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California-Express - Ein Jack Braden Thriller #13

2019 133 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

California-Express

Copyright

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

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20

21

22

California-Express

Ein Jack Braden Thriller #13

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Zum zweiten Mal gibt es auf einer Gefahrenstrecke des California Express einen Unfall, bei dem mehrere Todesopfer zu beklagen sind. Da die Geschäftsführung diese Vorfälle für nicht normal hält, wird der Privatdetektiv Jack Braden engagiert, um die Hintergründe eines möglichen Attentats aufzuklären. Braden sticht damit in ein Wespennest.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, CassiopeiapressAlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

Mit der üblichen halsbrecherischen Geschwindigkeit jagte der Express der Chicago California Eisenbahngesellschaft durch die Vorstädte der Riesenstadt, bewältigte durch einen Zweihundert-Meter-Tunnel die felsigen Anhöhen des Plaines River und bog dann in die Kurve ein, die an einer Stahlbrücke endete. „Waldkurve“ hieß dieser Bogen in Eisenbahnerkreisen, weil der Wald dicht an die Gleise heranwuchs.

Und jeder Lokführer kannte dann schon das Donnern, wenn der tonnenschwere Zug über den in der Tiefe rauschenden Plaines River fuhr.

Um 22 Uhr 29 war der Express fahrplanmäßig in Chicago abgebraust. Der Lokführer rauchte gelassen seine Zigarette. Da war der Tunnel! Jetzt kam die langgezogene Waldkurve.

Nur ganz wenig ging der Lokführer mit der Geschwindigkeit herunter. Und dann geschah es!

Ein Ruck ging durch den Zug, der sich nervenaufreibend verstärkte. Ein ohrenbetäubendes Kreischen, Schürfen, Bersten und Brechen … Der Lokführer riss am Bremshebel. Die Haare standen ihm zu Berge …

Mitten in der Waldkurve entgleiste der Express!

 

 

1

Der Summer des Hausapparates schlug an. Jack Braden, seines Zeichens Privatdetektiv in einem der vornehmen, östlichen Stadtteile New Yorks, drückte halb geistesabwesend auf den Knopf des Lautsprechers. „Ja?“, fragte er kurz.

Die verträumte und vertraute Stimme Sunnys, seiner Sekretärin!

„Blitzgespräch Chicago, Mister Braden. Ich schalte um.“

„Danke!“

Eine Sekunde später hatte er den Teilnehmer an der Strippe.

„Hier Generaldirektor Foster, Chicago California Railway“, erklang eine Bassstimme. „Mister Braden persönlich?“

„In eigener Person“, antwortete der Detektiv. „Was darf es sein?“

„Sie selbst dürfen es sein, Mister Braden“, kam es von der anderen Seite. „Wir bitten um Ihren umgehenden Besuch. Wann können Sie hier sein?“

Jack Braden schaltete sofort.

„Wenn’s eilig ist, nehme ich den Wagen, wenn’s brennt, nehme ich das Flugzeug.“

„Es brennt, Mister Braden! Zugunglück! Sie haben wohl davon gelesen …“

„Okay. Sagen wir – heute Nachmittag, wenn’s recht ist.“

„Es ist recht! Ich erwarte Sie! Wird alles bezahlt! So long, Mister Braden!“

Blitzgespräche kosteten Geld, da gab es keine langen Unterhaltungen und keine unnötige Fragerei. Wie man in Chicago wohl ausgerechnet auf ihn gekommen war? Das Zugunglück, hatte Mr. Foster gesagt. Vermutete er dahinter ein Verbrechen? Nun, das würde man ja noch erfahren.

Druck auf den Knopf … Sunny.

„Hallo, Sunny, ich fahre sofort nach Chicago. Rufen Sie bitte den Flugplatz an, man soll die Piper startklar machen und auftanken.“

„In Ordnung, Mister Braden.“

Dawn Barris, die sonnenblonde Sekretärin, war eine Perle. Sie arbeitete zuverlässig und auch noch mit Vergnügen. Jack Braden konnte sich beglückwünschen, sie seit fünf Jahren als Mitarbeiterin zu haben. Dabei war sie bildhübsch und hatte Charme, eine Rarität, wenn man die guten Leistungen berücksichtigte. Es gab nichts, was sie vergaß, und auch das Persönliche … nun, das war eine Sache für sich. Sie verstand es, Abstand zu halten, bei aller Freundlichkeit zu ihrem 34-jährigen Chef. Ihre eigenen Gefühle behielt sie für sich. Und der junge Detektiv empfand in ihrer Nähe irgendwie ein warmes Gefühl der Geborgenheit – der Teufel mochte wissen, wie es zustande kam.

Jack Braden beförderte mit einem Schwung seine Akten in den Schreibtisch, sah sich noch einmal prüfend im Zimmer um, und begab sich dann durch das Vorzimmer, in dem Sunny gerade mit dem Flugplatz telefonierte, nach draußen, um mit dem Lift ein Stockwerk höher zu schweben. Im 4. Stock des achtgeschossigen Hauses war sein Wohnapartment.

Die Tür war nur angelehnt – aha, Mrs. Hamilton waltete ihres reinigenden Amtes!

„Oh, Mister Braden! Sie sind schon fertig mit der Arbeit?“, begrüßte ihn die gesprächige Aufwartefrau. „Ich habe hier nur noch …“

„Lassen Sie’s gut sein, Mrs. Hamilton!“, winkte Braden ab. „Machen Sie ruhig weiter und lassen Sie sich nicht stören! Ich muss nur schnell mal verreisen.“

„Ach Gott, verreisen?“, seufzte die Alte. „Wer’s doch auch einmal so gut hätte! Wohin soll denn die Reise gehen?“

„Nach Chicago!“, rief Braden schon aus dem Nebenzimmer herüber.

Doch da tauchte Mrs. Hamilton in der Türöffnung auf.

„Nach Chicago? Ich habe da einen Neffen von meinem Bruder, vielmehr ist das nicht direkt der Neffe, sondern …“

„Ja-ja, Mrs. Hamilton! Man hat so seine Verwandten!“ Jack Braden warf einen kleinen Koffer aufs Bett und begann in größter Eile, einige Kleinigkeiten darin zu verstauen, die er für die Reise brauchte.

Mrs. Hamilton ließ nicht locker. Sie sah in dem Koffer ein neues Betätigungsfeld.

„Soll ich Ihnen nicht helfen, Mister Braden? Sehen Sie doch, wie Sie das schöne neue Hemd zerknautscht haben! Das muss man doch …“

„Legen Sie’s richtig, Mrs. Hamilton!“ Braden war schon wieder am Waschtisch. Rasierzeug, Zahnbürste, Hautcreme, Necessaire … Rein in den Koffer!

„Die Unterhosen, Mister Braden!“

„Habe ich an!“, wehrte Jack ab.

„Aber Sie müssen doch …“

„Ach, lassen Sie nur! Vielleicht bin ich schon morgen wieder da. So, da hätten wir alles! Wiedersehen, Mrs. Hamilton!“

Da stand sie oben auf dem Flur, die gutmütige, aber geschwätzige Alte. Braden sauste schon mit dem Lift wieder eine Etage tiefer.

Dawn Barris war wirklich eine Perle. Während ihr Chef oben den Koffer packte, hatte sie schon alles zurechtgelegt, was er sonst noch brauchte. Scheckbuch, die 7.65er FN, Füllhalter und einen Zettel mit der genauen Anschrift der Eisenbahngesellschaft bildeten neben ihrer Schreibmaschine ein eigentümliches Stillleben.

„Oh, Sunny!“, seufzte Jack. „Wenn ich Sie nicht hätte!“

„Wenn Sie etwas brauchen sollten, rufen Sie mich nach achtzehn Uhr zu Hause an“, bemerkte sie sachlich.

„Wollten Sie heute Abend nicht ins Kino gehen?“

„Ich werde zu Hause bleiben für den Fall, dass Sie …“

„Sie sind das beste weibliche Wesen, das ich je kennenlernte!“

„Das hat mir noch niemand gesagt.“ Wenn Sunny lächelte, gab es wohl keinen Mann auf der Welt, der sich nicht sofort in sie verliebt hätte. Und auch Braden fiel es immer schwer, sich von ihr loszureißen.

„Bye bye, Sunny!“

„Bye bye, Jack!“

Er hatte die aufgebauten Sachen wahllos in die Taschen gestopft, den kleinen Koffer genommen und war in den nach unten fahrenden Kasten des Paternosters gesprungen.

Sunny aber wandte sich mit ruhiger Sachlichkeit wieder ihren Schreibarbeiten zu. Ein leichtes Lächeln lag jedoch noch immer auf ihrem hübschen Antlitz.

 

 

2

Generaldirektor Foster von der Chicago California Railway zeigte sich außerordentlich erfreut, als Jack Braden schon am zeitigen Nachmittag bei ihm antanzte.

„Miss Ellings“, sagte er durch die Sprechanlage zu seiner Sekretärin im Vorzimmer, „ich wünsche jetzt von niemandem gestört zu werden. Halten Sie mir bitte alle Besucher vom Leib!“

Der Generaldirektor war eine massive Erscheinung, ungefähr 60 Jahre alt. Lichtes, graues Haar über einer hohen Stirn, dazu ein jugendlich-beschwingtes Aussehen – das typische, markante Amerikanergesicht.

Jack Braden hatte sich im angebotenen Sessel niedergelassen und wartete auf die Ansprache Fosters.

„Ich kannte Ihren Herrn Vater sehr gut“, begann der Chef des Eisenbahnunternehmens. „Er hat uns manches Mal gute Dienste geleistet. So kam ich auf Ihre Anschrift, Mister Braden. – Aber kommen wir zur Sache! Sie wissen ja aus der Presse, dass sich auf unserer Waldstrecke am Plaines River ein weiterer schwerer Unfall ereignete, dem leider sieben Menschen zum Opfer fielen. Ich muss Ihnen offen gestehen, Mister Braden, dass es hier um Sein oder Nichtsein der Chicago California Eisenbahngesellschaft geht. Sie können sich wohl leicht vorstellen, dass uns das Misstrauen unserer Fahrgäste schwer belastet. Man zieht es vor, lieber andere Linien für Fahrten nach Kalifornien zu benutzen, auf denen noch nichts passiert ist …“

Jack Braden hob die Hand und unterbrach die Rede Fosters.

„Darf ich Sie bitten, Mister Foster, mir den Hergang des Unglücksfalles kurz zu schildern?“

Der Generaldirektor nahm ein umfangreiches Aktenbündel vom Schreibtisch und reichte es Braden über den kleinen Rauchtisch.

„Das sind die Protokolle, Mister Braden. Sie wurden von uns mit aller Sorgfalt zusammengestellt. Sie können daraus alle Details erkennen und finden darin alle Fragen beantwortet, die mit dem Unglücksfall zusammenhängen. “

Jack warf einen etwas misstrauischen Blick auf das dicke Paket.

„Hm … Das ist für den Augenblick ein bisschen viel. Das Studium solcher Wälzer will ich mir lieber für verregnete Urlaubstage aufheben. Erzählen Sie mir doch mal kurz, was Sie wissen, Mister Foster!“

„Es ist mit einigen Worten gesagt. Unser Nachtschnellzug 22 Uhr 29 entgleiste in der Waldkurve in der Nähe der Blockstelle 214. Als wir nach der Ursache des Unglücksfalles forschten, stellten wir fest, dass einige Bolzenschrauben, mit denen die Außenschiene an der Schwelle befestigt war, fehlten.“

„Na also, da haben Sie ja die Ursache dieses Unfalls!“, warf Braden mit sichtbarem Missvergnügen ein.

„O nein, Mister Braden, so ist das nun wieder auch nicht. Das Fehlen dieser Schrauben war wohl die unmittelbare Ursache der Entgleisung des Zuges – wie aber konnten diese Schrauben fehlen? Die Strecke wird alle zwei Stunden durch unsere Läufer überwacht. Es gehört zu den dienstlichen Obliegenheiten dieser Leute, gerade auf solche schadhaften Stellen im Gleisunterbau zu achten, damit sofort ein Ausbesserungstrupp eingesetzt werden kann. Schon das Lockerwerden einer solchen Schraube muss gemeldet werden.“

Braden, dessen Reisen nur im Auto oder Flugzeug vor sich gingen, stellte sich schnell auf die Fragen der guten alten Eisenbahn ein. „Kommt es öfters vor, dass eine solche Bolzenschraube locker wird?“

„Oh, das kommt überall vor, nicht nur bei unserer Gesellschaft. Die tonnenschweren Züge, die die Schwellen belasten, verursachen mit der Zeit einen natürlichen Verschleiß des Materials. Deshalb werden von uns die Streckenläufer eingesetzt.“

„Sie meinen also“, unterbrach ihn Braden, „dass der Streckenläufer das Fehlen dieser Bolzenschrauben unbedingt hätte bemerken müssen?“

„Das ist es, Mister Braden. Wenn es sich dabei noch um die gefährlichste Stelle der Waldkurve handelt, nämlich um den äußersten Punkt der Biegung, die den stärksten Belastungsdruck der darüberfahrenden Züge auszuhalten hatte, so war gerade an einer solchen Stelle die Bewachung besonders sorgfältig vorzunehmen.“

Als Kriminalist interessierte sich Jack mehr für Menschen als für Schrauben.

„Und wer ist dafür verantwortlich? Der Streckenläufer?“

„In erster Linie der Leiter der Blockstelle. Er hat die Pflicht, wenigstens einmal am Tag die Strecke abzugehen. Dies geschieht wiederum zur Überwachung der Streckenläufer.“

„Ah, so ist das also. Und wer überwacht die Blockstellenleiter?“

„Niemand, sie sind allein für ihren Streckenabschnitt verantwortlich.“

„Was hat der Blockstellenleiter noch für Funktionen?“

„Gerade diese Blockstelle ist besonders wichtig“, erklärte der Generaldirektor. „Es gehören ein Tunnel und eine Brücke dazu, ebenso zwei Signale, ein Vor- und ein Hauptsignal. Dazu kommen noch die Schranken …“

Es mochte zu früh sein für einen Verdacht, aber die Frage lag in der Luft: „Ist dieser Blockstellenleiter schon lange im Dienst?“

„Nein, erst vier Jahre.“

„Ist schon etwas vorgekommen bei ihm?“

„Nein, nichts. Er erhielt den Posten damals, als der alte Blockstellenleiter abgelöst wurde.“

„Sagten Sie nicht, dass an der gleichen Stelle schon einmal ein Unglück passierte?“

„Ja“, sagte Foster. „Und das ist der Grund, weshalb wir Sie baten, sich der Sache einmal anzunehmen. Es war damals die gleiche Ursache.“

„Wann ist das gewesen?“

„Vor vier Jahren. Damals entgleisten die Lokomotive, der Gepäckwagen und drei weitere Wagen des Express nach Frisco. Wir hatten elf Tote und mehr als fünfzig Verletzte zu beklagen.“

„Ah, ich verstehe! Damals wurde der alte Blockstellenleiter abgelöst?“

„Ja, so ist es. Er kam vor Gericht und wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Er erhielt damals zwei Jahre Gefängnis, da ihm das Gericht die strafbare Vernachlässigung seiner Überwachungspflicht nachweisen konnte.“

„Und Sie sagen, Mister Foster, dass der damalige Unfall an der gleichen Stelle passierte?“

„Genau an der gleichen Stelle, Mister Braden. Und auch damals wurde als Unfallursache das Fehlen der Bolzenschrauben in der Außenschiene festgestellt. Gerade diese Außenschiene muss ja besonders gut befestigt sein, da sie als Verstärkung des Zuggewichtes noch die Fliehkraft der Kurve auszuhalten hat.“

Jack Braden dachte einige Augenblicke lang nach.

„Ist es nicht möglich“, fragte er dann, „dass sich die Bolzen gerade an dieser besonders belasteten Stelle von selbst lösen?“

„Das ist durchaus möglich. Aber es ist nicht möglich, dass der Streckenläufer bei seinen zehn täglichen Kontrollgängen eine solche Lockerung übersieht. Und es dürfte erst recht nicht passieren, dass dem Blockstellenleiter der gleiche Fehler unterläuft. Wenn sich eine solche Schraube lockert, so geschieht das ganz allmählich, so dass die beiden Beamten tage- und wochenlang Zeit gehabt hätten, es zu beobachten und zu melden.“

„So kann man dem damaligen Blockstellenleiter eigentlich keinen Vorwurf machen, Mister Foster?“, fragte Jack nachdenklich.

Der Gefragte zuckte die Achseln.

„Sie kennen ja die Gerichte, Mister Braden“, meinte er etwas verlegen. „Man muss einen Sündenbock haben, und man findet immer einen. Der kleine Beamte ist meistens der Leidtragende.“

„Und was sagen Sie selbst dazu? Glauben Sie an eine Mitschuld des Blockstellenleiters?“

„Ich möchte hier keine Behauptungen aufstellen, die der Beweiskraft entbehren. Gewiss, es ist tragisch für den Betreffenden, der unter Anklage gestellt wurde. Für den Augenblick ist es aber wichtiger, dass die Chicago California Railway von dem Verdacht der Fahrlässigkeit gereinigt wird …“

„… der jetzt nach dem zweiten, gleichartigen Unglück natürlich reiche Nahrung findet!“, ergänzte Jack trocken.

„Und wie! Die Zeitungen überhäufen uns mit Vorwürfen und lassen keinen heilen Faden an uns.“

„Haben Sie denn schon einen Verdacht in irgendeiner Richtung?“, wollte Jack wissen.

„Es ist nur die verdächtige Feststellung, dass man jetzt zweimal das gleiche erlebte und den Fehler beide Male nicht rechtzeitig erkennen konnte.“

„Hm … Und was sagt der jetzige Blockstellenleiter dazu?“

„Er ist ebenfalls der Meinung, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Das ist natürlich nicht maßgebend, denn dieser Mann ist schließlich daran interessiert, die eigene Verantwortung auf einen unbekannten Täter abzuwälzen.“

„So ist auch dieser Mann schon wegen Fahrlässigkeit angeklagt oder seines Postens enthoben?“

„Wir haben es noch nicht getan, Mister Braden. Wenn aber der Druck der öffentlichen Meinung stärker wird, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als auch diesen Mann von seinem Posten zu entfernen. Das ist so der Lauf der Welt.“

„Ja-ja, ich kenne das.“ Jack Braden klopfte sich eine Zigarette zurecht. Dann hob er den Kopf. „Hat man festgestellt, dass den Reisenden nach dem Unglück irgend etwas geraubt wurde?“

„Es liegen keinerlei Anzeigen vor, Mister Braden.“

„So fehlt auch hier das Motiv“, überlegte Jack laut: „Welcher normale Mensch lässt einen Zug entgleisen, falls er sich hiervon nicht gewisse Vorteile verspricht? Es kann natürlich auch einer sein, der einen Dachschaden hat oder den sie probeweise aus einer Mühle entlassen haben. Dann gibt es auch solche, die ein gewisses Geltungsbedürfnis haben …“

„Auch mit solchen Möglichkeiten müssen wir rechnen“, pflichtete ihm Foster bei. „Es liegt unserer Gesellschaft sehr daran, hier klar zu sehen. Wollen Sie den Fall übernehmen, Mister Braden?“

„Ich werde mir die Sache mal ansehen“, erklärte Jack. „Vielleicht kommt mir draußen in der frischen Luft ein Gedanke.“

„Besten Dank, Mister Braden! Und was die Honorierung anbetrifft …“

„Sprechen wir jetzt nicht darüber! Ich kann Ihnen noch nicht versprechen, den Fall zu übernehmen. Geben Sie mir eine Vollmacht, mich auf dem Gelände der Chicago California Railway frei zu bewegen und eventuell einige Ihrer Beamten zu verhören?“

„Das ist selbstverständlich, Mister Braden.“

 

 

3

Jack hatte sich einen Wagen geliehen, einen kleinen MG, mit dem er jetzt nach Spring Forest hinausfuhr. Sollte es sich herausstellen, dass er länger für die Eisenbahngesellschaft tätig sein würde, müsste ihm George Patterson den Porsche nachbringen.

Spring Forest war ein Kurort am Rand der Stadt. Hier saßen die dollarschweren Bürger Chicagos und ließen es sich gut gehen. Eine asphaltierte Waldstraße führte zur Bahnstrecke, die sie an einem beschrankten Übergang kreuzte. Dicht neben der Schranke stand ein Ziegelhaus mit einer Glockenanlage, einigen überdachten Signalhebeln und der Hebelvorrichtung für die Bahnschranke. In einem Gemüsegarten daneben hatten Blumen und Unkraut miteinander Freundschaft geschlossen.

Jack Braden stellte den Wagen im Wald ab und begab sich zu Fuß in das kleine rote Ziegelhaus, auf dem in verblichenen Buchstaben die Bezeichnung stand: Blockstelle 214.

„Hallo!“, grüßte Jack, als er das Wohnzimmer des Leiters der Blockstelle betrat.

Ein Mann, der an einem kleinen Schreibschrank saß und einige dienstliche Formulare vor sich ausgebreitet hatte, wandte ihm den Rücken zu.

Elvis Torry war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mittelgroß, rothaarig, mit etwas unstet blickenden Augen. Sein Mund war schmal und zusammengepresst, die Backenknochen standen etwas vor, doch wirkte er im Ganzen nicht unsympathisch. Ohne ein Wort zu sagen, blickte er fragend auf seinen Besucher.

„Mister Torry?“, fragte Jack den rothaarigen Mann.

„Bin ich“, antwortete dieser mit tiefer Stimme. „Und mit wem habe ich die Ehre?“

„Ich bin mit einigen Untersuchungen über das Eisenbahnunglück der vergangenen Woche beauftragt. Darf ich einmal kurz Platz nehmen?“

„Sind Sie von der Polizei?“ Der Blockstellenleiter rückte zwei Stühle zurecht.

„Ich habe Vollmachten Ihrer obersten Dienststelle“, wich Jack aus. „Haben Sie der Polizei bereits die nötigen Auskünfte gegeben?“

„Und ob!“ Torry lachte höhnisch auf. „Da wird gefragt und gefragt, aber es springt nichts dabei heraus. Sieht doch jeder dumme Junge, dass hier ein Attentat verübt wurde. Oder glauben Sie vielleicht, wenn vier fest verankerte Bolzenschrauben von dieser Länge“, er breitete die Arme so weit aus, dass man annehmen musste, dass diese Bolzenschrauben die Größe von ausgewachsenen Klavieren hätten, „dass man nicht merkt, wenn solche Dinger in einer Schwelle fehlen? Das ist gerade so, als wenn Sie hier in diese Stube treten und hätten keine Hose an. No, Mister, da kann einer sagen, was er will, man sollte wenigstens auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Die Polizei hat nichts anderes zu tun, als einen dumm anzugucken und vielleicht noch zu verdächtigen. Mehr als zehnmal am Tag wird die Strecke abgelaufen – denken Sie vielleicht, wir hätten statt Augen Bonbons im Kopf? Oder will gar einer behaupten, vier solche Schraubenbolzen fliegen auf Kommando heraus, wenn ein Zug drüberfährt? Alles Blödsinn, Herrschaften! Hier hat einer eine Lumperei gemacht, das ist so klar, wie das Amen in der Kirche!“

Er horchte auf, denn draußen hatte es dreimal kurz geklingelt.

„Entschuldigen Sie“, sagte er, „aber ich muss schnell den Zug abfertigen!“

Jack Braden folgte ihm nach draußen. Torry begab sich zur Schranke und drehte an der Kurbel. Auf der stillen Waldstraße näherten sich zwei Automobile und stoppten ab.

 

 

4

Es war ein heißer Tag. Die Gleise strahlten Hitze und einen durchdringenden Teergeruch aus. Der Wald stand reglos. Einige Falter schaukelten von Blüte zu Blüte – ein Bild des Friedens.

Dann wurde es lebendig. Ein Zug dröhnte über eine Stahlbrücke. Von rechts näherte sich mit imponierender Wucht der schwarze Koloss der Expresszugmaschine, raste mit ohrenbetäubendem Krachen vorbei, gefolgt von den taktmäßigen Stößen der Wagenkette. Hoch aufwirbelnder Staub, den der Luftdruck der tonnenschweren Stahlmassen in die Gesichter peitschte – dann war der Spuk vorüber.

Jack Braden war sehr nachdenklich geworden. Heute sah er das Bild mit ganz anderen Augen. Heute gehörte er irgendwie dazu, war Mitbeteiligter. Himmel, wenn ein solcher Zug einmal durch eine frevlerische Hand aus den Schienen gerissen wurde!

Er trat an das Gleis heran und beugte sich über eine Schwelle.

„Sind das die Schrauben?“, fragte er, indem er mit der Hand darauf deutete.

„Ja, das sind sie“, antwortete Torry. „Versuchen Sie doch mal, sie loszudrehen!“

Nein, da war wirklich nichts zu machen. Diese Schrauben waren mit den Schwellen eisenhart verankert. Hier müsste man Spezialwerkzeuge haben.

„Können Sie mir einmal die Stelle zeigen, an der das Unglück geschehen ist?“, fragte er Torry.

Der Eisenbahner sah auf die Uhr. Dann nickte er.

„Können wir machen … Ich will schnell noch Babe Bescheid sagen, meiner Tochter. Hallo, Babe!“

Eine helle Stimme antwortete. Aus einem Fenster des oberen Stockwerkes beugte sich ein Mädchen. Es sah recht gut aus: blond, blaue Augen, runde, braungebrannte Arme, schlank und geschmeidig, ungefähr zwanzig Jahre alt.

„Hallo, Babe“, rief ihr der Vater zu, „übernimm einstweilen die Schranke! Ich will diesem Herrn nur die Unfallstelle zeigen.“

„Okay, Dad“, klang es von oben herab.

Elvis Torry ging auf dem schmalen Fußpfad voran, Braden dicht hinter ihm. Neben ihnen auf der Böschung verliefen die Gleise. Man konnte jede Schwelle sehen, jede Schraube, jede Unregelmäßigkeit.

Unmittelbar neben dem Pfad stieg der Wald auf. Er war dunkel und mit vielem Buschwerk durchsetzt. Ein Attentäter, der sich an dem Bahnkörper vergreifen wollte, hätte tausend Versteckmöglichkeiten gehabt. Die Gleise beschrieben hier einen weiten Bogen nach rechts, der in einen Tunnel hineinlief. Das war die berüchtigte Waldkurve.

Die Unfallschwelle sah so aus wie jede andere. Man sah, dass der umliegende Boden tiefe Furchen aufwies, ebenso auch Löcher und die Abdrücke schwerer Lasten, die dort gelegen hatten. Das ganze Gelände war aufgewühlt und von unzähligen Fußabdrücken gezeichnet. Glassplitter lagen da, verbogene Eisenteile, Papierreste, zersplittertes Holz – letzte Überbleibsel einer Katastrophe …

Jack untersuchte die Schwelle mit aller Sorgfalt des erfahrenen Kriminalisten. Nein, solche großen Schrauben konnten nicht von allein herausfallen. Hier war durch Menschenkraft nachgeholfen worden.

Das war aber auch alles, was er feststellen konnte. Seine Aufgabe kam ihm allmählich verdammt schwierig vor. Eine Eisenbahnlinie, die stumm und tot in der Sonne lag, eine reparierte Schwelle, die zuvor eine unheilvolle Rolle gespielt hatte, die traurigen Überreste eines Eisenbahnunglücks – das war alles. Und hieraus sollte er brauchbare Schlüsse ziehen? All devils, er war kein Hellseher!

Doch die raffinierte Kombination, das Schließen von einem aufs andere, das sichere Herantasten an einen „Fall“ – diese Fähigkeiten hatten ihm seinen Ruf verschafft. Und auch jetzt, da er vor dem absoluten Nichts stand, begann die Maschinerie seines Verstandes schon wieder auf Touren zu laufen.

Jede seiner Fragen war wohl abgewogen: „Sie sind schon lange bei der Bahn beschäftigt, Mister Torry?“

„Seit mehr als fünfzehn Jahren“, antwortete der Leiter der Blockstelle 214.

„Und in dieser Blockstelle?“

„Seit vier Jahren.“

„Es ist Ihr erster Unfall auf dieser Strecke?“

„Ja, Mister.“

„Und was haben Sie vorher bei der Bahn getan?“

„Ich war beim Gleisbau beschäftigt.“

„Waren Sie schon hier, als vor vier Jahren an der gleichen Stelle ein Unfall geschah?“

„Nein, das passierte meinem Vorgänger.“

„Kennen Sie Ihren Vorgänger?“

„Kennen – das ist zu viel gesagt. Ich weiß nur, dass er Richard Vanscout heißt.“

„War er ein zuverlässiger Beamter?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Soviel ich weiß, wurde er damals zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.“

„Ja, ich habe davon gehört. Hielten Sie ihn für schuldig?“

Elvis Torry zuckte die Achseln.

„Die Gerichte müssen irgend etwas gefunden haben, was gegen ihn sprach. Aber es geht mich nichts an.“

„So hatte sich Richard Vanscout damals in der gleichen Lage befunden, in der Sie sich heute befinden?“

„Ja, das mag wohl sein …“

„Und wie war es damals mit dem Streckenläufer, der damals hier Dienst tat? Ist der auch verurteilt worden?“

„Nein, er wurde nur versetzt.“

„Kennen Sie ihn?“

„Nein, nicht näher.“

„Er heißt Mike Taylor, wie ich aus den Akten entnahm.“

„Mag wohl sein.“

Jack Braden wechselte plötzlich das Thema. „Liegt Ihnen eigentlich daran, dass dieses Eisenbahnattentat seine Aufklärung findet?“

„Natürlich! Denn schließlich bin ich ebenfalls in den Verdacht einer Pflichtversäumnis geraten.“

„Wissen Sie zufällig, wo sich dieser Mike Taylor im Augenblick befindet?“

„No, Mister.“

„Es ist gut, Mister Torry“, meinte Jack abschließend. „Ich habe hier noch einige Vermessungen zu machen. Wenn ich Sie benötigen sollte, werde ich Sie rufen.“

Der rothaarige Blockstellenleiter wandte sich zögernd und unschlüssig um. Man sah es ihm an, dass er jetzt lieber dageblieben wäre, doch ließ ihm die ziemlich kurze Verabschiedung des Bahnbeauftragten keine andere Möglichkeit, als Mister Braden allein zu lassen. So stapfte Torry auf dem schmalen Pfad davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Jack wollte sich von nichts und niemandem ablenken lassen. Mit ganzer Konzentration versetzte er sich in die Gedanken eines eventuellen Täters …

Zunächst musste er seine Tat sehr schnell ausführen, denn er hatte damit zu rechnen, dass ihn der Streckenläufer oder irgendeine andere Dienstperson bei seiner Tat erwischte. Anderseits lag die Vermutung nahe, dass der Attentäter über die Zeiten, zu denen der Läufer an dieser Stelle vorbeikam, Bescheid wusste. Das ließ auf zwei weitere Möglichkeiten schließen: Entweder er hatte sein Verbrechen schon tagelang vorbereitet und dabei die Zeiten notiert – oder er wusste von vornherein Bescheid, weil er bei der Eisenbahngesellschaft angestellt war!

Aber nun weiter: Als der Täter die Schrauben gelöst hatte, musste er auf schnellstem Weg verschwinden. Welchen Weg konnte er da genommen haben? Auf keinen Fall an den Schienen entlang! Also nur durch den Wald. Da gab es vier Wege: entweder über die Gleise hinweg auf die andere Seite, oder nach schräg rückwärts, oder nach schräg vorwärts – oder steil in den Wald hinein!

Steil in den Wald hinein, um möglichst schnell von der Bahnlinie wegzukommen – beantwortete Jack seine eigene Frage. Und was hatte der Mann dabei in der Hand? Natürlich den ziemlich großen und schweren Schraubenschlüssel. So einen Schraubenschlüssel konnte man nicht einfach in der Hosentasche verstecken, das war ein ungefüges Ding von mehreren Kilogramm Gewicht.

Wenn er nun aus dem Wald herauskam … und es sah ihn jemand mit diesem Riesenschlüssel in der Hand … und die Katastrophe mit dem Zug stand bevor! Nein, den Schlüssel konnte er nicht weiter mit sich herumschleppen. Was tat er demnach? Er schmiss ihn fort! Und wo? Natürlich im Wald!

Alle wunderbaren Theorien waren aber keinen Pfifferling wert, wenn sie nicht der Praxis entsprachen. Jack war von der Richtigkeit seiner Thesen so überzeugt, dass er in den Büschen herumkroch, um das weggeworfene Schlüsselmonstrum zu finden. Kriechend bewegte er sich am Boden entlang.

Und fast erschrak er, als er jenes verrostete Eisending fand, das – wenn nicht alles trog – einmal ein Schraubenschlüssel gewesen war! Ohne planmäßiges Suchen hätte ihn wohl nie ein Mensch gefunden, denn er war dicht vom Laub bedeckt. Nur durch das Abtasten des Bodens war es möglich, ihn zu entdecken.

Jack Braden drehte das verrostete Werkzeug in den Händen. Wann war der Unfall – vor acht Tagen? Konnte in acht Tagen schon so viel morsches Laub auf einen solchen Schlüssel fallen? Konnte er in acht Tagen schon verrosten?

Eine neue Frage tauchte auf: Wie lange lag der Schlüssel schon unter dem Buschlaub? Mindestens einige Jahre, musste sich Jack diese Frage selbst beantworten. Demnach stammte dieser Schlüssel nicht von dem Attentat vor acht Tagen, sondern …

Jack war einen wichtigen Schritt vorwärtsgekommen. Er verstaute den Schraubenschlüssel im Wagen und fuhr zu Foster.

 

 

5

„Nun, Mister Braden, haben Sie schon irgend etwas feststellen können?“, erkundigte sich der Generaldirektor angelegentlich.

„Ich übernehme den Fall, Mister Foster“, antwortete Jack. „Selbstverständlich kann ich Ihnen keinen Garantieschein geben, aber ich bin der festen Meinung, dass wir es hier mit einem Verbrechen zu tun haben.“

Er griff in die mitgebrachte Aktentasche und wickelte das in Zeitungspapier verpackte Werkzeug aus. „Ich hätte da gleich eine kleine Frage: Ist dieser Schraubenschlüssel Eigentum der Chicago California Railway?“ Mit spitzen Fingern holte sich der alte Herr das verrostete Werkzeug herüber. Dann drückte er auf einen Knopf der Sprechanlage.

„Bitte, Mister Henley zu mir!“

Eine Minute später erschien der Materialexperte. Kurze Vorstellung der Herren – dann kam der Schraubenschlüssel an die Reihe.

„Ist dieses Werkzeug Eigentum unserer Gesellschaft?“

Es bedurfte nur eines Augenblickes … „Ja“, nickte Henley. „Der Schlüssel gehört der CCR.“

„Woran erkennen Sie das, Mister Henley?“, erkundigte sich Jack.

„An der eingeprägten Nummer, Mister Braden. Sämtliche Werkzeuge der Gesellschaft tragen eine bestimmte Materialnummer.“

„Und können Sie mir auch sagen, wann dieser Schlüssel bestellt wurde?“

„Aber ja! Darf ich ihn mal einen Moment mitnehmen?“

Es herrschte Ordnung im Wolkenkratzer der CCR. Schon drei Minuten später war Henley wieder da.

„Diese Art von Schlüsseln wurde letztmalig vor sieben Jahren in einem größeren Posten bestellt“, erklärte er.

„Wozu werden sie benutzt?“

„Da gibt es eine Menge Verwendungsmöglichkeiten. In der Hauptsache wohl zum Feststellen der Schraubenmuttern an Schwellenbolzen.“

„Ah! Haben Sie auch notiert, wie viele solcher Schlüssel jeder Ihrer Dienststellen zugeteilt wurden?“

„Natürlich, das steht eisern fest“, nickte der Experte.

„Dann sagen Sie mir doch bitte, wie viele solcher Schlüssel die Blockstelle 214 besitzt!“

„Keine Schwierigkeit!“

Wieder verschwand Henley. Und wieder erschien er schon nach kürzester Frist. Er musste früher Sprinter gewesen sein.

„Zwölf Stück, Mister Braden.“

Jack wandte sich an Foster „Wäre es Ihnen möglich, zu veranlassen, durch einen Boten die Anzahl der noch in der Blockstelle 214 befindlichen Schlüssel festzustellen? Bitte aber ganz unverdächtig!“

„Aber natürlich, Mister Braden!“

„Und noch etwas: Sollten sich in der Blockstelle 214 noch sämtliche zwölf Schlüssel befinden – wäre es dann möglich, im Zuge einer Großfahndung sämtliche von Ihrer Dienststelle in Chicago ausgegebenen Schlüssel dieser Art zu kontrollieren? Es wäre ungeheuer wichtig zu erfahren, von welcher Abteilung dieser Schlüssel stammt.“

„Lässt sich das machen, Mister Henley?“, fragte Foster den Leiter der Materialausgabe.

„Es lässt sich alles machen, Mister Foster, wenn man nur will. Ich sehe durchaus ein, dass es wichtig ist, die Herkunft dieses Schlüssels festzustellen. In – sagen wir – acht Tagen kann ich Ihnen das Ergebnis mitteilen.“

„Ich danke Ihnen, Mister Henley“, sagte Jack. „Und bitte schweigen Sie über alles!“

„Weiß Bescheid, Mister Braden.“

Kleine Steine für ein großes Mosaik. Jack Braden setzte sie geduldig zusammen, Stein um Stein, Tatsache um Tatsache, Frage um Frage. Und jede Frage war der Ausgangspunkt zu neuen Fragen.

Noch am selben Tag rief Jack sein Büro in New York an. George Patterson solle sich für einige Tage freimachen und den Porsche nach Chicago bringen. Und das sei die Adresse: Forest Springs, Hotel Eagle, Main Street 26.

 

 

6

Das war ein Fall ganz nach dem Geschmack George Pattersons! Der 50-jährige ehemalige Sergeant der New Yorker Stadt Polizei rieb sich die Hände, als ihm Jack alles auseinandersetzte.

Patterson war ein Bulle. Breit und stiernackig, ein grimmiger Typ und doch ein Gemütsmensch. Er betrieb heute ein Waffengeschäft, aber ganz konnte er sich von seiner kriminalistischen Vergangenheit nicht trennen. Deshalb war er stets mit größtem Vergnügen bei der Sache, wenn Jack einen Auftrag für ihn hatte. Und diesmal sollte er gar einen ganzen Fall von Anfang an mit bearbeiten!

„Melinda ist im Laden, da habe ich Zeit. Verdammt, Jack, das ist eine großartige Sache! Haben Sie schon etwas herausgefunden?“

„Es sind noch ungelegte Eier, George.“ Dann philosophierte Jack: „Warum die Menschen eigentlich soviel lügen? Und dabei so primitiv! Es kommt ja doch immer heraus! Und dann sind sie bass erstaunt, dass es nicht so geklappt hat, wie sie sich’s dachten.“

„Sie sind ihnen eben überlegen, Jack!“

„Aber woher kommt das? Sie alle haben doch schließlich ein Gehirn, das arbeitet.“

„Es ist das schlechte Gewissen, Jack. Ein schlechtes Gewissen belastet das Gehirn.“

„Das mag schon sein, George.“

Er hatte die Antwort nur im halben Bewusstsein gegeben. Doch dann stutzte er.

„Das mag schon sein!“ Diese inhaltslose, desinteressierte Antwort hatte er doch schon einmal gehört?

Dann erinnerte er sich, dass er sich über das blödsinnige „Das mag schon sein“ des Blockstellenleiters nicht wenig geärgert hatte. Und überhaupt …

Er hatte eine Menge Fragen an diesen Torry gerichtet, aber nicht eine einzige davon hatte dieser Mann zufriedenstellend beantwortet! „Es geht mich nichts an“ – „Das weiß ich nicht“ – „Ich kenne ihn nicht näher“ – und „Das mag wohl sein“ … Nichts Ganzes und nichts Halbes!

Wo hat denn dieser Blödian überhaupt früher gearbeitet? Da stand es in den Akten über das damalige Attentat: Beim Bauzug CH 4. CH, das bedeutete „Chicago“. Hatte er sich durch besondere Leistungen hervorgetan? Nein. Er hatte sich um diesen Posten beworben. Hier stand es schwarz auf weiß: Das Attentat war am 25. Februar, Torrys Bewerbung stammte vom 3. März. Das Urteil gegen seinen Vorgänger Vanscout wurde aber erst im Juli ausgesprochen.

Jack Braden wühlte in den alten Aktenbündeln, er las und las … Keiner war damals auf die Idee gekommen, dass es sich um einen Anschlag handeln konnte. Nur Richard Vanscout leugnete hartnäckig jedes Verschulden. Aber er kämpfte gegen Windmühlen. Man brauchte einen Sündenbock, man wälzte die Schuld auf ihn ab.

Besonders aufmerksam las Braden jene Protokolle durch, in denen das Verhör des Streckenläufers Mike Taylor verzeichnet war. Er und Vanscout sagten übereinstimmend aus, dass sie die betreffende Schwelle in ordnungsgemäßem Zustande vorfanden. Die Aussage Mike Taylors, dass er gerade diese Schwelle immer besonders gewissenhaft geprüft hätte, stimmte Jack nachdenklich.

Da stand es zu lesen:

Vorsitzender: „Wie kam es, dass Sie gerade diese Schwelle besonders aufmerksam prüften, Mr. Taylor?“

Taylor: „Weil diese Stelle der äußerste Punkt der Kurve war und deshalb den stärksten Druck der darüberfahrenden Züge auszuhalten hatte.“

Vorsitzender: „Wie kamen Sie auf diese Vermutung?“

Taylor: „Das kann ich nicht sagen, ich habe es mir eben so gedacht. Und es war ja dann auch so!“

Vorsitzender: „Und wie erklären Sie sich, dass die Bolzenschrauben noch völlig intakt waren, als Sie rund eine Stunde vor dem Unglück die Strecke prüften?“

Taylor: „Das kann ich mir nicht erklären.“

Jack Braden musste zugeben, dass der Gerichtsvorsitzende sein Urteil auf Grund der vorliegenden Aussagen gesprochen hatte – warum sollte er die Sache noch komplizieren, indem er nach neuen Versionen suchte?

Das war also der Fall vor vier Jahren. Und der jetzige, neue Unfall? Wenn es doch wenigstens ein Motiv gegeben hätte!

Richard Vanscout – er büßte seine Strafe ab und war seitdem verschwunden. Mike Taylor – er wurde versetzt. Elvis Torry – ein Mensch beschränkten Geistes, mit dem nicht viel anzufangen war. War einer dieser drei Männer der Täter? Unsinn! Vanscout und Taylor büßten ihre Stellungen ein, Torry war damals noch gar nicht da.

So bliebe nur noch ein Attentäter, der die Taten aus reiner Lust an der Zerstörung beging? Es gab Menschen mit Bewusstseinsspaltung, die solche Verbrechen in einem unkontrollierbaren Zustand begingen. Es gab Hasser und Verächter, die der Menschheit um jeden Preis schaden wollten. Es gab auch Konkurrenz – vielleicht wir es gut, sich auch nach dieser Richtung hin zu informieren?

Vermutungen über Vermutungen! Aber es sprang nichts dabei heraus.

 

 

7

„Ich gehe noch ein bisschen weg, Vater“, sagte die hübsche blonde Babe.

Elvis Torry hob den Kopf. „Triffst dich wohl wieder mit dem Kerl, mit dem Taylor?“, knurrte er.

„Was hast du gegen Mike, Vater? Er hat dir nichts getan!“

Torry legte beide Fäuste auf den Tisch.

„Ich sag dir’s noch mal im Guten, Babe! Der Taylor ist kein Umgang für dich! Warum ist er nicht bei der Bahn geblieben?“

„Du weißt doch, dass man ihn damals verdächtigte, seine Pflicht nicht getan zu haben. Sollte er da etwa bei der Bahn bleiben?“

„Das ist mir ganz egal!“, brauste Torry auf. „Der Taylor war doch nur gewöhnlicher Streckenläufer. Für so einen bist du mir zu schade!“

„Du warst ja auch nur im Bauzug beschäftigt, bevor du diese Stelle hier bekamst, Vater! Und du bist um so vieles älter als er! Mike verdient sich auf ehrliche Art sein Geld, niemand hat das Recht, über ihn herzufallen. Auch du nicht, Vater!“

Elvis Torry stand auf und schob die Hände in die Taschen.

„Merke dir eins, Babe“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Ich werde niemals gestatten, dass du diesen Kerl heiratest! Niemals! Und nun mach, was du willst! Ich habe dich gewarnt!“

Babe Torry schwebte eine Antwort auf der Zunge, doch sie drehte sich wortlos um und verließ das Zimmer.

Sie überschritt die Gleise und ging nach links, die Waldstraße entlang, die nach Spring Forest führte.

Auf der rechten Seite der breiten Main Street parkte der riesige Lastzug einer Chicagoer Speditionsfirma. Und am vorderen Schutzblech lehnte ein schlanker junger Mann und rauchte eine Zigarette.

„Hallo, Mike!“

„Hallo, Babe!“ sagte er, indem er ihr die Hand schüttelte. „Hast du Zeit heute Abend?“

„Für dich immer!“, lachte sie. „Der Alte hat wieder gefaucht, ich muss es dir erzählen. Gehen wir noch ein Stück spazieren!“

Babe Torry berichtete, dass ihr der Vater ein für allemal eine Verbindung mit ihm untersagt hatte.

„Und warum?“

„Du hättest es zu nichts gebracht im Leben“, erwiderte Babe.

„Interessant!“ Mike Taylor war die Ruhe in Person. „So geht das natürlich nicht weiter. Ich werde mit deinem Vater sprechen …“

„Um Gottes willen, Mike, tu das bitte nicht! Es gibt nur unnötigen Streit und hässliche Auseinandersetzungen.“

„Kannst ganz unbesorgt sein, Babe, es wird gar nichts geben. Weißt du was, Babe – wir wollen gleich zu deinem Vater gehen!“

Er winkte ab, als er ihr Erschrecken sah.

„Lass nur, Babe, ich fürchte mich nicht. Du kannst auf mich am Waldrand warten, es wird ganz schnell gehen.“

„Mike, ich fürchte mich! Es wird einen schrecklichen Auftritt geben!“

„Nur im Anfang!“, lachte er. „Komm!“

Zögernd ging sie mit ihm zurück. Eine Weile waren die beiden still.

„Willst du mich wirklich heiraten, Babe?“, fragte er dann unvermittelt.

„Ja! Das weißt du doch, Mike.“

„Wir könnten bald heiraten“, fuhr er fort. „Ich habe eine gute Anstellung bei einer Speditionsfirma als Kraftfahrer. Es reicht für uns beide.“

„Dann ist ja alles gut, Mike. Nur der Vater …“

„Das lass mal meine Sorge sein. Es gibt gewisse Dinge, die ich allein mit ihm ausmachen muss. So, da sind wir! Warte hier auf mich, Babe!“

„Mike“, rief sie aufgeregt, „es wird eine Katastrophe geben!“

„Katastrophen hat es schon genug gegeben“, meinte er doppelsinnig. „Es muss auch mal aufhören mit den Katastrophen.“

Sie beobachtete ihn noch, als er die Gleise überschritt und dann im Innern der Blockstelle verschwand.

Und als er nach einer knappen Stunde wieder herauskam, war seltsamerweise alles in bester Ordnung.

 

 

8

Jack Braden hatte sich eine Menge Besuche vorgenommen. Da war zunächst Mike Taylor, der ehemalige Streckenläufer im Bereich der Blockstelle 214.

Natürlich ging George Patterson mit. Er hatte sich vorher erkundigt – solche Erkundigungen fielen ja in seinen früheren Beruf. Nun wussten sie: Mike Taylor arbeitete in einer bekannten Speditionsfirma als Kraftfahrer.

Er machte keinen schlechten Eindruck auf die beiden Besucher, doch kam er ihnen etwas verschüchtert vor. Braden führte die Unterhaltung, Patterson hörte nur zu, beobachtete aber genau jede Miene Taylors.

„Zwei Stunden vor der Katastrophe habe ich noch meinen letzten Rundgang gemacht“, berichtete Taylor. „Es gab nichts, was meinen Verdacht erregte. Die Schwellen waren alle in Ordnung.“

„Haben Sie während Ihrer Dienstzeit einmal solche Beschädigungen festgestellt?“, fragte Jack.

„O ja, das kam zuweilen vor. Es kam vor, dass sich eine Schwellenschraube gelockert hatte oder eine Schwelle starke Risse zeigte. Das habe ich dann der Blockstelle gemeldet. Die Schäden wurden dann durch einen Bautrupp sofort ausgebessert.“

„Kam es auch vor, dass sich eine Schwelle löcherte?“

„Das war schon möglich. Aber nicht so, wie es bei der Unfallschwelle geschah, dass nämlich alle Schraubenbolzen gleichzeitig herausgefallen waren. Das war technisch unmöglich.“

„Es ist aber doch geschehen, Mister Taylor!“

„Ich habe mir die Sache hinterher noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Es steht doch nicht fest, dass die Schrauben schon vorher entfernt worden waren. Es konnte schließlich auch sein, dass die Schwelle durch den Unfall selbst so schwer beschädigt wurde und dabei die Schrauben heraussprangen. So ein Zug hat schließlich ein ungeheures Gewicht …“

„So glauben Sie nicht an ein Verbrechen, Mister Taylor?“, wollte Jack wissen.

„N-nein, eigentlich nicht …“

„Und was sagen Sie zu der Verurteilung von Richard Vanscout? Halten Sie das Urteil für gerecht?“

„Nein, niemals! Vanscout war ein sehr gewissenhafter Mann, er war mit Leib und Seele Bahnbeamter.“

„Wissen Sie, wo er sich jetzt befindet?“

„Ja, er hat eine kleine Farm in der Nähe von Gary.“

„Haben Sie ihn seitdem wieder einmal gesehen?“

„Nein.“

„Und kennen Sie Torry?“

„Ja, den kenne ich wohl“, antwortete Taylor zögernd. „Er war früher mit mir beim Bauzug CH 4 beschäftigt.“

„Wissen Sie irgend etwas Nachteiliges über ihn?“

„Nein.“

„Sie sind dann beide zur Blockstelle 214 abkommandiert worden?“

„Nein, ich war schon viel eher Streckenläufer. Dann kam der Unfall, und ich ging weg von der Bahn. Nach der Entlassung Vanscouts übernahm dann Torry die Blockstelle. Da war ich schon nicht mehr da.“

„Und was sagen Sie jetzt zu dem neuen Unfall? Es war doch die gleiche Ursache, die diesen Unfall hervorrief?“

„Ja, wie ich gehört habe. Es ist mir unverständlich. Vielleicht ist die Kurve nicht weit genug. Es kann ja nur einen solchen Grund haben.“

„So glauben Sie auch heute noch nicht an ein Attentat?“

„Das lässt sich schwer sagen, Sir. Wer sollte ein Interesse daran haben, einen Zug entgleisen zu lassen? Und dann noch die Pause zwischen den beiden Unfällen …“

Als Jack Braden und der massive Patterson gegangen waren, atmete Mike Taylor tief auf. Das Wissen, das er nun schon vier Jahre lang mit sich herumtrug, belastete ihn schwer.

Der neue Unfall … Damned, hatte man es denn eigentlich mit Verrückten zu tun?

Morgen wollte er selbst einmal die Schwellen und deren nähere Umgebung untersuchen!

 

 

Details

Seiten
133
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932799
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502511
Schlagworte
california-express jack braden thriller

Autor

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Titel: California-Express - Ein Jack Braden Thriller #13