkäufer war heute freundlicher als sonst. »Wird ein schöner, heißer Tag«, sagte er und ließ das Wechselgeld auf den Zahlteller fallen. Robert Kinsley sah ihn überrascht an und klemmte die New York Times unter den Arm. Er konnte sich nicht erinnern, dass der Verkäufer jemals ein Wort zu ihm gesagt hätte, und daher antwortete er nur mit einem zustimmenden Brummen. Seit ziemlich genau vier Jahren kaufte er hier jeden Morgen seine Zeitung.

Kinsley blinzelte in den Himmel. Der Zeitungsverkäufer würde mit seiner Bemerkung recht behalten. In New York bedeutete dies neben der Hitze oft eine unerträgliche Schwüle. Die Verbrechensrate würde in den Abendstunden hochschnellen, und im Feierabendverkehr würde es mehr Unfälle als gewöhnlich geben.

Kinsley ging die paar Schritte zum Eingang der Subway-Station hinüber. Er hatte sich einen kraftvoll federnden Gang angewöhnt, seit er kurz davor stand, in seiner Firma eine leitende Position zu übernehmen. Er bildete sich ein, damit eine dynamischere Ausstrahlung zu besitzen. Ebenso legte er Wert auf ein gepflegtes Äußeres; seriös, nicht zu modisch, aber mit einer dezenten Eleganz. Als Richtschnur bevorzugte er jeweils ein Herrenjournal des Vorjahres und den Rat eines flüchtigen Bekannten, der als Chefeinkäufer für ein großes Warenhaus tätig war. Sein Modeverhalten entsprach seiner Mentalität: absichern nach mehreren Seiten, zurückgreifen auf das Erprobte, das Bewährte; Vermeiden von Experimenten, deren Ausgang ungewiss war. Kinsley war in der Regel zufrieden mit sich. Sympathie, Vertrauen, Dynamik – das war es, was heutzutage zählte. Der nächste Schritt nach oben sollte nicht der letzte in seiner Karriere sein.

Er rümpfte angewidert die Nase, als ihm aus dem dunklen Schacht diese undefinierbare Mischung von Gerüchen entgegenschlug, die das Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln für ihn immer zur Qual machte. Die New Yorker Subway besaß zumindest einen Rekord im internationalen Vergleich: Sie war die schmutzigste.

Kinsley bemühte sich, Abstand von den anderen Menschen zu wahren. Er mochte es nicht, angerempelt oder auch nur gestreift zu werden. Aus dem gleichen Grund verabscheute er Kaufhäuser mit ihren hin und her drängenden Menschenpulks, den überfüllten Rolltreppen und der ständigen Berieselung von Lautsprecherdurchsagen.

Links von ihm stand eine Menschentraube, alle in Lederjacken. Schwarz, glänzend und gespickt mit Silbernägeln. Diese Rockertypen werden immer aufdringlicher, dachte er flüchtig, ehe er merkte, dass es ausschließlich Mädchen und junge Frauen waren. Sie trugen die Haare kurz und sahen, außer ihrer Kleidung, überhaupt nicht nach »Hells Angels« oder etwas Ähnlichem aus. In ihrer Mitte aber war ein Mann, und es schien, als müsste er sich gegen die Mädchen wehren. So genau war es in dem Gedränge nicht zu erkennen, und Kinsley beherzigte die New Yorker Devise, dass man sich besser nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmischte.

Donnernd lief der Zug in den Bahnhof ein, und ein Schwall stickiger Luft streifte sein Gesicht. Für einen Moment war er abgelenkt und ließ sich von der Woge treiben, die zu den geöffneten Türen spülte. Plötzlich ertönte hinter ihm ein entsetzlicher Schrei, der sofort wieder abbrach und in einem Gurgeln endete. Kinsley erschrak und blieb erstarrt stehen.

Die Lederjackentruppe hatte sich aufgelöst. Er sah, wie sich die schwarzglänzenden Gestalten eilig auf verschiedene Waggons verteilten. Auch andere hatten den Schrei gehört und sich umgedreht. Aber scheu wandten sie den Kopf und hasteten in die Abteile. Die Türen schlossen sich knallend, und der Zug fuhr an. Sekunden später waren nur noch die roten Rücklichter im Tunnel zu sehen, bis auch sie hinter der nächsten Kurve verschwanden.

Kinsley war nun ganz allein auf dem Bahnsteig. Allein mit dem Mann, den er eben noch in der Gruppe der Mädchen gesehen hatte. Er lag verkrümmt auf dem Betonboden und röchelte. Ich komme zu spät, dachte Kinsley, gleich darauf bewegten sich seine Füße direkt auf den Mann zu. Es geht dich nichts an, hämmerte es in seinem Schädel. Die anderen haben sich auch nicht darum gekümmert …

Er kniete bei dem Mann nieder und versuchte, ihn auf die Seite zu drehen. Er war etwa im gleichen Alter wie Kinsley selbst, also Anfang Dreißig. Er trug leichte, aber teure Sommerkleidung, die ihn jünger aussehen ließ.

Kinsley zuckte zurück, als er eine klebrige Flüssigkeit an seinen Fingern spürte. Entsetzt starrte er auf seine Hand. Sie war mit Blut beschmiert. Jetzt erst sah er die sich langsam ausbreitende Blutlache unter dem Mann, der verzweifelt versuchte, sich hochzustemmen.

»Helfen Sie mir!«, stöhnte er. Dabei krallte er sich mit der rechten Hand an Kinsleys Schulter fest. Seine Augen wurden schon glasig. Kinsley hatte zwar noch nie einen Toten gesehen, aber er begriff, dass es gleich so weit sein würde. Diese Vorstellung erschütterte ihn. Er wich einen Schritt zurück und befreite sich von der Hand des Sterbenden, der auf den Beton zurückglitt und unkontrolliert zuckte.

»Diese verdammten Weiber!«, flüsterte der Mann. »Jetzt haben sie es doch geschafft!« Er drehte den Kopf zu Kinsley. »Sie müssen aufpassen. Da geht etwas vor … die Frauen, wissen Sie … sie wollen uns … warnen Sie …« Ein Blutschwall schoss aus seinem Mund und erstickte die letzten Worte. Dann fiel sein Kopf zur Seite, und er lag still. Kinsley spürte, dass ihm schlecht wurde.

Er blickte hoch und sah andere Menschen, die in einem lockeren Kreis um ihn und den Toten herumstanden. In den Gesichtern stand neben der üblichen Sensationsgier auch das nackte Entsetzen vor dem, was jeden Bürger dieser Stadt unsichtbar begleitete.

Zwei Polizisten drängten rücksichtslos durch die Menge, die nur mürrisch zur Seite wich. Kinsley bemerkte die blauen Uniformen kaum, die neben ihm auftauchten. Auf seiner Stirn standen Schweißtropfen. Erst als er angesprochen wurde, kam ihm zu Bewusstsein, dass in den Uniformen Frauenkörper steckten. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass seit einiger Zeit auch Frauen im normalen Streifendienst der Polizei eingesetzt waren. »Die letzten männlichen Bastionen werden genommen«, hatte ein Kommentator dazu bemerkt. Inzwischen war es eine Selbstverständlichkeit, denn Frauen konnten mit Schlagstock und Revolver ebenso gut umgehen wie ihre männlichen Kollegen, und meistens hatten sie auch weniger Hemmungen, es zu tun.

»Ich habe Sie etwas gefragt!«, drang eine Stimme an sein Ohr.

Er zuckte verwirrt zusammen. Die Stimme klang irgendwie lauernd. Er sah die Polizistin an. Sie hatte ein ebenmäßiges Gesicht mit harten blauen Augen. Das Haar war kurz und verschwand fast gänzlich unter der Uniformmütze. »Ich … ich habe Sie nicht verstanden.«

»Waren Sie dabei, als es geschah? Haben Sie den Täter gesehen? Es muss doch eben erst passiert sein. Befindet sich der Betreffende vielleicht noch auf dem Bahnsteig? Oder haben Sie selbst …?«

»Nein, nein. Ich …«

Die zweite Polizistin hatte sich zu dem Toten hinabgebeugt und richtete sich jetzt wieder auf. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts mehr zu machen. Es sieht nach Messerstichen aus. Man hat den Mann regelrecht zerfetzt. Das ist ein Fall für die Mordkommission.«

Die beiden drehten den Kopf Kinsley zu. Sie kamen ihm vor wie bleiche Monde, die vor seinen Augen schwammen. Ein Zug fuhr ein und übertönte jedes Geräusch, sodass er die Frage nicht verstand, die man an ihn richtete. Der Kreis der Neugierigen zerbröckelte wie Eis in der Sonne. Niemand war scharf darauf, neugierige Fragen der Polizei zu beantworten. Kurze Zeit später waren sie wieder allein auf dem Bahnsteig.

»Es war eine Bande von Frauen«, sagte Kinsley klar und deutlich, als der Lärm der Bahn verebbt war.

Die beiden Polizistinnen warfen sich einen raschen Blick zu. »Frauen?«, sagte die erste gedehnt. »Sie müssen sich irren. Das Messer ist keine Waffe für eine Frau.«

Er machte eine hilflose Handbewegung. »Aber ich habe es gesehen. Sie trugen Lederkleidung.«

Die beiden sahen sich wieder bedeutungsvoll an. Die Polizistin mit den blauen Augen deutete anklagend mit dem Finger auf ihn. »Lederkleidung, aha! Sie haben das mit einer Rockerbande verwechselt. Dort sitzen die Messer locker, das weiß man doch. Es waren sicher viele Menschen auf dem Bahnsteig, was haben Sie schon sehen können?«

Kinsley spürte eine leichte Wut in sich. Schließlich war er dabei gewesen! Nun gut, er hatte nicht gesehen, wie man den armen Kerl niedergestochen hatte, aber das war unwichtig, denn der Tote war schließlich nicht zu übersehen. Die dunkelrot glänzende Blutlache war faserartig in verschiedene Richtungen zerlaufen. Irgendjemand war hineingetreten und hatte blutige Fußspuren bis zur Bahnsteigkante hinterlassen. Die Szenerie hatte etwas Unwirkliches an sich, aber Kinsley konnte wieder klar denken, und mit alttestamentarischer Überzeugung sagte er: »Es waren Frauen.«

»Es könnte nicht zufälligerweise ein Unfall gewesen sein?«, fragte Blauauge mit ziemlicher Hinterhältigkeit in der Stimme. »Könnten Sie beschwören, dass es so geschehen ist, wie Sie sagen?«

»Nun, ich … äh …«

»Sehen Sie, Sie haben nur vage Anhaltspunkte. Ich glaube, Sie wären kein sehr guter Zeuge. Vor Gericht kämen Sie damit nicht durch.«

»Vor Gericht?« Das Erschrecken in Kinsleys Stimme war nicht zu überhören.

Blauauge lächelte belustigt. »Natürlich. Man wird Verdächtige verhaften und anklagen. Sie wird man als Zeuge hören, und der Richter wird Sie fragen, ob Sie die Täter wiedererkennen, und dann werden Sie schwören müssen, nichts als die Wahrheit zu sagen, und von Ihrer Aussage wird es abhängen, ob vielleicht Unschuldige auf Lebenszeit ins Gefängnis gehen müssen.«

»Es ging alles sehr schnell«, gab Kinsley zu.

»Wir brauchen Sie dann nicht mehr«, mischte sich die andere ein. »Sie sind wahrscheinlich schon zu lange aufgehalten worden. Geben Sie uns Ihre Personalien, danach können Sie den nächsten Zug nehmen!«

»Weshalb brauchen Sie meine Personalien? Ich bin hier ganz zufällig vorbeigekommen. Sie sagen doch selbst, dass meine Aussagen unbrauchbar sind.«

Er spürte, dass eine unbestimmte Angst ihm die Kehle zuschnürte. Sein Magen meldete sich, und ihm wurde bewusst, dass er sich jetzt bereits sehr stark verspätet hatte. Das würde man ihm ankreiden. Manche Kollegen warteten nur darauf, ihm ein Bein zu stellen. Diese blöde Geschichte konnte seine Karriere ruinieren! Seine Hände begannen zu zittern. Er fingerte nach seinem Führerschein. »Wenn Ihnen das reicht?«

Blauauge schrieb die Daten in ein schwarzes Notizbuch und gab ihm das Papier zurück. »Wenn wir noch Fragen haben, werden wir uns an Sie wenden. Die Mordkommission wird sich um alles Weitere kümmern.«

Ein Zug lief ein, und hastig strebte Kinsley zur nächsten geöffneten Tür. Er sank in einen Sitz und schloss dankbar die Augen, als die Bahn anruckte. Erst als die Lichter des Bahnhofes verschwunden waren, klappte er seine Zeitung auf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sich seine Augen daran gewöhnten, die tanzenden Buchstaben an einer Stelle festzuhalten und zu entziffern. Es gab keinen Zweifel, er war ziemlich nervös. Mit dieser Art von Dynamik konnten sich seine Vorgesetzten sicher nicht anfreunden.

Sein Blick flog über die Schlagzeilen und blieb rechts unten hängen.

GEWALTKRIMINALITÄT: IMMER MEHR FRAUEN UNTER DEN TÄTERN.

Er konnte sich nicht auf den Artikel konzentrieren, da sich immer wieder das Bild des Ermordeten über die Zeilen schob, und so wanderte sein Blick zu einer anderen Schlagzeile: ZWEI DRITTEL ALLER EHEN INNERHALB DES ERSTEN JAHRES GESCHIEDEN.

Er schüttelte den Kopf. Dieses Phänomen war ihm fremd, denn er war Junggeselle. Zwar hatte er schon mehrfach mit dem Gedanken gespielt, eine Frau zum Standesamt zu führen, aber in seiner Bekanntschaft gab es niemanden, den er für einen solch endgültigen Schritt für geeignet hielt. Es kam hinzu, dass sich die Frauen nicht gerade um ihn rissen, oder, um es anders auszudrücken, er hatte es ziemlich schwer, Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht zu schließen. Nicht, dass es ihm sonderlich viel ausgemacht hätte – aber es war andererseits zu bedenken, dass alle leitenden Angestellten in seiner Firma verheiratet waren, und das ließ vermuten, dass Karriere und Ehe in einem ursächlichen Zusammenhang standen.

Kinsley faltete die Zeitung zusammen und legte sie neben sich auf den Sitz. Er hatte zum ersten Mal in vier Jahren keine Lust, sie zu lesen.

 

*

 

»Ich glaube, es ist mehr eine Art Seuche.« George Baker schlug sich auf die Schenkel und lachte. Sein Gesicht glänzte wie eine Speckschwarte, und sein Bauch hüpfte auf und ab. Er hielt sein leeres Glas einem vorbeieilenden Kellner entgegen, der es wortlos wieder füllte. Er war Lohnkellner und wurde dafür bezahlt, Gläser zu füllen. Er brauchte sie nicht zu zählen, und es war auch nicht seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Gäste nüchtern das Haus verließen. Eine Party bei Vanessa Reeves hatte noch nie jemand nüchtern verlassen.

»Willst du damit sagen, dass es sich um einen Virus handelt?« David Ingham drehte das Glas in seinen Händen und musterte eine künstlich gefärbte Blondine, die in einem trägerlosen Abendkleid an ihm vorüberschwebte – nicht ohne ihm dabei einen glutvollen Blick zuzuwerfen, oder das, was sie dafür hielt. David war Filmproduzent, und jedes Mädchen im Raum wusste es. Was die meisten nicht wussten: dass er sich aus Mädchen nichts machte.

»Ich finde es überhaupt nicht komisch«, sagte Robert Kinsley. Er machte sich nicht viel aus Partys, wusste aber, dass sie für sein weiteres Fortkommen unerlässlich waren. Glücklicherweise gab es bei Vanessa immer ein paar Leute, mit denen es sich zu unterhalten lohnte, zumindest so lange, bis ein ausreichender Grad an Trunkenheit erreicht war.

»Wenn ich Seuche sage, meine ich, dass es rapide um sich greift. Ich weiß, wovon ich rede.« Baker nahm schlürfend einen tiefen Schluck aus seinem Glas. In seiner Jugend musste es gravierende Erziehungsmängel gegeben haben. Er sprach nie darüber, aber jeder wusste, dass er sich aus sehr bescheidenen Verhältnissen nach oben gekämpft hatte. Heute gehörten ihm ein Tiefbauunternehmen, eine Spedition und eine Einzelhandelskette. Außerdem kontrollierte er ein Reinigungsunternehmen und besaß wesentliche Anteile an einem lokalen Fernsehsender, an den wiederum eine kleine Schallplattenproduktionsfirma gekoppelt war. Es hieß, dass er auch Kontakte zum organisierten Verbrechen unterhielt, eine Vermutung, die er nie dementiert hatte.

»Es ist kein Virus, David, es ist viel schlimmer. Einen Virus könnte man bekämpfen, indem man Penicillin spritzt oder etwas Ähnliches. Aber es sind doch die Frauen selbst, die mehr und mehr durchdrehen. Ihr braucht euch nur umzusehen, dann wisst ihr, was ich meine. Mister Kinsley hat doch eben sein Erlebnis erzählt. Es passt haargenau in die Art von Entwicklung, die ich befürchte. Es ist etwas im Gange, meine Freunde.«

Ingham lächelte schwach. Er war mit Baker eng befreundet, was manchen erstaunte, denn sie schienen auf den ersten Blick nicht das Geringste miteinander gemein zu haben. Allerdings besaßen sie geschäftliche Interessen, die für einen Außenstehenden reichlich undurchsichtig waren. Jedenfalls ergänzten sich Inghams Filmsternchen mit Bakers Plattenstars und seinen Fernseheinflüssen in ganz idealer Weise. Es war jedem, der die beiden kannte, klar, dass es hinter den Kulissen mehr geben musste, als vordergründig erkennbar war, aber dies war kein Thema, das zu diskutieren lohnte. Sie lebten alle in einem freien Land, wo jeder genau die Freiheit besaß, die er sich nahm, und einige hatten eben etwas heftiger zugegriffen als andere.

Robert Kinsley sah von einem zum anderen. »Wir kennen uns noch nicht so gut«, sagte er schließlich, »aber ich möchte Sie dennoch fragen, was Sie von meiner Geschichte halten. Sie müssen zugeben, dass das Ganze ziemlich merkwürdig ist. Ich habe im ersten Augenblick an eine Verschwörung gedacht, obwohl ich keine Ahnung habe, gegen wen sich die Verschwörung richten sollte. Mittlerweile glaube ich schon, dass ich mir alles nur einbilde, dass ich wegen des schrecklichen Erlebnisses aus einer Mücke einen Elefanten mache. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.«

Baker deutete mit dem Finger auf Kinsley. »Sie haben ganz recht: Es ist eine Verschwörung, und sie richtet sich gegen uns, gegen die Männer. Stören Sie sich nicht daran, wenn David lächelt. Er hat von Frauen keine Ahnung, er nimmt sie kaum zur Kenntnis. Deswegen sieht er natürlich nicht, was um uns vorgeht. Es gibt harmlose Dinge und einige, die mich frösteln lassen. Ich habe mir neulich die Mühe gemacht, in allen meinen Firmen die Positionen der Frauen herauszusuchen, und wissen Sie, was ich festgestellt habe? Sie sind überall auf dem Vormarsch, und in manchen Bereichen haben sie bereits die entscheidenden Posten besetzt. Sie machen es mit allen Tricks und manchmal auch mit Druck. Meine Fernsehgesellschaft wollte vor einigen Wochen eine Sendung bringen, die sich mit diesen Erscheinungen beschäftigt. Die Sendung ist jedoch sabotiert worden. Weder erfolgte jemals eine Übertragung, noch ist der Film seither auffindbar. Das sind nur Beispiele, aber sie sind typisch.«

»Das beweist überhaupt nichts«, meinte Ingham leichthin. »Wenn dem so wäre, hätte ich etwas merken müssen.«

»Hättest du auch, wenn du dich für Frauen interessieren würdest. Du produzierst Filme, und ich bin dein Kunde, denn ich gehe verdammt gern ins Kino. Und auch dort ist mir in letzter Zeit einiges aufgefallen. Es gibt immer mehr weibliche Regisseure und immer mehr Themen, die sich mit der Rolle der Frau beschäftigen, und zwar in einer Art und Weise, die mir überhaupt nicht gefällt. Die Männer werden mehr oder weniger als Halbidioten dargestellt, die auf ziemlich plumpe Weise versuchen, die Frauen zu unterdrücken, wobei ihre Funktion sich eigentlich darauf beschränkt, zum Fortbestand der Rasse einen bescheidenen Beitrag zu liefern. Und das Schlimme ist: Wir sind wirklich Idioten, denn in den Kinos lachen die Männer herzlich über solche Filme. Es sollte mich nicht wundern, wenn alles von irgendwoher gesteuert würde.«

Ingham wiegte den Kopf. »Ich gebe dir recht, was die Filme angeht. Aber nehmen wir die Musikbranche. Sieh dir deine eigenen Produkte an. Selbst die härtesten Rockgruppen werden von Frauen geleitet, und auch die Texte der Songs sind nicht gerade promännlich. Jedoch halte ich dies alles nicht für eine Verschwörung, sondern für eine Zeiterscheinung, die vorübergeht, wie es bei solchen Trends immer der Fall war. Das Wort Emanzipation ist schließlich schon recht lange im Gespräch. Ich darf dich an die verschiedenen Wellen der sechziger und siebziger Jahre erinnern. Ein Protest jagte den nächsten. Auf der ganzen Welt herrschte Unruhe. Mittlerweile hat die Situation sich doch normalisiert. Die Frauen haben sich überall nach vorn gekämpft und die volle Gleichberechtigung erstritten.«

»Gleichberechtigung steht ihnen auch zu«, mischte sich ein Mann ein, der vor einigen Minuten hinzugetreten war. Sein durchschnittliches Äußeres prädestinierte ihn dazu, übersehen zu werden. Gedrungene Gestalt, farblose Augen, schütteres Haar, Alter um die Vierzig. Er sprach ein korrektes Schulenglisch.

»Das ist richtig«, sagte Kinsley. »Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.«

»Ich bitte um Entschuldigung, mein Name ist Wagner, Paul Wagner. Ich bin Kaufmann und aus geschäftlichen Gründen in New York. Ein Geschäftsfreund hat mich heute Abend hierher mitgenommen.« Er deutete vage in das Gewühl der Party.

Kinsley nickte. Er wandte sich Baker zu. »Ich bin der Ansicht, dass die sogenannte Gleichberechtigung ihren Charakter verloren hat und sich allmählich in eine Benachteiligung des Mannes umkehrt. Man braucht sich nur gründlich in der Welt umzusehen. Noch nie hat es so viele Frauen an der Macht gegeben wie heute. Großbritannien, Israel, Portugal, Kanada, Indien, Argentinien, Jugoslawien – um nur einige zu nennen. Und in unserem eigenen Land? In wenigen Wochen haben wir Wahlen, und zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten bewirbt sich eine Frau um die Präsidentschaft.«

»Es geht mich zwar direkt nichts an«, sagte Wagner, »aber ich glaube, dass eine Frau in diesem Land keine Chance hat. Es ist der wichtigste Posten, den die westliche Welt zu vergeben hat. Amerika weiß das und wird entsprechend reagieren.«

»Ich hoffe, Sie behalten recht«, murmelte Kinsley.

Ingham machte eine abfällige Handbewegung. »Diese Frau wird die Wahl nicht gewinnen. Amerikas Frauen können nicht so dumm sein und die Verantwortung für die Nation einer ihrer Geschlechtsgenossinnen übertragen.«

»Ich wäre in dieser Beziehung nicht so sicher, David«, sagte eine rauchige, sehr weibliche Stimme. Die Köpfe der Männer ruckten wie von Bindfäden gezogen herum.

Vanessa Reeves. Die Gastgeberin. Sie lächelte strahlend, wie eine aus der Zahnpastareklame. »Habt ihr schon wieder das leidige Thema von der verletzten männlichen Eitelkeit zu fassen? In diesem Falle bringe ich euch Verstärkung. Dieser reizende junge Mann besitzt nicht nur eine tiefe russische Seele, sondern ist auch von der Überlegenheit alles Männlichen überzeugt. Alexej Jakowlew!«

Der Angesprochene verbeugte sich militärisch knapp. Er war das, was man landläufig gutaussehend nannte. Sein Anzug entsprach nicht ganz der letzten Mode, saß aber wie angegossen. In seinen Augen lag ein wachsamer Zug, der aber von seinem Lächeln verdeckt wurde. Er war noch recht jung und besaß offenbar gute Manieren.

»Sie sind Exilrusse?«, erkundigte sich Baker träge.

»Nein, ich bin Mitglied der sowjetischen UN-Delegation.« Sein Englisch war fast perfekt. Er schien nicht beleidigt zu sein.

»Ein richtiger Kommunist?« Baker war ehrlich erstaunt und drehte sich zu Vanessa um. »Du hast neuerdings merkwürdige Freunde.«

Ingham stieß ihn in die Seite. »Benimm dich! Es sind Vanessas Gäste. Mister Jakowlew, Sie sind uns willkommen.«

Der Russe verbeugte sich erneut. »Danke. Ich weiß, dass Amerikaner freundliche Leute sind. Sie haben nur einen Fehler: Sie gehorchen ihren Frauen zu sehr. Dafür gibt es nur eine Erklärung. Die amerikanischen Frauen sind sehr schön.« Er blickte Vanessa an.

Vanessa Reeves war zweifellos eine Schönheit. Ihr Alter war eines ihrer bestgehüteten Geheimnisse, aber wer sie nicht näher kannte, schätzte sie nicht älter als Mitte Dreißig ein. Sie war natürlich fast zehn Jahre älter, aber selbst jüngeren Männern blieb bei ihrem Anblick manchmal fast das Herz stehen – und das lag nicht nur an den Errungenschaften der modernen Kosmetikforschung. Hinzu kam ein unglaublicher Charme, der sie als Gastgeberin so beliebt machte. Ihre Partys zogen interessante Leute an wie das Licht die Motten. Es handelte sich auch nicht um langweilige Cocktail-Partys im Stehen, sondern um feuchtfröhliche Festivitäten, die in sehr heiterer Stimmung zu enden pflegten. Allerdings war es noch niemals vorgekommen, dass sich jemand danebenbenommen hatte. Er wäre auch nie wieder eingeladen worden.

Baker und Ingham gehörten schon seit Längerem zum Kreis der Ausgewählten. Kinsley war erst zum zweiten Mal dabei. Einer seiner Freunde, der heute nicht anwesend war, hatte ihm die Einladung vermittelt, und es war ihm rasch gelungen, Gesprächspartner zu finden. Er hatte bisher noch nicht herausbekommen, wovon Vanessa Reeves lebte. Offenbar war sie nicht verheiratet und besaß genügend Geld. Vermutlich war sie Witwe oder geschieden. Wie auch immer – einmal im Monat gab sie eine Party, die zu den gesellschaftlichen Ereignissen New Yorks zählte. Unter ihren Gästen hatte es Senatoren und Gouverneure gegeben, Künstler und Millionäre, aber auch ganz normale Sterbliche, wie Kinsley zum Beispiel, der sich nicht erklären konnte, was ihm zu einer zweiten Einladung verholfen hatte. Er nahm es hin wie ein Gottesgeschenk, denn es hatte wenig Sinn, sich darüber Gedanken zu machen.

»Du siehst bezaubernd aus wie immer«, sagte Ingham. Um seine Lippen lag ein spöttischer Zug. Natürlich wusste auch Vanessa, dass er ihren Reizen gegenüber von außerordentlicher Zurückhaltung war. Dies führte hin und wieder zu einem Wortwechsel, der einem Florettfechten nicht unähnlich war, wobei keiner der beiden so weit ging, dass der andere eventuell sein Gesicht verlor. Es handelte sich um eine intellektuelle Auseinandersetzung zum Vergnügen der übrigen Gäste.

Vanessa schien heute milde gestimmt; sie nickte leicht mit dem Kopf. »Du bist reizend wie immer, David. Ich hoffe, es gefällt euch auf meiner Party. Ich freue mich, dass auch Sie gekommen sind, Mister Kinsley. Sie wissen, dass ich gerne nette Leute um mich habe. Es wird heutzutage immer schwieriger, sie zu finden.«

Sie drehte den Kopf und winkte eine Frau heran, die schräg hinter ihr gestanden hatte. »Ich möchte euch außerdem Laura Stanwick vorstellen. Sie ist zum ersten Mal hier, obwohl ich sie schon länger kenne. Laura, dies sind meine alten Freunde George Baker und David Ingham. Das ist Mister Kinsley, der auch erst zum zweiten Mal hier ist. Ganz neu Mister Wagner, und das ist Mister Jakowlew.«

Sie verbeugten sich und schüttelten die Hände. Baker stoppte den Kellner und griff ein Champagnerglas vom Tablett, das er ihr mit einer vollendeten Geste überreichte. Sie nahm es mit einem leichten Kopfnicken, verzog aber keine Miene dabei.

Kinsley spürte eine unangenehme Erinnerung, als er sie ansah. Plötzlich wusste er es: die Augen. Sie waren von der gleichen Kälte und Härte wie die der Polizistin. Als sie ihn anblickte, beschleunigte sich sein Puls. Es war absolut albern, sagte er sich, aber die automatischen Reaktionen seines Körpers konnte er nicht steuern.

Laura Stanwick war keine Schönheit, aber sie besaß eine eigentümliche Ausstrahlung, die den Betrachter faszinierte. Kinsley fühlte sich angezogen, aber gleichzeitig abgestoßen. Sie mochte Ende Vierzig sein und tat nichts, um ihr Alter zu verheimlichen. Sie war gepflegt, schien Kosmetika aber nur dezent zu verwenden. Das Erstaunlichste aber war ihre Kleidung. Sie trug die Uniform eines Obersten der amerikanischen Luftwaffe.

»Ich sehe, ihr seid überrascht«, sagte Vanessa. »Ich muss zugeben, dass es mir ähnlich ging. Aber ich habe mir gesagt, dass heute nichts Ungewöhnliches dabei ist, wenn eine Frau einen hohen Offiziersrang besitzt. Schließlich ist das Gesetz über den Militärdienst von Frauen schon einige Jahre alt. Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass selbst in der Air Force die Vorherrschaft der Männer zu Ende ist.«

Baker machte den Mund auf und zu wie ein Karpfen, der nach Luft schnappt. Ingham runzelte die Stirn, als denke er angestrengt nach, und Kinsley versuchte, seinen klopfenden Herzschlag zu dämpfen.

»Sie brauchen keine Haltung anzunehmen, wenn Sie mit mir sprechen«, sagte der Oberst (Oder heißt es die Oberstin?, dachte Kinsley). »Schließlich gehören Sie nicht zu meinen Untergebenen.« Um ihre Mundwinkel lag zum ersten Mal ein leichtes Lächeln. »Es ist merkwürdig, aber wenn ein Mann eine Uniform sieht, strafft er seine Haltung, wobei es keine Rolle spielt, ob er gedient hat oder nicht. Waren Sie in der Armee?«

Nacheinander schüttelten sie den Kopf. »Ich war untauglich«, sagte Baker. Ingham grinste, denn er wusste genau, dass es seinen Freund einige Mühe gekostet hatte, den Grad seiner Untauglichkeit vor den zuständigen Behörden zu beweisen. »Vietnam ging zu Ende, als ich eingezogen werden sollte, und so blieb es mir erspart«, fügte er hinzu.

»Ich brauchte nicht, weil ich einen Sehfehler habe«, ergänzte Kinsley. »Das hat jedenfalls der Arzt behauptet. Er hat mir eine Brille verpasst, die ich nicht brauche, und war vom Gegenteil nicht zu überzeugen. Ich kann sehr gut sehen, aber es half nichts. Man hat mich nicht genommen.«

Laura Stanwick musterte ihn prüfend. »Das kommt vor. Es gibt überall Versager, nicht nur in der Armee. Wir bemühen uns, solche Fehlentscheidungen zu verhindern, aber man kann nicht alles nachprüfen.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage«, warf Baker ein, »sind Sie beim Sanitätskorps oder bei einer Verwaltungseinheit? Ich habe noch nie von Frauen bei der Luftwaffe gehört.«

Sie sah ihn starr an. »Ich befehlige eine Raketenstellung mit Interkontinentalgeschossen, und ich bin bei Weitem nicht die einzige Frau bei der Air Force, die eine verantwortliche Position innehat. Das haben mehrere Kolleginnen meines Jahrgangs in West Point geschafft. Drei davon sind bereits General. Strategisches Bomberkommando, Fernlenkwaffen und DIA.«

»DIA?«, fragte Kinsley erstaunt.

Ingham wandte den Kopf. »Defense Intelligence Agency. Ein militärischer Nachrichtendienst, der die einzelnen Organisationen der Teilstreitkräfte zu koordinieren hat.«

»Sehr richtig, Mister Ingham«, stimmte Oberst Stanwick zu. »Sie kennen sich aus.«

»Kommt in einem meiner Filme vor«, entgegnete er abwehrend.

Ihr leichtes Lächeln war weggewischt. »Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es handelt sich um eine ernste und wichtige Sache. Ich jedenfalls nehme sie ernst.«

»Oh, das tun wir auch«, beschwichtigte Baker. »Eine Raketenstellung befehligen Sie? Das muss interessant sein.«

»Es ist ziemlich langweilig, aber es verlangt hohe Verantwortung und ständige Einsatzbereitschaft von uns. In meiner Einheit gibt es zahlreiche Frauen unterschiedlicher Dienstgrade. Ich bin der Überzeugung, dass die Frauen dem ständigen psychischen Druck besser gewachsen sind als Männer. Es gibt zwar ein kompliziertes Sicherheitssystem, aber letztlich können sie mit einem Knopfdruck das atomare Inferno auf der Erde loslassen. Dieses Bewusstsein verlangt eine hohe psychische Stabilität.«

»Und Sie glauben, dass Frauen in dieser Beziehung stabiler sind als Männer?«, fragte Ingham ungläubig.

Sie nickte. »Unbedingt. Das zeigen nicht nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch die praktischen Erfahrungen der letzten Jahre.«

Vanessa Reeves trat wieder zu der Gruppe. »Laura, meine Liebe, ich hoffe, ihr habt euch gut unterhalten. Aber jetzt muss ich dir noch ein paar andere interessante Leute vorstellen.« Sie zog sie am Ärmel, und die Frau Oberst verabschiedete sich mit einem knappen, militärischen Kopfnicken.

Baker tupfte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. »Was sagt man denn dazu? Ich fürchte allmählich, dass wir schon viel weiter sind, als ich bisher angenommen habe. Eine Frau befehligt Interkontinentalraketen! Wohin soll das führen?«

»Bei uns in Deutschland gibt es noch keinen weiblichen General«, sagte Paul Wagner nach einer Pause. »Das werden wir auch zu verhindern wissen. Es muss ein paar Domänen geben, die den Männern vorbehalten bleiben. Der Krieg – ich meine, die Verteidigung – gehört unbedingt dazu.«

Baker starrte Jakowlew an. »Das Gespräch muss Ihnen gefallen haben.« Er beugte sich vor. »Sie sind doch Spion, oder? Die russische Botschaft in Washington steckt voller Spione.«

Für einen Augenblick herrschte Schweigen, dann ergriff Ingham das Wort. »Sie müssen meinen Freund entschuldigen. Er ist immer sehr direkt, aber er meint es nicht so. Natürlich wissen wir, dass nicht alle Russen Spione sind.«

Jakowlew hatte sein verbindliches Lächeln nicht verloren. »Mein Land braucht keine Spione. Wir kämpfen für die Erhaltung des Weltfriedens und müssen uns hin und wieder gegen die Angriffe des imperialistischen Klassenfeinds zur Wehr setzen.«

»Die brauchen wirklich keine Spione«, meinte Wagner lachend. »Der Himmel hängt voller Satelliten. Die können von dort unsere Zeitung mitlesen. Wahrscheinlich tun sie’s auch.«

»Wer?«, fragte Kinsley irritiert.

Wagner hob die Schultern. »Na, alle. Wir belauern und beobachten die Russen, und die beobachten uns. Ist es nicht so, Mister Jakowlew?«

Der Russe lächelte sanft. »Ich verstehe nichts von Politik, die der Vorbereitung eines Überfalls dient. Ich setze mich für die Verständigung unter den Völkern ein.«

»Klingt gut«, sagte Baker. »Das haben Sie natürlich auswendig gelernt. Aber viel lieber ist mir, dass auch Sie den verdammten Weibern nicht über den Weg trauen. Wie ist es in Ihrem Land?«

»Frauen gibt es bei uns in allen Positionen. Wir haben die volle Gleichberechtigung verwirklicht – im Gegensatz zu den westlichen Demokratien, wo sie nur scheinbar existiert.«

»Dann gibt es vielleicht bei Ihnen den großen Knall zuerst. Denn Sie haben auch solche Typen an den Knöpfen wie die da.« Angewidert zeigte Baker auf Laura Stanwick, die in einer anderen Personengruppe stand.

Ingham blickte versonnen der Uniform nach, die jetzt im Gewühl der anderen Gäste verschwand. »Ich muss zugeben, dass mir diese Frau auch nicht ganz geheuer ist. Aber andererseits bedeutet es nichts, wenn sie Raketenstellungen befehligt. Die Einsatzbefehle kommen immer noch von anderer Stelle. Es gibt schon lange Frauen in der Armee. Weshalb sollen sie nicht Offiziere werden? Wir haben nun mal die Gleichberechtigung in allen Berufen.«

»Und was ist, wenn Kinsley mit seinen Befürchtungen recht hat? Wenn der nächste Präsident eine Frau ist?«, ereiferte sich Baker. »Dann machen die mit uns, was sie wollen! In unserem Land hat die Frau in der normalen amerikanischen Familie immer schon das Kommando gehabt. Wer hat schon gewagt, gegen die Frauenvereine vorzugehen? Die Frauen haben Wahlen entschieden und unsere Politiker gelenkt, und jetzt stehen sie zum ersten Mal davor, direkt die Schalthebel der Macht zu ergreifen.«

»Ich stimme Ihnen zu«, sagte Kinsley. »Der Vorfall, den ich selbst erlebt habe, hat mir zu denken gegeben. Sie brauchen nur die Zeitungen zu lesen; überall stoßen Sie auf Informationen, die ein ganz bestimmtes Bild ergeben. Ich glaube langsam tatsächlich an eine Art Verschwörung, obgleich es mir absolut unglaubwürdig erscheint. Eine weltweite Verschwörung dieses Ausmaßes kann es nicht geben.«

»Es muss ja nicht gesteuert sein. Es ist doch häufig so, dass parallele Entwicklungen stattfinden.« Baker besorgte sich ein volles Glas und nippte hastig daran, wobei ein paar Tropfen auf seinen neuen Maßanzug spritzten. Er nahm es mit Gleichmut hin. »Selbst in den Entwicklungsländern kann man die Tendenzen verfolgen. Zwanzigtausend Frauen demonstrierten in Teheran und zwingen den Premierminister zum Rücktritt. Seit Jahren geht eine Welle von Protesten durch Japan. Ein hoch entwickeltes Industrieland, in dem die Frau bisher eine Nebenrolle spielte, ändert sein Gesicht, in Europa ist der Prozess am weitesten fortgeschritten. Wir erfahren nur zu wenig, da die wichtigsten Medien von Frauen kontrolliert werden. Ich möchte nicht wissen, was sich hinter den Kulissen abspielt. Wir haben geschlafen, und jetzt wird uns die Rechnung präsentiert.«

»George, du übertreibst«, meinte Ingham. »Aber du tust das sehr eindrucksvoll. Wenn du nicht eine so unmögliche Figur hättest, könntest du Schauspieler werden.«

Baker schwieg unwillig, aber gleich darauf lachte er. »Kippen wir uns lieber einen hinter den Knorpel. Wir haben uns schon viel zu lange über die verdammten Weiber unterhalten. Schade, dass du nicht dazu beitragen kannst, es ihnen so richtig zu besorgen, dann würden ihnen die Flausen schon vergehen.« Sie lachten beide schallend.

Robert Kinsley nagte an seiner Unterlippe. Es gab eine Menge, worüber er nachdenken musste. Als er aufblickte, hatte er das Gefühl, als mustere ihn Oberst Laura Stanwick sehr genau. In ihrer gut sitzenden, dunkelblauen Uniform stand sie nur ein wenig entfernt. Für einen Moment tauchten ihre Blicke ineinander, und Kinsley blickte verwirrt zur Seite.

Ihre Augen waren wie gefrorene Seen.

 

*

 

Die Nacht war warm. Asphalt und Häuserwände schienen die während des Tages aufgesogene Hitze langsam wieder abzustrahlen. Robert Kinsley wich einem Penner aus, der ihm entgegentorkelte.

Es war viel zu spät geworden, aber die Party hatte ihm Spaß gemacht. Natürlich hatte auch er zu viel getrunken, und er war an Alkohol in größeren Mengen nicht gewöhnt. Er spürte eine gewisse Leichtigkeit in sich und eine Unbeschwertheit, wie er sie lange nicht mehr gespürt hatte. Seine Gedanken schienen von merkwürdiger Schärfe und Klarheit, obwohl es ihm andererseits nicht gelang, einen Gedanken zu Ende zu bringen. Es war mehr ein durcheinanderwirbelndes Kaleidoskop von Eindrücken, die flüchtig auftauchten und dann wieder von neuen Einfällen überlagert wurden. Er gluckste vor sich hin und hätte am liebsten ein Lied angestimmt, aber dazu war seine innere Kontrolle noch nicht genügend ausgeschaltet.

Interessante Menschen waren ihm begegnet. Dafür war er dankbar, denn so etwas erweiterte den Horizont, war gut für die Karriere. Es konnte nie schaden, wichtige Leute zu kennen – abgesehen von Oberst Laura Stanwick, auf deren Bekanntschaft er gut verzichten konnte.

Mit dem Deutschen und dem Russen hatte er sich noch lange unterhalten. Wagner war häufiger in New York, seine Exportgeschäfte führten ihn hierher. Kinsley war nicht ganz sicher, was Wagner eigentlich importierte oder exportierte – aber das war nicht wichtig. Jedenfalls hatten sie ziemlich rasch festgestellt, dass sie in ihren Meinungen weitgehend übereinstimmten. Der Mord in der Subway-Station hatte Wagner tief erschüttert, und er war ebenfalls der Ansicht, dass man diese Geschichte nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte.

Sie waren sich einig, dass eine geheimnisvolle Entwicklung im Gang war, deren Ziel in der Übernahme der Macht durch die Frauen bestand. Das galt zumindest für die Vereinigten Staaten. Wagner sah die Lage in Europa nicht so dramatisch, in der Bundesrepublik Deutschland schon gar nicht. Amerikas treuester Verbündeter würde zur rechten Zeit eingreifen. Wagner fühlte sich als Patriot. Sie beschlossen, in Verbindung zu bleiben, und tauschten die Adressen aus. Kinsley hatte einen neuen Freund gefunden.

Der Russe, Alexej Jakowlew, war ein ganz anderer Mann. Kinsley spürte, dass unter seiner anerzogenen oder vorgetäuschten Fassade ein engagierter und sogar aufrichtiger Mensch steckte. Jakowlews Leben wurde von einem totalitären Staat bestimmt und gelenkt. Der Russe war mit Sicherheit ein glühender Anhänger seines Vaterlandes, aber noch nicht so weit indoktriniert, dass er das eigene Denken aufgegeben hätte.

Auch er war besorgt, dass irgendwelche neuen Kräfte im Geheimen nach der Macht griffen. Jakowlew schien über Informationen zu verfügen, die einem Mitglied der UN-Delegation nicht unbedingt zur Verfügung stehen mussten. Aber bei den Russen war man nie sicher, was sich wirklich hinter ihrer Person verbarg. Wie auch immer – Jakowlew flog am nächsten Tag nach Moskau zurück und würde für längere Zeit dort bleiben.

Die Straße wirkte zu dieser späten Stunde unbelebt, aber selbst in der Dunkelheit war der auf den Gehsteigen liegende Unrat nicht zu übersehen. Manchmal hatte er den Eindruck, dass New York unbewohnbar wurde, zumindest würde die Stadt eines Tages an ihrem eigenen Dreck ersticken.

Normalerweise hasste er den Stadtteil, in dem er wohnte. Es war nicht die richtige Gegend für einen Mann, der bald eine leitende Stellung übernehmen sollte. Aus diesem Grunde hatte er auch noch nie einen Arbeitskollegen zu sich nach Hause eingeladen. Heute war es ihm gleichgültig, und er freute sich auf seine Wohnung, in die er trotz allem immer wieder gern zurückkehrte. Sie bestand aus zwei großen Zimmern, einer Küche und einem modernen Bad und war überdies sehr billig.

Noch zwei Blocks, dann hatte er sein Haus erreicht. Die meisten Gebäude stammten aus den zwanziger Jahren und waren dementsprechend unmodern. Es gab Blocks, die ausschließlich von Schwarzen und Puerto Ricanern bewohnt wurden. Nicht, dass er etwas gegen sie gehabt hätte – aber manchmal wünschte er sich doch eine andere Wohngegend. Wenn er seine neue Position innehatte, bekam er ein höheres Gehalt, dann konnte er sich eine bessere Wohnung leisten, vielleicht auch einen neuen Wagen. Sein derzeitiges Modell war schon ziemlich alt, und er fuhr meist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, eine Entscheidung, die ihm durch den Mangel an Parkplätzen erleichtert wurde.

Plötzlich merkte er, dass ihm ein Wagen folgte. Kinsley drehte den Kopf. Es war eine schwarze Limousine. Nein, er musste sich irren! Weshalb sollte ihm ein Wagen folgen? Es war eben nur ein langsam fahrender Wagen auf der anderen Straßenseite. Vielleicht ein später Zecher, der zum Abschluss des Abends ein williges Mädchen suchte. Hin und wieder sah man welche in den Hauseingängen.

Nur noch ein Block. Der Wagen hatte zu ihm aufgeschlossen und fuhr jetzt auf gleicher Höhe. Es war nicht zu erkennen, wie viele Leute in ihm saßen. Kinsley schüttelte den Kopf. Wozu auch? Schließlich brauchte ihn das nicht zu stören. Oder doch? Sollten es Gangster sein, die einsamen Spaziergängern auflauerten?

Er beschleunigte seine Schritte und lauschte auf ihr Echo, das hohl von den Häuserwänden widerklang. Er warf einen schrägen Blick zu dem Wagen hinüber. Es war ein neutrales Fahrzeug, ohne jede Auffälligkeit. Der Motor schnurrte leise im zweiten Gang. Auf der Straße war kein Mensch mehr zu sehen.

Noch ein paar Schritte bis zu seiner Haustür. Dort war er in Sicherheit. Kinsley tastete nach dem Schlüssel in seiner Tasche. Über dem linken Arm trug er einen leichten Mantel. Als vorsichtiger Mensch hatte er ihn mitgenommen, da er aus Erfahrung wusste, dass es bei solchem Wetter leicht einen plötzlichen Regenguss geben konnte. Er besaß nicht allzu viele Anzüge und verspürte keine Lust, in einem formlosen Sack ins Büro zu gehen. Er konnte sich gut vorstellen, wie sein Chef die Augenbrauen heben würde, eine Bewegung, die tiefstes Missfallen ausdrückte.

Kinsley streckte die Hand nach der Tür aus, als der Motor des Wagens auf der anderen Straßenseite aufheulte. Mit durchdrehenden Reifen schoss das schwere Fahrzeug direkt auf ihn zu. Er hob die Hand vor die Augen, um sich vor dem grellen Licht der Scheinwerfer zu schützen. Er stand da, völlig erstarrt, bis ihm klar wurde, dass ihn nur noch Sekundenbruchteile davor trennten, von einem zwei Tonnen schweren Ungetüm zermalmt zu werden.

Kinsley hatte nie gelernt, solchen Situationen zu begegnen, und er reagierte rein instinktiv. Wie von einer Feder losgeschnellt, warf er sich zur Seite. Der leichte Alkoholnebel in seinem Gehirn war schlagartig verschwunden. Er stolperte, verlor seinen Mantel und fing den Sturz mit den Armen ab. Es schmerzte trotzdem, als er zu Boden ging.

Der Wagen krachte gegen den Bordstein, kam schleudernd zum Stehen und hielt ihn mit den Scheinwerfern immer noch gefangen. Die Türen öffneten sich, und zwei Gestalten stürzten heraus.

Mit seltener Klarsichtigkeit begriff er, dass man ihn umbringen wollte, hier, auf dem schmutzigen Pflaster vor seiner Haustür. Er spürte die Entschlossenheit seiner gesichtslosen Feinde und die Aura des Todes, die sie umgab.

In dieser Sekunde ging etwas in ihm vor, eine Veränderung, die er nicht bewusst wahrnahm. Er fühlte sich jetzt nur noch wie ein in die Enge getriebenes Tier, das sich verzweifelt zur Wehr setzt. In Kinsley erwachten atavistische Urtriebe, und seine Reflexe übernahmen die Kontrolle seiner Muskeln.

Die beiden dunkel gekleideten Gestalten näherten sich von zwei Seiten. In ihren Händen schimmerte es matt von poliertem Stahl. Die spitz zulaufenden Klingen der Stilette kamen auf ihn zu wie angreifende Schlangen. Kinsley sprang mit einem einzigen Satz auf die Beine, riss einen Arm hoch und blockierte den von rechts geführten Stoß. Der Schmerz des Aufpralls drang ihm bis ins Schultergelenk. Gleichzeitig schoss seine linke Faust nach vorn, wobei er instinktiv auf das blasse Oval des Gesichts, das ihm wie der einzige feste Punkt in der Dunkelheit erschien, zielte.

Es gab ein hässliches, brechendes Geräusch, und seine Faust fühlte sich an, als hätte er gegen eine Betonmauer geschlagen. Sein Gegner stöhnte und taumelte ein paar Schritte zurück. Das Stilett klirrte auf den Boden, direkt vor seine Füße.

Kinsely bückte sich und entging dadurch dem Angriff des anderen Gegners, dessen Stoß seinen Anzugstoff schlitzte, aber über ihn hinweg ins Leere ging. Kinsley kam wieder hoch, eine mörderische Wut im Bauch und den Willen, diese Sache durchzustehen.

Seine Finger schlossen sich um den Griff der schlanken, tödlichen Waffe, die Spitze genau auf den Gegner gerichtet. Einen Augenblick später führte er seinen Stoß, von rechts unten schräg nach links oben, in der Ideallinie eines erfahrenen Messerkämpfers, als hätte er zeit seines Lebens nichts anderes getan. Sein Angriff fiel mit dem zweiten seines Gegners zusammen.

Kinsley spürte einen harten Schlag gegen sein Handgelenk, hörte ein langgezogenes, pfeifendes Röcheln und zum zweiten Mal das Klirren eines Stiletts auf dem Pflaster. Es war nicht seine Waffe, denn die hielt er immer noch fest umklammert. Er spürte die schwere Last des Gegners auf seinem Arm und merkte plötzlich, wie eine warme Flüssigkeit über seine Hand rieselte. Hastig ließ er den Griff der Waffe los. Als hätte er damit den Faden einer Marionette abgetrennt, sackte der andere ohne einen Laut zu Boden. Die Klinge des Stiletts war unmittelbar unter dem Brustbein bis zum Heft in den Körper gedrungen.

Kinsley starrte entsetzt auf die am Boden liegende Gestalt. Er nahm kaum wahr, wie eine Autotür zufiel und ein Motor aufheulte. Der zweite Gegner hatte die Flucht ergriffen.

Zum zweiten Mal in seinem Leben sah Kinsley einen Toten. Diesmal gab es aber einen Unterschied. Er selbst hatte getötet! Er konnte sich nicht erklären, woher er so genau wusste, dass sein Gegner tot war. Er wusste es einfach. Seine Hand war blutig. Er wischte sie rasch an der Kleidung des anderen ab.

Langsam setzte sein Verstand wieder ein, und plötzlich trafen ihn die Erkenntnisse mit der Wucht von Hammerschlägen. Er betrachtete das Gesicht und die Figur des Toten – sein Gegner war eine Frau, fast noch ein Mädchen. Er hatte eine Frau erstochen. In welchen Wahnsinn war er da hineingeraten?

Polizei, zuckte der nächste Gedanke durch sein Hirn. Man würde ihn verhaften und unter Anklage stellen. Welcher Richter würde ihm abnehmen, dass er in Notwehr gehandelt hatte? Man würde ihn zweifellos verurteilen. Er war am Ende. Aus! Nichts mehr mit Karriere! Seine Freunde würden ihn verleugnen. Er würde den Rest seines Lebens im Gefängnis zubringen, und wenn man ihn eines Tages herausließe, würde er ein alter, gebrochener Mann sein.

Kinsley schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf. Nein, das hatte er nicht verdient. Es gab eine Verschwörung gegen ihn. Sie wollten ihn umbringen, und wenn das nicht gelang, würden sie andere Wege finden, ihn auszuschalten. Aber wer waren SIE? Er hatte niemandem etwas getan. Er besaß keine Feinde, jedenfalls konnte er sich das nicht vorstellen. Sollte es mit dem Mord in der Subway zusammenhängen? Wollte man einen unliebsamen Zeugen aus dem Weg räumen?

Es gab nur eine Möglichkeit: Flucht! Er musste aus dieser Stadt verschwinden. Man durfte ihn nicht mit dieser toten Frau in Verbindung bringen, und er musste vor seinen Feinden die Spuren verwischen. Um alles andere konnte er sich später kümmern. Vielleicht würde er seinen Job verlieren, aber das war immer noch besser, als das Leben zu verlieren.

Kinsley blickte sich hastig nach allen Seiten um. Es war immer noch kein Mensch auf der Straße zu sehen. Natürlich konnte er nicht sicher sein, dass ihn nicht doch jemand aus einem Fenster beobachtet hatte, aber eine Identifizierung bei dieser Beleuchtung musste schwierig sein. Er selbst hatte ja nicht einmal aus der Nähe erkannt, dass seine Gegner Frauen waren. Vielleicht war er irgendeiner terroristischen Organisation zu nahe gekommen, ohne es zu wissen. Heutzutage waren in vielen solchen Organisationen die Frauen tonangebend. Häufig waren sie brutaler und rücksichtsloser als ihre männlichen Kollegen.

Es wurde Zeit zu verschwinden. Einen Augenblick wehrte sich sein Gefühl noch dagegen, die Tote einfach liegenzulassen, aber dann sagte er sich, dass es ihr jetzt nichts mehr ausmachte. Wichtig war nur noch sein Entkommen.

Robert Kinsley hatte eine unwiderrufliche Entscheidung getroffen, eine Entscheidung, die sein Leben und vieles andere veränderte. Später, wenn er sich an diesen Tag erinnerte, würde er sich oft fragen, was anders geworden wäre, wenn er sich der Polizei gestellt hätte. War es Schicksal? Eine höhere Fügung? War er vorausbestimmt?

In dieser Nacht aber waren seine Probleme mehr diesseitiger Natur. Es ging um seine nackte Existenz.

 

*

 

Die Frau nahm einen Zipfel des Tuches in die Hand, zögerte aber noch einen Moment lang, ehe sie es beiseite zog. Ihre eckigen Bewegungen passten zu ihrem grobknochigen Körperbau. Sie war mittleren Alters. Ihr Haar, das bereits von grauen Strähnen durchzogen war, trug sie zu einem altertümlichen Dutt zusammengesteckt im Nacken. Das anthrazitgraue Kostüm unterstrich ihre augenscheinliche Farblosigkeit, wozu auch das kaum geschminkte Gesicht beitrug.

Mit einem heftigen Ruck glitt das Tuch zur Seite, und die Frau starrte auf den nackten Leichnam eines Mädchens von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Unterhalb des Herzens war eine blutverkrustete Stelle zu sehen. Die Augen der Toten waren geschlossen; das Gesicht wirkte entspannt. Die unnatürliche Blässe ließ es weicher erscheinen, als es im Leben gewesen war.

»Wer hat es getan?«, fragte die Frau mit leiser Stimme. »Wer hat unsere Schwester umgebracht?«

Sie hob den Kopf und blickte sich im Raum um. Er wirkte wie der Versammlungsraum einer Schule oder einer Gemeinde und war mit mehreren Dutzend Menschen gefüllt, die einen respektvollen Abstand zu der provisorischen Bahre hielten, auf die man die Tote gelegt hatte. Es waren ausschließlich Frauen verschiedener Altersgruppen, die weder in ihrem Aussehen noch in ihrer Kleidung etwas miteinander zu verbinden schien.

Eine jüngere Frau in Polizeiuniform trat ein paar Schritte vor. Ihre Augen waren sehr blau und sehr klar. »Es war ein Mann namens Robert Kinsley«, sagte sie. »Er sollte eliminiert werden, denn er könnte eine Gefahr für uns werden.«

»Jetzt ist er eine«, entgegnete die andere Frau und deckte das Tuch wieder sorgfältig über die Tote. »Warum sollte dieser Kinsley ausgeschaltet werden?«

»Er hat einen Zwischenfall beobachtet, den er nicht hätte sehen dürfen. Er ist der einzige Zeuge, und ihm war nicht beizubringen, dass er sich geirrt haben musste.«

»Ich verstehe. Ist das alles?«

»Nein. Wir haben ihn flüchtig überprüft. Er ist ein Typ, der solche Geschichten aufbauscht und weitererzählt. Er ist nur ein kleines Licht und will sich natürlich wichtigmachen. Unglücklicherweise finden solche Leute oft geneigte Zuhörer, die in die gleiche Kerbe hauen. Es kommt dann zu für uns unerfreulichen Diskussionen. Die Gefahr ist groß, dass es jemanden gibt, der die Fakten richtig bearbeitet und seine Schlüsse zieht. Wenn er dann noch in der Lage ist, geeignete Schritte in die Wege zu leiten und weitere Recherchen anzustellen, wächst für uns die Gefahr ganz erheblich. Wir mussten also handeln. Leider haben wir diesen Kinsley offenbar unterschätzt. Er hat es mit zwei gut ausgebildeten Mädchen aufnehmen können. Eine unserer Schwestern ist tot, die andere im Gesicht schwer verletzt. Von dem Mann war keine Spur mehr zu entdecken, als wir an den Tatort kamen. Wir haben sofort seine Wohnung durchsucht, aber dort war er auch nicht. Es sah nach einer überstürzten Flucht aus.«

Die ältere Frau nickte gedankenverloren. »Ich mache dir keinen Vorwurf, Schwester. Die Entscheidung war richtig, diesen Mann zu eliminieren. Euch trifft keine Schuld, wenn er fliehen konnte. Unsere Teams werden normalerweise mit einem einzelnen Mann fertig. Vielleicht waren die beiden zu unvorsichtig, oder dieser Kinsley ist doch erfahrener, als ihr glaubtet.«

»Was sollen wir tun?«

»Wir müssen ihn haben. Aber zunächst wollen wir uns um unsere tote Schwester kümmern. Es hat keinen Mord gegeben.«

»Aber sie ist doch …«

»Die Ärztin wird einen Totenschein mit der Diagnose Herzversagen ausstellen. Unsere Schwester hat an Kreislaufbeschwerden gelitten, wird sie bestätigen. Wir werden eine Feuerbestattung arrangieren, damit niemand auf den Gedanken kommt, sie eines Tages zu exhumieren.«

»Damit verschwindet aber auch jeder Beweis für die Schuld von Kinsley. Wie wollen wir ihn überführen, wenn es kein Opfer mehr gibt?«

Die Frau lächelte sanft. »Wir brauchen ihn nicht zu überführen. Seine Schuld ist bereits erwiesen, und das Urteil steht fest. Wir müssen ihn nur noch in die Hände bekommen und das Urteil vollstrecken. Diese Gefahr muss so schnell wie möglich beseitigt werden.«

Aus der Runde erhob sich zustimmendes Gemurmel. Zahlreiche Köpfe nickten beifällig.

»Schwestern«, sagte die Frau im Kostüm, »wir haben eine gute Freundin aus unserer Mitte verloren. Ich bitte euch, jetzt der Toten zu gedenken und sie in Erinnerung zu bewahren.«

Die Polizistin beugte sich vor und flüsterte. »Sollen wir alle unsere Freundinnen alarmieren? Vielleicht hat Kinsley die Stadt verlassen? Wir können eine Menge Verbündete einspannen. Den Apparat der Polizei kann ich derzeit noch nicht einsetzen.«

»Nur verlässliche Schwestern dürfen benachrichtigt werden. Es ist noch zu früh, alle zu informieren. Die Gefahr des Verrates ist zu groß. Wir sind noch nicht so weit – aber bald, sehr bald.« In den Augen der Frau lag ein fanatisches Leuchten.

»Wie bald?«, flüsterte die Polizistin.

»Wir werden es alle erleben, und die Überraschung wird für die anderen wie aus heiterem Himmel kommen. Nur noch ein wenig Geduld, dann werden sich all unsere Pläne erfüllen.«

Ein leichtes Seufzen ging durch den Raum, denn die letzten Worte waren lauter gesprochen worden. Die Frauen und Mädchen drängten an die Bahre und griffen nach dem Tuch. Lautlos bewegten sich ihre Lippen, und es sah aus, als sprächen sie alle den gleichen Schwur.

 

 

 

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im März

 

 

Gegenwart.

 

Die Tage sind ruhiger geworden. Die alte Angst ist immer noch da, aber sie presst mir nicht mehr die Kehle zu. Ich frage mich nicht mehr, was sie mit mir anstellen werden. Vielleicht haben sie mich endlich vergessen. Dies ist zwar keine befriedigende Feststellung, aber sie beruhigt meine Nerven.

Es war eine lange Jagd bis zum heutigen Tag, und sie kann jederzeit wieder beginnen. Bisher habe ich sie immer um eine Nasenlänge geschlagen. All ihre Polizisten, ihre Computer und ihre Spitzel haben es nicht geschafft. Ich bin ihnen entkommen, weil ich wusste, dass sie mich töten würden, töten mussten!

Das Land, in dem ich im Untergrund lebe, ist totalitärer als alles, war es vorher an Diktaturen auf der Erde gegeben hat, und damit unterscheidet es sich nur um Nuancen von den übrigen Staaten der Welt. Nach den langen, dunklen Jahren haben sie jetzt schon wieder mehr Waffen angehäuft, als sie jemals einsetzen können. Sie belauern sich argwöhnisch und warten auf den Fehler, der es ihnen erlaubt, auf die Knöpfe zu drücken. Es ist der widersinnigste Konflikt der Weltgeschichte, und sie werden ihn eines Tages endgültig austragen – eines nicht allzu fernen Tages, fürchte ich.

Zugegeben, noch herrscht Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen, die sich ihre eigenen Staaten geschaffen haben. Es gibt fast täglich kleine Scharmützel an den Grenzen, aber man beschränkt sich auf konventionelle Waffen. Seit die Medien zu voll kontrollierten Propagandamaschinen geworden sind, erfährt man keine Einzelheiten, aber aus den Siegesmeldungen beider Seiten lässt sich ein Bild machen.

Die gesichtslose Clique, die sich Regierung nennt, besitzt die absolute Macht. Der Staat sorgt für alles, vorwiegend für Gleichschaltung. Es gab Zeiten, zu denen ich gehofft hatte, dies alles verhindern zu können. Eine traurige Illusion.

Ich betrachtete mich als einsame Zelle des Widerstandes, hoffte, dass es mir gelingen würde, andere um mich zu sammeln. Doch immer wieder zerbrachen die Pläne unter den unerbittlichen Schlägen des Feindes, zerstoben die Träume von Neubeginn unter dem harten Griff der Macht. Was hatte ich dem je entgegenzusetzen?

Ich denke nicht mehr darüber nach, ob die Entwicklung, die wir alle kennen, zu verhindern gewesen wäre. Als wir endlich begriffen hatten, war die Entscheidung bereits gefallen. Wir sagten uns, dass sich nichts von heute auf morgen ändert, wagten uns aber nicht einzugestehen, dass der Prozess schon in sein letztes Stadium getreten war. Wir dachten so logisch – und merkten nicht, dass die eigene Logik uns bereits überholt hatte.

Wir haben in den falschen Kategorien gedacht. Rassenunterschiede und Klassenkämpfe, das Nord-Süd-Gefälle und Ideologien aller Art waren die Dogmen, aus denen die Auseinandersetzungen herzurühren hatten. Wir befanden uns immer im Krieg, hatten aber ganz vergessen, wem wir diesen Krieg eigentlich erklärt hatten. Lag es daran, dass unser Gegner seit Jahrtausenden die Waffen streckte? Wir hatten uns den falschen Gegner ausgesucht und uns davon blenden lassen, dass der Sieg so leicht war. Und wir haben nie das getan, was uns nach jedem Krieg normal erschiene: Frieden zu schließen.

O nein, wir haben den Besiegten weiter unterdrückt, versklavt und ausgebeutet und uns nie gefragt, ob ihm dies gefiele.

Wir hatten einfach vergessen, dass der längste Krieg der Weltgeschichte noch nicht zu Ende war …

 

 

 

ZWEITES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

Fast alle Frauen trugen Kopftücher und die traditionelle Landestracht. Schweigend lasen sie das Plakat, das der Polizist an die Wand geklebt hatte.

 

BEKANNTMACHUNG:

Auf Anordnung des Präsidenten wird zunächst für eine Woche der Ausnahmezustand verhängt. Anlass dazu sind die Ausschreitungen der letzten Tage, die im Zusammenhang mit Demonstrationen verblendeter und aufgehetzter Frauen geschehen sind. Die Sicherheitskräfte sind angewiesen, bei jeder künftigen Zusammenrottung unnachsichtig von der Waffe Gebrauch zu machen. Unruhestifter und Rädelsführer werden ihre gerechte Strafe erhalten. Das türkische Volk und seine gewählte Regierung sind entschlossen, gewissen ausländischen Umstürzlern mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Die Nation wird aufgefordert, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Ankara 27. Juli

 

Einige der Frauen weinten, und sie wussten nicht, welche Ausländer gemeint sein könnten.

 

*

 

Mit überwältigender Mehrheit beschloss das norwegische Parlament, die Einkommen der Frauen grundsätzlich nicht mehr zu besteuern, da dies der einzige Weg sei, wenigstens die materielle Diskriminierung der Frau auszugleichen. Ein neu gegründeter parlamentarischer Ausschuss wurde damit beauftragt, Gesetzentwürfe vorzubereiten, die sich mit der endgültigen Aufhebung der sozialen und gesellschaftlichen Diskriminierung der Frau befassten.

 

*

 

Alexej Michailowitsch Jakowlew rührte gedankenverloren in seinem Tee, der längst kalt war. Die Buchstaben in der aufgeschlagenen Akte vor ihm schienen zu tanzen. Er ließ den Löffel fallen und presste die Fingerspitzen gegen seine Stirn. Es war schwül im Zimmer.

Mit wenigen Schritten hatte er den winzigen Büroraum durchquert und öffnete die Fensterklappe. Schräg gegenüber konnte er den Eingang des riesigen Kinderkaufhauses sehen, durch dessen Glastüren ein ständiger Käuferstrom drängte. Er lächelte bitter: Spielzeug war rar in der Sowjetunion. Deshalb wurde jedes neue Angebot den Verkäuferinnen aus der Hand gerissen. Die Kleinen wurden eben gern verhätschelt; schließlich war die Kinderliebe der Russen sprichwörtlich. Aber das galt wohl nur für Kinder.

Jakowlew drückte den Kopf gegen die kühle Scheibe. Moskau war zu dieser Jahreszeit drückend heiß. Nur die ganz großen Bonzen besaßen eine Klimaanlage. Für einen kleinen Major des KGB war solcher Luxus unvorstellbar. Dort drüben lag das Bolschoi-Theater, versteckt hinter anderen Gebäuden. Eine Karte zu ergattern, bedeutete einen Festtag. Kunst, gekrönt von einem Essen in einem der wenigen Moskauer Restaurants, bei dem es natürlich Krimsekt, Kaviar und Ströme von Wodka geben musste. Seine Freundin war von diesen Dingen fasziniert. Er wusste nicht, ob sie ihn deswegen liebte, aber immerhin gab sie ihm das, was er brauchte – und das tat sie gut.

Der große Klotz des KGB-Gebäudes beherrschte den ganzen Dsershinski-Platz. Er wirkte nicht mehr so düster wie früher, da man vor einigen Jahren eine freundlichere Farbe spendiert hatte, aber immer noch schien jeder Fremdenführer der staatlichen Intourist-Organisation die wahrlich unübersehbare Gebäudefront nicht zu bemerken. Das KGB-Hauptquartier war zwar längst in einen größeren Komplex am Stadtrand umgezogen; es blieben jedoch genügend Dienststellen des gigantischen Geheimdienstapparates zurück, um die Büroräume zu füllen.

Jakowlew setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Zum ersten Mal nahm er bewusst die Kahlheit des Raumes in sich auf. Ein alter hölzerner Aktenschrank, dessen Schloss entgegen der Vorschriften nicht funktionierte, ein ebensolcher Schreibtisch mit allerdings verschließbaren Schubladen, ein Drehstuhl, der bei jeder Bewegung knarrte. Zwei Besucherstühle und ein Papierkorb, dessen Inhalt jeden Abend in den Reißwolf wanderte, ergänzten die karge Einrichtung.

Rechts von ihm an der Wand befand sich das farbige Porträt des Ersten Vorsitzenden. Sein gütiges Lächeln unter den buschigen Brauen schien sich direkt auf den Mann hinter dem Schreibtisch zu konzentrieren. Jakowlew wandte den Blick verwirrt ab und starrte wieder auf den Aktenordner, der neben dem Telefon und dem Posteingangskorb den einzigen Beweis seiner Arbeit auf der Tischplatte bildete.

Alexej Michailowitsch Jakowlew fragte sich zum wiederholten Male, ob er sich aus anerzogenem Misstrauen heraus in eine fixe Idee verrannte oder ob er das Ende eines Fadens in der Hand hielt, den er nur aufzuspulen brauchte, um den Weg zu einer glänzenden Karriere zu beschreiten.

Bisher hatte er in dieser Beziehung nicht viel Glück gehabt. Seine Jugend war bis zu seiner Militärdienstzeit völlig ereignislos verlaufen. Sein Vater war früh verstorben, seine Mutter war Lehrerin. Alexej las viel, lernte Sprachen und kniete sich als Komsomolze in die Parteiarbeit. Sein Onkel, ein kleinerer Parteifunktionär in Kiew, verschaffte ihm ein paar Beziehungen zu den richtigen Leuten. Alexej verpflichtete sich nach der Militärzeit als Kadett zu den KGB-Grenztruppen. Seine rasche Auffassungsgabe und sein glühender Patriotismus brachten ihn weiter. Er wurde zum Leutnant befördert und bald darauf zum Oberleutnant. Hilfreich war hierbei, dass er in seinem Grenzabschnitt ein paar Grenzverletzer stellte. Seine Vorgesetzten hatten ein wohlwollendes Auge für ihn, und sie empfahlen ihn zur Weiterbildung für höhere Aufgaben.

Als frischgebackener Oberleutnant durchlief er eine halbjährige Ausbildung, die ihm anfangs sehr merkwürdig vorkam, als man ihm den Umgang mit unsichtbarer Tinte, toten Briefkästen, lautlosen Waffen und kaum zu knackenden Funk-Codes beibrachte. Er lernte das Beschatten von Personen, das Fälschen von Ausweisen und manch andere ungewöhnliche Fertigkeiten. Er begriff, dass man ihn zum Spion ausbildete.

Er wurde Auswerter und musste Stapel von Berichten analysieren, die meist nicht einmal so aktuell waren wie die Leitartikel westlicher Zeitungen. In dieser Zeit spürte er die Anfänge einer gewissen Frustration. Aber dann erhielt er seinen ersten Auslandsauftrag. Als Mitglied der sowjetischen UN-Delegation in New York sollte er als Resident ein kleines Spionage-Netz übernehmen. Er wurde erneut befördert und machte sich mit Elan an seine neue Aufgabe.

Relativ schnell bekam er Kontakt zu wichtigen New Yorker Kreisen. Er galt als angenehmer Gesellschafter und wurde häufig eingeladen. Sein Diplomatenstatus half ihm dabei. Er erfuhr keine überwältigenden Geheimnisse, lieferte aber die Mosaiksteine, die für jede Geheimdienstarbeit wichtig sind. Und dann kam die Katastrophe.

Er erhielt den Tipp, dass das FBI ihn schon vor Monaten enttarnt hatte und allmählich dabei war, seine geheimen Verbindungen aufzuschlüsseln. Er musste sofort nach Moskau zurückkehren, um einer Ausweisung zu entgehen. Jetzt saß er wieder in seinem hässlichen Büro und wusste, dass seine Karriere gescheitert war. Er hatte versagt, und das war unverzeihlich. Seine Beförderung zum Major war eine reine Formsache. Jetzt musste er den Beweis antreten, dass er ein überaus nützliches Mitglied des KGB war.

Womöglich hatte ihm der Zufall die entscheidende Karte in die Hand gespielt. Wenn seine Schlussfolgerungen falsch waren, befand sich sein nächster Arbeitsplatz in Irkutsk, auf jeden Fall sehr weit weg von Moskau. Andererseits: Wenn er bedachte, was er bei Vanessa Reeves’ letzter Party gehört hatte, war nicht auszuschließen, dass er den Beweis besaß. Vielleicht einen, der weltweite Bedeutung hatte. Ihn schauderte. Doch was auch immer er dachte: Er musste sich entscheiden.

Jakowlew griff zögernd zum Telefon, hob dann mit einer entschlossenen Bewegung ab und wählte eine Nummer.

»Oberst Roskow, bitte«, sagte er zur Vermittlung.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Verbindung hergestellt war. Zum neuen KGB-Komplex besaß er keine Direktschaltung.

»Major Grenkowa«, meldete sich eine harte Stimme.

Jakowlew runzelte die Stirn. Sofia Alexandrowna Grenkowa war Adjutant von Oberst Roskow. Man munkelte in eingeweihten Kreisen jedoch, dass eigentlich sie die Entscheidungen traf, die in den Bereich des Obersten gehörten. Jakowlew hatte sie erst einmal gesehen. Die Uniform schien aus den Nähten zu platzen, wenn sie ihre füllige Figur mit energischen Schritten über die Korridore bewegte. Sie musste die Fünfzig bereits überschritten haben und trug ihr strähniges, graues Haar zu einem Knoten zusammengedreht im Nacken. Man hatte sie noch nie lächeln selben. Jakowlew wusste, dass sie einen ziemlich kräftigen Oberlippenbart besaß. Vor einigen Jahren hatte sich ein junger Leutnant in dieser Angelegenheit einen harmlosen Scherz erlaubt. Drei Tage später war sein Versetzungsbefehl gekommen.

»Ich möchte Oberst Roskow sprechen«, sagte Jakowlew betont energisch.

»Ich nehme an, dass es sich um eine dienstliche Anfrage handelt, Genosse.«

»Selbstverständlich. Und ich möchte noch hinzufügen, dass es einigermaßen dringlich ist.«

»Genosse Jakowlew, warum benutzen Sie nicht den vorgeschriebenen Dienstweg? Der Oberst ist sehr beschäftigt. Er kann unmöglich jeden Anruf entgegennehmen. Es wäre besser, Sie schicken eine kurze Notiz, damit man sich ein Bild machen kann, ob die Sache dem Genossen Oberst vorzulegen ist.«

Damit du dir ein Bild machen kannst, dachte Alexej grimmig. Aber genau das wollte er vermeiden. »Es betrifft die Sicherheit des Staates und die seiner obersten Repräsentanten«, sagte er mit plötzlicher Kühnheit.

»Das ist eine ernste Angelegenheit«, entgegnete sie nach einer kurzen Pause. »Ich schlage vor, dass Sie Ihren Verdacht kurz umreißen, denn Sie wissen wohl, dass mancher Verdacht dem lobenswerten Eifer unserer Kollegen entspringt, aber nicht immer den tatsächlichen Gegebenheiten gerecht wird. Es ist meine Aufgabe, dem Genossen Oberst nur die wirklich schwierigen Fragen vorzulegen. Dank meiner langjährigen Erfahrung kann ich sehr wohl beurteilen, wann dieser schwierige Fall eintritt.«

Jakowlew erstickte fast an seinem Zorn. Sie hatte ihn tatsächlich an die Wand gespielt. Er begriff jetzt, dass manche Kameraden diese Frau mieden wie die Pest. Sie ließ ihm keine Chance, und wenn er wirklich etwas entdeckt hatte, würde sie es sich selbst zuschreiben.

»Ich glaube, ich bin einer Verschwörung auf der Spur«, würgte er mühsam heraus. »Ich habe in einigen Akten sonderbare Zusammenhänge entdeckt, die auf diesen Tatbestand hinweisen. Mehr möchte ich im Augenblick am Telefon nicht sagen.«

»Ihre Vorsicht ist durchaus angebracht, Genosse Major.« Die Stimme war plötzlich seidenweich. »Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, müssen alle Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Ich weise Sie an, die betreffenden Unterlagen zunächst keinem Menschen zu zeigen, auch keinem höheren Dienstgrad. Sie bleiben in Ihrem Büro und nehmen keinen weiteren Kontakt auf, bis sich ein von mir oder dem Genossen Oberst legitimierter Bevollmächtigter bei Ihnen meldet. Sie werden den Anweisungen, die Sie dann erhalten, unverzüglich Folge leisten. Ist das soweit klar?«

»Jawohl, Genosse Major. Ich habe verstanden.«

Er lauschte, aber die Verbindung war bereits unterbrochen. Seine Finger zitterten, als er den Hörer auf die Gabel fallen ließ. Er hatte die Sache in Gang gebracht, sie würde jetzt unweigerlich ihren Lauf nehmen. Es blieb nur zu hoffen, dass ihn sein Verdacht auf die richtige Spur gebracht hatte, sonst würde er einige sehr unangenehme Fragen beantworten müssen.

Er lehnte sich zurück und blickte zum Konterfei des Vorsitzenden hinüber. Das gütige Lächeln schien einem verkniffeneren Ausdruck gewichen zu sein. Hatten die Augenbrauen immer schon so eng beieinander gestanden? Lag nicht eine gewisse Drohung im Gesichtsausdruck? Woher kam plötzlich diese spürbare Veränderung?

Jakowlew verschränkte die Hände hinter dem Kopf und entspannte sich. Es hatte keinen Sinn, erneut die Unterlagen durchzublättern. Er hatte sich seinen Entschluss reiflich überlegt. Jetzt mochten andere ihre Schlüsse ziehen, und für einen halbwegs intelligenten Menschen mussten es die gleichen sein. Vielleicht reichte diese Entdeckung, um den Makel in seiner Laufbahn zu löschen, vorausgesetzt, Major Grenkowa ließ ein wenig Entdeckerehre für ihn abfallen.

Fast zwei Stunden döste er hinter seinem Schreibtisch, ehe die Ruhe auf dem Gang durch das Geräusch von Schritten unterbrochen wurde. Es klopfte, und er richtete sich in seinem Stuhl auf. Die Uniform saß, und die Knöpfe waren vorschriftsmäßig geschlossen.

Die Tür öffnete sich, ohne dass es einer speziellen Einladung bedurft hätte. Schweigend betrachtete er die beiden Frauen in den KGB-Uniformen. Sie salutierten ordnungsgemäß, und er erwiderte den Gruß. Es handelte sich um zwei Leutnants, also Dienstgrade weit unter ihm. Noch kein Grund zur Beunruhigung.

Sie hatten beide recht stämmige Figuren und wirkten durchschnittlich. Es waren keine Russen, wie er am Gesichtsschnitt feststellte. Sie mochten aus den zentralasiatischen Republiken stammen. Usbekistan oder Kasachstan vermutlich. Ihre Augen waren ausdruckslos. Das Einzige, was er darin entdecken konnte, war – Mitleid?

Er erhob sich. Die rechts stehende trat näher und hielt ihm ein Schriftstück entgegen. Die andere blieb an der Tür stehen, die rechte Hand an der Pistolentasche.

Er warf nur einen flüchtigen Blick auf das Papier, als er die Unterschrift von Oberst Roskow erkannte. »Genosse Leutnant?«

»Sie sind Major Jakowlew?«, fragte sie überflüssigerweise.

Er nickte nur leicht.

Sie faltete ihre Legitimation sorgfältig zusammen und steckte sie in die Brusttasche. »Sie werden angewiesen, uns zu begleiten und uns sämtliche Unterlagen auszuhändigen, von denen Sie gegenüber Major Grenkowa gesprochen haben. Wir haben Befehl, jeden Kontakt mit Dritten zu verhindern und dafür Sorge zu tragen, dass die Operation reibungslos und unauffällig vonstattengeht.«

Er lächelte mühsam. »Der Begriff Operation scheint mir etwas weit hergeholt zu sein.«

Die Mienen der beiden blieben steinern. Dann sagte die Erste: »Wo befinden sich die bewussten Unterlagen, Genosse Major?«

Er deutete auf den Schreibtisch. »Da sind sie. Es ist alles in dieser Akte enthalten.« Er wollte sie an sich nehmen, aber sie stoppte ihn mit einer Handbewegung. »Sie sind von der weiteren Verantwortung zunächst entbunden.« Mit einem raschen Griff klemmte sie sich den Ordner unter den Arm. »Ist das alles?«

»Ja. Aber ich verstehe Ihre Vorgehensweise nicht ganz, Genosse Leutnant.« Er betonte den Dienstgrad mit Absicht. »Ich nehme an, Sie haben den Auftrag, mich zu Oberst Roskow zu begleiten.« Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

»Unser Auftrag unterliegt der üblichen Geheimhaltung.« Sie blätterte flüchtig den Ordner durch. »Dies sind offensichtlich Originale. Kopien existieren nicht?«

»Nein. Sie wissen, dass es nicht gestattet ist, Kopien von dienstlichen Vorgängen anzufertigen.« Seine Stimme wurde schärfer. »Ich möchte Sie bitten, bei Durchführung Ihres Auftrages meinen Dienstgrad zu berücksichtigen. Fragen werde ich ausschließlich meinem Vorgesetzten beantworten.«

Sie verzog kurz das Gesicht. »Ihr Dienstgrad ist mir bekannt, Genosse Major, aber entscheidend sind für mich die Befehle, die ich erhalten habe. Ich möchte Sie nun bitten, uns zu folgen.« Sie streckte ihre Hand fordernd aus. »Ihre Dienstwaffe!«

Jakowlew wurde blass. Fahrig tastete er nach der Pistole an seiner rechten Hüfte. Es hatte nicht einen Tag während seiner Dienstzeit in der Zentrale gegeben, an dem er seine Tokarew nicht getragen hatte. »Ich glaube, ich habe Sie nicht ganz verstanden.«

»Es ist ein Befehl! Wir haben die Absicht, uns sehr genau an die Befehle zu halten, und ich möchte Ihnen raten, es auch zu tun!«

Mit spröden Fingern knöpfte er die Tasche auf und zog die Pistole heraus. Mit dem Kolben nach vorn überreichte er sie dem Leutnant. Er verstand nicht, was diese Anordnung zu bedeuten hatte, aber er spürte allmählich, wie eine bisher unbekannte Angst in ihm hochstieg. War dies eine Verhaftung? Er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als eine solche Frage gestellt. Jedoch war das Verhalten dieser beiden Offiziere höchst merkwürdig. Er sollte sich absichern!

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Genossin«, sagte er in fast fröhlichem Tonfall, »aber ich möchte mich gern durch einen Rückruf vergewissern, dass alles seine Richtigkeit hat.« Er griff zum Telefon.

»Finger weg!«, befahl die zweite Frau scharf. Ihre Stimme klang hart, und ihr Russisch hatte einen fremden Akzent. Sie hatte die Hand am Kolben ihrer Waffe.

Jakowlew zog die Hand vorsichtig zurück. Die Situation begann ihn ernstlich zu verwirren. Er starrte von einer zur anderen, aber ihren Gesichtern konnte er nichts entnehmen. Sein Nacken begann zu jucken, und in seiner Kehle bildete sich ein Kloß. Er hielt sich krampfhaft gerade, konnte aber nicht verhindern, dass einige Schweißtropfen über seine Stirn rannen.

Sie nahmen ihn in die Mitte, und er folgte ihnen ohne ein weiteres Wort. Die langen Korridore, die er so gut kannte, schienen ihm plötzlich fremd. Mit plötzlicher Klarsichtigkeit wusste er, dass er sie nie wieder betreten würde. Zwei Unteroffiziere grüßten zackig und blieben stocksteif stehen, als die Gruppe an ihnen vorüberging. Jakowlew war wie betäubt. Erst später fiel ihm ein, dass er den beiden einen Befehl hätte geben können, der die Situation verändert hätte. Doch das automatische Befolgen von Befehlen saß viel zu tief.

Es wäre wohl auch sinnlos gewesen, denn die weiblichen Leutnants wiesen sich an allen Kontrollpunkten anstandslos aus.

Direkt vor dem Portal wartete eine schwarze Wolga-Limousine mit verhängten Scheiben. Jakowlew kannte diesen Wagentyp sehr genau. Meist saßen hohe Funktionäre darin, wenn eine solche Limousine mit überhöhter Geschwindigkeit zum Kreml raste, aber auch der Geheimdienst besaß eine Vorliebe für dieses Gefährt.

Ohne große Umstände stieß man ihn in den großen Fond. Die beiden Frauen kletterten sofort hinterher; die Türen schlossen sich, und der Wagen fuhr an. Es überraschte Jakowlew kaum, die massive Gestalt von Sofia Alexandrowna Grenkowa zu sehen. Auf ihrem breitflächigen Gesicht lag ein selbstzufriedenes Grinsen. »Es freut mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Genosse.«

»Es war nicht möglich, sie abzulehnen.« Jakowlew war plötzlich von völliger Ruhe erfüllt. Er wusste, dass sein Vaterland auch für die allerhöchsten Funktionsträger oft ein unausweichliches Schicksal bereithielt, dem sich zu entziehen nicht möglich war. Auch er musste sich damit abfinden. Sein persönliches Schicksal spielte keine Rolle, wenn es um die Nation ging. Andere, wichtigere als er, hatten darüber zu befinden.

Major Grenkowa nickte den beiden Frauen zu. »Das habt ihr gut gemacht, meine Täubchen.« Sie nahm die Akte entgegen, die von Jakowlews Schreibtisch stammte, und blätterte interessiert darin.

»Wohin fahren wir?« Jakowlews Stimme klang fest.

Sie blickte amüsiert auf. »Wir haben ein hübsches Quartier vorbereitet. Wir werden uns unterhalten, und ich denke, dass Sie mir viel zu sagen haben. Es wird Ihnen vielleicht nicht gefallen, aber …« – sie hob die Schultern – »Sie haben keine andere Wahl.«

Alexej Michailowitsch Jakowlew, Major des KGB, spürte, wie eine unbestimmte Angst über ihn kam.

 

*

 

Der junge Mann wirkte sehr verschüchtert. Die drei Mädchen hatten ihn eingekreist. Sie schienen leicht angetrunken zu sein. Bis jetzt hatten sie sich nur über ihn lustig gemacht, ohne ihn direkt zu bedrohen. Aber als sie immer näher kamen, spürte er eine undefinierbare Angst. Dabei waren es gut aussehende Mädchen von der Art, die er sich immer als Freundinnen gewünscht hatte. Sie drängten ihn weiter in die dunkle Ecke, bis er außerhalb des beruhigenden Lichtes der Straßenlaternen war.

»Komm, mein Kleiner!«, sagte eine rau, griff nach seinem Hemd und zerriss es mit einem heftigen Ruck.

»Nein!«, stöhnte er. Dann waren sie über ihm und zwangen ihn zu Boden. Er schlug verzweifelt um sich, strampelte mit den Füßen und konnte doch nicht verhindern, dass sie ihm Jeans und Slip herunterzerrten.

»Sieht nicht gerade sehr männlich aus«, sagte eine und lachte. Er spürte einen heftigen Schmerz, als sie sich an ihm zu schaffen machte. Eines der Mädchen hob ihren Rock hoch. Darunter war sie nackt. Sie setzte sich auf ihn, während eine zweite ihr Geschlecht auf sein Gesicht presste. Er glaubte ersticken zu müssen und verspürte Ekel und Brechreiz, aber jede Gegenwehr war sinnlos. Sie taten Dinge mit ihm, an die er sich später nur mit Scham erinnerte.

Es war schmerzhaft und demütigend. Als sie endlich von ihm abließen und verschwanden, blieb er mit geschlossenen Augen noch lange im Schmutz liegen. Jetzt wusste er, was eine Vergewaltigung war.

 

*

 

»Wir unterbrechen unsere Musiksendung für eine Sondermeldung aus Warschau. Tausende von Frauen sind wegen einer Brotpreiserhöhung in der polnischen Hauptstadt auf die Straße gegangen. Es kam zu Straßenschlachten mit der Polizei. Zahlreiche Geschäfte wurden geplündert. Die Lage ist derzeit völlig unübersichtlich. Wir bringen in kürze weitere Nachrichten.«

 

*

 

Der Zug der schwarz gekleideten Frauen war endlos lang. Eine düstere Prozession, die sich durch die Hauptstadt wälzte. In den Straßen herrschte eine geisterhafte Stille, als hielten selbst die Häuser den Atem an. Das Scharren der vielen tausend Füße und das leise Gemurmel der Trauer waren die einzigen Geräusche.

Über der Stadt lag der Geruch von erloschenen Bränden, der die sonst übliche Ausdünstung überlagerte. Vereinzelt stiegen noch dünne Rauchfahnen auf. Aber es fielen keine Schüsse mehr. Es schien, als seien nach drei Tagen und Nächten voll von Gewalt, Zerstörung und Tod nun wieder Erkenntnis und Bewusstsein zurückgekehrt, als sei jetzt genug Entsetzliches geschehen.

Der Strom der Frauen erreichte den großen Platz im Zentrum der Stadt. Als die dichtgedrängte Menge sich lockerte, sah man, was sie in ihrer Mitte mitführten. Es mochten fast fünfzig der schwarzen, roh gezimmerten Holzkisten sein, gefolgt von verschleierten Frauen, deren Augen rot von Tränen waren. In den Särgen lagen die Leichen ihrer Väter, Söhne oder Brüder, erschossen, erschlagen oder verbrannt von einer entfesselten Soldateska, die in einem Blutrausch ohnegleichen die Unruhen in der Stadt erstickt hatte.

Aber jetzt war es genug. Die Frauen hatten das Morden beendet. Als seien sie von einem einzigen Gedanken beseelt, hatten sie sich den Soldaten entgegengestellt, und jene, vielleicht schon erschöpft vom Töten, hatten sich zurückgezogen. Jetzt erst war Zeit, die Toten zu bergen, die Verwundeten zu pflegen und die Brände zu löschen.

Niemand wusste, woher plötzlich die Idee gekommen war. Die Männer, die dafür verantwortlich waren, die dort drüben in dem riesigen Palast saßen, der die ganze Breite des Platzes einnahm – sie sollten die Toten sehen. Sie sollten sehen, was sie ihrem eigenen Volk angetan hatten. Man musste sie zwingen, in die starren Gesichter zu sehen, in das Antlitz des Todes, den sie befohlen hatten.

Es war nicht die Frage der Gerechtigkeit, denn die hatte es in diesem Land noch nie gegeben, es war nur eine Frage der Trauer und der Scham. So viel wenigstens sollte der Tod wert sein.

Die Menge stockte, als die ersten Reihen langsamer wurden. Eine lockere Linie von Soldaten sperrte die ganze Breite des Platzes. Zwischen ihnen und dem Palast war kein Mensch. Die Soldaten trugen olivfarbene Tarnanzüge und Schnellfeuergewehre in den Armbeugen. Einige Jeeps mit aufmontierten Maschinengewehren unterbrachen die Reihe. Schweigen senkte sich über den Platz.

Die Särge schwankten in der Menge, als die weiter hinten Stehenden nach vorn drängten, um zu sehen, was dort geschah. Ein dumpfes Seufzen stieg hoch, als seien die vielen Tausend ein einziges Lebewesen. Aus den Seitenstraßen kamen weitere Frauen. Wie die Fangarme eines Polypen quollen die Menschen auf den weiten Platz.

Die Soldaten wurden nervös. Man sah es an ihren Blicken, die sie in die Runde warfen, und daran, wie sie ihre Waffen fester packten. An den Rändern der Kette wichen einige Männer bereits ein paar Schritte zurück. Die Sperrlinie wurde zum leicht gebogenen Halbkreis. Offiziere schritten hinter der Linie auf und ab und gaben hastige Befehle. Und immer noch kamen schwarz gekleidete Frauen auf den Platz. Es war wie eine riesige Woge, deren Ausläufer nach der dünnen Schützenkette leckten.

Die Offiziere mussten wohl eingesehen haben, dass ihre Soldaten einfach weggespült würden, wenn die Menschenmenge weiter nach vorn drängte. Scharfe Befehle hallten über den Platz.

Als Erstes setzten sich die Jeeps in Bewegung. Mit aufheulenden Motoren fuhren sie rückwärts und nahmen ihre neue Position ein. Die Soldaten folgten und verkürzten damit ihre Linie. Jetzt standen sie dichter, fast in Tuchfühlung. Das erhöhte ihr Gefühl der Sicherheit. Auf manchen der jungen Gesichter zeigte sich Erleichterung. Sie hatten jetzt einen Kreisbogen gebildet, dessen beide Enden an die Palastmauer heranreichten. Die Offiziere hatten sich in einer Gruppe gesammelt und diskutierten.

Die kupferbeschlagenen hohen Türen des Doppelportals glänzten im Sonnenlicht. Dahinter befand sich das Nervenzentrum des Landes. Welches Regime auch immer am Ruder war – ihren Regierungssitz hatten sie alle hierher gelegt.

Plötzlich öffnete sich eine der kupfernen Türen. Weitere Soldaten drängten heraus. Ihre Uniformen waren ebenfalls olivfarben, aber sie trugen weiße Helme und weißes Koppelzeug. Es waren Angehörige der gefürchteten Palastgarde, der Regierungsclique fanatisch ergeben. Sie hatten in den letzten Tagen am schlimmsten gehaust, und niemand hatte es vergessen. Ein Stöhnen ging durch die Menge.

Die Gardisten bauten sich auf der Treppe auf, die Gewehre in die Hüften gestützt. Da sie etwas erhöht standen, konnte jeder sie sehen, und vielen kam die Erinnerung mit elementarer Wucht.

Über dem Portal standen auf einer schmalen Balustrade weitere Menschen, fast unbeachtet, da sich alle auf die Gardisten konzentriert hatten. Sie wirkten klein vor dem riesigen Gebäude. Das waren sie, jene, die das alles befohlen hatten! Waren sie es wirklich? Einzelheiten waren aus der Entfernung nicht zu erkennen. Gleichgültig. Wenn sie dort standen, könnten sie es zumindest sein.

Wie immer in solchen Situationen machte einer den Anfang. Andere nahmen den Ruf auf, und Minuten später hallte es über den Platz. »Schlächter!«, scholl es. »Schlächter!«

Die Männer auf der Balustrade zogen sich hastig in das Innere des Palastes zurück. Die Soldaten wurden wieder nervös und hoben ihre Gewehre. Die wogende Masse drängte von Neuem nach vorn, überragt von den schwankenden Särgen, die wie Feldzeichen wirkten. Makabre Symbole des gemeinsamen Wollens.

Ein lauter Befehl übertönte das summende Geräusch auf dem Platz. Die Soldaten brachten die Gewehre in Anschlag. Allerdings zeigten die Läufe in die Luft, über die Menge hinweg. Dann krachte eine unregelmäßige Salve. Die Geschosse flogen weit über die Köpfe.

Aus der Masse stieg ein ungläubiger Schrei, zitterte sekundenlang, als sei er eingeschlossen auf dem sonnendurchglühten Platz, und entlud sich schließlich in einem tosenden Brüllen, mit dem die Tausende wie mit einem einzigen Sprung nach vorn drängten.

Die Soldaten wurden von der menschlichen Lawine überrollt. Sie hatten keine Zeit mehr, die nächste Salve gezielt zu feuern. Sie wurden einfach überrannt, und die olivfarbenen Flecke verschwanden unter dem gleichförmigen Schwarz. Die Jeeps schwankten, kippten schließlich, und die Menge johlte vor Freude. Wer nicht vorher herausgesprungen war, wurde unter dem Fahrzeug begraben und starb eines schnellen Todes, leichter jedenfalls als andere, die unter zahllosen Füßen zertrampelt wurden, deren Schreie niemand hörte, die als unförmige, blutige Gebilde in den Staub getreten wurden. Manche der Frauen bückten sich nach den Gewehren und hielten sie wie Talismane an sich gepresst, Zeichen des Sieges über den verhassten Feind, der vielleicht aus den gleichen Dörfern kam wie sie selbst und sich nur durch eine Uniform von ihnen unterschied.

Die Särge waren immer noch vornean und bewegten sich jetzt auf die breite Treppe zu. Die Gardisten hatten sich von ihrem ersten Schrecken erholt, als der Kordon der Soldaten einfach verschwand. Sie hatten Zeit genug, sorgfältig zu zielen. Das breite Stakkato der Schnellfeuerwaffen füllte die Luft und übertönte alle anderen Geräusche.

Manche der schwarz gekleideten Frauen fiel, wurde ersetzt durch zwei oder drei neue. Aber das Vorrücken der Menge wurde nicht aufgehalten. Sie brandete schon über die erste Stufe, und die Gardisten zogen sich feuernd zurück. Manch einer stolperte, blieb liegen, und wenn die Menge ihn erreichte, blieb nur ein zermalmter blutiger Klumpen übrig.

Die Verluste der Masse waren hoch, aber sie besaß keinen Feldherrn, der über seine Truppen wachte. Sie drängte immer weiter vor. Einige der Frauen hatten gelernt, mit einer Waffe umzugehen. Sie schossen zurück, und aus dem Rückzug der Gardisten wurde eine wilde Flucht. Knapp die Hälfte schaffte es, aber auch das war nur ein Hinauszögern vor dem unvermeidlichen Schicksal.

Diesmal machte die Menge nicht Halt vor den kupfernen Toren, wie sie es immer bei Unruhen gemacht hatte. Spätestens hier brach sich die Erregung, setzte die Besinnung wieder ein, kam die seit ewigen Zeiten anerzogene Achtung vor der Autorität.

Aber nicht heute! Nicht an diesem Tag, der anders war als alle vorhergegangenen, der alles ändern würde.

Die Tore hatten sich noch nicht geschlossen, als sie unter dem Druck der Menschenmassen auch schon wieder aufflogen, und dann wurden die Frauen förmlich in den Palast hineingesogen. Sie waren wie eine Sturmflut, die alle Dämme wegsprengte. Hunderte waren schon in den weiten Hallen des Palastes verschwunden, und Tausende drängten nach. Dabei schien die Menge auf dem Platz nicht kleiner geworden zu sein. Aus den Nebenstraßen strömte immer noch Verstärkung. Es schien, als seien die Frauen des ganzen Landes zusammengekommen, und nichts vermochte sie aufzuhalten.

Schreiend vor Erregung strömten sie durch die Räume des riesigen Gebäudes, in den Händen provisorische Waffen, Tisch- oder Stuhlbeine, die sie von zierlichen, kostbaren Möbeln abgebrochen hatten. Manche trugen die eroberten Gewehre, die Läufe heiß geschossen und die Magazine leer. Aber wen kümmerte das?

Die Gruppe der Gardisten hatte sich längst aufgelöst. Jeder versuchte für sich, sein Leben zu retten. Ein Unterfangen, das nicht einem von ihnen gelang. Man zerrte sie aus Verstecken und jagte sie durch die Räume, bis sie aus letzter Verzweiflung durch die geschlossenen Scheiben sprangen. Unten vollendete die Menge das Werk.

Nur wenige andere entkamen dieser Orgie der Gewalt. Alle, die in diesem Palast arbeiteten, galten als schuldig. Und das Urteil wurde augenblicklich vollstreckt.

Für die Verantwortlichen war es zu spät, ihren Entschluss zu bereuen, den größten Teil der Truppen aus der Stadt zurückzuziehen, um die Auseinandersetzungen zu beenden, die Volkswut zu besänftigen, wenn man den Anlass der immer wieder aufflammenden Unruhen entfernte.

Jetzt wurde jedes noch erreichte Telefon benutzt, aber bei dem desolaten Zustand des Telefonnetzes im Lande war das Herstellen einer Verbindung nach draußen nicht einfach. Minuten später hatten die Frauen die Telefonzentrale erreicht und schalteten alle Verbindungen ab. Der Palast war vom Land abgeschnitten. Die einzige Möglichkeit war die Funkzentrale, aber als der stellvertretende Außenminister die Tür zu der im Obergeschoss gelegenen Zentrale aufriss, blickte er auf ein Bild der Zerstörung. Hier hatte ein Sympathisant des Aufruhrs bereits ganze Arbeit geleistet. Die Funker waren geflohen.

Der Präsident hatte sich mit den wenig noch verbliebenen Getreuen im Kabinettsaal versammelt. Sie hörten mit bleichen Gesichtern das Toben und das Krachen der Schüsse, und vor den Fenstern das dumpfe Brüllen der Masse, die jeden Versuch einer Flucht unmöglich machte. Sie alle wussten, dass dies das Ende war, wenn es auch keiner zugeben wollte. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass der bereits errungene Sieg über einen an sich lächerlichen Aufstand in der Hauptstadt jetzt in einer Katastrophe endete. Die Truppen waren in ihre Kasernen zurückgekehrt, die Polizei offensichtlich nicht in Erscheinung getreten – nun, sie galt seit jeher als unzuverlässig. Die Palastgarde bestand zwar aus einem ganzen Regiment, aber im Gebäude befanden sich höchstens zweihundert Mann, eine Streitmacht, die zu diesem Zeitpunkt ausgelöscht war.

Vielleicht, dachten manche, vielleicht kehren die Truppen rechtzeitig zurück. Es würde ihnen aber kaum noch helfen, ihr Leben zu retten. Wahrscheinlich wurde der Aufstand niedergeworfen, aber für wen? Wer würde die Macht im Land übernehmen? Wer wollte den Soldaten die Befehle geben? Die Regierung hatte das Offizierskorps der Armee absichtlich in einem beklagenswerten Zustand gelassen. Dort sollte sich keine Initiative entwickeln, die eines Tages womöglich in einen Staatsstreich mündete.

Nein, es war zu spät. Vermutlich würden die Soldaten auseinanderlaufen und in ihre Dörfer zurückkehren, wenn sie erfuhren, was in der Hauptstadt geschehen war.

Die Männer im Kabinettsaal schwiegen. Manche zitterten, andere bissen sich auf die Lippen, bis Blut hervortrat, einige pressten ihre schweißnassen Finger um die Kolben ihrer Pistolen, die sie vorsichtshalber immer bei sich trugen.

Der Präsident brach schließlich das Schweigen. »Meine Herren, ich fürchte, dies ist das Ende. Oder hat noch jemand von Ihnen eine Idee, wie wir diesen rasenden Pöbel aufhalten können?«

Niemand antwortete. Ein Geheimdienstoffizier zerrte nervös an seinem Kragen, der ihn zu ersticken drohte.

Der Präsident trat zum Fenster und betrachtete die Menge auf dem Platz. »Merkwürdig«, sagte er leise, »es sind nur Frauen. Warum reagieren sie so anders? Mit der Masse, die wir sonst kennen, wären wir fertig geworden. Aber sie sind nicht berechenbar, nicht unsere Frauen, die wir seit Jahrhunderten zu kennen glauben. Warum haben wir uns zu wenig um sie gekümmert?«

Er fuhr herum, und seine Stimme klang zornig. Er wies anklagend auf die übrigen Männer. »Warum hat sich keiner um sie gekümmert? Dies hätte nicht geschehen müssen! Wir werden sterben, weil wir nicht gesehen haben, dass sich im Lande etwas verändert hat.«

Der Präsident funkelte den Kommandanten des Geheimdienstes an. »Sie! Sie haben immer nur von finsteren Verschwörungen gesprochen, von Offizieren, die sich an geheimen Treffpunkten versammeln. Wie viele, frage ich Sie, wie viele haben Sie hinrichten lassen? Vielleicht grundlos? Aber warum haben Sie mir nie etwas von den Frauen erzählt?« Er packte den Mann an der Schulter und zerrte ihn ans Fenster. »Da! Sehen Sie. Sehen Sie genau hin. Ich habe nichts von ihnen gehört, von diesen Tausenden von Frauen, die jetzt meinen Palast stürmen und meine Soldaten abschlachten. Waren sie zu übersehen? Hat niemand etwas davon geahnt?«

Der Offizier schwitzte, Speichel stand in seinen Mundwinkeln. Er bekam kein Wort heraus. Die Angst ließ ihn fast ohnmächtig werden. Er schwankte, als der Präsident ihn endlich losließ.

»Meine Chefredakteure! Meine Propagandafachleute! Die Geistlichen! Hat es keiner gewusst?« Die Stimme des Präsidenten überschlug sich. »Habt ihr Idioten alle nur auf mich gesehen? Habt ihr euch nicht getraut, mir die Wahrheit zu sagen? Nein! Ich glaube, ihr seid tatsächlich ahnungslos wie neugeborene Kinder: Ich sehe es euren Gesichtern an. Meine Minister, meine Offiziere, meine Beamten – eine Herde von Trotteln!« Er lachte laut auf. »Jetzt starrt ihr mich an, als könnte ich euch jetzt noch die Rettung bringen. Aber macht euch keine Hoffnungen, es ist vorbei. Ich weiß nicht, was nach uns kommt, aber ich glaube, es wird schlimmer sein.«

Er ließ sich in den gepolsterten Stuhl am Kopfende des mächtigen Tisches nieder, an dem er so oft gesessen hatte. Seine Finger tasteten über die handgeschnitzten Armlehnen. Sie hörten die tobende Menge näherkommen. Keiner der anderen wagte sich zu setzen. Sie standen und starrten auf ihren Präsidenten, und manche hofften, dass sein Anblick die Raserei der Menge bremsen könnte, dass seine Stimme, die so oft über diesen Platz geschallt war, ihr Einhalt gebieten würde.

Ohne den Kopf zu heben, streckte der Präsident seine rechte Hand aus. »Eine Waffe, bitte!«

Mehrere Pistolen und Revolver wurden ihm gereicht. Er griff wahllos nach einer Waffe, entsicherte sie und setzte sie an die Schläfe, ehe einer der anderen Männer es verhindern konnte.

Der Schuss dröhnte in dem geschlossenen Raum überlaut. Kopf und Oberkörper des Präsidenten krachten auf die Tischplatte, auf der sich sofort eine Blutlache bildete, die sich rasch vergrößerte. Jetzt wussten sie alle, dass die Situation hoffnungslos war. Der Präsident hatte es begriffen, und er verstand von der Psychologie der Massen am meisten, sonst hätte er sie nicht jahrelang beherrschen können wie ein Diktator.

Vor der Tür summte es wie in einem Bienenstock. Die Köpfe der Männer drehten sich zu ihr hin. Dann krachten die ersten Schläge gegen das massive Holz, und das Schloss knirschte in seinen Halterungen.

Einer fiel auf die Knie und betete.

 

*

 

Paul Wagner öffnete mit einem oft geübten Ruck die Bierflasche, und das schäumende Gebräu zischte in das Glas, das er erst in der letzten Woche aus einem Hotel hatte mitgehen lassen. Er besaß aus jedem Hotel ein Souvenir, und wenn er auch nur eine Nacht dort gewohnt hatte. Da er viel herumkam, besaß er eine Menge Souvenirs aus aller Welt. Er bevorzugte Gläser und Aschenbecher, schreckte aber auch vor größeren Dingen nicht zurück. Da waren zum Beispiel eine Nachttischlampe aus Bangkok und ein Tischläufer aus Agadir. Es war eine Manie von ihm; er konnte nicht davon lassen. Sein schönstes Stück war ein Samowar aus der Türkei.

Er nahm einen tiefen Schluck und starrte wieder auf den Fernsehschirm. Paul Wagners abendliche Unterhaltung war meist bescheidener Natur. Nicht, weil er es nicht anders gekonnt hätte, sondern weil er einfach keine Lust hatte, in die Oper oder in ein Konzert zu gehen. Kino mochte er erst recht nicht, und Kneipen verabscheute er. Einmal im Monat lud er seine Frau in ein teures Speiselokal ein – das musste reichen.

Es gab losen Kontakt zu einigen mehr flüchtigen Bekannten, aber der beschränkte sich auf sehr seltene Besuche, die Paul Wagner im Übrigen zum Sterben langweilig fand. Er war für jeden Abend dankbar, den er zu Hause verbringen konnte. Fernsehen, ein, zwei Flaschen. Bier, die Zeitung oder ein paar Illustrierte, hin und wieder ein Buch, auf dessen Titel ihn die aktuellen Bestsellerlisten neugierig gemacht hatten – das war für ihn eine ausreichende Freizeitbeschäftigung.

Eine Ausnahme bildete nur sein Urlaub. In diesen wenigen Wochen des Jahres konnte das Ziel gar nicht weit genug entfernt sein. Geld spielte dabei keine Rolle. Erstens verdiente er genügend, und zweitens legte er für diesen Zweck reichlich auf die hohe Kante. Seine Frau schätzte hingegen diese Reisen nicht übermäßig, aber sie hatte sich daran gewöhnen müssen und trottete gleichgültig hinterher, wenn er wieder ein neues, ihm unbekanntes Land entdeckte.

Paul Wagner war selbständig und betrieb ein kleines Import und Export-Geschäft, das ihm ein ausreichendes Einkommen sicherte. Er hatte die Vierzig bereits vor einigen Jahren überschritten und ließ sich auf keine gewagten Geschäfte mehr ein, wie er es in der Aufbauphase oft genug getan hatte.

Paul Wagner war zufrieden mit sich. Seine Ehe war kinderlos geblieben, aber das entsprach durchaus seinen Intentionen. Kinder lagen ihm nicht besonders, und es gab für ihn kaum etwas Schlimmeres, als ein Gespräch über Kindererziehung anhören oder gar führen zu müssen. Seine Frau hatte ihre diesbezüglichen Wünsche seit Langem verdrängt und sich mit der Situation abgefunden. Ihr Leben bestand zum größten Teil aus Resignation. Zu sagen hatten sie sich eigentlich nichts mehr, doch Paul Wagner hatte nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlte.

Sein Äußeres war durchschnittlich. Eine beginnende Glatze, ein leichter Bauchansatz, farblose Augen in einem nichtssagenden Gesicht, das nur nach seinen Urlaubsreisen von einer gesunden Bräune überzogen war.

Er steckte sich eine Zigarette an und betrachtete kopfschüttelnd die Direktübertragung aus der Parteizentrale in Bonn. Politik interessierte ihn nicht sonderlich, aber heute war immerhin Wahltag, und er wollte wenigstens wissen, ob die Propheten und Meinungsforscher mit ihren Voraussagen recht behalten hatten. Selbst er hatte bemerkt, dass es in der letzten Zeit einige bedeutsame Veränderungen gegeben hatte. In den alten Parteistrukturen zeigten sich Risse, wie bei einer Materialermüdung. Neue Interessengruppen hatten sich formiert, neue Fraktionen gebildet. Die Frauen im Lande waren sich ihrer Rolle und Funktion bewusst geworden, nicht die ewigen Emanzipierten, die nur von der Emanzipation redeten, sondern die großen Massen, die sich normalerweise nie artikulierten.

Natürlich hatten die im Umgang mit Macht und Wählergunst Erfahrenen den Wandel begriffen und sich an die Spitze der neuen Bewegung gesetzt. Die etablierten Parteien wirkten hilflos, als sie ihren Einfluss auf mehr als die Hälfte der Bevölkerung schwinden sahen. Die neue Frauenpartei wuchs mit beängstigender Schnelligkeit, und die meisten Meinungsumfragen hatten vorausgesagt, dass sie zur stärksten Partei werden würde. Wie Paul Wagner hatten die Männer das nicht so ernst genommen. Diese Vorstellung war einfach unglaublich. Es hatte immer schon Frauen in der Politik gegeben, aber eben nur am Rande, in der gebotenen Distanz. Das war bei den Amerikanern viel schlimmer; dort hatten sie allen Grund zur Sorge. Aber hier – nie …

Heute würde es sich entscheiden, was an den ganzen albernen Voraussagen dran war. Nicht zum ersten Mal hätten die Meinungsforscher versagt. Paul Wagner nahm einen kräftigen Zug aus dem Glas.

»Wir schalten um in unser Rechenzentrum nach Wiesbaden«, sagte der Fernsehmoderator. »Wir können Ihnen jetzt unsere erste Hochrechnung präsentieren.«

Ein älterer Mann mit Brille erschien auf dem Bildschirm und starrte düster in die Kamera. Als er merkte, dass er auf dem Monitor zu sehen war, räusperte er sich kurz. »Guten Abend, meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen die Ergebnisse der ersten Hochrechnung bekanntgeben. Sie sind so ungewöhnlich, dass wir zunächst mit einem Programmierungsirrtum rechneten und das Programm ein zweites Mal durch den Computer laufen ließen. Es ergab sich jedoch keine Änderung. Ich möchte aber betonen, dass es sich um eine allererste Hochrechnung handelt. Ausgewertet wurden die Ergebnisse von nur knapp fünf Prozent aller Wahlkreise. Nach Meinung aller anwesenden Fachleute hat diesmal aber die repräsentative Auswahl der Wahlkreise versagt. Wir rechnen damit, dass sich das bisherige Ergebnis noch ganz entscheidend ändert.«

Der Sprecher blickte auf ein Blatt Papier, das vor ihm auf dem Tisch lag, und Paul Wagner stellte sachte sein Bierglas ab. Auf seiner Stirn hatte sich eine tiefe Falte gebildet, wie immer, wenn er interessiert war.

Das Bild des Sprechers verschwand, und eine schwarze Tafel mit weißen Zahlen erschien. Wagners Hände krampften sich um die Sessellehnen.

»Die neue Frauenpartei ist mit Abstand stärkste Partei geworden«, erläuterte der Sprecher. »Sie hat 45,7 Prozent aller Stimmen errungen. Da alle Splitterparteien unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde bleiben, kann dieses Ergebnis die absolute Mehrheit der Mandate bedeuten. Nach dieser Rechnung werden nur noch zwei weitere Parteien in den Bundestag einziehen.«

Paul Wagner hörte die folgenden Worte nicht mehr. Er stand auf und holte sich aus dem Kühlschrank eine neue Flasche Bier.

»Martha!«, rief er. »Martha, welche Partei hast du heute eigentlich gewählt?«

»Wir haben gewonnen«, kam es kühl von oben. Seine Frau hielt sich abends meist in ihrem Zimmer im obersten Stockwerk auf. »Ich habe es gerade im Radio gehört. Meine Partei hat gewonnen.« Ihre Stimme klang anders als sonst, triumphierender. Wortlos ging Paul Wagner zu seinem Fernsehgerät zurück.

Das Bild hatte sich geändert. Der Moderator im Studio gab Zeichen zu irgendjemand, der sich außerhalb des Bildes befand. Anschließend wandte er sein Gesicht wieder der Kamera zu. »Sie haben das sensationelle Ergebnis eben selber sehen können, meine Damen und Herren. Es ist uns leider noch nicht gelungen, einen führenden Politiker zu uns ins Studio zu bekommen, aber meine Kollegen versuchen es weiter. Natürlich ist es zu früh, jetzt schon einen Kommentar abzugeben, aber man darf doch sagen, dass mit diesem Ergebnis niemand ernsthaft gerechnet hat. Die großen, etablierten Parteien sind praktisch über Nacht auf die Plätze verwiesen worden, und eine neue Partei verfügt womöglich im Parlament über die absolute Mehrheit.«

Er hielt sich die Hand ans rechte Ohr, in dem er einen Knopfhörer trug. »Ich höre gerade, dass auch die zweite Hochrechnung das bisherige Ergebnis bestätigt. Meine Damen und Herren, wir werden uns bemühen, Interviewpartner zu uns zu bitten, und geben solange aus dem Wahlkampf-Sonderstudio zurück an die Regie.«

Das Bild flackerte kurz, erlosch und stabilisierte sich wieder. Das freundlich lächelnde Gesicht einer Ansagerin erschien. »Wir zeigen Ihnen nun den Film Segelfliegen in den Alpen. Bei wichtigen, neuen Nachrichten werden wir das Programm unterbrechen. Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung.«

Paul Wagner drehte den Ton leise und sank erschüttert in seinen Sessel. Unschlüssig drehte er das Bierglas in den Händen. Wenn er nur wüsste, was diese unerwartete Entwicklung für ihn persönlich zu bedeuten hatte. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass seit diesem Tag nichts mehr so sein würde wie früher. Die majestätischen Segelflugzeuge, die sich lautlos im Aufwind gewaltiger Berghänge in die Lüfte schraubten, nahm er kaum wahr. Dieser Film erschien ihm wie ein Hohn. Vermutlich war der verantwortliche Redakteur eine Frau, die eine merkwürdige Art von Humor hatte.

Wütend blätterte er in der Programmzeitschrift, aber er hatte sich geirrt. Dieser dämliche Film war tatsächlich ausgedruckt.

Seine Frau trat hinter ihn. »Das macht dich ziemlich fertig, nicht?«

Er lachte krampfhaft. »Was ist daran schon so besonders? Wir leben in einer Demokratie, und wer die meisten Stimmen hat, regiert eben. So ist das nun mal. Im Übrigen war das die erste Hochrechnung. Da kann sich noch viel ändern.«

»Es war schon die zweite«, verbesserte sie ihn sanft. »Sie hat das erste Ergebnis bestätigt.«

Er zuckte die Achseln. »Und wenn schon. Letztlich wird sich nichts ändern. In der Politik ändert sich nie etwas. Wahrscheinlich wird es Steuererhöhungen geben, oder sie werden die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen gesetzlich beschränken. Vielleicht schließen sie die Bordelle.« Er lachte. »Aber auch das wird nichts ändern.«

»Ich wäre an deiner Stelle nicht so sicher. Diese Partei wird endlich einmal wirklich die Interessen derer vertreten, die sie gewählt haben. Ich bin überzeugt davon, dass sich eine Menge ändern wird. Du wirst dich noch wundern.«

Er streckte die Hand aus und fasste nach ihrer Hüfte. »Du bist doch gar nicht in dieser komischen Partei. Also wird sich bei uns überhaupt nichts ändern.«

Sie entzog sich ihm mit einer raschen Drehung. »Wenn ich ihr nicht angehöre, so habe ich sie doch gewählt und stimme mit ihren Programmen überein. Du hast dich ja nicht einmal informiert, worum es geht. Jetzt darfst du dich nicht wundern, wenn das Programm verwirklicht wird, für das sich die Mehrheit der Bevölkerung entschieden hat.«

Paul Wagner starrte seine Frau ungläubig an. Sie beachtete ihn nicht weiter und betätigte einen Knopf an der Fernbedienung. Der Ton wurde lauter.

»… Inzwischen haben wir die Spitzenkandidatin der neuen Frauenpartei bei uns im Studio«, sagte der Moderator. »Ich hoffe, dass sie uns ein paar Worte zum bisherigen Ergebnis der Hochrechnung …« Er unterbrach sich und lauschte seinem Ohrhörer. »Ich erfahre gerade, dass wir eine neue Hochrechnung haben. Ich schalte zunächst in unser Rechenzentrum.«

Der Mann mit Brille erschien wieder. Sein Gesichtsausdruck war jetzt ausgesprochen grämlich. Er sah kaum von seinen Papieren auf. »Als Basis für die neue Hochrechnung haben wir 32 Prozent aller Wahlkreise benutzt. Man kann davon ausgehen, dass diese Rechnung vom tatsächlichen Ergebnis nur noch in Bruchteilen hinter dem Komma abweicht. Danach hat sich der bisherige Trend bestätigt.«

Der Kopf des Sprechers wurde von der schwarzen Tafel abgelöst. Paul Wagner hörte die Prozentzahlen nur noch im Unterbewusstsein. Er vermochte nicht zu glauben, was er sah, aber tief im Inneren verspürte er, dass auch für ihn eine neue Epoche begonnen hatte.

»… bedeutet die absolute Mehrheit«, sagte der Sprecher, und Paul Wagners Gesichtsausdruck versteinerte sich.

 

 

 

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im April

 

 

Gegenwart.

 

… Das Schlimmste war die Einsamkeit. Sicher, am Anfang gab es noch Freunde, Menschen, die mich unterstützten. Im Laufe der Jahre wurden es weniger; sie gaben auf oder wurden getötet. Ich hätte es auch einfacher haben können: Ein Schritt über die Demarkationslinie, und ich wäre auf der anderen Seite in Sicherheit gewesen. Doch das war mir stets zu einfach erschienen. Ich war der Ansicht, durchhalten zu müssen, gegen den Wahnsinn anzukämpfen – unter wahrlich abenteuerlichen Bedingungen.

Die Meisten begriffen damals die Entwicklung nicht, die zu der bekannten Katastrophe führte, die heute die Welt in zwei Lager teilt, in das männliche und das weibliche. Das Erstaunliche war, dass es auf der ganzen Welt passierte, ohne Rücksicht auf Grenzen, Rassen, Religionen oder Ideologien. Die jeweils Betroffenen hielten die Entwicklung für ein lokales Ereignis, bis sie merkten, dass sie sich nicht einem Funken gegenübersahen, sondern einer Feuerwand.

Die düsteren Jahre, die dann folgten und die heute schon wieder vergessen sind, brachten die Erde an den Rand der Vernichtung. Dagegen war der Ost-West-Konflikt ein harmloses Sandkastenspiel.

Es ist wohl sinnlos, die Opfer zu betrauern, die es kostete, bis die Trennung erreicht war, wie wir sie heute kennen – und als normal empfinden. Manchmal frage ich mich, ob der heutige Zustand einen Nutzen gebracht hat, den ich vielleicht übersehen habe, doch mehr denn je ist meine Überzeugung, dass die Menschheit sich in einem schrecklichen Irrtum befindet, der in einer noch viel schlimmeren Katastrophe enden wird.

Es ist natürlich möglich, dass meine Objektivität gelitten hat. Schließlich kenne ich nur die eine Seite des Zauns, noch dazu die falsche. In diesem Frauenstaat bleibt mir nur der Untergrund. Denn wenn sie mich erwischen, bin ich fällig. Genickschuss wäre noch das Mildeste.

Die Nadelstiche, die ich diesem mir feindlichen Staat versetzte, hat er vermutlich gar nicht gemerkt. In irgendeinem Archiv bin ich eine unerledigte Akte, die eines Tages sicher geschlossen wird, nämlich mit meinem Tod. Eines Tages werden sie mich kriegen.

Erstaunlich ist für mich trotz alledem, wie die Ereignisse, die über den Planeten rasten, letzten Endes von den Milliarden Menschen hingenommen wurden, obwohl sie ihr aller Leben so entscheidend beeinflussten wie niemals zuvor. Gehorsam folgten alle den neuen Kommandos. Sie arrangierten sich, lebten weiter. Man könnte annehmen, es habe sich nichts geändert, doch ich weiß, dass die Auseinandersetzung noch nicht beendet ist. Ein zeitweiliger Zustand wurde zementiert, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Niemand scheint zu empfinden, dass die Gefühle sich verändert haben. Die Liebe ist durch Gleichgültigkeit oder Hass ersetzt worden – und durch eine aufgezwungene Liebe zum System. Es gibt keinen Partner mehr, zu dem man sich hinwenden könnte. Die Welt ist noch schlechter geworden, als die ärgsten Pessimisten jemals glaubten.

Wenn das Feuer der gewaltsamen Trennung der Geschlechter wenigstens reinigend gewesen wäre – aber es stieg kein Phönix aus der Asche …

 

 

 

DRITTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

Robert Kinsley starrte gegen die rissige, wasserfleckige Decke, die einen neuen Anstrich dringend nötig hätte. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und lag auf dem knarrenden Bettgestell, das unter seinen schwachen Bewegungen leicht schwankte. Die Matratze strahlte einen deutlichen Geruch nach Moder und Mottenkugeln aus. Das trostlose Hotelzimmer war seit einer Woche seine Zuflucht.

Er befand sich in einer Gegend, die er vorher nicht einmal dem Namen nach kannte. Nach dem Überfall war sein Handeln ausschließlich von dem Gedanken an Flucht beherrscht worden. Es war ihm leichter gefallen, als er befürchtet hatte. Er besaß keine großen Reichtümer oder materiellen Güter, auf die er nicht verzichten konnte. Nachdem er in der Nacht verzweifelt umhergeirrt war, hatte er am Morgen bei verschiedenen Banken seine Schecks eingelöst und sein gesamtes Bargeld abgehoben. Damit würde er eine Weile auskommen, denn er war immer ein sparsamer Mensch gewesen.

Das Nächste war, eine Unterkunft zu finden. Die verwahrloste Straße mit den abbruchreifen Häusern war ihm gerade richtig erschienen. Dies war die dunkle Seite der strahlenden amerikanischen Medaille. Sich selbst überlassene Kinderbanden, die fast noch im Vorschulalter die ersten kriminellen Erfahrungen hinter sich brachten; Gruppen von arbeitslosen Farbigen, Puerto Ricanern und anderen Volksgruppen, die vom äußeren Glanz der Großstadt angelockt worden waren, aber niemals eine Chance haben würden, integriert zu werden; Nutten, Gangster, Bodensatz der Gesellschaft; Ausgeflippte, Süchtige, Verzweifelte.

Sie alle trugen zum Straßenbild bei, und sie alle sahen nicht so aus, als würden sie gleich nach der Polizei rufen, wenn sich ein Robert Kinsley hier versteckte. Am sichersten war er inmitten dieser Menschen, die ihn ignorieren würden, solange er sie in Ruhe ließ.

Das sogenannte Hotel passte nahtlos zu dieser Umgebung. Es hatte ihn sofort angezogen, obwohl es nicht gerade wie ein Hort der Geborgenheit wirkte. Der Putz war in großen Stücken abgebröckelt, die Fensterscheiben waren so blind, als seien sie aus Milchglas. Kinsley hatte sich mit einem rasch erfundenen Namen eingetragen, den der grauhaarige Schwarze am Empfang kommentarlos zur Kenntnis nahm. Das Zimmer kostete zwanzig Dollar pro Woche. Kinsley bezahlte im Voraus.

Tagsüber blieb er meist in seinem Zimmer. Er hatte sich einen Stapel Taschenbücher gekauft und ein paar Flaschen Bourbon. Das Essen ließ er sich von einem kleinen Jungen aus einem Schnell-Imbiss holen. Die Situation war bedrückend, aber er fühlte sich einigermaßen sicher. Die anderen Hotelgäste nahm er kaum zur Kenntnis, und sie ihn auch nicht. Hier gehörte es nicht zum guten Ton, sich um seine Mitmenschen zu kümmern.

An den strengen Geruch nach angebranntem Essen, schmutziger Wäsche und undefinierbaren Gewürzen hatte er sich längst gewöhnt. Auch an den Blick aus seinem Fenster auf die gegenüberliegende Ziegelmauer. Viel wichtiger war, dass unmittelbar neben seinem Fenster die Feuerleiter entlangführte. Sie gab ihm ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit. Seinen Fluchtweg hatte er am ersten Tag ausgekundschaftet, falls es eine Razzia geben sollte.

Abends wagte er sich auf die Straße. Er war vorsichtig und ging Polizeistreifen aus dem Weg, die sich nur zu zweit in diese Straße wagten, und das nur sehr selten. Es gab eine kleine Bar, in deren schummerigem Dämmerlicht er sich gut verbergen konnte. Gesprächen ging er aus dem Weg. Er entwickelte die besondere Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, einfach nicht aufzufallen. Er brauchte diese Zeit, um mit sich ins Reine zu kommen. Die ersten Tage waren damit ausgefüllt, Sicherheit zu finden, seine Spuren zu verwischen, das schreckliche Ereignis zu vergessen. Er musste sich an den Gedanken gewöhnen, dass Blut an seinen Händen klebte, selbst wenn es in Notwehr geschehen war.

Langsam wurden jedoch die Gedanken bohrender, die sich mit seiner Zukunft beschäftigten. Er konnte nicht ewig in diesem Hotel wohnen. Irgendwann ging sein Geld zu Ende. Er brauchte Hilfe, er musste Geld verdienen, um zu überleben.

Er hatte in seiner tiefsten Depression nach vier oder fünf Tagen daran gedacht, sich zu stellen, einfach aufzugeben, bevor es unerträglich wurde. Sein Überlebenswille hatte sich jedoch durchgesetzt. Ihm wurde wieder bewusst, dass man ihn töten wollte, dass ein zweiter Versuch wahrscheinlich gelingen würde. Nein, er musste durchhalten. Er brauchte Zeit, um seine Pläne zu schmieden. In New York konnte er nicht ewig bleiben. Am besten wäre es, wenn er in ein anderes Land ginge und sich eine völlig neue Existenz aufbaute. Es war die einzige Lösung, die ihm immer wieder einfiel.

Kinsley stemmte sich hoch und griff nach der halbleeren Whiskeyflasche. Sein Blick fiel in die mehrfach gebrochene Scherbe über dem Waschbecken, die als Spiegel diente. Er erschrak, und seine Hand berührte die Flasche nicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen, das Haar hing ihm wirr in die Stirn, und der Stoppelbart verriet, dass er sich seit zwei Tagen nicht mehr rasiert hatte. Seine Kleidung war verschmutzt und zerknittert. Vermutlich hätten ihn seine engsten Bekannten nicht wiedererkannt. Er verzog das Gesicht zu einem müden Grinsen, dann schwang er die Beine auf den Fußboden, und in der Bewegung lag etwas von der alten Dynamik, die er immer so gern zur Schau trug.

Er verschraubte die Flasche und stellte sie unten in den Schrank. Der Schrank war leer bis auf eine Papiertüte mit ein paar Kleinigkeiten, die er sich gekauft hatte. Dann hob er das Möbelstück leicht an und rückte es zur Seite. Ein loses Dielenbrett bog sich nach oben. Kinsley hob es heraus und griff in den darunter befindlichen Hohlraum. Das Päckchen enthielt seine gesamte Barschaft. Er zupfte ein paar Scheine heraus und legte den Rest wieder in die Höhlung. Der Schrank kam an seinen angestammten Platz. Anschließend pustete er sorgfältig den Staub über die Stellen, an denen der Schrank Schleifspuren hinterlassen hatte. Es war zwar nicht anzunehmen, dass die alte Mexikanerin, die hier als Zimmermädchen arbeitete, die Spuren im Staub bemerken würde, aber Vorsicht war besser.

Kinsley fuhr sich mit der Hand über die Bartstoppeln und ging zum Waschbecken. In zehn Minuten war er so weit, dass man ihn nicht gleich als Landstreicher verhaftete. Seine Kleidung brachte er notdürftig in Form. Kurz darauf verließ er das Zimmer, ohne abzuschließen. Es gab nichts, das mitzunehmen sich gelohnt hätte – außer seinem Geld natürlich, aber das schien ihm sicher untergebracht. Eine verschlossene Tür hätte nur die Neugier gereizt und zum Einbruch angestachelt. Seine Mitbewohner kamen ihm nicht so vor, als seien sie gegen Anfechtungen dieser Art gefeit.

Er blinzelte, als er auf die Straße trat. Sein Zimmer war nicht besonders hell, und Sonnenlicht hatte er seit Tagen nicht mehr gesehen. Er wusste, wo sich die nächste Telefonzelle befand. Sie war sogar funktionsfähig, was in dieser Gegend nicht unbedingt zu erwarten war.

Eine fröhliche Mädchenstimme meldete sich.

»Ich möchte Mister Baker sprechen.«

»Oh, das tut mir leid«, flötete sie. »Wir erwarten ihn erst morgen zurück. Er befindet sich auf einer Geschäftsreise.«

»Kann ich ihn morgen aufsuchen?«

Sie zögerte kurz. »In welcher Angelegenheit? Mister Baker wird nach seiner Rückkehr viel zu tun haben. Vielleicht sagen Sie mir Ihren Namen, und ich kann versuchen, einen Termin für Sie freizuhalten, wenn es wirklich wichtig ist. Sagen Sie mir bitte, wo ich Sie erreichen kann.«

»Es ist eine persönliche Angelegenheit. Mister Baker kennt mich. Ich werde mich morgen noch einmal melden.« Er legte rasch auf.

Er konnte nicht erwarten, gleich mit seinem ersten Anruf Erfolg zu haben. Selbst wenn er Baker erreicht hätte, wäre nicht sicher gewesen, wie er reagiert hätte. Zwar hatte in den Zeitungen nicht eine Zeile über Kinsley gestanden, aber das bewies gar nichts. Es war nicht auszuschließen, dass die Polizei alle Bekannten von Kinsley aufgesucht hatte. Wer sagte ihm denn, dass Baker ihm überhaupt helfen würde? So gut kannte er diesen Mann nun auch wieder nicht. Er wusste nur, dass ihre Ansichten über die derzeitige Entwicklung sich weitgehend deckten.

Robert Kinsley blätterte ratlos in dem dicken Telefonbuch. Seine Arbeitskollegen konnte er keinesfalls anrufen. Enge Freunde hatte er nicht. Sicher war die Polizei auch dabei, in seiner Firma Nachforschungen anzustellen. Dort wartete man also nur darauf, dass er sich meldete! Nein, alle Menschen, die er von früher her kannte, schieden aus. Jetzt erst merkte er, dass er sich ein Leben lang mit den falschen Freunden beschäftigt hatte. Wenn er darüber nachdachte, gab es nicht einen Einzigen, dem er sich in seiner jetzigen Situation anvertraut hätte.

Seine letzte feste Freundschaft mit einem Mädchen war schon vor einem Jahr in die Brüche gegangen. Seitdem hatte es ein paar Affären gegeben, aber nichts Ernsthaftes, flüchtige Befriedigung ohne nachhaltige Wirkung. Er war auf sich allein angewiesen. Eine Vorstellung, die ihm für einen Augenblick Übelkeit bereitete. Aber es ging vorüber, und er konnte wieder klar denken.

Er stutzte und schlug die Seite auf, die er gerade überblättert hatte. Der Name Ingham war ihm aufgefallen. Sein Finger fuhr über die Spalten. Da war er: David Ingham.

Er war befreundet mit George Baker und mit Sicherheit nicht in eine Verschwörung von Frauen verwickelt. Es war zwar völlig ungewiss, ob ausgerechnet Ingham ihm helfen konnte, aber es war einen Versuch wert. Kinsley brauchte jede Unterstützung, die er bekommen konnte, und der Filmproduzent hatte sicher eine Menge Verbindungen im Lande.

Kurz entschlossen wählte Kinsley die Nummer. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Hörer abgenommen wurde. Eine weiche, männliche Stimme meldete sich: »Ja, bitte?«

»Ich möchte Mister Ingham sprechen.«

»Ach, wirklich? Ich bin nicht sicher; ob er hier ist. Aber wenn Sie darauf bestehen, werde ich selbstverständlich nachsehen.«

»Ich wäre Ihnen sehr dankbar«, presste Kinsley heraus. Der Dialog schien dem Komiker am anderen Ende auch noch Spaß zu machen. Vielleicht war es auch nur Eifersucht.

»David, hier ist ein fremder Mann für dich«, klang es aus dem Hintergrund.

»Was will er denn?«, kam es undeutlich zurück.

»Ich soll fragen, was Sie wollen?«, ertönte die erste Stimme wieder an Kinsleys Ohr. »David ist im Moment nicht sehr zu Gesprächen aufgelegt, wissen Sie. Ich versuche, ihn schon den ganzen Tag aufzumuntern, aber es will mir nicht gelingen. Ich bin schon ganz verzweifelt.«

»Es ist wichtig. Bitte holen Sie ihn an den Apparat!«, unterbrach Kinsley drängend. »Ich muss ihn sprechen!«

»Sie sind ja schrecklich eigensinnig!«

Sekunden später war endlich Ingham am anderen Ende. »Was gibt’s?«, fragte er kurz.

»Hier spricht Robert Kinsley. Wir kennen uns von den Partys bei Vanessa Reeves. Sie erinnern sich doch?«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. »Sicher«, sagte Ingham dann, »ich erinnere mich. Sie sind der Mensch mit diesen sonderbaren Ideen, und mein Freund George Baker war später noch ganz begeistert von Ihnen, da er endlich einen Menschen gefunden hatte, der mit seinen obskuren Ansichten übereinstimmt. Allerdings scheint mir, dass Sie derzeit in Schwierigkeiten stecken. Die Polizei hat mich zumindest gefragt, ob ich wüsste, wo Sie sich aufhalten. Ich wusste es nicht, und sie sind wieder abgezogen.«

»Sie?«

»Ja. Zwei Polizistinnen in Uniform. Sie haben mir nicht gefallen. Ich hätte ihnen, glaube ich, auch nichts gesagt, wenn ich etwas gewusst hätte. Sie waren langweilig und humorlos.«

»Sagten sie, weshalb sie mich suchten?«

»Nein. Ich habe auch nicht danach gefragt. Ich bin zurzeit in einer anstrengenden schöpferischen Phase. Für meinen neuen Film, wissen Sie, und dann lasse ich mich ungern von solchen Dingen ablenken. Ein Film kann nur ein Spiegelbild der Wirklichkeit sein, aber nicht die Realität selbst. Es lenkt mich ab, wenn ich mich mit profanen Alltäglichkeiten abgebe. Ich brauche den künstlerischen Freiraum.«

»Auch als Produzent?«, konnte sich Kinsley nicht verkneifen zu fragen.

»Bei meinem neuen Film führe ich auch Regie.« Stolz schwang in diesen Worten mit. »Zum ersten Mal soll der Film so werden, wie ich ihn mir wirklich vorstelle. Meist verstehen die Leute, mit denen man arbeiten muss, nicht, was man eigentlich will. Sie sind zu schwerfällig und sind nicht bereit, aus ihren eingefahrenen, alten Gleisen herauszukommen, sich gedanklich zu engagieren. Deshalb werde ich diesmal darauf verzichten, mich auf andere zu verlassen. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.«

»Durchaus. Ich kann es sehr gut nachempfinden. Aber ich wollte Sie eigentlich bitten, dass wir uns zu einer Unterredung treffen.«

»Sie sind ein bemerkenswerter Mann, Mister Kinsley«, sagte Ingham. »Und sehr hartnäckig. Da Sie sich nicht abschrecken lassen, werde ich Zeit für Sie haben. Ich hoffe nur, dass Sie nicht gerade ein Schwerverbrechen begangen haben oder mir nach dem Leben trachten. Ich verspreche Ihnen zunächst, dass ich die Polizei nicht über unser Telefongespräch unterrichte. Was danach geschieht, werde ich entscheiden, wenn ich Sie gehört habe. Ist das ein faires Angebot?«

Kinsley schluckte. »Ich danke Ihnen.«

»Kommen Sie morgen Mittag in die Eastside-Studios. Die Adresse steht im Telefonbuch. Wir werden zusammen essen.«

Die Leitung war tot, und Kinsley hängte auf. Das war immerhin ein Erfolg, wenn er auch noch keine rechte Vorstellung hatte, in welcher Weise David Ingham ihm weiterhelfen konnte.

 

*

 

Die Eastside-Studios waren nicht sehr groß. Kinsley hatte den Namen vorher noch nie gehört. Sie lagen in der Nähe des Union Square. Mit der Subway Downtown Express, fuhr er bis zur 14. Straße und ging das letzte Stück zu Fuß. Die Studios befanden sich inmitten eines Häuserkomplexes und hatten vorher offensichtlich einem anderen Zweck gedient.

Ein Mädchen schickte ihn durch ein Gewirr von Räumen, Treppen und Fluren. Von der Atmosphäre, wie er sie sich in einem Filmstudio vorstellte, war wenig zu spüren. Es ging in einen Innenhof, in dem man eine niedrige Halle aus Fertigbauteilen errichtet hatte. Kinsley öffnete eine eiserne Tür. Das grelle Licht zahlreicher Scheinwerfer blendete ihn, und erst allmählich erkannte er Einzelheiten. Hier sah es wirklich aus wie in einem Studio. Reihen von Scheinwerfern hingen in Stahlgestellen von der Decke. Ein Wirrwarr von Dekorationen bildete ein unübersichtliches Durcheinander. Auf dem Boden schlängelten sich Kabel.

Es war heiß. Menschen hasteten an ihm vorbei, schleppten Kostüme, Akten oder Requisiten. In der Mitte der Halle standen zwei beeindruckende Kameras. Dahinter sah er einige der typischen Regiestühle. In einem von ihnen saß völlig unberührt von dem Chaos ringsum David Ingham und blätterte in einem dicken Manuskript.

Kinsley war erleichtert, einen Bezugspunkt zu haben. Er arbeitete sich zu ihm vor und tippte ihm auf die Schulter.

Ingham sah auf. »Oh, Mister Kinsley. Sie haben Glück. Jetzt ist für eine Stunde Drehpause. Wir müssen umdekorieren.«

Sie schüttelten sich die Hände. »Ich danke Ihnen, dass Sie Zeit für mich haben.«

Ingham lächelte. »Kommen Sie! Wir haben hier so eine Art Casino. Das Essen ist zwar schlecht, aber es ist ruhiger als hier.« Er drückte das Manuskript einem Mädchen mit gehetztem Gesichtsausdruck in die Hände. »Sorgen Sie dafür, dass in einer Stunde alles bereit ist! Ich will keine unnütze Zeit verlieren, sonst wird George mich fragen, wo seine schönen Dollars geblieben sind!«

»George?«, fragte Kinsley.

Ingham nickte. »George Baker. Wir produzieren diesen Film gemeinsam. Mein letzter Film war nicht besonders erfolgreich, und ich brauchte finanzielle Unterstützung. Seine Fernsehgesellschaft hat die Rechte erworben, sodass die Erstsendung gesichert ist.«

»Ich dachte, Sie drehen einen Kinofilm.«

»Wer dreht denn heute noch Kinofilme? Das können sich nur ganz Große oder Verrückte erlauben. Das Geld wird beim Fernsehen gemacht. Krimiserien, billig produziert, einmal gesendet, und dann an den Rest der Welt verkauft, der wir oft den größten Schund noch teuer andrehen können. Glauben Sie mir, das ist das wirkliche Geschäft. Hollywood ist tot. Die paar erfolgreichen Großfilme können Sie an einer Hand abzählen. Die meisten Produktionen spielen das Geld nicht ein, das sie gekostet haben.«

Das Casino war in der Tat eine ziemlich deprimierende Angelegenheit. Sie setzten sich an einen Tisch in einer Nische und bestellten eines der beiden Hauptgerichte, die es zur Auswahl gab.

Ingham sah ihn scharf an. »Sie sehen zwar nicht aus wie einer, der von der Polizei gehetzt wird, aber ich glaube, dass Sie lange nicht mehr aus den Kleidern gekommen sind.«

Kinsley ging noch nicht darauf ein. »Wovon handelt Ihr Film?«

»Es ist eine Art Satire auf die Emanzipation. George hängt sehr an dem Thema. Erst konnte ich mich überhaupt nicht damit anfreunden, aber nachdem wir das Drehbuch zweimal umgeschrieben haben, gefällt es mir. So gut, dass ich die Regie übernommen habe. Der Stoff ist sehr witzig. Wir werden damit bei den Frauen zwar anecken, aber die geplagten amerikanischen Ehemänner werden sich freuen – und die Frauen auch, wenn sie ehrlich sind.«

Kinsley sah den Filmproduzenten entgeistert an. »Sie wollen in der heutigen Situation einen solchen Film drehen?«

»Warum nicht? Ich wüsste nicht, was dagegen spräche.« Er unterbrach sich und fixierte Kinsley. »Oder glauben Sie immer noch an Ihre Hirngespinste von einer Verschwörung der Frauen?«

Kinsley stocherte in dem Essen herum, das inzwischen serviert worden war. »Ich weiß mittlerweile sehr genau, wovon ich rede.« Und dann erzählte er alles. Es war zum ersten Mal, dass er gegenüber einem anderen Menschen von den Ereignissen der bewussten Nacht sprach, und anschließend fühlte er sich erleichtert, als sei ein ungeheurer Druck von ihm genommen.

Ingham schwieg, als Kinsley geendet hatte. Dann blickte er auf. »Das klingt ungeheuerlich. Da ich Sie nicht für einen Spinner halte, muss ich Ihnen glauben, auch wenn es mir schwer fällt. George hat sich angesagt, er muss in Kürze hier sein. Ihre Geschichte wird ihm gefallen. Sie müssen sie ihm noch einmal erzählen.«

»Das hatte ich ohnehin vor. Ich habe niemand, dem ich mich anvertrauen kann, und auf Dauer ist es nicht zu ertragen, alles für sich zu behalten. In den letzten Tagen hatte ich das Gefühl, langsam durchzudrehen. Sie und Mister Baker sind meine letzte Hoffnung.«

»Was stellen Sie sich vor, wie wir Ihnen helfen können? Wenn Sie Geld brauchen – meines steckt in diesem Filmprojekt, aber George kann Ihnen in dieser Beziehung sicher unter die Arme greifen.«

Kinsley schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. Ich brauche zunächst einen Menschen, der mich nicht für verrückt erklärt, wenn ich erzähle, was ich erlebt habe, der mir vielleicht helfen kann, etwas zu unternehmen, den Menschen die Augen zu öffnen. Wer wäre geeigneter als der Inhaber einer Fernsehgesellschaft?«

»Man wird Ihnen nicht glauben. Man wird Sie vielleicht als geistvollen Geschichtenerzähler akzeptieren, aber niemals als Verkünder von Tatsachen.«

»Haben Sie die Zeitungen nicht gelesen? Haben Sie nicht gehört, was überall auf der Welt passiert? Die politischen Entwicklungen in Westeuropa, die Wahlen in Deutschland, die Unruhen in Südamerika, im Mittleren Osten und in Asien. In Warschau sind die Hausfrauen auf die Straße gegangen und haben Preissenkungen erkämpft, in Prag hat es Verschiebungen im Politbüro gegeben, deren Auswirkungen noch nicht zu erkennen sind. Die Sowjetunion hat nicht reagiert. Also selbst im Ostblock geht etwas vor.«

»Das alles scheint mir dennoch nicht ungewöhnlich zu sein. Unruhen, Streiks, Revolutionen – das ist doch nicht neu. Seit ich lesen kann, lese ich immer dasselbe. Wir haben uns doch schon längst daran gewöhnt, dass es auf dieser Welt keinen Frieden gibt, und wir wissen, dass sich dieser Zustand auch in Zukunft nicht ändern wird.«

Kinsley schob endgültig seinen Teller zur Seite. Er verspürte keinen Appetit mehr. »Sie mögen mich für arrogant halten, Mister Ingham, aber ich weiß, dass ich recht habe. Natürlich hat es das, was jetzt auf der Welt geschieht, schon immer gegeben. Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied. Diesmal bestimmen die Frauen das Geschehen. Überall. Das mag zunächst nichts bedeuten, aber ich frage mich, was danach kommt. Das bisherige Machtgefüge verschiebt sich. Niemand registriert es bewusst, da sich im Prinzip nichts Neues ereignet. Aber nehmen wir an, die Entwicklung geht in dieser Richtung weiter. Nehmen wir an, eines Tages, völlig überraschend für die meisten, stehen wir vor einer Situation, in der die alten Feindbilder plötzlich nicht mehr stimmen. Wir müssten uns umorientieren und wären ziemlich hilflos. Wer dann auch immer die Macht hat – er könnte mit uns machen, was er wollte.«

Ingham lächelte schwach. »Das machen sie mit uns doch heute schon. Glauben Sie im Ernst, dass Sie selbst in diesem Land irgendetwas bewirken können, was die Inhaber der Macht nicht wollen?«

Kinsley hob die Schultern. »Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass es möglich ist. Ich fürchte mich allerdings vor dem, was möglicherweise noch kommen wird.«

Eine wohlvertraute, laute Stimme unterbrach das Gespräch. »Wen sehe ich denn da? Unseren Freund Kinsley! Welch eine Überraschung. Wollen Sie sich auch im Filmgeschäft betätigen?«

George Baker schüttelte ausgiebig Hände und klopfte Schultern. Darufhin ließ er sich auf einen freien Stuhl fallen und wischte sich mit einem Tuch über die Stirn. »Man sagte mir, dass du hier bist. An sich hatte ich angenommen, dass du die Leute in den Studios antreibst, ehe sie mein Geld aus dem Fenster werfen, aber ich gebe zu, dass man auch Zeit für einen netten Menschen haben muss.«

Kinsley war der leichte Vorwurf nicht entgangen, der an Inghams Adresse gerichtet war. »Es tut mir leid, wenn ich Mister Ingham zu lange aufgehalten habe. Es ist ganz alleine meine Schuld.«

»Lassen Sie sich von diesem alten Halsabschneider und Sklaventreiber nur nicht erschrecken«, sagte David Ingham beruhigend. »Er hat so eine feine Art, seinen Mitmenschen zu sagen, dass er sie eigentlich kaufen kann, aber in Wirklichkeit ist George ein netter Kerl. Nehmen Sie nicht alles für bare Münze, dann kommen Sie mit ihm gut zurecht.«

Baker lachte. »Es ist schön, so nette Freunde zu haben, die einem lächelnd das Messer in den Rücken rammen. Aber ich mag ihn trotzdem. Wir verstehen uns, seit wir begriffen haben, dass wir uns gegenseitig akzeptieren müssen.«

Bei dem Wort Messer war Kinsley unwillkürlich zusammengezuckt, und er erinnerte sich daran, wie er die blutbesudelte Klinge in der Hand gehalten hatte, an das Stöhnen, an das Geräusch des fallenden Körpers, und an alles, was danach geschehen war.

»Sie sehen blass aus, mein Freund«, wandte sich Baker an Kinsley.

»Er hat auch allen Grund dazu«, warf Ingham ein. »Er wird dir alles erzählen, denn deshalb ist er hier. Aber ich fürchte, dass wir jetzt ins Studio müssen. Schließlich ist es auch mein Geld, das dort in nicht genutzter Zeit zerrinnt.«

»Kommen Sie!«, sagte Baker. »Wir setzen uns in eine ruhige Ecke, und Sie erzählen mir, was Sie auf dem Herzen haben!«

Im Studio herrschte eine Art Treibhausatmosphäre, und Kinsley perlte der Schweiß über die Stirn. Die beiden anderen schienen eine solche Umgebung gewohnt zu sein. Hier eine ruhige Ecke zu finden, war allerdings ein aussichtsloses Unterfangen. Baker schien es aber auch nicht so wörtlich gemeint zu haben, denn er ließ sich unmittelbar hinter den Kameras auf einem der Regiestühle nieder, der unter seinem Gewicht merklich ächzte.

Er winkte Kinsley heran und klopfte auf den Stuhl neben sich. »Man muss immer hinter der Kamera bleiben, sonst kommt man noch ins Bild.« Er lachte herzlich.

»Stören wir hier nicht?«, fragte Kinsley.

Baker machte eine wegwerfende Handbewegung. »Der Erste, der sich gestört fühlt, fliegt raus.« Er grinste Ingham an. »Einschließlich Regisseur.«

Ingham verzog das Gesicht, nahm die Bemerkung aber nicht weiter tragisch. Er hob resignierend die Schultern und sprach leise auf den Kameramann ein, der seinen Kaugummi unaufhörlich von einer Ecke des Mundes in die andere schob und den Neuankömmlingen nicht einen Blick schenkte.

Kinsley fühlte sich merkwürdigerweise zum ersten Mal seit seiner Flucht völlig sicher, obwohl er sich inmitten vieler Menschen befand. Er musterte die beiden so unterschiedlichen Männer, die er nicht als Freunde zu bezeichnen gewagt hätte. Der in sich selbst ruhende und mit sich zufriedene Baker, der nach außen hin Kraft und auch ein Stück Macht ausstrahlte, und der intellektueller wirkende Ingham, der viel verletzlicher schien, aber doch in seinem Team als absolute Autorität wirkte. Kinsley spürte Zuneigung, verbunden mit dem Wunsch, so zu sein wie sie.

Baker konzentrierte sich auf das Geschehen vor der Kamera. Er schien Kinsley vergessen zu haben, der ihn jetzt nicht stören mochte. Es würde noch Gelegenheit zu einem Gespräch geben. Alles zu seiner Zeit. Kinsley hatte inzwischen gelernt, dass vieles nur mit Geduld zu ertragen war. Und im Übrigen war er hier der Fremdkörper.

Er ließ seinen Blick durch die Halle schweifen und nahm alle Einzelheiten begierig in sich auf. Dies war eine fremde Welt, faszinierend und erschreckend zugleich. Er bewunderte die Menschen, die sich in ihr bewegten, als wäre es die wirkliche Welt, als bestünden die Kulissen nicht nur aus Seitenwänden, als gäbe es das glitzernde Auge der Kamera nicht, die leise surrend alles in ihrem geheimnisvollen Innern festhielt, um es auf Wunsch beliebig oft zu reproduzieren. Der Streifen aus Zelluloid oder woraus auch immer sie heutzutage die Filme machten, hielt die Zeit fest, machte ein Stück Vergangenheit zur Gegenwart. Kinsley begriff, warum man dies die Traumfabrik nannte. Es gefiel ihm.

Eine Bewegung, die er gerade noch in den Augenwinkeln wahrnahm, erregte seine Aufmerksamkeit. Er wandte den Kopf und sah, wie sich eine schmale Seitentür schloss. Ein Techniker deutete wütend auf die rote Lampe über der Tür, aber die Frau, die eingetreten war, lächelte nur sanft.

Der Techniker schlurfte davon und rollte ein Kabel zusammen. Die Frau starrte ihm nach, aber als er sich nicht weiter um sie kümmerte, trat sie weiter in die Halle. Sie fiel niemandem sonst auf. Allerdings bewegte sie sich mit einer Unbekümmertheit, die wohl jeden glauben ließ, sie gehöre dazu. Obwohl die Halle wie ein Chaos wirkte, hatte Kinsley inzwischen begriffen, dass jeder seine feste Aufgabe hatte, selbst jene, die nur herumzustehen schienen.

Die Frau öffnete ihre Handtasche, die sie an einem Riemen über der Schulter trug. Für einen Augenblick hatte Kinsley das Gefühl, dass sie ihn direkt ansah, aber dann glitt ihr Blick weiter und heftete sich auf Baker, der sich mit Ingham unterhielt. Der Regisseur nickte mehrmals, ließ dabei aber die Szenerie nicht aus den Augen. Es war alles normal.

Und dann wurde die Szene zum Albtraum.

Niemand schien auf die Frau zu achten. Kinsley schnappte nach Luft, als sie aus ihrer Tasche eine 357er Magnum zog und mit einer eleganten, gleitenden Bewegung in Beidhandanschlag brachte. Ihre ausgestreckten Arme schwenkten ein Stück herum, und Kinsley hatte das Gefühl, unmittelbar in die Mündung der schweren Waffe zu blicken, die in den schmalen Händen der Frau auf eine unglaubliche Art obszön wirkte.

Kinsley schrie.

Ingham sah auf und reagierte sofort, ohne jede Schrecksekunde. Er warf sich nach vorn, die Hände abwehrend erhoben.

Eine Flammenzunge leckte aus der großkalibrigen Waffe, und das Echo des Schusses rollte donnernd durch die Halle. Ingham wurde durch die Aufprallenergie des Geschosses im Lauf gestoppt und nach hinten gerissen. Ehe Kinsley halb aus seinem Stuhl hoch war, lag der Regisseur am Boden wie eine verdrehte Kleiderpuppe.

Eine endlose Sekunde lang glaubte Kinsley, in einem stehenden Filmbild festgefroren zu sein, dann bewegte sich alles durcheinander. Die Frau machte hastig auf dem Absatz kehrt und verschwand durch die kleine Tür, über der immer noch das rote Licht brannte.

Kinsley starrte auf Ingham, der vor seinen Füßen lag. Die Kugel hatte bei ihrem Austritt unterhalb des rechten Schulterblattes ein faustgroßes Loch gerissen. Das Hemd war zerrissen und blutig. Blutspritzer waren überall, an der Kamera, auf den Regiestühlen, an der Kleidung.

Kinsley übergab sich.

Baker saß regungslos in seinem Sessel. Er wirkte geistesabwesend und zupfte sich unsichtbare Stäubchen von der Hose.

Kinsley ließ sich auf die Knie sinken und berührte den Regisseur vorsichtig. Seine Hände zitterten.

»Fassen Sie ihn nicht an!«, sagte Baker scharf. »Er ist tot. Sie können ihm nicht mehr helfen.«

Ein Ring von ungläubigen, entsetzten Gesichtern hatte sich gebildet. Baker machte eine heftige Handbewegung. »Zurück!«, rief er. »Geht zurück!«

Kinsley wollte eine Frage formulieren, aber seine Stimme versagte den Dienst. Er bekam nur ein undeutliches Murmeln heraus. Begleitet ihn diese Orgie aus Tod und Blut bis an sein Lebensende? Gab es keine Möglichkeit, sich der Gewalt zu entziehen? Das Entsetzliche, Unfassbare ging tief. Es veränderte ihn.

»Das werden sie mir bezahlen!«, flüsterte Baker. In seinen Augen standen Tränen. Der wuchtige Mann wirkte jetzt nur noch wie ein schwacher Abklatsch seiner selbst. Seine Hände verkrampften sich nervös, und ein Muskel im Gesicht zuckte unkontrolliert. Er ballte die rechte Faust und hieb sie auf den Schenkel. »Keine Angst, mein Junge, dafür werden sie zahlen! Das werde ich für dich tun. Wir werden sie finden. Du wirst eine große Begleitung in die Ewigkeit bekommen, das verspreche ich dir!«

»Was wollen Sie tun?«, fragte Kinsley leise.

Baker sah ihn an. »Das galt mir. Der Schuss galt mir. Ich habe es genau gesehen. David rannte in die Schusslinie, und ihn hat es getroffen. Ich habe es erkannt in der Sekunde, als sie abdrückte. Ich war schon tot – und dann starb David für mich.« Er schüttelte den Kopf. »Sie haben ihn einfach abgeknallt. Ich werde sie finden.«

»Von wem sprechen Sie? Wen haben Sie in Verdacht?«

Baker verzog das Gesicht zu einem bitteren Lächeln. »Es sind diese verdammten Weiber. Ich weiß es. In diesem Land und überall auf der Welt geschieht etwas Ungeheuerliches. Man kann es nicht greifen, aber es ist da. Sie wollen die Welt verändern, und es ist ihnen völlig gleichgültig, mit welchen Mitteln. Ich bin nicht prinzipiell gegen Veränderung, aber ich habe einen tiefen Widerwillen gegen diese Methoden, und ich fürchte mich vor dem, was kommen könnte.«

Kinsley erinnerte sich, dass er fast die gleichen Worte vor kurzer Zeit selbst gewählt hatte. Endlich besaß er einen Verbündeten, einen Menschen, der zu der gleichen Erkenntnis gekommen war, wie er selbst. Er hätte gern weiter mit Baker gesprochen, aber die Zeit drängte. »Die Polizei wird gleich hier sein, Mister Baker. Ich möchte ihr nicht unbedingt in die Arme laufen. Es ist gut möglich, dass ich gesucht werde.« So, jetzt war es heraus. Er fühlte sich erleichtert.

Baker schien sofort zu begreifen. »Also deshalb wollten Sie mit mir reden? Ich verstehe. Kommen Sie, wir gehen ins Büro! Ich werde Ihnen helfen.«

Sie hatten keine Schwierigkeit, das Studio zu verlassen, das inzwischen einem aufgeschreckten Bienenstock glich. Um den Toten hatte sich ein respektvoller Freiraum gebildet, aber außerhalb des Kreises ging die künstlerische Version des Lebens weiter. Als sie aus der Studiotür traten, hörte Robert Kinsley die erste Polizeisirene.

 

*

 

Die Welt – immer schon ein Tollhaus menschlicher Unberechenbarkeiten – krachte in allen Fugen. Die alten Ordnungen wankten, wussten nicht, wie sie reagieren sollten, als sie sich völlig neuen Situationen gegenübersahen. Unruhen, Aufstände, Revolutionen, Terroristen, Fanatiker hatte es immer schon gegeben. Aber noch nie solche Erscheinungen, quer durch alle Kontinente, Hautfarben, Religionsschranken und Regierungssysteme.

Die erste in Südamerika zum kommandierenden General beförderte Frau, eine Mulattin, zettelte sofort einen Staatsstreich an, fegte das verrottete alte Regime hinweg und besetzte die Schlüsselpositionen des Landes mit ihr ergebenen Geschlechtsgenossinnen. In der Presse der übrigen Welt herrschte ein paar Stunden lang Unklarheit darüber, ob es sich um Paraguay oder Uruguay handelte. Wie auch immer, die Nachricht wurde rasch von neuen Meldungen verdrängt.

Der japanische Premierminister starb mit dreien seiner Kabinettskollegen durch eine Bombenexplosion, zu der sich eine weibliche Terrororganisation bekannte.

In den Chefetagen verschiedener Großkonzerne kam es zu überraschenden personellen Veränderungen. Zwei Ölmultis, an deren Spitze jetzt Frauen saßen, weigerten sich ab sofort, bestimmte Staaten, in denen ihrer Meinung nach die Frauen unterdrückt wurden, weiterhin mit dem kostbaren Rohstoff zu beliefern. Dies war in der Tat eine ernste Krise.

 

*

 

Sein erster Eindruck war der eines Wachsfigurenkabinettes. Oder besser: Die Gesellschaft erinnerte ihn an Marionetten, die darauf warteten, dass ein Regisseur an den Fäden zog. Robert Kinsley verspürte ein Gefühl der Unbehaglichkeit. Das Einzige, das ihn davon abhielt, die Flucht zu ergreifen, war die Anwesenheit von George Baker. Der füllige Mann wirkte, als sei er die einzige lebendige Person im Raum.

Nachdem sie das Studio verlassen hatten, war aus George Baker eine andere Persönlichkeit geworden. Das Gemütliche, Ruhige war von ihm abgefallen wie eine zweite Haut. Er wirkte entschlossen und hart, und Kinsley erkannte, dass dies die wahre Persönlichkeit war. Baker hatte seinen Weg nicht als lächelnder Buddha gemacht. Er konnte sich diese Rolle allerdings leisten, als er nach oben gekommen war.

Sie hatten lange miteinander geredet, und Kinsley wusste, dass Baker ihm jedes Wort glaubte. Das gab ihm selbst die Sicherheit zurück, die er so dringend brauchte. Baker hatte zwischendurch gegenüber der Polizei seine Aussage gemacht und mit keinem Wort erwähnt, dass es noch einen Menschen gab, der sich in unmittelbarer Nähe befand, als man Ingham erschoss. Auch die anderen, Schauspieler, Kameraleute, Beleuchter, hatten offenbar vergessen, dass es Kinsley gab. Vielleicht hatten sie ihn überhaupt nicht bemerkt. Wie auch immer, Baker war sehr zufrieden gewesen, als er zurückgekommen war.

»Ich habe die Dreharbeiten zunächst abgebrochen«, hatte er gesagt. »Die Polizei wird sich kein Bein ausreißen, da sie kaum Hinweise hat. Sie vermuten einen privaten Racheakt und werden Inghams Vergangenheit durchstöbern. Dabei werden sie jedoch kaum Frauen finden. Man wird den Fall als einen der vielen ungelösten zu den Akten legen. Genau das werde ich nicht tun. Ich werde die Möglichkeiten ausnutzen, die ich habe. Wenn Sie Lust haben, können Sie mich begleiten. Ich werde Sie in Kreise einführen, die Sie bisher nur vom Hörensagen kannten. Sie müssen mir nur versprechen, dass Sie keine dummen Fragen stellen, denn Fragen sind in jenen Kreisen nicht üblich. Man wird Ihnen aber helfen, und Sie werden keine schlaflosen Nächte mehr haben aus Angst, dass Ihnen eine Polizeistreife die Tür einschlägt. Bei meinen Freunden sind Sie in Sicherheit.«

Kinsley hatte nur genickt. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er brauchte Hilfe, und es spielte keine Rolle, woher er sie bekam. Sein Leben würde ohnehin niemals mehr so sein wie früher. Das Einzige, worum er sich kümmern musste, war sein Überleben.

Kinsley hatte im Hintergrund zugeschaut, als man den Deckel des Zinksarges über David Ingham schloss. Diese Bewegung hatte etwas schrecklich Endgültiges an sich, und er vermochte kaum zu begreifen, dass diese leblose, blutige Masse vor kurzer Zeit noch ein Mensch gewesen war, der vor Leben sprühte und mit dem er sich unterhalten hatte. Irgendjemand hatte beschlossen, Ingham auszulöschen, und eine fanatische Frau sowie ein paar Gramm Metall hatten ausgereicht, es in die Tat umzusetzen.

Kinsley hatte nie gewusst, dass das Leben so schrecklich einfach war. Das Geschäftsleben, in dem er sich bisher bewegt hatte, war ihm immer als eine furchtbar komplizierte Angelegenheit vorgekommen – mit Ritualen und Mechanismen, die mancher nie zu begreifen vermochte.

Als endlich auch die Polizei abgezogen war, spürte Kinsley Erleichterung. Er hatte eine Probe bestanden. Niemand war auf ihn aufmerksam geworden, niemand hatte ihn auch nur angesprochen. Entweder hatte er sich geschickt verhalten, oder er war ein Mann, den man übersah. Es machte ihm nichts aus, falls es an der zweiten Möglichkeit liegen sollte. Er kämpfte um sein Leben, und insofern kam es auf Belanglosigkeiten nicht mehr an. Die schönen Reden über Ehre und Gewissen, die von den Leuten der Theorie geführt wurden, waren nichts weiter als Illusion, hinweggefegt von der Angst und dem Willen zu überleben.

Anschließend waren sie zusammen in einen anderen Stadtteil gefahren, den Kinsley nur sehr flüchtig kannte. Er war nie ein Mensch gewesen, der die riesige Stadt aus Neugier durchstreifte. Er musste erst auf der Flucht sein, um sie näher kennenzulernen. Vor einem mehrstöckigen Gebäude, das wie erdrückt zwischen Hochhäusern stand, hatten sie schließlich angehalten, ohne ein weiteres Wort gesprochen zu haben. Kinsley hatte keine Gelegenheit, das Haus näher in Augenschein zu nehmen, denn wie von Geisterhand hatte sich ein Tor geöffnet, und Baker steuerte den Wagen in eine Tiefgarage direkt unter dem Haus. Beleuchtung flammte auf, und Kinsley sah eine Reihe schwerer Limousinen: ein Oldsmobile Toronado, zwei Cadillacs, zwei Buick Skylarks und einen Lincoln. Die Wagen wirkten wie die Flotte eines Begräbnisinstituts, denn sie waren ausnahmslos schwarz.

Baker lächelte flüchtig, als hätte er Kinsleys Gedanken verstanden. »Meine Freunde halten schwarze Wagen für vornehm«, sagte er. »Sie haben eben ein paar kleine Marotten.«

Kinsley war nun doch neugierig, welche Freunde Baker aufsuchte. Ärmlich schienen sie nicht zu sein. Das Haus, die Wagen, die moderne Tiefgarage – das alles sprach eine deutliche Sprache.

Baker stoppte in einer Nische. Sie stiegen aus und gingen zur hinteren Schmalseite des großen Kellerraums. Dort gab es tatsächlich einen Lift. Kinsley staunte immer mehr. Baker drückte auf den Knopf, und Sekunden später öffnete sich die Tür. Ein Mann stand in der Kabine und nickte Baker kurz zu.

»Kommen Sie!«, sagte Baker und schob Kinsley in die Kabine. Das Innere war ausgestattet wie ein Kitschfilm aus dem Hollywood der fünfziger Jahre. Kristall, Spiegel, roter Samt. Nur der Typ passte ganz und gar nicht in diese Umgebung. Kinsley musterte ihn unauffällig, während sie nach oben fuhren. Der Kerl war groß, breitschultrig, hatte einen finsteren Gesichtsausdruck und trug einen Maßanzug. Die Lackschuhe waren blitzblank geputzt, und die dezente Krawatte saß tadellos. Er mochte Anfang Vierzig sein und wirkte durchschnittlich. Kinsley störte das kantige Gesicht mit den ausdruckslosen Augen.

Der Lift hielt mit einem kaum wahrnehmbaren Ruck, und die Tür rollte geräuschlos zur Seite. Sie traten heraus und befanden sich in einer Filmdekoration. Kinsley hielt den Atem an, aber dann überzeugte er sich mit einem raschen Rundblick, dass alles echt war. Jedoch übertraf die Innenausstattung an Geschmacklosigkeit alles, was er bisher gesehen hatte, einschließlich Filmdekorationen.

Baker lächelte wieder. »Meine Freunde fühlen sich hier wohl. Sie legen Wert auf eine gewisse Repräsentation. Es wäre besser, wenn Sie sich Ihre … ah … Überraschung nicht anmerken ließen.«

Kinsley nickte. »Ich verstehe.«

Der Typ aus dem Fahrstuhl machte zum ersten Mal den Mund auf. »Weiß Don Emilio, dass Sie in Begleitung sind?«

Baker schüttelte den Kopf. »Nein, aber das geht in Ordnung. Ich verbürge mich für diesen Mann. Sein Name ist Kinsley, Robert Kinsley. Ich wäre dankbar, wenn wir jetzt zu Mister Catalano gehen könnten.«

Kinsley fing einen abschätzenden Blick ein, der ihn frösteln ließ, aber schließlich nickte der Typ, und sie gingen in einen kleineren Raum, wo sie sich in einer Sitzecke mit Ledersesseln niederließen.

Einige Minuten später war der kantige Typ wieder erschienen, gefolgt von drei anderen Männern. »Mister Baker und Mister … ah … Kinsley.«

Es gab keine weitere Vorstellung. Die Herren hatten nur kurz genickt und sich dann auf den anderen Sesseln gruppiert. Baker schien sie jedenfalls alle zu kennen. Niemand achtete weiter auf Kinsley, und er hatte Gelegenheit, die Männer unauffällig zu mustern. Der Typ aus dem Lift war mit verschränkten Armen an der Tür stehen geblieben.

In der Mitte saß ein älterer grauhaariger Mann, der offenbar die entscheidende Figur war, aber wenig sagte. Dafür paffte er unaufhörlich an einer riesigen Zigarre. Er hatte kalte graue Augen und stark ausgeprägte Gesichtszüge, die an einen Raubvogel erinnerten. Die leicht gebogene Nase verstärkte diesen Eindruck. Dies war Emilio Catalano. Kinsley hatte sich den Namen gut gemerkt.

Rechts von ihm saß ein kleines, verkrümmtes Männchen mit einer Hornbrille, die sein Gesicht bestimmte. In seinen Augen lag stets ein bekümmerter Ausdruck, der aber bei bestimmten Sätzen des Gesprächs von einer hellwachen Intelligenz überlagert wurde. Er knetete unaufhörlich seine Finger, war aber keineswegs nervös. Er trug einen nicht mehr ganz neuen Tweedanzug mit einer altmodischen Krawatte.

Daneben saß schließlich ein Mann, der Kinsley an die Statue eines Condottiere aus der italienischen Renaissance erinnerte. Ein Mann, der seinen Willen um jeden Preis durchsetzte. Er hatte große, sinnliche Lippen und sprach mit lauter, dröhnender Stimme, wobei er übertrieben gestikulierte wie ein Schauspieler.

Solange Baker jedoch sprach, wirkten die drei wie versteinert. Sie hörten zwar zu, es war aber nicht zu entnehmen, ob sie das Gesagte auch verstanden. Bakers lange Ausführungen tröpfelten an Kinsley vorbei. Er begriff sie nicht einmal zur Hälfte. Die anderen unterbrachen kaum. Es gab nur ein paar kurze Zwischenfragen. Kinsley wurde nur aufmerksamer, als das Gespräch auf ihn kam. Baker schilderte ziemlich präzise, was ihm zugestoßen war. Bei den anderen war außer höflichem Interesse immer noch keine Reaktion zu verspüren. Die betrachteten Kinsley hin und wieder aufmerksam, aber er wusste nie, wie er die Blicke deuten sollte.

»Dies ist die Situation«, endete Baker. »Wenn nichts geschieht, werden die Frauen in Kürze die Herrschaft übernehmen, davon bin ich überzeugt. Wir werden es erst glauben, wenn es zu spät ist. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Sie erstens gut kenne, und weil Sie zweitens über eine Organisation verfügen, in der Frauen noch nie eine Rolle gespielt haben. Es ist vermutlich die einzige mächtige Gesellschaft dieses Landes, die ausschließlich von Männern regiert wird. Sie haben eine Chance, die Entwicklung vielleicht noch zu stoppen. Denn Sie haben vermutlich die einzige noch intakte und nicht unterwanderte Organisation. Deshalb bin ich hier.«

Kinsley krampfte die Hände zusammen. Von welcher Organisation redete Baker überhaupt? Wer waren diese Männer, die so schwer einzuordnen waren? Sie strahlten irgendeine Art von Gefahr aus, aber es war ihm unmöglich, sie näher zu definieren.

Der Alte legte sorgsam seine Zigarre in einem Aschenbecher ab. Anschließend lehnte er sich zurück und starrte an die Decke. »Mein lieber Freund, ich schätze Sie sehr aus gemeinsamen Erfahrungen und Geschäften, aber was Sie da sagen, klingt äußerst unglaubwürdig. Sicher, auch wir haben gemerkt, dass Änderungen vonstattengehen, dass vielleicht sogar einschneidende Neuheiten zu erwarten sind, dass es wieder eine neue Generation gibt, die nach vorne drängt – aber dies alles ist völlig normal. Was Sie über die Frauen sagen, stimmt ebenfalls. Sie drängen überall vorwärts, aber das ist eine Entwicklung, der wir keine Dramatik beimessen. In unseren Kreisen hat sich nichts verändert, und es wird sich auch nichts verändern. Wir haben unsere Tradition, und niemand wird es wagen, daran zu rütteln, jedenfalls nicht, solange ich hier sitze.«

»Es ist diesmal anders«, warf Baker ein. »Betrachten Sie die politische Entwicklung auf der Welt. Es ist etwas im Gange, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Ist es wirklich unvorstellbar, dass unterschiedliche Ideologien, Rassenunterschiede, politische Gegensätze und andere bewährte historische Verhaltensmuster plötzlich zusammenschmelzen und einem völlig neuen Gegensatz Platz machen? Denken Sie an frühere Entwicklungen, an die schrecklichen Systeme, die es gegeben hat. Keiner hat daran geglaubt, und plötzlich waren sie da, unterstützt und auf den Schild gehoben von denen, die später darunter zu leiden hatten. Unwissenheit, Trägheit und Feigheit waren die Feinde, die uns immer geschlagen haben.«

Der Renaissancemensch nickte. »Er hat recht, Emilio. Wir sind zu dem geworden, was wir heute sind, weil wir uns immer gewehrt haben, weil wir organisiert sind und weil wir zugeschlagen haben, wenn es erforderlich war. Du weißt sehr gut, dass das oft erforderlich war, dass wir oft rücksichtslos sein mussten. Wir kennen George Baker lange genug. Er ist keiner von uns, aber er denkt wie wir, er redet unsere Sprache. Er wäre nicht hier, wenn es ihm nicht ernst wäre. Ich meine, wir sollten ausführlich darüber reden. Wir haben es immer so gehalten, wenn eine Gefahr auf uns zukam. Wir sollten es diesmal nicht anders halten, nur weil es eine Gefahr ist, die uns bisher noch nie bedroht hat.«

Kinsley spürte wieder die innere Angst. Was war das für eine Organisation? In welchen Geheimbund war er hier hineingeraten? Eine düstere Vorstellung, die er zurückzuweisen versuchte, drängte sich ihm immer mehr auf. War er noch normal oder sah er Gespenster? Wer waren diese Leute?

Catalano wandte sich an das Männchen mit der Hornbrille. »Was meinst du dazu?«

Der Angesprochene rückte an seiner Brille und setzte sich aufrecht. »Ich fürchte, wir sollten die beiden ernst nehmen. Auch ich habe mir meine Gedanken über ein paar Entwicklungen gemacht. Man braucht nur die Zeitungen aufzuschlagen und zwischen den Zeilen lesen. Ich habe den Verdacht, dass es tatsächlich neue Geheimorganisationen gibt, mit dem Ziel, die alten, bewährten Ordnungen umzustoßen. Wir alle wissen, was das bedeutet. Wir leben in dieser Gesellschaft nach unserer althergebrachten Weise. Wir haben uns arrangiert, aber wir haben unsere eigenen Gesetze und unsere eigene Moral. Wir sind Geschäftsleute und wollen Geld verdienen. Manche nehmen uns unsere Methoden übel. Dabei verhalten wir uns nicht anders, als es die Gesellschaft vorschreibt. Wir sind vielleicht nur ein bisschen konsequenter. Ich stimme Baker zu. Wir sollten uns mit der neuen Gefahr befassen, solange noch Zeit ist. Wir haben die Möglichkeiten dazu.«

Baker freute sich und blinzelte Kinsley zu, der immer noch nicht begriff, was hier gespielt wurde.

Catalano paffte an seiner Zigarre, dann wandte er sich an den Kerl an der Tür. »Und du? Hast du auch den Eindruck, dass wir auf einem Ast sitzen, an dem gesägt wird?«

Die Kaumuskel des Mannes bewegten sich, ehe er antwortete. »Ich bin nicht so gut informiert. Ich tue, was Sie für richtig halten.«

Catalano warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. »Wenigstens sind wir noch nicht unterwandert! Meine Leute gehorchen mir noch. Ein beruhigendes Gefühl.« Er wurde wieder ernst. »Schön, meine Freunde, ich beuge mich der Mehrheit. Baker wird bekommen, was er braucht. Er soll mir nicht vorwerfen, dass ich ihm nicht geholfen habe, als er es nötig hatte. Auf Emilio Catalano ist immer Verlass. Ich habe den Leuten immer geholfen, und sie haben es mir gedankt. Ja, uns hat man als Kind beigebracht, was Respekt ist. Wir haben gelernt, wie man sich Respekt verschafft, nicht wahr, meine Freunde? Aber ihr habt recht: es gibt Zeiten, in denen man sich den Respekt neu verschaffen muss, ehe die Menschen vergessen, dass es ihn gibt. Leider vergessen die Leute zu schnell. Wir werden sie erinnern.«

Die beiden anderen nickten. Baker sagte nichts, sondern beschäftigte sich mit seinen Fingernägeln. Kinsley fühlte sich wie in einem Theaterstück, von dem er den Titel nicht wusste.

»Ich erinnere mich noch gut an Sizilien«, fuhr Catalano fort. »Als ich vier Jahre alt war, habe ich Ziegen gehütet. Mein Vater war sehr streng, und ich habe nie verstanden, warum ich mit einigen Kindern nicht spielen durfte. Unser Dorf war sehr arm, aber trotzdem hatte ich nie den Eindruck, auf etwas verzichten zu müssen. Dann kam der Tag, als sie meinen ältesten Bruder nach Hause trugen. Sie legten ihn auf den Küchentisch, und er rührte sich nicht. Blut tropfte auf den Fußboden, und ich war vor Schrecken wie erstarrt. Niemand achtete auf mich; ich war viel zu klein, neun Jahre alt. Die Erwachsenen redeten miteinander, und ich hörte heraus, dass sie wussten, wer es getan hatte. Zum ersten Mal hörte ich das Wort Blutrache, aber ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete. Dann begriff ich allmählich, dass mein Bruder tot war, dass er nie wieder mit mir in die Berge gehen würde, um zu jagen oder nur um den Himmel anzuschauen.«

Er unterbrach sich und sah die Männer reihum an. Niemand sagte ein Wort.

»Ich nahm das Gewehr meines Bruders und schlich mich aus dem Haus. Er hatte mir oft genug damit gezeigt, wie man mit einer Schrotflinte umgeht. Ich hatte Hasen und Rebhühner geschossen. Ich war ganz ruhig. Den Namen des Mörders hatte ich aufgeschnappt. Er gehörte zu den Leuten, mit denen ich nicht sprechen sollte. Bisher war ich ihm auch immer aus dem Weg gegangen. Aber in dieser Nacht war ich entschlossen, es ihm heimzuzahlen. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ, aber es war mir gleichgültig. Wahrscheinlich habe ich nicht darüber nachgedacht. Jedenfalls sah ich ihn vor dem einzigen Lokal des Dorfes sitzen. Er lachte und trank mit einigen anderen Burschen, und ich stellte mir vor, dass er Witze über meinen toten Bruder riss, dass er den anderen erzählte, wie er ihn erschossen hatte. Ich verspürte nur noch wilde Wut in mir. Ich sehe heute noch seinen erschrockenen Gesichtsausdruck, als ich in sein Gesichtsfeld trat und er die Schrotflinte bemerkte, die ich auf ihn richtete. Er wollte noch eine abwehrende Bewegung machen, aber wir wussten beide in dieser Sekunde, dass ich ihn erschießen würde. Er sagte nichts mehr, sondern starrte nur hilflos auf die Mündung meiner Flinte. Dann feuerte ich rasch hintereinander beide Läufe ab und sah, wie sein Kopf explodierte. Es war kein schöner Anblick, aber ich war sehr zufrieden. Ich ging unbehelligt nach Hause und erzählte, was ich getan hatte. Meine Mutter weinte, aber mein Vater strich mir zärtlich über den Kopf und sagte, dass aus mir ein richtiger Mann werden würde. Einen Monat später wanderten wir in die Vereinigten Staaten aus, und er hat mit seiner Prophezeiung recht behalten.«

»Das kann man wohl sagen«, sinnierte Baker. »Sie haben diese Geschichte noch nie erzählt.«

»Warum sollte ich? Ich weiß auch nicht, warum ich sie jetzt erzählt habe. Vielleicht ist eine alte Erinnerung in mir berührt worden, als Sie Ihre Meinung erzählten, vielleicht haben Sie es geschafft, die kämpferische Ader zu wecken. Wir werden an unsere alte Tradition anknüpfen, denn wir haben uns nie vor Leuten gefürchtet, die uns nicht leiden konnten. Sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann, Baker, und Sie werden alles bekommen!«

»Ich danke Ihnen«, antwortete Baker schlicht. »Es wird auch in Ihrem Interesse sein.«

»Davon gehe ich aus. So war es doch immer.« Catalano lächelte.

»Mein Freund Kinsley braucht am meisten Hilfe. Die Polizei sucht ihn, weil er sich in Notwehr verteidigt hat. Sie erinnern sich an den Mord, den er angesehen hat. Er weiß als Einziger, dass die Polizei den Mord vertuschen will. Es sind immer wieder die Frauen, die ihn verfolgen, und wir sind sicher, dass es sich um eine geheime Organisation handelt, die viel stärker ist, als wir glauben. Sie müssen herausfinden, was die Polizei wirklich weiß und wie weit sie unterwandert ist. Kinsley braucht ein gutes Versteck, Schutz und die Möglichkeit, eines Tages uns zu helfen.«

Catalano sah Kinsley lange an. Dann sagte er: »Ich verstehe, was Sie meinen, Baker. Ihr Freund wird nie wieder so leben können wie vorher. Er ist auf uns angewiesen und kann sich eines Tages vielleicht revanchieren. Ich werde für ihn tun, was notwendig ist.«

Kinsley wollte etwas sagen, aber Baker hatte bereits wieder das Wort ergriffen. »Sie und Ihre Freunde wissen, worauf es ankommt. Ich verlasse mich auf Sie.«

Catalano winkte den Mann an der Tür heran. »Rico, du wirst dich um Mister Kinsley kümmern. Du stehst mir dafür ein, dass ihm nichts zustößt. Du weißt, was du zu tun hast.«

Rico nickte, und in seinem Gesicht lag ein wölfisches Grinsen.

Kinsley wollte sagen, dass ihm diese Begleitung nicht sehr angenehm sei, aber er schluckte seinen Einwand hinunter. Diese Männer machten den Eindruck, als seien ihnen mögliche Einwände seinerseits ziemlich egal. Es lag ihm zwar nicht, dass man in dieser Weise über ihn verfügte, aber er hatte keine andere Wahl. Immer wieder musste er begreifen, dass sein Schicksal sich vollständig geändert hatte, und dass es keine Möglichkeit einer Rückkehr gab.

»Ich lasse Sie jetzt hier«, sagte Baker und erhob sich. »Wir werden uns bald sehen. Verlieren Sie nicht den Mut! Wir haben noch eine Chance.«

Als er den Raum verlassen hatte, kam Rico auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Machen Sie sich keine Sorgen!« Er schlug seine Jacke zurück und deutete auf den Kolben eines Revolvers, den er unter der linken Achsel trug. »Wer sich mit Ihnen anlegen will, bekommt es mit mir und dem da zu tun.«

Kinsley nickte hastig. »Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll …«

»Brauchen Sie nicht. Verlassen Sie sich auf uns! Wir wissen, wie man mit bestimmten Situationen fertig wird.«

Kinsley dachte an den Revolver. Er war in einem Teufelskreis gefangen, aus dem es kein Entrinnen gab.

»Kommen Sie!«, sagte Rico und packte ihn am Arm. Sie gingen nach draußen, ohne dass die drei anderen ein Wort sagten. Sie betrachteten ihn mit der Aufmerksamkeit, die ein Insektenforscher einem seltenen Käfer schenkt.

 

 

 

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Mai

 

 

Gegenwart.

 

… Gestern hätten sie mich fast erwischt. Möglicherweise bin ich in den letzten Jahren unvorsichtig geworden, weil ich zu oft Glück hatte. Ich sah sie gerade noch kommen, als sie mein Versteck beinahe schon umstellt hatten. Die scheußlichen schwarzen Uniformen wirkten wie hässliche Flecke in der Landschaft. Sie bewegten sich langsam, aber zielstrebig auf mein Versteck zu, in dem ich mich schon so lange aufgehalten habe. Wahrscheinlich zu lange. Es ist eine alte Weisheit, dass man sich als Gejagter nie zu lange an einem Platz aufhalten soll.

Widerstand zu leisten, war sinnlos. Dazu waren es zu viele. Ein paar hätte ich mit hinübernehmen können, aber dann wäre es zu Ende gewesen. Ich weiß inzwischen, was es heißt zu leben, und ich hänge immer noch an diesem kleinen Funken, obwohl ich manchmal so verzweifelt war, dass ich mich aufgegeben hatte. Aber jetzt wollte ich nicht mehr kapitulieren, nicht vor diesen hirnlosen, gleichgültigen Geschöpfen, die wie Automaten reagierten und einem unmenschlichen System gehorchten, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Als ich sie jetzt kommen sah, dachte ich wieder daran, ob sie es überhaupt wert waren, dass man einen einzigen Gedanken an sie verschwendete.

War ich wirklich davon überzeugt, dass diese gesichtslose Masse es wert war, die Entwicklung in eine andere Richtung zu beeinflussen? Oder hielt mich nur der Überlebenstrieb zusammen? Es war wieder so ein Augenblick, in dem ich mir nicht sicher war. Wenn ich all diese Jahre durchhielt, tat ich es doch nicht nur für mich. Ich tat es auch für jene, die mich jagten. Einige mussten doch noch wissen, wie es vorher war. Die ganze Indoktrination, die Gehirnwäschen und die Kindererziehung, die Schulen, die Umerziehungslager und die physische Bedrohung der Abweichler – dies alles konnte doch nicht die ganze Vergangenheit verschüttet haben.

Waren die Menschen so gleichgültig, so apathisch und so ängstlich, dass sie alles hinnahmen, was über ihre Köpfe hinweg angeordnet wurde? Wollten sie es vielleicht gar nicht anders? Ist der Traum von einer individuellen Freiheit Illusion? Manchmal ärgere ich mich, dass ich im Geschichtsunterricht nicht besser aufgepasst habe, vielleicht wüsste ich jetzt besser Bescheid. Ich weiß nur, dass sich angeblich alles wiederholen soll, aber ich glaube, dass die jüngste Entwicklung einmalig ist. Dagegen wäre auch in den Geschichtsbüchern kein Patentmittel zu finden.

Ich begreife immer noch nicht, wie die Welt sich in so kurzer Zeit so radikal ändern konnte. Und alle nehmen es hin! – Nun, das stimmt nicht ganz. Viele haben Widerstand geleistet, viele sind gestorben, die mir geholfen haben. Ich denke mit Trauer an diese Menschen – auch wenn sie nicht besser oder schlechter waren als die, die sie bekämpften. O ja, ich hatte zum Teil merkwürdige Verbündete. Aber auch sie haben es nicht geschafft, die Entwicklung aufzuhalten, und heute ist die Welt eine andere geworden. Alles ist organisiert, reglementiert und beaufsichtigt. Es gibt keine Kriege, keine großen Hungersnöte mehr und weder übergroßen Reichtum noch unsägliche Armut. Wir haben eine Welt des Mittelmaßes, in der alles gleichgeschaltet ist. Niemandem passiert etwas, solange er sich an die Normen hält, und die Normen bestimmt der Staat.

Wir haben meines Erachtens die schlimmste Diktatur der menschlichen Geschichte, denn sie hat es verstanden, die Gefühle zu vernichten, und das hat noch keine Diktatur vorher geschafft. Sie nimmt aus diesem Tatbestand sogar ihre Legitimation, und sie reagiert mit unberechenbarer Härte, wenn dagegen aufgemuckt wird. Es wird immer versucht, aber alle Versuche sind zum Scheitern verurteilt.

Ich weiß, dass es noch andere gibt wie mich, die sich nicht angepasst haben. Es muss sie einfach geben. Aber wo soll man sie finden?

Es ist viel zu gefährlich, andere Menschen ins Vertrauen zu ziehen. Der Verrat ist eine der wenigen menschlichen Eigenschaften, die sie nicht unterdrückt haben. In den ersten dunklen Jahren war niemand vor der Denunziation sicher. Eltern mussten sich vor ihren Kindern fürchten, und die Männer vor ihren Frauen. Terror und Brutalität bestimmten das Leben der Menschen, und vielen schien es zu gefallen!

Ich hatte Mitleid mit den Mädchen in ihren schwarzen Uniformen, wie sie da über den Hang krabbelten, stur ausgerichtet auf ein Ziel, das man ihnen gegeben hatte. Die Waffen blitzten in den schmalen Händen, aber ich weiß, dass sie hervorragend damit umgehen können. Schließlich sind sie seit ihrer Kindheit in diesen Fertigkeiten geschult.

Es handelte sich um ausgesuchte Mädchen, die praktisch vom Kindergarten an auf ihre Aufgaben vorbereitet werden. Der Drill ist hart, aber erträglich. Viel schlimmer ist, dass man ihnen das Denken abgewöhnt. Wenn sie schließlich in die schwarze Garde aufgenommen werden, sind sie perfekt ausgebildete Kampfmaschinen, die die Befehle ihrer Führung niemals infrage stellen würden.

Für einen Augenblick war ich versucht, mich einfach zu ergeben, um abzuwarten, was sie mit mir anstellen würden. Aber dann, ich gebe es zu, bekam ich erbärmliche Angst, und ich hatte nur noch den Gedanken zu fliehen, egal wohin, wenn es nur weit genug war.

Die Mädchen der Garde konnten nicht wissen, dass mein Versteck noch einen Hinterausgang besaß. Darauf achtete ich immer, wenn ich mich in ein neues Loch verkroch. Ich sammelte die wenigen Habseligkeiten zusammen und machte mich aus dem Staub. Irgendwo würde ich ein neues Versteck finden, bis sie mich wieder aufstöberten. Ich hatte mich an den endlosen Kreislauf bereits gewöhnt, aber vor allen Dingen hoffte ich während meiner Flucht immer wieder, auf Gleichgesinnte zu stoßen, den Widerstand zu organisieren und Pläne zu schmieden, endlich aktiver werden zu können.

Ich fürchte, auch dies wird eine Illusion bleiben …

 

 

 

VIERTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

Sie verließen die Moskauer Innenstadt in westlicher Richtung. Alexej Michailowitsch Jakowlew kannte die Straßen wie seine eigene Tasche. Im Wagen wurde kein Wort gesprochen. Die beiden KGB-Leutnants behielten ihn aufmerksam im Auge, während Sofia Alexandrowna Grenkowa in der Akte blätterte. Ihre Kommentare reichten von einem bestätigenden Nicken bis zu einem ärgerlichen Grunzen. Jakowlew hatte das Gefühl, dass in ihm gleich etwas zerspringen würde, und er wusste, dass es Angst war.

»Was soll das alles bedeuten, Genossin?«, fragte er schließlich.

»Sie werden es noch früh genug erfahren«, antwortete Major Grenkowa gelangweilt. Sie hatte die Akte zugeklappt und lehnte entspannt neben ihm in den Polstern.

Inzwischen hatten sie den Stadtrand erreicht. Schon seit einiger Zeit war die Gegend ländlicher geworden. Nichts mehr verriet, dass in ein paar Kilometern Entfernung die Hauptstadt der Sowjetunion lag. Die Landschaft war flach bis zum Horizont. Ein bleigrauer Himmel lastete schwer darüber. Niedrige Holzhäuser duckten sich zwischen schmalen Wassergräben und windzerzausten Birken.

Sie fuhren schnell – kein Problem bei der kaum befahrenen Straße. Als sie das Denkmal erreichten, das den Ort bezeichnete, bis zu dem im Zweiten Weltkrieg die deutschen Panzer vorgestoßen waren, wurde der Wagen langsamer. Major Grenkowa beugte sich vor. »Dort vorn ist es«, sagte sie. »Die nächste Straße rechts.«

Die Bezeichnung Straße war übertrieben. Der Wagen holperte über einen Feldweg mit tiefen Schlaglöchern. Es hatte kein Hinweisschild gegeben, das irgendeine Richtung angezeigt hätte. Jakowlew hatte keine Ahnung, wohin sie fuhren.

Erst als sie eine kleine Holzhütte passierten, die ein paar Meter abseits des Weges zwischen den Bäumen stand, wusste er Bescheid. Weder die dünne Antenne noch das Telefonkabel waren zu übersehen. Da es kein Privathaus gab, das über Funkgerät und Telefon verfügte, musste dies ein Posten der Armee oder der Sicherheitskräfte sein. Letzteres war wahrscheinlicher, denn außer ihm kümmerte sich keiner der Fahrzeuginsassen um die Hütte, die inzwischen wieder hinter den Bäumen verschwunden war.

Dann wurde der Weg plötzlich durch ein modernes Gittertor versperrt. Dass es sich um ein ungewöhnliches Hindernis handelte, verriet die kaum sichtbare Fernsehkamera auf einem Pfosten neben dem Tor. Für Jakowlew gab es keinen Zweifel. Er befand sich vor einem der zahlreichen Ausweichquartiere des KGB. Hier wurden bestimmte Personen festgehalten oder bekamen Agenten den letzten Schliff vor einem Auslandseinsatz. Hier konnte man sich zu geheimen Besprechungen treffen oder Menschen verstecken, wenn es notwendig erschien. Jeder Geheimdienst der Welt besaß solch sichere Häuser, wie man das nannte, doch die sichersten waren zweifellos die des KGB.

Zwei Posten in knöchellangen braunen Mänteln standen plötzlich wie aus dem Boden gewachsen neben dem Tor. Ihre Kalaschnikows trugen sie über der Schulter, die Läufe nach unten. Das Tor öffnete sich automatisch. Die beiden spähten in den Wagen, nickten und legten grüßend die Hand an die Mütze. Major Grenkowa schien hier bestens bekannt zu sein. Jakowlew war verwundert. Es schien kaum glaublich, dass es eine Situation gab, bei der ein Kontrollposten keinen Ausweis sehen wollte. Es war alles sehr merkwürdig.

Sie hielten vor einer weitläufigen Datscha, die einen gepflegten Eindruck machte. Wände und Fensterläden waren in freundlichen Farben gestrichen, nur die Wellblechgarage passte nicht in die Landschaft. Mehrere Wagen parkten vor dem Haus, darunter zwei schwarze Wolga-Limousinen. Es schien also hoher Besuch da zu sein.

»Wir sind da«, bemerkte Major Grenkowa und stieg aus. Er folgte ihr, und die beiden weiblichen Leutnants nahmen ihn schweigend in die Mitte.

Bevor sie das Haus betraten, wandte sich Sofia Grenkowa um. »Ich mache Sie darauf aufmerksam, Genosse, dass Sie sich auf einem sehr gut bewachten Gelände befinden. Jeder Versuch, dieses Haus zu verlassen, könnte als Fluchtversuch missverstanden werden. Die Wachen haben Anweisung, sofort zu schießen. Sie sind hier unser Gast, ob es Ihnen passt oder nicht. Sie werden keine Möglichkeit haben, mit jemandem außerhalb dieses Geländes in Verbindung zu treten, und ich rate Ihnen, es auch nicht zu versuchen. Die Wachen werden auf Annäherungsversuche Ihrerseits nicht reagieren. Sie sollten sich kooperativ verhalten.«

Major Jakowlew antwortete nicht. Er saß in der Falle. Er wusste selbst sehr gut, was von den geheimen Quartieren des KGB zu halten war. Sie waren so sicher wie sibirische Straflager. Erstaunlich war nur, dass Major Grenkowa hier uneingeschränkte Befehlsgewalt besaß. Er war sich absolut sicher, dass die KGB-Zentrale von diesem Tatbestand nichts wusste. Es gab auffällig viele Frauen unter den KGB-Leuten. Die meisten trugen Uniform.

Sie führten ihn in einen fensterlosen Raum, den Jakowlew sofort als typischen Verhörraum erkannte.

Schon während der Fahrt hierher war ihm die Wahrheit bewusst geworden. Sein Verdacht, dass es eine gefährliche Verschwörung gab, war richtig. Nur hatte er sich an die falschen Leute gewandt, um seinen Verdacht mitzuteilen. Die Gegner waren viel stärker, als er angenommen hatte, und offensichtlich war der KGB bereits unterwandert. Es fragte sich nur, wo die Verschwörer noch überall saßen. Die Hinweise, auf die er bei seinen Nachforschungen gestoßen war, ließen vermuten, dass auch die Armee nicht zuverlässig war. Am gefährlichsten blieb natürlich der Geheimdienst. Er konnte die Schlüsselstellungen im ganzen Land besetzen, wenn es erforderlich war. Dazu mussten natürlich sehr viele Leute eingeweiht sein.

Nein – Jakowlew schüttelte unbewusst den Kopf –, das war unvorstellbar. So groß konnte die Verschwörung nicht sein. Das sowjetische System hatte zu viele Sicherungen eingebaut, um genau diese Entwicklung zu verhindern. Aber musste das auch für alle Zukunft gelten?

Er besaß zu wenige Informationen, doch am schlimmsten war, dass er der einzige Mensch war, der sie überhaupt besaß. Ihm wurde klar, dass er sein Leben nur rettete, wenn er seinen Gegnern einen Grund lieferte, ihn am Leben zu lassen. Es musste ein verdammt guter Grund sein. Die Gedanken überschlugen sich in seinem Gehirn, denn er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, seine Verteidigung vorzubereiten. Major Grenkowa hatte inzwischen die Akte gelesen, die er zusammengestellt hatte. Damit würde sie wissen, welche Schlüsse er gezogen hatte. Das Einzige, was sie nicht wissen konnte, war, welche Leute außer ihm noch davon wussten. Er hatte ihr gegenüber zwar behauptet, der Einzige zu sein, aber in der verdrehten Welt des Geheimdienstes vermutete natürlich niemand, dass jemand von sich aus die Wahrheit sagte.

Man würde ihn also befragen, und seine einzige Chance war, zuzugeben, dass er die Informationen auch noch an eine andere Stelle weitergeleitet hatte. Das durfte jedoch nicht sofort geschehen, sonst war es wieder unglaubwürdig. Er spielte ein riskantes Spiel um sein Leben, und er durfte keinen Fehler machen. Er besaß nur einen Vorteil: Er kannte die Verfahrensweisen seiner Feinde, da er die gleiche Schulung durchlaufen hatte. Innerlich versteifte er sich in Erwartung dessen, was auf ihn zukam.

Er brauchte nicht lange zu warten. Die Tür zum Verhörraum öffnete sich, und Major Grenkowa trat ein. Der stumme Posten an der Wand sprang auf und salutierte. Sie machte nur eine Handbewegung, und er verschwand blitzschnell nach draußen. Stattdessen kamen die beiden weiblichen Leutnants herein, die ihn aufmerksam musterten.

Sofia Grenkowa warf die Akte auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Die beiden Leutnants bauten sich hinter ihm auf, und er spürte einen unangenehmen Schauer über den Rücken rieseln. Das System der Einschüchterung wirkte selbst bei ihm, obwohl er wusste, dass jede einzelne Geste sorgfältig einstudiert war – nur zu dem Zweck, den Gefangenen zu verunsichern und damit zu Fehlern zu verleiten. Jakowlew reagierte nicht, während die Grenkowa erneut in der Akte blätterte und die Minuten dahintropften. Die Frauen hinter ihm rührten sich nicht.

Endlich blickte sie auf. Sie stützte die muskulösen Arme auf die Tischplatte und legte die Fingerspitzen gegeneinander. Es sollte vielleicht elegant wirken, sah aber sehr missglückt aus. Jakowlew verzog die Lippen zu einem leichten Lächeln. Major Grenkowa war ein hässlicher, monströser Fleischberg, den ein Mann nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde. Er stellte sie sich ohne Uniform vor. Damit würde das schwabbelige Gewebe jeden Halt verlieren. Was bliebe, wäre ein trauriger Fettkloß, nicht gefährlich, sondern nur noch jämmerlich. Die Vorstellung erheiterte ihn und gab ihm Sicherheit.

Sie runzelte die Stirn, als sie sein Grinsen bemerkte. »Ich weiß nicht, was an dieser Situation so komisch sein soll, Genosse Major. Sie befinden sich hier zur Vernehmung in einer sehr ernsten Angelegenheit. Ich habe die Akte geprüft, die Sie mir überlassen haben, und möchte dazu noch einige Fragen stellen. Nicht alles geht aus Ihren Unterlagen völlig klar hervor.«

»Ich habe Ihnen meine Unterlagen nicht überlassen, sondern Sie haben Sie mir weggenommen. Ihre beiden weiblichen Gorillas haben sich wie Banditen benommen.« Jakowlew blieb ganz ruhig.

»Sie verstehen nicht«, sagte sie sanft. »Ich habe vom Genossen Oberst den Auftrag …«

»Der Genosse Oberst hat davon keine Ahnung!«, unterbrach sie Jakowlew schneidend. »Hören Sie auf, eine Komödie zu spielen! Ich weiß genau, was hier vorgeht. Sie haben meine Unterlagen doch gelesen. Die Verschwörung, von der ich rede, ist real, und sie ist wahrscheinlich viel größer, als ich bisher annahm. Der beste Beweis sind Sie selbst! Ich sage Ihnen nur eines: Sie werden damit nicht durchkommen.«

Im Raum herrschte lastendes Schweigen, als er geendet hatte. Major Grenkowa starrte ihn an, verriet aber mit keiner Miene, was sie dachte. Die beiden anderen Frauen verhielten sich ruhig. Auch aus dem Haus drang kein Geräusch zu ihnen. Das allerdings war nicht weiter erstaunlich, denn dieser Raum war schallisoliert, denn hin und wieder gab es Verhöre, die mit mehr Nachdruck geführt wurden.

»Das ist eine sehr schwerwiegende Beschuldigung«, sagte Major Grenkowa grollend. »Ich glaube, Genosse, Sie haben den Verstand verloren. Wir verfügen über ausgezeichnete psychiatrische Kliniken. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie dort für einige Zeit am besten aufgehoben wären. Es wird dem Genossen Oberst leidtun, denn, wie ich höre, hielt er viel von Ihnen.« Sie zuckte die Achseln. »Er wird Sie bedauern und Sie dann vergessen. Jeder wird Sie vergessen. In wenigen Monaten sind Sie nur noch eine Erinnerung und eine Nummer in einer Akte. Wir werden Sie auf dem Verwaltungswege eliminieren.«

»Sie übersehen dabei, dass diese Unterlagen existieren. Sie machen nicht den Eindruck, als hätte sie ein Verrückter zusammengestellt. Im Gegenteil: Sie bestätigen, dass eine ernst zu nehmende Verschwörerbande in diesem Land ihr Unwesen treibt.«

»Werden Sie nicht dramatisch, Genosse!« Sie blickte auf den schmalen Ordner, dann hob sie den Kopf und blickte ihn lauernd an. »Sie haben gesagt, es handle sich um das Original, und eine Kopie existiere nicht?«

»Das habe ich gesagt«, antwortete er gedehnt.

»Ich möchte es gern richtig verstehen.« Sie tippte mit ihrem dicken Finger auf den Aktendeckel. »Dies ist das Original?«

Er nickte gleichgültig.

»Und es gibt keine Kopie?«

»Es ist verboten, von dienstlichen Vorgängen Kopien anzufertigen, sofern es nicht ausdrücklich von einer Vorgesetzten Dienststelle verlangt wird. Alle Kopien sind zu nummerieren und ihre Anzahl auf dem Original zu vermerken. Nach Gebrauch sind die nicht mehr benötigten Exemplare unter Aufsicht zu vernichten. Jeder Beamte ist für die ihm überlassenen Exemplare persönlich verantwortlich. Er hat dafür Sorge zu tragen, dass auch die Kopien unter Verschluss gehalten werden.«

»Die Dienstordnung ist mir bekannt, Genosse Major. Ich möchte von Ihnen wissen, ob von diesem Vorgang eine Kopie existiert.«

Er lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein. Sie finden auch keinen entsprechenden Vermerk auf dem Original. Also kann keine Kopie existieren, sonst läge ein grober Verstoß gegen die Dienstordnung vor.«

»Wollen Sie mich veralbern?«, fragte sie mit gefährlich ruhiger Stimme. »Sie können es auch anders haben. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, legt man bei uns Wert auf korrekte Auskünfte. Sollten bestimmte Personen in dieser Beziehung nicht die notwendige Bereitschaft zur Zusammenarbeit zeigen, müssen wir Spezialisten einsetzen, die über ausreichende Erfahrung in Befragungstechniken verfügen. Ich darf Ihnen versichern, dass in diesem Haus solche Spezialisten vorhanden sind. Ich frage also noch einmal: Haben Sie eine Kopie angefertigt?«

Jakowlew war blass geworden, aber er wusste, dass er jetzt noch nichts sagen durfte. Major Grenkowa hätte ihm nicht geglaubt. Erst wenn sie davon überzeugt war, dass in irgendeiner Form Kopien seines Berichtes existierten, besaß er eine winzige Chance, sein Leben zu retten. Es würde ihm nicht erspart bleiben, härtere Verhörmethoden zu erdulden. Erst dann durfte er die angebliche Wahrheit sagen, die eigentlich eine Lüge war. Es war absurd, die Lügen, die er jetzt ohne Schwierigkeiten hätte sagen können, erst unter der Folter gestehen zu dürfen.

Als er nicht antwortete, gab sie den beiden Leutnants ein Zeichen. Jakowlew spürte, wie sie sich bewegten, aber er rührte sich nicht. Dann spürte er kaltes Metall an seinem Nacken. Er hatte Angst, aber er ließ die Grenkowa nicht aus den Augen. Von dort kam die einzige Gefahr. Sie würde ihn ganz gewiss nicht erschießen lassen. Dies alles gehörte zum Spiel. Trotzdem war die Angst stärker als das Wissen.

»Was Sie jetzt spüren, ist Ihre eigene Dienstwaffe, Genosse Major. Sie dürfen mir glauben, dass es nicht sehr schwierig ist, einen Selbstmord zu konstruieren, der auch für andere überzeugend wirkt. Sie brauchen nur zu reden, und wir beenden diese alberne Vorstellung, für die ich selbst nicht sehr viel übrig habe. Andererseits muss ich die Wahrheit wissen, und ich werde alles tun, um dies zu erreichen. Es hängt zu viel davon ab, als dass ich auf Sie Rücksicht nehmen könnte.«

Er nickte. »Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Sie gehören zu der Verschwörung, die ich entdeckt habe.«

Sie lachte auf. Es war das Kichern eines ertappten Kindes. »Es ist keine Verschwörung, Genosse. Nicht in dem Sinne. Ich weiß nicht, ob Sie noch so lange leben, um die Veränderungen mitzubekommen. Sie denken zu sehr in politischen Dimensionen. Es gibt auch noch andere. Aber trösten Sie sich. Die meisten Männer in diesem Lande wissen nichts. Sie haben noch nicht einmal einen Verdacht. Wenn sie es merken, wird es zu spät sein.« Ihr Gesicht wurde ernst. »Das Problem sind Sie. Sie wissen es nicht, aber Sie sind ein wichtiger Faktor geworden, denn von Ihnen wird der Zeitpunkt abhängen, und wir werden Sie wie unseren Augapfel hüten, ehe Sie erneut unsere Planung durcheinander bringen können.«

Jakowlew hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Sie ging wohl davon aus, dass er viel mehr wusste, als tatsächlich der Fall war. Natürlich, es lag auf der Hand. Seine Schlüsse, die er aus den Unterlagen gezogen hatte, bezogen sich auf eine nicht oder nur schwer fassbare Verschwörung in Kreisen der Partei, der Armee und des Geheimdienstes. Wenn aber Major Grenkowa diese Unterlagen las, musste sie die Schlüsse automatisch auf sich selbst beziehen, sofern sie dieser Verschwörung, oder was immer es war, angehörte. Er spürte immer noch die kühle Mündung der Pistole im Nacken und wagte nicht, sich zu bewegen.

»Sie sind ein hartnäckiger Mann, Genosse Major.« Sie machte eine Handbewegung, und der Druck verschwand von seiner Haut. Er wollte bereits aufatmen, als ihn völlig unvorbereitet ein Hieb traf, der ihn vom Stuhl fegte.

Benommen rappelte er sich hoch. Die beiden Leutnants tanzten verschwommen vor seinen Augen, bis sich das Bild stabilisierte. Er spürte einen salzigen Geschmack im Mund, und aus einer Platzwunde über dem linken Ohr rieselte ein dünner Blutfaden. Mehrere dunkelrote Tropfen fanden den Weg auf seine saubere Uniform. Ihm war übel. Er hasste diese Frauen, sich selbst und den ganzen Geheimdienst.

»Sie sind dumm, Genosse Major, denn diese Behandlung wäre zu vermeiden, wenn Sie mehr Kooperation zeigen würden. Sie wissen so gut wie ich, dass Sie über kurz oder lang doch sprechen werden. Also ersparen Sie sich diese Dinge und reden Sie!«

»Dafür werden Sie sich zu verantworten haben«, stieß Jakowlew hervor und wischte sich das Blut vom Gesicht. Die beiden Leutnants betrachteten ihn ungerührt, als er sich wieder auf den Stuhl stemmte. »Damit kommen Sie nicht durch. Ich bin Major des KGB und keine namenlose Nummer, die Sie verschwinden lassen können. Man wird Nachforschungen anstellen. Es gibt Leute, die mich gesehen haben, als die Leutnants mich abholten. Man wird fragen und sich darüber Gedanken machen, wer ein Interesse daran haben könnte, mich verschwinden zu lassen.«

Sie nickte zufrieden. »Genau deshalb rede ich mit Ihnen. Ich will wissen, wer die Nachforschungen betreiben wird. Die offiziellen machen mir keine Sorgen. Die werden schneller gestoppt, als sie begonnen haben. Ich möchte aber wissen, wer sich außerhalb des KGB um Sie kümmern würde. Wen haben Sie von diesem Bericht erzählt? Wer besitzt eine Kopie?«

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass keine Kopie existiert.«

»Ich glaube Ihnen kein Wort, aber ich werde die Wahrheit herausbekommen. Jeder hat bisher geredet.« Sie wandte sich an die beiden anderen. »Holt Igor! Es gibt Arbeit für ihn.«

Die Angst breitete sich in Jakowlew aus wie ein Krebsgeschwür. Er wusste, dass er nicht lange standhalten würde, wenn ihn ein Folterspezialist des KGB in die Mangel nahm. Sein Kopf schmerzte von dem Hieb, und er merkte, dass seine Konzentrationsfähigkeit nachließ.

Die nächsten Minuten vergingen schweigend. Major Grenkowa beschäftigte sich wieder mit der Akte und würdigte ihn keines weiteren Blickes. Der Leutnant hinter ihm befand sich außerhalb seines Gesichtsfeldes, aber Jakowlew wusste, dass er besser keine unbedachte Bewegung machte. Diese Frauen würden ihre Befehle ohne jede Gemütsregung befolgen, und es war sicherer, sie nicht zu provozieren. Er brauchte seine Kräfte noch. Für Igor.

Igor sah so aus, wie Jakowlew ihn sich vorgestellt hatte. Bullige Figur, prankenförmige Hände und dicke Muskelpakete an den Armen. Seine Größe war eher unterdurchschnittlich. Er hatte ein feistes Mondgesicht und eine blankpolierte Schädelplatte. Igor mochte um die Vierzig sein, und Denken gehörte gewiss nicht zu seinen Stärken.

Major Grenkowa sah auf ihre Uhr. »Wir haben nicht mehr viel Zeit. Der Genosse Major muss bald reden. Wenn das eingetreten ist, was ich befürchte, müssen wir heute noch die Befehle herausgeben und die geplante Aktion vorverlegen. Wir werden es zwar auch dann schaffen, aber die Risiken sind größer, als bei dem ursprünglichen Zeitplan, denn nicht alle Einheiten befinden sich in ihren Ausgangsstellungen. Alles steht und fällt mit den Antworten des Genossen Major. Igor, ich verlasse mich darauf, dass wir nicht lange warten müssen! Es ist keine Zeit für subtile Spielereien. Ich weiß, dass du ein Künstler in deinem Fach bist, aber heute kommt es auf Schnelligkeit an. Du kannst beginnen!«

Igor nickte, und sie rauschte mit ihren beiden Begleiterinnen zur Tür hinaus, ohne Jakowlew einen Blick zu schenken.

»Dann wollen wir mal«, sagte Igor und rieb sich die Hände in freudiger Erwartung. Jakowlew stand der Schweiß auf der Stirn. Er erhob sich von seinem Stuhl, als der andere auf ihn zukam, in den Augen die Erwartung erregender Befriedigung. Ein typischer Sadist.

Jakowlew fürchtete sich vor dem, was ihm bevorstand, aber er zwang sich zum Durchhalten. Er musste diesen Albtraum überleben und entkommen, um seine Warnungen an der richtigen Stelle anzubringen. Er schloss die Augen, als Igor nach ihm griff.

Dann schlug Igor ihn systematisch zusammen, und er wusste genau, wo die schmerzhaften Stellen waren. Jakowlew wehrte sich kaum, versuchte nur, die empfindlichsten Gegenden des Körpers zu schützen, während die Schläge auf ihn niederprasselten. Igor bemühte sich, keine äußerlichen Verletzungen hervorzurufen und ließ daher das Gesicht aus – aber er kannte genügend andere Punkte.

Nach zehn Minuten lag Jakowlew am Boden. Jeder einzelne Knochen schmerzte, als sei er unter eine Dampframme geraten. Igor stand breitbeinig über ihm, die Fäuste immer noch geballt. »Hast du genug«, grunzte er, »oder brauchst du eine Nachbehandlung? Es ist schade, dass wir keine Zeit haben, sonst würde ich dich in mein kleines Institut mitnehmen. Dort befinden sich alle notwendigen Einrichtungen, um auch hartnäckige Fälle zur Einsicht zu bewegen. Du kannst mir glauben, dass bisher noch jeder geredet hat. Es haben nicht alle überlebt, aber das ist schließlich nicht so wichtig.«

Jakowlew nahm vorsichtig die Hände vom Gesicht. Sein Peiniger grinste ihn an. »Kann ich dem Genossen Major sagen, dass du jetzt reden wirst?«

Jakowlew bewegte seine aufgeplatzten Lippen. Nicht Igor hatte sie aufgerissen, er selbst hatte sie blutig gebissen, um nicht zu schreien. Der Schmerz tobte durch seinen Körper, und er musste sich beherrschen, um nicht ohnmächtig zu werden. Er wäre lieber gestorben, als noch einmal eine solche Behandlung zu ertragen. Nein, korrigierte er sich, der Mensch klammert sich bis zum Ende an sein verdammtes Leben. »Ich werde reden«, stöhnte er.

»Na, also!«, knurrte Igor befriedigt. »Das ging schneller als ich dachte. Die Genossen KGB-Offiziere sind auch nicht mehr das, was sie früher waren. O ja, ich habe manche hier gehabt. Die meisten haben erst nach zwei oder drei Tagen aufgegeben. Mit ihnen hat es Spaß gemacht. Weißt du, ich habe keine Freude daran, Wehrlose zu schlagen. Das tue ich, weil ich es muss. Meine eigentliche Kunst aber kann ich erst entfalten, wenn ich auf einen richtigen Gegner stoße, wenn ich mir überlegen muss, wie ich ihn zu behandeln habe. Nicht alle reagieren auf Schläge. Manche haben Angst vor dunklen Räumen – oder vor Ratten. Man muss es herausfinden. Es ist wie ein Schachspiel. Man misst seine Kräfte, entwickelt eine Strategie – und schlägt zu, dort, wo es der Gegner am wenigsten erwartet. Verstehst du, wie ich das meine?« Er blickte eindringlich auf Jakowlew hinunter. »Ich möchte, dass du es mir nicht persönlich übel nimmst, wenn wir uns unterhalten. Ich gehorche nur meinen Befehlen.«

»Igor, du bist ein Idiot!«, sagte Jakowlew leise.

Sein Folterknecht lachte, bis ihm die Tränen in die Augen stiegen. »Das hat noch keiner gewagt. Vielleicht bist du doch ein tapferer Mann – oder du weißt, wann du aufhören musst.« Sein Gesicht wurde ernst. »Die heutige Behandlung wirst du in ein paar Tagen vergessen haben, warum gibst du schon auf? Das ist merkwürdig – aber schön, du willst reden, und mehr sollte ich nicht erreichen.«

Jakowlew stützte sich auf. An manchen Stellen fühlte sich sein Körper wie eine einzige brennende Wunde an. Igor hatte instinktiv begriffen, worum es ihm ging, ohne dass der Schläger die Wahrheit ahnte. Aber er hatte zu viele Menschen mit seiner Behandlung in die Knie gezwungen, um nicht zu wissen, wann ein Mann aufgab und wann nicht.

Igor bückte sich, griff ihm unter die Schultern und schleifte ihn wieder auf den Stuhl, wo er ihn absetzte wie einen Sack Kartoffeln. »Ich hatte hier mal einen Amerikaner. Das war ein sehr tapferer Mann. Fünf Tage hat er geschwiegen. Ich dachte schon, dass er eher stirbt als dass er den Mund aufmacht, und sterben durfte er nicht, jedenfalls nicht, bevor er uns sagen konnte, was wir wissen wollten. Ich hatte bereits alles ausprobiert, er schwieg wie ein Grab, und ich hatte nur noch einen Tag Zeit. Was sollte ich machen, Brüderchen? Was hättest du an meiner Stelle gemacht? Und da fiel mir ein, dass wir ja auch seine Frau hatten. Sie waren beide Spione, und wir hatten sie geschnappt, als sie gerade das Flugzeug besteigen wollten. Der Frau war noch nichts passiert, sie saß unter Bewachung in einem Zimmer und wartete darauf, dass man sich mit ihr beschäftigte. Ich sagte dem Amerikaner nur, dass wir seine Frau innerhalb der nächsten Stunde erschießen würden, wenn er nicht redete.«

Igor betrachtete sinnend seine riesigen Hände. »Er hat mir geglaubt! Er hat geredet wie ein Wasserfall. Kannst du dir vorstellen, Brüderchen, dass ein Mann wie aus Granit plötzlich den Mund aufmacht, nur wegen einer Frau, die noch nicht einmal eine Schönheit war? Diese Amerikaner, dachte ich mir, sie tun für ihre Frauen alles. Das ist gut zu wissen, wenn man wieder mal mit einem zu tun hat. Es macht natürlich keinen Spaß, wenn es so einfach ist, einen Mann zum Reden zu bringen.«

»Sie halten nicht viel von den Frauen?«, murmelte Jakowlew durch seine geschwollenen Lippen.

»Sie sind nur zu einem gut, und das muss man ihnen rechtzeitig beibringen. Aber heutzutage steigen sie selbst in die höchsten militärischen Ränge auf.« Er schüttelte den massigen Kopf. »Mach dir keine Hoffnungen, Brüderchen! Ich weiß, wer die Befehle zu geben hat.«

Zwei Minuten später saß Jakowlew wieder vor Major Grenkowa, die beiden stummen Leutnants rechts und links hinter ihm.

»Ich höre«, sagte seine Feindin. Sie musterte ihn mit Abscheu, als wäre er daran schuld, dass man ihn so zugerichtet hatte. »Ich habe Sie gewarnt, aber Sie wollten nicht auf mich hören. Sie haben sich alles selbst zuzuschreiben. Aber jetzt reden Sie endlich!«

»Sie hatten recht«, antwortete er mühsam und sehr leise, sodass sie sich Vorbeugen musste, um ihn zu verstehen. »Ich habe noch eine weitere Person von meinem Verdacht in Kenntnis gesetzt.«

»Wer ist es?«, fragte sie scharf.

»Ein Freund von mir, Hauptmann Semjonow vom 213. Gardeschützenregiment. Er ist nach Moskau abkommandiert, um bei der Wachtruppe des Kremls eine besondere Aufgabe zu übernehmen. Er hat Beziehungen zum Zentralkomitee, und ich habe ihn gebeten, Mitglieder der Sicherheitsorgane zu unterrichten, wenn er es für notwendig hält. Es ist also möglich, dass die Information bereits das Zentralkomitee oder gar das Politbüro erreicht hat. Wenn dies der Fall ist, wird man jetzt schon Gegenmaßnahmen treffen.«

Major Grenkowa sah ihn starr an. »Sie lügen.«

»Nein. Sie können sich leicht davon überzeugen, indem Sie sich beim Kreml nach Hauptmann Semjonow erkundigen.« Jakowlew bemühte sich, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Es gab zwar einen Hauptmann Semjonow, und er kannte ihn auch flüchtig, aber das war schon alles, was an seiner Geschichte stimmte. Er musste sie davon überzeugen, dass weitere Menschen in seinen Verdacht eingeweiht waren, wenn er den nächsten Tag noch erleben wollte. Seine Chance lag in einer einzigen Tatsache: Hauptmann Semjonow war zu einer supergeheimen Mission abkommandiert, und jeder, der nach ihm fragte, würde sich verdächtig machen. Jakowlew hatte bei einer Routineüberprüfung zufällig davon erfahren. Semjonow gehörte zwar dem 213. Gardeschützenregiment an, war aber gleichzeitig Offizier des GRU, des militärischen Geheimdienstes der Sowjetunion. Zwar wurde auch der GRU vom KGB kontrolliert, er verstand es aber, sich eine gewisse Unabhängigkeit zu verschaffen und auf seinem eigenen Feuer zu kochen. Mit anderen Worten: Es gab eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Diensten. Er hoffte nur, dass Major Grenkowa den Namen Semjonow noch nie gehört hatte.

Sie streckte die Hand bereits nach dem Telefon aus. »Wenn Sie mich belügen, Genosse Major, werden Sie diesen Tag nicht überleben. Igor wird sich freuen, wenn er sein Werk zu Ende bringen kann. Er hasst es, mitten drin aufzuhören.«

Jakowlew schwieg. Ruf an!, dachte er intensiv. Ruf an!

Sie ließ sich verbinden und sprach mit verschiedenen Leuten, bis sie offenbar einen Verantwortlichen in der Leitung hatte. »Ich möchte Hauptmann Semjonow in einer dringenden Angelegenheit sprechen.«

Sie lauschte und verfärbte sich allmählich. »Nein, nein, Genosse«, sagte sie plötzlich hastig. »Das ist nicht nötig.« Sie legte rasch auf und ließ den Hörer los, als sei er glühend geworden.

»Nun?« Jakowlew fühlte sich wieder mutiger.

Auf ihrer Stirn stand eine tiefe Falte. Die kleinen Augen waren zwischen den Fettpolstern kaum noch zu sehen. »Mir scheint, Sie haben die Wahrheit gesagt. Das verändert die Situation entscheidend. Allerdings haben wir Glück, denn heute tagt das Politbüro vollzählig.«

Jakowlew begriff nicht, was sie meinte, bis es allmählich dämmerte. »Sie planen einen Staatsstreich! Sie wollen die Macht im Kreml übernehmen!« Seine Stimme überschlug sich, und die Vorstellung verursachte ihm körperliche Schmerzen. Das war es also! Er musste es verhindern, unter allen Umständen. Jetzt kam es auf sein Leben wirklich nicht mehr an, wenn er diese Wahnsinnigen noch stoppen konnte.

»Sie sind verrückt!«, schrie er. »Das schaffen Sie nie! Sie werden nicht einmal in die Nähe des Kreml kommen.«

Sie lächelte ironisch. »Wir sind schon drin, Genosse Major, und Sie werden daran nichts ändern können. Sie hätten es vielleicht geschafft, wenn Sie mich nicht angerufen hätten. Wir müssen jetzt nur schnell handeln. Es spielt keine Rolle mehr.«

Jakowlew sank zurück. Die Schmerzen, die Igors Behandlung hinterlassen hatte, waren fast verschwunden. Es war zu unglaublich. Er dachte an seine Unterlagen. Jetzt wurden ihm manche Zusammenhänge klar, die er vorher für Hirngespinste gehalten hatte. Er wusste plötzlich, dass die Verschwörung Erfolg haben würde. Schließlich ahnte niemand etwas davon. Er war der Einzige außerhalb der Gruppe, und er saß in sicherem Gewahrsam. Vermutlich waren selbst hier nicht alle Personen eingeweiht, aber das änderte nichts, weil sie ihre Befehle befolgen würden.

Sofia Alexandrowna Grenkowa betrachtete ihn zum ersten Mal mit einem Ausdruck des Bedauerns. »Tut mir leid, Genosse«, sagte sie. »Bringt ihn weg, wir haben noch viel zu tun!«

Die beiden Leutnants nahmen ihn in die Mitte und bugsierten ihn durch mehrere Gänge. Dann ging es ein paar Stufen hinunter. Die Kellerräume waren niedrig. Man hatte sie offenbar erst später errichtet. Ihr Zweck jedoch war unverkennbar. Er lächelte bitter. Er war Gefangener seiner eigenen Dienststelle.

Die Zellen waren ohne Fenster. An der Decke baumelte eine trübe Birne. Die Tür bestand aus Stahl und besaß im oberen Drittel ein vergittertes Guckloch. Es klang dumpf und endgültig, als sie ins Schloss fiel.

Alexej Michailowitsch Jakowlew hockte sich auf die Pritsche und zog die Beine an den Körper. Er hätte heulen können. Es kamen jedoch keine Tränen.

 

*

 

Es war einer dieser Tage, die nicht besonders bemerkenswert sind. Auf der Welt gab es die üblichen Zwischenfälle, die sich nicht lange im Gedächtnis der Menschen einprägen. Eine kleine Schießerei an einer Grenze im Mittleren Osten, ein Terrorüberfall in Südafrika, zwei Flugzeugabstürze, eine Geiselnahme in Detroit, Massenhinrichtungen in Afghanistan … ach, ja, und aus dem Rio de la Plata zog man ein paar Dutzend Leichen mit Kugellöchern im Nacken. Ein ganz normaler Tag also.

Aber es gab einige Ereignisse, die womöglich noch unbedeutender waren und dennoch für den Lauf der Geschichte wesentlich wichtiger werden sollten. San Francisco bekam den ersten weiblichen Bürgermeister in der Geschichte der Stadt.

Das ägyptische Parlament verabschiedete mehrere Gesetze, die den Frauen die absolute Gleichberechtigung zusicherten.

In Großbritannien kletterte der Anteil der Frauen innerhalb der Polizei zum ersten Mal über die Fünfzig-Prozent-Marke.

General Martha Fletcher übernahm den Oberbefehl im Nato-Befehlsbereich Nord und ordnete als erste Maßnahme eine Umgruppierung der Seestreitkräfte an.

In Ungarn wurde ein hoher Parteifunktionär verhaftet, dem man beleidigende Äußerungen über die Ministerin für Justiz vorwarf.

Der italienische Premierminister fand während seines Urlaubs aus bisher ungeklärten Gründen beim Angeln den Tod. Seine Stellvertreterin, Antonelia Montero, übernahm sofort die Regierungsgeschäfte und setzte die für einen solchen Fall vorgesehenen Notstandsgesetze in Kraft.

Dies waren einige Ereignisse, die in den Schlagzeilen der Weltpresse ihren Niederschlag fanden. Viele tausend weitere Geschehnisse waren jedoch keine Zeile wert. Sie wurden von der Weltöffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen.

 

*

 

Am dritten Tag änderte sich die Eintönigkeit. Jakowlew schreckte hoch, als er Schritte vor der Tür hörte. Man hatte ihn weder verhört noch sonst in irgendeiner Weise belästigt. Sein Essen kam regelmäßig und war so schlecht, dass er sich überwinden musste, um es hinunterzuwürgen. Allerdings war es nie zu dieser Stunde gekommen.

Die stählerne Tür öffnete sich, und ein Posten, den er vorher noch nie gesehen hatte, winkte ihn mit einer lässigen Handbewegung aus seiner Zelle. Jakowlew gehorchte, denn er wusste, dass jede Verzögerung unangenehme Folgen nach sich ziehen konnte. Innerlich brannte er vor Neugier, denn in diesen drei Tagen hatte er nichts von dem erfahren, was außerhalb seines Raumes vor sich gegangen war.

Unauffällig musterte er den Posten. Er war ein junger Mann und trug die KGB-Uniform. Seine Maschinenpistole war auf Jakowlews Rücken gerichtet, die Hand um den Abzug gekrampft. Er führte ihn nach oben in einen Raum, den Jakowlew nicht kannte, und gab ihm ein Zeichen, sich auf einen Stuhl zu setzen. Sie warteten.

Jakowlew schaute nach draußen. Seit drei Tagen sah er zum ersten Mal wieder Tageslicht. Es war trübes, nasskaltes Wetter, soweit er das erkennen konnte. Die Wolken hingen tief und zogen langsam über den Himmel. Die Landschaft sah aus, als sei sie mit einem einheitlichen schmutzigen Grau übergossen worden. Die schlanken Birkenstämme beugten sich unter jähen Windstößen.

Er wandte den Kopf, als weitere Personen den Raum betraten. Drei Frauen, zwei davon in Uniform. Sie waren ihm alle unbekannt. Die Uniformierten waren Mannschaftsdienstgrade. Sie trugen Maschinenpistolen über der Schulter. Die Frau in Zivilkleidung machte einen energischen Eindruck. Ihre harten grauen Augen richteten sich auf den Posten, der Jakowlew hergebracht hatte, und sie bewegte leicht den Kopf. Der Posten salutierte und verschwand. Man hatte den Eindruck, dass es ihm nicht unlieb war.

»Sie sind Alexej Michailowitsch Jakowlew?«, fragte sie mit einer Stimme, die an ein Reibeisen erinnerte.

Er richtete sich ein Stück auf. »Für Sie immer noch Major Jakowlew.« Er deutete auf seine Schulterstücke. Es war schwer, als Gefangener Würde zu bewahren, aber man musste es wenigstens versuchen. Als er in dieser Sekunde das Glitzern in ihren Augen sah, wusste er plötzlich, dass er dieses Spiel verloren hatte. Die Frauen waren nicht gekommen, um ihm mitzuteilen, dass alles nur ein Irrtum gewesen war. Angst kroch zwischen seine Schulterblätter. Sein Schicksal war bereits entschieden.

Die Zivilistin zog ein Blatt Papier aus der Tasche und entfaltete es umständlich. »Auf Befehl von Oberst Grenkowa …«

Er fuhr hoch. »Oberst Grenkowa?«

»Unterbrechen Sie mich nicht!« Sie tippte auf das Papier. »Die Ernennung der Genossin Grenkowa ist gestern von General Petrowna, Mitglied des Zentralkomitees und kommandierender Befehlshaber der Grenztruppen, bestätigt worden.«

»Den Namen habe ich nie gehört.«

Sie lächelte eisig. »Es hat ein paar Veränderungen gegeben. Sie werden viele Namen noch nie gehört haben. Aber das braucht Sie im Augenblick nicht zu interessieren. Ich habe Anweisung, Ihnen diesen Befehl zur Kenntnis zu geben und anschließend für seine Ausführung zu sorgen.«

Er zuckte die Achseln, und sie fuhr fort. »Auf Befehl von Oberst Grenkowa teile ich Ihnen mit, dass Sie ab sofort nicht mehr Mitglied des KGB sind. Gleichzeitig wird Ihnen Ihr bisheriger Rang als Major aberkannt. Diese Anweisung ist unwiderruflich.« Sie senkte das Blatt und sah ihn an. »Haben Sie mich verstanden?«

Jakowlew blickte auf seine ineinander verkrampften Hände. Innerlich war er völlig ruhig. Sie hatten beschlossen, ihn zu vernichten, also würden sie es tun. Seine Ausstoßung aus dem KGB war nur ein bürokratischer Akt, um den Vorgang in den Personalunterlagen ordnungsgemäß zu beenden. Er war gelöscht, ausradiert, es hatte ihn nie gegeben. Wie hatte die Grenkowa noch gesagt? »Wir eliminieren Sie auf dem Verwaltungswege.« Er machte sich keine Illusionen mehr. Die physische Eliminierung würde folgen.

Seine Gedanken formten sich zu wirren Bildern. Es musste etwas Ungeheuerliches geschehen sein. Offensichtlich waren in der Spitzenhierarchie des Landes tiefgreifende Veränderungen eingetreten. Aus Major Grenkowa war Oberst Grenkowa geworden – eine außerplanmäßige Beförderung, noch dazu unter Überspringung eines Dienstgrades. Das konnte nur heißen, nein, das musste bedeuten, dass … Ja, was eigentlich? Hatte es einen Staatsstreich gegeben? Was war in diesen drei Tagen geschehen? Es war doch unmöglich, dieses starre, auf jeder Stufe kontrollierte System mit seinen Millionen von loyalen Soldaten und Offizieren, seinen Funktionären und Parteimitgliedern, aus den Angeln zu heben. Aber es war möglich, die Führungsspitze auszutauschen. Das geschah schließlich nicht zum ersten Mal. Bei solchen gravierenden Veränderungen hatte es immer eine kurze Zeit der Verwirrung gegeben, bis die Situation sich stabilisiert hatte.

Andererseits war da noch diese Verschwörung, die er entdeckt hatte, und deren Ausmaß ziemlich groß zu sein schien. Hatte die Verschwörung gesiegt? Wer saß jetzt an den Schalthebeln der Macht?

»Ich möchte Oberst Roskow sprechen«, sagte Jakowlew spontan. Der Name war ihm als letzte Rettung eingefallen.

Die Frau runzelte die Stirn. »Sie haben mich offenbar nicht richtig verstanden, Genosse. Es gibt keine Veranlassung für Sie, mit irgendeinem Offizier Kontakt aufzunehmen. Sie gehören dieser Dienststelle nicht mehr an. Sie wissen kaum von ihrer Existenz – wie jeder gute Bürger der Sowjetunion. Im Übrigen hat Oberst Roskow vor zwei Tagen aus unerklärlichen Gründen Selbstmord begangen. Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen diese Information zu geben, aber es spielt keine Rolle, ob Sie es wissen oder nicht.«

»Ich habe begriffen«, sagte er müde. »Was geschieht jetzt?«

»Darüber sind mir ebenfalls Befehle zugegangen. Folgen Sie mir!«

Sie wandte sich mit einer eckigen Bewegung um und marschierte aus der Tür. Die beiden uniformierten Frauen eskortierten ihn und nahmen die Maschinenpistolen von der Schulter. Schweigend verließen sie das Haus und traten nach draußen.

Jakowlew fröstelte. Es war nicht nur die kühle Luft, denn das dicke Uniformtuch reichte für diese Temperaturen an sich aus. Über seine Uniform war noch kein Wort gefallen. Außer seiner Dienstwaffe besaß er noch alles, was er in den Taschen gehabt hatte. Auch sein Ausweis befand sich in der Brusttasche. Normalerweise müsste man ihm alles abgenommen haben, wenn man ihn schon aus dem KGB ausgestoßen hatte. Er fragte sich, was sie mit ihm machen würden. Straflager? Möglich. Oder Schlimmeres?

Die Datscha wirkte verlassener als bei seiner unfreiwilligen Ankunft. Vor dem Gebäude parkten keine Limousinen mehr, sondern nur noch ein Geländewagen mit einem KGB-Nummernschild. Außer seiner Begleitung war kein Mensch zu sehen. Vermutlich hatten die Personen, die sich sonst hier aufhielten, derzeit Wichtigeres in der Hauptstadt zu tun. Für einen flüchtigen Moment fragte er sich, was aus Hauptmann Semjonow geworden sein mochte. Vielleicht hatte er ebenfalls aus unerklärlichen Gründen Selbstmord begangen. Die bewährten Methoden waren immer noch die besten. Der KGB hatte es in dieser Beziehung zu unerhörten Fertigkeiten gebracht.

Sie gingen an dem Geländewagen vorbei und marschierten um die Ecke des Gebäudes herum. Jakowlews Hoffnung, dass man ihn abtransportierte, zerstob wie eine Seifenblase. Vor ihnen befand sich nur ein lichtes Birkenwäldchen, von dem das geheime Quartier nach allen Seiten abgeschirmt wurde. Es war kein Weg zu sehen, und Jakowlew wusste, dass er dieses Wäldchen nicht lebend verlassen sollte. Seine Existenz war bereits ausgelöscht, jetzt brauchte nur noch die unbequem gewordene Hülle seiner Persönlichkeit zu folgen. Er wusste, dass man in diesem Land nicht davor zurückschreckte, Konsequenzen zu ziehen.

Der Anflug von Fatalismus ging rasch vorüber. Sein Lebenswille regte sich. Wenn es denn schon so sein sollte, würde er sein Leben teuer verkaufen. Nur ein heroischer Gedanke? Nein. Er musterte seine Bewacher. Offenbar fürchteten sie keinen Fluchtversuch seinerseits, denn die Läufe ihrer Waffen zeigten zum Boden. Die beiden Uniformierten folgten in einer Entfernung von etwa zwei Schritten rechts und links hinter ihm. Die Frau in Zivil ging voraus.

Ein paar Regentropfen trafen sein Gesicht, und es war, als ob sie seine Lebensgeister weckten. Er straffte sich. Die Regenwolke war bereits weitergezogen. Über der Landschaft lag ein seltsames Licht. Ockerfarben unter dem bleigrauen Himmel. Das helle Grün der Birken und das Weiß ihrer Stämme verschmolzen zu einem uneinheitlichen Farbengewirr. Aus der Ferne erscholl der Schrei eines einsamen Vogels. Feuchtes Gras klatschte gegen seine Stiefel, als sie weiter in das Wäldchen vordrangen. Die Luft war weich und vom Geruch nassen Laubs erfüllt.

»Wohin gehen wir?«, brach er das Schweigen.

»Wir sind gleich da. Sie werden sehen.«

Wartete ein Erschießungspeloton auf ihn? Oder sollte es in aller Stille geschehen? Brachte man ihn deshalb so weit von der Datscha weg, damit man dort die Schüsse nicht hörte? Nein, dies waren seine Henker. Er war sicher, dass keine weiteren Menschen in der Nähe waren. Andere außer KGB-Leuten ohnehin nicht, denn sie befanden sich auf einem abgeschirmten Gelände, auf das sich niemand verirren würde. Die endlosen Wälder waren stille und geduldige Zuschauer für die Ungeheuerlichkeiten, die Menschen sich antaten. Sie schwiegen bis in alle Ewigkeit, und unter ihren Laubdächern konnte manches Geheimnis begraben werden, bis es zu Staub geworden war.

Sie erreichten eine flache Senke, in der die Bäume weniger dicht standen. Ein schmaler Bach, keinen halben Meter breit, wand sich am tiefsten Punkt des Geländes zwischen Steinen und Büschen hindurch. Es war still hier, und selbst das Wasser floss träge durch sein Bett. Die Frau ging langsamer, und ihr Blick ging hin und her, als suche sie eine bestimmte Stelle, einen schönen Platz zum Sterben. Jakowlew befand sich in einer merkwürdigen Stimmung, innerlich gelöst und gleichzeitig angespannt, jederzeit bereit zu reagieren. Er fühlte sich ausgeruht und kräftig. Die drei Tage Haft mit der schlechten Ernährung hatten seinem trainierten Körper noch nicht sonderlich geschadet.

Die Frau in Zivil blieb ruckartig stehen, sodass Jakowlew beinahe gegen sie geprallt wäre. »Ich glaube, hier ist der richtige Platz«, sagte sie und blickte kurz in den Himmel. »Wir wollen es schnell machen, ich muss zurück nach Moskau.«

»Das ist Mord«, sagte Jakowlew ruhig.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist Gerechtigkeit. Ich habe nichts persönlich gegen Sie, aber ich muss meinen Befehlen gehorchen. Also machen Sie keine Schwierigkeiten!« Sie gab ihren Begleiterinnen einen Wink.

»Komisch, dass es immer die gleichen Begründungen sind, wenn zum Wohle des Staates oder besser, der Personen, die an der Macht sind, Menschen geopfert werden. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder, und ich frage mich, ob man jemals aus ihr lernen wird.«

»Sie irren, Genosse, die Geschichte geht weiter. Die neueste Entwicklung werden Sie allerdings nicht mehr erleben.« Sie trat zwei Schritte zurück und stellte sich neben die beiden anderen, die ihre Maschinenpistolen unschlüssig in der Armbeuge hielten. Als sie die Waffen feuerbereit machten, handelte Jakowlew.

In einem gewaltigen Satz warf er sich nach vorn, in die Gruppe der Frauen hinein. Seine geballte rechte Faust fand ihr Ziel. Es gab ein trockenes Knirschen, als er den Kiefer des einen Mädchens traf. Sie schrie auf und stolperte nach hinten. Er kümmerte sich nicht um sie, fuhr aus der Drehung heraus herum, seine linke Fußspitze schoss nach oben und traf die zweite Bewaffnete in der Leistengegend. Sie versuchte, ihre Maschinenpistole im Anschlag zu behalten, aber sie musste ihr Gleichgewicht erhalten und ruderte mit den Armen.

Jakowlew griff zu und riss ihr die Waffe aus den Händen. Er warf sich zu Boden und rollte sich herum. Rechtzeitig, denn in dieser Sekunde ratterte eine Maschinenpistole. Die Frau, die er zuerst angegriffen hatte, lag halb aufgestützt am Boden und zielte auf ihn. Das Gesicht war vor Schmerz verzerrt, und die Geschosse fetzten in halber Mannshöhe die Blätter von den Bäumen.

Jakowlew lag unmittelbar zu Füßen der Frau in Zivil, die in diesem Augenblick eine großkalibrige Armeepistole aus ihrem Mantel zog. Er schoss ohne zu zögern. In ihren Augen lag ein ungläubiger Ausdruck, ehe sich das Gesicht in eine blutige Masse verwandelte. Ihr Körper wurde von den Einschlägen der Geschosse geschüttelt.

Jakowlew drückte den über ihm zusammenbrechenden Körper mit der Linken zur Seite und schwenkte den Lauf der Waffe herum. Er jagte den Rest des Magazins heraus, als das Gesicht der am Boden liegenden Frau in der Visierlinie auftauchte.

Die Schüsse hallten noch in seinen Ohren, als er sich aufrichtete und umdrehte. Die andere Frau, mit deren Waffe er geschossen hatte, hockte auf den Knien, presste die linke Hand auf die Stelle, die er mit seinem Fuß getroffen hatte, und streckte ihm die Rechte abwehrend entgegen, in ihren Augen lag ein Ausdruck entsetzlicher Furcht. Ihr Mund bewegte sich, und er hörte ein leises Wimmern.

Jakowlew zog die Pistole unter der Toten hervor. Sie war durchgeladen und entsichert. Wortlos ging er die drei Schritte zu der knienden Frau hinüber. Sie schloss die Augen und begann zu zittern. Er setzte die Mündung der Waffe an ihre Schläfe und drückte rasch ab. Ohne einen Laut fiel sie zur Seite. »Tut mir leid«, murmelte er, »aber ich habe keine andere Wahl.«

Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert. Er schob die Pistole unter seine Uniformjacke und drückte die restlichen Patronen aus den Magazinen der Maschinenpistolen. Es waren nicht sehr viele, aber jede einzelne konnte sein Leben retten, denn ab sofort würde man ihn jagen wie ein gefährliches Raubtier. Seine Chancen waren verschwindend gering, aber dies war kein Grund aufzugeben.

Falls jemand in der Datscha die Schüsse gehört hatte, würde der Betreffende sie nicht weiter zur Kenntnis nehmen. Bis jemand auf den Gedanken kam, die drei Frauen zu suchen, würde sicher einige Zeit vergehen. Es war nicht üblich, dass man sich um die Angelegenheiten der Kollegen kümmerte, vor allem nicht in der jetzigen Situation, die gewisse Veränderungen gebracht hatte. Jeder würde den Kopf einziehen und warten, bis sich die Fronten geklärt hatten. Über die eine oder andere Erschießung würde man hinwegsehen und froh sein, dass es nicht die eigene war. Das System hatte die Leute, die es vertraten, voll im Griff.

Nur die Wachtposten durfte er nicht vergessen. Sie hatten ihre Befehle, und die besagten, dass niemand ohne Erlaubnis dieses Gelände betreten oder verlassen durfte, ganz gleich, welchen Ranges er war. Vermutlich waren sie auch besser ausgebildet als die beiden Mädchen, die er erschossen hatte. Alexej Michailowitsch Jakowlew, ehemals Major des KGB, befand sich auf der Flucht, und er besaß weder einen Plan noch die Gewissheit, mehr als hundert Meter ungeschoren überwinden zu können.

In halb geduckter Haltung lief er durch die Senke. Er musste einen weiten Bogen um die Datscha schlagen. Sein Orientierungssinn verriet ihm genau, in welcher Richtung die Hauptstraße lag. Er musste sie erreichen und versuchen, einen Wagen zu stoppen. Die Uniform und ein bisschen Bluff mussten genügen, um überzeugend auftreten zu können. Die Frage war nur, in welche Richtung er sich wenden sollte. Moskau war nicht weit. Aber konnte er dort untertauchen? Wie weit waren die Veränderungen gediehen? Gab es noch Chancen, die Entwicklung aufzuhalten? Wem konnte er vertrauen?

Die letzte Frage beantwortete er sich am schnellsten. Niemandem! Er war auf sich allein angewiesen. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, das Land zu verlassen. Es war ein so unwirklicher, fremder Gedanke, dass er sich dessen fast schämte. Selbst wenn sich seine eigene Behörde von ihm losgesagt und seinen Tod befohlen hatte – er fühlte sich seinem Land und dem System verpflichtet. Seinen Treueeid hatte niemand gelöst. Nie würde er ein Verräter sein. Vielleicht brauchte er auch nur eine gewisse Zeit abzuwarten, bis die neuen Machthaber legalisiert waren. Wenn die Partei die Veränderungen akzeptierte, bedeutete das, dass er auch den neuen Leuten gegenüber zur Treue verpflichtet war. Ein Dilemma, das jetzt nicht zu lösen war. Vorrangig war zunächst, das Leben zu retten.

Womöglich war alles nur ein Irrtum? Er musste in Ruhe darüber nachdenken. Natürlich waren da noch die drei toten Frauen, die stumm und blutig zwischen den Birken lagen.

Alle paar Meter hielt er an und lauschte. Es schien, als sei er völlig allein in der Einöde, als gäbe es in einem sehr weiten Umkreis keinen Menschen, aber er wusste, dass dieser Eindruck falsch war. Jeden Augenblick konnte eine erdbraune Uniform zwischen den Bäumen auftauchen. Es gab mit Sicherheit verschiedene Posten im Gelände, wenn auch nicht unbedingt einen Zaun, der alles umschloss. Material dafür war knapp, und es wurde gespart, wo es zu verantworten war.

Jakowlew fühlte sich nicht besonders wohl in seinen Kleidern, die er seit drei Tagen nicht gewechselt hatte. Essen und ein Transportmittel aber waren am wichtigsten.

Ein Stück weiter vorne erkannte er eine Art Schneise, zum Teil natürlich entstanden, zum Teil künstlich. Vermutlich hatte er den Patrouillenweg der Wachen vor sich. Langsam schlich er näher, jede Deckung im Gelände ausnutzend. Er war dankbar, dass er solche Fertigkeiten während seiner Ausbildung gelernt hatte. Die Schneise – eher ein besserer Trampelpfad – war leer. Trotzdem wagte er nicht sofort, sie zu überqueren. Erst musste er sich davon überzeugen, dass keine weiteren Sicherungen eingebaut waren. Bei einem KGB-Quartier musste man mit allem rechnen.

Er musterte sorgfältig jeden Punkt, den er aus seiner Deckung heraus übersehen konnte. Es gab nichts Ungewöhnliches, das seine Aufmerksamkeit erregte. Gerade wollte er die schmale Schneise überschreiten, als er ein Geräusch hörte. Sofort verschmolz er wie ein Schatten mit seiner Umgebung. Er atmete flach und spähte durch die Zweige auf den Weg.

Der Posten war nicht sonderlich aufmerksam. Also war man noch nicht dabei, ihn zu verfolgen. Der Posten schien seinen Weg im Schlaf zu kennen. Vermutlich hatte es hier noch nie einen Zwischenfall gegeben. Wer sollte sich auch schon freiwillig auf ein Gebiet des gefürchteten Geheimdienstes begeben! Der Mann hielt in der hohlen Hand eine Zigarette, aus der er in kurzen Abständen immer einen hastigen Zug nahm. Während eines Streifengangs zu rauchen, war absolut verboten. Wenn es der Posten dennoch wagte, hieß das, dass er nicht damit rechnete, auf einen Kameraden zu stoßen. Jakowlew sah seine Chancen steigen.

Er atmete tief aus, als der Posten vorüber war. Dann überquerte er rasch den Pfad. Er orientierte sich erneut und wechselte die Richtung. Er ging jetzt schneller, ohne dass seine Vorsicht nachließ. Er befand sich immer noch in sozusagen feindlichem Gelände. Nach einer halben Stunde sah er den Weg, der von der Hauptstraße zur Datscha führte. Er bewegte sich parallel dazu weiter.

Endlich erreichte er die Straße, die nach Moskau führte. Inzwischen hatte er sich auch entschlossen, in die Hauptstadt zurückzugehen. Ein Versuch, ohne jedes Hilfsmittel zur Grenze zu kommen, war zum Scheitern verurteilt. In Moskau selbst war es am ehesten möglich unterzutauchen. Außerdem musste er unbedingt wissen, was in der Zwischenzeit geschehen war.

Jakowlew wartete noch einige Minuten, ehe er an den Straßenrand trat. Es war kaum Verkehr, nur wenige Personenwagen, hin und wieder ein Bauerngefährt. Als sich ein Bus näherte, ging er vorwärts, bemerkte aber noch rechtzeitig, dass es ein Militärbus war.

Ein Lastwagen erschien ihm schließlich als die beste Lösung. Er winkte, und der schwere Wagen hielt gehorsam an. Er gehörte einem Maschinenkombinat und transportierte irgendwelche Gerätschaften auf der Ladefläche. Der Fahrer beugte sich aus dem Seitenfenster und sah ihn mit einer Mischung aus Furcht und Erwartung an.

Jakowlew machte ein steinernes Gesicht. »Ich muss nach Moskau, Genosse. Es ist sehr wichtig, und ich habe keinen anderen Wagen.«

Der Fahrer nickte und öffnete schweigend die Beifahrertür. Jakowlew schwang sich auf die Sitzbank, und sie fuhren sogleich los.

»Die Situation ist wohl nicht einfach«, bemerkte der Fahrer nach einer Weile. Er war um die Vierzig, trug eine blaue Arbeitsmontur und eine zerbeulte Mütze. Aus seinen großen abstehenden Ohren sprießten Büschel feiner Härchen. Er umklammerte mit beiden Fäusten das Lenkrad, das bei der schlechten Straße stark vibrierte.

»Wie meinen Sie das, Genosse?«, entgegnete Jakowlew scharf.

Der Fahrer warf ihm einen raschen Seitenblick zu. »Ist schon gut.«

Die nächste halbe Stunde verging in Schweigen. Auf der Straße fuhren nur wenige Fahrzeuge, die meisten davon gehörten zum Militär, besetzt von Soldaten in voller Ausrüstung. Immerhin schien es keine Unruhen zu geben, auch der Fahrer war offensichtlich nicht besorgt. Wer auch immer an der Macht war – die Lage war unter Kontrolle.

In der Ferne tauchten dunstverhangen die ersten Gebäude der Moskauer Vorstädte auf. Die Straße ging in eine weite Kurve über. Jakowlew erschrak. Keine hundert Meter entfernt befand sich ein Kontrollposten. Es war zu spät, die Richtung zu ändern oder auszusteigen. Er musste die Kontrolle riskieren, zumal es unwahrscheinlich war, dass sein Name auf einer schwarzen Liste stand. Er existierte im Grunde nicht mehr, denn Oberst Grenkowa durfte davon ausgehen, dass er zu diesem Zeitpunkt tot war.

Der Fahrer bremste, und ein Soldat mit umgehängtem Gewehr trat an die Kabine. Ein Offizier und einige andere Soldaten blickten gelangweilt herüber. Sie hatten eine einfache Schranke halb über die Straße gestellt.

Der Fahrer reichte seine Papiere nach draußen. Jetzt erst erkannte der Soldat Jakowlews Uniform. Er salutierte hastig. »Ich bitte um Entschuldigung, Genosse Major, aber wir müssen alle Fahrzeuge auf dem Weg nach Moskau kontrollieren.«

Jakowlew nickte mit unbewegtem Gesicht. »Wollen Sie meinen Ausweis sehen?«

»Nein, nein«, stotterte der Mann. »Das ist nicht nötig. Die Fahrzeugpapiere sind ja in Ordnung.«

Der Offizier, ein Leutnant, war aufmerksam geworden und schlenderte heran. Er salutierte ebenfalls, und Jakowlew erwiderte den Gruß flüchtig. »Kann ich dem Genossen Major behilflich sein?«, erkundigte sich der Leutnant.

»Lassen Sie uns weiterfahren«, knurrte Jakowlew mürrisch.

»Sofort. Beeilen Sie sich!«, blaffte der Leutnant den Soldaten an, der erschrocken die Papiere in den Wagen reichte. Jakowlew nickte kurz, und sie fuhren los. Der Fahrer musterte ihn verstohlen, wagte aber nicht, den Mund aufzumachen.

»Wo liegt Ihr Fahrtziel?«, fragte Jakowlew, als sie bereits auf dem Weg zum Zentrum waren.

»Kombinat Roter Oktober. Ich muss dort Maschinenteile abliefern, die dringend erwartet werden. Ich bin schon spät dran.« Die letzten Worte kamen zögernd.

»Keine Sorge. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Sie können mich unterwegs absetzen. Es liegt genau auf der Strecke zu Ihrem Kombinat, ich weiß, wo es ist.«

Der Fahrer nickte erleichtert und sah wieder starr geradeaus. Auf den Straßen waren mehr Uniformierte zu sehen als sonst. Aber dies war auch das einzige Anzeichen, dass etwas im Gange war – oder auch nicht mehr.

Jakowlew wies nach vorn. »Dort steige ich aus.«

Der Fahrer war sichtlich froh, seinen Fahrgast loszuwerden. Die Reifen wirbelten Staub auf, als er startete, kaum dass Jakowlew vom Trittbrett herunter war. Der sah sich unschlüssig um. Langsam musste er überlegen, was er als Nächstes tun sollte. Er war in Moskau, aber er musste sich verhalten, als sei er in einer fremden Stadt. Wie lange würde ihn seine Uniform schützen?

 

*

 

Auf dem Roten Platz waren Panzer aufgefahren. Jakowlew zählte zwölf der metallenen Kolosse. Je zwei standen rechts und links neben der Basilius-Kathedrale mit ihren bizarren und grell bemalten Zwiebeltürmchen und bewachten die südlichen Zugänge zum Roten Platz. Zwei weitere Panzer befanden sich neben dem Spasski-Turm, dem Hauptzugang zum Kreml, ein einzelner, wahrscheinlich der Befehlspanzer, stand mitten auf dem riesigen Platz, wo er etwas verloren wirkte. Seine Kanone zeigte auf die Fassade des GUM, dessen Front fast die gesamte Breitseite des Roten Platzes einnahm. Die restlichen Panzer sperrten die nördlichen Zugänge neben dem zentralen Lenin-Museum, in dem sich eine Sammlung von rund zehntausend Schaustücken der revolutionären Geschichte der Sowjetunion befindet.

Der weite Platz war leergefegt. Dies war ein so seltener Anblick, dass Jakowlew es kaum glauben mochte. Ein paar Schaulustige hatten sich in den Seitenstraßen eingefunden, aber niemand wagte es, den Platz zu betreten, obwohl weder Polizisten noch Soldaten da waren, die es verhindert hätten. Nur die Panzer hielten Wache.

Vor dem Lenin-Mausoleum an der Kreml-Mauer standen keine Ehrenwachen. Äußerst ungewöhnlich. Das Tor unterhalb des Spasski-Turms war geöffnet wie sonst auch. Die ganze Szenerie hatte etwas Unwirkliches, obwohl nichts darauf hinwies, dass eine Gefahr in der Luft lag. Die Menschen unterhielten sich flüsternd. Jakowlew spitzte die Ohren, denn obwohl er nun schon einen halben Tag in Moskau war, hatte er noch keine Neuigkeiten erfahren können. Nach einigem Zögern hatte er sich in seine Wohnung getraut. Es blieb ihm nichts anderes übrig, denn er konnte nicht länger in seiner zerdrückten Uniform durch die Gegend ziehen.

Seine Vermutung war richtig gewesen. Niemand hatte in seiner Abwesenheit die Wohnung betreten. Selbst wenn die Grenkowa daran gedacht haben sollte, seine Wohnung zu durchsuchen, musste sie sich sagen, dass dort absolut nichts zu finden sein konnte. Für sie war der Fall sicher erledigt – bis sie erfuhr, dass er geflohen war.

Jakowlew hatte sich nicht lange in der Wohnung aufgehalten. Er wusste, dass er nie wieder hierher kommen würde. Er hatte sich Zivilkleidung angezogen, seine notdürftig gereinigte Uniform und ein paar andere Sachen, die er gut gebrauchen konnte, in einen kleinen Seesack gesteckt, und hatte dann die Wohnung mit einem leichten Bedauern verlassen. Er wusste immer noch nicht, wohin er sich wenden sollte.

Mit der U-Bahn war er zum Roten Platz gefahren. Hier schlug das Herz des Landes. Wenn es etwas zu erfahren gab, dann dort. Er sah jetzt aus wie ein ganz gewöhnlicher Sowjetbürger. Er besaß eine gültige Identitätskarte und zur Not seinen Dienstausweis. Das musste vorerst reichen, zumindest solange man keine Großfahndung ausgelöst hatte. Hier in der Menge fühlte er sich einigermaßen sicher.

Wortfetzen umschwirrten ihn. »Man weiß gar nichts.« – »Es sollen jetzt überwiegend Frauen sein.« – »Das glaube ich nicht.« – »… verhaftet …« – »Nein, nein, erschossen … Ja, außerhalb natürlich.« – »In den Nachrichten haben sie nichts gesagt.« – »Kein Wunder.« – »Vielleicht gibt’s bald ein paar Verbesserungen, vollere Geschäfte zum Beispiel.« – »Optimist! Die machen doch nur Versprechungen.« – »Ist doch immer dasselbe!«

Jakowlew wandte den Kopf. Zwei Männer erregten seine Aufmerksamkeit. Sie waren relativ gut gekleidet, wie Funktionäre der mittleren Schicht, keine Arbeiter. Sie unterhielten sich leise, und Jakowlew verringerte vorsichtig die Distanz zu ihnen, bis er sie verstehen konnte.

»… ist ganz sicher«, sagte der Ältere. »Das habe ich heute Mittag von meinem Schwager gehört. Er war doch heute Morgen im Kreml. Er sagt, dass alle auf neue Anweisungen warten. Offenbar ist die Lage noch nicht endgültig konsolidiert. Keiner traut sich, etwas zu unternehmen. Sie warten alle ab, bis neue Befehle kommen. Es heißt, dass das gesamte Politbüro seine Ämter zur Verfügung gestellt hat.«

Der jüngere Mann lachte kurz auf. »Zur Verfügung gestellt! Ich möchte wissen, wer solche Lügen noch glaubt. Sie sind alle verhaftet worden. Das weiß doch die ganze Stadt. Es heißt, dass ein provisorisches Politbüro gebildet wurde, in dem fast nur Frauen sitzen.«

Der Ältere nickte. »Das ist möglich. Mein Schwager war sich nicht sicher, aber diese Meinung herrscht auch im Kreml.«

»Aber man muss doch wissen, von wem die Befehle kommen. Was tut denn die Armee?«

»Die Armee hält still. Sie hat ihre Anweisungen von ganz oben erhalten. Die Einheiten im Moskauer Raum gehören offensichtlich zu den neuen Leuten. Immerhin scheint alles sehr friedlich abzulaufen. Bisher hat man noch nichts von einem Zwischenfall gehört. Die Grenzen sind abgeriegelt und die Flughäfen gesperrt. Mein Schwager sagt, dass in der Telefonzentrale des Kremls ungewöhnliche Aktivität herrscht. Sämtliche Auslandsleitungen sind ständig ausgelastet. Auch die Funkzentrale. Aber keiner weiß, was diese hektische Betriebsamkeit mit dem Ausland zu bedeuten hat.«

Der jüngere von den beiden wiegte den Kopf. »Das dicke Ende kommt noch. Du wirst sehen. Das ist alles nur der Anfang. Du brauchst dich doch nur umzusehen. Jeder hier spürt es. Selbst wenn es keine Informationen gibt – die Menschen wissen, dass etwas Ungewöhnliches geschieht. Bei uns im Ministerium schwirrten ständig Gerüchte herum, bis man überhaupt keinem mehr glauben durfte. Alle Kollegen sind früh gegangen, und selbst die Bonzen hatten keine Ahnung. Selten habe ich so sorgenvolle Mienen gesehen.«

»Ich habe schon früher Regierungswechsel erlebt, allerdings gab es keine Panzer auf dem Roten Platz. Daraus kann man schließen, dass der Wechsel nicht reibungslos vonstattengeht oder dass die neuen Leute zumindest mit Unruhen rechneten. Es wird natürlich nichts passieren. Was sollen die Leute schon tun?«

Jakowlew war beruhigt, dass alle anderen auch nicht mehr wussten, wenn damit seine Neugier auch nicht befriedigt war. Immerhin war nun klar, dass im Kreml eine Veränderung stattfand oder stattgefunden hatte. Ob Staatsstreich, Armeerevolte, politischer Umsturzversuch oder was auch immer, war derzeit ungewiss. Und es gab keine Möglichkeit, die Entwicklung zu beeinflussen, denn wer jetzt an den Fäden zog, der besaß die Panzer, und Panzer waren schon immer ein überzeugendes Argument.

Am Spasski-Tor entstand Bewegung. Zwei Limousinen verließen den Kreml und überquerten in schneller Fahrt den Platz, bis sie in Richtung Rossija-Hotel verschwanden. Die Menschen reckten die Hälse, aber der Vorgang war so bedeutungslos, dass keine Hypothese daraus abzuleiten war.

Jakowlew hätte jetzt gerne gewusst, was hinter den hohen Mauern des Kremls vor sich ging. Von seinem Standort aus konnte er das Gebäude, in dem das Politbüro gewöhnlich tagte, nicht sehen. Langsam senkte sich der Abend auf die Stadt. Das normale, pulsierende Leben, das sonst den Roten Platz beherrschte, schien nicht nur hier, sondern in der ganzen Stadt erloschen zu sein. Es war eine Art Friedhofsruhe.

Die Menge zerstreute sich allmählich. Auch für Jakowlew wurde es Zeit zu gehen, sonst machte er sich noch verdächtig, denn aufzufallen war das Letzte, was er sich wünschte. Mit erschreckender Deutlichkeit war ihm bewusst geworden, dass er nur wenige Möglichkeiten besaß. Unterzutauchen war die eine, das Land zu verlassen die andere, wobei dies mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war. Rasch ging er die verschiedenen Alternativen durch. Er konnte nach Leningrad fliegen und von dort aus versuchen, über die Ostsee oder auch über den Landweg nach Finnland zu entkommen. Allerdings wusste er sehr genau, dass die sowjetischen Grenzen die am schärfsten bewachten der Welt waren. Sein Ausweis würde ihm helfen, aber für einen Grenzübertritt reichte auch ein KGB-Ausweis nicht.

Es gab keine Freunde, die ihn versteckt hätten, zumal diese Möglichkeit die gefährlichste war. Das Land war groß, aber zu klein, um auf lange Sicht erfolgreich darin unterzutauchen.

Er konnte natürlich auch zu seiner Dienststelle gehen und hoffen, dass noch nicht der gesamte Apparat in den Händen seiner Gegner war. Nein, das war sinnlos. Dort existierte er bereits nicht mehr. Unschlüssig sah er zur Kreml-Mauer hinüber, als könnte von dort eine Erleuchtung kommen.

Es war still. Die dunklen Panzerkolosse wirkten wie sprungbereite Raubtiere. In den offenen Turmluken sah man die Oberkörper der Kommandanten. Jakowlew wandte sich zum Gehen. Er war nahezu der einzige Mensch auf dem riesigen Platz, und er hatte das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit sämtlicher Panzeroffiziere sich auf ihn richtete.

Der Marschtritt schwerer Stiefel klang ihm entgegen. Er blieb stehen und umklammerte den Trageriemen seines Seesacks, als könne er sich daran festhalten. Ihm war übel.

Eine Patrouille von fünf Soldaten bog um die Ecke. Sie trugen Kampfuniformen und waren mit Maschinenpistolen bewaffnet. Jakowlew schlug das Herz bis zum Halse. Eine Flucht war ausgeschlossen und hätte ihn nur verdächtig gemacht. Seine einzige Hoffnung war, dass sie ihn nicht beachteten oder dass bei der Kontrolle sein Ausweis ausreichend war.

Der Offizier an der Spitze der Patrouille hob die Hand, und die Soldaten blieben stehen. Sie waren noch etwa fünf Meter von Jakowlew entfernt, und erst jetzt erkannte er, dass es sich um Frauen handelte. Sie trugen die Uniform eines Infanterieregimentes, was an sich nicht weiter ungewöhnlich war, denn in der Roten Armee gab es viele Frauen, darunter auch zahlreiche höhere Dienstgrade.

Die Anführerin, ein Leutnant, kam auf ihn zu und streckte die Hand fordernd aus. »Ihre Papiere, Genosse. Ab heute Abend ist der Ausnahmezustand verhängt. Es wird seit einer Stunde im Radio verbreitet.«

»Davon … davon habe ich nichts gewusst«, stammelte Jakowlew.

Sie nickte unwirsch. »Das glaube ich Ihnen. Viele wissen es noch nicht. Das ändert aber nichts an meinen Befehlen. Jeder, der jetzt noch auf den Straßen angetroffen wird, hat sich auszuweisen. Personen, die keine Ausnahmegenehmigung vorlegen können, sind vorläufig festzunehmen und zu überprüfen. Ab morgen gelten verschärfte Bestimmungen. Darf ich nun um Ihre Papiere bitten?«

Die Soldaten standen im Halbkreis vor ihm. Es waren breitflächige, stumpfe Gesichter, wie er sie aus den asiatischen Steppen kannte. Die Frauen waren noch jung – und eifrig. Sie verfolgten jede seiner Bewegungen aufmerksam, als wäre er … ja was? Ein Feind?

Der Leutnant studierte seine Identitätskarte mit der Langsamkeit eines Analphabeten. »Was tun Sie auf dem Roten Platz? Ich sehe, dass Sie in einer ganz anderen Gegend wohnen.«

Er zuckte die Achseln. »Neugier. Keiner weiß, was eigentlich los ist, und ich dachte, dass man hier vielleicht eher etwas erfahren kann. So bin ich hergekommen.«

»Was unsere Bürger zu erfahren haben, wird ihnen von unseren verdienstvollen Massenmedien mitgeteilt«, sagte sie milde. »Wenn Sie sich daran gehalten hätten, wüssten Sie auch, dass eine Ausgangssperre verhängt wurde, und Sie hätten keine Schwierigkeiten.«

»Ich war gerade auf dem Weg nach Hause.«

Sie ging nicht darauf ein. »Was tragen Sie in Ihrem Gepäck mit sich, Genosse?«

Verwirrt deutete er auf seinen Seesack. »Hier? Nichts. Ein paar private Dinge.«

»Halten Sie das nicht auch für ungewöhnlich? Sie wollen auf den Roten Platz gehen, um Neuigkeiten zu erfahren und nehmen das alles mit? Ich muss Sie bitten, Genosse, den Beutel zu öffnen.«

Resignierend reichte er ihr den Seesack. Sie machte eine Kopfbewegung, und eine der Frauen nahm ihn entgegen. Sie gab einen unterdrückten Laut von sich, als sie ein Stück von Jakowlews Uniform herauszog. Unsicher sah sie zu ihrem Leutnant hinüber.

Die Genossin Leutnant nahm vorsichtshalber Haltung an, aber das Misstrauen war nicht aus ihrem Gesicht geschwunden. »Sie sind KGB-Offizier, Genosse?«

Er nickte. »Es handelt sich um einen Geheimauftrag. Deshalb trage ich die Uniform nicht. Ich bin nicht befugt, Ihnen weitere Einzelheiten mitzuteilen. Das werden Sie verstehen.«

»Sie besitzen sicher einen schriftlichen Befehl?«

Er schüttelte den Kopf. »Dazu ist die Angelegenheit zu vertraulich. Bei uns ist es nicht ganz so wie in der Armee. Es existieren nicht immer schriftliche Befehle.«

»Dann ist dieser Befehl auch nicht von heute?«, fragte sie – ein wenig lauernd, wie ihm schien.

»Nein, natürlich nicht, es handelt sich um einen längerfristigen Auftrag.« Jakowlew bemerkte die Erleichterung in ihrem Gesicht und wusste im gleichen Augenblick, dass er einen Fehler begangen hatte.

»Es tut mir leid, Genosse, aber laut Dekret Nummer siebzehn der neuen Regierung sind alle Geheimdienstaufträge innerhalb der sowjetischen Grenzen annulliert und bedürfen eines neuen Befehls. Und da die neuen Befehle erst seit heute herausgegeben sein können, fällt Ihr Auftrag unter das Dekret.«

Jakowlew erstarrte bei ihren Worten. »Welche neue Regierung?«, fragte er zögernd.

»Dies wird zu gegebener Zeit mitgeteilt. Die Spitzen von Partei und Armee sind informiert, aber es wird etwas länger dauern, die Bevölkerung über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen.«

»Ich akzeptiere Ihre Ausführungen«, entgegnete er. »Ich verzichte in diesem Falle auf die Erledigung meines Auftrages und werde morgen früh in meiner Dienststelle die neuen Anweisungen entgegennehmen. Darf ich meine Papiere wieder haben?«

Sie seufzte. »Ich fürchte, so einfach ist das nicht, Genosse. Ich muss Sie leider bitten, mir zu folgen, damit die Angelegenheit von kompetenter Stelle geprüft werden kann.«

Er richtete sich auf. »Sie vergessen meinen Dienstgrad. Die Armee ist nicht befugt, mir Weisungen zu erteilen.«

Sie blickte ihn mitleidig an. »Das ist vorbei. Derzeit ist die Armee die einzig legitime Macht in diesem Lande. Machen Sie mir bitte keine Schwierigkeiten! Es wird sich alles aufklären.«

Sie machte eine leichte Handbewegung, und die Läufe der Maschinenpistolen richteten sich auf seine Brust. Jakowlew hob resignierend die Schultern. Er hatte keine andere Wahl. Damit waren alle seine Pläne bezüglich Flucht oder Untertauchen hinfällig. Die neuen Machthaber – und zu denen gehörte offenbar auch Major, nein, Oberst Grenkowa – würden sehr schnell herausfinden, welchen Fang sie gemacht hatten. Und diesmal würde er keine zweite Chance erhalten.

Die weiblichen Soldaten nahmen ihn in die Mitte, und mit gesenktem Kopf passte er sich ihrem Tempo an. Es wurde kein weiteres Wort gesprochen. Die Dämmerung über Moskau verwandelte sich in Nacht.

 

 

 

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Mai

 

 

Gegenwart.

 

… Das eigentlich Traurige an der ganzen Geschichte ist, dass so wenige etwas dagegen unternommen haben. Man hätte doch annehmen können, dass sich eine breite Front des Widerstandes bildet. Aber das Wenige, das sich Widerstand nannte, war bereits unterwandert, ehe die erste Aktion startete. Da außerdem die Kontrolle der Medien total war, unterblieb natürlich jeder Bericht über eventuelle Gegenmaßnahmen. Jeder, der anders dachte, musste sich isoliert fühlen.

Die tiefsten Phasen meiner Depression sind zwar überwunden, aber manchmal frage ich mich, wozu ich überhaupt diese Zeilen schreibe. Es wird sie doch keiner lesen!

Vielleicht liegt es daran, dass kein Mensch für sich allein lebt. Er braucht andere, mit denen er reden kann. Ich kann nur schreiben. Und so sage ich es denn hier: Ich bin ihnen wieder entkommen.

Sie hatten mindestens eine Kompanie aufgeboten, um mich zu schnappen, und ich nehme an, es waren gut ausgebildete Leute, die es gelernt haben, das menschliche Wild zu jagen. Ich komme mir vor wie ein uralter Fuchs, der immer wieder seine Jäger überlistet, aber ich weiß, dass eines Tages die Jagd zu Ende geht, und ich hoffe, dass ich dann zu sterben verstehe. Das sagt sich leicht – aber ich wünsche es wirklich. Schließlich ist es das Letzte, das sie mir nicht nehmen können.

Alles andere ist vorbei, ich habe keine Illusionen mehr. Ich werde nichts ändern können, nur zusehen, wie die Welt, die ich kannte, in Vergessenheit versinkt. Jene, die nach mir kommen, werden noch nicht einmal die Erinnerung besitzen, dieses kostbare Gut, das dem Menschen geholfen hat, das Leben zu ertragen und die Gegenwart zu überwinden.

Dann gibt es noch die Hoffnung, die andere, in die Zukunft gerichtete Dimension. Sie erlischt jedoch eher als die Erinnerung, die demzufolge das Letzte ist, das uns bleibt.

Zurzeit deutet alles darauf hin, dass die große und vermutlich letzte Katastrophe unmittelbar bevorsteht. Ich werde morgen über die Grenze gehen und versuchen, einen der seltenen Flüge nach Südeuropa zu bekommen. Ich habe noch ein paar Freunde auf der Welt, und es wird Zeit, dass wir uns wieder sehen. Möglicherweise ist die Welt noch eine Anstrengung wert, ehe sie endgültig explodiert.

Große Hoffnung habe ich nicht mehr, aber ich will mir nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. Hinzu kommt, dass ich durchaus Angst um mein Leben habe, nachdem ich es so lange gerettet habe – allen meinen Verfolgern zum Trotz.

Die Trennung der Geschlechter war ein Misserfolg. Davon bin ich überzeugt. Die widernatürlichen Grenzen quer durch alles vorher Bestehende können nicht von Dauer sein. Es müsste doch ein paar vernünftige Menschen auf beiden Seiten geben, die in der Lage sind, diesen Zustand zu beenden – oder zumindest vorsichtige Veränderungen herbeizuführen.

Es ist verrückt: Ich denke an große globale Lösungen und sollte mich viel lieber darum kümmern, wie ich den nächsten Tag überlebe, wo ich ein Dach über dem Kopf finde und wie ich die Dinge beschaffe, die ich brauche. Ich habe eine Mange Tricks gelernt und kann mich auf der anderen Seite – bei den Männern – ohne Schwierigkeiten bewegen. Ich versuche es erst mal dort eine Zeit lang, ehe ich wieder in den Untergrund gehe. Ich benötige nicht sonderlich viel – meine Unterlagen, Geld in verschiedenen Währungen und eine gefälschte Identitätskarte. Wir werden sehen, wie lange es gut geht …

 

 

 

FÜNFTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

Robert Kinsley kam sich überflüssig vor. Seit George Baker ihn der Obhut seiner Freunde übergeben hatte, war seine Initiative eingeschränkt, um es vorsichtig zu formulieren. Der schweigsame Rico hatte ihn zu einem anderen Haus gebracht, in einen Stadtteil, den Kinsley nur dem Namen nach kannte. Er konnte sich nicht beklagen. Für Lebensmittel und Getränke war gesorgt, vor allem von Letzterem war reichlich vorhanden. Es gab einen Fernseher, um die Nachrichten oder auch läppische Shows zu sehen. Rico mochte Trickfilme besonders gern, und er ließ keinen aus.

Das Leben draußen, wie Kinsley es nannte, ging an ihm vorbei. Er befand sich in einer Phase der Resignation. Die Präsidentschaftswahlen waren inzwischen entschieden, und nach den Umfragen der letzten Tage davor war es keine Überraschung, dass Wilma Prescott die Wahlen haushoch gewann. Die Folge war ein politischer Erdrutsch ohnegleichen. Alle bisherigen politischen Konfrontationen und Konflikte waren überholt und wurden durch völlig neue ersetzt. Die gut eingespielten parlamentarischen und demokratischen Verfahrensweisen konnten mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Das Land befand sich in einer Krise.

Kinsley zeigte sich nur einmal überrascht. Das war, als der Präsident (die Präsidentin, er konnte sich noch nicht daran gewöhnen), seine (ihre) engsten Mitarbeiter dem staunenden Volk per Bildschirm präsentierte. Neuer Stabschef im Weißen Haus wurde Laura Stanwick, inzwischen zum General befördert. Er erinnerte sich noch gut an ihre Begegnung während der Party bei Vanessa – es schien Jahre her zu sein.

Selbst Rico runzelte bei manchen ungewöhnlichen Nachrichten die Stirn. Ihm schien die Entwicklung unbegreiflich zu sein, aber sein einfaches Weltbild ertrug mehr Erschütterungen, und solange man ihm nicht sagte, was er zu tun hatte, beschränkten sich seine Emotionen auf ein gedämpftes Grunzen vor dem Fernseher.

Kinsley balancierte vorsichtig eine geöffnete Dose Bier auf den Knien und schaute Rico zu, der seinen dicken Revolver ölte. Dieser Beschäftigung ging er mit großer Sorgfalt mindestens einmal am Tage nach. Er nahm die Waffe komplett auseinander, stierte minutenlang durch den Lauf, fummelte mit einem kleinen Pinsel an den Teilen herum und spendierte zum Schluss einen Tropfen Öl, sodass die Trommel sich schon durch Pusten bewegt hätte. Anschließend lud er die Patronenkammern mit seinen großkalibrigen Geschossen, die er vorher in Reih und Glied auf dem Tisch aufgebaut hatte. Es wirkte alles ein wenig kindisch.

»Ist das wirklich notwendig?«, fragte Kinsley träge.

Rico blickte verwirrt auf. »Was?«

Kinsley deutete auf den Revolver. »Du wirst dir noch deine Hemden versauen, wenn du ständig öl über die Waffe schüttest.«

Rico lächelte unsicher. »Das muss schon sein. Der Revolver ist mein Handwerkszeug, und außerdem gleitet er besser, wenn ich ihn aus dem Halfter ziehe.«

»Seit wir hier sind, hast du noch keinen Schuss abgefeuert, und wenn es mal nötig sein sollte, liegt er in Einzelteilen vor dir. Was machst du dann?« Kinsley blickte triumphierend.

Rico verzog den Mund, bückte sich und krempelte sein rechtes Hosenbein hoch. Um die Wade hatte er ein kleines Halfter mit einer flachen Pistole geschnallt. »Das ist eine Beretta«, erklärte er. »Sie ist zwar nicht so wirkungsvoll wie die große Kanone, aber sie reicht, um mir einen Gegner vom Leib zu halten. Ich habe gelernt, dass es immer gut ist, noch einen Trumpf im Ärmel zu haben. Du kannst beruhigt sein, uns wird so schnell niemand überraschen. Ich gehöre zu den Besten in meinem Fach.«

»Schönes Fach ist das!«, sagte Kinsley lauter, als es sonst seine Art war. Aus einem unbestimmten Grund wollte er provozieren. Das Eingesperrtsein ging ihm auf die Nerven. Ohne es zu wissen, bekam er einen leichten Gefängniskoller. »Dein Job ist also, Menschen umzulegen, wenn dir einer den Auftrag dazu erteilt?«

Rico schwenkte mehrmals die Trommel des Revolvers ein und aus. Er schüttelte bekümmert den Kopf. »So einfach ist das nicht. Man kann auch bei uns nicht einfach hingehen und einen anderen umlegen. So eine Entscheidung will reiflich bedacht sein.«

»Reiflich bedacht!«, höhnte Kinsley. »Aber im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden?«

»Nein, wieso? Das ist nur das letzte Mittel, wenn alle anderen versagen. Es ist Tradition. Wir haben eben unsere eigenen Gesetze. Wer zu uns gehört, muss sich diesen Gesetzen unterordnen, so einfach ist das.«

»Dann hoffe ich nur, dass ihr auch in Zukunft nach euren eigenen Gesetzen leben könnt. Ich habe nämlich den Eindruck, dass im Augenblick Bestrebungen ganz anderer Natur im Gange sind.«

»Wie meinst du das?«

»Ist schon gut.« Kinsley winkte ab und ließ sich in den Sessel zurückfallen. Diese Diskussion war absolut sinnlos. Rico war nicht der richtige Gesprächspartner für dieses Thema. Er war ein Automat, der auch Menschen tötete, aber er fühlte sich gewiss nicht als Killer. Für ihn war es ein Beruf, und er war in der Lage, ihn auszuführen.

Kinsley starrte gegen die Decke. Die Veränderungen waren nicht nur in den Vereinigten Staaten spürbar. Die ganze Welt spielte verrückt. Man hatte den Eindruck, als sei jedes Land nur mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Die Außenpolitik schien kaum noch eine Rolle zu spielen. Die üblichen kleinlichen Zänkereien und Streitigkeiten zwischen den Staaten und Blöcken waren vergessen. Selbst der Mittlere Osten war relativ ruhig. Auch im Ostblock schien einiges vorzugehen. Die Kreml Astrologen hatten allerdings keine befriedigenden Erklärungen, und die Grenzen waren abgeschottet. Es drang nichts heraus. Jedenfalls hatten die Sowjets ihre weltweiten Aktivitäten schlagartig eingestellt.

Die Kommentatoren der großen Tageszeitungen redeten ausschließlich über innenpolitische Ereignisse – und jeder kam zu einem anderen Ergebnis. Dabei war es relativ ruhig. Jeder schien zu warten. Nur – worauf?

Rico befestigte konzentriert die Griffschalen an seinem Revolver. Er war so bei der Sache, dass seine Zungenspitze hervorschaute. Endlich stieß er einen zufriedenen Laut aus und ließ die Trommel surrend kreisen. Mit einer oft geübten Bewegung verschwand die Waffe unter der Achsel.

»Würdest du auf eine Frau schießen?«, fragte Kinsley plötzlich.

Rico machte ein abweisendes Gesicht. »Frauen spielen bei uns keine Rolle. Warum sollte ich auf sie schießen?«

»Ich weiß, aber es kann sich doch eine andere Gelegenheit ergeben. Nehmen wir an, du musst dich verteidigen, und es bleibt dir nichts anderes übrig als der Griff zum Revolver.«

»Ich weiß nicht«, antwortete Rico zögernd. »Wahrscheinlich würde ich schießen, wenn es Notwehr ist. Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt.«

»Da bin ich nicht so sicher.«

Es klingelte im verabredeten Rhythmus, und Rico, der beim ersten Klingeln mit gezogener Waffe am Fenster stand, entspannte sich wieder. Er öffnete, und Baker kam herein. Er warf sich in einen Sessel, das Gesicht in grämliche Falten gelegt. Kinsley warf ihm eine Dose Bier zu.

»Ich habe den Eindruck, dass alles um uns herum zusammenbricht«, sagte Baker. »Ihr habt keine Vorstellung, welche Stimmung in der Stadt herrscht. Jeder ahnt, dass große Veränderungen bevorstehen, aber keiner sieht Veranlassung, etwas dagegen zu unternehmen. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Alle sind unsicher, denken nur in ihren beschissenen kleinkarierten Kategorien und ducken sich, um abzuwarten, dass das Gewitter vorüberzieht. Ich sage euch, Freunde, der große Knall kommt.«

»Und was, bitte, sollen wir tun?« Kinsley machte ein trotziges Gesicht.

Baker grinste gequält. »Ich weiß nicht. Wir sitzen mitten in der Scheiße, und wir werden auch darin ersticken. Es ist zu spät. Die Welt ist ein Irrenhaus geworden.«

»Das war sie doch schon immer.«

»Aber da gab’s immer noch ein paar Ärzte. Aber die sind jetzt auch angesteckt. Sie haben sich mit eingeschlossen.«

Rico blickte gespannt von einem zum anderen, die Hand vorsichtshalber in der Nähe seines Revolvers, denn wenn dieser große Knall, von dem eben gesprochen wurde, unmittelbar bevorstand, wollte er seinen Teil durchaus beitragen, und der war nun einmal auf gewisse Fähigkeiten beschränkt. Rico hätte den beiden liebend gern gezeigt, dass er sein Handwerk verstand, doch leider war auch nicht der Funke einer Bedrohung zu sehen, und von Bedrohung verstand er eine Menge. In der Regel tauchte sie in der Form von Polizei auf, manchmal auch in Zivilanzügen. Beiden gemeinsam war die Verfügungsgewalt über eine Waffe. Eine sehr konkrete Bedrohung. Aber es war weit und breit nichts zu sehen.

»In Washington überschlagen sie sich«, sagte Baker. »Sie bereiten neue Gesetze vor. Darunter sind ein paar, die mir sehr zu denken geben. Es soll für einen gewissen Zeitraum keine Eheschließungen mehr geben.«

»Sie sind verrückt.« Kinsley starrte ihn ungläubig an.

»Leider nicht, ich wollte, es wäre so. Sie kriegen die Gesetze auch durch. Haben Sie sich mal die Zusammensetzung von Senat und Repräsentantenhaus angesehen? Im Senat sitzen mehr als dreißig Prozent Frauen, und im Kongress mögen es mehr als die Hälfte sein. Diese Entwicklung haben wir in den letzten Jahren überhaupt nicht beachtet! Im Zeichen der Emanzipation und Gleichberechtigung haben wir alles abgesegnet und für gut befunden. Ich sage Ihnen: Wir werden sehr merkwürdige Gesetze kriegen.«

»Das kommt mir alles zu unwahrscheinlich vor. Sicher, ich weiß auch, dass einige Bestrebungen im Gange sind, die mir persönlich überhaupt nicht gefallen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein ganzes Land, der mächtigste Staat der Erde, so einfach übernommen werden kann. Und wohin soll es führen? Wir haben eine neue Regierung, gut, aber ein solcher Wechsel geschieht alle paar Jahre.«

»Sie haben kürzlich noch anders gesprochen.«

»Meine Meinung ist nicht anders geworden. Ich sehe es nur nicht ganz so dramatisch wie Sie. Seit ich hier in diesem Haus sitze, kommt mir die Vergangenheit wie ein böser Traum vor, aus dem ich irgendwann erwache. Ich muss einfach hoffen, dass bald wieder andere Zeiten kommen, dass ich mich wieder frei bewegen kann. Es ist fast kein Unterschied, ob ich hier oder in einem richtigen Gefängnis sitze.«

»Kinsley, Sie haben Scheiße im Gehirn. Sie vergessen, dass es um Ihr Leben geht. Selbst meine skeptischen Freunde, die Sie ja kennengelernt haben und die Ihnen diese Fluchtburg ermöglichen, haben sich inzwischen meiner Meinung angeschlossen. Meine Informationen kommen nicht von ungefähr. Wir haben alle Verbindungen spielen lassen, über die wir verfügen. Wir wissen mehr als die meisten Menschen in diesem Land. Wissen Sie eigentlich, dass viele Fernsehstationen und einige große Zeitungen bereits unter Kontrolle stehen?«

»Unter wessen Kontrolle?«

»Washington. Das Weiße Haus. Zahlreiche andere Organisationen, die nur Auswüchse desselben Polypen sind. Ich habe auch keine Ahnung, was wirklich dahintersteckt. Ich weiß nur, dass es nicht gut sein kann.«

»Wenn es die Polypen sind, wüsste ich schon, was wir dagegen tun können«, mischte sich Rico in das Gespräch.

»Da haben Sie es«, seufzte Baker leise. Er wandte sich um. »Rico, es ist besser, du hältst dich in Zukunft aus dem Gespräch heraus. Wenn wir deine Kanone brauchen, werden wir dir rechtzeitig Bescheid sagen.«

Rico nickte und nahm seinen Beobachtungsposten am Fenster ein.

»Denken Sie an David Ingham«, fuhr Baker fort. »Er war mein Freund, vielleicht mein bester. Man hat ihn abgeknallt, obwohl ich immer noch sicher bin, dass ich eigentlich gemeint war. David ist aber nicht das einzige Opfer dieser Wahnsinnigen.« Er beugte sich vor. »Wissen Sie, wie viele es allein in der letzten Woche in New York waren?«

Kinsley schüttelte den Kopf und krampfte sich innerlich vor der schrecklichen Wahrheit zusammen, die er gleich hören sollte.

»Mehr als dreihundert! Und das sind nur die nachgewiesenen Fälle. Sie scheuen nicht davor zurück, es in aller Öffentlichkeit zu tun. Fanatische Weiber, die plötzlich auf der Straße eine Pistole aus der Handtasche ziehen und einen Mann niederknallen, nur weil er ihnen im Wege steht bei dem, was sie vorhaben. Ich bin sicher, dass diese Mordbefehle von ganz oben kommen. Wahrscheinlich haben sie schon seit geraumer Zeit lange Listen von missliebigen Männern angelegt, und jetzt gehen sie daran, diese Menschen auszulöschen. Andere werden verhaftet und verschwinden in irgendwelchen Gefängnissen.«

»Aber das ist doch in einem Rechtsstaat unmöglich!«, entrüstete sich Kinsley. »Wir haben schließlich Gerichte, Polizei, die Armee!«

Baker machte mit bekümmertem Gesicht ein neues Bier auf. »Diese Institutionen sind alle schon kontrolliert. Die Entwicklung ist nicht über Nacht gekommen, sondern schon vor langer Zeit angelaufen. Wir haben nur nichts bemerkt.«

»Es klingt unglaublich.«

»Auf der ganzen Welt geschieht das Gleiche. Meine Freunde sind ziemlich nervös geworden, seit auch sie ein paar Ausfälle zu verzeichnen haben. Don Emilio verlässt das Haus nur noch in Begleitung von einem halben Dutzend Leibwächter. Seinen Neffen hat es erst gestern erwischt. Es waren uniformierte Polizistinnen. Angeblich wollte er eine Waffe ziehen, und sie haben ihn in Notwehr erschossen. Dabei hat er nur falsch geparkt! Was hier geschieht, ist legalisierter Mord. Das Schlimme dabei ist, dass die meisten Menschen diese Tatsachen einfach hinnehmen und nicht eine Sekunde darüber nachdenken – bis sie selbst betroffen sind.«

»Das war schon immer so«, sagte Kinsley leise. Er war sehr nachdenklich geworden. Seine zum Teil wirren Überlegungen der letzten Zeit bekamen einen sehr realen Hintergrund. Sein Verstand weigerte sich nicht mehr, die Ungeheuerlichkeiten zu begreifen. Allmählich überwand er das Stadium der Depression, und der Wille zu überleben wurde immer stärker. Er besaß Freunde, die ihn beschützten, mächtige Verbündete, die noch nie vor einem Gegner kapituliert hatten, nicht ungefährlich und beileibe nicht harmlos, aber in diesen Zeiten konnte man sich weder Feinde noch Freunde aussuchen.

Einige Sekunden vergingen in zähem Schweigen, dann sagte Baker plötzlich: »Ich weiß, wer für David Inghams Tod verantwortlich ist. In der letzten Zeit habe ich kaum etwas anderes getan, als dies herauszubekommen. Es ist meinen Freunden und mir gelungen.«

»Wer war es?«

»Ein bezahltes Werkzeug. Es ist sinnlos, sich an der Frau zu rächen, die im Studio den Abzug durchgezogen hat. Mir kommt es darauf an, die Auftraggeber zu fassen, aber ich musste einsehen, dass ein System existiert. Es gibt keinen einzelnen Namen, der ein Todesurteil unterzeichnet hätte. Deswegen werde ich auch nichts tun.«

Kinsley war aufgestanden. Um seinen Mund lag ein entschlossener Zug, und die Weichheit war aus seinem Gesicht gewichen. Er war auf die andere Seite seines privaten Fegefeuers gekommen. »Ingham hat sich also umsonst geopfert? Sie legen die Hände in den Schoss und resignieren, dabei waren Sie immer der Stärkere von uns beiden.«

»Was wollen Sie? – Rache?«

»Nein. Wir müssen uns wehren. Betrachten wir uns als Widerständler, wenn auch gegen eine Bedrohung, die wir nicht genau definieren können. Ich befand mich lange genug in Lethargie, und jetzt muss ich etwas tun, ehe ich verrückt werde. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, aber erst heute haben Sie mir endgültig die Augen geöffnet, wie ein Katalysator, der die vorhandenen Gedanken in die richtigen Bahnen lenkt.«

»Was Sie sagen, klingt sehr mutig.« Baker verzog die Lippen. »Aber ich fürchte, wir haben keine Chance. Wir wissen nicht einmal, wo wir ansetzen müssen. Der Feind kann überall sein, und es wird uns nicht gelingen, die Massen zu mobilisieren. Was wir wissen, ist noch lange kein Allgemeingut, denn die wichtigsten Nachrichten werden unterdrückt. Man wird uns nicht glauben. Die Menschen haben sich immer schon vor objektiven Wahrheiten gescheut, sie glauben lieber das, was sie glauben wollen.«

»Sie sind ein Zyniker.«

»Schon möglich, aber ich bin auch Realist. Können wir mit Gewalt etwas erreichen? Ist Gewalt überhaupt die richtige Antwort?«

»Wir haben keine Zeit für philosophische Erörterungen. Ich meine, jetzt müssen wir handeln.«

Baker starrte Kinsley lange an. »Wahrscheinlich haben Sie recht.« Seine Stimme klang müde. »Mobilisieren wir also die Gegenrevolution.«

Kinsley nickte langsam.

 

*

 

Die Frauenrunde wirkte äußerlich wie ein Kaffeekränzchen. Frauen in mittleren Jahrgängen, durchweg konservativ gekleidet. Hausfrauen im Mittleren Westen, die ein Gartenfest für die Gemeinde vorbereiten? Erfahrungsaustausch über Kindererziehung? Frauen von leitenden Angestellten, die zusammensitzen, während ihre Männer an einem Kongress teilnehmen? Nein: der Präsident der Vereinigten Staaten mit seinem Beraterstab.

Noch nie hatte das Weiße Haus in seiner langen Geschichte eine solche Versammlung erlebt, und bis auf wenige Ausnahmen waren auch noch nie solche schwerwiegenden Entschlüsse getroffen worden. Das Schicksal der Nation stand nicht zum ersten Mal zur Debatte, aber hier ging es um Entscheidungen, die jedes Individuum zentral betrafen. Gefallen waren die Entscheidungen schon, jetzt ging es um die Verwirklichung.

»Wie viel Zeit werden wir für den großen Plan brauchen?«, fragte die Jüngste der Runde, eine Frau von Anfang Dreißig und derzeit Pressesprecherin des Weißen Hauses.

Wilma Prescott, die Präsidentin, lächelte sanft. »Wer weiß? Zwanzig Jahre? Dreißig? Noch länger? Wir waren uns immer einig, dass der große Plan sich nicht über Nacht verwirklichen lässt. Wir dürfen die Menschen nicht überfordern, sonst entfachen wir einen Sturm, der alles in ein Chaos stürzt. Nein, meine Liebe, wir müssen uns Zeit lassen. Ich gebe zu, dass wir eher Erfolg hatten, als ich dachte. Aber unsere Kontrolle ist noch lange nicht total. Wir müssen die Macht konsolidieren und vorsichtig ausweiten, die Ziele sorgfältig abstecken und vor allen Dingen jeden beginnenden Widerstand erkennen, um entschlossen zuzuschlagen. Unsere Schwestern müssen in die entscheidenden Positionen gelangen. Das ist ein schwieriger Weg, und er wird seine Zeit brauchen.«

Laura Stanwick, Stabschefin des Weißen Hauses, nickte. »Noch benötigen wir die Männer. Wir sind zu wenige, um das Land steuern zu können. Immerhin weiß ich, dass wir die Polizei ziemlich gut im Griff haben. Die Armee wird ruhig bleiben. Sie hat genügend Spielzeug, um sich die Zeit zu vertreiben. Notfalls geben wir ihr noch mehr.«

Einige kicherten, bis die Präsidentin mit einer Handbewegung für Ruhe sorgte. »Wie sieht es in anderen Ländern aus? Müssen wir uns auf eine Bedrohung von außerhalb einstellen?«

»Nein.« Linda Karlsson, frischgebackene Leiterin der Central Intelligence Agency und Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat, schüttelte den Kopf und klopfte auf eine dicke Akte, die vor ihr auf dem Tisch lag. »Ich habe hier die neuesten Berichte aus dem Ausland. Generell kann man sagen, dass alle Länder mit ihren eigenen Problemen zu tun haben. Die Entwicklung, unser großer Plan, ist überall fast gleichzeitig ins Rollen gekommen – auch in den Ländern, mit denen wir nicht in Verbindung stehen. Der Ostblock hat sich hermetisch abgeriegelt, wir wissen aber, dass die Machtübernahme in der Sowjetunion erfolgreich war. Dort wird man viel eher die gesamte Kontrolle haben als bei uns. Die übrigen Ostblockländer werden folgen. Unsicher ist die Lage im Fernen Osten. In Japan hat sich überhaupt noch nichts getan, und aus China liegen keine Informationen vor. Im Mittleren Osten, in Teilen Afrikas und in einigen südamerikanischen Ländern gibt es Unruhen und Aufstände. Gut sieht es in Europa aus, wobei die Situation in den einzelnen Ländern unterschiedlich ist. Die Wahlen sind jedenfalls überall zugunsten der Frauen ausgegangen.«

Die Präsidentin blickte erfreut in die Runde. »Wir werden den großen Plan verwirklichen, nur Geduld! Lange genug haben wir uns die Fehler der Männer angesehen – wir werden die gleichen Fehler nicht wiederholen, das verspreche ich euch.«

Die Justizministerin räusperte sich. »Wir mussten eine Reihe von einschneidenden Maßnahmen treffen und gewisse Leute eliminieren. Das wird nicht allen gefallen, aber wir haben keine andere Wahl, wenn wir uns rasch durchsetzen wollen.«

»Ich möchte keine Einzelheiten wissen.« Die Präsidentin hob gebieterisch die Hand. »Die einzelnen Ressorts kennen ihre Aufgaben und haben dementsprechend zu handeln. Ich gebe zu, dass manche Maßnahmen hart sind, aber sie sind erforderlich. Dieses Thema ist bereits zur Genüge besprochen worden. Keine Diskussion darüber.«

»Die Unterstützung, die wir erhalten, wächst rapide«, sagte die Pressesprecherin. »Aus allen Teilen des Landes kommen Telegramme und Grußschreiben. Die Zustimmung zu unserer Politik ist ungeheuer – nicht nur von Frauen, wie ich noch ergänzen möchte.«

»Die meisten Männer werden auch diesmal nicht merken, was mit ihnen geschieht.« Laura Stanwick bemerkte es mit süffisantem Gesichtsausdruck. »Wenn sie es begreifen, wird es zu spät sein. Ich mache mir in dieser Beziehung wenig Sorgen. Wir werden die totale Kontrolle schneller erreichen, als wir glauben. Wichtig ist, dass unsere Verbündeten auf die richtigen Plätze nachrücken. Ich bin mit unserer geschätzten Kollegin von der Justiz wohl dahingehend einig, dass die noch besetzten Plätze freigemacht werden müssen, notfalls mit härteren Methoden.«

Alle nickten beifällig, und sie sahen die Vision ihres großen Planes unaufhaltsam näherkommen.

 

*

 

Paul Wagner sah die beiden Frauen ungläubig an. »Was haben Sie gesagt? Ich muss mich verhört haben. Könnten Sie das noch einmal wiederholen?«

Sie standen in seinem Büro, und er war vor Erregung aufgesprungen, als die beiden einen Wisch vor seiner Nase schwenkten und ihm mitteilten, dass … ja, was eigentlich? Es war unmöglich!

Mit unbewegtem Gesicht trug ihm die ältere, rechts stehende, den Sachverhalt erneut vor. »Ihre Firma fällt unter den neuen Erlass der Regierung. Das ist amtlicherseits festgestellt worden, und deshalb sind wir hier, um die entsprechenden Schritte in die Wege zu leiten. Der Erlass sieht in Ihrem Fall vor, dass Sie Ihre sämtlichen Geschäftsführungsangelegenheiten Ihrer Frau zu übergeben haben.«

Sie senkte den Blick in das Papier. »Sie haben eine Frist von zwei Wochen, um alle Angelegenheiten zu ordnen. Sie haben danach natürlich die Möglichkeit, weiter in der Firma tätig zu sein, sofern Ihre Frau keine Einwände erhebt. Die Besitzverhältnisse innerhalb der Familie sind allerdings endgültig geändert.«

»Das … das ist ungesetzlich«, stammelte er. »Das ist Enteignung. Das können Sie nicht machen!«

Die beiden nickten einträchtig. »Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass Zuwiderhandlungen unnachsichtig bestraft werden. Das Gesetz ist mit großer Mehrheit angenommen worden und entspricht damit dem Willen des Volkes. Ein Widerspruch gegen die getroffenen Maßnahmen ist nicht vorgesehen. Sie haben noch die Möglichkeit eines Verkaufs, jedoch gilt für den Erlös eine ähnliche Regelung, sodass wir Ihnen von dieser Möglichkeit abraten.«

»Gibt es viele wie mich?«, fragte Paul Wagner zögernd.

Zum ersten Mal machte die jüngere der beiden den Mund auf. »Natürlich. Das neue Gesetz soll die bisherige Benachteiligung der Frau auf breiter Front abbauen. Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, möchten wir uns verabschieden, denn wie Sie sich denken können, müssen wir ein ziemliches Arbeitspensum erledigen. Wir sind schon spät dran.«

Aus ihren Worten klang nicht einmal Ironie. »Tut mir leid, wenn ich Sie aufgehalten habe«, murmelte er und versuchte, ein Zittern in der Stimme zu verbergen.

Die Ältere legte das Papier auf den Tisch. »Hier ist der Bescheid für Sie. Es steht alles genau drin. Wir raten Ihnen zur sorgfältigen Lektüre, denn der Zeitplan muss eingehalten werden, da in etwa drei Wochen ein Überprüfungstermin anberaumt ist, und wir sehen es nicht gern, wenn unsere Arbeit behindert wird.«

»Ich verstehe«, sagte er tonlos.

Als sie wieder draußen waren, musste er sich in die Hand kneifen, um sich davon zu überzeugen, dass er bei vollem Bewusstsein war. Das Schriftstück auf dem Tisch war allerdings keine Einbildung. Seine Hand zitterte, als er es zur Hand nahm, und die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Allmählich wich das Gefühl einer schmählichen Niederlage ungeheurer Wut.

Er griff zum Telefon und wählte hastig. Seine Frau musste neben dem Apparat gestanden haben. Ihre Stimme klang kühl und unbeteiligt wie immer. »Was regst du dich auf? Es ist Gesetz. Wir haben einfach die Rollen vertauscht, das ist alles.«

»Das ist alles?«, schrie er unbeherrscht. »Ich lasse mir doch nicht von diesen idiotischen Weibern alles zerstören, was ich aufgebaut habe!«

»Wir haben alles aufgebaut«, erinnerte sie ihn sanft. »Du musst endlich begreifen, dass die Zeiten sich geändert haben. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte haben die Frauen Gelegenheit, den Männern zu zeigen, wie man es anders machen kann. Ich bin sicher, dass es besser klappt.«

»Ihr versteht vom Geschäft doch nichts, und du ganz besonders nicht! Die Pleite ist doch schon vorprogrammiert.« Paul Wagner bemühte sich, klar zu denken. »Ich werde mich dagegen wehren, alles in einem Chaos enden zu lassen, das kannst du mir glauben!«

»Reg dich ab, denk an deinen Blutdruck! Was willst du denn machen? Der Staat ist auf meiner Seite, und dieses Gesetz wird noch nicht das letzte sein, das den Frauen endlich die wirkliche Gleichberechtigung einräumt. Du wirst dich noch wundern.«

»Dies ist nicht mehr mein Staat«, flüsterte er. »Wir werden sehen, ob es so einfach geht.« Er legte auf, und sein Blick fiel wieder auf den Bescheid. Unbeherrscht hämmerte er mit den Fäusten auf die Tischplatte. Seine Mitarbeiter hätten sich sehr gewundert, aber glücklicherweise besaß sein Büro eine schalldichte Tür.

Paul Wagner ließ sich in den hohen Ledersessel fallen, den er sich als einzigen Luxus in seinem Büro gönnte. Es hatte keinen Sinn, sich aufzuregen. Er konnte nur noch versuchen, den Schaden möglichst gering zu halten. Das Geschäft blieb zwar in der Familie, aber die Situation würde sich grundlegend ändern. Seine Frau hatte schon immer eine Vorliebe für feine Sticheleien, und er vermochte sich gut auszumalen, welchen Stand er in Zukunft haben würde. Von Nachteil war fraglos, dass seine Frau über seine Geschäfte relativ gut informiert war. Es würde nicht einfach sein, in dieser knappen Frist Kapital beiseite zu schaffen.

Er kicherte leise. Aber es war natürlich möglich. Sie sollte sich wundern, denn er, Paul Wagner, hatte immer noch ein paar Trümpfe im Ärmel. Das hatte er in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen. Sie sollten ihn noch kennenlernen! So leicht ließ er sich nicht aus dem Geschäft drängen, nicht von einer Horde wild gewordener Weiber. Man sollte sie alle mal anständig aufs Kreuz legen. Das war es, was ihnen fehlte. Dann würden ihnen die Flausen schon vergehen.

Er griff in ein Schreibtischfach und stellte eine Flasche Cognac auf den Tisch. Suchend sah er sich nach einem Glas um. Ach, was! Er setzte die Flasche an die Lippen und ließ den scharfen Alkohol in die Kehle rinnen. Sein Inneres wurde angenehm gewärmt. Jetzt sah die Welt schon viel freundlicher aus, und er konnte darangehen, Pläne zu machen.

Paul Wagner entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit, nur unterbrochen, wenn er sich einen kräftigen Schluck genehmigte. Die ersten Anrufe betrafen seine Bankverbindungen.

Und dort erhielt er den nächsten Schock.

»Tut mir leid, Herr Wagner«, sagte der Bankmensch mit kultivierter Stimme. »Wir haben Anweisung, keine Transaktionen von Geschäftskonten auf private Konten vorzunehmen, sofern nicht eine ausreichende Begründung vorgelegt wird, die darüber hinaus von der geschäftsführenden Ehefrau unterschrieben werden muss. Ich habe eine Liste mit Namen erhalten, und auf der habe ich zu meinem Bedauern auch Ihren Namen entdeckt. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Lecken Sie mich im Arsch!« Paul Wagners Gesicht war rot angelaufen, und er knallte den Hörer auf die Gabel.

Jetzt begann es wirklich schwierig zu werden. Die verfluchten Weiber hatten doch an alles gedacht! Na, schön, er besaß noch ein kleines Konto bei einer Sparkasse, von dem seine Frau nichts wusste, aber damit kam er nicht weit. Blieb noch sein Nummernkonto in der Schweiz und sein Aktienpaket. Nein, das lief ja über das Geschäftskonto. Als Sicherheit für kurzfristige Kredite, die er bei seinen Geschäften hin und wieder benötigte. Verdammter Mist!

Sollte er kampflos aufgeben? Alles hinschmeißen und zusehen, wie seine Frau die Firma in die Pleite ritt? Und wenn sie Erfolg hatte? Dann stand er ganz schön blöd da. Paul Wagner biss auf seiner Unterlippe herum, bis ein Blutstropfen hervortrat und der leichte Schmerz ihn wieder an die Wirklichkeit erinnerte. Er korkte den Cognac zu und verstaute die Flasche im Schreibtisch. Alkohol half jetzt nicht weiter.

Natürlich konnte er sich arrangieren. Er hatte sich immer irgendwie arrangiert. Die Schockwirkung verflüchtigte sich allmählich und machte den üblicherweise folgenden Reaktionen Platz: Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Hass, Angst – ein Kaleidoskop von Emotionen.

Wenn er versuchte, mit seiner Frau ein vernünftiges Wort zu reden? Vielleicht konnte er sie zur Einsicht bewegen oder zumindest dazu, dass die Übergabe nur pro forma stattfand, er aber weiter in voller Verantwortung die Geschäfte führte? Dann hätte er ausreichend Gelegenheit, seine Fluchtwege vorzubereiten und Geld abzuzweigen. Er musste Zeit gewinnen, bis alles wieder in ruhigeren Bahnen verlief. So war es doch immer. Irgendwann war der Dampf raus, die Aufregung legte sich, und ein vernünftiger Mann konnte seine Geschäfte wieder so betreiben, wie er es für richtig hielt.

Das Beschissene war natürlich, dass er kein Einzelfall war. Seinen Freunden aus der Branche ging es sicher ähnlich. Für seine Probleme hatten sie zurzeit gewiss kein Ohr. Wenn man sich nun zusammensetzte? Gemeinsam Lösungen ausarbeitete? Sie waren doch alle betroffen.

Ob dieses neue Gesetz auch für Ärzte galt? Anwälte? Alle freien Berufe? Diesen Schock würde die Wirtschaft nicht verdauen. Paul Wagner war ganz sicher. Indes interessierten ihn die Probleme der Volkswirtschaft nur, soweit sie ihn selbst betrafen. Die anderen sollten gefälligst sehen, wie sie zu ihrem Recht kamen. Er war sicherlich der am härtesten Geschädigte. Es galt, Strategien zu entwerfen.

An sich war die ganze Sache völlig hirnrissig. Es musste doch Menschen in diesem Land geben, die sich dagegen wehrten! Das konnte man doch nicht so einfach hinnehmen! Es gab eben zu viele Schlappschwänze und Fettärsche in diesem Land, träge geworden durch das gute Leben, das sie führten, und zu beschränkt, Entwicklungen vorauszusehen. Er hatte das immer vermocht. Allerdings, musste er ehrlicherweise einräumen, hatte selbst er diesmal gepennt. Also musste er wieder die Ärmel hochkrempeln, wie in alten Zeiten. Paul Wagner riskierte einen halbwegs fröhlichen Pfiff.

 

*

 

Robert Kinsley schob die hintere Plane des Transporters vorsichtig ein Stück zur Seite und spähte hinaus. Seine schweißnasse Hand klammerte sich um das ungewohnte Metall der Pistole, als hinge sein Leben daran. Tat es vielleicht auch. Rico hatte ihm die Beretta überlassen, nicht, ohne ihm einen längeren Vortrag über den Umgang mit Waffen im Allgemeinen und mit dieser im Besonderen zu halten. Dennoch ließ sein schweigsamer Begleiter ihn nicht aus den Augen, solange Kinsley die Waffe in der Hand hielt.

Der kleine Transporter stand in einer kleinen Seitenstraße eines stillen Washingtoner Wohngebiets, in gehöriger Entfernung von der nächsten Straßenlaterne. Es war schwül unter der Plane. Seit drei Stunden warteten sie darauf, dass es dunkel wurde. Kinsley gestand sich ein, dass er jetzt endgültig alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte. Der Plan, an dem er beteiligt war, ließ sich unter keinen Umständen mit einer Notwehrhandlung erklären, die er für sich in Anspruch nahm, als er die Frau tötete. Das war etwas anderes gewesen.

»Hoffentlich fahren die bald ab«, murmelte Rico, der neben Kinsley kauerte und ebenfalls durch den schmalen Schlitz lugte. Damit meinte er die Insassen von zwei Lincoln-Limousinen, die vor dem Haus parkten, das sie nun schon seit Stunden beobachteten.

»Wir haben Zeit«, entgegnete Kinsley leise. »Außerdem müssen wir auf Bakers Zeichen warten. Wir haben beschlossen, dass er entscheidet, wann der Einsatz beginnen soll.« Kinsley wunderte sich einen Moment lang über seine eigenen Worte, die klangen, als sei er langgedientes Mitglied einer Kommandotruppe, ständig bereit, unter Einsatz seines Lebens gefahrvolle Operationen durchzuführen. Dabei war es nur seine künstliche Entschlossenheit, die seine Angst übertünchte. Rico hatte es einfacher; für ihn war dies ein völlig normaler Vorgang, wie Mittagessen oder Pistole ölen.

Ihr Plan war im Grunde einfach. Sie wollten in das Haus dort drüben marschieren und der Bewohnerin ein paar Fragen stellen. »Sehr gründliche Fragen«, hatte Baker grimmig bemerkt. Das Problem war nur, dass es Leute gab, die dafür bezahlt wurden, einen solchen Plan zu verhindern. Genauer gesagt, es gab drei Wachen, und sie gehörten zum Secret Service, der bekanntlich dazu da war, den Präsidenten und die Mitglieder des Weißen Hauses vor Anschlägen zu schützen. Der Stabschef des Weißen Hauses gehörte dazu, und Laura Stanwick, derzeit Inhaberin dieses Postens, besaß Anspruch auf eine solche Bewachung.

Langsam erschien Kinsley der Plan dilettantisch, aber Baker hatte gemeint, es würde schon klappen – trotz der Wachen. Im Übrigen hätten sie ja einen richtigen Profi, nämlich Rico, und der würde schon wissen, wie es zu machen sei. Hoffentlich, dachte Kinsley.

Sie hatten ihren Plan sorgfältig vorbereitet und zunächst einmal gründlich die Lage geprüft. Laura Stanwick bewohnte immer noch das Haus, das sie bereits in ihrer vorigen Position gemietet hatte. Wie Kinsley wusste, lebte sie am liebsten in New York, aber ihr Dienst hatte häufig ihre Anwesenheit in Washington erfordert, und dort besaß sie einen gewissen Hang zur Repräsentation. Daher das Haus.

Es war ziemlich sicher, dass sie demnächst ins Weiße Haus umzog, und so war Eile geboten, wenn man den Plan in die Tat umsetzen wollte. Baker hatte herausgefunden, dass nur ein Dienstmädchen im Hause wohnte, ein Gärtner kam tagsüber. Nur die drei Secret Service-Leute störten erheblich. Zwei hielten sich meistens im Haus auf, kamen aber öfters heraus. Der dritte machte ständig seine Runden.

»Es sind Mädchen«, bemerkte Rico abfällig, als hätte er Kinsleys Gedanken erahnt.

»Das muss nicht unbedingt ein Vorteil sein«, gab Kinsley zurück. »Sie werden gut ausgebildet sein. Laura Stanwick wird sich ihre private Garde mit Sorgfalt ausgesucht haben. Unser einziger Vorteil ist, dass sie todsicher nicht mit einem Überfall rechnet.«

»Jetzt fahren sie«, bemerkte Rico.

Kinsley richtete seine Aufmerksamkeit auf die Limousinen. Leute liefen durcheinander und Wagentüren klappten. Dann setzte sich der erste der Wagen in Bewegung, der zweite folgte Sekunden später. Nur Augenblicke später lag die Straße wieder so still wie zuvor da.

»Das Zeichen müsste bald kommen.«

»Nicht so ungeduldig, Rico. Baker wird warten, bis im Haus wieder die alte Routine eingekehrt ist.« Er musterte seinen Begleiter. »Wollen wir den Plan noch mal wiederholen? Du schaltest die Wache auf dem Grundstück aus, was völlig lautlos erfolgen muss. Wir warten, bis beim nächsten Mal eine der anderen den Kopf aus der Tür steckt, entwaffnen sie und dringen ins Haus ein. Dort überrumpeln wir Nummer drei und halten unser Schwätzchen mit der Frau Stabschef.«

»Genau«, sagte Rico und schob sich einen Kaugummi in den Mund. Auch ihm kam das Amateurhafte des Planes nicht zu Bewusstsein. Bisher hatten immer andere für ihn gedacht. Er hatte seine fest umrissene Aufgabe, und die würde er auch lösen.

»Dort ist Baker«, flüsterte Kinsley. »Er gibt das Zeichen. Los! Raus aus dem Wagen! Es ist so weit.«

Nacheinander sprangen sie auf die Straße und rannten geduckt auf die andere Seite. »Schnell!«, rief Baker leise, als sie halb außer Atem bei ihm anlangten. »Wir machen es wie besprochen. Rico, dort hinüber, die Wache ist jetzt hinter dem Haus.«

Sie drangen auf das Grundstück ein, das nur durch eine halbhohe Hecke geschützt war. Die Pistole glitt beinahe aus Kinsleys schweißnassen Fingern, und er prüfte zum wiederholten Male, ob sie auch entsichert war. Rico hatte ihm die Handgriffe gezeigt, aber jetzt war er wieder unsicher, ob er den Hebel in die richtige Stellung bewegt hatte.

Das dunkle Gebäude wuchs vor ihm auf, und er postierte sich neben dem Haupteingang. Baker hockte auf der anderen Seite, während Rico in der Dunkelheit verschwunden war.

Und dann ging alles sehr rasch.

Mehrere Schüsse fielen in schneller Folge; ein hoher Schrei ertönte, der plötzlich abriss. Gleich darauf flammten Scheinwerfer auf, und Kinsley kniff überrascht die Augen zu.

»Lassen Sie die Waffen fallen, meine Herren, wir haben Sie schon erwartet!« Die weibliche Stimme besaß einen befehlsgewohnten Unterton, und Kinsley beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Die Beretta klirrte auf die Treppenstufen. Er hatte seine Augen wieder geöffnet, erkannte die Umgebung aber nur schemenhaft. Umrisse von Menschen, Uniformen, das Blitzen von brüniertem Stahl.

Baker hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und kauerte stumm an seinem Platz, die Waffe zu seinen Füßen.

Rico stolperte um die Ecke, beide Hände vor den Leib gepresst. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er blieb stehen, streckte die Arme aus und sank langsam in die Knie. Kinsley erkannte das blutbeschmierte Hemd. Rico schüttelte den Kopf, als könne er das alles nicht begreifen, dann stürzte er ohne einen weiteren Laut nach vorn aufs Gesicht und blieb regungslos liegen.

Kinsley begann zu zittern. Der Tod war offenbar sein unerwünschter Begleiter geworden, und er schlug dort zu, wo er es nicht erwartete.

Laura Stanwick leitete persönlich die Operation. Der Ausdruck des Triumphes in ihren Augen war nicht zu übersehen. »Ihr Würstchen«, sagte sie. »Habt ihr ernsthaft geglaubt, dass es so leicht ist, in mein Haus einzudringen? Amateure!«

»Gehen Sie zur Hölle!«, murmelte Baker, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.

Sie lächelte eisig. »Nach Ihnen.« Sie machte eine herrische Handbewegung, und Kinsley fühlte sich von irgendwelchen Armen gepackt und ins Haus geschleift. Er wehrte sich nicht; seine Verzweiflung war abgrundtief. Er hatte das Gefühl, dass mit dem Misslingen des Planes das Schicksal der ganzen Menschheit besiegelt sei. Warum musste gerade er scheitern und die Last der anderen auf seine Schultern nehmen? Er war nicht zum Märtyrer geboren.

Man brachte sie in einen kalten, unpersönlichen Wohnraum, der etwas von der Sterilität einer Arztpraxis an sich hatte, und setzte sie in zwei nebeneinander stehende Sessel. Hinter ihnen bauten sich die bewaffneten Wachen auf, Mädchen natürlich.

Laura Stanwick sah auf ihre beiden Gefangenen verächtlich herab. »Euren Wagen haben wir schon registriert, als er noch keine zehn Minuten an seinem Platz stand, und eine Stunde später wussten wir, dass ihr einen Plan verfolgtet, der mit mir im Zusammenhang stand. Wir brauchten nur noch darauf zu warten, dass ihr aktiv wurdet. Ihr habt uns die Sache sehr einfach gemacht.«

Sie unterbrach sich, als eines der Mädchen an sie herantrat und ihr einige Worte ins Ohr flüsterte. »Euer Freund ist tot. Tut mir leid um ihn, aber meine Leute mussten sich wehren, als er sie angriff. Ich hätte auch ihn lieber gefangengenommen.«

Kinsley versteifte sich. Er glaubte ihr kein Wort. Sie war für ihn der Inbegriff des Feindes. Sie allein war schuld an allem. Wenn es gelänge, sie auszuschalten, zu töten – dann musste alles besser werden. Er erschrak. Dachte er schon in den gleichen Kategorien wie seine Gegner? Gab es als einzige Lösung nur die Gewalt?

»Was haben Sie mit uns vor?«, fragte er.

»Halt den Mund!«, fuhr Baker herum. »Wir wollen ihr nicht noch die Befriedigung verschaffen, vor ihr auf dem Bauch zu kriechen.« Sein Gesichtsausdruck war völlig verwandelt, die Augen lagen tief in den Höhlen, und auf den Wangen zeichneten sich dunkelrote Flecken ab. Er wirkte um Jahre gealtert.

»Ich habe einen Wagen für euch bestellt«, sagte Laura Stanwick. »Nicht sehr komfortabel, aber sicher. Eine entsprechende Unterkunft ist vorbereitet, und auf den Prozess werdet ihr nicht lange warten müssen. Die Anklagepunkte werden auf Mordversuch und Hochverrat lauten. Ich nehme an, dass man die Höchststrafe beantragen wird.«

Kinsley presste die Lippen zusammen und schwieg. Er war nie ein guter Verlierer gewesen, hatte aber andererseits auch nicht häufig gewonnen. Das Leben spielte mit gezinkten Karten gegen ihn.

»Ich finde es reichlich merkwürdig, dass wir uns hier wiedersehen.« Laura Stanwick ließ ihren Blick nicht von den beiden Männern. »Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns auf einer Party trafen; oh ja, ich erinnere mich; ich habe ein gutes Gedächtnis, und als ich euch beide sah, wusste ich instinktiv, dass ihr eines Tages Schwierigkeiten machen würdet, ich habe nur nicht geahnt, dass es so schnell gehen würde. Aber umso besser, dann ist eine Unklarheit beseitigt. Ich hasse Unklarheiten und ungelöste Fälle. Apropos ungelöste Fälle: Da wäre noch der Polizistenmord von Mister Kinsley. Die Staatsanwaltschaft wird sich freuen, wenn auch in diesem Falle das Verfahren eröffnet werden kann.«

»Es war Notwehr!«, fuhr Kinsley hoch. »Und im Übrigen war es kein Polizist.«

»Sie geben es also zu?«

»Ich gebe gar nichts zu. Sie haben keine Beweise, aber es ist ein starkes Stück, Ihr Mordkommando ins Gegenteil zu verkehren. Sie kommen damit nicht durch, noch glaube ich an den Rechtsstaat. Sie müssen schon die Hälfte der Bevölkerung umbringen, wenn Sie überall Ihren Willen durchsetzen wollen.«

Sie lächelte amüsiert. »Sie irren, Mister Kinsley. Leider werden Sie es nicht mehr erleben, wie wir dieses Land ändern werden; und nicht nur dieses Land, die ganze Welt. Leute wie Sie werden umdenken müssen, und die meisten werden schnell begreifen. Die anderen …« – sie hob die Schultern – »werden entsprechende Erfahrungen machen. So wie Sie, Mister Kinsley. Endgültige Erfahrungen unter Umständen; denn ich weiß, dass es Menschen gibt, die um keinen Preis lernen wollen. Sie werden uns nicht aufhalten. Niemand wird uns aufhalten.«

Kinsley spürte, wie ihm übel wurde. Sie hatte über seinen Tod gesprochen, als wäre es eine alltägliche Angelegenheit. Das war es für ihn aber ganz und gar nicht. Es musste einen Ausweg geben. Alle seine Gedanken kreisten um diesen Punkt. Es war unerträglich, vor dieser Frau zu kapitulieren, die mit ihnen spielte wie eine Katze mit der Maus. Wenn er handeln wollte, dann musste es bald geschehen.

»Glaubtet ihr wirklich, die Entwicklung aufzuhalten, wenn ihr mich überfallt und vielleicht tötet? Auch ich bin ersetzbar.« – Sie meinte es nicht so. – »Wir sind schon zu viele, die ebenso denken – und wir haben die Macht. Ihr seid arme Irre, wie es sie immer schon gegeben hat, Idealisten, die aber kein Ideal besitzen, sondern nur einen Traum. Träume verändern die Welt nicht.«

»Oh, doch, das tun sie!« Bakers Augen flackerten, seine Hände waren um die Sessellehnen gekrampft, aber er zwang sich zum Sitzenbleiben. »Sie haben eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg. Andere werden nach uns kommen, und einer wird es schaffen!«

Sie winkte verächtlich ab. »Große Worte. Träumer machen immer große Worte; sie können sich daran berauschen, aber sie bewirken nichts. Macht ist ein realer Faktor. Seht euch doch an! Ihr seid hierhergekommen, jeder mit einer lächerlichen Pistole in der Faust, und ihr habt sie nicht einmal abgefeuert. Ihr habt von Anfang an einen aussichtslosen Kampf gekämpft. Ich gebe zu: Ich war überrascht, dass ausgerechnet eine Null wie Kinsley und eine etwas härtere Natur wie Baker sich zusammentun und versuchen, den einsamen Helden zu spielen, unterstützt von einem Berufskiller, der nicht in der Lage ist, aus einer Entfernung von wenigen Schritten während einer Gefechtssituation einen Treffer anzubringen. Seine Quittung hat er erhalten. Ein trauriges Trio.«

»Der Wagen ist da«, sagte eine Mädchenstimme.

Kinsley wurde hochgerissen und wieder nach draußen geschleppt. Dort brannten immer noch die Scheinwerfer. Er fühlte sich wie in einer Filmkulisse. Ein Gefangenentransporter war auf das Grundstück gefahren, die hintere Tür weit geöffnet. Daneben stand ein Krankenwagen. Sie luden gerade eine Bahre hinein. Rico. Vielleicht hatte er sich immer gewünscht, so zu enden wie ein Westernheld – in den Stiefeln.

Baker wurde als Erster in den anderen Wagen geschoben. Stumm blickte er Kinsley an, tiefe Verzweiflung in den Augen, und in diesem Moment raste eine Welle von Energie durch Kinsley. Die Mädchen hatten sich nicht die Mühe gemacht, ihnen Fesseln anzulegen. Wozu auch? Die beiden Männer wirkten völlig gebrochen, und es standen genügend Bewaffnete herum. In wenigen Sekunden würden sich die stählernen Türen hinter den beiden schließen.

Der Griff an Kinsleys Arm lockerte sich, als er einen Schritt auf den Wagen zutrat. Dann explodierte er förmlich. Seine geballte Faust schoss nach vorn und knallte gegen den Unterkiefer des einen Mädchens. Es gab ein hässliches Geräusch, als der Knochen splitterte.

Kinsley warf sich zur Seite und rannte los, vorbei an dem Wagen, in dem der unglückliche Baker saß, weiter zur Straße, wo es Rettung gab. Schüsse krachten hinter ihm, aber er nahm sie nicht zur Kenntnis. Laura Stanwicks Befehlston übertönte das Geschrei der Verblüffung, und Kinsley hörte die ohnmächtige Wut heraus. In diesem Augenblick spürte er ein tiefes Gefühl der Befriedigung.

Er war auf der Straße und verschwand wie ein Schatten in der Nacht.

 

 

 

ZWEITER TEIL

– Nacht –

 

 

»Wer den Unterschied zwischen Mann und Frau nicht begreift, hat nichts begriffen.«

(David Ingham)

 

 

 

SECHSTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

»Da ist sie!« Der ältere Mann schrie mit hoher, überkippender Stimme und deutete mit einem verkrümmten Finger zu den leeren Fensterhöhlen der ausgebrannten Ruine. Aus seinem Mund lief ein dünner Speichelfaden, wodurch sein ohnehin hässliches Äußeres noch mehr entstellt wurde. Sein drohend erhobener Stock in der anderen Hand wirkte lächerlich in dieser Umgebung.

Die Gruppe der Uniformierten starrte in seine Blickrichtung. Die zerstörte Häuserzeile wirkte düster und verlassen, bestenfalls von Ratten bewohnt. Unkraut wucherte zwischen den Platten des Gehweges, die Straße war von Trümmerstücken übersät, und nicht ein einziges Fenster der geschwärzten Ruinen besaß eine Glasscheibe. Die Männer trugen kurzläufige Maschinenpistolen in den Fäusten und auf dem Kopf Stahlhelme. Die Elektroschockstäbe an den Hüften wirkten neu und harmlos, und doch konnten sie aus einem Menschen ein schreiendes, zusammengekrümmtes Etwas machen.

In sicherem Abstand hatte sich eine Gruppe vorwiegend älterer Männer versammelt. Sie verfolgten das Geschehen in gespannter Erwartung, gierige Blicke richteten sich hierhin und dorthin. Sie hatten das Glück, einen Krimi hautnah zu erleben, und sie wussten es zu schätzen. Vorfälle wie dieser waren selten geworden, und sie konnten noch lange davon erzählen, wenn alles zu Ende war.

»Wo?«, fragte der Anführer der Uniformierten. Seine Augen waren schmale Schlitze, und der alte Mann schrumpfte zusammen. Sein Blick glitt suchend über die vernarbte Fassade. »Dort war es, ja, dort. Ich habe sie genau gesehen. Meine Augen sind noch gut, wissen Sie.«

»Wir werden sie kriegen, und wenn wir das ganze Viertel durchkämmen müssen. Eine Belohnung ist Ihnen sicher, wenn wir Erfolg haben. Wie alt ist sie?«

»Ich … ich weiß nicht genau. Jung. Ja, noch ziemlich jung. Man hat so wenig Vergleiche.«

Die Uniformierten blickten sich bedeutungsvoll an. Eine Illegale, wahrscheinlich seit Jahren in den großen verlassenen Stadtgebieten untergetaucht, die man seit den dunklen Jahren nicht wieder aufgebaut hatte. Es war auch nicht notwendig; denn seit der großen Katastrophe gab es ohne die zerstörten Gebiete immer noch genügend Platz.

Der Anführer stieß seine Faust in die Luft. »Ausschwärmen! Wir durchsuchen jedes Stockwerk. Aber denkt daran: Wir wollen sie lebend. Ein junges Mädchen mitten in unserem Gebiet ist heutzutage ein seltener Fang.«

»Und wenn es eine Agentin ist? Bewaffnet?«, fragte einer der Männer.

»Dann müsst ihr das tun, wozu ihr ausgebildet seid, ihr Idioten!«

Die Uniformierten bewegten sich rasch nach verschiedenen Seiten. Die Beobachter reckten die Hälse und leckten sich über die Lippen. Es ging los, und sie besaßen Plätze in der ersten Reihe. Welch ein Tag!

Der Anführer trat gegen die Tür des Haupteinganges, die lose in den Angeln hing und der plötzlichen Belastung nicht gewachsen war. Staub wallte auf, als sie krachend nach innen fiel. Mit langen Sätzen stürmte er weiter, gedeckt von einem seiner Männer, die Treppe hinauf und um den Absatz herum. Niederknien, warten, sichern, bis der andere heran war. Weiter nach oben. Deckung nicht vergessen, der Finger um den Abzug, das erste Geschoss im Lauf.

Eine gähnende Höhle, ehemals eine Wohnung, oder ein Büro, jedenfalls von Menschen bewohnt, vielleicht Kinder. Nicht diese Gedanken, weiter, vorsichtiger jetzt. Es ist dunkel, still. Scherben klirren unter den Stiefeln, die Füße wühlen sich durch Abfallhaufen, es stinkt. Trotzdem: Die Spur ist heiß. Hier ist schon jemand vor ihm gegangen, die Anzeichen sind unverkennbar. Atem anhalten, lauschen, das Pochen des eigenen Herzens überhören, weiter dicht an der Wand entlang. Dem anderen winken, aufschließen lassen, nicht ins Schussfeld geraten.

Dann ein leises Wimmern.

Der Anführer seufzte erleichtert auf. »Wir sind an der richtigen Stelle. Sie ist noch hier.« Er deutete auf eine Höhle, ehemals ein Zimmer. »Dort muss es sein. Ich gehe vor.«

Sein Begleiter nickte und hielt sich dicht hinter ihm, die Waffe im Anschlag. Wenn sein Chef es wagen wollte, bitte schön. Er würde vorsichtshalber eine Salve in den Raum jagen, dann gab es keine bösen Überraschungen, wie sie immer wieder passiert waren. Er hatte von Kameraden gehört, die sich die Sache zu leicht machten. Die Gegner waren nicht zu unterschätzen; sie wehrten sich mit Krallen und Zähnen, und oft waren sie ebenfalls bewaffnet. Aber gut, er war nur ein einfacher Soldat und hatte zu gehorchen.

Der Anführer entdeckte sie sofort. Sie hockte in einer Ecke, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen, und starrte ihm mit schreckgeweiteten Augen entgegen. Wenn es ginge, wäre sie wohl in die Wand gekrochen. Der Raum war leer bis auf eine aufgeplatzte Matratze und ein paar andere, vom Müll zusammengeklaubte Gegenstände.

»Sie wohnt hier«, sagte der Anführer verblüfft. Der Soldat nickte nur und hielt seine Waffe unverwandt auf das Mädchen gerichtet. Man konnte nie wissen …

Der Fußboden war sauber gefegt, die in Fetzen herabhängenden Tapeten notdürftig befestigt. Der Raum hatte kein Fenster, Licht fiel von nebenan herein. Der Anblick war jämmerlich. Aber das eigentlich Erstaunliche war, dass sie es so lange geschafft hatte, sich zu verbergen, mitten in der Stadt, die ständig von Patrouillen durchstreift wurde.

»Wovon mag sie wohl leben?«, murmelte der Anführer.

»Sie klauen«, entgegnete der Soldat mürrisch.

»Steh auf!«, befahl der Anführer.

Sie drückte sich zitternd an der Wand hoch. Sie trug eine verwaschene Hose und einen zerlöcherten Pullover, durch den ihre blasse Haut schimmerte. Das schmale Gesicht war schmutzig, die langen Haare ungewaschen und strähnig. Ihre dunklen Augen waren die einer gehetzten Kreatur, sanft und verletzlich.

»Wir legen sie am besten um. Sonst gibt es nur Scherereien«, murrte der Soldat.

»Nein, wir sind keine Barbaren. Sie hat Anspruch auf ein Verfahren. Wir müssen außerdem wissen, ob es noch mehr von ihrer Sorte gibt. Lebst du allein?«, fragte er das Mädchen.

Sie nickte, immer noch eng an die Wand gepresst. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Wie alt bist du? Siebzehn? Achtzehn? Oder älter?«

»Neunzehn«, murmelte sie fast unhörbar. Das Sprechen schien ihr Schwierigkeiten zu machen, als hätte sie es verlernt und müsste jedes Wort mühsam zusammensetzen.

»Du kannst doch unmöglich so lange hier hausen. Wer ist noch bei dir? Wie kommst du überhaupt hierher?«

Sie schwieg und weinte leise. Ihr schmaler Körper zitterte, und der Anführer stellte sich vor, man hätte ihn in einer ähnlichen Situation auf der anderen Seite erwischt. Man erzählte viel, was sie dort mit den Männern taten, denn auch drüben gab es ebenso wie hier Versprengte, die man unerbittlich jagte.

»Durchsuch die Räume!«, sagte der Anführer zu seinem Begleiter und trat einen Schritt auf das Mädchen zu. Im Treppenhaus wurden Stimmen und Tritte von Stiefeln laut. Der Rest der Truppe fand sich ein.

Der Soldat stocherte mit dem Fuß lustlos in die verstreuten Gegenstände. »Waffen gibt es nicht. Vielleicht hat sie welche bei sich?« Er warf einen hasserfüllten Blick auf das Mädchen.

»Wir bringen sie zur Sammelstelle. Dort wird man die weiteren Entscheidungen treffen. Wie heißt du?«

»Stella«, kam es schluchzend.

»Und weiter?«

Sie fiel auf die Knie. »Tun Sie mir nichts, bitte! Ich habe doch nichts getan. Ich bin allein. Meine Mutter ist vor zwei Jahren verschwunden und nie wiedergekommen.« Ein Weinkrampf schüttelte sie.

»Du hast eine richtige Mutter?« Der Anführer zeigte sich ehrlich erstaunt. »Bei deinem Alter? Unmöglich.«

»Jeder Mensch hat eine Mutter.«

Er lachte. »Da bist du im Irrtum. Darauf verzichten wir schon lange. Es gibt weit bessere Methoden. Die Frau, die du für deine Mutter hältst, hat dir einen ziemlichen Bären aufgebunden.«

»Es war meine Mutter.« Ein wenig Trotz klang in der Stimme. Köpfe weiterer Männer waren aufgetaucht. Sie glotzten auf die merkwürdige Szene, sagten aber nichts.

»Ich hab’s ja gleich gesagt: ein Abweichler«, murmelte der Soldat düster und trat gegen einen kleinen Tisch, der aus Obstkisten zusammengezimmert war und sich jetzt in seine Bestandteile auflöste.

»Sollte es so etwas noch gegeben haben?«, fragte der Anführer zweifelnd. »Ein Paar, das ein Kind nach der alten Methode in die Welt setzt? Mitten in unserem Gebiet? Die Männer von der Moralbehörde werden die Wahrheit schon herausfinden. Bringt sie nach unten!«

Er wandte sich um, und seine Untergebenen öffneten ihm schweigend einen Korridor.

Die Menge auf der Straße johlte, als man das Mädchen aus dem Haus brachte. Der alte Mann, der es entdeckt hatte, schwang drohend seinen Stock. »Ich habe sie als Erster gesehen! Meine Belohnung! Wann kriege ich meine Belohnung?«

»Geben Sie Ihren Namen und Ihre Anschrift einem meiner Männer. Man wird die Angelegenheit regeln. Ihre Belohnung steht Ihnen zu. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Aber jetzt gehen Sie aus dem Weg!«

»Ich will sie nur anschauen, aus der Nähe, bitte. Ich habe ein Recht darauf.« Der Anführer trat zur Seite, und der Alte stieß mit seinem knochigen Finger nach dem Mädchen. »Sie ist es! Verdammtes Weib! Wir werden sie alle noch erwischen.«

Die Menge jubelte ihm zu und rückte drohend näher. »Erledigen wir den Fall doch gleich!«, rief einer. Der Anführer gab einen kurzen Befehl, und seine Männer scharten sich enger um ihn und das Mädchen.

»Gebt sie raus!«, johlte es. »Wozu der Aufwand?« – »Bringen wir’s hinter uns!« – »Lasst sie laufen, wir machen das schon!«

Die Soldaten fühlten sich unwohl und sahen unschlüssig auf ihren Anführer, der nur leicht den Kopf schüttelte. »Kommt nicht infrage, Leute! Seid vernünftig! Wir brauchen noch Informationen von ihr; wir müssen sie der Moralbehörde übergeben.«

Die Menge murrte, wagte aber nicht, weiter vorzurücken. Die Soldaten umklammerten ihre Waffen, manch einer hatte seine Hand am Elektroschocker.

Der Anführer warf einen raschen Blick auf das Mädchen. Bei Tageslicht war der Anblick anders. Er erinnerte sich flüchtig an die Bilder aus dem Lehrbuch. Es gab Fotos von Frauen, die diesem Mädchen ähnelten. Man hatte ihnen genau erklärt, dass es sich dabei um die gefährlichsten Gegner handelte. Sie kämpften mit psychologischen Waffen, hieß es, denen ein Mann oft nichts entgegenzusetzen habe, wenn er sich nicht ausschließlich auf seine Aufgabe konzentriere. Man hatte ihnen diese Tatsachen eingehämmert und Beispiele vorgeführt von Männern, die versagt hatten. Jeder wusste, dass ein solches Versagen unnachsichtig bestraft wurde. Schließlich befanden sie sich im Krieg, auch wenn es keine richtigen Kämpfe gab, hin und wieder Kommando-Raids auf beiden Seiten, begrenzte Zwischenfälle und Untergrundoperationen, ein Krieg, der vorwiegend im Dunkeln geführt wurde.

Ihre Blicke trafen sich für einen Sekundenbruchteil, und der Anführer spürte ein merkwürdiges Gefühl, Hass, Verachtung und … und etwas anderes, das er sich nicht erklären konnte. Merkwürdig. »Macht jetzt Platz, Leute! Wir haben unsere Befehle.«

Die Menge wogte unruhig. Inzwischen hatte sie sich vervielfacht, aber dann wich sie zur Seite, und die Soldaten setzten sich mit ihrer Gefangenen in Bewegung.

»Wenn wir wieder eine entdecken, rufen wir euch nicht!«, schrie einer aus der Masse. »Dann holen wir sie selber und tun mit ihr das, was getan werden muss, wenn ihr zu feige seid.«

Pöbel, dachte der Anführer, auch wenn sie recht haben. Schließlich gibt es Gesetze, und wir sind dazu da, sie durchzusetzen. Wir sind froh, das Chaos hinter uns zu haben und die schrecklichen, dunklen Jahre zu vergessen. Das soll uns nicht noch mal passieren! Gleichmütig drängte er sich durch die bleichen Gesichter, die sich durcheinander bewegten, um einen Blick auf den Feind werfen zu können, den Feind, der ein neunzehnjähriges Mädchen war.

 

*

 

Das Jagdkommando machte sich fertig. Die zehn jungen Frauen trugen olivgrüne Uniformen, flache Helme und klobig aussehende, weittragende Luftdruckgewehre, nahezu lautlos, deren pfeilähnliche Geschosse beim Aufprall ein schnell wirkendes Betäubungsgift freigaben. Der Auftrag für diesen Einsatz war klar umrissen: männlichen Nachschub für die Samenbank einzufangen. In den geschwärzten Gesichtern lag gespannte Erwartung, als der Leutnant mit leiser Stimme die letzten Anweisungen gab.

Sie alle waren nicht zum ersten Mal dabei. Sie waren stolz darauf, das erfolgreichste Jagdkommando des Bezirks zu sein, und sie wussten, dass sie keine Chance hatten, wenn der Feind sie erwischte. In diesem Falle gab es kurzen Prozess: eine Kugel ins Genick. Dennoch hatten sie keine Angst vor dem anderen Geschlecht jenseits der Demarkationslinie, die seit Jahrzehnten einen sogar sichtbaren Trennungsstrich quer durch das Land zog, auf beiden Seiten Niemandsland, in dem der Aufenthalt lebensgefährlich war. Eine Todeszone, in der ein erbitterter Kleinkrieg tobte.

Die Jagdkommandos gehörten zu den Elitetruppen, hoch spezialisiert, hervorragend ausgerüstet und ihrer Regierung fanatisch ergeben. Seit sie ihren Eid vor dem Prescott-Ehrenmal, dem Monument der ersten Präsidentin, geleistet hatten, waren sie keine Individualisten mehr, sondern gleichgerichtete Kampfmaschinen, die frohen Herzens ihr Leben geben würden, wenn es der gemeinsamen Sache diente.

»Wir gehen dort hinüber.« Eine schmale Hand wies in den verödeten Streifen Land. Die letzten Strahlen der Sonne zauberten ein unwirkliches Licht an den Himmel, fahle rötliche Streifen hinter tief hängenden Wolkenballen, die ein leichter Wind gemächlich zum Horizont trieb. Es wurde schnell dunkel, und in den geschwärzten Gesichtern funkelten nur die entschlossenen Augen, kalt und mitleidlos.

»Aufsitzen!«, befahl die weiche Stimme des Leutnants, einer Frau Mitte Zwanzig, eine der besten ihres Jahrgangs auf der Heeresakademie und schon frühzeitig für besondere Aufgaben ausersehen. Dies war der dritte Einsatz unter ihrem Kommando, und sie war stolz auf das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wurde.

Die Frauen kletterten auf den Spezialwagen, dessen Tarnfarben mit der Umgebung verschmolzen. Der Elektromotor vibrierte leicht, dann setzte sich der Wagen in Bewegung, klomm einen flachen, lang gestreckten Abhang empor, schwankte über Geröllbrocken und senkte auf der anderen Seite des kleinen Hügels seine Schnauze abwärts, dorthin, wo die eigentliche Grenze verlief. Die Frauen hockten schweigend auf ihren Sitzen, zu beiden Seiten der Ladefläche, wo es weitere Sitze gab, an denen stählerne Fesseln angebracht waren. Noch waren diese Plätze leer. Wenn die Jagd erfolgreich war – und daran zweifelten sie nicht – würden sie voll beladen zurückkehren.

Auf der anderen Seite gab es eine kleine Stadt, eine einzige Hauptstraße mit Geschäften, Kneipen, Wohnhäusern. In der Nähe, aber außerhalb der Stadt, befand sich ein Militärposten, schwach besetzt, wie sie wussten, und kaum in der Lage, einen entschlossenen Angriff abzufangen. Sie würden leichtes Spiel haben.

Der Wagen rollte durch die Senke, dann waren sie auf der anderen Seite. Die endlose Grenze, die sich mitten durch die ehemaligen Vereinigten Staaten zog, war schwer zu kontrollieren; für beide Seiten. In der Nähe der größeren Städte wurde sie schärfer bewacht, aber auch dort gab es genügend Möglichkeiten, sie zu überschreiten. Jede Seite wusste, dass sie der anderen bestenfalls Nadelstiche versetzen konnte, ein eindeutiger Sieg war unwahrscheinlich. Das Gleichgewicht des Schreckens funktionierte immer noch. Im Gegensatz zu früher gab es nur einen Unterschied: Jetzt funktionierte es auf der ganzen Welt. Richtige, große Kriege gab es nur noch in den Geschichtsbüchern, natürlich nur solche, die als unbedenklich befunden wurden und vor den Augen der Prüfungskommissionen Gnade fanden. In der Regel waren es jene, die einen erzieherischen und damit abschreckenden Wert besaßen. Wahrheit war schließlich relativ; die heranwachsende Generation sollte nicht unterrichtet, sondern erzogen werden.

Wie die Rücken gestrandeter Wale zogen sich rechts und links die Hügel hin. Im Niemandsland gab es keine bestellten Felder oder schattige Waldstreifen, die einen Wanderer zum Verweilen eingeladen hätten. Bauern trauten sich nicht an die Grenze, und die Wälder hatte man abgeholzt, um freies Schussfeld zu haben. In einiger Entfernung sah man einen Wachtturm, aber sie wussten, dass er schon lange nicht mehr besetzt war. Die Scheinwerfer und Maschinengewehre waren ausgebaut.

Ein holperiger Feldweg führte sie von der Stadt weg. Der Plan sah einen weiten Bogen vor, sodass niemand Verdacht schöpfte, wenn sie scheinbar aus dem Landesinneren kamen. Die Gegend war hier sehr dünn besiedelt, ein paar verstreute Farmen, Weideland und Schafzucht. Viele Männer waren in die großen Städte gegangen, um dort in der Industrie zu arbeiten; die Grenzgebiete galten als nicht besonders reizvoll – und gefährlich obendrein. Deswegen lebten hier auch vorwiegend ältere Leute, die ihre angestammte Heimat nicht verlassen wollten, uninteressant für die Jagdkommandos, die ausschließlich an jüngeren Männern Interesse hatten. Schließlich sollten sie einer bestimmten Aufgabe dienen – und bei Eignung möglichst lange.

Keine der Frauen wusste, was weiter mit den Männern geschah, die sie eingefangen hatten. Was im Innern der Samenbanken und der Geburtstempel vor sich ging, war ein gut gehütetes Geheimnis, ein Mysterium, vor dem alle eine gewisse Scheu hatten. Manche der Alten äußerten sich – hinter vorgehaltener Hand – verächtlich über diese Einrichtungen, von denen jedoch das Überleben der Nation abhing.

Natürlich wussten auch die jüngeren, dass es früher, vor der Katastrophe, anders gewesen war, unwissenschaftlich, tierisch, schmutzig. Der Gedanke allein, von einem Mann berührt zu werden, war abscheulich. Bei manchen verursachte die grässliche Vorstellung, einem Mann den eigenen Körper anzubieten, Psychosen. Die Betreffenden wurden einer Hormonbehandlung unterzogen; Medizin und Biologie hatten ein hohes Niveau erreicht. Die Gesundheitsministerin war nach der ehrwürdigen Frau Präsidentin die wichtigste Person; ihr unterstanden nicht nur die Samenbanken und die Geburtstempel, sondern auch die Polizei, durchaus folgerichtig, denn schließlich waren alle kriminellen Handlungen krankhaft und mussten entsprechend behandelt werden.

Die jungen Frauen, die im Schutze der Nacht ihrem Ziel entgegenfuhren, dachten über diese Dinge nicht weiter nach. Andere, Berufenere, hatten sich damit auseinanderzusetzen.

Mindestens eine Stunde rollten sie durch eine Ebene, bis in der Ferne die Lichter der Stadt auftauchten. Sie näherten sich mit dem Wagen so weit wie möglich. Kein Mann war ihnen begegnet. Wer sollte auch in diese gottverlassene Gegend fahren?

Sie sprangen ab und formierten sich in einer Linie. Zwei Frauen wurden als Spähtrupp vorgeschickt, zwei weitere blieben beim Fahrzeug, das nach einer gewissen Zeit nachkommen und den Trupp mit seinen Gefangenen aufnehmen sollte. Dann mussten sie möglichst rasch die Grenze erreichen, ehe die feindlichen Streitkräfte alarmiert waren. Einen solchen Fall hatten sie bereits erlebt, als der Gegner einen Hinterhalt legte und sie nur unter großen Verlusten die eigenen Linien erreichten, wobei besonders schlimm war, dass sie die Gefangenen zurücklassen mussten.

Die Hauptstreitmacht folgte dem Spähtrupp im Abstand von fünf Minuten. Diese Zeit musste reichen, die Lage zu sondieren. Jede von ihnen war so ausgebildet, dass sie selbständig zu handeln vermochte. War die Operation erst angelaufen, bedurfte es nur im Notfall weiterer Befehle. Kurz vor den ersten Häusern stießen sie auf den Spähtrupp. Die beiden Mädchen kauerten in einer Mulde und beobachteten die Hauptstraße.

Es waren nur wenige Männer zu sehen, in einem winzigen Vorgarten vor einem Haus saßen zwei alte Männer, rauchten Pfeife und unterhielten sich. Der Schein einer Lampe fiel auf ihre verrunzelten Gesichter. Zu alt, nicht zu gebrauchen, uninteressant. Die Blicke wanderten weiter. Ein junger Mann beugte sich über die geöffnete Haube eines Wagens. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe glitt scheinbar ziellos hin und her. Die Straßenbeleuchtung war trübe, reichte aber aus, um Einzelheiten zu erkennen.

»Der ist richtig«, flüsterte eine Stimme.

Drei jüngere Burschen kamen von der anderen Seite die Hauptstraße herunter und verschwanden in einem Hauseingang. »Ein Bierlokal«, sagte der Leutnant. »Wir werden es stürmen. Das einzig Vielversprechende an diesem Ort.«

Aus der Dunkelheit hinter ihnen kam das laute Geräusch des Lastwagens. »Los!« kam der erlösende Befehl, die Frauen sprangen auf und schwärmten in einer dünnen Linie aus. Ehe die beiden alten Männer aufmerksam wurden, waren die Mädchen schon vorbei. Das leise Pfeifen der Luftdruckgewehre vermischte sich mit halblauten Rufen. Der junge Mann war über der Motorhaube zusammengebrochen, seine Beine zuckten unkontrolliert, dann lag er ruhig. Zwei Frauen packten ihn und schleiften ihn auf die Ladefläche ihres Fahrzeugs. Klickend schlossen sich die Fesseln um seine Gelenke. Er würde erst aufwachen, wenn sie bereits auf dem Rückweg waren.

Der Rest des Jagdkommandos befand sich schon im Lokal. Diszipliniert und kaltblütig verfeuerten die Frauen ihre Betäubungspfeile. Das Geräusch der Gewehre ging im Schreien der Erschrockenen unter. Die Männer versuchten zu fliehen, aber nur wenige erreichten den Hinterausgang. Einige krochen über den Fußboden, bis sie bewusstlos zusammenbrachen. Da die Nadeln Kleidung durchschlagen mussten, drangen sie bei ungeschützten Hautstellen tief ein. Einige der Opfer bluteten am Hals oder im Gesicht.

»Das reicht! Einsammeln!«

Die Frauen warfen die Gewehre über die Schulter, packten die Männer, die ihnen geeignet schienen, an Händen oder Beinen und zerrten sie nach draußen, wo der Wagen wartete. »Schnell, beeilt euch!«

Jeder Handgriff saß. Wie Säcke wurden die schlaffen Körper auf die Ladefläche geworfen und sofort an die Sitze gekettet. Nur wenige Minuten hatte der Spuk gedauert, dann saßen sie alle wieder auf dem Wagen, der in hoher Beschleunigung davonfuhr, diesmal in direkter Richtung.

Die Frauen betrachteten ihre Gefangenen. Acht waren es, alle zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt, genau richtig. Es würde ein dickes Lob von der Einsatzleitung geben, vielleicht auch eine Sonderprämie oder gar eine Beförderung, mit Sicherheit aber die Nahkampfmedaille – zumindest für die, die sie noch nicht besaßen.

Die Sanitäterin des Kommandos brachte aus einer Leinentasche Verbandspäckchen zum Vorschein und versorgte die leichten Verletzungen. Gleich nach der Ankunft würden Ärztinnen alles Weitere übernehmen; die Verantwortung lag nur bis zur Grenze beim Kommando.

»Sieh mal, der sieht gut aus!« Eine der Frauen stieß ihre Nachbarin an.

»Ein Feind«, entgegnete die andere. »Wie kann er gut aussehen?«

Der Wagen rüttelte über querlaufende Bodenrinnen, und die Insassen wurden durcheinandergeschüttelt. Einer der Männer stöhnte, dann schlug er langsam die Augen auf. Ungläubig musterte er die schweigenden Gesichter unter den Helmen, zog versuchsweise an den Fesseln und stieß einen wilden Fluch aus. Die Frauen zuckten zusammen. Sie wussten, dass Männer unbeherrscht und leicht erregbar waren. Nie fanden sie sich mit ihrem Schicksal ab. Jetzt galt es, die Ohren zu schließen vor den wüsten Beschimpfungen, die gleich losbrechen würden, denn nach und nach erwachten die übrigen aus ihrer Betäubung. Die Reaktionen waren fast alle gleich: Überraschung, Angst und wilde Wut. Es würde nicht lange dauern, bis die meisten in dumpfe Resignation versanken, wenn sie begriffen, dass sie wehrlos ihren Wächterinnen ausgeliefert waren.

Dennoch, man durfte sie nicht aus den Augen lassen. So leicht gaben die Männer nicht auf. Ihre Strategie war einfach und immer dieselbe. Die meisten versuchten die Flucht, wenn man sie von den Sitzen loskettete. Völlig sinnlos natürlich, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sie sich bereits im Innern eines streng bewachten Gebäudes. Dort fand die erste Untersuchung der Beute statt, und anschließend wurden die brauchbaren Männer an ihre Bestimmungsorte gebracht. Es hieß, dass nicht alle verwendet werden konnten, aber man fragte besser nicht, was mit denjenigen geschah, die nicht infrage kamen. Mit Sicherheit gab es eine humane Lösung.

Es pochte an der Rückwand der Fahrerkabine, und die Frauen stießen erleichtert die Luft aus. Sie hatten es geschafft; sie waren auf der anderen Seite. Denn die Rückfahrt war immer der schwierigste Teil der Aktion, einem Hinterhalt waren sie fast wehrlos ausgeliefert, wenn der Feind sie mit einem plötzlichen Feuerüberfall empfing. Es hatte Kommandos gegeben, die bei solchen Gelegenheiten ausgelöscht worden waren, ein Volltreffer, Geschosshagel im Kreuzfeuer der Maschinengewehre – das waren unangenehme Aussichten.

Einige der Männer versuchten, ein Gespräch in Gang zu bringen, aber die Frauen hatten ausdrücklichen Befehl, nicht zu antworten. Man hatte ihnen erklärt, dass Männer bei solchen Gelegenheiten die tollsten Versprechungen machten und phantastische Geschichten erzählten, die zu glauben oder gar weiterzugeben an Hochverrat grenzte. Atavistische Neigungen, hatte die Psycholehrerin zu diesem Verhalten gesagt, eine der Hauptursachen für die dunklen Jahre, die beinahe in die endgültige Katastrophe gemündet hätten. Nie wieder, mussten sie täglich schwören, und diesen Eid hatten sie auch angesichts des Prescott-Ehrenmals in New Washington geschworen. Es war beeindruckend gewesen, als die Worte aus tausend Kehlen in den Himmel stiegen. Nie wieder!

Nein, diese Männer hatten keine Chance. Man brauchte sie nur anzusehen. Unrasierte Gesichter, wirre Haare, behaarte Arme und Beine, unreine Haut, schlechtes Benehmen. Sie stanken nach Zigaretten und Fusel, nach den Kneipen, in denen sie sich herumtrieben, anstatt einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, die dem Ganzen diente. Sie waren abscheulich, und es war gut, dass die Stahlfesseln sie festhielten, sonst hätten die groben Hände womöglich nach den Körpern der Mädchen gegriffen. Niemals, hatten die Älteren gesagt, niemals sich von einem Mann berühren lassen. Ein schreckliches Verbrechen, das sofortige Bestrafung nach sich zog.

Manch einer lief ein Schauer über den Rücken, und sie glaubten, es sei die Angst vor diesen tierhaften Wesen, die mit ihrer unerträglichen Streitsucht und ihren barbarischen Sitten die Welt ins Unglück gestürzt hatten. Und sie würden auch vor dem Rest nicht haltmachen, wenn man sie nicht energisch stoppte. Schade nur, dass man sie hin und wieder in den Samenbänken benötigte. Aber nicht mehr lange! Die besten Biologen und Mediziner arbeiteten an diesem Problem. Das war eine Zukunft, in der es natürlich keine Jagdkommandos mehr geben würde – nun, noch war es nicht so weit.

Der Wagen rollte langsamer. Sie fuhren durch eine Stadt, hell beleuchtet und gepflegt. Voraus kam die Jagdstation in Sicht, ein klotziger Bau, der gleichzeitig das Hauptquartier einer Grenzdivision war. Auf dem Dach waren ganze Antennenwälder und die schlanken Läufe der Flakbatterien zu sehen. Die Raketen waren natürlich weiter im Hinterland stationiert. Die hiesigen Verteidigungseinrichtungen vermochten nur einem begrenzten Angriff standzuhalten.

Die breiten Tore öffneten sich, und die Reifen surrten über eine betonierte Zufahrt in die unteren Geschosse des Gebäudekomplexes. Die Männer wurden unruhig und zerrten erneut an ihren Fesseln.

Der Wagen hielt mit einem sanften Ruck, und die Frauen sprangen nacheinander von der Ladefläche, ohne ihren Gefangenen noch einen Blick zu schenken. Jetzt waren andere Spezialistinnen an der Reihe. Sie hatten sich erwartungsvoll aufgebaut und versuchten zu erkennen, wie groß die Beute war. Der Leutnant hielt seine Finger hoch, und ein befriedigendes Murmeln ging durch die Menge der versammelten Frauen und Mädchen.

Bewaffnete kletterten auf den Wagen und ketteten die Männer einen nach dem anderen los. Sie wurden sofort in Räume gebracht, zu denen der Zutritt für die meisten Anwesenden nicht gestattet war. Die Männer wehrten sich kaum, als sie sahen, wo sie sich befanden und wie groß die Übermacht war. Mit Drogen würde man ihren Widerstandswillen brechen, um Überraschungen für die Zukunft auszuschließen. Die Ärztinnen schätzten keine rohe Gewalt, es gab ja auch sanftere Methoden.

Die Angehörigen des Jagdkommandos formierten sich, um in ihr Quartier zu marschieren. Sie waren sicher, heute noch eine unterhaltsame Show oder einen lustigen Film über das hauseigene Fernsehnetz sehen zu dürfen.

 

*

 

Das Gesicht des Richters hinter seinem hohen Tisch war gütig. Die dürftigen grauen Haare waren sorgfältig über den Schädel gelegt. Die dunkelrote Robe kleidete ihn gut. Kein Wunder, er beschäftigte einen ausgezeichneten Schneider. Die vollen Wangen in dem geröteten Gesicht bildeten einen sichtbaren Kontrast zu dem Porträt über ihm an der Wand. Die strengen Züge des Vorsitzenden der Moralbehörde im schlichten dunklen Rahmen beherrschten als einziger Wandschmuck den düsteren Verhandlungsraum.

Seufzend klappte der Richter den dünnen Ordner auf. »Du bist also Stella?« Er richtete den Blick nach unten auf das verschüchterte Mädchen, das auf der harten Bank saß, hinter sich einen gewichtigen Wachmann, der verzweifelt bemüht war, die Augen offenzuhalten. Ein jüngerer Mann befand sich rechts vom Richtertisch und spielte mit einem Schreibstift. Vor ihm lag eine unbeschriebene Schreibfolie aus einem Spezialkunststoff. Auf der anderen Seite des Richtertisches hockte ein Stenograph, der durch seine dicken Brillengläser auf das Mädchen stierte. Sonst befand sich niemand im Raum. Publikum war zu diesen Verhandlungen nicht zugelassen.

Das Mädchen begann unter dem Blick des Richters zu zittern. Ihre Hände waren ineinander verschlungen, das Gesicht bleich wie das einer Toten. Sie trug immer noch die Kleidung, in der man sie aufgegriffen hatte, allerdings war sie gereinigt und geflickt worden. Auch der Schmutz war von ihrem Gesicht verschwunden, und die langen schwarzen Haare glänzten wie poliertes Ebenholz.

»Stella. Und wie noch?«

»Ich … ich weiß nicht, nur Stella.«

»Lauter! Ich verstehe dich nicht. Du musst lauter sprechen, es wird alles protokolliert.«

»Ich habe keinen anderen Namen. Meine Mutter hat mich immer nur Stella genannt.«

»Und wie hieß deine Mutter?«

»Maria.« Die Stimme klang jetzt fester.

Der Richter starrte mürrisch in seine Akte. Er hasste schwierige Verhandlungen, und diese Komplikation mit dem fehlenden Namen brachte sein ganzes Konzept durcheinander. Plötzlich hellten sich seine Züge auf. »Wir werden dir einen Namen geben, wenn du keinen hast. Jeder Mensch hat einen Familiennamen, das ist wichtig für die Akten, verstehst du? Wir werden dich Lost nennen, ja, das ist sehr passend. Stella Lost. Ich nehme an, Herr Verteidiger, dass Sie keine Einwände haben. Aber ohne einen Namen kommen wir schließlich nicht weiter.«

Der jüngere Mann schüttelte gleichgültig den Kopf, und der Stenograph notierte eifrig.

»So«, meinte der Richter aufgeräumt, »jetzt können wir beginnen. Du heißt also Stelle Lost.«

»Wenn Sie es sagen …«

»Unterbrich mich nicht! Der Name deiner Mutter?«

»Maria.«

»Und weiter?«

»Ich weiß nicht.« Sie schluchzte leicht.

»Aber das haben wir doch gerade festgestellt. Lost hieß sie. Wenn du Stella Lost heißt, muss deine Mutter Maria Lost heißen, das ist doch völlig klar!« Um den Mund des Verteidigers spielte ein flüchtiges Lächeln.

Der Richter beugte sich vor und fixierte sie scharf. »Und dein … äh … Vater? Du hast doch einen richtigen Vater?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn nie gekannt. Meine Mutter sagte, dass sie ihn umgebracht haben.«

Der Richter zuckte zurück. »Ich?«

»Nein. Sie eben, die anderen, die bösen Männer.«

Schweigen senkte sich über den Raum. Der Wachmann hatte sich kerzengerade aufgerichtet und sah angestrengt auf das Bild des Vorsitzenden, der Stenograph beugte sich über seinen Tisch, und der Verteidiger hielt seinen Stift bewegungslos in der Hand.

»Du hattest eine gefährliche Mutter«, ächzte der Richter schließlich. »Sie ist vor zwei Jahren verschwunden, hast du bei deiner Verhaftung angegeben. Ist das wahr?«

Stella nickte. »Ich habe nie wieder von ihr gehört.« Sie schluchzte wieder. »Seitdem bin ich allein.«

»Nun gut, lassen wir diesen Punkt! Du weißt, weshalb du hier bist?«

»Nein«, antwortete sie leise und senkte den Kopf.

»Du befindest dich vor einem Moralgerichtshof und bist des unerlaubten Aufenthaltes angeklagt. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Dort drüben sitzt dein Verteidiger, der dir rechtlichen Beistand leistet, wenn es … äh … wenn es erforderlich sein sollte. Die Urteile dieses Gerichtes sind endgültig. Es liegt an dir, wie das Strafmaß festgesetzt wird.«

»Ich werde … bestraft?«

»Ein Freispruch ist in einem eklatanten Fall wie deinem nicht vorgesehen«, sagte der Richter sarkastisch. Der Wachmann grinste breit, und der Verteidiger hüstelte dezent.

»Die Schwere des Vergehens ergibt sich aus der Dauer des Aufenthaltes. Ein solch eindeutiger Fall ist selten geworden. Ich könnte mir denken, dass du in dieser Zeit Hilfe hattest. Es wäre für dich von Vorteil, wenn du uns die betreffenden Namen mitteilst.«

»Ich war allein«, sagte sie hilflos.

»Es tut mir leid, dass meine Mandantin so verstockt ist«, wandte der Verteidiger ein. »Sie ist sich des Ernstes der Situation wahrscheinlich noch nicht bewusst. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie lange im Untergrund gelebt hat, was sicher keine bereitwillige Kooperation erwarten lässt.«

Der Richter runzelte die Stirn. »Ich bin nicht sicher, ob ich Sie um einen Kommentar gebeten habe.« Diese Verhandlung ging ihm deutlich auf die Nerven. Der Fall war so klar, dass ein Urteil bereits nach zehn Minuten ergehen könnte, wenn nicht eventuell die Möglichkeit bestünde, eine Verschwörung aufzudecken. Das würde seiner Karriere nützlich sein. »Wovon hast du gelebt? Man hat keine Lebensmittelkarten bei dir gefunden.« Was auch erstaunlich wäre, fügte er in Gedanken hinzu. Schließlich war das Mädchen nicht registriert.

»Ich habe viel gefunden. In den Kellern der verlassenen Häuser, auf Märkten, abends, wenn die Stände abgeräumt waren. Ich hatte Glück.«

Der Richter zupfte an seiner Unterlippe und drehte den Kopf zu dem jüngeren Mann. »Ist es Ihnen recht, wenn wir den Anklagepunkt Diebstahl von der Hauptverhandlung abtrennen, oder sollen wir insgesamt verhandeln?«

»Da das Diebstahlsdelikt in Anbetracht der Schwere des Hauptanklagepunktes kaum ins Gewicht fällt, bin ich dafür, das Verfahren nicht abzutrennen.«

Der Richter lehnte sich erleichtert zurück. Der Kollege verhielt sich sehr kooperativ. Das sollte berücksichtigt werden. Ein angenehmer Mensch. Es gab andere Verteidiger, die auftraten, als sollten sie die Leichenrede Cäsars halten; bei manchen war es sicher, dass sie sich nur in Rhetorik übten, ungefährdet und auf Staatskosten.

Er betrachtete die Angeklagte. Was sollte er mit ihr machen? In den Zuchtfarmen brauchte man schon seit Jahren keine Frauen mehr. Die Bruttanks leisteten diese Arbeit besser und billiger. Für die Arbeitsbrigaden in den Ölschieferbergwerken war sie zu jung. Das war nicht gut für die Moral der Aufseher. Leider gab es in dieser Beziehung immer noch Abweichungen von der Norm. Dagegen wurde zwar unnachsichtig vorgegangen, aber es war seine Pflicht, es nicht so weit kommen zu lassen. Die Todesstrafe? Es gab einflussreiche Kreise, die sie nur noch für ganz schwere Fälle und für feindliche Agenten forderten. Nein, das konnte seiner Karriere abträglich sein.

»Wir müssen noch die Zeugen vernehmen«, sagte er schließlich. »Holen Sie diesen Offizier herein, der sie festgenommen hat!«

Er trug eine blitzblanke Ausgehuniform mit einer schmalen Ordensspange. Der Richter forderte ihn auf, in den Zeugenstand zu treten, blätterte in seinen Akten und hob den Kopf. »Sie sind Frank Lazarro, Leutnant der Nationalgarde der Vereinigten Staaten?«

»Jawohl, Euer Ehren.«

Der Richter blickte erfreut in die Runde. Ein junger Mann mit Respekt. Ja, das war die neue Generation, dem Alter verpflichtet, aber einer großartigen Zukunft entgegengehend. Ehrerbietig, tapfer, aufrecht, dem Lande und der Idee dienend. Das wäre ein Sohn nach seinem Geschmack gewesen. Nun, die Zeiten hatten sich geändert. »Sie sind zweiundzwanzig Jahre alt?«

Lazarro nickte. »Ja, Euer Ehren.«

»Sie haben die hier befindliche Angeklagte aufgespürt und ordnungsgemäß verhaftet«, stellte der Richter fest. »In Ihrem Bericht ist zu lesen, dass es beim Abtransport zu Unruhen gekommen ist. Könnten Sie diesen Sachverhalt näher erläutern?«

»Die Menge versuchte, den Ordnungsorganen die Gefangene abzunehmen. Ich war jedoch der Ansicht, dass sie einer ordentlichen Justiz übergeben werden muss. Zu diesem Zweck bestehen die Moralgerichtshöfe schließlich, wenn ich recht unterrichtet bin.«

»Sehr vernünftig, Leutnant Lazarro«, lobte der Richter. »Uns interessiert natürlich, ob Sie irgendwelche Anhaltspunkte gefunden haben, dass sich weitere Verschwörer bei der Angeklagten aufgehalten haben. Sie wissen, dass in einem solchen Fall die Angeklagte von der ganzen Strenge des Gesetzes getroffen würde; denn sollte sie nicht allein gewesen sein, können wir wohl tatsächlich von einer Verschwörung ausgehen – wie es die entsprechenden Paragraphen des Moralgesetzes vorsehen.«

Lazarro musterte das Mädchen verstohlen. Sie wirkte so blass und zart, gar nicht wie ein Feind. Ihre großen Augen waren ängstlich auf ihn gerichtet. »Nein«, sagte der Leutnant bestimmt. »Wir haben keine Anhaltspunkte gefunden. Sie war allein, und das offenbar schon seit längerer Zeit. Es ist mir zwar unerklärlich, wie die Angeklagte überlebte – aber es ist ihr offensichtlich gelungen.«

Lazarros Gesicht blieb unbeweglich wie eine Maske, den Blick hielt er starr auf den Richtertisch gerichtet. Seine Behauptung entsprang einer sehr flüchtigen Überprüfung, wie er wohl wusste, aber man würde sie nicht in Zweifel ziehen; er war schließlich Offizier der Nationalgarde. Dieser sogenannte Verteidiger allerdings lächelte ziemlich süffisant. Lazarro wusste, dass die Verteidiger bei solchen Prozessen eine reine Farce waren. Dagegen war im Prinzip nichts einzuwenden, denn was konnten diese Leute schon tun, bei der Schwere der hier verhandelten Verbrechen. Sie mussten sogar vorsichtig sein, um sich nicht dem Vorwurf der Sympathie auszusetzen. Die Moralgerichtshöfe verstanden keinen Spaß, und die Moralbehörde – als oberste Instanz des Landes – hatte klare Direktiven erteilt.

Dennoch, er spürte so etwas wie Mitleid, wenn er auch nicht genau definieren konnte, was es war. Sicher, die Angeklagte musste bestraft werden, aber es gab einen Ermessensspielraum, den die Richter nutzen konnten. Ihr Urteil hing nicht zuletzt von den Zeugenaussagen ab. Er warf dem Mädchen einen raschen Seitenblick zu. Er würde sie vermutlich nie wiedersehen, denn bestrafen würde man sie, das war sicher. Aber es brauchte nicht gleich die Höchststrafe zu sein.

Der Richter hatte lange gegrübelt. Flüchtig sah er auf seine Uhr. Diese dämliche Verhandlung dauerte schon viel zu lange, und offenbar war die Theorie von der Verschwörung nicht zu erhärten. In dieser Beziehung kam er nicht weiter. Die Aussage des Offiziers war eindeutig und außerdem protokolliert. Daran war nichts herumzudeuteln. Würde er weiter auf dem Thema Verschwörung herumreiten, müsste sich sogar der Verteidiger zu einem Einwand bequemen. Das war alles unerfreulich. Man würde womöglich an höherer Stelle seine Verhandlungsweise kritisieren. Nicht auszudenken! Nein, er musste jetzt rasch zu einem Entschluss kommen.

»Herr Verteidiger, haben Sie noch Fragen an den Zeugen?«

»Nein, keine Fragen, die Aussagen waren eindeutig.« Er grinste Lazarro an, der wütend die Barriere vor ihm umfasste. Dieser Lackaffe sollte sich bloß zurückhalten!

»Stella Lost, hast du noch etwas zu sagen?« Das gütige Gesicht des Richters glich einer Karikatur.

»Nein.« Die Stimme war kaum zu hören.

»Ich verkünde das Urteil im Namen der Moralbehörde. Die Angeklagte Stella Lost ist überführt, sich jahrelang unerlaubt auf dem Staatsgebiet aufgehalten zu haben. Als mildernder Umstand kann gewertet werden, dass sie bei ihrer Festnahme keinen Widerstand leistete und aller Wahrscheinlichkeit nach keiner Verschwörung angehörte. Ein weitergehender Schadensanspruch von eventuellen Nebenklägern wurde gegenüber dem Gericht nicht geltend gemacht.« Er blickte hoch, als könnte in letzter Sekunde ein Einwand kommen, aber niemand rührte sich.

»Ich setze daher für die Angeklagte die Minimalstrafe in Höhe von fünf Jahren Arbeitslager fest. Die Strafe ist ab sofort und im nächst gelegenen Lager zu verbüßen. Nach Ablauf dieser Frist wird die Angeklagte über die Grenze abgeschoben. Ein Widerspruch gegen dieses Urteil ist nicht zulässig. Die Verhandlung ist geschlossen.«

Der Wachmann stemmte sich hoch und griff nach dem Mädchen. Ihre Augen schwammen in Tränen, aber sie sagte kein Wort. Mit hängenden Schultern ließ sie sich abführen, klein, zart und verletzlich. Leutnant Lazarro spürte einen dumpfen Druck im Magen. Er starrte noch auf die Tür, als sie bereits verschwunden war.

Der Verteidiger steckte seinen Schreibstift sorgfältig in die Brusttasche, verbeugte sich kurz und ging. Der Richter blickte irritiert auf Lazarro, der immer noch an seinem Platz stand. »Sie können ebenfalls gehen, Leutnant, wir haben Ihre Aussagen zur Kenntnis genommen. Damit ist der Fall für Sie erledigt.«

»Wohin wird man sie bringen?«

Der Richter verzog das Gesicht. »Interessiert Sie das? Vermutlich nach Camp 24. Aber das ist Sache der Behörde. In der Regel bringt man die Verurteilten allerdings in das nächste Camp. Es spart Transport und Bewachungskosten; die Behörde ist in dieser Beziehung sehr genau.«

»Camp 24 – ich weiß – das ist in der Nähe meiner Kaserne.«

»Sicher, das sind auch die einzigen Bauten in der Nähe eines Lagers, die engere Umgebung ist schließlich Sperrgebiet. Es gibt immer noch Rückfällige in unserer Gesellschaft, die sich zu gerne mit dem Feind verbrüdern würden, ein schwerer Verstoß gegen die Gesetze. Es ist daher völlig richtig von den Behörden, dass Gefangene abgeschirmt werden, auch die Fluchtgefahr ist nicht zu übersehen.«

»Haben Sie ein solches Lager schon einmal besucht?«

»Junger Mann, Sie stellen merkwürdige Fragen. Aber ich will Ihnen antworten: selbstverständlich nicht. Für meinen Geschmack laufen dort zu viele Frauen herum. Es sind Dutzende! Man wechselt immer noch die Wächter in regelmäßigen Abständen aus. Es hat … ah … Zwischenfälle gegeben, wissen Sie. Inzwischen ist die Bewachung zwar nahezu vollautomatisch, aber es muss ein paar Kontrolleure geben. Natürlich haben sie keinen Kontakt mit den Gefangenen.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich frage, es ist reine Neugier. Man hört sonst nichts von diesen Dingen. Ich hatte geglaubt, dass es kaum noch Frauen bei uns gibt, selbst in den Lagern nicht. Ich hatte angenommen, dass man sie abschiebt.«

»Das tun wir auch, nach Verbüßung der Strafe. Dennoch gibt es erstaunlicherweise immer noch Frauen, die hie und da aufgegriffen werden, meist sind es Provokateure von der anderen Seite. Dazu kommen natürlich noch die regulären Kriegsgefangenen. Wir brauchen sie zum Austausch.«

Lazarro nickte. »Es war eine faire Verhandlung.«

Der Richter winkte großmütig ab. »Reine Routine, wenn auch jeder Fall gut bedacht werden will. Sie vergessen die Episode am besten.«

»Bestimmt.« Aber Leutnant Lazarro wusste, dass er sie nicht vergessen konnte.

 

 

 

Einige Jahrzehnte später – Nordamerikanische Union, im Juli

 

 

Gegenwart.

 

… Als ich heute Morgen in meinem derzeitigen Quartier aufwachte, überfiel mich wieder der peinigende Gedanke, wie sinnlos dies alles war. Es war einer dieser Momente, in denen man bereit ist alles hinzuwerfen, selbst wenn man so viele Jahre durchgehalten hat. Das Schlimmste ist die verdammte Einsamkeit. Ich bin der Letzte. Alle, die ich kannte, sind nicht mehr. Einen nach dem anderen hat es erwischt.

Der Zustand der Welt ist unverändert schlecht. Ich sehe die Fernsehprogramme, und sie kotzen mich an. Ich hoffe, dass sie mich in meiner jetzigen Bleibe nicht so rasch entdecken. Ich habe sogar einen Fernseher aufgetrieben. Mein Konservenvorrat reicht noch ein paar Wochen, und Alkohol ist auch genügend da. Ich versorge mich aus den Vorratslagern. Wenn man, wie ich, so lange überlebt hat, kennt man ein paar Tricks. Jeder Einbruch ist natürlich mit erheblicher Gefahr verbunden, aber das spielt keine Rolle.

Ich besitze sogar eine Waffe, einen leicht angerosteten Revolver, der aber noch völlig in Ordnung ist. Die Patronen würden nicht lange reichen, aber sie genügen, ein paar Gegner hinüberzunehmen, ehe ich mir die letzte Kugel selbst in den Schädel jage. Irgendwie ist es ein beruhigendes Gefühl, dass man die anderen zum Schluss noch überlisten kann.

Früher, am Anfang, habe ich den wilden Mann gespielt. Ich dachte, ich könnte die Entwicklung mit Sprengstoffanschlägen und Feuerüberfällen aufhalten – einer meiner vielen Irrtümer. Der Gegner dürfte die Nadelstiche nicht einmal gemerkt haben. Damals traf ich Freunde, Gleichgesinnte, Versprengte, die nach dem weltweiten Desaster, nach der Trennung, wie wir sie heute haben, gleich mir plötzlich auf der falschen Seite waren. Die Hilflosen sollten sich verbünden, dachte ich, den Widerstand aufbauen, kämpfen, das neue System zerschlagen.

Sinnlos! Die Lage hat sich stabilisiert. Überall auf der Welt sind Frauen und Männer getrennt, haben ihre eigenen Staaten und stehen sich in unversöhnlichem Hass gegenüber. Es ist absurd.

Die alten Grenzen zählen nicht mehr, nachdem die neue Ordnung auf den Trümmern der alten errichtet wurde. Aber welche Opfer hat es gekostet! Und das alles für diesen unnatürlichen Zustand, der meines Erachtens in einer weiteren Katastrophe enden wird. Es ist nur gut, dass keine Seite die andere schlagen kann, sonst wären sie schon übereinander hergefallen, um die Menschheit endgültig von diesem Planeten zu tilgen. Warum stirbt die menschliche Dummheit nicht aus?

Merkwürdig ist nur, dass die erzwungene Enthaltsamkeit noch nicht zur Explosion führte. Schon vor Jahren hieß es, dass sie – auf beiden Seiten – mit irgendwelchen Drogen den Hormonhaushalt beeinflussen. Vielleicht ist damit der ganze Planet schon verseucht, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Menschheit endgültig ausstirbt. So, wie es jetzt aussieht, ist es kein großer Verlust.

Ich gebe zu, dass die Nachwuchsfrage an sich erstaunlich gut funktioniert, bisher jedenfalls. Bei den Männern gibt es ohnehin keine Probleme, seit man die Bruttanks für Säuglinge erfand. Und von diesem Zeitpunkt an lässt sie das System nicht mehr aus dem Griff; sie kennen nichts anderes. Bei den Frauen ist es wohl schwieriger – wenigstens den männlichen Samen können sie noch nicht künstlich herstellen, aber das ist wohl auch nur eine Frage der Zeit. Bisher müssen sie die Männer noch kidnappen, um Nachschub für die Samenbanken zu haben. Jedoch kann ein einziger Mann für ziemlich zahlreichen Nachwuchs sorgen. Sie haben es in der diesbezüglichen Wissenschaft weit gebracht.

Eines Tages wird die Natur sich rächen, davon bin ich überzeugt. Dieser Planet ist vergiftet. Von Hass. Liebe – was war das noch?

 

 

 

SIEBTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

Robert Kinsley kauerte regungslos hinter dem schützenden Blättergewirr der niedrigen Ziersträucher. Die weitläufige Parkanlage war an normalen Tagen für den Besucherstrom gesperrt, sodass er nicht mit unangenehmen Überraschungen zu rechnen brauchte. Wächterinnen gab es nur am Haupteingang, und Patrouillen waren nicht zu befürchten.

Der massige Bau des Geburtstempels mit seiner Marmorfassade und der vorgelagerten Säulenreihe erinnerte an ein monumentales Grabmal, obwohl er doch das Gegenteil symbolisierte. Im Grunde war der Geburtstempel nichts anderes als eine Art Krankenhaus, oder besser, eine Gebärstation. Hier wurden die Frauen des gesamten Bezirks künstlich befruchtet und brachten später die Kinder zur Welt, die anschließend zu den staatlichen Kinderheimen gebracht wurden.

Hinter dem Bau gab es einen weiteren Komplex, einen flachen Betonbau, der wie ein Bunker aussah. Das war die zugehörige Samenbank. Der Komplex enthielt die Aufenthaltsräume der Männer, die man dort wie Zuchtvieh gefangen hielt, Kühleinrichtungen, um den Nachwuchs der Nation für die nächsten Jahre einzulagern, sowie die übrigen medizinischen und biologischen Labors, in denen auch erbbiologische Grundlagenforschung betrieben wurde. Das gesamte Areal zählte – wie ähnliche Einrichtungen im Land – zu den wichtigsten Bauwerken und Institutionen, die es gab. Hier befanden sich die Nervenzentren, von hier ging die Macht aus; denn die weiblichen Ärzte und Biologen bildeten neben den Militärs die Führungselite des Staates. Kein Wunder, wenn man bedachte, wie wichtig in einem Staat, dessen Bevölkerung nur aus Frauen bestand, die Nachwuchsfrage war.

Robert Kinsley war es zum ersten Mal gelungen, näher als auf Sichtweite an eine solche derartige Einrichtung heranzukommen.

Die Sonne stand tief, und ihre wärmenden Strahlen fielen auf die kalt wirkende Fassade. Der spiegelnde Stein reflektierte flammende Lichtlanzen. Der Kuppelbau über der Mitte des Gebäudes glänzte wie flüssiges Kupfer. Die gepflegten Rasenflächen und Kieswege erinnerten an einen Schlosspark aus längst vergangenen Zeiten.

Robert Kinsley dachte an die letzten Jahre, die kaleidoskopartig an ihm vorüberzogen, während er darauf wartete, näher an den Bau heranschleichen zu können.

Er dachte an David Ingham, erschossen in seinem Studio, an seinen Freund George Baker, den man wenige Monate nach seiner Verhaftung zum Tode verurteilt hatte. Sie hatten sich nie wieder gesehen. Rico, der Killer, der eigentlich kein schlechter Mensch war …

Er selbst war unter abenteuerlichen Umständen nach Kanada geflohen. In diesem riesigen Land konnte sich ein Mensch leicht verstecken. Er hatte gelernt, zu überleben, und aus ihm war endgültig ein anderer geworden. Seine Freunde hätten ihn kaum wiedererkannt. Bis in den hohen Norden zu den Eskimos war er vorgedrungen auf seinen jahrelangen Wanderungen. Dort hatte er abgewartet und zugesehen, wie die Welt, die er kannte, zerfiel. Es waren keine einfachen Jahre gewesen, aber er bereute sie nicht.

Als dann die alten Ordnungen endgültig zerbrachen, berührte es ihn in seiner Abgeschiedenheit wenig. Unter ungeheuren Geburtswehen entstanden die neuen Staaten, neue Grenzen zerteilten die Erde, andere besaßen keine Bedeutung mehr. Kriege, Aufstände und Revolutionen erschütterten die Welt, Ideologien, Rassenunterschiede, Religionen und Gesellschaftssysteme verloren ihre bisherige Bedeutung. Sie wurden ersetzt vom ältesten Gegensatz der Geschichte: vom Unterschied zwischen Mann und Frau, die in einem Anfall von weltweitem Wahnsinn beschlossen hatten, sich zu trennen. Dunkle Jahre waren es, die folgten, ehe sich die neuen Mächte etablierten, die eifersüchtig den geschaffenen Zustand zementierten. Die gigantischen Opfer und die rapide absinkenden Geburtsraten hatten die Zahl der Menschen erheblich verringert. Es gab Platz genug.

Kinsley hatte zahllose Nächte wachgelegen und nachgedacht, aber auch aus dem klaren Sternenhimmel war keine Erleuchtung gekommen. Die Masse der Menschen gewöhnte sich offenbar schnell an die neue Ordnung, nachdem die Fronten so verhärtet waren. Es gab nur noch wenige Ausnahmen auf der Welt, wo die strikte Trennung nicht verwirklicht war: Teile Asiens und Afrikas, einige Südseeinseln, die Urwälder Südamerikas. Ansonsten war die Trennung vollkommen, manche Länder wurden zweigeteilt, andere verschwanden ganz von der Landkarte, wie einige europäische Staaten. Der gewaltige Exodus in beiden Richtungen dauerte Jahre – und dann begann die Jagd auf die Zurückgebliebenen, die sich um keinen Preis anpassen wollten. Auch heute noch gab es auf beiden Seiten Minderheiten des anderen Geschlechts, aber sie wurden in streng bewachten und abgeschirmten Reservaten gehalten, bis sich das Problem durch Aussterben von selbst erledigte.

Merkwürdigerweise funktionierte die neue Gesellschaft, wenn auch nur in Form einer allesbeherrschenden Diktatur, die gnadenlos jeden Widerstand unterdrückte, bis hin zur physischen Auslöschung der Abweichler. Die Menschen hatten sich an den Zustand gewöhnt; die Diktatur war geblieben. Und es gab keine Hoffnung auf Änderung.

Kinsley hatte schon lange mit dem Leben abgeschlossen. Dass er immer noch frei herumlief, grenzte an ein Wunder. Er wusste selbst nicht, was ihn eigentlich vorantrieb. Er war jetzt Ende Fünfzig, wurde im nächsten Jahr sechzig, fühlte sich aber nicht alt. Er besaß immer noch volles Haar, seine Haut war von gesunder Bräune und sein Körper durchtrainiert wie der eines Athleten. Aus den zeitweiligen Stadien der Depression und Resignation tauchte er immer wieder hoch, gereifter und entschlossener als zuvor.

Manchmal glaubte er, von einer höheren Macht zu einer bestimmten Aufgabe ausersehen zu sein. Wie sonst hätte er überleben können? Der jetzige Zustand war widernatürlich und musste geändert werden, aber offenbar war die Natur kein Freund von schnellen Entschlüssen und dachte in anderen Dimensionen, für die die Dauer eines menschlichen Lebens nicht mehr als ein Lidschlag war.

Kinsley dachte an die Freunde, die er auf der Erde noch besaß. Nun, es waren eigentlich keine Freunde, vielleicht wäre der Ausdruck Verbündete besser gewesen. Paul Wagner, einer der beiden, lebte in Südfrankreich, einem Männerstaat. Er hatte es zu einigem Reichtum gebracht und war in mancherlei Geschäfte verwickelt, die sich einer genaueren Beurteilung entzogen. Kinsley wusste einiges darüber, aber nicht alles. Seit sie sich damals auf der Party getroffen hatten, war die Verbindung nicht abgerissen. Von Kanada aus hatte Kinsley Kontakt zu Wagner aufgenommen – der letzte Bekannte, an den er sich noch wenden konnte und der seine Ansicht teilte.

Wagner war damals ebenfalls in den Untergrund gegangen und hatte es mit seiner natürlichen Begabung geschafft, ein Netz von weltweiten Verbindungen aufzubauen, auch zu den von Frauen regierten Staaten. Leider stand das Geldverdienen im Mittelpunkt seiner Interessen, aber Kinsley hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Wagner eines Tages dazu überreden zu können, seine Beziehungen und sein Vermögen zur Veränderung des bestehenden Zustandes einzusetzen.

Sie sahen sich nicht oft. Reisen war gefährlich geworden in diesen Zeiten. Wagner hatte ihm angeboten, dass er einen Job in seiner Organisation übernehmen könnte, aber Kinsley sah seine Aufgabe an dem Platz, an dem er sich immer noch befand.

Immerhin war er dank dieser Beziehung auf einen anderen alten Bekannten gestoßen: Alexej Jakowlew. Der Russe hatte einen wichtigen Posten in der Armee der Zentralasiatischen Sowjetrepublik. Kinsley hatte ihn erst einmal bei Wagner getroffen. Sein Misstrauen gegenüber einem Kommunisten war jedoch immer noch so stark, dass es zu einer engeren Freundschaft nicht gekommen war. Jedoch war Jakowlew ihm geistig näher als der Rest der Menschheit. Eines Tages würden sie vielleicht gemeinsam für eine neue und bessere Welt kämpfen.

Es wurde Zeit, dass er sich wieder einmal mit Wagner in Verbindung setzte. Der Deutsche besaß eine Menge Möglichkeiten, ihm zu helfen, und wenn es nur Geld und falsche Papiere waren. Was für eine verrückte Welt!

Das Verrückte war, dass die neue Ordnung die alten Probleme keineswegs gelöst, sondern nur weitere dazu getürmt hatte. Sicher, es gab keine großen Kriege mehr und keine Hungersnöte. Gleichförmigkeit herrschte und erstickte das individuelle Streben nach Glück, Liebe, Freundschaft und anderen Gefühlen, die zur positiveren Seite des menschlichen Charakters zählen. Die Hölle, das sind wir selbst. Kinsley verzog schmerzlich das Gesicht.

Er blickte zum Geburtstempel hinüber. Keine Frau war zu sehen, die Tore waren geschlossen. Sein eigentliches Ziel war natürlich die Samenbank. Er musste wissen, was dort geschah. Die offiziellen Informationen waren mehr als dürftig und bestanden meist aus mystischem Geschwafel. Er wusste, dass immer wieder Männer entführt und dorthin gebracht wurden. Jedoch hatte man nie wieder einen von ihn gesehen. Welche unmenschlichen Dinge geschahen dort? Ein Augenzeuge musste berichten. Vielleicht konnte man damit aufrütteln und überzeugen?

Kinsley verließ seine Deckung und rannte in geduckter Haltung über eine Rasenfläche, bis er sich aufatmend in eine Gruppe von kleinen Bäumen warf. Die kahle Mauer drohte abweisend herüber. Zwischen Samenbank und Geburtstempel gab es einen fensterlosen Verbindungsgang. Der Tempel selbst besaß nur den Haupteingang; die Fenster lagen zu den Innenhöfen. Sein Unterfangen schien ihm aussichtslos. Wie sollte er in diese Festung eindringen?

Er versuchte krampfhaft, sich an eine Einzelheit zu erinnern, etwas, das er übersehen hatte. Es musste einfach eine Möglichkeit geben. Sein Blick glitt suchend über seine Umgebung, nahm alles wahr, sortierte und verarbeitete. Und dann fiel es ihm wieder ein.

Keine zehn Schritt von ihm entfernt befand sich ein halb mannshoher Betonklotz, von einigen Büschen notdürftig getarnt, um die Anlage nicht zu verschandeln. Es gab mehrere davon; er hatte sie schon vorher gesehen, aber nichts damit anzufangen gewusst. Es waren die Belüftungsausgänge der unterirdischen Anlagen. Er robbte auf den Betonklotz zu und betrachtete ihn von allen Seiten gründlich. Er war offensichtlich in den Boden eingelassen und besaß zwei vergitterte Öffnungen.

Aus dem Inneren kam ein summendes Geräusch, und aus den Öffnungen schlug ihm warme Luft entgegen. Er rüttelte an den Gittern; sie waren angeschraubt. Mit einem Taschenmesser löste er die Schrauben und nahm das Gitter auf einer Seite ab. Die Öffnung war groß genug, ihn durchzulassen. Er blickte in eine finstere Tiefe. Man hatte jedoch beim Bau an eventuelle Reparaturen gedacht, denn an der Wand führten metallene Sprossen nach unten.

Kinsley schwang sich hinein und setzte den Fuß auf die erste Sprosse. Hinter sich hob er das Gitter wieder hoch und drückte es in den Rahmen. Es hielt auch ohne Schrauben. Danach machte er sich an den Abstieg. Das Summen der Anlage wurde lauter.

Der gemauerte Gang machte einen Knick und führte horizontal weiter. Ein heftiger Wind zerrte an seinen Haaren; er musste sich unmittelbar vor einem Gebläse befinden. Der Gang verbreiterte sich, und nach wenigen Schritten konnte er aufrecht stehen. Er befand sich in einer Art Verteilerkammer. Er ließ eine winzige Taschenlampe kurz aufleuchten, um sich zu orientieren. Das Gebläse saß in einem Gehäuse vor ihm, rechts und links führten quadratische Gänge aus Metall weiter. Er entschied sich für den rechten.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, und er bekam Platzangst. Wenigstens war es sauber; dafür sorgten die ständigen Luftströme. Seine Lampe ließ er nur in Abständen aufleuchten, um die Batterien zu schonen. Dann fiel Licht in die Dunkelheit. In regelmäßigen Abständen gab es Lüftungsschlitze. Gleich beim ersten hielt er an und spähte hindurch. Unter ihm lag ein Maschinensaal, offenbar die Energiezentrale. Er erkannte Rohre, Schalttafeln und Verteilerkabel. Es war niemand zu sehen.

Kinsley hatte den Zeitpunkt seines Eindringens mit Bedacht gewählt. Aus den Nachrichten hatte er erfahren, dass man in wenigen Tagen die ersten werdenden Mütter im Geburtstempel erwartete. Noch standen alle Betten leer, und es gab aus diesem Grund natürlich auch keine Befruchtungen, da man sich auf die Ankunft des neuen Lebens vorbereitete. Er ging demzufolge davon aus, dass zurzeit hier wenig Betrieb herrschte, sodass seine Chancen besser waren als zu einem anderen Zeitpunkt.

Die Lüftungsschlitze saßen in herausnehmbaren Blechen, es war eine der üblichen Anlagen. Seine Ausrüstung war nicht umfangreich, aber auf solche Hindernisse war er vorbereitet. Es dauerte keine fünf Minuten, bis er das Blech gelöst hatte und vorsichtig neben sich legte. Jetzt konnte er den ganzen Raum überblicken. Direkt unter ihm liefen mehrere dicke Rohre entlang. Er kletterte hinunter und befestigte das herausgenommene Blech provisorisch. Einer flüchtigen Überprüfung würde es standhalten.

Er sprang von den Rohren und kam federnd auf. Außer dem Summen der Maschinen war nichts zu hören. Sein Eindringen war bisher unbemerkt geblieben.

Lautlos durchquerte er den Saal, immer wieder nach allen Seiten sichernd. Die Vorsicht war ihm in Fleisch und Blut übergegangen; denn er wusste, dass die Friedhöfe voll waren von Leuten, die es an der nötigen Vorsicht hatten mangeln lassen.

Am anderen Ende des Raumes erwartete ihn eine doppelflügelige Stahltür, die in ihrem oberen Drittel ein Sichtfenster besaß. Er riskierte einen vorsichtigen Blick und sah in einen endlosen Gang, von dem verschiedene Türen abgingen. Es brannte nur eine Art Notbeleuchtung. Er schlüpfte durch die nicht verschlossene Tür und bewegte sich weiter. Im Vorbeigehen öffnete er die nächste Tür. Ein Lagerraum mit zahlreichen Regalreihen.

Der nächste Raum war merkwürdiger. Er war gekachelt bis unter die Decke, und die eine Wand war übersät mit kleinen Türen, die ihn an Kühlschränke oder Tresore erinnerten. Er trat ein, und plötzlich wusste er, wo er sich befand.

Mit einem heftigen Ruck zog er am Griff einer der Türen, und sie öffnete sich mit einem saugenden Geräusch. Ein Schwall kalter Luft schoss heraus und kondensierte sofort. In dem Fach dahinter lag ein nackter Mann auf einem herausziehbaren Gestell.

Er war zweifellos tot. Kinsley zog das Gestell ein Stück heraus und starrte in das wächserne Gesicht mit den blutleeren Lippen. Der Mann war noch nicht alt, keine dreißig, schätzte Kinsley.

Ohne den Leichnam wieder in sein Fach hineinzuschieben, öffnete Kinsley weitere Türen. Ihm wurde kalt, und es kam nicht nur von der Luft, die aus den Kühlfächern strömte. Er zählte acht männliche Leichen, alle im gleichen Alter, und hatte noch nicht alle Fächer geöffnet. Eine äußere Todesursache war bei keinem zu erkennen, aber es war kaum vorstellbar, dass sie alle eines natürlichen Todes gestorben sein sollten. Welches schreckliche Geheimnis verbarg sich hinter diesen Toten?

Kinsley schob die Gestelle wieder in ihre Fächer zurück und schloss die Türen. Der Anblick hatte ihn zutiefst erschüttert. Zwar gab es viele Gerüchte darüber, was sich hinter den Mauern der Samenbanken verbarg, aber er hatte noch nie einen Menschen gesprochen, der die Wahrheit herausgefunden hatte. Kinsley war entschlossen, das Geheimnis zu lösen.

Er verließ die Leichenhalle, wie er den Raum in Gedanken nannte, nachdem er nichts weiter entdecken konnte, und ging vorsichtig den Gang entlang, der ins Innere des unterirdischen Komplexes führte. Hin und wieder probierte er eine der Türen, aber sie waren entweder verschlossen, oder es verbargen sich Lagerräume dahinter. Am Ende des Gangs befand sich wiederum ein breites Portal aus Metall. Sachte öffnete er einen Flügel.

Das grelle Neonlicht blendete ihn. Vor ihm lag eine weitläufige Halle, die an eine Tiefgarage erinnerte. War es unter anderem wohl auch, denn an einer Längswand befanden sich mehrere Fahrzeuge verschiedenster Typen. Er trat in die Halle und sah sich um. In diesem Augenblick ertönte ein summendes Geräusch rechts von ihm. Kinsley fuhr herum und sah, wie sich am Ende einer Rampe ein Tor zur Seite schob. Zwei Scheinwerfer näherten sich wie die Augen eines Raubtiers aus der Dunkelheit. Kinsley verbarg sich in einer Nische zwischen zwei tragenden Säulen aus Beton.

Das Fahrzeug, ein Lastwagen, fuhr die Rampe herab und bremste mitten in der Halle. Mit einem leichten Seufzen erstarb der Elektromotor, und das Tor rollte wieder zurück.

Es kam Leben in die Halle, Türen klappten, und weibliche Stimmen wurden laut. Eine Gruppe von weißgekleideten Frauen näherte sich dem eben angekommenen Wagen, aus dessen Fahrerkabine eine uniformierte junge Frau kletterte. Sie salutierte zackig – selbst solche albernen Bräuche waren auf beiden Seiten noch nicht ausgestorben – und gab zwei weiteren uniformierten Frauen, die gerade von der Ladefläche herabsprangen, einen kurzen Befehl. Die Weißgekleideten versammelten sich in einem Pulk am Heck des Wagens, während die Klappe nach unten schwang.

Kinsley konnte aus seiner Position heraus alle Einzelheiten gut erkennen. Auf der Ladefläche hockten in zwei Sitzreihen eine Anzahl junger Männer. Die blitzenden Fesseln an ihren Gelenken waren nicht zu übersehen. Sie reagierten kaum, als die Uniformierten einem nach dem anderen die Fesseln lösten und aussteigen ließen. Offenbar standen sie unter Drogen, die die Reaktionsfähigkeit herabsetzten. Man stellte die Männer in einer Reihe auf, wobei sie immer noch Handschellen trugen. Der Lastwagen war offensichtlich für diese Art von Fracht konstruiert, denn Kinsley sah deutlich die Vorrichtung, an denen die Handschellen eingeklinkt wurden. Das hieß, dass diese Männer nur Teil einer langen Reihe ähnlicher Transporte waren, und wenn die Samenbank das Endziel ihrer Reise war, konnte man sich gut vorstellen, welches Schicksal ihnen zugedacht war. Kinsley musste nur herausfinden, was genau mit diesen Männern geschah.

Der Pulk der Weißgekleideten setzte sich mit den Gefangenen in Bewegung und verschwand auf der anderen Seite der Halle. Eine der Frauen war zurückgeblieben, ebenso die Begleitmannschaft des Fahrzeugs, und die taten jetzt etwas sehr Merkwürdiges. Sie kletterten wieder auf die Ladefläche und bauten mit geübten Bewegungen die Sitze um, bis nach wenigen Minuten ein freier Raum entstand, in dem sie aus Rohrgestängen eine Art Gestell errichteten. Der Wagen war in der Tat ein Mehrzweckfahrzeug.

Anschließend marschierte die Gruppe zu dem Portal, aus dem Kinsley gekommen war. Es dauerte nicht lange, bis sie zurückkamen. Sie schoben niedrige Metallrahmen auf Rädern, auf denen die nackten Männerleichen lagen, die Kinsley vorher entdeckt hatte. Es war ein makabrer Anblick, als man die Toten auf den Wagen verlud. Für die Frauen schien es reine Routine zu sein, denn es ging reibungslos und schnell. Kinsley spürte ein trockenes Würgen in der Kehle. Dies war für die Männer, die hier eingeliefert wurden, der einzige Rückweg.

»Zum Krematorium«, befahl die Frau in Weiß. Die Uniformierten nickten und bestiegen ihren Wagen mit der schaurigen Fracht.

Als es in der Halle wieder ruhig geworden war, lehnte sich Kinsley an die Wand und schloss die Augen. Hatte er bereits genug gesehen? Konnte er diesen Ort tödlicher Gefahren verlassen? Nein! Er musste alles sehen. Er musste wissen, wohin man die Männer brachte und was man weiter mit ihnen anstellte. Wie lebten sie und wie starben sie?

Was war das für eine Welt! Kalt, unbarmherzig und absolut unnötigen Zwängen unterworfen. Erkannten die Verantwortlichen nicht, welchen Irrsinnsweg sie gingen? Wer überbrückte die aufgebrochenen und künstlich verstärkten Gegensätze? Wer setzte diesem Hass ein Ende, der die zwei Teile eines zusammengehörenden Ganzen zu tödlichen Feinden gemacht hatte?

Die Spezies Mensch ging sehenden Auges in ihren Untergang. Robert Kinsley spürte eine tiefe innere Verzweiflung. Gab es noch die Hoffnung, dass dieser Spuk vorüberging, wie alle dunklen Epochen der Geschichte? Dies war die dunkelste, vielleicht der Anfang vom Ende, der die Erde von ihrem gefährlichsten Gegner befreien würde. Der sie ausgeplündert und verschandelt hatte, mit Strahlen verseucht und mit Giften verheert, der die Flüsse in Kloaken und die Meere in tote Gewässer verwandelte, der Luft zu Giftgas machte und andere Arten sowie sich selbst ausrottete, der in der Lage war, aus dem Planeten Erde eine unbewohnbare Mülllandschaft zu machen.

Dies alles war in den letzten Jahren zurückgegangen; nicht, weil man die Fehler erkannt hatte, sondern weil es weniger Menschen gab, und die Geburtenquote war weiter rückläufig. Dabei hätte es die Chance gegeben, die Fehler der Vergangenheit zu überwinden, nachdem der Planet und ein Großteil seiner Bewohner die Erschütterungen der dunklen Jahre überlebt hatte. Welche Chance war vertan!

Kinsley spürte Müdigkeit und Trauer, vermischt mit einer Spur Selbstmitleid, wie er sehr wohl wusste. Offenbar besaß er nicht den Trieb der Lemminge wie alle anderen. Oder nur auf andere Weise? Sein Eindringen in diesen Komplex zeugte nicht gerade von Überlebenswillen.

Er stieß sich mit einem Ruck von der Wand ab und durchquerte die Halle. Er tastete nach seiner Hüfte, an der in einer selbst gebastelten Schlaufe sein Revolver hing. Beruhigend zwar, aber letztlich auch nur eine Selbsttäuschung, die sein Leben um Sekunden oder Minuten verlängern würde. Nach den ersten Jahren, in denen er noch geglaubt hatte, die Entwicklung mit Gewalt aufhalten zu können, war er inzwischen längst zu der Erkenntnis gekommen, dass Waffen keine Veränderung bewirkten. Es galt zwar immer noch, dass die Macht aus den Gewehrläufen kommt, aber sie entschieden eben nur den Kampf um die Macht, nicht die Zukunft der Menschheit.

Er gelangte zu der Tür, durch welche die Weißgekleideten mit ihren Gefangenen verschwunden waren, und öffnete sie vorsichtig. Dahinter lag ein hell beleuchteter Korridor mit einer Treppe und einem Lift am anderen Ende. Den Lift wagte er nicht zu benutzen, er nahm die Treppe, die oben in einen weiteren Korridor mündete, dessen eine Seite zur Hälfte verglast war. Von hier aus überblickte man einen tiefer gelegenen Saal, der durch zahlreiche Zwischenwände unterteilt war. Der Korridor bildete eine Art Galerie, die um den ganzen Saal herumlief.

Dort unten befand sich ein Operationszentrum, ein medizinischer Albtraum mit seinen blitzenden Geräten, deren Zweck ihm unbekannt war. Er erkannte weißgekleidete Frauen, die ihren Beschäftigungen nachgingen. Auch die Gruppe der Männer entdeckte er. Sie saßen in einem abgetrennten Raum – jetzt ohne Handschellen – als warteten sie auf ihre Hinrichtung. Sie wirkten apathisch und hilflos.

Offensichtlich wurden sie jetzt von einem Medizinerteam gründlich untersucht, vermutlich auf ihre Zeugungsfähigkeit, denn das würde in der nächsten Zeit ihre Aufgabe sein: Samenspender, um den Nachwuchs des Staates zu sichern.

Kinsley beobachtete die Szenerie mit brennenden Augen. Der Vorgang wirkte unmenschlich und barbarisch. Zuchtvieh, das auf seine Fähigkeiten überprüft wurde. Was geschah mit denen, die aus irgendwelchen Gründen nicht infrage kamen?

Er erfuhr es eine halbe Stunde später.

 

*

 

Stella Lost – sie hatte sich inzwischen an den neuen Namen gewöhnt – hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Zumindest erkannte sie, dass es keinen Sinn hatte, sich dagegen aufzulehnen. Es war ihr zwar nach wie vor unbegreiflich, dass sie verurteilt worden war, nur weil sie sich in der Stadt, in der sie geboren war, aufgehalten hatte, aber die Handlungen der Menschen erschienen ihr immer schon unbegreiflich.

Nie hatte sie jemandem etwas zuleide getan, und der blindwütige Hass, dem sie sich gegenübersah, erschreckte sie.

Das Lager, in dem sie sich jetzt befand, war von der Außenwelt völlig isoliert. Es gab eine Lagerälteste, deren Wort Gesetz war. Sie war schon seit Jahren im Lager. Die meisten anderen waren auf ähnliche Weise wie Stella hierhergekommen, einige kamen von der anderen Seite, Gefangene des ständigen Kleinkriegs an der Grenze. Sie schmiedeten unentwegt Fluchtpläne, obwohl noch nie eine Flucht gelungen war.

Männer bekamen sie fast nie zu Gesicht. Sie befanden sich außerhalb des Sperrgebietes, das mit Mauern, Lichtschranken und Stacheldraht gesichert war. Das Lager selbst bestand nur aus wenigen Gebäuden, darunter zwei Schlaf- und Aufenthaltsbaracken. Es gab einen Arbeitsraum, in dem die Frauen Uniformen nähen mussten. Das Material sowie die übrigen Versorgungsgüter kamen in regelmäßigen Abständen in einem Fahrzeug. Der Fahrer blieb immer in seiner verschlossenen Kabine und wartete, bis die Frauen abgeladen hatten. Die fertigen Uniformen wurden auf dem gleichen Wege abtransportiert. Die einzige andere Verbindung zur Außenwelt bildete eine Telefonleitung, über die auch die Anweisungen der Lagerleitung erteilt wurden. Stella hatte erfahren, dass es hin und wieder auch Einsätze außerhalb des Lagers gab. Die Sicherheitsvorkehrungen waren dabei sehr streng, aber die Frauen erhaschten zumindest einen Blick auf die Welt außerhalb ihrer kleinen, abgeschlossenen Gemeinschaft.

Man ließ Stella weitgehend in Ruhe, und auch die anderen gingen sich aus dem Weg, soweit es möglich war. Es gab ohnedies genügend Nervenzusammenbrüche, kleinliche Eifersüchteleien und Streitigkeiten, wie es auf solch eng begrenztem Raum nicht anders zu erwarten war. Die Lagerälteste hatte ihr alle Verhaltensregeln aufgezählt, und Stella war gewillt, sich daran zu halten.

Wenn sie allerdings an die vor ihr liegende Zeit dachte, überkam sie oft Verzweiflung. In der ersten Nacht fand sie keinen Schlaf, und ihre Leidensgenossinnen waren zu abgestumpft oder zu gleichgültig, sich um sie zu kümmern. Sie war allein, aber das war keine neue Erfahrung für sie.

Immerhin brauchte sie sich keine Sorgen um das tägliche Überleben zu machen, die Suche nach Nahrung, Kleidung, nach einem Versteck, war vorbei. Ihre überempfindlichen Sinne, geschärft im jahrelangen Kampf mit einer feindlichen Umwelt, nahmen alle Eindrücke auf und versuchten, sie zu verarbeiten.

Natürlich hatte sie auch vorher gewusst, dass sie sich vor den Männern verstecken musste, aber es war ein instinktives Wissen und Erfahrungen, die ihre Mutter ihr vermittelt hatte. Die Gesetze dieses Staates kannte sie nicht, und vor allen Dingen nicht die Gründe dafür. Es hatte keine Zeit für lange Gespräche gegeben; Angst, Sorge und schnelle Flucht waren die beherrschenden Dinge ihres Lebens gewesen.

Die Arbeit war nicht schwer und auch von der gestellten Norm her zu schaffen, sodass genügend Zeit für andere Dinge blieb. Stella lernte es, ihr Haar zu pflegen und mit den begrenzten Hilfsmitteln ihr Aussehen zu ändern. Sie registrierte hin und wieder einen bewundernden Blick ihrer Gefährtinnen, hatte aber keine Erklärung dafür.

Schon in der vierten Nacht spürte sie, wie sich eine andere Frau auf ihr Lager drängte. Sie hörte verwirrende Worte, die unterdrückte Gier ahnen ließen, und fühlte Hände, die an ihrem Körper entlangstrichen. Sie versteifte sich und wagte kein Wort zu sprechen. Erst als eine heiße Zunge über ihr Gesicht leckte, stieg ein Gefühl von Ekel in ihr hoch. Sie schrie auf und stieß die andere mit den Fäusten von sich. Seitdem ließ man sie in Ruhe, aber an jedem Abend fürchtete sie sich vor der kommenden Nacht.

Manchmal dachte sie an die Gerichtsverhandlung, die sie wie ein unbeteiligter Zuschauer erlebt hatte. Das Gesicht des Richters war in ihrer Erinnerung zu einer gesichtslosen Maske geworden, die nichtssagende Worte ausstieß, ohne Bedeutung und ohne sie zu erreichen. Der Verteidiger? Nur noch verwaschenes Grau. Ein anderer Mann, der ständig schrieb – farblos, leer, nichts.

Dann aber dachte sie auch an den jungen Offizier, der sie verhaftet und dabei vor seinen eigenen Soldaten geschützt hatte. O ja, das hatte sie sehr wohl begriffen. Sie sah auch noch die johlende Masse, und sie hatte gewusst, was man mit ihr tun wollte, wäre jener Offizier nicht gewesen. Von diesen Dingen verstand sie eine Menge, ohne dass sie es hätte ausdrücken können.

Frank Lazarro. Sie hatte sich den Namen gemerkt. Diese beiden Worte waren während der Verhandlung als Einziges in ihr Bewusstsein gesickert. Sie wusste den Grund nicht, aber sie wusste, dass er der einzige Mann war, vor dem sie keine Angst zu haben brauchte. Wusste sie es wirklich? Sie kannte ihn nicht, hatte ihn zweimal gesehen, und er hatte sie behandelt, als sähe er sie kaum. Dennoch, mit diesem Mann verband sie … ja, was? Er war doch nur ein Mann, gehörte zu den Menschen, die Frauen wie sie jagten und einsperrten.

Sie suchte nach einem Wort, das sie von ihrer Mutter gehört hatte. Pflicht – ja, das war es. Er tat seine Pflicht, und Stella erinnerte sich, wie ihre Mutter darüber gedacht hatte. Es war an sich eine ehrenvolle Aufgabe, seine Pflicht zu tun, aber es hing immer davon ab, wem gegenüber. Pflicht hatte einen doppelten Boden.

Stella überdachte ihre Lage mit der Ernsthaftigkeit, die ihr bisheriges Leben bestimmt hatte. Sie fühlte sich Mächten ausgeliefert, denen mit ihren schwachen Kräften nicht beizukommen war. Sie gab sich nicht auf, dieser Begriff war ihr fremd, aber sie fühlte sich hoffnungslos.

Die Frauen, die ihr Schicksal teilten, hielten keine Lösungen parat. Sie gingen ihrer Arbeit nach oder schmiedeten phantastische Pläne, in denen Rache gegenüber der Männerwelt ein Hauptmotiv war. Stella verstand sie nicht. Männer waren für sie eine unbekannte Größe, fremde Wesen, die ebenso gut hätten von einem anderen Stern stammen können.

In ihren schlaflosen Nächten grübelte sie darüber nach, warum Frauen und Männer so hasserfüllt einander gegenüberstanden. Sie fragte andere Frauen, erntete aber nur spöttisches Lächeln oder wortreiche Erklärungen, die mehr verbargen als enthüllten. Stella wusste, dass es einmal anders gewesen war, dass Männer und Frauen zusammengelebt, ein gemeinsames Schicksal geteilt, sogar als Paare miteinander gelebt hatten. Wenn sie Fragen in dieser Richtung stellte, erhielt sie ausweichende Antworten, als ob sie eine Tabuzone berührte, deren bloße Erwähnung Schrecken hervorrief.

Sie hörte zu, wenn die anderen sich beim Essen unterhielten, und auf diese Weise lernte sie viel, begriff Zusammenhänge, aber verstand nie den fundamentalen Unterschied, den es zwischen Frauen und Männern geben sollte. Frank Lazarro fiel ihr ein, der gar nicht dem Klischee entsprach, das die Frauen von den Männern entwickelten. Es gab keine logische Erklärung für ihre Empfindungen, die sie nicht in Worte umzusetzen vermochte, aber sie vergaß den jungen Offizier nicht; tief in ihren Gedanken war er da, unfassbar, unerklärlich, ein nicht zu greifender Schemen.

Das tägliche Einerlei beschäftigte Stella; es gab so viel Neues zu erfahren, und es erschreckte sie, wenn sie das Verhalten der anderen beobachtete. Sie kannte die Begriffe nicht, aber hätte sie ihre Empfindungen einem anderen beschrieben, wären es die Krankheitsbilder von Psychosen gewesen. Sie beobachtete scharf und erkannte instinktiv Wahrheiten, die außer ihr niemand akzeptieren würde.

Eines Tages gab es eine unerwartete Abwechslung. Völlig außer der Reihe erschien der Lastwagen, der üblicherweise die Vorräte lieferte. Diesmal blieb die Fahrerkabine nicht geschlossen. Auf der Beifahrerseite stieg ein Mann aus und blickte sich suchend um. Die Frauen standen schweigend an den Fenstern ihrer Baracke und starrten auf die ungewohnte Szene. Stella hörte Bemerkungen des Abscheus und der Wut, was sie begriff, denn sie wusste, dass die Männer schließlich für dieses schreckliche Lager verantwortlich waren.

Der Mann war um die Fünfzig und trug eine uniformähnliche Kombination aus blauem Stoff. Sein Haar war unbedeckt und bewegte sich leicht im Wind. Er war augenscheinlich unbewaffnet und machte ein ernstes Gesicht, nicht zornig oder ablehnend, einfach nur ernst. Ohne zu zögern betrat er die Baracke.

Die Lagerälteste trat ihm entgegen. »Welch unverhoffter Besuch, Mister Collins!« Sie kannte ihn also. »Was führt Sie zu uns?« Ihr Gesicht zuckte, und ihre Stimme klang bösartig.

Er beachtete sie nicht und zog aus seiner Brusttasche ein Stück Papier oder eine dünne Kunststofffolie. Es waren Stempel drauf; etwas Amtliches also. Stella fühlte sich unangenehm an ihre Gerichtsverhandlung erinnert.

Der Mann entfaltete das Blatt und setzte umständlich eine Brille auf, durch die er das Blatt in Ruhe überflog, ehe er zu sprechen begann. »Wir wollen einen Austausch vornehmen. Die andere Seite …« – er spuckte die Worte fast aus – »bietet mehrere unserer Leute an. Hier sind die Namen.« Er reichte der Lagerältesten das Blatt. »Die Frauen kommen sofort mit. Viel einzupacken gibt es ja wohl nicht.«

Die Lagerälteste studierte das Blatt. Dann rief sie drei Namen auf, und die Frauen traten mit freudigen Gesichtern vor. Die Enttäuschung der anderen machte sich recht spürbar im Raum breit.

Collins drehte sich auf dem Absatz um und marschierte ohne ein weiteres Wort aus der Tür, gefolgt von den drei Frauen, die einen flüchtigen Abschiedsgruß murmelten.

»Wann werden wir ausgetauscht?«, rief ihm die Lagerälteste nach.

»Ich hoffe, nie«, sagte er und verschwand.

Die Zurückgebliebenen weinten und fielen sich in die Arme. Auch Stella hatte Tränen in den Augen, und ein beklemmender Reifen legte sich um ihre Brust. Am nächsten Tag sprach niemand mehr von dem Vorfall; und die Wochen schleppten sich eintönig dahin.

Dann gab es erneut eine Abwechslung. Die Lagerälteste hatte den telefonischen Befehl bekommen, eine Gruppe von zehn Frauen für einen Einsatz außerhalb des Lagers zusammenzustellen. Auch Stella zählte zu ihnen.

Sehr früh am nächsten Morgen wurde die Gruppe mit einem Lastwagen abgeholt. Der Aufbau bestand aus Metall, und es gab nur schmale Sehschlitze, durch die man ein Stück der Außenwelt sehen konnte. Sie drängten sich alle davor zusammen und erklärten sich gegenseitig, was sie sahen. Der Wagen fuhr mit hoher Geschwindigkeit, und es dauerte über eine Stunde, ehe sie anhielten.

Einige ältere Aufseher empfingen sie an ihrem Bestimmungsort. Die Frauen verstummten; alle spürten die Spannung und eine unbestimmbare Gefahr, die in der Luft lagen. Sie standen am Rand einer flachen Senke, die in einen nahezu kreisrunden Talkessel mündete. Am Horizont sah man die Hochhäuser einer größeren Stadt.

Etwa in der Mitte des Talkessels lag eine Art Gehöft; mehrere miteinander verbundene Gebäude, umgeben von Weiden und einigen kleineren Waldstücken. Eine Zufahrt führte von der Stelle, an der sie sich befanden, direkt zu dem Gehöft.

Das Merkwürdigste allerdings war der leichte Nebel, der fast die gesamte Mulde einnahm. Etwas höher als normaler Bodennebel, zerfasert, in Schlieren, träge durcheinander wogend – und von rötlicher Farbe. Er reichte bis an die obere Kante der Fenster des Hauses.

Einer der Aufseher machte eine unbestimmte Handbewegung. »Ich werde Ihnen sagen, was Sie zu tun haben«, erklärte er. Stella musterte die rätselhaften Gegenstände, die neben ihm aufgestapelt waren: Metallflaschen mit Gurten, Schläuche, merkwürdige Gesichtsmasken mit dicken Augengläsern.

Die Frauen, eng aneinander gedrängt, starrten auf den zart und durchsichtig wirkenden Nebel, der eine merkwürdige Bedrohung auszustrahlen schien.

»Dort unten halten sich einige Soldaten auf«, sagte der Aufseher und deutete auf die Häusergruppe. »Sie halten sich in einem Raum auf, den sie notdürftig isoliert haben, aber das Gas dringt ganz langsam ein. Wir stehen mit ihnen in Sprechfunkverbindung. Wir kennen die genaue Zusammensetzung des Gases nicht; wir wissen nur, dass es tödlich ist.«

Die Frauen sahen sich schweigend an. Einige schienen zu frösteln. Stella empfand eine distanzierte Neugier.

»Wir hatten Informationen, dass sich dort unten ein Widerstandsnest der anderen Seite befinden sollte. Als die Soldaten eindrangen, explodierten rings um die Gebäude Gasgranaten. Zwei Soldaten starben auf der Stelle, die anderen retteten sich in die Häuser. Natürlich waren sie auf einen Gasangriff nicht vorbereitet. Wenn wir sie nicht herausholen, werden sie in kurzer Zeit tot sein. Einen Mann habe ich bei einem vergeblichen Versuch bereits verloren; Unterstützung von ausgebildeten Einheiten ist zurzeit nicht zu bekommen. Deshalb blieb mir nur eine Möglichkeit.«

Der Aufseher sah die Frauen scharf an. »Sie. Ihre Geschlechtsgenossinnen haben diese Falle gelegt, also ist es nur recht und billig, wenn Sie Ihr Leben einsetzen, um die Männer dort unten zu retten. Wir haben inzwischen die notwendige Ausrüstung erhalten, aber sie ist alt und vielleicht nicht ganz zuverlässig. Und ich möchte nicht das Leben von weiteren Männern aufs Spiel setzen.« Er unterbrach sich und hob eine der Gasmasken auf. »Sie werden es versuchen, zunächst eine Gruppe von drei Frauen. Wenn es Ihnen gelingt, bis zu den Eingeschlossenen vorzudringen, wird eine von Ihnen zurückkommen, und für die Soldaten ebenfalls die Schutzgeräte hinbringen.«

Er machte eine kurze Pause. »Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Einsatz sich günstig auf Ihr weiteres Strafmaß auswirken könnte. Und jetzt beginnen Sie, die Zeit ist kostbar! Bestimmen Sie aus Ihrer Mitte die ersten drei!« Er wandte sich ab.

»Ich werde gehen«, sagte Stella, und sie erschrak fast vor ihrer eigenen Stimme, die fremd und spröde klang und von weit her zu kommen schien, als spräche eine andere.

»Kommen Sie!«, rief einer der anderen Männer und winkte. Er schnallte ihr die Sauerstoffflasche um, zog die Gurte fest und legte ihr die Maske an. Für einen Moment glaubte sie zu ersticken, aber dann hörte sie ein leises Zischen und spürte einen Strom warmer und leicht abgestanden riechender Luft die Maske füllen.

»Hier ist das Ventil«, erklärte der Mann und zeigte auf ein kleines Rad. »Wenn Sie glauben, zu wenig Luft zu kriegen, drehen Sie daran, dann erhöht sich der Druck. Sie brauchen keine Sorge zu haben, der Inhalt der Flasche reicht für mehr als eine halbe Stunde. Sie haben also ausreichend Zeit. Wenn Sie sich innerhalb des Nebels befinden, werden Sie sich einbilden, an Atemnot zu leiden. Bleiben Sie ruhig, atmen Sie flach! Ich bin überzeugt, dass die Masken halten.«

Stella nickte und versuchte, ihren rasenden Puls zu verlangsamen. Zwei weitere Frauen waren dabei, Geräte anzulegen. Dann formierten sie sich in einer Reihe und machten sich an den Abstieg in die Senke.

Dank ihres ausgeprägten Überlebensinstinktes wusste Stella, weshalb die Situation so schwierig war. Das Gas, offensichtlich schwerer als Luft, füllte die Mulde aus und konnte nicht abziehen. Es wehte kaum Wind, der die Schwaden vertrieben hätte. Gleichzeitig war dies ein Vorteil für die Eingeschlossenen, denn der Giftstoff war von seiner Konsistenz her offenbar so träge, dass er sich nicht rasch ausbreitete. Wenn es den Männern gelang, einen Raum einigermaßen abzudichten, hatten sie zumindest für gewisse Zeit eine Chance – wenn auch nicht für lange

Stella konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, sie durfte nicht stolpern, denn auf keinen Fall durfte die Maske verrutschen. Die beiden anderen folgten, ohne ihre Führungsrolle infrage zu stellen. Es ging um Menschenleben. Hatte die Frage nach dem Geschlecht irgendeine Bedeutung? Stella machte sich darüber keine Gedanken. Sie handelte so, wie es ihrer Überzeugung entsprach.

Sie warf einen flüchtigen Blick zurück. Oben am Hang sprach einer der Männer in ein Sprechfunkgerät; er kündigte die Hilfe an. Die beiden anderen Frauen atmeten heftig.

Dann berührten die ersten Gasschwaden Stellas Füße. Es war, als kröche Eis ihre Beine hoch, dabei war es nur Einbildung. Die beiden hinter ihr zögerten, ehe sie ihr folgten. Stella fühlte die Beklemmung wachsen, ihre Umgebung schien in Watte zu versinken, und sie lauschte dem Pochen ihres eigenen Herzens.

Ihre Füße tasteten nach Hindernissen; denn der Boden war jetzt nicht mehr zu erkennen. Vor den dicken Gläsern ihrer Maske wallte milchiger Nebel, von rötlichen Streifen durchzogen. Diese schienen ihr die eigentliche Gefahr, und sie versuchte ihnen auszuweichen. Sie gab den anderen ein Zeichen, es ebenso zu tun, aber sie wusste nicht, ob sie verstanden worden war. Die Sicht betrug nur wenige Meter, und sie hörte das Scharren ihrer Füße, während sie sich über den unebenen Boden vorantastete.

Sie spürte nichts; das lebenserhaltende Luftgemisch strömte zuverlässig aus der Flasche auf ihrem Rücken. Eine Hand schwebte über dem Ventil, bereit, beim ersten Anzeichen von Gefahr voll aufzudrehen. Keine Übelkeit, keine Schwärze vor den Augen, nichts.

Das Haus tauchte unerwartet rasch vor ihr auf. Sie drehte sich um und wartete, bis die beiden anderen heran waren. Sprechen konnte sie unter der Maske nur schwer, also versuchte sie sich durch Zeichen verständlich zu machen, bis die Frauen begriffen, dass sie zurückkehren und die anderen holen sollten. Schließlich hatten sie den Nebel gefahrlos überwunden. Entscheidend war die Zeit.

Stella tastete sich an der Hauswand entlang, bis sie einen Eingang sah. Es war das richtige Haus, das, in dem sich die Männer befinden sollten. Hinter einem Fenster tauchte ein bleiches Gesicht auf, Mund und Nase von Tüchern bedeckt. Der Mann machte ihr Zeichen, und Stella nickte. Sie sollte den nächsten Eingang nehmen.

Sie drückte die Klinke herunter und schob die Tür auf. Rasch schlüpfte sie hinein und warf die Tür hinter sich wieder zu. Dennoch drang ein Schwall des tödlichen Nebels ein, durchsetzt von den rötlichen Streifen, und verteilte sich langsam in dem dämmerigen Raum. Glücklicherweise trieb er dicht über den Boden. Sie bewegte sich vorsichtig, um das Giftgas nicht allzu sehr mit der übrigen Luft zu vermischen. Durch winzige Tür und Fensterritzen sickerte unaufhörlich weiterer Nebel nach, nicht viel, aber keineswegs ungefährlich.

Sie klopfte an die nächste Tür.

»Bleiben Sie draußen!«, flehte eine dumpfe Stimme. »Die ersten Schwaden sind bereits eingedrungen.«

»Wie viele sind Sie?«, fragte Stella.

»Sechs. Das weiß man. Wir wurden eben benachrichtigt, dass die Schutzmasken auf dem Weg sind. Es wird auch Zeit. Der Leutnant sieht gar nicht gut aus.« Die Stimme klang sehr besorgt.

»Hat er Gift geatmet?«

»Vielleicht. Beim Abdichten. Er bekommt kaum noch Luft.«

»Lassen Sie mich hinein«, sagte Stella entschlossen. »Er braucht Sauerstoff, und den habe ich in meiner Flasche. Der Vorrat ist groß genug.«

Hinter der Tür hörte sie ein Flüstern. Wahrscheinlich waren die Männer so verbohrt, dass sie dachten, der böse Feind wollte sie bei dieser Gelegenheit vernichten. Sie trauten ihr nicht; denn sie kannten nichts anderes. Und dafür waren sie bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Ihres ja, aber nicht das eines Verletzten, der dringend Hilfe brauchte!

»Machen Sie auf!« Stella wunderte sich über die Härte in ihrer Stimme. Drinnen war man offenbar zu einem Entschluss gekommen. »Wenn die Tür aufgeht, springen Sie mit einem Satz herein. Es wird nur einen Sekundenbruchteil dauern. Sie müssen den richtigen Augenblick abpassen, sonst fliegt Ihnen die Tür an den Kopf.«

»Ich werde es schaffen.«

Es ging so schnell wie ein Herzschlag. Tür auf – hinein – Tür zu. Die Männer starrten entsetzt auf den Nebel, der um ihre Füße wogte und zarte Fasern in alle Richtungen ausstreckte wie ein Polyp.

Die Männer zogen sich vorsichtig von ihr zurück. Alle hatten irgendwelche Fetzen vor Mund und Nase gebunden, ein Hilfsmittel, das im Ernstfall nichts nützen würde. Das Fenster schien einigermaßen dicht zu sein, es drang jedenfalls kein sichtbarer Nebel herein, aber das war nur eine Frage der Zeit. Auf der anderen Seite lag ein Offizier leise röchelnd auf einem klapprigen Küchentisch. Einer der Soldaten schaute besorgt auf ihn hinunter.

Stella brach fast in die Knie.

Es war Frank Lazarro, und er sah aus, als hätte er nur noch wenige Minuten zu leben. Ein Wirrwarr von Gedanken tobte durch Stellas Hirn. Hier lag der Mann, der sie verhaftet hatte, der schuld an ihrer Gefangenschaft war – der sie aber auch vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Der Widerstreit der Gefühle ließ sie zittern. Sie konnte sich die merkwürdige Hingezogenheit zu diesem Mann nicht erklären. Gleichzeitig träufelte Hass in ihre Gedanken, Hass, der im Übermaß von ihrer Umwelt ausgestrahlt wurde und dem sie sich nicht entziehen konnte.

Mit einer entschlossenen Bewegung streifte sie die Maske ab und drückte sie auf das Gesicht des Leutnants. Sie drehte am Ventil, und das Zischen wurde lauter. Die Brust Lazarros hob und senkte sich stärker, als die unter erhöhtem Druck stehende Luft in seine Lungen gepresst wurde. Das Gesicht bekam wieder leichte Farbe, und plötzlich schlug er die Augen auf.

»Sie kommen«, sagte einer der Männer laut.

In Lazarros Augen lag Erschrecken, Überraschung und … noch etwas, ein Ausdruck, den sie nicht kannte. Er wollte sich aufrichten, aber Stella presste ihm weiter die Maske aufs Gesicht, und sie sah, wie sich hinter den Gläsern die Augen schlossen. Er musste sehr erschöpft sein, und in Stella breitete sich ein tiefes Gefühl der Ruhe aus. Sie war zufrieden, ohne dafür einen Grund nennen zu können.

Das Weitere nahm sie nur am Rande wahr. Die Frauen, die plötzlich den Raum füllten, die hastigen Bewegungen, wenn die Soldaten gleich Ertrinkenden die Masken über die Köpfe zogen, das dumpfe Murmeln der Stimmen, den Ausbruch aus der tödlichen Wolke.

Die Soldaten stützten ihren Kommandeur und schleppten ihn aus der verseuchten Mulde. Die Frauen folgten, ohne dass sich die Männer weiter um sie kümmerten. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan. Stella betrachtete die Rücken der Männer, die vor ihr durch den Nebel schwankten. Endlich waren sie aus der Giftwolke heraus, rissen die Masken von den Gesichtern und atmeten tief die frische Luft ein.

Die Ausrüstungsgegenstände wurden eingesammelt und die Frauen aufgefordert, den Wagen zu besteigen. Niemand hielt ein Wort des Dankes für nötig. Die erschöpften Frauen kletterten in ihr Fahrzeug und ließen sich auf die Sitze fallen.

Stella warf einen letzten Blick nach draußen. Leutnant Lazarro starrte zu ihr herüber. Es schien, als formten seine Lippen ein lautloses Wort. Danke. Stella lächelte, und die Heckklappe fiel zu.

 

*

 

Robert Kinsley spürte Brechreiz in sich hochsteigen und versuchte, seinen rebellierenden Magen unter Kontrolle zu bekommen. Er hatte soeben das letzte schreckliche Geheimnis dieser unterirdischen Anlage gelüftet. Jetzt wusste er, was mit den Männern geschah, die aus irgendwelchen Gründen für die Aufzucht – ein anderer Begriff fiel ihm nicht ein – nicht ausgewählt wurden. Man führte sie in einen entlegeneren Raum am Ende dieses medizinischen Zentrums, wobei dieser Ausdruck an Blasphemie grenzte. Von seinem hochgelegenen Beobachtungspunkt, der umlaufenden Galerie, erkannte er die Vorgänge deutlich. Die Konstrukteure dieser Vielzweckhalle mit ihren verschiebbaren Zwischenwänden hatten nicht ahnen können, dass eines Tages ein ungebetener Beobachter erscheinen könnte, der in die oben offenen Abteilungen hineinsah.

Es waren zwei junge Männer, und sie zeigten keinen Argwohn, als man sie von den anderen trennte. Sie wurden einzeln in zwei nebeneinanderliegende winzige Kojen gebracht, wo sie von einer weißgekleideten Frau erwartet wurden. Da Kinsley kein Wort hörte – denn die Glaswand isolierte die Galerie ausreichend – schien ihm das Ganze wie eine Unterwasserszenerie, lautlos, irgendwie bedrohlich.

Die Männer erhielten eine Spritze und rührten sich nicht mehr. Einige Minuten später wurden sie kurz mit einem Stethoskop abgehorcht, dann warf man ein weißes Laken über die Körper, andere Frauen kamen, legten die verhüllten Gestalten auf eine Rollbahre und fuhren sie weg. Kinsley glaubte das Ziel zu kennen: den Raum mit den Kühlfächern. Dort würde man sie abholen, wenn der nächste Transport junger Männer kam.

So war das also: Man brachte sie einfach um. Fachmännisch, schmerzlos, unbeteiligt – barbarisch. Sie waren nutzlos, nicht geeignet für die Aufgabe, die man ihnen zugedacht hatte. Es waren Vorgänge, die diese Welt nicht zum ersten Mal erlebte, aber sie erschütterten Kinsley zutiefst.

Die Unmenschlichkeit feierte auf beiden Seiten der künstlichen, neuen Grenzen Triumphe, wie kaum jemals zuvor. Alles im Namen des Fortschritts, der Wissenschaft, der Menschheit. Welch eine Perversion hatte sich in den Hirnen der Verantwortlichen und der willfährigen Befehlsempfänger eingeschlichen! Wer vermochte diese Handlungen gutzuheißen?

Kinsley spürte den bitteren Geschmack von Galle im Mund. An seiner Hüfte entfesselte der leichte Druck seines Revolvers für einen Augenblick eine wilde, unkontrollierte Wut. Der Wunsch, aufzuspringen und wahllos in dieses makabre Schauspiel zu feuern, wurde nahezu übermächtig. Er bezwang den sinnlosen Trieb nach Rache, nach der uralten Neigung des Menschen, Probleme mit Gewalt zu lösen.

Er hatte genug gesehen; es war Zeit, an den Rückzug zu denken. Aber wer würde ihm glauben, wenn er erzählte, was er hier gesehen hatte? Vielleicht löste diese Information auf der Männerseite einen Gegenschlag aus, der den großen Krieg entfesselte. Manchmal dachte er, dass ein unbekannter Virus die Erde heimgesucht hatte, eine heimtückische Mikrobe, die diesen Wahnsinn verbreitete, eine kosmische Bosheit, dazu ausersehen, den Menschen auf seinem Heimatplaneten zu vernichten.

Robert Kinsley trat den Rückweg an. Ein weiteres Verbleiben hieße, das Schicksal unnötig herauszufordern. Er kam unangefochten bis in die Tiefgarage, konnte sie aber ungesehen nicht durchqueren. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich auf einen der parkenden Lastwagen zu schwingen und abzuwarten, bis der Betrieb in der großen unterirdischen Halle erlosch.

Er saß zusammengekauert hinter der schützenden Plane und lauschte den Geräuschen, die rings um ihn entstanden. Dann zuckte er zusammen; der Wagen schwankte leicht, als jemand in die Fahrerkabine stieg. Er zog seinen Revolver, denn wenn jetzt eine Frau einen Blick auf die Ladefläche warf, konnte er nur noch sein Leben so teuer wie möglich verkaufen, eine Aussicht, die ihm nicht sonderlich behagte.

Der Motor wurde angelassen, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Es ging die Rampe hinauf, und die Geräusche der Umgebung änderten sich, ebenso roch er die frische Luft. Sie hatten das Gebäude verlassen – problemloser, wie er zugeben musste, als es sein Eindringen gewesen war.

Dennoch würde diese Fahrt ihn nur von einer Gefahr in die andere bringen. Der Wagen hatte ein Ziel, und dort würde es Frauen geben, die mit einem blinden Passagier nichts Gutes im Sinn haben dürften. Abspringen war auch keine Lösung; sie fuhren relativ schnell.

Die äußeren Umstände setzten seinen Überlegungen ein Ende. Der Wagen stoppte abrupt. Er blieb auf seiner Bank sitzen, den Revolver in der Hand.

Der Motor erstarb, und die Fahrerin stieg aus. Die Tür fiel krachend ins Schloss, und Kinsley war wieder allein. Nach einigen Minuten wagte er, die hintere Plane anzuheben. Das Fahrzeug befand sich in einem großen Hof und parkte neben einer Reihe ähnlicher Wagen. Es war niemand zu sehen. Er wusste, wo er sich befand, denn die Fahrt hatte nicht so lange gedauert, dass der Wagen die Stadt hätte verlassen können, in der Kinsley sein Versteck besaß. Dies musste der Militärkomplex der Stadt sein. Hier herauszukommen würde wesentlich schwieriger sein als der Einbruch in die Samenbank. Tagsüber hatte er überhaupt keine Chance; er musste die Nacht abwarten.

Er hockte reglos auf der harten Bank, den Kopf in die Hände gestützt, die Waffe auf den Knien. Er schreckte hoch, als er Stimmen hörte. Es waren zwei, und die beiden Frauen, denen sie gehörten, blieben unmittelbar hinter dem Fahrzeug stehen.

»Es wird der größte Einsatz, den die Jagdkommandos je hatten«, sagte die erste. Eine weiche, dunkle Stimme.

»Und der erfolgreichste«, ergänzte die zweite. Jünger, schärfer, aggressiver.

»Kennt man schon Einzelheiten?«

»Es ist eine Gelegenheit, die wir nicht ungenutzt vorübergehen lassen können. In unserem Zielort soll ein Kongress tagen. Lehrer, meist jüngere Männer im richtigen Alter. Wahrscheinlich einige hundert. Noch nie gab es eine Möglichkeit, so viele von ihnen auf einen Schlag zu erwischen. Vor allen Dingen ist es nicht weit von der Grenze. Die strategische Situation ist für uns einmalig.«

»Ich habe gehört, dass man Jagdkommandos aus dem ganzen Bezirk zusammengezogen hat. Wir werden eine Stärke von zwei oder gar drei Kompanien haben.«

»Bestimmt. Dazu kommen noch weitere Abteilungen zur Sicherung des Rückzuges. Es wird eine ziemlich wichtige Operation werden, und ich freue mich, daran teilzunehmen.«

»Ich auch.« – Pause – Dann: »Ich frage mich nur, wie die Gegenseite reagieren wird. Dies ist schließlich keine kleine Aktion wie sonst. Sie müssen etwas unternehmen; es kann zu größeren Kämpfen kommen.«

»Das glaube ich nicht«, entgegnete die jüngere. »Unsere Psychologen haben alles genau bedacht. Ehe feindliche Streitkräfte auftauchen, werden wir die Grenze bereits wieder überschritten haben – mit den Gefangenen natürlich. Unsere Reserven werden an der Grenze bereitstehen, um nachrückende feindliche Truppen zu empfangen. Sie werden stoppen und zunächst auf weitere Befehle warten. Das heißt, wir werden verhandeln. Man wird sich irgendwie einigen, und wir müssen vielleicht einen Teil der Gefangenen herausgeben. Sie werden austauschen wollen. Es ist brillant.«

»Das mag stimmen. Was ist aber, wenn die anderen einen Großangriff starten? Dem sind wir doch an diesem Abschnitt nicht gewachsen.«

»Das wurde auch überlegt. Der Gegner hat keine ausreichenden Kräfte, um einen solchen Angriff zu starten, und wegen eines solchen begrenzten Übergriffs werden sie nicht auf die Knöpfe der Raketen drücken. Das ist ihnen die Sache nicht wert. Du darfst nicht vergessen, dass die Männer dumm sind. Wir unterschätzen sie nicht, aber letztlich sind sie uns nicht gewachsen. Ihre Pläne sind immer viel zu durchsichtig. Ich glaube auch, dass wir sie bald schon bezwingen können, damit endlich Ruhe ist und wir uns den schöneren Dingen des Lebens zuwenden können.«

Die Stimmen verloren sich in der Ferne, als die beiden Frauen weitergingen. Kinsley verzog grimmig das Gesicht. Wie konnte er es anstellen, die andere Seite vor diesem Überfall zu warnen? Es musste ein Ende haben mit diesen ständigen Übergriffen auf beiden Seiten, ehe doch noch die letzte große Auseinandersetzung provoziert wurde, die den Planeten endgültig in den Untergang stürzen musste.

Robert Kinsley lehnte sich zurück und wartete auf die Nacht.

 

*

 

Leutnant Frank Lazarro stoppte seinen Jeep, stieg aus und erklomm den kleinen Hügel rechts neben der Straße. Dahinter musste bereits das Sperrgebiet beginnen. Er legte sich flach auf den Boden und zog das Fernglas aus dem Futteral. Er setzte es an die Augen und regulierte die Schärfe. Die Horizontlinie lag in leichtem Dunst, aber die Gebäude von Camp 24 waren deutlich zu erkennen.

Natürlich war er zu weit entfernt, um Einzelheiten auszumachen oder gar einzelne Personen zu erkennen. Noch hatte er nichts Falsches getan, aber sein nächster Schritt würde ihn diese Grenze zwischen Recht und Unrecht überschreiten lassen – und es wäre das erste Mal in seinem Leben, dass er wissentlich gegen die Dienstvorschriften verstieß.

Lazarro tastete nach dem zusammengefalteten Befehl in seiner Brusttasche. Sein eigenes Handeln war ihm unbegreiflich, aber er hatte es wie aus einem inneren Zwang heraus getan. Der Befehl besagte, dass er, Leutnant Lazarro, das Recht habe, die Sicherheitseinrichtungen von Camp 24 zu kontrollieren. Unterschrieben vom zuständigen Regimentskommandeur, richtig datiert und gestempelt.

Niemand würde diesen Befehl in Zweifel ziehen können. Er hatte nur einen Fehler: Er war gefälscht.

Unterschrift und Stempel waren echt, aber der Befehl selbst war von Leutnant Lazarro formuliert worden, und er hatte noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Er besaß immer einen kleinen Blankovorrat unterschriebener Befehle, da sein Kommandeur nicht ständig mit Kleinkram behelligt werden wollte. Diese Art von Befehlen galt ohnehin nur für den internen Bereich des Zuständigkeitsgebietes dieser Einheit der Nationalgarde. Eine Tatsache, die in Camp 24 kaum bekannt sein dürfte.

Lazarro stieg wieder in seinen Jeep und fuhr weiter. Sein Mund wurde trocken, als er das Hinweisschild auf den Sperrbezirk passierte. Jetzt hatte er wirklich die Grenze überschritten, und hätte man ihn gefragt, warum er diese ungewöhnliche Handlung beging, hätte er keine Antwort gewusst. Die Männer der Moralbehörde hätten dagegen eine sehr präzise Erklärung gehabt: Der böse Geist, den Frauen nun einmal besaßen, war schuld. Genau aus diesem Grund sperrte man sie ja ein und isolierte sie von den Männern, ehe sie ihre magischen Kräfte zum Nachteil der Männer anwenden konnten. Lazarro wären diese Erklärungen durchaus plausibel erschienen, denn einen logischen Grund für sein merkwürdiges Verhalten wusste er nicht.

Die Umrisse von Camp 24 nahmen Formen an, und vor ihm befand sich die erste Sperre, eine Hütte von der Größe eines Bahnwärterhäuschens. Ein uniformierter Wächter trat heraus und starrte dem Jeep erstaunt entgegen. Seine Hand lag an der Revolvertasche, aber er machte keine Anstalten, seine Waffe zu ziehen. Der Militärjeep flößte ihm offenbar genügend Vertrauen ein; außerdem erkannte er vermutlich die Offiziersuniform.

Lazarro stoppte den Jeep neben dem Wächter und blickte ihn gelassen an.

»Dies ist Sperrgebiet«, sagte der Mann fast entschuldigend. »Es gilt auch für Angehörige des Militärs«, fügte er bedauernd hinzu.

»Ich weiß«, nickte Lazarro, knöpfte umständlich seine Tasche auf und holte den Befehl heraus. »Selbstverständlich habe ich mich nicht rein zufällig in diese Gegend verirrt. Die Nationalgarde hat – bei der heiligen Moral – andere Aufgaben, als spazieren zu fahren.«

»Natürlich«, versicherte der Wächter rasch und studierte aufmerksam den Befehl. »Ich nehme an, Sie sind dieser Leutnant Lazarro, von dem hier die Rede ist.«

»Wie sollte ich wohl sonst an diesen Befehl kommen?« Er legte Strenge in seine Stimme. »Es wäre besser, wenn Sie die Angehörigen der Nationalgarde nicht für Idioten hielten.«

Der Wächter sah erschrocken drein. »Ich bitte um Entschuldigung, Leutnant Lazarro, aber wir haben genaue Anweisungen, und da wir der Moralbehörde unterstehen, halten wir uns sehr präzise daran.« Er gab den Befehl zurück. »Man hat mir nicht gesagt, dass Sie kommen.«

»Es wäre wohl nicht im Sinne einer Sicherheitsüberprüfung, wenn sich die Betroffenen darauf vorbereiten könnten«, meinte Lazarro sarkastisch.

»Es hat in diesem Camp noch nie einen gravierenden Fall gegeben, bei dem sich die Sicherheitsvorkehrungen als unzureichend erwiesen hätten.«

Lazarro wiegte den Kopf. »Es handelt sich um eine Routineüberprüfung. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«

»Da haben Sie recht«, sagte der Wächter. »Ich werde Sie anmelden. Ich habe eine direkte Leitung zur Sicherheitszentrale.«

»Natürlich, das ist Vorschrift. Ich bin von einer telefonischen Anmeldung zwar nicht besonders erbaut, aber ich kann Sie nicht daran hindern.«

Lazarro fuhr an, und von den Reifen spritzte Dreck hoch. Sollte ihn der Wächter doch für einen arroganten Militär halten! Jedenfalls hatte sein gefälschter Befehl die erste Hürde genommen, und Leutnant Lazarro fühlte sich beschwingt. Er pfiff, während er den Jeep lenkte.

Camp 24 lag inmitten einer trostlosen Gegend, eine Art Steppenlandschaft, die nutzbar zu machen man wohl nach kurzer Zeit wieder aufgegeben hatte. Obwohl die nächste Stadt in unmittelbarer Nähe war, schien hier unberührte Wildnis zu sein, ein Zustand, der den Behörden nicht ungelegen kam, denn die strenge Isolation gegenüber der Männerwelt, in der sich die hier gefangenen Frauen befanden, sollte auf keinen Fall durchbrochen werden.

Lazarro schwitzte in seinem offenen Jeep. Denn die Sonne erwärmte gleichermaßen Gerechte und Ungerechte und in dieser Gegend vor allem die Steine, aus denen die gespeicherte Wärme abstrahlte wie aus einem Backofen. Die Luft flirrte über den flachen Stellen und gaukelte den Augen Trugbilder vor. Die Straße war zwar asphaltiert, aber in einem so schlechten Zustand, dass die Reifen eine lange Staubfahne hinter sich her zogen. Ein Wagen konnte sich hier kaum unbemerkt nähern.

Vor dem eigentlichen Gefangenenkomplex lag die Verwaltungs- und Sicherheitszentrale, in der die wenigen männlichen Wächter Dienst taten. Die eigentliche Überwachungsarbeit überließ man der Elektronik und den seit langer Zeit bewährten Materialien wie Mauern oder Stacheldraht. Eine Flucht war überdies sinnlos. Wohin sollte sie schon führen? Bis zur Grenze war es zwar keine unüberwindliche Entfernung, aber für einen Fußmarsch durch feindliches Gelände entschieden zu weit.

Auf dem flachen Dach eines vorgelagerten Gebäudes bemerkte Lazarro die Gestalt eines Mannes. In Augenhöhe blitzte es verräterisch. Man beobachtete ihn also durch ein Fernglas. Der erste Wächter hatte seine Ankunft natürlich sofort weitergegeben.

Er stoppte den Jeep auf einem kleinen Vorplatz und stieg aus. Leise pfeifend ging er auf den Eingang zu, unterbrach diese unangemessene Beschäftigung jedoch, als er an seinen offiziellen Auftrag dachte.

Im Innern war es kühler. In einem kleinen Büro saß ein uniformierter Mann, der ihm neugierig entgegensah, vielleicht vermischt mit einer Spur Unsicherheit. Sicherheitskontrollen waren schließlich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

»Da Sie bereits in groben Zügen unterrichtet sind, kann ich wohl gleich zur Sache kommen«, sagte Lazarro und knallte seinen Befehl auf den Tisch.

Der Mann beäugte ihn vorsichtig, als sei er ein gefährliches Reptil. »Der Lagerkommandant wird gleich hier sein. Er steht Ihnen sicher für alle Fragen zur Verfügung. Wenn Sie einen Augenblick Platz nehmen wollen …?«

»Danke, ich habe während der Fahrt gesessen.«

Der Mann zuckte die Achseln und vertiefte sich in irgendwelche Unterlagen, die sich vor ihm auf dem Tisch befanden. Außerdem gab es noch zwei Telefone, eines vermutlich nur für das interne Netz des Lagers, sowie ein Kontrollpult mit drei Monitorschirmen, die das Camp aus verschiedenen Richtungen zeigten.

Zwei Minuten später stand ein hochgewachsener älterer Mann mit eisengrauen Haaren in der Tür. Das faltige Gesicht wurde von erstaunlich leuchtendblauen Augen beherrscht. Er trug die gleiche Uniform wie die Wächter, allerdings mit Rangabzeichen, die Lazarro nicht geläufig waren.

»Was kann ich für Sie tun, Leutnant?« Er bemerkte den fragenden Blick auf seine Rangabzeichen. »Oh, ich weiß, das Militär ist immer wieder überrascht beim Anblick unserer Uniformen. Sie wissen, dass wir als Beamte der Moralbehörde angehören, unsere Ränge sind nicht militärischer Art, wir sind, so gesehen, Zivilisten. Wenn es Sie unbedingt interessiert, würde ich sagen, dass mein Rang etwa mit dem eines Majors zu vergleichen ist.«

Lazarro hatte sein Interesse mit keinem Wort bekundet, sodass er diese Auskunft als psychologische Drohgebärde einordnete. »Hier ist mein Befehl«, sagte er und deutete auf den Tisch, wo das Schreiben immer noch lag.

»Ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Wheeler.« Der Lagerkommandant studierte sorgfältig den Befehl und gab ihn im Anschluss zurück. »Darf ich noch Ihren Dienstausweis sehen, Leutnant?«

Auf Lazarros Stirn erschien eine Falte, aber Wheeler hatte natürlich ein Recht darauf, dass der Besucher sich ausreichend legitimierte. Entweder war es absolute Korrektheit oder der Versuch, ihn einzuschüchtern. Letzteres gefiel Lazarro überhaupt nicht.

Er bekam seine Papiere zurück, wobei der Blick aus den blauen Augen ihn förmlich durchbohrte. Die Abneigung schien gegenseitig zu sein.

»Als Erstes möchte ich gern die Sicherheitszentrale sehen.«

»Gewiss. Wenn Sie mir bitte folgen!« Steifbeinig marschierte Wheeler hinaus. »Der Raum, in dem wir uns eben befanden, ist das Büro des Wachhabenden«, erklärte er. »Die Monitore sind Überspielungen aus der Zentrale. Außerdem sind dort die Kontrollen der elektrischen Schlösser, natürlich ebenfalls Duplikate. Im Gebäude selbst befinden sich einige Büro- und Lagerräume, sowie die Aufenthaltsräume der Beamten. Dort drüben, in dem größeren Haus, liegt die Zentrale, daneben mein eigenes Büro. Im Erdgeschoss sind weitere Lagerräume für die Dinge, die in regelmäßigen Abständen von einem Wagen in das Camp gebracht werden. Sie kennen das System?«

Lazarro nickte. »Natürlich.«

Sie stiegen eine Treppe hoch. »Vom Fenster haben wir einen guten Ausblick auf das Lager. Der Zutritt ist daher nur wenigen Personen gestattet.« Er öffnete eine Tür mit der Aufschrift Sicherheitszentrale und nickte einem Uniformierten freundlich zu, der auf einem Drehstuhl inmitten verschiedener Kontrollpulte saß.

Wheeler deutete auf die Bildschirme und Reihen grün leuchtender Lampen. »Hier laufen sämtliche Informationen zusammen. Elektronische Sensoren melden sofort jeden Verstoß gegen die Sicherheitsbestimmungen, also Annäherung an die Sperrzone innerhalb der Mauern, öffnen von Türen während der Nachtruhe und ähnliche Dinge. Das optische Erfassungssystem ist lückenlos. Bei irgendwelchen Veränderungen gibt es außerdem eine akustische Warnung. Ein Fluchtversuch ist unmöglich; der Mann in der Zentrale würde ihn sofort bemerken.«

»Und wenn der Mann hier ausgeschaltet wird?«, wandte Lazarro ein.

Wheeler blickte ihn irritiert an, und die blauen Augen wirkten wie Eisklumpen. »Wie meinen Sie das?«

»Nun, nehmen wir einmal an, es gibt Helfer außerhalb des Lagers, die das System kennen. Sie brauchen also nur in die Zentrale einzudringen, den Wachhabenden zu überwältigen und die Anlage abzuschalten. Damit wäre das gesamte System lahmgelegt. Ein Ausbruch würde nicht einmal bemerkt werden.«

»Aber das ist doch lächerlich!«, entrüstete sich Wheeler. »Wer sollte denn diesen Staatsfeinden zu Hilfe kommen? Im Übrigen entsprechen unsere Einrichtungen den Normen der Moralbehörde.«

»Daran zweifle ich nicht, aber möglicherweise sind diese Normen nicht ausreichend. Wir sind für den Schutz dieses Landes und seiner Bewohner zuständig, und das schließt den Schutz vor eventuellen Ausbrüchen ein. Es muss doch auch in Ihrem Interesse sein, das Risiko so klein wie möglich zu halten.« Lazarro wusste, dass er sich mit seinem Auftreten auf gefährliches Terrain begab, aber er wirkte völlig gelassen.

»Sicher«, beruhigte sich Wheeler. »Ich weiß, dass Sie ebenso wie ich Ihre Pflicht tun. Darf ich jetzt mit meinen Erläuterungen fortfahren?«

»Bitte!« In Lazarros Mundwinkeln spielte ein schwaches Lächeln, das rasch wieder verschwand. Er hatte seine Autorität bewiesen, und das war gegenüber diesem Lagerkommandanten unumgänglich.

Sie traten zum Fenster. Man erkannte deutlich die Mauern mit dem einzigen Tor, darauf Stacheldraht, Kameras, Sensoren; dahinter die Sperrzone mit einem weiteren Sensorensystem und die zusammengedrängte Gruppe der eigentlichen Lagergebäude.

»Wie viele Insassen hat das Lager zurzeit?«, erkundigte sich Lazarro.

»Etwa sechzig.«

»Etwa?«

»Achtundfünfzig.« Wheeler presste die Lippen zusammen.

»Es ist niemand zu sehen«, wunderte sich Lazarro.

»Natürlich nicht. Sie sind jetzt bei der Arbeit. Sie haben ein bestimmtes Soll zu erfüllen und die Anweisungen zu beachten, ansonsten greifen wir in die interne Organisation nicht ein. Es gibt eine telefonische Verbindung zur Lagerältesten, die für den reibungslosen Ablauf verantwortlich ist. Dieses Prinzip funktioniert sehr gut.«

»Ist nicht sonderlich neu«, murmelte Lazarro.

Wheeler ging nicht darauf ein. »Wir sind stolz darauf, dass es bis heute keinen einzigen Ausbruch gegeben hat, noch nicht einmal einen Versuch.«

»Das ist aber keine Garantie für die Zukunft. Sie kennen die schwierige Situation an unseren Grenzen, die Provokationen haben ein bedrohliches Ausmaß angenommen, sodass wir einfach gezwungen sind, uns davon zu überzeugen, dass im Hinterland alles ruhig bleibt.«

»Davon können Sie ausgehen«, meinte Wheeler nicht ohne Stolz. »Es hat in anderen Lagern Ausbrüche gegeben, nicht viele, aber es ist vorgekommen. Mittlerweile sind die Überwachungseinrichtungen aber so perfekt, dass es kaum noch eine Chance gibt. In Camp 24 ohnehin nicht.«

»Ich hoffte, wir könnten alle so sicher sein«, seufzte Lazarro. »Und jetzt möchte ich mir das Lager näher ansehen.«

Die blauen Augen wurden groß und rund. »Sie wollen in das Lager?«

»Was ist daran so ungewöhnlich? Ich habe Frauen gesehen, sie sogar angefasst, wenn ich sie verhaftet habe. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass ich irgendwelchen teuflischen Künsten erliege, die man den Frauen zuschreibt. Wenn es so wäre, wären sie wohl nicht hier.«

Wheeler wirkte unruhig, und Lazarro wusste, dass er mit dem letzten Satz zu weit gegangen war. Auch der Wachhabende lauschte der Unterhaltung mit offenem Mund.

Lazarro rang sich ein Lachen ab. »Ich meine damit, dass wir genügend Erfahrungen besitzen, mit unseren ärgsten Feinden umzugehen. Ich stehe in einem täglichen Kampf und weiß, wovon ich spreche.«

Wheeler grinste erleichtert. »Ich verstehe. Ich stehe nicht an der Front wie Sie, aber auch dies ist ein wichtiger Platz.«

»Das hat niemand bezweifelt.«

»Dennoch ist Ihr Wunsch, das Lager selbst zu sehen, ein unerwartetes Ansinnen. Bisher war kein Besucher im Innern.«

»Ich bin kein Besucher«, sagte Lazarro steif. »Ich habe den Befehl, die Sicherheit zu überprüfen, und dazu gehört nach meinem Verständnis auch eine Betrachtung aus der Nähe.«

»Nun gut, der Fahrer wird Sie hinüberbringen. Wir haben einen Spezialtransporter für solche Zwecke.«

Sie gingen schweigend hinunter und warteten auf den bestellten Wagen. Der Fahrer war ein mürrischer Mensch, dem die Fahrt außer der Reihe offenbar gar nicht behagte. Lazarro schwang sich wortlos neben ihn auf den Sitz und beobachtete gespannt, wie die Mauer vor ihnen in die Höhe wuchs.

Das Tor öffnete sich automatisch, und sie fuhren auf den freien Platz vor den Baracken. »Ich steige hier aus«, gab Lazarro bekannt. »Warten Sie hier auf mich!« Der Mann nickte.

Ein leichter Windstoß trieb Staub über den Platz. Die Baracken schienen gepflegt, wenn auch ein neuer Anstrich nicht geschadet hätte. Nun, die Moralbehörde hatte sicher wichtigere Probleme als kosmetische Verschönerungen in Camp 24.

Lazarro schlenderte über den Platz und näherte sich der gekennzeichneten Sperrzone. Seine Motive waren ihm immer noch nicht klar. Was hatte ihn hierher getrieben? Welcher Teufel ritt ihn, das Schicksal zu versuchen? Sollte jemand dahinterkommen, dass er einen Befehl gefälscht hatte, war seine Karriere am Ende. Schlimmeres stand ihm womöglich bevor, wenn die Moralbehörde sich mit dem Fall befasste. Ihn fröstelte, und er zog die Schultern hoch. Den Gebäuden schenkte er keinen Blick, es sah aus, als interessiere er sich einzig und allein für die Sensoren der Sperrzone.

Er war sicher, dass Wheeler ihn mit einem Glas beobachtete. Sein Wunsch, das Lager selbst zu sehen, musste diesem Mann merkwürdig erscheinen. Er würde sich darüber Gedanken machen, aber so, wie Lazarro ihn einschätzte, würde er es nicht wagen, einer höheren Dienststelle Meldung zu machen. Die Leute der Moralbehörde wussten genau, dass die Nationalgarde es nicht schätzte, wenn von dritter Seite Kritik geübt wurde – und Lazarro vertrat hier eindeutig die de facto stärkste Macht des Staates. Ein zu gewaltiger Gegner für einen einfachen Lagerkommandanten.

Nein, in dieser Beziehung brauchte er sich keine Sorgen zu machen, was ihn viel mehr beunruhigte, war seine Anwesenheit innerhalb dieser Mauern. Kein Mann von halbwegs gesundem Verstand käme auf eine solch hirnrissige Idee – aber er spürte keine Schuldgefühle, nur eine bemerkenswerte Erwartungshaltung, als könne er den Schleier eines dunklen Geheimnisses lüften, wichtige Erkenntnisse sammeln, Neues, Ungewöhnliches entdecken. Unruhe trieb ihn, Neugier, der Reiz des Unbekannten.

War es das? Es gäbe bessere Gelegenheiten, als sich gerade dem Verdacht des Hochverrats auszusetzen. Für einen flüchtigen Augenblick umfing ihn Angst, und er stürzte in einen bodenlosen Abgrund, in einen Wirbel widerstreitender Gefühle. Was war es, das ihn von seinen Kameraden unterschied, die offensichtlich nie den Wunsch hatten, ohne Erlaubnis in ein Gefangenenlager einzudringen.

Das Mädchen? Stella? – Nein, nein, das war Wahnsinn! Er hatte sie zweimal gesehen, gut. Nein, dreimal, verbesserte er sich. Sie hatte ihm das Leben gerettet. Damit waren sie quitt. Es gab keinen Grund, sie erneut wiedersehen zu wollen. Sie war ein Feind! Sie gehörte zu denen, die seine Kameraden entführten, töteten oder Schlimmeres mit ihnen anstellten. Sie selbst natürlich nicht, aber das spielte keine Rolle. Es gab keine Ausnahmen in diesem Krieg, der nie erklärt worden war, in dem die eine Hälfte der Menschheit sich gegen die andere wehrte. Und umgekehrt?

Wie kam er auf Menschheit? Es gab keine mehr. Es gab Männer und Frauen, aber nichts, was sie miteinander verband. So wurde es gelehrt und geglaubt. Keine Ausnahmen.

Lazarro umrundete die Gebäude, bis er aus dem Blickfeld des Fahrers verschwunden war. Gegen einen Feldstecher konnte er nichts unternehmen, aber sein Gesichtsausdruck war aus der Entfernung nicht zu erkennen. Die Fenster waren geöffnet, und er sah Umrisse von Frauen im Inneren. Köpfe drehten sich zu ihm um. Wie Marionetten, dachte er.

Was tun sie da? Ränke schmieden? Verschwörungen aushecken? Nein, sie nähten merkwürdigerweise. Woher sie diese Fertigkeit nur hatten? Es gab doch Maschinen für diese Tätigkeit! Irgendwie waren Frauen doch anders, rätselhafter, unbegreiflich – gefährlich?

Plötzlich sah er sie. Stella saß in der Nähe eines Fensters, beachtete ihn aber nicht. Er stellte sich vor, dass sie sich plötzlich in die Augen sahen – ein verrückter Gedanke. Er ging weiter und drehte sich nicht um, obwohl ihn die Unsicherheit zermürbte, jetzt nicht zu wissen, ob sie ihm nachblickte oder nicht. Aber weshalb sollte sie? Was war nur in ihn gefahren? Bedenklich!

Er beschleunigte seine Schritte und erreichte den Wagen. Der Fahrer starrte stur geradeaus, als sie wendeten und durch das Tor fuhren. Ob er etwas gemerkt hatte?

Wheeler erwartete ihn vor der Zentrale. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck höchsten Triumphes. »Ich habe soeben ein Fernschreiben erhalten«, verkündete er. »Für Camp 24 ist eine Sicherheitsüberprüfung angeordnet.«

Lazarro spürte Kälte die Beine heraufkriechen. »Ja, und? Ich bin schließlich hier.«

Wheeler schwenkte die Kopie des Schreibens. »Nicht heute, sondern in der nächsten Woche! Nach fünf Jahren gleich zwei hintereinander?«

»Ein Koordinationsfehler. Vermutlich wurde der Befehl versehentlich an zwei Dienststellen weitergeleitet, das kann vorkommen. Auch bei der Nationalgarde gibt es Bürokratie.«

Wheeler lächelte bösartig. »In diesem Fall werde ich Meldung machen müssen. Eine zweimalige Überprüfung betrachte ich als Diskriminierung meiner Behörde.«

»Sagen Sie das meinem Kameraden – falls überhaupt noch einer kommt. Im Übrigen habe ich an Ihren Sicherheitseinrichtungen nichts auszusetzen. Meine Meldung wird dementsprechend ausfallen.« Lazarro stieg in seinen Jeep und salutierte flüchtig.

Wheeler starrte ihm schweigend nach.

 

 

Einige Jahrzehnte später – Riviera, im September

 

 

Gegenwart.

 

… In letzter Zeit frage ich mich häufiger, ob wir Männer je die Frauen begriffen haben. Wir fanden sie zweifellos nützlich. Sie waren da, machten manche Arbeit, die wir verachteten, kümmerten sich um den Nachwuchs, dienten der sexuellen Befriedigung. Wir entwarfen die verrücktesten Moden für die Frauen, behängten sie mit Schmuck, ließen sie an unserer Welt aber kaum teilhaben. Wir diskriminierten sie an allen Ecken und Enden – und dabei denke ich nicht ausschließlich an orientalische Länder.

Wir haben die Frauen eigentlich nie nach ihrer Meinung gefragt. Wozu auch? Was hätte es schon gebracht? Wir hielten es ohnehin nicht für möglich, dass sie in der Lage waren, einen halbwegs originellen Gedanken zu entwickeln. Sicher, es gab Gegenbeispiele. Aber waren diese nicht eher Feigenblätter? Jede Geste guten Willens, die wir den Frauen entgegenbrachten, empfanden wir als Großmut, jedes Entgegenkommen als Geschenk, wofür man sich gefälligst zu bedanken hatte.

Wir haben sie zum ältesten Gewerbe der Welt gezwungen. Denn wir hatten den Bedarf, nicht sie. Die Prostitution als Weltanschauung! Und dafür haben wir sie verachtet, bezahlt schon, aber verachtet. Käufliche Ware in einer Welt, die wir als käuflich betrachteten. Alles ließ sich kaufen, selbst die göttliche Gnade. Oh, das ließen wir uns schon was kosten. Um die entsprechenden Geschäfte abzuwickeln, errichteten wir Kirchen, Tempel, Pagoden, Moscheen. Aber offenbar haben wir uns geirrt. Ein paar Dinge scheinen unbezahlbar zu sein, haben keinen Preis.

Wir selbst hatten immer einen, je nach Marktlage. Wir haben darum gefeilscht und geschachert, reichlich ungedeckte Schecks ausgestellt, vorwiegend als Bonus auf eine ungewisse Zukunft, und den Käufer oft um die Ware betrogen. Wer will mit uns schon noch Geschäfte machen? Wir haben alles und jedes verkauft: Moral, Glauben, Gerechtigkeit – und liebend gern Dinge, die uns nicht gehörten. Das Ganze nannten wir den ehrbaren Kaufmann, denn Ironie war schon immer eine unserer Stärken.

Und dann waren da noch die Frauen, ach ja, Gebärmaschinen zum Zwecke der Produktion von Söhnen – wenn’s ging.

Wir schmückten sie, damit sie uns schmückten. Intelligente Haustiere zum Vorzeigen. Wir verehrten ihnen kleine Geschenke, sprachen Lob und Tadel aus, überließen ihnen gewisse Verantwortungen, nicht zu viele, erklärten sie dem Manne untertan.

Ihre einzige Waffe waren die Reize, die sie ausstrahlten, jedoch meinten wir, letztlich auch darüber die Kontrolle zu besitzen. Dies hat sich inzwischen als Irrtum herausgestellt. Das Pendel ist zur anderen Seite ausgeschlagen.

Aber begriffen haben die Menschen immer noch nichts. Meiner Ansicht nach sind Frauen und Männer die beiden Seiten der gleichen Medaille, zwar unterschiedlich, aber zusammengehörend. Sie tun jedoch alles, um die Trennung immer weiter voranzutreiben. Ich sehe das Ziel nicht.

Man müsste versuchen, die beiden Seiten zusammenzuführen. Wer kann die Barrieren niederreißen? So tief sitzt kein Hass, dass er nicht zu überwinden wäre. Aber wenn Hass die letzte Emotion ist, die Menschen verbindet – was bleibt dann noch?

Die Welt ist wirklich heruntergekommen. Wir haben das Letzte verkauft, das uns noch geblieben ist: unsere Zukunft. Ich möchte nur wissen, wer den ganzen Ramsch erworben hat …

 

 

 

ACHTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

»Wir greifen an drei Stellen an. Hier, hier und hier.« Die Spitze des Zeigestocks bohrte eine kleine Delle in die auf dem riesigen Konferenztisch ausgebreitete Karte. »Die Angriffe werden von jeweils zwei Gardearmeen vorgetragen, die, angeführt von schnellen Panzerverbänden, in einer weiträumigen Zangenbewegung nach Norden und Nordwesten vorstoßen. Artillerie und Luftunterstützung stehen in ausreichender Stärke zur Verfügung. Das Etappenziel sieht vor, nach drei Tagen die feindlichen Streitkräfte einzuschließen. Damit ist der Weg zum Ural frei.«

Generalmajor Alexej Michailowitsch Jakowlew runzelte die Stirn und sah den Sprecher irritiert an. In der Runde der hohen Offiziere setzte Getuschel ein. Eine einsame Fliege ließ sich an der Stelle der Karte nieder, an der sich eine der Zangen schließen sollte. Die Hitze im Raum war drückend. Der heiße Wind aus der Steppe brachte keine Abkühlung. Taschkent, die Hauptstadt der Zentralasiatischen Sowjetrepublik, war zu dieser Jahreszeit oft unerträglich.

»Ihr Plan scheint einfach, Genosse«, brach Jakowlew die von leisem Raunen unterbrochene Stille. »Was aber, wenn die Gegenseite sofort die Raketen startet? Dann werden unsere Gardearmeen zersprengt wie Spreu im Wind. Wer gibt uns die Gewissheit, dass die andere Seite nicht mit einem Angriff unsererseits rechnet? Wir wissen doch genau, dass wir nur eine Chance haben. Wenn der erste Schlag nicht trifft, haben wir für den zweiten keine Gelegenheit mehr. Dazu ist der Gegner zu stark.«

»Ich bin über die diplomatischen Schritte der letzten Zeit nicht voll unterrichtet, aber ich gehe doch davon aus, dass die Baltische Republik und die Ukraine uns unterstützen werden, wie es die langfristige strategische Planung vorsieht.«

Jakowlew schüttelte den Kopf. »Ich möchte es an diesem Tisch ganz offen aussprechen, Genossen: Es gibt zwar diese Planung, aber sie ist Illusion. Sie dient nur dem Zweck, dem Gegner eine nicht vorhandene Einigkeit vorzugaukeln, um ihn von einem Angriff abzuhalten. Sämtliche Gespräche mit den verbündeten Bruderstaaten sind ergebnislos verlaufen. Ich darf daran erinnern, dass wir keine gemeinsamen Grenzen besitzen. Jeder der Staaten ist im Ernstfall auf sich selbst angewiesen. Eine Koordination scheint nicht möglich zu sein. Ich fürchte, wenn wir angreifen, werden wir allein stehen – und verlieren.«

»Unsere Armee ist hervorragend ausgerüstet und trainiert«, warf ein anderer ein. »Wir haben jahrelang auf dieses Ziel hingearbeitet, und jetzt sollen wir uns feige verkriechen? Haben wir Angst vor diesem Moskauer Weiberregiment? Was ist aus den russischen Männern geworden?«

»Unsere Armee wird in einem atomaren Feuersturm verglühen«, sagte Jakowlew leise. »Moskau weiß ganz genau, dass von unserer Seite die größte Gefahr droht. Die Ukraine ist isoliert, die Baltische Republik zu klein, um lange Widerstand zu leisten. Nur wir haben genügend Fläche, um uns gegen konventionelle Angriffe zu verteidigen. Wir haben im Osten die Gebirge und im Westen die Kasachen-Steppe. Unsere Bruderstaaten vertrauen auf uns, nicht umgekehrt.«

»Das klingt fast, als wollten Sie einen Krieg um jeden Preis vermeiden«, wandte ein hochdekorierter General ein. »Wir sind heute zusammengekommen, um uns vom Planungsstab die Einzelheiten erläutern zu lassen, und jetzt stellen Sie alles infrage. Die Provokationen, denen wir täglich ausgesetzt sind, haben jedes erträgliche Maß überschritten. Wenn wir uns jetzt nicht wehren, werden wir Moskau wie eine reife Frucht in den Schoß fallen. Wir können nicht länger warten.«

»Propagandageschwätz«, knurrte Jakowlew. »Man hat uns bisher weitgehend in Ruhe gelassen. Die sporadischen Zwischenfälle an den Grenzen gibt es überall auf der Welt, wo Männer und Frauen sich gegenüberstehen. In dieser Beziehung haben wir sogar Glück.«

Der General verzog den Mund zu einem geringschätzigen Lächeln. »Was ist denn aus der Welt geworden? Sie, Genosse Jakowlew, kennen die Entwicklung doch sehr genau, aus eigener leidvoller Erfahrung, wie wir hier alle wissen. Sie haben lange Jahre in sibirischen Straflagern zugebracht, damals, in den finsteren Zeiten, als die alten Ordnungen über den Haufen geworfen wurden. Allerdings waren Sie auch nicht dabei, als wir diesen neuen Staat aufbauten, der seinerzeit fast noch ein Entwicklungsland war. Wir haben die ungeheuren Opfer nicht vergessen, die es gekostet hat, und wir wollen nicht alles wieder verlieren, wenn unser großer Nachbar mit begehrlichem Blick auf unsere Errungenschaften schielt. Wir arbeiten weiter an der sozialistischen Ordnung, die von den Frauen verraten wurde.«

»Ein aggressiver, imperialistischer Staat!«, empörte sich ein anderer.

Viele nickten beifällig. »Es wird Zeit, dass wir losschlagen, ehe es die anderen tun.« – »Sie richten das Land zugrunde!« – »Wir müssen uns wehren.«

Jakowlew biss die Zähne zusammen. Ein Schweißtropfen rann langsam seinen Nacken hinunter und versickerte im Kragen. »Genossen, ich bin nicht dagegen, sich zu verteidigen, aber was gewinnen wir, wenn wir angreifen? Wir riskieren unsere Vernichtung, ohne die Gewissheit zu haben, die Gegenseite zu schlagen. Im Übrigen existiert ein Nichtangriffspakt zwischen Moskau und Taschkent. Er wurde vor gut zwölf Jahren geschlossen und niemals in größerem Umfang verletzt. Wir setzen uns vor der ganzen Welt ins Unrecht, wenn wir dem vorgelegten Plan folgen.«

Der General machte eine abfällige Handbewegung. »Was Recht oder Unrecht ist, bestimmt der Sieger. Präventivschläge gehörten schon immer zum strategischen Potential der Kriegslehre. Wir brauchen den operativen Raum, um dem Gegner die Handlungsweise aufzuzwingen. Wie wir gehört haben, sind unsere Streitkräfte auf dem besten Stand seit Jahren. Die jungen Offiziere fiebern darauf, es Moskau endlich zu zeigen, diesen verdammten Staat in Fetzen zu schlagen. Wir können unsere Soldaten nicht enttäuschen, die wir für diesen Tag vorbereitet haben, und außerdem wissen wir, dass wir den Gegner überrennen können.«

»Diese Lagebeurteilung stammt von unserem Nachrichtendienst, dessen Leiter Sie sind, Genosse Jakowlew«, fügte ein relativ junger Oberst hinzu. »Trauen Sie Ihren eigenen Angaben nicht?«

Jakowlew nickte müde. »Sie sind richtig. Aber keiner in dieser Runde weiß, ob und wann wir mit einem Atomschlag rechnen müssen. Wir kennen das genaue Potential des Gegners nicht, vermuten aber, dass er uns in dieser Beziehung überlegen ist. Der Plan, den wir vorhin hörten, sieht vor, in kurzer Zeit große Geländegewinne zu erzielen, um ein Faustpfand in der Hand zu haben. Wir gehen davon aus, dass die Gegenseite davor zurückschreckt, ihr eigenes Gebiet zu zerstören. Das kann jedoch eine falsche Annahme sein.«

Der General trommelte mit den Fingern unruhig auf den Tisch. »Das Zentralkomitee erwartet eine entscheidungsreife Vorlage von der Planungsgruppe. Wir sitzen heute hier, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Nur deswegen bin ich bereit, mich weiter an der Diskussion zu beteiligen, aber ich muss ganz offen sagen, dass mich der Mangel an Vertrauen in unsere siegreiche Armee erschreckt.«

Der einzige Zivilist am Kopfende des Tisches hob interessiert den Blick. Er war ein hoher Parteifunktionär und Verbindungsmann zur Regierung. Jakowlew hielt ihn für einen Intriganten, und er wusste genau, warum der General sich so aufspielte. Er rechnete mit einer Beförderung oder zumindest mit einem verantwortungsvollen Kommando im bevorstehenden Krieg, und da war es gut, die entscheidenden Gremien positiv zu stimmen und sich als linientreuer Gefolgsmann hervorzuheben. Das Schlimme war nur, dass der General ein ausgezeichneter und strategisch begabter Offizier war, der eigentlich gegen besseres Wissen reden musste. Jakowlew fand keine andere Erklärung als den Drang nach dem glanzvollen Abschluss einer Karriere.

Der Funktionär betrachtete intensiv die Karte. Dann wandte er sich an den Offizier, der den Plan vorgetragen hatte: »Wenn unsere gesamte Armee an diesen Punkten angreift, entblößen wir unsere Ostflanke, richtig?«

»Nur bedingt. Das Gelände ist für Überraschungsangriffe zu unübersichtlich und zu schwierig. Außerdem hat der Gegner dort nur schwache Kräfte zur Verfügung. Unsere Reserven könnten einen Gegenstoß mit Leichtigkeit abfangen und den Feind zurückwerfen.«

»Der Gegner könnte frische Truppen aus Sibirien binnen weniger Stunden an die Front bringen«, blieb der Funktionär hartnäckig.

»Das wäre unüblich. Schließlich dringen wir tief in sein Gebiet ein. Dort müsste er Reserven hinbringen.«

»Seit wann werden Kriege mit dem Lehrbuch gewonnen?«

Der Offizier schwieg und blätterte in seinen Papieren. Jakowlew war erstaunt, dass ein Zivilist präzise eine der vielen schwachen Stellen des Plans traf. »Das große Risiko bleibt nach wie vor die Ausweitung des Konflikts über die atomare Schwelle. Solange dieser Punkt nicht geklärt oder widerlegt ist, bin ich strikt gegen den Angriff.« Jakowlew lehnte sich zurück und blickte angriffslustig in die Runde.

Der General räusperte sich nach einer kurzen Pause. Er musste erkannt haben, dass bei der politischen Führung offenbar auch keine Einigkeit herrschte. Die Kritik des Funktionärs verriet dem, der zwischen den Zeilen zu lesen verstand, eine Menge. Die Falken hatten sich noch nicht endgültig durchgesetzt, wie es in der letzten Zeit den Anschein hatte. Diese neue Situation musste gründlich erwogen werden, denn auch damit stand und fiel eine Karriere. »Die Diskussion zeigt, dass der uns heute vorgelegte Plan offensichtlich noch nicht alle Eventualitäten berücksichtigt. Ich schlage deshalb vor, dass der Planungsstab eine gründliche Überprüfung vornimmt und die heute vorgebrachten Meinungen in seine Überlegungen einbezieht. Was die vom Genossen Jakowlew geäußerten Ansichten angeht« – ein grimmiger Blick schoss über den Tisch –, »so meine ich, dass der Nachrichtendienst wesentlich sorgfältigere Analysen vorlegen muss.«

Die Spitze war sehr geschickt angebracht; denn damit traf er Jakowlew doppelt, der auch sofort hochzuckte, aber schwieg, als er die spöttischen Gesichter der Übrigen registrierte, die ihre Schadenfreude nicht verbergen konnten. Er zwang sich zu einer gelassenen Haltung, wie er sie in den letzten Jahrzehnten erworben hatte.

Die hohen Offiziere sortierten geschäftig ihre Unterlagen, da die Sitzung beendet schien. Niemand wollte den Worten des Generals etwas hinzufügen, jede weitere Meinungsäußerung konnte negativ vermerkt werden. Es reichte, dass heute der Genosse Jakowlew im Mittelpunkt gestanden hatte, dessen Beliebtheit im Offizierskorps nicht sonderlich groß war, sodass sich niemand bemüßigt fühlte, noch mit ihm zu reden.

»Die Sitzung ist geschlossen«, verkündete der General. Stuhlrücken, Fußscharren, der Raum leerte sich.

Jakowlew packte langsam seine Papiere in die schwarze Diplomatenmappe. »Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick, Genosse!« Außer ihm befand sich nur noch der Funktionär im Raum, dessen Namen er nie behalten hatte.

»Sie denken weiter als diese säbelrasselnden Militärs, die sich den Feldzug als eine Art Sandkastenspiel denken.«

»Das tun sie nicht«, sagte Jakowlew steif. »Sie sind nur von der Sache überzeugt, die sie vertreten. Sie glauben an den Sieg.«

»Sie nicht?«, kam es scharf.

»Das ist keine Glaubensfrage, sondern das Ergebnis einer großen Zahl von Ereignissen, die von sehr vielen Faktoren abhängen. Ich betrachte es als meine Aufgabe, Hindernisse zu erkennen, darauf aufmerksam zu machen und sie gegebenenfalls zu beseitigen. Man sollte das Risiko minimieren.«

Der andere sah ihn nachdenklich an. »Sie sprechen verschiedenen Genossen des Zentralkomitees aus der Seele. Unser Einsatz ist zu hoch, um ihn leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Wenn die Militärmaschinerie anläuft, ist sie nicht mehr zu stoppen, und wir können nur auf unsere tapferen Offiziere und Soldaten bauen, die in nimmermüdem Einsatz ihre Pflicht erfüllen.«

Jakowlew nickte. »Und auf die Panzer, Flugzeuge und Kanonen. Sie sind nicht ganz unwichtig, Genosse.«

Der Funktionär zögerte, entschloss sich dann aber, die Worte nicht als Ironie aufzufassen. »Sie haben die Raketen nicht erwähnt, obwohl Sie vorhin großen Wert auf diese Waffen legten. Warum?«

»Ich habe Angst vor den Raketen. Ich fürchte, dass wir einer Katastrophe entgegengehen, und die ganze Welt mit uns.«

»Die verbündeten Brudervölker schauen auf uns. Wir werden die Signale geben. Die bisherige Entwicklung führt in eine Sackgasse. Wir müssen die Welt unter der großen, siegreichen Idee einen und in eine glückliche Zukunft führen. Der Genosse Vorsitzende hat in seiner Rede vor zwei Tagen erklärt, dass die Zentralasiatische Sowjetrepublik die letzte wahre Bastion des Sozialismus ist. Nur von hier können die Impulse ausgehen, die der Erde wieder ein menschliches Gesicht geben. Er hat auch ganz deutlich gesagt, dass die Feinde der neuen Gesellschaft vernichtet werden müssen, ehe sie uns vernichten – und es gab wohl keinen Zweifel, wen er damit meinte.«

»Gewiss nicht. Das Ziel ist uns allen klar. Ich bin nur nicht sicher, ob es mit einem Krieg zu erreichen ist. Ich glaube an die Tugend des besseren Beispiels.« Jakowlew unterbrach sich, als er die misstrauischen Augen des anderen bemerkte. Er hatte es nicht mit einem Verbündeten zu tun, sondern mit einem Fanatiker, der nur sichergehen wollte, dass der Angriff den gewünschten Erfolg hatte. Und was sollte seine Frage nach den Raketen? Hatte man sich im Zentralkomitee entschlossen, nicht konventionell anzugreifen, sondern den Atomschlag zu führen? Das würde natürlich vieles erklären.

»Wir müssen diese Frauen vernichten! Sie haben unser System in Trümmer geschlagen, als wir die halbe Welt kontrollierten und dabei waren, auch dem Rest die Befreiung zu bringen. Sie haben uns auf den Anfang zurückgeworfen. Aber jetzt sind wir bereit für einen Neubeginn. Wir werden es der Welt ein zweites Mal beweisen.«

Jakowlew musterte den Mann ungläubig. So viel Verbohrtheit war eigentlich zu viel für einen einzelnen Menschen. In welchem Teufelskreis bewegten sich dessen Gedanken? Hatten die Genossen immer noch nichts gelernt? Begriffen sie nicht, dass die Zeit für eine Versöhnung gekommen war? Neubeginn ja, aber anders. Es gab doch die Chance, eine neue Welt zu bauen, ohne die Plagen, die der Mensch ihr brachte. Aber der Hass musste ein Ende haben.

»Die Entscheidung für diesen Krieg wird möglicherweise das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen«, sagte Jakowlew leise.

»Hoffentlich«, entgegnete der Funktionär schroff. »Und vergessen Sie nicht, dass Ihr Geheimdienst die notwendigen Informationen beschaffen muss. Wir werden eine neue Seite im Buch der Geschichte aufschlagen und später stolz berichten, dass wir dabei gewesen sind. Unsere revolutionäre Kraft ist noch nicht erlahmt.«

»Nein, Genosse, das ist sie nicht.« Jakowlew nickte und verließ den Sitzungsraum. Vor dem Gebäude des Oberkommandos empfing ihn die heiße Luft, die der Wind aus der Steppe herüberwehte. Rötlicher Staub wirbelte unter seinen Stiefeln auf. Die modernen Straßenzüge besaßen noch keine schattigen Baumreihen wie die ältere Stadt. Er hatte sich an Taschkent gewöhnt, an die alte Karawanen und Oasenstadt mit ihrer langen Geschichte, das Zentrum Mittelasiens und jetzt Hauptstadt der Zentralasiatischen Sowjetrepublik.

Er winkte seinem Fahrer ab, der ihm eilfertig den Schlag des Dienstwagens aufriss, und wandte sich zu Fuß in nordwestlicher Richtung, wo immer noch die usbekische Altstadt an die Tradition gemahnte. Auch früher hatten Männer dort das Straßenbild bestimmt – aber selbst hier war es eintöniger geworden. Er erinnerte sich noch gut an die buntbedruckten Kleider der Frauen mit ihren langen schwarzen, kunstvoll geflochtenen Zöpfen. Vorbei.

Merkwürdigerweise hatte er sich nie mit dem Zustand abgefunden, den alle seine Kameraden offenbar akzeptierten, obwohl doch gerade er sehr viel durchgemacht hatte, als die Erschütterungen der Machtverschiebung begannen. Es war so lange her.

Sie hatten ihn nicht zerbrochen, damals. Die langen Jahre in Sibirien waren wie ein Härtungsprozess. Sie formten und bogen ihn, aber sie zerbrachen ihn nicht. Mörderische Temperaturen, dahinvegetieren am Rande des Existenzminimums, unmenschliche Arbeitsbedingungen an einer Bahnlinie, die von der Baikal-Amur-Magistrale nach Norden abzweigte. Viele seiner Gefährten waren gestorben. Manche taten es freiwillig und wählten zwischen Verhungern oder Erfrieren. Er aber klammerte sich an sein Leben mit einer Entschlossenheit, die ihn selbst überraschte.

Monate und Jahre dachte er über seine Flucht nach, plante und verwarf Lösungen. Nur selten drangen Nachrichten vom Weltgeschehen in diese Einöde, und wenn, dann waren sie deprimierend. Aber immerhin erfuhr man von der Trennung, von der Gründung neuer Staaten, von erbitterten Auseinandersetzungen und unsäglichen Zerreißproben, denen die Menschheit ausgesetzt war. Jakowlew empfand keinen Hass gegen seine Bewacherinnen; sie waren Opfer wie er. Die klare, kalte sibirische Luft reinigte seinen Geist. Er dachte anders als früher. Seine Kameraden klagten und jammerten, brachen in Hasstiraden gegen ihr Schicksal aus oder versanken in tiefer Verzweiflung.

Unter abenteuerlichen Bedingungen war ihm schließlich die Flucht gelungen. Tausende von Kilometern durch Wälder, Wildnis und feindliche Umwelt. Er durchschwamm Flüsse und überquerte unwegsame Gebirge, ernährte sich von Beeren und Wurzeln und suchte das kristallklare Wasser sprudelnder Quellen. Der Himmel war sein Dach und abgerissenes Laub sein Bett. Wochenlang sah er niemand, und auf den einsamen Höhen des Altai glaubte er, der Letzte aller Menschen zu sein.

Dann überschritt er die Grenze und war endlich in Sicherheit. Man bestaunte ihn wie ein Wundertier, und als er sich das erste Mal in einem Spiegel sah, erschrak er. Man brachte ihn nach Taschkent und untersuchte seinen Fall gründlich, bis man sicher war, dass er wirklich Alexej Jakowlew war, ehemals Major des KGB und daher qualifiziert, einen neuen Geheimdienst mit aufzubauen, da die meisten hohen Offiziere der Säuberung zum Opfer gefallen waren. Taschkent gefiel ihm nach der sibirischen Kälte, und er stürzte sich mit Eifer in seine neuen Aufgaben.

Dennoch hatte er die Gedanken nicht vergessen, die er Nacht für Nacht gewälzt hatte. Er verdrängte sie, weil es so viel zu tun gab, weil der Staat sich konsolidieren musste. Aber jetzt brach alles wieder auf, jetzt, da er den Gipfelpunkt seiner Karriere erreicht hatte und vor dem letzten Abschnitt seines Lebens stand. War denn alles umsonst?

Neben ihm sprudelte einer der Aryks, der kleinen Kanäle, die für Frische in der Stadt sorgten. Man sah wenige Kinder, die jedoch ernst und verschlossen; nicht so, wie Kinder sein sollten.

Begann der ganze Wahnsinn jetzt von Neuem? War es denn nicht an der Zeit, eine Hand zur Versöhnung auszustrecken? Auch die Frauen mussten doch gemerkt haben, dass die neue Ordnung gegenüber der alten keine besonders großen Vorteile bot. Was hatte sich denn schon geändert? Gut, sie bestimmten selbst über sich, aber sie waren immer noch den gleichen Strukturen unterworfen wie vorher, nur die Hand, die die Peitsche hielt, hatte gewechselt.

Auch die Männer hatten nicht gelernt. Sie würden die gleichen Fehler wiederholen, die bereits ihren Vätern und Großvätern zum Verhängnis geworden waren. Welch eine verrückte Welt!

Ein kleiner Junge von vielleicht fünf oder sechs Jahren rannte aus einem Hauseingang und hielt erschrocken inne, als er die Gestalt in der beeindruckenden Uniform sah. Ängstlich hob er die Hände vor den Mund.

Jakowlew blieb stehen und lächelte. Die dunklen Augen des Jungen begannen zu strahlen, dann drehte er sich um und lief davon.

O ja, dachte Jakowlew, es gibt noch einen Sinn.

 

*

 

Paul Wagner wusste, dass er sterben würde. Bald. Seine Zeit war abgelaufen, und der Gedanke daran ließ ihn zittern. Als vor einigen Monaten die ersten Warnzeichen erschienen, hatte er dem noch keine Bedeutung beigemessen. Er wurde eben älter und war nicht mehr so leistungsfähig wie früher, das war alles. Aber auch als er ein wenig kürzer trat, verließen ihn die Schmerzen in der Brust nicht, und er suchte einen Arzt auf. Das bedenkliche Gesicht des Mannes erschreckte ihn, und trotz der beruhigenden Worte war ihm klar, dass sein Leben sich dem Ende zuneigte – eine Ungerechtigkeit, die ihm schlimmer erschien als alles, was er bisher erlebt hatte, und das war eine Menge gewesen. Seine Gefühle waren eine Mischung aus Verzweiflung und Wut.

Dabei fühlte er sich auf der Höhe seiner Schaffenskraft, obwohl er die Siebzig überschritten hatte. Krebs, das böse Wort, geisterte durch seinen Sinn. Sollte ihn diese alte Geisel der Menschheit dahinraffen, nachdem er so viele andere und schlimmere Fährnisse überstanden hatte? Es war zum Verrücktwerden!

Er schluckte alle Medikamente, die er kriegen konnte, egal, ob der Arzt sie verschrieben hatte oder nicht. Dennoch wusste er, dass er damit das große Nichts kaum hinausschieben konnte. Er lebte nur noch von geborgter Zeit. In seinem Körper schienen nur noch die Augen zu leben, seine Gestalt wirkte verfallen und eingesunken, das Gesicht faltig und alt, die Hände wie Krallen, fleckenübersät.

Nur sein Verstand arbeitete besser denn je, geschult in Jahrzehnten der Intrigen und Geschäftemacherei. Paul Wagner hatte sich mit dem neuen System arrangiert – auf seine ganz persönliche Art. Als der große Umbruch kam, hatte er sich geschworen, ab sofort nur noch auf seinen eigenen Vorteil zu achten, um jeden Preis, und diesem Prinzip war er treu geblieben. Es war nicht Reue, die ihn nachdenklich machte, sondern nur die Tatsache, dass einige großartige Geschäfte womöglich nicht mehr unter Dach und Fach zu bringen waren. Es gab weder Erben noch Nachfolger. Mit ihm starb alles, was er repräsentierte.

Freunde besaß er kaum, dafür aber mehr Feinde als Haare auf dem Kopf. Er hatte gelogen, betrogen, zugrunde gerichtet – und sich zugleich unentbehrlich gemacht. Die Idioten auf beiden Seiten brauchten ihn, seine Beziehungen, seinen unvergleichlichen Geschäftssinn, seine Spürnase für die besten Gelegenheiten, seine Informationen, die er gleichermaßen nach beiden Seiten verteilte wie eine neutrale Macht.

Paul Wagner war eine Ausnahme, eine äußerst seltene Erscheinung in dieser geteilten Welt, die sich in einem latenten Kriegszustand befand. Um das Gleichgewicht auf beiden Seiten zu erhalten, mussten die Gegner aber gleich stark bleiben, ein Prinzip, an dem Paul Wagner mit Hingabe arbeitete, aber nicht, weil er um jeden Preis einen Krieg verhindern wollte, sondern weil es die einträglichste Methode war, die eigenen Taschen zu füllen, und weil es seinem Sinn für Zynismus außerordentlich entgegenkam.

Seinen Platz ganz oben hatte er sich hemmungslos erkämpft, und er verspürte nicht eine Sekunde Bedauern über die Schicksale rechts und links seines Weges. Schließlich traf ihn keine Schuld an der Entwicklung; er war mit seinem Leben zufrieden gewesen. Aber dann hatten sie ihn gereizt, und er musste ihnen beweisen, dass er diesen Fehler heimzuzahlen imstande war. Er persönlich fühlte sich nicht betroffen von der neuen Gesellschaftsordnung. Was scherten ihn die angeblichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern! Er sorgte für sich, und beide Seiten bezahlten ihn dafür.

Er handelte mit allem, was gebraucht wurde: Getreide, Öl, Waffen, Kunststoffe. Die Staaten der Männer und Frauen besaßen kaum Kontakte untereinander, aber sie waren nicht autark, jedenfalls nicht alle, und um dem Mangel an bestimmten Dingen abzuhelfen, brauchte man ihn und seine Fähigkeiten. Er beschaffte Rohstoffe und lieferte Fertigwaren, war Händler, Diplomat und Spion in einer Person.

Sein Anwesen an der Riviera galt als exterritorial und glich einer Festung. Er besaß einen kleinen Flugplatz und einen eigenen Hafen. Sein Wohnsitz lag in einem Land, dessen Einwohner Männer waren. Die Abgesandten der Frauenstaaten erreichten ihn auf dem Seeweg oder mit dem Flugzeug, und niemand kümmerte sich darum, jedenfalls nicht offiziell. Seine Existenz widersprach der herrschenden Ordnung, deshalb musste man ihn ignorieren. Seine Rolle war ohnehin nur den hohen Tieren aus Politik und Wirtschaft bekannt. In seinem Haus wurden geheime Gespräche geführt, wirtschaftliche Boykotte beschlossen und Schicksale ganzer Länder entschieden.

Paul Wagner fühlte sich wohl in diesem Spiel, das er beherrschte wie kein Zweiter. Menschen waren für ihn Marionetten, die er bewegte, wie es ihm passte, und die er fallen ließ, wenn er es für richtig hielt. Sein Wort konnte eine Hungersnot verursachen – oder beseitigen; einen kleinen Grenzkrieg auslösen – oder beenden. Und alles, was er tat, warf darüber hinaus einen ordentlichen Gewinn ab.

Das Ziel der neuen Ordnung auf der Welt führte er durch seine Existenz ad absurdum, und manchmal fühlte er sich wie ein Gott in dieser gottlosen Welt, deren Zustand in ihm ein unbändiges Lachen auslöste. Aber jetzt stand der ewige Gleichmacher Tod vor seiner Tür, und er begriff, dass er ihm nichts entgegenzusetzen hatte. Dann sollte wenigstens sein Abtritt von erheblichem Aufsehen begleitet sein.

Er drückte einen Knopf, und das breite Glasfenster versank lautlos im Boden. Die klimatisierte Luft wurde vom Geruch des Salzwassers durchdrungen. Er blickte über die Klippen auf seinen kleinen Hafen, in dem seine Privatjacht vor Anker lag. Ursprünglich hatte sie einem seiner Rivalen in diesem Geschäft gehört, den er mit geschickten Manipulationen in den Ruin getrieben hatte. Es war ein schönes Schiff, hatte aber seinen Liegeplatz seit zwei Jahren nicht mehr verlassen. Die Anstrengungen einer Seereise mochte er sich nicht mehr zumuten.

Weiter draußen erkannte er die grauen Konturen eines Schnellbootes. Es gehörte zu seinem privaten Küstenschutz und sollte Neugierige fernhalten. Man respektierte seinen Besitz und schloss die Augen, wenn das Schiff eines gegnerischen Landes sich seinem Hafen näherte. Ihm stand ein schmaler Korridor innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone offen.

Auch heute war Besuch angesagt. Aus Rom. Die Stadt gehörte jetzt den Frauen, bis auf den Vatikan, der einzige Staat der Welt, der von der großen Umwälzung direkt nicht betroffen worden war.

Paul Wagner war gespannt. Mit den Männern in Süditalien und Sizilien hatte er bereits viele Geschäfte gemacht; Besuch aus Rom war selten.

Einige Minuten später gab es eine Veränderung auf der glitzernden Wasserfläche, die wie geschmolzenes Blei schimmerte. Erst erschien ein schwarzer Punkt, dann das Weiß der Bugwelle eines Schiffes, das mit hoher Geschwindigkeit auf seinen Küstenstreifen zuhielt. Sein eigenes Schnellboot hatte ebenfalls Fahrt aufgenommen, um den Besucher zu eskortieren. Paul Wagner legte Wert darauf, dass Besucher den Eindruck hatten, wie von einem unabhängigen Staat empfangen zu werden.

Es klopfte, und ein älterer Mann trat rasch ein.

Wagner lächelte. »Robert, schön dass du da bist.« Er deutete zum Meer. »Ich bekomme Besuch aus Rom. Bin gespannt, was die Mädchen von mir wollen. Aber das werden wir gleich erfahren. Doch reden wir von dir. Ich hoffe, man hat sich gut um dich gekümmert.«

Robert Kinsley grinste wie ein kleiner Junge. »Ich könnte Bäume ausreißen. So lange und so gut habe ich schon seit ewigen Zeiten nicht mehr geschlafen. Der Flug gestern war ziemlich anstrengend.«

»Tut mir leid, dass ich mich gestern Abend nicht mehr um dich kümmern konnte, aber ich muss mich ein wenig nach den Anordnungen meines Arztes richten. Wir haben noch genügend Zeit zum Reden. Wann musst du wieder zurück?«

Kinsley hob die Schultern. »Ich habe keine besonderen Verpflichtungen, aber es würde mir nichts ausmachen, ein paar Tage zu entspannen, bis ich wieder in den Untergrund gehe. Bei der Gelegenheit: vielen Dank für den Pass und die Kreditkarte. Ich habe den Umschlag problemlos am Flugschalter erhalten.«

Wagner nickte. »Ich habe ein paar nützliche Verbindungen, und es freut mich, wenn ich dir helfen kann. Wir sehen uns ohnehin selten genug. Wie lange ist es her?«

»Fast drei Jahre«, entgegnete Kinsley leise. »Wir sind älter geworden wie die Welt, die indessen nicht weiser wurde. Ich habe die Hoffnung auf Besserung nahezu verloren. Die allgemeine Weltlage ist auch nicht gerade Anlass zur Freude.«

Wagner verzog schmerzlich das Gesicht. »Ich habe einiges läuten hören. Es liegt Krieg in der Luft.«

Kinsley winkte ab. »Das ist doch seit Jahren der Fall.«

»Diesmal ist es ernster. Ich habe eine Information von Alexej. Er hat mich gebeten, meine diplomatischen Kanäle zu nutzen, um an den entscheidenden Stellen die notwendigen Hinweise anzubringen, dass der geplante Überfall in einer Katastrophe enden wird.«

»Werden sich die Kommunisten in die Haare kriegen?«

»Ja. Es sieht so aus. Aber ein solcher Konflikt bleibt nicht auf die asiatischen Steppen beschränkt. Das könnte der Funke sein, der das Pulverfass Erde zur Explosion bringt. Du weißt, was das bedeutet?«

Kinsley kniff die Lippen zusammen. »Den Untergang, den ich seit Jahren befürchte. Ich würde gerne mit Alexej sprechen. Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört.«

»Kein Problem. Ich sehe ihn in Kürze. Er muss zu einer Konferenz in die Ukraine. Wir treffen uns in Odessa. Dorthin komme ich leicht mit meiner Yacht. Wenn du Lust hast, kannst du mitkommen. Wir werden zwar auch zu dritt den Krieg nicht verhindern können, aber zumindest wissen wir, wann wir den Kopf einziehen müssen.«

»Das Angebot nehme ich gerne an. Auf dem nordamerikanischen Kontinent ist die Lage ähnlich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Union über die Vereinigten Staaten herfällt – oder umgekehrt.«

»Ich weiß«, nickte Wagner. »Die gespannte Situation hat bereits empfindlichen Einfluss auf meine Geschäfte genommen.« Er unterbrach sich und presste die rechte Hand gegen die Brust. »Ich hatte in der letzten Zeit Gelegenheit zum Nachdenken. Du weißt ebenso gut wie ich, dass ich kein leuchtendes Beispiel der menschlichen Gesellschaft bin. Es ist wohl so, dass sich irgendwann einmal das Ding meldet, das man früher Gewissen nannte.«

»Ich bin gerührt«, sagte Kinsley sarkastisch und grinste.

»Nein, nein, ich meine es ernst. Wenn ich die Möglichkeit haben sollte, auf meine alten Tage etwas Gutes zu tun, dann werde ich es ganz sicher tun. Alexej denkt ebenso.«

»Siehst du ihn häufiger?«

Wagner schüttelte den Kopf. »Wir hatten vor einigen Jahren mehr Kontakt, aber seit er die Karriereleiter erklommen hat, muss er vorsichtiger sein. Vor Spionage und Verrat haben die Russen immer noch die gleiche Angst. Immerhin habe ich zu seiner Regierung offiziellen Kontakt, sodass eine Verbindung zu mir nicht schlimm ist. Ich besorge ihnen einige Rohstoffe, die sie dringend brauchen. Wolfram, Mangan, Nickel und Ähnliches. Ein paar Frauenstaaten haben genug davon.«

Kinsley starrte aus dem Fenster. »Dein Besuch ist da.«

Wagner erhob sich und stellte sich neben ihn. Das Schiff aus Rom, eine schneeweiße Yacht, ankerte an der Mole. Ein Steg senkte sich gerade herunter.

»Stört deine Männer der Anblick von Frauen nicht?«, fragte Kinsley.

»Sie sind ihn gewohnt. Außerdem werden sie gut bezahlt und genießen eine Menge Annehmlichkeiten, die anderen Männern verwehrt sind. Ich muss mich auf meine Leute verlassen können.« Er griff nach einem bereitliegenden Fernglas, als eine hochgewachsene Frau an Deck erschien. »Du gehst besser nach nebenan, Robert. Lass die Tür einen Spalt geöffnet, dann kannst du mithören. Ich habe nichts dagegen.«

Kinsley nickte und ging wortlos hinaus.

 

*

 

Die Frau blickte sich kurz und gleichgültig um und tat so, als bemerke sie die Männer nicht, die die Leinen ihres Schiffes festmachten. Ihr langes dunkelblondes Haar flatterte in einer leichten Brise. Sie trug einen hochgeschlossenen Hosenanzug und unter dem Arm eine schwarze Tasche. Eine zweite Frau mit kurzgeschnittenen schwarzen Haaren folgte ihr.

Paul Wagner legte das Glas zur Seite und schloss das Fenster. Die Klimaanlage verwandelte die Außenluft wieder in sterile Kühle.

Die Frau im Hosenanzug war schön, viel attraktiver, als es aus der Entfernung den Anschein erweckt hatte. Paul Wagner hatte die Erinnerung an weibliche Schönheit nicht vergessen, wenn sein Alter ihm auch intensivere Beachtung dieses Themas verwehrte.

Ihr Gesicht besaß fein geschwungene Züge, völlig ebenmäßig, die typische römische Nase war von klassischem Schnitt. Um die vollen Lippen lag ein arroganter Zug, der gleichwohl nicht verletzend wirkte, eher stolz, wie die klaren graublauen Augen.

Sie schüttelte mit einer raschen Bewegung eine Strähne aus der Stirn. »Mein Name ist Carla di Montesardo, Sonderbeauftragte der römischen Regierung. Ich hoffe, ich bin pünktlich.« Ihr Französisch hatte einen harten Klang.

»Wer ich bin, wissen Sie ja wohl. Sie erlauben, dass ich sitzen bleibe. Mein Arzt hat mir unbedingte Ruhe verordnet.« Das war natürlich gelogen, aber er sah keine Veranlassung, besonders höflich zu sein. »Nehmen Sie doch Platz! Wenn Sie etwas trinken wollen, dort drüben finden Sie alles. Bedienen Sie sich bitte selbst; meine Angestellten könnten sich von Ihrer Gegenwart … ah … sagen wir – beunruhigt fühlen.«

»Ich verstehe«, sagte sie und deutete auf ihre Begleiterin, ein unscheinbares Mädchen mit scheuem Gesichtsausdruck, das offenbar zum ersten Mal einen Mann aus unmittelbarer Nähe sah. »Meine Assistentin, Maria Cerutti.« Die beiden Frauen setzten sich.

Paul Wagner legte bedächtig die Fingerspitzen gegeneinander. »Als dieses Treffen vereinbart wurde, hieß es nur, dass es sich um eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit handele. Ich gehe davon aus, dass es sich in der Tat so verhält, da meine Zeit naturgemäß begrenzt ist. Ich wäre Ihnen also dankbar, wenn Sie gleich zum Kern der Sache kämen.«

Sie griff in ihre Tasche und zog ein zusammengefaltetes Blatt heraus. »Mein Beglaubigungsschreiben.«

Er winkte ab. »Ihre Yacht dort draußen ist Beglaubigung genug. Ich bin kein offizieller Repräsentant meiner Regierung, sondern ein ganz normaler Privatmann. Demzufolge besitzt dieses Gespräch auch keinen offiziellen Charakter, betrachten Sie es als eine Plauderei zwischen zufälligen Bekannten.«

Sie zog irritiert eine Augenbraue hoch, schob das Schreiben aber wieder in die Tasche. »Wie können wir ein verbindliches Gespräch führen, wenn wir nicht wissen, wen oder was wir vertreten?«

»Ich vertrete ausschließlich mich selbst, und das sollte Ihnen genügen. Wen Sie vertreten, ist mir bekannt, aber wenn Sie ein verbindliches Gespräch erwarten, muss ich Sie enttäuschen. Wir werden über die Probleme reden, derentwegen Sie hergekommen sind. Meine Referenzen bestehen aus meinen erfolgreichen Geschäften. Wenn Ihnen das zu wenig ist, können wir das Gespräch an dieser Stelle abbrechen.«

Sie lächelte leicht. »Sie hätten Diplomat werden sollen, Monsieur Wagner. Man hat mir gesagt, dass Sie ein harter Verhandlungspartner sind. Ich darf noch hinzufügen, dass ich Sie persönlich nicht mag, wenn Sie schon dabei sind, Fronten zu klären. Wenn wir zu Ihnen kommen, mag das Ihrer Eitelkeit schmeicheln, aber ohne uns wären Ihre Geschäfte nicht sonderlich erfolgreich und wenig gewinnversprechend.«

Gut gekontert, dachte Wagner und fixierte sie aus zusammengekniffenen Augen. »Die Zeit ist zu kostbar, um Beleidigungen auszutauschen. Was ist Ihr Problem?«

»Unser Problem ist auch das Ihre, Monsieur Wagner, nämlich der Zustand dieser Welt. Wir wollen ihn, kurz gesagt, ändern.«

Wagner grunzte. »Das haben Sie bereits einmal getan, und es war nicht sehr erfolgreich. Wenn Sie planen, den Rest der Männer auch noch zu unterdrücken, können Sie wohl kaum mit mir rechnen.«

»Nein«, sagte sie sanft, »das wollen wir nicht. Auch bei uns gibt es Erkenntnisse in vielerlei Richtungen. Es gibt Kolleginnen in verantwortlichen Positionen, die intensiv nachgedacht haben. Es gibt Männer und auch Frauen wie Sie, die in der Lage sind, den derzeitigen Status zu beeinflussen, behutsam zu verändern. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass die nächste große Auseinandersetzung wahrscheinlich das Ende bedeuten würde, unser aller Ende.«

Er zuckte die Achseln. »Das ist Sache der Politiker, gewählt oder nicht gewählt. Ich bin Geschäftsmann, und das Schicksal der Welt interessiert mich herzlich wenig. Mit dem jetzigen Zustand bin ich bisher gut gefahren. Was sollte mich veranlassen, meine Einstellung zu ändern?«

»Ihr Gewissen.«

Er lachte auf. »Madame di Montesardo, die Welt hat ihr Gewissen schon lange verloren, und meines ist mir auch irgendwann abhandengekommen.«

Sie bewahrte mühsam ihre Fassung. Ihre Begleiterin trug einen Gesichtsausdruck zwischen Ängstlichkeit und Missbilligung zur Schau, mischte sich in das Gespräch aber nicht ein.

»Monsieur Wagner, wie wäre es dann, wenn wir über Geschäfte redeten?«

»Klingt schon besser.«

»Wir sind bereit, Sie zu bezahlen.«

»Wofür?«, kam es blitzschnell. Der alte Mann klammerte seine Finger um die Armlehnen und beugte sich vor. Er wirkte wie ein Raubvogel, der eine Beute erspäht.

»Führen Sie Gespräche. Reden Sie mit Ihren Geschlechtsgenossen. Erkunden Sie, ob Bereitschaft besteht, den unsinnigen Zustand zumindest … ah … aufzuweichen. Wir müssen wissen, ob es auf der anderen Seite ähnliche Überlegungen gibt wie bei uns.«

»Sie sagten, Sie kommen in offiziellem Auftrag?«

Sie lächelte spöttisch. »Wir waren uns doch einig, dass Sie offizielle Gespräche nicht führen können. Sie sind Privatmann. Ich halte mich an Ihre Bedingungen. Gehen wir davon aus, dass wir als vernünftige Menschen die Weltlage diskutieren – von unterschiedlichen Standpunkten her.«

Wagner nickte. »Touché.« Er lehnte sich wieder zurück. »Ich nehme an, dass Sie keine Ermächtigung Ihrer Regierung besitzen. Sie vertreten eine bestimmte Gruppe von Personen, die in einigen Dingen anderer Meinung sind als die gewählten – oder besser: selbsternannten – Vertreter Ihres Staates. Könnte man diese Handlung Hochverrat nennen?«

Sie zuckte nicht mit der Wimper. »Ich kann Sie nicht an dieser Interpretation hindern. Spielt es eine Rolle für Sie?«

»Allerdings. Sie kennen sicher meinen Status in diesem Land. Ich werde geduldet, weil man mich braucht. Dennoch bin auch ich bestimmten Beschränkungen unterworfen, die ich nicht ungestraft durchbrechen kann. Die zuständigen Behörden wissen, dass ich mit der anderen Seite rede – sie wissen auch jetzt von Ihrem Besuch. Solange es sich um Geschäfte handelt, lässt man mich gewähren, aber sobald meine Tätigkeit die Fundamente der Gesellschaftsordnung berührt, dürfte sich diese Einstellung ändern. Und genau darauf läuft Ihr Angebot ja wohl hinaus.«

»Es besteht ein Unterschied, ob man ein System ändert oder nur die Meinung darüber erkundet. Wir verlangen nichts Unmögliches von Ihnen. Sie haben die Kontakte; sprechen Sie mit den Verantwortlichen. Die Gruppe, die ich vertrete, ist in der Tat klein. Sie braucht Ermutigung von anderer Seite, wenn es Fortschritte geben soll. Es ist nur ein Anfang, ein winziger Schritt, aber irgendjemand muss ihn machen.«

Paul Wagner musterte die schlanke, hohe Gestalt. Der sinnliche Mund, die gepflegten Haare, die feingliedrigen Hände, die straffen Brüste ließen eine längst verschüttete Erinnerung in ihm wach werden. »Haben Sie jemals mit einem Mann geschlafen?«, fragte er langsam.

Sie versteifte sich, und ihr Gesicht verzog sich vor Abscheu. Ihre Begleiterin zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb.

»Was unterstehen Sie sich, mir eine solch obszöne Frage zu stellen! Allein der Gedanke daran würde Sie bei uns vor Gericht bringen.«

Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Sehen Sie, in dieser Beziehung habe ich Ihnen etwas sehr Wesentliches voraus. Sie sollten es ausprobieren, dann wüssten Sie, dass Ihr ganzes System auf tönernen Füßen steht. Ich gebe Ihnen recht, dass der jetzige Zustand unhaltbar ist, aber es liegt nicht an den abgeriegelten Grenzen und dem latenten Kriegszustand, sondern an der Widernatürlichkeit des Verhältnisses zwischen Mann und Frau.«

Zitternd vor Wut sprang sie auf. »Das Rad der Geschichte wollen wir ganz gewiss nicht zurückdrehen, Monsieur Wagner. Ich habe befürchtet, dass Sie der falsche Mann für uns sind. Sie haben mich missverstanden. Es geht nicht darum, dass wir uns den Männern unterwerfen wollen – das ist für alle Zeiten vorbei. Wir möchten aber keinen neuen Krieg, der das Erreichte vernichtet. Die Vorstellung, mit einem Mann zu schlafen, bereitet mir Übelkeit. Über dieses tierische Stadium sind wir hinaus. Wir wollen eine bessere Welt schaffen, in der Männer und Frauen friedlich nebeneinander existieren können, und das werden wir auch erreichen, ob Sie uns helfen oder nicht.«

Wagner grinste amüsiert. »Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht, heißt es. Mir wird zwar ewig unbegreiflich bleiben, wieso dies auch für einen der wesentlichsten Urtriebe des Menschen gelten kann, aber dabei dürfte es sich nur um einen vorübergehenden Zustand handeln. Ich wünsche Ihnen nur, dass Sie eines Tages die Ihnen fehlende Erfahrung machen. Glauben Sie mir, Sie werden vieles anders sehen. Ich bin ohnehin in einem Alter, in dem die Frauen ihren Reiz verlieren – Sie aber haben noch eine Chance.«

Carla di Montesardo zwang sich zur Ruhe. »Ich werde mir Ihre Unverschämtheiten nicht länger anhören. Damit ist diese Mission gescheitert, aber das war wohl nicht anders zu erwarten. Es ist schade, dass Sie nicht begreifen können oder wollen, aber Sie sind eben nur ein Mann.«

»Damit beleidigen Sie mich nicht. Der Zorn steht Ihnen gut. Ich glaube, Sie gehören zu einer neuen Generation. Es besteht Hoffnung, aber Sie müssen Geduld haben. Verzeihen Sie, wenn ich zu sarkastisch war, immerhin kann man die letzten Jahre nicht einfach abschütteln, selbst ich bin geprägt von zahlreichen Vorurteilen.«

Er unterbrach sich und lauschte in sich hinein. Die Schmerzen hatten zugenommen, ein eiserner Reifen, der sich um seine Brust legte. Das unterhaltsame Gespräch hatte ihn abgelenkt, doch jetzt meldete sich sein unerwünschter Begleiter wieder und erinnerte ihn daran, dass der Mensch sterblich ist. Er musste gründlich erwägen, wie er seinen Abtritt gestalten sollte. Mithelfen, die Welt endgültig in den Abgrund zu stoßen? Oder den Versuch zum Wandel machen? Wandel durch Annäherung, das gab’s doch schon mal!

»Setzen Sie sich!«, sagte er scharf.

Sie gehorchte verblüfft. »Es gibt nichts mehr zu sagen.«

»Schweigen Sie! Ich muss nachdenken.« Der Gedanke an den Tod überfiel ihn mit elementarer Wucht. Wie lange noch? Ein Jahr? Oder nur Monate, Wochen oder gar Tage? Wie viel Zeit blieb noch, Pläne in die Tat umzusetzen? Halbe Sachen lagen ihm nicht. Alles musste beendet sein, wenn er die Augen für immer schloss. Schreckliche Vorstellung, dazuliegen und langsam zu erkalten. Starb alles mit ihm? Wo blieben die Gedanken, das Bewusstsein, die angeblich unsterbliche Seele? Keiner war je aus dem Reich der Toten zurückgekehrt. Es existierte nicht. Was die verschiedenen Religionen darüber predigten, war dummes Geschwätz. Der Tod war endgültig.

Erinnerung blieb natürlich. Grabsteine, Denkmäler, Bücher, Fernsehaufzeichnungen, Bilder, Taten. War dies die wahre Unsterblichkeit? Vermutlich nicht sehr originell, dieser Gedanke, aber doch faszinierend. Er dachte an das Gespräch mit Robert Kinsley, an die Befürchtungen Alexej Jakowlews. Ja, es war einen Versuch wert. Dies war die Möglichkeit, vor seinem Abtritt ein Denkmal besonderer Art zu errichten. Der Retter der Menschheit? – Vielleicht.

Wagner hob den Kopf. »Ich nehme Ihr Angebot an. Sie sprachen von Bezahlung. Wie hoch ist die Summe?«

»Was hat diese Wandlung so plötzlich bewirkt?«, fragte sie spöttisch. »Ist es das Geld?«

»Davon habe ich genügend. Es entspricht nur meinem Prinzip, für eine Leistung bezahlt zu werden. Zerbrechen Sie sich nicht den hübschen Kopf; Sie werden mich nicht verstehen. Was ist der nächste Schritt?«

»Sie erhalten von uns über die bekannten Kanäle bestimmte Informationen zur Weitergabe an die entscheidenden Männer. Wir wollen Gespräche führen, um einen ersten Schritt der Entspannung einzuleiten. In unserer Regierung wird es in den nächsten Tagen Umbesetzungen geben. Danach nehmen wir erneut Kontakt auf.«

»Einverstanden. Dann werde ich Ihnen auch die Summe nennen, die meine Dienstleistung kostet.«

»Natürlich.« Der Abschiedsgruß bestand aus einem kurzen Kopfnicken, dann verschwand Carla di Montesardi mit ihrer schweigsamen Begleiterin.

 

*

 

»Was hältst du davon?«, fragte Wagner, als Kinsley aus seinem zeitweiligen Versteck hervortrat.

»Ich bin froh, dass du das Angebot angenommen hast. Dies ist vielleicht die erste Chance einer Annäherung der verfeindeten Systeme. Ich kann nur hoffen, dass uns nicht ein Kriegsausbruch dazwischenkommt. Das Dringendste, was wir brauchen, ist Zeit.«

»Wir werden von Alexej erfahren, wie viel Zeit uns voraussichtlich noch bleibt. Ich hoffe sehr, dass uns die Informationen aus Rom entscheidende Argumente liefern werden. Die römische Regierung steht mit vielen anderen Frauenstaaten in engem Kontakt. Womöglich setzen wir weltweit eine gewisse Entwicklung in Gang – vorausgesetzt, der große Knall kommt nicht eher.«

»Das ist auch meine Sorge«, sagte Kinsley düster. »Wir müssen schnell handeln, auch zu den amerikanischen Ländern muss eine Verbindung hergestellt werden, damit wenigstens die mächtigsten Staaten der Erde still halten.«

»Wir werden sehen, aber im Moment können wir nichts weiter tun. Genug davon! Erzähl mir, wie es dir in der letzten Zeit ergangen ist!«

Kinsley setzte sich. »Als ich mich entschloss, dich anzurufen, befand ich mich in einer ziemlich beschissenen Situation. Glücklicherweise funktionieren wenigstens die Atlantikkabel noch. Es wird in Kürze zu einem ernsten Zwischenfall an der inneramerikanischen Grenze kommen. Ich muss sofort nach dem Gespräch mit Alexej zurück, um die Vereinigten Staaten vor einem Angriff der Union zu warnen. Aber auch hier drängt die Zeit.«

»Du kannst in fünf Tagen zurückfliegen.« Wagner dachte einen Augenblick lang nach. »In dieser Zeit kann ich kein Einreisevisum in die Vereinigten Staaten beschaffen – du müsstest über Kanada fliegen und von dort illegal in die Union einreisen. Dort musst du dich irgendwie zur südlichen Grenze durchschlagen.«

»Ich tue seit Jahren nichts anderes«, sagte Kinsley ruhig.

 

*

 

Der heimliche Zuhörer drückte auf einen Knopf, mit dem er das Tonbandgerät ausschaltete. Nachdenklich betrachtete der Mann die volle Spule. Es war richtig gewesen, Paul Wagner abzuhören. Leute mit solchen Verbindungen waren immer gewissen Anfechtungen ausgesetzt, und jetzt war es offenbar so weit. Man würde sich sehr genau überlegen müssen, was zu tun war.

Der Mann in seiner Lauschzentrale, die mehr als einen Kilometer von Paul Wagners Anwesen entfernt war, griff zum Telefon und wählte eine Nummer. »Die Beschattung unseres Objektes erfolgt ab sofort rund um die Uhr. Ich will wissen, wohin er geht, mit wem er redet, was er denkt. Ich erwarte täglich einen vollständigen Bericht. Die Kosten spielen keine Rolle. Ach ja, und dann möchte ich mit seinem Arzt sprechen. Heute noch.«

Der Mann legte auf und berührte mit den Fingerspitzen die bespielte Spule. Hartnäckigkeit war schon immer eine Tugend der Geheimdienste, und wie man sah, zahlte sie sich aus.

 

*

 

»Er ist ein Risiko«, sprach der Mann in dem schlecht sitzenden Anzug aus grobem Wollstoff. Sein Zeigefinger pochte dabei auf den Tisch, und sein Gesichtsausdruck wurde noch verbissener.

Der Vorsitzende seufzte und starrte auf das Blatt vor sich. Nur seine Unterschrift fehlte noch. »Genosse Jakowlew war immer ein loyaler Offizier. Ich kenne seine Berichte. Sie waren genau und umfassend. Er hat viel für diesen Staat geleistet.«

»Das ist Vergangenheit, Genosse Vorsitzender. Wir leben nicht von der Nostalgie. Sie selbst haben entschieden, den Kampf aufzunehmen und die Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen. Wir können uns keine Schwachstellen leisten. Jakowlew ist eine.«

»Weshalb sind Sie so sicher?«

»Ich habe mit ihm gesprochen. Er hat gefährliche Illusionen. Ich halte ihn für einen Träumer, der sich mehr und mehr von den Realitäten entfernt. Es gibt andere, die der gleichen Meinung sind. Ich habe die Diskussion im Oberkommando miterlebt – es gibt Fehler in der Planung, die aber beseitigt werden können. Jedenfalls glauben alle an den Erfolg, und das ist das Wichtigste. Jakowlew jedoch glaubt an unsere Niederlage. Wie können wir unsere tapferen Soldaten in den Kampf schicken, wenn höchste Offiziere schon vor der Schlacht an den Misserfolg denken?«

»Sie haben wahrscheinlich recht, aber die Entscheidung fällt mir nicht leicht. Gibt es eine andere Möglichkeit?«

»Ich fürchte, nein. Wenn wir Jakowlew von seinem Posten ablösen, wird er zu unserem Gegner. Ich habe ihn genau studiert, kenne seine Laufbahn. Er hat nie aufgegeben. Die Frauen haben ihn nicht bezwingen können und Sibirien auch nicht. Wenn er einen Entschluss gefasst hat, setzt er ihn auch durch – ohne Rücksicht auf persönliche Konsequenzen.«

»Warum können wir diesen mutigen Mann nicht zu unserer Ansicht bekehren? Das wäre doch besser als ihn … ah … als ihn zu eliminieren.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Er steht nicht mehr auf unserer Seite. Vergessen Sie nicht, dass er unseren Geheimdienst leitet, eine der wichtigsten Organisationen des Staates. Er könnte uns eine Menge Schwierigkeiten bereiten, wenn wir nicht einen anderen an seinen Platz setzen. Die Genossen von der Partei, mit denen ich gesprochen habe, sind mit mir einer Meinung: Wir haben keine andere Wahl!«

Ein Schatten flog über das Gesicht des Vorsitzenden. »Ich bin die Partei, und ich treffe die Entscheidungen! Vergessen Sie das nicht!«

»Deshalb bin ich hier«, sagte der andere elegant. »Unterschreiben Sie den Befehl! Alles andere erledige ich.«

Der Vorsitzende nahm einen Schreiber aus seiner Brusttasche, ließ ihn aber noch über dem Blatt schweben. »Es muss wie ein Unfall aussehen. Und anschließend sorgen Sie für ein Staatsbegräbnis mit allen Ehren.« Er unterschrieb. »Es sollte überlegt werden, ob man ihm posthum den höchsten Orden des Landes verleiht. Die Urkunde würde ich viel lieber unterschreiben als diesen Befehl hier.«

»Ich habe auch schon daran gedacht, Genosse Vorsitzender. Das Vaterland wird sich seinem treuen Sohn für jahrelange Verdienste dankbar zeigen. Er wird den Jungen ein Vorbild sein.«

»Ja.« Der Vorsitzende nickte. »Das klingt gut. Und nun tun Sie Ihre Pflicht!« Er schob den Befehl über den Tisch. »Bitte, erledigen Sie den Fall schmerzlos. Ich möchte nicht, dass Genosse Jakowlew leidet. Ich habe ihn immer sehr gemocht.«

»Natürlich, Genosse Vorsitzender. Sie können sich darauf verlassen, dass Ihre Anweisungen peinlich genau erfüllt werden.«

»Wo und wann wird es passieren?«

»Der Genosse Jakowlew ist zurzeit in Odessa zu Gesprächen mit der ukrainischen Regierung. Wir erwarten ihn in Kürze zurück. Im Übrigen halte ich es für besser, wenn Sie die Einzelheiten nicht kennen.«

»Sie haben recht«, sagte der Vorsitzende und entließ den Funktionär mit einer Handbewegung, der sich untertänig verabschiedete, den Befehl an sich gepresst wie einen wertvollen Gegenstand.

 

*

 

Die Begrüßung war herzlich. Alexej Jakowlew kam mit ausgebreiteten Armen auf die beiden Männer zu. »Gab es Schwierigkeiten?«

Paul Wagner schüttelte den Kopf. »Man kennt mich hier.« Er deutete auf Robert Kinsley. »Ihr kennt euch auch.«

Sie umarmten sich.

»Setzen wir uns!«, sagte Jakowlew. »Ich habe nicht viel Zeit. Der Fahrer wartet draußen, um mich zum Flughafen zu bringen.«

Das Restaurant am Hafen war nicht sonderlich gemütlich, aber es war die einzige Möglichkeit für eine kurze Begegnung gewesen.

»Wie ist die Lage?«, erkundigte sich Wagner, nachdem sie Tee bestellt hatten.

Jakowlew wurde sofort ernst. »Es ist, wie ich befürchtet hatte.« Er senkte die Stimme. »Wenn wir angreifen – und dieser Beschluss steht fest , wird die Ukraine nicht zur Wolga vorstoßen, um sich mit unseren Streitkräften zu vereinigen und die südlichen Gebiete des Feindes abzuschneiden, sondern sie wollen nach Westen vorstoßen und sich die rumänischen Ölfelder sichern. Sie glauben, sie kommen damit durch, wenn sich Moskau und Zentralasien auseinandersetzen und beide geschwächt werden.«

»Das bedeutet den großen Krieg«, sagte Wagner leise. »Die Frauen in Osteuropa und auf dem Balkan werden diesen Überfall nicht tatenlos hinnehmen. Man kann sich leicht ausrechnen, wer die nächsten Staaten sind, die in den Konflikt eingreifen.«

Kinsley nickte bestätigend. »Damit wird das äußerst labile Gleichgewicht zwischen den verfeindeten Staaten so empfindlich gestört, dass es zu weitreichenden Konsequenzen kommen muss. Einen lokalen Konflikt zwischen Moskau und Zentralasien würde die Welt vielleicht noch hinnehmen, zumal viel Schadenfreude dabei ist, wenn sich die kommunistischen Brüder und Schwestern in den Haaren liegen. Aber der Überfall der Ukraine wird das Fass zum Überlaufen bringen.«

»Das ist noch nicht alles«, sagte Jakowlew. »Ich fürchte, dass man diesmal die Raketen einsetzen wird.«

»Welche Seite?«, fragte Wagner scharf.

»Spielt das eine Rolle?«, warf Kinsley müde ein.

»Nein, im Grunde nicht.« Jakowlew verzog den Mund. »Was ich hier tue, grenzt an Hochverrat, aber ich könnte mir selbst nicht mehr ins Gesicht sehen, wenn ich nicht alles versuchte, was geeignet ist, diesen Wahnsinn zu verhindern. Vielleicht gibt die Entscheidung der Ukraine meiner Regierung zu denken aber es wird wohl zu spät sein.« Er wandte sich an Wagner. »Du hast viele Verbindungen – in der ganzen Welt. Könntest du nicht ein paar wichtige Leute von beiden Seiten zusammenbringen, um in letzter Sekunde mit diplomatischen Mitteln zumindest einen Aufschub zu erzielen. Es wäre die Möglichkeit, endlich zu direkten Gesprächen zu kommen. Es muss doch möglich sein, in dieser Situation Männer und Frauen an einen Tisch zu bekommen, auch wenn es vielen Leuten unvorstellbar erscheint.«

Wagner lächelte. »Du bist nicht der Einzige, der so denkt. Leider ist die Zeit unser größter Gegner. Ich erwarte Nachrichten aus Rom, die eventuell eine Veränderung bewirken könnten; du musst versuchen, den geplanten Angriff hinauszuschieben.«

»Dazu reicht mein Einfluss nicht aus«, sagte Jakowlew. Er sah auf seine Uhr. »Ich muss gehen. Lebt wohl, Freunde, und tut euer Bestes, damit wir uns eines Tages wiedersehen können!«

Wagner blickte Kinsley lange an. »Die Welt steckt in der Scheiße«, sagte er dann.

 

*

 

Auf dem Militärflughafen herrschte Hochbetrieb. Arbeiter entfernten die Tarnnetze von den langen Reihen der Abfangjäger und Langstreckenbomber. Es war Alarmstufe 1 angeordnet. Man musste mit einem Überraschungsangriff des Gegners rechnen, hieß es. Aber die Luftwaffe der Zentralasiatischen Sowjetrepublik würde jeden Feind zerschmettern, der es wagte, den Luftraum zu verletzen.

Die höheren Offiziere wussten natürlich genau, dass die Alarmbereitschaft für den Fall eines eigenen Angriffs bestand. In diesen Tagen mussten die Männer und ihre tödlichen Waffen ständig in Kampfbereitschaft sein. Denn im Ernstfall kam es auf jede Sekunde an. Beim heutigen Stand der Waffentechnik würde der erste Feuerschlag über Sieg oder Niederlage entscheiden. Je schneller die Flugzeuge in der Luft waren, desto höher lagen die Erfolgschancen. Die Spionagesatelliten der Gegenseite durften den Angriff erst dann melden, wenn es zu spät war. Der Kampfauftrag der Luftwaffe lautete, die Stellungen des Gegners an der Grenze und im Hinterland zu zerschlagen und anschließend den Vormarsch der schnellen, gepanzerten Verbände zu decken. Dabei wurde angenommen, dass der Gegner keine Atomwaffen einsetzte und sich auf eine konventionelle Verteidigung beschränkte.

Generalmajor Jakowlew studierte die Karte, die er über die Motorhaube eines Geländewagens gebreitet hatte. Die letzten Nachrichten besagten, dass der Gegner keine Vorbereitungen für den Verteidigungsfall traf. Die Flugplätze waren ruhig, die schweren Waffen befanden sich in ihren Arsenalen. Der Luftangriff würde den größten Teil des feindlichen Materials binnen weniger Stunden vernichten.

Er blinzelte in den türkisblauen Himmel. Ein einsamer Vogel zog hoch oben seine Kreise. Jakowlew wusste, dass dieser Himmel bald vom Dröhnen der Düsenmotoren erfüllt sein würde, von den Bahnen tödlicher Geschosse und dem Donnern der Explosionen. Einige Tage vielleicht noch – oder morgen schon. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Truppen befanden sich in den Ausgangsstellungen, die Fahrzeuge so gut getarnt, dass sie von Satelliten nicht zu entdecken waren.

Der jetzige Plan war taktisch besser, aber auch er berücksichtigte den entscheidenden Punkt nicht: den Einsatz von Atomwaffen. Man rechnete mit einem konventionellen Krieg, der in nur ganz wenigen Tagen riesige Geländegewinne einbringen würde.

Jakowlew stöhnte unwillkürlich. Was nützten die Steppen, die man eroberte? Das Potential Moskaus lag im Westen. Es würde kein Spaziergang werden, sondern ein langer, erbitterter Krieg – und eine Seite würde schließlich auf die Knöpfe drücken, die das Inferno entfesselten.

Alle seine Einwände waren vergeblich gewesen. Manche hielten ihn bereits für einen Feigling, für einen Defätisten. Er würde gern im Unrecht sein, aber eine Stimme sagte ihm, dass seine Warnungen richtig waren. Dieser Krieg musste in einer Niederlage enden. Vielleicht war er sogar der Beginn der letzten, großen Katastrophe, die die ganze Welt in den Strudel des Wahnsinns ziehen würde. Warum musste es so sein?

Ein Mann in einer Pilotenkombination salutierte vor ihm. »Der Aufklärer steht bereit, Genosse Generalmajor.«

»Danke.« Jakowlew faltete die Karte zusammen. »Gehen wir!«

Sie marschierten über das hitzeflimmernde Rollfeld zu einer kleinen, zweisitzigen Düsenmaschine, die unbewaffnet war. Durch die Gewichtsersparnis besaß sie eine größere Reichweite. Er blickte auf die Männer, die eifrig dabei waren, die Flugzeuge startklar zu machen. Überall parkten Tankwagen, auf flachen Fahrzeugen wurde Munition transportiert. Die schlanken Körper von Raketen wurden unter den Rümpfen und Tragflächen eingeklinkt. Piloten standen diskutierend in Gruppen zusammen.

Jakowlew schlüpfte in eine Kombination, die ein Mechaniker bereithielt, und stülpte den Helm über den Kopf. Anschließend kletterte er über die Tragfläche in den hinteren Sitz der Maschine. Der Pilot vor ihm ging bereits die Kontrollen durch. Jakowlew befestigte den Helm an der Kombination, stöpselte den Stecker der internen Kommunikation in die dafür vorgesehene Buchse, und zog die Schultergurte fest.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich der Pilot.

»Ja.« Jakowlew rutschte ein wenig auf dem Sitz, bis er einigermaßen bequem auf dem Fallschirm saß. Dann wurde die Kanzel über ihm geschlossen und rastete in den Halterungen ein. Er betrachtete die Instrumente vor sich. Der Aufklärer wurde auch als Schulflugzeug benutzt, sodass es alles in doppelter Ausfertigung gab. Er verstand nichts vom Fliegen, und das geheimnisvolle Spiel der zahlreichen Kontrollen faszinierte ihn immer wieder.

»Wir haben Startfreigabe«, gab der Pilot bekannt.

Das Triebwerk röhrte so unvermutet los, dass Jakowlew zusammenzuckte. Die Zelle schüttelte und bebte wie ein bockiges Pferd, gleich darauf rollten sie langsam zur Startbahn. Nur wenige neugierige Blicke folgten der Maschine – bis auf einen Mann im Kontrollturm, der sogar ein Fernglas zur Hilfe nahm, um das Objekt seines Interesses besser im Auge zu haben.

Am Beginn der Startbahn heulte das Triebwerk auf, dann donnerte die Maschine über die Piste. Jakowlew spürte, wie die Rückenlehne unter dem Andruck leicht nachgab. Die Spitze der Maschine hob sich nach oben, ein letztes Rütteln, und sie hatten sich vom Boden gelöst. Der Pilot zog seinen Vogel steil in die Höhe und ging dann in eine weite Kurve.

Der Flugplatz sah aus wie Kinderspielzeug. Nach allen Seiten erstreckte sich eine eintönige, ockerfarbene Landschaft, unterbrochen von schmalen grünen Streifen und einigen wenigen bewässerten Anbaugebieten. Der Dunst verschwand mit der Höhe, und die Farbe des Himmels veränderte sich zu einem tiefen Blau.

»Ein schöner Tag«, bemerkte der Pilot. »Ich gehe jetzt auf Kurs. Wir werden in dieser Höhe bleiben.«

Jakowlew entfaltete seine Karte, was bei den beengten Raumverhältnissen nicht ganz einfach war. Der Inspektionsflug sollte bis an die Grenze der Zentralasiatischen Sowjetrepublik heranführen – das bedeutete zunächst fast eine Stunde Flugzeit. Mit seinen Zusatztanks war der Aufklärer auch für längere Flüge bestens gerüstet.

Die endlose Ebene der Kasachensteppe reichte von Horizont zu Horizont. In seinen Kopfhörern verfolgte Jakowlew die Gespräche zwischen Piloten und Bodenleitstellen. Es gab nichts Außergewöhnliches. Der Luftraum in dieser Höhe war frei. Wie lange noch, dachte Jakowlew bitter. Er persönlich erwartete den Angriffsbefehl in den nächsten Tagen. Die Kriegsmaschinerie war bereit zum Einsatz, und für manche musste es zu verlockend sein, endlich auf die Knöpfe zu drücken.

Er fühlte sich leicht, als er zwölftausend Meter über dem Erdboden seinen Gedanken nachhing. Die Erde mit all ihren Unzulänglichkeiten schien Lichtjahre entfernt. Was bedeuteten hier oben schon die Myriaden von Lebewesen, die sich dort unten ihren Platz streitig machten! Jakowlew legte den Kopf in den Nacken, soweit es der Helm zuließ. Er ahnte die Schwärze des unendlichen Weltraums, in dem die Erde nur ein Staubkorn war.

Die Schreckensjahre in Sibirien fielen ihm wieder ein, der tägliche Kampf ums Überleben, um einen Kanten Brot, einen Becher heißen Tee. Wer ahnte schon, was es hieß, die Hölle überlebt zu haben …

Nein, kein Selbstmitleid! Er wischte die Gedanken fort wie ein lästiges Insekt. Er musste dankbar gegenüber dem Leben sein, denn es war eigentlich schon sein zweites. Oder vielleicht das dritte? Wie auch immer, das Bewusstwerden des Alters ließ sich nicht länger zurückdrängen. Vielleicht sah er die Dinge tatsächlich zu schwarz. War er müde geworden? Andere, jüngere drängten nach. Auch sie hatten ein Recht, gehört zu werden.

Jakowlew lächelte. Bisher hatte er von den Jungen nicht allzu viel gehalten. Ihnen fehlte die Erfahrung, die Reife der Jahre. Natürlich hatte er früher auch die Arrivierten, nach oben gekommenen, verachtet. Ein Vorrecht der Jugend, aber kein Freibrief für Dummheit.

»Wir gehen jetzt tiefer«, meldete sich der Pilot.

Jakowlew brummte zustimmend. Er hatte an den fliegerischen Leistungen des jungen Mannes nichts auszusetzen, und der Pilot musste schließlich selbst am besten wissen, wann er seine Flughöhe verlassen musste.

Es knackte in den Kopfhörern, und eine weitere Stimme meldete sich, die von weither zu kommen schien.

»Wir sind am Rande des Sperrgebietes«, sagte der Pilot.

»Identifizieren Sie uns. Wir wollen doch nicht, dass sie eine Boden-Luft-Rakete hinter uns her jagen.«

Der Pilot unterhielt sich mit seinem unbekannten Partner in einem unverständlichem Kauderwelsch, bis er von vorn grüßend den Daumen hob. Eine Identifikation war in diesen Tagen eine unsichere Sache. Alle Überwachungsstellen waren gereizt und nervös. Ein falsches Wort, ein schnell aufsteigender Verdacht in der Bodenkontrolle, eine zu hastige und unüberlegte Reaktion – und es gab ein Flugzeug weniger. Geschehen war es schon. Nicht nur hier, sondern überall auf der Welt waren die Grenzen von teurem Schrott eigener Geräte gesäumt – kein Wunder in einer Zeit, die das Misstrauen zum Prinzip erhoben hatte. Erst schießen, dann fragen! Der alte, blöde Witz war zur allseits anerkannten, traurigen Realität geworden.

Die Landschaft hatte sich nur unwesentlich geändert. Schräg unter ihnen befand sich eine kleinere Oase, umgeben von einem Grüngürtel und künstlichen Kanälen, die die Steppe zurückdrängen sollten. Außerdem befand sich dort der Bereitstellungsraum einer Reservebrigade, die der ersten Angriffswelle folgen sollte. Weiter zur Grenze hin lagen Artilleriestellungen, gut getarnt, die vor den Panzerverbänden eine Feuerwalze auslösen sollten. Die Strategen rechneten damit, dass mit diesem Trommelfeuer und den gleichzeitigen Luftangriffen rund zwei Drittel der gegnerischen Streitkräfte außer Gefecht gesetzt wurden.

Jakowlew nahm einen Feldstecher aus einer Halterung und presste ihn vor die Augen, wobei die Atemmaske ihn ganz erheblich störte. Andererseits tat es ihm gut, selbst wieder einmal einen Aufklärungsflug zu fliegen.

»Ich müsste jetzt abdrehen«, meinte der Pilot mit leicht bekümmerter Stimme, »sonst sind wir in wenigen Minuten auf der anderen Seite.«

»Halten Sie Kurs!«, befahl Jakowlew scharf. »Man wird uns schon nicht gleich abschießen. Wenn wir angerufen werden, identifizieren Sie sich und drehen sofort ab!«

»Wie Sie befehlen, Genosse Generalmajor.«

Die Grenze war kein Strich in der Landschaft, kein Fluss, kein Bergkamm. Sie war willkürlich von Menschen gezogen, und die Landschaft war auf beiden Seiten absolut gleich. Nur die Instrumente würden verraten, wann man sie überschritt.

»Wir sind drüben«, meldete sich der Pilot. »Damit haben wir sozusagen ihren Luftraum verletzt. Es wird eine Beschwerde beim zuständigen Grenzkommandeur geben.«

»Ich trage die Verantwortung und brauche keine zusätzlichen Erläuterungen von Ihnen.« Der Pilot schwieg.

Eine endlose Staubfahne erregte Jakowlews Aufmerksamkeit. Er richtete das Glas darauf. Fahrzeugkolonnen! Die Entfernung war viel zu groß, um sagen zu können, um welche Art von Fahrzeugen es sich handelte, aber er hätte seinen rechten Arm darauf verwettet, dass es Militärkolonnen waren.

Und sie bewegten sich nach Norden!

»Die Kameras!«, brüllte Jakowlew. »Lassen Sie die Kameras laufen! Weitwinkel! Ich will alles im Kasten haben, was es hier zu sehen gibt.«

»Zu Befehl.« Ein paar Schalter wurden betätigt, und die automatischen Kameras begannen zu surren.

»Verdammt!«, murmelte Jakowlew. »Sie ziehen ab. Sie räumen die Stellungen. Sie wissen, dass wir kommen.«

»Was meinten Sie, Genosse Generalmajor?«

»Unser Angriff stößt ins Leere. Unsere Truppen werden in eine klassische Falle laufen. Der Gegner zieht sich zurück, sodass der erste Feuerschlag nur die leere Steppe trifft. Unsere taktische Annahme stimmt nicht mehr: wir vernichten nicht zwei Drittel der feindlichen Streitmacht, sondern höchstens ein paar absichtlich zurückgelassene, schrottreife Panzer und Fahrzeuge für ein kleines Feuerwerk. Wenn unsere Verbände dann siegesgewiss vorstoßen, treffen sie nach den ersten anstrengenden Märschen auf einen ausgeruhten, intakten Gegner in unbeschädigten Stellungen. Es wird eine Katastrophe geben.«

»Ich verstehe nicht ganz …«

»Brauchen Sie auch nicht! Drehen Sie ab und fliegen Sie zurück, so schnell Sie können! In wenigen Sekunden werden Abfangjäger hier sein.«

Der Pilot erhöhte den Schub, und die Maschine raste in einer weiten Kurve steil nach oben. Jakowlew blickte nach rechts und links, obwohl er genau wusste, dass der Radarschirm des Piloten bedeutend mehr zeigte, als seine Augen ausmachen konnten. Das war eine Sensation! Hoffentlich waren die Aufnahmen von ausreichender Qualität, damit nicht irgendein Idiot im Hauptquartier die Bilder anzweifelte.

Jetzt musste man seine Warnungen ernst nehmen! Keiner konnte behaupten, dass der Erfolg durch die Überraschung gesichert sei. Der ganze Feldzugsplan war Makulatur. Ein jetzt noch gegebener Angriffsbefehl würde die eigenen Truppen in die sichere Vernichtung schicken. Wie hatten sie auch annehmen können, dass die Vorbereitungen unbemerkt blieben! Im Zeitalter der totalen Kontrolle gab es keine unerwarteten Überraschungen mehr.

»Geschafft!«, jubelte der Pilot. »Wir sind wieder in der Heimat. Und jetzt auf dem schnellsten Wege nach Taschkent.«

Jakowlew lächelte bitter. Heimat, wie das klang! Er fühlte sich wohl in Taschkent, aber diese Stadt war nicht seine Heimat. Es würde der glücklichste Tag seines Lebens werden, wenn die Grenzen fielen und es wieder das riesige Land gäbe, das er wirklich Heimat nennen konnte. Dies war nur eine Provinz, und er fühlte sich wie ein auf Zeit Verbannter.

»Melden Sie rechtzeitig unsere voraussichtliche Ankunft in Taschkent und fordern Sie ein Auswertungsteam an. Die Bilder müssen sofort ausgewertet werden. Senden Sie das Codewort für höchste Geheimhaltungsstufe, dann wird man Bescheid wissen.«

Sie flogen knapp fünf Minuten, als der Pilot sich wieder meldete. »Wir bekommen Besuch. Eine andere Maschine hält Kurs auf uns.«

»Eine der unsrigen?«

»Bestimmt. Wir sind tief in unserem Gebiet. Aber ich frage mich, weshalb dieser Kerl …«

»Was ist?«, drängte Jakowlew.

»Er hat den Kurs erneut korrigiert. Wir werden die Maschine in zwei Minuten sehen. Soll ich Kontakt mit dem Boden aufnehmen?«

»Nein. Vielleicht schickt man uns Geleitschutz.«

Das Dröhnen der Motoren schien überlaut. Jakowlew spürte seinen Puls hämmern. Was hatte das zu bedeuten?

»Da ist sie!«, rief der Pilot.

Jakowlew erkannte den dunklen Punkt, der rasch größer wurde, im gleichen Augenblick. Die andere Maschine näherte sich in spitzem Winkel. Die Tragflächen glänzten wie flüssiges Silber.

»Rufen Sie ihn an!«, sagte Jakowlew.

Der Pilot sendete sein Rufzeichen auf der normalen Frequenz, aber es kam keine Antwort.

»Es ist eine feindliche Maschine«, sagte Jakowlew klar und ruhig.

»Hier?«, fragte der Pilot entsetzt. »Das ist unmöglich. Sie müssen sich irren. Unsere Luftverteidigung ist lückenlos.«

»Ich erkenne die Hoheitszeichen. Fliegen Sie ein Ausweichmanöver, rasch!«

Jakowlew blickte wie gebannt auf die andere Maschine, die wesentlich schneller war als ihr Aufklärer. Sie befand sich ganz eindeutig in Angriffsposition, aber der feindliche Pilot ließ sich Zeit. Er musste wissen, dass ihm von dem unbewaffneten Gegner keine Gefahr drohte und dass der Luftraum, in dem er sich bewegte, nicht sonderlich gefährlich war. Jakowlew erkannte die unter den Tragflächen aufgehängten Raketen. Luft-Luft Geschosse. Warum feuerte sie nicht? Wollte sie noch dichter heran?

Jakowlew klammerte sich fest, als der Pilot die Maschine nach unten drückte. Vergeblich – der Verfolger blieb auf gleicher Distanz, holte sogar auf.

»Wir schaffen’s nicht!«, schrie der Pilot. »Wir können abspringen!«

»Die Aufnahmen«, ächzte Jakowlew. »Wir müssen die Bilder retten. Werfen Sie die Kassetten ab!«

»Das geht nicht, dann zerstören sie sich selbst.«

»Dann fliegen Sie um Ihr Leben!«

Er starrte zu der anderen Maschine, die gerade über einen Flügel abkippte, als ob sie sich von ihnen lösen wollte. Aber das war ein Irrtum. Die feindliche Pilotin musste das bevorstehende Ausweichmanöver geahnt haben; denn Sekunden später befand sie sich in idealer Schussposition. Aber immer noch schwiegen die Waffen. Die feindliche Maschine raste, fast auf einem Flügel stehend, über sie hinweg, als ob der Gegner einen letzten Blick auf sie werfen wollte.

Und in dieser Sekunde erkannte Jakowlew die schreckliche Wahrheit. Der Pilot war ein Mann! Es gab keinen Zweifel, und ebenso wenig gab es einen Zweifel daran, dass er in einer Maschine mit feindlichem Hoheitszeichen saß und offenbar völlig unbehindert über dem Staatsgebiet der Zentralasiatischen Sowjetrepublik herumkurven konnte. Jakowlew war der Verlierer in einem abgekarteten Spiel, und er bekam keine Chance für neue Karten.

Er lachte, und der Pilot verriss vor Schreck die Maschine. Ironie des Schicksals. Er war vermutlich der Einzige, der in dieser Stunde die Pläne des Gegners kannte, die den Überraschungsangriff in ein Desaster verwandeln würden. Der Wahnsinn war in der Lage, sich selbst zu übertreffen. Hier hatte der Teufel die Karten ausgeteilt. Die Geschichte wurde zum Irrwitz.

In Jakowlews Augen standen Tränen, als sein Pilot das letzte, verzweifelte Ausweichmanöver flog. Nicht, weil er sich vor dem Tod fürchtete, sondern weil ihn die Dummheit am Ende besiegt hatte, die unsägliche, menschliche Dummheit.

Er trauerte um den jungen Piloten, der nie erfahren würde, dass man sein Leben kurzerhand geopfert hatte, um eines kleinen Vorteils willen. Man hätte Jakowlew leicht irgendwo ausschalten können, aber nein, sie machten noch ein Spektakel daraus. Opferten eine Maschine, einen Piloten, klebten falsche Hoheitszeichen an eine andere Maschine, um anschließend sagen zu können: Der Feind hat mitten im Frieden einen unserer besten Männer abgeschossen. Sein Tod würde womöglich als Kriegsgrund herhalten müssen. Welch eine Ironie! Und sie würden die Bilder nie sehen, sondern stattdessen in ihr Verderben rennen.

Der andere Jäger hing schräg über ihnen, senkte eine Nase, kam näher. Jakowlew wusste, dass es gleich so weit sein würde. Vielleicht hatten sie noch in die Nähe irgendwelcher Kameras am Boden kommen müssen, die den ungleichen Luftkampf aufzeichnen sollten, damit Beweismaterial existierte.

Er sah, wie sich zwei Raketen aus den Halterungen lösten. Zwei schwache Rauchfahnen, und die andere Maschine drehte steil nach oben ab.

Ein heftiger Schlag, das ohrenbetäubende Fauchen der Luft, als das Kabinendach plötzlich verschwunden war, ein letzter Gedanke. Nichts mehr.

Die Maschine zerbrach in zahlreiche große und kleine Teile und explodierte in einem Feuerball, der sich zu einer fettigen, schwarzen Rauchwolke auflöste. Die Teile wurden über mehrere Quadratkilometer Steppe verstreut – aber wen interessierte das noch?

 

 

 

Einige Jahrzehnte später – im Flugzeug über dem Atlantik, im September

 

 

Gegenwart.

 

… Bei einem einzelnen Menschen kann man gewöhnlich voraussagen, wie lange seine Krankheit dauern wird, von unheilbaren Erkrankungen einmal abgesehen. Mit Geisteskrankheiten ist es schon schwieriger. Sie sind hartnäckigerer Natur als – sagen wir einmal: Gallensteine. Aber immerhin, auch da bestehen durchaus Chancen, dass der Patient eines Tages wieder gesund wird.

Wie ist das aber mit kollektiver Geisteskrankheit? Was geschieht, wenn Patienten und Ärzte von den gleichen Symptomen befallen werden und es nicht mal merken. Manche scharfsinnigen Denker fragten sich früher schon, ob in Wirklichkeit nicht die Gesunden eigentlich die Kranken sind und umgekehrt. Interessanter Gedanke! Aber wenn nun alle krank sind?

Dann wäre Krankheit wieder der Normalzustand, also Gesundheit. Nein, ich sehe schon, das führt uns nicht weiter. Unter den Blinden mag der Einäugige König sein – aber wer bestimmt, was ein Auge ist?

Trotzdem, ich kann mir nicht helfen, ich glaube, die Menschheit ist tatsächlich wahnsinnig geworden. Alle. Latent muss dieser Zustand immer schon vorhanden gewesen sein, es gab auch viele Anfälle, aber so richtig ausgebrochen ist die Krankheit jetzt erst, das heißt, damals, als alles anfing. Bis heute erkenne ich keine Zeichen der Besserung. Ein todkranker und offenbar unheilbarer Patient, der seinen beklagenswerten Zustand nicht zur Kenntnis nimmt.

Was die Psychologen und Soziologen früher auch immer über den Menschen gesagt haben mögen – es war nur ein Teil der Wahrheit, die Spitze eines Eisbergs. Ich möchte mal wissen, was die ganzen klugen Herrschaften sagen würden, wenn sie in diesem gemeingefährlichen Irrenhaus leben müssten. Früher hat die pharmazeutische Industrie gegen jedes tatsächliche und eingebildete Symptom eine Fülle von Medikamenten entwickelt, aber die gefährlichste Bedrohung der Menschheit nimmt man nicht zur Kenntnis. Das könnte mich zu ziemlich abfälligen Bemerkungen bewegen, wenn es einen Sinn hätte.

Ein gutes Stichwort übrigens. Der Sinn des Ganzen ist auch weg. Nur der Unsinn ist geblieben, und das ist auf Dauer unerträglich.

Ich habe im Laufe meines Lebens manchen kennengelernt, der an diesen Tatsachen schier zerbrochen ist. Theorien wurden hin und her gewälzt, Postulate aufgestellt, Thesen formuliert – aber die Wirklichkeit entzog sich jeder Definition, jeder vernünftigen.

Ich glaube, erst ich habe begriffen, dass wir es mit einem Krankheitsbild zu tun haben. Der Patient selbst weiß natürlich nichts davon. Es wird mit ihm zu Ende gehen, ohne dass er die Gründe jemals erfährt. Zumindest vermute ich, dass die Krankheit unheilbar ist; die Ärzte haben bereits resigniert. Man lässt den armen Kranken seine letzten Stunden in vollen Zügen genießen, und dann – Exitus. Plötzlich und erwartet.

Wenn es doch eine Kapazität gäbe, die einen Heilungsprozess einleiten könnte! Es gab doch immer solche Koryphäen, die irgendwann das Penicillin entdeckten – oder den Blutkreislauf – oder den Spreizfuß. Habt ihr alle den Kranken vergessen? Ist er schon auf dem Korridor abgestellt, dort, wo sie die unheilbaren Fälle hinschaffen? Selbst Fieber wird nicht mehr gemessen, bedenklich, sehr bedenklich.

Wie lange geben sie dir noch?

Wir haben immer die riesigen Saurier bestaunt und belächelt, die unserer Ansicht nach mit dieser Welt nicht fertig geworden sind. Deshalb mussten sie verschwinden, logisch. Dabei waren die meisten von ihnen ziemlich friedlich, standen den ganzen Tag im seichten Wasser, fraßen die Blätter von den Bäumen und ließen sich den Tang durchs Maul treiben. Nicht existenzfähig, wie? Von Anfang an zum Untergang verurteilt?

Liebe Freunde, sie lebten hundert Millionen Jahre lang auf der Erde und beherrschten sie. Hundert Millionen! Erst mal nachmachen!

Ich glaube, unser Patient wird’s nicht so lange schaffen …

 

 

 

NEUNTES KAPITEL

 

 

Vergangenheit.

 

Das Wasser sah schwarz und ölig aus, wie ein zäher Morast. Nur selten bewiesen weiße Schaumspritzer, dass der Fluss sich bewegte. Die bleiche Sichel des Mondes spiegelte sich, verzerrt und vielfach gebrochen, auf der Oberfläche, unwirklich und abweisend. Die Böschung, bewachsen mit niedrigem Gras und verkrüppelten Bäumen, die ihre Blätter zum Wasser reckten, senkte sich steil zum Flussbett hinab. Das Wasser gluckste in kleinen, ausgewaschenen Höhlungen, umspülte Zweige und Äste, zerrte an ihnen, nahm ein morsches Stück Holz mit, das stumm und träge davontrieb.

Robert Kinsley lag bewegungslos im Gras, sein bescheidenes Gepäck mit den wenigen Habseligkeiten neben sich. Er starrte zur anderen Seite hinüber. Auch dort kein Laut, als hielte die Natur den Atem an. Ein sanfter Windhauch brachte einen schwachen Geruch von Fäulnis mit sich. Er schnupperte und verzog angewidert die Nase.

Dies also war die Grenze. Ein schmaler, unbedeutender Fluss, dessen Namen er nicht einmal kannte. Auf der anderen Seite begann das Land der Männer, sein Land, jedoch nicht seine Heimat. Er war früher schon drüben gewesen, wenn er Dinge brauchte, die er im Staat der Frauen um keinen Preis bekommen konnte. Aber es hatte ihn immer wieder zurückgetrieben auf diese Seite, wo er ein Gejagter war, der im Untergrund lebte, ohne Freunde, ohne Unterstützung, nur auf sich allein angewiesen. Was hoffte er damit zu beweisen? Seinen Mut? Seinen Widerstand bis zur letzten Patrone? Er war nicht der tapfere, unerschrockene Krieger, der sich sehenden Auges in Gefahr begab, bis sie ihn verschlang.

Es war die Idee, die ihn vorwärtsriss, das Bewusstsein, doch noch eine Veränderung herbeizuführen, die Selbsttäuschung, daran zu glauben. Die andere Seite war nicht besser, das wusste er sehr genau, aber es ging nicht um eine Frage der Qualität, sondern um ein Prinzip.

Die Rückkehr in die Nordamerikanische Union hatte gut geklappt. Wagner hatte ihm dabei sehr geholfen. In den dünn besiedelten Gebieten hatte er sich relativ leicht nach Süden durchschlagen können. Er kannte sämtliche Güterzugverbindungen fast auswendig. Einige wenige Eisenbahnlinien durchzogen das ganze Land – sein bevorzugtes Transportmittel, solange er sich im Untergrund bewegte. Dennoch hatte er vier Tage gebraucht, bis er in die Nähe der Grenze gelangte. Dort drüben lagen die Vereinigten Staaten, der Männerstaat, den er vor dem bevorstehenden Angriff warnen musste, der eine Katastrophe auslösen konnte, vor allem dann, wenn es in Asien zum Krieg kam.

Das einzige Licht kam aus den schmalen Schlitzen eines Bunkers neben der Brücke, die auf sehr großer Entfernung die alleinige Verbindung zum anderen Ufer herstellte. Merkwürdigerweise hatte man sie nicht abgerissen wie viele andere Brücken; benutzt wurde sie dennoch nicht. Es handelte sich um eine solide Steinkonstruktion mit zwei wuchtigen Bögen, die vermutlich noch aus dem vorigen Jahrhundert stammte. Die Fahrspur war nicht sonderlich breit und reichte gerade für einen Lastwagen. Vermutlich war hier der Übergang für den geplanten Überfall. Kinsley konnte sich keine andere Gelegenheit vorstellen.

Der Kontrollposten der gegenüberliegenden Seite lag außerhalb der direkten Sicht – falls er besetzt war. Die Grenze war hier auf beiden Seiten relativ dünn besiedelt, sodass die Überwachung nicht sehr streng war. Das Betondach des Bunkers wirkte wie der Buckel einer Schildkröte, flach auf der höchsten Stelle der Böschung hingeduckt. Die Läufe der beiden Maschinengewehre waren auf die Brücke gerichtet. Kinsley nagte an seiner Unterlippe und dachte darüber nach, wie es ihm gelingen sollte, hinüberzukommen, ohne von den Maschinengewehren zerfetzt zu werden. Er seufzte leise. Ohne nasse Füße würde es nicht gehen.

Er kroch bis an den Rand der Böschung, sein Gepäck vorsichtig mit sich ziehend. Der Steilhang bröckelte, als er seine Füße über die Uferkante schwang. Er krallte sich mit einer Hand an Grasbüscheln fest, während er mit den Füßen sicheren Halt suchte.

Dort, wo das Wasser den Hang berührte, gab es Steine, flach und abgeschliffen, die nicht immer fest im Schlamm eingebettet lagen und manchmal verräterisch unter seinen Schuhen knirschten. In der Linken trug er das Gepäck, mit der Rechten stützte er sich ab und setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen. Sein Ziel war die Brücke. Denn nur dort konnte er ungesehen über den Fluss, nicht auf ihr, sondern unter ihr. Es war die einzige Stelle, die vom Bunker aus nicht eingesehen werden konnte, und bis dorthin gab der Steilhang ihm Deckung.

Er zerbiss manchen Fluch zwischen den Lippen, wenn er auf den schlüpfrigen Steinen abrutschte oder ein Kiesel plätschernd ins Wasser fiel. Geräusche trugen weit in dieser Nacht, und je mehr er sich dem Bunker näherte, desto gefährlicher wurde es. Schließlich konnte er nicht sehen, ob einer der Posten womöglich auf den Gedanken gekommen war, sich außerhalb der dicken Betonmauer ein wenig die Beine zu vertreten.

Kinsley atmete auf, als seine Finger den kühlen Stein des Brückenbogens berührten. Jetzt musste sich schon jemand über die Brüstung beugen, um ihn zu sehen, und selbst dann würde man ihn wegen des tiefen Schattens, in dem er sich befand, kaum erkennen.

Zwischen den Pfeilern strömte das Wasser schneller, aber ein geübter Schwimmer konnte leicht dagegen ankommen. Kinsley blickte nach oben. Die stählernen Verstrebungen, die einst irgendwelche Leitungen getragen hatten, waren für ihn unerreichbar. Es half nichts: Er musste ins Wasser.

Langsam watete er in die unbekannte Tiefe, eine Hand an den Pfeiler gestützt. Er spürte, wie sich saugend der Schlamm um seine Füße schloss und die plötzliche Kälte ihn frösteln ließ. Schon umspülte das Wasser seine Hüften, an ihm zerrend, als wollte es ihn unbedingt aus dem Gleichgewicht bringen. Er ließ sich hineinsinken und trieb sofort vom Pfeiler weg. Mit einer Hand hielt er sein Gepäck über der Wasseroberfläche, die andere hielt seine Richtung mit krampfhaften Schwimmbewegungen. Die Füße wurden durch das Gewicht der Schuhe nach unten gezogen, aber auf diese Weise verursachten sie kein unbedachtes Plätschern.

Kinsley legte sich halb auf den Rücken und wandte den Kopf. Der Bunker lag auf der von ihm abgewandten Seite der Brücke, auf deren Brüstung nichts zu erkennen war. In der Mitte des Flusses streifte ihn etwas unter der Oberfläche. Er biss die Zähne zusammen, dass sie nicht klapperten, und machte ein paar hastige Schwimmbewegungen. Er hatte keine Ahnung, was es gewesen war, ein großer Fisch, ein treibender Ast …

Das andere Ufer kam näher. Er war ein ganzes Stück abgetrieben, befand sich aber immer noch im Schatten der Brücke, deren Umriss sich bedrohlich gegen das unwirklich blasse Mondlicht abhob. Dann berührten seine Füße den Grund. Er warf sein Gepäck auf den Uferstreifen, der hier wesentlich sanfter in den Hang überging, und kroch auf allen vieren aus dem Wasser. Erschöpft blieb er ein paar Minuten liegen, bis ihn die Kälte an seine nasse Kleidung erinnerte.

Rasch kletterte er die Böschung hinauf und warf sich hinter der Uferkante in Deckung. Mit dem in langen Jahren der Gefahr erworbenen Instinkt ließ er seine Blicke wandern. Nichts. Alles blieb ruhig. Hier und auf der Seite, die er eben verlassen hatte. Seine Flucht war offenbar unbemerkt geblieben. Er hatte es wieder einmal geschafft.

Kinsley streifte die nassen Sachen ab und hängte sie über einige Büsche. Die Nacht war mild, sodass er nicht allzu sehr fror. Mit Gras rieb er sich trocken und suchte aus seinem Beutel frische Sachen heraus. Er musste bis zum Morgen warten, da es zu riskant war, die ihm unbekannte Gegend weiter bei Nacht zu durchstreifen. Er rollte den gestohlenen Armeeschlafsack auf und kroch hinein.

Genau zwei Stunden später wachte er wieder auf. Seine innere Uhr war ebenso zuverlässig wie ein Wecker. Im Osten färbte sich der Himmel rötlich. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Kinsley krabbelte aus seinem Schlafsack und rollte ihn sorgfältig zusammen. Das dünne Material nahm nicht viel Platz weg, schützte aber gegen jede Witterung. Er hätte sich gern im Fluss gewaschen, aber das erschien ihm doch zu riskant angesichts des Bunkers auf der anderen Seite.

Nun, er hatte sich daran gewöhnt, dass er auf bestimmte Segnungen der Zivilisation verzichten musste, und es machte ihm nichts aus. Sein Glück hing nicht am täglichen Bad.

Über der Landschaft lag ein zartrosa und bläulicher Schimmer, durchsetzt von der Schwärze tiefer Schatten, die der Sonne erst allmählich weichen würden. Er bewegte sich auf den Einschnitt des Ufers zu, durch den sich die schmale Straße schlängelte, die von der anderen Seite kam. Der Asphalt war rissig, Gräser sprossen in den Lücken, und zahlreiche Kiesel verrieten, dass dieser Weg lange nicht benutzt worden war. Kurz vor der Brücke sperrten Stacheldrahtverhaue den Weg, an manchen Stellen bereits durchgerostet, kein Hindernis für ein gepanzertes Fahrzeug.

Kinsley marschierte auf der Straße vorwärts, die immer noch feuchten Kleider über dem Arm, und trotz seiner angespannten Aufmerksamkeit sah er den Grenzposten erst, als er unmittelbar davorstand. Es war eine Holzhütte, ein winziges Blockhaus, hervorragend getarnt von Bäumen und Unterholz. Auch hier Schießscharten, allerdings ohne die Läufe von Maschinengewehren.

Von rechts kam eine männliche Stimme. »Bleiben Sie stehen und legen Sie die Hände in den Nacken!«

Kinsley ließ alles fallen, was er in der Hand trug, und gehorchte sofort. Er hatte gelernt, in dieser verrückten Welt solchen Aufforderungen umgehend Folge zu leisten, denn oft wurde erst geschossen und dann gefragt. Die Nervosität führte zu lockeren Zeigefingern, und vermutlich hatte es an den Grenzen schon mehr Unschuldige als Schuldige erwischt. Also blieb er stocksteif stehen und zuckte mit keiner Wimper.

Er hörte das Geräusch von Schritten. »Drehen Sie sich um!« Die Stimme klang weniger aggressiv als beim ersten Anruf.

Kinsley drehte sich langsam um. Vor ihm stand ein junger Soldat, der eine kurzläufige Maschinenpistole auf ihn richtete und ihn überrascht musterte. »Wir haben Sie schon eine Weile beobachtet. Woher kommen Sie?«

Kinsley hob das Kinn. »Von drüben.«

Der Soldat sah ihn unsicher an. »Das ist nicht Ihr Ernst.«

Kinsley nickte. »Doch. Ich bin heute Nacht über den Fluss geschwommen. Sie sehen es an meinen feuchten Kleidern.« Er wies auf das Bündel zu seinen Füßen.

»Ihre Papiere, bitte!«

Kinsley lächelte schwach. »Ich habe keine. Normalerweise lebe ich auf der anderen Seite, und dort gibt es für einen Mann keine Papiere.«

Der Soldat trat einen Schritt zurück und sah sich unruhig um, als sei Kinsley die Vorhut einer heimlichen Armee. »Ich muss Sie verhaften und nach hinten bringen.«

»Natürlich, ich muss unbedingt mit einem Offizier sprechen. Ich habe wichtige Nachrichten von drüben.«

»Gut. Heben Sie Ihre Sachen auf und gehen Sie vorneweg! Machen Sie keine Dummheiten! Mein Kamerad behält Sie im Auge.«

Das war vermutlich gelogen. Der Soldat war sicher allein, aber Kinsley hatte ohnehin nicht die Absicht, etwas gegen ihn zu unternehmen. Er bückte sich, und dabei wurde der Revolver sichtbar.

Der Soldat ließ einen Laut der Überraschung hören und hantierte fahrig mit seiner Maschinenpistole. »Sie tragen eine Waffe! Das ist verboten!«

»Ich brauche sie dort drüben.«

»Fallen lassen! Aber ganz vorsichtig.«

Kinsley fühlte sich an uralte Westernfilme erinnert, als er den Revolver mit zwei Fingern am Kolben fasste und aus dem selbst gebastelten Halfter zog. Dumpf schlug die altmodische Waffe auf den Boden, die Rostflecken am Lauf waren nicht zu übersehen.

Der Soldat bückte sich rasch und hob den Revolver auf. Neugierig betrachtete er ihn von allen Seiten, ehe er ihn hinter seinen Gürtel schob. »Und jetzt vorwärts!«

Kinsley hielt sein Bündel locker in der Hand und bemühte sich, seine Hände stets im Blickfeld des jungen Soldaten zu lassen. Vermutlich hätte er ihn austricksen können, aber das lag nicht in seiner Absicht, jedenfalls nicht, solange man ihn nicht ernsthaft bedrohte.

Sie gingen etwa eine Viertelmeile, als hinter einer Kurve ein flaches Gebäude auftauchte, ein grauer Betonklotz unbestimmbaren Zweckes. Dass er militärisch genutzt wurde, sah man an dem schlanken Sendemast auf dem Dach. Vor dem Haus standen zwei Jeeps und ein Elektro-Dreitonner mit zerkratztem Blech und abgefahrenen Reifen. Dieser Grenzposten sah nicht so aus, als messe man ihm besondere Wichtigkeit zu.

Inzwischen war es warm geworden, und Kinsley spürte, wie Schweiß zwischen seinen Schulterblättern perlte. Sie hatten auf dem Weg hierher kein einziges Wort gesprochen.

Im Eingang erschien ein Offizier in blitzsauberer Uniform. Er hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah den beiden gespannt entgegen.

Der Soldat salutierte. »Ich melde einen Gefangenen, der angibt, den Fluss überquert zu haben. Er war bewaffnet und behauptet, keine Ausweispapiere zu besitzen, da er angeblich auf der anderen Seite lebt.«

Der Offizier machte eine lässige Handbewegung. »Danke. Abtreten! Ich werde Ihre Aufmerksamkeit im Wachbuch hervorheben.« Er wippte auf den Fußballen und musterte Kinsley von oben bis unten. »Es sieht so aus, als müssten wir uns eine Weile unterhalten, Mister Unbekannt. Seit ich hier bin, und das ist fast ein Jahr her, sind Sie der erste Grenzverletzer – falls Sie von der feindlichen Seite kommen«, betonte er.

»Ich muss dringend einen kompetenten Offizier sprechen, denn ich habe eine wichtige Meldung zu machen.«

Der Offizier verzog das Gesicht. »Ich fürchte, Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen. Ich bin hier der einzige Kompetente. Wenn Sie jetzt bitte hereinkommen würden …«

Kinsley trat in einen stickigen Raum mit spartanischer Einrichtung. Ein anderer Soldat durchsuchte ihn gründlich, dann durfte er sich setzen. Immerhin versprach man ihm, seine Sachen trocknen zu lassen. Er war mit dem Offizier allein. »Hören Sie, ich habe drüben zufällig von einem Plan erfahren, dessen Ausführung unbedingt verhindert werden muss. Es muss hier in der Nähe eine Stadt geben, in der demnächst ein Lehrerkongress tagt. Man will diesen Kongress überfallen und die Männer entführen – für die verdammten Zuchtanstalten, als Samenspender.«

Der Offizier polierte mit Hingabe seine Fingernägel mit dem Jackenärmel. »Sie besitzen also keine Papiere?«

»Begreifen Sie denn nicht? Ich lebe dort drüben im Untergrund! Sie können sich wohl vorstellen, dass ich dort nicht als normaler Staatsbürger gelte. Wenn die mich in die Finger kriegen, machen sie mich fertig. Oft genug war es fast so weit.«

»Weshalb leben Sie dort?«

Kinsley hob irritiert die Augenbrauen. »Weshalb? Ich leiste Widerstand. Ich versuche das System zu stören, Sand ins Getriebe zu werfen.«

»Sie gehören hierher, auf diese Seite. Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Mann freiwillig auf der anderen Seite lebt. Das ist so ungewöhnlich, dass ich die Moralbehörde einschalten muss. Wie heißen Sie?«

»Robert Kinsley. Ich habe zufälligerweise die schlimmen Jahre überstanden, und dann fand ich mich drüben wieder. Ich bin dort geblieben, weil ich dort eine Aufgabe hatte.«

Die Augenbrauen des Offiziers zogen sich zusammen. »Eine Aufgabe? Wenn sie kein Mann wären, würde ich Sie für einen Spion halten. Oder sind Sie gar kein Mann?«

Kinsley schluckte. Diese Frage war wohl die dämlichste, die er je gehört hatte. Das Kommando an diesem Grenzabschnitt schien dem Denken nicht gerade förderlich zu sein. »Wir verlieren kostbare Zeit. Während Sie hier ahnungslos herumsitzen, werden drüben starke Kräfte zusammengezogen, um einen Überraschungsangriff zu starten.«

Der Offizier lachte auf. »Hier hat es seit Jahren keinen Zwischenfall gegeben. Die Weiber sitzen in ihrem Bunker und beobachten unser Ufer mit Ferngläsern. Sie haben noch nicht einmal den Fuß auf die Brücke gesetzt. Unser Posten wurde zurückverlegt, um sie nicht zu provozieren. Wir wissen, dass sie empfindlich sind, und ich habe die Aufgabe, darauf zu achten, dass es hier ruhig bleibt.«

»Dann sollten Sie Ihre Aufgabe ernst nehmen und Ihre Vorgesetzten unterrichten. Es wird nämlich bald nicht mehr ruhig sein.«

Der Offizier ging nicht darauf ein. »Wie ist es drüben?«

Genauso beschissen wie hier, dachte Kinsley, aber er schluckte die Worte hinunter. »Es ist ein funktionierender Staat, der ein großes Problem hat: den Nachwuchs. Man braucht den männlichen Samen und den holt man sich von jungen Männern, die entführt werden. Es gibt Samenbanken, die medizinisch-biologischen Zentren des Landes, in denen unvorstellbare Dinge geschehen. Wenn die jungen Männer nicht mehr zu gebrauchen sind, tötet man sie. Ich weiß nicht, ob man das Geschlecht der Kinder vorher bestimmen kann und ob nur Mädchen geboren werden. Nach dem Stand der Forschung ist es zu vermuten, aber ich bin nicht sicher.«

»Bei uns werden nur Jungen geboren.« Der Offizier unterbrach sich erschrocken, als hätte er ein Staatsgeheimnis verraten. »Erzählen Sie mir von dem angeblich geplanten Überfall!«

»Es werden einige Kompanien sein, vermutlich mit schweren Fahrzeugen. Es ist eine groß angelegte Operation, zu der man die sogenannten Jagdkommandos des ganzen Bezirks zusammenzieht. Nach meiner Kenntnis der Grenze bietet nur die Brücke hier eine geeignete Möglichkeit, den Fluss zu überschreiten. Es ist zwar nur eine Vermutung, aber eine begründete. Ich habe durch Zufall ein Gespräch belauscht. Das war vor zwei Wochen, sodass man jederzeit mit einem Angriff rechnen muss.«

Der Offizier schüttelte den Kopf. »Die Satellitenüberwachung würde uns jeden bevorstehenden Angriff melden. Das gilt für beide Seiten, und das sollten Sie eigentlich wissen. Sicher, es gibt hie und da kleine Gefechte oder besser: Schießereien. Aber das sind unbedeutende Zwischenfälle. Nein, Mister Kinsley – falls das Ihr richtiger Name ist –, ich glaube Ihnen nicht. Die Weiber würden es nicht wagen.«

»Sie werden es wagen, und wenn Sie nicht vorbereitet sind, gibt es ein Gemetzel. Die paar Mann, die Sie hier haben, sind doch in Minuten ausgeschaltet. Sie werden nicht einmal Zeit haben, einen Funkspruch zu senden.«

»Sie unterschätzen unsere Möglichkeiten.« Er schnippte ein unsichtbares Stäubchen von der Uniform. »Aber schön, ich kann Ihnen im Augenblick nicht beweisen, dass Sie die Unwahrheit sagen. Jedoch haben wir Möglichkeiten, dies herauszufinden. Ich lasse Sie nach hinten bringen; dort wird man sich weiter um Sie kümmern.«

»Ein vernünftiger Entschluss«, lobte Kinsley.

»Freuen Sie sich nicht zu früh! Die Männer der Moralbehörde sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, die Wahrheit zu erfahren.«

Kinsley zuckte die Achseln. »Ich habe nichts zu verbergen.«

»Zwei meiner Leute fahren heute Nachmittag in die Stadt. Sie werden Sie dort abliefern. So lange muss ich Ihnen eine Zelle anbieten.«

»Wenn sie kühler ist als dieser Raum, bin ich zufrieden.«

Details

Seiten
1372
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932911
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503016
Schlagworte
hier jetzt ewigkeit

Autoren

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Titel: Im Hier und Jetzt der Ewigkeit