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Schicksale im Haus an der Ecke #20: Der Traum ist aus

2019 90 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Traum ist aus

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

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4

5

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Der Traum ist aus

Schicksale im Haus an der Ecke #20

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 90 Taschenbuchseiten.

 

Corinna lebt im Haus an der Ecke und kann hier arbeiten. Sie hat ein eigenes Zimmer und wird gut behandelt. Für eine Dirne wie sie, ist das schon so etwas wie Wohlstand. Nur in letzter Zeit fühlt sie sich nicht so gut. Ein Grollen im Magen, und diese Schwindelanfälle. Als sie sicher ist, schwanger zu sein, sagt sie es ihrem Luden. Der will sofort eine Abtreibung, aber Corinna weigert sich.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Corinna Lücke - neues Mädchen im Haus an der Ecke, hat ein ganz besonderes Problem.

Clemens Kranz - ihr Zuhälter, zeigt Unverständnis, als sein Mädchen Hilfe braucht.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Sie spürte die grabschenden Hände auf ihren Brüsten. Die Dirne schloss die Augen. Meine Güte, dachte sie, wann ist er denn endlich fertig? Er macht mich rasend! Verrückt, wirklich verrückt, gleich beiß ich ihm ins Ohr. Er soll endlich fertig werden.

Der Freier war im siebten Himmel. Die Dirne nicht.

Corinna Lücke dachte, wenn er jetzt nicht soweit ist, dann muss ich mich noch einmal heftig anstrengen. Schon wollte sie den Freier auf Touren bringen, da fühlte sie ein seltsames flaues Gefühl in der Magengrube.

»Nein, nein«, stöhnte der Mann. »Beweg dich nicht! Ich will es ganz alleine bringen!«

Corinna dachte, wirklich verrückt, ich liege wie eine stocksteife Ehefrau hier herum, und er findet das noch schön. Sie blickte zur Zimmerdecke und fand, dass die auch mal wieder gestrichen werden müsste. Zugleich machte sich ihr Magen wieder bemerkbar. Sie hatte Hunger.

Der Kerl sollte mal ein paar Pfunde abnehmen. Das hält ja keine Frau aus, dachte sie zornig. Der drückt mich noch durch die Matratze.

Endlich keuchte und stöhnte der Mann in den höchsten Tönen. Er hatte es tatsächlich ganz alleine geschafft. Für Corinna war es oberstes Gebot, keinen Kunden unzufrieden zu entlassen. Sonst musste sie wieder das Geld rausrücken. Oft war es gar nicht mal so einfach, die Freier wirklich glücklich zu machen. Wie dieser Kunde zum Beispiel. Woher sollte sie denn vorher wissen, dass er keine Hilfe wollte?

Corinna rutschte unter dem Dicken zur Seite und erhob sich. Die Dirne taumelte gegen den Schrank. Die Beine versagten ihr fast den Dienst. Sie hatte Mühe, das Bad aufzusuchen. Dann die erfrischende Dusche! Jetzt ging es ihr wieder ein wenig besser. Die Kleine besah sich im Spiegel und dachte, ich sehe aus wie Braunbier und Spucke. Verrückte Welt. Ich pflege mich, und doch sehe ich schlecht aus. Ich muss doch mal die anderen Mädchen fragen, wie die das schaffen, dass sie immer so frisch aussehen. Am Überarbeiten liegt es nicht. Früher habe ich härter ranklotzen müssen.

Seit Corinna Lücke im Haus an der Ecke Dienst tat, ging es ihr einfach super. Sie war glücklich, es endlich geschafft zu haben. Das war gar nicht so einfach gewesen. Jede Tülle in Hamburg sehnte sich danach, im Haus an der Ecke zu arbeiten. Aber nur ein winziger Bruchteil von ihnen hatte das Glück, dort anschaffen zu dürfen. Vor sechs Jahren war das Eckhaus eine Kaschemme gewesen. Der letzte Abschaum hatte sich hier herumgetrieben. Kein Mädchen konnte hier viel auf die hohe Kante legen. Da verdiente man sogar noch mehr unter den Laternen. Ein paar Jahre später war diese Frau gekommen. Der Großlude hatte ihr die Leitung des Hauses übergeben. Man munkelte, dass sie krebskrank sein sollte. Danach sah Deike Borg, die Bordellmutter, aber gar nicht aus. Sie war eine Superfrau, und jeder Mann bekam feuchte Hände, wenn er sich nur in ihrer Nähe aufhielt.

Corinna Lücke war jetzt seit ein paar Wochen hier. Vorher hatte ein Mädchen namens Gwen das Zimmer bewohnt. Sie war ums Leben gekommen, durch einen abartigen Freier. Als Corinna das hörte, hatte sie erst das Zimmer nicht nehmen wollen. Alle Dirnen waren abergläubisch. Doch dann erfuhr sie, dass Gwen nicht in diesem Zimmer umgebracht worden war.

Sollte Deike wirklich an Krebs erkrankt sein? Unmöglich! Corinna stand unter der Dusche und dachte darüber nach. Dann fiel ihr aber ein, dass die anderen Mädchen ihr erzählt hatten, dass Deike Borg früher der Superstar in Hamburg gewesen sei. »Die vornehmen Kunden hat sie bedient. Wir haben sogar munkeln gehört, dass sie einen Konsul heiraten sollte. Zwar war er Ausländer, aber er soll sehr wichtig für sein Land gewesen sein. Deike hat mächtig viel Geld. Die hat es gar nicht nötig, hier die Puffmutter zu spielen.«

»Und warum tut sie es dann doch?«, hatte Corinna neugierig gefragt.

»Aus Langeweile«, sagten die Mädchen auf der Rampe. »Oder auch aus Berufung.«

»Wie das denn?«

»Nun, seit Deike hier das Bordell führt, weht hier doch ein ganz anderer Wind. Ein paar Zuhälter haben versucht, das Haus an der Ecke zu kopieren. Aber es hat nicht geklappt.«

»Das verstehe ich nicht. Ein Haus ist ein Haus, und Tüllen sind Tüllen. Was ist denn so Besonderes hier? «

»Hier ist Liebe am Werk!«

Corinna hatte lange über diesen Satz nachdenken müssen. Es war schon richtig. Man fühlte sich wie bei Muttern, besonders in der Küche. Ida, die Köchin hatte zwar ein loses Mundwerk, und ihr Besen stand auch immer bereit, damit sie zuschlagen konnte. Aber sie hat ein Herz, so weich wie ein Mäusebauch, nur zeigen konnte sie es nicht.

Corinna dachte, Ida ist auch eine großartige Frau, doch jetzt darf ich nicht mehr an sie denken. Der Kunde muss endlich raus. Ich bin doch nicht von gestern und lass mich beschummeln. Sie stand vor dem Bett und stieß ihn an. »He, willst du hier die Nacht verbringen? Dann musst du aber noch etwas draufzahlen!«

»Nein, nein, ich bin schon wieder in Ordnung! Danke! War wirklich prima mit dir! Hast viel Geduld gehabt. Das war schön!«

Wenig später stiegen sie zusammen die Treppe hinunter. Corinna lächelte ihn an und sagte: »Ich habe ja nicht viel getan. Ehrlich, es ist mir fast peinlich.«

»Ich wollte es ja so. Ich brauchte nur einfach eine Bestätigung, das ist alles.«

»Wofür denn? Das kapier ich nicht.«

»Meine Frau sagt mir dauernd, ich sei impotent.«

»Tja, wenn man das dauernd gesagt bekommt, dann wird man es schließlich, nicht wahr?«

»Nein, das ist es ja gar nicht. Sie hat nur nicht genug Geduld, das habe ich jetzt herausgefunden.«

»Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass sie vielleicht keine Lust am Sex hat?«

Der Mann blieb abrupt stehen und blickte die Dirne an. »Nein, das glaube ich einfach nicht. Sie spricht doch dauernd davon, dass sie zu wenig bekommt.«

Corinna lächelte ihn vergnügt an. »Weiber sind geschickt. Sie jammert eben. Da du anscheinend nichts bringst, kann sie dir schon das Gefühl des Versagens einimpfen, nicht wahr?«

»Sie wird doch nicht so gemein sein!«

»Wenn sie wirklich Spaß an der Liebe hätte, dann würde sie sich Mühe geben und auf dich eingehen. Vor allen Dingen würde es ihr nie zu lange dauern.«

»Verflixt, daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Er grinste die Dirne an. »Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?«

»Dir eine Freundin suchen, die Spaß daran hat. Deiner Frau tust du damit sogar noch einen Gefallen.«

»Sie würde verrückt werden, wenn sie merkt, dass ich sie betrüge!«

»Sie kommt gar nicht auf die Idee. Du bist doch impotent!«

Er nahm die Dirne in die Arme. »Du bist Gold wert! Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich bei einem käuflichen Mädchen so etwas wie Lebenshilfe erhalte.«

»Das machen wir mit links!«, erklärte Corinna stolz.

Er lachte sie an. »Ich weiß etwas anderes.«

»Ja?«

»Eine Freundin ist mir zu gefährlich, außerdem auf Dauer auch zu teuer. Nein, mein Täubchen, diesen Rat nehme ich nicht an. Ich weiß etwas Besseres. Ich werde in Zukunft zu dir kommen, Corinna!«

Sie strahlte ihn an.

»Du willst mein Stammkunde werden?«, fragte sie.

»Sicher, wenn ich darf.«

Corinna war mächtig stolz. »Das ist super! Ich bin nämlich noch nicht lange hier. Da kannst du noch aussuchen, welchen Tag du haben willst.«

Er tat es mit Vergnügen.

Deike hatte das Gespräch mitgehört und lächelte Corinna zu. Die brachte ihren Kunden zum Treppchen und verabschiedete sich herzlich. Dann ging sie zu Deike zurück.

»Wie mir scheint, läuft es ja recht gut, Corinna«, sagte Deike.

»Ich habe meinen ersten Stammkunden.«

»Na, wunderbar!«

»Werde ich auch mal so gut wie die anderen Mädchen?«

»Du meinst, die Mädchen, die nur noch Stammkunden zu bedienen haben?«

Corinna nickte.

»Wer weiß? Warum nicht? Du musst nur wollen. Du musst es ehrlichen Herzens wollen, dann klappt alles im Leben.«

Corinna fühlte sich so glücklich, dass sie Deike umarmen wollte, doch da hatte sie auf einmal wieder dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Für Augenblicke drehte sich ihr alles vor den Augen. Deike sah, dass die Kleine richtig käsig wurde.

»Holla, was ist denn? Hast du zu wenig Schlaf gehabt?«

Corinna fühlte den Schweiß auf ihrem Rücken und fror plötzlich.

»Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich auch bloß Hunger. Ich habe zu Mittag nicht viel gegessen. Ehrlich, ich fühlte mich echt flau.«

»Na, dem können wir abhelfen, Corinna. Komm mit zu Ida, sie soll dir etwas geben.«

Die kratzbürstige Köchin wollte natürlich erst einmal wieder ihre Lieblingsrolle spielen. Arme, geschundene Köchin muss pausenlos für die Tüllen dasein. Doch als sie sah, dass es Corinna wirklich nicht gutging, vergaß sie das sofort und kümmerte sich so intensiv um das Mädchen, dass es sicherlich wenig später mit einem verdorbenen Magen in einem Krankenhaus gelandet wäre, wenn Deike nicht Einhalt geboten hätte.

»Nun ist aber Schluss, Ida!«

Corinna strich die blonde Haarflut zurück. »Jetzt geht es mir schon viel besser.«

Das war gelogen. Es ging ihr immer noch nicht besser. Doch sie war klug genug, das nicht zu zeigen. Wenn die Köchin nur ahnte, dass sie krank war, würde sie all ihre Fürsorge auf sie werfen und sie totpflegen. Ida sorgte für ihr Leben gern für andere Menschen.

 

 

2

»Irgendwie gefällt sie mir nicht«, murmelte Deike. Sie stand am Fenster und sah auf die blühenden Büsche im Hof. Ida hatte es doch im letzten Sommer tatsächlich geschafft, in dem tristen Hinterhof eine kleine Blumenecke zu zaubern.

»Wie? Ist sie nicht gut zu den Kunden?«, fragte Ida.

»Nein, sie sieht so blass aus. Sie brütet mir hoffentlich keine Krankheit aus.«

»Sollen wir sie zur Kur schicken?«, fragte Ida.

»Du willst sie zu Ella schicken?«, wollte Deike wissen.

»Dort kann sie sich richtig erholen.«

»Sie ist erst ein paar Wochen hier, Ida. Ihr Lude würde das nicht erlauben.«

»Na schön, dann lass sie halt krepieren! Wenn dir das besser gefällt!«

Deike lächelte vergnügt. »So schlimm ist es auch wieder nicht. Sie muss sich noch eingewöhnen. Vielleicht arbeitet sie im Augenblick auch zu viel. Sie hat zumindest großen Ehrgeiz. Ich werde mal ein wenig auf sie aufpassen und sie bremsen. Vor allen Dingen werde ich darauf achten, dass sie auch mal an die frische Luft geht.«

»Zwei Wochen bei Ella wären viel besser!«, motzte Ida.

»Du kannst ja ihren Luden anrufen«, schlug Deike vor.

Ida blickte Deike von der Seite an. »Glaubst du wirklich, ich hätte Angst vor ihm?«

»Nein, aber du kennst die Spielregeln, Idachen!«

Deike Borg ging in ihr kleines Büro neben der Rampe und wollte sich gerade an die Buchführung machen, da klingelte das Telefon. Marek, der King unter den Luden Hamburgs, war am anderen Ende der Leitung.

»Kann ich dir ein Mädchen schicken?«, fragte er.

»Was denn? Du willst Anjas Zimmer belegen?«

»Das ist mein Zimmer!«, erinnerte sie der King.

»Richtig, Marek! Das will ich dir ja auch nicht streitig machen. Nur geht es im Augenblick nicht.«

»Und warum nicht, wenn man fragen darf?«

»Weil es gerade renoviert wird. Hast du das vergessen?«

»Ich denke, das ist schon längst geschehen. Ich habe wirklich ein gutes Mädchen. Wir könnten sie uns erziehen.«

Deike runzelte die Stirn.

»Meinst du für hohe Gäste?«

»Ganz recht! Da brauchen wir doch noch einige Mädchen!«

»Aber in letzter Zeit ist nicht viel gelaufen.«

»Du meinst, Wegener wird uns untreu?«, Die Stimme des Großluden veränderte sich unmerklich.

Deike lächelte.

»Du meinst, Kommissar Wegener liebt mich nicht mehr? Geh, Marek, tu mir das doch nicht an!«

»Er liebt dich?«, fragte der King verdattert.

»Aber sicher! Hast du das nicht gewusst?«

Marek war für einen Augenblick still.

»Hat er dir das gesagt?«, fragte er lauernd.

»Sicher!«

»So«, sagte Marek kurz. »So ist das also. Und wann werdet ihr ein Paar?«

Deike amüsierte sich, denn sie wusste, dass der Großlude sie heiraten wollte. Schon wegen Lotte, seiner Mutter. Die achtzigjährige streitbare Dame wollte aus den beiden ein Paar machen. Das war ihr Lebensziel.

»Du weißt ganz genau, dass dann einer von uns beiden seinen Job aufgeben muss«, war Deikes Antwort.

»Das ist also der Grund, warum du ihn noch nicht geheiratet hast?« Soll das vielleicht heißen, dass Wegener sich von dir durchfüttern lassen will?«

»Denk doch, was du willst! Ich möchte mich jetzt nicht näher darüber auslassen. Ich habe noch viel Arbeit. Morgen sind die Steuern für die Mädchen fällig. Dafür muss ich noch eine Menge tun.«

»Warum nimmst du dir keinen Steuerberater?«

»Hast du mir sonst noch was vorzuschlagen?«

»Nun, wenn ich das Mädchen nicht im Eckhaus unterbringen kann, dann wird sie halt bei mir wohnen müssen«, sagte der King sarkastisch und hoffte, dass Deike jetzt wie eine normale Frau reagieren würde. Deike war aber keine normale Frau, sondern ein außergewöhnliches Geschöpf.

Er wurde ja nicht jünger, sondern immer älter. Langsam kam Marek in das Alter, wo sich ein Mann ernsthaft zu fragen begann, wozu scheffle ich eigentlich all das viele Geld? Was kann ich noch damit anfangen? Ich lebe gut, kann mir also wirklich jeden Wunsch erfüllen. Auch mit einem vornehmen Diener, wie Lorenz einer war, sowie einem Sekretär, der einst Anwalt war, dann aber durch Alkohol abgerutscht war, konnte er das Gefühl nicht zur Seite schieben. Die alte Mutter in der Villa vor den Toren der Stadt machte es ihm auch nicht leichter. Sie sprach pausenlos von einer Familie.

Warum musste es eigentlich ausgerechnet Deike sein? Sicher, sie kannten sich schon viele Jahre. Sie war sein Starmädchen gewesen. Durch sie war er an das ganz große Geld gekommen, hatte es günstig angelegt und konnte jetzt schon von den Vermietungen leben. Er war nicht nur Großlude, sondern auch ein guter Geschäftsmann. Sehr schnell hatte Marek begriffen, dass man nicht gegen den Strom schwimmen durfte, wenn man seine Stellung behalten wollte. Auch als Großlude war es

von unerhörter Wichtigkeit, dass man auf eine gewisse Art und Weise ehrlich blieb, ein gerechter Boss war. Das Haus an der Ecke zeigte ihm ja unmissverständlich, was man mit gutem Personal erreichen konnte.

Mareks Ruf war durch das Haus an der Ecke noch gestiegen. Alles, was er anpackte, wurde zu Geld. Nur Deike hatte ihren eigenen Kopf. Das ärgerte ihn maßlos. Wie lange hatte er warten müssen, bis sie mal wieder miteinander geschlafen hatten! Ja, sie war verstümmelt. Es hatte ihm aber nichts ausgemacht. Zu viele schöne Mädchen waren durch seine Hände gegangen. Marek wusste, äußerliche Schönheit verblühte schnell. Deike war eine Frau, mit der man sich überall sehen lassen konnte. Sie sah nicht nur noch gut aus, sie war auch klug und belesen, und sie hatte Herz.

Deike hatte ihn schon längst wieder vergessen.

Im Kontakthof ging alles seinen Gang. Die Mädchen lachten und hatten Spaß an der Arbeit. Es war ein schöner warmer Abend.

Um vier Uhr in der Früh war endlich Stille auf dem Hof.

Deike schloss die Läden zu und erhob sich. Sie war jetzt rechtschaffen müde.

Imka, ihre Haushälterin, erwartete sie schon in der eleganten Wohnung. Diese lag in einem vornehmen Viertel von Hamburg. Keiner im Haus ahnte, dass die teure Luxuswohnung in der ersten

Etage einer Bordellmutter gehörte.

 

 

3

Corinna Lücke hatte manchmal die seltsamsten Ideen. Sie waren für die Mädchen im Haus an der Ecke direkt erfrischend. Auch heute war sie unruhig und musste dauernd etwas tun. Sie saß mit den anderen Mädchen am Frühstückstisch. Sie hatten den ganzen späten Vormittag und den Nachmittag frei. Erst um einundzwanzig Uhr begann ihr Dienst auf der Rampe.

»Ich möchte mal wieder schwimmen gehen. Wer hat Lust dazu? Wer kommt mit?«, fragte Corinna.

»He, so warm ist es aber noch nicht, dass man schwimmen kann. Ne, da muss man sich ja einen Mantel anziehen. Also wirklich, Corinna! Du hast Ideen!«

»Wir können doch in ein Hallenbad gehen. Du, ich habe da ein tolles entdeckt. Es ist ganz neu. Einfach super! Mit Tropenbäumen und Wellengang, mit einem Cafe direkt am Becken. Toll ist das! Man kann sich den ganzen Tag darin aufhalten, wenn man will.«

»Ehrlich? Das muss ja sehr teuer sein.«

»Ist es auch, Carmen! Deswegen kommen ja auch nicht so viele Leute hin. Darum ist es ja so schön!«

Vier Mädchen, Carmen, Rita, Dotti und Kony, wollten, sich das nicht entgehen lassen.

»Wir ziehen gleich los! Dann haben wir einige Stunden vor uns. Ich sage euch, man ist nachher ein neuer Mensch. Man fühlt sich herrlich. Man vergisst alles, liegt auf dem Wasser und träumt vor sich hin.«

»Du meinst, es ist wie ein Jungbrunnen?«

Ida betrat gerade mit frischem Kaffee das Frühstückszimmer.

Corinna machte sich den Spaß und lud Ida ein, mitzukommen. Als diese vernahm, um was es sich handelte, wurde sie richtig wütend.

»Kannst du vielleicht nicht schwimmen, Idachen? Das macht doch nichts. Dann bringen wir es dir bei!«

Ida beschimpfte die Mädchen als blöde Suppenhühner und verzog sich sofort wieder.

Die übrigen Eckhausdirnen gingen wieder in ihre Betten.

Die Tagschicht musste bald antreten. Die fünf Mädchen trugen sich im Buch aus und zogen los. Sie nahmen zusammen ein Taxi und kicherten vergnügt. Sie freuten sich über jede Abwechslung.

Als sie schließlich in der Schwimmhalle waren, mussten die vier Tüllen zugeben, dass sie sich wunderbar fühlten. »Das ist ja wirklich super!«

»Mensch«, sagte Carmen, »wenn unser Eckhaus nicht so ein alter Kasten wäre, würde ich direkt zu Deike sagen, sie soll auch so ein Bad im Keller einbauen lassen.

Das wäre ein toller Arbeitsplatz was, Kinder?«

»Man muss nicht alles umfunktionieren«, sagte Kony. »Ich werde auf alle Fälle jetzt öfter her kommen.«

Sie sprang ins Wasser, kraulte vergnügt bis zur Mitte und ließ sich dann treiben.

Keines der Mädchen musste sich wegen seiner Figur schämen. Jede Dirne sah auf ihre Weise gut aus. Die Besucher, die in der Schwimmhalle waren, blickten voller Neid auf die schönen Mädchen.

Corinna fühlte sich geschmeichelt, dass die vier Kolleginnen so happy waren und sonnte sich in ihrem Glück.

Sie dachte, mein Leben als Dirne hat eine tolle Wendung genommen. Vor ein paar Wochen hätte ich noch eine ganze Menge dafür gegeben, von Clemens wegzukommen. Er hat mich richtig ausgeblutet. Der konnte einfach nicht genug bekommen. Alles hat er verpokert. Meine Güte, wenn ich an die vielen Scheine denke! Ich hab mich krummgeschuftet, und geblieben ist mir nichts.

Corinna war bei einer Pokerpartie eingesetzt worden. So war sie im Haus an der Ecke gelandet. Sven hatte sie gewonnen. Er behielt sie als Pfand, bis Clemens Kranz all seine Schulden bezahlt hatte.

Im Haus an der Ecke hatte man ihr schon nahegelegt, Clemens Kranz zum Teufel zu schicken. Sie solle ganz für Sven oder die Innung dasein, dann würde es ihr auch bessergehen.

Corinna hatte Clemens mal sehr geliebt. Sie mochte ihn noch immer. Er hatte sie nie wirklich brutal behandelt. Das hatte er gar nicht nötig gehabt. Sie war ihm fast hörig gewesen. Deswegen ging sie auch immer wieder zu ihm, nur um ein paar schöne Stunden mit ihm zu verleben.

Clemens Kranz hatte es jetzt nicht leicht. Corinna konnte ihm nur ein paar Scheine zustecken. Außer Corinna hatte er noch zwei Mädchen laufen. Doch die brachten längst nicht soviel ein, wie sein Superpferdchen. Sven ließ Clemens auch spüren, was für eine Niete er doch sei. Clemens fühlte sich irgendwie an den Rand gedrückt. Er wollte sich rächen. Aber dazu brauchte er Geld. Also musste er damit noch warten. Clemens hatte sich genau ausgerechnet, dass Corinna ein Jahr im Haus an der Ecke anschaffen musste, dann hatte sie seine Schulden bezahlt, dann würde sie wieder ihm gehören.

Bis dahin musste er so viel Macht haben, dass sie im Haus an der Ecke bleiben durfte.

Corinna sprach oft von der Zukunft. Sie wünschte sich nichts mehr, als mit Clemens eine Familie zu gründen. Sie sagte sich, wenn ich genug angeschafft habe, dann kaufen wir uns eine nette Wohnung, vielleicht auch ein kleines Geschäft, und dann werden wir ehrbar. Dann kann ich auch

wieder zu meinen Eltern fahren und ihnen meinen Mann vorstellen. Sie werden nie erfahren, wie ich mein Vermögen gemacht habe. In unserer Kleinstadt wäre das mein Ruin, wenn ich ihnen erzählen würde, dass ich eine Nutte bin.

Jede Dirne hat ihren wunden Punkt.

Bei Corinna Lücke waren es die Eltern. Sie waren gütig und immer liebevoll zu ihr gewesen. Das war aber ein Fehler. Sie hatten alles Böse von der Tochter ferngehalten, sie praktisch ohne eigene Erfahrungen aufwachsen lassen. Als Corinna dann nach Hamburg ging, um hier eine Sprachenschule zu besuchen, war sie so arglos gewesen, dass sie schon in der zweiten Woche auf Clemens Kranz hereinfiel. Die alte Masche wurde von ihm bis zur Vollendung durchgezogen. Er verwöhnte sie, führte sie aus, machte ihr Geschenke. Sie war selig. So hatte sie sich immer das Leben erträumt. Bis dann die Masche kam, dass er pleite sei, weil sein Geschäftspartner durchgebrannt sei, nun müsse er für dessen Schulden geradestehen. Jetzt könnten sie sich gar nichts mehr leisten. Den Wagen müsse er auch verkaufen. Er hätte auch nicht mehr soviel Zeit für sie, schließlich müsse er sich jetzt nach einem Job umsehen.

Corinna war entsetzt. Ihr Clemens, der feine, vornehme Clemens, sollte jetzt irgendwo als Untergebener sein Leben fristen?

Sie war tief geschockt gewesen und hatte dann verzweifelt gefragt: »Kann man denn nichts anderes tun? Wenn ich die Schule sausenlasse und einen Job annehme, dann könnten wir doch wieder was aufbauen, Clemens!'«

Er hatte sie liebevoll in die Arme genommen und sie einfach toll gefunden. Dann hatte er herumgedruckst und gesagt: »Es gibt in einer Großstadt allerhand Möglichkeiten. Mann kann ziemlich schnell zu viel Geld kommen. Vor allen Dingen ist da ein Gläubiger, den kann man ganz anders bezahlen. Er ist damit einverstanden. Nur ich kann es leider nicht.«

»Wie denn? Das verstehe ich nicht. Was meinst du denn, Clemens? Will er kein Geld?«, fragte Corinna.

»Nun, sagen wir mal so, er möchte etwas, und für ihn ist es so viel wert wie Geld.«

»Ja was ist es denn?«

Dann hatte Clemens ihr vorsichtig erklärt, dass er sie, Corinna, wolle. Er habe sie ein paarmal gesehen und würde jetzt nur noch von ihr träumen. »Wörtlich hat er mir gesagt, ich lasse es mich was kosten, mit ihr ins Bett zu gehen!«

Corinna war erschrocken aufgesprungen und hatte entsetzt gesagt: »Clemens, das ist doch nicht dein Ernst? Er weiß doch, dass wir zusammengehören!«

»Natürlich habe ich ihm das erklärt. Er gibt aber keine Ruhe. Und ich habe mir überlegt, du liebst ihn ja nicht. Wenn er nur mit dir schlafen will und mir dadurch meine Schulden erlässt, wäre das vielleicht eine Supermöglichkeit, schneller von den Schulden loszukommen.«

Clemens hatte drei Tage von nichts anderem mehr gesprochen und Corinna weichgeklopft, bis sie es einsah und glaubte, es handle sich um eine einmalige Chance.

Corinna lächelte müde, als sie jetzt daran dachte.

Wie schnell hatte sie begriffen! Aber da war es schon zu spät gewesen. Es war nicht bei diesem einen Mann geblieben, sondern er schleppte immer wieder neue Kerle ins Haus. Das hatte sie seinerzeit wahnsinnig gemacht, weil sie ja glaubte, Clemens zu lieben und mit anderen Männern schlafen zu müssen, während er im Nebenzimmer saß. Das war für sie sehr schlimm gewesen.

Wenn er besonders viel eingenommen hatte durch ihre Arbeit, war er richtig nett zu ihr und sie gingen anschließend in Bars und verjubelten das Geld. Er kaufte ihr auch tolle Klamotten, bis sie begriff, es war ja ihr sauer verdientes Geld, das er da buchstäblich aus dem Fenster warf.

Dann lernte sie in einer Bar eines seiner Mädchen kennen. Sie lachte Corinna amüsiert aus. »Du bist wirklich doof! Er ist doch ein Lude! Mensch, die Masche zieht er doch mit jeder ab! Und wenn sie nicht mehr die großen Scheine bringt, dann wird sie aus der Wohnung gebuchtet und muss, wie ich, auf den Straßenstrich gehen. Mädchen, wach doch endlich auf! Bilde dir doch nicht ein, dass Clemens dich wirklich liebt. So bescheuert kannst du doch nicht sein.«

Corinna hatte sie angestarrt, diese grünen Augen mit dem frechen Blick. War sie etwa eifersüchtig? Sie war seine frühere Freundin, und jetzt wollte sie ihn nur schlechtmachen. Nein, dass ließ sie auf gar keinen Fall zu.

Dann tauchte Clemens auf. Er sah die andere Tülle bei Corinna stehen und wurde gleich ausfallend. Er fauchte sie an: »Was hast du hier zu suchen? Habe ich dir erlaubt, hier in die Bar zu kommen?«

Die Kleine blickte ihn frech an.

»Ich bin mit einem Kunden hier. Das ist doch wohl erlaubt, oder?«

Clemens fühlte sich verunsichert. Corinna spürte ihr Herz klopfen und hatte Angst. Hatte die Tülle vielleicht doch recht?

Sie fragte Clemens wenig später nach dem Mädchen. Er wich ihr aus, da wusste sie Bescheid.

Ein paar Tage später hatte Clemens sie dann ins Haus an der Ecke gebracht. Corinna sah auf. Carmen, Rita, Dotti und Kony amüsierten sich auf ihre Weise. Corinna kam aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück.

Sie lag auf dem Wasser und döste vor sich hin. Doch plötzlich kam wieder dieses seltsame Gefühl als drehte sich die Halle, sie kippte weg. Prustend kam sie wieder hoch und ruderte mit den Armen.

»Hilfe...«, gurgelte sie und tauchte wieder unter.

Todesängste peinigten Corinna.

Sie wollte leben!

»Hilfe!«, schrie sie laut.

Dotti hörte ihren Ruf, drehte sich um und schrie dann Kony zu: »Schau mal, Corinna! Hilf mir mal!«

Sofort sprang Kony ins Wasser und schwamm zu Corinna. Diese kam gerade wieder hoch und schlug mit den Armen um sich. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie hatte Angst, schreckliche Angst.

»Still! Ich bin ja da! Keine Panik! Sei ruhig!«

Jetzt waren auch Rita und Carmen zur Stelle. Der Bademeister wollte ins Wasser springen, sah aber, dass die Mädchen Corinna schon an den Rand des Beckens brachten. Man zog sie heraus und legte sie auf eine Liege.

Corinna hatte zum Glück nicht viel Wasser geschluckt. Sie röchelte und stöhnte zwar und fühlte sich saumäßig. Schließlich fing sie auch noch an zu heulen.

Der Bademeister wollte wissen, ob er einen Arzt holen solle.

Corinna schüttelte den Kopf.

»Sie sehen ja, sie ist wieder in Ordnung«, sagte Dotti.

»Danach sieht sie aber nicht gerade aus. Ich glaube, es wäre doch besser, wenn sie zu einem Arzt gefahren würde.«

»Ja, ja, machen wir schon!«

Die Freundinnen vom Haus an der Ecke umringten Corinna und wollten von ihr wissen, was sie wollte.

»Nur ein wenig ausruhen, dann geht es schon wieder. Keine Panik! Ich bin ja nicht abgesoffen.«

»Was ist denn passiert? Da liegst du wie ein Brett auf dem Wasser, und dann kippst du ab. Ist das eine neue Art, Selbstmord zu begehen?«, frotzelte Rita.

»Ich muss wohl einen Krampf bekommen haben«, murmelte Corinna.

»Wo hast du denn den Krampf bekommen? In welchem Bein?«

Corinna dachte nach. Es war eher der Magen gewesen. Der hatte sich ganz plötzlich verkrampft. Dann hatte sich alles vor ihren Augen gedreht. Genauso war es gewesen.

Carmen blickte auf die Uhr.

»Wir müssen jetzt raus! Komm, Corinna! Stütz dich auf mich! Soll ich dir beim Anziehen helfen?«

»Soweit kommt es noch! Ich bin doch keine alte Frau!«

Corinna ging aufrecht in die Umkleidekabine. Als sie allein war, setzte sie sich auf die Holzbank und hielt sich mit beiden Händen den Magen. Ihr war noch immer nicht gut.

»Verdammt, was habe ich denn bloß gegessen? Ich kapier das einfach nicht!«

Wenig später war der Anfall vorbei. Sie vergaß ihn wieder. Die Tüllen trafen sich in der Halle, bestellten ein Taxi und fuhren ins Bordell zurück.

Sie lachten und sangen und waren guter Dinge.

Ida musterte sie misstrauisch. »Ihr könnt euch ja freuen, dass ihr pünktlich seid. Ich hätte das Essen nicht aufgewärmt.«

»Wir können doch ohne dein Essen gar nicht richtig arbeiten. Es gibt uns Kraft und Freude«, rief Dotti lachend aus.

Ida glaubte, dass hinter den Worten mehr steckte und wollte schon wieder loslegen.

Die Mädchen hatten aber jetzt keine Lust zu streiten und liefen die Treppe hinauf.

Corinna ging gemächlicher.

»Ist was?«, schrie Ida hinter ihr her.

»Nein, nein, wirklich nicht, Ida. Es war richtig schön. Das solltest du auch mal versuchen!«

»Dafür habe ich keine Zeit«, sagte Ida grämlich.

 

 

4

Der Abend war schon fortgeschritten. Einige der Mädchen hockten noch im Frühstücksraum. Sie lackierten sich die Fußnägel, andere lasen, einige strickten sogar. Hanna gab ihnen Unterricht. Es sah wie eine gutbürgerliche Hausfrauenrunde aus.

Corinna blickte auf die Uhr. »Es wird Zeit für mich, ich muss auf die Rampe.«

Sie hatte noch nicht so viele Stammkunden wie die anderen Mädchen im Haus an der Ecke.

Draußen standen Tina, Eva-Maria und Renate.

Der Betrieb war wie immer. Das Haus an der Ecke konnte sich nicht beklagen. Es dauerte nicht lange, da hatte Corinna einen Kunden aufgerissen. Er war von dem frischen blonden Mädchen angetan. Schließlich war sie ja auch noch nicht lange Dirne. Ein neues Gesicht im Haus an der Ecke zog immer. Die anderen Dirnen waren deswegen aber nicht böse.

Corinna nannte ihren Preis.

Der junge Mann schien gut betucht zu sein. Er nickte und sagte: »Ich habe nur Lust, wenn ich es auf zwei Stunden ausdehnen kann.«

Corinna lächelte ihn strahlend an. »Dann wollen wir mal! Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.«

Er kam auf die Rampe und wurde sogleich von der Dirne ins Haus geführt. Vorsichtig strich er über die blonde Haarflut, während Corinna vor ihm die Treppe hochstieg. Sie drehte sich wütend um: »He, das mag ich nicht!«, fauchte sie ihn an.

Der junge Mann wich erschrocken zurück.

Der Freier zahlte den abgemachten Preis sofort. Corinna strich das Geld ein und verstaute es in ihrem Schrank. Dann erst war sie nett zu dem Kunden. Er kam auch wirklich auf seine Kosten, Als sie aber gerade eine wilde Nummer hinlegen wollte, drehte sich schon wieder alles vor ihren Augen. Zum Glück hatte sie den Kunden schon so aufgeheizt, dass er es gar nicht bemerkte, dass sie platt wie eine Flunder auf der Matratze lag und ihn gewähren ließ. Anschließend war er ausgepumpt und musste sich erst einmal regenerieren.

Jetzt wusste Corinna auch, warum er so viel Zeit wollte. Schon lange nicht mehr hatte sie erlebt, dass sich ein Mann bei der Liebe so verausgabte.

Sie rutschte unter ihm weg und ging duschen. Jetzt war alles wieder in Ordnung. Doch Corinna war klug genug, um zu begreifen, dass es so nicht weiterging. Sie würde mächtigen Ärger bekommen, wenn ihr mal auf der Rampe schwindlig wurde und sie in den Hof kippte. Wenn sie krank wurde, würde man ihr sofort das Zimmer im Haus an der Ecke kündigen. Auf der Straße wollte sie auf gar keinen Fall anschaffen gehen.

Was sollte sie tun?

Nach zwei Stunden stand Corinna wieder unten. Mit dem nächsten Kunden war sie vorsichtiger. Sie setzte nur sehr sparsam ihre Kräfte ein. Er war einer von der schnellen Truppe und wollte auch nicht so viel Geld anlegen.

Der Schnitt, den Corinna in dieser Nacht machte, war gut. Clemens würde mal wieder zufrieden sein. Er bekam seinen festen Preis und konnte damit rechnen. Aber auch Corinna hatte inzwischen Geld auf der Bank. Dafür sorgte Deike. Sie überwies auch das Geld an die Luden. So hatten die Mädchen keinen Ärger mit ihren Betreuern.

Corinna war froh, als sie endlich schlafen konnte.

Idas Futterglocke holte sie nach ein paar Stunden aus ihren süßen Träumen. Sich den Bademantel überziehend, stieg Corinna gähnend nach unten. Aus allen Zimmern kamen die Tüllen. Jetzt sahen alle ziemlich wüst aus. Nur die Tagschicht hatte schon Lack aufgelegt.

Corinna aß wie ein Vögelchen. Das entging Ida nicht, und sie machte sich sofort ihre Gedanken darüber.

»Willst du noch dünner werden?«, fragte Ida.

»Nein, warum denn?«

»Warum isst du dann so wenig?«

Wenn sie jetzt sagte, dass es ihr nicht gutginge, dann würde sich Ida wie ein Geier auf sie stürzen und sie mit ihrer Fürsorge erdrücken. Geistesgegenwärtig sagte Corinna: »Ich esse nur langsamer, das ist alles.«

Details

Seiten
90
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932782
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502509
Schlagworte
schicksale haus ecke traum

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #20: Der Traum ist aus