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Im Westen ist die Hölle los - Band 6

2019 300 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Im Westen ist die Hölle los

In den Krallen des Goldes

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Der Peso-Bluff

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Die Todeslinie

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

In der Western-Sonderedition IM WESTEN IST DIE HÖLLE LOS

Im Westen ist die Hölle los

 

 

Western-Sonderedition Band 6

 

3 Romane in einem Band

 

von Heinz Squarra

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin mit Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Western:

In den Krallen des Goldes

Der Peso-Bluff

Die Todeslinie

 

 

***

 

 

In den Krallen des Goldes

 

 

 

Klappentext:

 

Ryan Fletscher führt ein einfaches, genügsames Leben, bis er im Wald auf eine Falle der Zattig-Brüder stößt, die seit einigen Tagen nicht mehr kontrolliert wurde. In ihr befindet sich ein verendeter Wolf. Er stellt die Brüder zur Rede und damit beginnt eine Vielzahl ungeklärter Mordanschläge aus dem Hinterhalt bei denen auch ein Zattig-Bruder getötet wird. Man macht Fletscher für diese Tat verantwortlich, der sie jedoch vehement bestreitet.

Es beginnt eine wahre Hetzjagd auf ihn, die Ereignisse überschlagen sich, selbst der Marshal wird aus dem Verborgenen angeschossen. Finden sie den oder die wahren Täter oder ist Fletscher doch der Schuldige – und das alles nur wegen dieses verdammten Goldes …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Der Wolfskadaver lag auf der Seite, als Ryans Schatten über die Schlinge fiel. Er schätzte, dass der Wolf fünf bis sechs Tage in der Schlinge gefangen war. Er schob den Colt in das Holster.

Zwei Stunden später erreichte er über den kleinen Creek das bewaldete Bergtal, in dem die Zattig-Brüder hausten. Ihre Blockhütte duckte sich unter die hochaufragenden Douglasfichten, die die Hänge beherrschten.

Die Tür der aus Kiefernstämmen gefügten Hütte stand offen.

Ryan ritt durch das glasklare Wasser und zügelte den Braunen.

In der Hütte klapperte Geschirr. Die Flüche des Mannes verrieten, mit welcher Begeisterung er dieser Beschäftigung nachging.

»Zattig?« Das Klappern verklang. Ein Gewehr wurde repetiert. Der Lauf schob die Tür noch weiter zurück.

Lefty Zattig, mit dreiunddreißig der Jüngste der drei Brüder, stand auf der Schwelle. Er war von mittelgroßer Gestalt, breitschultrig und stiernackig. Der Stoppelbart unterstrich noch das finstere Aussehen.

»Was willst du, Fletscher?«, stieß er abweisend hervor.

Ryan warf den Wolfskadaver vom Pferd. Der Braune scheute. Ryan zog ihm den Kopf gegen die Brust.

Lefty Zattig trat aus der Hütte und senkte das Gewehr.

»Was soll das?«

»Er saß in einer eurer Fallen. Mindestens vier oder fünf Tage, vielleicht länger.«

»In unserer Falle?« Auf Lefty Zattigs Stirn bildete sich eine steile Falte. »Darf ich erfahren, was dich unsere Schlingen angehen?«

Er hob das Gewehr wieder an und zielte erneut auf den Reiter.

»Nichts, Lefty. Aber wenn ihr schon welche aufstellt, solltet ihr euch auch drum kümmern. Das ist bei Jägern so üblich, falls ihr davon noch nichts gehört haben solltet.«

Der Hohn trieb Lefty die Zornesröte ins schmutzstarrende Gesicht.

»Wenn ich abdrücke, hörst du den Knall nicht mehr, du Klugscheißer.«

»Du hast ’ne seltsame Art, dich zu bedanken, Lefty. – Wo sind eigentlich deine Brüder?«

»Das geht dich ’nen Dreck an. Verschwinde, bevor mir der Kragen platzt.«

Zattig stieß dem Braunen die Mündung gegen den Hals.

Das Pferd wieherte.

Lefty war dem Reiter inzwischen so nahe, dass Ryan ihm gegen den Oberarm trat. Lefty wankte. Ryan sprang ab, packte den Gewehrlauf und zerrte ihn heftig aus der Richtung.

Lefty drückte ab. Das Geschoss jaulte in den Wald. Das Echo rollte durchs Bergtal und fiel mit dem Schrei zusammen, den Lefty ausstieß, als ihn Ryans Faust fällte. Er verlor das Gewehr beim Sturz und Ryan warf es in den Bach.

»Ihr seid schon seltsame Heilige. Stellt Fallen auf und schert euch nicht drum.«

»Du hast an unseren Fallen nichts verloren!«, keifte Lefty, der nicht aufzustehen wagte. »Wir haben das Revier geteilt. Jeder hat sein Stück!«

»Du begreifst offenbar nichts.«

Ryan ging zu seinem Pferd, stieg auf und ritt durch den Bach davon.

 

 

2. Kapitel

 

Das unweidmännische Benehmen der Zattigs beschäftigte ihn noch, als er die mit Büschen und Kiefern bestandene Mesa überquerte. Er kam sonst nicht hier vorbei, wenn er gelegentlich auf die Jagd ging. Es war noch Zattig-Gebiet, nach einer Übereinkunft, zu der sie ihn, ihres notorischen Misstrauens wegen, nötigten.

Er war nur auf die Falle gestoßen, weil er eine Antilope verfolgte, die ihm dann doch durch die Lappen ging.

»Büffelmist«, brummte Ryan vor sich hin. Er hatte zwei Stunden verloren.

Er zügelte den Braunen, kramte den Tabaksbeutel hervor und rollte sich eine Zigarette, die er in den Mundwinkel klemmte und anbrannte. Er war ein sechs Fuß großer, sehniger Mann mit breiten Schultern und dunkelblonden Haaren. Seine Kleidung bestand aus einem karierten Hemd, Levis-Hose, Texasstiefeln und einem Cowboyhut, die Bewaffnung aus dem Colt 45 und der Winchester.

Sein Weg führte zwangsläufig zu dem dreißig Yards breiten Felsabsturz, der die Mesa von Süden nach Norden als tiefen Graben durch schnitt. Das Buschwerk wuchs bis an den Rand des Canyons und verbarg den Reiter noch, als er bereits die rissige, verwitterte Felswand und die Sohle sah.

Zwei Pferde standen vor einer Höhle und dösten in der Hitze, die sich da unten staute.

Ein Mann trat eben aus der Höhle. Er war groß und hager, trug eine lange, dunkle Jacke, gestreifte Röhrenhosen, ein helles Hemd und eine Samtschleife. Eine dicke Staubschicht bedeckte die schwarzen Stiefel. Obwohl das Gesicht im Schatten des breitkrempigen, schwarzen Hutes lag, erkannte Ryan sofort Andrew Zattig, den ältesten der Brüder.

Er sprang aus dem Sattel und drängte den Braunen zurück. Besser, sie bemerkten ihn gar nicht erst, sonst gab’s nur neuen Ärger.

Ryan führte den Braunen durch das Dickicht etwa dreihundert Yards von der Schlucht weg, brannte dann die inzwischen verglommene Zigarette erneut an, stieg auf und ritt stetig nach Osten.

Es dauerte noch geraume Zeit, bis er über eine flache Halde in den dichten Wald in den Ausläufern des Höhenzuges gelangte. Vor ihm dehnte sich die Prärie, unendlich weit, leicht gewellt, deren runde Buckel den Himmel zu berühren schienen.

Zwölf Meilen entfernt lag Rapid City jenseits der Hügelkette, ein Nest nahe dem Cheyenne River. Irgendwo dazwischen duckte sich südlich die Handelsstation von Jed Potter in eine Geländefalte, ebenfalls vom Waldsaum vor den wildreichen Black Hills aus nicht zu erkennen.

Ein Creek ohne Namen plätscherte dort aus den Bergen, wo der Rancho lag. Ryan hatte das Anwesen vom Bruder seines Vaters geerbt, einem alten Ekel, dem er seit frühester Kindheit mit Erfolg aus dem Weg gegangen war und der ihn mit der Hinterlassenschaft wohl nur bedacht hatte, weil er sonst keine Angehörigen besaß.

Kein Wunder, wo selbst Ryans Vater lieber Soldat geworden war, was ihm früh das Leben kostete, als mit dem Bruder in Dakota zu siedeln.

Ryan zügelte den Braunen vor dem über das Gestein plätschernden Bach. Viel war nicht aus der Mühe des alten Jolan Fletscher geworden, ein kleines Blockhaus, ein windschiefer Schuppen daneben und der Korral, in dem fünfzehn Rinder träge im dürren Büffelgras lagen.

Die zwanzig Yards lange Rinne vom Creek in die Umzäunung war so versandet, dass bei dem geringen Gefälle kein Wasser mehr in den Korral laufen konnte. Weiter darauf zu hoffen, dass es regnen und der Creek steigen würde, schien Ryan unangebracht.

Er brachte das Pferd in den Anbau, sattelte ab und rieb es trocken. Er wollte nur etwas essen und dann gleich mit dem Säubern der Baumröhren beginnen.

Im Tümpel mitten im Korral stand noch etwas Wasser. Genug, um Ryans Gewissen zu beruhigen und die Frage aufzuwerfen, ob es nicht reichte, wenn er die Plackerei bis zum folgenden Morgen aufschob.

»Der verdammte Rancho«, knurrte er finster.

Eine halbe Stunde später war er dann doch mit Spitzhacke und Schaufel an der Arbeit.

 

 

3. Kapitel

 

Die Dämmerung kroch langsam über die Berge, als Andrew und Sadie Zattig die Hütte im Bergtal erreichten.

Lefty saß auf der Bank.

»Na endlich!«, schimpfte er. »Ich dachte schon, ihr wollt in der Höhle übernachten.«

Andrew zügelte sein Pferd zwischen dem Bach und dem Blockhaus, wo der Wolfskadaver lag.

Sadie, der kleiner als Andrew war, auf saubere Kleidung keinerlei Wert legte, die Bartstoppeln wuchern ließ, und damit Lefty wie ein Zwillingsbruder ähnelte, holte Andrew ein und blickte aus zusammengekniffenen Augen auf den Kadaver.

»Den brachte Fletscher, der Smallrancher. Wir sollten uns um die Fallen kümmern, hat er gesagt. Damit gefangene Tiere nicht fünf oder sechs Tage darin zappeln müssen.«

»Was gehen den denn unsere Fallen an?«, murrte Andrew.

»Das hab’ ich ihn auch gefragt.« Lefty betastete fluchend das angeschwollene Kinn.

»Er wird dir doch dafür nicht das Kinn gestreichelt haben?« Sadie grinste den Bruder tückisch an.

Andrew stieg ab.

»Alles darf er sich leisten, nur nicht hier herumspionieren. Gerade jetzt können wir das nicht gebrauchen.«

»Dann sollten wir’s ihm austreiben!«, schlug Sadie vor. »Das dürfte doch kein Problem sein, Bruderherz.«

»Genau das wollte ich auch vorschlagen«, platzte Lefty eifrig heraus. »Er ist nach Südosten geritten. Nicht auszudenken, wenn er euch beobachtete und sich einen Reim drauf machte.«

»Ausgeschlossen!«, stieß Sadie hervor. »Das hätten wir bemerkt, was, Andrew?«

»Denk’ ich auch. Und dass unser Geheimnis im Dunkel des Berges bleibt, dafür sorgen wir schon.«

»Hätten wir ihm nur damals nicht gestattet, in den Bergen zu jagen«, zeterte Lefty. »Wir waren hier die Herren.«

»Wir konnten mit dem großen Gebiet doch nichts anfangen«', erwiderte Andrew barsch. »Und weil’s damals noch streunende Indianer gab, war’s uns gerade recht, wenn ein Jäger die Gegend unsicher machte. Well, morgen treiben wir ihm die Schnüffelei mal gründlich aus.«

 

 

4. Kapitel

 

Ryan Fletscher kam zur eigenen Überraschung mit dem Graben flott voran. Noch bevor die Sonne am Morgen zwei Handbreit über den Hügeln im Osten stand, begann das Wasser den Tümpel des Korrals wieder zu füllen.

Er ließ die Werkzeuge liegen, lehnte sich an den Zaun und rollte sich eine Zigarette.

Hufschlag ließ ihn über die Schulter blicken.

Die drei Zattigs kamen den Creek herab, Andrew voran und Lefty, der Jüngste, als Letzter. Sie lenkten die Pferde aus dem Wasser, parierten sie vor der Hütte und kamen näher.

Andrew hielt das Gewehr geradezu lässig in der herabhängenden Hand. Seinem scharfkantigen Gesicht mit der Geiernase konnte Ryan nichts über die Absichten der ungebetenen Besucher entnehmen.

Die Zigarette war ihm entfallen. Er stand gespannt am Zaun, die Hand über dem Colt.

Sie kamen über den Graben. Als sie nebeneinander verharrten, trennten sie nur noch wenige Schritte von Ryan.

Lefty hatte einen Sack mitgebracht, den er Andrew reichte, als der mit den Fingern schnippte.

»Wir kamen bei einer deiner Fallen vorbei«, erklärte Andrew.

Ryan blickte auf den Sack.

»Eine prächtige Antilope steckte drin«, sagte Sadie. »Wir nehmen sie nachher mit zur Hütte und werden an dich denken, wenn wir sie abnagen, Kuhfladentreter.«

»Den Kopf haben wir dir mitgebracht«, fuhr Andrew fort. »Vielleicht willst du das Hirn essen, um deinem Verstand auf die Sprünge zu helfen.«

»Damit du dich an unsere Abmachung erinnerst«, höhnte Lefty.

Ryan überlegte, ob er den Colt ziehen sollte.

Sadie schlug einen Bogen.

Ryan wollte zurücktreten, aber Andrew schwang das Gewehr so schnell hoch, dass er nicht mehr reagieren konnte.

Die Mündung schien ihn anzugrinsen.

Sadie stand hinter Ryan, der dessen rasselndes Atmen vernahm.

»Es war Zufall«, sagte er lahm. »Ich verfolgte ’ne Antilope, bekam sie aber nicht. Dann wollte ich den Rückweg abkürzen.«

Lefty schüttelte den Kopf.

»Er hat überhaupt nichts begriffen. Das Antilopen-Hirn wird da auch nicht helfen, schätze ich.«

Die Gewehrmündung berührte Ryans Hals.

Er war ein Narr gewesen. Schon als die Brüder nahten, hätte er zur Hütte laufen müssen, um Deckung und damit eine Chance zu haben.

Lefty zog so ungeniert den Revolver. Was Sadie tat, konnte Ryan nicht sehen.

Er bekam es zu spüren, als der achtkantige Lauf eines Colts ihn traf.

In einer Wand aus Feuer und Funken ging Andrews Grinsen unter. Ryan wankte und stürzte.

Sie umstanden ihn wie Riesen, die in den unwirklichen Nebelschwaden zu schweben schienen. Andrews Stimme dröhnte, aber was er sagte, konnte Ryan nicht verstehen.

Lefty beugte sich hinunter, packte ihn, zog ihn auf die Füße und stieß ihn gegen den Zaun.

Andrew brüllte auf ihn ein. Ryan nahm Wortfetzen wahr, aber er verstand den Sinn nicht.

Irgendwann fand er sich erneut auf der Erde wieder.

»Wenn du noch einmal ’nen Fuß auf unseren Boden setzt, kannst du dich vergessen.«

Es war Andrew, der drohte, und Ryan verstand ihn plötzlich ganz deutlich.

Er hatte Blutgeschmack im Mund, der ganze Körper schmerzte.

»Hast du verstanden, Hundesohn?«, höhnte Lefty.

Ryan wollte antworten, um weiteren Misshandlungen zu entgehen, aber er brachte kein Wort heraus.

»Er wird schon kapiert haben.«

Sadie kehrte zu den Pferden zurück.

Ryan war heilfroh, als die anderen dem Bruder folgten.

Er sah sie in die Sättel klettern. Die Hufe klirrten auf dem Granit am Creek.

»Und vergiss es nicht!«, rief Lefty zurück.

Als er sie nicht mehr sah, kroch er zum Creek.

Das kühle Wasser linderte sogleich die Schmerzen.

»Wartet nur, ihr Bastarde!«, ächzte er. »Das zahl ich euch heim!«

 

 

5. Kapitel

 

Andrew saß in der schäbigen Hütte am Tisch und polierte ein Nugget am Jackenärmel. Es war nur klein, aber mit unverkennbar hohem Erzgehalt. Sadie und Lefty beugten sich neugierig über den Tisch.

»Was wird Potter wohl dafür ausspucken?« Andrew zeigte das Nugget zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Fünfzig bis sechzig Dollar ist es wert«, entgegnete Sadie. »Also wird er dreißig rausrücken.«

»Dem Halsabschneider sollten wir ’ne Kugel in den Schädel jagen«, knurrte Lefty.

»Du redest auch nur, damit sich der Mund bewegt.« Andrew schüttelte den Kopf über den begriffsstutzigen, jüngsten Bruder.

»Was hab ich denn nun schon wieder falsch gesagt?« Lefty schaute Sadie mit hochgezogenen Brauen und runden, großen Augen an.

»Wir brauchen Potter. Irgendwo müssen wir hin und wieder ein Nugget zu Geld machen, wenn wir schon keine Felle haben.«

»Na und?«

»Der frisst es nie.« Andrew winkte ab und verließ die Hütte. »Ich reite in zwei Stunden.«

Sadie wollte folgen, aber Lefty hielt ihn zurück. »Also gut, wir brauchen die Krämerseele in der Handelsstation. Aber wieso müssen wir uns deswegen von ihm über den Tisch ziehen lassen?«

»Er muss ’nen ordentlichen Reibach machen, damit er dichthält. Wir sind nur so lange ungestört, hier oben, wie niemand was von dem Gold erfährt.«

»Und Potter genug abkassiert?«

»Genau, Lefty.« Sadie schlug dem Bruder auf die Schulter. »Und wie er glaubt, dass wir’s von Rothäuten haben. Das spielt auch ’ne Rolle.«

»Lefty, du kümmerst dich um die Fallen!«, rief Andrew von draußen.

»Was ist jetzt kaputt?« Lefty verließ die Hütte.

Andrew saß mit ausgestreckten Beinen auf der wurmstichigen Bank an der Wand unter dem Fenster.

»Der Drei-Kühe-Rancher hatte völlig recht. Es ist im höchsten Maß verdächtig, wenn sich Jäger nicht um ihre Fallen kümmern. Wir werden das künftig also tun.«

»Das haben wir aber doch gar nicht nötig!«, protestierte Lefty.

»Wir machen’s trotzdem. In drei, vier Wochen haben wir genug beisammen und verschwinden. Bis dahin darf nichts schieflaufen. – Also du reitest am besten gleich los und kontrollierst sie alle. – Alle, verstanden! Am Abend kannst du zurück sein.«

»Und wer geht zur Höhle?«

»Heute mal niemand. Sadie bleibt hier.«

»Ich kann ja auch mit zu Potter kommen«, schlug Sadie vor.

»Wegen dem Mädchen, was?« Lefty kicherte. »Die soll übrigens mit dem Smallrancher ein Verhältnis haben.«

»Lass das Gelaber.« Andrew stand auf. »Sattle deinen Gaul und reite. Du brauchst den ganzen Tag.«

»Sollten wir nicht noch mal nach dem Rinderhirten sehen?«, fragte Lefty. »Ist schon zwei Tage her, dass er durch die Mangel gedreht wurde.«

»Der hat die Nase voll«, behauptete Andrew überzeugt.

»Bevor dir noch mehr Ablenkungsmanöver einfallen, werd’ ich dir helfen, Bruderherz.«

Sadie ging zum Anbau und kehrte alsbald mit Leftys gesatteltem Pferd zurück. Er besorgte auch Proviant, eine Flasche kalten Tee, der mit Whisky vermischt war und hängte beides ans Sattelhorn.

»Fehlt noch was?«

Lefty stieg auf, weil Andrews Augen schon zu funkeln begannen. Reizte er ihn gar zu sehr, kam’s zu einer Prügelei, bei der er nach aller Erfahrung den Kürzeren ziehen würde.

Sadie schlug dem Pferd auf die Hinterhand. Es schnaubte und trabte mit Lefty am Bach entlang dem dichten Wald am Hang entgegen.

Verdrossen fluchte der Jüngste der Zattig-Brüder vor sich hin. Seine Lustlosigkeit steigerte sich beträchtlich, als er etwas später die erste Falle leer fand. Bei der nächsten erwartete ihn der gleiche Anblick, obwohl sie auf einem Wildwechsel aufgebaut war.

Lefty saß ab und richtete die Schlinge.

Unterholz brach. Zattig fuhr herum, als der Mann aus dem Dickicht trat.

»Fletscher?«

»Ich sah dich über den Kamm reiten und dachte, du würdest vielleicht Wert drauf legen, dass ich mich bedanke.« Ryan durchbrach das Dickicht und blieb ein paar Yards entfernt stehen. »Das kann doch kein Irrtum sein, oder?«

»Bedanken?« Lefty war perplex. Und obendrein schien es, als hätte sein Gegenüber die Sonderbehandlung weggesteckt, als wäre gar nichts gewesen.

»Für vorgestern. Keine Sorge, ich vergesse die anderen schon nicht.«

Ryan kam näher.

Lefty wollte zurückweichen, aber das Pferd stand im Wege.

»Du wirst doch nicht plötzlich Angst haben, nur weil wir allein sind?«, höhnte Ryan.

Leftys Hand fuhr am Gürtel entlang, erwischte das Messer. Seine Faust schwang damit hoch. Ein Sonnenstrahl brach sich auf der Klinge. Das verschaffte dem schon eingeschüchterten Burschen neuen Mut. Er lachte scharf.

»Das wird ein klarer Fall von Notwehr, Fletscher.«

Der Angriff wurde ungestüm vorgetragen.

Ryan wich zur Seite aus.

Lefty schaffte es nicht einmal bis zu ihm. Seine rechte Stiefelspitze hob den vorderen Teil der Schlinge an. Der Fuß rutschte darunter, zog die Schlinge zu und spannte den Draht.

Zattig wurde umgerissen. Sein Kampfmesser bohrte sich in den Waldboden.

Blind vor Wut vergaß er die hinderliche Schlinge, wollte aufspringen und landete abermals auf dem Bauch.

Ryan half dem Keuchenden auf die Füße und verpasste ihm, was er seiner Meinung nach eigentlich doppelt und dreifach verdiente. Dann kehrte er zu seinem versteckten Braunen zurück und ritt den Hang hinunter.

Lefty schaffte es zur Hütte in der Bergfalte, als die Sonne ziemlich genau über den Black Hills stand. Er lag auf dem Pferdehals und durfte froh sein, dass das Tier den Weg allein fand.

Sadie blieb der Mund offen, als er das verschwollene Gesicht des Bruders bemerkte. »Was ist, bist du in eine Schlucht gestürzt?«

»Der Hundesohn hat mir aufgelauert.« Lefty rutschte aus dem Sattel, sank aber zu Boden, bevor Sadie ihn stützen konnte.

»Fletscher?«

»Wer sonst.« Lefty kroch auf den Knien zum Bach, schöpfte Wasser und schlürfte es durstig.

Sadie ging neben ihm in die Hocke.

»Er will sich auch bei dir noch bedanken. Und bei Andrew. Wir hätten den Hundesohn umlegen sollen.«

»Das ruft den Marshal auf den Plan, und den können wir zuletzt gebrauchen.«

»Ich verpass dem Sattelquetscher ’ne Unze Blei!« Lefty kämpfte sich auf die Beine und taumelte zur Hütte. Erschöpft fiel er auf die Bank, lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. »Nur ein bisschen erholen muss ich mich.«

 

 

6. Kapitel

 

Ryan bemerkte den Reiter, als er den Rancho erreichte. Die Luft war an diesem Nachmittag ungewöhnlich klar, sodass er trotz der erheblichen Entfernung erkannte, dass es Andrew war. An der Richtung, die er nahm, ließ sich abschätzen, dass er vermutlich zu Potters Handelsstation wollte, bestimmt aber nach Rapid City.

»Das trifft sich gut«, murmelte er. »Der Schlachter wollte das Rind irgendwann in dieser Woche geliefert haben.«

Er öffnete das Tor des Korrals, was die Rinder zur Flucht zur anderen Seite des Tümpels veranlasste. Ryan nahm das Lasso vom Pfahl und folgte den Tieren. Sie schienen zu spüren, was er beabsichtigte und hetzten am Zaun entlang.

Ryan warf das Lasso. Die Schlinge kreiste vor dem letzten Tier, das voll hineinlief.

Ryan stemmte sich ein, als sich das Lasso spannte, doch das Hereford war stärker und riss ihn um. Er wurde ein Stück über den Boden gezerrt, dann gab das Rind auf.

Zwanzig Minuten später ritt Ryan nach Osten. Den Reiter konnte er nicht mehr sehen. Und mit dem Rind kam er nur langsam voran. Aber das störte ihn nicht, weil er der Fährte von Andrews Pferd folgte.

Die Zattigs nahmen zur Handelsstation oder zur Stadt stets den gleichen Weg, weil er der kürzeste war.

 

 

7. Kapitel

 

»Es ist Andrew Zattig.« Jed Potter kam um den Tresen im halbdunklen Stationsraum herum. Er war etwa fünfzig, gedrungen und breit wie ein Kleiderschrank. Bartstoppeln bedeckten ein fleischiges Gesicht mit reichlich Falten, die den Mann älter aussehen ließen.

Rose Nielsen, die das Wasser mit einem Lappen vom frischgescheuerten Boden aufnahm, richtete sich auf und schaute hinaus.

Der Reiter kam an Korral und Schuppen vorbei.

»Von mir aus.« Sie kniete nieder und wrang den Lappen über dem Zinkeimer aus. Das Mädchen war mittelgroß, zierlich, hatte braune Locken und große Augen wie ein Reh. Sie trug eine geschossene Flanellbluse und einen derben Rock aus Kattun.

Potter walzte durch den großen Raum, in dem mehrere Tische mit Stühlen standen, und trat ins Freie.

»Hallo, Mister Zattig, schön, Sie mal wieder zu sehen. – Wie geht’s denn in den Bergen? Was macht das Wild?«

»Schwätzer«, murmelte Rose, die den Gast zu ignorieren gedachte.

»Es geht«, blieb Andrew wortkarg, als er Potter ins Haus folgte, stehenblieb und auf Rose schaute, die ihn geflissentlich übersah.

Potter erreichte den Tresen.

»Einen Whiskysoda?«

»Könnt ich vertragen.« Zattig kam auf Rose zu.

»Hallo!« Er fasste sie um die Hüften und zog sie hoch.

Rose fuhr herum und schlug Andrew den nassen Scheuerlappen ins Gesicht.

Andrew prallte erschrocken zurück.

»Pfoten weg, Mister!«

Potter grinste.

Andrew stieg Röte ins Gesicht. Das lag an der schieren Hilflosigkeit, die daraus resultierte, dass er nicht wusste, wie er reagieren sollte.

Potter schenkte Whisky ein und füllte das Glas mit Wasser auf. »Bitte, Mister Zattig, Ihr Whisky!«

Zattig ging zum Tresen.

Rose schleppte den Eimer hinaus.

»Können Sie der dämlichen Gans nicht mal Manieren beibringen, Potter?«

»Sie ist nicht zum Animieren der Gäste hier, Mister Zattig, tut mir leid. Sie hilft nur, das Haus in Ordnung zu halten. Nachdem meine Frau tot ist, kann ich von Glück sagen, sie gefunden zu haben. In der ersten Zeit …«

»Jaja«, unterbrach Zattig den Redefluss.

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht langweilen.«

Zattig warf dem Stationer einen vernichtenden Blick zu.

»Hat die wirklich was mit dem Strohkopf?«

»Meinen Sie Fletscher?«

»Wen sonst?«

»Es ist kein Geheimnis, dass sie ihn auf der Stelle heiraten würde, wenn er sich nur entschließen könnte, den Rancho als Lebenswerk zu betrachten.«

Zattig griff nach dem Glas und trank einen Schluck.

Rose hantierte in der Küche.

»Er ist ein Abenteurer. Als er den Rancho erbte, wusste er nicht, ob er sich darüber freuen sollte. Er hätte damals sofort verkauft, wäre das möglich gewesen. Doch außer den Rindern ließ sich nichts zu Geld machen.«

»Und jetzt?«

»Offenbar hat sich daran nichts geändert.«

Zattig trank noch einen Schluck.

»Ich würde was essen, wie steht’s denn damit?«

»Sie wird Ihnen etwas zubereiten, Mister Zattig.«

Andrew lief durch den Stationsraum und kehrte an den Tresen zurück, als Potter aus der Küche kam.

»Es dauert ’ne Weile. Sie sagt, sie könnte nicht gleichzeitig putzen und braten.«

Zattig trank wieder. Prüfend blickte er den Stationer an.

»Die Rothäute waren wieder mal bei uns. Die sind verrückt auf Whisky.«'

»Sie haben Blut geleckt.« Potter nickte verstehend.

»Zum Glück hatten wir noch ’ne Flasche. – Ich würd wieder ein paar mitnehmen. Es ist nur, nur …« Zattig brach ab.

»Ja?«

»Es muss unter uns bleiben. Sie wissen, was geschieht, wenn’s die Stadtfräcke erfahren.«

Potter grinste von einem Ohr zum anderen.

»Die erzählen es brühwarm der nächsten Kavallerieeskadron, die sich in das Nest verirrt. Und dann kriegt ihr Ärger, weil den Blauröcken das nicht gefällt.«

»Aber es ist kein schlechtes Geschäft. Auch für Sie nicht. Ich zahl den doppelten Preis!«

»Und ich halte dicht, Mister Zattig«, versprach der Stationer.

Zattig schaute auf die Küchentür. »Auch zu Rose kein Wort!«

»Selbstverständlich nicht, Mister Zattig. Ein guter Geschäftsmann ist verschwiegener als ein Grab.«

»Und verkauft, wenn es sein muss, die eigene Großmutter!«

»Geschäft ist Geschäft, Mister Zattig.«

Die beiden grinsten verständnisinnig. Zattig beugte sich dabei über den Tresen, schob die geschlossene Hand vor und öffnete sie unter den Augen Potters.

Rötlich schimmerte das Rohgold im Halbdunkel.

Potter leckte die Lippen.

»Die Bezahlung der Rothäute«, sagte Zattig leise. »Dollars haben die nicht.«

»Gutes Gold.«

»Das will ich meinen. Achtzig bis hundert …«

»Ich kann’s auswiegen, wenn Sie wollen und den Wert dann recht exakt schätzen, Mister Zattig.«

Andrew schloss die Hand.

»Wir wollen das nicht komplizieren. Und ich hab nicht vor, Sie zu übervorteilen. Es ist für uns beide genug. – Was bieten Sie?«

Potter ließ sich das Nugget geben.

»Auf bloßes Ansehen zwanzig.«

Zattig nahm es zurück.

»Sie haben ja ’nen Knall, Mann!«

Potter stieß ein warnendes Zischen aus.

»Gut, vierzig. Ich will Sie nicht über den Tisch ziehen.«

»Einverstanden.«

»Aber der Whisky extra!«

»Sie geben dreißig, dazu drei Flaschen, und die Zeche ist auch drin. – Gemacht?« Zattig hielt dem Stationer die Hand hin.

Potter schlug ein.

»Dann her mit dem Whisky, ich steck ihn gleich in die Satteltasche.«

Potter stellte die Flaschen auf den Tresen, und Zattig brachte sie hinaus.

Potter schenkte sich einen Whisky ein. Zattig kehrte zurück.

»Hoffentlich lassen sich die Rothäute auch wieder blicken. Um ihn selbst zu saufen, ist der Whisky zu teuer.«

»Das Wild geht immer zur gleichen Tränke, Mister Zattig.«

In der Küche polterte es.

»Rose ist ziemlich in Fahrt, Mister Zattig. Das sollten Sie besser nie wieder tun.«

»Ist bei der gar nichts zu machen?«

Andrew rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander.

Potters Mundwinkel bogen sich nach unten.

»Aussichtslos. Die ist in Fletscher vernarrt und im Übrigen kein Flittchen.«

Die Küchentür wurde geöffnet.

»Was will der Bursche denn?«, fragte Rose abfällig.

Potter hob die Hand. »Ein Steak für Mister Zattig.«

Die Tür knallte zu.

»Mir geht sie in letzter Zeit auch auf den Geist«, brummte der Stationer. »So sehr ich sie brauchen kann, sie nervt mich.«

»Und wundern wird sie sich auch, wenn sie den Smallrancher wieder sieht. Der schleicht vielleicht noch auf dem Zahnfleisch rum. Hat sich neulich auf unserem Gebiet rumgetrieben und bekam den Marsch geblasen.«

In der Küche klapperte Geschirr. Aber Zattigs Geduld wurde auf eine längere Probe gestellt.

Er hatte gerade gegessen und trank am Tresen einen weiteren Whisky, als der Reiter mit dem Rind an der Longe um das Buschwerk bog.

Andrew zog den Kopf ein.

»Der sitzt ja schon wieder im Sattel.«

»Ein harter Brocken«, murmelte Potter, der sich weiter hinter den Tresen zurückzog.

Ryan Fletscher stieg am Korral ab und band das Rind dort an.

»Ryan!«, rief Rose erfreut, lief hinten aus der Station und eilte dem Mann entgegen.

Ryan fing sie auf und wirbelte sie im Kreis herum.

»Nicht zu fassen«, sagte Andrew ungläubig. »Der hat die Prügel offenbar glatt verdaut.«

»Solche Leute soll’s geben«, erwiderte Potter. »Und es ist gefährlich, sich mit ihnen anzulegen.«

Zattig blickte ihn an.

»Wenn man mit solchen Burschen Ärger hat, muss man richtig hinlangen. Wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Ich dachte, er steht ’ne Woche lang nicht auf und vergisst die Lektion in seinem ganzen Leben nicht mehr.« Zattig blickte wieder durch das Fenster.

Rose lief zur Hintertür.

Ryan kam vorn herein. Die Flügel der Schwingtür knarrten.

Potter zog sich weiter zurück.

Zattig hatte noch keinen Plan.

»Das trifft sich gut«, begann Ryan kühl. »Da bleibt nur Sadie übrig. Aber ich werde mich bei ihm bestimmt auch noch für unsere letzte Begegnung bedanken. Bestell’s ihm, Andrew.«

Zattig begriff den Sinn der Worte sofort.

»Du hast Lefty …«

»Er lebt. Ich bleibe nur ungern etwas schuldig.« Ryan kam näher. »Und ich hasse Leute, die zu dritt auf einen losgehen. Nur Stinktiere tun so was.«

Die Herausforderung war unüberhörbar.

»Oder siehst du das anders, Potter?«

»Ich halt mich da raus!«, rief der Stationer empört.

»Natürlich, du bist ja Geschäftsmann. Und da hast du natürlich keine Meinung.«

»Alles hat seinen Preis«, räumte Potter mit verblüffender Offenheit ein.

Rose kam aus der Küche und trat furchtlos hinter den Tresen.

»Wie ein Rudel Wölfe sind sie über ihn hergefallen. Und das finden diese Halunken offenbar auch noch in Ordnung.«

»Halt den Schnabel, uns geht das nichts an!«, bellte der Stationer. »Wir halten uns aus den Händeln anderer heraus. Das war immer so und wird auch so bleiben.«

»Amen«, sagte Rose respektlos.

Potter fluchte wie ein Frachtfahrer.

Andrew Zattig, der seinen Gegner nicht aus den Augen ließ, tastete nach der Whiskyflasche, aber Rose, die es sah und sich denken konnte, dass er sie als Waffe benutzen wollte, weil sein Glas ja noch zur Hälfte gefüllt war, zog sie ihm unter den Fingern weg.

»Jetzt reicht’s aber!«, schnaubte der Stationer, packte das Mädchen am Arm, schleifte es in den Nebenraum und schmetterte die Tür zu.

Ryan erreichte die Kante des Tresens. Nur noch zwei Schritte trennten ihn von Andrew, der nun sein Glas ergriff und Fletscher den Inhalt ins Gesicht zu gießen gedachte.

Ryan hob den linken Arm und schützte das Gesicht. Zugleich griff er an.

Andrew wollte ihm das Glas auf den Kopf knallen, aber er schlug den Arm zur Seite. Das Glas zerschellte auf dem Schanktisch.

Und dann besorgte Ryan es dem Mann.

Die Faust des Smallranchers kam wie ein Hammer.

Zattig brach unter den Hieben bewusstlos in die Knie.

Ryan schleifte den Mann ins Freie, nahm einen Eimer, holte Wasser von der Pumpe vor dem Korral und leerte es über Zattig aus. Das brachte den Mann in die Wirklichkeit zurück.

»Damit sind wir quitt«, erklärte Ryan beiläufig. »Sag deinem Bruder Sadie, dass keiner vergessen wird. Er kriegt die Abreibung so schnell wie möglich nachgeliefert.«

Andrew rappelte sich auf. Er stand breitbeinig und unsicher da.

Wasser lief ihm über das Gesicht, das schmutzstarrende, ehemals weiße Hemd und die Jacke.

Rose erschien am Fenster.

Einen Moment sah es aus, als wollte Zattig den Colt ziehen. Dann jedoch wandte er sich ab und torkelte wie ein Betrunkener zu seinem Pferd.

Ryan kehrte in die Station zurück und warf fünf Dollar auf den Tresen.

»Ich denke, damit ist der Flurschaden beglichen, was?«

Potter schien mit seinen Gedanken weit weg. Dann riss er sich zusammen.

»Ihr seid doch immer miteinander ausgekommen.« Der Stationer schüttelte den Kopf. »Nun, auf einmal, klappt’s nicht mehr?«

»Die Zattigs sind offenbar zu faul geworden, sich um ihre Fallen zu kümmern. Ich fand ’nen Wolf, der glatt ’ne Woche, mindestens aber fünf Tage in einer Schlinge zappelte. Doch dass sie deswegen über mich herfallen würden, hatte ich selbst nicht erwartet.«

»Eine Woche in der Falle«, murmelte Potter, der dem zusammengekrümmten Reiter nachschaute. »Du meinst, sie sind zu faul?«

»Irgendeinen Grund muss es doch haben, oder?«

Rose goss Whisky und Sodawasser in ein Glas und schob es Ryan zu.

»Vor dem musst du weiter auf der Hut sein. Der hasst dich jetzt.«

Ryan trank das Glas auf einen Zug leer und warf es ins Spülwasser.

»Keine Angst, ich pass schon auf.

Well, ich muss weiter. Hab das Rind zum Schlachter zu bringen. Bis bald.«

»Sei vorsichtig, Ryan!«

Er lächelte Rose zu und ging hinaus. Sie folgte ihm.

Potter blieb hinter dem Tresen.

Auch Ryan ritt mit dem Rind an der Longe davon. Rose winkte ihm nach. Fletscher nahm den gleichen Weg wie Zattig, blieb jedoch immer weiter zurück. Das Gelände war zudem offen, für einen Hinterhalt völlig ungeeignet. Wenn Zattig in der Stadt etwas kaufen wollte, konnte er das erledigt haben, bevor Ryan dort ankam.

Und so geschah es dann auch. Als Ryan die Ansammlung Holzhütten in der Mulde zwischen den flachen Hügeln sehen konnte, verließ Zattig das Nest schon wieder nach Süden.

Ein bisschen verwunderlich war das schon, sah es doch aus, als hätte Andrew tatsächlich die Nase voll.

Hufschlag ließ Ryan über die Schulter blicken.

Rose kam ihm auf einem Pferd nach, das sicher dem Stationer gehörte. Eine schwarze Reisetasche hing am Sattel.

Ryan wartete mit gemischten Gefühlen und gefurchter Stirn.

Rose zügelte das Pferd. Staubschwaden trieben über dem Boden.

»Potter hat mich rausgeworfen.«

»Was hat er?«

»Ja, du hast schon richtig verstanden. Fing auf einmal an rumzutoben wie ein wildgewordener Affe. Krebsrot wurde er, als würde er gleich einen Herzanfall kriegen. Ich sollte meinen Kram packen und verschwinden, er könnte mich nicht mehr sehen und mein loses Mundwerk nicht mehr hören.«

Ryan dachte darüber nach, was er nun mit dem Mädchen anfangen sollte.

»Ich werd mir in der Stadt ’nen Job suchen.« Sie schien Gedanken lesen zu können.

»Stell dir das in dem Nest nicht zu einfach vor.« Er zog mehrmals an der Longe, um das Rind in Bewegung zu bringen, schnalzte mit der Zunge und ritt auf die kleine Stadt zu.

Sie blieb an seiner Seite.

»Bis heute glaubte ich, dass er froh ist, mich zu haben.«

»So kann man sich irren.« Ryan lächelte. Er stand vor einer Entscheidung, weil er annahm, dass Rose in Rapid City keine Arbeit finden würde, die ihrer Vorstellung auch nur annähernd entsprach. Also würde er sie mit auf den Rancho nehmen. Und das würde zwangsläufig bedeuten, dass er nicht mehr versuchte, einen Käufer für das Anwesen zu finden.

Advokat McIven stand vor seinem Haus am Stadtrand, damit beschäftigt, die Brille zu putzen. Er war ein mittelgroßer, unsympathischer Mann von fünfundfünfzig, dem der Kopf scheinbar ohne Hals zwischen den Schultern saß, und den Fletscher nur in ausgebeulten Röhrenhosen und im Prince-Albert-Rock kannte, nie +ohne die Melone bis in die Stirn gedrückt.

»Hallo. – Ich hab’s noch mal versucht, aber niemanden gefunden, der sich für den Rancho interessiert, Mister Fletscher. Sie schulden mir zehn Dollar für die Mühe.«

Ryan hielt an, stieg ab, gab Rose die Longe und zählte McIven das geforderte Geld ab. Dann führte er Pferd und Rind zum Haus des Schlachters. Niemand nahm von ihm und dem Mädchen Notiz, noch nicht einmal Marshal Gordon Webb, der vor dem Office an einem Pfosten lehnte.

»Also dann.« Rose wollte weiter, aber er griff nach dem Kopfgeschirr des Pferdes.

»Ich würde dich auch mit zum Rancho nehmen. Aber ich weiß nicht, ob die Geschichte mit den Zattigs schon ausgestanden ist. Also wenn du keine Angst vor mir hast …«

Rose strahlte.

»Ist das ein Heiratsantrag?«

»So ungefähr. Aber mit der Trauung musst du warten, bis sich hier mal ein Prediger sehen lässt.«

Rose sprang ab, umarmte Ryan und küsste ihn.

Der Frau des Schlachters hinter dem Fenster klappte der Mund auf.

»Die jungen Dinger haben überhaupt keine Manieren mehr, Saul. Sieh dir das an.«

»Du bist also einverstanden?« Ryan schob Rose zurück.

»Ich liebe dich, Ryan, und denke nicht im Traum daran, mich lange zu zieren. Bis nachher. Ich muss im Store ein paar Dinge kaufen.« Rose führte das Pferd die Straße hinauf.

Ryan brachte das Rind auf den Hof.

Noch keine halbe Stunde waren sie in der Dunkelheit unterwegs zum Rancho.

»Zattig hat für dreißig Dollar im Store eingekauft«, sagte Rose unvermittelt.

»Na und?« Er blickte sie überrascht an.

»Er kam auf dem Weg zur Stadt stets bei Potter vorbei. Und bis vor ungefähr sechs oder acht Wochen, hatte er regelmäßig ein Bündel Felle dabei, das er in Rapid City verkaufte. Danach nicht mehr. Trotzdem hat er Geld.«

»In der Wildnis darf man vor allem eins nicht, Rose; sich um die Angelegenheiten anderer kümmern.«

»Das ist einer der Sprüche, die Potter auch bei jeder passenden Gelegenheit losließ.«

 

 

8. Kapitel

 

Es war noch dunkel. Das Bett knarrte, als Rose sich umdrehte, den Arm um Ryan schlang und den Kopf auf seine Brust legte.

Er war munter, strich ihr über die braunen Locken.

Plötzlich fiel der Schuss.

Die Rinder im Korral brüllten und preschten durch den Korral. Im Anbau wieherten die beiden Pferde. Rose fuhr mit einem Schrei aus dem Bett.

Ryan sprang auf, fuhr in die Hose, hastete aus der Kammer, nahm das Gewehr vom Tisch und riss die Tür auf.

Ein Reiter sprengte am Waldsaum nach Norden, wie es klang. Zu sehen war in der Schwärze nichts.

Ryan jagte ihm eine Kugel hinterher, dann ließ er die Winchester sinken.

Rose kam mit Ryans Colt in der Hand, aber noch nackt aus der Hütte. Sie schaute Ryan nach, der zum Korral lief und hörte ihn sagen: »Ein Rind wurde erschossen.«

»Eine Herausforderung, was?«

»Vielleicht.« Er kehrte in die Hütte zurück und zog sich hastig an.

»Was hast du vor?«

»Ich werde dem Kerl folgen. Vielleicht finde ich Spuren, wenn’s hell wird. Das kann nicht mehr lange dauern.«

»Vielleicht will er dich nur weglocken.«

»Ja, vielleicht.« Er zog die Texasstiefel an, schnallte den Patronengurt um, ging zur Tür und nahm Rose den Colt ab, den er ins Holster schob. »Unter dem Bett liegt noch ein Gewehr.«

Sie wollte ihn aufhalten, ließ die schon halberhobene Hand jedoch wieder sinken. Er hatte sie ja gewarnt, dass es gefährlich war, hier mit ihm zu leben.

Ryan sattelte im Anbau sein Pferd und ritt ohne weitere Erklärung nach Norden.

Sie verriegelte die Tür und holte das Gewehr.

Ryan zügelte den Braunen bald und lauschte. Der Hufschlag des eigenen Pferdes hallte noch aus dem Wald, dessen Saum er bislang gefolgt war. Andere Geräusche vernahm er nicht.

Entweder lauerte der Schießer irgendwo, oder er war schon früher in den Bergwald eingedrungen.

»Zattig?«

Ryan stand in den Steigbügeln und hielt das Gewehr im Hüftanschlag.

Fratzen schienen in der Schwärze zu grinsen. Er überlegte, ob er direkt oder auf einem Umweg zur Hütte der Zattigs reiten und Vergeltung üben sollte, aber er verwarf den Gedanken wieder. Er brauchte Beweise, dass sein Verdacht wirklich mit den Tatsachen übereinstimmte.

Er ritt weiter, bis der Tag graute. Dann stellte er fest, dass er keiner Spur mehr folgte. Er kehrte um, hielt sorgsam Ausschau und fand die frische Fährte eines Pferdes nicht weit vom Rancho entfernt, als die Sonne gerade aufging. Sie führte in den Wald und beschrieb auf dem Hang einen Bogen nach Süden zum Creek.

Danach suchte Fletscher verbissen, aber vergebens noch über eine Stunde die Ufer ab. Dann kehrte er um.

Rose trat mit dem Gewehr aus der Hütte. Sie sah ihm die Enttäuschung an.

»Sei froh, dass es nicht doch ein Hinterhalt war.«

»Auf jeden Fall kennt sich der Schurke hervorragend hier aus.«

»Einer der Zattigs, ist doch klar. Ich habe Kaffee gekocht.«

Ryan blickte zu dem toten Rind hinüber. Er hätte es ausbluten lassen müssen, bevor er weg ritt, um das Fleisch zu retten. Nun musste er es verscharren.

»Komm.« Sie zog ihn in die Hütte und nötigte ihn, sich an den Tisch zu setzen.

Er blieb wortkarg, trank ein paar Schluck Kaffee und verließ die Hütte wieder, ohne etwas gegessen zu haben.

Das tote Rind aus dem Korral zu schleifen, bedurfte des Einsatzes beider Pferde, was Ryan daran erinnerte, dass er Potter das geliehene Tier zurückbringen musste.

Rose half ihm, eine Grube hinter dem Korral auszuheben und schaufelte sie auch mit zu, als der Kadaver darin lag.

Ryan brachte die Werkzeuge in den Schuppen, schob das Tor zu und wollte gerade zur Blockhütte zurück, als im Canyon über dem Rancho erneut geschossen wurde. Die Kugel scharrte über das Schuppendach.

Rose befand sich noch beim Korral und warf sich neben den Zaun.

Die nächste Kugel bohrte sich in die Blockhauswand.

Ryan erreichte die Ecke. Schwarzpulverschwaden stiegen aus der Schlucht. Der heimtückische Schütze wurde vom Buschwerk und verkrüppelten Nadelbäumen so gut gedeckt, dass Ryan ihn nicht sah.

Ryan feuerte die Trommel des Colts leer. Treffen konnte er schon wegen der zu großen Entfernung nicht.

Hufeisen klirrten auf Gestein.

Rose kniete.

Ryan lief zum Creek. Den Reiter sah er nicht, da der die Krümmung des Canyons bereits hinter sich hatte. Er lief zurück, riss den Zügel vom Zaun und schwang sich in den Sattel.

»Bleib in der Hütte!«

Rose nickte, stand auf und kam an die Korralecke.

Ryan ritt zum Creek, zog das Gewehr aus dem Scabbard und galoppierte die Schlucht hinauf. Als er um die Krümmung sprengte, fiel der dritte Schuss. Das Projektil streifte den Braunen.

Das Tier brach aus.

Ryan rutschte im Sattel. Er verlor die Winchester, griff noch nach dem Sattelhorn, konnte sich jedoch nicht mehr halten.

Während er in den Creek stürzte, warf sich das Pferd auf der Hinterhand herum und stob den Canyon wieder hinunter.

Ryan raffte sich auf, fand das Gewehr, repetierte und beschoss die Baumgrenze. Von dort wurde das Feuer erwidert. Ein Querschläger heulte durch die Schlucht.

Fletscher ging in Deckung. Aber das war gar nicht mehr nötig, denn wie er zu hören vermochte, floh der Schütze nun.

Er kehrte um, pfiff dem Braunen, saß auf und galoppierte erneut die Schlucht aufwärts. So wollte er nicht mit sich spielen lassen.

Von dem Reiter hörte er nichts mehr. Aber er fand frische Hufspuren.

Ryan ließ sich Zeit.

Er rechnete mit einem neuen Hinterhalt. Vielleicht war einer der Zattigs nur als Lockvogel bis an den Rand der Berge geritten, die beiden anderen aber lauerten in sicherer Deckung und hofften, Ryan würde seinen Rücken als Zielscheibe anbieten.

 

 

9. Kapitel

 

Sadie Zattig befand sich allein in der Hütte. Er hatte die Tür und beide Fenster geschlossen, ging mit schussbereitem Colt ruhelos auf und ab.

Er spähte immer wieder durch ein Astloch, bei der Tür manchmal sogar durchs Schlüsselloch, um möglichst die Umgebung der Hütte im Auge zu behalten.

Je höher die Sonne stieg, umso mehr nahm die drückende Hitze in der Behausung zu.

Sadie schwitzte so sehr, dass er sich schließlich entschloss, wenigstens ein Fenster zu öffnen.

Er hatte Durst. Der Wassereimer stand allerdings leer neben der Tür. Er musste zum Bach, wenn er Wasser wollte. Dahin war es von der Waldgrenze aus allerdings auch nicht weiter als von der Hütte aus. Und wenn Fletscher dort lauerte, womit er rechnete, würde der ihn schnappen.

Sadie blickte auf den schweren Revolver in seiner Faust.

Andrew hatte ihm eingeschärft, in der Hütte zu bleiben und nicht zu schießen, wenn Fletscher kam.

Nur wenn’s keinen Toten gab, konnten sie sicher sein, dass der Marshal nicht aufkreuzte.

Das war Sadies Dilemma. Allein fühlte er sich Fletscher nicht gewachsen. Aber vielleicht genügte es schon, ihn zu bedrohen.

Er schluckte schwer. Draußen plätscherte das Wasser munter über die Steine im Bachbett.

Er spannte den Hammer der Waffe, schob den Riegel zurück, hob den Eimer auf und gab der Tür einen Tritt. Mit kreischenden Angeln schwang sie auf. Sonnenlicht traf den ängstlichen Burschen, dem die Knie immer weicher wurden.

»Ich jag dir ’ne Kugel in den Schädel, wenn du angreifst!«, brüllte Zattig. »Hast du verstanden, Fletscher?«

Sadie trat über die Schwelle. Schweißperlen rannen von seiner Stirn und brannten in den Augen. Er drehte sich dreimal mit angeschlagenem Colt um die eigene Achse, bevor er den Bach erreichte. Dabei schnürte ihm die Angst die Kehle zu.

Schließlich stand er am Wasser, beugte sich hinunter und hielt den Eimer in den Bach.

Ein Ast knackte.

Sadie verlor den Eimer und stand bolzengerade. Die Hand schmerzte, so fest umkrampfte er den Revolver.

»Ich knall dich ab, wenn du herkommst.«

Damit, dass Fletscher ihn selbst vielleicht erschießen wollte, rechnete Sadie nicht. Das war weder Lefty noch Andrew widerfahren, und dafür, so meinte er, konnte ihr Gegner auch keinen Grund haben.

Aber er sah ihn nicht, obwohl da jemand sein musste. Wilde Tiere wagten sich nicht bis an die Hütte, schon gar nicht mitten im Sommer.

Das Brennen in den Augen wurde stärker und beeinträchtigte das Sehvermögen. Vielleicht narrten ihn seine Sinne, das Geräusch war von einer anderen Seite gekommen. Er drehte sich steif wie eine Puppe.

Der Eimer ging unter.

Sadie schaute wieder auf den Saum, der der Hütte gegenüberlag. Ein Ast wackelte. Der Lauf eines Gewehres schob sich hervor. Die Waffe zielte auf ihn.

Er bemerkte auch eine Gestalt dahinter, die von Halbdunkel und Geäst allerdings verborgen wurde, sodass sie nicht auszumachen war.

Unfähig etwas zu tun, oder nur zu begreifen, verharrte Sadie.

Da stach eine Mündungsflamme aus dem Gewehr. Der Ast wurde gebeutelt. Der Abschlussknall wummerte durch den Wald.

Sadie spürte einen Schlag, der ihn taumeln und dann stürzen ließ.

 

 

10. Kapitel

 

Ryan kehrte erst zum Rancho zurück, als die Sonne den Zenit bereits überschritten hatte.

Rose trat mit dem zweiten Gewehr aus der Hütte, erleichtert darüber, dass er zwar missmutig wirkte, aber offensichtlich unverletzt war.

»Ich dachte schon, du kehrst überhaupt nicht mehr zurück.«

Ryan stieg ab.

»Ich hab seine Spur wieder verloren.«

»Kein Wunder, die Zattigs sind Jäger, denen man eine Menge vorwerfen kann, nur nicht, dass sie Stümper wären.« Sie lehnte das Gewehr an die Wand. »Du müsstest eigentlich Hunger wie ein Wolf haben.«

Er lächelte müde. »Hab ich auch.«

»Dann komm rein. – Willst du das Pferd heute noch zu Potter schaffen?«

»Natürlich. Der nimmt uns pro Tag mindestens einen Dollar ab, ob wir das Tier brauchen oder nicht.«

»Ich sollte es ihm vielleicht abkaufen. Ein Pferd braucht man hier draußen. Was meinst du?« Sie betrat die Hütte.

»Potter ist ein Halsabschneider, Rose. Das solltest du doch eigentlich am besten wissen.«

 

 

11. Kapitel

 

Durch den Gesteinsstaub schimmerte die Goldader.

Andrew Zattig hieb die Spitzhacke in die Spalte, um sie zu verbreitern. Funken sprühten.

Lefty räumte das Geröll mit dem Fuß zur Seite.

»So morsch der Granit aussieht, so hart ist er.«

Andrew wischte mit dem Unterarm über das schweißnasse Gesicht.

»Wir sollten die Spalte sprengen«, schlug Lefty vor. »Pulver haben wir genug.«

Andrew stellte die Spitzhacke ab. Ihm missfiel der Gedanke, weil er vier Tage unterwegs gewesen war, das Presspulver in einer Stadt im Süden zu besorgen. Soweit sie auch weg war, er fürchtete, es würde selbst dort noch auffallen, kam er noch einmal mit dem gleichen Anliegen. Wie leicht konnte jemand ihm folgen, der rauskriegen wollte, wozu das Pulver benutzt wurde.

»Wir schinden uns ab und kommen praktisch keinen Schritt voran.«

»Hol es!«

Lefty grinste zufrieden. »Na also.«

»Aber beeil dich ein bisschen.«

Lefty ging zu den ganz vorn in der Höhle stehenden Pferden, führte sein Tier hinaus und saß auf.

Andrew sah ihn wegreiten, hob die Hacke an und ließ sie wieder in den Spalt sausen. Er war wie besessen von der Idee, innerhalb der folgenden zwei bis drei Wochen so viel Gold aus der Ader zu brechen, wie sie auf ihren drei Pferden nur abtransportieren konnten. Das sollte dann bis zum Ende ihrer Tage reichen, selbst wenn sie nichts weiter taten, als damit um sich zu werfen.

So lange durfte es keine Störung geben. Und deswegen war Andrew auch bereit, den Zwischenfall mit Fletscher in der Station zu vergessen. Vielleicht würde er sich später einmal auf irgendeine Art revanchieren. Als reicher Mann würde er damit kaum Probleme haben. Er grinste bei dem Gedanken, vielleicht einen Killer zu bemühen.

Indessen ritt Lefty eine Halde hinauf, überquerte im Galopp die Mesa, folgte einem Pfad durch den Wald und sah die wurmstichige Hütte bereits durch das Geäst. Sonnenschein lag über dem kleinen Tal zwischen Wald und Felsen, durch das der Creek plätscherte. Eine Idylle, die jäh gestört wurde, als das heisere Krächzen eines Geiers in das Gehölz schallte.

Das Pferd scheute.

Flügelschlag drang an Leftys Ohren.

»Was ist denn das?«, stieß er erschrocken hervor.

Der nackte rote Hals des Geiers leuchtete im Sonnenschein. Das Tier schwang sich beim Creek in die Höhe und stieg aus dem Blickfeld Leftys.

Er gab dem Pferd die Sporen.

Unterholz brach.

Das Pferd trug den jungen Zattig aus dem Halbdunkel ins grelle Sonnenlicht und konfrontierte ihn mit dem Anblick des toten Bruders, der am Wasser lag.

Der Geier zog laut krächzende Kreise über dem Tal. In seiner Gier legte er die Flügel an, um sich erneut auf die Beute zu stürzen. Doch die Nähe des Reiters ließ ihn das Manöver abbrechen. Die großen schwarzweißen Flügel peitschten die Luft, Und der mächtige Vogel stieg wieder auf.

Lefty rutschte aus dem Sattel. Es war niemand mehr in der Nähe.

Lefty watete durch den Creek und wälzte den toten Bruder auf den Rücken. Das Loch im schmutzstarrenden Hemd und das eingetrocknete Blut darum erklärten Zattig alles.

»Dieser Bastard«, murmelte er. »Hat Sadie abgeknallt wie ’nen tollwütigen Hund.«

Der Geier stürzte sich erneut tiefer zwischen Bäume und Felsen.

Lefty riss den Colt heraus und feuerte zwei Schüsse ab. Die Kugeln versetzten dem Vogel sichtbare Stöße. Federn flogen davon. Das Tier stürzte am Waldsaum ab.

Lefty blickte auf die rauchende Mündung der Waffe und überlegte, ob er direkt zum Rancho reiten, oder erst Andrew holen sollte. Letzteres war vielleicht klüger. Andrew würde ihm sonst später Vorhaltungen machen, weil er bestimmt wieder eine andere Vorstellung von der Art ihrer Rache hatte.

Er stand auf, hastete zurück, stieg auf und galoppierte in den Wald. Als er bei der Höhle ankam und mit sich überschlagenden Worten berichtete, schien Andrew ihm nicht glauben zu wollen.

»Das ist doch gar nicht möglich, Lefty.«

»Glaubst du, ich hab’ geträumt, oder was?«, fauchte Lefty.

Andrew führte sein Pferd hinaus.

»Sadie ist tot?« Er konnte es nicht fassen, schon gar nicht, dass Fletscher der Täter sein sollte.

Sie ritten gemeinsam und fanden den Toten noch so vor, wie Lefty ihn verließ.

Andrew kniete, hob den Colt auf, roch an der Mündung und nickte.

»Was meinst du?«

»Well, Sadie ließ ihn nicht an sich rankommen. Da hat er ihn abgeknallt.«

»Genau das machen wir mit ihm.«

Andrew gab keine Antwort. Er blickte starr zum Wald hinüber, während sich die Gedanken hinter seiner Stirn jagten.

»Was gibt's denn noch zu überlegen?«

»Das Gold. Ich hab’ dir doch gesagt, dass ich ihn mit der Biene aus Potters Station sah.«

»Na und?«

»Er hat sie mit auf den Rancho genommen. Wenn wir ihn erschießen, reitet sie nach Rapid City und meldet es dem Marshal. Der ist morgen mit einem Aufgebot hier.«

»Kann schon sein«, gab Lefty zu. »Aber der Hundesohn hat ja dann nur gekriegt, was er verdient.«

»Das wird der Marshal mit Sicherheit anders sehen. Du kannst im Kampf einen anderen erschießen, Lefty, ohne dass sie dir was am Zeug flicken. Doch wenn wir zu ihm reiten, ist das keine Notwehr mehr, was?«

»Und deswegen soll er ungeschoren bleiben?«

»Nein, das nicht. Aber wir sollten ihn vielleicht nach Rapid City schaffen. Und Sadie dazu, damit die Stadtfräcke sehen, was für ein Stinktier dieser Kuhfladentreter ist. Ich wette, die machen dann kurzen Prozess mit ihm.«

Lefty kratzte sich im Stoppelbart.

»Dann lass uns keine Zeit verlieren.«

 

 

12. Kapitel

 

Ryan näherte sich der Poststation am Spätnachmittag. Er führte das andere Pferd neben sich.

Potter trat aus dem geräumigen Schuppen. Der bullige Stationer bewegte sich geduckt, hielt das Gewehr in der Hand und blickte verkniffen auf den Reiter.

»Du siehst aus, als hätt ’s dir in die Suppe gehagelt«, knurrte Ryan. »Tut’s dir etwa schon leid?«

»Was soll mir leid tun?«, knurrte Potter finster.

»Dass du Rose weggeschickt hast.«

»Warum soll mir denn das wohl leidtun? – Verdammt, was willst du schon wieder, Fletscher? Heute ist keiner der Zattigs da, den du verprügeln kannst.«

»Jammerschade.« Ryan stieg ab und band die beiden Pferde an den Korral. »Oder spionierst du mir nach?«

Ryan wandte sich um.

»Hast du denn was zu verbergen?«

»Nein«, antwortete der Stationer sofort.

»Was soll denn die dämliche Frage? – Ich bring’ dir das Pferd zurück. Rose meinte, du hättest es ihr geliehen. Oder hast du’s ihr etwa geschenkt?«

»Du solltest beim Barbier in Rapid City mal deinen Geisteszustand untersuchen lassen«, knurrte Potter. »Ich hab’ schon aus Prinzip nichts zu verschenken.«

»Das dacht’ ich mir doch.«

Ryan lächelte freundlich und ging auf das Stationshaus zu.

»Also gut, den Gaul hast du abgeliefert. Was willst du noch?«

»Einen Whisky trinken. Ist verdammt heiß und staubig, und ich hab’ ’nen weiten Rückweg. Wenn dir das Geschäft freilich nicht einträglich genug ist und du keine Gäste mehr haben willst …«

Ryan brach ab und hob die Schultern.

»Ich hab’ Arbeit, verstehst du? Kann nicht stundenlang am Tresen rumstehen, während du für müde zwanzig Cent was trinkst.«

»Dann eben nicht.« Ryan kehrte an den Zaun zurück und löste den Zügel des Braunen.

»Ein anderes Mal, wenn ich nicht so im Druck bin.« Das sollte versöhnlich klingen. »Ist schrecklich, was es auf so einer Station alles zu tun gibt, das kannst du mir glauben.«

»Warum hast du sie fortgejagt, wenn dir die Arbeit zu viel ist?«

Ryan zog den Sattelgurt nach und stieg auf.

»Sie ging mir auf den Wecker mit der ewigen Nörgelei über meine Geschäftsmethoden.«

»Geschäftsmethoden?«, spottete Ryan. »Was für ’ne prächtige Umschreibung für deine Beutelschneiderei, Potter!«

Das Gewehr in den Händen des Stationers zuckte höher.

»Ich jag’ dir gleich ’ne Kugel in den Schädel, verdammt!«

»Wirst du künftig' nur noch Zeit haben, wenn es um größere Geschäfte geht?«, fragte Ryan unbeeindruckt.

Potter ließ das Gewehr sinken.

»Hölle und Schwefel, wenn’s sein muss, dann komm eben ins Haus und stiehl mir die Zeit.«

»Nein, nein, ich will nicht schuld sein, dass du ins Elend stürzt.«

Ryan tippte an den Hut und trieb das Pferd an.

 

 

13. Kapitel

 

Andrew und Lefty führten das dritte Pferd mit dem Toten quer über dem Sattel zwischen sich. So kamen sie den Canyon ohne Eile hinunter zum Rancho.

Rose sah die Reiter durch das Fenster in der Kammer und verließ das Blockhaus mit dem Gewehr, wie Ryan es ihr aufgetragen hatte. Aber sie wusste nicht, was sie mit der Waffe nun anfangen sollte.

»Lass dir nichts anmerken, bis wir bei ihr sind«, flüsterte Andrew seinem Bruder zu.

»Was wollt ihr?«, rief Rose. Sie entschloss sich nun doch, das Gewehr in Anschlag zu bringen.

»Was soll denn das?« Andrew zügelte sein Pferd nur fünf Yards entfernt.

Auch Lefty hielt an, gab aber das dritte Tier frei. Es lief weiter. Rose konnte den Toten nun so gut sehen, dass sie ihn auch erkannte.

Sie erschrak, wurde bleich, zitterte und presste die linke Hand gegen die Schläfe.

Das Gewehr zeigte mit der Mündung zum Boden, ohne dass sie es bemerkte.

Andrew und Lefty stiegen ab und traten vor ihre Tiere.

»Was wollt ihr?«, fragte sie hohl und schaute wieder auf den Toten. »Was ist denn geschehen?«

»Siehst du das nicht?« Andrews Stimme klang grollend.

Rose bewegte sich rückwärts. »Ryan ist nicht da.«

»Das konnten wir schon feststellen.« Andrew folgte ihr. »Wir haben uns die Freiheit genommen, den Rancho erst ’ne Weile zu beobachten.«

»Wo steckt er denn?«, fragte Lefty, der sich ebenfalls näherte.

»Bei Potter. Das Pferd zurück bringen, das der Stationer mir lieh. Er hat mich doch gestern weggeschickt.«

Rose blieb stehen, weil Andrew sie sowieso schon fast erreicht hatte.

Dann waren sie beide bei ihr.

Andrew entwand ihr das Gewehr. Sie versuchte nicht einmal, ihn daran zu hindern. Lefty packte sie und stieß sie gegen die Hüttenwand.

»Er war doch heute Morgen auch schon unterwegs, was?«, herrschte Andrew sie an.

Sie begriff, was er meinte und blickte auf den Toten.

Andrew schob sie in die Hütte.

»Setz dich!«

Rose gehorchte.

»Sie guckt wie ’ne Kuh, wenn’s donnert«, brummte Lefty. »Hat er dir nichts erzählt?«

Rose schüttelte den Kopf, ohne es zu merken.

»Wir brauchen ’nen Strick und ’nen Knebel für sie.« Andrew schaute über die Schulter. »Sieh mal im Schuppen nach. Und nimm die Pferde mit. Er muss ja nicht gleich sehen, dass er inzwischen Besuch hat.«

Lefty wandte sich ab.

»Ich frag’ jetzt noch mal: War er heute Morgen schon unterwegs? – Raus mit der Sprache!«

»Ja«, hauchte Rose. »Aber zuerst war doch einer von euch hier, hat das Rind erschossen und kam später zurück, um auch Ryan zu töten.«

»Was Dümmeres fällt dir nicht ein, eh? – Vielleicht wollte er ihn wirklich nur verprügeln, wie er es androhte. Aber es kommt ja nicht immer so, wie man es sich ausdenkt. – Dafür werden sie ihn in der Stadt hängen!«

Lefty kehrte mit einem Lasso zurück. Rose wurde an den Stuhl gefesselt und geknebelt.

Andrew schloss die Tür und beobachtete durch das Fenster das Land hinter dem Korral. Von dort musste der Reiter kommen, wenn er den direkten Weg von der Poststation zu seinem Rancho nahm.

Die Dunkelheit breitete sich wie ein schwarzes Tuch über der Prärie aus und schien das Büffelgras samt Hügel aufzusaugen.

Rose bemühte sich, die Fesseln zu lockern, was Lefty hin und wieder mit einem Grinsen quittierte.

»Verdammt finster«, maulte Andrew. »Wenn er jetzt aufkreuzt, sehen wir ihn nicht mal.«

»Dann lassen wir ihn eben rein.«

»Hoffentlich kommt er überhaupt.« Andrew beschlichen Zweifel. »Er muss sich eigentlich denken können, was auf ihn wartet.«

»Wäre er abgehauen, hätte er sie doch mitgenommen.«

»Ist das so sicher?« Andrew blickte auf die gefesselte Frau, deren Gesicht er lediglich als hellen Fleck sah.

Lefty stieß ein Zischen aus.

Andrew starrte durch das Fenster.

Sand knirschte.

»Das ist er«, flüsterte Lefty.

»Rose?«

»Na, was hab’ ich gesagt?«, frohlockte Lefty. »Nun muss er uns nur noch abkaufen, dass sie schon in der Heia liegt. Dann tappt er auch blind wie ein Huhn in die Falle.«

Sattelleder knarrte.

Andrew meinte, den Mann und das Pferd als einen großen, verschmolzenen Klumpen zu sehen. Er zog den Colt.

»Wir schießen nur, wenn’s nicht anders geht!«, schärfte er Lefty ein. »Du trittst hinter die Tür.«

Lefty wechselte den Standort.

»Rose?« Es klang schon ziemlich ungeduldig.

»Komm nur ’rein, Hundesohn«, zischte Lefty. »Hier wirst du bestens versorgt.«

Die schemenhafte Gestalt verschwand.

»Er schafft das Pferd weg«, raunte Andrew.

Rose bemühte sich verbissen, die Fesseln zu lockern. Weil das nicht klappte, wollte sie sich mit dem Stuhl umwerfen. Das musste ein Poltern verursachen, das Ryan bestimmt warnte. Doch Andrew kam ihr zuvor und hielt das Sitzmöbel fest.

»Du wirst uns doch nicht in letzter Minute noch Ärger machen, Mädchen, oder? Vielleicht hast du schon mal gehört, dass Beihilfe zum Mord auch bestraft wird, was?«

»Verflucht, er ist sicher im Schuppen«, flüsterte Lefty aufgeregt.

»Quatsch, da steht sein Pferd noch nicht. – Sei still!«

Andrew hörte Geräusche aus der Kammer dringen, die jedoch aus dem Anbau kommen mussten.

Eine Tür knarrte.

Sekunden später ging die Gestalt am Fenster vorbei, die Tür wurde aufgeschoben.

Andrew schlug sofort mit dem achtkantigen Lauf des erhobenen Colts zu.

Ryan taumelte. Andrew packte ihn, schleuderte ihn an sich vorbei.

Ryan stürzte neben den Stuhl.

Lefty hieb die Tür zu, zog ein Schwefelholz aus der Tasche und rieb es an der Trommel seines Revolvers an.

Licht und Schatten geisterten durch den Raum, der Küche und Wohnzimmer in einem war.

Rose blickte schreckensbleich auf Ryan, der bewegungslos am Boden lag.

»Noch ’nen Strick, den kriegt der Marshal als Paket geliefert!«

Andrew schob den Colt ins Holster.

Lefty zündete den Docht der über dem Tisch hängenden Lampe an und lief hinaus. Minuten später war auch Ryan gefesselt, bekam einen Knebel in den Mund gestopft und das Halstuch darüber gebunden.

»Damit er keine Volksreden hält«, erklärte Andrew.

»Reiten wir gleich?«, wollte Lefty wissen.

»Bist du verrückt? Wir werden doch nicht so dämlich sein, den Marshal mitten in der Nacht aus dem Bett zu werfen und gegen uns einzunehmen. Nein, wenn’s heller Tag ist und die Leute ausgeschlafen und ihren Morgenkaffee getrunken haben, tauchen wir auf – wie richtige Gentlemen!«

 

 

14. Kapitel

 

Ryan lag wie der Tote quer über dem Sattel. Ihm war speiübel.

Trotzdem erkannte er noch, wie der Grasboden in Sand überging und wusste, dass wenigstens die Tortur sich dem Ende zuneigte.

Rose saß vor Lefty im Sattel. Andrew führte die beiden Tiere, die Ryan und den Toten zu tragen hatten und mit Lassos hintereinander gehalftert waren.

Die beiden Zattigs genossen den Anblick der zusammenlaufenden Menschen, die den kleinen Zug betrachteten.

»Was ist denn geschehen?«, rief Advokat McIven von der Veranda seines Hauses.

»Das werden wir euch erklären, sobald es auch der Marshal hören kann!« Andrews Lautstärke sorgte dafür, dass ihn alle verstanden.

»Marshal, Marshal!« Der kleine Schneider wieselte die Straße hinauf und feuerte aus seinem Revolver in die Luft. »Marshal, sehen Sie sich das an! Die Jäger bringen den Smallrancher, die Kleine von Potter und ’nen Toten!«

Als sie vor dem Office hielten, trat Marshal Webb heraus. Inzwischen war die Stadtbevölkerung vollzählig in der Runde versammelt.

»Er hat Sadie erschossen«, begann Andrew, »direkt vor unserer Hütte. Auf ’ne Entfernung von hundert Yards. Der Kleine hatte nur den Colt und überhaupt keine Chance.«

»Wir dachten, wir bringen ihn am besten in die Stadt«, setzte Lefty hinzu. »Damit er nach Sadies Begräbnis wenigstens noch ’ne ordentliche Gerichtsverhandlung bekommt.«

»Das habt ihr gut gemacht«, lobte der Advokat. »Bei uns herrscht Gerechtigkeit. Da kriegt jeder, was er verdient. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.«

Zustimmung wurde laut.

»Erst mal ins Jail mit ihm!«, kommandierte der Marshal barsch. »Und dann erzählt ihr mir alles fein der Reihe nach.«

Ryan wurde an den Beinen gepackt. Er schrammte über den Sattel, schwebte einen Moment und schlug dann so hart auf, dass sein Bewusstsein Purzelbäume schlug.

Sie schleiften ihn über die Straße.

Ein Stoß in den Rücken trieb Ryan auf die kurze Treppe zum Vorbau.

»Lassen Sie ihn doch ein bisschen leben, damit er noch was davon hat, wenn wir ihn aufknüpfen!«, rief jemand.

Hohngelächter erschallte.

Sie drängten ihn ins Office und sperrten ihn in die relativ große Zelle, die nur ein mächtiges Gitter vom Office des Marshals trennte.

Scheppernd schlug die Tür zu.

Ryan lag auf der Seite und sah wie der Marshal den Schlüssel abzog, hinter den großen Schreibtisch trat und ihn in den Kasten warf, den er zuschob.

»Ich erzähl’ euch alles bei einem Whisky!«, rief Andrew auf der Straße. »Lefty und ich müssen was essen und uns den Staub aus der Kehle spülen. Ihr seid eingeladen.«

Das musste er nicht wiederholen. Die Menge zog mit. Die beiden Jäger wurden fast wie Helden gefeiert.

Die Pferde blieben vor dem Office mitten auf der Straße stehen. Der Tote lag noch auf dem einen, und neben dem anderen stand Rose, die sich seltsam verloren vorkam.

»Miss Nelsen!«, bellte der Marshal.

Rose zuckte zusammen.

»Kommen Sie rein!«, befahl Webb.

Ryan setzte sich schwerfällig auf eine der vier blanken Holzpritschen. Weder Strohsäcke noch Decken gab es im Jail. Das vergitterte Fenster führte zur Straße, und der Blick reichte bis zum Saloon, vor dem aufgewirbelter Staub stand.

Marshal Webb schloss hinter dem Mädchen die Tür.

»Ich will zunächst nur eins wissen: Ist er gestern in die Berge geritten?«

Rose schaute in die Zelle.

»Ich red’ mit Ihnen!«, fauchte Webb.

»Ja«, gestand Rose leise.

»Das genügt.« Webb öffnete die Tür und komplimentierte das Mädchen hinaus. Er trat ans Gitter und musterte den Gefangenen.

Draußen kam der Totengräber, der zugleich Schreiner war, aus dem Saloon und führte das Pferd mit dem Toten die Straße hinunter.

»Du musst doch von allen guten Geistern verlassen sein, Fletscher.« Webb schüttelte den Kopf.

»Ich hab’ ihn nicht erschossen«, verteidigte sich Ryan lahm. »Hab ihn gar nicht mehr gesehen, seit sie wie Wölfe über mich herfielen.«

»Gibt’s in den Bergen außer euch noch andere Jäger?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Webb grinste.

»Wer soll ihn dann außer dir umgelegt haben, he? Seine Brüder etwa?«

Ryan schloss die Augen. Alles, was er sagte, würde ihn eher belasten.

Rose kauerte am Rand der Veranda vor dem Office, hatte die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen. In ihrem Kopf war alles so sehr durcheinander, dass ihr der Gedanke gar nicht kam, dem Marshal von der Schießerei und dem Tod des Rindes zu berichten.

Ryan ging’s noch schlechter. Er dachte so wenig wie Rose an diesen vielleicht doch irgendwie wichtigen Punkt.

Im Saloon wurde gelacht. Nur der Keeper fragte sich, wie er zu dem Geld für den vielen Whisky kommen sollte. Sobald es klappte, zog er Andrew zur Seite und vertraute ihm seine Sorge an.

»Sie kriegen Ihr Geld«, versprach Andrew großspurig, obwohl er noch keinen Schimmer hatte, wie er die Dollars flüssig machen könnte. Er würde Potter wieder bemühen müssen. Der Stationer blieb sicher verschwiegen, solange das Geschäft für ihn lohnte.

»Wann?«, bohrte der Salooner.

»In den nächsten Tagen. Wir haben jede Menge Felle.«

Seufzend gab sich der Wirt damit zufrieden.

»Whisky für meine Freunde!«, rief Lefty und schmetterte die Faust auf den Tresen. »Was ist denn das für ’ne lahme Bedienung in dem Saftladen?«

Ryan rollte sich auf den Rücken. Die Schmerzen ließen nach, sein Kopf wurde klarer.

Draußen blieb die Frau des Schlachters vor Rose stehen.

»Sie können einem leidtun, Rose. Sind vom Regen in die Traufe geraten. Die Männer taugen alle nichts, meiner vielleicht ausgenommen. Aber der spurt auch nur, weil ich ihm jede Woche mindestens einmal die Hammelbeine langziehe.«

Rose schaute auf und quälte sich ein Lächeln ab.

»Jetzt kommen Sie erst mal mit mir.« Die resolute Frau ergriff Roses Arm und zog sie auf die Straße.

»Aber wohin, Ma’am?«

»Das lass mal meine Sorge sein, Kindchen.«

Der Marshal lief im Office hin und her.

Ryan bewegte den Kopf zur Seite.

»Was habt ihr mit mir vor?«

Webb blieb stehen.

»Wir werden Sadie Zattig beerdigen. Dann werden die Leute eine Jury bilden, eine kurze Verhandlung abhalten und dich für schuldig oder unschuldig befinden. Damit hab’ ich nichts zu tun.«

»Und wenn sie mich schuldig sprechen?«

»Dann kriegst du, was andere für Mord auch bekamen. – Nun hör mal auf, mich mit Fragen zu traktieren.«

»Aber ich hab’ Sadie nicht erschossen.«

»Was hast du dann in den Bergen gewollt?«

Ryan fiel der Anfang der Schießerei nun doch wieder ein und er erzählte davon.

»Das kann Rose bestätigen, sie war doch dabei!«, rief Ryan geradezu beschwörend.

»Na gut, das kannst du ja alles in der Verhandlung vorbringen. Und es spielt vielleicht sogar eine Rolle. Du bist also dann hinterher und hast Sadie bei der Hütte erwischt?«

»Ich hab’ die Spur des Reiters wieder verloren und lange vergeblich gesucht.«

»Ach so.«

»Dann bin ich umgekehrt«, sagte Ryan.

Marshal Webb sah noch genauso ungläubig drein. Er schob den Hut in die Stirn und kratzte sich im Nacken.

»Ich bin nicht dein Richter, mein Junge. Aber wenn einer der Zattigs behauptet, dich gesehen zu haben, bist du erledigt. »Ich bin wirklich die falsche Adresse«, sagte der Marshal abweisend, wandte sich ab und verließ das Office.

Die Tür fiel hart zu.

Ryan kehrte zur Pritsche zurück und legte sich nieder.

Es dauerte lange, bis die Menge auf der Straße erschien. Der von einem Esel gezogene Karren des Totengräbers rollte die Straße herauf. Eine lange Fichtenholzkiste stand auf der Ladefläche. Der Handwerker musste den Sarg offenbar nicht erst zimmern.

»Wir hängen den Schurken!«, rief jemand.

Zustimmendes Gebrüll erfüllte die Stadt.

»Eins nach dem anderen, und alles nach dem Gesetz!«, fuhr der Marshal barsch dazwischen. »Zuerst wird der Tote beerdigt. Dann gibt’s eine Gerichtsverhandlung.«

»Der Marshal hat recht«, meldete sich Andrew. »Alles muss seine Ordnung haben.«

»Bildet hinter dem Wagen den Trauerzug«, verlangte der Totengräber. »Und benehmt euch manierlich, wie es sich gehört.«

Der Esel zog den Karren weiter. Die Menge schloss sich an.

Die wenigen Frauen und insgesamt vier Kinder, die es in Rapid City gab, folgten dem Zug genauso wie der Marshal. Hinter der Menge stand der gelbgraue Staub wie eine Nebelbank zwischen dem Office und dem Saloon.

»Was ist denn hier los?«

Ryan erkannte den Stationer Potter an der Stimme.

»Der Smallrancher Fletscher hat Sadie Zattig erschossen.«

Ryan stand auf. Er konnte Potter auf dem Pferd und vor ihm McIven, den Advokaten, sehen.

»Na ja, die waren sich ja nie grün«, meinte der Stationer. »Erst vorgestern wurde Andrew Zattig bei mir draußen ganz fürchterlich von Fletscher verprügelt.«

Ryan wandte sich ab.

McIven betrat wenig später das Office, schloss die Tür und räusperte sich.

Ryan blieb mitten in der Zelle stehen.

»Sie müssen den Dingen ins Auge sehen, Mister Fletscher«, begann der Advokat.

»Zur Sache, McIven«, entgegnete Ryan schroff.

»Mich trifft keine Schuld an der Misere, bedenken Sie das! Ich will Ihnen nur helfen, noch rechtzeitig an die Regelung Ihrer Hinterlassenschaft zu denken.«

Der Advokat zog ein Notizbuch aus der Innentasche des Prince-Albert-Rocks und förderte auch einen Tintenstift zu Tage, den er anleckte, bevor er zu blättern begann.

»Es kommen noch einige Auslagen auf mich zu. Vielleicht konnte ich den Rancho bisher nicht verkaufen, weil Sie einfach zu viel verlangten.«

»Für fünfhundert Dollar ist er so gut wie geschenkt, das wissen Sie!«

McIven trat ans Gitter und lehnte sich mit der linken Schulter dagegen.

»Sie müssen einen Erben benennen. Und am besten bevollmächtigen Sie mich, den Preis festzulegen.«

Der Advokat kritzelte etwas in sein Büchlein.

»Wissen Sie, was ich denke, McIven?«

Der Advokat schaute auf. Hinter den scharfen Brillengläsern wirkten seine Augen groß und kalt und gaben ihm Ähnlichkeit mit einem Fisch.

»Ich denke, Sie haben für den Rancho viel mehr als fünfhundert Dollar verlangt.«

»Bilden Sie sich ein, ich arbeite umsonst?«, fauchte McIven, dessen Gesicht sich rötete. Er klappte das Notizbuch zu.

»Sie können’s auch lassen. Dann holt sich der Mann mit dem schnellsten Lasso die Rinder, der Rest ist schnell vergessen. Die Kleine guckt dabei freilich in die Röhre.«

»Und Sie auch«, setzte Ryan hinzu. »Mich stört, dass ich für Sie offensichtlich bereits tot bin.«

»Keine Gefühlsduseleien, Fletscher!« McIven schob das Notizbuch unter den Rock und steckte auch den Tintenstift weg. »Wenn Sadie unter der Erde ist, saufen die Männer auf Andrews Rechnung noch einen, dann sind Sie an der Reihe. Die Verhandlung, das garantier’ ich Ihnen, geht in einer halben Stunde über die Bühne. – Eigentlich hatte ich Ihnen meine Hilfe als Verteidiger anbieten wollen.«

»Für den Rancho?«

McIven zuckte mit den Schultern.

»Vermutlich haben Sie sonst nichts, oder?«

»Erraten.«

McIven begann zu grinsen und wippte auf den Zehen. Er schien immer noch die Hoffnung zu hegen, ein lukratives Geschäft zu machen. Seine linke Hand schob den langen Rock zurück und verschwand in der Hosentasche.

Ryan schenkte der überheblichen Geste keine Beachtung. Wohl aber dem Griff des Derringers, der dabei sichtbar wurde. Damit, dass McIven eine Waffe bei sich haben könnte, hatte er nicht gerechnet.

»Könnten Sie denn … Ich meine, hab’ ich eine Chance mit ’nen Verteidiger?«

Ryan gab sich kleinlaut und trat wie ein Bittsteller dicht ans Gitter, beseelt von der Hoffnung, den großspurigen Advokaten übertölpeln und die Waffe an sich bringen zu können.

»Schwer zu sagen. Das muss man einfach versuchen. Sie haben ja bis jetzt kein Geständnis abgelegt, wie?«

»Da ich Sadie nicht umgebracht habe, gibt’s für mich nichts zu gestehen, Mister McIven.«

»Nein, so können wir nicht argumentieren«, wehrte der Advokat ab. »Das bringt absolut nichts.«

»Wieso nicht? Da ich’s nicht war, kann’s mir auch niemand nachweisen. Damit ist eine Verurteilung doch wohl unmöglich?«

»Sie machen sich die Sache zu leicht.« McIven sprach jovial wie zu einem Kind. »Sie dürfen von den einfachen Leuten unserer Stadt nicht auf einmal das Wissen von Hochschulprofessoren verlangen, mein Junge. Die Leute sehen einen Toten und haben einen Schuldigen, den sie verurteilen wollen. Das lassen die sich nicht ausreden. Aber vielleicht kann ich sie milde stimmen.«

Ryan konnte dem Schlitzohr mühelos ansehen, dass der nicht im Traum daran dachte, sich mit den Leuten der Stadt anzulegen. Ob mit oder ohne Verteidiger, spielte für den Ausgang der Verhandlung keine Rolle. Dennoch musste er so tun, als würde er McIven glauben.

Er musste ihn dazu bringen, wieder dicht ans Gitter zu treten, damit der Derringer in seine Reichweite kam.

Am ehesten würde er das erreichen, wenn er vorgab, McIven eine Vollmacht zu erteilen.

Der Advokat hüstelte.

»Also klären wir erst mal die Honorarfrage.«

»Also los, schließen wir den Honorarvertrag, oder wie man das sonst nennt.«

»Du vermachst mir den Rancho, und ich verteidige dich. Ich werde der Jury eine Rede halten, dass die Knacker die Ohren anlegen, das versprech’ ich dir.«

Ryan glaubte unbesehen, dass McIven sich groß in Szene setzen würde.

»Einverstanden?«

»Ich hab’ doch keine Wahl, oder?«

McIven leckte den Stift an.

»Also, schreiben wir Eigentumsübertragung von Ryan Fletscher auf Irvin McIven, Advokat in Rapid City. Ich, Ryan Fletscher, übereigne Mister Irvin McIven meinen Rancho am Osthang der Black Hills, eingeschlossen alles lebende und tote Inventar. Mister McIven übernimmt dafür meine Verteidigung in der Mordsache …«

»Es war kein Mord, jedenfalls nicht von mir!«, unterbrach Ryan den Monolog des Advokaten ziemlich barsch.

McIven schaute auf.

»Es geht doch nur um die Übereignung.«

»Ich weigere mich, etwas zu unterschreiben, was mir unterstellt, ich hätte mit Sadies Tod etwas zu tun. Das kommt einem Geständnis gleich. Ich hab’ nichts zu gestehen, kapieren Sie das endlich, Mann!«

McIven kamen Zweifel an der Durchführbarkeit seines schlauen Planes.

»Schreiben Sie: In der Sache Sadie Zattig, in der Ryan Fletscher angeklagt ist.«

»Gut, das geht auch.«

Der Advokat trat näher, drehte das Notizbuch um und hielt den Stift ans Gitter.

»Du musst es unterschreiben, es ist sonst nicht rechtsgültig.«

Ryan nickte. Er war aufgeregter, als er wahrhaben wollte. Es kam darauf an, dass er blitzschnell handelte, den Derringer ergriff und aus dem Schulterholster riss, bevor der Advokat reagieren konnte. Nahe genug stand der schmierige Geselle, der sich schon im Besitz des Ranchos wähnte.

Ryans Hand schob sich zwischen zwei Gitterstäbe, stieß vor, kam glatt unter den Prince-Albert-Rock und bekam den Kolben der bulligen Waffe zu fassen.

Als McIven Tintenstift und Notizbuch aus den Händen fielen, richtete sich der Derringer bereits auf ihn und der Hammer wurde unter Ryans Daumen mit einem nicht zu überhörenden Knacken gespannt.

Der Mann wurde bleich. Schweiß brach ihm aus.

»Man soll nie den Fehler begehen, von anderen zu denken, sie würden die Hose mit der Zange anziehen, McIven.«

Der Advokat trat schwer atmend zurück.

»Das nützt dir gar nichts. Weder Schloss, noch Gitter sind aus Blech.«

»Den Rancho können Sie in den Wind schreiben, McIven. Wenn Sie sich jetzt noch ein bisschen dämlich anstellen, verlieren Sie aber noch viel mehr. Bin ich deutlich genug?«

Der Advokat schluckte die Kröte.

»Im Kasten des Tisches liegt der Schlüssel. Den werden Sie holen und die Zelle aufschließen. Langsam und vorsichtig! Ich bin nervös.«

»Und wenn ich mich weigere?«, krächzte McIven.

»Dann sind Sie der größte Narr, der mir im Leben begegnete.«

»Es bringt dir gar nichts, wenn du mich erschießt, höchstens, dass sie dich dann zweimal hängen!«

»Das erleben Sie dann aber nicht mehr. – Ich zähl’ bis drei.«

Ryan gab sich selbstsicher, obwohl er’s nicht war, weil er genau wusste, dass er nicht schießen würde, sollte McIven die Flucht ergreifen.

Der Advokat gehorchte widerstrebend. Er schien wie die anderen überzeugt, dass Ryan ein kaltblütiger Killer war.

»Schneller!«

»Der Marshal macht mich zur Schnecke.«

»Was ich mit dir anstelle, ist schlimmer. – Eins …«

McIven holte den Schlüssel. Er zitterte so sehr, dass Ryan fürchtete, er könnte den Schlüssel verlieren und damit unnötig Zeit vergeuden. Der Advokat näherte sich der Gittertür.

Ryan trat zurück, ohne die Waffe aus der Richtung zu nehmen.

Der Schlüssel kratzte über die Platte des Schlosses.

»Mann, wird der Marshal mir was erzählen«, jammerte McIven. »Und die Zattigs erst.«

»Zwei!«, zählte Ryan.

Der Schlüssel fuhr ins Schloss.

Ryan trat vor und stieß dem Mann den Derringer gegen die Brust.

»Zurück!«

McIven ließ den Schlüssel los und gehorchte.

Ryan griff hinaus und drehte den Schlüssel um. Die Tür öffnete sich.

»Umdrehen!«

Ryan half nach, weil der Advokat ihm zu langsam reagierte.

Dann legte er den Mann schlafen, schleifte ihn in die Zelle, verschloss die Tür und warf den Schlüssel über den Tisch. Über die Kammer des Marshals gelangte er durch die Hintertür aus dem Office.

Die Menge befand sich noch auf dem Friedhof am Ostende der Stadt. Ryan konnte sie sehen. Er eilte hinter den Häusern zum Stallgebäude, lugte um die Ecke und sah das Tor offen. Im geräumigen Hof war niemand. Auch die Straße lag verlassen im gleißenden Sonnenlicht.

Er huschte um die Ecke und sprang mit vorgehaltenem Derringer in den Stall.

Der Stallmann war nicht da. Er schien sich mit den anderen auf dem Friedhof zu befinden.

Ryan steckte die Waffe in die Hosentasche, lief zu seinem Pferd und band es los. Der nachlässige Stallmann hatte offenbar in der Sorge, etwas zu verpassen, das Tier nicht erst abgesattelt. Der Braune schnaubte.

»Schon gut.« Fletscher zog den Sattelgurt nach.

»Hilfe!«, hallte es durch die Stadt.

Ryan zog das Pferd hinaus.

»Hilfe, der verdammte Fletscher hat mich eingesperrt. Ist denn niemand da? Hilfe, Hilfe!«

Rose erschien vor dem Haus gegenüber dem Stall.

»Beschaff dir ein Pferd und reite zum Rancho!«, rief Ryan.

Er schwang sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen.

Der Braune setzte über das Buschwerk am Hofende. Dann trommelte Hufschlag durch die Stadt.

Vom Friedhof stürzten Männer herbei und feuerten aus Revolvern hinter dem Fliehenden her.

Der Braune wurde von Ryan nach Südwesten gelenkt. So konnte er den Rancho nicht erreichen, aber den Männern vielleicht vorgaukeln, dass er dahin gar nicht wollte. Dabei war das unerlässlich. Denn dort hatten ihm die Zattigs die Waffen abgenommen und zurückgelassen.

 

 

15. Kapitel

 

Ryan kauerte unter einer Tanne und beobachtete die Verfolger, die durch den dämmrigen Wald ritten. Sie hatten seine Spur verloren, gaben deswegen aber nicht auf.

Marshal Webb führte insgesamt acht Reiter, die bis in die Black Hills ihm geblieben waren. Sie ritten den Hang hinauf, blieben dabei dicht beisammen, als hätten sie Angst.

Ryan richtete sich auf. Er sah sie nicht mehr. Die Geräusche entfernten sich.

Er kehrte zu seinem Pferd zurück und zog es durch das Halbdunkel nach Norden, während sich das Aufgebot noch westwärts unterwegs befand. Nach einigen hundert Yards saß er auf und ritt den Hang abwärts.

Als ihn der Braune aus dem Wald trug, stand die Sonne riesig und blutrot im Westen. Lange Schatten von den Bäumen bedeckten den Saum am Hang.

Im Galopp sprengte er nach Norden und erreichte den Rancho, noch bevor es dunkelte. Er befürchtete nicht, dass jetzt jemand hier war. Darauf musste Marshal Webb erst noch kommen. Im Moment hoffte er sicher noch, dass ihm der Gesuchte in die Arme lief.

»Darauf kannst du lange warten«, murmelte Ryan.

Er stieg vor der Hütte ab.

Die Zattigs hatten sich nicht die Mühe gemacht, die Tür zu schließen.

Sein Gewehr lag noch neben dem Herd. Lefty hatte es dort hingeworfen.

Der Colt in dem Holster lag daneben.

Ryan schnallte den Patronengurt um. Dabei beobachtete er das in der Dämmerung versinkende Land im Osten. Aber seine Hoffnung, Rose könnte auftauchen, erfüllte sich nicht.

Es dunkelte. Ryan packte Proviant zusammen und füllte seine beiden Flaschen mit Wasser. Und er nahm an Patronen mit, was er finden konnte. Dann schloss er die Tür, saß auf und ritt weiter nach Norden.

Er wollte zunächst einmal den Eindruck erwecken, für immer geflohen zu sein. Nach ein paar Tagen würden sie es sicher glauben und in ihrer Wachsamkeit nachlassen.

Vielleicht ließ der Marshal den Rancho eine Weile beobachten, wenn er zwei oder drei Leute fand, die dazu bereit waren. Aber auch das würde beendet sein, bevor die nächste Woche verstrich.

Er drang in den Wald ein und ritt den Hang aufwärts. In den Black Hills konnte ein Mensch spurlos verschwinden.

Er fand bald eine Höhle, die ihm sicher genug schien und so groß war, dass er das Pferd hineinführen konnte. Er sattelte den Braunen ab, setzte sich auf den Boden und aß vom mitgebrachten Proviant. Wie hungrig er war, fiel ihm erst beim Kauen auf.

Seine Gedanken kreisten um die Zattigs. Vor allem um Sadie, den irgendjemand erschossen hatte.

Dafür musste es ein Motiv geben.

Hier schoss keiner den anderen aus purem Spaß über den Haufen.

 

 

16. Kapitel

 

Die beiden Zattigs sprengten auf den Rancho zu, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Die Rinder im Korral flohen verstört zur anderen Zaunseite.

Im Hof rissen die ehemaligen Jäger die Pferde zurück und sprangen ab.

Lefty jagte gleich mal eine Kugel in die Tür, um zu zeigen, wie ernst die Angelegenheit war.

»Komm raus, Fletscher!«, bellte Lefty.

»Er hätte schon geschossen, wenn er da wäre.«

Andrew ging zur Tür. Er hängte den Balken aus, warf ihn zur Seite und zog die Tür auf. Drinnen brannte er die Petroleumlampe an und schaute sich um.

Lefty lugte herein.

»Ausgeflogen. Er hat die Waffen geholt.« Andrew fluchte. »Warum sind wir bloß nicht gleich her geritten?«

»Weil wir wie der Marshal glaubten, er wäre zu greifen. – Ob er noch mal aufkreuzt?«

»Woher soll ich das wissen.« Andrew schaute sich um, ohne zu wissen, was er suchte.

»Was machen wir nun?«

»Wir warten. Vielleicht kehrt er zurück.«

»Warum sollte er?«

»Vielleicht hat er was vergessen«, hoffte Andrew.

»Dann bring’ ich die Pferde mal in den Schuppen.« Lefty verließ das Blockhaus und führte die beiden Tiere weg. Nach drei Minuten war er zurück, trat ein und schloss die Tür.

Andrew löschte die Lampe, setzte sich auf den Tisch und drehte für Lefty und sich Zigaretten. Schwefelhölzer flammten auf.

Rauchend saßen sie nebeneinander und blickten in die Nacht hinaus.

»Der Advokat ist der größte Hornochse unter der Sonne«, brummte Lefty. »Dem müssen wir für seine Blödheit unbedingt noch eine Lektion erteilen.«

»Eins nach dem anderen.« Andrew stand auf und trat ans Fenster. »Es kommt jemand. Die Rinder sind wieder unruhig.«

Lefty ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt.

Hufschlag näherte sich. Schemenhaft passierte ein Reiter wenig später den Korral.

»Das ist ja nicht zu fassen. Der Tollpatsch kehrt wirklich noch mal zurück.« Lefty verließ die Hütte, hob den Colt und spannte den Hammer.

Das Pferd wurde am anderen Hofende gezügelt.

»Runter vom Gaul!«, befahl Lefty und schoss in die Luft.

Das Pferd wieherte. Die Rinder im Korral donnerten am Zaun entlang. Ein leiser Schrei klang. Reiterlos sprengte das Pferd Richtung Schuppen.

Eine Gestalt lag am Korral.

»Es ist das Mädchen«, sagte Andrew, der Lefty zur Seite drängte.

Rose stand auf. Die beiden Zattigs gingen auf sie zu.

»Er war hier, aber er ist abgehauen«, sagte Lefty. »So ein feiges Schwein.«

»Ihr habt für die Mordanklage keinen Beweis«, entgegnete Rose.

»Was schwafelt die Ziege?« Lefty legte den Kopf schief.

»Weibergewäsch. Vergiss es.« Andrew schob den Colt ins Holster.

»Was machen wir nun?« Lefty war ratlos. »Jagen wir sie zum Teufel?«

»Wollt ihr den Rancho etwa übernehmen?«, fuhr Rose ihn an.

»Die riskiert ’ne ganz hübsche Lippe, Andrew. Das stinkt mir, ehrlich!«

Andrew holte die Pferde aus dem Schuppen und stieg auf.

»Los, wir hauen ab.«

Lefty stand noch unentschlossen vor dem Mädchen.

»Wir kriegen ihn schon noch, deinen Ryan. Und wir sorgen dafür, dass er …«

»Lefty, komm schon!«, schimpfte Andrew, der im Dunkel bereits nicht mehr zu sehen war.

Der ältere der Brüder ritt langsam, sodass Lefty ihn bald einholte.

»Und nun? Wenn er doch noch kommt? Rose scheint es zu hoffen, sonst wäre sie nicht hier.«

»Wir reiten noch ein Stück, dann kehren wir um und beobachten den Rancho.«

 

 

17. Kapitel

 

Ryans Streifzug durch die Black Hills begann schneller als von ihm selbst erwartet. Er war munter, als der Morgen gerade graute. Das harte Gestein in der Höhle war nicht das Beste aller Nachtlager, das er sich vorzustellen vermochte. Wie gerädert humpelte er hinaus und vertrat sich erst mal die Beine.

Der Braune lief ihm leise schnaubend nach.

Ryan schaute sich im Canyon um.

»Wasser finden wir hier nicht. Also können wir sowieso nicht bleiben.«

Zehn Minuten später ritt er die Schlucht bereits aufwärts. Sie stieg nur allmählich an, und genauso langsam traten die Steilwände zurück. Schließlich bedeckte Geröll die Sohle. Schräge Halden, auf denen hie und da ein Baum wurzelte, bildeten die Wände der kesselartigen Verbreiterung.

Ryan nahm den flachsten Hang. Geröll klirrte, geriet mitunter in Bewegung, löste aber keine Lawine aus.

Das Pferd erklomm die Höhe, die sich als kleine Hochebene mit wenig Bewuchs nach Westen und Süden erstreckte.

Ryan riss das Pferd scharf zurück.

Ein Reiter kam aus dem dürren Dickicht und hielt ebenfalls an.

»Potter«, murmelte Ryan überrascht.

Ein paar Herzschläge lang beobachteten sie sich. Dann ritt der Stationer näher heran.

Die Köpfe der Pferde berührten sich fast, als Potter das Tier zügelte.

»Hallo. Dich suchen sie wie ’ne Stecknadel, Fletscher, aber in den Black Hills sind die Aussichten da gering, wie?«

»Kann sein.« Ryan beobachtete den geizigen Mann scharf.

»Bist doch nicht etwa noch wegen neulich sauer auf mich? Ich hatte wirklich anderes zu tun, als hinter dem Tresen rumzustehen.«

»Was suchst du hier, Potter? Haben sie ’ne Prämie auf meinen Kopf ausgesetzt, die du dir verdienen willst?«

»Unsinn. Der Marshal hat mich verpflichtet. Ich war zufällig in der Stadt, als du abgehauen bist. Webb nahm jeden, den er kriegen konnte.«

»Und weiter?«

»Jetzt konnte ich mich endlich absetzen. Ich hab’ keine Zeit für den Quatsch, den der Marshal veranstaltet, verstehst du!«

»Die Geschäfte rufen, was?« Ryan grinste.

»Ich lebe allein auf der Station und kann sie nicht ewig unbewacht lassen. Da liegt ein bisschen mehr an Werten rum als auf deinem Rancho. Und das wissen viele. Wenn sich erst rumspricht, dass man bei mir nur einsteigen muss, um sich was zu holen, kann ich mich vor Banditen bald nicht mehr retten. Das hab’ ich Webb heute Morgen endlich beibringen können.«

»Und ich dachte, du wolltest dir auf eigene Faust die Prämie verdienen.«

»Hör zu, Fletscher: Ich hab’ mit der Sache zwischen dir und den Zattigs nichts zu schaffen. Ich bin Geschäftsmann und deshalb strikt neutral. Und dabei bleibt es. Mich interessiert auch kein Judaslohn, ich gehe ehrlichen Geschäften nach.«

»Dann kannst du ja weiterreiten«, sagte Ryan gedehnt. »Adios, Potter.«

»Adios.« Der Stationer zog das Pferd herum und schnalzte mit der Zunge. Noch mehrmals schaute er über die Schulter, und einmal rief er: »Ich verpfeif dich nicht, Fletscher.«

»Wo ist der Marshal jetzt?«

»Im Westen. Wenn du weiterreitest, wird er dich mit Freuden in Empfang nehmen.«

»Verdammt«, murmelte Ryan. In dem Drang, den Zattigs auf den Pelz zu drücken, riskierte er den Kopf, kaum dass er ihn aus der Schlinge gezogen hatte.

Er wendete den Braunen und ritt die Halde wieder hinunter. Es war doch klüger, ein bisschen mehr Geduld zu zeigen und erst einmal zu verduften. Der Marshal würde die Suche in den Bergen bestimmt in den nächsten Tagen einstellen.

Er ritt durch die Schlucht zurück. Der Canyon wurde breiter. Ein wuchtiger Felsblock, zwanzig Yards hoch und zehn Yards breit, stand wie ein Monument mitten darin. Jenseits davon wuchsen die Steilwände wieder dichter zusammen. Der Canyon beschrieb einen Bogen nach Westen.

Ryan hielt an.

Er blickte noch in die Schlucht, halbwegs entschlossen, abermals umzukehren, als ihm die Gegend irgendwie bekannt erschien.

Natürlich! Über der Steilwand begann die Mesa. Dort oben hatte er gehalten und die Zattigs vor einer Höhle beobachtet.

Ryan trieb das Pferd an, zog das Gewehr aus dem Scabbard und repetierte, wobei er nur den Verschluss mit dem Unterhebel hielt.

Er entdeckte die Höhle. Pferde standen nicht davor. Dennoch beschleunigte sich sein Herzschlag.

Hier unten gab’s kein Wasser, kein Gras und kein Buschwerk. Kein Grund also, Fallen aufzubauen.

Vor dem schwarzen Schlund zügelte er den Braunen, stieg ab und betrat die Höhle.

Geblendet von der Sonne in der Schlucht sah er sekundenlang nichts als Schwärze. Dann schälten sich allmählich rissige Wände aus dem Dunkel. Ein paar Säcke, halb mit Geröll bedeckt, lagen auf dem Boden. Eine Spitzhacke mit abgebrochenem Stiel lugte ebenfalls aus der Ansammlung an Steinen.

Auf der anderen Seite verriet Pferdekot, dass hier schon über längere Zeiträume Reittiere gestanden haben mussten.

Ryan wagte sich tiefer in die Höhle und stieß gegen etwas, das scheppernd über das Gestein polterte.

Er bückte sich und ertastete einen Eimer, dann eine Lampe, Papier, Schwefelhölzer, neue Säcke, Gestein und Werkzeuge.

Schwefelhölzer lagen auf dem Papier. Er rieb eins an der Wand an und schaute sich um.

Die Höhle besaß Ähnlichkeit mit einer Grotte. Die Wände bildeten in fünf Yards Höhe eine Kuppel.

Im Wandabschluss klaffte ein tiefer Riss, der ein Yard über dem Boden begann und bis zur Mitte der Kuppel reichte.

Mitten hinein führte eine Ader, die im Lichtschein rötlich funkelte.

Plötzliche Hitze an den Fingerkuppen erinnerte Ryan an das brennende Schwefelholz. Er löschte es.

Er suchte nach einem neuen, zündete damit die Lampe an und näherte sich dem Riss, in dem eine weitere Hacke lag. Sein Finger strich über die Ader.

»Das ist ja ein Ding«, murmelte er. »Die Zattigs haben Gold gefunden.«

Das erklärte auch, weshalb sie keine Zeit mehr gefunden hatten, sich um ihre Fallen zu kümmern.

Aber Sadies Tod wurde deswegen nicht verständlicher.

Ryan stellte die Lampe in die Spalte, nahm die Spitzhacke und trieb sie ins Gestein.

Er hatte nie nach Gold gesucht und kannte sich auch nicht mit dem Abbau aus, aber er war fest entschlossen, ein Nugget mitgehen zu lassen.

Funken stoben durch die Höhle, Staub quoll aus dem Spalt. Ryan arbeitete verbissen, bis er ein daumennagelgroßes Erzstück in die Tasche stecken konnte.

Er löschte die Lampe, raffte das Winchestergewehr auf und verließ die Höhle. Der Braune stand drüben im Schatten der Felswand. Niemand war in der Nähe.

 

 

18. Kapitel

 

Rose stand am Fenster und schaute zu den Büschen hinter dem Korral. Manchmal wackelte das Geäst, hin und wieder blitzte es in der Sonne darin auf.

Es war nun schon der zweite Tag seit ihrer Rückkehr zum Rancho.

Hitze lastete über der Prärie und den Bergen und setzte den Männern, die da drüben in den Büschen lauerten, sicher erheblich zu.

Sie füllte kalt gewordenen Tee in eine Flasche, nahm die Hälfte eines Tages zuvor gebackenen Brotes und verließ das Blockhaus. Am Korral vorbei lief sie direkt auf das Buschwerk zu, in den sich nichts mehr rührte. Davor blieb sie stehen.

»Ich bring’ euch was zu futtern.«

»Sie hat uns bemerkt.«

Der Schreiner aus Rapid City richtete sich im raschelnden Buschwerk auf.

Neben ihm wuchs der Sattler aus dem Dickicht.

Rose reichte das Brot und die Flasche hinüber.

»Das kann ich nicht mit ansehen, wie ihr leiden müsst.«

Die beiden Männer griffen zu.

»Wir führen nur den Befehl des Marshals aus, so sinnlos er uns auch vorkommt«, brummelte der Schreiner verdrossen.

»Er ist fortgeritten, was?« Der Sattler teilte das Brot, schaute aber Rose an.

»Ich weiß nicht mehr als ihr.«

Der Sattler trank aus der Flasche.

»Hmm, schmeckt gut! – Sie haben gar keine Ahnung, Miss?«

»Nein.«

»Wenn er fünfhundert Meilen reitet und dann einen anderen Namen annimmt, ist er ziemlich sicher.« Der Sattler nahm seinem Partner die Flasche ab. »Sicher vor dem Gesetz.«

»Sicher vor euch«, verbesserte Rose.

»Was soll das heißen?« Der Schreiner schob das Buschwerk auseinander.

»Es soll heißen, dass ihr nicht das Gesetz seid und auch kaum nach handeln wolltet.«

»Verstehst du, was sie meint, Lynn?«

»Kein Wort.«

»Nach dem Gesetz wird ein Täter verurteilt, wenn ihm die Tat bewiesen werden kann. Beweise hatten die Zattigs aber nicht. Die wissen nur, dass Sadie erschossen wurde. Und sie erfuhren von mir, dass Ryan in den Bergen war.«

»Vielleicht ist das wirklich ein bisschen mager, Miss«, räumte der Sattler ein. »Aber hier lebt sonst niemand.«

»Ist das ein Beweis?«

»Ist es nicht«, nickte der Schreiner.

»Seht ihr, das ist der Unterschied zwischen Tatsachen und Vermutungen. Kann ich die Flasche wiederhaben?«

Sie tranken sie abwechselnd leer und gaben sie zurück. Rose wandte sich ab und ging zur Hütte.

Etwas später strebten die beiden Männer aus den Büschen auf das kleine Gehölz im Osten zu. Dort hatten sie während ihrer Annäherung in der Nacht offenbar die Pferde zurückgelassen.

Marshal Webb tauchte am folgenden Tage auf. Er kam über den Flügel, hinter dem die Station von Potter und noch weiter östlich die Stadt lagen. Danach musste er wissen, dass seine Posten aufgegeben hatten.

Rose lehnte am Türpfosten.

Trotz der Hitze trug der Marhsal eine derbe Lederjacke. Er hielt das Gewehr so, dass die Mündung auf die Hütte zielte, während seine Blicke umherwieselten, als würde er überall mit Gegnern rechnen.

»Ryan ist nicht zurückgekehrt«, beruhigte Rose. »Ich bin allein.«

Webb stieg ab.

»Im Gegensatz zu anderen Leuten glaub’ ich aber nicht, dass er Fersengeld gegeben hat.«

»Das ist Ihr Problem, Marshal.«

»Und falls er wirklich nicht wieder auftauchen sollte, gehört Ihnen der Rancho nicht, Rose. Damit das ganz klar ist und Sie nicht später aus allen Wolken fallen.«

Er schob sie beiseite, betrat die Hütte und durchsuchte sie bis in die Kammer.

»Ich würde den Rancho noch wochenlang beobachten lassen, wenn ich dafür Leute finden könnte.«

»Das versteh’ ich nicht, Marshal. Wenn er wirklich einen Mord begangen hätte, woran ich nicht glaube, kann er doch nichts Vernünftigeres tun, als verschwinden und sich hier nie mehr blicken zu lassen.«

Webb trat aus der Hütte.

»Da sind noch die Rinder. Die kann einer allein wegtreiben und zu Geld machen. Und da sind auch noch die Zattigs, die Fletscher nicht riechen kann. Ich halte jede Wette, dass er noch irgendwo steckt.«

Rose gab keine Antwort.

Webb saß auf und ritt grußlos nach Süden. Er überquerte den Creek und folgte dem Saum des Waldes. Rose sah noch, wie er sein Pferd nach Westen lenkte und in das Gehölz eindrang.

Webb war aus anderem Holz als die übrigen Männer der Stadt, und das nicht nur, weil er den Marshalstern trug.

 

 

19. Kapitel

 

Gordon Webb ritt den Hang aufwärts, über eine kahle Bergschulter und zwischen die Douglasfichten, an die sich dichte Kiefernhorste anschlossen.

Er hatte sich zweierlei in den Kopf gesetzt. Erstens, dass Fletscher noch in der Gegend war und zweitens, dass er ihn einfangen wollte, koste es, was es wolle.

Der Wald wurde dichter. Laubbäume und Büsche wuchsen zwischen den Kiefern. Es war dämmrig, als wollte der Tag bereits zur Neige gehen.

Übermäßig gut kannte Webb sich in den Black Hills nicht aus. Er suchte auch nicht planmäßig, sondern ritt einfach drauflos.

Das Pferd scheute.

Webb ließ es auslaufen und sah, wie seine Ohren spielten. Er blickte sich um und schob den Zeigefinger vor den Abzug der sieben-schüssigen Spencer.

Irgendwo knackte es.

»Fletscher, bist du das?«, rief der Marshal.

Wie Gelächter hallten die Worte nach.

Das Pferd wieherte.

»Fletscher, ich weiß, dass du hier bist!«

Webb verbarg die aufkeimende Unsicherheit hinter barschem Gebrüll. Er sprang aus dem Sattel, weil er wie eine Zielscheibe auf dem Tier thronte.

Das Knacken wiederholte sich. Es schien von links zu kommen.

Das Gewehr in beiden Händen ging Webb vorwärts. Der Gedanke, er könnte hier oben in den Bergen jemand anderem als Fletscher im Wege sein, kam ihm nicht.

»Wo steckst du?«

Er blieb stehen.

Das Krachen des Schusses überraschte ihn doch. Die Kugel traf ihn in den Oberschenkel. Er schwankte mit verzerrtem Gesicht, drückte noch ab und brach ächzend zusammen.

Sein Pferd floh durch den Wald.

Webb hob den Kopf, meinte eine Gestalt hinter den Büschen zu sehen und schoss. Aber das Projektil pfiff wirkungslos in die Baumwipfel.

»Ich krieg’ dich schon noch!«, ächzte der Marshal.

 

 

20. Kapitel

 

Ein leiser Pfiff schallte durch die Nacht.

Rose, die schläfrig im Dunkel am Tisch saß, schreckte auf, trat ans Fenster und öffnete es.

Die Nachtluft kühlte ihr Gesicht. Sehen konnte sie nichts.

»Ist da jemand?«

Da war der leise Pfiff wieder.

»Ryan? – Es ist außer mir niemand hier.«

Der Mann kam aus der Schwärze wie aus dem Nichts.

»Ryan!« Rose öffnete die Tür und umarmte ihn. »Ich dachte schon, du kommst vielleicht doch nicht zurück.«

»War niemand hier?«

»Doch. Tagelang haben sie den Rancho nicht aus den Augen gelassen. Und der Marshal sucht dich immer noch in den Bergen. Vor fünf Stunden war er zum bisher letzten Mal hier. Der Eisenschädel gibt so schnell auch nicht auf. Nicht wahr, du hast Sadie Zattig nicht erschossen?«

»Nein, Rose. Ich weiß nicht mal, ob er’s war, der das Rind tötete und auf uns schoss.«

Er setzte sich an den Tisch.

Rose richtete ihm kalten Braten, ohne die Lampe anzuzünden. »Aber wer könnte ihn so hassen, dass er ihn abknallte?«

»Einen Grund dafür gibt’s vielleicht. Die Zattigs hüten ein Geheimnis. Sie haben Gold gefunden. Aber ich hab’ keine Ahnung, ob es außer mir noch jemand weiß.«

»Gold?«

»Ja.« Ryan aß hungrig. »Ich kam eher zufällig dahinter. – Wenn’s noch jemand weiß, ist es Grund genug für einen Mord.«

»Sie haben Gold gefunden.«

Rose beschäftigte die Neuigkeit so sehr, dass sie über Ryans Schluss nicht nachdenken konnte. »Muss man nicht Claimrechte anmelden, wenn man Gold findet und den Fundort ausbeuten will?«

»Schon, aber es ist besser, wenn niemand davon erfährt. Wer Claimrechte anmeldet, lockt die Abenteurer in Scharen an. – Es ist offenbar eine sehr ergiebige Ader.

Details

Seiten
300
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932638
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501752
Schlagworte
westen hölle western-sonderedition band

Autor

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Titel: Im Westen ist die Hölle los -  Band 6