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Dr. Florian Winter #20: Ängste der Nacht

2019 160 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ängste der Nacht

Copyright

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Ängste der Nacht

Dr. Florian Winter Band 20

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 160 Taschenbuchseiten.

 

Als Schwester Else, die organisatorisch in der Paul-Ehrlich-Klinik alles im Griff hat, durch eine Herzkrankheit ausfällt, empfiehlt sie als Nachfolgerin eine gute Kraft. Schwester Ellen ist gern bereit, in diese großen Fußstapfen zu treten, doch schon bald kommt es zu Unregelmäßigkeiten. Schwester Ellen ist sich keiner Schuld bewusst. Aber es fehlt Morphium, und damit öffnet sich ein Teufelskreis, der die Krankenschwester in arge Bedrängnis bringt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Mit einem Seufzer sank die erschöpfte alte Schwester auf den Stuhl. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, und sie wischte sich eine Strähne ihres ergrauten Haares beiseite. Ihr Atem ging schwer; sie spürte, wie ihre Hände zitterten. Damit es niemand sehen sollte, faltete sie die Hände wie zum Gebet.

Schwester Ingrid, die in der Tür des Stationszimmers stehengeblieben war, sah es dennoch. Die brünette Fünfundzwanzigjährige schaute auf Schwester Else voller Entsetzen. Die alte Stationsschwester, jetzt ein ganzes Stück über die Sechzig, sah krank aus. Ihr Gesicht war käsig, ihre Augen gerötet, die Lippen bleich und wie ein Strich.

Ohne lange Fragen zu stellen, ging Schwester Ingrid zum Schrank, nahm ein Glas heraus, füllte es mit Wasser und sagte: „Hier, Schwester Else, trinken Sie.“

„Warum denn?“, fragte Schwester Else, und es sollte streng und forsch klingen. Aber ihre Stimme vibrierte, so wie ihre Hände zitterten.

Schwester Ingrid, die Jüngere, ließ sich vom Ton der Älteren nicht bang machen. Ihr kam es so vor, als wollte Schwester Else ihrem Spitznamen gerecht werden, den man ihr schon vor vielen Jahrzehnten gegeben hatte: der Dragoner. Aber jetzt konnte sie Schwester Ingrid nicht damit imponieren. Die war einfach schon zu lange auf dieser Station, um Schwester Else nicht genau zu kennen. Die raue, widerborstige Art der Schwester war nichts als Hülle, eine harte Schale um einen sehr weichen Kern. In der Brust der alten Schwester schlug ein sehr mitfühlendes, verständnisvolles Herz.

Aber um dieses Herz schien es im Augenblick sehr schlecht zu stehen.

„Nehmen Sie doch, kommen Sie – Schwester Else, trinken Sie einen Schluck.“

Schwester Else gehorchte widerstrebend. Aber der Schluck Wasser tat ihr gut.

„Trinken Sie das Glas leer. Ich muss noch einmal ganz schnell auf 311“, erklärte Schwester Ingrid und lief los.

Aber sie lief nicht nach 311, sie lief nach nebenan ins Arztzimmer, und dort saß der Diensttuende. Das war heute Dr. Siegfried Erlen.

Schwester Ingrid war froh, dass es Dr. Erlen war, auf den sie stieß, und nicht etwa Dr. Steiner. Dieser Dr. Erlen war ein ruhiger, bescheiden wirkender Mensch, der auf dem zweiten Bildungsweg Arzt geworden war, und deshalb als Assistent eigentlich schon älter war als die meisten seiner Kollegen. Der Mittdreißiger wirkte immer ein wenig verlegen, auch jetzt, als er überrascht auf Schwester Ingrid schaute, sich in einer Reflexbewegung seine Goldrandbrille hochschob und aus großen Augen auf Schwester Ingrid blickte.

„Herr Doktor, Schwester Else geht es nicht gut. Sie sieht aus, als stünde sie kurz vor einem Herzinfarkt. Könnten Sie sich nicht sofort um sie kümmern? Sie ist im Stationszimmer nebenan.“

Dr. Erlen versäumte keine Sekunde. Wenn es um die Sache ging, da war er da. Er war nicht der strahlend geborene Siegertyp, der allein durch sein Erscheinen Souveränität ausstrahlte. Erlen musste sich alles erkämpfen. So, wie er sich auch das erkämpft hatte, was er jetzt war.

Als er dann vor Schwester Else stand, machte die ein überraschtes Gesicht.

„Was wollen Sie denn, Herr Doktor? Was ist denn?“ Und wieder war dieses Tremolo in ihrer Stimme. Es kostete sie Kraft, so zu tun, als sei mit ihr alles in bester Ordnung. Dabei spürte sie, wie es ihr die Brust zusammenkrampfte. Das hatte sie schon einmal vor zwei Jahren gehabt, auch eine Herzgeschichte. Danach war sie schlanker geworden, musste abnehmen, und es ging wieder gut. Aber in letzter Zeit hatten sich die Pfunde wieder eingestellt.

„Schwester Else!“, sagte Erlen ganz ruhig, und es war diese Ruhe, die Schwester Else überzeugte. Sie wusste ja auch, dass er im Grunde von den Assistenten auf der Station der Beste war. Vielleicht in seiner Ernsthaftigkeit überhaupt der zuverlässigste der jungen Ärzte, die hier ihre Facharztausbildung erhielten.

So ließ sie es geschehen, dass er ihren Puls fühlte, und dass er Schwester Ingrid veranlasste, die Vorhänge an den Glasfenstern des Stationszimmers zuzuziehen, die Tür abzuschließen und Schwester Else bat, sich oben freizumachen. Überraschend war, dass sie gehorchte. Sie spürte ja die Angst, diese furchtbare Angst, die ihr den Atem abschnürte, die sich auf ihr Herz presste.

Schwester Ingrid, die dabeistand, blickte gespannt ins Gesicht des Arztes.

Erlen war kein Kardiologe, er wollte Frauenarzt werden. Aber wie alles, was er anfasste, ging er auch hier äußerst gründlich vor. Er entsann sich dessen, was er in der Grundausbildung gelernt hatte, notierte sich sogar die verschiedenen Befunde, die er gemacht hatte, und sagte schließlich:

„Schwester Else, ich habe einen deutlichen Befund. Sie können nicht mehr weiter Dienst machen heute. Ich möchte, dass Sie sich unbedingt von Herrn Doktor Hartmann untersuchen lassen.“

Schwester Else wusste, wer Dr. Hartmann war, der Kardiologe im Haus. Oft genug kam er auch auf diese Station. Aber sie wollte nicht krank sein, sie wollte nicht „aus dem Verkehr gezogen“ werden, wie sie es nannte. Sie wusste ja, dass man für sie im Augenblick keinen Ersatz hatte. Seit man hier den Dienst in zwei Schichten tat, hatte sie stets den Frühdienst gemacht, Schwester Karin die Spätschicht. Wer, so fragte sie sich, soll den Frühdienst machen? Früh, wenn die Visiten laufen, wenn Patientinnen für die Operationen vorbereitet werden. Früh, das war das große „Geschäft“, wie sie oft scherzend gesagt hatte. Nein, selbst wenn Schwester Karin den Frühdienst machte, wer sollte dann nachmittags die Station leiten?

Diese Gedanken fuhren ihr durch den Kopf, als Dr. Erlen beschwörend auf sie einredete.

Sie wusste, dass er recht hatte, o ja, sie wusste es sehr genau. Und trotzdem wollte ihr Dickschädel nicht mitspielen. Ihr ergrauter Trotzkopf, mit dem sie es schon so oft den anderen gezeigt hatte, wenn die aufgeben wollten, wenn die einfach keinen Mumm mehr hatten, um in einer schlimmen Situation durchzustehen. Wie damals, das fuhr ihr jetzt gerade durch den Kopf, gegen Kriegsende, als sie im Bombenhagel Verwundete in den Keller des Lazaretts geschleppt hatte, weil sie dort sicherer waren. Die anderen waren längst weggelaufen, als oben schon das Dach zusammenstürzte, als das Obergeschoss in Flammen stand. Aber sie, die dickköpfige Schwester Else, damals noch eine sehr junge Frau, hatte nicht aufgehört zu helfen. Sie hatte ihre Angst überwunden und war in die oberen brennenden Etagen gelaufen, um Menschen herauszuholen, die selbst hilflos waren und ohne sie dem Flammentod zum Opfer gefallen wären.

Das war Schwester Else, und das war ihr Trotzkopf. Aber jetzt drohte er, ihr einen Streich zu spielen.

Irgendwie spürte Dr. Erlen, was in Schwester Else vorging.

„Etwas Ruhe“, sagte er, „dann ist es rasch vorbei, und Sie können wieder kommen. Aber Sie müssen jetzt eine Pause einlegen, und vor allen Dingen sollten Sie sich von Doktor Hartmann behandeln lassen.“

„Soll ich ihn holen?“, raunte Schwester Ingrid dem Arzt ins Ohr.

Der nickte. „Ja“, sagte er, „machen Sie das.“

Schwester Ingrid ging zum Telefon, wählte die Nummer des Kardiologen, dann meldete sich dessen Sprechstundenhilfe. Sie sagte, um was es ging, musste einen Augenblick warten, dann meldete sich Dr. Hartmann selbst. Er hatte eine sehr sympathische Stimme. Die Schwestern im Hause schätzten ihn alle. Er war immer rücksichtsvoll und freundlich zu jedermann gleichermaßen, ob der nun ein Chefarzt war oder eine Lernschwester.

Er werde sofort kommen, versicherte Dr. Hartmann. Fünf Minuten später klopfte es am Stationszimmer. Schwester Ingrid fragte: „Wer ist da?“

„Hartmann“, hörte sie und öffnete.

Der große weißhaarige Arzt mit dem sympathischen Gesicht und den leuchtend blauen Augen kam herein, nickte Schwester Ingrid kurz zu und blickte dann sofort auf Schwester Else, die sich Mühe gab, kräftig und forsch zu wirken, sich extra aufrichtete und am liebsten aufgestanden wäre.

Sie hatte sich ihre Bluse wieder übergezogen, aber Dr. Erlen sagte zu seinem Kollegen: „Es wäre vielleicht ganz gut, wenn Sie das noch mal tun, was ich getan habe.“

Hartmann machte erst ein überraschtes Gesicht, aber dann begriff er. Er sollte die Untersuchung noch einmal durchführen, damit ihm Dr. Erlen nicht erklären musste, welchen Befund er festgestellt hatte. Denn all die Ärzte wussten ja, dass eine so erfahrene alte Schwester, wie es bei Schwester Else der Fall war, nicht hinters Licht geführt werden konnte. Sie verstand auch die lateinischen Ausdrücke, dazu war sie einfach zu lange in diesem Beruf.

Als Dr. Hartmann die Stationsschwester untersuchte, war auf der Station offensichtlich der Teufel los. Schwester Ingrid musste nach draußen, und als habe sich alles auf diesen Zeitpunkt konzentriert, ging es drunter und drüber. Schwester Else merkte das natürlich. Dauernd schellte auch das Telefon, und schließlich rief Dr. Erlen bei Renate Angern, der Sprechstundenhilfe Professor Winters, an und bat sie, zwei Schwestern zur Unterstützung zu schicken. Er erklärte auch, dass Schwester Else im Augenblick ausgefallen sei.

Eine Viertelstunde später war die Untersuchung Schwester Elses durch Dr. Hartmann beendet. Er machte ein sehr ernstes Gesicht, als er sie bat, sich wieder anzukleiden und sagte dann: „Für heute ist der Dienst beendet, für morgen und die nächsten Tagen auch. Schwester Else, wir beide müssen uns sehr ernst miteinander unterhalten. Ich glaube, das allerbeste wäre, Sie blieben bei mir auf der Station, wenigstens für zwei Wochen. An die Fortsetzung des Dienstes in dieser Zeit ist überhaupt nicht zu denken.“

„Und was haben Sie festgestellt?“, fragte Schwester Else ein wenig atemlos. Sie spürte wieder diesen Druck auf dem Herzen.

„Sie wissen ja selbst, Schwester, dazu sind Sie einfach zu erfahren, dass die Symptome einer Angina pectoris nicht zu widerlegen sind. Das spüren Sie doch, Sie wissen es auch. Die Angina pectoris ist aber keine Krankheit, das ist ein Symptom. Symptom für die Verkalkung der Herzkranzgefäße und manche anderen Dinge. Ich will es kurz machen. Wenn wir bei Ihnen einen Infarkt vermeiden wollen, müssen wir drei Dinge vornehmen: Einmal müssen wir Sie medikamentös behandeln, um die Durchblutung zu fördern, zweitens müssen Sie abnehmen, und das geschieht am leichtesten unter der Kontrolle einer stationären Behandlung, und zum Dritten brauchen Sie Ruhe, denn es ist der Stress hier auf der Station, der Sie zu sehr herannimmt.“

„Aber wer soll meinen Dienst tun?“

„Jeder Mensch auf der Welt ist zu ersetzen, früher oder später. Bei Ihnen wahrscheinlich später, aber das soll nicht Ihr Problem sein. Sie müssen jetzt ganz allein an sich denken. Wie ich meinen Kollegen Winter kenne, wird der dieses Problem lösen. Ich bin überzeugt, dass es nicht leicht sein wird, aber lösbar ist es ganz sicher, Schwester Else. Am besten ist, Sie kommen direkt mit mir mit.“

Schwester Else spürte, dass er recht hatte, ja mehr, sie wusste es. Und so gab sie ihren Widerstand auf, weil ihr klar wurde, dass sie gar keine Auswahl hatte.

Dr. Hartmann nahm sie gleich mit und brachte sie eine Treppe tiefer in seine Station, die zur inneren Abteilung gehörte.

Professor Winter wurde von ihm dann telefonisch informiert. Eine halbe Stunde später trafen sie sich in Professor Winters Arbeitszimmer.

Der blonde Chefarzt und der weißhaarige Kardiologe begrüßten sich herzlich; sie hatten immer ein gutes Verhältnis zueinander gehabt. Winter war der jüngere, und Hartmann neidete ihm keinesfalls den Erfolg. Jeder war auf seinem Gebiet sehr tüchtig, und sie wussten einander zu schätzen.

„Der Befund“, sagte Hartmann, „ist nicht etwa lebensbedrohlich, aber die Frau hat einen sehr hohen Blutdruck. Die Symptome sind typisch, ein Infarkt ist möglich. Wir müssen vorbeugen. Möglicherweise kann sie gar keinen Dienst mehr tun. Im Übrigen lassen sich heute die Frauen mit sechzig Jahren in den Ruhestand schicken. Sie ist, soviel ich weiß, dreiundsechzig. Sie hätte längst Anspruch auf ihren wohlverdienten Ruhestand.“

„Das würde sie umbringen“, widersprach Winter. „Sie ist der Typ Mensch, bei dem alles geht, wenn er gefordert wird.“

„Aber man fordert zu viel von ihr. Ich weiß doch, was eine Stationsschwester tun muss. Der Stress bringt diese Frau um. Wenn sie also arbeiten muss, dann sollte sie eine ruhigere Aufgabe haben. Eine Aufgabe, wo sie nicht unter Druck steht. Und was Sie jetzt brauchen, lieber Herr Kollege, das ist ein Ersatz.“

Winter machte ein betrübtes Gesicht. „Ein Problem, wenn man den Ersatz an Schwester Else misst. Selbst die tüchtige Schwester Karin, die die zweite Schicht macht, ist von ihren Fähigkeiten her längst nicht so gut wie Schwester Else. Und wo sie gar nicht dran tippen kann, das ist der Erfahrungsschatz dieser Frau.“

„Aber lieber Herr Kollege, irgendwann hat sie diese Erfahrung doch gesammelt. Sie kann nicht mehr, jedenfalls keinesfalls in der Rolle einer Stationsschwester, das ist viel zu anstrengend. Bei einer Vierzigjährigen lasse ich das alles gelten, aber sie ist dreiundsechzig. Lieber Herr Kollege, ich muss mein Veto einlegen. Schwester Else ist eine so tüchtige Frau und hat meines Erachtens den Anspruch darauf, dass wir ihre Gesundheit respektieren.“

„Natürlich tue ich das, ich will sie ja nicht ausnutzen. Aber einen Ersatz zu beschaffen …“ Winter seufzte.

„Das ist bedauerlicherweise Ihr Problem, lieber Herr Kollege. Ich habe inzwischen ein EKG machen lassen. Die Sache sieht nicht besonders rosig aus. Offensichtlich hat die Schwester irgendwann einmal einen stillen Infarkt gehabt. Da ist so eine kleine Zacke, die mir nicht gefallen will. Wir bekommen das wieder hin. Ansonsten ist die Frau ja kräftig, und das, was sie am meisten

braucht, ist Ruhe. Für das Übrige werde ich dann sorgen. Also, jetzt sind Sie dran, lieber Herr Kollege.“

Sie verabschiedeten sich, und Winter war tatsächlich mit seinem Problem allein. Einen Ersatz für Schwester Else zu finden, das war tatsächlich eine Aufgabe, an der er ganz schön zu kauen hatte.

Wie so oft, wenn es um solche Personalprobleme ging, wollte er sich doch mit seiner Stationsärztin Dr. Inge Stoll beraten. Diese Frau hatte ein paar harte Schicksalsschläge hinter sich und widmete ihr Leben vornehmlich zwei Dingen: einmal ihrem Beruf, und dann ihrer kleinen Tochter Annemarie, deren Vater tödlich verunglückt war.

Als er sie rufen ließ, kam Inge Stoll auch. Und diese auf den ersten Blick spröde wirkende Frau gewann durch ihr Lächeln und ihre Art. Sie setzte sich Winter gegenüber, als er sie darum bat, und er schilderte ihr das Problem.

„Ich habe auch schon gehört, was los ist. Auf der Station geht es momentan noch nicht so recht von der Hand. Ich muss mich um alles noch kümmern. Wir brauchen wirklich Ersatz. Aber ich bin der Meinung, dass wir so etwas nicht aus dem Boden stampfen können, Herr Chefarzt. Ich schlage vor, wir nehmen Schwester Karin in den Vormittagsdienst, und für den Nachmittag behelfen wir uns vorerst. Haben Sie schon mit der Oberschwester gesprochen?“

Winter schüttelte den Kopf. „Nein, ich wollte zuallererst mit Ihnen reden.“ Er lächelte. „Sie sind mir immer ein sehr hilfreicher Ratgeber gewesen.“

„Danke für die Blumen“, meinte sie geschmeichelt, fuhr dann aber fort: „Was wir in dieser Position brauchen, ist eine Schwester mit einer erstklassigen Ausbildung nach den modernsten Gesichtspunkten. Schwester Else hat vieles von dem, was sie nicht gelernt hat, mit ihrer Erfahrung gutmachen können. Aber schon bei Schwester Karin fehlt einfach das Fachwissen, das sie qualifizieren würde, den Vormittagsdienst auf Dauer zu machen.“

„Aber die hat doch ihre Prüfungen.“

„Die allgemein geforderten Prüfungen, Herr Chefarzt, reichen für eine Stationsschwester keinesfalls aus, jedenfalls nicht in unserer Abteilung. Es sei denn, die Nachfolgerin von Schwester Else ist bereits Stationsschwester gewesen.“

„Wir wollen doch mal das Kind nicht mit dem Bad ausschütten, verehrte Frau Stoll. Jetzt schön der Reihe nach. Schwester Else wird wiederkommen. Ich habe mir überlegt, ob es nicht ratsam ist, falls sie noch arbeiten will, ihren Erfahrungsschatz in Anspruch zu nehmen. Ich will damit sagen, ihr, statt sie abzulösen, lieber eine rechte Hand zu geben, die das für sie erledigt, was sie bisher so belastet hat.“

Inge Stoll schüttelte den Kopf. „Das wäre für eine Übergangszeit möglich, aber wirklich nur für eine Übergangszeit. Herr Chefarzt, auf die Dauer funktioniert das nicht. Sie wird früher oder später doch wieder alles an sich reißen. Wissen Sie, so tüchtig Schwester Else ist – das muss man einfach anerkennen – so ist auch gleichfalls nicht zu übersehen, dass sie nach dem Motto wirtschaftet: Hier kocht der Chef. Nichts, was sie nicht selber machen will, wo sie nicht ihre Nase hineinsteckt, sie delegiert so gut wie gar nicht. Das ist ja unser Problem. Weil sie alles selbst gemacht hat, ist sie jetzt schwer zu ersetzen. Absicht ist das nie gewesen, es ist bei ihr einfach Veranlagung. Herr Chefarzt, ich bin nicht der Meinung, dass es hier halbe Sachen geben darf. Entweder Schwester Else bleibt, und das kann sie nicht, wie ich erfahren habe, oder aber sie tut etwas völlig anderes, und die Abteilung wird von einer neuen Schwester geleitet, die dazu befähigt ist. Hier im Hause haben wir niemanden, noch nicht. Ich glaube deshalb, dass wir uns beizeiten bemühen sollten. Und bis wir einen wirklichen Ersatz haben, behelfen wir uns eben so. Sollte inzwischen aber Schwester Else wieder auf den Beinen sein, dann können Sie ja nach Ihrer Methode eine Übergangszeit lang den Dienst einteilen. Aber auf die Dauer, verehrter Chef, funktioniert das nicht.“

Winter seufzte. „Das hört sich nicht gut an.“

„Es ist aber die Wahrheit, ob die uns nun gefällt oder nicht. Ich bin im Übrigen der Meinung, dass die Schwester, die wir brauchen, irgendwo herumläuft. Sie weiß nur noch nicht, wie sehr wir nach ihr suchen.“

„Na ja. Wenn es nicht anders geht, werde ich die Personalabteilung informieren. Sollen die mal suchen, hoffentlich brauchen die nicht so lange.“

„Vor allen Dingen sollten Sie denen sagen, Chef, dass nicht alles, was sich Schwester nennt, bei Ihnen vorstellig wird. Wir brauchen da wirklich eine Spitzenkraft. Sie wissen ja, dass die geburtshilfliche Abteilung mehr oder weniger auch von unserer Stationsschwester abhängt. Es ist alles so eingerichtet, dass Schwester Else die Rolle einer Oberschwester innerhalb der Abteilung gespielt hat. Und die Nachfolgerin muss diese Rolle übernehmen. Denn niemand sonst in der Abteilung von den Schwestern wäre befähigt, das zu tun.“

Winter wusste das selbst. „Nun gut, drücken wir uns gegenseitig die Daumen. Vielleicht haben wir Glück.“

 

 

2

Schwester Else hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie lag noch immer in der Station Dr. Hartmanns, aber sie erhielt laufend Besuch. Nicht nur die Schwestern kamen ständig vom dritten Stock herunter, um sie einmal kurz zu besuchen, und wenn es nur ein Gruß war, den sie ihr überbringen wollten. Stündlich kam jemand, allein fühlte sich Schwester Else nicht.

Am meisten aber war Dr. Inge Stoll bei ihr. Sobald sie eine freie Minute hatte, kam Inge Stoll herunter, und sie vergaß nicht die Zeit, da sie die Hilfe von Schwester Else in Anspruch genommen hatte. Damals, als sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und ein neues Leben an der Seite eines anderen beginnen wollte. Schwester Else hatte sie damals aufgenommen, und Schwester Else war es auch gewesen, die sie als erste tröstete, als damals die Nachricht kam, dass Inges Verlobter, mit dem sie wenige Tage später hatte heiraten wollen, tödlich verunglückt war. Schwester Else hatte sich später auch um Inge gekümmert, als das Baby kam, die kleine Annemarie. Oft genug in den ersten beiden Jahren war Schwester Else so etwas wie eine Ersatzoma für die kleine Annemarie gewesen, war es im Grunde heute noch.

Viel verband die beiden Frauen also. Und auch jetzt, fast eine Woche, seit Schwester Else hier lag. Es ging ihr viel besser. Hart war für sie nur das Fasten. Aber da sie keine Bewegung mehr hatte, zur Ruhe kommen musste, ging es noch halbwegs. Dass ihr auch der Bohnenkaffee verboten war, traf sie hart. Ein Tässchen Kaffee war für sie immer etwas Besonderes gewesen.

Dr. Inge Stoll versuchte, Schwester Else über diese Zeit hinwegzubringen. Aber sie hatte natürlich selbst Probleme. Oben auf der Station lief es nicht so, wie es sollte. Schwester Karin war dem Vormittagsdienst nicht gewachsen, und nachmittags behalf man sich, so gut es ging. Gut ging es nie. Inge machte zeitweise Arbeiten, die eigentlich den Schwestern überlassen werden sollten, vor allen Dingen der Stationsschwester.

Am Vormittag, wenn sie nicht gerade operieren musste, verrichtete Inge daher viel von der Arbeit, die Schwester Else früher gemacht hatte. Schwester Karin schaffte das nicht zur Hälfte. Sie war zwar tüchtig, bemühte sich, aber immerzu musste sie fragen, kannte sich nicht aus, traf keine souveränen Entscheidungen. Darin war ihr Schwester Else einfach überlegen. Und zudem hatte Schwester Karin Schwierigkeiten mit den ihr untergebenen Schwestern; die respektierten sie nicht, fügten sich nicht den Anordnungen, wie sie das sonst widerspruchslos bei Schwester Else getan hatten.

Inge hatte es Schwester Else nie erzählt, aber die wusste es bereits. Und sie schien auch lange nachgedacht zu haben.

„Ich sehe ja allmählich ein“, sagte sie mit spröder Stimme, „dass ich aufhören muss. Ich will aufhören. Es gibt noch eine Menge, was ich mir vorgenommen habe. Im Grunde hat Doktor Hartmann recht.“

Überrascht blickte Inge die alte Frau an, die da mit rosigen Wangen im Kissen lag. Krank sah sie wirklich nicht aus, und ihr Blick war wieder hellwach.

„Ist das ehrlich?“, fragte Inge zweifelnd.

Die alte Schwester lächelte. „Natürlich ist es ehrlich. Warum soll ich Ihnen und mir etwas vormachen? Wissen Sie, man muss den Jungen Platz machen. Aber ich sehe ein, unser Chef ist verwöhnt. Was der braucht, das muss eine medizinisch-technische Assistentin, gleichzeitig Operationsschwester, zudem eine Führungspersönlichkeit, ein halber Handwerker, zwei Pfleger und drei Schwestern in einer Person sein. Das erwartet er. Ich habe seine Erwartungen auch nicht immer erfüllt. Doch es ist so eingespielt, verstehen Sie? Und deshalb ist mir etwas eingefallen. Ich kenne eine Schwester, die arbeitet in einer Privatklinik. Es ist ein kleines Haus, und sie spielt da die Rolle der Oberschwester. Diese Klinik wird im Herbst geschlossen, ich habe das durch Zufall erfahren. Und damals, als Schwester Ellen ihre Prüfungen gemacht hat, bin ich im Prüfungsausschuss gewesen.“ Sie schmunzelte. „So was habe ich auch schon gemacht.“

„Ich weiß. Sie haben doch neulich erst …“

„Ach, das war nur eine kleine Prüfung. Schwester Ellen hat sie alle, die ist Operationsschwester gewesen, die hat als MTA gearbeitet, die hat Stationsschwesterndienst getan, und sie hat gleichzeitig die Rolle der Oberschwester gespielt. In dieser Klinik gibt es nur vier oder fünf Schwestern außer ihr. Die Klinik war gut geführt. Der Chef ist vor einem Vierteljahr gestorben. Sein zweiter Sohn ist einem Autounfall erlegen, sein erster starb an Krebs. Jetzt wursteln alle möglichen Vertreter da herum, und die Witwe des ehemaligen Chefs hat beschlossen, die Klinik zu verkaufen. Damit ist sicher, dass Schwester Ellen dort nicht mehr arbeiten wird. Aber eine Schwester wie sie ist begehrt, die braucht nicht herumzulaufen und nach Arbeit zu suchen. Wie ich sie kenne, kennen sie andere auch. Vielleicht hat sie schon eine neue Stelle. Aber fragen kostet doch nichts. Was meinen Sie denn, Frau Doktor? Wollen Sie mal hinfahren? Die Klinik liegt im Odenwald, Schwester Ellen wohnt auch dort.“ Die alte Frau lächelte verschmitzt. „Und nun kommt Ihr Trumpf. Schwester Ellen stammt aus Bad Godesberg. Ihre alte Mutter lebt hier noch. Verstehen Sie, was ich meine?“

„Ich habe Sie schon verstanden. Geben Sie mir doch die genaue Adresse. Ich kümmere mich darum.“

Nichts, was Schwester Else lieber tat. „Wenn Sie die kriegen“, sagte sie, als sie die Adresse aufgeschrieben hatte und den Zettel Inge Stoll gab, „dann haben Sie einen Ersatz für mich … Nein, es ist kein Ersatz. Die kann viel mehr. Wissen Sie, diese jungen Frauen heute haben eine erstklassige Ausbildung. Die wissen mehr. Unsereins hat Erfahrung, hat viel gesehen, und manchmal sind wir deshalb den Jungen überlegen. Aber wenn es um die theoretischen Kenntnisse geht, da haben viele von denen viel mehr auf dem Kasten. Schwester Ellen ist ein Beispiel dafür. Und noch etwas: Die würde sich auch durchsetzen können. Ich glaube, die überzeugt durch ihr Talent, durch ihr Wissen. Versuchen Sie es doch, Frau Doktor.“

„In Ordnung. Vielen Dank, Schwester Else, ich versuche es.“

„Bald können Sie nicht mehr Schwester Else zu mir sagen, bald bin ich nur eine normale Frau. Die Frau Mathiesen von nebenan, mehr nicht.“

„Für mich bleiben Sie Schwester Else, solange ich lebe“, erklärte Inge. „Und ich habe Ihnen sehr viel zu verdanken. Wir alle haben Ihnen viel zu verdanken, besonders aber Annemarie und ich.“ Sie beugte sich über Schwester Else und küsste sie innig auf die Stirn.

Als sie sich aufrichtete, war Schwester Else ganz rot geworden. „Aber, Frau Doktor!“, meinte sie vorwurfsvoll.

„Ich habe Ihnen schon so oft gesagt, Sie sollen nicht immer Frau Doktor zu mir sagen. Wir sind doch Freundinnen.“

Schwester Else wandte den Kopf zur Seite. „Jetzt machen Sie aber, dass Sie rauskommen“, knurrte sie, „sonst fange ich noch vor Rührung an zu heulen. Raus mit Ihnen!“

Lachend verließ Inge das Zimmer.

Eine Viertelstunde später traf sie Professor Winter in dessen Arbeitszimmer. Sie wollte nur eine Unterschrift und sah ihn an seinem Schreibtisch hinter einem Stoß von Akten. Sie glaubte jedenfalls, dass es sich um Akten handelte. Er sah gequält auf und brummte: „Was ist denn?“

„Ich brauche nur eine Unterschrift, Herr Chefarzt. Wieso machen Sie so ein Gesicht? Bin ich bei Ihnen ins Fettnäpfchen getreten?“

„Ach was“, rief er ächzend, „mit Ihnen hat das doch nichts zu tun. Sehen Sie sich das mal an.“

„Was denn, Gutachten?“

„I wo, das sind Bewerbungen. Über zweihundert. Ich habe noch nicht ein Drittel durch. Bis jetzt war noch nicht eine einzige Frau dabei, die ich gebrauchen könnte. Na ja, ein paar lass ich mir dennoch kommen. Ich will sie mir wenigstens ansehen. Die wenigsten haben die Qualifikation, und die sie haben, denen fehlt die Praxis. Die meisten sind zu jung. Ein paar ältere sind dabei, die ich schon ganz gerne hätte.“

„Aber wieso?“ Inge sah ihn verwundert an. „Sie wollten doch frisches, junges Blut.“

„Ach, hören Sie doch auf, Inge“, wehrte er ab. „So eine Position kann doch kein junges Mädchen verrichten. Hier gehört Lebenserfahrung dazu, und natürlich auch Erfahrung im medizinischen Bereich. Und dann will ich Ihnen noch etwas sagen: Diese ganz Jungen sind nicht immer sehr zuverlässig. Die Erfahrung haben wir beide doch nun gemacht.“

„Sie dürfen das nicht verallgemeinern, Chef. Es gibt solche und solche überall, in jeder Arbeitsgruppe.“

„Ich finde, dass die Älteren besser arbeiten.“

„Das ist doch ganz klar. Überlegen Sie doch mal, Chef, wenn eine Frau in dem Alter von vierzig bis fünfzig noch als Schwester arbeitet, dann ist das für sie ein Beruf, nicht nur ein Job. Junge Mädchen haben auch noch vielerlei andere Interessen. Da ist ein Freund, da ist dies, da ist das. So mit dem Herzen dabei wie Ältere sind die nicht. Aber, mein Gott, ist das nicht das Vorrecht der Jungen, dass sie ihre Jugend, die sie ja nie wiederbekommen, ein wenig auskosten. Müssen wir denn nur immer mit tierischem Ernst bei der Sache sein? Sie selbst haben gesagt, man muss bei allem auch noch Mensch bleiben.“

„Aber erst kommen die Patienten“, unterbrach er sie.

Sie zuckte die Schultern. „Natürlich, aber gehen Sie doch nicht so hart ins Gericht. Vielleicht finden Sie doch diese oder jene ganz brauchbar, wenn Sie sie erst mal gesehen haben.“

„Diese Älteren, die ich gerne möchte, haben meistens nicht die Qualifikation.“

„Da möchte ich Ihnen etwas sagen. Wenn sich Schwester Else bei Ihnen bewerben müsste, angenommen, sie wäre noch kerngesund, dann fiele sie genauso durch wie die anderen, von denen Sie sagen, sie sind zwar alt und erfahren, aber haben nicht die Qualifikation. Schwester Else hat die nämlich auch nicht. Aber das ist kein Thema. Wenn Sie unterschrieben haben, könnte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Ich hätte jemand, den sogar Schwester Else selbst empfohlen hat.“

„Den sie empfohlen hat?“, fragte er überrascht und zog die Augenbrauen hoch. „Heißt das in anderen Worten, sie hat sich damit abgefunden, dass sie …“

„Ja“, antwortete Inge, bevor er seinen Satz vollenden konnte. „Ja, sie hat sich damit abgefunden und schlägt sogar jemand vor, von dem ich noch nicht einmal weiß, ob wir ihn überhaupt bekommen. Ich wollte nur von Ihnen grünes Licht haben, dass ich mich darum kümmern kann.“

„Qualifiziert?“

Inge nickte. „Hochqualifiziert. Schwester Else weiß ja genau, was Sie brauchen. Sie brauchen jemand, der einfach alles kann. Natürlich gibt es das nicht, und diese Frau wird es auch nicht sein. Aber immerhin war sie Operationsschwester, immerhin war sie Stationsschwester und hat, wie Schwester Else behauptet, die notwendigen Prüfungen gemacht. Und MTA, das möchte ich noch hinzufügen, ist sie auch.“

„Phantastisch! Und wo lebt dieses Wundermädchen?“

„Ich habe die Adresse hier. Sie ist in einer Privatklinik im Odenwald …“ Inge erzählte ihm, was sie von Schwester Else wusste. Als sie fertig war, sagte Professor Winter nur einen Satz: „Regeln Sie das. Inge, ich überlasse das ganz und gar Ihnen. Erstens mal sind Sie Stationsärztin, und zweitens weiß ich, dass Sie dafür eine bessere Hand haben als ich. Also, ganz gleich, wie Sie es machen, sehen Sie zu, dass Sie dieses Mädchen hierher bringen.“

Inge lächelte. „Ich will es versuchen. Aber Sie wissen ja, Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern ein paar Tage länger.“

„Aber nun raus mit Ihnen!“

„Komisch“, meinte Inge, als sie sich erhob, „das ist innerhalb einer Stunde schon der zweite Rausschmiss. Habe ich irgend etwas an mir?“

Winter lachte. „Übrigens, Frau Kollegin, meine Frau fragt dauernd, warum Sie sich nicht mehr bei uns sehen lassen? Gibt es dafür einen echten Grund?“

Sie nickte. „Natürlich gibt es den. Es ist Frühling, lieber Herr Chefarzt, und an den Abenden braucht man nicht mehr in der Wohnung herumzusitzen. Annemarie und ich sind abends viel unterwegs, solange es noch hell ist. Es ist schön, wenn man jemanden hat, der auf einen wartet, der sich auf einen freut, und auf den man sich auch freuen kann.“

„Dann grüßen Sie Ihre Tochter recht herzlich von uns. Vielleicht führt Sie Ihr Spaziergang einmal bei uns vorbei, wir würden uns sehr freuen. Sie wissen ja, wir haben selbst Kinder. Und unsere Andrea ist nur zwei Jahre älter als Ihre Tochter, die beiden würden ganz schön miteinander spielen, während Sie sich mit uns unterhalten. Ist das kein Vorschlag?“

„Danke“, sagte Inge, „ein guter Vorschlag.“ Ihr war ganz warm ums Herz. Die Winters hatten sich immer um sie gekümmert, genau wie Schwester Else. Das war nicht nur ein Vorgesetzter, ein guter Chef, das war weit mehr. Winter war ihr ein lieber Freund, jemand, der immer da war, wenn man ihn brauchte.

 

 

3

Inge Stoll hatte sich mit Ellen Lorenz in einem Café verabredet. Bisher kannten sie sich nur telefonisch. Bei Ellens Mutter war Inge allerdings schon gewesen. Und der Hinweis darauf hatte Ellen veranlasst, ihr ein Gespräch zuzusagen. Nun war Inge gespannt, ob diese Frau in etwa dem entsprach, was Schwester Else über sie erzählt hatte.

Inge war etwas zu früh in dem Café, hatte ihre Tasse Tee schon ausgetrunken und sich eine neue bestellt.

Sie schaute auf die Uhr, warf dann einen Blick in die Runde. Außer ihr waren noch einige ältere Frauen da, die wohl ihre Einkäufe gemacht hatten und jetzt um die Nachmittagsstunde Kaffee tranken und Torte aßen. Es belustigte Inge, zuzusehen mit welcher Gier manche dieser Frauen die Torte hinunterschlangen.

Wieder ein Blick auf die Uhr, jetzt war es genau vier. Und eben in diesem Augenblick betrat eine junge, mittelblonde Frau mit einem sehr hübschen Gesicht das Café. Vorn an der Garderobe zog sie ihren Regenmantel aus, und darunter trug sie Schwarz, Trauerkleidung also. Sie sah sich suchend um.

Inge hatte mit ihr vereinbart, dass sie die neueste Ausgabe einer medizinischen Zeitschrift gut sichtbar in der Hand halten werde. Und da Inge den Verdacht hatte, dass diese Frau Ellen Lorenz sein konnte, nahm sie diese Zeitschrift in die Hand, hob sie an und blickte auch auf die Frau. Die erwiderte ihren Blick, schaute auf die Zeitung und kam dann, mit einem Lächeln im Gesicht, zielstrebig näher.

Inge musste anerkennen, dass es eine sehr hübsche und gutgebaute Frau war. Sie hatte etwas Elegantes an sich, und doch wirkte sie nicht etwa hochmütig. Sie lächelte, als sie am Tisch stand, und bevor Inge etwas sagen konnte, fragte sie: „Frau Doktor Stoll?“

Inge hatte sich erhoben, reichte Ellen Lorenz die Hand und sagte freundlich: „Die bin ich. Und Sie sind Frau Lorenz, nicht wahr?“

Ellen Lorenz nickte, und Inge machte eine Handbewegung, dass sie sich setzen solle.

Die Bedienung kam, und Inge fragte Ellen Lorenz: „Was möchten Sie denn? Ich habe mir Tee bestellt.“ Die Bedienung setzte ihr die Tasse mit dem Tee gerade hin.

„Tee ist nicht mein Fall. Vielleicht ein Kännchen Kaffee“, sagte Ellen Lorenz und schaute dabei auf die Bedienung.

„Ein Stück Kuchen dazu?“, fragte Inge.

„Nein, danke“, wehrte Ellen Lorenz ab. Und dann war die Bedienung weg, und Inge sagte: „Sie wissen ja, um was es geht. Ich hatte Ihnen das am Telefon schon angedeutet. Und, wie ich auch sagte, war ich bei Ihrer Frau Mutter. Übrigens eine sehr reizende Frau.“

„Sie wird sich freuen, wenn ich ihr das sage.“ Ellen Lorenz lächelte verständnisvoll. ,„Die meisten sind von ihr begeistert. Ich habe übrigens vorhin mit ihr telefoniert. Von Ihnen spricht sie ähnlich wie Sie von ihr.“

„Danke“, sagte Inge. Sie lachte, dann wurde sie aber schlagartig ernst. „Kommen wir schnell zur Sache. Sie wissen also, um was es geht. Aber ich weiß noch nicht sehr viel von Ihnen. Allerdings hab’ ich mir die Freiheit genommen, mit der Witwe Ihres bisherigen Chefarztes zu sprechen, des Besitzers der Klinik. Sie lobt Sie über den grünen Klee.“

Ellen machte ein misstrauisches Gesicht, fragte aber nichts. Sie sah Inge nur skeptisch an und schien richtig darauf zu lauern, dass sie noch mehr sagte.

„Freut Sie das nicht?“, fragte Inge.

„Ich habe meine Pflicht getan.“

„Mehr als das“, berichtigte Inge. „Sie hat mir auch von Arnold erzählt.“

Obgleich sie offensichtlich die ganze Zeit darauf gewartet hatte, dass diese Bemerkung fiel, schien Ellen Lorenz zu erschrecken. „Das hat sie getan?“

Inge nickte. „Ja. Schließlich ist Arnold ihr Sohn gewesen. Eine Frau, die zwei Söhne verloren hat, ist grausam gestraft, ganz gleich, wofür.“

„Sie war zu mir nie sehr freundlich. Aber sie tut mir sehr leid“, erklärte Ellen. „Sie tut mir wirklich leid. Früher hat sie mir das Leben sehr schwer gemacht. Sie hat eigentlich nie verstanden, dass ich es mit Arnold gut meinte. Erst als er tot war, da auf einmal begriff sie es. Sie ist jetzt ganz anders zu mir. Aber damals, als sie nicht so war wie jetzt, da ist in mir etwas zerbrochen. Das kann man nicht mehr flicken.“

„Ich finde aber das, was Sie getan haben, sehr großartig. Wissen Sie, ich habe die größte Hochachtung vor Frauen, die so etwas tun. Wussten Sie, als Sie diesen Arnold kennenlernten, dass er sterben wird?“

„Als ich ihn kennenlernte, wusste ich es nicht. Aber ein Vierteljahr später habe ich es erfahren. Er hat es ja auch nicht gewusst. Als er es erfuhr, erzählte er auch mir davon. Damals war von drei oder vier Jahren die Rede, die er noch hätte. Dass es viel schneller gegangen ist, konnte niemand voraussehen. Dieser Tumor im Hirn, eine Metastase, auf die viel zu spät geachtet worden ist, war dann das Ende. Aber solange er wach war, hatte er bis zuletzt einen großartigen Lebensmut bewiesen. Er wusste, was ihm bevorstand und hat trotzdem nie Launen gezeigt.“

Um das Thema zu wechseln, fragte Inge leise: „Sollten wir nicht von der Klinik sprechen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie zu uns kämen. Schwester Else, ich meine Else Mathiesen, ist des Lobes voll von Ihnen. Allerdings haben wir eine Personalabteilung, und dort will man Ihre Qualifikationen auch sehen. Ich meine, Zeugnisse und dergleichen.“

„Das hab’ ich alles. Ich hätte mit Hilfe von Arnold studieren können. Das Abitur habe ich auf dem zweiten Bildungsweg nebenbei gemacht. Aber das Studieren wäre nicht dort an der Klinik möglich gewesen. Zu dem Zeitpunkt ging es Arnold schon so schlecht, dass er nur stundenweise aufstehen konnte. Ich bin also bei ihm geblieben, und zwar bis zum Schluss.“

„Soviel ich weiß, ist das doch alles schon anderthalb Jahre her, nicht wahr?“, meinte Inge. „Sie tragen trotzdem noch Trauer.“

„Die trage ich wegen seinem Bruder. Wir haben uns auch gut verstanden, wenn auch ganz anders als mit Arnold. Ich habe Heinz geliebt, wie man einen Bruder liebt, und Arnold wäre mein Mann geworden, hätte uns diese furchtbare Krankheit nicht getrennt. Dabei ist er noch so jung gewesen.“

Sie blickte wieder auf eine seltsame Art, dass Inge das Gefühl hatte, Ellen Lorenz schaue durch sie hindurch. Sie fragte sich in diesem Augenblick, ob diese Vergangenheit der hübschen Frau nicht eine gewaltige Hypothek darstellte. Etwas, das sie nicht abzuschütteln vermochte, und das sie unter Umständen in ihrer Arbeit lähmte. Was nützte die Qualifikation, nützten die ganzen Prüfungen, die sie geschafft hatte und wovon sie jetzt die Zeugnisse und Prüfungszertifikate aus ihrer Tasche nahm und auf dem Tisch ausbreitete?

Die Bedienung brachte den Kaffee, und als sie wieder verschwunden war, sagte Inge: „Ich weiß, wie es ist, wenn man Schicksalsschläge hinnehmen muss. Vielleicht ist es für Sie eine Therapie, wenn Sie die Bühne wechseln, ich meine, wenn Sie nach Bonn kämen und nicht ständig durch Ihre Umgebung an das erinnert werden, was da geschehen ist.“

Ellen nickte. „Der Gedanke ist mir auch gekommen, als Sie angerufen hatten. Sehen Sie, hier ist alles, was ich bisher geschafft habe. Nur eins habe ich nicht erreicht.“

„Und das wäre?“, fragte Inge.

„Medizin zu studieren. Ich werde es jetzt auch nicht mehr anfangen können, ganz einfach deshalb, weil mir die Mittel fehlen. Etwas von dem, was ich habe, muss ich auch Mama geben. Sie steht sich nicht sehr schlecht, aber das Haus, das Papa uns hinterlassen hat, kostet sehr viel. Es ist ein altes Haus mit einem großen Park. Ich will nicht, dass Mama es verkauft. Sie möchte es verkaufen. Die Kosten, sagt sie, wären ihr einfach zu hoch. Und man würde ihr einen hervorragenden Preis zahlen. Kein Wunder, dieses Bonn mitsamt Bad Godesberg platzt aus den Nähten. Aber ich möchte das Haus, und vor allen Dingen den Park behalten. Lieber nehme ich die Renovierungskosten auf mich. Ich will nicht, dass die Bäume gefällt werden. Es sind Ulmen und Eichen, Buchen und eine riesengroße Linde. Ich will nicht, dass dort irgendwelche Hochhäuser stehen. Und ich will nicht, dass Mama auf ihre alten Tage noch die Wohnung wechseln muss.“

Inge verstand das, und Ellen sprach weiter.

„Sie schafft natürlich das Haus kaum, braucht eine Putzhilfe. So eine Aufwartung ist heute teuer. Aber das Geld verdiene ich.“

„Wäre es nicht doch besser, Sie begännen ein Studium?“

„Im Herbst werde ich neunundzwanzig. Soll ich da noch etwas anfangen? Ich glaube, nein. Ich bin in meinem Beruf glücklich, ich komme gut zurecht. Und wenn ich nicht allzu viel Pech habe, dann gelingt es mir auch woanders, den Anschluss zu finden, zum Beispiel in der Paul-Ehrlich-Klinik.“

Sie lachten beide, und Inge sagte: „Also gut. Ich bin gekommen, um Sie dafür zu gewinnen. Lassen Sie mich bitte einen kurzen Blick in Ihre Unterlagen werfen.“

Inge war keine Personalchefin, aber was sie da sah, war hervorragend. Vorbildliche Zeugnisse, erstklassige Prüfungsergebnisse. Auch sonst gefiel ihr Ellen Lorenz sehr. Sie hatte nur Angst, es könnte aus ganz anderen Gründen schiefgehen. Denn Ellen Lorenz machte auf sie den Eindruck eines Menschen, den etwas bedrückt, der unter einer Zwangsvorstellung leidet. Unter welcher genau, hätte Inge nicht zu sagen vermocht. Ob es nun mit dem Tod ihres Freundes Arnold zusammenhing, der an Krebs erkrankt gewesen war, oder ganz einfach mit der Tatsache, dass sie dort an dieser Klinik nicht mehr weiterarbeiten konnte. Aber Inge mochte sie nicht fragen. Sie hatten eigentlich schon über sehr viele intime Dinge gesprochen, kaum dass sie sich richtig kannten.

Inge gefiel die junge Frau sehr gut. Sie hoffte nur, dass das, was sie da insgeheim befürchtete, gar nicht eintrat. Vielleicht, sagte sie sich, rede ich mir auch etwas ein. Was weiß ich denn von dieser Frau? Sie ist hübsch, sie ist sympathisch, hat erstklassige Zeugnisse und Prüfungsnoten, aber im Grunde ist sie mir doch wildfremd.

Und doch gab Inge sehr viel auf ihr Gefühl. Dieses Gefühl hatte sie noch nie getrogen. Ellen gefiel ihr, hatte ihr eigentlich von der ersten Sekunde großartig gefallen.

Trotzdem hielt sie sich zurück. Das weitere Gespräch drehte sich nur um die Arbeit, um die Aufgaben und schließlich auch um das Gehalt, das an der Klinik für dieses Amt als Stationsschwester gezahlt wurde.

Aber Geld schien Ellen am wenigsten zu interessieren. Sie sagte so beiläufig: „Ich hatte da ein klein wenig mehr. Aber das ist für mich kein Grund, etwa abzulehnen. Ich werde mir alles ansehen, nächste Woche. Ich glaube, am besten komme ich am Mittwoch und schaue mich in der Klinik um. Es muss mir da gefallen, das müssen Sie verstehen, Frau Doktor Stoll.“

„Natürlich verstehe ich das. Das wäre geradezu eine Bedingung gewesen. Sie müssen ja wissen, wo Sie hineingeraten.“ Sie lachte. „Aber bis jetzt hat es allen ganz gut bei uns gefallen. Ich bin überzeugt, Sie werden gerne kommen.“

Ellen Lorenz lächelte, und Inge stellte fest, dass sie links ein Grübchen hatte. Sie ist wirklich hübsch, dachte sie. Die jungen Männer in der Klinik werden auf sie fliegen. Aber ob sie sich etwas aus denen macht?

In diesem Augenblick sagte Ellen Lorenz: „Wenn alle in der Paul-Ehrlich-Klinik so sind wie Sie, Frau Doktor Stoll, dann werde ich sicher ganz gerne hinkommen, sehr gerne sogar.“ Sie lächelte verschmitzt, und Inge Stoll spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss ob dieses Lobs.

 

 

4

Die alte Frau legte das Strickzeug beiseite und blickte Ellen gespannt an. „Nun, wie war es?“, fragte sie.

Ellen setzte sich ihr gegenüber auf den Polsterstuhl, und das Licht der untergehenden Sonne fiel durch die Scheiben auf die beiden Frauen. Die eine weißhaarig, die andere dunkelblond, aber beide in Schwarz.

„Sie ist sehr nett“, berichtete Ellen und beugte sich nach vorn. „Du bist schon weit, fast fertig. Mein Gott, so möchte ich auch stricken können.“

Die alte Frau schüttelte missbilligend den Kopf, setzte die Brille ab und legte sie zwischen sich und Ellen auf den Tisch, „Lenke nicht ab, Ellen. Erzähle mir von ihr. Seid ihr zurechtgekommen?“

„Ich werde nächste Woche einmal hinfahren, mir alles ansehen. Das macht sie übrigens auch zur Voraussetzung.“

„Welche Rolle spielt sie da? Diesen Professor Winter, den kenne ich ja, habe ich selbst einmal in München gesehen. Erich hielt ja große Stücke auf ihn. Er meinte, Winter sei ein Pionier in der Gynäkologie.“

„Sie schwärmt auch von ihm. Merkwürdig, sie ist schon sehr lange da. Aber sie spricht von ihm wie von einem Geliebten. Eigenartig, nicht wahr? Vielleicht liebt sie ihn wirklich.“

„Was ist sie für ein Mensch?“

„Nicht sehr hübsch“, erwiderte Ellen. „Aber sie hat etwas Inniges, etwas Herzliches. Wenn sie spricht, wenn sie lacht, dann muss man sie gern haben. Sonst ist sie sehr burschikos. Weißt du, sehr oberflächlich könnte man sie für einen Trampel halten. Aber das ist sie wirklich nicht, im Gegenteil, innerlich kommt sie mir sehr zart besaitet vor.“

„Du willst also hingehen? Ich glaube, das ist gut. Dieser Winter hat einen guten Namen, die Klinik auch. Ich bin überzeugt, es wird dir gefallen. Aber mir wirst du sehr fehlen.“

„Du mir auch. Was wirst du tun?“

Die alte Frau nahm ihr Strickzeug wieder auf, aber wohl mehr, um ihre Hände zu beschäftigen. Als sie auch die Brille wieder aufgesetzt hatte, sagte sie: „Ich werde wahrscheinlich nach Südafrika gehen, nach Kapstadt zu meinem Bruder. Außer dir habe ich hier niemanden mehr. Erich ist tot, Heinz und Arnold leben nicht mehr, aber ich will dir nicht zur Last fallen. Ich möchte, dass du dich um deine Mutter kümmerst. Sie hat auch ein Recht auf dich. Sie ist auch allein, genau wie ich. Aber während ich die Mittel habe, um zu meinem Bruder zu reisen, um dort den Rest meines Lebens zu verbringen, hast du noch alles vor dir.“

„Ich habe heute meine Bankauszüge bekommen. Warum hast du mir das Geld überwiesen? Es steht mir nicht zu“, sagte Ellen vorwurfsvoll. Sie streckte die Hand aus und legte sie auf die Linke der alten Frau. Knochige, faltige Hände waren das. „Das hättest du wirklich nicht tun dürfen.“

„Rede nicht so“, entgegnete die alte Frau schroff. „Du hast soviel für Arnold getan, und du hast auch sehr viel für Heinz getan. Du hättest Heinz heiraten sollen.“

„Aber, Mama, wir haben uns nicht geliebt. Es war eine Freundschaft. Oder noch besser, so etwas wie Bruder und Schwester.“

„Trotzdem hättet ihr heiraten können. Vielleicht wäre er dann nicht losgefahren. Immer ist er nach Frankfurt gerast, hat in der Nacht sein Vergnügen gesucht.“

Ellen war dieses Thema zuwider. Die alte Frau hatte schon so oft damit angefangen; es klang wie ein Vorwurf. Am Anfang hatte Ellen ihr noch eine Antwort darauf gegeben und sie gefragt, ob dies Grund genug sei, dass sich zwei Menschen heiraten, die sich gar nicht lieben, nur um den Mann zu Hause zu halten. Er wäre ja doch nicht zu Hause geblieben, nicht bei einer Frau, die er nicht liebte. Aber die alte Dame war nicht mehr davon zu überzeugen, dass Heinz Mühlberg und Ellen Lorenz nicht zusammengepasst haben.

Also schwieg Ellen und wartete ganz einfach darauf, dass die alte Dame von allein das Thema wechselte. Das tat sie auch.

Sie schob ihre Brille weiter nach unten und blickte über den oberen Rand der Gläser hinweg auf Ellen. „Wenn du gehst, ist es ein Abschied, ein Abschied für immer. Ich glaube nicht, dass ich nach Deutschland zurückkomme. Und deshalb wollte ich wenigstens etwas von dem wiedergutmachen, was du für Arnold getan hast.“

„Ich habe es auch für mich getan. Ich habe Arnold geliebt, sehr geliebt. Ich liebe ihn noch immer.“

„Kind, es ist sehr schön, was du sagst. Für die Ohren einer Mutter ist es herrlich zu wissen, dass jemand da ist, der ihren Sohn liebt, auch wenn dieser Sohn nicht mehr lebt, der so an ihm hängt, wie du es tust. Aber ich will dir etwas anderes sagen. Du musst auch an dich denken. Du bist noch jung. Eines Tages wirst du so alt sein wie ich. Solange du jung bist, weißt du die Jugend nicht so zu schätzen wie später, wenn du älter bist. Dann möchtest du vieles zurückholen, möchtest Dinge tun, von denen du glaubst, dass sie noch getan werden müssten. Aber vieles kannst du nicht mehr tun, vieles lässt sich nicht nachvollziehen. Vieles kannst du nicht im Alter erleben, was nur Junge haben können. Und deshalb, Kind, löse dich mit deinen Gedanken von Arnold. Halte sein Andenken in Ehren, das erwarte ich auch von dir., aber mehr braucht es nicht zu sein. Du musst nach vorn sehen, nicht nach hinten. Du musst auch an dich denken, du bist eine Frau. Eine Frau möchte geliebt werden, möchte in die Arme genommen werden, sucht Geborgenheit. Ich weiß, dass es dir nicht anders geht.“

„Ich komme schon durch, Mama. Trotzdem hättest du mir nicht das Geld auf das Konto überweisen sollen. Ich brauche es nicht, ich verdiene genug.“

„Du hast doch einen Anspruch auf dieses Geld. Wenn es nach dir und Arnold gegangen wäre, hättet ihr geheiratet, wohl wissend, dass er sterben muss. Du hast es jedenfalls immer gewollt. Ich werde dir das nie vergessen, Ellen. Das war großartig von dir. Zum Glück konnte ich das verhindern. Ich wollte nicht, dass du so weit gehst.“

„Ich hätte es ruhig tun können. Ich werde nicht heiraten. So trage ich nicht einmal seinen Namen. Es war nicht gut von dir, Mama, dass du das verhindert hast.“

„Kind, sei doch vernünftig, es ist zu spät gewesen. Warum solltest du einen zum Tode Geweihten heiraten? Ich habe da an dich gedacht, nicht etwa an irgendein Erbe.“

„Ich weiß, sonst hättest du mir das Geld nicht überwiesen.“

Die alte Frau lächelte. „Und du wirst noch mehr bekommen, wenn der Verkauf erledigt ist. Ich gebe dir das, was ich Arnold gegeben hätte. Und ich knüpfe sogar eine Bedingung daran.“

Ellen schaute überrascht auf. „Eine Bedingung? Wenn ich dir damit helfen kann, Mama.“

Die alte Frau lehnte sich zurück, ließ das Strickzeug in den Schoss sinken und blickte wieder über den Rand der Brille hinweg auf Ellen. „Das war typisch für dich. Du protestierst nicht vorsorglich, du erklärst, dass du es tun wirst, um mir zu helfen, weißt aber gar nicht, was es sein könnte. Soll ich dir diese Bedingung verraten?“

„Wenn es notwendig ist.“

„Die Bedingung ist, dass du mich einmal irgendwann, solange ich lebe, in Kapstadt besuchst. Es ist die einzige Bedingung. Von dem Geld deines Anteils, vom Erlös der Klinik kannst du dir mehr als einen Flug nach Kapstadt leisten, viel mehr. Und ich kann dich nur bitten, mach etwas daraus. Vergeude das Geld nicht. Ellen, mein Mädchen, hilf deiner Mutter, aber denke vor allen Dingen an dich. Denke an dich und deine Zukunft. Du sollst glücklich sein, Ellen. So glücklich, wie du meinen Arnold gemacht hast. Du hast ihm diese furchtbare Zeit wenigstens etwas erleichtert, so gut du es konntest. O weiß Gott, du hast dir Mühe gegeben. Und wenn ich dir jetzt das gebe, was Arnold bekommen hätte, dann geschieht das ganz im Sinne meines verstorbenen Mannes. Erich hätte absolut so gehandelt wie ich.“

„Aber Mama, das muss wirklich nicht sein. Du brauchst es selbst, du hast …“

„Ich kann das Geld“, widersprach die alte Dame, „gar nicht ausgeben, was mir bleibt. Wen haben wir denn noch? Es ist ja niemand mehr da. Dieses verdammte Geld will ich gar nicht haben. Ich sage dir doch, wenn du die Hälfte bekommst von allem und ich die andere Hälfte, so kannst du noch etwas damit anfangen. Du bist jung, du hast noch alles vor dir. Aber ich, ich bin Sechsundsechzig. Was soll ich denn noch damit tun?“

„Du kannst gut und gerne noch zwanzig Jahre länger leben“, sagte Ellen.

„Dafür wird es reichen. Mein Bruder hat auch niemanden, keine Frau mehr und keine Kinder und ein großes Anwesen. Nein, Ellen, ich habe mir sogar schon überlegt, ob ich dir nicht alles lassen sollte. Aber gut, so egoistisch bin ich nun mal, ich nehme mir die Hälfte. Und jetzt wollen wir nicht mehr davon sprechen. Erzähle mir, wie es gewesen ist. Erzähl mir alles, ich bin so gespannt.“

Und Ellen erzählte dieser Frau, die sie Mama nannte, obgleich Anna Mühlberg, die Witwe von Dr. Erich Mühlberg, dem Gründer der Mühlberg-Klinik, nie eine wirkliche Schwiegermutter geworden war.

Und dennoch verstanden sich die Frauen so gut. Früher war das anders gewesen. Doch daran mochte Ellen jetzt nicht denken.

Später dann, als sie in ihrem Zimmer allein war, fragte sie sich, was die Zukunft ihr in Bonn bringen würde. Immer wieder erinnerte sie sich an dieses Gespräch mit Dr. Inge Stoll, und sie versuchte sich vorzustellen, was sie in der Paul-Ehrlich-Klinik erwartete.

 

 

5

Ein wenig hilflos stand Ellen im großen Foyer der Paul-Ehrlich-Klinik herum, nachdem sie sich an der Anmeldung nach Dr. Inge Stoll erkundigt hatte. Es war angerufen worden, und man hatte ihr gesagt, es käme jemand, um sie abzuholen.

Eine ganze Weile verging, aber Dr. Inge Stoll war nicht aufgetaucht. Da plötzlich kam ein jüngerer Arzt zur Anmeldung, sprach mit der Frau dort, die deutete auf Ellen. Nun kam der junge Mann auf sie zu. Er hatte dunkle, ziemlich buschige Augenbrauen, trug sein mittelblondes Haar zurückgekämmt, und besaß ein schmales, fast kantiges Gesicht. Der linke Mundwinkel war etwas nach unten gezogen, was seiner Miene ein wenig den Ausdruck des Verächtlichen gab. Sein Kittel war geöffnet, die linke Hand hatte er in der Tasche seiner dunklen Hose. Darüber trug er ein weißes Hemd mit sportlichem Kragen. Er kam näher, und sie sah, dass er in der Rechten eine Zigarette zwischen den Fingern hielt.

„Hallo! Sie sind Frau Lorenz, nicht wahr? Mein Name ist Steiner, Doktor Wolfgang Steiner.“ Er nahm die Zigarette in den Mundwinkel und streckte Ellen die Hand hin. Seine Geste hatte etwas derartig Herablassendes, dass sie am liebsten in diese Hand nicht eingeschlagen hätte. Sie tat es dennoch und spürte, wie er die Hand auf eine merkwürdige Art drückte, etwas, das sie noch nie erlebt hatte, und das ihr höchst zuwider war. Sie entriss ihm förmlich die Hand, erwiderte seinen Gruß überhaupt nicht, sondern fragte: „Ist Frau Doktor Stoll denn nicht da?“

„Ach so“, meinte er und nahm dabei die Zigarette aus dem Mundwinkel, schnippte die Asche lässig auf den Boden und grinste schief. Dann bequemte er sich doch zu einer Auskunft und meinte: „Sie operiert. Aber Sie werden sich ganz sicher an meiner Seite nicht zu ängstigen brauchen. Ich bringe Sie zum Chef. Er lässt es sich nicht nehmen, Sie selbst mit den Schönheiten dieses Prachtbaus vertraut zu machen.“

Seine Lässigkeit, seine schnoddrige Ausdrucksweise missfielen ihr. Aber mehr noch spürte sie als Frau ein starkes Unbehagen in seiner Nähe. Dennoch fragte sie: „Tun Sie in dieser Abteilung Dienst?“

Er grinste wieder. „Warum fragen Sie das? Ja, ich tue da Dienst. Freuen Sie sich auf die Zusammenarbeit mit mir, oder wie soll ich diese Frage deuten? Ich bin überzeugt, mein Häschen, wir kommen glänzend miteinander aus.“

„Ich bin nicht Ihr Häschen, nehmen Sie das bitte für alle Zeiten zur Kenntnis. Und wo finde ich Herrn Professor Winter?“

„Ich bringe Sie zu ihm.“ Als er das sagte, hatte er wieder die Zigarette zwischen den Lippen.

„Machen Sie sich bitte keine Umstände meinetwegen. Ich werde ihn auch so finden.“

„Hoppla“, meinte er und sah sie belustigt an. „Ganz schön Haare auf den Zähnen, was? Na, so was gefällt mir ja. Wer so gut aussieht wie Sie, sollte wirklich nicht so kratzbürstig sein.“

Sie wollte sich nicht gleich von Anfang an rundum Feinde machen. Aber sie spielte mit dem Gedanken, gar nicht erst hinaufzufahren zu Professor Winter, sondern die Klinik wieder zu verlassen. Und trotzdem tat sie es nicht. Sie fuhr mit ihm im Lift nach oben, und es war für sie eine Erleichterung, dass gleichzeitig mit ihnen auch andere diesen Fahrstuhl benutzten. Ein paar Minuten später trat sie ins Arbeitszimmer von Professor Winter. Aber er war gar nicht da. Seine Sprechstundenhilfe, Renate Angern, blickte erst misstrauisch auf Ellen. Aber als sie erfuhr, wer sie war, strahlte sie sofort, streckte ihr begeistert die Hand hin und sagte: „Warten Sie nur, ich hole den Chef. Er ist nur nebenan, er hat da ein paar Laborproben. Er wird sich freuen, dass Sie da sind.“

Steiner stand ein wenig unschlüssig herum, und als Professor Winter dann immer noch nicht kam, meinte er: „Na ja, Sie sind ja hier, dann werde ich jetzt die Fliege machen. Viel Spaß mit dem Chef!“

Ellen antwortete ihm gar nicht. Sie drehte sich nicht einmal um, als er hinausging. Sie war ganz einfach froh, dass er nicht mehr da war. Ein paar Minuten später kam Professor Winter, mit dem sie sich auf Anhieb gut verstand. Er zeigte ihr die gesamte Abteilung.

Natürlich blieb es dem Stationspersonal nicht verborgen, wer diese Frau sein konnte, die vom Chef herumgeführt wurde. Die einen warfen Ellen scheele Blicke zu, andere grüßten im Vorbeigehen und strahlten sie an. Aber Ellen ahnte etwas von den Gedanken, die hinter den Stirnen der Schwestern, aber auch der Pfleger umgingen.

Dass es sich bei Professor Winters Bereich in der Klinik um eine sehr moderne Abteilung handelte, begrüßte Ellen sehr. Vieles von dem, was sie sah, übertraf bei weitem die Mühlberg-Klinik. Das einzige, was sie etwas irritierte, war das viele Personal. Alles hier wirkte erheblich größer. Schon vom Räumlichen her hatte sie das Gefühl, sich in den Gängen verlaufen zu können. Die Mühlberg-Klinik hatte ja längst nicht soviel Patienten wie hier allein die gynäkologische Station. Hinzu kam aber noch die geburtshilfliche Abteilung.

Allmählich fürchtete sie, sich die vielen Namen der Leute, die ihr vorgestellt wurden, gar nicht merken zu können. Und nachher, als der Rundgang beendet war, da schwirrten ihr die Begriffe und Namen durch den Kopf wie ein Hornissenschwarm,

Ob ich es mir jemals merken kann, wo alles ist, dachte sie. Bis ich mich hier zurechtfinde … das wird eine ganz schöne Anlaufzeit brauchen. Wer weiß, wie viele Fehler ich mir bis dahin erlauben darf. Ein paar von den Kolleginnen haben mich ganz bös angesehen. Vielleicht hatten sie gehofft, die Position der Stationsschwester zu bekommen. Und nun ist es einer Fremden angetragen worden. Wer weiß, wie sie schon über mich reden.

Aber sie schüttelte diese Gedanken ab. Das Gespräch mit Professor Winter lenkte sie ab. Später kam dann noch Oberarzt Dr. Mittler dazu, ein großer, blonder, ein wenig müde wirkender Mann, von dessen ausgleichender Ruhe ihr bereits Inge Stoll erzählt hatte.

Schließlich, als die Unterhaltung fast beendet war, kam dann auch noch die Stationsärztin Dr. Inge Stoll hinzu und strahlte Ellen an. Sie gaben sich die Hände wie alte gute Freundinnen, und irgendwie war das Auftauchen von Inge für Ellen ein Trost. Endlich jemand, den sie wenigstens schon etwas besser kannte als die anderen.

Aber trotzdem kam die Angst wieder, als sie dann allein war und sich sagte, dass es gar nicht so einfach sein würde, in einer so großen und modernen Abteilung immer das Richtige zu tun, immer zu wissen, was sie anordnen musste. Dieses Gewimmel von Schwestern kannte sie aus der Mühlberg-Klinik nicht. Aber wenn sie sich nur daran erinnerte, wie es zu ihrer eigenen Ausbildungszeit gewesen war, dann musste sie die Stationsschwester, bei der sie damals gelernt hatte, mit Respekt bewundern.

Nach der Unterhaltung mit Professor Winter ging sie dann zusammen mit Inge Stoll zu Schwester Else hinunter, die sie ja kannte. Schwester Else hatte damals im Prüfungsgremium gesessen, als sie ihre zweite Prüfung abgelegt hatte. Und weil von Schwester Else auch die Empfehlung gekommen war, hatte Ellen zwei Gründe mehr, um die alte Schwester nicht nur aufzusuchen, sondern sich auch herzlich bei ihr zu bedanken.

Schwester Else ging es schon viel besser, dennoch musste sie sich zwischen ihren Spaziergängen, die sie innerhalb des Hauses machte, immer wieder hinlegen. Treppensteigen war ihr verboten, möglichst sollte sie auch nicht Fahrstuhl fahren. Und vor allem durfte sie sich nicht aufregen.

„Wissen Sie“, sagte Schwester Else zu ihrem Besuch und zu Inge Stoll, dabei deutete sie zur Decke, „der Architekt hat die Geschosse nicht sonderlich gut isoliert. Ich höre genau an dem Getrappel oben, was los ist. Über mir ist das Zimmer 312, das ist ja unser Notfallzimmer, und dann die Rennerei auf dem Gang. Ob Sie es beide glauben oder nicht, ich weiß genau, was oben los ist. Jetzt ist es schon etwas besser geworden, aber die ersten Tage war es schlimm. Man liegt hier fest und darf nichts unternehmen, dabei ging es oben drunter und drüber. Wisst ihr, wenn ein und dasselbe Paar Schuhe innerhalb fünf Minuten zehnmal über dieselbe Stelle läuft, dann hat entweder einer seinen Grips nicht beisammen gehabt, oder die Organisation taugt nichts.“

„Das wird jetzt alles besser, Schwester Else“, meinte Inge Stoll und warf einen freundschaftlichen Blick auf Ellen.

Details

Seiten
160
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932881
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502769
Schlagworte
florian winter ängste nacht

Autor

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Titel: Dr. Florian Winter #20: Ängste der Nacht