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Sie bezahlten ihn mit Blei

2019 140 Seiten

Leseprobe

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Sie bezahlten ihn mit Blei

Copyright

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Sie bezahlten ihn mit Blei

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 141 Taschenbuchseiten.

 

Acht lange Jahre ist es her, dass Dan Shafford und sein Vater vom eigenen Land vertrieben wurden. Als Dan zurückkommt, um die Ranch zurückzukaufen, hat sich die Lage grundlegend geändert, denn mittlerweile gibt es Siedler dort. Aber jemand versucht, das gesamte Land zu einem Spottpreis zu bekommen, und er geht dabei über Leichen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Es raschelte leise, als Wade Bosworth die Decken zurückschlug und sich aufsetzte. Die Dunkelheit im Innern des Planwagens war undurchdringlich. Es roch nach Leder und frischem Holz. Bosworths tastende Finger berührten den kühlen glatten Schaft des schweren Spencer-Gewehrs, und ein kurzes Gefühl der Beruhigung durchströmte ihn.

An den unregelmäßigen Atemzügen an der anderen Wagenseite erkannte er, dass seine Frau ebenfalls aufgewacht war. Während er noch den Kopf schief legte und angestrengt lauschte, trieb ihr angespanntes Flüstern auf ihn zu. „Hast du es auch gehört, Wade?“

Er nickte, obwohl sie diese Bewegung in der Finsternis nicht sehen konnte.

„Ich dachte an Hufschläge!“, murmelte er. „Jetzt ist nichts mehr zu hören.“

„Vielleicht war es irgendein Tier.“

Bosworth antwortete nicht. Er packte das Spencer-Gewehr und kroch auf die Vorderseite des Wagens zu. Sein massiger Körper bewegte sich mit einer erstaunlichen Geschmeidigkeit, einer Geschmeidigkeit, die er sich durch ein langes, hartes Leben in einem rauen Land erworben hatte. Hinter sich hörte Bosworth wieder die Stimme seiner Frau.

„Sei vorsichtig, Wade! Denk daran, was vorgestern der Kenton-Familie passiert ist.“

„Sei unbesorgt, Mabel, ich hab’ es nicht vergessen!“ Grimm schwang in seinen heiseren Worten. Wie viele andere Siedler auch, waren die Kentons auf dieses Land gekommen, um sich hier ihre Zukunft aufzubauen. Und dann waren vorgestern diese unbekannten maskierten Banditen aufgetaucht und hatten den Kentons übel mitgespielt. Das war in der letzten Zeit nicht der erste Fall, und eigentlich musste jeder der Siedler damit rechnen, nachts eine unliebsame Überraschung zu erleben.

Bosworth stieß gegen die vordere Bordwand. Er richtete sich geduckt auf und schlug die Leinwandklappe hoch. Mondlicht überflutete sein breites vollbärtiges Gesicht. Der Gewehrlauf glänzte wie mit einer Silberschicht überzogen. Draußen war alles still. Die Luft war warm und voll vom Geruch des blühenden Salbeis. Die Scheibe des Vollmondes stand hoch über den Hügeln. Ein Meer von Sternen funkelte. Bosworth kletterte über das Sitzbrett. Sein Blick fiel auf die beiden Gäule im Seilcorral. Sie ruhten nicht. Sie standen dicht beieinander, und im hellen Mondschein war deutlich zu erkennen, dass ihre Ohren fortwährend nervös zuckten. Misstrauen stieg in Bosworth auf.

„Was gibt es, Wade?“, fragte seine Frau drinnen im Wagen.

Bosworth hörte Decken rascheln, leises Schlurfen kam über die Bodenbretter auf ihn zu.

„Bleib drinnen, Mabel!“, flüsterte Bosworth hastig. Dann sprang er vom Trittbrett auf den zertrampelten Grasboden hinab.

Im nächsten Moment fühlte er den Druck einer Coltmündung in der Seite.

„Keine Bewegung!“, sagte eine kalte Stimme.

Wade Bosworth erstarrte. Seine Kehle wurde plötzlich eng.

Im Wagen fragte seine Frau: „Wade, hast du mich gerufen? Was ist, Wade?“

Bosworth konnte nicht sprechen. Angst und Wut vermischten sich in ihm.

Der Mann mit dem Colt befahl: „Lass das Gewehr fallen!“

Bosworths Gedanken jagten einander. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er fühlte, wie sich der Druck der Mündung verstärkte, und ließ mit einem tiefen Aufseufzen die schwere Spencer fallen.

In der Planendachöffnung tauchte das Gesicht der Frau auf, ein besorgtes schmales Gesicht, in das die Sorgen und Nöte eines harten Lebens ihre Runen gezeichnet hatten. Das glatt zurückgekämmte Haar, das im Nacken zu einem Knoten verflochten war, schien wie von Silberfäden durchwirkt. Mabel Bosworth hatte ein fransenbesetztes Tuch um die Schultern geschlungen. Ihr Blick suchte ihren Mann, und ihre Augen weiteten sich entsetzt, als sie merkte, was geschehen war.

„Bleiben Sie nur ganz ruhig, Madam!“, sagte der Bandit. „Dann geschieht Ihrem Mann nichts.“

„Wade!“, stieß sie hervor und unterdrückte einen Schrei.

„Ruhig, Mabel, nur ruhig!“, brummte Bosworth. Er hatte die erste Überraschung überwunden. Seine schwieligen Hände ballten sich zu Fäusten. Er drehte sich dem Mann zu, der ihn überrumpelt hatte. Es war eine kräftige Gestalt in Weidereitertracht. Der untere Teil des Gesichtes wurde von einem Halstuch verdeckt. Zwischen Hutrand und Tuch war nur ein böse blickendes Augenpaar zu sehen.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Wade Bosworth grimmig.

„Das werden Sie gleich sehen!“ Der Bandit trat einen Schritt zurück, behielt aber noch immer die Coltmündung auf den stämmigen Siedler gerichtet. Er rief gedämpft: „Hallo, Freunde, ihr könnt anfangen.“

Unweit des Planwagens, der dem Siedlerehepaar als Quartier diente, erhoben sich die rohen Balkenwände des angefangenen Blockhausbaus. Das Dach fehlte noch, und die Tür und Fensteröffnungen klafften wie schwarze Höhlen. Hinter einer Hüttenecke tauchten ein paar Männer auf – ebenfalls maskiert wie der Desperado, der Bosworth in Schach hielt. Einer zog mehrere Pferde an den Zügeln hinter sich her. Die anderen verschwanden durch die Türöffnung im Innern der halbfertigen Hütte. Eine schreckliche Ahnung wallte in Wade Bosworth hoch. Er keuchte: „Zum Donner! Was habt ihr denn vor?“

„Ist das so schwer zu erraten?“ Das höhnische Grinsen war deutlich aus der Stimme des Banditen zu hören.

Mabel Bosworth kletterte über das Sitzbrett auf den Wagenbock. Sie hielt einen Revolver in der Rechten. Die langläufige schwere Waffe wirkte seltsam in ihrer mageren Hand.

„Ihr werdet uns jetzt in Ruhe lassen!“, rief sie. „Verschwindet von hier!“ Ihre Stimme klang nicht sehr sicher. Der Revolverlauf zitterte ein wenig.

Der Bandit mit dem Colt lachte leise. „Beruhigen Sie sich, Madam! Wenn Sie Schwierigkeiten machen, wird Ihr Mann das sehr teuer bezahlen, glauben Sie mir.“

Mabel Bosworths Mundwinkel zuckten. Der Revolverlauf senkte sich ein wenig.

„Sei vernünftig, Mabel!“, sagte Bosworth heiser. „Denk an die Kentons. Es war nur ein glücklicher Zufall, dass Jim Kenton nicht lebensgefährlich verletzt wurde.“

Die Frau ließ die Waffe sinken. „Was wollt ihr von uns?“, rief sie schrill. „Ihr könnt bei uns nichts holen! Wir haben kein Geld, und wir …“

„Hier geht es um andere Dinge!“, knurrte der Bandit. „Und jetzt halten Sie am besten den Mund, sonst werde ich nervös. Und das kann sich recht unangenehm auswirken.“

Hinter den Balkenwänden waren die Stimmen der übrigen Desperados zu hören. Ein kurzes trockenes Auflachen erschallte. Dann sog Wade Bosworth plötzlich schnüffelnd die Luft ein.

„Rauch!“, murmelte er. „Ich habe es ja geahnt.“

„Wade!“, schrie seine Frau. „Wade, sie zünden das Haus an.“ Die schmalen Schultern unter dem Wolltuch bebten.

Bosworths Lippen wurden schmal. „Ihr gemeinen Schufte!“, flüsterte er rau. „Das werdet ihr noch büßen!“

„Halt den Mund, Alter!“, fuhr ihn der Bandit an.

Die anderen Männer kamen aus der offenen Tür des Blockhauses. Sie plauderten miteinander und beachteten den Siedler und dessen Frau überhaupt nicht. Sie gingen zu den Pferden und saßen auf. Der Rauchgeruch wurde heftiger. Die Schwärze verschwand aus den Fenstervierecken. Ein rot-gelbes Flackern breitete sich innerhalb der Balkenwände aus. Rauch stieg in wirbelnden Spiralen zum glitzernden Sternenhimmel auf.

Mabel Bosworth stieg vom Wagenbock. „Das könnt ihr doch nicht tun! Mein Gott! Was haben wir euch denn getan, dass ihr uns das Haus anzündet! Was wollt ihr denn von uns?“

„Sei still, Mabel“, sagte Bosworth gepresst. „Bei diesen Kerlen richtest du nichts aus!“

Verzweiflung stand auf dem abgehärmten Gesicht der Frau. „So oft mussten wir einen neuen Anfang finden, Wade, so oft! Wir sind zu alt, um wieder anderswo …“

„Hören Sie zu jammern auf!“, unterbrach sie der Bandit. „Bleibt jetzt ruhig stehen, während ich zu meinem Pferd gehe. Das Feuer könnt ihr ohnehin nicht mehr aufhalten!“

Er bewegte sich rückwärts auf die Gäule zu. Die anderen Banditen nahmen bereits die Zügel auf. Steigbügel klirrten leise gegeneinander. Die Pferde schnaubten. Die zwei Zugtiere des Siedlers kamen dicht an das Seil des Corrals.

Zwischen den vier Blockhauswänden knackte und prasselte es. Die Rauchschwaden wurden dichter. Eine grellrote Lohe leckte aus der Tür und warf einen gespenstischen Schein über das helle Dach des Planwagens. Ascheteilchen und Funken regneten durch die Luft. Die Pferde der Banditen wurden unruhig und scharrten mit den Hufen.

Wade Bosworths breite Brust hob und senkte sich unter raschen Atemstößen. In seinem bärtigen Gesicht arbeitete es. Seine Frau stand dicht neben ihm, beide Hände ineinander verkrampft. Ihr Blick wanderte gehetzt zwischen den brennenden Balkenwänden und den Reitern hin und her. Der Mann, der Bosworth in Schach gehalten hatte, schwang sich eben auf sein Pferd. Er hielt noch immer den Colt in der Faust. Der Feuerschein ließ die Metallteile an Sattel- und Zaumzeug rötlich schimmern. Rauchwolken verdeckten die Vollmondscheibe.

„Well, das war es!“, sagte der Mann mit dem Colt zufrieden. „Reiten wir, Männer!“ Und an die Bosworths gewandt rief er höhnisch: „Viel Vergnügen noch bei eurem Feuerchen, Herrschaften!“

Das war der Augenblick, da Wade Bosworth seine Beherrschung verlor. Er knirschte mit den Zähnen und bückte sich hastig nach dem Spencer-Gewehr. Sein klares Denken war wie fortgewischt. Maßlose Wut brannte in seinen Augen.

„Nicht, Wade!“, schrie seine Frau voller Angst.

„Zur Seite, Mabel!“, brüllte er und riss das Gewehr an die Schulter.

„Nein, Wade, nein!“ Die Frau warf sich gegen ihn und drückte den Gewehrlauf nieder.

Sie geriet direkt in die Schusslinie, und die Kugel des Verbrechers, die auf die Brust ihres Mannes gezielt gewesen war, traf sie.

Die Frau schrie erstickt auf, ihre Finger lösten sich vom blanken Metall des Gewehrlaufs. Sie stürzte gegen Bosworth, und ihre Beine gaben unter ihr nach.

„Großer Himmel!“, schnaufte der Siedler entsetzt. „Mabel! Mabel, was ist mit dir?“

Er ließ das Gewehr fallen und fing die Frau auf. Sie hing wie leblos in seinen Armen. Er ließ sie sachte zu Boden gleiten.

Der Anführer der Banditen schob lässig den Colt ins Holster und zog sein Pferd herum. „Kommt, Leute!“ Er spornte das Tier an. Die anderen folgten ihm.

Bosworth wurde sich der Hufschläge gar nicht bewusst. Er kniete neben seiner Frau, und der Schweiß rann in dichten Strömen über sein grau gewordenes Gesicht. „Mabel!“, stöhnte er. „Mabel! Mabel, so mach doch endlich die Augen auf. Mabel – mein Gott!“

Seine Hände zitterten. Die Frau bewegte sich ein wenig, ächzte leise. Er zuckte zusammen.

„Zum Doc!“, keuchte er. „Wir müssen sofort zum Doc!“

Er sprang auf und rannte auf den Seilcorral zu, wo ihm die Pferde neugierig entgegensahen. Das Prasseln des Brandes war lauter geworden. Aber Wade Bosworths Ohren waren mit dem Pochen seines eigenen Bluts gefüllt. Er atmete schwer. Seine zitternden Finger konnten das Seil des weitgespannten Corrals lösen. Zufällig fiel sein Blick auf die davonreitende Reitergruppe. Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

 

 

2

Im Schatten einer Gruppe Pekannussbäume hielt Dan Shafford seinen Rehbraunen an. Ein leichter Wind bewegte die Blätter an den Zweigen und drehte die hellen Unterseiten nach oben, so dass ständig ein silbernes Flirren durch die dichtbelaubten Kronen geisterte. Dan legte beide Hände aufs Sattelhorn und schaute zu den Ranchgebäuden hin, die mitten in der Ebene im Sonnenglast lagen. Es war still dort. Kein Mensch war zu sehen. Einige struppige Cowboypferde standen in einem Corral und ließen müde und lustlos den Kopf hängen. Über dem sandigen Ranchhof flimmerten Hitzewellen.

Eine ganze Weile saß Dan Shafford völlig reglos im Sattel. Ein nachdenklicher Ausdruck lag auf seinem braungebrannten straffen Gesicht. Schließlich presste er in jäher Entschlossenheit die Lippen zusammen und trieb sein Pferd aus dem Schatten unter den Bäumen heraus. Ohne Eile ritt er auf die Ranch zu. Versteckte Wachsamkeit leuchtete in seinen dunklen Augen. Wenn alles so war wie früher, dann würde man ihn auf dieser Ranch als Feind betrachten, dann führte ihn dieser Ritt sozusagen in die Höhle des Löwen.

Die widerstrebendsten Gefühle vermischten sich in ihm. Da war die Erinnerung an das bittere Unrecht, das sein Vater erlitten hatte, und an die Worte, die dieser auf dem Sterbebett zu ihm gesprochen hatte. Aber da war auch das Verlangen nach Frieden, der Wunsch, dass alles ohne Streit geregelt werde. Doch die Hoffnung darauf war gering. Es schien Dan unmöglich, dass sich Rud Westmore geändert habe – trotz der langen Jahre, die inzwischen verstrichen waren.

Rud Westmore!

Jedes Mal, wenn er diesen Namen dachte, fühlte Dan einen pelzigen Geschmack auf der Zunge, und etwas Kaltes floss dann durch seine Adern. Damals, als Westmore seinen Vater aus diesem Land vertrieben hatte, war er noch ein Junge gewesen. Aber das Bild des mächtigsten Mannes im Silverwater County war bis zum heutigen Tag klar und scharf umrissen in ihm erhalten geblieben! Das Bild eines großen, unduldsamen Mannes mit harten Gesichtszügen und eiskalten Augen. Das Bild eines Mannes, für den nur eines zählte: Macht und Reichtum!

Der Grimm, den Dan Shafford in den letzten Jahren bei der Erinnerung an Rud Westmore so oft gefühlt hatte, stieg wieder in ihm auf. Er kämpfte dagegen an. Er wollte einen klaren Kopf behalten. Er wollte ruhig und sachlich auftreten – solange Westmore ihm dazu eine Chance gab.

Das dürre Bunchgras strich raschelnd gegen die Fesseln seines Rehbraunen. Er ritt an den Corrals vorbei, an einem langgestreckten Schuppen, dann klopften die Hufe im weichen Sand des Hofes. Ein unbehagliches Gefühl drückte Dan in der Magengrube, als sich ringsum noch immer keine Bewegung zeigte. Wie ausgestorben lag die Ranch. Die Fensterscheiben reflektierten zuckende Sonnenstrahlen. Der sanfte Wind, der draußen auf der Ebene zu spüren war, wurde von den Brettergebäuden aufgehalten. Dan lenkte sein Pferd neben den Ziehbrunnen, hielt an und stieg ab. Sein Blick ruhte sekundenlang auf der breiten Veranda des Ranchhauses. Die Tür war geschlossen. Der Schatten unter dem Vordach wirkte verlockend und kühl.

Die Winde knarrte laut, als Dan einen Eimer aus dem Brunnen zog. Der Rehbraune tauchte gierig das Maul ins klare Nass, und eine Weile war außer einem lauten Schlürfen nichts zu hören. Dan ließ den Eimer wieder hinab. Plötzlich hatte er das Gefühl, von irgendwoher beobachtet zu werden. Er drehte sich sofort um und machte gleichzeitig einen Seitwärtsschritt. Sein Blick traf direkt auf ein forschendes Augenpaar. Ein Mann lehnte in der offenen Tür des Schlafhauses, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schaute ihn unverwandt an. Dan erkannte den Mann auf den ersten Blick. Dans Haltung versteifte sich unwillkürlich. Er musste sich dazu zwingen, die Rechte nicht zum Coltkolben niedersinken zu lassen.

„Hallo, Rimcon!“, sagte Dan endlich.

Der andere stieß sich vom Türrahmen ab und trat langsam auf Dan zu. Sein kantiges Gesicht wirkte finster und abweisend.

„Hallo! Ich wette, das ist der Sohn vom alten Joe Shafford!“

„Genau!“, nickte Dan.

„Hm!“, machte Noel Rimcon. „Du warst damals ein Junge von sechzehn Jahren. Du hast dich sehr verändert.“

„Immerhin sind acht Jahre seitdem vergangen.“

Rimcon blieb einige Schritte von ihm entfernt stehen. Seine Miene zeigte noch immer diesen finsteren und abweisenden Ausdruck. Langsam sagte er: „Ja, acht Jahre sind eine lange Zeit. Ich hatte nicht erwartet, dich jemals wiederzusehen, Dan Shafford.“ Und mit plötzlicher Schärfe setzte er hinzu: „Bist du dir sicher, dass es richtig war, jemals hierher zurückzukehren?“

„Ich hatte lange genug Zeit, darüber nachzudenken, nicht wahr?“, erwiderte Dan trocken.

„Wenn du uns Kummer machen willst, Dan, dann sage ich dir …“

„Ich will keinen Kummer machen, Rimcon. Ich will Westmore sprechen.“ Noel Rimcons Blick wurde lauernd. „Westmore?“

„Natürlich! Er ist schließlich hier der Boss!“

„Du bist also nicht in der Stadt gewesen“, sagte Rimcon. „Du bist geradewegs zur Ranch geritten.“

„Was hat das mit Westmore zu tun?“

„Nun, wenn du in Silverwater gewesen wärest, müsstest du besser Bescheid wissen.“

„Warum sagst du nicht gerade heraus, was los ist, Rimcon? Was ist mit Westmore?“

„Die Ranch gehört ihm nicht mehr! Er hält sich in der Stadt auf!“

Die Überraschung zeichnete sich auf Dans Gesicht ab. Er beugte sich etwas vor. „Das ist nicht möglich!“

„Warum nicht?“, lächelte Rimcon dünn. „Du glaubst doch nicht, dass ich dich anlüge?“

Dan schüttelte benommen den Kopf. „Und warum hältst du dich dann noch hier auf, Rimcon, du als Vormann von Rud Westmore?“

„Ich bin nicht mehr Vormann! Ich bin Rancher!“

Dan trat einen Schritt zurück.

„Soll das heißen …“

„Das heißt, dass diese Ranch jetzt mir gehört. Es gibt keine Westmore-Ranch mehr. Es gibt jetzt die Rimcon-Ranch, verstehst du, Dan?“

Die Gedanken wirbelten in Dan Shaffords Gehirn. Acht Jahre waren zwar wirklich eine lange Zeit. Dennoch schien es ihm völlig unwirklich, dass in diesen acht Jahren Rud Westmore all seine Macht und seinen Reichtum aus den Händen gegeben haben sollte. Das passte nicht zu dem Bild des Mannes, das er so scharf in Erinnerung behalten hatte. Westmores einziges Streben war gewesen, immer mehr Macht zu gewinnen. Deshalb hatte auch der alte Joe Shafford mit seinem Sohn Dan das Land verlassen müssen. Entweder war ein Wunder geschehen, wenn Westmore sich gewandelt hatte – oder es steckte mehr hinter der ganzen Sache. Vielleicht hatte Westmore einen ganz großen Plan ausgeheckt und führte jetzt nur ein Täuschungsmanöver durch, indem er seinen Vormann die Ranch überlassen hatte.

„Das sind große Neuigkeiten, nicht wahr?“, dehnte Rimcon, und ein Hauch von Ironie schwang in seiner Stimme mit.

„Allerdings!“, gab Dan zu. „Muss ich also mit dir wegen des Landes der ehemaligen Shafford-Ranch verhandeln?“

„Bist du deshalb zurückgekommen?“

„Welchen Grund hätte ich sonst?“

„Du machst dir falsche Hoffnungen, Dan!“, erklärte Noel Rimcon kalt. „Die Shafford-Ranch hat vor acht Jahren aufgehört zu existieren.“

„Wer sagt, dass sie nicht wiedererstehen wird?“

„Ich sage es – und das muss genügen!“

Dan stemmte die Hände gegen die Hüften. Seine Stimme war seltsam leise, als er sagte: „Rimcon, du weißt genauso gut wie ich, dass damals nicht alles in Ordnung war, als Westmore unsere Ranch übernahm. Mit den Schuldscheinen, die er vorlegte, stimmte verschiedenes nicht – nur konnte mein Vater das nicht beweisen.“

Noel Rimcons Augen verengten sich. „Du bist also doch gekommen, um Schwierigkeiten zu machen, was?“

Dan hörte deutlich die Drohung aus den Worten. Er erinnerte sich daran, dass stets Rimcon der Mann gewesen war, der dafür gesorgt hatte, dass Westmores raue Befehle ausgeführt wurden. Und wieder musste er sich zwingen, seinen Zorn zurückzuhalten und seine Ruhe zu bewahren. Er sagte ernst: „Ich will keinen Kampf, bestimmt nicht! Alles hängt von dir und Westmore ab!“

„Was willst du denn?“

„Die Shafford-Ranch zurückerhalten!“

„Du bist ein Narr, wenn dies wirklich dein Ziel ist!“, erklärte Rimcon schroff. „Ich sagte doch schon: Es gibt keine Shafford-Ranch mehr. Das Weideland deines Vaters …“

Dan ließ ihn nicht aussprechen. „Ich habe Geld mitgebracht, Rimcon. Ich werde bezahlen.“

Rimcons Augenbrauen zuckten hoch. „Das ist ein Bluff, Dan!“

„Nein, bestimmt nicht! Es war Vaters letzter Wunsch, dass das Land, das ihm gehörte, wieder von Shaffords bewirtschaftet wird. Ich weiß nicht, ob ein Mann wie du so etwas verstehen kann, Rimcon. Jedenfalls hat Vater sehr viel für dieses Land geopfert. Als er die Ranch gründete, ritten noch die Kiowas, Arapahoes und Comanchen auf dem Kriegspfad. Und er war ganz allein und musste mit den Rothäuten und der Wildnis fertig werden. Meine Mutter liegt auf dem Land der Shafford-Ranch begraben. Vielleicht sagt dir das etwas, Rimcon. Well, ich werde mich auf alle Fälle bemühen, unser ehemaliges Weidegebiet zurückzuerhalten. Um des Friedens willen möchte ich es mit Geld versuchen, verstehst du?“

„Hm!“ Rimcon zuckte die Schultern. „Dein Herkommen war umsonst, Dan Shafford.“

„Du willst also nicht verhandeln?“, fragte Dan verwundert.

Noel Rimcon grinste spöttisch. „Du bist zu spät gekommen, Dan, das ist es!“

„Ich verstehe nicht! Warum redest du nicht offen?“

Rimcon breitete die Hände aus. „Das Land der ehemaligen Shafford-Ranch geht mich nichts an, Dan. Mir gehört nur diese Ranch und die Weide in einem Umkreis von acht Meilen.“

„Und der Rest der Shafford-Ranch?“

Rimcons Miene verdüsterte sich wieder. „Es hat sich manches geändert. Darüber zu reden, habe ich jedoch keine Lust. Du bist hier fehl am Platze. Meinetwegen reite zu Rud Westmore. Er hat sich im Longrider-Hotel in Silverwater einquartiert. Aber auch Westmore wird nichts mehr ändern können. Ich sagte ja schon: Du bist zu spät gekommen, Dan. Dein Pech! Es war überhaupt ein Fehler, sich so ein Ziel zu setzen.“ Rimcon wollte sich abdrehen.

Dan sagte rasch: „Warum verheimlichst du mir soviel, Rimcon? Hier ist irgend etwas Großes im Gange, und du willst nicht darüber sprechen! So ist es doch!“

Rimcon blickte ihn mit verkniffener Miene an. Er machte sich keine Mühe, seine Feindseligkeit zu verbergen. „Dan, wenn ich dir einen guten Rat geben darf: Verschwinde aus dieser Gegend! Reite dahin, wo du hergekommen bist. Im Silverwater County hast du nichts mehr verloren! Und für deine Gesundheit ist es ganz gewiss einträglicher, wenn du dir anderswo einen Platz suchst. Wenn du Geld hast, dann findest du auch an einem anderen Ort einen neuen Anfang. Also?“

„Das klingt mehr nach einer Drohung, als nach einem guten Rat.“

„Was du denkst, ist mir egal!“, entgegnete Rimcon schroff. „Wir haben genug geredet, Dan. Reite jetzt.“

Der herrische Tonfall bohrte sich wie ein Stachel ins Dans Gehirn. Er bezähmte seinen Zorn, ging zu seinem Pferd und zog sich in den Sattel. Rimcon starrte ihn mit stechenden Augen an.

„Wie ist es? Wirst du meinen Rat befolgen?“

Dan Shafford schaute ihn kühl an. „Ich denke, wir haben genug gesprochen. Well, finde also selbst heraus, was ich tun werde, Rimcon!“

„Zum Teufel mit dir!“, knurrte Noel Rimcon. „Als Sohn eines verkrachten Kleinranchers sprichst du ziemlich überheblich, was?“ Seine rechte Hand kroch hinter den Kolben seines Revolvers. „Merk dir zum Schluss noch eines: Hier auf dieser Ranch will ich dich nicht mehr sehen! Ich glaube nicht, dass du nur gekommen bist, um ganz friedlich die Shafford-Ranch zurückzubekommen. Du willst Rache, du willst Kampf – und ich werde mich danach richten!“

„Du bist noch immer so gern auf Streit aus wie früher, nicht wahr?“, sagte Dan ruhig. Ohne eine Antwort abzuwarten, dirigierte er seinen Rehbraunen herum. Die Hufschläge pochten über den sandigen heißen Hof und ließen eine deutliche Spur zurück. Dan blickte sich kein einziges Mal um. Er ritt in die grasbewachsene Ebene hinein, in die Richtung, in der die kleine Rinderstadt Silverwater lag.

Noel Rimcon stand noch immer reglos beim Ziehbrunnen, knirschte mit den Zähnen und blickte mit funkelnden Augen hinter dem schlanken Reiter her.

 

 

3

John Claridge schob den Teller zurück und wischte sich über den Schnurrbart. „Du kannst abräumen, Cathy.“ Sein Blick fiel auf den Jungen, der am offenen Fenster stand. Er bemerkte die seltsam verkrampfte Haltung und fragte sofort: „Was gibt es, Andy?“

Sein Sohn drehte sich um. Er war siebzehn Jahre alt, und sein schmales Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Seine Augen glänzten aufgeregt.

„Nun, was gibt es?“, wiederholte Claridge seine Frage, schob den Stuhl zurück und stand auf.

Seine Tochter Cathy hatte das Geschirr zum Spülbecken getragen und blickte aufmerksam zu Andy hin. Dieser sagte hastig: „Er kommt schon wieder. Ich habe ihn drüben am Bach gesehen. Er wird gleich hier sein.“

John Claridges Miene verfinsterte sich. „Blaisdell?“

„Ja, Blaisdell!“, nickte der Junge krampfhaft. Er machte einen Schritt auf seinen Vater zu. „Was wirst du tun, Dad? Du wirst doch nicht verkaufen, oder?“

Claridge legte die Stirn in Falten. Eine Weile starrte er schweigend auf den rauen Bretterboden, ruckte schließlich den Kopf hoch und antwortete heiser: „Nein, Andy, nein, ich werde wohl nicht verkaufen.“ Er ging auf die Tür zu.

Andy warf seiner Schwester einen kurzen bedeutsamen Blick zu und folgte ihm.

Als sie auf die Schwelle traten, sahen sie den Reiter, der hinter einer Strauchgruppe auftauchte und in gerader Linie auf das kleine Anwesen zuhielt. Claridge räusperte sich, wischte die Handflächen an der Hose ab und wartete schweigend. Andy trat von einem Fuß auf den anderen und schaute seinen Vater immer wieder forschend von der Seite an.

Der Näherkommende war ein schlanker, mittelgroßer Mann, der locker und wie verschmolzen auf einem pechschwarzen Wallach saß. Er trug gestreifte Hosen und einen städtisch geschnittenen Rock über einem weißen Hemd. Den flachkronigen Stetson hatte er tief in die Stirn gezogen, so dass sein hageres Gesicht halb im Schatten lag. Er ritt ganz dicht ans Blockhaus heran, blieb im Sattel sitzen und tippte grüßend an die Hutkrempe.

Claridge nickte nur flüchtig und sagte kein Wort. In der Küche klapperte Cathy mit dem Geschirr. Der Bratenduft hing noch in der Luft und zog ins Freie ab.

Der Reiter legte die Hände aufs Sattelhorn.

„Nun, Claridge, haben Sie es sich überlegt?“

Der schnurrbärtige Siedler schüttelte den Kopf. „Hier gibt es nichts zu überlegen. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, dass ich nicht verkaufe.“

„Hm, ich hatte gehofft, Sie würden Ihre Meinung ändern, Claridge. Vielleicht brauchen Sie nur mehr Zeit, um sich alles durch den Kopf gehen zu lassen? Wenn Sie wollen, komme ich in ein oder zwei Tagen wieder.“

„Es hat keinen Sinn, Blaisdell, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen?“

Der Reiter verzog sein hageres Gesicht zu einem matten Lächeln. „Das haben in letzter Zeit schon mehr Leute gesagt. Und schließlich wurde der Kauf dann doch abgeschlossen.“

„Nicht bei mir, Blaisdell.“

Stan Blaisdell hob kurz die Schultern. „Sagen Sie das nicht, Claridge. Wenn Sie ruhig über alles nachdenken, dann müssen Sie doch zugeben, dass mein Angebot nicht schlecht ist.“

„Nicht schlecht?“, stieß John Claridge grimmig hervor. „Das wagen Sie laut zu sagen? Ein Butterbrot bieten Sie für diese Farm, mehr nicht! Ich wäre ein Dummkopf, wenn ich um diesen Preis verkaufte.“

„Immerhin würden Sie noch verdienen. Sie haben das Land ja umsonst bekommen.“

„Hören Sie zu, Blaisdell, auch wenn Sie mehr böten, würde ich ablehnen. Es geht mir nicht um Verdienst. Es geht mir darum, für meine Kinder eine gesicherte Existenz aufzubauen. Wir sind keine Rinderleute, Blaisdell. Wir sind Rancher. Uns liegt das unstete Leben nicht. Wenn wir uns irgendwo niederlassen, dann wollen wir da bleiben, verstehen Sie? Machen Sie sich also keine Mühe mehr!“

„Fast das gleiche hat auch Wade Bosworth gesagt“, breitete Blaisdell flüchtig die Hände aus. „Und dann hat er sein Land doch abgetreten.“

„Bosworth? Bosworth hat verkauft?“

„Jawohl!“, nickte Blaisdell lächelnd. „Wundert Sie das? Bosworth war einer der Zähesten unter euch Siedlern. Es sollte Ihnen zu denken geben, dass er seine Meinung änderte.“

Claridge schluckte. „Die Banditen waren wieder am Werk, oder?“

Blaisdell seufzte auf. „Leider, Claridge, leider! Es wird tatsächlich immer schlimmer. Aber gerade das sollten Sie auch einkalkulieren. Was haben Sie davon, wenn man Ihre Farm niederbrennt? Dann sind Sie am Ende und haben keinen einzigen Dollar übrig. Bei Bosworth war es ebenso. Er verkaufte für die Hälfte meines ursprünglichen Angebots. Sie sollten nicht so lange warten, Claridge.“

John Claridge ballte die Hände. „Sie wollen also sagen, dass es mir ebenso gehen könnte wie Bosworth.“

„Jeder von euch Siedlern muss doch damit rechnen“, erwiderte Blaisdell ungerührt. „Es ist also ganz selbstverständlich, dass ich dies erwähne.“

„Ja, ja, ganz selbstverständlich!“, wiederholte Claridge murmelnd. Er starrte Blaisdell plötzlich durchdringend an. „Merkwürdig, diese Überfälle in letzter Zeit. Die Banditen rauben nichts. Sie geben sich damit zufrieden, wenn sie die Farmer vertreiben können. Merkwürdig, nicht wahr?“ Seine Stimme bebte leicht vor mühsam unterdrückter Erregung.

Stan Blaisdell verzog keine Miene. „Ich hoffe, Claridge, Sie lassen sich nicht zu irgendwelchen unsinnigen Verdächtigungen hinreißen. Ich weiß ebenso wenig wie Sie, was die Banditen bezwecken. Übrigens kaufe ich, wie Sie wissen, das Land nicht für mich. Ich bin Angestellter der Kansas-Cattlemen-Gesellschaft und führe lediglich deren Aufträge aus.“

„Und es kommt Ihnen sehr gelegen, dass Ihnen die Banditen so direkt in die Hände arbeiten!“, entgegnete Claridge verbittert.

Langsam nahm Blaisdell die Hände vom Sattelhorn. „Ich kann verstehen, dass die letzten Ereignisse im County Sie nervös machen, Claridge. Aber das entschuldigt noch lange nicht Ihre Anspielungen. Also, passen Sie auf Ihre Worte auf!“ Er sagte es ruhig, beinahe freundlich. Aber seine grauen Augen waren dabei kalt und stechend.

Claridges Schnurrbartenden zuckten. Heftig fragte er: „Wer könnte denn außer Ihnen und Ihrer Gesellschaft daran interessiert sein, uns das Leben auf diesem Land sauer zu machen?“

„Das herauszufinden ist nicht meine Sache! Ihr solltet eben einen Sheriff in Silverwater wählen.“

„Pah! Einen Sheriff wählen! Sie wissen genau, dass wir Siedler isoliert stehen. Wir sind in diesem County in der Minderzahl. Es ist von jeher eine traurige Tatsache, dass die meisten Rinderleute gegen uns Farmer eingestellt sind.“

„Weil ihr ihnen die Weide wegnehmt! Es ist ihnen nicht zu verdenken.“

„Hier nehmen wir niemand etwas weg, Blaisdell, das wissen Sie ganz genau. Vergessen Sie nur nicht, dass es ein Rancher war, der uns dieses Gebiet zur Besiedlung freigab.“

„Das heißt aber noch lange nicht, dass die anderen Rancher damit einverstanden sind. Übrigens: Vielleicht erklärt das die nächtlichen Überfälle in letzter Zeit.“

John Claridge biss sich auf die Unterlippe. Seine Augen wurden groß. „Sie meinen …“

Blaisdell winkte rasch ab. „Ich werde mich hüten, einen offenen Verdacht in einer Angelegenheit auszusprechen, die mich nichts angeht. Aber ich habe es satt, mich von euch Siedlern ständig schief ansehen zu lassen. Verstehen Sie? Zerbrechen Sie sich einmal den Kopf darüber, Claridge.“

„Und wenn! Das ändert nichts am Kern der Sache! Ich verkaufe nicht! Außerdem verstehe ich nicht, dass Ihre Gesellschaft an einem Land interessiert ist, das laufend von Banditen unsicher gemacht wird.“

Wieder zeigte Blaisdell sein dünnes, freudloses Lächeln.

„Da beißt sich die Schlange in den Schwanz, Claridge. Wir kamen doch eben zu dem Ergebnis, dass die Terrorakte nur gegen euch Siedler gerichtet sind. Meine Gesellschaft hat also anscheinend nichts zu befürchten. Wir wollen hier kein Farmland schaffen, wir wollen hier Rinder züchten. Und dagegen scheint kein Mensch etwas zu haben.“

John Claridge schüttelte heftig den Kopf. „Ach was! Alles hin und her reden hat keinen Sinn! Sie vergeuden nur Ihre Zeit, Blaisdell.“

„Wer weiß!“, zuckte Blaisdell die Schultern. Er schaute den Siedler abwartend an. Dieser erwiderte finster seinen Blick und sagte nichts. Blaisdell fuhr fort: „Sie sollten an Ihre Kinder denken, Claridge. Können Sie es wirklich verantworten, dass …“

„Hören Sie damit auf!“, rief der junge Andy ärgerlich. „Es ist schon in Ordnung, was Vater macht! Cathy und ich stehen ganz auf seiner Seite.“

„Schon gut, Andy, schon gut!“, murmelte Claridge rau und klopfte dem Jungen auf die Schulter.

Stan Blaisdell zog die Augenbrauen zusammen.

„Es ist Ihr eigener Schaden, Claridge, wenn Sie keine Vernunft annehmen.“

„Das wird sich zeigen!“

Mit einem unwilligen Stirnrunzeln wendete der Reiter seinen Rappwallach. „Ich komme morgen wieder, Claridge.“

„Den Weg können Sie sich sparen!“

„Da bin ich anderer Meinung! Ich bin überzeugt, dass Sie morgen verkaufen, Claridge. Doch ich bin mir keineswegs sicher, ob ich Ihnen morgen noch den gleichen Preis nennen werde. Überlegen Sie sich das. Und wenn Sie schließlich doch heute noch eine andere Entscheidung treffen, dann reiten Sie so rasch wie möglich nach Silverwater. Sie finden mich mit Sicherheit im Longrider-Hotel. Im anderen Falle – so long, bis morgen!“ Er gab dem Pferd die Sporen und ritt davon.

„Der wird sich täuschen, Dad, nicht wahr?“, lachte Andy leise.

John Claridge wandte sich müde um. „Ich weiß nicht!“, murmelte er. „Eines ist mir klar: Wir werden in der kommenden Nacht sehr wachsam sein müssen!“

Andy blickte ihn erschrocken an, als ihm die Bedeutung dieser Worte bewusst wurde.

 

 

4

Am Ortseingang von Silverwater waren mehrere Planwagen zu einem Kreis zusammengeschoben worden. Pferde und Maultiere weideten auf der teilweise von der Hitze versengten Grasfläche. Ein paar Kochfeuer brannten. Der Duft von Fleisch, Bohnen und Kaffee vermischte sich mit dem herben Geruch der trockenen Erde, des Salbeis und glühender Holzkohle. Verwaschene Frauenkleider leuchteten zwischen den hellen Planendächern. Leintücher waren zum Trocknen aufs Gras gebreitet. Irgendwo lärmten Kinder. Ein Hund bellte. Von den Häusern der Stadt her schlenderten einige Männer auf die Planwagen zu – wettergegerbte bärtige Gestalten, denen auf den ersten Blick anzusehen war, dass sie ihren Lebensunterhalt im steten Ringen mit der kargen Erde verdienten.

Dan Shafford ließ seinen Rehbraunen langsamer gehen und lenkte ihn zur Seite, um den Siedlern auszuweichen. Er war ein wenig verwundert. Das Silverwater County war immer ein Rinderland gewesen. Der Anblick dieser Männer, die typische Farmer waren, berührte ihn seltsam. Aber er war zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, um sich darüber weiter den Kopf zu zerbrechen.

Als er auf gleicher Höhe mit der Männergruppe war, löste sich eine stämmige schwere Gestalt von den anderen, trat in die Straßenmitte und schaute ihm stirnrunzelnd entgegen. Dan hatte den bärtigen, breitgesichtigen Mann noch nie gesehen und wunderte sich über die unverhohlene Feindseligkeit in den Augen des anderen. Mit einem kurzen Zügeldruck brachte er sein Pferd zum Stehen.

„Wollen Sie etwas von mir?“

Der Bärtige stemmte die Fäuste in die Seiten. „Allerdings! Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen, junger Mann!“

Die übrigen Männer waren ebenfalls stehengeblieben. Dan sah in lauter argwöhnische, düstere Gesichter. Sein Blick glitt wachsam zu dem Bärtigen zurück. „Ich wüsste nicht, was Sie mich zu fragen hätten.“

„So? Wirklich nicht? Sie sind fremd hier, nicht wahr? Ich hab’ Sie noch nie gesehen.“

„Genau, und warum halten Sie mich dann auf?“

„Aus einem einfachen Grund: Weil jeder Fremde für mich verdächtig ist! Und noch dazu ein Mann, der seinen Revolver so tief an der Hüfte trägt, wie Sie es tun, junger Mann.“

Dan zog die Augenbrauen zusammen.

„Ich hoffe, Sie sind nicht auf Streit aus, Mann!“

„Streit?“, lachte der andere schroff auf. „Ich bin kein Raufbold! Aber ich bin auch kein Mann, der sich einfach von seinem Land verjagen lässt, ohne etwas dagegen zu unternehmen! Ihr habt mein Heim niedergebrannt, noch ehe es richtig fertig war. Ihr habt auf mich geschossen, und es war euch egal, dass die Kugel meine Frau in die Schulter traf. Und jetzt soll ich wohl so tun, als sei nichts geschehen, was? Als sei alles in bester Ordnung?“

Dan schüttelte den Kopf. „Das ist ein Irrtum! Sie haben sich an den verkehrten Mann gewandt! Ich verstehe nicht, was Sie wollen!“

„Pah!“, grollte der bärtige Siedler. Es war Bosworth. „Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte! Jetzt bekommst du wohl Angst, Junge, heh? Zusammen mit deinen Kumpanen würdest du dich sicherer fühlen, nicht wahr?“

Dans Haltung hatte sich gespannt. Er sagte ruhig: „Sie sind zu voreilig, Mister! Ich bin nicht das, für was Sie mich halten! Sie scheinen schlimme Dinge erlebt zu haben. Aber Sie dürfen dafür doch nicht jeden Reiter verantwortlich machen, den Sie nicht kennen.“

Bosworth nagte an der Unterlippe. Schließlich grollte er: „Und warum weigerst du dich dann, Fragen zu beantworten? Spiele mir bloß kein Theater vor, Junge! Silverwater ist nicht die Stadt, in der viele Fremde auftauchen. Jeder Mann, der hierherkommt, muss einen ganz bestimmten Grund dafür haben. Und deinen Grund glaube ich zu kennen! Ich wette, dass du einer von diesen verdammten Halunken bist, die …“

Dan Shaffords Lippen wurden schmal. Zorn blitzte in seinen dunklen Augen auf. Aber er beherrschte sich.

„Ich will keinen Kampf!“, sagte er ruhig. Er wandte sich an die schweigenden Männer, die an den Straßenrand getreten waren. „Warum bringt ihr ihn nicht zur Ruhe? Er hat die Nerven verloren! Sagt ihm, dass er Unsinn redet. Ich möchte wirklich nicht meinen Colt gegen ihn ziehen müssen.“

„Hoh!“, knurrte Bosworth. „Vor dir habe ich keine Angst.“

Dan beachtete die Worte des Alten nicht und schaute die Siedler abwartend an. Einer von ihnen schob sich etwas vor, zuckte die kräftigen Schultern und meinte: „Ich sehe nicht ein, warum wir Wade Bosworth zurückhalten sollten! Beweisen Sie erst, dass er wirklich unrecht hat, dann wird er von selber Ruhe geben!“

Dan schlug mit der geballten Rechten aufs Sattelhorn.

„Ihr wisst von mir nichts weiter, als dass ich ein Fremder bin und …“

„Und eben das genügt uns!“, grollte Bosworth. „Das und dein tief geschnalltes Schießeisen!“

Dan atmete tief ein. Er musste sich anstrengen, um seine Ruhe nicht zu verlieren. „Nun gut, ich will euch also Auskunft über mich geben! Mein Name ist Dan Shafford. Ich bin in diesem County aufgewachsen und musste es zusammen mit meinem Vater vor acht Jahren verlassen.“

„Und warum bist du dann zurückgekommen?“

„Ich finde, das geht nur mich etwas an!“

„Da haben wir es schon wieder!“ Bosworths Augen funkelten. „Und da verlangst du, dass wir unsere Meinung über dich ändern.“

Die Ungeduld brach in Dan durch. Mit einem leichten Schenkeldruck setzte er seinen Rehbraunen in Bewegung. „Geben Sie jetzt den Weg frei, Bosworth. Ich habe keine Lust mehr, mich länger mit Ihnen herumzustreiten.“

Sein Pferd trabte direkt auf den vollbärtigen Siedler zu. Bosworth wich zur Seite aus, verzog wütend den Mund und rief: „So einfach geht es nicht!“ Gleichzeitig riss er den Revolver heraus und legte auf Dan an.

Dans Pferd war keine zwei Schritte von Bosworth entfernt. Der junge Reiter handelte mit einer blitzartigen Schnelligkeit, die weder Bosworth noch einer der anderen Farmer erwartet hatten! Er ließ die Zügel los, riss die Arme hoch und warf sich seitlich aus dem Sattel – direkt auf Wade Bosworth zu. Sein Anprall warf Bosworth zu Boden. Staub wallte hoch. Dans Rehbrauner wich schnaubend zur Seite.

Bosworth schimpfte und schwang den Revolver auf Dans Kopf zu. Dan rollte hastig zur Seite. Gleichzeitig kamen sie auf die Beine. Dan wunderte sich flüchtig über Bosworths Geschmeidigkeit. Der Gedanke, dass er einen nicht zu unterschätzenden Gegner vor sich hatte, durchzuckte ihn.

Bosworth hatte seinen Revolver fallen gelassen und griff sofort an. Wie ein schwerer Hammer zuckte seine Faust nach vorn. Dan duckte sich im letzten Moment und schickte gleichzeitig seine eigene Rechte vor. Er traf, und Bosworth machte ein paar unsichere Schritte rückwärts. Er fasste sich jedoch mit erstaunlicher Schnelligkeit. Und am Glitzern in seinen Augen erkannte Dan, dass dieser Mann nicht ruhen würde, bis einer von ihnen aufgeben musste. Bitterkeit verdrängte Dans Grimm und hinterließ einen herben Geschmack in seiner Mundhöhle. Er war ins Silverwater County in Kansas zurückgekehrt, um den letzten Wunsch seines Vaters zu erfüllen – und schon am ersten Tag seiner Rückkehr gab es für ihn nichts anderes als Feindschaft und Gefahren!

Wade Bosworth kam mit gesenktem Kopf und geschwungenen Fäusten auf ihn zu. Dan dachte an das Ziel, das er sich gesetzt hatte und wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, um sich schnell aus dieser heiklen Angelegenheit zu ziehen. Er holte mit einer flüssigen Bewegung seinen Revolver aus dem rindsledernen Holster. Bosworth stoppte, als sei jäh ein Hindernis vor ihm aus dem Boden geschossen. Entsetzen flammte in seinen Augen auf. Er sah im Geiste schon unausweichlich die Feuerzunge aus Dans Waffe auf sich zuzucken.

„Du feiger Schuft!“, knirschte er erbittert. „Das ist wohl die einzige Art, in der du dir zu helfen weißt, wie!“

„Ich werde nicht schießen, wenn Sie vernünftig sind“, sagte Dan. „Sie haben mir leider keinen anderen Weg gelassen!“

Er hörte hinter sich am Straßenrand das nervöse Scharren von Stiefelsohlen. Er machte eine halbe Seitwärtsdrehung, dass er auch die anderen Siedler aus den Augenwinkeln beobachten konnte.

Die Siedler standen wie versteinert. Aber der hasserfüllte Ausdruck ihrer Mienen entging Dan nicht. Es hatte keinen Sinn, sie von der Falschheit ihres Handelns überzeugen zu wollen. Er würde damit nur unnütz kostbare Zeit vergeuden – Zeit, die er einem anderen Manne widmen musste, der vielleicht noch gefährlicher war als alle diese aufgebrachten Siedler miteinander: Rud Westmore!

Mit zusammengepressten Lippen bewegte sich Dan Shafford vorsichtig auf seinen Gaul zu. Sonnenstrahlen brachen sich zuckend am blanken Metall seines Colts. Dan wurde sich der Hitze bewusst, die wie eine schwere Last auf das flache Weideland und die kleine Stadt drückte. Der Schweiß färbte das Baumwollhemd unter den Achseln dunkel. Das Verlangen nach einem kühlen Bad überkam Dan.

Er erreichte sein Pferd, griff mit der Linken nach dem Sattelhorn und hielt den Colt noch immer auf Wade Bosworth gerichtet.

Bosworth grollte: „Reite nur! Verschwinde nur von hier! Eines Tages stehen wir uns ganz gewiss wieder gegenüber, und dann kommst du bestimmt nicht so billig davon!“

„Sie sollten es lieber nicht ein zweites Mal versuchen!“, warnte Dan ernst.

Bosworth knirschte mit den Zähnen.

„Wir sind viele, mein Junge, und wir denken noch gar nicht daran, schon aus dem County zu verschwinden. Ihr habt uns alle von unserem Land vertrieben! Ihr habt unsere Blockhütten niedergebrannt und eure Colts aus den nichtigsten Anlässen krachen lassen! Jawohl, ihr habt es geschafft! Aber ganz sind wir noch nicht am Ende! Vielleicht erhalten wir eines Tages die Chance – darauf warten wir! Und dann wird es dir und deinen Freunden schlecht gehen, mein Junge – verdammt schlecht sogar! Das präge dir nur ganz genau ein!“

Dan zog sich gewandt in den Sattel. Der Rehbraune tänzelte ungeduldig. Dan sagte: „Ich kann nur wiederholen, dass Sie auf der falschen Fährte sitzen, Bosworth! Ich hoffe, Sie sehen das ein, ehe es zu spät ist.“

„Das hoffe lieber nicht!“, lachte Bosworth heiser. „Ich stehe zu dem, was ich vorher gesagt habe!“

Dan zuckte die Schultern, zog sein Pferd herum und ritt auf die Häuser von Silverwater zu. Das finstere feindselige Gesicht Noel Rimcons stand vor seinen Augen, und in seinen Ohren hallte noch die Drohung Wade Bosworths. Zwei Feinde hatte er an diesem Tag schon erhalten – Männer, mit denen er auf Schritt und Tritt rechnen musste. Und in einer halben Stunde würde er vielleicht schon einem dritten Feind gegenüberstehen: dem Großrancher Rud Westmore!

 

 

5

Stan Blaisdell lenkte seinen Rappwallach auf den Hinterhof des Longrider-Hotels und rutschte müde aus dem Sattel. Er schob den flachkronigen Stetson ins Genick und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann führte er sein Pferd durchs offenstehende Stalltor. Drinnen war es halbdunkel. Staub tanzte in dem goldenen Lichtbalken, der durch ein schmales Fenster auf den festgestampften Lehmboden fiel. Irgendwo im dämmrigen Hintergrund rieb sich ein Pferd an einer hölzernen Boxwand. Ein kurzes Schnauben war zu hören. Es roch nach Heu, Leder und Pferdeschweiß. Fliegensummen hing in der warmen Luft.

Blaisdell knöpfte seine städtische Jacke auf, führte den Rappen in die nächste leere Box und machte sich daran, den Sattel abzuschnallen. Ein raschelndes Geräusch hinter ihm ließ ihn blitzschnell herumwirbeln. Seine Rechte sauste mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit zur Hüfte hin – und erstarrte dann. Sein Blick war fest auf den Mann gerichtet, der hinter einem dicken Stützpfeiler hervorgetreten war. Ein alter abgewetzter Sattel hing an einem halb verrosteten Haken und verdeckte mit seinem Schatten halb das Gesicht des Mannes. Blaisdells Haltung entspannte sich.

„Hallo!“, sagte er ruhig und machte sich wieder am Sattel zu schaffen. „Hast du auf mich gewartet?“

„Yeah! Ich habe ohnehin hier zu tun. Warst du draußen bei Claridge?“

„Sicher!“

„Und? Was ist mit ihm?“

Blaisdell hatte den Sattelgurt gelöst, nahm den Sattel vom Pferderücken und wuchtete ihn über die dicke Bohlenwand der Box. Er zuckte die Schultern. „Was soll schon sein! Er will absolut nicht verkaufen! Ich habe es schon gestern geahnt.“

„Dieser Starrkopf!“, knurrte der andere Mann.

Blaisdell nahm dem Rappen das Zaumzeug ab. Das Tier schnaubte erleichtert.

„Ihr werdet wieder Arbeit bekommen!“, meinte er sachlich. „Es geht nicht anders.“

„Na schön, wenn es Claridge wirklich nicht anders will! Wann sollen wir deiner Meinung nach losschlagen, Stan?“

„Noch in dieser Nacht! Ich habe gesagt, ich würde morgen wieder zu ihm hinauskommen. Bis dahin muss die Sache also ins rechte Gleis gebracht worden sein.“

„Ziemlich viel zu tun in letzter Zeit.“

„Warum? Hast du was dagegen? Ich dachte, du wolltest so rasch wie möglich zum Ziel kommen. Schließlich kassierst ja du den größten Teil, oder?“

„Schon gut, Stan! Es ist schon in Ordnung! Wir reiten also heute Nacht wieder.“

„Seid vorsichtig! Dieser Claridge ist nicht der Mann, den man so leicht aufs Kreuz legen kann. Er hat Verdacht geschöpft. Er ahnt, welche Rolle ich spiele.“

„Das ist auch wirklich nicht schwer zu durchschauen!“, grinste der andere. zynisch. „Nur wird keinem der Schollenbrecher ein Verdacht auch nur eine Spur weiterhelfen. In kurzer Zeit ist alles vorbei, und dann wird uns niemand mehr abnehmen, was wir gewonnen haben.“

Der Mann ging auf die offene Stalltür zu. Über die Schulter zurück sagte er noch: „Vergiss nur eines nicht, Stan: Wenn wir uns irgendwo in der Stadt begegnen, da kennen wir uns nicht! Solange nämlich meine Teilnahme an diesem rauen Spiel geheimgehalten wird, solange ist alles in bester Ordnung. Klar?“

„Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst!“, erwiderte Blaisdell.

Der andere hatte den Stall bereits verlassen, und Blaisdell war nicht sicher, ob seine Worte noch gehört worden waren.

 

 

6

Dan Shaffords Sporen klirrten leise, als er die Eingangshalle des Longrider-Hotels betrat. Ein dicker roter Teppich dämpfte seine Schritte. Es war angenehm kühl hier drinnen. Auf den beiden Seiten des Eingangs ragten hohe Stechpalmen aus großen hölzernen Töpfen. Die weich gepolsterten Sessel luden zum Ausruhen ein. Die Tür zum Saloon war nur angelehnt. Dumpfes Stimmengemurmel drang durch den offenen Spalt. Ein Glas klirrte silbern.

Dan ging auf das Portierpult zu. Der Mann dahinter hob den Kopf und sah ihn aufmerksam an. Erst jetzt erkannte Dan, dass er den Hotelbesitzer Fess Rankin vor sich hatte. In den acht Jahren, die Dan fern von Silverwater verbracht hatte, hatte sich Rankin nicht verändert. Er war noch immer der etwas beleibte Mann im dunklen Anzug, und sein pechschwarzes Haar war noch immer dicht und ohne grauen Schimmer – obwohl Fess Rankin die Fünfzig schon längst überschritten hatte. An seinem Blick bemerkte Dan, dass ihn der Hotelier nicht erkannte. Er grüßte und fragte, wo Rud Westmore zu finden sei.

Rankin kam hinter dem Pult hervor. „Westmore?“, wiederholte er. „Ja, er wohnt seit einigen Wochen hier im Hotel – im Obergeschoss auf Zimmer sechs. Ich weiß nur nicht, ob er sich gerade oben aufhält.“

„Sie werden nichts dagegen haben, wenn ich nachsehe!“, sagte Dan. „Ich muss ihn dringend sprechen.“

Rankin zögerte etwas. „Ich will nicht aufdringlich sein, Sir, aber falls es sich um eine Angelegenheit handelt, die Westmores Ranch betrifft, dann …“

„Ich weiß, dass Westmore seinem Vormann die Ranch überlassen hat“, unterbrach ihn Dan. „Es handelt sich um etwas anderes.“

„Sind Sie einer von den Siedlern? Sie sehen nicht danach aus. Ich halte Sie eher für einen Rindermann.“

„Womit Sie nicht unrecht haben“, lächelte Dan dünn.

Rankin musterte ihn noch immer aufmerksam. Dan wurde sich der Worte des Hoteliers bewusst und fragte: „Was hat denn Westmore mit den Siedlern zu schaffen?“

Details

Seiten
140
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932843
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502521
Schlagworte
blei

Autor

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Titel: Sie bezahlten ihn mit Blei