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HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN #7: Der Hof über dem See

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Hof über dem See

Klappentext:

Roman:

HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN

 

Band 7

 

Der Hof über dem See

 

Ein Roman von Franz Mühlbauer

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: k.zenon/123rf.com

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Schon seit ihrer Kindheit lebt Andrea Schlagbauer auf dem einsamen Berghof. Ihre Großmutter Friederike bestimmt nach wie vor, wen sie einmal heiraten soll. Doch Andrea will das nicht so ohne weiteres akzeptieren. Als sie ihre Verwandten in Oberstdorf besucht, lernt sie Jackel Greiner kennen. Sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Als sie ihren Eltern und der Großmutter davon erzählt und ihnen Jackel als den zukünftigen Ehemann vorstellt, gibt es einen großen Streit. Niemals wird man einen mittellosen Fischer als Schwiegersohn in der Familie akzeptieren. Andrea verlässt daraufhin den Hof und zieht nach Oberstdorf. Weder sie, noch die Eltern und die Großmutter ahnen, dass das Schicksal schon bald wieder für ein gutes Ende sorgen wird. Und ausgerechnet Andreas Großmutter Friederike trägt dazu ganz viel bei ...

 

 

 

 

Roman:

»Ich möcht’ bloß mal wissen, was du daran findest, hier zu stehen, um hinunterzuschauen. Ich versteh’ dich nicht, wo wir noch so viel zu tun haben!« Das junge Mädchen, das so angesprochen wurde, blickte ein wenig unwillig zur Seite. Nein, dachte es, das kann man der Mutter nicht erklären. Man kann einfach nicht von der Sehnsucht sprechen, die einen packt, wenn man da hinunterschaut und den See sieht. Wie ein azurblauer Stein lag er im Kranz der hohen Berge.

Hübsch sah es aus, wenn wie jetzt die Sonne schien und man alles ganz klar und deutlich erkennen konnte.

Oft sah man auch unten die kleinen Boote, aber nicht die Menschen, die darin saßen. »Komm ins Haus, wir müssen das Abendessen richten!«

»Ja, ich komme sofort.«

Das Mädchen seufzte auf. Nein, das kann man nicht erzählen, sie würden nur bös mit mir sein, mit mir schimpfen oder wer weiß was. Aber ich möcht’ doch so gerne einmal fort. In die Ferne, und wenn es nur dort hinunter ist. Ist es denn ein Verbrechen, wenn man fort will? Wenn man angeblich nicht bodenständig ist?

Wieder seufzte Andrea auf. Hier konnte sie es tun. Jetzt, wo die Mutter gegangen war, da hörte sie niemand. Sie hätte schon arg laut schreien müssen, um die Leute in Holzkirchen aufzuschrecken. Warum mussten auch die Vorfahren so weit droben den Hof anlegen, dachte sie bitter. Warum nicht unten im Dorf, dann hätte ich mal kurz zur Nachbarin springen oder auf die Dorfstraße gehen können. Aber nein, hier oben musste es sein. Höher ging es wirklich nimmer; denn dann wäre man schon bald im Gebirge gelandet. Grad am Fuß mussten sie den Hof errichten.

Nicht mal der Name des Gebirges hatte die Ahnen abgeschreckt. Ja, gottlos müssen die damals gewesen sein. So die Natur herauszufordern!

Ja, das waren sie in der Tat gewesen, die Vorfahren der Andrea Schlagbauer. Aber damals, da hatte es so etwas wie eine Fehde im Dorf gegeben. Der Erbauer des Hofes, er war ein Fremder gewesen, war vom Eibsee hergekommen. Mit einem Karren, darauf hatte sein junges Weib gesessen, hochschwanger. Sie waren schweigsam gewesen und hatten nur gefragt, wo man Land kaufen könne.

Damals, vor gut hundertfünfzig Jahren, da hasste man alles Fremde, und man hätte sie vielleicht wieder vertrieben, wenn der Pfarrer nicht eingeschritten wäre. Er hatte von Gottes Gericht gesprochen, und gemeint, dass doch Platz genug da sei. Und man müsse doch an die arme Frau denken.

So hatte man ihnen denn dort droben den Platz verkauft. Er lag zwar in einer Mulde. Aber im Winter, da würden die Lawinen schon dafür sorgen, dass sich die Fremden hier nicht lange hielten. Man musste es nur erwarten können.

Der fremde Mann hatte eine Hütte gebaut, ganz allein. Und sie war fest und trotzte dem Wind und dem Schnee, und die Lawinen gingen über das Haus hinweg. Da hatten sie denn gestanden, die Dörfler und hatten lange Hälse gemacht. So war das also! Gott schützte ihn! Man hatte ihm einen Platz an der gefährlichsten Stelle verkauft. Bis jetzt waren dort immer die Lawinen heruntergekommen. Aber freundlich brauchte man trotzdem nicht zu ihnen zu sein. Das konnte noch nicht einmal der Pfarrer bewerkstelligen.

Als man dann noch sah, wie fleißig der fremde Mann da droben war, wie zäh er der Natur alles abrang, und wie von Jahr zu Jahr der Hof größer und schöner wurde, ja, da wurden sie noch verschlossener gegen ihn. Die Frau gebar neun Kinder. Fünf Söhne und vier Töchter. Sie schafften auf dem Hof, dass es eine Freude war. Aber wenn jeweils die Zeit kam, wo der Älteste heiratete, so gingen die meisten in die Fremde und kamen fast nie mehr wieder.

Überhaupt holte sich der Hoferbe auch immer eine Frau von unten, aus Oberstdorf oder auch Sonthofen. Sie blieben für sich und waren recht stolz.

Bis heute war es so geblieben. Nur etwas hatte sich verändert in letzter Zeit. Die letzte Bäuerin auf Schlagming, das war die alte Friederike, die Großmutter der jungen Andrea. Sie hielt noch immer die Zügel in der Hand. Und das musste sie auch wohl; denn ihr Sohn Karl, der Vater Andreas, der war nicht so beschlagen, und er war ganz froh, dass die Mutter den Hof noch führte, obwohl sie jetzt doch nicht mehr so konnte wie früher. Die meiste Zeit saß sie hinter dem Ofen und strickte, und manchmal hütete sie auch für Wochen das Bett.

Die alte Friederike hatte fünf Söhne geboren. Vier davon waren, wie es üblich war, in die Fremde gezogen. Davon hatte drei der Krieg geschluckt, und einer war dann über den großen Teich in das große fremde Land Amerika gefahren.

Damals war wohl viel Ärger auf dem Hof gewesen. Die Leute wussten nichts Genaues, aber sie redeten darüber. Die Friederike hatte das Gesetz brechen und nicht dem Ältesten den Hof geben wollen. Eben nicht diesem Karl, sondern dem Ludwig, das war der Zweite und der Gescheitere. Aber ihr Mann hatte es nicht zugelassen, und es war recht bös zugegangen.

Friederike hatte nicht aufgegeben, und bestimmt wäre es auch nach ihrem Kopf gegangen, wenn es dem Ludwig nicht zu viel geworden wäre. Und so hatte er sich eines Nachts heimlich aufgemacht. Ein Jahr später erhielt man dann die Todesnachricht, eine amtliche sogar. So war denn der Karl Hofbesitzer geworden, ohne die anderen Brüder auszahlen zu müssen. Ja, da hatte sie es dann so hinnehmen müssen. Sie hatte zwar noch dafür gesorgt, dass er sich eine anständige Frau nahm. Das war die Ida, und sie kam aus Oberstdorf. Sie waren sogar weitläufig verwandt. Diese Ida war ein starkes Geschöpf, und arbeiten konnte sie wie ein Pferd. Auf diese junge Bäuerin setzte die alte Friederike all ihre Hoffnung. Aber sie sollte sich auch hier irren. Sie war nicht viel klüger als ihr Mann und was noch viel schlimmer war, sie bekam keinen Buben. Nur ein Mädchen, und das auch erst nach zehn Jahren Ehe.

Weil Friederike selbst die Frau für den Sohn ausgesucht hatte, so konnte sie die Schuld nicht auf andere abwälzen, und so trug sie auch dies.

Mit den Jahren versöhnte sie sich aber mit dem Herrgott. Zumal sie merkte, wie aufgeweckt und gescheit die Andrea war. Oha ja und ein Mundwerk besaß sie auch, Spaß konnte sie manchen und hübsch war sie obendrein. An ihr war alles so, wie es sein sollte.

Sie war der Liebling der Großmutter. Und wenn der Vater etwas von dieser alten Frau wollte, so schickte er die Tochter, dass diese bitten musste.

Andrea liebte die Großmutter und sie liebte auch die Eltern, aber sie war nicht glücklich. Und wenn sie dann von diesen dreien auch noch täglich hörte, wie glücklich sie doch sein müsse, weil sie diesen herrlichen Hof einmal erben würde, und man doch wirklich alles für sie tun würde, dann seufzte sie nur leise vor sich hin.

Seit sie die Schule hinter sich gebracht hatte, arbeitete sie nun daheim auf dem Hof. In all den Jahren war sie noch nicht einmal bis Bad Hindelang oder gar Mittenwald gekommen. Holzkirchen und der Hof, mehr gab es nicht. Und jetzt war sie zweiundzwanzig Jahre alt und die Großmutter hielt abermals Ausschau nach einem richtigen Bauern für Schlagming.

Ihr Lieblingssatz war: »Wenn du verheiratet bist, dann kann ich in Frieden sterben. Ich weiß, dann wird alles gut.«

Karl, ihr Sohn, dachte dann immer: Wenn du erst mal tot bist, dann bin ich endlich Herr auf Schlagming, und dann kann ich endlich tun und lassen, was ich will. Dann brauch’ ich niemanden mehr zu fragen.

Friederike fragte die Enkelin immer wieder: »Hast noch keinen kennengelernt, Andrea, ich mein, einen jungen Bauernsohn, der dir gefällt? Ja, wenn ich jünger wär’ und besser auf den Beinen, dann würd’ ich dich mitnehmen nach Oberstdorf, zu den alten Bekannten und Verwandten, da würd’ ich schon einen Mann für dich finden.«

Andrea sagte dann lachend: »Großmutter, die Zeiten haben sich geändert, ich such’ mir den Mann selbst, hörst? Ich nehm’ keinen ausgesuchten. Er muss mir gefallen, mir Großmutter, und überhaupt ...«

»Was überhaupt?«

Aber dann schwieg sie hastig. Sie wollte der Alten nicht sagen, wenn du erst einmal tot bist, dann geh’ ich für eine Weile fort. Bevor ich mich verheirate, will ich erst einmal was erleben und andere Leute kennenlernen.

Nein, das konnte sie der Alten wirklich nicht sagen, dass hieße ja, sie würde auf deren Tod warten. Aber Andrea wusste ganz genau, wenn die Großmutter nicht mehr lebte, dann hatte sie leichtes Spiel. Die Eltern beschwatzen, das war leicht.

Aber die alte Friederike war zäh und dachte gar nicht daran, sich mit den Füßen zuerst aus dem Haus tragen zu lassen.

Im Winter hatte sie nicht mal Zeit, hinunter nach Holzkirchen zu gehen, um auf dem See Schlittschuh zu laufen, das hieß, wenn es überhaupt kalt genug und der See zugefroren war. So kleine Freuden musste sie sich sogar verkneifen.

Großmutter und Eltern wollten, dass sie fleißig und sparsam war und ihnen gehorchte. Und wenn sie dann einmal aufmuckte, dann hieß es gleich, was willst du denn? Andere Mädchen haben es nicht so gut, die bekommen keinen so herrlichen Hof wie du. Die haben einen Bruder, der alles einmal erbt.

Andrea war auf diesen nicht geborenen Bruder schrecklich wütend. Wenn er nämlich dagewesen wäre, dann hätte sie nach der Schulzeit von daheim weggehen und arbeiten können, als Stubenmädchen oder Bedienung; denn fesch sah sie ja aus, mit dem blonden Haar und den wasserhellen Augen.

Ach ja, das Leben konnte schon schwierig sein, besonders wenn man so jung war, das Blut heiß durch die Adern floss und man ein Verlangen in der Brust spürte.

Sie freute sich ja auch, dass sie alles einmal bekam, und sie liebte auch dieses Fleckchen Erde, den Hof und was dazugehörte. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, einmal woanders zu leben, nicht mehr den See aus dieser Höhe bewundern zu können. Später, später!

Sie wollte ja nicht zuviel verlangen, und sie wollte ja auch nach gemessener Zeit heiraten und all das! Aber zuerst wollte sie ein wenig Freiheit genießen. Sie hatten doch Geld genug, warum durfte sie zum Beispiel nicht den Führerschein machen? Dann hätte sie schnell eben irgendwohin fahren können und wäre nach ein paar Stunden wieder daheim gewesen. Und dann immer diese Tracht tragen zu müssen. Die Großmutter sagte stets: »Das ist anständig, gut und hält lang.«

Sie musste es ja wohl wissen; denn sie hatte, so lange sie lebte, noch nie andere Dinge getragen. Sie hatte ein Sonntagsgewand und eins für den Alltag. Und erst dann, wenn diese ganz dünn und mürbe geworden waren, wurde ein neues gekauft.

Andrea hockte auf dem Stein und hatte die Beine mit den Armen umschlungen. Sie grübelte darüber nach, ob die Großmutter wohl auch als junges Mädchen schon so gewesen war. Die Mutter seltsamerweise, die viel jünger war, die konnte sie sich nicht aufbegehrend vorstellen. Mutter Ida, die war so seltsam, so starr. Man musste schon viel Geduld haben, bis man an ihr ein Lächeln sehen konnte.

Sie hatte früher auch in Oberstdorf gelebt. Andrea hatte sie oft gefragt, ob es sie nicht gereut hätte, hier in die Einsamkeit zu ziehen. Aber sie hatte sie nur sinnend angesehen und kurz angebunden gemeint:

»Es ist das Leben, und da fragt man nicht lang. Und jetzt mach deine Arbeit, die Wäsche muss endlich auf die Leine.«

Andrea ging mit ihren Gedanken so weit, dass sie schon manchmal glaubte, sie sei kein echtes Kind, sondern ein Findelkind. Sie war so anders, so schrecklich anders. Und wenn die Großmutter nicht gewesen wäre, dann hätte sie es vielleicht schon lange nicht mehr ausgehalten und wäre davongelaufen.

 

*

 

Vom Haus her rief die Mutter.

Seufzend erhob sie sich und ging den schmalen Pfad zum Haus zurück. Jetzt in der goldenen Abendsonne lag der stattliche Hof leuchtend vor ihr. Es war schon ein schöner Anblick, diese Wuchtigkeit und Größe. Man hatte schon damals für die Ewigkeit gebaut. Es wurde nichts erneuert, sondern immer nur erweitert. Auch drinnen konnte man von Stube zu Stube wandern und wusste ganz genau, welche Generation etwas neu gemacht hatte.

Sie liebte dieses Haus mit den wertvollen Erinnerungen und sie konnte sogar stolz darauf sein. Denn in Holzkirchen konnte man lange suchen, bis man ein so altes und schönes Haus fand.

Vor Jahren waren einmal Herren aus München hier gewesen. Die hatten sich das ganze Haus von allen Seiten besehen und dann der Friederike einen Vorschlag gemacht. Für viel Geld hatte man ihr das Haus abkaufen wollen.

»Ich verlass nie und nimmer meinen Hof«, hatte sie böse gesagt. »Wie können Sie nur denken, dass ich hier fortgehe.«

»Aber das brauchen Sie gar nicht, gute Frau. Wir haben doch gesagt, wir möchten das Haus kaufen und ein Museum daraus machen. Wir bauen es ab und bauen es auf einer anderen Stelle wieder auf. Für das Geld, das sie dann von uns bekommen, da können Sie sich einen neuen noch schöneren und bequemeren Hof anschaffen. Mit Heizung und vielen Bequemlichkeiten.«

Friederike hatte sie angestarrt. Ein Haus abreißen und woanders wieder aufbauen? Hatte man schon solchen Unsinn gehört?

»Nein, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Der Hof gehört den Schlagbauers und wird von Generation zu Generation vererbt. Ich habe auch nicht das Recht dazu; denn ich habe nur eingeheiratet.«

Die feinen Herren hatten viele Wochen die Friederike umzustimmen versucht. Dann, als sie merkten, dass die Alte starrköpfig blieb, hatte man sich an den Bauern gewandt. Karl war ihnen nicht gewachsen, außerdem konnte er die ganze Sache nicht überblicken. Die Herren versprachen ihm goldene Berge und beschrieben ihm eine rosige Zukunft.

Als die feirnen Herren glaubten, endlich am Ziel zu sein, da blickte der Karl sie treuherzig an und meinte: »Ich bin dafür, ich hab nix dagegen.«

»So werden Sie die Verträge unterschreiben? Wir bringen morgen einen Anwalt mit.«

»Ja, ich mein, wenn die Mutter es will.«

»Was soll das heißen?«

Ging jetzt vielleicht alles wieder von vorn los?

»Die Mutter hat den Hof noch nicht überschrieben. Ich kann da nix machen.«

Da hatten sie ihre Sachen gepackt und waren fortgefahren. Andrea war damals so um die zehn Jahre alt gewesen und hatte sehr wohl gewusst, worum es ging. Und sie hatte damals auf seiten der Großmutter gestanden.

 

*

 

Andrea betrat die geräumige Küche. Alles war hier groß und weit angelegt. Der erste Erbauer hatte ja auch neun Kinder gehabt. Und die folgenden Bewohner nicht viel weniger. Und so hatte man stets viel Platz benötigt. Aber jetzt, für diese vier Personen, da war es zu groß.

»Ich möcht’ bloß mal wissen, was du da draußen zu tun hast. So lang’ auf derselben Stelle zu hocken, während ich mich allein ums Essen kümmern muss«, warf ihr die Mutter vor.

»Ich schau mir den See an«, sagte Andrea mit ihrer hellen Stimme.

Ida maß sie mit einem kurzen Blick.

»Schnickschnack, wozu soll das denn gut sein?«

Bei ihr musste alles einen praktischen Sinn haben. Und die Mutter war es auch, die keine Bücher im Haus duldete. Nur die Zeitung und das Kirchenblatt.

»Wozu Bücher?«, hatte sie sich ereifert. »Man liest sie, stellt sie auf das Brett und dann werden sie vergessen. Dafür das gute Geld ausgeben?«

Ida konnte nicht verstehen, dass man ein Buch immer wieder einmal zur Hand nahm.

Andrea nahm das Tablett und sagte gehorsam: »Ich bring’ es der Großmutter hinein.«

Die litt mal wieder unter der Gicht und hütete das Bett.

So stieg Andrea die breit geschwungene geschnitzte Treppe hinauf und dachte, wenn man eine Pension aus diesem Haus machen würde, das wäre schön, dann hätte man alle Tage etwas anderes zu erleben. Es kämen immerzu neue Menschen, mit denen man sich unterhalten könnte. Man brauchte ihnen ja nur Frühstück zu bieten. Und dann würden auch die vielen Zimmer wieder bewohnt sein. Von dem guten Geld ganz abgesehen. Und dann bräuchte man sich auch nicht mehr so abzurackern.

Es kam immer wieder vor, dass Urlauber hier vorbeispazierten, von der wunderschönen Aussicht angetan waren und gleich fragten, ob man denn hier nicht wohnen könne. Sie alle hatten ja ein Auto und konnten schnell fortkommen, wenn es ihnen hier oben zu langweilig wurde.

Aber davon wollte Ida nichts wissen. Sie hing an dem Herkömmlichen. Andrea seufzte und stieß die Tür auf.

»Na, was ist dir denn jetzt schon wieder über die Leber gelaufen?«, rief die Großmutter, die den Seufzer noch vernommen hatte.

Andrea stellte das Tablett auf das kleine Tischchen und rückte dieses nun näher an das Bett heran. Jetzt konnte die Großmutter bequem essen.

»Sag mal, Großmutter, warum muss eigentlich immer alles so sein und bleiben, wie es ist?«

»Weil man gefunden hat, das es gut und richtig ist.«

»Aber die Zeiten ändern sich doch, und da kommt es doch vor, dass man sich auch ändern muss.«

»Natürlich! Zu meiner Zeit gab es noch keine Waschmaschinen, und Licht hatten wir hier oben auch nicht, und keinen Kühlschrank, wir wussten noch nicht einmal, dass so etwas überhaupt existierte.«

»Siehst du, und als du gemerkt hast, wie praktisch es ist, hast du es gekauft.«

»Ja, und was möchtest du jetzt haben?«

»Ein Auto zum Beispiel. Hast du noch nie daran gedacht, dass ich dich dann herumfahren könnte?«

Die alte Friederike blickte das junge Mädchen über den Brillenrand hinweg an.

»Du willst ein Auto haben?«

»Ja, und du weißt ganz genau, dass wir deswegen nicht verhungern müssen.«

»Aber wenn du ein Auto hast, dann wissen wir ja nie, wo du dich aufhältst. Nein, das sind Unsitten. Für ein junges Mädchen gehört es sich, dass es daheim bei den Eltern bleibt. Wenn du verheiratet bist, dann könnt ihr euch ein Auto zulegen.«

»Kannst du mir mal sagen, wie ich einen Mann finden soll, wenn ich nie von hier oben fortkomme?«

Die Großmutter lachte. »Das ergibt sich doch. Du gehst doch zur Kirchweih hinunter und wenn Almabtrieb ist. Du gehst doch auch einkaufen, Kind. Da bist du doch unten.«

»Und du meinst, da läuft mir dann mein Zukünftiger über den Weg?«

»Freilich. Früher hatten die Burschen Augen im Kopf und sahen sehr wohl, welches Mädel hübsch war, und zudem wissen sie auch, dass du eine gute Partie bist. Also, du kannst mir wirklich nicht weismachen, dass die Männer dich meiden, Andrea.«

»Tun sie ja auch nicht«, sagte sie mürrisch und machte ein abweisendes Gesicht. »Das ist es ja eben.«

»Was?«, fragte Friederike.

»Dass sie es wissen, das mit dem Hof. Ich weiß jetzt also nicht, ob sie mich mögen oder mein Geld.«

»Tja, das ist so eine Sache, Kind. Aber hör mal, das gibt dir auch das Recht, dir den zu nehmen, den du willst, auch wenn er vielleicht nicht mag.«

»Ich kenne keinen in Holzkirchen, den ich haben möcht’. Nie und nimmer nehm’ ich von den langweiligen Burschen einen zum Mann, Großmutter. Da könnt ihr lange warten. Herrje, die sind ja ...« Sie brach abrupt ab.

»Wie deine Eltern, wolltest du wohl sagen?«

»Großmutter, bitte!«

Sie gab dem jungen Mädchen einen Klaps auf die Hand. »Ich versteh’ dich schon, Andrea, mich bringen sie auch oft zur Verzweiflung!«

»Wirklich, Großmutter?«

»Ach, du hättest mal meine anderen Kinder sehen müssen, der Ludwig, mein Zweiter, der hätte sich von mir nichts bieten lassen. Der wäre ein rechter Bauer gewesen und dem hätte ich auch gleich alles überschrieben. Ach ja ...« Sie dachte wieder an die Vergangenheit.

»Großmutter?«, fragte Andrea ganz schüchtern.

»Ja?« Sie schob das Tablett zur Seite. »Nimm es fort, ich mag nicht mehr.«

»Großmutter, hast du deinen Mann eigentlich je geliebt?«

»Was ist das denn wieder für eine dumme Frage?«

»Du weichst mir aus, Großmutter. Ich möchte wissen, ob du ihn wirklich geliebt hast.«

»Du stellst wirklich unsinnige Fragen, Kind, geh jetzt. Ich bin müde.«

Andrea war aber weder wie der Vater, der auch noch mit seinen fünfzig Jahren Angst vor der Mutter hatte, noch war sie wie ihre Mutter Ida. Sie blieb sitzen und blickte die Großmutter mit ihren großen blauen Augen fragend an.

»Du hast ihn also nie geliebt«, sagte sie munter.

»Wie kannst du das behaupten, Kind, ich hab nix gesagt«, keifte die Großmutter zurück.

»Sonst würdest du nicht Ausreden suchen.«

Friederike lachte herzlich auf. Dann meinte sie: »Weißt, er ist schon so lang’ tot, ich kann mich schon gar nicht mehr an ihn erinnern.«

»Du hast also nie gelernt, was Liebe ist, Großmutter? Wie schrecklich.«

Das alte runzelige Gesicht bekam einen weichen Ausdruck. »Oh doch, ich hab es erlebt, und ich weiß, wie einem dann zumute ist. Und Kind, es ist schön, weißt du, so erhaben. Und wenn man es nicht erlebt hat, dann hat es sich einfach nicht gelohnt zu leben.«

»Du hast wirklich geliebt?«

»Ja, und wie du dir vielleicht auch denken kannst, war er arm wie eine Kirchenmaus, aber jung und hübsch. Und er hat mir sogar Gedichte geschrieben, und weißt du was?«

»Ja, Großmutter?«

»Wir haben uns viele Male geküsst, obwohl das damals eine sehr große Sünde war.«

»Und warum hast du ihn nicht geheiratet, Großmutter?«

»Weil meine Eltern es schon beschlossen hatten, dass ich den Erben von Schlagming zum Mann bekomme.«

»Warum hast du dich nicht gewehrt? «

»Daran haben wir noch nicht mal gedacht, Kind; denn es war eine Todsünde, sich gegen die Eltern zu stellen. Uns wurde immer gesagt, das, was die Eltern beschließen, sei gut. Sie wollten nur stets das Beste und wir mussten uns fügen. Und außerdem, sie hätten mich enterbt, und womit hätte ich dann meine Liebe erhalten sollen?«

»Aber bestimmt hat er gearbeitet. «

»Ja.« Sie schloss die Augen. Ferne Zeiten stiegen vor ihr auf. Andrea musterte das Gesicht und sie sah auch jetzt noch, dass einstmals die Großmutter sehr schön gewesen war. Und sie stellte sich diese alte Frau jetzt als ganz junge vor, wie man sie hierher brachte, mit blutendem Herzen, immer an den Liebsten denkend, den sie geküsst hatte. Sie hatte die Süße der Liebe kennengelernt, und musste jetzt hier oben leben, Kinder gebären von einem ungeliebten Mann. Sich hier in der Einsamkeit lebendig begraben lassen. In ihrem ganzen Leben war sie dann nur noch einmal nach Oberstdorf gekommen, als die Mutter auf dem Totenbett lag.

Andrea hatte sich noch nie so sehr mit der Großmutter befasst. Und jetzt hatte sie Mitleid mit der alten Frau.

»Hast du ihn nie wiedergesehen?«, fragte sie leise.

»Doch - einmal. Er ist heraufgekommen. Er war ein fleißiger Bursche, und er hatte sich eine kleine Schusterwerkstatt erarbeitet. Er war geschickt und hatte Ideen. Damals, weißt, da fing es an, mit den Reichen zuerst, die kamen nach Oberstdorf, wegen der guten Luft, zur Kur, wie sie es nannten, und dadurch machte er sein Geld. Er kam zu mir und beschwor mich, meinen Mann zu verlassen und mit ihm zu gehen. Er liebte mich noch immer.«

»Und?«

»Ich hatte schon den Karl, und ...« Wieder sprach sie nicht weiter.

»Wärst du nicht glücklicher geworden, Großmutter? Ich meine, nach einer gewissen Zeit hättest du es vergessen. Wenn man liebt!«

»Neun Monate später wurde dann der Ludwig geboren«, sagte sie kurz angebunden.

Andrea zuckte unwillkürlich zusammen. So seltsam hatte sie das gesagt. Andrea fiel es jetzt auf, dass die Großmutter all die Jahre nur immer von diesem einen Kind gesprochen hatte. Ludwig war ihr Liebling gewesen, ihn hatte sie über alles geliebt. Und er sei so anders gewesen als die anderen Kinder. Selbst Karl sagte das oft von seinem Bruder. Ludwig solle der Sonnenschein der Familie gewesen sein. Er sei so geschickt mit seinen Händen und so klug gewesen.

Andrea blickte die alte Frau aufmerksam an. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Ludwig war das Kind ihrer Liebe! Mein Gott, dachte Andrea betroffen. Mein Gott!

»Geh jetzt, ich bin müde!«

Sie erhob sich sofort.

»Ja, Großmutter.«

Auf dem Flur dachte sie: Jetzt weiß ich um das Geheimnis. Ich habe doch die ganze Zeit gespürt, sie ist anders als die anderen der Familie. So wie man mir sie geschildert hat. Großvater musste auch wortkarg und lieblos gewesen sein. Nur darauf besessen, dass der Hof noch größer und prachtvoller wurde. Geizig war er gewesen und hatte seiner jungen Frau kaum etwas Freude gegönnt.

Ja, dachte sie inbrünstig, Großmama versteht mich. Sie hat ein weiches Herz. Aber kann sie mir noch helfen? Jetzt mit ihren siebzig Jahren? Ist sie dazu noch in der Lage?

Alle sprechen sie davon, dass sie es nicht mehr lange machen wird. Selbst der Doktor, der einmal im Monat heraufkommt und sie untersucht, hat es neulich gesagt.

»Das Herz - sie hat einfach zu viel und zu schwer gearbeitet. Der Körper ist vollkommen aufgebraucht. Jetzt rächt sich das eben.«

Was wusste er vom Großvater? Andrea fühlte tiefes Mitleid mit der alten Frau. Für einen kurzen Augenblick stellte sie ihren eigenen Wunsch zurück. Inbrünstig wünschte sie sich, sie könne der alten Frau noch eine Freude machen. Was war es denn, was ihr wirklich Freude machte?

Im Grunde genommen wusste sie so wenig von der Großmutter. Wie sie auch nicht die geheimen Wünsche der Eltern kannte. Man lebte hier wortkarg und war stets darauf bedacht, alles zu tun, was am Tag anfiel, und auch die Gesetze einzuhalten. Gesetze, die Familientradition waren.

Als sie später in ihre eigene Kammer ging, blickte sie noch einmal aus dem Fenster. Aber jetzt konnte sie den Bergsee nicht mehr sehen. Nicht einmal das Dorf. Wenn sie die Lichter der Häuser von Holzkirchen sehen wollte, dann musste sie um den kleinen Berg herumgehen. Von ihrem Laubengang sah sie nur die Natur und sonst nichts.

An diesem Abend ahnte das junge Mädchen nicht, dass sich schon morgen alles ändern sollte. Da lag sie noch wach und grübelte über das Leben nach. Schon dachte sie, soll ich mir tatsächlich einen Burschen aus dem Dorf holen? Was hat die Großmutter gesagt, wenn du erst einmal verheiratet bist, dann kannst du all das tun, wonach dir der Sinn steht. Mit anderen Worten, sie war dann frei.

Aber da war wirklich kein Bursche, den sie auch nur ein kleines bisschen mochte. Sie waren ihrer Meinung nach alle langweilig und hatten keinen Sinn für Humor. Und den brauchte sie nun einmal. Sie wollte ihren zukünftigen Mann nicht nur wirklich lieben, sondern sie wollte sich auch mit ihm unterhalten können, einfach richtig verstehen.

»Nein«, sagte sie laut in die Kammer.hinein. »Ich will mich nicht opfern. Nichts, aber nichts wird mich daran hindern. Die Zeiten haben sich geändert. Ich werde mich niemals zwingen lassen. Nie!«

Irgendwie fühlte sie sich jetzt freier. Denn mitunter, wenn sie in die wasserhellen Augen der alten Großmutter blickte, dann war sie oft drauf und dran, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Und wenn Großmutter nun wünschte, sie solle sich schnellstens einen Mann suchen, bevor sie starb ...

Zum Glück übermannte sie der Schlaf, und sie träumte von einem jungen Mann. Und der war groß und hatte weißblonde Haare und Grübchen und lustige lachende Augen und eine Stupsnase und Sommersprossen, und eine freche Stimme hatte er!

Und er war verrückt nach ihr, Andrea Schlagbauer. Aber dann sah sie viel blaues Wasser. Der See verfolgte sie bis in ihre Träume.

 

*

 

Am Morgen konnte sie sich noch sehr gut daran erinnern und sie seufzte auf. So einen Mann! Wo sollte sie den bloß finden? Als Urlauber vielleicht? Ach nein, dachte sie schnell, einen Urlauber, den mag ich nicht.

Unten rief die Mutter.

»Andrea, aufstehen!«

»Ja, ich komme sofort!«

Es war noch nicht fünf Uhr. Sie mussten jeden Morgen so früh aufstehen, um die Kühe zu versorgen. Bald würden sie auf die Alm kommen, dann hatten sie es besser. Obwohl sie elektrisch gemolken wurden, nahm es doch sehr viel Zeit in Anspruch. Sie arbeiteten alle drei stumm vor sich hin und waren dann froh, als sie sich an den Tisch setzen konnten.

Andrea hatte gerade den Kaffee aufgebrüht, als draußen ein Auto vorfuhr. Das war so etwas Seltenes, dass sie gleich hinauslief. Denn Urlaubszeit war es noch nicht, und der Postbote kam erst am Nachmittag.

Sie kannte den Wagen auch nicht.

Doch wenig später erkannte sie den Mann der ausstieg, es war Onkel Albin. Der Mann von Tante Aloisia Prager. Sie lebten unten in Oberstdorf, und die Schwester ihrer Mutter führte eine kleine Pension. Die Pragers hatten keine Kinder. Der Onkel war als Kellner in einem Hotel angestellt.

»Grüß dich, Onkel«, sagte Andrea fröhlich. »Das ist aber hübsch, dass du uns besuchen kommst. Und so außer der Reihe. Wo hast denn die Tante gelassen?«

Der Onkel lachte und meinte: »Du scheinst dich ja wirklich zu freuen, Andrea. Da muss es ja arg langweilig hier sein.«

»Oh ja«, seufzte sie.

»Die Tante ist daheim. Und deswegen bin ich ja auch gekommen. Hab mir einen Tag freigenommen. Aber sag, wo sind deine Eltern? Ich muss mit ihnen reden.«

»Sie sind noch im Stall, aber sie werden jeden Augenblick fertig sein. Komm mit in die Küche, ich brüh’ gerade den Kaffee auf. Möchtest du mit uns frühstücken?«

»Da sag ich nicht nein.«

Wenig später kamen auch die Eltern und begrüßten den Gast. Schweigend aß man erst zu Ende. Hier fiel man nicht mit der Tür ins Haus. Für Andrea ging das alles viel zu langsam, und sie grübelte darüber nach, weswegen der Onkel wohl gekommen sei.

Endlich war man soweit. Sie räumten den Tisch ab und die beiden Männer steckten sich ihre Pfeifen an.

»Ja, da wird wohl bald das Vieh auf die Alm kommen, wie ich sehe.«

»Am Freitag geht’s los.«

»Das ist ja prächtig, da komm’ ich ja grad' richtig; denn ich möchte euch für eine kurze Zeit die Andrea entführen.«

»Was willst?«, fragte die Mutter erstaunt.

»Die Andrea, ob sie wohl Lust hat, für ein paar Wochen bei uns zu wohnen. Und wo doch das Vieh auf die Alm kommt, könnt ihr sie doch bestimmt für eine Weile entbehren, nicht wahr? Aloisia hat sich nämlich den Fuß gebrochen und kann nicht laufen. Wir haben schon das Haus voller Gäste, und es kommen noch mehr. Eine Aushilfskraft ist um diese Zeit überhaupt nicht zu bekommen. Ja, und da haben wir an die Andrea gedacht, und sie wollt’ doch schon immer mal nach Oberstdorf. Viel Arbeit ist das nicht, nur das Frühstück richten und die Stuben reinhalten. Aber einem flinken Mädchen geht das doch schnell von der Hand. Wir werden ihr dafür selbstverständlich einen Lohn zahlen.«

Andrea hielt die Luft an.

Am liebsten hätte sie vor lauter Freude einen Luftsprung gemacht. Aber da saß sie nun mit leuchtenden Augen und konnte es gar nicht glauben. Nach Oberstdorf, und das für eine Weile, Gott, so waren ihre Gebete doch erhört worden.

Aber da platzte die Mutter in ihre Träume hinein.

»Andrea, nimm das Tablett und bring’ es der Großmutter. Sie wartet bestimmt schon.«

»Ja«, sagte sie eilfertig und lief davon. Noch nie war sie so schnell die Stiege hinaufgelaufen wie in diesem Augenblick. Und recht ungestüm riss sie die Stubentür auf, so dass sich die Großmutter arg erschreckte.

Aber diese kam gar nicht zu Wort.

»Großmutter, Großmutter, ich geh nach Oberstdorf, hörst du, ich geh nach Oberstdorf.«

»Wie? Was?«

»Ja, zur Tante Aloisia, sie ist krank und braucht mich nötig, und ich soll ihre Gäste bedienen, weißt. Ist das nicht wundervoll?«

»So langweilig sind wir dir hier oben also, dass du dich so freuen kannst darüber?«

Andrea lachte sie an und meinte fröhlich: »Geh, Großmutter, du selbst warst doch auch als junges Mädchen unten, sag selbst, hättest du es hier oben ausgehalten?«

»Wenn ich ehrlich sein will, nein!«

»Ach, Großmutter, gestern noch war ich traurig, weil ich geglaubt hab, das Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern. Und jetzt?«

Friederike Schlagbauer starrte die Enkelin an. Spontan dachte sie, wenn sie geht, was hab ich dann? Dann ist der Frohsinn ganz fort und ich hab niemanden, mit dem ich mich unterhalten kann. Außerdem, ich könnt’ in der Zwischenzeit sterben, der Doktor hat es mir ja gesagt, wenn noch was zu regeln ist, dann sollt’ ich es bald machen.

Unwillkürlich lehnte sich das alte Herz gegen diesen Entschluss auf. Schon wollte sie rufen: »Wart, bis ich auf dem Gottesacker lieg, dann kannst fort. Wart doch noch die Zeit ab. Es wird ja nicht mehr lang sein.«

Doch dann sagte sie es doch nicht. Andrea war so glücklich, ihr Gesicht so strahlend und froh.

»So sehr sehnst dich also fort?«, fragte sie leise.

»Ach, Großmama, es ist doch nur für eine Weile, ja? Nur für ein paar Wochen. Aber ich bin mal fortgewesen, hab mal was anderes gesehen. Kannst du das denn nicht verstehen?«

Friederike schloss die Augen. Die Vergangenheit kam wieder hervor. Das Elternhaus, die Geschwister, die kleine Stadt, die damals noch nicht so repräsentativ gewesen war. Der Liebste! Wie sie gewandert waren, immer fröhlich. Immer waren sie viele junge Menschen gewesen. Hatten gemeinsam gesungen und gelacht, waren lustig und fidel gewesen. Ach ja, das waren so schöne Zeiten. So schön, dass sie ein ganzes Leben davon hatte zehren können. Und sie wusste, wenn es das nicht gegeben hätte, sie hätte es hier oben in der Einsamkeit, an der Seite eines ungeliebten Mannes nicht ausgehalten.

Sie wäre verdorrt und dahingestorben.

Und jetzt dachte sie an Andrea! Sie war ohne Geschwister aufgewachsen und immer allein unter Erwachsenen gewesen. Viel zu ernst für ihr Alter war sie. Gespielt hatte sie eigentlich nie wirklich. Und eine Freundin besaß sie auch nicht. Keine hatte Lust dazu, erst eine halbe Stunde anzusteigen, um eine Freundin zu besuchen.

Andrea bot sich jetzt die Möglichkeit, einmal aus dem Käfig auszufliegen. Sie war ja so bescheiden. Jede andere hätte vielleicht aufgemuckt, wäre störrisch gewesen. Andrea war ein liebes, gutes Ding.

Aber sie selbst war alt, würde es nicht mehr lange machen. Und sie liebte es sehr, dieses eine Enkelkind. Doch wenn sie Andrea jetzt verbot zu gehen, dann würde sich vielleicht nie mehr für sie die Möglichkeit ergeben, auszufliegen. Und wenn sie erst einmal verheiratet war, dann hatte sie für den Mann zu sorgen.

Alte Närrin, schalt sie sich selbst. Du hast so viel gehabt, mehr als andere Menschen, und jetzt gönnst du dem jungen Ding nicht mal das bisschen Freiheit. Denn wenn ich nicht mehr da bin, lassen die Ida und der Karl das Mädchen bestimmt nicht gehen. Die verstehen es ja nicht mal. Begreifen nicht, wie wild das Blut aufbegehren kann.

»Ich werde dir schreiben, Großmama, alles was ich seh’, davon werd’ ich dir schreiben, ja?«

Andrea umarmte die alte Frau stürmisch und drückte das frische Gesicht gegen das welke.

»Und vielleicht finde ich deinen Ludwig«, sagte sie lachend.

Friederike schob sie brüsk von sich.

»Was hast da gesagt?«

»Deinen Liebsten, Großmama, wohnt er nicht noch in Oberstdorf, hat er dort nicht gewohnt? «

»Du Närrin.«

»Warum nicht«, sagte sie lustig. »Ach Großmama, ich bin ja so glücklich. Kannst du mich verstehen? «

»Ja«, sagte sie bewegt. »Und wäre ich ein wenig jünger und nicht so klapprig auf den Beinen, weißt was, ich würd’ dich sogar begleiten, um aufzupassen, damit du keinen Unsinn machst.«

Da lachte Andrea hell auf.

»Ich werd’ brav sein, und ich verspreche dir, wenn ich heimkomme, dann will ich mich auch brav nach einem Ehemann umsehen. Das verspreche ich dir, Großmutter.«

»Na, das soll ein Wort sein. Dafür lass ich dich ziehen. So hab ich dann vielleicht noch das Glück und kann meinen Urenkel auf den Schoß nehmen.«

Andrea stand am Fenster und blickte auf ihren See, wie sie ihn bei sich nannte. Seine Oberfläche war heute wieder spiegelglatt, die Boote schienen alle noch keine Lust zu haben. Uber eine halbe Stunde Fußweg hinunter war es, wenn sie dorthin wollte. Und herauf dauerte es noch viel länger.

»Schick mir mal deine Eltern her. Ich muss mit ihnen reden, Kind.«

Leichtfüßig sprang das Mädchen die Treppe hinunter und öffnete die Küchentür.

»Ihr sollt zur Großmutter kommen, Vater und Mutter.«

Sie merkte gar nicht, dass hier eine sehr gedrückte Stimmung war und dass man geschwiegen hatte, als sie so stürmisch eingetreten war.

»Wir kommen gleich wieder«, sagte Ida zum Schwager und ging mit dem Vater hinaus.

Onkel Albin blickte das junge frische Mädchen an und lächelte unwillkürlich. Was hätte er darum gegeben, selbst eine so blühende Tochter zu besitzen. Aber das Schicksal hatte es anders gewollt.

»Du musst mir auf der Fahrt alles erzählen, damit ich gleich Bescheid weiß«, sagte sie vertrauensselig.

»Aus der Fahrt wird leider nix werden, Andrea. Schad, ich hab mich auch so darauf gefreut. Tja, kann man halt nix machen, liebes Kind.«

»Nix werden?«, stammelte die verwirrt. »Aber eben hast doch selbst gesagt, ich bin eingeladen.«

»Das bist ja auch noch immer. Aber deine Eltern wollen dich nicht gehen lassen.«

Für einen Augenblick verdunkelten sich die schönen Augen. An diese Möglichkeit hatte sie keine Sekunde gedacht.

»Nicht gehen lassen?«, flüsterte sie.

»Ja, sie halten es für besser, wenn du nicht mitkommst. Sie sagen, du kennst die Stadt nicht, würdest dich dort nicht wohlfühlen. Und so haben sie es nicht erlaubt.«

Die blassen Wangen färbten sich dunkelrot. Ihre Augen blitzten auf.

»Halten sie mich für ein Kind?«, fuhr sie böse auf. »Soll ich ewig am Schürzenzipfel hängen? Ja, wissen sie denn gar nicht, dass ich schon zweiundzwanzig Jahre alt bin? Längst volljährig, Onkel Albin! Dass ich noch nicht fort bin, das verdanken sie doch nur der Großmutter. Jedes Mädchen geht mal für eine Weile von daheim fort. Und bloß weil wir keinen Erben haben, bloß deswegen, und wegen Großmama bin ich doch geblieben. Und jetzt gönnen sie mir nicht einmal diese wenigen Wochen?«

Der Onkel war über diesen Ausbruch ein wenig erschrocken und sagte schnell: »Aber sie meinen es doch nur gut mit dir, Kind, sie wollen nur dein Bestes.«

»Nein«, lehnte sie sich auf. »Nein, ich soll nur arbeiten und nicht denken. Ich soll wie eine Magd hier alles tun, und wenn ich mal nicht mehr will, dann heißt es gleich, was willst du denn, du kriegst doch mal alles, also tu jetzt, was wir dir sagen!«

Oha, dachte der Onkel, so friedlich geht es hier also gar nicht zu. Und die haben mir eben gesagt, Andrea sei so sanft und ein scheues Mädchen. Es würde sich in der fremden Stadt nur verlieren. So ist also die Lage. Sie möchte schon fort, kein Wunder, ich hielte es hier auch nicht lange aus. Es ist wirklich zu bewundern, das junge Mädchen.

»Ich würd’ dich wirklich gern mitnehmen, deswegen bin ich ja gekommen, Andrea, aber wenn es deine Eltern nicht wollen ...«

Da reckte sie die Schultern und warf den Kopf zurück.

»Ich komme mit«, sagte sie mit fester Stimme. »Onkel Albin, ich komme mit. Niemand kann mich zurückhalten. Und wenn sie dagegen sind, dann bleib ich noch länger fort. Dann such ich mir eine Arbeit in Oberstdorf, bei Gott, ich kann arbeiten und selbst für mich sorgen. Wenn sie mir das kleine bisschen Freiheit nicht mal gönnen, dann ...« Sie schluchzte vor sich hin. Das war noch nie dagewesen, dass sie sich gegen die Eltern stellen musste.

»Will die Großmutter dich denn ziehen lassen?«

Andrea blickte auf. In diesem Augenblick wurde ihr erst bewusst, dass die Großmutter weder ja noch nein gesagt hatte. In der Freude hatte sie das gar nicht bemerkt.

Sie sank in sich zusammen.

»Nein«, flüsterte sie, »ich lass es mir nicht gefallen, dass sie mich hier oben festhalten wollen, Onkel Albin! Ich bin doch jung, ich hab noch nix vom Leben gehabt, nix, nicht mal ein Auto gönnen sie mir. Dann könnt’ ich mal fort, wenn mir hier oben die Decke auf den Kopf fällt. Aber da haben sie auch Angst, weil sie nicht kontrollieren können, wo ich dann bin.

Einen Mann soll ich mir suchen, für die Wirtschaft. Kräftig muss er sein, ein Bauernsohn selbstverständlich, und natürlich muss er auch noch Geld mitbringen, das ist doch klar. Ob ich ihn auch lieb habe, das ist nicht wichtig, nur die ersten beiden Gründe sind wichtig. Ja, und dann muss ich natürlich auch Kinder kriegen. Erben, weißt, und Arbeitskräfte für später. Aber an mich, an mich denken sie da nicht.«

»Haben sie das in der Tat gesagt?«, fragte der Onkel verblüfft.

»Nicht nur einmal, viele Male«, sagte sie leise.

»Hast denn jetzt einen?«

Sie hob den Kopf und das Glitzern stahl sich wieder in die hübschen Augen.

»Weißt, das ist meine kleine Rache. Ich hab noch keinen und ich denk auch nicht daran, einen zu nehmen, den ich nicht wirklich lieb habe. Und das sag ich dir gleich, sollte ich wirklich einen kennenlernen, den ich liebe, wirklich richtig närrisch liebe, dann nehm ich ihn auch, und wenn es ein Urlauber sein sollte, und ich fort müsste. Ich lass mich nicht lebendig hier begraben!«

»Bist du so unglücklich hier oben?«, fragte er leise.

»Nein, ich liebe meine Heimat über alles, und auch unseren Hof. Aber ich will dir doch nur gesagt haben, sollt ich mal wirklich einen kennenlernen, und sie sind nicht damit einverstanden, dann nehm’ ich ihn trotzdem. Ich lass mich hier nicht einmauern, ich nehm’ nicht einfach einen Mann, bloß weil er den Eltern und der Großmutter recht ist, ich aber nicht glücklich mit ihm werden kann. So und jetzt geh’ ich hinauf und pack’ meine Sachen.«

»Oha«, murmelte der Onkel vor sich hin. »Das ist ja was. Wenn ich das gewusst hätte, dass ich in ein Wespennest greife, herrje, ich glaub’, dann war’ ich nicht hergekommen. Aber recht hat sie, die Andrea, und der Karl und die Ida, die sollten wirklich mehr Verständnis aufbringen. Ja, das sollten sie; denn sonst läuft ihnen das Mädel noch wirklich davon.«

 

*

 

Während also Andrea in die eigene Kammer lief, um ihre Sachen zu packen, saßen ihre Eltern bei der Großmutter in der Kammer und sprachen darüber.

Karl und Ida waren störrisch wie zwei Maulesel und brachten viele Gründe vor, warum sie die Andrea nicht gehen lassen konnten.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932874
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502768
Schlagworte
holzkirchner g´schichten

Autor

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Titel: HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN #7: Der Hof über dem See