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Unerbittlich sind die Tapferen

2019 129 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Unerbittlich sind die Tapferen

Copyright

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Unerbittlich sind die Tapferen

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

 

Ein unmittelbar bevorstehender Blizzard bringt mehrere, sehr ungleiche Menschen zwangsweise zusammen: Eine Gruppe Verbrecher, die Besatzung und Passagiere einer Postkutsche und ein Soldat, der in seiner eigenen Welt lebt. Und dann ist da noch Link Parritt, der wegen Mordes gesucht wird. Ausgerechnet er erweist sich als fester Punkt in den Wirren des Schneesturms und der gefährlichen Atmosphäre, die sich in einem verlassenen Fort entwickeln.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Der Reiter tauchte wie aus dem Erdboden gewachsen auf der schmalen Straße auf. Mit einem scharfen Ruck zog der Kutscher an den langen Lederzügeln. Sein Beifahrer stieß einen gepressten Fluch aus und riss die Winchester hoch, die auf seinen Knien gelegen hatte.

„Ruhig, Adams!“, raunte der Kutscher und starrte unverwandt auf den Fremden, der sein Pferd so unerwartet auf die Postkutschenstraße gelenkt hatte. „Noch hat der Kerl kein Schießeisen in der Hand.“

Der Beifahrer erwiderte nichts. Er hielt den Gewehrlauf auf den großen, hageren Reiter gerichtet, und das blanke Misstrauen leuchtete in seinen Augen. Das Geklapper der Hufe auf der festgefrorenen Erde war verstummt. Die Pferde standen unbeweglich im Geschirr und ließen müde die Köpfe hängen.

Ihr Atem wehte gleich Dampfwölkchen vor den Nüstern. Der wolkenüberzogene Himmel, das düstere Grau ringsum, die Reglosigkeit der Hügel und Felsen, die eingetretene Stille das alles wirkte unheimlich und bedrückend.

Der Kutscher lockerte den Wollschal, der die untere Hälfte seines Gesichts gegen die Kälte schützte.

„Hallo, Fremder!“, rief er. „Was gibt es?“ Seine Stimme klang rau. Das Unbehagen über diese unerwartete Begegnung war deutlich aus ihr zu hören.

Der Reiter sagte nichts. Stattdessen trieb er seine kastanienbraune Stute langsam auf die Postkutsche zu. Die schafpelzgefütterte Jacke hing lose über seinen breiten Schultern. Sie reichte weit auf seine Oberschenkel herab.

Und doch wurde darunter noch das Ende eines dunkelbraunen Revolverholsters sichtbar – ein Zeichen dafür, wie tief geschnallt dieser Mann seine Waffe trug.

Über das verkniffene Gesicht des Beifahrers lief ein nervöses Zucken. Der Winchesterlauf stieß einige Zoll weit nach vorne.

„Halt, Mister! Keinen Yard weiter!“

Der Fremde hob abwehrend die linke Hand. Ein flüchtiges Lächeln lockerte seine schmalen Lippen, ein Lächeln, das seine ernsten Augen nicht erreichte. „Keine Sorge! Sie sehen doch, dass mein Colt noch im Holster steckt!“

„Trotzdem – halten Sie an!“

Der Reiter zuckte die Schultern und brachte seine Stute zum Stehen. Er war bis auf sechs Yard an die rot lackierte Concord-Kutsche herangekommen.

„Und?“, fragte der Fahrer ungeduldig. „Was wollen Sie?“

Der Fremde hob eine Hand und deutete zum Himmel hoch. „Sehen Sie sich das an!“

Der Beifahrer machte eine scharfe Bewegung mit dem Gewehrlauf. „Zum Teufel! Lassen Sie das, Mann! Soll das ein Trick sein, he? Wollen Sie uns ablenken? Ihre Freunde stecken wohl schon hinter den Bäumen und Felsblöcken da drüben, was? Ich sage Ihnen nur eines: Ich kann mit dieser Flinte ziemlich gut umgehen – und ich ziele auf Sie!“

„Das sehe ich!“, bemerkte der Reiter trocken. Er wandte sich an den Kutscher, einen stämmigen, schnurrbärtigen Mann mit einer fleischigen Nase, die von der Kälte rot gefärbt war. „Ich meine es ernst. Sehen Sie sich einmal den Himmel an. Wenn Sie schon länger in diesem Land leben, dann verstehen Sie sicher, was ich meine.“

„Hm!“, machte der Kutscher. Er hielt die Zügel fest in den behandschuhten Fäusten, legte den Kopf zurück und blickte aus engen Augen nach oben. Der Beifahrer ließ indessen den fremden Reiter keinen Sekundenbruchteil aus den Augen. Seine Miene drückte noch immer unverhohlenen Argwohn aus.

„Nun?“, fragte der Reiter. Er saß ruhig und selbstsicher im Sattel und schien die Kälte nicht zu spüren.

„Sie haben recht!“, brummte der Kutscher zögernd. „Das sieht nicht gut aus!“

„Was soll das alles, Founder?“, zischte der Beifahrer.

„Dieser Gent hier denkt an ein Unwetter“, murmelte der Kutscher mit gerunzelter Stirn. „Nicht wahr?“

„Genau!“, nickte der Reiter ernst. „Meiner Meinung nach bricht in einer halben Stunde der schönste Blizzard los. Sie werden doch wissen, wie verteufelt ein solcher Schneesturm hier in Montana sein kann.“

„Und deshalb haben Sie uns angehalten?“, fragte der Beifahrer schnell.

„Gewiss!“

„Founder!“, sagte Adams zum Kutscher, während er das Gewehr unverändert auf den Fremden gerichtet hielt. „Trau diesem Burschen nicht!“

„Ich weiß nicht recht! Wahrscheinlich hat er recht, Adams! Der Himmel hat sich im Zenit ganz hell gefärbt. Über dem Horizont dagegen ist er finster wie in der tiefsten Nacht. Ich habe das schon einmal erlebt, und ich sage dir …“

„Ach was! Mit einem Blizzard werden wir auch alleine fertig! Menschenskind, Founder, gibt es dir nicht zu denken, dass wir in dieser Zeit auf der Strecke zwischen Billings und Big Timber auf einen einzelnen Reiter treffen? Kein Mensch hält sich hier auf, wenn er keinen triftigen Grund dazu hat.“ Er starrte den Reiter mit funkelnden Augen an.

Der hob leicht die Schultern. Sein Gesicht zeigte keine Regung. „Vielleicht haben Sie sogar recht“, erklärte er leise. „Aber wenn ich einen Grund habe, einsam über dieses Land zu reiten, dann einen anderen, als Sie wahrscheinlich denken. Ich bin nicht hier, um diese Kutsche auszurauben. Wenn ich das im Sinn hätte, wäre ich mit dem Revolver in der Faust aufgetaucht. Unser Weg kreuzt sich rein zufällig. Und ich wollte diesen Zufall benutzen, um Sie zu warnen. Wenn Sie ungeschützt in den Blizzard geraten, kann das Ihr Untergang sein. Ich weiß hier in der Nähe einen geschützten Ort. Ich bin bereit, Sie dorthin zu führen.“

„Aha!“, knurrte der Beifahrer. „Da haben wir es schon! Eine Falle – eine ganz plumpe Falle!“

Ein Schatten huschte über das Gesicht des Fremden. „Ich kann Sie nicht dazu zwingen. Es läge in Ihrem eigenen Interesse, diesen Verdacht aufzugeben.“

„Wohin würden Sie uns führen?“, fragte der schnurrbärtige Kutscher langsam.

„Nach Fort Riverhill.“

„Ah, das verlassene Fort. Ich habe davon gehört.“

„Wir können es in einer halben Stunde erreichen. Aber wir müssen uns beeilen. Der Blizzard wird gewiss nicht mehr lange auf sich warten lassen.“ Der Reiter schickte einen prüfenden Blick zum Firmament hoch. Sein Gesicht war angespannt, und die dunklen Linien darin zeichneten sich deutlich ab.

„Founder!“, zischte Adams, der Beifahrer. „Lass dich bloß nicht darauf ein. Ich wette, dass in Riverhill ein paar Kerle wie dieser bereits auf uns warten!“

„Das denke ich auch!“ Der Kutschenschlag wurde aufgestoßen, und ein kräftig gebauter Mann sprang ins Freie. Trotz der dicken Winterkleidung bewegte er sich schnell und geschmeidig. Sein eckiges, vollbärtiges Gesicht drückte grimmige Entschlossenheit aus. Der Revolver in seiner Rechten zeigte direkt auf die Brust des Fremden.,

Die Haltung des Reiters versteifte sich. Seine Lippen pressten sich zusammen.

„Langsam, langsam, Mister Lodge!“, brummte der Kutscher.

„Warum sind Sie so sicher, dass …“

„Warum?“, unterbrach ihn Lodge hart. „Ich will es Ihnen sagen, Founder! Ich weiß, wer dieser Kerl ist! Ich habe sein Gesicht in Billings auf einem Steckbrief gesehen. Er heißt Link Parritt und wird wegen Mordes gesucht!“

Eine Weile war es ganz still. Lautlos schob sich Lodge noch einige Schritte näher an den Reiter heran. Schließlich fragte der Kutscher heiser: „Stimmt das, Mister?“

„Yeah!“, antwortete der Reiter ruhig. „Ich bin Link Parritt!“

Der bewaffnete Beifahrer sog scharf den Atem ein. „Und das wagt dieser Kerl so einfach zu sagen! Ich werde …“ Mitten im Satz brach er ab.

Parritt hatte seiner Stute plötzlich die Sporen gegeben und sich gleichzeitig vornüber auf den Pferdehals geworfen. Das Tier machte einen jähen Satz nach vorne und kam somit auf gleiche Höhe mit Lodge. Link Parritt handelte mit einer unwahrscheinlichen Schnelligkeit und Präzision. Er ließ sich aus dem Sattel fallen. Sein Anprall warf Lodge zurück.

Ein Schuss löste sich aus dessen Revolver, aber die Kugel jaulte in steiler Schräge zum grauen Firmament empor. Adams, der Beifahrer, kam nicht zum Schuss, da sich Parritts Pferd in seiner Schusslinie befand. Adams schimpfte wild und sprang vom Kutschbock. Die Pferde bewegten sich unruhig, und Founder zog an den Zügeln, um eine eventuelle Stampede zu verhindern.

Parritts Stute trabte zur Seite. Der Fremde wurde wieder sichtbar. Er wirbelte eben herum, und ein Colt lag in seiner nervigen Faust. Adams schoss. Aber da hatte Parritt bereits eine Seitwärtsbewegung gemacht. Die Kugel klatschte irgendwo in den Stamm einer Fichte.

Ehe der Beifahrer zum zweiten Mal feuern konnte, stach eine orangefarbene Flamme aus Link Parritts Waffe hervor. Adams schrie dumpf auf. Die Winchester, aus der er eben noch geschossen hatte, wirbelte durch die Luft und schlug hart auf den gefrorenen Boden. Adams schüttelte mit verzerrtem Gesicht seine geprellten Hände.

Link Parritt machte drei lange Schritte rückwärts und erreichte den Straßenrand, Wie verschmolzen lag der langläufige Colt in seiner Rechten. Er hatte nun sämtliche Männer im Blickfeld. Lodge rappelte sich eben vom Boden hoch. Adams ließ die Arme schlaff herabfallen. Und Founder saß noch immer auf dem Kutschbock und zog die Zügel straff.

„Sie ließen mir leider keine andere Möglichkeit!“, sagte Parritt bedauernd.

„Zum Geier!“, grollte Lodge wütend. „Hören Sie mit Ihren geschwollenen Reden auf! Sie haben doch jetzt erreicht, was Sie wollten.“

„Sicher – wenn ich das wäre, wofür Sie mich halten.“

„Hölle! Ich verstehe nicht, was …“

„Vielleicht hast du ihm unrecht getan, Vater!“, sagte eine helle Stimme aus dem offenen Wagenschlag.

Link Parritt gab es einen Ruck. Sein Blick heftete sich auf das schmale, etwas bleiche Gesicht des Mädchens, das sich aus der offenen Türe gebeugt hatte. Sie hatte einen Pelz um die Schultern geschlungen und trug einen Wintermantel. Doch das konnte nicht verbergen, wie schlank und anmutig sie war. Ihre Augen waren von einem dunklen Blau, und sie schauten Parritt ruhig und völlig furchtlos an.

Parritt merkte, dass seine Schläfen heiß wurden.

„Es tut mir leid, Madam, dass Sie das ansehen mussten. Ich … ich ahnte nicht, dass Sie noch in der Kutsche waren.“ Die Andeutung eines Lächelns erschien auf ihren roten, feingeschwungenen Lippen.

„Hätten Sie denn anders gehandelt, Mister Parritt, wenn Sie von meiner Anwesenheit gewusst hätten?“

Die Frage steigerte Parritts Unbehagen. Er verwünschte plötzlich die Tatsache, dass er noch immer seinen Colt auf die Männer gerichtet halten musste. Ehe er jedoch eine Antwort geben konnte, ließ sich Lodge grollend vernehmen: „Evelyn, halte dich hier heraus! Bleibe in der Kutsche, Mädel!“

„Warum denn, Vater? Ich denke wirklich nicht, dass Mister Parritt hier ist, um die Kutsche auszurauben!“

„Danke, Madam!“, sagte Parritt rau. „Vielleicht können Sie mir helfen, diese Männer zu überzeugen, wie wichtig es ist, so schnell als möglich nach Fort Riverhill zu fahren.“

„Parritt?“, fragte Founder vom Kutschbock herab. „Stimmt das mit dem Steckbrief?“

Wieder flog ein Schatten über Parritts Miene.

„Yeah!“

Founder schüttelte den Kopf. „Und da erwarten Sie von uns, dass wir Ihnen vertrauen?“

Einen Augenblick stand Parritt ganz steif, dann fielen seine Schultern plötzlich vornüber. Sein Mund wurde dünn wie ein Strich. Mit einer fast unwilligen Bewegung schob er den Colt unter die Jacke zurück.

„Sie haben recht!“, murmelte er. „Ich kann es nicht erwarten!“

Er drehte sich um und ging auf sein Pferd zu. Seine Sporen klirrten silberhell. Als er sich in den Sattel zog, hörte er hinter sich die Stimme des Mädchens: „Gerade das sollte doch der Beweis dafür sein, dass er es ehrlich meint.“

„Ich bin bereit, ihm zu folgen! Das mit dem Blizzard hat er bestimmt nicht erdichtet!“ Das war Founders heisere Stimme.

„Und der Steckbrief?“, rief Lodge grimmig. „Er ist ein gesuchter Verbrecher!“

Die weiteren Worte gingen in einem undeutlichen Gemurmel unter.

Link Parritt verzog bitter die Mundwinkel. Er nahm die Zügel auf. Die Stute schnaubte leise, ihre Ohren spielten nervös. Die Luft war völlig unbewegt. Das Drückende der Atmosphäre hatte sich noch gesteigert. Das düstere Grau lastete bleiern über dem stillen Land. Seit den letzten Minuten nahm die Kälte ständig zu. Der Himmel über dem zerklüfteten Horizont war pechschwarz.

Im Zenit schien ein Loch in der Wolkendecke zu klaffen – hellgrau und mit stahlblauen Rändern. Parritt wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis eine weiße Hölle über diesem Land losbrach. Seine Wangenmuskeln bewegten sich. Er hatte getan, was er konnte! Und doch zögerte er mit dem Fortreiten. Denn da war das Mädchen …

Die Stute schnaubte wieder. Sie schien zu fühlen, was sich da lautlos und unheimlich anbahnte. Sie drängte danach, die offene Straße zu verlassen. Instinktiv verlangte sie nach dem Schutz der steilen Hügel und dichten Fichtenwälder. Parritt gab eben die Zügel frei, da hörte er hinter sich den Ruf des Kutschers: „Warten Sie, Parritt! Wir kommen mit – wenn Sie nichts dagegen haben!“

Erleichtert drehte sich Parritt im Sattel um. Er sah den offenen Blick des Mädchens und die zögernde Zustimmung in der Miene Founders. Aber er sah auch das glitzernde Misstrauen in Adams Augen und die kalte Ablehnung in Lodges Gesicht. Und die Ahnung stieg in ihm auf, dass nun mehr auf ihn wartete als nur die wilde Flucht vor dem Einsetzen des Schneesturms.

 

 

2

Das Tackern der Hufe hatte seinen gleichbleibenden Rhythmus verloren. Die Pferde stolperten. Trotz der Kälte war das Fell mit dünnen Schweißperlen übersät. Dichte Atemwolken zerflatterten vor den schnaubenden Nüstern.

„Lange geht das nicht mehr!“, sagte Jack Brean zu Clem Trelawney.

„Wir sollten eine Rastpause einlegen.“

„Eine Rastpause?“ Trelawney verzog unwillig den Mund. „Und der Blizzard, der sich da oben zusammenbraut? Ist dir der gleichgültig, Jack? Zum Donner! Ich sage dir, wir müssen uns beeilen!“

Brean bewegte sich unruhig im Sattel. „Ich meine, die Felsen sollten uns genug Schutz geben!“

„Pah, die Felsen!“, knurrte Trelawney und bog seine mächtigen Schultern zurück. „Du kennst Montana noch nicht, Jack! Du weißt nicht, wie verheerend so ein Unwetter hier sein kann! Nein, nein, es bleibt dabei! Wir müssen so schnell wie möglich dieses verlassene Fort am Yellowstone erreichen. Dort können wir unterkriechen. Dort können wir abwarten, bis sich der Blizzard ausgetobt hat. Es ist unsere einzige Chance, Jack, das kannst du mir glauben.“ Er drehte sich halb im Sattel um und schaute zurück. „Hay, Terry, was ist denn? Du bleibst immer mehr zurück! Los, los, wir müssen uns beeilen!“

Das junge Gesicht des dritten Reiters zeigte einen verbissenen Ausdruck. „Mein Schwarzer kann nicht mehr!“

„Hölle! Gib ihm doch die Sporen!“, entgegnete Trelawney ungeduldig. Er wandte sich wieder nach vorne.

Sattelleder knarrte. Gebissketten klirrten. Die Luft schien mit Elektrizität geladen zu sein. Zwischen den Felsen war es düster. Ringsum war alles reglos, wie tot. Die Kälte biss in den Gesichtern der Reiter. Trelawney schlug seinen Jackenkragen hoch.

Dann hörte er, wie hinter ihm und Jack Brean der Hufschlag von Terry Reynards Rapphengst aussetzte. Mit verkniffenen Lippen drehte Trelawney sich um.

„Terry! Wenn du es nicht fertigbringst, deinen verdammten Klepper voranzutreiben, dann ist das deine Sache! Wir lassen uns jedenfalls nicht …“

Er verstummte. Erst jetzt fiel ihm auf, wie angespannt die Haltung des jungen Reynard war. Clem Trelawney hielt an. Neben ihm brachte Brean seinen Braunen zum Stehen. Reynard hatte seinen Rappen halb herumgelenkt und spähte angestrengt in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

„Was hast du gesehen, Terry?“

Reynard jagte einen hastigen Blick über die Schulter zurück und stieß dann heiser hervor: „Er ist hinter uns! Ich habe ihn oben auf dem Hang gesehen!“

„Was?“ Trelawney beugte sich schnell nach vorne.

Jack Breans Rechte zuckte unwillkürlich zur Hüfte nieder.

„Hast du dich nicht getäuscht, Terry?“

„Bestimmt nicht!“

„Es ist nicht hell genug, Terry!“, sagte Trelawney langsam und schaute Reynard noch immer scharf und prüfend an. „Du kannst ihn auf diese Entfernung gar nicht erkannt haben!“

„Du glaubst wohl, ich fange an, durchzudrehen, was?“ Terry Reynard lachte trocken auf. „Irrtum, Clem! Ich sage dir, ich habe deutlich einen Reiter dort oben zwischen den Klippen gesehen. Und es gibt wohl nur einen Mann, der Anlass hat, auf unserer Fährte zu reiten, nicht wahr?“ Seiner Stimme war die brennende Erregung anzumerken.

„Marshal Matt Donovan!“, murmelte Brean gepresst. „Und ich dachte, wir hätten diesen Spürhund schon vor zwei Tagen am Two-Ducks-Creek abgeschüttelt.“ Er zerrte ungeduldig an den Knöpfen seiner Pelzjacke. Als die Jacke offen war, rückte er den patronengespickten Revolvergurt so weit nach vorne, dass er den Coltkolben jederzeit bequem fassen konnte.

Zwischen Clem Trelawneys Augenbrauen kerbte sich eine steile Falte. Sein breitflächiges, derb geschnittenes Gesicht wirkte finster und verschlossen.

„Weiter!“, knurrte er knapp. Er gab seinem Pferd die Sporen. Das Hufepochen setzte wieder ein und wurde laut von den kahlen Felswänden zurückgeworfen.

Brean machte eine Bewegung, als wollte er Trelawney zurückhalten. „Clem! Meinst du nicht, es wäre besser …“

„Ich habe weiter gesagt!“, unterbrach ihn Trelawney. Er drehte sich dabei nicht um.

Brean und der junge Reynard starrten auf seinen Rücken. Irgendwie drückte dieser breite Rücken eine felsenfeste Entschlossenheit aus. Brean zuckte die Achseln. Er gab seinem Gaul ebenfalls die Sporen und ritt hinter Trelawney her. Nur Reynard zögerte noch. Er schaute zu dem klippenbedeckten Kamm zurück, auf dem er den Verfolger bemerkt hatte. Nichts regte sich dort. Dann setzte auch er seinen Kumpanen nach.

Auf Reynards Stirn perlte dünner Schweiß. „Ich weiß jetzt sicher, dass er hinter uns her ist!“, keuchte er.

Clem Trelawney richtete seinen stechenden Blick auf ihn.

„Terry, du darfst nicht die Nerven verlieren! Wir sind zu dritt, mein Junge – der Marshal ist allein.“

Reynard wich Trelawneys Augen aus. „Ich … ich habe keine Angst, Clem! Aber dieser Sternträger reitet jetzt schon eine volle Woche hinter uns her! Es ist …“

„Er wird nicht mehr lange auf unserer Fährte reiten, mein Junge, verlass dich darauf!“, sagte Trelawney schroff und trieb sein Pferd den Hang hinauf.

Die Flanken des Tieres zitterten, als es oben unter den hohen Douglasfichten zum Stehen kam. Es spreizte erschöpft die Beine und ließ den Kopf hängen. Trelawney beachtete das Pferd nicht. Er rutschte aus dem Sattel und zog den Springfield-Karabiner aus dem Scabbard.

Jack Brean und Terry Reynard starrten ihn an. „Clem!“, flüsterte Reynard heiser. „Was soll das bedeuten?“

Trelawney stellte sich hinter einen Fichtenstamm und spähte aus engen Augen den Hang hinab. Hier unter den Bäumen war es dämmrig. Trelawneys Gesicht war unter der breiten Krempe seines Stetsons nur als verschwommener heller Fleck zu erkennen.

„Welche Frage, Junge!“, knurrte er leise. „Ich sagte doch schon, dass er nicht mehr lange auf unserer Fährte reiten wird! Das ist doch deutlich genug.“

Jack Brean glitt ebenfalls vom Pferd. „Gut, Clem! Ich habe schon lange darauf gewartet.“

Terry Reynard stützte sich schwer aufs Sattelhorn. „Aber ihr könnt doch nicht einfach …“

Trelawney ließ ihn nicht weiterreden: „Sei still, Terry! Wenn dir etwas nicht passt, dann reite weiter. Aber ich rate dir: denke an das Geld in meiner Satteltasche! Wenn du deinen Teil davon willst, dann wirst du wissen, was du zu tun hast!“

Reynards Finger krampften sich um die Zügel.

„Wir sollten es nicht so weit treiben“, meinte er zögernd. „Wir können ihn bestimmt abschütteln. Wir müssen es nur nochmals versuchen.“

„Jetzt fange nur nicht an, weich zu werden“, grollte Trelawney, ohne den Blick von dem Felsdurchlass zu nehmen, aus dem sie vorhin gekommen waren. „Dieser Marshal ist lange genug hinter uns hergeritten! Vor zwei Tagen habe ich mich noch damit begnügt, am Two-Ducks-Creek unsere Spuren zu verwischen. Da das nichts nützte, müssen wir eben zu diesem Mittel greifen. Und für einen Kerl wie Matt Donovan ist das die einzig richtige Medizin!“

„Ich weiß nicht recht, Clem …“

„Verdammt, Terry! Ich weiß, dies ist dein erster Coup – aber überspanne den Bogen nicht! Immerhin haben wir dreißigtausend Dollar in meiner Satteltasche. Das ist schon eine heiße Kugel für einen sturen US-Marshal wert!“

„Er hat recht, Terry!“, nickte Jack Brean hastig. „Oder bedeutet dir das Geld plötzlich nichts mehr? Nun steig schon ab! Kümmere dich um die Pferde. Clem und ich erledigen das andere schon alleine!“

Reynard zögerte noch, dann stieg er vom Pferd. Er nahm die drei Tiere an den Zügeln und führte sie tiefer in das Fichtengehölz.

Stille herrschte unter den Bäumen und auf dem sanft ansteigenden Hang. Der Felsdurchlass wirkte wie das dunkel klaffende Maul eines versteinerten Ungeheuers. Die Luft war so kalt, dass das Atmen Mühe machte. Die ganze Natur wirkte dunkel, leblos und unheimlich.

In die Stille hinein drang plötzlich langsamer Hufschlag.

„Das ist er!“ Breans Flüstern war heiser vor Anspannung.

Clem Trelawney nickte nur. Es klickte metallen, als er den Colthahn spannte. Brean starrte Trelawney von der Seite an, und wieder einmal wunderte er sich, wie ruhig und kühl dieser große, breitschultrige Mann war. Jack Brean ritt schon lange Zeit gemeinsam mit Clem Trelawney auf dem Pfad der Gesetzlosen, und während dieser ganzen Zeit war es kein einziges Mal vorgekommen, dass Trelawney einer Situation nicht gewachsen gewesen wäre. Er merkte, wie er ebenfalls ruhig wurde. Der Revolver lag nicht mehr verkrampft, sondern locker und leicht in seiner rechten Faust.

„Er soll nur kommen!“, raunte er grimmig.

Die Hufschläge wurden lauter. Ein Schatten tauchte in der engen Felslücke auf. Jack Breans Coltfaust ruckte ein wenig in die Höhe.

„Nicht, Jack!“, flüsterte Trelawney schnell. „Warte!“

Der Schatten nahm Form an. Es war ein Pferd, und es kam langsam aus dem Felstor getrabt. Brean sog scharf den Atem ein, als er feststellte, dass der Sattel des Tieres leer war.

„Clem! Er hat Verdacht geschöpft! Er …“

„Ruhig, Jack! Kein Grund zur Aufregung!“, knurrte Trelawney leise. „Er ist lediglich vorsichtig, das ist es! Ein gerissener Fuchs! Er will ganz sichergehen und rechnete damit, dass wir schießen würden, wenn das Pferd zwischen den Felsen auftauchte. Verstehst du? Ein Mann wie er muss immer einen Hinterhalt einkalkulieren.“

Brean nickte. Das leuchtete ihm ein. Er war froh, einen Mann wie Clem Trelawney an seiner Seite zu haben. Sie schwiegen. Von hinten kamen leise Tritte auf sie zu. Trelawney riss den Kopf herum. Seine scharfen Worte glichen dem wütenden Zischen einer Schlange: „Bleib, wo du bist, Terry! Rühr dich nicht mehr!“

Reynard blieb sofort stehen und duckte sich neben einem Fichtenstamm.

Das reiterlose Pferd hielt ein halbes Dutzend Yards von der Felslücke entfernt an. Es drehte den Kopf und schnaubte leise.

Einige Sekunden verstrichen – Sekunden voller Spannung. Aber noch immer regte sich nicht der geringste Lufthauch.

„Da!“, zischte Jack Brean plötzlich. „Da ist er!“

Ein weiterer Schatten war zwischen den dunklen Felsen sichtbar geworden. Er bewegte sich zögernd, vorsichtig und völlig lautlos. Einen Moment verschwand er hinter einem kantigen Gesteinsklotz, dann tauchte er deutlicher als vorher wieder auf. Die Umrisse einer Männergestalt waren zu erkennen.

Sekundenlang blinkte etwas Helles matt auf. Jeder der lauernden Männer unter den Douglasfichten wusste, was das gewesen war: der Stern, den der Marshal an seiner Jacke trug.

Jack Brean wagte kaum noch zu atmen. In seinen Schläfen pochte das Blut. Seine Augen funkelten. In seiner Miene vermischten sich Spannung, Hass und Sorge. Trelawneys breites Gesicht dagegen war finster und verschlossen wie vorhin. Es war nicht zu erkennen, was in diesem Manne jetzt vorging.

Unten trat der Marshal langsam aus dem Felsdurchlass hervor – ein mittelgroßer, sehniger Mann in dicker Winterkleidung. Er hatte den Revolvergurt über die lange Jacke geschnallt und hielt die Rechte dicht hinter dem Kolben des Colts.

Er spähte fortwährend zur Kammlinie hinauf. Und seinen vorsichtigen, geschmeidigen Bewegungen war anzumerken, dass er jeden Sekundenbruchteil zum blitzschnellen Handeln bereit war.

Jack Brean drückte den Revolverlauf gegen die Rinde des Fichtenstammes. Er hatte den Marshal genau im Visier. Sein Finger begann sich am Stecher zu krümmen.

Da drang Trelawneys Flüstern an sein Ohr: „Warte noch, Jack! Warte, bis er im Sattel sitzt. Er soll seiner Sache ganz sicher sein!“ Nicht die geringste Erregung war aus Trelawneys Tonfall zu hören.

Der US-Marshal langte bei seinem Pferd an. Es war bedeutsam, dass er die Zügel mit der Linken fasste. Eine Weile stand er ganz unbeweglich und schaute zu den Fichten hinauf. Brean glaubte, die Spannung nicht mehr ertragen zu können. Der Hass gegen diesen gnadenlosen Sternträger wurde

übermächtig in ihm. Seine Kinnbacken mahlten. Hinter sich hörte er das keuchende Atmen des jungen Reynard.

Und dann schwang sich der Marshal mit einem jähen Satz in den Sattel. Seine Haltung drückte noch immer Wachsamkeit aus, aber sie war nicht mehr so angespannt und reaktionsbereit wie vorhin. Langsam atmete Brean aus. Er begriff, wie recht Clem Trelawney gehabt hatte. Jetzt würde alles einfacher gehen! Nichts konnte mehr Matt Donovan retten!

Ein ferner Pfeifton wehte über die Felsmauern und bewaldeten Hänge. Hinter Brean und Trelawney waren wieder die leisen, hastigen Tritte des jungen Reynard. Das Gesicht Reynards war bleich und leicht verzerrt. „Clem! Jack! Hört ihr das?“

Pfeifen wurde lauter, schriller. Dann ging es in ein durchdringendes Heulen über. Terry Reynards Wangenmuskeln bewegten sich unablässig.

„Der Blizzard!“, stieß Brean heiser hervor. Er brauchte seine Stimme nicht mehr zu dämpfen. Das unheimliche Heulen schwoll weiterhin an.

„Verdammt!“, knurrte Trelawney. „Achtet lieber auf den Sternträger!“

Der Marshal hatte seinen Gaul in der Mitte des Hanges angehalten. Er richtete sich steil im Sattel auf und lauschte einige Sekunden lang auf das wilde Heulen, das von Norden über die schroffen Felsgrate drang. Die Luft war noch immer unbewegt. Kein Fichtenzweig rührte sich.

Und vielleicht wirkte gerade deshalb dieses ferne Jaulen noch unheimlicher, als es ohnehin schon war. Der Marshal schien zu zögern. Dann riss er in jähem Entschluss sein Pferd herum.

„Er will zurück in die Felsen!“, keuchte Brean. „Er sucht Schutz vor dem Blizzard!“

„Kein langes Reden!“, grollte Trelawney dumpf. „Schieß jetzt!“

In dem Augenblick, da der US-Marshal sein Pferd herumgezogen hatte, brach ein greller Feuerstrahl aus Trelawneys Coltmündung. Das Peitschen des Schusses verschmolz mit dem Aufbrüllen von Jack Breans Revolver.

„Großer Himmel!“, kam es tonlos über Terry Reynards Lippen.

Der Marshal, der den Männern auf der Kammhöhe jetzt den Rücken zukehrte, warf beide Arme hoch und kippte seitwärts aus dem Sattel. Sein Pferd brach schrill wiehernd zur Seite aus. Die Banditen sahen, wie es in langen Sprüngen auf die Felsen zujagte. Der Marshal rollte mit den Armen schlagend den Hang hinab.

Brean sprang hinter dem Baum hervor und riss den Revolver erneut hoch.

Er kam nicht dazu, abermals zu feuern.

Der Blizzard kam wie ein wildes Ungeheuer über die Felsenwände herabgefegt und trieb eine weiße Wand aus Schnee vor sich her, die alles unter sich begrub. Es gab keinen allmählichen Übergang von der Reglosigkeit in das Toben des Unwetters. Es dauerte nicht länger als eine Sekunde, und alles hatte sich in eine tobende, weiße Hölle verwandelt.

 

 

3

„HÜÜÜÜÜyaaaaaaah!“ Die Stimme des Kutschers ging unter im Heulen des Sturmes. Ächzend schwankte das Fahrzeug hin und her. Es schien, als wolle die Kutsche eine riesige, weiße Mauer durchbrechen. Der Schnee wirbelte so dicht, dass man beinahe nicht mehr die Hand vor den Augen erkennen konnte. Und immer neue Schneemassen jagte der Blizzard über die Hügelkuppen heran.

Link Parritt lag beinahe auf dem Pferdehals. Die Wucht des Sturmes war so groß, dass es unmöglich war, aufrecht im Sattel zu sitzen. Er hatte die kastanienbraune Stute dicht neben die beiden vorderen Gespannpferde der Kutsche gelenkt. Die Tiere hatten die Köpfe gesenkt und mussten sich mit aller Kraft gegen den Anprall des Blizzards stemmen, um überhaupt vorwärts zu kommen.

„HÜÜÜÜÜÜÜyaaaaaaah!“

Parritt war sich nicht klar, ob er den anfeuernden Ruf des Kutschers tatsächlich für einen Moment gehört hatte – oder ob dieser Ruf nur in seiner Einbildung existierte. Er zerbrach sich nicht den Kopf darüber. Er riss den Hut herab und schlug auf die Kutschpferde ein.

Es war nicht die Zeit, Rücksicht auf die Tiere zu nehmen. Jede Minute war jetzt kostbar. Wenn sie das Fort nicht bald erreichten, kamen sie nicht mehr aus dieser eisigen, weißen Hölle heraus!

Verzweifelt legten sich die Gäule ins Geschirr. Link Parritt blickte zurück. Für einen Moment sah er die schwankende Kutsche im Schneetreiben deutlich vor sich – die mahlenden Räder, das hin und her schleudernde Gepäck auf dem Wagendach, und die beiden verkrampften Männergestalten auf dem Kutschbock, von denen eine wild die Peitsche schwang. Dann senkte sich wieder ein undurchdringlicher Vorhang aus Schnee zwischen ihn und das Fahrzeug.

Der schreckliche Gedanke durchzuckte Parritt, dass sie das Fort vielleicht verfehlt hatten und nun immer weiter in die Hügel hinein irrten, bis sie das eisige Ufer des Yellowstone River erreichten. Er wehrte sich gegen diesen Gedanken. Er wollte die Hoffnung nicht aufgeben – er durfte sie nicht aufgeben! Und doch hatte sich im Hintergrund seines Bewusstseins die Sorge eingenistet – wie ein schwarzes, hässliches, giftiges Tier.

Der Blizzard tobte mit unverminderter Heftigkeit. Link Parritt fühlte die Kälte durch seine Kleidung dringen. Über sein Gesicht schienen Flammen zu lecken. Und seine Ohren waren taub von dem Heulen und Brausen ringsum.

Dann sah er plötzlich etwas Dunkles, Hohes vor sich im wehenden Schnee auftauchen. Er hielt den Atem an, trieb die Pferde weiter und spürte es heiß in seiner Kehle auf steigen. Nach einigen Yards gab es keinen Zweifel mehr für ihn: Sie hatten die verfallenen Palisaden von Fort Riverhill vor sich! Er lenkte seine Stute zur Seite und zog die Gespannpferde hinter sich her.

„Geschafft!“, schrie er über die Schulter zurück. „Wir haben es geschafft!“

Der Sturm riss die Worte von seinen Lippen fort. Sie gingen im Jaulen und Sausen unter. Das Kutschpferd, dessen Halfter er krampfhaft gepackt hielt, stolperte und brach in die Knie. Mit verzweifelter Anstrengung riss es Parritt hoch. Es durfte nicht sein, dass ihre Flucht vor dem tödlichen Unwetter noch in allerletzter Minute scheiterte.

Die Palisaden, an denen er entlang ritt, waren jäh zu Ende. Hier musste das offene Forttor sein. Er machte eine Schwenkung. Er spürte die Muskeln und Sehnen unter dem nassen Fell der Stute arbeiten. Das Pferd war am Ende seiner Kräfte. Aber noch musste es durchhalten.

„Weiter!“, schrie Parritt heiser. „Immer weiter, meine Braven!“

Die Pferde stampften über eine ebene schneebedeckte Fläche. Es musste der Forthof sein. Die Palisaden hielten den Sturm ein wenig zurück, aber auch hier bildete der wirbelnde Schnee einen dichten eisigen Schleier. Parritt stellte erleichtert fest, dass sie jetzt rascher vorankamen. Etwas Schwarzes tauchte vor ihm auf, und er trieb hastig die Gäule zur Seite.

Undeutlich erkannte er, dass sie ein zerfallenes Balkengebäude hinter sich ließen. Das Holz war verkohlt, und Parritt erinnerte sich daran, dass es hieß, Fort Riverhill sei vor langen Jahren von den aufständischen Sioux zerstört worden.

Sekunden später blieb seine Stute vor einer massiven Balkenwand stehen. Parritt konnte die Kante eines niedrigen Daches erkennen. Alles andere wurde vom weißen Treiben verhüllt.

Die Gespannpferde schnauften schwer und ließen die Köpfe hängen. Parritt glitt aus dem Sattel. Er tastete sich an den Zugsträngen entlang zur Kutsche. Die beiden Männer auf dem Bock sah er nur als schneeverhüllte Schemen.

Er legte die Hände vor den Mund und schrie: „Steigt ab! Wir sind am Ziel! Wir haben es geschafft!“ Er sah, wie die junge Evelyn Lodge und ihr Vater sich bewegten.

„Kommen Sie!“, schrie Parritt, um das Tosen des Blizzards zu übertönen. „Wir haben gleich ein schützendes Dach über dem Kopf.“

Er half den beiden ins Freie und dachte nicht mehr daran, wie schroff ihm Lodge anfangs gegenübergetreten war. Als sie sich vom Fahrzeug entfernten, packte sie der Sturm wie mit zornigen Klauen. Aber es waren nur wenige Schritte bis zum Eingang des Gebäudes. Founder und Adams waren bereits dort angelangt. Sie stießen die Türe auf und taumelten über die Schwelle. Link Parritt war der letzte. Er schlug die Türe hinter sich zu und lehnte sich keuchend dagegen.

Jetzt, da das Brausen des Unwetters plötzlich in weite Ferne gerückt schien, breitete sich eine dumpfe Leere in seinem Gehirn aus. Es dauerte eine Weile, bis die Schwäche in ihm abklang. Er sah die anderen reglos im Raum stehen. Niemand sprach.

Der Raum war nicht groß, aber alles deutete darauf hin, dass er sauber in Ordnung gehalten worden war. Ein Tisch, drei Stühle, eine wacklige Bank, ein Schrank, daneben ein hohes Regal mit verschiedenen Schachteln, Büchsen und Flaschen – und in der Ecke ein gusseiserner Ofen, der eine wohlige Wärme ausstrahlte. Das Knistern und Knacken der Flammen stand deutlich in der dämmrigen Stille.

Link Parritts Erstarrung löste sich. Mit einigen langen Schritten langte er bei der Türe an, die in den Nebenraum führte, und riss sie auf. Der Raum dahinter war noch dunkler. Trotzdem erkannte Parritt die Bettstelle und den Kistenstapel, die sich darin befanden. Einige Felle und Decken waren in einer Ecke aufgeschichtet.

An der Wand hingen zwei Gewehre – eine langläufige Sharps Rifle und ein leichtes Henry-Gewehr. Parritt drückte die Türe wieder zu und wandte sich zu den anderen um. Sie schauten ihn alle an – und wieder bemerkte er in Adams und Lodges Augen das glitzernde Misstrauen.

„Ich dachte, dies sei ein verlassenes Fort!“, sagte Lodge schwer und langsam.

„Das dachte ich auch!“, entgegnete Parritt unwillig.

Lodges Haltung war unnatürlich steif – und daran war sicher nicht mehr die Kälte schuld. Er starrte Parritt unverwandt an, während er fragte: „Sie wollen also noch immer behaupten, dass Sie uns nur des Blizzards wegen hierher geführt haben?“

Link Parritt fühlte Zorn in sich aufsteigen. Aber er beherrschte sich. Er dachte an den Steckbrief, den Lodge erwähnt hatte. Durfte er es diesen Leuten verübeln, dass sie ihm argwöhnisch gegenüberstanden.

Die Bitterkeit kam wie eine heftige Flut. Er bemühte sich, sie zurückzudrängen. Er schaute gedankenversunken auf dem Bretterboden, wo sich unter ihren Stiefelsohlen Wasserlachen bildeten.

„Nun?“, drängte Lodge ungeduldig.

Parritt hob den Kopf. „Lodge, ich kann Ihnen nur abermals sagen, dass ich nichts anderes …“

Ein Fensterladen wurde von außen aufgestoßen. Ein Feuerstrahl zuckte in den dämmrigen Raum herein. Evelyn Lodge schrie hell auf. Founder knurrte wild und sprang zur Seite. Parritt hörte das Pfeifen der Kugel dicht an seinem rechten Ohr und ließ sich fallen. Holz splitterte hinter ihm.

Er rollte sich sofort zur Seite, bekam den Colt aus dem Holster und schwang ihn blitzschnell hoch. Seine funkelnden Augen waren auf das Fenster gerichtet, durch das der Schuss abgegeben worden war. Aber dort war nichts mehr zu sehen. Der Laden schwang knarrend im Sturm hin und her. Schneeflocken trieben in den Raum und zerschmolzen auf den Bodenbrettern.

Geschmeidig sprang Parritt auf. Founder und Adams hielten jetzt ebenfalls ihre Revolver in den Fäusten. Sie starrten zum Fenster hin, als erwarteten sie jeden Moment das erneute Aufblitzen eines Schusses. Parritt wartete eine Sekunde, dann schnellte er vorwärts – direkt auf das offene Fenster zu. Er erreichte es, ohne dass etwas geschah. Er behielt den Colt in der Rechten und zog mit der anderen Hand eilig den schweren Bohlenladen zu. Er verriegelte ihn von innen. Als er sich umwandte, sah er, dass Adams, der Beifahrer, seinen Revolver auf ihn gerichtet hatte.

Lodge stand dicht neben Adams und sagte grimmig: „Wir verlangen von Ihnen eine Erklärung, Parritt!“

Parritt zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht mehr als Sie!“

„Und ich behaupte, dass Sie uns in eine Falle geführt haben! Da draußen warten sicher Ihre Komplicen darauf, über uns herzufallen!“

„Lodge!“, sagte Parritt gepresst. „Wenn Sie besser aufgepasst hätten, dann wäre Ihnen vielleicht nicht entgangen, dass mich die Kugel nur um Fingerbreite verfehlte. Glauben Sie denn, dass meine Komplicen, wie Sie sagen, schießen würden, solange ich hier im Haus bin?“

„Das stimmt!“ Founder, der Kutscher, trat einen Schritt vor. Er zupfte an seinem buschigen Schnurrbart. „Ich habe gesehen, wie knapp die Kugel an ihm vorbeiging.“

„Zum Donner!“ Lodges eckiges Gesicht wurde rot vor Zorn. „Wer sollte denn sonst da draußen sein, he?“

„Das müssen wir eben herausfinden!“, erklärte Parritt entschieden. Er ging mit festen Schritten auf die Türe zu.

„Halt!“, rief Adams schrill. „Stehenbleiben, Parritt – oder ich drücke ab!“ Link Parritt beachtete den Ruf nicht im geringsten.

„Verrammelt die Türe, wenn ich draußen bin!“, sagte er über die Schulter zurück. „Ich hoffe, ich kann euch dann endlich beweisen, dass ihr von mir nichts zu befürchten habt.“

Sein Blick begegnete flüchtig den dunkelblauen Augen von Evelyn Lodge, als er die Klinke niederdrückte. Er sah die unverhüllte Sorge in diesen Augen, und er begriff, dass diese Sorge nicht ihr selbst galt oder den anderen Männern im Raum – sondern ihm. Sein Grimm verflog.

Er fühlte eine tiefe Wärme in sich aufsteigen. Wenn sie sich um ihn sorgte, dann bedeutete das gleichzeitig, dass sie nicht an ihm zweifelte – an ihm, dem fremden Mann mit dem tief gehalfterten Colt, an ihm, dessen Steckbrief ihr Vater mit eigenen Augen in Billings gesehen hatte. Er nickte ihr beruhigend zu und trat ins Freie.

Hinter sich hörte er die schrille, erregte Stimme Adams. Aber er konnte die Worte nicht mehr verstehen. Der Blizzard fiel mit ungebrochener Wildheit über ihn her.

 

 

4

Das Gesicht des Mannes war grau und verzerrt. Der Sturm peitschte Schnee und winzige Eiskristalle gegen seine Wangen und seine Stirn. Er fühlte die Schmerzen schon nicht mehr. In seinen Schläfen dröhnte es. Seine Zähne waren so fest aufeinandergepresst, dass sich die Wangenmuskeln deutlich unter der gestrafften Haut abzeichneten. Er hielt die Finger um einen Felszacken gekrampft. Sein Oberkörper pendelte hin und her. Seine Beine wankten.

„Nein!“, keuchte er. „Nein! Nicht aufgeben! Nicht aufgeben!“ Er wiederholte es immer wieder, als verspreche er sich davon neue Kraft.

Schnee wuchtete sich auf seine Schultern, klebte an seiner Jacke fest und verdeckte den Stern, der an seiner Brust festgeheftet war. Der linke Arm war wie gelähmt. Blut sickerte aus dem Einschussloch in der Schulter und rann klebrig und warm über die Haut. US-Marshal Matt Donovan wusste nicht, wie er es geschafft hatte, durch den tobenden Blizzard vom Hang herab zwischen die Felsen zu kommen. Er vergeudete auch keine Zeit damit, sich darüber Gedanken zu machen. Dazu war er gar nicht mehr fähig. Eine dumpfe Benommenheit breitete sich immer mehr in seinem Gehirn aus. Es war nur noch der eine Gedanke, der ständig in ihm hämmerte: Er durfte nicht aufgeben! Dies durfte nicht das Ende sein!

Seit sechs Jahren trug er nun schon den Marshalstern. Sechs Jahre, die ihn noch härter und zäher gemacht hatten, als er es schon vorher gewesen war. Sechs Jahre, in denen er auf der Fährte zweibeiniger Wölfe geritten war. Stunde um Stunde im Sattel – bei jedem Wetter, Nachtlager unter sternenübersätem Himmelszelt oder bei strömendem Regen unter schützenden Bäumen, Tage voller Einsamkeit, manchmal ein dürftiges Hotelzimmer und das Lärmen in verräucherten Saloons, und immer wieder der Augenblick, da der Revolver in seiner Rechten feurige Lanzen schleudern musste. Das waren diese sechs Jahre!

Flüchtig tauchte die Frage in ihm auf, ob es denn so schlimm wäre, wenn diese Zeit jetzt wirklich ihren Abschluss fände. Aber er verbannte diesen Gedanken in den hintersten Winkel seines Bewusstseins. Er war nicht irgendein Reiter – er war Marshal! Er hatte seinen Auftrag bekommen, und er musste und wollte alles daransetzen, um diese Aufgabe zu Ende zu führen.

Er ließ die Felszacke los, sein Wanken wurde heftiger. Seine Finger tasteten am kahlen, nassen Gestein entlang. Er durfte nicht stehenbleiben! Er musste weiter! Irgendwo musste er Unterschlupf finden, ehe er zusammenbrach. Er wollte nicht unter den Schneemassen begraben werden, die in bestürzender Fülle vom Firmament niederbrachen. Es war nicht zu sagen, ob es einfach der Wille zum Leben war, der ihn vorantrieb – oder der Gedanke an seinen Auftrag.

Trotz der Kälte schwitzte er. Die Wunde blutete noch immer. Aber er hatte jetzt keine Zeit, sich einen Notverband anzulegen.

Seit er den Kampf gegen die Gesetzlosen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte, tauchte dieser Hass zum ersten Mal in ihm auf. Er war immer kühl und sachlich gewesen. Und sogar wenn die Revolver gekracht hatten, war er es geblieben. Kampf hatte er nur als eine letzte, unausbleibliche Notwendigkeit betrachtet.

Aber jetzt, als er hier neben dem Felsblock im Schnee lag und das Jaulen des Sturmes seine Ohren füllte, jetzt empfand er anders. Nein, er durfte nicht liegenbleiben – er durfte nicht damit einverstanden sein, dass jetzt das Ende kam. Die drei Männer, die drüben am Missouri in einer kleinen Ortschaft eine Bank ausgeraubt und dabei zwei Menschen erschossen hatten, diese drei Männer durften ihm nicht entkommen!

Er stützte sich auf die Ellenbogen. Seine Brust hob und senkte sich unter den keuchenden Atemstößen. Schnee klebte über seinen Augen. Er machte sich nicht die Mühe, ihn fortzuwischen. Die Flocken zerschmolzen, aber immer neue trieben heran. Seine Hände tasteten am nackten Gestein hoch, suchten eine Kante, wo sie sich festklammern konnten, um den Körper hochzuziehen – diesen schweren verwundeten Körper.

Matt Donovan stemmte die Füße in den Schnee, rutschte ab und schlug wieder zu Boden. Seine Zähne knirschten. Seine Schultern zuckten. Er brachte mühsam den Kopf hoch. Der Schnee deckte fast seinen ganzen Körper zu. Die Benommenheit kam wieder wie eine graue, alles verschlingende Flut. Seine Finger waren klamm vor Kälte – aber er nahm es kaum wahr.

Clem Trelawney und Jack Brean! Er kannte ihre Steckbriefe aus dem Süden. Der dritte Mann war ihm unbekannt. Wahrscheinlich war dieser nicht besser als die beiden anderen, sonst ritte er nicht Steigbügel an Steigbügel mit ihnen. Drei skrupellose Verbrecher, die dreißigtausend Dollar geraubt hatten. Und er – US-Marshal Donovan – sollte sie zur Strecke bringen!

Wieder streckte er die Hände hoch, wieder suchte er nach einer Zacke oder einem Spalt, wo er Halt finden konnte. Er wollte es so lange versuchen, wie es nur möglich war. Das war er seinem Stern schuldig – und vielleicht auch dem Hass, der noch immer in ihm glühte.

 

 

5

An der Ecke des Blockhauses blieb Link Parritt stehen. Er schlug den Jackenkragen hoch und senkte den Kopf, um sein Gesicht wenigstens etwas vor der beißenden Kälte zu schützen. Er merkte, wie die Finger, die den Coltkolben umklammerten, steif wurden. Hastig schob er die Waffe ins Holster zurück und rieb die Hände gegeneinander. Vielleicht hing schon in den nächsten Minuten sehr viel davon ab, dass sie ihre Schnelligkeit behielten.

Parritt wusste, dass es keinen Sinn hatte, nach Spuren zu suchen. In dem tobenden Unwetter hielt sich der Fußabdruck eines Mannes keinen Atemzug lang. Er überlegte, wer wohl den Schuss durchs Fenster abgegeben hatte. Es musste ein einzelner Mann gewesen sein, davon war Parritt überzeugt. Und es war ganz gewiss kein geplanter Feuerüberfall gewesen. Irgendwie wirkte dieser einzelne Schuss völlig sinnlos.

Wenn sich Banditen hier im Fort eingenistet hatten, dann hätten sie sich bestimmt nicht damit zufriedengegeben, diesen einen Schuss abzufeuern, dann hätte keiner der Menschen in dem Blockhaus wohl noch eine Chance besessen. Link Parritt schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was er von dieser Sache halten sollte.

Sein Blick glitt an der Balkenwand entlang. Das Blockhaus umfasste nur die zwei Räume, die er bereits gesehen hatte. Früher war es – der Größe nach – ein Vorratshaus oder das Wohngebäude eines Offiziers gewesen. Parritt dachte wieder an das flackernde Feuer in dem kleinen gusseisernen Ofen. Jemand musste dieses Blockhaus bewohnen. Und dieser „Jemand“ war es sicher gewesen, der so unerwartet eine Kugel in den Raum gejagt hatte.

Einen Moment zerriss der Schneeschleier, und Parritt sah auf der anderen Seite des Fortplatzes ein langgestrecktes, niedriges Balkengebäude. Parritt war schon in mehreren Forts gewesen und wusste, dass das ein Stall sein musste. Er sah völlig unbeschädigt aus. Parritt zögerte nicht länger, verließ die Gebäudeecke und rannte geduckt in das Schneetreiben hinein. Der unbekannte Schütze würde sich gewiss nicht mehr im Freien aufhalten. Also galt es, die noch stehenden Häuser zu durchsuchen.

Link Parritt erreichte die Stallwand und presste sich schwer atmend dagegen. Der Sturm zerrte an seiner Jacke, und der Frost ließ seine Ohren schmerzen. Parritt glitt an der Balkenwand entlang, als er das Stalltor erreichte, hatte sich sein Atem beruhigt. Er stellte fest, dass der Riegel von außen zugeschoben war. Grimmig presste er die Lippen zusammen. Der Mann, den er suchte, konnte sich also nicht da drinnen aufhalten. Parritt verwünschte die Tatsache, dass er sich noch niemals in Fort Riverhill aufgehalten hatte. Wenn er sich hier besser auskannte, würde sein Vorhaben wesentlich einfacher sein.

Er schlich weiter – immer eng an die Stallwand gedrückt, die ihm ein wenig Schutz vor der Wucht des Blizzards bot.

Ein dumpfer Knall drang plötzlich durch das Sausen des Unwetters. Parritt schob die Rechte unter die Jacke und umklammerte den Kolben des Revolvers. Vor ihm regte sich nichts mehr. Er machte einen Schritt vorwärts – und da bewegte sich wieder dieses dunkle Etwas. Blitzschnell brachte Parritt den Colt heraus. Dann entspannte sich seine Haltung. Ein flüchtiges Lächeln geisterte um seine schmalen Lippen. Der Sturm hatte eine Tür aufgerissen und an die Bretterwand geschmettert, vor der er jetzt stand. Und diese Türe bewegte sich nun ständig hin und her.

Parritt machte einen weiteren Schritt und sah die dämmrige Türöffnung deutlich vor sich. Der Sturm hatte Schnee über die Schwelle geweht, und in diesem Schnee zeichnete sich der Fußtritt eines Mannes in scharfer Deutlichkeit ab. Link Parritt atmete tief ein. Er behielt den Colt in der Faust und trat über die Schwelle. Er wich sofort zur Seite, drückte sich gegen die Wand und lauschte. Durch die offene Tür strömte eisige Kälte.

Parritt schob sich an der Wand entlang – lautlos, vorsichtig und leicht geduckt. Immer wieder schoss er einen scharfen Blick zur offenen Tür hin, vor der die Flocken wild tanzten. Er wollte vermeiden, dass der Unbekannte den Raum unbemerkt verließ. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Er sah die Umrisse mehrerer Bettstellen und einen breiten Schrank.

Alles machte einen verwahrlosten Eindruck. Einige Betten waren zusammengebrochen, die Schranktüren hingen schief in den Angeln, und an der Rückseite fehlten einige Bretter. Link Parritt begriff, dass er in eine frühere Mannschaftsunterkunft geraten war. Seine tastende Linke fand eine Petroleumlampe.

Er holte die Streichhölzer hervor und zündete eines an. Während er es zwischen Daumen und Zeigefinger der Linken hielt, lag der rechte Zeigefinger zum Durchziehen bereit am Stecher. Nichts geschah. Hastig zündete Parritt den Docht der Petroleumlampe an und setzte den verrußten Zylinder darüber. Der gelbe Schein schien Mühe zu haben, die Finsternis zu durchdringen. Die Flamme flackerte unruhig in der Zugluft, die von der offenen Türe kam.

Link Parritt verließ hastig den Platz neben dem Tisch und versuchte an den Rand des Lichtkreises zu kommen. Bis auf die Bettstellen und den einen Schrank war der große Raum leer. Der Bretterboden war nass – ein Zeichen, dass das Dach und die Decke undicht waren. Im Hintergrund – eben noch vom trüben Lampenlicht erreicht – führte eine steile Holztreppe zu einer schwarzen Luke hoch. Parritt runzelte die Stirn.

Details

Seiten
129
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932775
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502508
Schlagworte
unerbittlich tapferen

Autor

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Titel: Unerbittlich sind die Tapferen