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Andariels Los – Fluch der Unsterblichkeit

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Andariels Los – Fluch der Unsterblichkeit

Klappentext:

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPTIEL 5

KAPITEL 4

ZWISCHENSPIEL

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

EPILOG

Andariel

Andariels Los – Fluch der Unsterblichkeit

 

 

von Benyamen Cepe

 

 

Roman

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: 123 RF mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

 

Gabriels großer Traum von einem Leben als Mönch zerplatzt, als er von seinen Ordensbrüdern verstoßen wird. Durch Hass und Zorn getrieben lässt er sich auf einen Pakt mit der Unterwelt ein, der sich als Fluch mit verheerenden Folgen entpuppt – auch für ihn selbst.

Einige Jahrhunderte später bekommen Bill und Beverly ebenfalls die erschreckenden Auswirkungen dieses Fluchs zu spüren, während sie eines Nachts auf dem Nachhauseweg dem ehemaligen Mönch, der sich seit jenem folgenschweren Abend Andariel nennt, begegnen. Nach diesem Aufeinandertreffen ist für die beiden nichts mehr so, wie es einmal war …

 

 

***

 

 

PROLOG

 

 

1797

 

Gabriel war ehrgeizig, und er wollte alles richtig machen. Genau das sollte ihm zum Verhängnis werden. Er hatte sich vor zwei Jahren entschieden Mönch zu werden, da war er gerade mal achtzehn Jahre alt. Bereut hatte er diesen Schritt bis zu diesem Tage nicht. Es war seine Berufung, das wusste er.

Gabriel war gerade auf dem Weg in seine Kammer, als ihm einfiel, dass er vergessen hatte, den Altar für die morgige Messe vorzubereiten. Genervt blieb er stehen. Vor sich hin murmelnd ging er zurück. Er zündete nur ein paar Kerzen um den Altar herum an, damit niemand mitbekam, dass ihm ein Fehler unterlaufen war.

Ein knarrendes Geräusch ließ ihn aufschauen. Die Eingangstür zur Kirche wurde einen Spaltbreit geöffnet und ein kleiner Junge kam herein. Er humpelte und Gabriel ging ihm entgegen.

„Na kleiner Mann? Warum bist du denn zu dieser späten Stunde noch unterwegs?“, fragte er den Jungen freundlich und ging vor ihm in die Hocke.

„Ich wollte nach Hause, aber hier vor der Tür bin ich hingefallen und jetzt tut mein Bein so weh.“

„Komm, ich sehe mir das mal an“, erwiderte Gabriel und erhob sich wieder. Er reichte dem Jungen die Hand und führte ihn zum Altar, wo er besser sehen konnte.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er, als er ihn auf den Altar hob.

„Mein Name ist Brian und wie heißt du?“

„Gabriel“, antwortete dieser lächelnd. „Leg dich am besten hin, dann kann ich besser nach deiner Verletzung sehen.“

Brian kam dieser Bitte nach und streckte sich auf dem Altar aus.

Gabriel beugte sich nach vorn und schob das Hosenbein des Jungen hoch, um zu sehen, warum dem Kleinen das Bein wehtat.

Brian wimmerte und jammerte ein wenig. Gabriel versuchte, ihn mit leisen Worten zu beruhigen.

Plötzlich standen vier Mönche aus Gabriels Orden in der kleinen Kirche, schrien herum und zogen den Jungen vom Altar herunter.

„Gabriel wie kannst du nur?“, hörte er Stephen fragen.

„Der Kleine ist verletzt, ich wollte ihm nur helfen“, versuchte Gabriel zu erklären.

„Warum hast du den Jungen hierhergebracht? Wolltest du ihn etwa dem Teufel opfern? Warum sonst sollte er bluten? Du betest den Teufel an!“, schrie Pete, der das Kind jetzt am Arm hielt.

„Nein!“

„Du wolltest gerade von seinem Blut trinken, es war nicht zu übersehen“, schrie nun Samuel ihn an.

Mit diesen Worten erstarrten alle. Gabriel wurde hasserfüllt angesehen und allein damit zum Schweigen gebracht. Er bekam nicht die geringste Chance, die Sache richtigzustellen, selbst wenn er fähig gewesen wäre, etwas zu sagen. Seine Brüder hatten sich bereits ihr Urteil gebildet und nichts auf der Welt konnte sie mehr von ihrer Überzeugung abbringen.

„Verlass sofort die Kirche! Du bist unser nicht würdig“, keifte Thomas.

Mit geneigtem Kopf ging Gabriel auf die Türe zu.

„Du bist Satans Jünger. Gott hat keinen Platz mehr für dich.“

„Du wirst in der Hölle schmoren“, riefen sie, stießen ihn an und trieben ihn letztlich mit Schlägen aus der Kirche.

Völlig orientierungslos stand er auf der Straße, mitten in der Nacht. Der Schock über das Geschehene löste sich nur langsam. Ebenso schleichend drang die Erkenntnis zu ihm durch, dass er jetzt vor dem Nichts stand. Er hatte kein Zuhause mehr, keinen Ort wohin er gehen konnte, nicht einmal einen Bett, worin er die bereits angebrochene Nacht verbringen konnte.

Wut stieg in ihm auf, die sich ins Unermessliche steigerte. Er fiel auf die Knie und schrie so laut, er nur konnte. Dann sah er hinauf in den Himmel, an dem die Sterne aufblitzten und der Mond im Zenit stand. Gabriels Hilfeschreie wurden nicht erhört. Er wartete auf ein Zeichen. Aber vergeblich.

„Ich habe doch nichts Unrechtes getan“, flehte er. Niemand antwortete ihm. Er stand auf, den Blick weiter nach oben gerichtet.

Langsam lief er die Straße hinunter, nicht wissend wohin.

Wenn ich nicht mehr nach oben kann und auch nicht unten landen will, dann will ich unsterblich sein, dachte er. Denn in die Hölle wollte er nicht. Wer wollte das schon?

Auf einer Brücke blieb er stehen und sah hinab auf das Wasser.

Ja, Unsterblichkeit …

„Ewig will ich auf Erden wandeln“, schrie er und plötzlich kam ein kräftiger Windstoß.

„Gabriel“, sprach eine Stimme zu ihm. Sie kam aus allen Himmelsrichtungen.

„Wer ist da?“, fragte Gabriel panisch.

„Du willst Unsterblichkeit?“

„Wer spricht zu mir?“

Gabriel sah überall hin, konnte aber niemanden entdecken.

„Ich kann sie dir geben. Du musst nur Ja sagen und du kannst für immer auf Erden wandeln.“

„Wie?“

Gabriels Interesse war geweckt. Es war nicht mehr wichtig, wer da zu ihm sprach und dass er diesen Jemand nicht sehen konnte ebenfalls. Wichtig war nur, dass dieser Jemand scheinbar in der Lage war, ihm seinen Wunsch zu erfüllen.

„Das kleine Wörtchen Ja ist es, welches du aussprechen musst, dann erfülle ich dir deinen Wunsch“, sagte die Stimme.

Gabriel nickte hektisch mit dem Kopf. „Ja, ja, ich will Unsterblichkeit erlangen.“

„So sei es!“

Der kräftige Wind kam erneut auf. Gabriel bekam aus heiterem Himmel große Schmerzen. Sein ganzer Körper fing an mächtig wehzutun. Seine Schmerzensschreie konnte man durch den pfeifenden Wind nicht hören. Er glaubte, den Verstand zu verlieren. Sein Körper schien, in Stücke gerissen zu werden, so fühlte es sich zumindest an. Gabriel brach zusammen und wand sich keuchend auf dem Boden. Seine Augen brannten. Dieses Brennen wurde zu einem Ziehen. Mit den Händen wollte er seinen Kopf fassen, aber es ging nicht. Der Schmerz steigerte sich noch. Gabriel riss seine Mönchskutte auf und sah wie sich sein Körper – zersetzte. Er schrie immer lauter, ein grelles Kreischen, das zu einem dunklen Geschrei wurde. Und plötzlich war es vorbei.

Gabriel kauerte auf allen vieren und sah sich verwirrt um. Er befand sich nicht mehr auf der Straße, sondern auf dem Friedhof.

„Was hast du getan?“, hörte er sich mit einer viel tieferen Stimme fragen.

„Du wolltest unsterblich sein, Gabriel.“

„Was ist passiert, sag es mir!“

„Du bist jetzt ein Dämon. Von heute an ist dein Name Andariel.“

„Ich wollte kein Dämon werden.“

„Du hast nach ewigem Leben verlangt. Ich habe es dir gegeben. Kinder werden von nun an deine Energie und Lebensquelle sein.“

„Nein!“, schrie Andariel.

„Mit deinen Augen kannst du sie zu dir rufen, sie werden sich deiner Macht nicht widersetzen können“, fuhr die Stimme unbeeindruckt fort.

„Mach das rückgängig!“

„Du bist, was du sein wolltest“, in der Stimme lag eine eiskalte Endgültigkeit, „dieser Friedhof ist von nun an dein Zuhause. Es ist dein Schicksal, für alle Zeit hier zu wandeln. Diese Glaskugel ist deine einzige Verbindung nach draußen, zu den Bereichen außerhalb dieses Friedhofes.“

„Oh nein … bitte.“

Auf dem Boden, unmittelbar neben Andariel, tauchte plötzlich eine Glaskugel wie aus dem Nichts auf, die in einem grünen Leuchten pulsierte. Ein schreckliches Lachen ertönte und gleich darauf herrschte absolute Stille.

Andariel spürte wie etwas abgrundtief Böses von ihm Besitz ergriff. Es war unmöglich, sich dagegen zu wehren. Er schrie, es war ein Mark erschütternder Schrei, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Und da war noch eine Sehnsucht, die er verspürte, die Sehnsucht nach Freiheit und – Blut.

Eine Hoffnung stieg in ihm auf, dass das Blut ihm eines Tages die Kraft verleihen würde, aus seinem selbst geschaffenen Gefängnis zu entfliehen. Eine Hoffnung, die ihn immer wieder zum Töten zwang. Er war dazu verdammt. Das war der Preis für das ewige Leben.

Andariel machte sich nichts aus dem Leiden der Kinder, die er von nun an tötete. Der Zorn über seine eigene Lage spielte dabei keine unwesentliche Rolle. Er hatte sich mit dem Teufel eingelassen. Das war die Konsequenz für den seinen Wunsch nach Unsterblichkeit.

 

 

KAPITEL 1

 

Der 18. September war ein sonniger Tag in Charleston.

Bill Newman war gerade in seinem Zimmer und zog sich an, als seine Mutter ihn rief: „Bill komm runter frühstücken!“

„Komme gleich, Mom“, rief er zurück.

Heute begann für ihn sein letztes High School-Jahr. Er war nicht gerade begeistert davon, es in einer neuen Umgebung machen zu müssen.

Sie waren vor drei Monaten von Birmingham nach Charleston gezogen. Seine Eltern hatten sich schon eingelebt. Sein Vater hatte einen Job in einer Firma bekommen, die Maschinenteile herstellte. Das war der eigentliche Grund für ihren Umzug gewesen. George Newman war Personalreferent und hatte in Charleston eine wesentlich besser bezahlte Stellung als in Birmingham gefunden. Und seine Mutter war hier Sekretärin in einer angesehenen Anwaltskanzlei.

Nur ich werde es schwer haben, neue Freunde zu finden und mich einzuleben, dachte er, als er fertig angezogen war.

Er betrachtete sich im Spiegel. Ein einen Meter fünfundsiebzig großer, sechzehnjähriger, schlanker Junge mit schwarzem, kurz geschnittenem Haar, blickte ihm entgegen. Er ging nach unten, um zu frühstücken.

 

*

 

Pünktlich um halb acht hielt Jennifer Newman vor der High School, um ihren Sohn abzusetzen.

„Okay, wir sind da. Ich wünsche dir viel Spaß.“

„Danke, Mom.“

Er stieg aus und seine Mutter fuhr davon.

Bill ging nicht gerade begeistert auf das große Gebäude zu, das vor ihm aufragte. Es war alt, mit hohen, schmalen Fenstern und schien gezeichnet zu sein von den Jahrzehnten, in denen Generationen von Schülern hier ein und aus gegangen waren. Das erkannte man an der dreckig-grauen Farbe, dem Putz, der an manchen Stellen von der Außenwand bröckelte und den Graffitis, die sich in allen Farben an den Wänden zeigten.

Bill bemerkte sofort das Schild über den beiden Glastüren, auf dem stand:

 

CHARLESTON HIGH SCHOOL

 

Er stieg die Treppe hinauf und sah gleich rechts eine Tür:

 

Sekretariat

Direktor Snyder

 

Er klopfte an. Gedämpft hörte er eine Stimme sagen: „Herein!“ Daraufhin öffnete er vorsichtig die Tür und betrat das Vorzimmer zu Mr. Snyders Büro.

 

*

 

Andariel konnte sie hören und riechen.

Es waren ein Junge und ein Mädchen, die sich unentwegt anschrien.

„Du hast mich bei Mom verpfiffen Mary!“

„Hab ich gar nicht! Wenn du deine Zigaretten rumliegen lässt, bist du selbst schuld. So schlampig wie du bist, war es nur eine Frage der Zeit bis Mom und Dad sie finden. Also mach mich nicht dafür verantwortlich, Danny!“

„Aber du hättest wenigstens …“

Und so weiter und sofort. Andariel ignorierte das belanglose Geschwätz und sah sich den Jungen in seiner Glaskugel genauer an. Er war blond, genau wie der Junge damals auf seinem Altar. Dem Jungen, dem er, Andariel, eigentlich nur hatte helfen wollen. Wut machte sich in ihm breit.

Dieser verhasste Bengel, mit ihm hatte alles angefangen! Er markierte den Zeitpunkt des Verderbens für Andariel, den Beginn seiner auf ewig währenden Gefangenschaft. Nur durch seine Kugel konnte er sehen, was außerhalb dieses Friedhofs geschah. Er schrie vor Frustration auf und verpasste der Wand seiner Gruft einen so heftigen schlag, dass sie Risse bekam. Da Andariel keinen Schmerz fühlte, streckte er gleich darauf seine Hand über der Kugel aus und sofort verstummten Mary und Danny.

Es dauerte nur wenige Minuten bis er das Knarren der Friedhofstore vernahm und damit die Ankunft der Kinder. Er konzentrierte sich und brachte die beiden dazu, zu ihm hinabzusteigen – allein durch seine Kugel und pure Willenskraft. Andariels Macht hatte sich in den letzten hundert Jahren beträchtlich gesteigert.

Die Glaskugel warf einen grünlichen Schimmer auf die Gesichter seiner Opfer, als er dem Jungen mit einem Hieb die Brust aufriss und sich an dessen Blut labte. Er klaubte das Herz heraus und fing an, es zu essen.

Der Teufel hatte ihm sein Gesicht genommen, ihm quasi seiner Identität beraubt. Aber Andariel konnte nach wie vor kulinarische Köstlichkeiten genießen. Sein Mund, seine Nase, seine Wangenknochen, seine Stirn, alles war noch da. Es war nur für niemanden sichtbar, nicht einmal für ihn selbst.

Plötzlich kreischte das Mädchen, aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Andariel schlug ihr mit seinen scharfen, langen Krallen gleichgültig den Kopf ab. Er schnippte mit den Fingern und aß gleich darauf weiter von dem vor Blut triefenden Herzen, als sich die Körper der beiden Leichen in einer grünen Rauchwolke zersetzt hatten. Das gehörte zu den Vorteilen des Dämonen-Daseins: Wenn man nicht wollte, hinterließ man bei seinem Gemetzel keine Spuren.

 

*

 

Bis jetzt war die Schule wie ausgestorben.

Gegen sieben Uhr fünfundvierzig, eine viertel Stunde vor Unterrichtsbeginn, kamen die Schüler aus allen vier Himmelsrichtungen auf die High School zu. Unter ihnen auch Harold Simons. Harold war ein fetter Kerl mit einer Brille, die auf seiner Nase seltsam groß wirkte. Seine dunkelblonden Haare fielen ihm ins Gesicht, als er auf die Türen zumarschierte. Harold war keiner dieser angesagten Jungs, aus seiner Klasse oder der Schule überhaupt. Er hatte nur wenige Freunde, weil er, wegen seiner Fettleibigkeit, so vermutete Harold, zum Außenseiter abgestempelt war.

Es gab zwei Jungs, die Spaß daran hatten, ihn zu quälen und zu demütigen, wann immer sie konnten. Fred Johnson und Brad French.

Sie brauchten einfach jemanden auf den sie rumhacken konnten. Und da kam ihnen einer wie Harold gerade recht. Fred und Brad waren Schlägertypen, wie wohl jede High School sie hatte. Sie suchten Streit und das ständig. Und auch heute suchten sie Harold Simons, um ihn zu quälen.

 

*

 

Bill saß im Büro von Mr. Snyder, der seine Schülerakte durchsah.

„Deine Noten sind gar nicht mal so übel. Darf ich fragen, warum ihr umgezogen seid?“

„Na ja, mein Vater hat einen neuen Job bekommen, der ihm bessere berufliche Perspektiven bietet als der alte.“

„Manchmal muss man flexibel sein, um voranzukommen, nicht wahr?“, betonte der Direktor.

„Ich schätze, so ist es.“

Bill hatte eine Art Verhör erwartet, aber das war nicht der Fall. Snyder räumte die Akte weg und sah ihn an. „Ich hoffe, du knöpfst nahtlos an deine Leistungen vom Vorjahr an.“

„Ich werde es versuchen.“

„Gut. Es wird Zeit für dich, in deine Klasse zu gehen. Die Treppe rauf und dann rechts, Raum 310.“

„Danke.“ Bill stand auf und ging hinaus. Er sah viele Schüler die Treppe hinaufgehen und tat es ihnen gleich.

 

 

KAPITEL 2

 

Fred und Brad sahen Harold, wie er den langen Flur schwerfällig entlangging. Auf der rechten Seite befanden sich die Spinde für die Sachen der Schüler und auf der linken waren die Klassenzimmer.

Fred und Brad gingen etwas schneller und stoppten Harold kurz vor Raum 310. Fred trat ihm in die Beine und Harold gab ein „Oh“ von sich, bevor er mit voller Wucht auf dem Bauch landete. Er drehte sich auf den Rücken und über ihm tauchten zwei nur allzu bekannte Gesichter auf. Die beiden gaben ein leises Lachen von sich. Brad packte Harold, zog ihn hoch und drückte ihn gegen die Schränke. „Hallöchen, Harold.“

„Hast du uns vermisst?“, fragte Fred.

„Lasst mich in Ruhe.“ Harolds Stimme bebte leicht. Seine Augen wanderten ängstlich von einem zum anderen. Es gingen viele Schüler an ihnen vorbei, sie sahen alle, was hier gerade passierte, aber keiner tat etwas dagegen.

Der Ruf von Fred und Brad war in der ganzen Schule bekannt. Wer sich mit den beiden anlegte, konnte gleich sein Testament machen.

„Lasst mich in Ruhe“, äffte Fred ihn nach und kicherte.

„Wenn wir dich in Ruhe lassen sollen, musst du uns schon was dafür geben, sagen wir – zwanzig Dollar. Hast du zwanzig Dollar, Fettwanst?“

„Nein“, antwortete Harold gepresst.

„Dann hast du Pech gehabt“, erwiderte Brad und verpasste ihm einen Hieb in den Magen.

Harold sank stöhnend auf die Knie.

Fred und Brad lachten, und Brad holte schon mit dem Bein aus, um Harold noch eins mitzugeben, als er geschubst wurde und mit einem dumpfen Knall auf dem Boden landete. Genau wie Harold, landete auch er auf dem Bauch. Durch die Menge, die das sah, ging ein Raunen. Sie blieben alle stehen, um zu beobachten, was gleich passieren würde.

Brad stand wütend auf und sah einen Jungen vor sich, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Zuerst zeigten seine Augen etwas, das man bei ihm nur selten sah: Angst. Doch gleich darauf nahmen sie wieder ihren normalen Ausdruck an, den Ausdruck von Überheblichkeit.

Noch nie zuvor hatte es jemand gewagt, sich gegen ihn und Fred aufzulehnen. Dieser Neue würde hier und jetzt eine Lektion bekommen, die er nicht mehr vergessen würde. Wenn er jetzt klein beigab, würde das ein Zeichen von Schwäche sein. Aber wenn er diesem Idioten ein bisschen Respekt einprügelte, würde es sicher nicht schaden. Alle würden es sehen und noch mehr Angst vor ihm, Brad, haben und sein Ruf als harter Schläger würde sich an dieser Schule noch weiter manifestieren und das würde Fred und ihm Achtung vor der gesamten Schülerschaft verschaffen, jedenfalls glaubte Brad das.

„Wer bist du?“

„Lasst ihn in Ruhe“, sagte Bill, als hätte er die Frage nicht gehört. Um sie herum hatte sich ein Kreis aus Schülern gebildet. Die beiden standen sich gegenüber wie Cowboys in einem Western.

„Hör zu Klugscheißer, niemand legt sich ungestraft mit mir oder Fred an.“ Brad ging auf Bill zu, packte ihn am T-Shirt und hob die Faust, um sie ihm ins Gesicht zu donnern, als Mr. Parker, der Mathematiklehrer, sich durch die Schüler drängte.

„Was ist denn hier los?“

Brad ließ Bill sofort los und trat einen Schritt zurück.

„Mr. French, Ihre Manieren scheinen sich in den Sommerferien nicht gerade zum Besseren entwickelt zu haben.“ Mr. Parker wirkte recht ungehalten.

Brad senkte den Blick und räusperte sich. Mr. Parker sah Bill an, ließ ihn jedoch in Ruhe und drehte sich stattdessen zu den anderen Schülern um: „Geht alle in eure Klassen, die Show ist vorbei.“

Ein leises Murmeln war zu hören, als sich alle in Bewegung setzten. Mr. Parker wandte sich an Bill und Brad: „Das mir so etwas nicht noch mal vorkommt, habt ihr verstanden?“ Dabei schien er mehr zu Brad als zu Bill zu sprechen.

„Ja, Sir“, antworteten beide gleichzeitig.

Mr. Parker ging ohne ein weiteres Wort davon.

Brad sah Bill mit wütendem Blick an: „Wir sehen uns noch, du Missgeburt.“ Dann verschwand er.

Bill sah, dass er genau wie Fred in Zimmer 310 ging. Das wird ganz bestimmt ein tolles Jahr, dachte er.

Harold, dem immer noch der Bauch etwas wehtat, kam auf Bill zu und streckte ihm die Hand entgegen.

„Mein Name ist Harold Simons. Danke, dass du mir geholfen hast.“ Sie schüttelten sich die Hände und Bill entgegnete: „Ich bin Bill Newman und – kein Problem.“ Dann lachten beide.

„Hast du öfter Schwierigkeiten mit diesen beiden Typen?“

„Ja, leider. Ich versuche, ihnen so gut es geht aus dem Weg zu gehen, aber es klappt nur selten.“

„Ich weiß, was du meinst. Wenn solche Kerle einen auf der Abschussliste haben, ist man ziemlich übel dran.“

„Ja genau“, bemerkte Harold. „In welche Klasse musst du?“

„310“, antwortete Bill.

„Ich auch, gehen wir.“

Die Glocke läutete zum Unterrichtsbeginn, und sie betraten ihr Klassenzimmer.

 

*

 

Harold und Bill setzten sich in die mittlere Reihe. Wie Bill erwartet hatte, saßen Fred und sein Schlägerfreund ganz hinten. Solche Typen sitzen komischerweise immer in der letzten Reihe, dachte Bill.

Er schaute zur Tür und sah ein Mädchen hereinkommen, das ihn Fred und Brad vergessen ließ.

Sie hatte langes rotbraunes Haar, das ihr offen über die Schultern fiel. Braune Augen und ein makelloses Gesicht. Von ihrer Figur ganz zu schweigen.

„… Lehrer wir bekommen.“

„Was?“, fragte Bill irritiert.

Er war ganz in seinen Gedanken versunken. Für einen Augenblick war er allein mit ihr in diesem Raum gewesen, die Zeit war viel langsamer vergangen und sein offener Mund sprach wohl Bände. Während Harold geredet hatte, hatte er selbst dieses wunderschöne Mädchen angesehen. Nein, nicht angesehen – regelrecht angestarrt.

„Ich habe mich nur gefragt, welchen Lehrer wir bekommen.“

Bill gab nur ein „Aha“ von sich.

Wieder wanderte sein Blick zu diesem Mädchen. Sie hatte sich nicht direkt hinter ihn gesetzt, sondern zwei Bänke weiter links.

Bill interessierte sich nicht besonders dafür, welchen Lehrer sie bekamen, weil er hier keinen kannte. Wie sollte er auch? Er war ja schließlich neu.

Er konnte den Blick einfach nicht von dieser Schönheit abwenden, die gerade ihren Block und einen Stift auf den Tisch legte. Er war sich bewusst, dass es sehr unhöflich war, jemanden derart anzugucken, aber er konnte nicht anders. Es war fast so, als ob seine Augen von ihrer Schönheit magisch angezogen wurden. Zum Glück merkt sie es nicht, dachte er.

Harold folgte dem Blick seines neuen Freundes und lächelte. „Wenn du willst, mach ich euch miteinander bekannt.“ Das riss Bill abermals aus seinen Gedanken, und er brachte entschuldigend heraus:

„Tut mir leid. Ich habe gar nicht zugehört.“

„Das macht nichts. Sie sieht wirklich nicht schlecht aus“, gab Harold grinsend zu.

Bill der ebenfalls grinste fragte: „Kennst du sie?“

„Ja, ein bisschen. Sie heißt Beverly Summers. Ich gehe schon ein paar Jahre mit ihr in dieselbe Klasse.“

„Du Glückspilz.“

„Ich weiß.“

In der Charleston High School klingelte die Glocke einmal um sieben Uhr fünfundfünfzig, um die Schüler daran zu erinnern, dass es Zeit war, in die Klassen zu gehen, und noch einmal um acht Uhr bei Unterrichtsbeginn. Das geschah genau jetzt und Bill, Harold und der Rest der Klasse widmeten ihre Aufmerksamkeit dem Mann, der gerade die Klasse betrat.

„Guten Morgen. Mein Name ist Mr. Gordons, und ich bin in diesem Jahr euer Klassenlehrer.“ Er stellte seine Tasche auf dem Pult ab, drehte sich zur Tafel um und schrieb seinen Namen an.

Danach fing er mit dem Unterricht an.

 

*

 

In der ersten großen Pause, die eine halbe Stunde dauerte und die sie alle draußen auf dem Schulhof verbrachten, ging Beverly Summers zu Harold und dem neuen Typen, um sich zu erkundigen, wie es Harold ging.

Sie konnte Harold gut leiden. Es war nicht fair, dass zwei Idioten wie Fred und Brad auf ihm rumhackten. Und das taten die beiden, seit sie sich erinnern konnte. Einmal, sie wusste nicht mehr genau wann das war, hatten sie ihm im Sportunterricht die Hose runter gezogen.

Die Schüler hatten sich in einer Reihe aufgestellt, um vom Sportlehrer in Mannschaften aufgeteilt zu werden, als sich Fred von hinten an Harold anschlich und ihm mit einem Ruck an der Hose zog. Dabei johlte er: „Jetzt seht euch bloß den fetten Harold an.“

Die gesamte Klasse blickte zu Harold, und die meisten brachen ebenfalls in schallendes Gelächter aus. Es gab natürlich einige Ausnahmen. Nicht alle fanden Freds Showeinlage amüsant. Und zu denen gehörte Beverly Summers.

Harold indes lief knallrot an, zog sich die Hose schnell hoch und rannte aus der Halle. Zwei Wochen lang hatte er sich geweigert am Sportunterricht teilzunehmen. Von dem Tag an zog Harold seine Hose immer ganz fest zu, damit ihm so etwas nicht noch einmal passieren konnte. Nicht, dass er Beverly gegenüber so was erwähnt hätte, aber es war ihr aufgefallen.

Diese Erinnerung ging ihr gerade durch den Kopf, als sie auf die beiden zuging. „Hi Harold, wie geht es dir?“

Als Harold sie sah, strahlte er und Bill ebenso.

„Hallo Beverly, mir geht’s schon wieder besser. Danke der Nachfrage.“

„Ich hab gesehen, was Brad getan hat“, sagte sie. Und sie hatte natürlich auch gesehen, was Harolds neuer Freund dagegen unternommen hatte. Endlich war mal jemand dazwischen gegangen. Das hatte ihr gefallen.

„Ja“, erwiderte Harold, „das haben mal wieder alle gesehen. Oh, darf ich dir jemanden vorstellen? Bill, das ist Beverly Summers, die Schönheit der Schule. Beverly, das ist Bill Newman, der neue Todfeind von Brad.“

Beide sahen sich an und lächelten kurz.

„Hi“, brachte Bill trotz seiner leichten Nervosität mit fester Stimme heraus.

„Hallo“, antwortete Beverly.

Daraufhin schwiegen beide. Sie sahen sich nur an. Bill konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Sie war so wunderschön.

Dieser Moment schien ewig zu dauern, als Harold das Schweigen brach und damit den Zauber von den beiden löste: „Bill ist gerade aus Birmingham hierher gezogen und hat innerhalb von nur einer Stunde die zwei schlimmsten Typen dieser Schule kennengelernt und sich zum Feind gemacht. Ist das nicht eine Meisterleistung?“

Beverly wusste, dass er das nur scherzhaft meinte. Harold war ein sehr humorvoller Kerl, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, sich gegen Fred und Brad zur Wehr zu setzen.

„Ja, aber er hat auch zwei neue Freunde gefunden“, meinte sie und sah Bill lächelnd an. Dieser erwiderte das Lächeln.

Diesen Mittwoch sollte Bill immer in guter Erinnerung behalten. Wie einfach es gewesen war, mit Harold und Beverly Freundschaft zu schließen.

Und du hast dir die halbe Nacht den Kopf darüber zerbrochen, du Trottel. Er hatte wach gelegen und sich überlegt wie sein erster Schultag sein würde. Würde man ihn als den Neuen abstempeln und nicht weiter beachten, oder würde man ihm das Leben zur Hölle machen, weil er nicht dazu gehörte? Wie waren die Lehrer? Solche Sachen eben. Bill Newman gehörte zu den Menschen die sich über dergleichen Dinge viel zu viele Gedanken machten, anstatt sie einfach auf sich zukommen zu lassen und abzuwarten. Dabei war es so einfach, dachte er, während die drei sich zehn Minuten später auf den Weg zurück in ihr Klassenzimmer machten.

 

*

 

George Newman kam um achtzehn Uhr nach Hause und sah seinen Sohn vor dem Fernseher sitzen. Jennifer würde erst eine halbe Stunde später von der Arbeit kommen. Also würde er die Zeit nutzen und sich mit Bill unterhalten. George wusste, dass sein Sohn nicht gern umgezogen war und dass er sich viele Gedanken gemacht hatte, was die Schule und die neue Umgebung betraf. Also würde er, George, sich erkundigen, wie es gelaufen war.

„Hi Dad“, begrüßte Bill seinen Vater, als er ihn sah.

„Hallo“, gab George zurück und setzte sich zu ihm.

„Und? Wie war es in der Schule?“

Bill schaltete den Fernseher ab. „Es war besser, als ich gedacht hatte. Ich hab’ zwei nette Mitschüler aber auch zwei absolute Idioten kennengelernt.“

Darüber lachte sein Vater herzlich: „Na dann erzähl mir mal mehr über deine neuen Freunde und selbstverständlich auch von diesen Idioten.“

Bill schilderte seinem Vater natürlich nicht die ganze Geschichte, sondern ersetzte die beinahe Prügelei mit Brad durch etwas, das, wie er hoffte, George Newman weniger erschüttern würde.

Seine Mutter kam um kurz vor halb sieben nach Hause. Kurze Zeit später saßen die drei in der Küche und aßen zu Abend.

In der Nacht lag Bill noch lange wach im Bett und dachte an Beverly Summers. An ihr rotbraunes Haar und an ihre wunderschönen braunen Augen.

Bill wusste nicht, dass in dieser Nacht in einem anderen Bett, ein Mädchen ebenfalls wach lag und an ihn dachte. Ein Mädchen mit rotbraunem Haar und braunen Augen.

 

*

 

Brad hatte sich eigentlich fest vorgenommen, Bill eine Abreibung zu verpassen, die dieser nicht so schnell vergessen würde.

Aber er selbst hatte ihn schon vergessen. Das sah Brad gar nicht ähnlich. Normalerweise knöpfte er sich seine „Opfer“, wie er sie nannte, gleich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit vor. Aber er hatte im Moment andere Dinge im Kopf. Vielleicht würde er den Kerl einfach in Frieden lassen. Brad musste sich erst mal Gedanken darüber machen, wie er sich die nächste Dosis Stoff besorgen konnte. Im Sommer hatte er nämlich etwas Wundervolles entdeckt:

Drogen.

Ob Gras oder Ecstasy, egal, Hauptsache er wurde high. In diesem Zustand vergaß man seine Sorgen, seine Probleme. Dass besagter Zustand eine Flucht darstellte und er jedes Mal danach mehr denn je down war, zählte nicht. Und jetzt wo der ganze beschissene Stress in der Schule wieder anfing, kam ein bisschen high sein gut.

Fred hatte ihm bisher alles besorgt. Und Fred würde ihm wieder etwas besorgen, ganz bestimmt. Er musste nur fragen.

 

 

KAPITEL 3

 

Mike schwänzte heute extra die Schule, um den Gerüchten, die er gehört hatte, auf den Grund zu gehen.

Seine Freunde erzählten, auf dem Friedhof spuke es. Schon immer treibe ein unheimliches Geschöpf in einer Gruft sein Unwesen. Es ernähre sich von Blut, stinke bestialisch und habe eine ebensolche Fratze.

Mike mochte keinen von diesen Angebern. Deshalb war er heute auch alleine hier. Sie taten immer so, als wären sie die Größten und waren in Wahrheit feige. Wahrscheinlich würden sich diese Horrorstorys sowieso als Humbug herausstellen, aber er war von Natur aus neugierig und musste daher, der Versuchung auf den Friedhof zu gehen, einfach nachgeben.

Als Mike langsam auf die Gruft zuging, stieg ihm ein angenehmer Duft in die Nase. Er war Messdiener und erkannte diesen Geruch. Es war Weihrauch. Doch da war noch etwas anderes. Etwas fauliges, das immer stärker wurde, je näher er dem Eingang kam und plötzlich einen Würgereiz in ihm hervorrief. Er blieb erschrocken stehen, als er die Gestalt erblickte, die mit dem Rücken zu ihm stand. Vor Dreck starrende, klauenartige Finger schauten aus einer Kutte hervor, die nur mit viel Fantasie an eine Mönchskutte erinnerte. Die Gestalt stand leicht nach vorn gebeugt und murmelte etwas Unverständliches. Dabei war sie von einem grünlichen Licht umgeben, das man wegen der Tageszeit nur schwach wahrnahm.

Plötzlich lief ein eiskalter Schauer über Mikes Rücken, als ihn die Erkenntnis traf: Alles entsprach der Wahrheit! All die furchtbaren Schauergeschichten. Er musste verschwinden. Sofort!

Andariel drehte sich um und war überrascht als er den Jungen sah. Dieser war gerade im Begriff, bei seinem Anblick loszukreischen und wegzulaufen, als Andariel die Hand ausstreckte und ihn damit willenlos machte. Es amüsierte den Dämon, dass er für dieses Mahl keinerlei Aufwand betreiben musste. Wie es schien, kamen die Lämmer von ganz allein zur Schlachtbank.

Andariel liebte das schmatzende Geräusch, das seine Hände machten, wenn sie mühelos ins Fleisch dieser Würmer eindrangen. Das Knirschen und Knacken ihrer brechenden Knochen, wenn er sie zerfetzte. Das war Macht! Die kostete er jedes Mal aufs Neue aus.

 

*

 

Das war aber nicht immer so leicht mit der Beute gewesen. Nach seiner Verwandlung gab es eine Periode, in der es für Andariel sehr schwer war, an Nahrung zu kommen.

Wenn die Menschen nicht in seiner unmittelbaren Nähe waren, konnte er sie in seiner Anfangszeit nicht gefügig machen, um sie in seinen Bann zu ziehen. Der Teufel hatte ihn zwar besonders darauf hingewiesen, dass Kinder künftig seine Energiequelle wären, aber Andariel konnte es sich zu Beginn seiner Unsterblichkeit nicht leisten, wählerisch zu sein. Er musste nehmen, was er kriegen konnte, denn man hatte ihm keine Anleitung mit auf den Weg gegeben, wie er von da an, an seine Nahrung kommen konnte.

Andariel erinnerte sich an die Zeit zurück und spürte erneut die tiefe Verzweiflung, die ihn damals ergriffen hatte.

Es kam nicht selten vor, dass über mehrere Tage hinweg oder auch länger sich keine einzige Menschenseele dem Friedhof oder gar der Gruft näherte. In solchen Momenten fühlte er sich dann immer kraftlos, dann haderte er mit seinem Schicksal und Verfluchte sich für seine Unbedarftheit, die ihn letztlich zu dem gemacht hatte, was er war. Eine Kreatur des Bösen.

Und selbst wenn sich jemand auf dem Friedhof aufhielt, bedeutete das noch lange nicht, dass Andariel, sofort eine Energiequelle zur Verfügung hatte.

Mehr als einmal kam es vor, dass eine sicher geglaubte Mahlzeit quasi in letzter Sekunde von seinem Teller rutschte und auf dem verdreckten Boden der Utopie landete. Er hielt seine Beute für einen kurzen Augenblick psychisch fest umklammert und war gerade dabei, ihr seinen Willen aufzuzwingen, als er zeitgleich spürte, wie sie sich zur Wehr setzte, ihn gedanklich wegstieß und ihm wieder entglitt.

Sobald das geschehen war, konnte Andariel in seiner Glaskugel beobachten, wie die Menschen davonrannten. Als hätten sie einen kurzen Blick auf das Grauen geworfen, dem sie gerade noch entronnen waren. Sie hetzten wie von einer Tarantel gestochen auf und davon und waren für den geschwächten Dämon nicht mehr erreichbar.

Dabei erinnerte Andariel sich besonders schmerzlich an einen alten Mann aus jener Zeit. Es hatte zum ersten Mal seit Tagen aufgehört zu regnen und besagter Mann war eines Nachmittags auf dem Friedhof aufgetaucht. Andariel konnte in seiner Glaskugel deutlich die Trauer in den Augen des Mannes erkennen. Der Dämon erhaschte einen Blick auf den Grabstein vor dessen Grab der alte Mann stand und vermutete, dass der Kerl seine Frau beweinte.

Es könnte etwas ranzig und abgestanden schmecken. Aber ranzig und abgestanden war besser als nichts. Das wird ein leichtes Spiel. Trauer gepaart mit Schwäche sollten keine großen Probleme verursachen, dachte er damals.

Andariel konzentrierte sich und tatsächlich erstarrte der Alte augenblicklich. Langsam und behäbig kam er auf die Gruft zu. Doch plötzlich geschah es. Der Mann ballte die Hände zu Fäusten und stieß mit all seiner geistigen Kraft zu, die im Vergleich zu seiner körperlichen recht beachtlich war. Er schaffte es, den dämonischen Eindringling aus seinen Gedanken zu verbannen, sich der Macht des Dämons zu entziehen und seinen Blick zu klären. Der Greis sah sich verwirrt um und hastete dann, so schnell es seine von der Zeit gezeichneten Beine zuließen, Richtung Ausgang.

Andariel schrie frustriert auf und vergrub sein unsichtbares Gesicht in den Händen.

Daraufhin verbrachte er einige Tage unbeweglich in dieser Haltung.

Und seine Gedanken glitten noch einen Raster weiter zurück, zu der Zeit vor seiner Verwandlung.

Wenn er an damals dachte, war er stets von einem Gefühl der Glückseligkeit erfüllt. Zumindest am Anfang.

Irgendwann schob sich immer ein dunkler Vorhang des Bedauerns ob des schmerzlichen Verlustes vor sein geistiges Auge. Doch bis es so weit war, kostete er die innere Zufriedenheit aus, die ihm diese Erinnerungen brachten, weil er seiner Bestimmung nachgehen konnte, umgeben von Leuten die ihn in den meisten Fällen mochten und auch förderten. Die guthießen, dass er in seinem Leben eine sinnvolle Richtung eingeschlagen hatte, mit genauen Vorstellungen davon, wohin sie ihn letzten Endes führen sollte. Welcher Zwanzigjährige konnte das schon von sich behaupten? Doch dann waren all seine Träume und Vorstellungen wie Glas auf dem Boden der Realität zerschellt.

Andariel dachte daran, wie er sich nach tagelangem Grämen aufgerafft hatte. Wären zuvor die zwei Jahre im Kloster nicht gewesen, wäre er mit Sicherheit in ein tiefes Loch gefallen, aus dem es kein Zurück gegeben hätte, aber so kam ihm seine antrainierte Disziplin und Selbstbeherrschung nun zugute. Außerdem konnte er es sich nicht leisten, depressiv und niedergeschlagen zu sein. Wie denn auch?

Sollte er die Ewigkeit etwa damit zubringen, tatenlos vor sich hin zu vegetieren? Mitnichten!

Anstatt aufzugeben, verdoppelte er seine Anstrengungen nach einer kurzen Phase des sich Sammelns.

Der Erfolg ließ noch etwas auf sich warten, aber Andariel gab trotzdem nicht auf. Der Perfektionist in ihm, ließ das einfach nicht zu. Und dann kam der Tag, an dem er sich endlich wieder ernähren konnte. Es war anstrengend, aber es klappte. Von diesem Ereignis beflügelt, holte er sich an diesem sonnigen Nachmittag sofort einen Nachschlag. Einen Jungen und dessen Mutter. Die Mutter erfüllte Andariel mit einer Kraft, wie er sie schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte. Hätte er gewusst, dass die Frau in der fünften Woche schwanger war, es hätte ihn nicht im Mindesten interessiert, aber es hätte ihm eine Erklärung für die außergewöhnliche Energie gegeben, die er wahrnahm. Und der Junge war sozusagen das Sahnehäubchen. Danach fühlte Andariel sich wieder gut. Wieder mehr wie er selbst.

 

*

 

Einer der wohl einprägsamsten Tage als Dämon war der, als Andariel feststellte, dass seine Macht weit über die Grenzen des Friedhofs hinausreichte. Das war nicht lange, nach seiner erfolgreichen „Genesung“. Bis zu diesem Tag war er darauf angewiesen, dass seine Opfer sich unmittelbar auf dem Friedhof aufhielten, damit er sie beeinflussen konnte.

Das änderte sich schlagartig, als er eines Abends versuchte, seine eigenen Grenzen zu erweitern. Warum auch nicht? Er war schließlich ein unsterbliches Wesen. Andariel starrte auf seine Glaskugel und erblickte ein kleines Mädchen, auf die er sich sofort zu fixieren begann. Als er sah wie sie sich verkrampfte, traute er seinen Augen nicht. War es möglich, dass er nicht nur über den Friedhof hinaus sehen, sondern auch Menschen lenken konnte? Er wagte es nicht, sich zu sehr darüber zu freuen, sondern ging konzentriert ans Werk und stelle befriedigt fest, dass sich das Mädchen mühelos von ihm dirigieren ließ. Sie drehte sich auf dem Hacken um und lief ihm direkt in die Arme …

Die Begeisterung darüber war schier unbeschreiblich. Andariel hatte soeben seine mentalen Fesseln abgestreift.

Die Möglichkeiten die sich ihm von da an auftaten überwältigten ihn. Er beherrschte sich jedoch, um nicht in eine Art Blutrausch zu verfallen, was aber außer seinen Opfern niemanden groß interessierte. Diese Beherrschung stellte für ihn kein Problem dar, denn seine Disziplin war bemerkenswert.

Was ihm in den letzten zweihundert Jahren ganz besonders aufgefallen war, war die Tatsache, dass die Menschen heute anders schmeckten, als im 19. Jahrhundert. Er konnte unterschiedliche Nuancen im Blut seiner Opfer herausschmecken. Ob sie sich gesund oder schlecht ernährte, zum Beispiel. Oder ob jemand viel Fleisch zu sich nahm oder eher Vegetarier war. Die Kinder, die er in letzter Zeit als Energiequellen herangezogen hatte, waren irgendwie, fetthaltiger. Sie trieften geradezu danach. Natürlich nicht alle. Aber dennoch ein beträchtlicher Teil von ihnen.

Woran das lag, das wusste er nicht, das interessierte ihn auch nicht. Und auch, dass es so war, kümmerte ihn wenig. Auf ihn hatte es keinerlei Auswirkungen. Es war ihm lediglich aufgefallen.

 

 

KAPITEL 4

 

Der Herbst verging wie im Fluge, ohne dass etwas Außergewöhnliches passierte, und Weihnachten stand vor der Tür.

Am 1. Weihnachtstag waren Bills Eltern abends mit Freunden zum Essen verabredet.

Sie hätten ihn auch mitgeschleift, aber er hatte keine Lust, mit Leuten essen zu gehen, die er kaum kannte. Außerdem hatte er Beverly zu sich nach Hause eingeladen, und sie hatte zugesagt. Das hatte er gleich seinen Eltern erzählt, und sie waren daraufhin damit einverstanden, dass er daheim blieb. Seine Eltern mochten Beverly. Schon vom ersten Moment an, als er sie ihnen vorgestellt hatte.

Jetzt, drei Monate nachdem er an die Charleston High School gekommen war, musste er rückblickend feststellen, dass er mit dieser positiven Wende in seinem Leben nicht gerechnet hatte. Seit ein paar Wochen waren er und Beverly ein Paar. So glücklich wie im Moment war er noch nie zuvor gewesen. Verliebt war er, oh ja, und das nicht zu knapp.

Bill konnte sich noch genau an ihren ersten Kuss erinnern. Sie hatten sich gegenübergestanden, als er sie nach einem Kinobesuch nach Hause gebracht hatte. Beide brauchten in diesem Augenblick nichts zu sagen. Sie sahen sich scheinbar ewig in die Augen, bis schließlich ihre Lippen aufeinanderlagen. Traumhaft war das gewesen.

Jetzt war Beverly bei ihm.

Sie saßen auf dem Sofa, kuschelten und küssten sich, der Fernseher lief und Bill hatte den Kamin angezündet sowie das Licht ausgeschaltet.

Als sich ihre Lippen voneinander lösten, legte sie den Kopf an seine Schulter und die Arme um ihn. Mit einem Lächeln zog sie ihn zärtlich noch dichter zu sich heran. So saßen sie eng umschlungen, als Beverly fragte: „Weißt du, wann Harold zurückkommt?“

Harold war mit seinen Eltern über Weihnachten und Silvester zu seiner Tante gefahren. Das machten sie, wie er Bill erzählt hatte, fast jedes Jahr.

„Spätestens am Zehnten, vielleicht ein paar Tage früher. Ich zitiere: ‚Kommt darauf an, wie meine Alten drauf sind‘.“

Sie lachte. „Das hat er gesagt?“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932805
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502512
Schlagworte
andariels fluch unsterblichkeit

Autor

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Titel: Andariels Los – Fluch der Unsterblichkeit