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Bount Reiniger und die tickende Bombe: N.Y.D. – New York Detectives

2019 106 Seiten

Leseprobe

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Bount Reiniger und die tickende Bombe: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Bount Reiniger und die tickende Bombe: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

 

Eigentlich erhofft sich der Privatdetektiv Bount Reiniger einen neuen Auftrag von einem reichen Industriellen, doch plötzlich liegt der tot in seinem Haus. Als Täter wird ein Freund ermittelt, aber der steckt selbst in der Klemme und ist nur vorgeschoben. Bount glaubt es dem verhinderten Auftraggeber schuldig zu sein, den wahren Täter zu finden und kommt auf die Spur einer abgefeimten Organisation, doch er hat keine Möglichkeit mehr, jemandem sein Wissen weiterzugeben.

 

Copyright

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Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Chester Maynard – Er hat einen Auftrag für Bount, doch ein Killer kommt ihm zuvor.

Raymond Poole – Die kleine Geldverlegenheit beunruhigt ihn erst, als er sich von der Polizei gejagt sieht.

Lorna Avalon – Ihr Bild in der Tasche eines Toten wird zu einer heißen Spur.

Zeke Coolan – Seine Geschäfte garantieren ihm Riesengewinne und Ärger mit Bount Reiniger.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

 

 

1

Daniel Balderstone bewegte sich wie ein zu fett geratener Tiger. In den Ansätzen wirkte er anmutig und sportlich, doch die Ausführung fiel plump und ungelenk aus. Er kam in die Jahre. Das hatte er nicht wahrhaben wollen, sonst wäre ihm dieser Fehler mit Sicherheit nicht unterlaufen.

Jetzt musste er zusehen, wie er aus dem Schlamassel wieder herauskam.

Noch war längst nicht alles verloren. Druck erzeugt Gegendruck. Da kannte er sich aus. Die Dreckskerle würden sich noch wundern. Er schlug zurück. Das stand bombenfest – unwiderruflich.

Der clevere Geschäftsmann hatte auch schon einen Plan. Zum Glück besaß er einige Freunde, mit denen er sich zwar ungern in der Öffentlichkeit zeigte, die aber für sein Vorhaben wie geschaffen waren.

Sie sollten ihm helfen. Sie waren ihm noch etwas schuldig, er würde sie schon erinnern.

Daniel Balderstones Miene glättete sich, als er den Cadillac Fleetwood aus der Garage holte. Er steuerte den Wagen zur West Side und parkte ihn vor einem der alten Lagerhäuser.

Bevor er ausstieg, blickte er sich nach allen Seiten um. Man konnte gar nicht vorsichtig genug sein. Er nahm die Drohung verdammt ernst. Bei solchen Leuten musste man mit dem Schlimmsten rechnen.

Nein, er konnte beruhigt sein. Außer den Typen, die in dieser Gegend für gewöhnlich herumlungerten und auf einen Gelegenheitsjob am Hafen hofften, war niemand zu sehen.

Daniel Balderstone verließ den Wagen und schloss ihn sorgfältig ab. Er musste noch ein paar Schritte zu Fuß gehen. Es war aber nicht weit.

Ein Typ mit schwarzen Haaren und einem kleinen Bärtchen näherte sich ihm.

Der Geschäftsmann war augenblicklich alarmiert. Er schloss nicht aus, dass die Bande ihm einen Verfolger auf den Hals gehetzt hatte. Vielleicht verbarg der Halunke unter seiner zerlumpten Jacke eine frisch geölte Pistole, mit der er ihn voll Blei pumpen wollte.

„Hey, Partner!“, grölte der Verkommene und strahlte über das ganze Gesicht. „Du hast mich lange warten lassen.“

„Wir sind nicht verabredet, du Vogel“, sagte Balderstone abweisend. „Verschwinde! Sonst kümmert sich die Polizei um dich.“

„Ich mag aber keine Bullen.“

„Das sieht man dir an. Also brumm ab! Damit sparst du dir ’ne Menge Ärger.“

„Hey! Warum so unfreundlich? Ich habe dir doch nichts getan. Ich will ja nur was zum Qualmen. ’ne Zigarette wirst du wohl haben.“

Daniel Balderstone atmete hörbar ein. Eine Zigarette? Unter dem Vorwand, nach Feuer zu suchen, zog der Strolch dann plötzlich die Kanone und bedankte sich auf seine Weise.

„Nichts zu machen“, erwiderte er schroff. „Ich bin Nichtraucher.“

„Bravo, Boss! Da sparst du ’ne Menge Geld. Wetten, dass du dann ’nen Dollar für mich hast? Es dürfen auch ruhig Zwillinge sein. Die Lebenshaltungskosten sind im letzten Jahr schon wieder um sechs Prozent gestiegen.“

„Und du fällst gleich auf die Nase, wenn du mich nicht endlich in Ruhe lässt. – Lass mich vorbei, sonst raucht es.“

Er wollte sich an dem lästigen Typen vorbeidrängen, doch der hielt ihn an der Schulter zurück.

„Du bist bestimmt was Höheres“, vermutete er mit zusammengekniffenen Augen. „Irgend so ’n Boss von ’nem Riesenkonzern. Das merkt man an deiner unsozialen Einstellung. Ich meine es gut mit dir. Fünfzig Dollar, und wir trennen uns als Freunde.“

Daniel Balderstone nutzte die Gelegenheit, um den anderen blitzschnell abzutasten. Er spürte aber unter dem Jackenstoff nichts, das die Form einer Waffe gehabt hätte.

„Mann, ich bin kitzlig. Du musst mich verwechseln. Wenn du einen netten Jungen suchst, kann ich dir ’ne Adresse geben. Die kostet dann aber hundert Bucks.“

„Jetzt reicht es!“, brüllte Balderstone und hob die Faust.

In diesem Moment hörte er ein Geräusch hinter sich, als würde Blech gegen Blech reiben.

Er drehte sich um und sah, wie eine Gestalt sich blitzschnell hinter seinem Cadillac duckte. Ein kleiner Bursche, der ihm irgendwie bekannt vorkam.

Ach, so lief das hier. Der eine sollte ihn ablenken, während der andere die Räder abmontierte oder sogar versuchte, das Türschloss zu knacken.

Er versetzte seinem Gegenüber einen wütenden Stoß vor die Brust und hetzte zurück. Dabei schüttelte er drohend die Faust.

„Ich schlage dich krumm und lahm, wenn ich dich erwische“, schrie er.

Dazu wollte es der Halunke aber scheinbar nicht kommen lassen. Er fuhr hastig in die Höhe und schleuderte einen handlichen Schraubenschlüssel gegen seinen Verfolger.

Balderstone wich dem Geschoss aus.

Der andere rannte davon. Er war drahtig und sportlich. Der Geschäftsmann hatte keine Chance, ihn einzuholen.

Das wollte er im Grunde auch gar nicht. Bei Prügeleien zog er ohnehin den Kürzeren. Ihm genügte es, den Strolch vertrieben zu haben. Er musste den Caddy an einer anderen Stelle parken. Vorher aber wollte er sich vergewissern, ob auch noch sämtliche Radmuttern festsaßen. Mörderische Überraschungen im Fünfzig-Meilen-Tempo liebte er überhaupt nicht.

Er bückte sich, um das linke Hinterrad zu kontrollieren. Da weiteten sich seine Augen. Das schwarze Kästchen, das unter dem Auspuffrohr hing, gehörte nicht zum serienmäßigen Zubehör eines Fleetwood.

Das sah ihm verdächtig nach einer Bombe aus. Die Schweine hatten ihn doch hereingelegt.

Plötzlich wurde ihm klar, dass dieser Mord von Anfang an geplant war. Er hatte sich einen gefährlichen Feind gemacht. Das hätte er auch nicht für einen Augenblick vergessen dürfen. Diese verdammten Gangster duldeten keine Widersprüche.

Weg hier!, jagte es ihm durch den Kopf. Jetzt musste er um sein Leben laufen.

Daniel Balderstone stürzte vorwärts. Er schaffte genau drei Schritte. Dann ging die Bombe hoch. Den Lärm der Explosion nahm er gar nicht mehr wahr. Er spürte nur noch einen einzigen heftigen Schlag, der seine Hoffnung auf Rettung sofort zerstörte.

Als einige Zeit später die Polizeiwagen mit Sirenen und rotierenden Rotlichtern heranrasten, bot sich den Männern ein schreckliches Bild der Verwüstung.

 

 

2

„Müssen wir da unbedingt hingehen, Bount?“, erkundigte sich June March und verzog ihr Gesicht. „Etwas Einschläfernderes als eine Maynard-Party ist für mich nur schwer vorstellbar.“

Bount Reiniger lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und blies die Rauchkringel der Pall Mall senkrecht zur Decke. Hinterhältig grinste er seine Mitarbeiterin an.

„Wir müssen nicht, Kleines. Aber weißt du, was wir in einer Woche verdienen können, wenn wir für Maynard arbeiten?“

June horchte auf. „Hey! Du hast mir nicht gesagt, dass du auf einen Auftrag dieses Langweilers spekulierst. Warum trefft ihr euch nicht einfach hier oder in seinem Büro und diskutiert das Ganze aus?“

„Das hatte ich ihm auch angeboten, aber Maynard kam mit seinem Gegenvorschlag. Du kennst ihn doch. Er liebt die Show. Er will demnächst in Europa groß einsteigen.“

„Meinen Segen hat er. Wird das dann heute eine Abschiedsparty?“

„Da musst du ihn selbst fragen. Ich weiß nur, dass ihm die Italiener ein derart phantastisches Angebot gemacht haben, dass er misstrauisch geworden ist. Er sucht einen Mann, der den Burschen ein bisschen auf den Zahn fühlt. Er hat nämlich keine Lust, sich unversehens im Netz der Mafia wiederzufinden.“

„Und dieser Mann sollst du sein?“

„Das hoffe ich, Kleines. Wie fändest du zum Beispiel zwei Wochen Urlaub in San Remo an der Riviera?“

June March schnippte lässig mit den Fingern. „Du weißt genau, dass ich nicht bestechlich bin.“ Schmunzelnd fügte sie hinzu: „Wann geht es heute Abend los?“

„Für Bestechliche und Unbestechliche gleichermaßen um neun Uhr. Man wird also gar nicht merken, zu welcher Gruppe du dich zählst.“

 

 

3

Raymond Poole hockte wie eine fette Kröte hinter seinem Schreibtisch. Seine Augen verschwanden hinter Speckfalten. Das Haar unter seinem Toupet war nur noch spärlich.

Jedes Mal, wenn einer seiner beiden Besucher das Wort an ihn richtete, zuckte er zusammen. Feine Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Ihm musste etwas einfallen.

Die Männer auf der anderen Seite des Schreibtisches waren zwar aus rein geschäftlichen Gründen hier, doch dieses Geschäft drohte Raymond Poole aus der Hand zu gleiten.

Der eine bohrte ständig mit dem kleinen Finger in seinen Zähnen herum, während der andere den Rhythmus seines Lieblingssongs auf die Tischplatte trommelte. Beides machte den Dicken nervös.

„Ich brauche einfach mehr Zeit“, sagte der dicke Geschäftsmann. „Das muss Ihr Boss einsehen. Ich habe bis jetzt immer pünktlich gezahlt.“

„Die Vergangenheit interessiert uns nicht, Poole“, sagte der Größere der beiden. Er hatte schwarzes, glänzendes Haar, einen kleinen Oberlippenbart und ein hervorspringendes Kinn. „Uns führt die Gegenwart her, und die sieht ganz und gar unerfreulich aus. Du bist überfällig. Was machst du denn mit deinen Kunden, wenn die nicht zahlen wollen?“

„Aber ich will ja“, versicherte Raymond Poole nervös. „Es geht nur im Augenblick nicht. Eine größere Investition bindet meine Mittel.“

„Blablabla“, unterbrach ihn der Kleinere. Seine grauen Augen glitzerten gefährlich. Wie zufällig griff er nach dem schweren Brieföffner und spielte damit. Dabei musterte er sein Gegenüber lauernd. „Sorgen haben wir alle. Auch der Boss. Und weil es so ist, sind wir hier. Schick deine Vorzimmermieze weg. Die brauchst du heute nicht mehr. Oder willst du, dass sie von deinen Problemen erfährt?“

Raymond Poole zögerte. Er durfte keinen Fehler begehen. Miriam stellte einen Sicherheitsfaktor da. Die Strolche würden ihm nichts tun, solange sie da war. Das konnten sie nicht riskieren.

Der Schwarzhaarige durchschaute ihn. Er lachte gemein.

„Mach dir nicht in die Hose! Denkst du etwa, wir wollen dich umlegen? Dann müsste der Boss ja sein Geld abschreiben. Darauf legt er keinen Wert. Also mach schon, was wir dir sagen. Sonst flüstern wir der Kleinen mal ein paar Neuigkeiten aus deinem Privatleben. Wird sie bestimmt interessieren. Die sieht genauso aus, als würde sie es dann morgen dem ganzen Betrieb erzählen.“

Poole ächzte. Sein ganzer Körper war längst schweißnass.

Er beugte sich über die Sprechanlage und drückte auf die rote Taste. „Miriam, Sie können Feierabend machen. Bis morgen dann. Und vergessen Sie nicht, die Post mitzunehmen.“ Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Miriam reagierte.

„Ich schreibe noch rasch den Brief an Henderson & Henderson fertig, Mister Poole.“

„Morgen, Miriam. Erledigen Sie das morgen.“

„Wie Sie wünschen, Sir. Guten Abend!“

„Guten Abend, Miriam.“

Raymond Poole ließ die Sprechtaste los und schaute seine Besucher unsicher an.

„Ich weiß, dass Sie auch nur Ihre Pflicht tun“, meinte er ölig. „Ein unangenehmer Job, nicht wahr? Ungefähr wie ein Gerichtsvollzieher. Ich bin sicher, wir werden uns einigen.“

„Selbstverständlich werden wir das, Poole. Vorher wirst du uns nicht los.“

„Ich brauche zwei Wochen. Dann zahle ich die ganze Summe einschließlich der angelaufenen Zinsen zurück.“

„Das Geld war vor drei Tagen fällig“, beharrte der Bursche mit dem Brieföffner.

„Mein Gott! Das weiß ich selbst. Es ist schließlich keine böse Absicht von mir. Mir wurde eine großzügige Behandlung des Kredits zugesichert.“

„Drei Tage sind mehr als großzügig. Normalerweise zeigt der Boss nicht solche Engelsgeduld. Aber an dir hat er anscheinend einen Narren gefressen. Da wird er regelrecht mildtätig. Manchmal ist er nur schwer zu begreifen. Also rück mit den Mäusen rüber. Dann schreiben wir dir eine Quittung und bleiben die besten Freunde.“

Raymond Poole durchzuckte ein erlösender Gedanke. Das war es. Die beiden verdienten sich bestimmt gerne etwas nebenbei.

Er zückte seine Brieftasche und entnahm ihr das gesamte Bargeld. Es waren zwanzig Hundert-Dollar-Noten. Er fächerte sie auf und schob jedem die Hälfte hinüber.

„Freunde sollten wir auf alle Fälle bleiben“, schlug er grinsend vor. „Von dieser Extragratifikation braucht Ihr Boss ja nichts zu erfahren. Sie erzählen ihm, dass Sie mich mächtig unter Druck gesetzt haben, und dass ich in vierzehn Tagen alles zurückzahlen werde. Na, ist das ein Vorschlag?“

Der Schwarzhaarige betrachtete die Geldscheine in seiner Hand und nickte zustimmend.

„Ein sehr großzügiger sogar“, fand er. Er ließ das Geld in seiner Gesäßtasche verschwinden und erhob sich.

Der Kleinere folgte seinem Beispiel.

Raymond Poole atmete auf. Seine Menschenkenntnis hatte ihn also nicht im Stich gelassen. Die Halunken waren alle käuflich. Die zweitausend Dollar konnte er verschmerzen. Hier ging es um eine wesentlich größere Summe.

Auch er stand auf und deutete einladend auf die Tür.

„Ich erwarte Sie also in zwei Wochen wieder, meine Herren. Sie werden dann alles geregelt vorfinden. Über unser kleines Privatgeschäft bewahren wir selbstverständlich Stillschweigen, nicht wahr?“

„Das versteht sich von selbst“, bestätigte der Kleine und grinste ihn an.

Dann schlug er zu.

Seine Faust traf Raymond Poole knapp unter dem rechten Auge. Die andere landete in der Magengrube.

Poole klappte nach vorne, wurde aber durch den Schwarzhaarigen zurückgerissen, der sich sein Kinn als Ziel ausgesucht hatte.

Er hob abwehrend die Fäuste, was aber als Verteidigung gegen zwei eiskalte Profis nicht ausreichte.

Sie ließen schon nach drei Minuten wieder von ihm ab. Aber es waren die schlimmsten drei Minuten gewesen, die er in seinem bisherigen Leben durchgemacht hatte.

 

 

4

Die Party war so langweilig, wie June befürchtet hatte. Über Mangel an Verehrern konnte sie sich zwar nicht beklagen, aber der Jüngste war schon über fünfzig und entsprach damit nicht mehr ganz ihren Vorstellungen.

Außerdem schlich Chester Maynard ständig um sie herum und prahlte mit seiner glücklichen Hand für alle möglichen Geschäfte. June fand kaum Gelegenheit, auch einmal ein anderes Gespräch zu führen.

Ein paarmal nahm sie einen Anlauf, den Mann an Bount Reiniger abzuschieben. Aber Maynard schien vergessen zu haben, aus welchem Grund er den Privatdetektiv überhaupt eingeladen hatte. Vielleicht hatte er sich auch schon für einen anderen Mann entschieden.

Bount hatte June dringend ans Herz gelegt, keinesfalls dieses Thema anzuschneiden. Leute wie Maynard reagieren oft sauer, wenn sie nicht selbst die Katze aus dem Sack lassen dürfen.

Also ließ sie das eintönige Geschwafel über sich und die lüsternen Blicke über ihre Knie ergehen und sehnte das Ende dieses Abends herbei.

Bount schien sich dagegen prächtig zu amüsieren. Er wurde von vier Frauen gleichzeitig umringt, die – bei galanter Schätzung – kaum weniger als zweihundert Jahre Gesamtalter verkörperten. Bount störte das nicht. Er erzählte anscheinend Witze, denn das schrille Gelächter seiner Zuhörerinnen klang bis zu June hinüber.

In Wirklichkeit war Bounts blendende Laune auch nur vorgetäuscht. Er war stocksauer und verwünschte seinen Gedanken, June auf diese Party mitgenommen zu haben. Nicht nur, dass Gloria Maynard ihren Mann mit eifersüchtigen Blicken bombardierte, der Gastgeber vergaß auch alles andere um sich und dachte vor allem nicht daran, Bount den erhofften Auftrag zu geben.

Jetzt walzte Gloria Maynard mit ihren zwei Zentnern heran und entführte Bount ans kalte Buffet. Dieser Ausflug erwies sich in kulinarischer Hinsicht zwar als Erfolg, aber Bount ahnte den eigentlichen Zweck der Übung. Gloria wollte es ihrem Mann mit gleicher Münze heimzahlen. Er sollte eifersüchtig werden. Dass sie Bount damit unter Umständen ein glänzendes Geschäft verdarb, störte sie nicht.

Nachdem die Gastgeberin ihn minutenlang mit Kaviar und Hummerhäppchen gefüttert hatte, bestand sie darauf, ihm das Haus zu zeigen.

„Sie müssen sich unbedingt auch die anderen Zimmer meines Hauses ansehen, Mister Reiniger“, lockte sie gurrend. Es hörte sich allerdings eher wie das Kollern einer verliebten Truthenne an.

Bount hoffte, dass sie nicht in der Hauptsache die Schlafzimmer damit meinte.

Während er über die breite Treppe gelotst wurde, warf er einen hilfeflehenden Blick dem Hausherrn hinüber, der das ungleiche Paar jedoch überhaupt nicht beachtete. Er war mit seinem Tausch durchaus zufrieden.

Dafür fing Bount einen anderen Blick auf. Er kam von einer Frau in einem schlichten eleganten Kleid. Er hatte sie an diesem Abend zwar schon einige Male in seiner Nähe gesehen, aber noch keine zehn Worte mit ihr gewechselt. Sie waren einander vorgestellt worden. Ihren Namen hatte er aber, wie fast alle anderen, kaum richtig verstanden und schon wieder vergessen.

„Kommen Sie doch, Mister Reiniger“, mahnte Gloria Maynard ungeduldig und zog ihn am Arm weiter.

Bount ergab sich in sein Schicksal, doch er wurde den Blick der fremden Frau nicht los. Er hatte darin Verzweiflung gelesen.

Bei der Hausbesichtigung wurden dann auch tatsächlich die Schlafräume berührt, doch Gloria Maynard legte mädchenhafte Schüchternheit an den Tag und wartete offenbar auf seine Attacke. Da konnte sie lange warten.

Es dauerte fast eine ganze Stunde, ehe sie zu den anderen Gästen zurückkehrten.

Unten hatte sich kaum etwas verändert. June ließ sich noch immer von Chester Maynard langweilen und schickte hilfesuchende Blicke zur Treppe. Die Damen freuten sich, dass Bount nun wieder ihnen gehörte, und die Männer fachsimpelten unter dichten Rauchschwaden.

Lediglich die ernste Frau in dem schlichten Kleid konnte Bount nicht mehr entdecken. Vermutlich hatte sie es vorgezogen, die Gähnparty zu verlassen.

Er musste feststellen, dass Chester Maynard dem Alkohol beträchtlich zugesprochen hatte. Seine Stimme war lauter geworden, obwohl ihn June immer wieder bremste. An diesem Abend würde er bestimmt nicht mehr über Geschäfte reden. Die Party hätten sie sich sparen können. June hatte recht behalten.

Bount wartete noch eine halbe Stunde. Dann mahnte er zum Aufbruch.

„Netter Abend“, lallte Maynard, als er seine Gäste verabschiedete. „Sie müssen uns unbedingt öfter besuchen.“

„Sehr freundlich“, sagte Bount steif, ergriff June beim Arm und dirigierte sie zu seinem Mercedes.

Als er losfuhr, warf ihm die Blondine einen fragenden Blick zu. „Zufrieden?“

Er schaute schräg nach unten. Junes Minikleid betonte ihre wohlgeformten Beine außerordentlich gut.

„Mit der Aussicht schon“, gestand er. „Leider muss ich ja auf den Straßenverkehr achten!“

„Und mit dem Geschäftlichen?“, wollte June hartnäckig wissen.

„Da fragst du auch noch?“, knurrte der Detektiv gereizt. „Du hast Maynard ja den ganzen Abend nicht aus den Krallen gelassen. Die Party war ein einziger Flop.“

„Ach, du Ärmster! Konntest du bei der zierlichen Gloria nicht landen? Den Eindruck hatte ich aber gar nicht. Sie hat dich doch förmlich verschlungen. Aber tröste dich, ich habe den Auftrag für uns geangelt. Zwischen zwei doppelten Bourbon. Maynard wird dich morgen noch deswegen anrufen. Er ist von dir sehr angetan.“

„Du meinst wohl, von dir.“

„Wir haben die ganze Zeit nur von dir geredet. Ehrlich!“

„Und mit dieser Lüge auf den Lippen willst du dich schlafen legen?“

Plötzlich trat Bount so vehement auf die Bremse, dass June ihn fragte, ob er sich entschlossen habe, sie lieber im Vanderbilt Hospital zurückzulassen, während er auf Europatrip ging.

Bount antwortete nicht. Er war blass geworden. Es war ihm mit Mühe gelungen, den Mercedes zu stoppen, bevor es zum Zusammenstoß gekommen war.

Die Frau stand wie ein Gespenst mitten auf der Fahrbahn und breitete die Arme aus. Ihre Augen waren schreckgeweitet. Sie zitterte und brachte auch dann noch kein Wort heraus, als Bount die Tür aufstieß und sich erkundigte, ob sie okay sei.

Erst da erkannte er sie. Es war die Dame in dem schlichten Kleid, die ihm flüchtig bei den Maynards aufgefallen war.

 

 

5

„Sie müssen mir helfen, Mister Reiniger“, sagte die Frau leise, nachdem sie sich wieder gefangen hatte.

„Was verstehen Sie darunter?“, brummte Bount unwillig. „Zunächst einmal hätte ich Sie um ein Haar umgebracht.“

„Das war meine Schuld. Ich habe Ihre Geschwindigkeit unterschätzt. Ich wollte Sie unbedingt sprechen. Auf der Party ergab sich leider keine Gelegenheit.“

„Nein, er war sehr beschäftigt“, meldete sich June mit spitzer Zunge.

Bount sah sie scharf an. Er fand das Ganze überhaupt nicht witzig. Da war etwas im Busch.

„Wollen wir uns in meinem oder in Ihrem Wagen unterhalten?“

„Ich habe das Taxi weggeschickt. Sie erinnern sich doch noch an mich?“

„Das schon, aber Ihren Namen habe ich nicht behalten.“

„Poole. Orrie Poole. Mein Mann hat geschäftlich mit Chester Maynard zu tun.“

Die Frau nahm auf dem Beifahrersitz Platz, während June nach hinten rutschte.

„Die beiden haben sich überworfen?“, vermutete die Blondine.

Orrie Poole sah sie überrascht an. „Wie kommen Sie darauf?“

„Sie waren alleine auf der Party. Das kann doch nur einen Streit der Männer bedeuten, oder …“

„Oder Raymond war aus anderen Gründen verhindert“, ergänzte Orrie Poole. Sie sah jetzt noch hilfebedürftiger als auf der Party aus. Sie hatte versucht, ihre Blässe mit viel Rouge zu überdecken. Es war ihr aber nur unvollkommen gelungen.

Orrie Poole war keine Schönheit, dafür ging sie aber auch schon auf die Sechzig zu. In diesem Alter entwickeln die Frauen zwangsläufig andere Vorzüge, die das Äußere nicht mehr so wichtig erscheinen lassen.

Bount erkundigte sich, wohin er fahren solle.

„Das überlasse ich Ihnen, Mister Reiniger. Ich nehme nachher wieder ein Taxi. Ich möchte keinesfalls, dass uns mein Mann zusammen sieht. Er darf nichts davon erfahren, dass Sie ihn beobachten.“

Bount schüttelte den Kopf. „Um mir das zu sagen, hätten Sie wirklich nicht diesen lebensgefährlichen Weg zu wählen brauchen. In meinem Büro ist fast immer jemand zu erreichen.“

Die Frau lächelte schmerzlich. „Die Idee kam mir erst, als ich Sie heute kennenlernte und von Ihrer Tätigkeit erfuhr. Vorher hätte ich nicht im Traum an eine solche Möglichkeit gedacht. Jetzt halte ich die Idee jedoch für gut. Zumindest weiß ich keine bessere.“

„Ihr Mann betrügt Sie?“

Orrie Poole blickte starr geradeaus und achtete nicht auf die Straßen, durch die sie fuhren. Bount wollte zunächst June nach Hause bringen.

„Raymond ist neun Jahre jünger als ich. Betrogen hat er mich, solange ich denken kann. Das habe ich mir nur am Anfang zu Herzen genommen. Als ich erfuhr, dass er sein Glück bei billigen Flittchen suchte, war ich beruhigt. Diese Frauen sind keine wirkliche Gefahr. Ich ging dazu über, seine sporadischen Seitensprünge zu ignorieren. Diese Methode hat sich bewährt und ist unserer Ehe gut bekommen. Erst seit einem halben Jahr wuchs meine Sorge. Es zeigten sich bei Raymond wieder die typischen Merkmale. Ungewöhnlich häufige Besprechungen, Dienstreisen, na, Sie wissen schon. Natürlich vermutete ich wieder eine Frau, bis seine Stimmung schlagartig schlecht wurde, obwohl sich an den Besprechungen und Dienstreisen nichts änderte. Ich sah mir sein Privatkonto genauer an und stellte fest, dass er es bis auf den letzten Dollar geplündert hatte. Er hat ganz beträchtliche Summen abgehoben. So viel hat ihn noch keine seiner Nutten gekostet.“

„Sie glauben an Erpressung?“

„An nichts anderes. Vielleicht existieren kompromittierende Fotos, mit denen ihn irgendwelche Halunken unter Druck setzen. Ich kann darüber nicht mit ihm sprechen. Solange ich nichts Konkretes weiß, leugnet er ohnehin nur. Was ich Ihnen jetzt sage, wird Ihnen vielleicht seltsam erscheinen. Ich liebe Raymond, obwohl er mich immer wieder erniedrigt. Ich könnte mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Immerhin, das muss ich fairerweise auch zu geben, ist es mir in all den Jahren an seiner Seite finanziell nicht schlechtgegangen. Jetzt aber habe ich Angst.“

„Dass er Sie verlassen könnte?“

„Nein, dass ihm etwas zustößt. Ich will Ihnen verraten, warum ich heute alleine zu den Maynards fahren musste. Raymond konnte sein Gesicht nicht vorzeigen. Als er vom Büro kam, hatte er ein blutunterlaufenes Auge und sah auch sonst reichlich lädiert aus. Er hat zwar behauptet, in ein Handgemenge mit zwei Betrunkenen geraten zu sein, die eine alte Frau belästigt hätten, doch von der ganzen Story nehme ich ihm allenfalls die Frau ab, nicht aber ihr Alter und alles andere.“

„Was vermuten Sie?“

„Ich sagte ja schon, dass sein Privatkonto erschöpft ist. Die Strolche werden wieder Geld gefordert haben, und Raymond weigerte sich zu zahlen. Da haben sie ihm einen Denkzettel verpasst. Ich bitte Sie sehr, Raymond zu beschatten. Diskret selbstverständlich. Ich muss erfahren, von wem er bedroht wird. Notfalls kaufe ich den Lumpen selbst die Fotos ab. Wenn sie sehen, dass ich im Bilde bin, werden sie Raymond sicher in Ruhe lassen.“

„Die Sache hat leider einen Haken“, stellte Bount bedauernd fest. „Ich muss nach Europa fliegen und weiß noch nicht, wie lange ich drüben bleiben werde.“

„Fliegen Sie schon morgen?“, erkundigte sich Orrie Poole erschrocken.

„Das wohl nicht, aber mit Sicherheit in den nächsten Tagen.“

Die Frau atmete auf. „Sie sollen ein sehr guter Privatdetektiv sein, habe ich erzählen hören. Man nennt Sie sogar den Besten. Sie werden nicht lange brauchen, um die Wahrheit herauszufinden. Danach können Sie fliegen. Sie dürfen mich nicht abweisen, Mister Reiniger. Ich habe Sie fast den ganzen Abend beobachtet. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Ich möchte den Auftrag keinem anderen geben.“

Bount schaute in den Rückspiegel und sah, wie June entrüstet den Kopf schüttelte. Hatte sie dafür Chester Maynard umschmeichelt, dass Bount den fetten Auftrag auf die Warteliste schrieb?

Er sah aber auch das Zittern Orrie Pooles. Das gab den Ausschlag für seine Entscheidung. Vielleicht brauchte er erst nächste Woche nach Europa zu fliegen. Warum sollte er bis dahin Däumchen drehen?

Also sagte Bount zu und hörte Junes Schnaufen hinter sich.

Wenn es hart auf hart gehen würde, konnte er sie ja schon vorausschicken. An der Riviera würde sie sich bestimmt auch ohne ihn nicht langweilen.

 

 

6

Es ging eine ganze Menge schief, bevor es richtig begonnen hatte.

„Es sollte mich nicht wundern“, gab June zu bedenken, „wenn Maynard bei unserem Vorhaben nicht mitspielt. Das ist ein Mann, der Exklusivrechte beansprucht, wenn er einen Privatdetektiv engagiert.“

„Dann ist er bei mir eben an der falschen Adresse“, entgegnete Bount gereizt, während er seinen Morgenkaffee schlürfte. „Raymond Poole hat eins aufs Auge gekriegt. So etwas nenne ich Gewaltanwendung, und die hat bei mir nun mal Priorität vor jeglichen Geschäftsinteressen irgendwelcher Industriebosse.“

„Das hast du sehr edel gesagt, aber Poole wurde sicher nur das Opfer einer belanglosen Prügelei mit zwei Betrunkenen. Außerdem gehört er ebenfalls zu besagten Industriebossen und beschäftigt bestimmt die richtigen Leute, um sich vor kriminellen Elementen zu schützen.“

„Falls sich deine Vermutung bestätigt“, versuchte Bount seine aufgeregte Mitarbeiterin zu beruhigen, „habe ich das in spätestens zwei Tagen herausgefunden. Danach fliegen wir sofort. Du kannst heute Abend also schon packen. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich den Fall sofort zurückgebe, wenn sich keine Anhaltspunkte für eine Erpressung ergeben haben. Bist du nun wieder meine brave June?“

Er konnte sie so entwaffnend anschauen, dass June gegen ihren Willen lachen musste.

Details

Seiten
106
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932355
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501494
Schlagworte
bount reiniger bombe york detectives

Autor

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Titel: Bount Reiniger und die tickende Bombe: N.Y.D. – New York Detectives