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Mord hat Hauptsaison - Band 2

2019 283 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord hat Hauptsaison

Mord beginnt im Herzen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

Unterschätze niemals Bobo!

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Aus dem Weg geräumt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

Der Autor Horst Bieber

In der Krimi-Sonderedition MORD HAT HAUPTSAISON

Mord hat Hauptsaison

 

 

Krimi-Sonderedition Band 2

 

 

3 Romane in einem Band

 

von Horst Bieber

Deutscher Krimi Preis Träger

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash und Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis:

 

Mord beginnt im Herzen

Unterschätze niemals Bobo!

Aus dem Weg geräumt

 

 

***

 

 

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

***

 

 

Mord beginnt im Herzen

 

 

 

Klappentext:

 

Jens Träger, ein achtjähriges Kind ruft die Eltern seiner gleichaltrigen Schulfreundin an. »Alle sind weg«, flüstert er. »Es ist dunkel und mir ist kalt. Ich möchte bei euch schlafen.« Und als man den verstörten Jungen abholt, wird der schlimmste Albtraum, den man erleben kann, bittere Realität.

In der Diele des Träger-Hauses finden sie die Leiche der erschossenen Mutter, wenig später den ermordeten Vater. Was ist dort nur Entsetzliches geschehen – und hat der Junge die grausamen Bluttaten mit ansehen müssen?

Hauptkommissarin Nele Kayser und eine Kinderpsychologin versuchen den traumatisierten Jungen zum Sprechen zu bringen. Doch nicht jeder in der Abteilung bringt die Geduld dafür auf. Schließlich führen alle anderen verwertbaren Spuren in eine Sackgasse! Der Junge bleibt der wohl einzige Zeuge und die Polizei gerät unter Erfolgsdruck. Mit katastrophalen Konsequenzen für das Kind …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Natürlich hatte gerade die Tagesschau angefangen, als das Telefon klingelte. Ewald Witte schnaubte gereizt und langte nach der Fernbedienung, doch seine Frau war wieder einmal schneller gewesen und hatte ihm das Gerät weggeschnappt. Einem klingelnden Telefon konnte Karla Witte nur selten widerstehen. Sie schaltete den Ton des Fernsehers auf leise und nahm den Hörer auf.

»Witte.« Während sie zuhörte, wurde ihre Miene immer besorgter.

»Ja, Jens, wir kommen gleich und holen dich.«

»Das war Jens«, sagte sie zu ihrem Mann und legte auf. »Seine Eltern sind weg, ihm ist kalt und er will bei uns schlafen.«

»Was heißt: Seine Eltern sind weg? Der Junge spinnt doch wieder.«

Darauf antwortete sie nicht, sondern baute sich vor ihrem Mann auf und stemmte wortlos beide Hände in die Seiten. Diese Geste kannte er nur zu gut. Stöhnend und ächzend nahm er ihr die Fernbedienung ab, schaltete den Fernseher aus und quälte sich auf die Füße.

Bis zum Haus der Färbers fuhr man drei, vier Minuten. Als sie vor der Einfahrt hielten, war das Haus dunkel, bis auf ein kleines vergittertes Fenster neben der Haustür. Die Garage war verschlossen, neben der Einfahrt stand auf der Straße ein großer dunkelblauer BMW ohne Licht. Als das Scheinwerferlicht des Witteschen Autos über die Hausfront strich, öffnete sich die Haustür. Ein kleiner Junge stand dort, starrte ängstlich auf die Scheinwerfer, die ihn blendeten und legte einen Arm vor die Augen. Er presste einen Teddybär an die Brust, das helle Shirt wies große dunkle Flecken auf. Unter dem anderen Arm hielt er einen Schlafanzug. Als Karla Witte ausstieg, erkannte er sie und lief auf das Auto zu. Karla Witte ging ihm schnell entgegen, der Junge nahm ihre Hand und sagte: »Hallo, Tante Karla. Darf ich bei euch schlafen?«

»Ja, Jens, setz dich schon mal ins Auto!« Eberhard Witte war auf die Haustür zugegangen, die Jens nicht ins Schloss gezogen hatte, öffnete sie weit und warf nur einen Blick in die Diele. Dann machte er in panischer Eile kehrt und marschierte auf seine Frau zu. »Frag’ jetzt nichts, Karla!«, zischte er. » Fahr’ mit dem Jungen nach Hause, ich muss noch bleiben, und komm so schnell wie möglich zurück.«

»Was ist denn passiert?«

»Später, eine Tragödie.«

Während sie sich hinter das Steuer setzte, hörte sie gerade noch, wie er ins Handy sagte: »Ich möchte einen Leichenfund melden. Bei Färber, Nussweg 18. Mein Name ist Witte, Eberhard Witte. Ja, ich warte vor dem Haus.«

Die Erste Kriminalhauptkommissarin Nele Kaiser hatte in zwanzig Dienstjahren schon viel gesehen, aber dieser Anblick verschlug ihr doch die Sprache. Die Haustür öffnete sich auf eine geflieste Diele. Vom Eingang aus gesehen, befand sich rechts hinten eine Treppe zum Obergeschoss, gleich links gab es eine Gästetoilette und daneben eine Garderobe. Geradeaus führten Türen in die Zimmer des Erdgeschosses; die Tür links hinten schien in die Garage zu führen. Neben der ersten Stufe der Treppe nach oben stand ein großer, runder Treppenstock. Die tote Frau saß auf dem Boden, mit dem Oberkörper an den Treppenstock gelehnt. sie trug einen bunten, weiten Sommerrock, der sich nach oben verschoben hatte und ein paar schlanke, braune Beine enthüllt. Ihre weiße, bestickte Bluse war auf der Vorderseite blutgetränkt. Blut hatte sich auch neben ihren Oberschenkeln auf den Fliesen ausgebreitet und war zum Teil schon getrocknet. Jemand war achtlos durch die Lache gestapft, hatte auf dem Weg zur Haustür rote Sohlenabdrücke hinterlassen, die von Schritt zu Schritt farbloser wurden. Die Frau hatte Sandalen mit halbhohen Absätzen getragen und beide Sandalen vor ihrem Tod in der Diele verloren. Auf der ersten Stufe der Treppe lag eine offenstehende Handtasche. Ein Schlüsselbund, ein Lippenstift und ein kleiner Parfümflakon waren herausgefallen. Die Frisur der Frau war zerwühlt, als habe sie jemand an den Haaren gepackt und irgendwohin zerren wollen. Sie war eine hübsche Frau gewesen, was auch jetzt noch, nachdem die Muskelspannung aufgehört hatte, gut zu erkennen war.

Nele Kaiser beobachtete den Arzt, der neben der Leiche kniete und den Kopf schüttelte. Dann drehte sie sich zu Eberhard Witte um, der an der Haustür stehen geblieben war und sich offenkundig nicht getraut hatte, die Diele zu betreten und mit entsetzter Furcht regungslos auf die Leiche starrte.

»Sie kennen die Frau, Herr Witte?«

»Ja, das ist Karin Träger.«

»Gibt es eine Familie Träger?«

»Ja, sie ist verheiratet, mit Martin Träger. Das Paar hat einen Sohn, Jens, den wir vor ein paar Minuten abgeholt haben.«

»Und wo ist Jens jetzt?«

»Bei uns, bei meiner Frau, sie hat ihn mitgenommen, nachdem ich die Leiche gefunden hatte.«

»Wissen Sie, wo der Vater ist?«

»Nein. Ich habe Martin Träger seit Wochen nicht mehr gesehen.«

»Haben Sie noch etwas Zeit?«

»Aber ja.«

»Dann warten Sie bitte hier, ich möchte mir kurz das Haus ansehen.« Als der Arzt aufstand, sich die Handschuhe auszog und gehen wollte, hielt sie ihn an. »Lieber Doc, wann ungefähr?«

»Unter dem üblichen Vorbehalt – zwischen vierzehn und sechzehn Uhr.«

»Und wie?«

»Ein Schuss, entweder in eine Herzkammer oder in die Aorta.«

»Deswegen das viele Blut?«

»Genau.«

»Irgendwelche Anzeichen für einen sexuellen Hintergrund?«

»Nein. So nicht erkennbar. Allerdings hat sie Hämatome an den Unterarmen.«

»Sie hat also mit ihrem Mörder gekämpft?«

»Gekämpft, ich weiß nicht, Frau Kaiser. An ihren Händen kann ich jedenfalls keine Abwehrspuren erkennen. Gut möglich, dass der Täter sie an beiden Armen festgehalten hat.«

»Vor dem Treffer?«

»Ja. Wenigstens ein paar Minuten vorher, sodass sich überhaupt Hämatome ausbilden konnten.«

»Ein Einbrecher, den sie überrascht hat?«

Der Arzt zuckte die Schultern; der Fotograf, der bis jetzt Bild auf Bild geschossen hatte, war fertig. Eine Frau und zwei Männer der Spurensicherung, alle in weißen Plastik-Monteuranzügen, begannen, die Nummernschilder einzusammeln. Eine Kollege vermaß die Diele und trug die Ergebnisse in eine Skizze ein, dann die Position der Leiche, bevor ein zweiter die Umrisse des Körpers mit weißer Sprühfarbe markierte. Andere suchten die einzelnen Treppenstufen und die Rückseite des Treppenstocks ab; Nele Kaiser betrachtet die übliche und routinierte Geschäftigkeit und rieb sich gedankenverloren über den linken Nacken, als habe sie dort Schmerzen.

Dann sah sich Nele nach ihrem Kollegen Jan Riedel um: »Auf, auf, zur Hausbesichtigung.«

Die Spusi hatte sich schon alle Fenster und Türen angeschaut und keinen Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gefunden.

Das Wohnzimmer des Träger-Hauses war ein großer, langgestreckter Raum, an einer Längsseite mit einer Glastür auf eine Veranda; dahinter lag der Garten. Gegenüber der Wohnzimmertür in die Diele befand sich eine weitere, jetzt geschlossene Tür. Riedel knurrte ungehalten.

Das Wohnzimmer war mit wuchtigen, schweren Sesseln und »altdeutschen« Möbeln eingerichtet. Doch alle Sessel, Tische, Couchen, Schränkchen waren so an die Wände geschoben, dass in der Mitte ein freier Platz entstanden ist. Ein deutlich helleres Rechteck auf dem Teppichboden verriet, dass hier ein großer Teppich gelegen hatte. Wohin war der verschwunden?

Nele Kaiser und Jan Riedel blieben verdutzt in der Tür stehen und zogen sich Plastik-Fingerhandschuhe über:

»Was soll denn das?«

Sie zuckt die Achseln.

Riedel, der ebenfalls Handschuhe trug, kontrollierte die Fenster, sie waren alle unbeschädigt und fest geschlossen.

»Hier ist er auch nicht rein.«

Nele knurrt etwas Zustimmendes, sah sich um. Auch die zur Seite gerückten Möbel zeigten keine Zerstörung oder Beschädigung, alle Schubladen und Fächer waren geschlossen. Nach Wertsachen hatte der Unbekannte hier nicht gesucht.

Nele ging zur zweiten Tür und drückte die Klinke herunter. Die Tür war abgeschlossen, der Schlüssel fehlte. Sie bückte sich und schaute extra durch das Schlüsselloch, um sich zu vergewissern.

Nele und Riedel sahen sich ratlos an und zuckten die Achseln. Nele verließ eilig das Zimmer und rief draußen: »Werner? Rudi? Kommt ihr mal?«

Die beiden Gerufenen ließen nicht auf sich warten. Einer hatte eine Kamera mit Blitzlichtgerät in der Hand.

Die Hauptkommissarin deutete auf die Tür. »Tür und Schloss, Werner. Und dann öffnen, aber vorsichtig.«

Der Fotograf machte einige Aufnahmen; gleichzeitig suchte der andere den passenden Haken für das simple Türschloss aus seiner Schlüssel- und Werkzeugsammlung.

Der Fotograf trat zur Seite, der zweite Mann machte sich an die Arbeit. Schon beim ersten Versuch fasste der Haken, der Mann klinkte mühelos die Tür auf. »Danke, Rudi. Komm, Jan!«

Es war seltsam still in dem großen Haus, in dem doch fast ein Dutzend Männer und Frauen arbeiteten. Nele und Jan betraten ein Arbeitszimmer mit einem großen Schrank, einem Schreibtisch und einem Rollensessel, der aus seiner üblichen Position weit zur Seite geschoben war. Auch hier gab es keine Zeichen von Einbruch oder Zerstörung.

Hinter dem Schreibtisch lag eine auffällig dicke Teppichrolle. Die Kommissarin knurrte: »Zum Teufel, das ist doch …« und rief dann laut: »Werner!«

Der Fotograf kam in das Zimmer. Sie deutete stumm auf die Teppichrolle. Alle Mitarbeiter der Spurensicherung wussten, dass Nele Kaiser am Tatort immer wortkarg war; sie meinte es nicht unfreundlich, aber sie tat manchmal so, als wolle sie die Totenruhe nicht stören. Und dort, wo sie auftauchte, ging es meistens um Mord und Totschlag.

Werner schoss mehrere Aufnahmen von der Teppichrolle, legte seine Kamera zur Seite und half Nele und Riedel, die stöhnend und ächzend die Rolle hinter dem Schreibtisch hervor in die Mitte des Raumes zerrten.

Riedel brummte: »Das reinste Blei! Warum lässt sich das nicht knicken?«

Werner half, ihnen. Schwer atmend schoben sie zu dritt die Rolle so weit vor, dass sie den Teppich auseinanderrollen können. Riedel erkannte es als Erster: »Um Gottes Willen …«

Schon nach zwei Drehungen wurde die Leiche eines Mannes sichtbar.

Nele fasste sich rasch: »Du, ich fürchte – hol’ doch mal den Witte.«

Riedel sauste aus dem Zimmer.

Der Fotograf nahm seine Kamera und machte Aufnahmen.

Mit viel Mühe schlug sie noch eine Lage zurück, das Gesicht von Martin Träger wurde freigelegt. Dann traten Riedel und Witte ein. Nele stellte sich rasch vor die Teppichrolle: »Herr Witte, wir haben noch eine …«

Nach einem Blick drehte sich Ewald Witte rasch weg, ihm wurde schlecht, Riedel hielt ihn fest, damit er nicht stürzte.

»Sie kennen den Mann?«, fragte Nele betont ruhig.

Witte schluckte krampfhaft gegen en Brechreiz an. »Ja … ja … das ist Träger. Martin Träger. Der Vater von Jens.«

Riedel erkundigte sich besorgt: »Geht’s wieder?«

Witte keuchte: »Ja … danke … aber das kann … die Mutter … und der Vater …«

»Kommen Sie, Herr Witte!«, forderte Nele ihn auf und sagte leise zu Riedel: »Mach du hier weiter. Ich muss zu den Wittes und mit dem Jungen reden.«

Sie nahm Witte am Arm und führte ihn Richtung Zimmertür.

Im Haus der Wittes brannte noch überall Licht. Das Ehepaar wollte Nele mit Fragen bombardieren, aber sie winkte ab und bat, mit Jens sprechen zu können. Karla Witte brachte sie in den ersten Stock: »Muss das sein, Frau Kommissarin? Der Junge ist völlig durcheinander, spricht kein Wort und sieht aus wie der Tod auf zwei Beinen.«

»Ja, es muss sein, leider.«

In dem kleinen Gästezimmer waren die Deckenlampe und die Leselampe neben dem Bett eingeschaltet.

Jens hockte in einem Schlafanzug auf der Bettkante und schaute unbewegt an Nele vorbei, die vor ihm stand, aber Abstand hielt.

Karla Witte wartete an der wieder geschlossenen Zimmertür, eine Hand um die Klinke verkrampft. Sie sah ängstlich und besorgt auf die Frau und den Jungen, schwieg aber.

»Hallo, Jens, ich heiße Nele Kaiser und würde dir gerne ein paar Fragen stellen.« Jens reagierte nicht. »Über das, was heute bei euch zu Hause passiert ist.«

Der Junge ließ nicht erkennen, dass er sie verstanden hatte.

»Kannst du dich noch daran erinnern? Oder möchtest du darüber nicht reden? Du musst vor mir keine Angst haben. Frau Witte ist ja auch da. Gut, wenn du jetzt nicht darüber reden willst, muss es auch nicht sein. Ich komm’ dann ein andermal wieder. Dann geh’ ich jetzt. Gute Nacht, Jens.«

Nele Kaiser, Karla und Ewald Witte trafen sich im Wohnzimmer. Ewald Witte hat sich am Sideboard einen Cognac eingeschüttet, drehte sich um und hielt Nele die Flasche hin. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank, Herr Witte. Könnten Sie mir bitte erzählen, was Sie heute Abend mit Jens erlebt haben?«

Sie setzte sich in einen Sessel und rieb sich die Augen, als Karla Witte endete: »Gut, dann bleibt Jens die Nacht über hier. Wenn es Ihnen keine Mühe macht …«

»Nein, überhaupt nicht«, beteuerte Karla Witte.

»Warum hat Jens gerade bei Ihnen angerufen?«

»Er ist oft bei uns. Wissen Sie, er ist mit Johanna – das ist meine Tochter – befreundet.«

»Schon lange?«

»Seit drei Jahren. Sie gehen zusammen in eine Klasse.«

»Ach so. Wann war Jens das letzte Mal hier bei Ihnen?«

»Heute Mittag.«

»Heute Mittag?«

»Ja, er ist mit Johanna nach der Schule zu uns gekommen und hat hier …«

Ewald Witte mischte sich ein: »Du musst erklären, dass Karin …«

Seine Frau unterbrach ihn: »Jens’ Mutter arbeitet zweieinhalb Tage in der Woche. In der Städtischen Bücherei am Kortmannplatz. Montags und dienstags ganztags, am Mittwochvormittags. An den drei Tagen kommt Jens nach der Schule zu uns und isst bei uns, macht mit Johanna zusammen seine Schularbeiten.«

»Ach ja. Und wann ist Jens heute von hier weggegangen?«

»Wann? – Ich würde denken, gegen vierzehn Uhr. Nein, kurz nach zwei.«

»Er ist nach Hause gegangen?«

»Ja. Er hat einen Schlüssel.«

»Wie lange läuft man von hier zum Haus der Trägers?«

»Zehn Minuten höchstens, wenn er nicht trödelt.«

»Zehn Minuten … Frau Witte, gibt es Verwandte der Trägers, die wir benachrichtigen müssen?«

Ewald Witte mischte sich wieder ein: »Mensch, Karla, das haben wir ja glatt vergessen.«

»Ja, richtig. Andreas Träger. Jens’ Onkel.«

»Wohnt der hier in der Nähe?«

»Ja, auch im Dorf. Hellmersweg 13 oder 15.«

»Ist das weit von hier?«

»Nein, zu Fuß nur eine Viertelstunde.«

Nele erkundigt sich: »Ist es denkbar, dass Jens von Ihnen aus nicht nach Hause, sondern zu seinem Onkel gegangen ist?«

»Das ist sogar gut möglich. Jens liebt seinen Onkel sehr …«

»Abgöttisch«, verbesserte ihr Mann energisch. »Die beiden sind ein Herz und eine Seele.«

»Hellmersweg 13 oder 15.«

»Ein alter Bau. Mit einem großen Schuppen«, erklärte Witte.

Nele stand auf: »Gut, dann fahren wir jetzt mal zu dem Onkel. Wegen des Jungen melde ich mich morgen früh. Gute Nacht.«

Nele ging eilig zur Tür. Karla Witte zögerte, schaute ihren Mann an, der sich abwandte. Dann rief sie der Kommissarin nach: »Frau Kaiser.«

Nele drehte sich um und schaute fragend auf Karla Witte, die die Hände rang: »Ja, Frau Witte?«

»Da ist – da ist noch was.«

»Ja?«

»Die Kleidung. Jens’ Sachen.«

»Ja? Was ist damit?«

Es fiel Karla sichtlich schwer zu sprechen.

»An seinem T-Shirt sind so – so merkwürdige Flecken. Ich fürchte – ich fürchte, es ist Blut.«

Einen Moment verharrten alle schweigend, dann quälte sich Karla Witte hoch: »Ich hole die Sachen.«

Nele drehte sich zu Ewald Witte um, der nur hilflos die Schultern hob: »Verdammt, ich brauch’ noch einen. Wie halten Sie das in Ihrem Beruf aus?«

Witte goss sich reichlich ein. Nele beobachtete ihn ausdruckslos, Witte fing Neles Blick auf.

»Die beiden – die beiden – ich darf nicht daran denken …«

»Ich mache mir im Moment mehr Sorgen um das Kind.«

»Ja. Ja, natürlich. Wie Karla – sie hängt sehr an dem Jungen.«

»Wie alt ist Jens eigentlich?«

»Acht. Wie unsere Johanna.«

Als Karla Witte wieder in das Wohnzimmer kam, hielt sie in der Hand eine Plastiktüte mit Jens’ Kleidung. Sie drückte Nele wortlos die Tüte in die Hand, setzte sich schnell auf ihren alten Platz und schlug beide Hände vor ihr Gesicht.

Wenig später blieben Nele Kaiser und Jan Riedel vor einem alten Haus stehen, in dem kein Licht mehr brannte.

Weil sie keine Klingel und keinen Klopfer fanden, tappten sie durch einen finsteren Garten auf den großen Schuppen seitlich an dem Haus zu. Dort brannten noch Lampen. Sie blieben vor einem Fenster stehen und schauten in den Schuppen.

Ein Mann saß an einem großen Tisch, auf dem eine alte Holztür mit Intarsien-Arbeiten lag. Er hatte ein Stück in der Hand und feilte die Ränder zurecht, probierte dann aus, ob es passte.

»Fleißig, fleißig, der Mann«, spottete Riedel. »Arbeitet bis in die Nacht.«

Vor der Tür des Schuppens rief Nele laut: »Herr Träger!«

Fast sofort näherten sich Schritte der Tür, die umgehend geöffnet wurde, Der fleißige Mann sah das Paar neugierig an: »Guten Abend.«

Nele antwortete: »Guten Abend. Sind Sie Andreas Träger?«

»Ja. Was gibt’s denn um diese …«

»Mein Name ist Nele Kaiser, Kriminalpolizei. Und das ist mein Kollege Riedel.«

Beide zeigten sie kurz ihre Ausweise vor, auf die Träger aber gar nicht schaute.

»Kriminalpolizei? Ist was passiert?«

»Dürfen wir reinkommen?«

»Ja, sicher, natürlich, bitte.«

Träger war sichtlich verwirrt und versperrte immer noch die Tür. Riedel schob ihn sanft zur Seite.

»Wir haben leider eine schlimme Nachricht für Sie«, sagte Nele möglichst ruhig, als sie zu dritt eintraten.

Der Werkstatt-Schuppen war recht groß und mit mehreren Maschinen für Holzbearbeitung ausgerüstet. Außerdem gab es eine große und eine kleine Töpferscheibe, dazu zwei Brennöfen. In einer Ecke war Holz gestapelt. Das Ganze sah zwar nach Arbeit aus, aber auch nach Unordnung.

Träger setzte sich an einen Tisch und fegte mit der Hand sinnlos hin und her über die Platte. Er hatte Mühe, sich zu fassen und zu verkraften, was er gerade gehört hatte.

Nele und Riedel warteten.

»Martin? Und Karin? Das ist ja – mein Gott, wie entsetzlich.«

»Herr Träger, es tut mir sehr leid, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Ja, ja, natürlich – beide ermordet – wer kann denn bloß …«

»Herr Träger, wann haben Sie Ihren Bruder und Ihre Schwägerin zuletzt gesehen?«

»Gestern. Gestern Abend. Ich war drüben, zum Abendessen.«

»Haben Sie sich regelmäßig getroffen?«

»Regelmäßig? Nein, nein. Aber oft, doch, ja, öfter.«

»Und wie steht es mit Jens?«, fragte Riedel.

»Ja, Jens natürlich auch – um Himmels willen, wo ist Jens? Ist dem Jungen auch etwas – etwas …«

»Nein, Jens ist nichts passiert, bestimmt nicht, glauben Sie mir!«

»Wo ist Jens, Frau Kommissarin?«

An Neles Stelle erwiderte Riedel: »Der Junge ist in Sicherheit.«

Riedel antwortet hörbar ungeduldig, was Träger störte, er wandte sich demonstrativ an Nele.

»Wo? Ich muss ihn sehen!«

»Das geht im Moment leider nicht, Herr Träger.«

»Warum denn nicht? Ist doch etwas …?«

»Jens verträgt im Moment keine Aufregung mehr – nein, Herr Träger, tut mir leid, aber Sie können ihn jetzt nicht sehen. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass es ihm gut geht.«

Träger merkte, dass auch Nele sich nicht umstimmen ließ, und senkte den Kopf. Eine ganze Weile schwiegen sie zu dritt. Von draußen drang kein Laut herein, das ganze Dorf schien schon zu schlafen.

»Sie hängen sehr an dem Jungen?«, fuhr Nele endlich fort.

»Ja. Sehr. Wie an einem Sohn.«

Riedel wollte nüchtern wissen: »Ist Jens oft hier bei Ihnen in der Werkstatt?«

»Fast jeden Tag.«

»Aber heute nicht?«

»Nein, heute war er nicht hier.«

»Waren Sie denn den ganzen Tag hier?«

»Ja. Nein, ich bin einmal fortgegangen, ins Dorf, zum Einkaufen. Aber nur ganz kurz. Und Jens weiß, wo ich den Schlüssel verstecke.«

»Herr Träger, können Sie sich vorstellen, wer Ihren Bruder und Ihre Schwägerin ermordet hat?«, fragte Nele sachlich.

Träger überlegte angestrengt und schüttelte dann mutlos den Kopf.

»Was machte Ihr Bruder eigentlich beruflich?«

»Er hat zwei Geschäfte. In der Stadt. Feinkost Träger.«

»Ach ja, die kenne ich«, sagte Nele spontan.

Riedel machte routinemäßig weiter: »Hat Ihr Bruder Feinde? Ist er mal bedroht worden? Verlangt jemand grundlos Geld von ihm?«

»Das weiß ich nicht. Aber nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Können Sie uns etwas über seine Freunde oder Bekannten sagen?«

Träger schüttelte wieder den Kopf.

»Freunde? Er war so beschäftigt – Karin und er waren so beschäftigt, ich glaube nicht, dass sie viel Zeit für Freunde oder Bekannte hatten.«

Riedel wollte weiterfragen, aber Nele winkte heimlich ab, Träger hing jetzt völlig erschöpft an seinem Tisch und hatte schon die letzten Fragen nur wie ein Automat beantwortet.

 

 

2. Kapitel

 

Für Nele Kaiser und Jan Riedel war der Abend noch nicht vorbei. Sie saß am Computer und tippte mit drei Fingern ein Protokoll.

Zwischendurch massierte sie sich den Nacken und die Schulter, als ob dort ein hartnäckiger Schmerz säße.

Auf einem Tisch lag die Plastiktüte mit Jens’ Kleidung.

Riedel schlurfte herein und warf einen Autoschlüsselbund auf Neles Schreibtisch, setzte sich müde und holte seinen Notizblock heraus: »Die Spusi legt sich fest, Nele. Definitiv kein Einbruch. Für alle Fälle hab’ ich eine Wache angefordert.«

»Gut.«

Dabei verzog sie wieder das Gesicht.

»Immer noch der Nacken?«, fragte er.

»Ja, es wird einfach nicht besser. Aber es geht schon.« Dann fuhr sie energisch fort: »Unser lieber Onkel Doktor hat sich wieder mal nicht festlegen wollen. Unter allen denkbaren Vorbehalten meint er, dass Karin und Martin Träger zwischen vierzehn und sechzehn Uhr gestorben sind.«

Er blätterte weiter und gähnte dabei. Nele saß sehr gerade und ordnete, während er aus seinen Notizen was heraussuchte, die Dinge auf dem Schreibtisch mit einer gewissen Pedanterie, was Riedel halb amüsiert, halb spöttisch beobachtete. Sie arbeiteten so lange miteinander, dass sie gelernt hatten, die Macken des anderen ohne Kommentar zu ertragen und auch richtig zu deuten.

»Außerdem hält er es für nicht ausgeschlossen, dass Karin Träger zwischen dreißig und sechzig Minuten vor ihrem Mann gestorben ist.«

»Moment mal, Jan!«

»Was ist?«

»Zwischen vierzehn und sechzehn Uhr, hast du gesagt?«

»Ja. Natürlich vorbehaltlich der Obduktionsergebnisse, du kennst ihn doch auch.«

»Jens ist kurz nach zwei aus dem Witte-Haus fortgegangen. Bis zu seinem Elternhaus braucht er zehn, sagen wir fünfzehn Minuten. Ungefähr. Und er hatte einen Schlüssel.«

»Ja, und? Was hat das – oh, verdammt.«

»Zu seinem Onkel Andreas ist er offenbar nicht gegangen, sonst hätte er dort wohl gewartet.«

»Du meinst, der Junge war im Haus, als die Morde passierten?«

»Zeitlich käme es hin, Jan.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen!«

»Warum nicht?«

»Hör mal, ein Täter, der eine Frau und einen Mann umlegt, soll einen Zeugen verschonen?«

»Ein Kind, Jan.«

»Und wenn schon! Auch ein Kind kann einen Mörder wiedererkennen, das weißt du und das wusste auch der Täter.«

Nele zuckte die Achseln, schaute Riedel einen Moment hilflos an und kaute auf ihren Lippen.

»Außerdem wissen wir nicht, ob Jens von den Wittes wirklich direkt nach Hause gegangen ist.«

»Nein, darum musst du dich noch kümmern.«

Riedel nickte und wollte aufstehen. Nele deutete auf die Plastiktüte: »Schau dir mal das Shirt des Jungen an.«

Riedel suchte Jens’ T-Shirt heraus, faltete es auf und starrte erschrocken auf die dunklen Flecke: »Das ist doch Blut, getrocknetes Blut.«

»Das denke ich auch.«

»Und was heißt das deiner Meinung nach?«

»Dass der Junge seinen Vater oder seine Mutter kurz nach deren Tod angefasst oder berührt hat.«

»Mit kurz nach deren Tod meinst du eigentlich, dass der Mörder …«

»Eben. Dass der Täter den Zeugen Jens eigentlich nicht übersehen haben dürfte.«

»Es sei denn, Jens hatte sich versteckt.«

»Richtig. Stell’ dir mal vor, ein achtjähriger Junge versteckt sich vor einem Mörder und sieht zu, wie seine Eltern umgebracht werden …«

Riedel schüttelte sich, sagte aber nichts und packte langsam, wie in Gedanken versunken, die Kleidungsstücke wieder in die Plastiktüte.

Nele richtete sich plötzlich auf: »Nein, das Risiko übernehme ich nicht.«

»Welches Risiko?«

»Wir haben doch eine Psychologin unter Vertrag. Eine speziell für Kinder.«

»Ja, warum willst du …«

»Kannst du dich noch an den Namen erinnern? Irgendwas mit Wald oder Baum oder so.«

Während sie sprach, begann sie hektisch in einer Schublade zu wühlen.

»Willst du sie etwa jetzt anrufen? Um diese Zeit?«

»Warum nicht? Wir arbeiten ja auch noch.«

»Das hat doch Zeit bis morgen, ich meine, bis heute früh.«

»Nein. Ich verstehe ja nicht viel von Psychologie, aber ich will kein Kind aushorchen, das unter Umständen zusehen musste, wie seine Eltern ermordet wurden. Und ohne Aussage des Jungen haben wir keinen Hinweis auf den Täter.«

Dabei wühlte sie unverdrossen weiter, fand aber nicht, was sie suchte.

»Das vermutest du doch nur.«

»Genau. Und das reicht mir völlig aus, jemanden aus dem Schlaf zu klingeln.«

Riedel war anderer Meinung, aber er wollte nicht widersprechen.

»Ambusch heißt sie, Jutta Ambusch.«

»Richtig.«

»Und ihre Telefonnummer steht im Behördenverzeichnis, wie es sich gehört.«

»Danke, verehrter Kollege.«

»Bitte, bitte. Es ist mir eine Ehre, meiner erfahrenen Chefin im Rahmen meiner bescheidenen Fähigkeiten behilflich zu sein, und du denkst hoffentlich daran, dass man seine Meinung ändern kann. Auch, wenn man als Mörder seinen Tatzeugen zunächst gnädigst geschont hat und dann anfängt, über die Tat und möglichen Konsequenzen nachzudenken.«

»Ich glaube, wir haben wieder dieselbe Idee.«

»Was mich freuen würde, verehrte Chefin. Ist dir auch der Gedanke gekommen, dass ein kleiner Schluck jetzt unsere Lebensgeister aufwecken und deinen Schmerz betäuben würde?«

Sie bejahte und er opferte aus seinen Vorräten einen trinkbaren Whisky, besorgte sogar Eis und Soda.

 

 

3. Kapitel

 

Jutta Ambusch schlief schon tief. Als das Telefon neben ihrem Bett zu klingeln begann, fuhr sie erschrocken hoch und brauchte einige Zeit, sich zu fassen und aufzuwachen.

Endlich nahm sie das Gerät hoch: »Ambusch … ja … was? Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?«

Sie verdrehte den Oberkörper, um auf den Wecker zu schauen: »Deshalb rufen Sie mitten in der Nacht an? Hat das nicht … natürlich bin ich … was? Sagen Sie das nochmal!« Sie setzt sich auf und hörte zu, jetzt nicht mehr ärgerlich, sondern interessiert: »Sind Sie sicher? … Ja, ich verstehe … Wie Sie meinen … also um sieben Uhr dreißig bei Ihnen im Präsidium.«

Sie legte auf, blieb einen Moment noch sitzen und legte sich vorsichtig hin, die Hände über der Bettdecke gefaltet.

 

 

4. Kapitel

 

Im Gästezimmer des Witte-Hauses konnte Jens Träger nicht schlafen. Er lag wach im Bett und starrte blicklos zur Decke hoch. Die Deckenlampe brannte nicht mehr, über die Nachttischlampe war ein Tuch gehängt, um das Licht zu dämpfen. Ab und zu ballte er die Fäuste, aber er weinte nicht.

 

 

5. Kapitel

 

Nele, Riedel und Jutta Ambusch kamen auf dem Hof des Polizeipräsidiums zusammen. Dort parkten schon viele Autos, andere fuhren vor, Beamte stiegen aus und grüßten lässig in Richtung des Trios.

Nele rieb sich wieder den Nacken, ihr Gesicht verriet Zorn und Ungeduld.

»Frau Kaiser, das ist – das widerspricht allem, was die Psychologie …«, brachte Jutta Ambusch hilflos vor und schaute Riedel an, als erwarte sie von ihm Hilfe.

»Soll ich das Kind in ein Heim geben?«

»Das wäre sicherlich das Beste, damit der Junge Abstand gewinnt.«

»Den gewinnt er bei Ihnen. Und durch Sie.«

»Nele, Frau Ambusch hat aber schon Recht, wenn sie …«, begann Riedel behutsam.

»Nein! In ein Heim?! Der Junge hat etwas Fürchterliches erlebt, und Sie wollen ihn in ein Heim stecken?«

»Heim ist nicht gleich Heim«, wehrte sich Jutta Ambusch, »und das wissen Sie genau.«

Nele hatte ihr gar nicht zugehört, sie drehte sich von Jutta Ambusch weg, redete nur mit Riedel.

»Der Junge hat was gesehen, sonst wäre er nicht so. Und das wird er uns erzählen. Irgendwann. Ich habe Zeit. Und wenn er ein Jahr braucht, die Blockade in seinem Kopf oder seinem Gemüt aufzulösen, dann warte ich eben ein Jahr. Das Kindeswohl solle die Richtschnur sein, bläut man uns doch immer ein. Und danach werde ich mich jetzt verhalten.«

Damit schien Riedel nicht einverstanden, aber Neles Miene ließ keinen Zweifel, dass sie entschieden hatte und als Vorgesetzter mit ihm sprach. Er zog unbehaglich die Schultern hoch: »Du bist der Boss.«

»Frau Kaiser, ich sage noch einmal …«

Nele fuhr sie kurz und unfreundlich an: »Sie müssen nicht, Frau Ambusch. Wenn Sie nicht einverstanden sind, können wir uns einen anderen Fachmann suchen.«

Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging auf ihr Auto zu.

Jutta Ambusch und Jan Riedel schauten sich betreten an.

»Ist sie immer so?«

»Wenn Nele sich was in den Kopf gesetzt hat …«

»Das verstößt gegen alles, was ich gelernt habe.«

»Sie knöttert, aber sie beißt nicht. Die Chefin hat Schmerzen seit einem Autounfall, aber ihre Laune wird auch wieder besser.«

Jutta Ambusch kämpfte mit sich, bis Riedel, der ihr Gesicht und ihre Figur voller Wohlwollen betrachtete, sie leicht anstupste.

»Ich freue mich jedenfalls auf unsere enge Zusammenarbeit.«

Jetzt lachte sie unsicher und nickte; dass Riedel nicht nur eine streng dienstliche Zusammenarbeit angedeutet hat, konnte sie nicht überhören, so wenig, wie er übersehen wollte, dass sie eine attraktive Frau war.

 

 

6. Kapitel

 

Bei den Wittes hatte um viertel vor acht der Hochbetrieb im Esszimmer schon aufgehört. Am Tisch saßen nur noch Jens, wort- und bewegungslos, und Johanna Witte, ein lebhaftes und sehr ansehnliches Mädchen, das gelernt hatte, sich gegen zwei ältere Brüder notfalls auch körperlich durchzusetzen. Auf den vier anderen Plätzen stand gebrauchtes Geschirr. Zwei aktive Jungen zogen sich in der Diele lautstark ihre Jacken an.

Johanna aß noch mit vollen Backen. Jens hatte nichts angerührt, sondern trank nur schlückchenweise seine Milch.

»Warum isst du nichts? Hast du keinen Hunger?«, wollte Johanna wissen.

Er reagierte nicht.

»Oder schmeckt es dir nicht?«

Sie griff energisch in den Brotkorb und legte ihm ein Brötchen auf den leeren Teller: »Schmieren musst du selber!«

Ihre Mutter kam in den Raum, schaute auf den Tisch, dann auf Jens und bemühte sich, keine Reaktion zu zeigen und ihre Sorge zu unterdrücken.

»Komm, Jo, es wird Zeit für dich.«

»Wieso für mich? Und für Jens?«

»Jens geht heute nicht in die Schule.«

»He, warum das? Wenn er nicht gehen muss, will ich auch zuhause bleiben.«

»Nix da! Du machst dich jetzt fertig, junge Dame.«

Johanna maulte. Sie hatte von der ganzen Tragödie noch nichts mitbekommen und benahm sich völlig normal.

»Ist Jens krank?«, wollte sie von ihrer Mutter wissen.

»Ja, so könnte man es nennen.«

»Immer sind die anderen krank, und ich muss in die Schule.«

Dabei stopfte sie den letzten Bissen in den Mund und kletterte von ihrem Stuhl, legte eine Hand auf Jens’ Arm und sagte mitleidig: »Dann werd’ bloß rasch wieder gesund, Jens. Alleine ist es in der Schule so langweilig.«

Er reagierte wieder nicht, ließ sich aber die Berührung gefallen.

Johanna tobte aus dem Esszimmer und rief dabei:

»Tschüss, bis nachher.«

Karla Witte blieb an der Tür stehen und schaute auf Jens, der unverändert auf seinen Teller starrte und sich nicht rührte.

Draußen rief Johanna: »Wartet doch, ihr blöden Kerle!«

Einer ihrer Brüder rief zurück: »Dann beeil dich, du Trödelsuse.«

»Oller Petzer!«

Der sich anbahnende handfeste Streit wurde durch die Türklingel unterbrochen. Karla Witte ging rasch aus dem Esszimmer.

Jetzt hob Jens den Kopf und legte das Brötchen sorgfältig in den Brotkorb zurück.

Karla Witte kam mit Jutta Ambusch, Nele Kaiser und Jan Riedel zurück ins Esszimmer. Nele setzte sich zu Jens an den Tisch, der Junge schaute stur an ihr vorbei.

»Guten Morgen, Jens. Erinnerst du dich noch an mich? Wir haben uns gestern Abend gesehen.«

»Das ist Jutta.«

»Guten Morgen, Jens«, sagte Jutta, hob eine Hand und versuchte nicht, ihn zu berühren.

Nele fuhr fort: »Jutta will mir helfen.«

»Und deshalb würde ich mich gern mit dir unterhalten, Jens.«

»Ich heiße Jutta Ambusch. Sag’ ruhig Jutta zu mir.«

Jens blieb stumm und schaute wieder auf seinen Teller.

»Du musst nicht mit mir reden. Wenn du lieber schweigen willst, ist mir das auch recht.«

Jens gab nicht zu erkennen, dass er sie verstanden hatte, griff nach seiner Milchtasse und trank.

Nele stieß Karla Witte an, die sich neben die Tür stellen wollte, und deutete mit dem Kopf Richtung Diele. Sie gingen hinaus.

In der Diele schloss Nele sorgfältig die Tür zum Esszimmer, Karla Witte lehnte sich an die Garderobe:

»Ist er schon den ganzen Morgen so stumm?«

»Ja. Bisher kein einziges Wort.«

»Aber er versteht, was Sie ihm sagen?«

»Doch, ja, er tut auch brav, was man ihm sagt. Aber sonst …«

Nele nickte: »Er fühlt sich sichtlich unwohl, weil er was auf dem Herzen hat.«

Nele holte tief Luft: »Frau Witte, wir müssen Jens mitnehmen.«

»Wie bitte?«

»Ja, da hat sich leider was Unangenehmes herausgestellt.«

»Was heißt das? – Unangenehmes?«

Riedel, der sich die ganze Zeit völlig still verhalten hatte, kam in die Diele. Er spürte den stummen Machtkampf zwischen den beiden Frauen, wusste auch, dass sich seine Chefin zum Schluss durchsetzen würde, aber wünschte sich plötzlich, Nele möge der hilfsbereiten Karla Witte eine Demütigung oder einen Befehl ersparen. Sie schien seine Gedanken zu ahnen, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und griente schuldbewusst: »Also, wie soll ich – na schön, ganz offen: Es besteht die Möglichkeit, dass Jens im Hause war, als seine Eltern ermordet wurden.«

»Um Gottes willen! Dann hat er gesehen, wie seine …?«

»Das ist leider gut möglich, ja. Aber es gibt noch eine viel größere Gefahr.«

»Welche meinen Sie?«

»Dass der Mörder Jens bemerkt hat.«

Karla Witte brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, was das bedeutete: »Und Sie befürchten jetzt, dass es sich der Mörder anders überlegen kann?«

Nele nickte und grübelte einen Moment.

»Dann kann Jens nicht hier bleiben?«

Nele schüttelt den Kopf: »Im Moment deutet vieles darauf hin, dass es sich nicht um einen Raub oder missglückten Einbruch handelt. Wir müssen also befürchten, dass der Täter die Lebensumstände der Färbers kennt und auch weiß, wie oft Jens bei Ihnen ist. Bei Ihnen, Johanna und Ihren Söhnen.«

»Und wenn wir versprechen, niemanden ins Haus zu lassen? Und rund um die Uhr aufzupassen?«

»Nein, Frau Witte, es tut mir aufrichtig leid, aber wir müssen Jens an einem unbekannten Ort verstecken. Zu seinem und auch zum Schutz Ihrer Familie.«

»Unter fremden Menschen? Nach dieser Tragödie?«

Nele nickte energisch, Karla Witte zuckte halb enttäuscht, halb resignierend die Achseln.

»Ich habe noch eine Bitte. Könnten Sie mit uns zum Träger-Haus fahren und dort ein paar Sachen für Jens einpacken?«

»Meinetwegen.«

Im Esszimmer saßen Jutta und Jens unverändert am Tisch, sie schwieg und sah sich lächelnd um, Jens hielt den Kopf gesenkt, schaute aber hoch, als Nele den Raum betrat.

»So, Jens, hör mir bitte zu. Du musst jetzt die nächste Zeit bei Jutta wohnen. Hast du das verstanden?«

Jens hockte noch eine ganze Weile stumm und regungslos vor seinem Teller; dann stand er unvermittelt auf, als habe er es plötzlich eilig, von hier wegzukommen. Als er an Karla Witte vorbeilief, übersah er ihre ausgestreckte Hand.

Damit überraschte er auch Jutta, die noch hastig und mit besorgter Miene den Rest ihres Kaffees austrank und sich mit einem geflüsterten »Tut mir sehr leid« von Karla Witte verabschiedete.

 

 

7. Kapitel

 

Vor dem Träger-Haus hatte sich nichts verändert, die nächtliche Wache war abgerückt. Nele und Karla Witte stiegen aus Neles Auto, Karla Witte holte von der Rückbank zwei große leere Reisetaschen, Nele nahmt ihr eine ab.

Vor der Haustür wartet Andreas Träger.

Nele streckte Andreas Träger die Hand hin, der sie flüchtig schüttelte: »Bitte, Frau Kaiser, wo ist Jens?«

»Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Noch nicht. Aber danke, dass Sie gekommen sind.«

Er wollte protestieren, doch sie legte einen Finger vor ihre Lippen.

Als die beiden Frauen die Haustür öffneten und hineingingen, blieb er trotzig stehen, folgte ihnen dann aber.

Karla Witte war allein in Jens’ Kinderzimmer hochgegangen. Sie hatte zwei Reisetaschen fast gefüllt. Zur Kontrolle sah sie sich noch einmal um. Für ein Kinderzimmer war der Raum sehr kahl und nüchtern eingerichtet.

Nele hatte sich am Hause noch einmal umgesehen und stand in einem kleinen Flur vor einer Tür, der Schlüssel steckte auf ihrer Seite im Schloss, Die Tür führte in die Garage. In der Doppelgarage parkte ein kleines rotes Auto, der zweite Platz war frei.

Das Klapptor war verschlossen. Einen Moment sinnierte sie und rieb sich mit der flachen Hand das Kinn. Dann ging sie ins Haus zurück.

Andreas Träger kam in den Flur und räusperte sich: »So weit ich das beurteilen kann, ist nichts gestohlen worden.«

»Komisch.«

»Sogar das Geld im Schreibtisch ist noch da. Karins Schmuck auch.«

»Das wird immer verrückter … diese Tür zur Garage, Herr Träger, ist die immer unverschlossen?«

»Tagsüber ja.«

»Das kleine rote Auto in der Garage – gehört das Ihrer Schwägerin?«

»Der kleine rote Wagen? – Ja.«

»Haben Sie eine Ahnung, wo der Wagen Ihres Bruders ist?«

»Der steht doch auf der Straße. Direkt neben der Einfahrt. Ein großer blauer BMW.«

»Auf der Straße. Tja.«

»Stimmt was nicht?«

»In diesem Fall stimmt nichts. Aber auch gar nichts.« In der Diele sagte Karla Witte laut: »Ich bin fertig.«

»Prima. Dann können wir gehen.«

Andreas Träger rührte sich eine Weile nicht und starrte auf die Kreidelinien, die in Umrissen den Fundort der Leiche von Karin Träger zeigten. Er schauderte und ging steifbeinig zu den wartenden Frauen. an der Haustür.

 

 

8. Kapitel

 

Im Gästezimmer ihres Hauses räumte Jutta Ambusch auf und aus, bezog das Bett und sprach dabei mit Jens, ohne von ihm eine Antwort zu erwarten. Der Junge stand die ganze Zeit über stocksteif und stumm im Zimmer, als sei er so wenig da wie Jutta.

»Das ist mein Gästezimmer, Jens, manchmal schlafen hier Kinder, die mich besuchen … ich hab’ oft Besuch von Kindern, weißt du … und wenn sie abends nicht nach Hause wollen, können sie hier übernachten … ein paar Tage wirst du es hier doch aushalten, was meinst du? … und zum Spielen habe ich für meine Gäste ein anderes Zimmer.«

An der Haustür klingelte es in einem bestimmten Rhythmus.

»Das wird Frau Kaiser sein, sie bringt deine Sachen.«

Auch als Jutta ging, um zu öffnen, rührte Jens sich nicht von der Stelle, schaute sich aber verstohlen in dem Zimmer um.

Draußen forderte Jutta auf: »Kommen Sie herein, Frau Kaiser. Bei uns ist alles in Ordnung.«

»Sehr schön, danke.«

»Die zweite Tür rechts.« Jens drehte den Kopf nach links zur Tür, wo Jutta mit Nele erschien, die beiden Taschen absetzte.

Jens schaute sie nicht an und sagte nichts. Ob er das absichtlich tat oder Nele wie ein Blinder und Taubstummer einfach nicht wahrnahm, war ihm nicht anzusehen.

»Ich hab’ deine Sachen mitgebracht.«

Wieder gab es keine Reaktion von Jens. Er schien sich nicht zu fürchten, er hatte wohl beide Frauen erkannt, aber er schien in einer Glasröhre zu stecken, die wohl Töne hereinließ, aber keinen Laut heraus. So, wie Jens da mit hängenden Armen stand, hätte er gut eine Schaufensterpuppe für Kindermoden sein können. Weil Nele den Mund öffnete, stieß Jutta sie an und legte kurz einen Finger vor die Lippen. Nele verstand und sagte laut:

»Ich muss auch gleich wieder gehen. Tschüss, Jens.«

»Wiederseh’n, Frau Kaiser«, sagte Jutta auch betont laut, nahm beide Taschen und stellte sie auf dem Bett ab. Jens beobachtete aus den Augenwinkeln, was sie tat, Er vermied, den Kopf zu drehen und ihr damit zu zeigen, dass er ihr Tun verfolgte. Seine gespannte Miene verriet, dass er auf alles gefasst war, auch auf unangenehme Überraschungen. Jutta zog beide Reißverschlüsse auf, nahm aus einer Tasche einen Stapel Wäsche heraus. Darunter wurde ein Teddy sichtbar.

»Du kannst mir was helfen. Legst du das bitte in den Schrank?«

Sie trug den kleinen Stapel auf beiden Händen und hielt ihn Jens hin. Weil er nicht reagierte, wollte sie ihm den Stapel in die Hände drücken.

»Bitte.«

In dem Moment, wo ihre Hände ihn berühren, wich er so hastig zurück, dass die Wäsche zu Boden fiel. Dabei legte er beide Hände schützend vor das Gesicht, als fürchtete er eine Ohrfeige für seine Ungeschicklichkeit. Er trat noch einen Schritt zurück.

Jutta sagte nichts, lächelte ihn nur an und bückte sich, um die Wäsche aufzuheben.

Jens schob sich zur Seite, damit sie ihn auf keinen Fall wieder berühren konnte. Dabei schaute er in die Tasche und bemerkte seinen Teddybären. Er nahm ihn aus der Tasche und warf ihn weit unter das Bett, wobei er darauf achtete, Jutta nicht zu berühren, die dicht neben ihm noch die Wäsche auflas.

 

 

9. Kapitel

 

Auf dem Nussweg, an dem auch das Haus der Trägers lag, hatte ein Streifenwagen halb schräg geparkt. Riedel unterhielt sich am Zaun mit einer Frau, die im Vorgarten ihres Hauses arbeitet.

Sie fragte zurück: »Wann? Warten Sie mal – also, die Karin Träger ist gestern so gegen viertel vor zwei zurückgekommen.«

»Dreizehn Uhr fünfundvierzig. Sind Sie sicher?«

»Na ja, nicht auf die Minute natürlich, aber doch, es war viertel vor zwei.«

»Wie ist sie zurückgekommen? Zu Fuß?«

»Nein, nein. In ihrem roten Flitzer.«

Sie streckte die Hand aus und deutete die Straße hinunter.

Das Träger-Haus lag siebzig, achtzig Meter entfernt.

Zwei Kinder hatten sich den Streifenwagen gründlich angeschaut und kamen jetzt neugierig näher. Der größere Junge fragte: »Sind Sie ein Polizist?«

»Ja, bin ich.«

»Stimmt es, dass die Eltern vom Jens ermordet worden sind?«

»Leider, ja. Kennt ihr den Jens Träger?«

Der Kleinere antwortete: »Sicher, ja.«

Der Größere fragte weiter: »Wissen Sie schon; wer’s war?«

Diese Frage überhörte Riedel: »Wann habt ihr den Jens zum letzten Mal gesehen?«

»Am Mittag.«

»Was denkst du, weißt du es noch etwas genauer?«

»Wir hatten gerade gegessen. Nach zwei.«

»Nach zwei Uhr. Und wohin ist der Jens gegangen?«

»Nach Hause.«

Das kleinere Kind deutete wie die Frau in Richtung des Träger-Hauses.

»Waren die Eltern da schon tot?«

Riedel schnaufte ärgerlich: »Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«

»Ja, sicher.«

»Ich auch! Aber nicht weitersagen!«

Das größere Kind zog eine Flappe und ging weiter, das kleinere Kind zögerte noch: »Es war bestimmt nach zwei Uhr, Herr Kommissar.«

»Vielen Dank, du hast mir sehr geholfen.«

Danach lief das kleinere Kind seinem Kameraden nach.

Die Frau hatte zugehört: »Schrecklich neugierig, diese Kinder.«

Riedel nickte ihr nur freundlich zu, antwortete aber nicht und ging zum Träger-Haus. Rings um das Haus herum suchten Männer den Boden nach Spuren und Gegenständen ab, unter ihnen ein älterer Polizist in Uniform. Riedel sah den Männern einen Moment zu und rief dann laut:

»Herr Klinke!«

Der uniformierte Polizist richtete sich dankbar auf, massierte sein Kreuz und kam auf Riedel zu.

»Herr Klinke, hat’s hier im Ort eigentlich in letzter Zeit Einbrüche oder Überfälle gegeben?«

Der Polizist nahm vor der Antwort seine Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn: »Nee, das nicht. Aber ein paar Junkies treiben sich hier herum, und seitdem passen die Leute auf Fremde auf. Und einige – na ja – die haben sich sogar eine Waffe besorgt.«

»Ach nee!«

»Ja, der Träger, also, der Martin Träger auch.«

»Mich laust der Affe!«

»Ich weiß nicht, Herr Riedel. Einbruch – tja, vielleicht, aber Mord? Doppelmord?«

»Sie wissen doch, Herr Klinke: Angst ist wie eine Lupe und vergrößert jede Gefahr.«

»Da haben Sie leider Recht, Herr Riedel.«

 

 

10. Kapitel

 

Jens und Jutta inspizierten das Spiel-/Therapiezimmer der Ambusch-Wohnung. Es war ein langer, recht schmaler Raum mit mehreren Fenstern an einer Längsseite zur Straßenseite. Die Tür befand sich am Ende der Längswand gegenüber. Am Fenster, gegenüber der Tür, stand ein verschlissener Ohrensessel, daneben eine moderne Stehlampe. Unterhalb der Fenster war eine mehrere Meter lange Arbeitsplatte angebracht, davor standen mehrere Kinderstühle verschiedener Höhe. An der anderen Längswand hatte Jutta Kästen und Kisten mit Spielzeug aufeinander gestapelt.

Jutta erklärte Jens das Zimmer; dabei erwartete sie keine Antworten.

»Hier hast du Baukästen. Und Papier. Stifte. Wenn du mit Wasserfarben malen willst – Wasser musst du dir im Bad holen. Du darfst machen, was du willst. Du brauchst mich vorher nicht zu fragen, das soll ein Spielparadies für Kinder sein, weißt du, da haben Erwachsene gar nichts zu sagen. Wenn du willst, gehe ich raus, und wenn du’s mir erlaubst, bleibe ich gern bei dir hier im Zimmer und setze mich da in den Sessel.«

Während des Monologs zeigte sie ihm verschiedene Sachen. Es interessierte ihn wohl, aber er bekam den Mund zu Fragen nicht auf. Jens folgte ihr in größerem Abstand, gab kein Mal direkt zu erkennen, dass er zuhörte, nahm aber verschiedene Gegenstände in die Hand, betrachtete sie, legte sie wieder weg, als ob er sich nicht entscheiden könne.

»Du musst dir noch einen Stuhl mit der richtigen Höhe aussuchen. Das ist dann dein Stuhl, solange du hier bist.«

Jens schien nicht zuzuhören. Er hatte einen Kasten mit Legosteinen entdeckt, in dem auch Menschenfiguren lagen. Er suchte sich einen Mann, eine Frau und ein Kind her aus, legte sie zur Seite, verlor das Interesse und schaute sich weiter andere Spielsachen an.

Jutta setzte sich in den Ohrensessel. Jens blieb stumm, aber sah mit freundlicher Miene zu.

Dann ging er schnell aus dem Zimmer.

Sie blieb sitzen, richtete sich aber auf und lauschte etwas besorgt.

Jens kam nach einer Weile zurück. In der Hand hielt er ein Glas, halbvoll mit Milch. Er suchte sich in der entferntesten Ecke einen Platz auf dem Tisch, stellte das Glas ab und probierte dann einen der Stühle aus. Er erschrak, als der Stuhl beim Hineinsetzen wippte, sprang auf und schob den Schaukelstuhl weg und suchte sich einen anderen, niedrigeren Holzstuhl, den er neben das Glas rückte. Er setzte sich, griff nach dem Glas und trank schlückchenweise, schaute dabei aus dem Fenster.

Jutta hatte aufmerksam registriert, dass sich Jens nicht ungeschickt wie ein Kind mit zu viel Kraft bewegte, sondern auf merkwürdige Art steif und ungelenk, als seien Gelenke eingerostet und Muskeln blockiert. Doch sie ließ sich nichts anmerken, saß ruhig in ihrem Sessel.

 

 

11. Kapitel

 

Zur gleichen Zeit trafen sich Nele, Riedel, Kriminalrat Simon, Hauptkommissar Loskill, der Leiter der Pressestelle, Staatsanwalt Hase und zwei Mitarbeiter des Jugendamtes bei Simon.

Nele wütete: »Wenn Sie’s genau wissen wollen: Das Jugendamt kann mir im Mondschein begegnen. Stundenlang.«

Der grauhaarige Mitarbeiter des Jugendamtes ließ sich nicht so leicht einschüchtern: »Wir haben auch unsere Vorschriften, Frau Kaiser.«

Sein glatzköpfiger Kollege assistierte: »Und das Gesetz, Frau Hauptkommissarin. Auf unserer Seite.«

»Stecken Sie sich den Gesetzestext irgendwo hin, wo’s nötig …«

»Nele!«, mahnte Simon.

»Ja, ist doch wahr, Chef. Ich rücke den Jungen nicht raus, da können die sich auf den Kopf stellen.«

»Das müssen Sie uns begründen«, verlangte Staatsanwalt Hase.

»Gut, Herr Staatsanwalt. Erstens haben wir mehrere Zeugenaussagen, nach denen es wahrscheinlich ist …«

»Ne, fast sicher«, korrigierte Riedel.

»… fast sicher ist, dass sich Jens zur Tatzeit im Haus befand.«

»Steht denn fest, dass beide Morde im Hause der Trägers verübt worden sind?«, fragte Simon dazwischen.

»Ja. Kein Zweifel, Chef. Zweitens haben wir Hinweise darauf, dass Jens nicht nur seine ermordeten Eltern gefunden hat, sondern Zeuge des Doppelmordes wurde.«

»Auf die Hinweise bin ich aber gespannt«, höhnte der Grauhaarige.

»Dann entspannen Sie sich wieder: denn die werde ich nur den Zuständigen erläutern.«

»So was hab’ ich erwartet.«

Riedel schnauzte ihn an: »Dann sind Sie ja jetzt auch nicht enttäuscht.«

Hase mahnte: »Herrschaften! Bitte!«

»Und drittens besteht der Verdacht, dass der Mörder Jens wohl bemerkt, aber gestern den Jungen hat laufen lassen. Den einzigen Zeugen wohlgemerkt, der ihn nach dem heutigen Ermittlungsstand lebenslang hinter Gitter bringen kann. Und deshalb, meine Herren vom Jugendamt, bleibt der Junge versteckt, bis wir den Täter festgenommen haben. Keines ihrer Heime kann für seine Sicherheit garantieren. Und wir nicht für die Sicherheit der anderen, dort untergebrachten Kinder, mit denen Jens zusammentreffen würde.«

Hase sagte: »Das klingt vernünftig.«

Der Glatzkopf fuhr ihm in die Parade: »Wenn alles so stimmt, was die Frau Hauptkommissarin hier vorträgt …«

»Ich heiße Nele Kaiser.«

»Vielen Dank, das war mir bekannt. Und zwar ohne die geringsten Beweise behauptet …«

»Moment mal!«, brauste Simon auf. »Wollen Sie damit andeuten, dass einer meiner Mitarbeiter hier Märchen erzählt?«

»Ich will gar nichts andeuten.«

»Dann empfehle ich Ihnen, sich nicht so missverständlich auszudrücken.«

Der Glatzkopf wurde ungeduldig: »Wir drehen uns doch im Kreis. Das Gesetz schreibt nun einmal klipp und klar vor, dass für den minderjährigen Jens das Jugendamt die Verantwortung übernimmt.«

Damit war Staatsanwalt Hase nicht einverstanden: »Dieser Interpretation kann ich nicht zustimmen, meine Herren. Hier geht es darum, dass ein minderjähriger Zeuge, der unter Schock steht, nach sachverständiger Bekundung einer erfahrenen Ermittlungsbeamtin möglicherweise in Lebensgefahr schwebt. Deshalb bleibt der Junge in dem Versteck.«

Der Grauhaarige widersprach prompt: »Damit sind wir nicht einverstanden, Herr Staatsanwalt.«

»Das ist Ihr gutes Recht. Rufen Sie das Vormundschaftsgericht an und besorgen Sie sich eine andere Entscheidung.«

»Worauf Sie sich verlassen können. Guten Tag.«

»Wiederseh’n.«

Die beiden Jugendamts-Mitarbeiter verließen aufgebracht das Zimmer, die Tür knallte ins Schloss.

»Vielen Dank, Herr Staatsanwalt.«

»Keine Ursache.

Simon schaute in die Runde: »Dann sind wir uns einig? Nele und Riedel machen weiter, wie sie es für richtig halten?«

Hase nickte: »Ich habe keine Einwände. Wie halten wir’s mit der Öffentlichkeit?«

Jürgen Loskill, der Leiter der Pressestelle, räusperte sich so laut, dass sich alle nach ihm umdrehten, und Hase fragte: »Wollten Sie was sagen, Herr Loskill?«

»Die Presse wird uns löchern. Sie hat von dem Doppelmord schon gehört.«

Nele war auf Neunundneunzig: »Wenn ich den Kerl erwische, der den Mund nicht gehalten hat, begehe ich einen Mord. Und dir drehe ich das Kinn in den Nacken, wenn du ein Sterbenswörtchen verlauten lässt, Loskill.«

Weil alle laut auflachten, konnte keiner die Bemerkung in den falschen Hals kriegen. Nur Loskill wiegte bedächtig den Kopf: »Also schließe ich aus der allgemeinen Heiterkeit, dass wir …«

»Ganz recht, Herr Loskill. Vorerst überhaupt keine Informationen an die Presse. Ob, wann und was entscheide alleine ich.« Staatsanwalt Hase war ein recht junger, höflicher und zuvorkommender Mann; dass er auch Autorität besaß, zeigte sich nur bei solchen Gelegenheiten.

»Na schön, dann bin ich so stumm wie Neles Zeuge.«

Nele rieb sich den Nacken und fing einen besorgten Blick des Kriminalrates auf.

»Ja, es zwickt immer noch.«

»In deinem Alter sollte man …«

»Danke für den Kaktus. Ich weiß schon, was ich tue. Und Jan passt auf mich auf.«

Staatsanwalt Hase hatte den kleinen Wortwechsel gehört und grinste zu Simon hinüber. »Was meinen Sie? Gibt es Ärger mit dem Jugendamt?«, fragte er halblaut. Simon grunzte: »Keine Spur. Die sind wegen des Kindes, das sie Pflegeeltern im Methadonprogramm anvertraut haben und das sich mit dem Zeugs vergiftet hat, so im Verschiss, dass sie ganz still halten werden.«

Minuten später holten Nele und Riedel ihre Autos. Nele war offenkundig mit den Gedanken ganz woanders, was Riedel auffiel:

»Du bist doch sonst die Ruhe auf zwei Beinen. Warum auf einmal so nervös?«

Nele presste die Lippen zusammen.

»Der Junge macht dir Sorgen?«

Nach längerem Zögern nickte sie unsicher.

»Mein Gott, Nele, wir haben doch nicht zum ersten Mal mit Kindern zu tun, die nicht reden wollen.«

»Dieser Fall liegt anders, Jan.«

»Warum?«

»Warum? Warum? Du hast den Jungen noch nicht länger gesehen, sonst würdest du nicht so fragen. Der kann nicht reden, selbst wenn er wollte.«

»Was auszuprobieren wäre.«

»Auszupro…? Nein, Jan, kommt nicht in die Tüte.«

»Und wann – glaubst du – wird dein stummer Zeuge den Mund aufmachen?«

»Sobald er Vertrauen zu mir oder zur Ambusch gefasst hat.«

»Mahlzeit! Aber du bist die Chefin, meinetwegen, mach’ doch, was du willst.«

Riedel warf sich sichtlich gereizt in sein Auto und startete mit unnötig viel Gas und Reifengequietsche.

Nele sah dem Auto ihres Kollegen lange nach. Ihr Gesicht verriet, dass sie sich ihrer Sache gar nicht sicher war. Aber Jan war anders gestrickt als sie. Der neigte zu schnellen und manchmal eben auch zu vorschnellen Entschlüssen.

Jens hielt sich im Spielzimmer auf. Er hatte sein Glas Milch ausgetrunken und sah sich verstohlen um. Nicht weit von seinem Platz lagen aus Holz gefertigte massive Puzzles für Kleinstkinder, mit nur vier oder fünf großen Teilen.

Jens nahm sich einen Rahmen vor, in dem schon zwei Teile am richtigen Platz lagen. Er müsste drei Stücke einpassen, schaffte das aber nicht, versuchte immer wieder mit Kraft, ein Teil an die falsche Position zu drücken.

Nach kurzer Zeit gab er auf und kippte das Puzzle um.

Jutta hatte ihm ausdruckslos zugesehen. Von einem Achtjährigen – das war ihr anzusehen – hätte sie mehr Ausdauer und mehr Erfahrung erwartet.

 

 

12. Kapitel

 

Riedel war nicht ins Büro gefahren. Er sprach mit einem Arzt und dem Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchung in einem Labor. Im Hintergrund saß die PTA Evelyn an einem Gerät und arbeitete scheinbar konzentriert, drehte aber immer wieder den Kopf zu Riedel, der das wohl bemerkte, aber nicht darauf reagieren wollte.

Der KTU-Leiter breitete das T-Shirt aus, das Jens am Mittwoch getragen hat, und deutete auf die dunklen Flecken:

»Blut. Und zwar von der Mutter. Außerdem haben wir an dem Shirt ein langes Haar gefunden, das von ihr stammt.«

Riedel brummte seine Zustimmung. Der Leiter faltete flüchtig das Hemd zusammen, hielt vier Cellophantütchen hoch, in denen sich Kugeln befinden.

»Alle vier Kugeln stammen aus derselben Waffe.«

»Vier Schüsse?«, erkundigte sich Riedel.

»Ja. Einer auf die Frau, drei auf den Mann.«

»Im Haus haben wir keine Waffe gefunden. Auch keine Munition.«

»Dein Problem, verehrter Jan. Ich muss dir noch was zeigen …«

Der Leiter nahm sich eine weiße Bluse und faltet sie auf. Auf der Vorderseite, neben der Knopfleiste, war rund um ein Loch viel Blut getrocknet, an den Rändern des Blutflecks zeichneten sich aber deutlich hell- und dunkelbraune Streifen ab, ferner Brandspuren. Zwei der Blusenknöpfe waren zersprungen, die Bruchflächen wie angebrannt.

»Das sind eindeutig Schmauchflecke. Und hier, die Brandspuren, die deuten darauf hin, dass die Pistole aus kürzester Entfernung abgeschossen wurde. Wenn nicht gar auf den Körper aufgesetzt.«

Der KTU-Leiter drehte die Bluse um. Auch auf dem Rücken gab es ein Loch im Stoff, ebenfalls mit getrocknetem Blut umgeben.

»Die Kugel ist durchgeschlagen.«

Danach zeigte er einen BH, ein Körbchen war auch blutbefleckt und wies dieselben dunklen Spuren auf.

»Auch Schmauchspuren, wie von einer aufgesetzten Waffe.«

Riedel schüttelte den Kopf. Er hatte sein Notizbuch herausgeholt und schrieb eilig einige Stichwörter auf. Zwischendurch fragt er: »Was ist mit Fingerabdrücken?«

»Unmassen. Wir haben noch keine Zeit gehabt, sie auseinander zu sortieren.«

»DNA-Material vom Schützen?«

»Dito.«

»Schade. Eine Frage noch: Die Trägers sind doch in ihrem Haus umgebracht worden?«

»Sicher. Warum fragst du?«

»Weil der Mann in einen großen, schweren Teppich eingerollt war. Kannst du dir einen Grund dafür vorstellen?«

Der KTU-Leiter überlegte einen Moment, ging an einen anderen Tisch und fächerte einen kleinen Stapel Fotografien auf, die in Trägers Arbeitszimmer von der Teppichrolle mit der eingewickelten Leiche gemacht worden waren

»Nee, einen Grund – nee. Ich würd’ mal so sagen: Nach der Blutmenge, die wir im Teppich gemessen haben, ist er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf dem Teppich angeschossen worden und gestorben. Aber wo der Teppich lag, als der Mörder schoss …«

»Aber die Frau ist in der Diele umgebracht worden?«

»Ja. Das steht fest.«

Riedel schwieg eine ganze Weile und grübelte. Dann nickte er und wandte sich an den Arzt, der lässig die Schultern zuckte.

»Auf den schriftlichen Bericht müssen Sie noch warten.«

»Der hat auch Zeit. Ich würde von Ihnen nur gerne wissen, wann, wo und wie die beiden gestorben sind.«

»Bei ihr ist das verhältnismäßig einfach. Glatter Herzschuss, von vorn, Schusskanal fast waagerecht. Die Wunden haben sehr stark geblutet.«

»Die Wunden?«

Der Arzt betrachtet ihn etwas spöttisch: »Die tödliche Kugel hat zwei Wunden verursacht. Die Eintritts- und die Austrittswunden.«

»Richtig, ja. Und die Todeszeit …?«

»Bleibt. Mittwoch zwischen vierzehn und vierzehn Uhr fünfundvierzig. Da, wo die Leiche gefunden worden ist.«

»Und bei ihm?«

Der Arzt kratzte sich den Kopf: »Bei ihm ist das komplizierter. Er wurde von drei Schüssen getroffen. Ein Streifschuss am rechten Oberarm, der war schmerzhaft, aber harmlos. Ein Durchschuss unter dem linken Schlüsselbein, die Wunde hat stark geblutet, war aber nicht tödlich.«

Der Arzt deutete während seines Berichts jeweils an seinem Körper die Schusskanäle an.

»Aber der dritte Treffer, der hat’s in sich.«

Der Arzt ging an eine Tafel, wischte alte Zeichnungen weg und malte mit weißer Kreide den Umriss eines Kopfes, nahm dann rote Kreide, um die Richtung der Kugel zu demonstrieren.

»So. Die Kugel ist direkt hinter dem Kinn von unten in den Unterkiefer eingedrungen, dann schräg nach oben durchs Gehirn gezogen und aus dem Schädeldach wieder ausgetreten.«

Riedel schrieb mit.

»Vernünftigerweise gibt’s dafür nur eine Erklärung: Der Schütze war gestürzt, lag am Boden und schoss von unten nach oben auf Träger, der vor ihm stand, etwas nach vorne gebeugt.«

Riedel stöhnte laut auf, der Arzt lachte und drehte sich zu ihm um.

»Sieht ein bisschen nach Notwehr aus, wie? Ich liege am Boden, mein Angreifer steht vor mir, beugt sich vor, um mir den Rest zu geben, und ich schieße auf gut Glück in sein grinsendes Gesicht.«

»Bloß nicht!«

»Das darf nicht wahr sein!«, brüllte der KTU-Mann.

»Wir malen es euch schön groß und bunt auf«, versprach der Arzt und verbarg seine Schadenfreude nicht.

»Der Verteidiger dankt im Voraus. Können Sie sonst noch was sagen – Todeszeit, Todesort oder so?«

»Die Todeszeit – Mittwoch, zwischen vierzehn Uhr dreißig und fünfzehn Uhr. Und gestorben ist er auf dem Teppich …«

Riedel überlegte und verstaute dabei sein Notizbuch.

Evelyn schaltete ihr Gerät an und kam auf die Dreiergruppe zu, niemand beachtete sie. Sie drängte sich an Riedel heran, der auf sie aufmerksam wurde und eine unfreundliche Grimasse schnitt, aber nichts zu ihr sagte.

»Na ja, das wär’s dann wohl. Vielen Dank.«

Als er zur Tür ging, folgte sie ihm. Der Arzt und der KZU-Leiter hatten sich abgewendet und beredeten leise etwas miteinander.

An der Tür stießen Evelyn und Riedel zusammen.

»Hast du einen Moment Zeit?«, fragte sie halblaut.

»Was ist denn los?«

»Wir müssen miteinander reden, Jan. Bitte!«

»Lass mich in Ruhe, ja? Kapier’ doch endlich, es ist aus.«

»Ist das alles, was du zu sagen hast?«

»Alles, liebe Evelyn. Ein für alle Mal.«

Sie schien in Tränen ausbrechen zu wollen. Er betrachtet sie halb wütend, halb abschätzig, machte eine verächtliche Handbewegung und klinkte die Tür auf.

»Fehler soll man nicht in die Länge ziehen«, sagte er dabei leise.

»Redest du jetzt von deiner Chefin und dir?«

»Was soll der Quatsch?«

»Ich bin nicht blind, lieber Jan.«

Riedel riss die Tür auf und verließ stumm den Raum. Er wusste, dass viele im Präsidium vermuteten, der Oberkommissar Jan Riedel habe ein Verhältnis mit der Hauptkommissarin Nele Kaiser, und er wusste auch, dass es zwecklos war, das zu dementieren. Neles fester Freund, mit dem sie mehrere Jahre zusammengelebt hatte, war bei einem Autounfall gestorben, und sie hatte lange gebraucht, darüber hinwegzukommen.

 

13. Kapitel

 

Nele Kaiser und Jutta Ambusch saßen in Juttas Küche. Die einzige Tür war geschlossen. Jutta hatte gekocht und stellte das Essen gerade auf ein Tablett, suchte Geschirr und Besteck heraus. Die beiden Frauen unterhielten sie sich mit leisen, unterdrückten Stimmen. Es lag Streit in der Luft.

»Frau Kaiser, nur über meine Leiche. Wenn Sie mit Jens jetzt über den Mord an seinen Eltern sprechen, riskieren Sie einen unheilbaren Schaden an seiner Psyche. Der Junge braucht Zeit und Ruhe.«

»Wie viel Zeit?«

»Das weiß ich nicht. Tage, Wochen, Monate …«

»Er ist höchstwahrscheinlich unser einziger Zeuge.«

»Schon möglich. Aber Sie müssen warten, bis er freiwillig anfängt zu reden. Wenn er im Koma läge, könnten Sie es auch nicht beschleunigen.«

Nele überlegte. Jutta betrachtete die Kommissarin gespannt.

»Gut. Unter zwei Bedingungen.«

»Und die wären?«

»Ich muss Gelegenheit haben, mit dem Jungen zu reden, zu spielen, ihn kennen zu lernen. Damit er Vertrauen zu mir fasst.«

»Und Sie schneiden das Thema Mord nicht an?«

»Versprochen! Erst wenn Sie mir grünes Licht geben.«

»Und die zweite Bedingung?«

»Sie füttern jetzt eine hungrige Kriminalbeamtin.«

Jutta zögerte einen Moment: »Eigentlich wäre es besser, wenn ich allein mit Jens …«

»So viel Zeit habe ich nun nicht.«

Neles ziemlich harsche Antwort ärgerte Jutta. Nele sah hoch und musterte sie fest. Es war ein stummer Machtkampf, den die Kommissarin gewarnt.

Mit unnötiger Heftigkeit knallte Jutta das Besteck auf das Tablett.

Nele lachte leise.

»Jan – Herr Riedel hat Ihnen doch bestimmt verraten, dass ich zwar belle, aber selten beiße.«

»So lange man tut, was Sie wollen, nicht wahr?«

»Ich arbeite in einem System, das bei Frauen Höflichkeit und Rücksicht als Schwäche auslegt.«

Am nächsten Mittag saß Jens still und regungslos am Tisch und wartete, bis Nele und Jutta hereinkamen.

Nele balancierte ein volles Tablett herein, auf dem auch ein großes Glas mit Milch stand, und setzte es aufatmend ab.

»Hallo, Jens.«

Jens reagierte nicht. Nele half Jutta, aufzudecken und dann die Teller zu füllen. Jens verfolgte die Aktivitäten stumm und hatte scheinbar Mühe, überhaupt etwas mitzubekommen. Nele musterte ihn von der Seite:

»Jutta hat mich zum Essen eingeladen. Gute Bratkartoffeln gibt’s bei uns in der Kantine selten. Dabei esse ich sie sehr gerne.«

»Möchten Sie was trinken?«

»Nein, vielen Dank. Guten Appetit.« Die gegenseitige Höflichkeit wirkte wie gespielt und abgesprochen.

Jutta und Nele begannen zu essen. Jens schaute nur auf seinen gefüllten Teller und rührte nichts an, griff aber nach dem Glas und trank.

»Schmeckt’s dir nicht?«

Jens reagierte wieder nicht. Jutta meinte tröstend: »Wenn du keinen Hunger hast, musst du nicht essen, Jens.«

Jens trank daraufhin sein Glas leer und stand wortlos auf und verließ die Essecke.

Jutta und Nele sahen sich hilflos an. Dann räusperte sich Nele: »Er wird’s schon packen.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

Jens war ins Spielzimmer gegangen, blieb an den Lego-Kästen stehen, nahm die früher herausgelegten Figuren (Mann, Frau, Kind) in die Hand, legte sie aber wieder hin und begann, auf einer Grundplatte ein rechteckiges Haus mit massiven Mauern, ohne Fenster zu bauen. Der Wohnraum war nur ein besserer Spalt.

Die Figuren des Kindes und der Frau quetschte er in den engen Innenraum. Den Mann stellte er außerhalb der Mauern auf die Grundplatte, überlegte, drehte danach die Figur des Mannes so um, dass er dem »Haus« mit Frau und Kind den Rücken zukehrte.

 

 

14. Kapitel

 

Nele und Riedel betraten ein Geschäft. Über Tür und Schaufenster stand »Feinkost Träger«. Das Geschäft war leer bis auf drei Verkäuferinnen, die dem Paar erwartungsvoll entgegensahen. Wenn sie in der richtigen Reihenfolge nebeneinander standen, sah es aus, als habe ein nationalkonservativer Geschäftsinhaber sie allein nach der Haarfarbe eingestellt: Schwarz, Rot, Goldblond. Das Schwarz zeigte allerdings den typischen Glanz südlicher Regionen, beim Rot war so viel Farbe übrig geblieben, dass die Vererbung den Rest großzügig als Sommersprossen verteilt hatte und Goldblond, hübsch und fröhlich, machte den Eindruck, als seien die Blondinenwitze doch gerechtfertigt. Nele, die ihren Jan kannte, war seinem Blick gefolgt und kicherte nun unterdrückt, weil sie seine Gedanken sehr genau erriet.

Nele wandte sich an die ältere Verkäuferin: »Guten Morgen.«

Schwarz sagte rasch: »Guten Tag.«

»Mein Name ist Kaiser, Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Riedel.«

»Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?«

Sie fragte so harmlos, dass Nele erst mit Verspätung schaltete: Die Frau wusste noch nichts vom Tode Trägers.

»Ich hätte gern mit dem Geschäftsführer gesprochen.«

»Herr Träger ist heute noch nicht ins Geschäft gekommen.«

»Und wer sonst könnte uns ein paar Auskünfte geben?«

»Vielleicht unsere Buchhalterin, Frau Waldmann?«

»Und wo finde ich Frau Waldmann?«

Die schwarzhaarige Verkäuferin deutete auf eine Tür: »Hinten im Büro. Erste Tür rechts.«

»Vielen Dank.«

Als sie ging, knuffte sie Riedel in die Seite, er kapierte, blieb stehen und wartete, bis Nele hinter der Tür verschwunden war.

Die Verkäuferinnen betrachteten ihn verwundert, was Riedel mit einem freundlichen Nicken registrierte: »Dann wissen Sie also noch gar nichts von dem Unglück?«

»Von welchem Unglück?«

»Ich fürchte, ich habe eine sehr schlechte Nachricht für Sie. Martin Träger und seine Frau sind gestern ermordet worden.«

»Nein.« Lauter: »Nein!« Fast schreiend: »Nein!«

Ihre Rufe hatten das andere Personal alarmiert. Schwarz setzte sich, als gäben ihre Beine nach, Rot und Goldblond stürzten auf sie zu.

»Martha! Was ist los mit dir?«, fragte die Rothaarige.

Goldblond wandte sich an Riedel: »Was ist passiert?«

»Ich musste Ihrer Kollegin eine schlechte N…«

Schwarz ließ ihn nicht ausreden: »Der Chef ist tot!«

»Das kann doch nicht sein!«, presste Rot heraus. Ihre Sommersprossen leuchteten wie ein Alarm.

Goldblond verstand die Welt nicht mehr: »Wieso tot?«

Die Rothaarige fauchte die ältere Kollegin an: »Du spinnst!«

Riedel mischte sich ein: »Nein, es ist leider so. Martin Träger und seine Frau sind gestern ermordet worden. In ihrem Haus.«

Seine Worte schlugen wie eine Bombe ein. Während die Schwarz leise zu wimmern begann, starrten Rot und Goldblond ihn an, als könnten sie kein Wort glauben.

Riedel spürte ihren Unglauben und holte seinen Dienstausweis hervor, aber beide Frauen schauten gar nicht hin.

Rot ächzte: »Ermordet?«

Goldblond stöhnte: »Wer hat den Chef umgebracht?«

Rot presste heraus: »Wieso ermordet?«

Riedel steckte seinen Ausweis wieder ein: »Das wissen wir noch nicht. Deshalb brauchen wir von Ihnen Auskünfte.«

Goldblond meinte treuherzig: »Was sollen wir denn vom Tod des Chefs wissen?«

»Hatte Martin Träger Feinde? Ist er einmal bedroht worden? Gab es Ärger mit Kunden? Oder Lieferanten? Oder früheren Angestellten? Ist er mal überfallen worden?«

Er rasselte seine Fragenliste immer langsamer herunter. Schwarz hörte ihm gar nicht zu, Rot und Goldblond stellten sich unwillkürlich wie zur Abwehr gerade hin und blickten sich kurz an. Es war ihm klar, dass sie etwas zu sagen hätten, sich aber nicht trauten oder nicht wollten.

Er beobachtete das Duo eine Zeit lang scharf.

Rot und Goldblond wichen jetzt seinem Blick aus.

»Sollen wir uns woanders unterhalten?«

Sein Ton war drohend und ungeduldig zugleich.

»Warum fragen Sie uns das alles?«, beschwerte sich Rot.

»Wen denn sonst? Oder haben Sie Herrn Träger gar nicht gekannt?«

Goldblond meinte vorwurfsvoll: »Warum gehen Sie nicht zu Frau Waldmann?«

»Ach, und Sie meinen, Frau Waldmann wüsste mehr als Sie?«

»Sicher, die kennt den Chef doch gut. Viel besser als wir, wir arbeiten hier nur.«

Rot hatte sich abgewendet und wollte schon gehen, dann wurde der Drang übermächtig, sie drehte noch einmal den Kopf zu Riedel: »Sehr viel besser. Fast zu gut.«

Das kam so gehässig heraus, dass sie selbst merkte, was sie angedeutet hatte, sie wurde verlegen und ging rasch fort.

Riedel blickte ihr einen Moment spöttisch nach, wandte sich dann an die die blonde Verkäuferin, die hilflos die Hände hob: »Es stimmt doch, Herr Kommissar.«

»Der Chef also und Frau Waldmann …?«

Die Blondine wusste vor Verlegenheit nicht, wohin mit den Händen.

»Na schön. Wann haben Sie den Chef zum letzten Mal gesehen?«

»Gegen halb zwei.«

»Hier im Laden? Gestern?«

»Ja, er hat mit einer Kundin einen Party-Service besprochen.«

»Wie lang hat das gedauert?«

Goldblond schaute ihn unsicher an: »Vielleicht eine Viertelstunde.«

»Und danach?«

»Dann ist der Chef nach hinten gegangen, und danach hab’ ihn nicht mehr gesehen.«

»Wenn Herr Träger das Geschäft verließ – ist er dann hier durch den Laden gegangen?«

»Nein, fast immer hinten über den Hof. Da hat er auch seinen Wagen geparkt.«

»Hat Ihr Chef zufällig gesagt, was er gestern noch vorhatte?«

Sie überlegte und schüttelte dann den Kopf.

Riedel nickte ihr nur zu und ging eilig auf die Tür zu, durch die Nele verschwunden war.

Nele hatte sich derweil in der Buchhaltung mit der vierten Angestellten unterhalten. Sie lehnte neben der Tür an einem Aktenregal und beobachtete mit gerunzelter Stirn Sigrid Waldmann, die vor einem Kopierer stand, sich erst die Tränen trocknete und dann die Vorlage im Kopierer wechselte. Ab und zu warf Nele der attraktiven Brünetten mit dem auffälligen Lockenschopf misstrauische Blicke zu.

»Natürlich habe ich Karin Träger gut gekannt. Auch Martin Träger und Jens … sicher, der Chef hat mich schon ins Vertrauen gezogen, aber von Feinden…oder dass jemand seine Frau … nein, davon hat er nie etwas erwähnt.«

Während des Monologs kopierte sie die Blätter eines Terminkalenders.

»Nein, Mord, das kann ich mir nicht vorstellen … und von Drohungen oder versuchter Erpressung weiß ich nichts, das hätte er mir bestimmt gesagt.«

»Hatte er sich Geld geliehen? Oder gibt es Affären und – hm – erzürnte Ehemänner? Hat er mal erzählt, dass er von früher Feinde hat? Oder Konkurrenten, die er etwas unfein ausgebootet hat?«

Sigrid Waldmann packte die Kopien zusammen und gab sie, in Gedanken versunken, Nele. Endlich schüttelte sie energisch den Kopf: »Nein. Nein. Martin ist kein – war kein Unschuldslamm, das nicht. Und er hat – hatte nicht nur Freunde. Aber ich wüsste keinen …«

Sie brach ab und musterte Nele fast erstaunt: »Jetzt, wo Sie es sagen, fällt mir wieder was ein. Der Chef hatte sich eine Freundin zugelegt, so eine kleine, ganz hübsche Partymaus, Lena Deruleit. Da hat es Ärger gegeben, weil diese Lena offenbar schon einen Freund hatte, der dem Chef eines Abends aufgelauert hat. Es gab eine schöne Prügelei, und der Chef hat mehr eingesteckt als ausgeteilt. Deshalb war von einem Tag auf den andern Schluss mit der flatterhaften Lena.«

»Sie wissen nicht, wo wir diese Lena Deruleit finden können?«

»Doch, in der Weserstraße. Nummer 18 oder 19.«

»Hatte der Chef noch Kontakt zu dieser Lena?«

»Ja, hatte er. Lena kommt ja weit rum, und überall, wo sie hörte, dass eine Party oder ein Empfang oder eine Feier geplant war, hat sie Reklame für den Partyservice von Feinkost Träger gemacht. Wenn wir dann aufgrund ihrer Empfehlung einen Auftrag bekommen haben, hat der Chef ihr eine Vermittlungsprämie oder -provision gezahlt.«

»Bar auf die Hand?«

»Sicher. Oder glauben Sie, solche Flittchen zahlen Steuern? Aber wenn sie hier ins Geschäft kam, wurde sie immer von ihrem Freund begleitet. Und mit dem Kerl …«

Sie brach ab, weil es klopfte. Riedel stolperte herein.

»Guten Tag.«

Nele stellte vor: »Das ist mein Kollege Jan Riedel.«

Sigrid antwortete irgendwie erleichtert: »Guten Tag.«

»Frau Waldmann glaubt nicht, dass Träger von einem Bekannten umgebracht worden ist.«

»Wenn Frau Waldmann das sagt, wird’s ja wohl stimmen.«

Riedel betonte den Satz so merkwürdig, dass Nele und Sigrid Waldmann ihn scharf ansahen. Die Brünette schaltete sehr schnell: »Sie haben sich mit den Verkäuferinnen unterhalten?«

Er nickte und grinste anzüglich.

»Und die haben Ihnen mehr oder minder offen verklickert, dass ich ein Verhältnis mit Martin habe?«

»Hatte.«

»Hatte, ja.« Es hört sich nicht nach Trauer an.

»Ja, haben sie getan«, brummte Riedel.

»Die Damen irren sich. Und besitzen eine etwas zu rege Fantasie. Oder meinen, sie sollten mir jetzt was heimzahlen.«

»Sie nehmen das sehr ruhig hin.«

»Es ist nicht das erste Mal, dass man hinter meinem Rücken über Martin und mich tratscht.«

»Frau Waldmann, wann haben Sie Ihren Chef gestern das letzte Mal gesehen?«, nahm Nele wieder das Wort.

Riedel wie Sigrid Waldmann waren erstaunt, dass Nele das Thema so abrupt wechselte. Die Brünette brauchte auch eine gewisse Zeit, bis sie antwortete: »Gegen viertel nach eins. Ich hatte meinen freien Nachmittag und bin um die Zeit gegangen.« Während des Nachdenkens hatte sie ihre Haare noch weiter zerrauft und jede Spur einer Frisur beseitigt.

»Und Martin Träger saß hier an seinem Schreibtisch?«

Riedel deutete auf den zweiten Schreibtisch im Zimmer, sie nickte:

»Wissen Sie, ob und was er sich für den Nachmittag vorgenommen hatte?«

»Nichts Besonderes, soviel ich weiß, aber das steht alles auf seinem Terminkalender.«

Nele warf einen flüchtigen Blick auf die oberste Kopie, während Riedel weiter fragte: »Was haben Sie am Nachmittag gemacht?«

»Ich bin zum Kornmarkt gelaufen und habe – aber warum wollen Sie das wissen?«

»Routine. Wir müssen alle, die das Ehepaar gekannt haben, fragen, wo sie gestern zwischen dreizehn und siebzehn Uhr gewesen sind.«

Nele nickte gleichmütig auf Sigrids halb fragenden, halb empörten Blick.

»Ah, so, ja. Also. Ich habe etwas gegessen, dann habe ich eingekauft, Lebensmittel. Ein Kleid für den Strand und einen Bikini. Ein Buch. Ach ja, in der Reinigung bin ich auch noch gewesen.«

»Anschließend sind Sie …«

»… bin ich nach Hause gegangen. Da war ich so gegen vier Uhr.«

»Ja, schön. Frau Waldmann, besaß Martin Träger eine Pistole?«

»Ja. Die hatte er sich vor gut zwei Jahren besorgt, nachdem hier eingebrochen worden war.«

»Dann hat die Pistole hier im Büro gelegen?«

»Nein. Oder doch – also, vor einer Woche oder so hat er sie mit nach Hause genommen.«

»Ach! Und warum?«

»Bei ihm im Dorf sollen sich Rauschgiftsüchtige und Schlägertypen herumgetrieben haben. Er hat das nicht so ernst genommen, aber Karin – seine Frau – war wohl sehr ängstlich deswegen.«

»Wissen Sie, ob die Trägers größere Geldbeträge zu Hause aufbewahrt haben?«

»Bestimmt nicht.«

Sie ging in eine Zimmerecke und zog eine hölzerne Schranktür auf, dahinter stand ein kleiner, aber starker Tresor.

»Wenn wir die Einnahmen nicht mehr zur Bank bringen konnten, hat er das Geld hier regelmäßig eingeschlossen.«

»Besitzen Sie Schlüssel zu diesem Tresor?«, erkundigte sich Riedel und es klang einigermaßen anzüglich.

»Ja, habe ich.«

Sie holte aus einer Hosentasche ein kleines ledernes Schlüsseletui heraus und wollte den Tresor öffnen.

»Vielen Dank, Frau Waldmann, das ist nicht nötig«, bremste Nele sie. »Wenn Sie uns jetzt noch sagen, wo genau Sie an diesem Nachmittag überall gewesen sind …«

Auf der belebten Straße, an der das Geschäft Feinkost Träger lag, liefen Nele und Riedel nebeneinander. Riedel blieb stehen, nach zwei Schritten wartete Nele auf ihn:

»Was ist los, Jan?«

»Das wollte ich dich fragen.«

Nele griente wie eine ertappte Sünderin, strich sich mit der Hand über das Kinn, massierte dann ihren Nacken, um Zeit zu gewinnen.

»Waldmann, Sigrid Waldmann … bei dem Namen hat’s bei mir geklingelt. Ganz schwach. Aber ich weiß nicht mehr, wo und warum.«

Nele und Riedel zogen durch die Registratur und Datenzentrale. Ihr Ziel war eine Blondine mit einem langen, pendelnden Pferdeschwanz; bei dem Schritt-Geräusch drehte die sich um.

»Ich habe seit einer Viertelstunde Feierabend.«

»Dann sollten wir uns beeilen, damit Sie bald weg können.«

Neles Ton war höchst unfreundlich, die Blondine schnitt zwar eine Grimasse, sagte aber nichts, sondern drehte sich mürrisch wieder zu ihrem Computer um.

Riedel schmunzelte und setzte sich auf einen Stuhl an einem anderen Terminal-Arbeitsplatz.

»Suchen Sie bitte einmal in unserem PKZ-Verzeichnis nach einer Waldmann, Sigrid.«

Die Blondine tippt schweigend mehrere Befehle, dann den Namen ein.

Auf dem Bildschirm erschien nach einigen Sekunden die Zeile »Waldmann, Sigrids. Etzel, Heinz VI 243/88 – I 017/89 – VI 118/89 – VI 536/90.«

Nele hatte mitgelesen, richtete sich und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen ihre Stirn: »Natürlich, der schöne Heinz.«

»Brauchen Sie alle Fundstellen?«, quengelte die Eilige.

»Nein, nein, nur die Anschrift von diesem Heinz Etzel.«

Während die Blondine tippte, beugte sich Riedel vom Nebentisch vor.

»Hast du’s?«

»Ja, wir haben vor vier Jahren diesen Etzel einmal festgenommen. Verdacht auf Geiselnahme und Erpressung.«

»Was?«

»Der Fall Gildenborn, kannst du dich noch erinnern?«

Auch bei Riedel funkte es: »Gildenborn, Gildenborn – sie wurde entführt, und er musste eine halbe Million blechen. War’s so?«

»Ja, wir mussten Etzel laufen lassen, weil seine Freundin Sigrid Waldmann ihm für die Tatzeit ein Alibi gegeben hat.«

»Entführung – Mensch, Nele …«

»Die halbe Million ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.«

»Und warum brummt Etzel jetzt?«

»Missglückter Überfall auf eine Sparkasse.«

Die Blondine unterbrach ihn: »Etzel ist amtlich gemeldet. Justizvollzugsanstalt Weldenburg. Seit dem 25. März vorigen Jahres.«

»Waas?« Neles Enttäuschung war nicht zu überhören. Die Blondine grinste schadenfroh: »Brauchen die Kollegen auch Flügel, Trakt und Zellennummer?«

Nele und Riedel hatten die Registratur verlassen und schlichen Richtung Treppe. Er blieb plötzlich stehen und seufzte: »Ach, wäre das schön!«

»Was wäre schön, lieber Kollege?«

»Wenn wir es mit einem verunglückten Entführungsversuch zu tun hätten, Täter bekannt, Motiv bekannt, Anschrift leicht herauszufinden.«

Nele gluckste: »Die schöne Sigrid hatte sich damals auch an den Gildenborn herangemacht.«

»Du meinst, sich mit ihm ins Bett gelegt?«

»Wie jetzt unsere Sigrid Waldmann an Martin Träger?«

»Hätte doch System, oder?«

»Sag mal, ob Träger wusste, wen er da eingestellt hatte, als Buchhalterin mit Schlüsselgewalt über seinen Tresor?«

»Und Zugangsberechtigung zu seinem Bett?«

»Dann wäre fast noch interessanter zu erfahren, wann und durch wen Träger gehört hat, wen er da beschäftigte?«

»Welche Laus er sich da in den Pelz gesetzt hatte.«

In der Sekunde ging Evelyn aus der Registratur an ihnen vorbei, ihr Pferdeschwanz pendelte und Riedel pfiff anerkennend hinter ihr her, was sie mit einem sehenswerten Schwung ihrer Hüften beantwortete.

»Du bist unverbesserlich«, tadelte Nele, aber Riedel brummte nur: »Ich werde doch keine hübsche Frau beleidigen, indem ich sie nicht beachte.«

Nele und Riedel waren gleich zu Sigrid Waldmann gefahren. Ihre Fragen hatten die Brünette aufgescheuchte, sie lief hin und her und räumte auf. Riedel hatte schon seinen Notizblock herausgeholt und aufgeschlagen.

»Hat Ihr später Besuch was mit Heinz Etzel zu tun?«

»Wieso mit Heinz Etzel?«, tat Riedel unschuldig.

»Oh bitte, spielen Sie doch nicht den Harmlosen! Heinz hat mir erzählt, dass Sie und die Kommissarin Nele Kaiser ihn mal festgenommen habe, weil sie glaubte, er hätte sich an einer Entführung und Lösegeld-Erpressung beteiligt.«

»Stimmt. Und sehen Sie, Frau Waldmann, es ist gut möglich, dass Martin und Karin Träger gar nicht umgebracht, sondern entführt werden sollten. Was dann irgendwie schiefgegangen ist.«

»Und weil ich Heinz schon einmal ein Alibi geben konnte …«

»Moment! Wir verdächtigen Etzel nicht, er sitzt ja seit dem vorigen Jahr.«

Sigrid Waldmann stöhnte auf und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Frau Waldmann, Sie haben mir erzählt, dass Martin Träger Sie ins Vertrauen gezogen hat.«

»Ja.«

»Können Sie mir dann sagen, wie die Ehe der Trägers gewesen ist?«

Sigrid Waldmann schaute Nele erstaunt an, die zuckte scheinbar verlegen die Achseln.

»Auch das müssen wir herausfinden.«

»Ja, und weil die Klatschbasen im Geschäft Ihnen eingeflüstert haben, ich hätte mit Martin … na schön, ich denke, es war nicht mehr die große Liebe und Leidenschaft, aber sie verstanden sich ganz gut.«

»Gab es Spannungen?«

»Doch, ja, die gab’s.«

»Und weshalb?«

»Schwer zu sagen …« Riedel räusperte sich laut, »… also, Martin … Herr Träger … war ehrgeizig. Und ziemlich hinter dem Geld her. Für seine Familie hat er wenig Zeit gehabt … na ja, auch wenig Geduld.«

»Das bezog sich jetzt auf seinen Sohn?«

»Ja. Jens war ihm zu weich, zu schüchtern, er konnte mit ihm nichts anfangen … auf der anderen Seite … er hat Karin und Jens verwöhnt …«

»Aber offenen Streit gab es nicht zwischen den Eheleuten?«

»Nein, das wohl nicht.«

»Hm. War es üblich, dass Martin Träger zum Essen nach Hause fuhr?«

»Nein, überhaupt nicht, Frau Kaiser. Er ist tagsüber sonst nie nach Hause gefahren.«

»Und warum hat er es am Mittwoch getan?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Schade! Na, dann erst mal vielen Dank.«

Riedel hatte sich während des Dialogs ungeniert im Zimmer umgesehen. Als sie jetzt aufstanden, sagte er freundlich: »Sie haben wirklich eine schöne Wohnung.«

So recht wusste die Waldmann nicht, was die Bemerkung bedeuten sollte. Sie zögerte, stand dann auch auf: »Vielen Dank.«

»Dann könnten Sie mir bitte auch noch eine Frage beantworten. Wusste Träger, dass Sie mal mit Heinz Etzel befreundet gewesen waren und weshalb Etzel in den Bau gewandert ist?«

»Ja, das wusste er.«

»Und von wem?«

»Ich hab’s ihm gesagt, als ich mich wegen des Jobs vorstellte.«

»Wie hat er es aufgenommen?«

»Begeistert war er nicht, meinte aber, damit hätte ich wohl meine Lektion gelernt.«

»Und wie sind Sie an den Job gekommen?«

»Durch das Arbeitsamt.«

Im Treppenhaus des Waldmann-Hauses brannte nur ein schwaches Licht. Nele gähnte und rieb sich den Nacken. Dabei wäre sie beinahe gestolpert.

Reifel schimpfte: »Verdammt, Nele, du solltest endlich zum Arzt gehen.«

»Wozu? Der verordnet mir Bettruhe, und schlafen tu’ ich schon seit Jahren schlecht.«

An der Haustür trat Riedel vor, zog die Haustür auf und verbeugt sich tief: »Nach Ihnen, große Meisterin.«

»Zu gütig, Herr Kollege.«

Sie ging aber nicht hinaus, sondern grinste breit. Riedel lachte und drohte dann mit dem Zeigefinger: »Wenn du jetzt aufzählst, was ich morgen alles tun muss, knall’ ich dir die Tür vor den Kopf. Das hilft vielleicht gegen deine Nackenschmerzen.«

»Keine Sachbeschädigung bitte.«

»Meinst du deinen Kopf oder die Tür?«

Nele lächelte geistesabwesend und streckte den Arm aus, um die aufgezogene Tür auch festzuhalten.

»Merkst du was, Jan?«

»Was soll ich merken?«

»Jens ist wirklich unser einziger Zeuge.«

Danach schlenderte sie an Riedel vorbei auf die Straße, er kaute an der Bemerkung herum und murmelte, als Nele außer Hörweite war:

»Noch, verehrte Chefin.«

 

 

15. Kapitel

 

Im Spielzimmer des Ambusch-Hauses war noch Betrieb. Jens hockte auf einen Stuhl, den er an die Arbeitsplatte gerückt hatte, weit entfernt von der Tür und starrte vor sich hin.

Jutta kam herein und brachte ein Tablett mit, auf dem ein Teller mit Schnittchen und ein großes Glas Milch standen.

Sie stellte das Tablett auf die Arbeitsplatte ab, etwa auf halbem Wege zwischen ihrem Sessel und Jens’ Stuhl.

»Du hast doch bestimmt Hunger, Jens.«

Dann knipste sie die Stehlampe neben dem Sessel an und nahm sich ein aufgeschlagenes Buch.

Nach einiger Zeit stand Jens auf, um das Tablett und die Brote zu inspizieren, nahm dann aber nur das Milchglas und ging damit langsam zurück in seine alte Ecke.

Unterwegs bemerkte er den Schaukelstuhl, setzte sich vorsichtig hinein, das Milchglas immer noch in der Hand.

Er begann zu schaukeln, erst vorsichtig, dann heftiger.

Wie zu erwarten spritzte die Milch über.

Jens erschrak, ließ das Glas fallen. Es zerbrach nicht, aber die Milch verteilte sich schön über den Fußboden.

Jens stürzte zu seinem alten Holzstuhl, drehte ihn um und setzte sich in die Ecke, wobei er Jutta den Rücken zukehrte. Sein Benehmen erinnerte an den Kinderspruch: »Wenn ich nicht sehen kann, bin ich unsichtbar.«

Jutta legte das Buch zur Seite und beobachtete ihn eine Weile stumm, bevor sie das Zimmer verließ. Bei ihrem Schrittgeräusch drehte Jens vorsichtig-ängstlich den Kopf nach ihr, blieb aber in der alten Position sitzen, unverändert auch, als Jutta mit einem vollen Glas Milch zurückkam und es auf dem Tablett absetzte.

Jens hatte bei dem Schritt-Geräusch wieder vorsichtig den Kopf gedreht und beobachtete sie.

Jutta setzte sich und las weiter.

Erst Minuten später drehte Jens vorsichtig, möglichst unauffällig seinen Stuhl herum.

Nach einer Weile holte er sich das neue Glas Milch. Sobald er es sorgfältig neben seinem Holzstuhl abgestellt hatte, kramte aus einer Holzkiste einen alten Lappen hervor, mit dem er die verschüttete Milch aufzuwischen versuchte. Er produzierte eine ziemliche Schweinerei, für einen Achtjährigen stellte er sich sehr ungeschickt an.

Jutta schaute lächelnd hoch: »Das ist lieb von dir, danke, Jens.« Er antwortete nicht, setzte sich auf seinem Holzstuhl und trank sein Glas schlückchenweise, aber ordentlich aus. Dabei zeigte er zum ersten Mal eine Gefühlsregung, eine halb dankbare, halb erleichterte Miene.

Nele und Riedel klingelten an einer Wohnungstür, auf dem Schildchen unter der Klingel stand L. Deruleit.

Riedel drückte ziemlich ausdauernd den Klingelknopf.

Hinter der Tür war ein schlecht gelaunter Mann zu hören: »Ja, ja, schon gut. Welcher Idiot …«

Die Tür wurde aufgerissen. Potzek war überrascht, er trug nur eine knappe Unterhose: »He, was zum Teufel … Wer seid ihr?«

»Wir möchten gerne mit Lena Deruleit sprechen.«

»Was wollt ihr Witzfiguren von Lena?«

»Das sagen wir ihr selber, einverstanden?«, schlug Nele vor.

Das war Potzek sichtlich nicht, aber Nele zeigte keinerlei Anstalten, sich von seiner finsteren Miene beeindrucken zu lassen. Also müsste er grob werden, und als Kavalier der alten, rauen Schule überlegte er sich das, drehte sich um und brüllte: »Lena, dein Typ wird gewünscht.«

»Bin schon unterwegs.«

Lena Deruleit erschien im Flur. Sie war ähnlich unzureichend bekleidet wie ihr Freund Potzek. Es bestand kein Zweifel daran, bei welcher Tätigkeit Nele und Riedel sie unterbrochen hatten. Riedel, ein großer Freund großzügiger dargebotener Weiblichkeit, brummelte begeistert, Nele hielt sich zurück, von der jungen Dame spürbar weniger angetan.

»Ja, was gibt’s?« Dabei schmachtete Lena den grinsenden Riedel an und hatte keinen Blick für Nele übrig.

Nele und Riedel zückten wie auf Befehl gleichzeitig ihre Ausweise.

»Kriminalpolizei. Sie sind Frau Deruleit, Lena Deruleit?«

»Sicher, bin ich, ja. Was habe ich mit der Kripo zu tun?«

»Hoffentlich gar nichts«, sagte Riedel, den sie angesprochen hatte. »Wir haben nur eine traurige Nachricht für Sie! Martin Träger ist gestern ermordet worden.«

Lena und Potzek machten entsetzte Gesichter. Keiner zeigte Trauer, aber auch kein schlechtes Gewissen oder Angst.

»Wieso traurig?« Damit reizte sie Nele: »Ich denke, Sie haben durch Träger ganz gut verdient.«

»Ganz gut? Da lachen ja die Hühner«, stellte Potzek klar.

»Wann haben Sie Martin Träger das letzte Mal gesehen, Frau Deruleit? Was haben Sie gestern Nachmittag zwischen – sagen wir vierzehn und achtzehn Uhr getan? Wer könnte das bezeugen?«

»Verdächtigen Sie mich etwa?«

»Nein«, beruhigte Riedel, »das fragen wir alle Leute, die Martin Träger gekannt haben.«

Potzek knuffte ihre Pobacke; »Dann mal los, Mädchen.«

Nele und Riedel fuhren gemeinsam fort. Er saß am Steuer. sie betrachtete ihn spöttisch von der Seite:

»Da hast du ja gut zu tun. Model für Pornoaufnahmen. Bin mal gespannt, wer freiwillig zugibt, dass er auf der Party war und Bilder mit ihr geknipst hat.«

»Aber das ist doch genau der Job, den man ihr zutraut.«

»Und Potzek steht daneben und passt auf, dass es bei Bilderchen bleibt.«

»Und sie die Hälfte des Honorars an ihn abdrückt.«

»Hast du von solchen Knips- und Drehpartys schon mal was gehört?«

Nele knurrte ungehalten: »Ja. habe ich. Allerdings eher mit Teenies und Schulmädchen.«

Jutta Ambusch schlief schon. Es war dunkel, sie fuhr plötzlich hoch, weil die Tür ihres Schlafzimmers geöffnet wurde.

Irgendwo in der Wohnung brannte noch ein schwaches Licht, sodass die Türöffnung erleuchtet wurde. Jens schob Juttas Schlafzimmertür ganz weit auf, verschwand danach wieder lautlos. Sie lauschte schwer atmend und hörte, wie er sich in sein Bett legte.

 

 

16. Kapitel

 

Nele ging schon früh am Morgen auf das Ambusch-Haus zu. Sie hielt eine Brötchentüte in der Hand und war mächtig erschrocken, als zwei Männer auf sie zustürzten und brüllten: »Halt!«

Sie ließ die Brötchentüte fallen, die sich zum Glück nicht öffnete, blieb stehen und drehte sich empört zu den beiden Männern um, die vor ihr stoppten.

»Entschuldigung, Frau Hauptkommissarin.«, sagte der eine, bückte sich und hob die Tüte auf, die er ihr verlegend grienend in die Hand drückte.

»Guten Morgen, Frau Kaiser.«

»Guten Morgen, Kollegen.«

»Nichts Auffälliges bisher«, sagte der zweite Mann schnell.

»Danke. Hoffen wir, dass es so bleibt.«

Nele nickte den beiden Polizisten zu, die sich wieder in Deckung zurückzogen, klingelte an der Haustür, hob dann noch die Zeitung auf, die auf der Fußmatte lag, und schlug sie auf. Die Schlagzeile lautete: »Doppelmord in Zesendorf.« Dazu zwei Bilder von zwei zugedeckten Leichen.

Sie fluchte sehr undamenhaft: »Verdammte Scheiße.«

In der Sekunde öffnete Jutta die Tür.

»Meinen Sie etwa mich?«, platzte sie heraus.

Statt einer Antwort hielt ihr Nele wortlos die Titelseite mit der Schlagzeile hin.

»Auch das noch!«

Jutta nahm ihr die Zeitung ab.

»Gehen Sie schon mal rein! Ich versteck’ das Blatt im Keller unterm Altpapier.«

Jutta, Jens und Nele hatten sich in die Essecke gezwängt. Jens saß stumm auf seinem Platz, Nele schüttete die Brötchen in einen Brotkorb.

Nele sagte laut und fröhlich: »Ich hab’ Hunger.«

Jutta hob die Kanne hoch: »Kaffee?«

»Gerne. Viel und stark. Danke.«

»Größere Tassen hab’ ich nicht.«

»Macht nichts! Ich hoffe, du magst Mohnbrötchen. Die mit Rosinen waren schon ausverkauft.«

Jens reagierte nicht.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas, die Erwachsenen waren mit ihrem Frühstück beschäftigt. Jens griff zwar nach seinem Milchglas, zögerte, ließ es stehen und schaute in den Brotkorb.

»Du kannst dir nehmen, was du magst.«

Er sagte nichts und holte sich ein Mohnbrötchen heraus, betrachtete es dann ziemlich hilflos, bis Nele fragte: »Soll ich dir’s aufschneiden?«

Jens gab ihr keine Antwortet, legte aber mit einer raschen Bewegung das Brötchen auf Neles Teller.

Sie schnitt das Brötchen auf und legte beide Hälften auf Jens’ Teller. Dabei redete sie, ohne den Jungen direkt anzusehen: »Ich hab’ mir überlegt, dass Jutta und du bei dem schönen Wetter in den Zoo gehen solltet. Weißt du was, Jens? Ich spendiere den Eintritt!«

Sie holte lachend ihr Portemonnaie heraus und legte einen Fünfzig-Euro-Schein neben Jens’ Teller: »Das sollte auch noch für ein großes Eis reichen.«

Jens schaute hoch und sah Nele zum ersten Mal direkt, aber noch ausdruckslos an.

Vor dem Ambusch-Haus stieg Nele in ihr Auto und winkte Jutta und Jens noch einmal zu.

Jens hielt noch ein halbes Brötchen in der Faust und kaute.

Weil Juttas Auto schon losfuhr, musste er notgedrungen bei Nele einsteigen. Man sah ihm, an, dass er lieber mit Jutta gefahren wäre.

Ein ziviler Wagen folgt Juttas Auto. Ein zweiter Mann auf dem Beifahrersitz winkte Nele zu, die nur eine Hand hob und dann auch startete, allerdings nicht Jutta Auto folgte.

Nele hielt vor Trägers Werkstatt-Schuppen. Der Garten sah einigermaßen verwildert aus.

Träger fand sie hinter dem Schuppen; er mauerte an einem etwa zehn Mal zehn Meter großen Bau, die Wände hatten die Höhe etwa zur Unterkante der Fenster erreicht.

Als er die Hauptkommissarin sah, ließ er die Kelle sinken. Sie grinste ihn an: »Nicht genehmigter Schwarzbau?«

Andreas Träger zog so verlegen den Kopf ein, dass es einem Ja gleichkam.

Nele lachte: »Keine Sorge, deswegen bin ich nicht hier.«

»Wissen Sie, dieser Papierkrieg auf den Ämtern …«

»Geschenkt, Herr Träger. Ich wollt’ Sie was ganz anderes fragen.«

Er setzte sich auf einen Ziegelsteinstapel und begann eine Pfeife zu stopfen.

»Wie war eigentlich die Ehe Ihres Bruders?«

»Die Ehe? … Was soll ich dazu sagen? … Nicht sehr gut, aber auch nicht wirklich schlecht.«

»Gab’s Zank? Oder Dauer-Streit?«

»Nei-ein … na ja, doch, manchmal.«

»Und warum?«

»Eigentlich ging’s immer darum, dass sie beide zu viel Arbeit hatten. Und zu wenig Zeit.«

»Auch für Jens nicht?«

»Nee, für das Kind hatten sie auch keine Zeit. Karin, na ja, schon mehr … aber mein Bruder… wissen Sie, Martin ist ungeheuer ehrgeizig … war ehrgeizig, du mein Gott, das vergesse ich immer wieder …« Er brach ab, starrte einen Moment ins Leere, kehrte dann in die Gegenwart zurück. »Martin wollte unbedingt ein drittes Geschäft aufmachen. Deswegen hat er zwölf, vierzehn Stunden am Tag gewühlt. Da durfte ihn niemand stören, Karin nicht, und Jens erst recht nicht. Wissen Sie, deshalb ist Jens auch so oft hier – wie geht’s ihm eigentlich?«

»Gut, Herr Träger. Sehr gut.«

»Ich möchte ihn sehen, Frau Kaiser.«

Nele überlegte, zögerte und schüttelte bedächtig den Kopf:

»Tut mir leid, Herr Träger, das geht nicht. Noch nicht.«

»Aber ich bin doch sein Onkel. Er hat doch jetzt keinen Angehörigen mehr …«

»Für den Jungen wird gesorgt. Für sein leibliches und sein seelisches Wohl. Aber er braucht noch Zeit.«

Träger zeigte, dass er ihr nur knapp die Hälfte glaubte, merkte aber auch, dass Nele nicht nachgeben wollte. Resigniert brannte er seine Pfeife an: »Na schön, ich merk’ schon … also, Jens ist oft hier, ich bin so eine Art Ersatzvater für ihn geworden.«

»Und abgesehen davon, dass die Eltern keine Zeit für Jens hatten – hatten sie denn Zeit für sich?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, offen: Gab es Seitensprünge?«

»Martin und eine Freundin? Wann denn? Nein!«

»Und Karin Träger?«

»Die erst recht nicht.«

»Haben Sie sich mit Ihrem Bruder verstanden?«

Träger lachte bitter auf: »Mäßig, Frau Kommissarin, sehr mäßig. Ich war und bin das schwarze Schaf, der Versager, der Bruder Luftikus, der Herr Leichtfuß, der immer wieder den erfolgreichen Geschäftsmann anpumpen musste.«

»Was Ihrem Bruder nicht gefallen hat?«

»Martin hätte sich lieber seine Ohren abschneiden lassen, als tausend Euro zu verlieren.«

»Zu verleihen!«

»Nee, nee, in dem Punkt hatte er ausnahmsweise Recht. Mir Geld zu leihen heißt, Geld zu verschenken.«

Nele musste unwillkürlich lachen: »Meine Schwester war genau so, immer abgebrannt und auf Pumptour bei den Geschwistern. Und dann gewinnt das Luder beim Lotto den Jackpot und erklärt mir ernsthaft, tut mir leid, ich kann dir nichts leihen, ich muss mein Geld zusammenhalten.«

»Martin hätte sich in diesem Punkt mit Ihrer Schwester gut verstanden.«

»Und was hielt Ihre Schwägerin von Ihnen?«

»Karin und ich mögen uns – mochten uns gut leiden. Sie war – zum Glück – sehr viel netter als mein Bruder.«

»Dann hatte sie auch nichts dagegen, dass Jens Sie so oft besucht hat?«

»Im Gegenteil.«

»Und wovon leben Sie nun – wenn Ihnen Ihr Bruder kein Geld leihen wollte?«

»Etwas reparieren. Restaurieren. Töpfern, brennen. Auch Schnaps. Oder mal einen Schrank bauen. Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.

Träger marschierte mit langen Schritten auf den Eingang des Schuppens zu. Nele folgte ihm unwillig, mit nachdenklicher Miene. Für Werkstätten brachte sie nicht das große Interesse auf.

Träger ließ sie in die Werkstatt eintreten.

»Sagen Sie mal, Herr Träger, kennen Sie eine gewisse Lena Deruleit?«

»Die kleine Nutte und Partyläuferin?«

»Ihr Bruder hatte mal was mit ihr?«

»Ja, aber nicht lange; denn da tauchte plötzlich ein wüster Schläger mit Besitzansprüchen auf, mit dem sich mein Herr Bruder nicht anlegen wollte. Also beschränkte er seine Kontakte zu Lena aufs Geschäftliche. Und wenn sie kein Wechselgeld parat hatte, hat sie vielleicht mit einem Quicky in der Garderobe herausgegeben. Mein Bruder ist – war ein potenter Mann.«

»Lena macht Mundpropaganda für den Partyservice von Feinkost Träger?«

»Ja, so kann man’s ausdrücken, und dabei war sie erstaunlich erfolgreich.«

Nele bewunderte die fertig gestellte Intarsien-Schranktür, an der Träger am Mittwochabend gearbeitet hatte.

Er deutete in eine Ecke: »Das ist Jens’ Arbeitsplatz.«

In der Ecke stand unter einem Fenster eine kleine, niedrige, improvisierte Arbeitsplatte mit zwei Schraubstöcken, Laubsäge und Leimtopf plus Pinsel.

Träger lachte leise: »Er hilft mir, wirklich. Er hat sehr geschickte Hände.«

»Also ganz der Onkel.«

»Na klar. Wenn ich dürfte, würde ich ihn sofort als Lehrling anstellen.«

Nele verbesserte: »Das heißt heute Azubi«, drehte sich um und erkannte auf einem Tisch die Zeitung mit der Schlagzeile über den Doppelmord.

»Sie hängen sehr an Jens?«

»Noch mehr, Frau Kommissarin.«

Von Andreas Träger war Nele noch einmal zu den Wittes gefahren. Die beiden Frauen setzten sich auf die Veranda.

»Nein, Frau Kaiser, über die Ehe der beiden kann ich Ihnen nichts sagen. So gut kannten wir sie nicht. Aber wenn Sie mich nach meinem Eindruck fragen: Sie war um Klassen netter und freundlicher und konzilianter als ihr Mann. Martin Träger war ein takt- und manierenloser Grobian, scheißfreundlich nur zu seinen Kunden.«

»Und Jens?«

»Jens? Der hat seine Mutter geliebt und ist seinem Vater aus dem Weg gegangen, wo er nur konnte.«

»Sie kennen Andreas Träger?«

»Natürlich! Andreas – Onkel Andy – ist ein Filou. Aber ein netter. Jens liebt ihn abgöttisch.«

»Das Verhältnis der Brüder scheint nicht gut gewesen zu sein.«

»Nein, das war es nicht. Karin – Frau Träger – musste immer wieder zwischen den beiden vermitteln.«

»Warum hat sie das eigentlich getan?«

Karla Witte zögerte: »Ich denke mir, sie wusste, wie sehr Jens an seinem Onkel Andy hängt. Und sie wollte nicht, dass Jens unter den Spannungen der Brüder leidet.«

»Ja, das klingt logisch.«

 

 

17. Kapitel

 

Nele und Riedel trafen sich in der gut besetzten Kantine des Präsidiums an der Essensausgabe. Die Schlange rückte gerade ein Stück vor:

Riedel hatte Neuigkeiten: »Die Waldmann hat gelogen. In zwei Geschäften war sie mit Sicherheit nicht, und die Buchhandlung hatte am Mittwoch nach dreizehn Uhr geschlossen.«

»So was habe ich mir schon gedacht. Ich nehme den Eintopf.«

»Für mich auch bitte! Also kein Alibi für die liebe Sigrid. Und in seinem anderen Geschäft ist Träger an dem Tag auch nicht mehr gesehen worden.«

»Aber Hinweise auf einen Freund, der mit der Waldmann was geplant hat …«

»Nee, bis jetzt Fehlanzeige.«

Sie nahmen sich ihre Eintöpfe und rückten zur Kasse vor. Beide legten Bons in die grüne Schale, die Kassiererin beachtete sie nicht.

Hinter der Kasse sahen sich Nele und Riedel suchend nach freien Plätzen um.

An einem Vierer-Tisch mit noch zwei freien Stühlen winkte ein Kollege Loskill.

»Merkst du was, Jan?«

»Sicher. Neugier kneift schlimmer als Hunger.«

»Wenn ich den Kerl erwische, der mit der Presse redet …«

»… begehst du einen Mord. Du wiederholst dich, verehrte Chefin. Ich habe noch eine schlechte Nachricht für dich. Diese Lena hat sich am Mittwochnachmittag bis gegen zwanzig Uhr auf einer Knipsparty, wie das neuerdings heißt, fotografieren lassen und dabei die Hüllen ganz oder teilweise fallen lassen. Ihr Freund Potzek ist ihr nicht von der Seite gewichen und hat kassiert. Zehn Zeugen bis jetzt, vier sehr glaubwürdig, die restlichen sind Windhunde. Lena müssen wir von der Liste streichen. Potzek leider auch.«

»Schade, aber auch Andres Träger meint, die Beziehung Martins mit Lena sei schon lange beendet.«

Jutta und Jens stromerten über Mittag bei strahlendem Sonnenschein durch den Zoo. stoppten schließlich vor einem Freigehege mit jungen Tigern, mit ihnen vielleicht acht, neun Männer, Frauen und Kinder, neben und hinter ihnen.

Jutta lachte wie die anderen über die spielenden Tiere.

Jens sah zwar auch hin, blieb aber ernst, er schien das spielerische Kräftemessen der Jungtiere als ernste Auseinandersetzung zu betrachten.

Plötzlich wurde es ihm zuviel. Er drehte sich eilig um und rempelte dabei versehentlich einen Mann an, der schräg hinter ihm gestanden hatte. Der Mann lutschte ein Eis, das er bei dem Zusammenprall fallen ließ.

Jens achtete nicht darauf, sondern drängte nach hinten, zur Empörung des Mannes: »He, du Lümmel.«

Der Mann bekam Jens auch zu fassen.

Jens strampelte, er wollte sich unbedingt freimachen. Sein Gesicht verriet panische Angst.

»Kannst du nicht aufpassen?«, brüllte der Mann laut und unbeherrscht.

Zwei Wächter tauchten hinter den beiden auf und packten den Mann an den Oberarmen, und zwar so hart, dass er Jens loslassen musste.

Sobald er frei war, lief Jens weg.

Jutta, durch das Gebrüll des Mannes aufmerksam geworden, rannte hinter ihm her, erreichte ihn auch, obwohl Jens erstaunlich schnell war, wollte ihn am Arm festhalten. Doch Jens ließ sich zu Boden fallen und begann wild zu strampeln, schlug dabei mit Armen und Beinen um sich, wobei er nicht einen Laut ausstieß.

Jutta wich zurück, hockte sich neben Jens auf die Erde, versuchte aber nicht mehr, ihn anzurühren, sondern wartete, bis er sie neben sich sah und erkannte. Seine Bewegungen wurden langsamer.

Von dem Gehege kamen jetzt die beiden Männer auf Jutta und Jens zugelaufen.

Besucher waren bei Jutta und Jens stehen geblieben, beobachteten das Schauspiel.

»Der Junge braucht ein paar hinter die Löffel«, urteilte ein Mann.

»Eine ordentliche Tracht Prügel«, schlug ein anderer vor.

»So ein unverschämter Bengel«, assistierte ein dritter Mann.

Die beiden Wächter vom Typ Kleiderschrank erreichten die Gruppe der Neugierigen.

Jens stellte sich auf die Füße und stand regungslos wie ein begossener Pudel da.

Die Wächter drängten die Neugierigen zurück. Dabei verhielten sie sich in alles andere als zimperlich, was auch wirkte. Der Ring wurde größer.

»Los, los, gehen Sie weiter, hier gibt’s nichts zu sehen!«

»Oder sollen wir Ihnen Beine machen? Runter vom Acker!«

»Unverschämtheit, was fällt Ihnen ein?«, beschwerten sich Besucher.

»Was sind das überhaupt für Typen?«

»Hauen Sie ab, aber schnell!«

Jutta ging schnell in eine andere Richtung als die von den Wächtern weggedrängten Neugierigen.

Jens folgte ihr in großem Abstand. Bei einem Hund hätte man gesagt, »mit hängenden Ohren«.

 

 

18. Kapitel

 

Kriminalrat Simon saß hinter seinem Schreibtisch und schlug unwillig eine Akte zu. Nele und Riedel hockten mit Armesündermienen vor dem Tisch.

»Dünn, sehr dünn, Nele.«

Die beiden Kriminalbeamten nickten zustimmend.

»Wie ist der Mörder überhaupt ins Haus gekommen?«

»Entweder hatte er Schlüssel, oder einer von den Trägers hat ihn hereingelassen.«

Simon schaute zwischen Nele und Riedel hin und her, beide zuckten die Achseln.

»Also nichts.«

Riedel fühlte sich angesprochen: »Bis jetzt – nein. Kein Motiv, keine Zeugen, kein Hinweis, kein Verdächtiger.«

»Bis auf diese – na – diese Waldmann.«

»Ich weiß nicht … okay, sie hat gelogen, aber das kann viele Gründe haben«, meinte Nele.

»Dann möchte ich diese Gründe kennen lernen.«

»Wenn du meinst!«

»Ja, Nele, das meine ich. Weißt du, es sollte nirgendwo der Verdacht entstehen, du würdest nicht allen Spuren nachgehen, nur weil du dich sehr früh auf einen einzigen Weg festgelegt hast.«

Nele verstand die Andeutung sehr genau und stand zornig auf, aber bevor sie explodieren konnte, lenkte Simon ein: »Schon gut! Was ist mit diesem Andreas Träger?«

»Etwas komisch ist der Typ schon.«

»Geht’s auch etwas genauer, Herr Riedel?«

»Es wird nicht so recht klar, wie er zu seinem Bruder und seiner Schwägerin stand.«

»Also wollt ihr nicht, dass er mit Jens …?«

»Auf keinen Fall!«, schnappte Nele.

 

 

19. Kapitel

 

Jutta und Jens hatten sich nach dem Trubel im Zoo in das Spielzimmer zurückgezogen.

Sie las in ihrem Ohrensessel.

Jens strolchte an der Arbeitsplatte vorbei, nahm prüfend einige Sachen hoch, legte sie aber wieder hin.

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Titel: Mord hat Hauptsaison -  Band 2