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Killer schlafen nie - Ein Fall für Mike Torringer #5

2019 131 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Killer schlafen nie

Copyright

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Killer schlafen nie

Ein Fall für Mike Torringer #5

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Dean Ascott verbüßt eine lebenslange Haftstrafe im Old State Prison, das als ausbruchssicher gilt. Doch der skrupellose Verbrecher wird in Gangsterkreisen nicht ohne Grund das „Gehirn“ genannt, und so gelingt es ihm, mit einem aufsehenerregenden Meisterstück aus dem Zuchthaus zu fliehen. Initiator des Ausbruchs ist der Gangster Ben Dorchester, der Ascott für einen Coup braucht: einen Banküberfall, der Chicago in Atem halten soll. Schnell ist Agent Mike Torringer der Spezial-Sektion des FBI Washington auf der richtigen Fährte ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Rodeford. 20.30 Uhr.

Frederic Darp hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und schmökerte in einem alten Magazin, als es an der Tür klopfte.

„Come in“, knurrte er.

Sekunden später zog er die Beine an und sprang auf. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass eine Hollywood-Schönheit ihn aufsuchen würde.

Das Girl war groß und schlank. Unter dem hautengen Lastex-Anzug zeichneten sich deutlich die wohlproportionierten Formen ab.

Darp schluckte.

„Bitte, Madam?“

Die Besucherin ging zum Schreibtisch, hielt sich jedoch außerhalb des Lichtscheins der Bürolampe.

„Hauptmann Darp?“, fragte sie gurrend. „Von der städtischen Feuerwehr Rockford?“

Darp nickte eifrig.

„Yeah, Madam.“

Die Blonde schien nichts anderes erwartet zu haben. „Ilona Hester vom Chicago Evening Star“, sagte sie knapp. „Ich brauche ein Interview von Ihnen. Mein Chef meint, Ihr neuer Löschzug sei einen Artikel wert.“

Darp strahlte vor Freude.

„Hat es sich also doch schon herumgesprochen, Miss Hester“, sagte er händereibend. „Es war auch ein schönes Stück Arbeit, das können Sie mir glauben. Der neue Zug hat fast fünfzigtausend gekostet. Wir mussten drei Sammlungen durchführen und uns bis zum Hals in Schulden stürzen.“ Die Reporterin lächelte.

„Bin informiert, Captain. Was halten Sie davon, wenn ich mir den roten Blitz erstmal ansehe? Vielleicht können wir sogar ein Foto bringen?“

Darp stutzte.

Doch Ilona Hester beruhigte ihn schnell: „Der Fotograf wartet draußen, Captain.“ Sie mussten den großen Hof überqueren. An dem kleinen englischen Sportwagen, mit dem die Reporterin gekommen war, lehnte ein junger Mann. Er schloss sich den beiden wortlos an.

Frederic Darp konnte es sich nicht verkneifen, weitere Erklärungen abzugeben, während er die beiden Sicherheitsschlösser am Garagentor öffnete. „Sie hätten besser am Tag kommen sollen“, brummte er. „Wenn die Sonne scheint, glänzt der Lack besonders gut.“

Die Blondine lachte.

„Vielleicht holen wir’s nach, Captain. Aber wenn ich nicht gleich heute Nacht ein Foto mitbringe, setzt mich der Chef auf die Straße.“

Sie zeigte auf die Leiter des Löschzuges. „Wie weit kann man die ausfahren?“

„Fünfzig Yard, Madam. Ein einziger Mann kann das erledigen. Es funktioniert elektrisch.“

„Großartig. Ist der Wagen fahrbereit?“ Der junge Fotograf verschwand auf der anderen Seite des Löschzuges.

Darp nickte stolz.

„Klar, Madam. Schließlich haben wir den Schlitten nicht für Museumszwecke angeschafft. Wenn jetzt ein Brand gemeldet wird, dauert es höchstens fünf Minuten, bis wir abrauschen.“

„Ausgezeichnet“, lächelte die Blonde.

Im selben Moment tauchte der Fotograf wieder auf. Er war um den Löschzug herumgegangen und baute sich jetzt direkt hinter dem Captain auf.

Er hob die Kamera. „Moment, Captain!“ Darp fuhr herum.

Geblendet schloss er die Augen, als das Blitzlicht aufflammte.

Gleichzeitig zog das Girl die Rechte aus der Handtasche.

Sekunden später sauste der kleine mit Bleikugeln gefüllte Ledersack durch die Luft. Ein dumpfes Geräusch entstand, als der Totschläger auf den Hinterkopf des Hauptmanns prallte.

Frederic Darp stöhnte auf. Dann sackte er in sich zusammen. Sein Körper landete direkt vor den Füßen des Girls auf dem Betonboden.

„Saubere Arbeit“, grinste der Fotograf.

„Lass das Gerede“, fauchte die Blonde. „Jetzt bist du an der Reihe!“

Sie kniete nieder und zerrte an den Haaren des Captains.

Darp reagierte nicht.

Die Blonde hob den Kopf.

„Los“, zischte sie. „Steh nicht herum. Es kann jeden Moment jemand kommen. Hier werde ich alles weitere erledigen.“

„Schon gut, Darling. Ich bin ja schon unterwegs“, brummte der Fotograf.

Er riss die Tür zur Fahrerkabine des neuen Löschzuges auf und kletterte hinter das Steuer.

„Mist“, knurrte er. „Die Schlüssel stecken nicht.“

Das Girl hatte die Taschen des Captains durchsucht.

„Hier“, rief sie. „Er hat sie mitgebracht.“ Der Mann griff nach dem Bund, suchte den richtigen Schlüssel heraus und ließ den Motor an. Er legte den ersten Gang ein und ließ die Kupplung kommen.

Sekunden später rollte der schwere Löschzug langsam aus der Halle.

Die Blonde beschäftigte sich wieder mit dem Captain. Sie hatte einen kleinen Plastikbeutel aus ihrer Handtasche genommen und einen Wattebausch herausgezogen. Mit einer schnellen Bewegung drückte sie den feuchten Pfropfen gegen Mund und Nase des Captains. Sie drehte ihren eigenen Kopf zur Seite und wartete, bis der Atem des Captains völlig ruhig ging.

Dann sprang sie auf.

Hastig drehte sie das Licht aus, schob die auf Rollen laufende Stahltür zu und schloss sorgfältig ab.

Bereits acht Minuten, nachdem sie das Office der Feuerwehr von Rodeford betreten hatte, sprang sie wieder in den hellblauen Sunbeam, mit dem sie gekommen war.

Zufrieden blickte sie die Straße hinunter. Von dem roten Löschzug war nichts mehr zu sehen!

 

 

2

Es war wie an jedem Abend.

Alles ging wie üblich über die Bühne: Gefangenenzählung, Essenausteilung, Kontrollgang und Einschließung. Stumpfsinnig ließen sich die Häftlinge im Block A I in ihre Zelle treiben.

Die Wärter hatten auch diesmal ihre Dienstwaffen entsichert. Die Kolben waren mit dünnen Ketten an ihren Handgelenken befestigt. Im Old State Prison wollte man kein Risiko eingehen.

Schon gar nicht im Block A I. Dort saßen die Langjährigen: Gangster, die für mindestens zehn Jahre aus dem Verkehr gezogen waren.

Dean Ascott folgte seinen beiden Mithäftlingen in den winzigen Raum. Die schwere Stahltür fiel hinter den drei Männern ins Schloss.

Ascott ging zu seiner Pritsche, schlug die Decke zurück und suchte zwischen den Matratzenteilen.

„Damned“, knurrte er und fuhr wütend herum. „Wer hat meinen Tabak geklaut?“

Steve Louis grinste.

„Hast ihn wohl aufgeraucht, was?“

Ascott sprang vor. Er packte den jungen Gangster am Hemd und rammte ihm die Faust ins Gesicht.

„He, was soll der Unsinn?“, mischte sich Larry Bridge ein, der wegen Raubmordes lebenslänglich bekommen hatte. „Ich hab gestern genau gesehen, dass du deinen letzten Tabak verqualmt hast, Dean.“

Ascott wirbelte herum.

„So?“, fragte er nur.

Seine Rechte schoss vor. Bevor Bridge abdecken konnte, hatte es ihn an der Nase erwischt. Das Blut lief an seinem Kinn herunter.

Eine halbe Minute später war in der kleinen Zelle die Hölle los.

Ascott nahm die Pritschen seiner beiden Mitgefangenen auseinander und schleuderte die Einzelteile gegen die rauen Betonwände.

Es dauerte knapp zwei Minuten, dann erklangen draußen auf dem Korridor schrille Pfiffe. Schritte waren zu hören und knappe Befehle.

Die Zellentür wurde aufgerissen. Ein halbes Dutzend Wärter hatte sich draußen aufgebaut. Die Uniformierten hatten ihre Dienstwaffen in den Hand.

Dean Ascott schleuderte den Männern das Kopfteil einer Matratze entgegen.

„Ich lass mir nichts klauen“, brüllte er. „Ich will meinen Tabak wiederhaben. Oder ich schlag euch den Schädel ein!“

Drei Wärter stürzten sich auf ihn. Innerhalb von Sekunden war er gefesselt.

Dean Ascott zerrte an den Handschellen.

„Nein“, schrie er. „Ich will hierbleiben. Ich habe doch nichts getan.“

Der Blockführer gab seinen Leuten einen Wink.

„Isolationszelle II“, befahl er. „Dort kann er sich überlegen, was an der Geschichte mit dem Tabak dran ist.“

Die Uniformierten nahmen Dean Ascott in die Mitte. Ascott marschierte freiwillig mit. Ein paar Schläge mit den Gummiknüppeln hatten ihm zu der Erkenntnis verholfen, dass er keine Chance hatte.

Der Blockführer blickte der Gruppe gleichmütig nach.

Derartige Zwischenfälle waren in Block A I an der Tagesordnung. Die Psychologen nannten so was Anstaltspsychose, aber auch sie hatten noch kein Mittel gegen diese Auftritte gefunden.

 

 

3

Sergeant Arden hockte missmutig auf seinem Wachturm.

Er hatte erst zwei Stunden hinter sich und musste es noch sechs Stunden aushalten, ehe er abgelöst wurde.

Er richtete den schwenkbaren Scheinwerfer auf die Fassade von Block A I, suchte die Fenster ab und schaltete die Lampe dann wieder aus. Es war alles okay.

Genau wie üblich. Solange Arden im Old State Prison arbeitete, war es noch keinem gelungen auszubrechen. Einmal hatte es einer versucht. Aber der hatte es nicht mal bis zum ersten Tor geschafft.

Plötzlich stutzte der Sergeant. Er hatte ein eigenartiges Geräusch gehört. Es klang so, als sei jemand damit beschäftigt, seinen Rasen zu sprengen.

Der Sergeant schaltete die Lampe ein und leuchtete seinen Distrikt ab.

Er konnte nirgends etwas entdecken. Auf dem etwa fünfzehn Yard breiten Hofstreifen zwischen der sechs Yard hohen Mauer und der Fassade des ersten Blocks regte sich nichts. Auch der flache Holzschuppen, der als Geräteraum benutzt wurde und den Hofstreifen nach Norden abgrenzte, lag in tiefer Dunkelheit.

Der Sergeant zuckte mit den Achseln. Es war immer dasselbe. Manchmal glaubte man, Gespenster zu sehen. Aber es passierte doch nie etwas. Das Old State Prison galt nicht umsonst als ausbruchssicher.

Er griff nach dem Telefon und wählte die Neun. Gleich darauf hatte er den Wärter vom Nachbarturm an der Strippe.

„Alles okay?“, erkundigte er sich.

„Klar, Arden. Und wie sieht’s bei dir aus?“

„Bei mir ist auch alles in Ordnung“, versicherte der Sergeant. „Hab eben nur ein seltsames Geräusch gehört. Klang so, als spritze jemand Wasser durch die Gegend.“

Der andere lachte.

„Hast dir wohl ’ne Flasche Whisky mitgebracht, was? Pass auf, dass dich der Chef nicht erwischt. Der mag so was nicht.“

„Unsinn“, knurrte Arden. „Ich bin stocknüchtern.“

„Na, denn ist ja alles in Ordnung, alter Junge. Wenn wirklich mal etwas passiert, kannst du gern wieder anrufen. So long.“

Sergeant Arden schluckte. Verblüfft kniff er die Augen zusammen.

„Moment“, brüllte er in die Muschel. „Noch nicht auflegen.“

„Was ist denn los, Arden?“

„Es brennt“, keuchte der Sergeant. „Drüben beim Holzschuppen! Ruf sofort den Chef an. Er soll die Feuerwehr verständigen. Ich werd rüberlaufen und nachsehen, was ich tun kann. Ende.“

„Ende“, kam es zurück.

Der Sergeant warf den Hörer auf die Gabel.

Hastig griff er nach seiner MP, hängte sich den Riemen über die Schulter und kletterte eilig die Eisensprossen an der Mauer hinunter.

Mit langen Sätzen stürmte er auf den Holzschuppen zu.

Das Feuer hatte mit rasender Geschwindigkeit um sich gegriffen. Das Dach stand bereits in Flammen.

Ein eigenartiger Geruch stieg ihm in die Nase. Doch er kümmerte sich nicht darum. Er hastete zu der kleinen Handspritze hinüber, die in der Mauernische installiert war, und setzte sie in Betrieb.

Die ersten beiden Löschzüge der Feuerwehr von Joliet trafen bereits fünf Minuten nach dem ersten Alarm am Old State Prison ein.

Die Feuerwehrmänner richteten sämtliche Rohre sofort auf den Holzschuppen und deckten den Brandherd mit Wasser ein.

Zunächst ohne den geringsten Erfolg. Die Flammen leckten weiterhin gierig an dem ausgetrockneten Holz und näherten sich bedenklich der nördlichen Ecke des Block A I.

Ein dritter Löschzug kam mit Rotlicht und Sirene heran.

Der moderne Wagen fuhr von draußen dicht an die Umfassungsmauer heran. Ein halbes Dutzend Feuerwehrmänner sprangen heraus, kurbelten die Rohre aus und schlossen sie an den Tank an. Einen Augenblick später ergossen sich zwei weitere, armdicke Wasserstrahlen auf den Brandherd.

Fast gleichzeitig wurde lautlos die automatische Leiter des Löschzuges ausgefahren. Ein Uniformierter stand an der Spitze der Leiter.

Innerhalb von Sekunden schwebte er oberhalb der Reichweite der Scheinwerfer, die von den Wachtürmen aus den Brandherd beleuchteten. Die Leiter schob sich zielsicher an ein Fenster im zweiten Stock des Blocks heran.

Der Uniformierte wartete, bis die Gummipfropfen am Ende des Gerüstes gegen die Mauer stießen und der Motor sich abschaltete.

Sofort hob er die batteriebetriebene Eisensäge. Mit einem grellen Kreischen fraß sich das Blatt durch die erste Verstrebung des Gitters.

Das Spiel wiederholte sich genau siebenmal. Dann löste der Feuerwehrmann das Gitter vorsichtig aus der Öffnung heraus.

„Fertig?“, fragte er.

Dean Ascott zog sich mit einem Klimmzug hoch.

„Klar“, grinste er. „Dachtest du, ich würde diese glorreiche Stunde verschlafen?“

Der Uniformierte machte ihm auf dem Kopfende der Leiter Platz.

„Es klappt großartig“, sagte er und klopfte gleichzeitig mit der Motorsäge auf das Stahlgerüst. „Ich wette, bis jetzt hat noch kein Mensch was gemerkt.“

„Hoffentlich“, brummte Ascott „Würde ’ne höllische Schießerei geben, wenn die Wärter herausfänden, was gespielt wird.“

Lautlos wurde die Leiter wieder eingezogen.

Die beiden Männer glitten über die auf den Brandherd gerichteten Lichtkegel der Scheinwerfer hinweg und sprangen einen Augenblick später von dem Löschzug hinunter.

Dean Ascott kletterte eilig ins Führerhaus.

Ein betäubender Duft schlug ihm entgegen. Zwei Arme legten sich um seinen Hals. Dann fühlte er zwei warme, feuchte Lippen auf seinem Mund.

„Endlich, Darling“, hauchte Ilona Hester an seinem Ohr. „Ich bin vor Sehnsucht fast umgekommen, Dean.“

Dean Ascott machte sich los.

„Hör auf mit dem Quatsch“, fauchte er. „Wir müssen verschwinden.“

Ilona Hester drängte sich an ihn.

„Aber warum denn, Dean? Bis jetzt hat noch niemand Verdacht geschöpft. Deine Idee war wieder mal großartig.“

Ascott lächelte stolz.

„Meine Ideen sind immer großartig“, knurrte er. „Das solltest du langsam gemerkt haben. Habt ihr euch genau an meine Anweisungen gehalten?“

„Yeah, Darling.“

Ascott riss sich die Anstaltskleidung vom Leib. Er ließ sich von Ilona Hester einen grauen Anzug geben und zog sich eilig um. Schließlich drückte er sich unternehmungslustig einen breitkrempigen Filzhut in die Stirn.

„So“, sagte er zufrieden. „Und jetzt heraus mit der Sprache! Warum war dieser Bandenchef so scharf darauf, mich hier herauszuholen?“

„Keine Ahnung, Dean.“

Ascott packte ihren Arm und presste ihn zusammen.

„Unsinn“, knurrte er. „Du weißt genau, was gespielt wird.“

Die Blonde stöhnte auf. Sie versuchte sich loszumachen. Doch der Griff des Gangsters war eisern. „Ich warte“, zischte er.

„Ich weiß es wirklich nicht“, stieß die Blondine hervor. „Das Ganze ist noch geheim, Darling. Der Chef will erst mit dir darüber sprechen.“

Ascott ließ sie mit einem Ruck los.

„Okay. Aber wehe, du hast gelogen! — Come on, Puppe! Höchste Zeit, dass wir uns aus dem Staub machen.“

Er sprang aus dem Führerhaus.

Draußen wartete der Typ, der bei dem Überfall in Rockford den Fotografen gemimt hatte. „Alles in Ordnung, Dean?“

Ascott nickte knapp.

„Ihr bleibt noch genau eine Minute hier“, befahl er. „Anschließend holt ihr die Rohre ein und haut ab.“

„Wo sollen wir den Löschzug lassen?“

„In irgendeiner Seitenstraße. Je später sie ihn finden, desto besser. Denkt daran, dass die Cops den Schlitten nach Prints absuchen werden.“

„Aye, aye, Dean. Ich habe dafür gesorgt, dass alle Handschuhe angezogen haben.“

„Gut. Dann kann nichts passieren. Good luck!“

Dean machte kehrt und ging ohne besondere Eile zu dem englischen Sunbeam hinüber, der fünfzig Yard entfernt im Schatten stand.

Ilona Hester saß bereits hinter dem Steuer. Sie hatte den Motor angelassen.

Dean Ascott warf sich neben ihr in die Polster.

„Ab die Post!“, knurrte er.

 

 

4

Wie in jedem Jahr um diese Zeit, hatte Konsul Robert G. Denver zu einer Garden Party eingeladen, und alle waren sie gekommen: die Industriellen, die Diplomaten, die Stars und Starlets.

Der Höhepunkt des Abends war auch diesmal die sagenumwobene Modenschau der Millionärstöchter über dem Swimmingpool.

Über dem Bassin war ein Laufsteg aufgebaut worden, auf dem sich die Goldfische mit ihren neuesten Erwerbungen produzierten. Alle Kleider kamen direkt aus Paris. Und keines von Ihnen hatte weniger als tausend Dollar gekostet.

Jetzt war Stella Byron an der Reihe. Ihr Daddy stellte von Nähnadeln bis zu Flugzeugen alles her, was heutzutage gebraucht wird. Außerdem steckte er noch im Ölgeschäft.

Stella hatte lange schwarze Haare, die von einem Figaro, der extra aus Paris herbeibeordert worden war, hochgesteckt worden waren.

Wie eine Königin schwebte sie in einem Kleid, das hinten vorwiegend aus bloßem Rücken bestand, über den Laufsteg.

In der Mitte verharrte sie, drehte sich elegant herum — und geriet aus dem Gleichgewicht.

Die illustren Gäste stöhnten auf, als Stella mit einem gellenden Aufschrei ins Wasser stürzte.

Der Einzige, der keine Zeit verlor, war ein hochgewachsener Mann mit weißblondem Bürstenhaarschnitt und stahlblauen Augen. Er hatte im Hintergrund an einem Baum gelehnt und sich das Treiben amüsiert angesehen.

Er stieß sich ab, riss sich im Laufen das Smokingjackett vom Leib und sprang mit einem Hechtsprung ins Wasser.

Er tauchte ein paar Yards, packte den Arm des Girls und brachte es nach oben.

Stella Byron umklammerte ihn. Sie schlang die Arme um seinen Hals.

„Mike“, hauchte sie. „Ich habe gewusst, dass du mich retten würdest.“

Sie versuchte, ihn auf den Mund zu küssen.

Mike Torringer bog ihre Arme nach hinten, wandte einen Fesselgriff an und schwamm langsam zum Bassinrand hinüber.

Blitzlichter waren aufgeflammt.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Der Colonel würde einen Wutanfall bekommen, wenn er von dieser Rettungsaktion erfuhr.

„Du bist gemein“, zischte Stella. „So behandelt man keine Dame wie mich!“

Torringer packte fester zu.

„Stimmt“, knurrte er. „Man täte besser daran, Ihnen den Hintern zu versohlen.“

Er sorgte dafür, dass Stella Byron von anderen Gästen an Land gezogen wurde.

Grinsend beobachtete er, dass Stella ihre Rolle großartig spielte. Plötzlich war sie geschwächt und nahezu besinnungslos. Irgendjemand rief nach einem Doc.

Torringer schwamm zur nächsten Leiter und kletterte nach oben.

Der Teufel sollte diese verwöhnten Millionärs-Girls holen! Vor lauter Langeweile fiel ihnen nichts Besseres ein, als andere Leute in Schwierigkeiten zu bringen.

Zwei Männer stürzten auf ihn zu.

Der eine war behäbig und breit wie ein Gorilla. James Byron war ein Mann, der seine Millionen zählte wie andere Leute ihre Greenbacks. Er schlug Torringer auf die Schulter.

„Mensch, das vergesse ich Ihnen nie, Torringer! Kommen Sie morgen in mein Office. Vielleicht kann ich Ihnen einen Gefallen tun.“

Torringer grinste.

„Das können Sie, Byron.“

Byron angelte nach seinem Scheckheft. „Keine falsche Bescheidenheit, Torringer! Sagen Sie, was Sie haben wollen!“

„Ich habe nur einen einzigen Wunsch“, brummte Torringer. „Und der kostet Sie nur ’ne Kleinigkeit.“

„Schießen Sie los, Torringer. Geld spielt keine Rolle!“

„Großartig, Byron. Dann engagieren Sie schleunigst ein Kindermädchen für Ihre Kleine. Es könnte sonst passieren, dass sie eines Tages in die falschen Hände gerät.“ Er wandte sich an den zweiten Mann, der neben dem Millionär beinahe unscheinbar wirkte — bis auf die Polizeiuniform. „Was ist los, Sergeant?“

Sergeant Eskins warf einen misstrauischen Blick auf James Byron und trat dann einen Schritt zur Seite.

„Ein Funkruf vom Colonel“, sagte er leise. „Er erwartet Sie in seinem Office, Torringer. Höchste Eisenbahn! Ich glaub, irgendwo ist mal wieder der Teufel los.“

„Hat er nicht verraten, worum es sich handelt, Sergeant?“

„No, Sir.“

„Okay“, brummte Torringer. „Dann werde ich mich besser gleich auf die Socken machen.“

Er ließ James Byron stehen, der ihm verblüfft nachstarrte, und lief um den riesigen Bungalow herum. Ohne Rücksicht auf seine nassen Kleider sprang er in den Chevy II, den ihm das FBI-Ortsbüro zur Verfügung gestellt hatte, und raste los.

Im Hochhaus wollte er zuerst in den Bereitschaftsraum und einen neuen Anzug aus seinem Spind holen. Doch ein Sergeant trat ihm in den Weg.

„Der Colonel erwartet Sie sofort, MT 002! Selbst wenn Sie in der Badehose auftauchen!“

Torringer blickte auf die kleinen Wasserlachen, die sich bereits auf dem Fußboden gebildet hatten.

„Okay, Sergeant. Rufen Sie durch, dass ich unterwegs bin.“

„Aye, aye, Sir.“

Er fuhr mit dem Lift in eines der obersten Stockwerke und betrat einen Augenblick später das Office, in dem der Chef der Spezial-Sektion des FBI-Washington residierte.

Colonel Tim McCoy hatte wie immer eine Zigarette zwischen den Fingern. Der Aschenbecher war wie üblich bis zum Überlaufen voll.

„Sorry, Sir“, entschuldigte sich Torringer. „Aber ich musste gerade ein Girl aus dem Wasser ziehen, als ...“

McCoy unterbrach ihn mit einer unwilligen Handbewegung.

„Ihre Weibergeschichten interessieren mich nicht, MT 002. Haben Sie mal was von dem Mann gehört, den sie in Gangsterkreisen einfach 'Gehirn' nennen?“

Torringer nickte.

„Yeah, Sir. Soweit ich informiert bin, sitzt der Mann lebenslänglich.“

„Saß“, verbesserte der Colonel knapp. „Dean Ascott ist vor zwei Stunden entwischt.“

„Entwischt?“ Torringer schluckte. „In den Zeitungen stand doch, dass Ascott in einem absolut ausbruchssicheren Zuchthaus untergebracht worden ist.“

„Ein Zuchthaus ist nur so lange ausbruchssicher, bis doch mal jemand rauskommt“, knurrte McCoy. „Aus dem vorläufigen Bericht lässt sich entnehmen, dass Ascott Helfer gehabt hat. Da sich kein Gangster aus purer Menschenfreundlichkeit auf so was einlässt, müssen wir damit rechnen, dass irgendwas im Busch ist.“

Mike Torringer zündete sich eine Chesterfield an. Er hatte vergessen, dass er bis auf die Haut nass war.

„Möglich“, meinte er nachdenklich. „Ascott wird sich vermutlich für die Schützenhilfe erkenntlich zeigen müssen.“

„Genau, Mike. Bis jetzt hat er uns schon genug Kopfschmerzen bereitet. Aber ich fürchte, jetzt geht es erst richtig los. Deshalb werde ich Sie lieber gleich hinschicken.“ Er drückte auf einen Knopf auf dem Schaltpult.

„Sie und Lieutenant Fitzroy“, fügte er hinzu. „Sie werden sich in Chicago treffen. Ihre Maschine geht in zwanzig Minuten. Wenn Sie etwas brauchen, können Sie es sich in Chicago besorgen.“

„Soll das heißen, dass ich in diesem Aufzug nach Chicago fliegen soll, Sir?“ McCoy nickte unbewegt.

„Warum nicht, MT 002? Wie ich Sie kenne, wird es Ihnen nicht weiter schwerfallen, die Stewardess dazu zu bringen, dass sie Ihnen was zum Anziehen besorgt.“

Im Tischlautsprecher knackte es.

„Colonel McCoy“, meldete sich Mikes Chef, „MT 002 ist reisefertig. Lassen Sie den Wagen vorfahren. Die planmäßige Maschine nach Chicago soll ein paar Minuten warten. Ende.“

Mike Torringer zog eine Grimasse.

Dann machte er kehrt und stürmte in den Bereitschaftsraum, um sein Gepäck zu holen: Den Schulterholster mit der 38er Automatic.

 

 

5

„Hier ist es!“

Ilona Hester stoppte den Sunbeam vor einem etwa fünfzig Yard von der Straße zurückliegenden Bungalow.

Dean Ascott blickte sich misstrauisch um. „Feudal“, brummte er. „Wem gehört der Laden?“

„Dem Chef.“

Ascott wurde ärgerlich.

„Der Kerl muss wahnsinnig sein! Wenn er einen derartigen Aufwand treibt, werden ihm die Cops bald auf die Schliche kommen. Hast du eine Waffe für mich, Darling?“ Ilona zeigte auf das Handschuhfach. „Dort liegt eine drin. Aber du wirst sie nicht brauchen.“

Ascott überzeugte sich davon, dass der Revolver schussbereit war. Dann schob er ihn in die rechte Seitentasche seines Jacketts.

„Abwarten“, grinste er. „So was entscheide ich am liebsten selbst.“

Er stieß die Tür auf und stieg aus. „Come on, Darling. Bin neugierig, wer der Mann ist, der meint, dass er ohne mich aufgeschmissen ist.“

Ilona blieb hinter dem Steuer sitzen. „Moment, Dean. Ich bringe den Wagen nur schnell in die Garage. Der Chef will nicht, dass das Ding auf der Straße herumsteht. Es ist schließlich möglich, dass es jemand gesehen hat.“

Als sie wenig später auf die Haustür zumarschierten, wurde von innen geöffnet. Ein bulliger Typ stand in der Halle.

Ascott musterte den Mann misstrauisch. „Komisch“, knurrte er. „Ich dachte, hier in Chicago gibt es keinen Unterweltler, der mir nicht bekannt ist. Aber dich sehe ich zum ersten Mal!“

Der Bulle grinste, sagte aber nichts.

Im Salon wurden sie von zwei Männern und einer Frau erwartet. Die beiden Männer waren italienischer Abstammung. Sie hatten schwarze Haare und machten finstere Gesichter. Das Girl war etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Es wirkte wie ein Mannequin, das von einem Plakat für Zahnpasta herunterlächelt.

„Ich bin Laila“, sagte sie und streckte Ascott eine zarte Hand hin. „Freut mich, dass alles so großartig geklappt hat.“ Ascott warf einen ärgerlichen Blick auf die beiden Italiener.

„Von den beiden kann doch keiner der Chef sein? Hätte nicht gedacht, dass man mir zumuten würde, für derartige Typen zu arbeiten.“

Die beiden Gangster wollten sich auf Ascott stürzen.

Doch Laila jagte sie mit einer lässigen Handbewegung in ihre Ecken zurück.

„Die beiden sind nur Statisten“, lächelte sie. „Den Chef wirst du später kennenlernen, Dean. Zunächst werden wir uns darüber unterhalten, was du für uns tun kannst.“

Ascott ging zu einem Sessel, ließ sich hineinfallen und zündete sich eine Zigarette an, die er in seinem Anzug fand.

„Sorry, Laila“, brummte er. „Aber ich arbeite nicht für jeden.“

„Aber du lässt dich von jedem aus dem Knast holen, wie?“, fragte sie scharf.

Ascott grinste.

„Yeah, warum nicht? Früher oder später wäre ich sowieso herausgekommen.“

„In fünfzehn Jahren.“

„Bestimmt früher. Aber wozu sollen wir darüber streiten! Wo ist der Chef? Ich werde nur mit ihm persönlich verhandeln.“ Laila überlegte.

„Okay“, entschied sie dann. „Ich werde mit ihm sprechen. Warte hier.“

Sie verschwand zusammen mit den beiden Italienern im Nebenraum.

Ascott hatte gesehen, wie sie Ilona Hester zugeblinzelt hatte. Er erhob sich, ging zur Hausbar und machte sich einen Drink fertig.

„Schade“, sagte er. „Hätte nicht gedacht, dass du dich so schnell von diesen Leuten in die Tasche stecken lassen würdest, Ilona.“ Die Hester schmiegte sich an ihn. Ihre Hände glitten durch sein braunes Haar.

„Bitte, Darling“, gurrte sie. „Bring es schnell hinter dich. Anschließend fahren wir zu mir und machen es uns gemütlich.“ Ascott stieß sie zurück.

„Glaube ja nicht, dass ich mich von dir einwickeln lasse“, knurrte er. „Es hat keinen Zweck, dass du mich bearbeitest, Darling. Ich will erst wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

„Und was hast du davon?“

„Eine ganze Menge. Im Moment braucht der Chef mich. Aber wenn wir seine Sache hinter uns haben, hat er mich nicht mehr nötig. Wer garantiert mir, dass er mich dann nicht dort wieder hinbringt, wo er mich jetzt hergeholt hat?“

Bevor Ilona antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen.

„Ich“, sagte eine sonore Stimme.

Dean Ascott drehte sich langsam um.

Vor ihm stand ein etwa fünfzigjähriger Mann mit eisgrauen Schläfen und einer schon etwas fülligen Figur.

Ascott musterte ihn schweigend.

„Schön“, brummte er. „Und wer sind Sie?“

„Der Chef.“

„Das sagt nicht allzu viel. Wo kommen Sie her? Ich sehe Sie heute zum ersten Mal.“

Der andere nickte.

„Egal, Ascott. Ich denke, meine Vergangenheit tut nichts zur Sache. Mich interessiert es auch nicht, was Sie früher gemacht haben.“

Dean Ascott grinste.

„Dürfte nicht schwer sein, dass herauszubekommen, Mister Unbekannt.“

„Sie können mich Ben Dorchester nennen, Ascott.“

„Schön, Dorchester. Was wollen Sie von mir?“

Dorchester gab die Tür frei.

„Darüber können wir uns in meinem Office unterhalten.“

Dean Ascott betrat einen großen Raum, der elegant und teuer eingerichtet war. Besonders imponierend war der riesige Schreibtisch aus Stahl und Edelholz. Mit einem schnellen Blick auf das Schaltpult erkannte Dean, dass eine Abhöranlage eingebaut war.

Dorchester trat an die große Wandkarte, die die City von Chicago zeigte.

„Hier“, sagte er. „Das ist die Bank of Illinois.“

Ascott angelte eine schwarze Brasil aus einem silbernen Kasten auf dem Schreibtisch.

„Stimmt“, sagte er trocken und schnitt das Mundstück der Zigarre zurecht.

„Am Mittwoch holen die Firmen dort ihre Lohngelder“, fuhr Dorchester fort. „Alles in allem etliche hundert Millionen. Ein Teil des Geldes wird von den Bankboten direkt zu den Firmen gebracht.“

Ascott paffte eine dicke Rauchwolke in den Raum.

„Hat keinen Zweck“, brummte er. „Die Boten fahren mit einem Panzerwagen, der eine eingebaute Alarmanlage mit Tränengas, Sirene und allen Schikanen hat. Außerdem sind ständig zwei bis drei Streifenwagen in der Nähe.“

Dorchester warf ihm einen anerkennenden Blick zu.

„Stimmt“, nickte er. „Der Rest des Geldes wird von Leuten der einzelnen Firmen in der Bank abgeholt.“

Dean Ascott schnipste einen Aschenkrümel von seinem Ärmel.

„Abfall“, meinte er verächtlich. „Diese Leute haben höchstens zehntausend Bucks bei sich. Das wäre glatte Zeitverschwendung.“

Ben Dorchester staunte.

„Damned, Ascott, Sie sind fast besser informiert als ich.“

„Scheint so. Ich habe selbst mal darüber nachgedacht, ob man die Bank of Illinois nicht mal um ein paar Millionen erleichtern könnte. Aber da ist nichts drin. Die Sicherheitsvorkehrungen sind zu groß. Selbst mit ’ner ganzen Kompanie würde man da nichts erreichen. Die Bank hat den besten Tresorraum der Staaten.“

Ben Dorchester grinste.

„Das wird behauptet, Ascott.“

„Yeah.“ Das Grinsen Dorchesters wurde noch breiter. „Es gibt auch Leute, die behaupten, dass das Old State Prison absolut ausbruchssicher ist. Trotzdem haben Sie einen Weg gefunden, Ascott.“

Dean Ascott blickte ein paar Sekunden auf seine Schuhspitzen.

„Genau“, stieß er hervor. „Sie haben recht, Dorchester. Ich werde mir was einfallen lassen.“

Er sprang auf, ging zur Wand und betrachtete die Karte, auf der die Bank of Illinois rot eingekreist war.

„Ich habe eine Idee“, stieß er plötzlich hervor. „Wir werden es genauso anfangen wie im Old State Prison.“

 

 

6

Captain Howard Spring verließ kurz nach Mitternacht das Offiziers-Casino der US Air Force in der Archer Avenue, Chicago.

Er hatte ein paar Drinks genommen und schlenderte jetzt genauso missmutig, wie er gekommen war, zu seinem Wagen zurück, den er auf dem Parkplatz des Casinos abgestellt hatte.

Seit drei Monaten war er Kompaniechef einer Einheit in Illinois. Bis jetzt war es ihm immer noch nicht gelungen, seine Frau und seine beiden kleinen Töchter nachkommen zu lassen. Sein Familie wohnte nach wie vor in Florida.

Der Captain zuckte ärgerlich mit den Achseln. Wozu heiratete man überhaupt, wenn Uncle Sam einem später nicht mal garantieren konnte, dass man eine Wohnung bekam, wenn man versetzt wurde?

Drei Monate waren eine verteufelt lange Zeit! Und bis jetzt hatte er immer noch keine Aussicht auf ein Haus.

Er zog seine Mütze in die Stirn, damit ihm der feine Nieselregen nicht in die Augen gewebt wurde.

„Verdammter Mist“, knurrte er halblaut.

Im Casino war auch wieder mal nichts los gewesen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Fort Atkinson zurückzufahren. Dort lag seine Einheit am Lake Koshkonong in einem Ausbildungslager, wo die Boys auf ihren Einsatz in Vietnam vorbereitet wurden. Spring war selbst zwei Jahre im Dschungel von Vietnam gewesen.

Er stapfte zwischen den nassen Autos hindurch und hatte schon fast seinen alten Chrysler New Port erreicht, als er plötzlich Schritte hörte.

Er wandte den Kopf.

Im selben Moment tauchte eine Frau zwischen den Wagen auf. Sie blieb kurz stehen und rannte dann direkt auf ihn zu.

„Sie müssen mir helfen, Captain“, rief sie. „Bitte, helfen Sie mir!“

Bevor Spring begriff, was los war, hing die Frau an seinem Hals. Durch den Stoff seiner Uniform hindurch spürte er, wie sie am ganzen Körper zitterte.

„Wo brennt’s denn?“, fragte er gutmütig.

Die Frau bog ihren Kopf zurück.

Er konnte sehen, dass sie schön war. Sie war jung. Höchstens fünfundzwanzig Jahre alt. Ihr Make-up war verwischt. Trotzdem war zu erkennen, dass sie gepflegt war.

„Sie sind hinter mir her“, keuchte sie. „Sie müssen mich hier wegbringen, Captain.“

Spring zögerte nicht lange. Er war ein Mann, der es gewohnt war, zu handeln.

Er schloss den Wagen auf, ließ die Frau einsteigen und setzte sich selbst hinter das Steuer. Einen Moment später lenkte er den Chrysler vom Parkplatz herunter. „Wohin?“, fragte er knapp.

Ilona Hester lehnte sich in die Polster zurück.

„Darf ich rauchen?“

„Yeah, meinetwegen.“

Spring zündete sich selbst auch eine Zigarette an.

„Wohin soll ich Sie bringen?“, wiederholte er seine Frage. „Und wer ist hinter Ihnen her? Ich habe niemanden gesehen.“

Ilona sog heftig an ihrer Zigarette.

„Ich hatte mal einen Freund“, stieß sie hervor. „Er ist vor ein paar Tagen aus dem Zuchthaus entlassen worden.“

„Und weiter?“

„Er hat vier Jahre gesessen“, log sie frech. „Damals musste ich bei der Verhandlung als Zeugin aussagen. Er nahm an, ich hätte den Polypen einen Tipp gegeben. Deshalb will er mich jetzt umbringen.“

„Waren Sie schon bei der Polizei?“

„No, Captain.“

„Warum nicht?“

„Weil ich lieber verschwinden will. Irgendwann würde er mich doch mal erwischen. Aber wenn ich nach New York oder Frisco gehe, kann er mich nicht ausfindig machen.“

Spring nickte nur. Er hatte selbst genug Sorgen.

„Soll ich Sie zum Bahnhof fahren?“, fragte er.

Ilona schüttelte heftig den Kopf.

„No, lieber nicht. Aber wenn Sie mich bis zu den Schiller Woods bringen könnten, das wäre nett.“

„Und was wollen Sie dort?“

„Von den Schiller Woods sind es nur noch ein paar hundert Yard bis zum O’Hare Flugplatz.“

Der Captain musterte sie verstohlen von der Seite. Er hatte sich also nicht getäuscht: das Girl hatte Geld.

„Okay“, brummte.er. „Aber ich kann Sie auch ganz bis zum Flugplatz bringen. Macht mir wirklich nichts aus.“

Ilona lächelte dankbar.

„Aber es ist noch zu früh, Captain. Die Maschine nach New York startet erst gegen 6.00 Uhr.“

„Sorry“, brummte Spring. „So lange kann ich nicht bei Ihnen bleiben. Ich muss spätestens um 3.00 Uhr in Fort Atkinson sein.“

„Macht nichts, Captain. Ich werd’s mir solange auf einer Parkbank bequem machen.“

„Im Regen?“

Ilona biss sich auf die Unterlippe.

„Yeah“, sagte sie dann schnell. „Ich kenne dort einen Platz, der auch bei Regen trocken bleibt.“

Captain Spring lenkte den Chrysler zu den Schiller Woods. Das Girl musste schließlich selbst wissen, was es wollte. Er konnte jedenfalls nicht die ganze Nacht in Chicago bleiben. Seine Vorgesetzten hätten lange Gesichter gezogen, wenn er ihnen diese Geschichte erzählt hätte.

Er stoppte kurz hinter der Irving Park Road an einer schmalen Einfahrt, da Ilona Hester behauptete, dass es von dort nur noch hundert Yard bis zu ihrem trockenen Plätzchen seien.

Spring stieg aus und öffnete die Tür für die Blondine.

Ilona kletterte aus dem Wagen.

„Thanks“, sagte sie rau. „Sie haben sich einen Kuss verdient, Captain!“

Bevor Spring es verhindern konnte, hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihm die Arme um den Hals geschlungen.

Er fühlte ihre feuchten Lippen auf seinem Mund, spürte ihre Zunge, die sich zwischen seinen Zähnen hindurch ihren Weg suchte.

Schließlich gab sie ihn frei.

„Genügt das, Captain?“

Howard Spring kam nicht mehr zu einer Antwort.

Plötzlich legte sich von hinten eine dünne Nylonschlinge um seinen Hals.

Er riss die Arme hoch, wollte sich losmachen.

Doch es war bereits zu spät. Die Schlinge wurde mit einem Ruck zusammengezogen.

Röchelnd stand Spring sekundenlang aufrecht. Sein Gesicht verfärbte sich.

Dann sackte er plötzlich wie von einem Blitzschlag getroffen in sich zusammen. Schaum trat auf seine Lippen. Sekunden später verlor er das Bewusstsein.

 

 

7

Sergeant Tucker lehnte sich schlaftrunken gegen den feuchten Fichtenstamm. Er hatte die Mündung der MP nach unten gerichtet, damit keine Feuchtigkeit in den Lauf kam.

Noch eine Stunde, dann wurde er endlich von seinem Posten abgelöst.

Komisch, dachte er, beim Militär wird dauernd Wache geschoben. Dabei passiert doch nie was.

Er hörte Schritte, löste sich vom Baumstamm und nahm Haltung an.

Einen Augenblick später tauchte ein Captain auf dem schmalen Waldweg auf.

„Halt! Wer da?“

Der Captain blieb stehen.

„Ausgezeichnet, Sergeant“, rief er. „Freut mich, dass Sie auf Ihrem Posten sind. Wo ist Ihr Chef?“

„Lieutenant Denner schläft in seinem Zelt, Captain.“

„Dann holen Sie ihn her. Aber ein bisschen hastig. Ich habe wichtige Order für ihn.“

„Aye, aye, Captain.“

Der Sergeant machte auf dem Absatz kehrt und verschwand zwischen den Bäumen.

Knapp fünf Minuten später kehrte er mit einem jungen Lieutenant zurück.

„Lieutenant Denner?“, fragte der Captain knapp. „Ich bin Captain Spring. Hier sind meine Papiere.“

Der Lieutenant musterte den Ausweis kurz.

„Okay, Sir. Worum handelt es sich?“

„Ein Einsatzbefehl vom General, Lieutenant. Sie sollen mit Ihrem Zug sofort nach Fort Atkinson zurückkehren.“

Er ergriff den Lieutenant am Ärmel und zog ihn zur Seite.

„Tut mir leid für Sie, Lieutenant“, sagte er so leise, dass der Sergeant ihn nicht hören konnte. „Aber Sie und Ihre Leute werden von dem Erlass des Pentagon betroffen, der heute Nacht bekanntgegeben wurde. Sie fliegen spätestens Ende der Woche nach Saigon.“

Denner wollte protestieren, da die Ausbildung noch nicht beendet war. Doch der Captain schnitt ihm das Wort ab.

„Das ist ein Befehl, Lieutenant. Nicht mal der General kann etwas daran ändern. Verstanden?“

„Verstanden, Captain!“

„Okay. Lassen Sie sofort alle Ausrüstungsgegenstände auf einen Jeep laden. Vor allem die schweren Waffen, die sie im Camp haben. Ihre Leute sollen inzwischen ihre Zelte abbrechen.“

Der Lieutenant schluckte. Für seine Begriffe ging alles etwas zu schnell.

„Moment, Captain. Was soll mit den Waffen geschehen?“

„Die werden sofort in die Kaserne gebracht.“

Denner wurde misstrauisch.

„Von Ihnen, Captain?“

„No, Lieutenant. Sie werden das selbst übernehmen. Der General hat für 6.30 Uhr eine Besprechung anberaumt, an der auch Sie teilnehmen sollen, Lieutenant.“

Denner grinste geschmeichelt. Es kam nicht häufig vor, dass der General einen Lieutenant zu seinen Besprechungen bitten ließ.

„Okay, Captain. Ich werde sofort meinen Vertreter informieren. Haben Sie einen Wagen hier?“

Der Captain schüttelte den Kopf.

„No, Lieutenant. Mein Driver ist weitergefahren. Er hat schriftliche Order für eine andere Einheit, die ein paar Meilen entfernt kampiert.“

„Okay, Sir. Dann werde ich den Jeep selbst fahren. Sonst haben wir nicht genug Platz.“

Lieutenant Denner merkte nicht, dass es in den Augen des Captains verdächtig aufblitzte.

Der junge Offizier machte kehrt und lief zu den kleinen Zwei-Mann-Zelten zurück, die versteckt zwischen den Bäumen aufgebaut waren.

Sekunden später gellten seine Befehle durch den Wald. Innerhalb weniger Augenblicke wurde es überall lebendig. Fluchende GFs schälten sich aus ihren Schlafsäcken und versammelten sich dann auf der kleinen Lichtung.

Lieutenant Denners Gesicht glühte vor Begeisterung. Endlich hatte er mal Gelegenheit, zu beweisen, dass er ein erstklassiger Soldat war.

Er organisierte alles im Handumdrehen. Knapp eine Viertelstunde, nachdem der fremde Captain aufgetaucht war, meldete der Lieutenant, dass der Jeep fahrbereit sei.

Der Captain sprang auf den Beifahrersitz.

Zufrieden musterte er den großen Haufen Ausrüstungsgegenstände, der hinten lag.

„Wird ’ne Mordsarbeit, das noch alles inspizieren zu lassen“, brummte er. „Aber die Männer müssen schließlich narrensichere Waffen haben, wenn sie nach Saigon rüberfliegen.“

Denner ließ den Motor an. Er schaltete die Scheinwerfer ein und ließ den Jeep auf den schmalen Waldweg rollen.

Der Captain holte eine Packung Chesterfield aus der Brusttasche seiner Uniformjacke.

„Auch eine, Lieutenant?“

„Thanks.“ Denner nahm eine Zigarette. Er fühlte sich geschmeichelt.

„Fahren Sie bis an den See hinunter“, meinte der Captain. „Dort kommen wir am besten durch.“

Denner stutzte.

„Wieso? Dieser Weg hier führt direkt bis zur Straße nach Fort Atkinson.“

„Weiß ich, Lieutenant. Aber eine Meile voraus ist ein Trupp Pioniere an der Arbeit. Die Leute sind dabei, das Aufbauen von Straßensperren aus Baumstämmen zu üben. Auf der Herfahrt musste ich ’ne halbe Stunde warten, ehe der Weg wieder frei war.“

Denner lenkte den Jeep nach rechts auf einen schmalen Weg, der fast völlig von den Tannen verdeckt wurde. Er schien sich in der Gegend gut auszukennen.

„Komisch“, brummte er. „Von den Pionieren höre ich zum ersten Mal.“

„Ich auch“, bestätigte der Captain. „Zurzeit scheint hier alles ein bisschen drunter und drüber zu gehen. Kein Wunder, dass der General scharf darauf ist, junge Offiziere an seinen Besprechungstisch zu holen. Die sind meistens noch nicht so stark in der Routine versunken.“

Der junge Lieutenant schwieg. Auf seinem Gesicht erschien ein leichtes Grinsen. Der General schien eine gute Meinung von ihm zu haben. Wenn er Glück hatte, würde es nicht mehr allzu lange dauern, bis man ihn beförderte.

Nach ein paar hundert Yard erreichten sie das Ufer des Lake Koshkonong. Denner bog auf einen Weg ab, der dicht am See entlang lief.

Nach ein paar Minuten trat er ruckartig auf die Bremse.

„Verdammt! Was ist da schon wieder los?“

Der Captain reagierte überhaupt nicht.

„Fahren Sie weiter“, sagte er ruhig. „Irgendwie werden wir schon durchkommen.“

Der Lieutenant nahm den Fuß von der Bremse. Im Geländegang ließ er den Jeep langsam weiterrollen.

„Diese verdammten Pioniere scheinen sich überall breitzumachen“, knurrte er.

„Scheint so“, antwortete der Captain vieldeutig.

Nach etwa hundert Yard stoppte Denner erneut.

„Feierabend“, knurrte er wütend. „Hier kommen wir nicht weiter.“

Knapp zehn Yard entfernt stand ein Fahrzeug auf dem Weg, von dem man in der Dunkelheit so gut wie nichts erkennen konnte. Die Scheinwerfer des Wagens waren voll eingeschaltet und blendeten die beiden Männer.

Lieutenant Denner wollte aus dem Jeep springen.

„Diese Idioten“, zischte er. „Denen werd ich zeigen, dass ihnen der Wald nicht gehört.“

Der Captain legte ihm die Linke auf den Arm.

„Moment, Lieutenant!“

Denner fuhr herum.

„Was ist, Captain? Wollen Sie ...“

Der Rest des Satzes blieb ihm im Hals stecken.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den langen, doppelseitig geschliffenen Dolch in der Rechten des Captains. Er sah, wie die nadelspitze Klinge vorwärtsschoss.

„Aber, das ist doch Wahnsinn, Captain“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Er spürte kaum, wie sich das kalte Metall in seine Kehle bohrte, wie das Blut hervorschoss ...

Ein kurzes Röcheln entrang sich seinem Mund. Dann brach er über dem Steuer zusammen.

Der „Captain“ überzeugte sich davon, dass er richtig getroffen hatte.

Er zog den Dolch zurück, reinigte die blutverschmierte Klinge mit dem Taschentuch des Lieutenants, und dann verstaute er das Messer wieder unter seiner Jacke.

Zwei dunkle Schatten tauchten zwischen den Bäumen auf und kamen heran.

„Alles okay?“

Der „Captain“ nickte.

„Er hat keine Schwierigkeiten gemacht. Tragt ihn zwischen die Büsche. Aber passt auf, dass die Uniform nichts abbekommt. Vielleicht brauchen wir sie noch.“

Er sah gleichmütig zu, wie die beiden Gangster die Leiche aus dem Fahrersitz hoben und sie vorn im Scheinwerferlicht auf den Boden legten.

Innerhalb von Sekunden zerrten sie dem Lieutenant die Uniform vom Leib, rollten sie zu einem handlichen Bündel zusammen und trugen dann den Toten etwa zwanzig Yard zwischen die Bäume.

Der falsche Captain war bereits hinter das Steuer geglitten.

Er blinkte zweimal kurz mit den Scheinwerfern. Sofort erloschen die beiden Lampen, die den Weg grell beleuchtet hatten.

Der „Captain“ blendete auf. Im Scheinwerferlicht tauchte die Heckpartie eines kleinen Lastwagens aus der Dunkelheit.

Zwei Männer waren gerade dabei, die Autolampen zu entfernen, die an der Rückseite des Trucks in der richtigen Höhe befestigt worden waren.

Der „Captain“ grinste zufrieden. Der Trick war nicht schlecht gewesen. Dieser Dean Ascott schien tatsächlich ein cleverer Bursche zu sein. Der Lieutenant war prompt auf die Finte hereingefallen.

Der Gangster lenkte den Jeep vorsichtig auf die beiden Stahlplanken und gab Gas. Langsam rollte das Militärfahrzeug auf die Ladefläche des schweren Lasters.

Der „Captain“ stellte die Scheinwerfer ab, ließ den Motor ausgehen und zog die Handbremse fest an.

Als er aus dem Wagen sprang, waren die beiden anderen bereits damit beschäftigt, die Stahlplanken zu entfernen und die Heckwand hochzuklappen.

Der „Captain“ ließ sich auf den weichen Waldboden hinab.

„Beeilt euch“, zischte er. „Je schneller wir verschwinden, desto besser.“

Einen Moment später wurde die Plane verschnürt.

Der falsche Captain riss sich die Uniform vom Körper, schlüpfte hastig in einen Zivilanzug und kletterte zu den beiden Gangstern ins Führerhaus.

„Volle Pulle“, befahl er. „Ich habe mir fest vorgenommen, heute Nacht noch einen Drink in meiner Stammkneipe zu nehmen.“

 

 

8

Sie war blond und schlank. Ihr Gang war sexy, obgleich sie keineswegs aufreizend gekleidet war.

Die Männer, die in der Wartehalle des O’Hare Fields von Chicago herumsaßen, die bis vor einer Minute nur daran gedacht hatten, wie sie die Zeit bis zum Start ihrer Maschine totschlagen könnten, waren plötzlich sehr munter. Alle starrten der Frau nach.

Doch keiner wagte, die Blondine anzusprechen. Jeder spürte, dass diese Frau unnahbar war; dass sich schon mancher Playboy an ihr die Zähne ausgebissen hatte.

„American Airways, Flug D 42“, tönte es aus den Lautsprechern. „Die Maschine aus Washington landet in einer Minute auf Flugsteig III.“

Mike Torringer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seine Chesterfield ausgedrückt und sich angeschnallt.

Die Stewardess stöckelte durch den Gang und überzeugte sich, dass alle Passagiere ihre Weisungen befolgt hatten.

Torringer blinzelte ihr zu.

Das Girl lächelte, erinnerte sich jedoch rechtzeitig daran, dass es im Dienst war, und machte ein unbewegliches Gesicht. Torringer grinste fröhlich.

Als die Gangway an die Maschine herangerollt worden war, richtete er es geschickt so ein, dass er als letzter die ovale Luke erreichte.

„Wie wär’s mit uns beiden, Kleines? Fliegt ihr gleich weiter, oder bleibst du hier in Chicago?“

Sie blickte ihn voll an.

„Und was haben Sie sich für den Fall ausgedacht, dass ich hier Zwischenstation habe, Sir?“

„Dann würde ich dich zum Dinner einladen“, grinste Torringer. „Anschließend könnten wir in eine nette Bar gehen und ...“

„Wirklich reizend“, parierte die Stewardess und musterte Torringer von oben bis unten. „Leider habe ich den Verdacht, dass Sie eher jemanden suchen, der Ihre Hosen bügelt, Sir.“

Torringer folgte ihrem Blick.

Dann prustete er los.

Er hatte völlig vergessen, dass er immer noch den arg ramponierten Smoking anhatte, mit dem er auf der Party in Washington in den Swimmingpool gesprungen war.

Im selben Moment entdeckte er am Fuß der Gangway die rassig gebaute Blondine. Er sprang die Stufen hinunter.

„Hello, Yolanda! Ich dachte, du bist überhaupt noch nicht in Chicago.“

Lieutenant Yolanda Fitzroy lächelte eisig. „Das habe ich gemerkt, MT 002.“ Abschätzend blickte sie zu der Stewardess hinauf. Torringer ergriff Yolandas Arm. „Eifersüchtig?“

„I wo, Mike. Ich bin dienstlich hier. Und soweit ich informiert hin, du auch.“

Torringer zog eine Grimasse.

„Stimmt leider. Come an, Darling! Bringen wir die Geschichte so schnell wie möglich hinter uns. Anschließend machen wir uns dann ein paar gemütliche Tage. Ich kenne hier den Vorsitzenden eines Jacht-Klubs.“

Yolanda Fitzroy lächelte nachsichtig.

Details

Seiten
131
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932829
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502517
Schlagworte
killer fall mike torringer

Autor

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Titel: Killer schlafen nie - Ein Fall für Mike Torringer #5